Abel Seyler

Die schöne Wassilissa
Lustspiel mit Gesang
 

Pjotr Zarewitsch, der Thronfolger des Zaren, ist mit zwei seiner treuen Begleiter auf einer Jagdreise unterwegs, die ihn von seinen Liebesgefühlen ablenken soll. Die drei geraten in ein Dorf, wo gerade ein Fest gefeiert wird. Die zänkischen Schwestern Olga und Nastassja buhlen um Pjotr, der sich vorläufig nicht zu erkennen gibt. Wassilissa, die im Haus der Schwestern Dienst tun muss, erregt Pjotr's Interesse. Olga und Nastassja beschließen, die schöne Wassilissa fortzuschaffen und schicken sie unter einem Vorwand zur Hexe Baba Jaga. Wird sie Pjotr je wiedersehen?

 


Personen
 
WASSILISSA
PJOTR ZAREWITSCH, Sohn und Thronfolger des Zaren
DOKTOR RIPPENFELL, Leibarzt von Pjotr
KOPEKOWITSCH, Finanzminister des Zaren
OLGA
NASTASSJA, Olgas Schwester
PUPPE
BABA JAGA, Hexe
OLGA
ESEL, HUND, KATER, HAHN, fahrende Musikanten
Bauern, Bäuerinnen, Dorfleute
 
Handlung unter Verwendung alter russischer und deutscher Märchenmotive



Erste Szene


Zimmer im Haus der Wassilissa. Die Mutter liegt im Sterben. Abgedunkelter Raum, in der Mitte ein Bett. Am Kopfende zwei schlichte Leuchter mit Kerzen. Am Fußende drei schwarzverhüllte alte Weiber im Trauersingsang. An der Seite sitzt Wassilissa in stiller, gebeugter Haltung auf einem einfachen Holzstuhl; von der sterbenden Mutter in den Kissen sieht man nichts. Nach einer Weile streckt die Mutter zitternd einen Arm zu Wassilissa, welche ihre Hand ergreift. Die Klageweiber sind plötzlich stumm.

MUTTER schwach : Wassilissa, mein Töchterchen, ich werde nun sterben.

WASSILISSA schluchzt : Mutter!

MUTTER : Es ist gut. Sei nicht traurig. (Pause. Die Klageweiber setzen wieder kurz ein und verstummen abermals.) Du weißt, dass ich dir nichts vererben kann, außer ...

WASSILISSA : Die schönen Erinnerungen.

MUTTER : Ja. (Pause. Noch kürzeres Jammern der Klageweiber) Und ... das da. (Sie zieht ihre Hand aus Wassilissas und weist auf eine Tasche, die halb unters Bett geschoben ist.)

WASSILISSA ihre Geste deutend : In der Tasche?

MUTTER winkt bestätigend mit der Hand : Das ist alles.

Wassilissa holt aus der Tasche eine Puppe hervor. Sie ist nicht besonders schön, doch Wassilissa freut sich sehr darüber. Die Weiber murmeln monoton.

WASSILISSA : Die Puppe.

MUTTER : Ich habe dir viel über sie erzählt. Sie wird dir immer helfen, wenn du nicht mehr weiter weißt.

WASSILISSA küsst die Hand der Mutter : Danke, Mutter.

Die Mutter nimmt langsam ihre Hand zurück. Von rechts kommt leise der Vater. Die Weiber setzen ihren Singsang fort. Wassilissa, mit der Puppe im Arm, steht langsam auf und geht zu ihm. Sie schauen sich noch einmal zur Mutter um, wo allmählich alles im Dunkeln versinkt, und entfernen sich dann.

Die Szene geht über in die Zweite Szene.


Personen 


Zweite Szene


Vater und Wassilissa im leeren, dunklen Zimmer.

VATER sehr niedergeschlagen : Wassilissa, nun, da unsere liebe Mutter gestorben ist, muss ich dir leider sagen, dass ich hier im Hause nicht mehr für dich sorgen kann. Du weißt, mich drücken schwere finanzielle Sorgen, und womöglich muss ich sogar ...

WASSILISSA : Ins Gefängnis?

VATER will das bejahen, sagt dann jedoch : Mein letztes Hab und Gut verpfänden. (Sie halten einander.) Ich will nicht, das du in bitterer Armut lebst. Deswegen habe ich schweren Herzens beschlossen, dass du zu meiner Großcousine Anna Andrejewna gehst. Sie wird für dich sorgen. Sie hat auch zwei leibliche Töchter, mit denen du dich sicher gut verstehen wirst. Glaube mir, es ist ... (Er bricht in Tränen aus.)

WASSILISSA umarmt den Vater und streichelt sein Haupt : Ich werde es machen, wie du es wünscht; ich habe dich lieb, Vater.


Personen 


Dritte Szene


Eine Waldlichtung. Der Zarewitsch, in schnittiger Jagdbekleidung und mit Schießgewehr, macht einen vergnügten Eindruck. Kopekowitsch hält eine Landkarte wie eine Zeitung zum Lesen, wird aber offenbar nicht schlau daraus. Um die beiden herum hüpft Doktor Rippenfell in Häschen-Hüpf-Manier.

RIPPENFELL außer Atem : Eure Hoheit, es ist nun wieder genug des Spiels.

PJOTR : Halt er's Maul und hüpf!

RIPPENFELL : Wir könnten etwas anderes spielen, Mensch ärgere dich nicht vielleicht.

PJOTR : Das hier ist Mensch ärgere dich nicht.

KOPEKOWITSCH sieht von der Karte auf in den Wald : Es muss hier sein, ganz in der Nähe.

PJOTR : Ja Kopekowitsch, in welcher Nähe? Da? Oder dort? Nähe ist überall wo man selber ist.

RIPPENFELL nutzt den Moment, um sein erzwungenes Spiel abzubrechen : Der Zarewitsch hat Recht. Sie verstehen sich vielleicht auf die Finanzen, Schatzmeister, aber nicht auf's Kartenlesen. Vor Ort, da fehlt Ihnen jede Orientierung.

KOPEKOWITSCH : Ach, der Herr Doktor hat da wohl Ahnung. Das Herz liegt links und der Arsch ist hinten.

RIPPENFELL tut beleidigt : Kopekowitsch, wie reden Sie vor dem Zarensohn.

KOPEKOWITSCH zum Zarewitsch : Entschuldigt, Hoheit, ich kann das Gewäsch von dem Medikus nicht mehr hören. Alles glaubt er besser zu wissen.

RIPPENFELL wichtig : Ich habe als Lazarettarzt den Kaukasusfeldzug mitgemacht, ich habe mich nur ein einziges Mal verlaufen, und das war bei der Siegesparade auf dem Roten Platz. Wenn ich schon sehe, wie sie die Karte halten, jedes Kind in irgendeiner russischen Dorfschule weiß, dass der rote Pfeil nach Norden zeigt.

KOPEKOWITSCH : Das will ich nicht bestreiten, Werter Doktor Rippenfell.

PJOTR : Na also, wo ist dann das Problem?

KOPEKOWITSCH : Pjotr Zarewitsch, seht selbst, auf dieser verfluchten Karte wimmelt es nur so von roten Pfeilen, die können wohl unmöglich alle nach Norden zeigen.

PJOTR : Aber wohin dann?

RIPPENFELL : Ha ha ha, Kopekowitsch, Sie haben auf die schnelle einfach eine Karte gegriffen. Und wissen Sie welche? Das ist die vom Kaukasusfeldzug, die kenne ich genau. Diese roten Pfeilen sind nichts anderes als die Stoßrichtungen.

PJOTR erstaunt : Die Stoßrichtungen? Es gibt verschiedene?

RIPPENFELL : Das hier ist die zweiunddreißigste Infanteriedivision unter General Wolkow, das hier ist die Heeresgruppe West, und das hier das Panzerbataillon Gurjewitsch, die anderen erspare ich mir aufzuzählen.

PJOTR amüsiert : Großer Gott, wenn die alle in ihre Richtungen gestoßen haben, wie konnten wir dann überhaupt den Krieg gewinnen?

RIPPENFELL : Die Deutschen waren auch überall.

KOPEKOWITSCH : Die Deutschen sind immer überall, wie die Juden. Nicht wahr, Doktor Rippenfell.

RIPPENFELL : Ich bin kein Jude.

KOPEKOWITSCH : Aber Deutscher.

RIPPENFELL : Ich bin ein deutscher Arzt und nicht umsonst der Leibarzt unseres Zarewitsch.

KOPEKOWITSCH : Ne, umsonst bestimmt nicht. Sie kennen die Medizin, ich kenne die Gehaltsliste.

PJOTR : Ihr zänkischen Vasallen! Ihr denkt beide immer nur an euren Vorteil. Rippenfell, wenn dir diese Karte bekannt ist, dann wirst du dich wohl auch hier auskennen.

RIPPENFELL : Wir sind hier nicht im Kaukasus, Eure Hoheit.

KOPEKOWITSCH : Ach, das haben wir auch schon gewusst.

RIPPENFELL : Und doch, es ist russisches Land, Heimatland, Euer Land, Hoheit. So weit das Auge reicht und noch weiter bis hinter den Horizont, es gehört alles Euch.

KOPEKOWITSCH : Jetzt wird er auch noch poetisch.

RIPPENFELL : So gönnen wir uns eine Minute des Innehaltens. Lasst uns das Rauschen der Bäume im Wind genießen, atmet die Luft der unendlichen Weite. Schaut, Pjotr Zarewitsch, dort hinten spiegelt sich der Fluss wie ein silbernes Band im Sonnenschein.

PJOTR : Können Sie auch sagen, welcher Fluss das ist?

RIPPENFELL : Natürlich die Wolga, die Mutter aller Flüsse. Dieser Fluss, dieses Land mit seinen Wiesen und Wäldern, ja selbst die Wolken und alle Vögel, die sich dorthin hinaufschwingen und den Äther mit Gesang erfüllen, Pjotr Zarewitsch, dies alles hat Euer Vater, haben Eure Vorväter mit starker Hand zu einem Ganzen vereinigt, zusammengeschmiedet wie der Schmied das Schwert und die Pflugschar und ... und ...

KOPEKOWITSCH : Das Hufeisen.

RIPPENFELL : Was?

KOPEKOWITSCH : Das Hufeisen. Ohne es wären unsere Pferde untauglich, den Krieger zu tragen und den Pflug zu ziehen.

RIPPENFELL : Sie müssen es ja wissen, Kopekowitsch.

KOPEKOWITSCH : Natürlich, ich wache über die Ausgaben. Wir haben im vergangenen Jahr in Russland zweihundert achtundneunzig tausend sechshundert und drei Hufeisen produziert.

PJOTR : Das ist aber merkwürdig, wieso eine ungerade Anzahl? Gibt es Pferde mit drei Beinen?

RIPPENFELL : Ha ha ha.

KOPEKOWITSCH : Bei uns gibt es alles, wenn es nötig ist.

RIPPENFELL : Ich dachte immer, in Russland gibt es nicht mal das Allernötigste.

KOPEKOWITSCH : Die Produktionspläne sprechen da eine andere Sprache, wie Sie sehen, Doktor Rippenfell. Ihr Deutschen habt Autos und Kanonen gebaut, aber heute braucht kein Mensch mehr Kanonen, weil sie zu groß und zu schwerfällig sind, und die Autos fahren auch nicht mehr lange, weil bald kein Benzin mehr da sein wird. Aber Hufeisen, mein Lieber, die werden immer gebraucht, weil es immer Pferde geben wird, und Hafer wird es auch immer geben.

RIPPENFELL : Und dreibeinige Pferde.

KOPEKOWITSCH : Was reiten Sie da auf einer kleinen Auffälligkeit in der Statistik herum. Ich will Ihnen was sagen: Es gibt mindestens ein Pferd mit drei Beinen, das ist das Pferd Tripedes.

PJOTR : Das Pferd Tripedes? Das gehört doch der Hexe Baba Jaga. (Er rezitiert) :

..........................Tripedes, Tripedes,
..........................Trag' mich rasch des Weges!
..........................Setz' die Bein im Hüpfeschritt,
..........................Nimm' mich zu der Hexe mit.

KOPEKOWITSCH : Genau, Eure Hoheit. Da hören Sie's, Rippenfell.

RIPPENFELL : Die Hexe Baba Jaga, das ist doch ein Märchen.

PJOTR : Willst du was gegen unsere russischen Märchen sagen?

RIPPENFELL : Aber nein, Pjotr Zarewitsch. Bloß, ich bin ein Mann der Wissenschaft, der nicht an Hexen und Zauberei glaubt, und auch nicht daran, dass Missgeburten überlebensfähig sind.

KOPEKOWITSCH : In der deutschen Rassenlehre ist natürlich kein Platz für ein dreibeiniges Pferd.

RIPPENFELL : Ich bin kein Anhänger der deutschen Rassenlehre, Kopekowitsch.

KOPEKOWITSCH : Ach so? Wo hängen Sie sich denn an?

RIPPENFELL : Ich glaube nur, was ich sehe, und was man mit wissenschaftlich zweifelsfreien Methoden nachweisen kann. Alles andere ist Spekulation.

PJOTR hört den anderen nicht mehr zu :

..........................Tripedes, Tripedes,
..........................Zum Hexenhäuschen geht es.
..........................Bin ich an dem finstern Ort,
..........................Nehm' ich Wassilissa mit fort.

RIPPENFELL : Was hat er?

KOPEKOWITSCH : Die schöne Wassilissa. Letztens hat er von ihr geträumt.

RIPPENFELL : Er erzählt Ihnen seine Träume? Dafür bin ich zuständig.

KOPEKOWITSCH : Dann frage ich mich, warum Sie nichts davon wissen.

PJOTR singt :

..........................Mein Vater, Russlands großer Zar,
..........................Plant meine Zukunft ganz genau.
..........................Verkündet laut der Adelsschar,
..........................Er sucht für mich nach einer Frau.
..........................Aus ganz Europa lässt er kommen,
..........................Die Fürstentöchter an den Hof.
..........................Sie sollen mir zur Heirat frommen,
..........................Doch leider find' ich alle doof.

RIPPENFELL zu Kopekowitsch : Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben mit Ihrer kindischen Märchenfaselei. Seiner Hoheit flammen alte Herzensqualen wieder auf. Pjotr Zarewitsch, welch' hübscher Gesang, doch erinnert Euch, weshalb wir eigentlich hier sind, der Jagd wegen, der Jagd auf den kapitalen Sechzehnender. Ihr habt Eurem Vater versprochen, nicht ohne die Trophäe nach Hause zu kommen.

PJOTR singt :

..........................Gäb's eine nur, die mir gefällt,
..........................Nach ihr durchreist' ich alle Welt.
..........................Gäb's eine nur, die mich begehrt,
..........................Die Liebe mich und Wonne lehrt
..........................Nimmt mich wie ich bin,
..........................Ohne Hintersinn;
..........................Wär' ich auch nicht der Zarensohn,
..........................Das Mädchen wär' mein Götterlohn.

..........................Aus Deutsch und auch aus Engelland
..........................Sind mir die Mädchen wohlbekannt.
..........................Entlang der Wolga und des Don
..........................kenn' ich inzwischen alle schon.
..........................Und keine konnte mich gewinnen,
..........................Bei keiner schwanden mir die Sinnen,
..........................Bei keiner noch der Wunsch entstand,
..........................Zu knüpfen eheliches Band.

..........................Gäb's eine nur, die zu mir passt,
..........................Auf sie bin ich schon längst gefasst.
..........................So mühsam sucht' ich ringsumher,
..........................Sie zu erkennen fällt nicht schwer.
..........................Schön wird sie sein;
..........................Im Herzen rein.
..........................Und wär' sie auch kein Fürstenkind,
..........................ich nähme sie zur Braut geschwind.


PJOTR nach einer Besinnung wieder kraftvoll entschlossen : Nun denn, Doktor, zeige er mir, wo sich dieser Hirsch versteckt, damit ich ihn zur Strecke bringe. (Er macht lautlos Bewegungen und Gesten wie aus asiatischen Kampfkünsten, legt das Gewehr an usw. und verschwindet dabei im Wald.)


Personen 


Vierte Szene


Schauplatz wie zuvor.

RIPPENFELL : Wenn Herr Schatzmeister Kopekowitsch seine Karte besser studiert hätte, wüssten wir längst, wo wir dem Hirsch auflauern können, jedoch ... (Er sieht sich um und sucht den Zarewitsch vergebens.) Wo ist er hin?

KOPEKOWITSCH : Ich bin hier.

RIPPENFELL : Zum Kuckuck, ich meine den Zarewitsch. (Er ruft:) Pjotr Zarewitsch! Eure Hoheit! Wo seid Ihr? Jetzt müssen wir ihn suchen.

KOPEKOWITSCH setzt sich auf einen Baumstumpf und wischt sich den Schweiß von Stirn und Nacken : Er wird gleich wiederkommen, wozu die Eile. Er kennt sich hier genauso wenig aus, wohin sollte er laufen?

RIPPENFELL : Seien Sie nicht so leichtsinnig, Kopekowitsch. Wenn ihm etwas zustößt, sind wir dran Schuld. Er braucht sich bloß zu verletzen.

KOPEKOWITSCH : Dafür haben wir ja einen Arzt dabei.

RIPPENFELL : Ich übernehme jedenfalls nicht die Verantwortung dafür. Sie haben ihm die Flausen mit der Hexe und diesem Mädchen in den Kopf gesetzt.

KOPEKOWITSCH : Wieso nennen Sie das eigentlich alte Herzensqual. Ich finde, es sind ganz normale jugendliche Gefühle, auch ein Zarewitsch ist schließlich nur ein Mann, und wenn er noch dazu so ein hübscher Jüngling ist, um den sich alle Mädels reißen würden, dann kann man verstehen, wenn er sich die eine oder andere von ihnen her wünscht.

RIPPENFELL : Ein Glück für Sie, dass uns niemand hört, und dass nur ich Ohrenzeuge Ihres törichten Geschwätzes bin. Sie vergessen wohl, dass wir gerade deshalb auf dieser Jagdreise sind, damit der junge Zarensohn seinen fleischlichen Gelüsten nicht nachgehen kann wie es ihm gefällt.

KOPEKOWITSCH : ... Und wie es ihm in der Residenz leicht möglich wäre. Vielleicht sind dem Zaren auch die Kosten für die Bewirtung der Fürsten zu hoch geworden, die jede Woche mit ihren heiratsfähigen Töchtern bei uns vorfahren.

RIPPENFELL : Soll das ein Vorwurf gegen die Gastfreundschaft unseres Herrn sein?

KOPEKOWITSCH : Gott bewahre. Das habe ich dem Zaren selbst schon gesagt. Die fressen sich bei uns durch, und die meisten ihrer so hoch gepriesenen Töchter sind ungefähr so reizvoll wie eine Ziege beim Graskauen, und sie benehmen sich auch so.

RIPPENFELL : Wenn es so wäre, brauchte man ihn vor denen nicht zurückzu halten. (Er ruft:) Pjotr Zarewitsch!

KOPEKOWITSCH : Doktor Rippenfell, sie verlassen wohl Ihre Praxis nicht oft, was? Dem Zarewitsch sind die Fürstentöchter völlig schnurz, ganz so, wie er es eben besungen hat. Er treibt es mit dem Personal.

RIPPENFELL : Was unterstehen Sie sich da zu behaupten. Seine Hoheit hat überhaupt keine Berührung mit dem Personal.

KOPEKOWITSCH : Und ob. Er hat nicht nur Berührung damit, sondern auch Verkehr.

RIPPENFELL : Pfui, Kopekowitsch. Ich muss ernsthaft überlegen, ob ich Ihr unqualifiziertes Gerede nicht an höherer Stelle melde.

KOPEKOWITSCH : Fragen Sie vorher mal Ihre Assistentin.

RIPPENFELL : Die Adrenalinowa?

KOPEKOWITSCH : Ja, die auch. Ich meinte die Nimfomanzewa.

RIPPENFELL : Grundgütiger! Die hat er ...?

KOPEKOWITSCH : Es gibt Zeugen.

RIPPENFELL : Sie haben es vor Zeugen gemacht?

KOPEKOWITSCH : Nun ja, gewissermaßen. Die Zeugen bezeugen es gegenseitig.

RIPPENFELL : Das ist ja allerhand.

KOPEKOWITSCH : Ungefähr so viele.

