Abel Seyler

Der Graf von Gleichen - oder - Kreuzzug wider Willen
Schauspiel mit Gesang
nach historischen Ereignissen und literarischen Motiven von Torquato Tasso
 

Hugo Graf von Gleichen soll auf allerhöchsten Befehl mit dem Kreuzfahrerheer ins Morgenland ziehen, obwohl er viel lieber auf seiner Burg im schönen Thüringen bleiben will. Alles Sträuben hilft nichts, er muss kämpfen. Und überdies auch noch auf seinen Sohn Heinrich aufpassen, der ihn begleitet. Der Graf befehligt eine bunte Truppe ehemaliger Landstreicher, und bei der Belagerung der Festung El Halasch läuft einiges schief. Schließlich gerät Heinrich in Todesgefahr ...

 


Personen
 
HUGO GRAF VON GLEICHEN
ISOLDE, seine Frau
HEINRICH, beider Sohn
PFALZGRAF FRIEDRICH, Kreuzritter
RAIMUND VON HOHENHEIM, desgleichen
MÜHLBERGER, Ritter und Hugos Nachbar
EGBERT VON INGERSLEBEN, sein Neffe
YASEMIN
TREXEL, FASCH, HOSENKNÖPPER, Söldner im Heer der Kreuzritter
DREI DÄMONEN
BALTZER, Hugos Gehilfe
ein PLÜNDERER
DREI von der SCHWARZEN GARDE
einige TÄNZERINNEN und ein TÄNZER (später AMANDA genannt)
 
Die Handlung spielt zur Zeit der Kreuzzüge.



Erste Szene


Wohnstube auf der Burg des Grafen von Gleichen. Einfach, aber gemütlich eingerichtet, an einigen Stellen verschlissen und notdürftig ausgebessert. Das Inventar wie auf einer Ritterburg im Mittelalter. Das Fenster (mit steinerner Rundbogenfassung und schmaler Mittelsäule mit kleinem verzierten Kapitell, das von Zeiten des Adels und Wohlstands zeugt) gibt den Blick frei über schöne, hügelige Landschaft; man sieht, dass sich die Stube im Turm befindet. Nach beiden Seiten führt es aus dem Raum, außerdem gibt es eine Tür zur Kammer. Hugo Graf von Gleichen sitzt in seiner nicht mehr neuen, doch bequemen und gern getragenen Alltagskleidung am Tisch. Isolde, seine Frau, mit Schürze, hantiert mit Haushaltsgerät.

GLEICHEN: War das wieder der Wolf, der heute Nacht geheult hat?

ISOLDE: Ich habe nichts gehört. Wo soll er denn geheult haben?

GLEICHEN: Wo? Na draußen vor der Burg, Richtung Schafstrift; er hat so etwas Drohendes in der Stimme, so als würde er sagen: Warte nur, Hugo Graf von Gleichen, bald ereilt dich das Schicksal.

ISOLDE spricht es scherzhaft betont nach: Bald ereilt dich das Schicksal.

GLEICHEN: Jetzt sagst du es auch schon.

ISOLDE: Glaubst du, ein Wolf vermag solche Worte zu heulen? Vielleicht bildest du dir das ein, und es ist in Wahrheit der Wolf, der in dir drin steckt.

GLEICHEN: In mir sollte ein Wolf stecken? Das sagst du zu mir, Isolde, die du seit zwanzig Jahren mit mir verheiratet bist. Habe ich jemals irgendetwas von einer Wolfsnatur erkennen lassen?

ISOLDE: Nein, das nicht, obwohl du ein Ritter bist.

GLEICHEN: Und kein schlechter. Von kaum einem anderen sind so viele Geschichten im Umlauf wie von mir, höchstens der Mühlberger übertrifft mich.

ISOLDE: Die meisten dieser Geschichten handeln von euch beiden.

GLEICHEN: Du willst sagen, wenn ich mich ein bisschen anstrenge, könnte ich den Mühlberger noch überholen?

ISOLDE: Was sollte dir daran liegen?

GLEICHEN: Nun ja, vielleicht würde ich dadurch in deinen Augen gewinnen, Isolde.

ISOLDE: Gegen den Mühlberger?

GLEICHEN: Tu nicht so, als wäre dir der Mühlberger nur ganz gleichgültig gewesen. Hättest du mich nicht geheiratet, dann womöglich ihn.

ISOLDE: Womöglich ja, aber Hugo, das ist zwanzig Jahre her. In dieser Zeit ändert man sich.

GLEICHEN: Du meinst, man wird älter und das Feuer der Leidenschaft erlischt.

ISOLDE: Ich meine, man ändert seine Vorlieben. War es damals der Mühlberger, so ist ... er es jetzt nicht mehr.

GLEICHEN: Eben, so vergeht die Zeit, und man verliert, was man einmal besessen. Dem Ritter ist die Jugend teuer, denn das Alter ist nicht geheuer. Wenn ich über mich selbst ... Was soll das heißen, jetzt ist es der Mühlberger nicht mehr? Wer ist es dann?

ISOLDE: Ach, Hugo, darüber redet man nicht.

GLEICHEN: Aber mir kannst du es sagen, ich bin dein Mann. Ah, ich verstehe, du meinst, eben deshalb. Aber ich kriege es auch so heraus. Wahrscheinlich ist's des Mühlbergers Neffe, der Ingersleben, der Egbert, von dem sowieso alle Frauen zwischen Saale und Werra schwärmen. Ist es der? (Es klopft.) Herein! (Baltzer, Knecht, Gehilfe und Vertrauter des Grafen in einem tritt ein.) Baltzer, was gibt's?

BALTZER: Herr Graf, der Bauer von Lohstädt ist da und bringt die Fuhre Rüben.

GLEICHEN: Schüttet sie in den Keller an der Steintreppe.

BALTZER: Da liegen noch welche vom Vorjahr, es wäre vielleicht nicht gut, wenn wir die neuen drauf schütten.

GLEICHEN: Da ist noch was von den alten übrig?

ISOLDE: Na freilich, weil wir gut gehaushaltet haben, trotz des strengen Winters.

GLEICHEN: Isolde, du und deine Mägde, ihr seid nicht mit Gut und Geld zu bezahlen.

ISOLDE: Das denkst du dir so, Hugo von Gleichen. Auf der Stelle gibst du mir drei Taler für den Jahrmarkt und die zwanzig Kreuzer, die du dir von mir geborgt hast.

GLEICHEN: Oh warte, die kannst du gleich haben. (Er kramt in seiner Hosentasche.) Ich hatte ... wo sind sie hin ...

BALTZER: Die haben Herr Graf gestern im Roten Ochsen gelassen.

ISOLDE: Im Wirtshaus?

GLEICHEN: Weshalb?

BALTZER: Für die zwölf Runden Bier, die Ihr spendiert habt.

ISOLDE: Du hast die Leute wieder mal ausgehalten?

GLEICHEN: Ja, ich musste sie aushalten. Und man kann sie nur aushalten, wenn man sie aushält.