RIPPENFELL : Nun, Kopekowitsch, da bin ich Ihnen dankbar für diese Informationen. Ich muss unbedingt auch in diese Richtung meinen ärztlichen Blick richten.

KOPEKOWITSCH : Natürlich. Und vergessen Sie nicht Ihre Schweigepflicht.

RIPPENFELL : Jetzt lassen Sie uns den Wildfang erst mal suchen. (Er ruft:) Pjotr Zarewitsch!


Personen 


Fünfte Szene


Im Haus der Schwestern und der Stiefmutter. Wassilissa sitzt beim Herd und liest (wie Aschenputtel) Erbsen aus einem Haufen. Olga und Nastassja kommen herein gerannt, sie haben Kleider überm Arm, die sie achtlos hinwerfen; sie vertreiben sich die Zeit mit albernen Spielen.

OLGA : Gib mir meinen Schuh zurück.

NASTASSJA jubelt : Ich habe ihn nicht.

OLGA : Nastassja, gib ihn mir sofort wieder, oder ich sage es der Mutter.

NASTASSJA : Tu's doch. Lalala Lalala. (verändert:) Ach liebe Schwester, komm' her.

OLGA nähert sich Nastassja und packt sie plötzlich : Jetzt hab' ich dich. Sofort gibst du mir den Schuh.

NASTASSJA : Au, zieh mich nicht an den Haaren.

OLGA : Oh, doch, ich werde dir die Haare ausreißen, dass dich Sergej Iwanowitsch auslachen wird.

NASTASSJA : Was weißt du von Sergej Iwanowitsch?

OLGA : Alles.

NASTASSJA : Alles bestimmt nicht, du bist viel zu dumm.

OLGA : Ich bin nicht dümmer wie du.

NASTASSJA : Als du. Du bist sogar sehr viel dümmer, das sagt auch Sergej Iwanowitsch.

OLGA : Wer ist das schon? Ein Bauerntölpel. Dafür bin ich hübscher wie du.

NASTASSJA : Als du. (Sie gibt Olga eine Ohrfeige.) Na, was sagst du jetzt. Mit so einer roten Backe bist du gar nicht mehr hübsch.

OLGA heult : Du abscheuliches Biest.

NASTASSJA reicht ihr die Hand : Na komm', es war nicht so gemeint, vertragen wir uns wieder.

OLGA : In Ordnung. (Sie dreht Nastassja die Hand um.)

NASTASSJA : Au, lass meine Hand los! Wassilissa, hilf mir schnell, Olga will mir die Hand brechen.

WASSILISSA ruhig : Hört beide auf mit dem Streit.

OLGA : Was heißt, hört beide auf? Sie hat angefangen, wie kannst du sie in Schutz nehmen.

WASSILISSA : Ich nehme niemanden in Schutz.

OLGA : Was? Du nimmst nicht mal deine eigene Schwester in Schutz. Schäm' dich.

NASTASSJA : Und was mischst du dich überhaupt in unser Gespräch ein.

WASSILISSA : Ach, lasst mich doch in Ruhe.

OLGA : Das könnte dir so passen, du undankbare Göre. Was machst du da?

WASSILISSA : Das siehst du doch.

NASTASSJA : Das siehst du doch, dieser Ton! Weißt du, wem du es zu verdanken hast, dass du heute Erbsen auslesen darfst und nicht die Jauchegrube ausschöpfen musst? Uns. Weil wir bei der Mutter ein gutes Wort für dich eingelegt haben.

WASSILISSA : Erzähl' keinen Unsinn, Nastassja. Die Jauchegrube habe ich gestern ausgeschöpft.

NASTASSJA : Na ja. Aber heute früh habe ich schon wieder was reingelassen.

WASSILISSA : Sehr brav, Nastassja, das zeigt, dass du nicht mehr in die Hose machst. (Olga lacht.)

NASTASSJA : Hör auf zu lachen, alberne Gans. Merkst du nicht, dass das auch gegen dich gerichtet ist.

OLGA : Gegen mich? Ich leide nicht an Blasenschwäche.

NASTASSJA : Dafür leidest du an Blutarmut. Blass wie eine Leiche siehst du aus. Kein Mann möchte dich anfassen. (Sie fasst Olga an die Wange.) Da, huuuh, kalt wie Mamon. Du bist kalt, Schwesterchen, völlig frittiert.

OLGA : Was bin ich?

NASTASSJA : Durch und durch frittiert.

WASSILISSA nebenbei : Sie meint frigide.

NASTASSJA : Ich weiß schon, was ich meine, da brauch' ich dich Neunmalkluge nicht dazu.

OLGA : Wassilissa, ist das was Schlimmes?

NASTASSJA : Warum fragst du sie? Frage mich doch.

OLGA zu Nastassja : Warst du auch schon mal frittiert?

NASTASSJA : Natürlich ... nicht.

OLGA : Siehst du, woher willst du dann die Antwort wissen. (schmeichlerisch und neidisch:) Wassilissa, wie kommt es, dass du immer so schöne rosige Haut hast? Verrätst du mir das Geheimnis?

WASSILISSA : Ich weiß nicht.

NASTASSJA abfällig : Sie hat als Kind statt Milch das Blut eines frisch geköpften Hahns getrunken.

OLGA beeindruckt : Ist das wahr?

WASSILISSA : Unsinn. Wir hatten nur einen Hahn im Stall, und den brauchten wir für was anderes.

OLGA : Für was denn?

NASTASSJA : Ha ha ha, bist du aber nervös, Schwesterchen.

OLGA : Also sagst du's mir jetzt oder nicht?

NASTASSJA greift gezielt in den Erbsenhaufen und zieht einen Schuh heraus : Was ist das?

WASSILISSA ruhig : Sieht aus wie Olgas Schuh.

OLGA : Wie zum Teufel kommt mein Schuh in deine Erbsen? Kannst du mir das bitte mal erklären!

WASSILISSA : Keine Ahnung.

OLGA : Tu' nicht so nervös. Oh Gott, er ist völlig vererbst. Alles voll von dieser ekligen Erbsenjauche.

WASSILISSA : Wer weiß, wo du herumgelaufen bist.

NASTASSJA interessiert : Was soll das heißen?

WASSILISSA : Habe ich heute Nacht schlecht geträumt? Mir war's, als hörte ich dich schreien, und dann hörte ich Sergej Iwanowitsch rufen: "Halt aus Olga, halt aus, mein Täubchen, ich hole dich gleich da raus."

NASTASSJA : Wo raus?

OLGA : Sie hat schlecht geträumt.

NASTASSJA : Wo hat er sie rausgeholt?

Nastassja hat blitzschnell einen Strick bei der Hand und legt ihn, als hätte sie nur auf den rechten Moment gewartet, Wassilissa um den Hals. Die fällt nach hinten. Olga ist sofort zur Stelle und hält sie fest.

WASSILISSA : Hilfe, was macht ihr da, hört sofort auf damit.

OLGA : Sag', dass du nur geträumt hast.

NASTASSJA : Sag', wo er sie rausgeholt hat. (Sie zieht den Strick enger.)

WASSILISSA mit Atemnot : Hilfe, ihr erdrosselt mich.

OLGA : Hast du nicht genug Arbeit, dass du noch schlecht schläfst, du faules Stück.

NASTASSJA : Uns hinterherspionieren, das ist die Höhe. Also, wo hat Sergej Iwanowitsch sie herausgeholt?

OLGA : Es war ein Traum, gib's zu!

NASTASSJA : Es war die Jauchegrube, gib's zu!

WASSILISSA röchelt : Ich kriege keine Luft mehr!

NASTASSJA lässt den Strick locker : Wenn du nur ein Sterbenswörtchen davon zu jemandem redest, dann machen wir dich so frigide, dass dich nicht mal ein Vulkanausbruch auftauen kann.

OLGA : Ha ha ha. (ärgerlich) Verflucht, schau sie dir an, Nastassja! Sie hat eine noch gesündere Gesichtsfarbe als eben. In der steckt wahrhaftig der Teufel.

WASSILISSA : Der soll euch holen!

OLGA : Hast du das gehört? Sie wünscht uns in die Hölle, ihre eigenen Schwestern.

NASTASSJA : Pustekuchen! Wir sind nicht auszumerzen.

Nastassja und Olga singen. Bei den einzelnen Strophen sind sie oft kurz davor sich zu prügeln, finden sich dann aber doch Arm in Arm zusammen. Die Einzelzeilen werden abwechselnd gesungen, wobei eine immer auf die andere weist; der Refrain (Wir sind ...) von beiden gemeinsam.

BEIDE :
..........................Wir sind ein Herz und eine Seele,
..........................Sind wie aus einem Stück gemacht.
..........................Damit nichts an der Eintracht fehle,
..........................Der liebe Gott darüber wacht.

Sie zeigen dabei auf Wassilissa.

..........................Ooohhh Herr, wir danken dir dafür,
..........................Dass wir nicht sind wie diese hier.

OLGA :
..........................Zwar bist du manchmal furchtbar dreckig.
NASTASSJA :
..........................Und deine Wäsche ist oft fleckig.
OLGA :
..........................Die Fingernägel abgekaut.
NASTASSJA :
..........................Und die Moral total versaut.
OLGA :
..........................Es mangelt dir an Feingefühl.
NASTASSJA :
..........................Zum Trampeltier fehlt dir nicht viel.
OLGA :
..........................Beim Reden kommt nur Mist heraus.
NASTASSJA höhnisch :
..........................So reizend wie 'ne Kopfhaarlaus.

BEIDE :
..........................Wir sind ein Herz und eine Seele,
..........................Sind wie aus einem Stück gemacht.
..........................Dass eine schlimm die andre quäle,
..........................Daran hat keine je gedacht.
..........................Ooohhh Herr, wir danken dir dafür,
..........................Dass wir nicht sind wie diese hier.

OLGA :
..........................Die Zähne hast du wie ein Eber.
NASTASSJA :
..........................Vom Trunk verfettet dir die Leber.
OLGA :
..........................Du lügst, dass sich die Balken biegen.
NASTASSJA holt aus :
..........................Kannst nie genügend Dresche kriegen.

Sie ziehen und zerren und haken sich schließlich wieder unter.

BEIDE :
..........................Wir sind ein Herz und eine Seele,
..........................Sind wie aus einem Stück gemacht.
..........................Dass eine nicht der andern fehle,
..........................Geben wir aufeinander acht.
..........................Ooohhh Herr, wir danken dir dafür,
..........................Dass wir nicht sind wie diese hier.

NASTASSJA : Olga, hast du vergessen, dass heute Dorffest ist.

OLGA : Wie könnte ich. In zwei Stunden geht es los.

NASTASSJA : Nicht mehr viel Zeit, uns fein zu machen. (Sie hebt ihr Kleid vom Boden auf; ebenso Olga.) Wassilissa, lass' die Erbsen beiseite und bügele mein Kleid.

OLGA : Nein, zuerst wäscht du mich im Zuber, mit Seife und Schwamm, oder noch besser mit Stielbürste.

NASTASSJA : Wasch' mich auch und bürste mich.

OLGA : Du bist schon gewaschen. Selber schuld. Wer sich zu früh wäscht, dem wird später der Dreck fehlen. Das sagt jedenfalls Sergej Iwanowitsch, und der muss es wissen.

Sie werfen Wassilissa ihre Kleider hin und rennen lachend fort.


Personen 


Sechste Szene


Wassilissa allein.

WASSILISSA : Diese eingebildeten Schwestern, sie glauben, wenn sie sauber sind und fein herausgeputzt und geschminkt, wären sie die Schönheit und Anmut in Zwillingsgestalt. Sie brauchen bloß den Mund aufzumachen, und jedermann merkt, dass sie nur soweit denken wie ein Pudel pinkeln kann. Doch ach, auf dieses Bauerngesindel machen sie gerade Eindruck. Die beiden führen die Burschen an der Nase herum, reizen sie auf, bis denen das Blut kocht, und stoßen sie dann von sich weg wie einen blinden Bären. Und unentwegt müssen sie sich zanken und raufen, petzen ihre blöden Albernheiten gegenseitig der Mutter und glauben, sie könnten ihre üblen Launen an mir auslassen, nur weil ich ihre Stiefschwester bin und weil ich in Wahrheit so unendlich weit über ihnen stehe. Es ist der pure Neid, der sie so boshaft sein lässt. Eigentlich dürften sie mir nicht einmal das Wasser reichen. Deshalb tun sie's auch nicht. Ach, ich bin ungerecht, es steht mir nicht zu, über andere zu urteilen. Aber es ist schwer, sich mit so einem Schicksal wie dem meinigen abzufinden. Ich weiß doch, dass ich zu Besserem geboren bin, ich spüre es in mir, ich höre in meinem Innern eine Stimme rufen: Komm' her zu mir, ich bin das sorglose Leben, hier ist das Heim, die glückliche Familie, der treue, starke, lächelnde Mann, der deiner harrt. Der deiner harrt? Wer hat denn das gesagt? Der deiner harrt, komisch ausgedrückt. Meine selige Mama hat jedenfalls immer gesagt: Suche den Menschen, der dich liebt; und weiche allen anderen aus. Und da ist was dran, da ist was dran.

Sie singt.

..........................Mein Mädchen, warte nicht länger zu Haus!
..........................Die Vögelein singen's im Wald.
..........................Mach' auf die Tür und gehe hinaus,
..........................So wird finden der Eine dich bald.
..........................So findest du, was lang' du erträumt,
..........................Das Glück, zum Greifen so nah.
..........................Bald ist der Weg dir mit Blumen gesäumt,
..........................Das süßeste Leben ist da.

..........................Es sagte die Mutter vor langer Zeit:
..........................Mein Kind, auf Erden ist's trüb.
..........................Die Sorgen sind groß, die Erlösung ist weit,
..........................Nur eine Hoffnung mir blieb:
..........................Dass, Töchterchen, dir es besser ergeht,
..........................Sich dir alle Wünsche erfüll'n;
..........................Gedenke mein, für mich war's zu spät,
..........................Nichts konnte die Sehnsucht mir still'n.

..........................Ich trage im Herzen den herrlichsten Traum,
..........................Von dem Stunde um Stunde ich sing'.
..........................Da antwortet mir das Vöglein im Baum:
..........................Die Kunde vom Liebsten ich bring'.
..........................Er kommt, er kommt, bald schon ist er hier,
..........................Bereite dich wohl darauf vor;
..........................Er küsst deinen Mund und flüstert dir
..........................Die lieblichsten Worte ins Ohr.

Sie schaut sich Olgas Kleid an.

Olgas Kleid passt mir viel besser als ihr, dieser fetten Kuh. Und Nastassja erst; rote Lippen und die Wimpern verlängert, aber sie riecht nach Schweiß. Na ja, die Burschen hier achten nicht auf so was, vielleicht mögen sie's sogar. Trotzdem, ich will auch auf das Dorffest gehen. Wie stell' ich's nur an? Sie haben alle Kleiderschränke abgeschlossen und der Mutter den Schlüssel gegeben. Und damit kann ich nun wirklich nicht gehen, da denken sie ja gleich, ich bin aus der Anstalt entlaufen. Ah, ich weiß! Warum fällt mir das erst jetzt ein? Die Puppe! Sie kann mir bestimmt helfen. Es ist ja nur eine Kleinigkeit, ein kleiner Gefallen, um den ich sie bitte, es ist ja nicht so, dass ich ständig ... da ist sie.

Wassilissa holt aus einer Kiste die Puppe hervor, entstaubt sie usw. und setzt sie vor sich hin. Die Puppe ist aus grobem Leinen zusammengenäht, teilweise geflickt. Hände und Füße sind nicht detailliert gearbeitet, im Gesicht sind Nase und Mund nur angedeutet, ein Auge ist locker; beim Sprechen wirkt das Antlitz ebenso wie alles andere sehr lebendig und menschlich.

WASSILISSA infantil : Hallo. Wie geht's? Geht's dir gut? Mir geht's auch gut. (ernüchtert) Na ja, es geht so.

Wassilissa tippt sie an und zupft daran, aber es geschieht nichts. Auf einmal verwandelt sich die Puppe, wächst und wächst und nimmt Menschengröße an, behält aber ihr Puppenäußeres. Sie ist nicht besonders freundlich, fügt sich aber in ihre Rolle.

PUPPE : Schto delatj?

WASSILISSA : Huch! Sie spricht. Das wollte ich dich gerade fragen, liebe Puppe.

PUPPE : Als erstes: Lass das Geschmuse weg. Ich bin nicht deine Puppe.

WASSILISSA : Ach so. Was denn dann?

PUPPE : Ich bin dein Diener, dein Gehilfe, der Erfüller, der Macher. Ich bin nicht deine Puppe.

WASSILISSA : Der Macher. In Ordnung.

PUPPE : Wir haben einen Deal, Katharina.

WASSILISSA : Ich heiße Wassilissa.

PUPPE : Ah ja, natürlich. Dann haben wir einen Deal, Wassilissa.

WASSILISSA : Und der wäre?

PUPPE : Ich tue alles für dich, was in meiner Macht steht.

WASSILISSA : Ist das viel?

PUPPE : Ziemlich viel, aber nicht alles.

WASSILISSA : Das ist noch nicht alles?

PUPPE : Naturkatastrophen, Epidemien, Nuklearkrieg, Beischlaf mit Günther Jauch, ein ewiges Leben und einige andere Dinge sind ausgeschlossen.

WASSILISSA : An so was habe ich ohnehin nicht gedacht.

PUPPE : Das sagen alle.

WASSILISSA : Einstweilen möchte ich bloß zum Dorffest gehen.

PUPPE verblüfft und ein bisschen enttäuscht : Zum Dorffest?

WASSILISSA : Ja. Oder ist das etwa auch ausgeschlossen?

PUPPE : Ähm, ich glaube nicht. Ich dachte, du willst, dass ich die Schwestern töte.

WASSILISSA : Warum denn das?

PUPPE : Immerhin haben sie vorhin versucht, dich zu erwürgen.

WASSILISSA : Ach, das war doch nur Spaß, unter Geschwistern sozusagen.

PUPPE : Oh, da bin ich froh, dass ich ein Einzelkind bin. Du hast nichts dagegen, dass ich ein wenig Gymnastik mache, ich habe so lange starr gelegen. (Sie streckt und reckt sich.)

WASSILISSA : Tu' dir keinen Zwang an.

PUPPE : Du bist sehr bescheiden, Wassilissa.

WASSILISSA : Ja, das sagt man mir nach.

PUPPE : Und du bist schön.

WASSILISSA : Danke.

PUPPE : Das war kein Kompliment, ich mache nie Komplimente.

WASSILISSA : Wenn man jeden Wunsch erfüllen kann, braucht man auch keine Komplimente zu machen, da wird man auch so geliebt.

PUPPE : Was ich sagen wollte, ist dies: Schönheit und Bescheidenheit gehen nicht gut zusammen einher, besonders nicht bei Frauen.

WASSILISSA : Ist das so?

PUPPE : Ich bin schon ziemlich lange auf dieser Welt, und ich habe es immer wieder bestätigt gefunden: Schönheit und Bescheidenheit laufen ihrer Natur nach zuwider.

WASSILISSA : Vielleicht bin ich die Ausnahme von dieser Regel.

PUPPE : Mag sein. (ihr fällt etwas ein.) Aber sag' an, möchtest du nicht viel lieber auf den Theaterball, der heute Nacht in Petersburg stattfindet?

WASSILISSA : In Petersburg? Du weißt wohl nicht, wo wir hier sind? Bis Petersburg brauchen wir zwei Tage, die Reparatur der kaputten Eisenbahnen nicht mitgerechnet.

PUPPE : Gott, Wassilissa, du bist aber ... na ... jetzt fehlt mir das Wort.

WASSILISSA : Würdest du bitte höflich bleiben.

PUPPE : Selbstverständlich. Ich wollte bloß deutlich machen, dass es mich einen Fingerschnips kosten würde, um uns beide in einem Nu nach Petersburg zu bringen.

WASSILISSA begeistert : Durch die Luft?

PUPPE : Wenn du willst, auch durch die Erde, das dauert nur unmerklich länger.

WASSILISSA : Lieber durch die Luft. Können wir auch über mein Elternhaus fliegen? Ich möchte sehen, wie es meinem armen alten Vater geht.