ISOLDE: Hör auf dumm zu quatschen.

BALTZER schnell: Also wohin nun mit den Rüben?

GLEICHEN: Sehr richtig, das war die Frage. Schüttet sie erst mal vor den Keller, dann holen wir die alten raus und ... dann ist wieder ein neuer Tag und uns wird schon was einfallen.

BALTZER: Da sind auch die Leute aus Güntersleben.

GLEICHEN: Was wollen die schon wieder? Eine neue Glocke gießen? Jetzt haben sie schon drei, nicht zu ertragen dieses Gebimmel jeden Sonntag in der Früh.

BALTZER: Sie wollen das Wildschwein abholen, das Ihr ihnen versprochen habt für das Dorffest. Und Holzkohle könnten sie auch gebrauchen, sagen sie.

GLEICHEN: So, sagen sie. Holzkohle haben wir nicht. Das Schwein sollen sie sich beim Rassbacher abholen, da hab' ich's liegenlassen.

ISOLDE: Du hast ein Wildschwein erlegt?

GLEICHEN: Na ja, ich. Was wundert dich daran?

ISOLDE: Wann?

GLEICHEN: Gestern Nacht.

ISOLDE: Ich denke, der Wolf hat geheult.

GLEICHEN: Eben. Der hat mich geweckt und nicht schlafen lassen. Außerdem war Vollmond, da bin ich noch mal raus und ...

ISOLDE: In den Roten Ochsen.

GLEICHEN: Ja, dahin auch. Auf dem Weg vom Roten Ochsen ist mir dann dieses Wildschwein übern Weg gelaufen, und da dachte ich bei mir: die Günterslebener, die wollten doch ein Schwein haben, das können sie kriegen.

BALTZER schelmisch: Womit haben Herr Graf das Schwein erlegt? Als Ihr im Roten Ochsen wart, hattet Ihr nichts bei euch.

ISOLDE: Außer meinem Geld.

GLEICHEN: Ähm, tja, ich hatte Jägerglück, Jägerglück und Ritterglück dazu. Ich war ein bisschen erschrocken, als das riesige Wildschwein im Wald vor mir auftauchte, und ich dachte zuerst, der Leibhaftige wäre es in Gestalt dieses Wolfes. Also wandte ich mich um und wollte davonlaufen. Doch anstatt mich zu verfolgen, wie ich es befürchtet hatte, hörte ich das Tier seinerseits flüchten. Also wandte ich mich abermals um und verfolgte es jetzt meinerseits. Dabei brüllte ich laut, dass es durch den Wald schallte.

BALTZER: Das haben wir unten im Roten Ochsen gehört; wir haben noch drüber gelacht.

GLEICHEN: Ihr habt über mich gelacht?

BALTZER: Ihr habt lauter so komisches Zeug gerufen. (Er ahmt den Grafen nach.) Auf in den Kampf gegen den Antichrist! Und: Stürmt die Mauern Zions! Ihr Ritter Christi, befreit das Heilige Grab aus den Klauen der Heiden!

GLEICHEN: Aus den Klauen der Heiden? Das ist mir gar nicht mehr erinnerlich. Das kommt alles bloß von der verfluchten Kreuzzugskampagne dieses Gottfried von Bouillon, die verdreht einem den Kopf. Jedenfalls muss ich Eindruck gemacht haben auf das Schwein.

BALTZER: Auf Gottfried von Bouillon?

GLEICHEN: Auf das Wildschwein! Es ist vor Angst voll gegen eine Eiche gerannt und hat sich dabei den Schädel eingedrückt.

BALTZER: Und Ihr?

GLEICHEN: Ich war ja im vollen Lauf und konnte natürlich nicht so schnell anhalten. Deswegen bin ich dem Schwein hinten ... ich meine, es hat mich mit seinem ... aufgefangen.

BALTZER: Muss ganz schön hart gewesen sein.

GLEICHEN: Nun ja, ich habe mein Gesicht schon zwischen weicheren Teilen gebettet. Dieser Zahn hier wackelt ein wenig seit letzter Nacht.

BALTZER: Das muss ich gleich weitererzählen. Und Ihr wart ganz allein?

GLEICHEN: Selbstverständlich, warum fragst du das?

BALTZER: Nur so. Der Mühlberger hat nämlich letzte Nacht auch ein Wildschwein erlegt, das liegt auch beim Rassbacher.

GLEICHEN: Na und! Daran finde ich gar nichts Verwunderliches.

BALTZER: Nein, eigentlich ich auch nicht, nur dass es offenbar ein und dasselbe Schwein ist.

Isolde und Baltzer lachen.

GLEICHEN: Ach was! Jetzt schick' die Günterslebener dorthin, und sollen sie sich bei ihrem Dorffest vergnügen.

BALTZER im Hinausgehen: Übrigens, der Egbert von Ingersleben ...

GLEICHEN: Was ist mit dem schon wieder, dieser Milchritter?

ISOLDE: Er tritt beim Dorffest auf, er gibt sein Abschiedskonzert mit Harfe und Gesang.

GLEICHEN: Abschiedskonzert?

BALTZER: Er zieht mit des Pfalzgrafs Leuten ins Heilige Land.

GLEICHEN: Was will er denn dort, gefällt es ihm hier in Thüringen nicht mehr?

BALTZER: Er will Jerusalem befreien, so wie Ihr Herr Graf es gestern Nacht auch geschworen habt.

GLEICHEN: Das war kein Schwur. Das war höchstens unsinniges Gerede und dem Rausch geschuldet.

ISOLDE: Ja, vielleicht dem Kriegsrausch.

GLEICHEN: Sag' mal, hat das noch jemand gehört außer euch?

BALTZER: Nicht dass ich wüsste. (Er geht.)

GLEICHEN schaut nach Isolde hin: Was machst du da Feines?

ISOLDE: Ich backe einen Kuchen für unseren Heinrich. Der hat übermorgen Geburtstag, wie du vielleicht weißt.

GLEICHEN: Natürlich weiß ich das.

ISOLDE: Und hast du auch ein Geschenk für ihn?

GLEICHEN: Wie sollte ich keines haben? Für unseren lieben kleinen Heini habe ich stets nur das Beste.

ISOLDE: Aber schenk' ihm nicht wieder einen Honigschnuller wie letztes Jahr, er wird immerhin schon dreizehn.

GLEICHEN: Das war ja auch nur ein Jux. Und außerdem verhält er noch gar nicht wie dreizehn.

ISOLDE: Er entwickelt sich etwas langsamer als andere, er nimmt sich eben mehr Zeit für alles, und das ist gut.

GLEICHEN: Du hast Recht, wie immer. Wir sind eine richtig glückliche Familie, stimmt's?

ISOLDE: Ja, das sind wir.

GLEICHEN singt:

Rübensuppe, Leberwurst,
Ein kühler Schluck gegen den Durst.
Zweimal in der Woche Speck,
Schon ist der ärgste Hunger weg.

Was mich an diesem Orte hält,
Wo Gleich und Gleich sich gern gesellt,
Das kann mir keiner wehren:
Ein festes Haus, ein treues Weib,
Und Wohlergeh'n für Geist und Leib,
All' das halt' ich in Ehren.

ISOLDE singt:

Ein schönes Kleid, ein warmes Bad,
Von allem Nötigen Vorrat.
Dann und wann ein großes Fest,
Mit Freude sich's hier leben lässt.

Was mir an diesem Ort gefällt,
Trotz kalter Winter, teurem Geld;
Und mancherlei Beschwerden:
Das ist das familiäre Glück,
Wie von dem Himmelreich ein Stück,
Das mir gelieh'n auf Erden.

GLEICHEN singt:

Ackerbau und Wildschweinjagd,
Zwischendurch 'ne kleine Schlacht.
Fleißig an der Burg gebaut,
Und das helle Bier gebraut.

Was solchen Ort zur Heimat macht,
Den Stolz in meiner Brust entfacht
Und frommen Seelenfrieden:
Das ist der Mühe reicher Lohn
Und ein gesunder, guter Sohn;
So hat mir's Gott beschieden.

BEIDE singen:

So hat's uns Gott beschieden.

Die Szene geht über in die Zweite Szene.


Personen 


Zweite Szene


Schauplatz wie zuvor. Heinrich kommt.

HEINRICH: Mama, wann gibts'n Mittag, ich hab' Hunger.

ISOLDE: Das dauert noch etwas, geh' solange spielen. Und begrüße erstmal deinen Vater, er hat heute Nacht einen mächtigen Eber erlegt.

HEINRICH: Guten Tag, Papa.

GLEICHEN: Heini, mein Junge, wie war's in der Schule?

HEINRICH: Nix Besonderes. Erst war'n wir bei die Frösche, und dann hab'n wir gesungen.

GLEICHEN: Gesungen? Dann kannst du mir ja mal etwas vorsingen.

HEINRICH: Nee, bin grade im Stimmbruch. Aber der Egbert von Ingersleben, der kann gut singen. Der übt schon den ganzen Vormittag für seinen Auftritt. Papa? Der Ingersleben, der geht jetzt auf Kreuzzug.

GLEICHEN: Habe ich gehört.

HEINRICH: Papa? Kann ich da auch mit? Der sucht jemand, der ihm das Zeug trägt, seine Waffen und die Rüstung und so, und sich ums Pferd kümmert.

GLEICHEN: Kommt nicht Frage.

HEINRICH: Aber Papa, du sagst immer, ich muss mich bewähren. Mit dem Egbert auf seinem Kreuzzug, da könnte ich mich bewähren.

ISOLDE: Weißt du überhaupt, was dieser Kreuzzug bedeutet?

HEINRICH: Aber sicher, haben wir in der Schule gelernt. Da ist das Grab von dem Jesus auf'm Friedhof. Der Egbert hat erzählt, die Leute hätten die Blumen vom Grab geklaut und die Kreuze umgeschmissen und so. Bin vorhin auf'm Friedhof gewesen, hab' zwar nichts davon gesehen, muss irgendein andrer Friedhof sein, aber der Egbert ist drauf und dran sich für'n Kreuzzug auszurüsten.

ISOLDE: Dieses Grab, von dem sie erzählen, liegt in Jerusalem, mein Sohn.

HEINRICH: Ja, genau, Järuserläm und das Heilige Land, davon hat Egbert auch gesprochen, da will er hin. Und deswegen singt er sein Abschiedslied.

GLEICHEN: Hoffentlich wird es nicht sein Abschied für immer.

ISOLDE: Hugo!

HEINRICH: Wieso? Er will doch wiederkommen. Und er hat erzählt, was er alles mitbringt von aus 'm Heiligen Land.

ISOLDE: So? Was denn?

HEINRICH: Na fette Beute. Gold und Edelsteine und Schmuck, was da in den Schatzkammern haufenweise so rumliegt. Und 'n Mädchen will er sich auch mitbringen, 'n Mohrenmädchen. Können die Mohrenmädchen hier bei uns überhaupt leben?

ISOLDE: Du meinst, weil es bei uns ganz anderes Wetter ist?

GLEICHEN: Warum nicht. Der Wirt vom Roten Ochsen hat auch ein Krokodil, das aus Ägypten stammt.

HEINRICH: Ja, aber das hängt an der Decke und ist ausgestopft. Der Egbert will sein Mohrenmädchen heiraten.

GLEICHEN: Das hat er gesagt?

HEINRICH: Ja, aber nur mir, und ich soll's keinem weitersagen, bevor er nicht zurück ist, weil sie 'se dann womöglich nicht reinlassen.

GLEICHEN: Das ist doch alles Unsinn, was der Egbert erzählt. Ich verbiete dir, dass du ihm noch länger zuhörst.

HEINRICH: Er zieht ja auch morgen schon los. Ach, wenn ich nur mit könnte. Mama, dir würde ich bestimmt auch was Schönes mitbringen.

ISOLDE wischt sich die Hände an der Schürze ab und herzt ihn, was er sich ungern gefallen lässt: Mein guter Sohn. Am liebsten hätte ich dich alle Tage hier, so wie bisher auch.

HEINRICH: Aber wie soll ich mich denn dann bewähren können? Und hier auf'm Friedhof ist auch alles in Ordnung.

GLEICHEN: Du kannst dem Baltzer helfen, die alten Rüben aus'm Keller zu schaffen.

ISOLDE: Jetzt gibt's jedenfalls erst mal Mittagessen, ich hole die Suppe. Heinrich, trägst du das Geschirr?

HEINRICH: Ja, Mama.

Isolde und Heinrich gehen.

GLEICHEN: Mohrenmädchen! Das fehlte uns hier noch. Wahrscheinlich ist das dem Mühlberger sein Auftrag an den Ingersleben, der will wieder um jeden Preis den Vogel abschießen. Schickt den Jungen zum Kreuzzug, und selber bleibt er daheim. Na ja, recht tut er daran; ich geh' ja auch nicht mit. Keine zehn Ochsen bringen mich da in die Wüste. Es ist mir vollkommen rätselhaft, wie ich gestern Nacht so einen Unsinn herausschreien konnte, wovon der Baltzer erzählt hat. Ich und gegen die Heiden zu Felde ziehen, oder gegen die Sarazenen oder Juden oder die Mameluken oder wie auch immer diese Kanaille da unten sich nennt - das wäre das letzte, was mir in den Sinn käme.


Personen 


Dritte Szene


Schauplatz wie zuvor. Baltzer klopft flüchtig an und kommt herein.

BALTZER: Herr Graf?

GLEICHEN: Was gibts, Baltzer?

BALTZER: Der Pfalzgraf Friedrich ist im Anmarsch.

GLEICHEN: Der Pfalzgraf? Was will der denn? Der war seit Jahr und Tag nicht mehr bei uns. Wer ist bei ihm?

BALTZER: Der Schwarzburger und Raimund von Hohenheim.

GLEICHEN: Raimund? Der schwule Hammel?

BALTZER: Ich muss sagen, er hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert.