PUPPE : Klar doch. Nur bitte nicht zwischenlanden, ich mag keine rührseligen Familienszenen. Da muss ich heulen, und dann entzünden sich meine Tränendrüsen, und das ist sehr schmerzhaft. Im übrigen ...

WASSILISSA : Ist der junge Zarewitsch auch auf dem Theaterball?

PUPPE : Sie sind alle da, Zaren, Könige, Prinzen, Fürsten, die creme de la creme. (Sie besinnt sich plötzlich.) Das heißt ... ich überlege gerade, ob es nicht doch vielleicht besser wäre, wenn du zum Dorffest gingest.

WASSILISSA : Aber wieso? Was soll mir ein pubsiges Dorffest, wenn ich zum Zarenball gehen kann.

PUPPE : Jetzt wirst du doch eitel.

WASSILISSA : Na und, dich dürfte das nicht wundern, hast du nie was anderes erlebt. Also los, ich brauche ein Ballkleid und Perlenschmuck, Schuhe, eine Kutsche mit vier Pferden, sagen wir, mit sechs Pferden, und ein zweites Ballkleid zum Wechseln in der Pause nach dem dritten Akt. Und eine schicke Frisur natürlich.

PUPPE : Da haben wir den Salat.

WASSILISSA : Was?

PUPPE : Ich bin kein Friseur.

WASSILISSA : Du bist der Macher. Der Putzmacher.

PUPPE : Wassilissa, überlege dir das noch mal. In Petersburg kennst du niemanden.

WASSILISSA : Den Zarewitsch kenne ich, Pjotr Zarewitsch.

PUPPE : Weißt du, wie er aussieht?

WASSILISSA : Wie denn?

PUPPE : Na bitte. Wahrscheinlich gelangst du nicht einmal in seine Nähe.

WASSILISSA : Mit deiner Hilfe.

PUPPE schwindelt : Aber ich weiß auch nicht, wie er aussieht.

WASSILISSA : Mein Freund und Diener, ich glaube fast, du willst mich vom Zarenball fernhalten, nachdem du ihn mir erst schmackhaft gemacht hast.

PUPPE : Es war voreilig. Und nun bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, ob er tatsächlich heute stattfindet, oder erst morgen, oder vielleicht war er gestern schon.

WASSILISSA : Auf dich ist kein Verlass mehr. Ich werde dich sofort in die Kiste zurück stecken.

PUPPE : So warte doch, es ist ja immer noch das Dorffest.

WASSILISSA : Da kann ich auch ohne dich hingehen.

PUPPE : In dem Aufzug? Deswegen hattest du mich zuerst gerufen, damit ich dich hübsch ausstaffiere, und du Eindruck machst bei den Dorfburschen.

WASSILISSA : Ach, die Dorfburschen. Seitdem ich an den Zarewitsch denke, sind mir die Dorfburschen ganz gleichgültig geworden, diese ungehobelten Klötze.

PUPPE : Nun werde nicht gleich größenwahnsinnig. Du und der Zarewitsch, ein armes Bauernmädchen und der Thronfolger Russlands ...

WASSILISSA : Ich bin eine Kaufmannstochter.

PUPPE : Ja, eines bankrotten Kaufmanns, nicht gerade eine Stütze unserer Volkswirtschaft.

WASSILISSA : Du tust selber nicht viel für die Volkswirtschaft, da in deiner Kiste. Wenn ich erst die Zarewna bin, bekommt mein Vater auch wieder Kredit, und seine Gläubiger kriegen Lagerhaft.

PUPPE : Ach Wassilissa, das gibt es doch alles nur im Märchen.

WASSILISSA : Was? Lagerhaft?

PUPPE : Eine solche traumhafte Verbindung. Armes, aber schönes Mädchen wird von zu Hause verstoßen und heiratet auf Umwegen den Zarenprinz.

WASSILISSA : Wieso auf Umwegen?

PUPPE : Du wolltest selbst erst bei deinem Vater vorbeischauen.

WASSILISSA : Das können wir auch noch verschieben, also reisen wir doch nach Petersburg?

PUPPE : Nein. Basta! Dabei bleibt es. Sieh her, ich habe mir in der verfluchten Kiste das Bein verrenkt, ich könnte dich gar nicht irgendwohin tragen.

WASSILISSA : Was für eine unnütze Puppe du in Wahrheit bist. Zum Spielen taugst du nicht, und mir helfen, wie es die Mutter mit Gewissheit versprach, kannst du auch nicht.

PUPPE : Wenn du das Mädchen aus dem Märchen wärst, dann wäre ich auch die tatkräftige Puppe. Komm' aus deinen Illusionen zurück in die Wirklichkeit. Die Zeiten sind vorbei, als das Wünschen noch geholfen hat. Vor zwei, dreihundert Jahren, da konnte auch ich noch aus dem Vollen schöpfen.

WASSILISSA : Jetzt fängt der auch noch an zu jammern. Was kann ich dafür, dass ich erst jetzt lebe.

PUPPE : Und was kann ich dafür, dass deine Werten Schwestern ein angenehmeres Leben führen als du, und noch dazu auf deine Kosten. Aber du lässt es dir ja gefallen.

WASSILISSA : Jetzt verhöhne mich obendrein, pfui, was bist du für eine schlechte Puppe, kein Wunder, dass dich die Mutter loswerden wollte.

PUPPE überrascht : Die Mutter? Welche Mutter meinst du?

WASSILISSA : Meine selige, liebe Mutter natürlich, denn du hast ja keine, nie eine gehabt. (Sie weint.)

PUPPE : Wassilissa, Täubchen, hör auf zu weinen. Ich mache dir ein wunderschönes Kleid.

WASSILISSA trotzig : Ich will kein Kleid.

PUPPE : Aber du kannst nicht ohne Kleid zum Dorffest gehen.

WASSILISSA : Kann ich doch.

PUPPE : Die Leute würden dich auslachen, und deine Schwestern würden dich verspotten. Ich sorge dafür, dass du die Schönste bist, und dass die Leute vor Staunen Maul und Augen nicht mehr zu kriegen und noch eine Woche danach von dir schwärmen.

WASSILISSA : Zwei Wochen.

PUPPE : In Ordnung.

WASSILISSA : Und dass Nastassja und Olga vor Neid zerplatzen.

PUPPE : In Ordnung.

WASSILISSA : Und dass sie sich vor mir öffentlich entschuldigen und ...

PUPPE : Wenn wir hier noch länger quatschen, wird aus allem nichts. Mach dich fein, ich besorge inzwischen das Kleid, wir sehen uns in einer halben Stunde.


Personen 


Siebente Szene


Auf dem Dorffest. An einem einfachen Holztisch sitzen auf Bänken die Bauern; die Bäuerinnen stehen daneben, sie haben immer noch etwas zu tun. Am Rande Lindenbäume. Dazwischen ein Platz zum Tanzen, mit Girlanden geschmückt. Hinten Tische mit Essen und Spezialitäten, Backwerk, Flaschen etc. Eine Musikkapelle und Tanzende, Burschen und Mädchen fein herausgeputzt; ein Betrunkener. Vereinzelter Gesang. Die Atmosphäre unterstreicht nur dezent die Szene mit den Personen im Vordergrund.

ERSTER BAUER (Grigori) : Warwara Andrejewna, deine Piroggen sind wieder einmal köstlich, gib' uns noch mehr davon.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Wie machst du das bloß? Du hütest das Rezept wie ein Geheimnis.

ZWEITE BÄUERIN : Dabei kann man sehen, was alles drin ist.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Vor allem die mit Huhn gefüllten, die würde ich so nie hinkriegen.

ERSTER BAUER (Grigori) : Du darfst das Huhn eben nicht roh mit hineinbacken. (Die Bauern lachen.)

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Mascha verbäckt lebendige Hühner?

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Hör auf mit dem Unsinn, Grigori!

ERSTER BAUER (Grigori) : Ja, wenn ich's nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Sie fängt das Huhn von der Erde weg, wo es eben noch ahnungslos gescharrt hat, betäubt es und knetet es mit in den Teig, mit Federn und Krallen und allem. (Die Bauern lachen.)

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Grigori, du Lügenmaul, gleich geb' ich dir meine Krallen zu spüren.

ERSTER BAUER (Grigori) : Semjon Michailowitsch denkt, der Fuchs hätte gestern Nacht seine Hühner gestohlen. Aber es war Mascha, die auf Hühnerfang ausgegangen ist. (Mascha gibt ihm einen Klaps.) Au, Mascha, willst du mich jetzt auch lebendig verbacken. (Gelächter)

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Hier, esst noch von denen, und beruhigt euch.

ERSTER BAUER (Grigori) : Verzeih, Mascha, es war nur ein Scherz. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf: ich würde wenigstens die Federn weglassen.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Ich werde mit dir gleich ein Hühnchen rupfen, Grigori.

ERSTER BAUER (Grigori) : Wäre gar nicht so übel.

Ein weiterer Bauer (Nikolai Alexejewitsch) kommt.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Ah, da kommt Nikolai Alexejewitsch! Setz' dich zu uns, trink mit uns Brüderchen. Konntest dich wieder nicht von deinem Acker trennen, bis zur letzten Minute noch arbeiten, das schickt sich nicht für einen Russen.

ERSTER BAUER (Grigori) : Nikolai Alexejewitsch wird wohl bald einen Fackelträger anstellen, damit er auch nachts sein Feld pflügen kann.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Einen Fackelträger anstellen? Dafür ist Nikolai zu geizig, stimmt's? Er wird die Fackel seinem Ochsen auf die Hörner setzen.

Nikolai Alexejewitsch stellt eine Flasche auf den Tisch.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Was ist das?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch ) : Was das ist? Bist du blind, Anton Sergejewitsch.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Ist das der Aprikosenschnaps, von dem man so viel gehört hat?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Genau der.

ERSTER BAUER (Grigori) : Seit wann gibt es Schnaps, den man hört? Ich kenne nur welchen, den man trinkt. Nikolai, du wirst uns doch die Flasche nicht mitgebracht haben, damit wir dem stillen Wässerchen lauschen.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Eine Runde für alle. Und falls er euch schmeckt, gibt's noch mehr. (Er holt eine zweite Flasche hervor.)

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Ich hätte auch welchen gebrannt, aber meine Aprikosen waren schlecht in diesem Jahr. Wie kommt es, Nikolai, dass deine Aprikosen so gut waren?

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Nikolai arbeitet streng nach dem Wetter.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Ich arbeite auch streng nach dem Wetter, wenn es regnet, gehe ich nicht nach draußen, und bei Nacht bleibe ich daheim.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Nikolai kennt die alten Regeln wie kein zweiter.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Die Bauernregeln kennen wir alle, nicht wahr, Grigori, sogar du kennst die alten Bauernregeln?

ERSTER BAUER (Grigori) : Natürlich. Ist hart gefroren im Januar die Erden, kann das Jahr so oder auch anders werden.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Genau. Pfeift eisig im Februar der Sturm ums Haus, geht man am besten gar nicht raus.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Wenn im März die Hummel summt, die Lust den Bauern überkummt.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber): Geht im April nur Regen nieder, sieht man die Sonne im Mai erst wieder.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Hagelt's und schneit es im Mai, ist der Winter trotzdem vorbei.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Fällt im Juni das Thermometer, kommt der Sommer etwas später.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Brennt herab die Sonne im Juli, vertrocknet die Tinte selbst im Kuli.

ERSTER BAUER (Grigori) : Oh, das konnte auch nur vom Dorfschreiber kommen. Aber: Sind im August die Nächte heiß, läuft der Bäuerin herab der Schweiß.

FÜNFTER BAUER (Dorfschreiber) : Kommt im September die Kälte früh, gerinnt das Ei nicht in der Brüh.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Liegen im Oktober die Kartoffeln im Keller, wird es da auch nicht mehr heller.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Gibt's im November nicht mal Brot, bleibt übrig nur der Hungertod.

ERSTER BAUER (Grigori) : Wie traurig!

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Brodelt im Dezember der Samowar, ist bald vergangen dieses Jahr.

EINIGE zusammen : Und der Bauer mit seiner Schläue, trinkt ein Schnapserl auf das neue.

Pjotr Zarewitsch, Doktor Rippenfell und Kopekowitsch (der eine mit einer Arzttasche, der andere mit einem Koffer) kommen. Pjotr begrüßt die Bauern überschwänglich, während ihn Rippenfell und Kopekowitsch zurückzuhalten versuchen, aber auch nicht unfreundlich wirken wollen.

PJOTR : Hola, he da, ihr lustigen Leute, kann man bei euch mittrinken?

ERSTER BAUER (Grigori) : Ob man kann, ist fraglich, aber man darf.

Man schenkt den Gästen Schnaps ein.

PJOTR : Was wird gefeiert?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Das Leben, die Frauen ...

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Die Piroggen mit Huhnfüllung. Woher kommt Ihr, Fremder?

ZWEITE BÄUERIN beiseite zu den anderen : Wer ist das?

PJOTR : Ich bin Pjtor Za ...

RIPPENFELL knufft Pjotr und flüstert : Pjotr, ich rate euch dringend, sagt nicht, wer Ihr seid.

PJOTR : Ha ha ha, mein Freund riet mir gerade, ich solle nicht verraten, wer ich bin. Ich bin Alexander, Alexander Nikitowitsch, man nennt mich auch den Tapferen.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Ich komme gerade aus Petersburg zurück, und ich habe dort den Zarewitsch gesehen. Eben, im ersten Moment dachte ich, Ihr seid Pjotr Zarewitsch, seht ihm zum Verwechseln ähnlich.

KOPEKOWITSCH : Er ist Pjotr Zarewitsch ... 's Bediensteter.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Ihr steht in des Zarewitsch Diensten? Ihr alle drei?

Während Rippenfell und Kopekowitsch reden, bedient sich Pjotr fleißig mit Aprikosenschnaps und probiert die Leckereien.

KOPEKOWITSCH : Ja, so ist es. Aber ... pssst, zu niemandem ein Wort. Denn wenn der Zar erfährt, dass wir hier bei euch sind, kann es uns Kopf und Kragen kosten.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Aber wieso? Wir hatten noch niemals Schwierigkeiten mit dem Zaren.

RIPPENFELL : Aber wir könnten welche bekommen. Es ist so: wir begleiten den Zarewitsch auf einer Jagdreise. Aber ungefähr vor zwei Stunden haben wir ihn aus den Augen verloren.

ZWEITE BÄUERIN : Und was ist mit ihm passiert?

RIPPENFELL : Wenn wir das wüssten.

KOPEKOWITSCH : Wir haben ihn überall gesucht, uns die Kehle aus dem Leib geschrien, ihr müsstet es eigentlich gehört haben.

PJOTR listig : Hier ist er auch nicht.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Bestimmt nicht, da wäre er uns schon aufgefallen.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Soll das heißen, der Zarewitsch ist in unserem Wald verlorengegangen? Leute, dann müssen wir ihn unbedingt suchen. Bedenkt, was für ein schlechtes Licht es auf unser Dorf werfen wird, wenn Pjotr Zarewitsch hier womöglich umkommt. Der Zar würde uns das niemals verzeihen.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Aber die drei sind doch dafür verantwortlich.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Willst du Haus und Hof verlieren, und obendrein dein Weib, Anton Sergejewitsch?

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Nein, nicht das Häuschen.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Es ist unsere Pflicht, diesen Leuten zu helfen, Pjotr zu finden.

ERSTER BAUER (Grigori) : Aber nur Semjon Michailowitsch weiß, wie er aussieht, ich weiß es nicht.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Was meinst du, wie viele Männer hier ziellos im Wald umherirren?

ERSTER BAUER (Grigori) : Keine Ahnung, wie viele?

RIPPENFELL : Es ist edel von euch, uns zu helfen, ihr Einwohner von ... ?

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Von Belomorskoje.

KOPEKOWITSCH : Allerdings, dass er ziellos umherirrt, kann man nicht sagen, er weiß ja, wohin er will, und zwar nach Belomorskoje.

ZWEITER BAUER (Anton Sergejewitsch) : Der Zarewitsch will zu uns? Weshalb?

KOPEKOWITSCH : Er hat so viel von euch gehört, von den Piroggen und der großen Weisheit der Bauern hier, und von dem Aprikosenschnaps. Ist der selbstgebrannt?

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Natürlich ...

PJOTR belustigt, mit vollem Munde : Die Polizei des Zaren hat vor zwei Wochen in einem weißrussischen Dorf drei Schnapsbrennereien zerstört und die Verbrecher ins Lager geschickt, nicht wahr Kopekowitsch? (Er trinkt.)

KOPEKOWITSCH kleinlaut : Ja, der Zar meint, es gehen ihm Millionen an Steuern verloren durch die Schwarzbrennerei, (korrekt:) und ich kann das nur bestätigen.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Natürlich ist der hier nicht schwarzgebrannt. Das seht ihr ja schon an dem Etikett. Da steht drauf: Aprikose, und das Datum von diesem Sommer.

PJOTR versucht, das Etikett zu lesen : Tatsächlich.

RIPPENFELL : Ja und? Was besagt das?

Die Bauern sehen ihn finster an.

ERSTER BAUER (Grigori) steht auf und erklärt ganz genau : Wenn der schwarzgebrannt wäre, in diesem Sommer, also jetzt gerade kürzlich, da müsste er doch erst durch all' die dunklen Kanäle, die schwarzen hindurch, bis er irgendwann auf einem Tisch und in einem Glas landet. Der könnte hier heute noch gar nicht stehen.

PJOTR schwankend : Tut er aber.

VIERTER BAUER (Nikolai Alexejewitsch) : Eben. Deshalb ist er unmöglich schwarzgebrannt.

Rippenfell und Kopekowitsch trinken ihre Gläser leer und bekommen sofort nachgeschenkt.

DRITTER BAUER (Semjon Michailowitsch) : Und was die Piroggen betrifft, das hat unser Pjotr Zarewitsch ganz richtig gehört, sie sind köstlich, ihr müsst sie unbedingt probieren, Warwara Andrejewna, hole gleich eine Schüssel voll.

DRITTE BÄUERIN (Warwara Andrejewna) : Sind schon da.

ERSTE BÄUERIN (Mascha) : Ihr müsst euch natürlich stärken, bevor wir uns auf die Suche nach dem Zarewitsch machen.

RIPPENFELL : Das ist wahr.

ERSTER BAUER (Grigori) : Also dann, langt zu, willkommen bei uns im Dorf! Dieses Fest wird euch lange in Erinnerung bleiben.

Die Szene geht über in die Achte Szene.


Personen 


Achte Szene


Schauplatz wie zuvor. Die Runde wird durchbrochen von einer Kette tanzender Burschen und Mädchen, die sich an den Händen gefasst haben und singen. Sie nehmen Pjotr Zarewitsch lachend in ihren Kreis auf, der sich das gern gefallen lässt.

BURSCHEN u. MÄDCHEN :

..........................Auf zum Tanzen, auf zum Springen,
..........................Hin zum Fest für Groß und Klein.
..........................Flöten lasst und Fiedeln klingen,
..........................Heute woll'n wir fröhlich sein.
..........................Heut' vergessen wir die Sorgen,
..........................Die uns plagen alle Tag'.
..........................Keiner denkt an übermorgen,
..........................Keiner hört der Glocke Schlag.

..........................Mädchen finden sich und Buben,
..........................Zu dem Reigen Arm in Arm.
..........................Von den Feldern, aus den Stuben,
..........................Strömt zum Platz der bunte Schwarm.
..........................Voll gefüllt sind Korb und Kanne;
..........................Brot und Wein im Überfluss,
..........................Machen satt den ärmsten Manne,
..........................Keiner heute betteln muss.

..........................Den kühnen Burschen in dem Trubel
..........................Steigt zu Kopf der Übermut.
..........................Lassen rollen manchen Rubel,
..........................Mädchen! seid nur auf der Hut.
..........................Mancher hat früh angefangen,
..........................Einer Braut den Hof gemacht.
..........................Ist ihr auf den Leim gegangen,
..........................Hat sie ihn dann ausgelacht.

Nastassja und Olga haben sich in dem Durcheinander auf Pjotr gestürzt und tanzen abwechselnd mit ihm bzw. machen ihn sich gegenseitig abspenstig.

PJOTR zu Nastassja : Wie heißt du, meine Teuerste?

NASTASSJA : Nastassja.

PJOTR : Und das ist bestimmt deine Schwester?

OLGA : Ja, ich bin Olga.