GLEICHEN: Was? Der schwule Hammel? Bist du jetzt auch anders rum Baltzer?

BALTZER: Ich meine ja nur, so von weitem, wie er auf seinem Pferd sitzt.

GLEICHEN: Lass ihn erst mal nahe rankommen. Oder besser nicht. Wieso kommen die zu uns, verflucht.

BALTZER: Der Mühlberger bringt sie her.

GLEICHEN: Das Aas.

BALTZER: Und der Egbert von Ingersleben ist auch dabei, man hört ihn schon singen.

GLEICHEN: Baltzer, sag ihnen, ich bin nicht da.

BALTZER horcht nach draußen: Die sind bereits auf der Treppe.

GLEICHEN: Ich versteck mich hier in der Kammer. Du wimmelst sie ab, verstanden!

BALTZER: Ich versuch's.

Graf Gleichen verschwindet in der Kammer. Es treten ein: der Pfalzgraf, Raimund von Hohenheim und der Mühlberger.

BALTZER: Herr Pfalzgraf, willkommen auf Burg Gleichen. Es ist uns eine große Ehre ...

PFALZGRAF: Wo ist dein Herr?

BALTZER: Welchen meint Ihr? Den weltlichen oder den himmlischen? Der ist, vermute ich, da oben.

PFALZGRAF: Es ist uns bekannt, dass ihr fromme Leute seid.

MÜHLBERGER: Hier riecht es aber gut, nach Bohnensuppe. Hat Isolde gekocht?

BALTZER: Sehr fromm. (umständlich) Der Apostel hat die erste christliche Kirche gleich hier in der Nähe bauen lassen, das war anno ...

RAIMUND: Ist uns bekannt.

PFALZGRAF: Und der Kaiser hat seine Pfalz auf meinem Grund bauen lassen.

BALTZER: Apropos Kaiser, wie geht es ihm? Man sagt, er soll sich von seinem Rückenleiden gut erholt haben.

PFALZGRAF: Ja ja. Wo ist er nun?

BALTZER: Der Kaiser?

RAIMUND: Der Graf von Gleichen.

BALTZER: Ähm, eben war er noch hier, Ihr müsstet ihm begegnet sein.

MÜHLBERGER: Sind wir aber nicht.

BALTZER: Nun, das liegt vielleicht daran, dass er heute seine ... (überraschend) oh, er hat eine ganz neue ... ich befürchte, Ihr werdet ihn gar nicht zu sehen bekommen.

MÜHLBERGER: Was redest du da? Ich habe ihn gestern Nacht erst gesehen, als er im Roten Ochsen war.

PFALZGRAF: Was hat er Neues?

BALTZER: Eine Tarnkappe. Ja, eine Tarnkappe, mit der er sich unsichtbar machen kann.

PFALZGRAF: Willst du uns verarschen?

BALTZER: Keineswegs. Ihr seht es doch mit eigenen Augen.

RAIMUND: Was zum Teufel?

BALTZER: Dass ihr ihn nicht seht, den Herrn Grafen.

MÜHLBERGER: Baltzer, hast du schon wieder zuviel vom Johannisbeerwein getrunken?

RAIMUND: Aber hören wird er doch noch können?

BALTZER: Wer?

PFALZGRAF: Der Graf!

BALTZER: Hören, sicher, warum nicht.

RAIMUND: So kannst du ihn rufen.

BALTZER: Tja, aber in welche Richtung soll ich rufen? Er kann überall sein.

PFALZGRAF: Dann höre du mal gut zu! Ich habe hier einen Befehl vom Kaiser.

BALTZER: Ja.

PFALZGRAF: Weißt du, was da drin steht?

BALTZER: Nein.

PFALZGRAF: Unter anderem, dass jeder, der sich mutwillig und ohne triftigen Grund weigert, am Heiligen Krieg teilzunehmen, oder der andere tapfere und kampfeswillige Ritter daran hindert, ohne Prozess vor ein Standgericht gestellt und aufgehängt werden kann.

BALTZER: Vorgestellt und aufgehängt, das klingt nicht sehr verlockend.

RAIMUND: Das soll es auch nicht, denn es soll abschrecken.

BALTZER: Ja, dann ist es trefflich formuliert.

PFALZGRAF: Also was ist mit dem Grafen?

BALTZER: Meint Ihr bezüglich des Kreuzzugs? Oh, der Herr Graf ist durchaus kampfeswillig, soweit ich das beurteilen kann.

MÜHLBERGER: Das kann man wohl sagen. Wer ihn gestern Nacht im Wald hat brüllen hören, der hätte meinen können, er ficht gegen ein ganzes Heer von Ungläubigen. Dagegen war die Rede des Gottfried von Bouillon die reinste Liebeserklärung.

RAIMUND: Wenn du ihn nicht augenblicklich herbeischaffst, bist du des Todes! Mein blankes Schwert wird dich durchbohren wie der Blitz die Tanne. (Er zückt sein Schwert gegen Baltzer.)

BALTZER: He, he, haltet den Heißsporn zurück. Außerdem war lediglich von Aufhängen die Rede.

Isolde und Heinrich kommen mit einer großen Suppenterrine und mit Geschirr herein.

ISOLDE: Guten Tag, die Herren. Ah, hoher Besuch, der Herr Pfalzgraf.

MÜHLBERGER: Ah, Isolde mit der Bohnensuppe. Ich nehm' sie dir gleich ab.

ISOLDE: Danke. Herr Pfalzgraf, es ist uns eine Ehre. Die Herren bleiben doch zum Essen.

Heinrich und der Mühlberger füllen die Teller mit Suppe.

PFALZGRAF sehr galant, mit Kusshand usw.: Frau Gräfin von Gleichen, die Ehre ist ganz meinerseits. Wir haben Euch ein kleines Geschenk mitgebracht, einen Braunen aus dem Freyburger Gestüt, die Pferde hatten Euch beim letzten Aufenthalt so begeistert.

ISOLDE beeindruckt: Oh, das war doch nicht nötig. Ich danke Euch von Herzen, Pfalzgraf, Ihr seid so großzügig.

BALTZER: Großkreuzzügig. Ich darf mich empfehlen, die Rüben müssen in den Keller. (Er geht.)

MÜHLBERGER: Wenn wir weiter herumstehen und quatschen, wird die gute Suppe kalt.

ISOLDE: Ja, nehmt Platz. Heinrich, trage bitte auf. Für mich nicht.

HEINRICH: Guten Appetit, ich geh' raus zum Egbert. (Er geht.)

Der Pfalzgraf und Isolde unterhalten sich angeregt. Der Mühlberger macht sich über die Suppe her, Raimund speist wie ein vornehmer Herr.

PFALZGRAF: Weshalb esst Ihr nicht mit, Frau Gräfin?

ISOLDE: Oh, ich muss ein wenig auf meine Figur achten.

MÜHLBERGER während er die Suppe schlürft: Ach was, Isolde, du siehst blendend aus. Ich verstehe immer gar nicht, wie der Hugo mit der Barbara vom Hufschmied ... ah, ausgezeichnet die Suppe, ich nehme mir gleich noch mal Nachschlag.

ISOLDE: Was wolltest du sagen, Mühlberger? Wie der Hugo mit der Barbara?

MÜHLBERGER: Ähm, mit der Barbara wetten kann, dass du mindestens zehn Pfund weniger wiegst als sie.

RAIMUND verwundert: Ihr wettet um das Gewicht eurer Weiber? Wie bei den Kühen?

MÜHLBERGER schlürft: Ja. Ich habe drei zu zwei dagegengehalten, äh, ich meine, ich habe gesagt, es seien mindestens zwanzig Pfund.

ISOLDE: Und wieso verstehst du das nicht?

MÜHLBERGER: Was?

ISOLDE: Dass Hugo mit der ... hm, der Hufschmiedtochter wettet.

PFALZGRAF nimmt Isoldes Hand: Na, da braucht man Euch doch bloß anzuschauen, Frau Gräfin, und weiß, dass Ihr kein Gramm zuviel habt; und wenn doch, dann garantiert an den Stellen, wo man sich gar nicht genug wünschen kann. Übrigens, der Hengst steht im Stall.

ISOLDE: Welcher Hengst?

PFALZGRAF: Na, der Freyburger, den ich mitgebracht habe.

ISOLDE: Ah so, der.

PFALZGRAF: Wollt Ihr ihn Euch ansehen? Er ist von außergewöhnlich edlem Stamm.

ISOLDE: Warum nicht.

Egbert und Heinrich treten ein.

MÜHLBERGER: Was willst du denn, Egbert?

EGBERT: Heini hat gesagt, ich soll singen.

PFALZGRAF: Wo?

HEINRICH: Hier.

ISOLDE schwärmt: Er hat eine so schöne Stimme.

MÜHLBERGER hebt seinen Hintern und lässt einen Furz: Ich werde dich auf meinem Naturhorn begleiten.

RAIMUND empört: Sie Ferkel!

MÜHLBERGER: Verzeihung, das sind die Bohnen.

PFALZGRAF: Also los, sing er uns ein Lied.

HEINRICH: Den Auszug der Kreuzritter.

EGBERT: Alle zweiunddreißig Strophen?

MÜHLBERGER: Wieso so viele? Kommen die nicht vom Fleck?

EGBERT: Es gibt eine Kurzversion.

MÜHLBERGER: Weg war'n sie. (Er furzt.)

PFALZGRAF: Mühlberger, jetzt halt er aber mal die Luft an!

MÜHLBERGER: Ich glaube, ich muss dringend auf den Abtritt.

PFALZGRAF: Erst lausche er dem erbaulichen Gesang.

MÜHLBERGER: Dann aber bitte die Kürzestversion, oder ich hülle die Kreuzritter in eine Wolke infernalischen Wüstenwindes.

EGBERT singt:

Himmelan wehen unsere Standarten,
Ein neuer Tag uns entgegen lacht.
Frisch und kühn die Kämpfer erwarten
Den Befehl zur entscheidenden Schlacht.

Mit wachem Geist und Wagemut,
Mit Väter Mark und Mütter Blut
Marschier'n wir über Stock und Stein
Ins helle Morgenrot hinein.

Laut voran klingen unsere Gesänge;
Das Horn ertönt und die Trommel schlägt.
Am Wege grüßet jubelnd die Menge;
Stolzes Heer sich 'gen Osten bewegt.

Mit flottem Schiff und gutem Wind
Wir bald an Asiens Küste sind;
Befreien wir das Heil'ge Land
Aus niederträcht'ger Heidenhand.

Alle applaudieren, Egbert verbeugt sich.

RAIMUND: Hervorragend.

ISOLDE: Sehr ergreifend.

MÜHLBERGER: Und ich meine, immer noch lang genug.

HEINRICH: Mama, der Egbert will mir seine Ausrüstung zeigen, darf ich mitgehen.

ISOLDE erhebt sich: Ja natürlich. Und ich werde meinen werten Gemahl suchen.

PFALZGRAF fasst sie am Arm: Aber was ist mit dem Hengst, Gräfin? Er könnte sicher einen kleinen Ausritt vertragen.

ISOLDE: Später, lieber Herr Pfalzgraf, später.

Isolde, Egbert und Heinrich gehen.

MÜHLBERGER: So, jetzt muss ich aber erst mal auf die Kanzel steigen. (Er steht auf und öffnet die Tür zur Kammer. Dort steht der Graf Gleichen, der sich nicht rechtzeitig verstecken konnte.)

MÜHLBERGER: Hugo! Hast du etwa die ganze Zeit auf dem Abort gesessen?

GLEICHEN: Guten Tag, die Herren.

PFALZGRAF: Graf von Gleichen, ich grüße Euch.

RAIMUND: Wo habt Ihr Eure Tarnkappe?

MÜHLBERGER: Mensch, Raimund! Soll er sich auf dem Abort unsichtbar machen? Nachher sieht er beim Abwischen seinen eignen Arsch nicht mehr. Also ihr entschuldigt mich. (Er geht in die Kammer und schließt die Tür.)

GLEICHEN: Was führt Euch her, Pfalzgraf?

PFALZGRAF: Nun, Gleichen, ich denke, das wisst Ihr. Der Krieg ruft.

GLEICHEN: Ach ja, was ruft er denn?

RAIMUND: Er ruft: Zu den Waffen, Ritter der Christenheit! Zieht gen Jerusalem, befreit das Heilige Grab aus den Klauen der Araber. Bekehrt die Heiden, erfüllt den Auftrag des Herrn.

GLEICHEN: Ritter Raimund, immer noch der kühne Held in seinen Reden; genau wie ich Euch in Erinnerung habe.

PFALZGRAF: Wir sind gewissermaßen nur eine Abordnung des großen Heeres, das der Philipp von Toulouse anführt, und das gerade auf der Via Regia hier vorbei marschiert.

GLEICHEN: So, es marschiert hier vorbei. Und da dachtet Ihr, machen wir einen kleinen Abstecher und besuchen unseren alten Freund, den Grafen von Gleichen.

PFALZGRAF: Das ist kein gewöhnlicher Besuch, Graf. Wir sind gekommen, um Euch in den Kreis unserer Kommandeure aufzunehmen.

GLEICHEN: Ich soll mit Euch kommen? Ausgeschlossen, meine Herren.

RAIMUND: Wir haben Euch einen Platz freigehalten als Anführer eines um die fünfzig Mann starken Fußtrupps. Wir haben diese Männer bei Stumpfhausen rekrutiert.

GLEICHEN: Bei Stumpfhausen? Nun sagt bloß noch: im Alacher Forst.

RAIMUND: Ja, wieso?

GLEICHEN: Das sind Räuber, Wilddiebe, Landstreicher, wahrscheinlich auch Aussätzige; möchte wetten, manche können gar nicht laufen.

PFALZGRAF: Nun, es ist ein ganzer Tross, manche mit Kind und Kegel. Sie versprechen sich viel von diesem Krieg. Mag sein, dass sie militärisch nicht auf höchstem Niveau sind, aber dafür sind sie sehr motiviert, dem Araber den Schädel einzuschlagen.