PJOTR : Und ich bin Pjotr ... Zarewitschs treuer Gefährte.

NASTASSJA : Alexander, der Tapfere.

PJOTR : Solche wie euch könnte der Zarewitsch zu Hause sicher gebrauchen.

NASTASSJA : Wie meinen Sie das?

PJOTR : So hübsche Geschöpfe.

OLGA : Wofür könnte er uns gebrauchen?

PJOTR : Wofür? Die Frage ist: wie oft?

NASTASSJA : Und Sie bleiben länger bei uns in Belomorskoje?

PJOTR : Mal sehen. Wenn es Grund genug dafür gibt, warum nicht?

NASTASSJA : Wie gefällt es Ihnen bis jetzt bei uns?

PJOTR : Oh, es ist ... es gibt hier nette Leute.

OLGA : Nette Leute? Wen meinen Sie damit, Alexander Nikitowitsch?

PJOTR : Ähm, nun, euch beide zum Beispiel, ihr seid entzückend.

NASTASSJA : Ja, das sind wir. Und eigentlich hatten wir längst etwas Besseres vor als in diesem langweiligen Nest herumzuhängen.

PJOTR : Ach, ihr erwägt auszuwandern?

OLGA : Was? Alexander Nikitowitsch, Sie sagten vorhin selber, dass wir viel besser nach Petersburg zum Zarewitsch passen würden.

PJOTR : Was wollt ihr in Petersburg, wenn der Zarewitsch hier ist?

NASTASSJA : Ha ha, da haben Sie auch wieder Recht. Der ärmste Zarewitsch. Was wird er wohl machen, so allein im Wald?

PJOTR : Oh, er wird ... sich schon beschäftigen. Er beherrscht die Vogelsprache.

OLGA : Er kann sich mit den Vögeln unterhalten?

PJOTR : Mit einigen schon, zumindest kann er sie verstehen.

NASTASSJA : Was sollen ihm die Vögel im Wald schon erzählen? "Piep piep, heute morgen habe ich einen fetten Wurm gefressen." Interessiert das den Zarewitsch?

PJOTR : Der Zarewitsch interessiert sich für alles, was in seinem großen Reich passiert. Und dann, glaubt nicht, die Gespräche der Vögelchen wären eintönig. Bedenkt nur, wie gesellig diese Wesen sind.

OLGA : Oh ja, im Winter an unserem Futterhäuschen ist immer was los, wissen Sie, Alexander Nikitowitsch, ich bin nämlich auch sehr vogellieb, ich füttere unsere gefiederten Freunde im Winter mit Sonnenblumenkernen. Ich bin sozusagen eine richtige Vogelnärrin.

NASTASSJA : Du fütterst die Vögel, dass ich nicht lache! Du kannst doch nicht mal eine Meise von einem Specht unterscheiden.

OLGA : Kann ich wohl, sogar am Gesang.

NASTASSJA : Kann sie nicht, glauben Sie ihr kein Wort, Alexander Nikitowitsch.

PJOTR : Nun ja, man muss auch nicht jeden einzelnen kennen und kann sie dennoch lieben.

OLGA : Das haben Sie hübsch gesagt, ich glaube, wir beide empfinden ähnlich.

PJOTR : Auch Vögel haben ihre Geheimnisse, die man so leicht nicht erfährt.

NASTASSJA : Wie die Mädchen.

PJOTR : Richtig. Wie öde wäre die Welt ohne ihre Geheimnisse.

Sie hängen sich an ihn.

OLGA : Bestimmt hat auch der Zarewitsch seine Geheimnisse, oder?

PJOTR : Vermutlich, ja.

NASTASSJA : Geheime Gedanken, Gefühle, innere Regungen.

PJOTR : Oh ja, zweifellos.

OLGA : Wunschvorstellungen, verborgene Fantasien.

PJOTR : Ohne Ende.

NASTASSJA : Begehrlichkeiten, die er zu befriedigen trachtet.

PJOTR : Oder noch besser jemand anderes.

NASTASSJA : Und jetzt wartet er nur darauf, dass diese jemand zu ihm kommt, dort im Wald, wo er liegt ...

OLGA : Auf dem weichen Moos im Schatten der Bäume ...

NASTASSJA : Sich zu ihm gesellt ...

PJOTR : Woher wisst ihr das so genau?

NASTASSJA : Ihm ein offenes Ohr leiht ...

OLGA : Ihm zuhaucht: Da bin ich, die deine Wünsche erfüllt.

NASTASSJA : Alexander Nikitowitsch, Olga und ich, wir kennen uns hier in der Gegend aus wie kaum ein anderer. Wir könnten den Zarewitsch suchen.

PJOTR : Und ich?

NASTASSJA : Sie? Sie kommen natürlich mit. Schließlich müssen Sie uns sagen, ob er es auch wirklich ist, wenn wir ihn gefunden haben.

OLGA : Wenn wir Sie zu ihm führen, winkt bestimmt eine reiche Belohnung.

PJOTR : Die winkt auf jeden Fall. Äh, zum Teufel, was gäb' ich drum, jetzt die Waldesstille genießen zu können, die der Zarewitsch genießt. Was ist nun?

Die anderen Tanzenden kommen hinzu und reißen die drei wieder mit sich.

ERSTES MÄDCHEN : Ein Spiel, ein Spiel! Macht alle mit. Wir spielen Blinde Kuh.

ZWEITES MÄDCHEN : Alexander Nikitowitsch! Sie müssen mitspielen.

Gerade hat der Bursche, der in der Mitte des Kreises war, jemanden erwischt.

BURSCHE : Abgeschlagen!

ZWEITES MÄDCHEN : Alexander soll die Kuh sein!

PJOTR : Aber ich bin ... ich kann ...

DRITTES MÄDCHEN : Keine Widerrede. (Sie bindet ihm das Tuch um die Augen.)

PJOTR : Huch, ich sehe nichts mehr, Doktor Rippenfell! Ich glaube, ich bin blind geworden.

ALLE klatschen :

..........................Aljoscha ist die blinde Kuh,
..........................Hola, hola, hopsasa.
..........................Dreht sich im Kreise immerzu,
..........................Hola, hola, hopsasa.
..........................Linksherum, rechtsherum,
..........................Kriegt mich nicht,
..........................Tanzt sich beide Sohlen krumm.
..........................Aljoscha ist die blinde Kuh,
..........................Hola, hola, fideldumm.

Unter denen, die sich in Pjotrs Nähe trauen, ist Wassilissa, die zauberhaft aussieht. Nur Nastassja erschrickt bei ihrem Anblick.

NASTASSJA : Wassilissa, was machst du hier?

WASSILISSA dreht sich ausgelassen : Wie du siehst, ich vergnüge mich.

OLGA : Woher hast du das Kleid?

WASSILISSA : Was geht's dich an.

Pjotr kommt ziemlich nahe an Wassilissa heran, sie entschlüpft ihm jedoch und lacht, wodurch er auf sie aufmerksam wird.

NASTASSJA : Geh' sofort nach Hause, die Erbsen auslesen.

WASSILISSA zischt Nastassja an : Steck' dir die Erbsen sonstwohin. Ich mache, was mir gefällt.

OLGA : Oh, du Scheusal! Das werden wir der Mutter sagen! Nie wieder wirst du aus dem Keller herauskommen.

PJOTR hat Wassilissa am Arm getroffen : Abgeschlagen! (Er reißt hastig die Augenbinde weg und ist von Wassilissas Anblick überwältigt.) Wer bist du?

WASSILISSA entzieht sich ihm lachend und sich drehend : Ich bin die Wassilissa.

PJOTR : Wassilissa. Mein Gott, ich bin wie von Sinnen.

WASSILISSA : Das kommt vom vielen Herumdrehen, da bekommt man den Drehwurm.

PJOTR : Ich glaube eher, das kommt von ... Warte!

NASTASSJA drängt sich dazwischen : Alexander Nikitowitsch, haben Sie uns vergessen, Sie Treuloser?

PJOTR : Nein, nein, ich muss nur ... wer ist sie?

NASTASSJA : Wer ist wer? Hier ist niemand außer uns.

OLGA : Wir wollten in den Wald und den Zarewitsch suchen.

PJOTR : Aber ich ... wo ist sie hin?

NASTASSJA : Jetzt lasst uns gehen, es wird gerade schön dämmerig, genießen wir es, wie die Sonne hinterm Horizont versinkt.

PJOTR : Ja, ich glaube, ich sinke auch gleich hin. Es durchfährt mir alle Glieder.

OLGA : Beim Allmächtigen! Nastassja, hörst du, er spricht in der Mehrzahl.

NASTASSJA : Das reicht für uns beide.


Personen 


Neunte Szene


Rippenfell und Kopekowitsch im Wald vor dem Dorf.

KOPEKOWITSCH : Oh, Doktor Rippenfell, mir brummt der Schädel! Haben Sie nicht irgendeine Arznei dagegen?

RIPPENFELL : Irgendeine? Ich könnte Ihnen ein Abführmittel geben.

KOPEKOWITSCH : Sie machen sich auch noch lustig. Ich sagte: gegen die Kopfschmerzen.

RIPPENFELL : Nun, ich kann in meiner Reiseapotheke nachschauen, ob ich etwas finde. (Er öffnet seine Reisetasche und kramt darin herum.)

KOPEKOWITSCH : Tun sie nicht so, als wüssten Sie nicht, was Sie da drin haben.

RIPPENFELL : Ich habe hier ein paar Tropfen.

KOPEKOWITSCH : Nein, keinen Tropfen mehr, nicht heute. Dieser Aprikosenschnaps, ich weiß nicht, ob der nicht doch selbstgebrannt war. Ich kann auf dem linken Auge nur noch ganz schwach sehen, nur so neblige Umrisse. Das sieht nach einer Ethanolvergiftung aus. (Er tappt wie halbblind umher und ertastet dabei den Doktor.)

RIPPENFELL : Lassen Sie das!

KOPEKOWITSCH : Ach, Sie sind's, da bin ich beruhigt. Ich dachte schon, einer dieser Dorfbauern stünde da. So gastfreundlich die sind, vor ihnen muss man sich in Acht nehmen. Die laden einen ein, machen ihn besoffen, und dann rauben sie ihn aus bis auf die Unterhose.

RIPPENFELL : Glauben Sie im Ernst, Kopekowitsch, dass es jemand auf Ihre Unterhose abgesehen hätte.

KOPEKOWITSCH : Na, aber auf meinen Koffer.

RIPPENFELL : Was ist da drin, etwa auch Unterhosen?

KOPEKOWITSCH : Sehr witzig. Sie wissen schon, was da drin ist, nämlich Pjotr Zarewitsch's und unsere Reisekasse. Deshalb muss ich wie mit Argusaugen darauf achtgeben. Und nun, gerade jetzt macht mein Auge schlapp, es ist schon wieder schlechter geworden. Doktor, ich brauche Ihre Medizin.

RIPPENFELL : Brandsalbe, Schnellspritze, Jodtinktur, Zäpfchen ...

KOPEKOWITSCH : Zum Kuckuck, irgendeine Tablette, die man einfach hinunterschluckt, und die einen wieder aufrichtet, so was gibt es wohl nicht mehr.

RIPPENFELL : Viagra? Die kann ich Ihnen nur auf Rezept geben. Haben Sie ein Rezept, Kopekowitsch?

KOPEKOWITSCH : Woher soll ich ein Rezept haben?

RIPPENFELL : Von Ihrem Hausarzt natürlich.

KOPEKOWITSCH : Ich habe noch nicht mal einen Hausarzt, geschweige ein Rezept.

RIPPENFELL : Was? Keinen Hausarzt? Und dann sind Sie mit uns unterwegs? Das ist unverantwortlich. Womöglich sind Sie auch nicht geimpft.

KOPEKOWITSCH : Geimpft?

RIPPENFELL : Sie haben hoffentlich Ihren Impfausweis dabei.

KOPEKOWITSCH : Jetzt ist es aber genug mit dem Quatsch. Erst Rezept, dann Impfausweis, was wollen Sie denn als nächstes sehen? Vielleicht meine Geburtsurkunde?

RIPPENFELL : Was soll ich mit Ihrer Geburtsurkunde, ich bin nicht die Einwanderungsbehörde.

KOPEKOWITSCH : Sie sind unausstehlich, Doktor Rippenfell. Sobald Sie auch nur einen Schritt aus Ihrer Praxis heraustreten, kann man kaum noch vernünftig mit Ihnen reden.

RIPPENFELL : Dann lassen Sie's doch.

nach einer Pause ...

KOPEKOWITSCH : Was für ein Arzt sind Sie eigentlich?

RIPPENFELL : Zweifeln Sie an meiner Qualifikation?

KOPEKOWITSCH : Nur nicht gleich so empfindlich. Ich meine, sind Sie ein Allgemeinmediziner oder ein Chirurg, oder vielleicht ein (betont:) Onkologe, irgendwas Spezielles müssen Sie doch sein.

RIPPENFELL : Ich bin Internist.

KOPEKOWITSCH : Ach, deshalb verkriechen Sie sich immer in ihrer Praxis.

RIPPENFELL : Das ist der Facharzt für Innere Krankheiten.

KOPEKOWITSCH : Ah so, verstehe. Dann behandelt der Externist die äußeren Krankheiten.

RIPPENFELL : Wie Sie meinen.

KOPEKOWITSCH : Sagen Sie Doktor Rippenfell, eine Fachfrage: Wozu gehört eigentlich das Auge? Zu den inneren oder den äußeren Organen? Es liegt ja in der Augenhöhle, und die ist drin im Kopf. Zugleich blickt das Auge aber auch nach draußen. Kommt ihr Mediziner da nicht manchmal in die Zwickmühle? Ich meine, wenn es um die Zuständigkeit geht.

RIPPENFELL : Für das Auge ist selbstverständlich der Augenarzt zuständig, da gibt es überhaupt keinen Streit.

KOPEKOWITSCH : Ah so, verstehe. Ihr teilt euch den Menschen hübsch säuberlich untereinander auf, die Augen für den Augenarzt, die Ohren für den Ohrenarzt, die Innereien für den Internisten. Und den Kopf? Da wo man Kopfschmerzen hat? Im Gehirn, nicht wahr? Gibt es einen Gehirnarzt?

RIPPENFELL : Natürlich, das ist der Neurologe.

KOPEKOWITSCH : Uii, den gibt es wohl noch nicht so lange.

RIPPENFELL : Sie haben keinen blassen Schimmer.

KOPEKOWITSCH : Eben doch, das ist ja mein Malheur, nur noch ein ganz blasser Schimmer auf meinem Auge. Doktor? Könnten Sie nicht mein Hausarzt sein?

RIPPENFELL : Es spricht nichts dagegen. Sobald wir wieder zu Hause sind, kommen Sie in meine Praxis.

KOPEKOWITSCH : Oh, Sie Unhold. Nun gut, wenn Sie nicht jetzt und hier mein Hausarzt sein können, dann sind Sie eben ein Notarzt. Ich brauche einen Notarzt. Dies ist ein Notfall, ein Anfall von akuten Kopfschmerzen, ein Migräneanfall.

RIPPENFELL : Migräne bekommen normalerweise nur Frauen.

KOPEKOWITSCH wissend : Aha, und Sie sind kein Frauenarzt.

RIPPENFELL : Nein. Sie sind ja auch keine Frau. Und ich sagte normalerweise. Wenn Sie also tatsächlich Migräne haben, dann ...

KOPEKOWITSCH : ... Bin ich nicht ganz normal, das wollten Sie doch sagen.

RIPPENFELL : Mithin ein Fall für den Irrenarzt. Ich kenne den Oberarzt in der Irrenanstalt, Doktor Bergson, ich könnte für Sie einen Termin vereinbaren.

KOPEKOWITSCH : Na freilich, warum nicht gleich eine Zelle reservieren.

RIPPENFELL : Wenn Sie dies wünschen.

KOPEKOWITSCH ironisch : Brauche ich ein Rezept?

RIPPENFELL : Streng genommen ja. Da sehen Sie, in welche Schwierigkeiten Sie kommen können ohne Hausarzt. Aber keine Sorge, man könnte es in Ihrem Fall mit einer Zwangseinweisung regeln. Das Rezept können Sie auch später nachreichen.

KOPEKOWITSCH : Wie entgegenkommend. Sie sind wirklich eine große Hilfe für die Menschheit.

RIPPENFELL : So viel würde ich mir nicht anmaßen.

KOPEKOWITSCH : Es geht mir inzwischen auch schon besser, dank Ihrer Konsultation, Herr Doktor.

RIPPENFELL : Sehen Sie, manchmal arbeiten wir auch ganz umsonst.

KOPEKOWITSCH : Ach woher, Sie sollen dafür entlohnt werden. Wo ist mein Koffer?

RIPPENFELL : Was?

KOPEKOWITSCH erschrocken : Wo ist mein Koffer?

RIPPENFELL : Der Finanzkoffer?

KOPEKOWITSCH : Natürlich, welcher denn sonst?

RIPPENFELL : Der mit den Unterhosen.

KOPEKOWITSCH : Das ist kein Spaß mehr. Der Koffer ist weg. Vielleicht dämmert es Ihnen gleich, dass wir jetzt ohne eine Kopeke hier mitten in der Walachei sitzen.

RIPPENFELL : Wir haben doch wenigstens die Rückfahrkarten, oder?

KOPEKOWITSCH : Sind im Koffer.

RIPPENFELL : Und die eiserne Reserve?

RIPPENFELL : Mein Gott, Kopekowitsch, eine eiserne Reserve bewahrt man doch extra auf, irgendwo anders, am besten am eigenen Leib.

KOPEKOWITSCH : Da wäre mir aber sehr unwohl bei dem Gedanken, dass Sie unsere eiserne Reserve mit sich herumtragen. Wie schnell verläuft sich hier einer.

RIPPENFELL : Eben an Ihrem Leib, Kopekowitsch.

KOPEKOWITSCH : Soll ich das Opfer von Dieben und Wegelageren sein? Sehe ich gar nicht ein, für irgendjemanden den Kopf hinzuhalten.

RIPPENFELL : Für irgendjemanden? Meinen Sie damit unseren Zarewitsch? Herr Finanzminister, zügeln Sie Ihre Zunge. Sie wissen, ich bin schon sehr nachsichtig gewesen bei all dem, was Sie hier geäußert haben. Wenn wir wieder in Petersburg sind ...

KOPEKOWITSCH : Erst mal wieder hinkommen, ohne Fahrkarte, ohne Geld.

RIPPENFELL : Nun, dann heißt es: arbeiten und Geld verdienen.

KOPEKOWITSCH : Wie bitte? Arbeiten? Das haben Sie doch Ihren Lebtag noch nicht getan.

RIPPENFELL : Irgendwann ist immer das erste Mal.

KOPEKOWITSCH : Als was wollen Sie denn hier arbeiten? Als Internist auf dem Bauernhof?

RIPPENFELL : Kranke Menschen gibt es überall.

KOPEKOWITSCH : In der Tat. Nur dass die hier Sie kaum bezahlen werden können.

RIPPENFELL : Dann lassen wir uns in Naturalien entlohnen. Die Naturalien tauschen wir um gegen Fahrkarten, und es bleibt vielleicht sogar noch etwas Proviant für unterwegs übrig. Schauen Sie, Kopekowitsch, da vorn ist ein Hof, dort können wir uns verdingen.

KOPEKOWITSCH : Verdingen. Der Finanzminister des Zaren verdingt sich auf einem Bauernhof als Tagelöhner.

RIPPENFELL : Halten Sie erst mal einen ganzen Tag durch, dann dürfen Sie sich so bezeichnen. Kommen Sie.


Personen 


Zehnte Szene


Rippenfell und Kopekowitsch gelangen zu einem Bauernhof. Das Haus ist einigermaßen prächtig, jedoch alt und schadhaft. An der Seite ist eine Terrasse, zu der ein paar Stufen hinaufführen; mit Glastüren und weißen Vorhängen usw. zum Zimmer hin. Um das Gebäude herum ist die Wirtschaft eines Bauernhofs erkennbar.

RIPPENFELL : Hallo, ist jemand zu Hause?

KOPEKOWITSCH : Na Rippenfell, wenn Sie so zaghaft anfragen, werden wir wohl übermorgen noch nach Arbeit suchen. He, ihr da, wie sieht es denn hier aus! Wie nach einem Mongolensturm. Müsste mal kräftig aufgeräumt werden. Hier findet man ja bald nicht mal mehr den Weg zum Brunnen.