GLEICHEN: Militärisch nicht auf höchstem Niveau? Wenn ihr die auf den Feind los lasst, fangen sie an, ihn mit bloßen Zähnen in die Waden zu beißen, wie der Köter vom Dorfschulzen die Apfeldiebe.

RAIMUND: Eigentlich ist es uns egal, wie sie den Araber erledigen, Hauptsache, sie tun es.

GLEICHEN: Und den Sauhaufen wolltet ihr mir andrehen?

RAIMUND: Nun ja, der Mühlberger sagte ...

Der Pfalzgraf gibt Raimund ein Zeichen.

PFALZGRAF: Ach was, Gleichen, das war doch nur ein Scherz. Ihr seid ein viel zu guter Ritter für solchen Abschaum. Nein, Ihr würdet selbstverständlich an meiner Seite kämpfen, und ich wiederum kämpfe an der Seite Philipps von Toulouse.

GLEICHEN unbeeindruckt: Und Ihr, Raimund?

RAIMUND: Ich? Kämpfe auf der anderen Seite ... Philipps.

GLEICHEN: Ich hätte gedacht, Ihr deckt ihn von hinten. Und was ist mit dem Mühlberger? Kommt der mit?

PFALZGRAF: Er würde, wenn er könnte. Aber er hat dieses schlimme Gallenleiden, damit würde er die Reise nicht überstehen.

GLEICHEN ruft in Richtung der Kammer: Was? Ein Gallenleiden? Das ist ja der größte Witz der jüngeren thüringischen Geschichte.

RAIMUND verwundert: Ihr meint, es sei nur vorgetäuscht?

GLEICHEN: Der Mühlberger hat so wenig ein Gallenleiden wie ich ein drittes Auge habe.

PFALZGRAF entschieden: Und selbst wenn es nicht stimmte. Er hat sich sozusagen freigekauft, indem er seinen Neffen, an seines Sohnes statt, ins Heer gegeben hat.

GLEICHEN: Auch das noch, ich hab's gewusst. Der schickt seinen Neffen, damit der ihm die Mohrenmädchen nach Hause holt.

RAIMUND: Was?

GLEICHEN: Ach nichts.

PFALZGRAF heuchlerisch: Graf, Ihr könntet es natürlich dem Mühlberger gleich tun und auch hierbleiben, wenn Ihr Euren Sohn mit uns ziehen lasst.

GLEICHEN: Den Heini? Allein nach Asien? Den würde ich nicht mal bis nach Kleinrettbach schicken.

RAIMUND: Aber wir sind doch bei ihm und passen auf ihn auf.

GLEICHEN: Ihr müsst schon auf den Toulouse aufpassen. Nein, nein, da wird nichts draus.

PFALZGRAF: Graf von Gleichen, ich appelliere an Eure vaterländische Pflicht. Der Kaiser will das Heilige Grab um jeden Preis befreien und hat den Arabern den Kampf angesagt. Er braucht dafür jeden fähigen Ritter, und er erwartet auch von Euch, dass Ihr diese Eure Pflicht erfüllt.

GLEICHEN: Also erstens: dieses Geschwätz von dem Jesusgrab, das geht mir schon längst auf die Nerven. Raimund, ist es nicht so gewesen, dass Jesus Christus am dritten Tage nach seinem Tode auferstanden ist?

RAIMUND: So steht es geschrieben.

GLEICHEN: Seht ihr, also liegt er gar nicht mehr dort, das Grab ist leer. Warum sollte ich um ein leeres Grab kämpfen, das würde ich ja noch nicht mal tun, wenn's mein eignes wär. Und dann, das Vaterland, schön und gut, ich gönne ja dem Kaiser sein Land, soll er doch glauben, es gehöre alles ihm. Aber was scheren mich die Ostfriesen oder die Württemberger. Mein Vaterland ist Thüringen, und ich erfülle meine Christenpflicht hier, indem ich für meine Bediensteten und meine Lehensbauern und für deren Familien sorge, und indem ich jeden Sonntag in die Kirche gehe und dem Pfarrer einen Obolus in seine Kasse lege. Und drittens: erst war nur von den Mameluken oder von den Sarazenen die Rede, jetzt heißt es schon „Die Araber“. Gegen wen wollt ihr eigentlich zu Felde ziehen? Gegen die halbe Menschheit?

PFALZGRAF: Gleichen, der Christenheit droht eine Gefahr aus dem Osten. Die Araber haben zum Heiligen Krieg aufgerufen.

GLEICHEN: Das habt ihr doch auch getan.

PFALZGRAF: Aber die Araber haben angefangen. Kleinasien ist schon durch und durch islamistisch, Konstantinopel ist so gut wie verloren, es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Araber den Balkan besetzt und die Donau aufwärts zieht. Und dann steht er eines Morgens mit gezücktem Säbel vor Eurem Burgtor.

GLEICHEN: Ach, Pfalzgraf, Ihr malt den Teufel an die Wand. Wenn alle so denken würden wie Ihr.

PFALZGRAF: Wenn alle so denken würden wie Ihr, Graf Gleichen, würdet Ihr und euer schönes Thüringen vielleicht schon wieder unter fremder Knechtschaft leiden müssen; wie damals, als das Reich Herminafrieds überfallen und in Schutt und Asche gelegt wurde.

GLEICHEN: Da war der Franke unser Feind.

RAIMUND: Eben, und er hat aus der Geschichte gelernt. Philipp von Toulouse hat sich mit uns verbündet, damit wir gemeinsam den Araber besiegen.

GLEICHEN nach einer Pause: Alles was ich für euch tun kann, wäre eine materielle Unterstützung.

PFALZGRAF: Was sollte das sein? Habt Ihr aufgerüstet? Bei unserem letzten gemeinsamen Scharmützel an der Saale musstet Ihr Euch von mir die Armbrust borgen.

GLEICHEN: Na ja, ich habe damit auch nicht schlecht getroffen. Wartet. Heinrich! Wo ist der Junge? Er ruft aus dem Fenster nach unten in den Burghof. Heinrich! Komm' mal hoch und bring' dieses Geschütz mit, das du gebaut hast.

PFALZGRAF: Er hat ein Geschütz gebaut?

GLEICHEN: Eine famose Steinschleuder.

RAIMUND: Ist sie transportabel?

GLEICHEN: Selbstverständlich. Sogar schwimmfähig, wenn man will.

Heinrich bringt eine aus Holz gebaute Steinschleuder mit Rädern, die man gerade noch auf zwei Armen tragen kann. Sie sieht ziemlich kompliziert aus, aber auch ein bisschen dilettantisch gebaut, hat einige unpassende Teile und wird hier und da nur mit Stricken zusammengehalten. Heinrich ist natürlich sehr stolz auf seine Erfindung und bringt sie wohlüberlegt auf dem Fußboden in Position.

PFALZGRAF: Das ist ... das ist ja der größte ...

GLEICHEN hilft seinem Sohn bei der Einrichtung: Sag' ich doch, mein Heini ist ein großer Konstrukteur.

RAIMUND der nicht bemerkt, dass er in der Schusslinie steht: Das nennt Ihr Steinschleuder? Wohl für Kieselsteine, was?

GLEICHEN: Die ist speziell für den Nahkampf, eine Nahkampfwaffe.

HEINRICH: Hier ist Munition, Papa.

RAIMUND: Ha, eine Handvoll Murmeln gegen die Mauern von Zion.

GLEICHEN: Das ist ein weiterer Vorteil: man kann die Munition immer am Mann tragen und findet leicht neue. Mach' einen Probeschuss, Heinrich.

RAIMUND: Um Pflaumen und faule Eier zu verschießen ist das vielleicht das Richtige, aber wirklich, Pfalzgraf, was meint Ihr ...

Heinrich, ohne auf das Ziel zu achten, feuert eine trockene Kastanie ab, die Raimund an die Stirn trifft und ihn niederstreckt.

PFALZGRAF erschrocken: Oh! Ritter Raimund.

HEINRICH begeistert: Volltreffer, Papa! Noch 'ne Ladung auf den anderen? Dreht das Geschütz auf den Pfalzgrafen.

GLEICHEN: Feuer einstellen, Heinrich.

Gleichen und der Pfalzgraf helfen Raimund hoch.

PFALZGRAF: Raimund? Seid Ihr wohlauf?

RAIMUND: Was ist geschehen?

PFALZGRAF: Das Geschoss hat versehentlich Eure Stirn getroffen.

GLEICHEN: Wieso versehentlich? Es ist äußerst zielgenau.

PFALZGRAF: Es ist ein Spielzeug.

GLEICHEN: Ja, aber ein gefährliches, es gehört nicht in Kinderhände.

HEINRICH erläutert: Man kann es ruck, zuck auseinandernehmen, man braucht nur diese Keile hier herauszuziehen.

GLEICHEN: Dann passt es fast in jede Hosentasche. Ich würde es Euch gern überlassen.

RAIMUND hält sein besticktes Taschentuch an die Stirn: Aber das ist doch lächerlich.

HEINRICH leise: Papa, der hat anscheinend noch nicht genug abgekriegt.

RAIMUND: Pfalzgraf, Ihr werdet nicht im Ernste ...

PFALZGRAF überlegt: Nun ja, Graf Gleichen, unter gewissen Gefechtsbedingungen könnte uns dieses Gerät wohl durchaus eine Hilfe sein.

Raimund schüttelt verständnislos den Kopf.

GLEICHEN fast erleichtert: Das will ich meinen.

PFALZGRAF: Gut, wir nehmen es unter einer Bedingung: der Geschützführer muss mitkommen.

GLEICHEN: Welcher Geschützführer?

PFALZGRAF: Euer Heinrich natürlich, er hat es erfunden, und er kann es am besten bedienen.

GLEICHEN: Unsinn! Das kann jeder Volltrottel bedienen, das könnt sogar Ihr bedienen.

PFALZGRAF: Keine Widerrede, Gleichen! Kraft Befehl des Kaisers nehme ich dieses Kriegsgerät samt Geschützführer in das Heer der Kreuzritter auf.

GLEICHEN: Der Heini ist noch gar kein Ritter.

PFALZGRAF: Dann kann er sich auf dem Kreuzzug bewähren und wird schließlich zum Ritter geschlagen.

HEINRICH: Au ja, Papa, das ist genau das was ich will.

GLEICHEN: Halt den Mund.

Isolde kommt.

HEINRICH: Mama, der Pfalzgraf nimmt mich mit auf'n Kreuzzug.

ISOLDE: Bist du von Sinnen! Hugo, was soll das bedeuten? Kann man euch Männer nicht einen Augenblick allein lassen; gleich heckt ihr irgendwelchen Mist aus.

RAIMUND nicht ohne eine gewisse Befriedigung: Aber Frau Gräfin, Ihr Gemahl erfüllt lediglich seine vaterländische Pflicht. Und auf Euren Sohn könnt Ihr stolz sein.

PFALZGRAF: Ich werde Philipp von Toulouse vorschlagen, ihn zum Ersten Gehilfen des Waffenmeisters zu ernennen.

GLEICHEN ungehalten: Kaum in der Armee und schon befördert; früher musste man sich hochdienen. Wer ist denn der Waffenmeister?

RAIMUND: Ich.

ISOLDE: Hugo, wir können den Heinrich unmöglich allein ziehen lassen.

HEINRICH: Och, Mama, das schaff' ich schon. Ist doch nur bis Järuserläm, und den Rückweg kenn' ich dann ja.

ISOLDE: Und was ist mit der Schule?

PFALZGRAF: Zwischen den Waffen schweigt die Weisheit, Frau Gräfin. Während des Kriegsdienstes ist jedes Kind vom Schulbetrieb freigestellt, einschließlich Hausaufgaben. Und außerdem, auf dem Felde wird der Heinrich viel mehr fürs Leben lernen als in der Schulstube.

GLEICHEN bitter: Wenn er's mal bloß nicht auf dem Felde lassen muss.

ISOLDE: Hugo! Unterstehe dich, so was auch nur zu denken.

PFALZGRAF: Ja, Gleichen, das sind fatalistische Gedanken, eines Familienvaters unwürdig.

ISOLDE: Ich lasse ihn nur gehen, wenn du ihn begleitest, Hugo.

PFALZGRAF jubelt: Famose Idee!

HEINRICH: Ich brauche keinen, der auf mich aufpasst.

RAIMUND: Halt den Mund.

ISOLDE: Ihr werdet aufeinander aufpassen.

PFALZGRAF: Da spricht die wahre Herrin des Hauses.

GLEICHEN: Ich kann nicht mitkommen, ich habe kein Pferd, Morgenröte lahmt auf dem Hinterfuß.

PFALZGRAF: Oh, ich habe für diesen Fall extra einen Hengst aus dem Freyburger Stall für Euch mitgebracht.

ISOLDE erstaunt: Den habt Ihr mir geschenkt, Herr Pfalzgraf.

PFALZGRAF: Ah richtig, was mach' ich bloß.

ISOLDE pragmatisch: Ich könnte ihn Euch borgen.

PFALZGRAF: Sehr großzügig.

GLEICHEN: Fünfzig Taler, die Hälfte jetzt, die andere Hälfte, wenn wir zurück sind.

PFALZGRAF: Was?

ISOLDE: Kommt nicht in Frage. Die ganze Summe jetzt. Wer weiß, ob der Gaul nicht das Wüstenfieber kriegt und verendet.

PFALZGRAF zerknirscht: Verlangt Ihr für Euren Gatten nichts?

ISOLDE: Der schuldet mir sowieso noch genug. (zu Hugo:) Eins sage ich dir, wenn ihr schon solche dummen Streiche spielt: ohne eine ordentliche Beute kommst du hier nicht wieder rein.