STIMME von drinnen durch die offene Verandatür : Was quatscht du da draußen von Brunnen.

KOPEKOWITSCH : Im Stall murren die Kühe, sie müssen gemolken werden, sicher habt ihr kleine Kinder im Haus, die frische Milch trinken wollen.

STIMME : Hier gibt es keine kleinen Kinder.

RIPPENFELL : Können Sie denn melken, Kopekowitsch?

KOPEKOWITSCH : Ich musste schon aus ganz anderem Viehzeug etwas herauspressen, als es darum ging, neue Geldquellen zu erschließen. (zum Haus hin:) Wir würden sofort anfangen, Ordnung zu schaffen, für ... sagen wir, für einen Rubel am Tag.

STIMME : Wie viele seid ihr?

RIPPENFELL : Zu zweit.

Es entsteht eine Pause; die beiden machen sich Hoffnung, dass sie Anstellung finden. Da erscheint Pjotr Zarewitsch auf der Terrasse; mit offenem Hemd und zerzausten Haaren, eine Zigarre zwischen den Lippen und eine Sektflasche in der Hand.

RIPPENFELL : Pjotr Zarewitsch! Was machen Sie hier?

PJOTR : Sssst, nicht so laut, ich bin Alexander Nikitowitsch.

KOPEKOWITSCH : Wie konnten Sie uns nur allein lassen. Gott sei Dank, jetzt wird alles gut.

PJOTR : Ich brauche euch nicht mehr.

NASTASSJA erscheint hinter Pjotr, umarmt ihn und streichelt seine Brust : Wer ist denn da, liebster Alexander?

OLGA von drinnen : Etwa der Zarewitsch, ha ha ha.

PJOTR : Och, nur zwei Landstreicher, die um ein Almosen betteln.

OLGA von drinnen : Wir geben nichts.

KOPEKOWITSCH : Pjotr ... Alexander Nikitowitsch, Sie müssen uns die Arbeit geben, wir brauchen das Geld. Wir kommen sonst nicht zurück nach Petersburg.

RIPPENFELL vertraulich, eindringlich : Kopekowitsch, sind Sie verrückt? Ich erinnere Sie daran, dass Sie der Finanzminister des Zaren sind.

KOPEKOWITSCH : Ja und, was nützt mir das hier?

PJOTR : Seid ihr abgebrannt?

KOPEKOWITSCH : Völlig. Unser ganzes Geld ist uns gestohlen worden.

PJOTR : Gestohlen?

KOPEKOWITSCH : Der Koffer ist weg.

RIPPENFELL bestürzt : Kopekowitsch, um Himmels Willen! Verraten Sie doch dem Zarewitsch nichts davon, er könnte uns dafür hinrichten lassen.

NASTASSJA : Was reden die da so heimlich? Sind das nicht Ihre Freunde?

PJOTR : Pah, mit denen bin ich fertig. Glaubst du, Nastassja, mein Täubchen, dass die den Koffer des Zarewitsch gestohlen haben.

NASTASSJA : Was? Den braunen Koffer? Mit dem ganzen Geld drin?

KOPEKOWITSCH : Wir haben ihn nicht gestohlen, sondern er ist uns gestohlen worden.

PJOTR : Und? Hattet ihr nicht die verdammte Pflicht, auf ihn aufzupassen. Sich in so einer verantwortungsvollen Position bestehlen zu lassen, ist beinahe noch schlimmer als selbst zu stehlen.

OLGA steckt den Kopf heraus : Kommen Sie wieder rein, Alexander Nikitowitsch, wir wollen weiterspielen, Sie sind am Zug.

RIPPENFELL : Aber, Alexander Nikitowitsch, Sie können uns hier nicht einfach stehenlassen.

PJOTR stippt die Asche von seiner Zigarre zu ihnen hin : Kann ich wohl, ihr habt doch gehört, ich bin am Zug, und hier herrscht Zugzwang. Aber ich will nicht so sein, Olga, bring' mir den Koffer her.

OLGA : Den ganzen?

PJOTR : Zum Teufel, mach' schon, sonst liegen uns diese Schnorrer noch länger auf den Taschen.

Olga bringt den Koffer.

KOPEKOWITSCH : Rippenfell, der Koffer! Er ist gar nicht weg. Der Zarewitsch hat ihn.

RIPPENFELL : Das ist so gut wie weg.

PJOTR wühlt im Koffer herum : Verdammt, ist denn kein Kleingeld da drin.

RIPPENFELL zu Kopekowitsch : Aber sich über meine Reiseapotheke aufregen. (zu Pjotr:) Alexander Nikitowitsch, wie kommen Sie denn an den Koffer?

PJOTR erzürnt : Was soll die Frage, du Laus! Ich erweise mich großmütig gegen dich, und du unterstehst dich, mich zu fragen, wie ich ... willst du, dass ich dir ... (Er schleudert die Sektflasche gegen Rippenfell; sie verfehlt ihn knapp.)

KOPEKOWITSCH : Vorsicht, Doktor! Warum provozieren Sie den Zarewitsch auch bloß mit Dingen, die Sie gar nichts angehen.

PJOTR betroffen : Hat er was abgekriegt?

KOPEKOWITSCH beruhigt Rippenfell; nach oben : Ist noch mal gutgegangen.

OLGA wirft nach Rippenfell mit einem Sektglas, trifft aber Kopekowitsch am Kopf : Dann soll er eben das hier abkriegen. Wenn eurer tapferer Freund Alexander Nikitowitsch nicht kurz entschlossen den Koffer an sich genommen hätte, wäre er nämlich wirklich gestohlen worden. Nichts kriegen diese Lumpen, keine Kopeke. Und jetzt los, es wird weitergespielt, ich will gewinnen.

Olga und Nastassja gehen hinein.

PJOTR : Da habt ihr's, ihr Schwachköpfe. Ihr könnt beten, dass Olga gewinnt, denn wenn sie schon wieder verliert, dann ist hier der Teufel los, dann wird es hier erst wirklich aussehen wie nach einem Mongolensturm. Am besten, ihr geht in die Kirche und spendet der Jungfrau ein Licht und bittet sie, dass Olga gewinnt, anstatt hier dumm rumzustehen.

OLGA von drinnen : Jetzt würfeln Sie endlich, Alexander!

RIPPENFELL : Pjotr Zarewitsch!

KOPEKOWITSCH drückt auf seine Beule : Er ist unter ganz ganz schlechten Einfluss geraten. Diese Mädchen verdrehen ihm den Kopf und nehmen ihn aus wie eine Weihnachtsgans. Die heilige Jungfrau bitten, dass die Hure Glück im Spiel hat, das kann er doch nicht ernst gemeint haben.

RIPPENFELL : Ich habe den Zarewitsch nicht in Religion unterrichtet.

KOPEKOWITSCH : Nein, natürlich nicht! Sie werden ja nur dafür bezahlt, seine Wehwehchen zu kurieren. Sie werden sich noch umgucken, Doktor, wenn ihm erst mal die Latte anfängt zu brennen.

RIPPENFELL : Wie reden Sie über Seine Hoheit.

KOPEKOWITSCH : Genau so, wie es die Verhältnisse erfordern.

RIPPENFELL : Was für ein Haus ist das eigentlich?

KOPEKOWITSCH : Es sind zwei Schwestern, Olga und Nastassja, haben mir die Bauern gestern erzählt. Sie sind sehr launisch und glauben, schön zu sein.

RIPPENFELL : Nun ja, gerade hässlich kann man sie nicht nennen.

KOPEKOWITSCH : Doktor! Jetzt, wo Sie Ihre Praxis verlassen haben, werden Sie plötzlich geil.

RIPPENFELL : Unsinn! Und hören Sie auf, in diesem vulgären Ton zu sprechen. Wohnen die allein da?

KOPEKOWITSCH : Eigentlich gehört alles der Mutter, die ein furchtbarer Drachen sein soll. Die ist aber für drei Tage in die Stadt gefahren zu ihrem Vetter, der Tierarzt ist und ...

RIPPENFELL : Jetzt verlieren Sie sich mal nicht in Nebensächlichkeiten.

KOPEKOWITSCH : Ich dachte, das würde Sie interessieren, von wegen Kollegen und so.

RIPPENFELL : Immerhin, Sie sind gut informiert, Kopekowitsch, man merkt, dass Sie früher beim Geheimdienst waren.

KOPEKOWITSCH : Es gibt noch eine dritte, eine Stiefschwester, die nach dem Tod ihrer Mutter hierher gekommen ist.

KOPEKOWITSCH : Ich weiß nicht, eben sah es nicht danach aus. Die beiden sind gar nicht gut auf sie zu sprechen. Möglich, dass sie sie irgendwohin geschickt haben.

RIPPENFELL : Wohin soll man denn hier jemanden schicken außer ins Dorf zum Krämer. Dann müsste sie ja bald zurückkommen, und wir können mit ihr sprechen. Sie steht bestimmt auf unserer Seite, wenn es darum geht, den Zarewitsch dort herauszuholen.

KOPEKOWITSCH : Hm. Was aber, wenn sie nicht beim Krämer ist? Vielleicht haben sie sie auch hier irgendwo eingesperrt. Wir sollten uns mal ein bisschen umsehen.

RIPPENFELL : Gut.

KOPEKOWITSCH : Aber wir dürfen das Gartentor nicht aus den Augen lassen, falls sie doch kommt. Ich gehe dort hinüber zu dem Stall.

RIPPENFELL : Und ich werde mir mal das Hinterhaus ansehen.


Personen 


Elfte Szene


Im Haus. Pjotr Zarewitsch, Nastassja und Olga beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht Spiel. Olga ist sehr angespannt, während die beiden anderen ihren Spaß dabei haben.

NASTASSJA nachdem sie gewürfelt hat : Und fünf weiter rücken.

OLGA streng : Es war eine vier, du hast eine vier gewürfelt, keine fünf.

NASTASSJA : Es war eine fünf. Wann gehen wir wieder ins Bett?

OLGA : Nein, es war eine vier.

NASTASSJA : Na und? Jetzt habe ich gerückt. Berührt geführt, so heißt es.

OLGA : Du betrügst, du Miststück. Alexander Nikitowitsch, sagen Sie es, es war eine vier.

PJOTR versöhnlich : Ja, Nastassja, es war eine vier.

NASTASSJA : Na gut, war es eben eine vier. Da! Eins zurück. Zufrieden?

PJOTR : Zufrieden, Olga?

OLGA regt sich auf : Was heißt zufrieden? Glaubt ihr, ihr müsstet mir einen Gefallen tun oder mich nachsichtig behandeln? Ich brauche eure Hilfe nicht, ich gewinne auch so. Du Natter, ich sehe genau, wenn du betrügst.

PJOTR : Aber nun hat sie's ja wieder zurückgenommen.

OLGA schon beinahe hysterisch : Alexander Nikitowitsch, ich bitte Sie sehr, sich nicht in meine Angelegenheiten einzumischen. Ich kann das allein.

NASTASSJA : Du bist ja vollkommen fertig. Du solltest dich mal wieder im Bett abreagieren.

OLGA schreit : Würfel! Vorlaute Ziege!

NASTASSJA gehässig : Aber da kommst du nicht zum Zug. Tja, Glück im Spiel ... oder wie heißt das? Von Tuten und Blasen keine Ahnung?

PJOTR : Nastassja, lassen Sie ihre hämischen Reden.

NASTASSJA : Bin ja schon still. Doch davon wird es auch nicht besser. (Sie würfelt.) Sechs! Haben es alle gesehen? (Sie setzt.) Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Gewonnen!

OLGA verzweifelt, den Tränen nahe : Alexander Nikitowitsch, zum letzten Mal, hören Sie auf, mich zu verteidigen.

NASTASSJA : Ich habe schon wieder gewonnen! Ich darf mir was wünschen. Ich wünsche mir, dass wir wieder ins Bett gehen. Sei nicht traurig, Olga. Du darfst auch mitkommen.

OLGA aufs Äußerste angespannt, wie kurz vor einem Ausbruch : Ich - tue - was - ich - für - richtig - halte.

NASTASSJA besorgt : Oh oh.

PJOTR : Was ist?

NASTASSJA : Das kenne ich. Ich glaube, es ist besser, wir gehen in Deckung.

Olga fängt innerlich an zu kochen.

PJOTR : Olga, beruhigen Sie sich!

Olga springt auf und schlägt wild um sich, schmeißt alles herunter usw.

NASTASSJA schnell : Halten Sie sie fest.

PJOTR : Wie denn? Sie ist wie eine wildgewordene Hyäne.

Pjotr und Nastassja versuchen, Olga zu bändigen; die kratzt und beißt und schreit eigenartig.

NASTASSJA : Geben Sie ihr eine Ohrfeige.

PJOTR : Das kann ich nicht, ich schlage keine Frauen.

NASTASSJA : Dann tue ich es in Ihrem Namen. (Sie schlägt Olga ins Gesicht.) Bist du jetzt ruhig?

PJOTR : Benehmen Sie sich wieder normal?

Olga ist die Schwächere und unterliegt; ist anscheinend erschöpft und erhebt sich wieder.

OLGA schmeißt eine Vase auf den Boden : Niemals! Ihr habt mich verlieren lassen!

NASTASSJA : Du wolltest es so.

OLGA : Du hast es sechsmal mit ihm gemacht, ich nur fünfmal.

NASTASSJA hämisch : Du weißt ja nichts von der Nummer in der Besenkammer.

PJOTR : Nastassja, seien Sie still, Sie reizen sie nur noch mehr.

OLGA : Oh, ihr Tiere! Einen von euch muss ich töten. Oder beide. Oder mich selbst. Wo ist Vaters Pistole? (Sie läuft zur Kommode und reißt das Schubfach auf.)

NASTASSJA springt ihr nach : Olga, bleib' von der Kommode weg!

OLGA : Ha! Lass mich, niemand kann mich mehr aufhalten, gleich wird es hier ein fürchterliches Blutbad geben.

Olga hat die Pistole aus der Kommode genommen; Nastassja versucht, sie ihr zu entreißen, die beiden ringen stehend miteinander.

PJOTR : Ja also, meine Lieben, ich verlasse euch dann.

Ein Schuss geht in die Luft. Pjotr bleibt wie versteinert stehen, dann vergewissert er sich, dass er selbst nicht verletzt ist. Olga hat die Pistole sinken lassen und gibt nach. Nastassja nimmt sie ihr schnell weg.

OLGA seufzt : Alexander Nikitowitsch!

NASTASSJA gespielt erstaunt : Was ist denn?

PJOTR : Ach wisst ihr, es ist herrlich mit euch, man hat seinen Spaß, vor allem im Bett. Aber nehmt's mir nicht übel, diese ewige Streiterei, die geht mir auf den Sack! Ich habe genug davon. Ich gehe.

KOPEKOWITSCHs Stimme von draußen : Denken Sie an den Koffer!

NASTASSJA albern lachend und mit der Pistole herumfuchtelnd, während Olga sich Haar und Kleid ordnet : Alexander Nikitowitsch! Was ist passiert? Gar nichts. Eine kleine Auflockerung, sonst nichts. (Sie steckt die Pistole in die Schublade zurück.) Ich glaube, wir brauchen erst einmal etwas zur Abkühlung, ein Glas schöne, kühle Limonade. Im Keller stehen ein paar Flaschen davon, ich werde sogleich eine holen. Das heißt, Olga, vielleicht gehst du besser.

OLGA : Wieso ich?

NASTASSJA : Die Abwechslung wird dir gut tun, ein wenig Treppensteigen. Wir werden inzwischen hier aufräumen.

OLGA : Das könnte dir so passen. Sehe ich gar nicht ein. Außerdem will ich die dumme Gans nicht sehen.

PJOTR : Wen?

NASTASSJA schnell : Ach, Olga meint ... unsere Gans.

PJOTR : Eine Gans im Keller?

NASTASSJA : Ähm, ja, es ist eine besondere Sorte, eine finnische Kellergans, sie liebt es feucht und dunkel.

PJOTR : Was frisst die denn da unten?

OLGA : Was sie frisst? Na, sie frisst unsere Vorräte.

PJOTR : Das ist ja der größte Schmarren, den ich je gehört habe, Gänse im Keller, die die Vorräte auffressen.

NASTASSJA : Es ist nur eine, und außerdem kommt sie gar nicht an alles ran, nur was so runterfällt.

PJOTR : Das muss ich mir ansehen.

NASTASSJA hält ihn auf : Um Gottes Willen! Nein!

PJOTR : Wieso nicht?

NASTASSJA : Sie ... sie reagiert panisch auf jeden Fremden. Dann macht sie so und so und so. (Sie macht wilde Gesten.) Schlimmer als Olga.

OLGA : Wer holt denn nun die Limonade?

NASTASSJA ratlos : Tja.

Die Szene geht über in die Zwölfte Szene.


Personen 


Zwölfte Szene


Schauplatz wie zuvor. Die Tür gegenüber der Veranda geht auf und Kopekowitschs Kopf lugt herein.

KOPEKOWITSCH zutraulich : Hallo? Hat hier jemand Limonade bestellt?

Kopekowitsch hält die Tür auf, und Wassilissa kommt mit einem Tablett mit Limonade. Hinter ihr folgt Rippenfell.

OLGA : Wassilissa! Wieso bist du nicht im Keller?

PJOTR der sofort in Wassilissas Bann gezogen wird : Was soll sie im Keller?

NASTASSJA : Die Gans hüten.

PJOTR nimmt Wassilissa das Tablett ab : Unsinn. Das kann Kopekowitsch machen.

RIPPENFELL : Im Keller ist überhaupt keine Gans.

WASSILISSA teilt die Gläser aus : Bitte schön, lasst es euch schmecken. Die Gans bin ich, Alexander Nikitowitsch.

PJOTR : Was? Wie? Sie kommen aus Finnland? Ich verstehe gar nichts mehr.

RIPPENFELL : Sie war im Keller eingesperrt.

PJOTR : Aber warum denn? Und wer hat Sie eingesperrt?

OLGA scheinbar ahnungslos : Ja, wer hat dich eingesperrt, Wassilissa?

WASSILISSA sanft : Sagen wir mal so: Ich konnte nicht sehen, wer es war, aber ihre Stimmen habe ich gehört.

NASTASSJA : Ihre Stimmen? Was haben sie gesagt, diese Stimmen?

WASSILISSA : Sie sagten : Wir müssen sie in den Keller einsperren, damit Alexander Nikitowitsch sie nicht zu sehen bekommt.

OLGA : Warum sollte Alexander Nikitowitsch dich nicht sehen?

WASSILISSA : Keine Ahnung. (mit keckem Blick auf Pjotr:) Vielleicht damit er sich nicht in mich verliebt.

NASTASSJA : Ha, das ist doch lächerlich. Wie könnte Alexander Nikitowitsch sich in dich verlieben, wo er sich gerade erst in mich verliebt hat.

OLGA : In dich? In mich hat er sich verliebt.

NASTASSJA : In dich? Noch weniger als in Wassilissa.

OLGA : Das ist nicht wahr. Man könnte sagen, er hat sich nicht nur in mich verliebt, sondern sogar in mich verknallt.

PJOTR : Ihr gestattet, meine Täubchen, vielleicht kann ich da auch mal ein Wort mitreden.

OLGA : Sie? Weshalb? Das ist eine Angelegenheit, die wir unter uns Frauen ausmachen.

WASSILISSA : Zählen Sie mich nicht mit dazu, Alexander Nikitowitsch. Trinken Sie Ihre Limonade. Herr Kopekowitsch, Doktor Rippenfell, trinken Sie auch etwas, sie müssen ja ganz durstig sein. Und vielen Dank dafür, dass Sie mich befreit haben, ich werde ein gutes Wort für Sie einlegen.

NASTASSJA : Bei wem?

WASSILISSA : Bei Alexander Nikitowitsch natürlich. Sobald er seine Limonade ausgetrunken hat, werde ich ihn fragen, ob er ein Stück mit mir spazierengehen möchte. (Pjotr schüttet seine Limonade auf einmal hinunter.) Alexander Nikitowitsch, trinken Sie nicht so hastig!

NASTASSJA : Du willst mit ihm spazierengehen?

OLGA : Wir wollten gerade mit ihm ins Bett gehen. (Nastassja boxt sie in die Seite.) Was denn? Stimmt doch.

PJOTR : Wassilissa, wollten Sie mich nicht etwas fragen?

NASTASSJA : Sie hat es vergessen, sie ist vergesslich wie eine Gans. Du hast auch vergessen, dass du Wäsche waschen sollst, und zwar sofort. Wenn die Mutter zurückkehrt, will sie nicht den kleinsten Zipfel schmutzige Wäsche sehen.

WASSILISSA : Die Wäsche ist längst gewaschen und gebügelt.

NASTASSJA : Aber nicht mein Kleid. (Sie schüttet sich die Limonade über die Brust.) Sieh nur, was du angerichtet hast mit deiner Limonade, alles grün.

OLGA macht es Nastassja nach : Ja, und meins auch, du musst es sofort waschen.

NASTASSJA : Erst meins.

OLGA : Nein, meins zuerst, ich brauche es eher zurück als du.

NASTASSJA : Es war meine Idee mit dem schmutzigen Kleid, warum machst du mir alles nach.

OLGA : Ich mache dir niemals alles nach.

NASTASSJA : Machst du doch. Was ich mit Alexander Nikitowitsch gemacht habe, hast du auch gleich nachgemacht, dir fällt nie was eigenes ein.

Die beiden greifen sich schon wieder in die Haare.

PJOTR : Wassilissa, nun fragen Sie mich schon.

WASSILISSA : Alexander Nikitowitsch, da Sie sich gestärkt haben, dürfte ich fragen, ob Sie Lust hätten, ein Stück mit mir spazierenzugehen?

PJOTR tut überrascht : Oh, was für ein großartiger Vorschlag. Ehrlich, ich dachte gerade genau dasselbe.

WASSILISSA sehr sanft : Wie schön.

NASTASSJA : Erst die Wäsche!

PJOTR zornig : Jetzt haltet eure Klappen, ihr seid hier selber die Waschweiber. (sehr freundlich zu Wassilissa:) Darf ich Ihnen mein Geleit antragen?

Nastassja äfft ihn nach.

OLGA : Was will er machen?

WASSILISSA : Danke sehr. Wo gehen wir hin?

PJOTR : Das überlasse ich ganz Ihnen, verf ... führen Sie mich einfach wohin es Ihnen beliebt.

Pjotr und Wassilissa spazieren über die Terrasse hinaus. Alle schauen den beiden nach; Olga ringt mit den Tränen.

NASTASSJA : Warum heulst du? Die beiden sehen gar nicht übel aus. Wenn ich nicht genau wüsste, wer er ist und wer sie ist, würde ich sagen, sie passen zusammen.

OLGA : Das sieht man doch, wer er ist und wer sie ist.

Die Szene geht über in die Dreizehnte Szene.


Personen 


Dreizehnte Szene


Schauplatz wie zuvor.

NASTASSJA : Ach ja? (zu Rippenfell und Kopekowitsch:) Ich hätte erwartet, Sie verhindern es, dass sich Alexander Nikitowitsch von einer Dienstmagd auf's Kreuz legen lässt.

KOPEKOWITSCH : Noch liegen sie gar nicht.

NASTASSJA : So weit würden Sie es also kommen lassen. Pfui, welche Niedrigkeit, denkt man so in Petersburg?

RIPPENFELL : In Petersburg denkt man gar nicht darüber, weil man es nicht erfahren wird.

OLGA wie von einer Verblendung befreit : Oh, da täuschen Sie sich mal nicht. Man wird es erfahren, und zwar deshalb, weil ich jetzt gleich einen Brief an den Zaren schreibe und ihn über alle Geschehnisse unterrichte. (Sie nimmt Briefpapier und Feder und setzt sich hin.) So! Sehr geehrter Zar, nein, Sehr geehrte Majestät! Sicher werden Sie neugierig sein, was hier bei uns in Belomorskoje mit Ihrem Sohn, dem Zarewitsch geschehen ist.

RIPPENFELL : Was ist denn mit ihm geschehen?

OLGA : Na. Er ist ... verschwunden.

RIPPENFELL : Eben. Und weißt du, wo er ist?

OLGA zunehmend unsicher : Nein.

RIPPENFELL : Du willst also schreiben: Sehr geehrter Zar, Ihr Sohn ist verschwunden, und ich weiß nicht wo er ist.

OLGA : Ja.

KOPEKOWITSCH : Weißt du, was dann passieren wird? Der Zar wird seine Spezialtruppe in Marsch setzen, die kommen hierher und suchen den Zarewitsch. Und die suchen solange, bis sie ihn gefunden haben. Hast du schon einmal die Spezialtruppe des Zaren im Einsatz gesehen?

OLGA : Wie sollte ich? Bis jetzt hatten wir noch keinen Zarewitsch hier.

KOPEKOWITSCH : Die stellen jedes Haus auf den Kopf, da bleibt kein Stein auf dem anderen.

NASTASSJA : Um Gottes Willen, da müssen wir hinterher aufräumen, bevor die Mutter wiederkommt. Schreibe lieber, der Zar soll sich keine Sorgen machen, wir wüssten schon, wo der Zarewitsch ist.

OLGA : Aber das stimmt doch nicht. Oder weißt du's etwa?

NASTASSJA : Nein.

RIPPENFELL : Wir wissen es.

NASTASSJA : Sie?

KOPEKOWITSCH : Olga, überlege mal.

NASTASSJA : Ich bin Nastassja, das ist Olga.

KOPEKOWITSCH : Nastassja, wir sind hier, um auf den Zarewitsch aufzupassen, nicht wahr?

NASTASSJA : Ja. Und das haben Sie ...

KOPEKOWITSCH : Lass mich ausreden. Würden wir den Zarewitsch auch nur eine Minute aus den Augen verlieren? Und Gefahr laufen, vom Zaren für zwanzig Jahre ins Lager geschickt zu werden? Doktor Rippenfell und ich, wir haben beide Familie, wir müssen für sie sorgen, wir müssen unsere Arbeit gut machen und den Zarewitsch rund um die Uhr beschützen.

NASTASSJA : Ja und was wollen Sie nun eigentlich sagen?

RIPPENFELL zu Nastassja : Olga.

OLGA : Nastassja.

RIPPENFELL : Nastassja, der Zarewitsch ist gar nicht verschwunden. Er ist die ganze Zeit bei uns.

NASTASSJA : Nastassja! Ich meine, Olga! Hast du das gehört?

OLGA : Ich fasse es nicht. Der Zarewitsch ist einer von uns?

NASTASSJA : Wer ist es? (erleuchtet:) Ah! Olga!

OLGA : Mir war gleich schon so.

NASTASSJA : Ich hatte von Anfang an das Gefühl, diese Manneskraft, unglaublich, übermenschlich, zaristisch!

KOPEKOWITSCH : Höchstpersönlich.

NASTASSJA : Weiß es Wassilissa?

RIPPENFELL : Wir haben es ihr nicht gesagt.

NASTASSJA : Gut. Olga, wir müssen reden. Herr Kopekowitsch, Doktor Rippenfell, Sie entschuldigen uns einen Moment.

RIPPENFELL : Bitte sehr.

Olga und Nastassja beraten sich, während Rippenfell und Kopekowitsch den angefangenen Brief beseitigen.

NASTASSJA : Wir müssen sie wegschaffen.

OLGA : Wen?

NASTASSJA : Na, wen? Wer steht uns hier unserem Glück im Wege? Wassilissa natürlich. Wenn Sie weg ist, haben wir Alexander Nikitowitsch ganz für uns allein. Überlege doch, was wir an ihm haben.

OLGA : Jede Menge Spaß.

NASTASSJA : Und wenn er dann auch noch Zarewitsch ist, dann werden wir ... oh, Olga! Wir werden mit ihm nach Petersburg gehen, wir werden seine Hofdamen, ein Leben in Saus und Braus führen. Geld, Männer, Parties, Sekt ... Sex ... (verhaspelt sich:) Sekxst.

OLGA : Hör auf, ich kann es kaum noch aushalten, ach Nastassja, was für ein goldenes Leben steht uns bevor. Wie fangen wir es am besten an?

NASTASSJA : Zuerst müssen die beiden ruhiggestellt werden.

OLGA : Sollen wir sie umbringen?

NASTASSJA : Ach was, wir werden uns den Weg nach Petersburg nicht mit Leichen pflastern. In der Kommode, neben Vaters Pistole liegt ein Fläschchen mit einem Pulver, das mischen wir ihnen in die Limonade, dann schlafen sie wie zwei Bären.

OLGA : Das mache ich. (Sie geht an die Kommode und sucht ohne jede Verheimlichung in der Schublade.) Wo ist das Pulver, Nastassja, ich kann es nicht finden?

RIPPENFELL nähert sich Olga und fasst sie väterlich an : Was suchst du denn, mein Täubchen?

OLGA plump : Sie wollen mich doch jetzt nicht anbaggern, Herr Doktor, wo der Zarewitsch nicht da ist.

RIPPENFELL zutraulich : Wir müssen uns schließlich ein wenig die Zeit vertreiben, bis er wieder da ist.

KOPEKOWITSCH leise zu Rippenfell : Doktor Rippenfell, was fällt Ihnen ein, beherrschen Sie sich.

RIPPENFELL ebenso leise : Ich habe den Verdacht, Kopekowitsch, die planen etwas. Wir müssen Sie daran hindern.

Olga nimmt aus der Schublade das Pulver und gibt es Nastassja, die ihr ein Zeichen gibt, dass sie die Herren ablenken soll und es schnell in ihre Limonadengläser schüttet.

OLGA : Mein Hintern? Der gefällt Ihnen wohl? Der kann auch wackeln. (Sie wackelt ziemlich ungalant mit dem Hintern.)

RIPPENFELL wie ein Arzt bei der Visite : Schauen Sie sich das an, Kopekowitsch, ein echter Podex vacillans.

NASTASSJA : So, nun wollen wir darauf trinken.

OLGA : Auf meinen Arsch?

NASTASSJA : Auf die große Überraschung vom verkleideten Zarewitsch, er lebe hoch, und es möge ihm hier bei uns wohl ergehen.

Kopekowitsch und Rippenfell betrachten misstrauisch die Gläser.

KOPEKOWITSCH : Wir stoßen mit Limonade an statt mit Sekt?

NASTASSJA : Alkohol ruiniert. Nun trinken Sie schon, meine Herren.

OLGA : Trinken Sie, es wird ja wohl nicht vergiftet sein, ha ha.

Nastassja wirft Olga einen finsteren Blick zu und tippt an den Kopf. Sie trinken, nichts passiert, alle stehen schweigend.

OLGA gespielt : Uaaah, bin ich müde.

Nastassja erschrickt, schnuppert an ihrem Glas.

KOPEKOWITSCH wankend : Doktor Rippenfell ...

NASTASSJA u. OLGA zugleich : Was ist denn?

RIPPENFELL ebenfalls den Halt verlierend : Kopekowitsch ...

Kopekowitsch und Rippenfell fallen zu Boden.

OLGA : Wohin mit ihnen?

NASTASSJA : In den Keller.

OLGA : In den Keller, klar. Zu der Gans, ha ha. (Sie fasst Kopekowitsch.) Heiliger Strohsack, ist der schwer.

NASTASSJA mit Rippenfell schon nahe der Tür : Was ist, wo bleibst du?

OLGA müht sich : Er hat sich verkantet.

NASTASSJA : Jetzt mach schon, reiß ihn los.

OLGA : So schwer wie der ist, reißt er mich eher los. Hilf mir.

NASTASSJA : Oh, Olga! (Sie zerrt grob an Kopekowitsch.)

Die Szene geht über in die Vierzehnte Szene.


Personen 


Vierzehnte Szene


Schauplatz wie zuvor. Während Olga und Nastassja versuchen, Kopekowitsch vom Fleck zu ziehen, kommt Wassilissas Puppe (in ganzer Größe) hereingeschlichen; sie steigt vorsichtig über Rippenfells Körper und macht sich anscheinend ein Bild von der Situation.

PUPPE streng : Was geht denn hier vor?

NASTASSJA schreit auf : Ahhh! Hab' ich mich erschreckt. Wer seid Ihr?

PUPPE : Ich stelle die Fragen. Was macht ihr mit denen da?

OLGA streichelt Kopekowitsch liebevoll die Wangen : Wir haben bloß ... wir wollten ...

NASTASSJA : Diese Herren haben ein bisschen zu viel getrunken, wir wollten sie ins Bad schaffen, an den Wasserhahn.

PUPPE : Oh, was sehe ich, Waldmeisterlimonade.

NASTASSJA : Ja, ganz frische, heurige, mit einem prickelnden Aroma, trinken Sie nur.

PUPPE schüttet ihr die Limonade ins Gesicht : Du falsche Schlange! Glaubst du, ich wüsste nicht, was ihr angestellt habt.

NASTASSJA : Aber ...

PUPPE : Hüte deine Zunge! Ich weiß über alles Bescheid.

OLGA : Herrje, so ein Mist. Wer sind Sie überhaupt? Sie sehen aus wie Wassilissas alte Puppe.

PUPPE renommiert : Ich bin ein Geist, ein Dämon, der Vollstrecker.

NASTASSJA hat sich das Gesicht mit einem Taschentuch trockengetupft : Pah! Der Vollstrecker? Was vollstrecken Sie denn? Wollen Sie bei uns pfänden?

OLGA : Wir sind ganz ganz arme Vollwaisen, hier gibt es nichts zu holen, (Sie deutet auf den Fleck auf ihrem Kleid.) schauen Sie, in was für Kleidern ...

PUPPE : Rede kein Blech, andere Schlange!

OLGA kurz : Blödmann.

PUPPE : Ich bin der Vollstrecker des Schicksals.

NASTASSJA : Unseres Schicksals?

PUPPE : Jedermanns Schicksals.

NASTASSJA : Wir glauben nicht an so was.

PUPPE : Nicht?

NASTASSJA : Nein. Und jetzt geh' aus dem Weg, oder besser noch, fass' mit an, die beiden Säcke in den Keller zu schaffen.

PUPPE : Das habt ihr euch schön ausgedacht.

OLGA : Nicht wahr, ganz alleine. (Sie zieht wieder kräftig an Kopekowitschs Beinen.)

PUPPE : Aber was dann weiter geschehen soll, das wisst ihr nicht.

OLGA : Oh freilich, Nastassja weiß das. Nastassja, was wird weiter geschehen?

NASTASSJA : Ich bin doch nicht mit dem Klammerbeutel gepudert, ich werde es dir nicht verraten, du Riesenpuppe.

OLGA : Genau. Wenn du unser Schicksal bist, wüsstest du's ja selber. Das heißt, interessieren würde es mich auch. Nastassja, gib mal einen Hinweis, was dann geschehen soll.

NASTASSJA : Erst mal die in den Keller, dann sehen wir weiter.

PUPPE : Ha ha ha! Das ist alles? So lautet eurer Plan? Was seid ihr für einfältiges Pack!

OLGA : Du rede nicht so mit uns, sonst sperren wir dich gleich mit in den Keller.

PUPPE : Das werdet ihr nicht tun.

NASTASSJA : Ach so? Und warum nicht, du Käthe-Kruse-Zombie?

PUPPE : Weil ich euch sagen kann, was ihr tun müsst, damit Wassilissa verschwindet und ihr den Zarewitsch für euch habt.

OLGA : Der weiß wirklich, was wir wollen.

NASTASSJA : Dann sag' es.

PUPPE : Ein gezielter Schuss mit der Pistole aus der Kommode in Wassilissas schönes Köpfchen würde sie auf immer aus der Welt schaffen.

OLGA : Ja, aber wir wollten unseren Weg nach Petersburg nicht mit Pflastersteinen ... ich meine, nicht mit Leichensteinen ... mit Leichen steinigen ... mit Leichen bepflastern.

PUPPE : Eben, deshalb gibt es nur eine andere Möglichkeit, Wassilissa loszuwerden.

NASTASSJA : Welche?

PUPPE : Wir müssen sie fortschicken, dorthin, woher sie nicht wiederkommt.

OLGA : Ins Schenskowitscher Moor?

PUPPE abfällig : Mit welchem Auftrag sollten wir sie dorthin schicken?

OLGA : Wir könnten sagen, der Zarewitsch hat sich dort ... ach so, nein, der ist ja wieder da.

NASTASSJA : Nun sag' schon.

PUPPE : Kennt ihr das Blaue Licht?

NASTASSJA : Natürlich, aber gesehen haben wir's noch nie. Meinst du, wir schicken Wassilissa, das Blaue Licht holen?

OLGA : Um Gottes Willen! Zur Hexe Baba Jaga?

PUPPE : Kennst du sonst jemanden, der das blaue Licht hat?

OLGA : Aber das würde Wassilissas Tod bedeuten.

NASTASSJA : Hast du etwa Mitleid mit dem Scheusal?

OLGA : Nein, ich finde nur, wenn sie schon sterben muss, dann vielleicht schnell und schmerzlos.

PUPPE : Willst du sie erschießen?

OLGA : Nein, ich nicht, ich kann das nicht.

PUPPE : Na also, dann bleibt keine andere Wahl.

NASTASSJA : Aber unter welchem Vorwand sollen wir sie zur Baba Jaga schicken? Wir brauchen das Blaue Licht so wenig wie eine Fuhre Torf aus dem Schenskowitscher Moor?

PUPPE : Das ist wahr. Und darum machen wir es so: der Zarewitsch will Wassilissa zur Frau haben.

OLGA : Was?

PUPPE : Hast du das noch nicht mitgekriegt? Gerade jetzt, in diesem Moment, geben sie sich ihr Versprechen.

OLGA : Oh, das ist furchtbar, wir müssen es verhindern. (Sie ruft nach hinten wie zur Regie.) Abbrechen! Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen!

NASTASSJA packt sie am Arm : Reiß dich zusammen, dumme Pute.

PUPPE : Es ist unumstößlicher Brauch am Zarenhof, dass die Braut, bevor sie in die Ehe eintreten kann, eine Prüfung bestehen muss.

NASTASSJA : Eine Prüfung? Davon habe ich noch nichts gehört.

PUPPE : Ist doch scheißegal. Es wird festgelegt, dass es diese Prüfung gibt, und Wassilissa muss sie bestehen, bevor der Zarewitsch sie nimmt.

NASTASSJA : Und die Prüfung ist: das Blaue Licht von der Hexe Baba Jaga zu holen.

PUPPE : Richtig.

NASTASSJA : Eine Prüfung, die sie nie und nimmer bestehen wird.

PUPPE : So ist es. Und mit der Heirat ist es Asche.

NASTASSJA : Großartig. Nur, wie kriegen wir den Zarewitsch dazu, dass er ihr diese Prüfung stellt?

PUPPE : Das überlasst mir. Ihr sorgt dafür, dass er für eine Weile außer Gefecht gesetzt wird.

OLGA : Sollen wir mit ihm ins Bett gehen?

PUPPE : Darauf wird er sich wohl jetzt nicht mehr einlassen. Ist noch was von dem Schlafmittel da?

NASTASSJA : Ein kleiner Rest.

PUPPE : Für einen kurzen Schlummer reicht es sicher, wir brauchen nur ein paar Minuten.

OLGA : Schon wieder die Limonade ... wird das nicht langsam abgedroschen?

NASTASSJA : Also, jetzt noch mal Schritt für Schritt. Zuerst schaffen wir die hier in den Keller ...

PUPPE : Und gut verstecken, damit man sie nicht entdeckt.

NASTASSJA : Dann kommen der Zarewitsch und Wassilissa zurück.

OLGA sieht nach der Terrasse hin : Da kommen Sie schon.

NASTASSJA : Was?

OLGA : Sie stehen am Gartentor. Oh, sie küssen sich.

PUPPE deutet auf Kopekowitsch und Rippenfell : Schnell, weg mit den beiden.

OLGA : Ja, aber was soll ich denn jetzt machen?

NASTASSJA : Lass dir was einfallen, lenk' sie ab.

Die Szene geht über in die Fünfzehnte Szene.


Personen 


Fünfzehnte Szene


Schauplatz wie zuvor. Nastassja und die Puppe schaffen Kopekowitsch und Rippenfell aus dem Zimmer. Pjotr und Wassilissa kommen wie ein frisch verliebtes Paar zur anderen Seite herein; Olga begrüßt sie überschwänglich aber furchtbar aufgeregt.

OLGA : Da seid ihr ja endlich, Wassilissa hast du schon gehört, du sollst eine Prüfung bestehen.

WASSILISSA : Was soll ich?

OLGA zu Pjotr, der hinter Wassilissa steht : Hier, Alexander Nikitowitsch, trinken Sie. (Sie drückt ihm schnell ein Glas in die Hand, das dabei überschwappt.) Ja, du sollst ... ach Gott ... wollt ihr etwa heiraten?

WASSILISSA zündet Kerzen auf einem Leuchter an : Ja. Der Zarewitsch hat mich gerade gefragt, ob ich seine Frau werden will. (Olga löscht nach ihr die Kerzen wieder aus.) Olga, warum löscht du die Kerzen wieder aus, es wird draußen schon dunkel.

OLGA : Eben, das ist es ja, wir brauchen Licht, mehr Licht.

WASSILISSA : Und deshalb habe ich ...

OLGA : Aber nicht dieses Licht, sondern ein ganz bestimmtes, und du sollst ...

WASSILISSA : Geht es dir nicht gut?

OLGA : Oh, mir geht es großartig, nein, ähm, (Sie hustet sehr stark.) ach, meine krampfartigen Hustenanfälle plagen mich.

WASSILISSA hält sie : Was? Das hattest du noch nie.

OLGA : Doch, als Kind. Und jetzt kehren sie zurück. (Sie sinkt hin.) Oh, ich glaube, mein letztes Stündlein hat geschlagen.

Während sich Wassilissa um Olga kümmert, schleichen sich die Puppe und Nastassja von hinten an Pjotr heran; die Puppe gibt ihm mit einem Nudelholz eins über den Schädel, er bricht lautlos zusammen, und die beiden schleppen ihn hinaus. Dann stellt sich die Puppe hinter Wassilissa auf, ohne in das Geschehen einzugreifen.

WASSILISSA tief besorgt : Olga! Kann ich irgendetwas für dich tun?

OLGA : Ja, es gibt nur ein Mittel, mich zu retten.

WASSILISSA : Was ist es, ich hole es.

OLGA : Ich brauche eine Bestrahlung. Eine Bestrahlung mit dem Blauen Licht, es ist auch zugleich deine Prüfung.

WASSILISSA : Du redest wirres Zeug.

OLGA : Nein, nein, ich bin ganz klar. Wenn du das Licht besorgst und mich damit behandelst, dann hast du deine Prüfung zur medizinischen Assistentin für Bestrahlungstherapie bestanden, das ist doch was, oder?

WASSILISSA : Aber was soll ich damit? Ich werde den Zarewitsch heiraten.

OLGA : Na und? Viele Prinzessinnen haben heute einen bürgerlichen Beruf gelernt. Man kann doch nie wissen, wie lange der Adel anhält. Bitte, bitte, besorge es für mich, das ist vielleicht mein letzter Wunsch, du kannst ihn mir nicht abschlagen.

WASSILISSA : Das Blaue Licht, es ist bei der Hexe Baba Jaga.

OLGA : Bei ebenderselbigen. Wirst du es rechtzeitig schaffen, bevor ich abkratze?

WASSILISSA : Ich könnte ... ich habe ... Wo ist meine Puppe? (Sie dreht sich um.) Ach, da bist du ja. Wo ist der Zarewitsch?

PUPPE : Auf dem Klo.

WASSILISSA : Könntest du mir einen Gefallen tun und mich so schnell wie möglich zur Hexe Baba Jaga bringen? Du siehst, wie dringend Olga das blaue Licht braucht.

PUPPE : Kein Problem. In fünf Minuten können wir wieder hier sein.

OLGA irritiert : Aber wieso denn das? Ich meine, in fünf Minuten bin ich vielleicht schon tot.

WASSILISSA : Wir beeilen uns so sehr wir können. Komm' Puppe, es hängt jetzt alles von dir ab.

PUPPE : Ich werde mein Bestes tun.


Personen 


Sechzehnte Szene


Die Puppe und Wassilissa sind gerade gelandet und betreten das Haus der Hexe Baba Jaga. Eine alte aber geräumige Hütte mit einigem Hexen Ambiente, aber nicht übertrieben; auf den zweiten Blick recht gemütlich. In der Mitte steht quer ein langer Holztisch.

WASSILISSA schaut sich neugierig um : Hier ist es, wo die Baba Jaga wohnt? Bist du sicher?

PUPPE : Ganz sicher.

WASSILISSA : Ich habe es mir anders vorgestellt.

PUPPE untersucht hier und da einige Dinge : So? wie denn?

WASSILISSA : Irgendwie hexenmäßiger, gruseliger. Als Kind habe ich immer vom Haus der Baba Jaga geträumt. Da gab es das lodernde Herdfeuer mit dem Kessel, in dem die Hexensuppe blubbert. Und Fledermäuse, schwarze Kater, Ratten, Spinnen, Schlangen, all' so'n Zeug. Und durch alle Ritzen pfiff der Wind, die Dachziegel klapperten, die Balken knarrten. (Eine schwarze Katze schleicht träge durch den Raum, ohne die beiden zu beachten.) Und vor allem, die Baba Jaga war da. Wo ist sie?

PUPPE : Scheint gerade mal weg zu sein.

WASSILISSA : Wir müssen schleunigst zurück, sonst stirbt Olga, und der Zarewitsch macht sich Sorgen, wo ich so lange bleibe.

PUPPE hat es weniger eilig : Wir können nicht ohne das Blaue Licht zurückkommen.

WASSILISSA : Nein, ohne das blaue Licht, das wäre ja noch schlimmer. Olga würde mir die Schuld geben, dass sie gestorben ist, und das mit Recht. Und der Zarewitsch, der würde vielleicht denken, dass ich unfähig bin, so eine kleine Aufgabe zu bewältigen.

PUPPE : Immerhin kommen nur wenige Sterbliche in dieses Haus?

WASSILISSA : Tatsächlich? Wo es doch eigentlich gar nicht so schrecklich anmutet.

PUPPE : Das täuscht, manche halten das für einen der Vorhöfe zur Hölle.

WASSILISSA : Ach was, du übertreibst. (Sie hebt von einem großen Topf den Deckel hoch und erschrickt.) IIIhhhh! Was ist das?

PUPPE wirft einen Blick hinein; trocken : Sieht aus wie der Kopf eines Mannes.

WASSILISSA knallt den Deckel wieder drauf : Hast du die Augen gesehen?

PUPPE : Wie sollte ich nicht? Bei dem Blick.

WASSILISSA : Hat sie das getan?

PUPPE : Schätzungsweise ja, oder zumindest einer ihrer Gehilfen. Weißt du, die Baba Jaga ist gar nicht so grausam, wie die meisten Menschen denken.

WASSILISSA : Wenn man das da sieht, könnte man es aber vermuten.

PUPPE : Du musst bedenken, sie macht das schon seit vielen hundert Jahren.

WASSILISSA : Den Leuten die Köpfe abschneiden?

PUPPE : Dafür ist sie nun mal auf der Welt, das Böse ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Daseins.

WASSILISSA : Du liebe Güte, du kannst ja richtig philosophisch sein. Und wie kommst du dann darauf, dass sie weniger grausam wäre als angenommen.

PUPPE : Sie teilt das Schicksal von allem, das von Anfang an dabei ist: es ermüdet.

WASSILISSA die weiter neugierig herumläuft : Es ermüdet? Du meinst, sie schläft gerade?

PUPPE : Ich meine es allgemeiner, metaphysisch. Alles ermüdet mit der Zeit, es wird langsamer, schwerfälliger, weitschweifiger.

WASSILISSA : Was heißt denn das, weitschweifiger?

PUPPE : Es entfernt sich immer weiter von allem, mit dem es zu tun hat. Die Distanz wird größer, und endlich verliert es die Beziehung zu den Dingen und zu den eigenen Handlungen, es verliert sich selbst.

WASSILISSA : Deshalb ist es dir wohl auch schon egal, dass dein rechtes Auge nur noch an einem Faden hängt.

PUPPE peinlich berührt : Ach das. Auf dem sehe ich sowieso nicht mehr gut.

WASSILISSA : Und du glaubst, die Baba Jaga ist gar nicht mehr zu Hause?

PUPPE : Noch ist es nicht soweit, dass sie sich endgültig zurückzieht. Wahrscheinlich ist sie sogar hier und erwartet uns.

WASSILISSA verschwiegen : Sie ist hier und beobachtet uns! Sicher wartet sie nur darauf (plötzlich so laut, dass man es hören soll:) eine gute Tat zu vollbringen, und mir das Blaue Licht zu geben. Ich will es ja auch nur mal ausleihen. Es wäre wirklich jammerschade, wenn wir zurückkehren und sagen müssen, die Baba Jaga hat ein Herz aus Stein, das sich nicht einmal durch die Schmerzenstränen eines todkranken Mädchens erweichen lässt.

Draußen vor der Tür ist Lärm zu hören; etwas nähert sich.

WASSILISSA : Was ist das für ein Gepolter? Sie hat uns gehört. Jetzt schnell um das Blaue Licht bitten, und dann nichts wie weg hier.

Die Tür fliegt auf und es platzen herein: ein Esel, ein Hund, ein Kater und ein Hahn: die BREMER STADTMUSIKANTEN, prächtig herausgeputzt, aber inzwischen heruntergekommen; insbesondere Hahn macht einen versoffenen Eindruck. Sie springen auf den Tisch und ziehen ihre Show ab; groteske und obszöne Bewegungen, schräge Musik.

HAHN :
..........................Scheißt der Preuße in die Bude,
..........................Streiten sich bald Christ und Jude.

ESEL :
..........................Pisst der Sachse in das Loch,
..........................Vertragen sie sich schließlich doch.

HUND :
..........................Ho he, des Klabautermanns blindes Weib,
..........................Des Klabautermanns lahmes Kind
..........................Vergewaltigt der Wind.

KATER :
..........................Ho he, stürmisch die See,
..........................Wo dein Mund den Arsch nicht küsst,
..........................Dort nicht meine Heimat ist.

HAHN :
..........................Dort nicht meine Wiege stand,
..........................In dem öden Preußenland.

PUPPE zu Wassilissa : Sehen aus wie die Bremer Stadtmusikanten.

WASSILISSA förmlich : Seid ihr die Bremer Stadtmusikanten?

HAHN und KATER :

..........................Musikanten. Elefanten.
..........................Meister der pompösen Kunst.
..........................Konditoren, Komödianten,
..........................Wir erweisen euch die Gunst.

ESEL und HUND :

..........................Igelschnitt! Igelschnitt!
..........................Da nehm ich gleich die Angel mit.
..........................Da pack ich gleich die Zange ein,
..........................Und sollt's die letzte Reise sein.

WASSILISSA : Ich verstehe das nicht. Könnt ihr's mir freundlicherweise erklären.

KATER : Was erklären, du hellhäutige Maurin, lockige Pracht.

ESEL : Schön war die Nacht.

HAHN : Aber leider zu kurz.

HUND : Hat nicht gereicht.

KATER : Hat nicht gelangt.

ESEL : Von vorn es anfangt.

HAHN :
..........................Von vorne und von hinten mag ich's,
..........................Wenn er drinnen ist, dann sag' ich's.
..........................Wenn es spritzt, dann schrei ich auf,
..........................Lösch' es, ich verlass mich drauf.

WASSILISSA zur Puppe : Irgendwas von einer Feuerwehr.

HUND :
..........................Nimm' es leicht und nimm's nicht schwer.
..........................Wo nehm' ich nur ach! Die Sonne her?
..........................Im Winter

ESEL :
..........................Wo lass' ich den Furz bloß fahren,
..........................Nach all' den verlorenen Jahren.

KATER :
..........................Spare nicht in der Not,
..........................Bald bist du tot.
..........................Verwöhne deine Cousine
..........................Mit Halbfettmagarine.

HAHN : Was führt euch her ...

WASSILISSA : Wir wollen das ...

HUND : Was führt euch hin?

ESEL : Nach dem nördlichen Meer ...

PUPPE reagiert : Steht mir der Sinn.

ESEL : Gut. Sehr gut. Er ist einer von uns ...

KATER während ihm Puppe aufmerksamer zuhört :

..........................Gewesen
..........................Und genesen
..........................Von der Seuche, von der Plage.
..........................Trauer hat ihn, Einsamkeit,
..........................Hergebracht, und mit Geleit
..........................Des schönen Mädchens.
..........................Reiner Seele, frohen Mutes,
..........................Erfreut sich
..........................Wassilissa, tut nur Gutes.
..........................Hat das Herz am rechten Fleck.

HAHN torkelt, fasst sich an die Brust : Ah, Kameraden! (Er bricht auf dem Tisch zusammen, streckt alle Viere von sich.)

WASSILISSA Hände vor dem Mund : Oh Schreck!

KATER verächtlich : Sentimentale Göre!

HUND theatralisch : Hahn, was ist dir?

ESEL : Ein Schwächeanfall.

PUPPE trocken : Das ist das bedauerlichste Ende seit den Comedian Harmonists.

HUND : Freunde! Hahn ist verschieden.

KATER : Er hat nicht lange gelitten.

ESEL : Kämmt ihm das Haar mit seinem eigenen Kamm.

KATER : Schmückt ihn mit seinen eigenen Federn.

HUND : Legt die Eier seiner Hennen neben ihn.

KATER : Auf den Mist. Damit endlich Ruhe ist.

WASSILISSA : Vielleicht ist er noch nicht ganz tot.

Esel, Hund und Kater schauen sie verwundert an.

HUND : Was meinst du?

WASSILISSA : Man könnte versuchen, ihn zu reanimieren.

ESEL : Reonanieren? Hast du darin Erfahrung?

Man sieht, wie sich bei Hahn ein enormer Phallus aufrichtet.

WASSILISSA : Ich nicht, aber Puppe hier kann so ziemlich alles.

Der Phallus fällt in sich zusammen.

KATER : Na Puppe, dann mal ran an den Hahn.

HAHN rappelt sich wieder auf : Ah, Kameraden, ich habe noch was vergessen.

ESEL, HUND, KATER :

..........................Er ist ganz versessen
..........................Auf das Leben vor dem Tod;
..........................Auf ein frisches Butterbrot
..........................Von der Mutter,
..........................Von der Schwester

HAHN deutlich zu Wassilissa : Von der Hexe!

ESEL, HUND, KATER :

..........................Ja, da lässt er
..........................Alles steh'n
..........................Und wieder sinken.

HAHN :
..........................Kommt! Nun lasst uns endlich trinken,
..........................Singen, tanzen, vögeln auch
..........................Mit voller Kraft;
..........................Ein Hoch auf Bremens Bürgerschaft!

HUND : Habt ihr uns was mitgebracht?

PUPPE : Nein, wieso?

KATER : Wisst ihr etwa nicht, wo ihr hier seid?

WASSILISSA : Bei der Hexe Baba Jaga.

HAHN : Babajagga, babajagga, du bist wohl noch ein kleines Baby?

WASSILISSA : Kann man sich auch vernünftig mit euch unterhalten?

HUND : Nein. Wir sind es, die unterhalten.

ESEL : Wir sind Künstler. Wir bereiten unsere nächste Tournee vor.

PUPPE : Die wäre eben beinahe ins Wasser gefallen.

KATER : Wegen Hahn? Großer Gott, wie oft mussten wir den schon ersetzen.

HAHN : Und Hund nicht minder oft, und Esel und Kater.

PUPPE : Alle gedoubelt?

HUND : Gedoubelt? Getripelt, geviertelt, so oft du willst, du Brotbeutel. Sag mal, was hast du eigentlich in dir drin? Heu?

PUPPE : Holzwolle.

ESEL : Holzwolle? Ist das nicht das Zeug, was so gut brennt? (Er zaubert eine Zigarre hervor.) Gib' mir doch mal Feuer.

ALLE : Ha ha ha.

KATER : Spaß beiseite, hier ist nicht der Ort, um Witze zu reißen. Eintritt habt ihr auch nicht bezahlt. Ich hoffe, ihr habt einen triftigen Grund, uns hier von der Arbeit abzuhalten. Wir haben alles versichert. Mein Schnurren, Esels Stimme, Hunds Gebell, Hahns Kikeriki ...

HAHN : Und meine Eier!

HUND : Alles versichert, wie Jennifer Lopez' Allerwertester. Wir haben natürlich auch eine Verdienstausfallversicherung, doch wenn ihr uns am Verdienen hindert, geht das auf eure Kosten. Ich hoffe, ihr habt eine gute Haftpflichtversicherung.

WASSILISSA : Wir haben jetzt vor allem keine Lust mehr, uns euern Scheiß anzuhören.

HAHN : Das kleine Biest.

ESEL : Puppe, sag ihr, so kommt sie hier nicht weiter.

PUPPE : Wir haben es eilig. Wir müssen mit der Baba Jaga sprechen.

HUND : Das lässt sich arrangieren. Sobald sie wieder da ist.

WASSILISSA : Nein, sofort.

ESEL : Sofort ist Erpressung, wir lassen uns nicht erpressen, dafür sind wir schon viel zu berühmt.

PUPPE : Ich sage euch, das hier ist Wassilissa. Sie wird bald 'Die schöne Wassilissa' genannt werden, und dann ebenso berühmt sein.

KATER : Na und, sie ist keine Konkurrenz für uns. Und außerdem wollen wir es erst mal so weit kommen lassen.

PUPPE : Ihr könntet ihr helfen.

HUND : Wir sind keine Kulturbotschafter von der Unesco, Puppe.

HAHN : Wir kommen aus dem Ghetto, wir haben uns ganz langsam hochgearbeitet, langsam und hartnäckig, uns hat auch niemand geholfen, im Gegenteil, wir mussten oft genug Prügel einstecken. Was ist jetzt, warum heult die Pute?

WASSILISSA : Es ist nur ... wenn Olga stirbt ...

HAHN : Oh, sie soll aufhören zu flennen, das erinnert mich unangenehm an meine Schwester.

PUPPE : Wenn ihr uns wenigstens sagt, wo die Baba Jaga ist.

HAHN : Komm mir nicht zu nahe, du Heulsuse, sonst raste ich aus. Wie meine Schwester, das Aas.

ESEL : Wo die Hexe steckt?

HUND : Halt's Maul, Esel.

KATER : Aber Leute, ihr seht doch, wie Hahn sich quält. Ist es das wirklich wert?

HUND : Der kriegt sich schon wieder ein.

ESEL : Ich finde auch, wir sollten die alte Hexe ...

HUND : Halt's Maul.

PUPPE : Was ist mit Baba Jaga? (Sie zieht eine Pistole aus irgendeiner Öffnung seines Puppenkörpers.) Jetzt redet, oder ich knall euch ab.

WASSILISSA verwundert : Woher hast du die Pistole?

PUPPE : Aus der Kommode.

WASSILISSA : Von Olga und Nastassja?

HAHN : Wer ist Nastassja?

PUPPE : Na klar, die lag gleich neben dem Fläschchen mit dem Schlafpulver, das Kopekowitsch und Doktor Rippenfell eingenommen haben.

WASSILISSA : Schlafpulver?

HUND : Fuck, wovon reden die?

KATER : Keine Ahnung, wahrscheinlich irgend so eine Daily Soap aus dem Vorabendprogramm, wegen sowas geht unsere Quote in den Arsch.

WASSILISSA : Was ist mit den beiden jetzt?

PUPPE : Sie liegen im Keller.

ESEL : Im Keller? Bei der Hexe?

HAHN : Lass dich nicht reinlegen, du Esel.

PUPPE : Was quatscht der da von Keller?

HUND : Du quatscht die ganze Zeit von Keller. Und hör auf, mit dem Ding herumzufuchteln.

PUPPE : Ich knall euch ab, mit dem Katzenvieh fang ich an, dann könnt ihr euch eure Tournee abschminken.

HAHN : Kater haben wir schon so oft gedoubelt, da kommt es auf einmal mehr auch nicht an.

KATER zu Hahn : Du blöder Arschgeier, ich lass mich wegen dir nicht abknallen. Ich werde ihm jetzt sagen, dass die Hexe im Keller ist.

PUPPE : Also, zum letzten Mal: wo ist die Hexe?

WASSILISSA : Mensch, Puppe, hast du nicht gehört? Sie ist im Keller.

PUPPE zielt nun auch auf Wassilissa : Woher weißt du das?

HUND : Jetzt steck das Ding ein, es wird sowieso nie ein John Wayne aus dir.

HAHN : Na gut, ich lass sie raus.

PUPPE : Halt! Woher weiß ich, dass du nicht abhaust?

ESEL : Ja, woher wissen wir das?

HAHN : Gott, seid ihr misstrauisch. Ich lasse meinen Kamm hier als Pfand. Aber niemand rührt den an, verstanden. (Er geht.)

KATER : Buuäh! Das eklige Teil.

HUND : Er hat ihn angeblich aus einem Pavianarsch machen lassen.

PUPPE : Das interessiert mich nicht.

HUND : Hör mal, wenn die Baba Jaga jetzt auftritt und du stehst da mit dem Knalleisen, dann könnte es passieren, sie erschrickt und setzt dich mit einem hübschen Blitz in Brand. (Puppe legt nach einigem Zögern die Pistole auf den Tisch.) So ist's brav.

ESEL untersucht die Pistole : Die ist gar nicht geladen.

HUND : Haben wir dir doch gesagt, er legt uns bloß rein.

Die Szene geht über in die Siebzehnte Szene.


Personen 


Siebzehnte Szene


Schauplatz wie zuvor. Hahn kommt mit Baba Jaga.

BABA JAGA : Was soll das? Wer hatte die blöde Idee, mich einzusperren?

ESEL, HUND, KATER bezichtigen sich gegenseitig : Der war's.

BABA JAGA : Ihr Knallköpfe! Ich sollte euch alle zusammen zu Griebenschmalz verarbeiten, wenn nicht meine Zeit dafür zu schade wäre.

HUND : Ja, und wenn wir dafür nicht zu schade wären.

BABA JAGA : Du räudiger Köter! Du bist der größte Nichtsnutz von allen, wahrscheinlich hast du die anderen angestiftet.

HAHN der sich wieder zu den anderen gesellt hat : Aber Baba Jaga, wir haben dir doch nichts zuleide getan. Und außerdem musst du zugeben, dass es ohne unsere Streiche ziemlich langweilig wäre.

ESEL : Ja, wir tragen zur allgemeinen Erheiterung bei, wie sich das für echte Künstler gehört.

KATER : Wir hatten jedenfalls unseren Spaß. Von rechts wegen müsstest du uns eine hübsche Gage zahlen.

BABA JAGA : Von rechts wegen müsste ich dir den Schwanz stückweise abhacken. Komm' nur her, du Dachhase! Wo ist mein Besen? (Puppe greift den Besen, der in einer Ecke steht und gibt ihn ihr.) Danke. So, jetzt werde ich euch zeigen, wer hier die Hexe im Haus ist, ihr elenden Missgeburten, ihr Drückeberger, Arbeitsscheuen, Schmarotzer, Nachtasylanten. (Sie verprügelt die Tiere, die sich jaulend verdrücken.)

PUPPE applaudiert : Bravo, bravo, das ist die Baba Jaga, wie man sie kennt und fürchtet.

BABA JAGA : Und wer seid ihr? Etwa Freunde von denen?

PUPPE : Gott bewahre, nein.

WASSILISSA : Liebe Hexe ...

BABA JAGA : Rede nicht so mit mir, ich bin nicht deine Großmutter.

WASSILISSA : Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.

Baba Jaga geht umher und schaut nach dem Rechten. Wassilissa bleibt an ihr dran.

BABA JAGA : Zwecklos.

WASSILISSA : Aber es geht um ein Menschenleben.

BABA JAGA schaut kurz in den Topf von vorhin : Ha ha ha. Das ist ein guter Witz. (in Richtung der Tiere:) Hört ihr, ihr stinkendes Gesindel, das war ein Witz, nicht solche abgeschmackten Zoten, wie ihr sie reißt.

WASSILISSA : Es ist kein Witz, meine Schwester ...

PUPPE stellt richtig : Allenfalls Stiefschwester.

WASSILISSA : Sie liegt im Sterben.

BABA JAGA : Ja und, was kann ich dafür?

WASSILISSA : Du könntest sie retten, genauer gesagt, das Blaue Licht, welches ...

BABA JAGA betrachtet die Puppe genauer : Sag mal, kennen wir uns nicht?

PUPPE nicht ganz sicher : Kaum möglich.

WASSILISSA : Das Blaue Licht ...

BABA JAGA : Lüg' mich nicht an, ich kenne dich.

PUPPE : Wie soll ich das wissen, wenn du es selbst nicht genau weiß.

WASSILISSA bemüht sich vergeblich : Ich brauche es nur ganz kurz, um Olga damit ...

BABA JAGA : Wer ist Olga?

WASSILISSA : Meine Stiefschwester.

BABA JAGA betrachtet die Puppe eingehend, zupft an ihr etc. : Und was hat die damit zu tun?

WASSILISSA : Das habe ich dir doch gerade erklärt.

BABA JAGA beschnuppert die Puppe : Wie riechst du? So ... so nach ...

WASSILISSA das aufgreifend : Vielleicht nach Lavendel, ich habe ein Säckchen mit Lavendel in der Kiste, wo er auch immer drin liegt.

BABA JAGA betroffen : Du bist in einer Kiste eingesperrt?

WASSILISSA : Na was denn? Normalerweise ist er eine Puppe, und sie ... er ... wohnt in der Puppenkiste. (zur Puppe:) Was bist du eigentlich? Ein Er oder eine Sie? Das fällt mir jetzt erst auf.

BABA JAGA : Ein Er natürlich, das ist doch ganz eindeutig.

WASSILISSA : Für mich nicht. Für mich war er ... sie immer beides, oder genauer gesagt, keins von beiden. Mensch, jetzt habt ihr mich ganz davon abgebracht, was ich eigentlich wollte.

BABA JAGA nachdenklich : Wie lange bist du schon mit ihr zusammen?

WASSILISSA : Die Puppe? Och, die habe ich seit ...

BABA JAGA : Ich habe ihn gefragt.

PUPPE : Ich habe erst ihrer Mutter gehört, sie ist gestorben und kurz vor ihrem Tod hat sie mich Wassilissa vermacht.

BABA JAGA : Wassilissa? Die schöne Wassilissa?

WASSILISSA : Ja, das bin ich.

Baba Jaga wendet sich Wassilissa zu, als wenn ihr etwas klar würde.

BABA JAGA : Lass dich ansehen, mein Täubchen. Das ist also das Mädchen, das mir meinen ...

PUPPE : Was denn?

BABA JAGA ausweichend : Das mir mein Blaues Licht stehlen will.

WASSILISSA : Aber nicht doch, niemand spricht von stehlen, ich will es mir ausborgen, nur für einen Tag oder höchstens zwei. Ich lasse es auch nicht unnötig brennen.

BABA JAGA : Ich habe es nicht hier, es ist bei Nathan Silberbaum, der es für irgendwelche alchemistischen Experimente braucht.

PUPPE : Beim Juden Silberbaum?

WASSILISSA : Kennst du den? Können wir's dort holen?

BABA JAGA erstaunt : Du kennst den alten Silberbaum?

PUPPE besinnt sich : Ich weiß nicht, es scheint mir, ich hätte ... Hat er nicht einen goldenen Ohrring und so einen krummen, verwachsenen rechten Zeigefinger?

BABA JAGA : Das war sein Urgroßvater.

WASSILISSA : Den kennst du auch?

BABA JAGA : Sag', wie bist du seinerzeit zu Wassilissas Mutter gekommen?

WASSILISSA : Das habe ich sie auch immer gefragt, aber sie wollte es mir nicht verraten.

PUPPE : Ich weiß nicht, ich erinnere mich nur ... ich war in einem Haus im Wald, es war ein sonniger Nachmittag im Herbst ...

BABA JAGA : Es war September.

PUPPE : Könnte sein. (Sie/Er schildert alles so anschaulich, wie es ihr/ihm in Erinnerung ist.) Die Sonne schien auf die bunten Blätter draußen, und manche fielen schon herab. Ich weiß noch, wie ich dachte: jetzt müsstest du so ein Blatt sein, du kommst auf die Erde. Solange musstest du am Baum festhängen und musstest Wind und Wetter ertragen, und nun kommst du auf der Erde an und du bist frei, du kannst fortlaufen.

BABA JAGA schüttelt den Kopf : Du wolltest fort, du kleiner Schlingel.

PUPPE : Nein. Ja. Eigentlich nicht. Aber ich war neugierig, was da draußen in der Welt so vor sich geht. Ich war ja immer nur in diesem Haus, und ich fühlte mich so einsam. (geht zum Fenster usw.) Und wie ich so aus dem Fenster schaute, da ... da kam auf einmal eine heftige Windböe und riss das Fenster auf und im nächsten Moment stand ein ... ein, na ich hatte gedacht, es ist ein stattlicher Zauberer, nach diesem Wirbelwind und den zerbrochenen Fensterscheiben, aber ich war ein bisschen enttäuscht, dass es nur ein alter hutzeliger Zwerg war. Ich fragte ihn: wer bist du? Und er erwiderte: Das sag' ich dir später. Dann fragte er mich: Willst du mit mir kommen? Ich fragte: Wohin? Er sagte: Hinaus, ins Offene. Ins Offene? Was ist das? Die Welt, das Leben, die Menschen, alles ich kann es dir zeigen. Ich sagte: Da muss ich erst meiner Mutter Bescheid sagen, und er sagte: Das habe ich schon getan. Und das war natürlich gelogen, aber ich habe mich täuschen lassen und bin mit ihm gegangen, und er packte mich und zog mich mit hoch in die Lüfte, über den Bäumen, fast an den Wolken flogen wir dahin, und ich sah noch das Haus, klitzeklein, dann war es verschwunden, und es kamen Wälder, Wiesen und Flüsse, Dörfer und Städte und ... mein Gott, jetzt fällt mir alles wieder ein. Dieser Zwerg ...

BABA JAGA erläuternd zu Wassilissa, die sehr aufmerksam zuhört : Es war Alberich, einer meiner Todfeinde.

PUPPE : Er hat mich ...

Baba Jaga hat sich auf einen Stuhl gesetzt, die Puppe, die sich alles gefallen lässt, auf den Schoß genommen und beginnt, mit einer Schere, an ihrem Puppenkostüm zu schnippeln.

WASSILISSA : Was machst du? Hör auf, ihre Nähte aufzutrennen, ich habe sie überall mit großer Mühe zusammengeflickt. (zur Puppe:) Jetzt lass dir das nicht gefallen, wehr dich! Wir müssen fort von hier ... das Blaue Licht ... Olga, hast du das vergessen?

PUPPE zufrieden mit dem was geschieht : Ach was, Olga geht es gut, sie wollte dich bloß loswerden. (vertraulich zur Baba Jaga:) Vorsichtig mit der Schere.

WASSILISSA : Was redest du da? Baba Jaga, lass ihn in Ruhe!

PUPPE : Hi hi hi, das kitzelt. (nebenbei zu Wassilissa:) Olga hat sich nur verstellt, sie ist gar nicht krank. Sie und Nastassja ... hier hängt noch ein Faden fest ... sie wollen den Zarewitsch für sich haben. Und dich ...

BABA JAGA : Halte mal still.

PUPPE : Aua!

BABA JAGA hält ein verknotetes Stück Faden hoch : Das war's, das war der böse Knoten.

PUPPE : Und dich wollten sie umbringen, indem sie dich hierher schickten. (Baba Jaga lässt den Fadenknoten in einem zischenden Flämmchen verglühen. Puppe springt auf, sie ist ein schöner, blonder Jüngling geworden.) Oh, ich fühle mich so wohl, wie neugeboren.

WASSILISSA : Heiliger Strohsack, wie siehst du aus?

PUPPE vergnügt : In Wahrheit bin ich gar keine Puppe.

BABA JAGA : Nein, beim Luzifer, du bist ein wunderschöner, blonder Iwanuschka.

PUPPE und WASSILISSA zugleich : Iwanuschka?

BABA JAGA herzt ihn : Ja mein Lieber, du bist wieder der, der du immer gewesen bist. Du bist mein Sohn, mein allerliebster, entzückender Iwanuschka. Das Haus, in dem du als Kind lebtest, es war dieses Haus. Alberich hatte dich entführt und in eine Puppe verwandelt, die ihm seine Wünsche erfüllt. So viele Jahre musstest du als Puppe halb lebendig halb leblos dahinvegetieren, armer Iwanuschka.

IWANUSCHKA : Ich konnte von ihm fliehen.

BABA JAGA : Aber den Weg nach Hause konntest du allein nicht finden, bis dich das Schicksal in die Hände Wassilissas gab, die dich vielleicht ohne es recht zu wissen in dein wahres Dasein und zu mir zurückführte.

PUPPE : Nun weiß ich, was mich die ganze Zeit insgeheim hierhergetrieben hat.

WASSILISSA : Das ist ja ... wie im Märchen.

Im Hintergrund tauchen Esel, Hund, Kater und Hahn wieder auf und verfolgen beeindruckt das Geschehen. Ganz links steht Esel, der nach rechts wie in die Bühnenseite guckt, wo ein Arm erscheint, ihm ein Zeichen gebend. Esel vergewissert sich, ob er gemeint sei und folgt dann dem Wink nach draußen, ohne dass die anderen es bemerken. Einen Moment später kommt (ein) Esel wieder an seinen Platz.

IWANUSCHKA singt :

..........................Ein Knabe war ich, unberührt;
..........................Im Hexenhaus, da wuchs ich auf.
..........................Ein böser Zwerg hat mich entführt,
..........................Da nahm das Unheil seinen Lauf.

BABA JAGA singt :

..........................Nur einen kurzen Augenblick
..........................Ließ ich das Kind für sich allein.
..........................Es kam nicht mehr nach Haus zurück,
..........................So traurig sollt' ich fortan sein.

WASSILISSA singt :

..........................Von dieser Hexe hörte man
..........................Bislang nur scheußliche Geschicht'.
..........................Dass eine Mutter sie sein kann,
..........................geglaubt hätt' ich das vorher nicht.

ALLE DREI singen :

..........................Doch du! Verliere nicht den Mut;
..........................Das Leben ist kein Reimgedicht,
..........................Für jede Überraschung gut,
..........................Begegne ihr mit Zuversicht.

IWANUSCHKA singt :

..........................So kam es, dass ich jahrelang
..........................Als Puppe ging von Hand zu Hand.
..........................Und musste dienen unter Zwang,
..........................Bis ich zu diesem Mädchen fand.

BABA JAGA singt :

..........................Zu ihr zu führen meinen Sohn,
..........................Wand auf ich alle Hexerei.
..........................Fast schwanden meine Kräfte schon,
..........................Fast brach mein Hexenherz entzwei.

WASSILISSA singt :

..........................Ich ahnte nicht, weshalb 's geschieht,
..........................Die Wirklichkeit oft täuschen kann.
..........................Doch wendet sich, wie man hier sieht,
..........................Zum Guten, was schrecklich begann.

ALLE DREI singen :

..........................Du bleib standhaft, werd' nicht träge,
..........................Fördernd ist Beharrlichkeit.
..........................Denn keiner kennt des Lebens Wege,
..........................Du wirst belohnt zur rechten Zeit.

Die Szene geht über in die Achtzehnte Szene.


Personen 


Achtzehnte Szene


Schauplatz wie zuvor.

PUPPE : Wassilissa, ich will dir danken, du hast mich eigentlich wieder nach Hause gebracht, lass dich umarmen.

Esel springt plötzlich aus der Reihe auf und stürzt sich mit einem Holzschwert auf Iwanuschka, als er Wassilissa umarmen will.

DER ESEL : Ha!

HUND : Esel, was fällt dir ein! Bist du verrückt geworden?

DER ESEL hält kurz inne : Häh? Dummes Pack! (zu Iwanuschka:) Und du lass' die Finger von meiner Wassilissa.

HAHN : Esel! Mach' dich nicht unglücklich, die ist eine Nummer zu groß für dich.

IWANUSCHKA : Ich tue ihr ja gar nichts.

WASSILISSA zum Esel : Er wollte mich bloß umarmen.

DER ESEL : Zurück, sage ich! Und für dich, alte Hexe, hat das letzte Stündlein geschlagen.

KATER : Er dreht total durch.

Von der Seite kommt Esel wieder auf die Bühne, er reibt sich den Schädel.

ESEL : Freunde!

Hund, Kater und Hahn starren ihn fassungslos an.

HUND : Mein Gott, jetzt ist er auch noch eine gespaltene Persönlichkeit. Mit dem können wir unmöglich auftreten.

Wassilissa und Iwanuschka haben dem Angreifer überwältigt und die Maske vom Kopf gerissen, und es steckt in Wahrheit Pjotr Zarewitsch darunter.

WASSILISSA : Pjotr Zarewitsch!

PJOTR wagemutig, obwohl er längst unterlegen ist : Halte noch zwei Sekunden aus, ich befreie dich sogleich.

WASSILISSA : Aber das ist nicht nötig, hier ist alles in Ordnung.

PJOTR : Hat sie dich unter Drogen gesetzt? (auf Iwanuschka deutend:) Wer ist der Kerl?

WASSILISSA : Es ist Iwanuschka, meine alte Puppe, er ist ihr Sohn.

PJOTR besserwisserisch : Das Märchen habe ich mitangehört. Und jetzt wollen sie dich fressen.

BABA JAGA : Fressen? Die Braut des Zarewitsch? Für wen hältst du mich, Söhnchen, für eine Vaterlandsverräterin? Mein Reich ist die Hölle, doch meine Heimat ist Russland. Ich möchte, dass ihr beide glücklich werdet.

PJOTR : Du wirst ihr nichts antun?

BABA JAGA : Im Gegenteil, ich werde euch reich beschenken. Ich weiß zwar, dass du Gold und Edelstein nicht nötig hast, aber ich habe da zwei, drei Schmuckstückchen, die sind was Besonderes.

WASSILISSA : Pjotr Zarewitsch, ich finde es so heldenhaft von dir, dass du extra hergekommen bist, um mich zu retten. (Sie küsst ihn.)

PJOTR ritterlich : Pah, das ist doch selbstverständlich, ich tue alles für dich.

ESEL tritt an Pjotr heran : Her mit meiner Maske. Du könntest dich wenigstens bei mir entschuldigen.

HUND : Esel! Du sprichst mit seiner Hoheit, dem Zarewitsch.

ESEL weinerlich : Er hat mir eins über den Kopf gegeben, da seht nur, die Beule.

PJOTR : Es tut mir Leid, Esel. Du bekommst eine Gratisbehandlung bei meinem Leibarzt, Doktor Rippenfell. Seine Assistentinnen werden dir die Schmerzen vertreiben.

HAHN, HUND, KATER : Au, mein Ischias. Mein Hals. Meine Gelenke.

WASSILISSA besorgt : Was ist mit Doktor Rippenfell und mit Kopekowitsch?

PJOTR : Sie sind wohlauf.

WASSILISSA andeutend : Und ... ?

PJOTR : Und sie haben Olga und Nastassja als Dienstmädchen bei sich eingestellt. Du hast doch nichts dagegen?

WASSILISSA : Soll mir recht sein.

IWANUSCHKA : Dann lasst uns gemeinsam feiern.

WASSILISSA : Ach, lieber Iwanuschka, liebe Baba Jaga, wir wollen schnell zurück und nach Petersburg, es gibt jetzt so viel vorzubereiten.

IWANUSCHKA : Wie kommt ihr von hier weg? Mutter, fährt noch der Kohlenzug von Michailowsk aus?

BABA JAGA : Aber nur einmal in der Woche.

HUND : Ihr könnt bei uns im Tourneebus mitfahren.

BABA JAGA : Das dauert alles viel zu lange. Nehmt Tripedes, es trägt euch geschwind bis nach Petersburg.

PJOTR : Tripedes? Das dreibeinige Pferd? Das gibt es wirklich?

BABA JAGA : Natürlich. Es ist gerade neu beschlagen worden. Da ist es schon.

Das Pferd Tripedes tritt auf; eine Art Kentaur mit drei Beinen. Es überreicht Wassilissa und Pjotr ein Hufeisen.

TRIPEDES : Hier! Für euch, es ist übrig. Euer Doktor Rippenfell würde sagen, es ist bloß eine Ungereimtheit in der Statistik, aber vielleicht ist es auch der kleine Teil, der so oft fehlt zum ganzen Glück.

Vorhang.



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