RAIMUND: Ihr werdet vollends zufrieden sein, Frau Gräfin.

GLEICHEN: Tja, dann muss ich mich in mein Schicksal fügen. Heinrich, sattel schon mal die Pferde und pack alles zusammen, was wir brauchen. Frage den Egbert um Rat.

HEINRICH: Mach' ich. Ju hu! Auf nach Järuserläm! (Er geht.)

GLEICHEN singt:

Isolde, meine liebe Frau,
Ich kann nicht länger hier schaffen.
Der Kaiser ruft in Aue und Gau
Die Männer zu den Waffen.
Und fällt mir auch der Abschied schwer,
Ich komme bald schon wieder her.

ISOLDE singt:

Gehab' dich wohl, geliebter Mann,
Und kämpfe wie ein Ritter.
Zieh' dich nur immer schön warm an,
Und suche Schutz bei Gewitter.
Gib gut auf unsern Heinrich acht.
Und schlaf im eignen Bett bei Nacht.

GLEICHEN singt:

Dergleichen Sprüche kenn' ich gut,
Sie werden mir viel nützen.
Dein Segen mir im Herzen ruht,
Wird allzeit mich beschützen.
Wenn nachts die Stern am Himmel stehn,
Dann werd' ich dich im Traume sehn.

ISOLDE singt:

Und schlag nicht so viel Feinde tot,
Lass auch ein paar noch leben.
Sind sie bedrängt in höchster Not,
Werden sie sich ergeben.
Bedenke, dass nur Gott allein
Wird Führer dir und Retter sein.

Isolde und Hugo liegen sich in den Armen. Dann lösen sie sich, und die Männer verlassen den Raum. Isolde, mit einem Schnupftuch für die Tränen, geht zum Fenster und schaut ihnen nach. Der Mühlberger poltert aus der Kammer.

MÜHLBERGER: Huch, wo sind sie denn alle?

ISOLDE hinausblickend: Da ziehen sie hin, ins Morgenland. Zu zweit kann ihnen eigentlich nichts passieren, aber ich habe trotzdem irgendwie ein komisches Gefühl.

MÜHLBERGER: Ach geh, Isolde. Der Hugo ist ein alter Haudegen und das Glück ist immer auf seiner Seite gewesen. Und der Heini ist ein heller Kopf, dem fällt immer was ein, und wenn's noch so brenzlig wird. Er geht zum Tisch. Ach schade, die Suppe, ganz kalt.

ISOLDE: Mühlberger, hast du auf dem Abort die Lüftungsklappe aufgemacht.

MÜHLBERGER: Natürlich, sonst wär' ich ja selber erstickt. Übrigens die Tür schließt nicht mehr richtig und der Fensterladen ist locker.

ISOLDE: Ich weiß. Nun kommt Hugo erst mal nicht dazu, es zu reparieren.

MÜHLBERGER: Isolde, ich könnte ja gelegentlich mal rüberkommen und es richten.

ISOLDE während sie das Geschirr abräumt: Hm, ich werde es mir überlegen.


Personen 


Vierte Szene


In einer Geräusche-, Klang- und Stimmencollage fegt ein Kreuzzug über die Bühne. Zum Beispiel: Kampfgetümmel, Schreie, fremdartige Sprachfetzen, Trommeln, Sturmgeheul etc. Besser keine Personen, allenfalls Waffen, Lanzen und Fahnenspitzen, Pferdehäupter, die hinter und über einem Vorhang hinausragen, der sozusagen eine Wüstensanddüne darstellt. Oder zum Schluss Sanitäter des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes, die wortlos mit Tragen zu den Gefallenen eilen. Das Ganze nicht zu lang und endlich verstummend.


Personen 


Fünfte Szene


Lager der Kreuzritter in der Wüste. Zelte, Lagerfeuer etc. Im Hintergrund Grüppchen von Soldaten; ganz weit hinten die Türme einer Festung. Nach vorn eine Absperrung, die den kontrollierten Zugang zum Lager bildet. Trexel, Fasch und Hosenknöpper im Landsknechtaufzug als Soldaten des Graf Gleichen. Trexel schiebt Wache an der Kontroll- und Durchlassschranke.

TREXEL: Halt! Wer da? Parole? Ihr seid's Herr Graf.

GLEICHEN: Lass' mich gefälligst rein, Trexel.

TREXEL: Nicht ohne Parole, so lautet der Befehl von Euch selbst.

GLEICHEN: Was?

HOSENKNÖPPER: Trexel, du siehst doch, dass es der Graf ist.

TREXEL: Misch du dich nicht ein, Hosenknöpper, ich habe Wache und da halte ich mich an die Wachvorschrift, die lautet: niemand wird ohne Parole hereingelassen. Wie du das machst, wenn du Wache hast, ist mir wurscht.

GLEICHEN: Mein Gott, Trexel, du nimmst es aber heute wieder genau. Vor ein paar Wochen hast du noch im Alacher Forst an alten Schweineknochen rumgenagt, und jetzt spielst du dich auf wie Lancelot.

FASCH: Ihr seid ungerecht, Herr Graf. Wie könnt Ihr den Trexel für etwas schelten, das Ihr selbst uns eingebläut habt. Wolltet Ihr nicht ordentliche Soldaten aus uns machen?

HOSENKNÖPPER: Da hat der Fasch recht. Und ich finde es auch nicht besonders gut, dass Ihr jetzt von den Schweineknochen im Alacher Forst sprecht, wo wir uns seit Wochen nur von Datteln und Kamelmilch und dann und wann was von den Karawanen ernähren.

GLEICHEN: Hund und Sau, jetzt reicht's! Euch treibt die Langeweile um, dass ihr anfangt rumzugreinen wie alte Jungfern. Was ihr braucht, das ist Feuer unterm Arsch, ein richtiges Gefecht mit dem Araber, damit ihr wieder wisst, weshalb ihr überhaupt hier seid.

FASCH: Hätte gar nichts dagegen.

GLEICHEN: Jetzt nimm' endlich den blöden Spieß runter, Trexel.

TREXEL: Erst die Parole.

GLEICHEN: Die Parole, was weiß denn ich.

TREXEL: Siehst du, Hosenknöpper, der kennt nämlich die Parole nicht. Ich sehe auch, dass er aussieht wie der Graf von Gleichen, aber es könnte ja auch so ein Araberhund sein, der sich verkleidet hat. Ich lass' ihn rein, und dann haut er uns eins auf die Mütze.

GLEICHEN: Bei dir wär' ich gleich soweit. Fasch, wie lautet die verdammte Parole?

FASCH: Äh ... Schaut Hosenknöpper an.

HOSENKNÖPPER: Regenbogen.

GLEICHEN: Sehr brav, Hosenknöpper. Wollte nur mal sehen, ob ihr euch die Parole gemerkt habt. Also Regenbogen, Trexel, hörst du.

TREXEL nimmt sofort den Spieß herunter: Melde gehorsamst, Herr Graf, Armbrustschütze Trexel auf Wache, während meines Dienstes ein besonderes Vorkommnis.

GLEICHEN neugierig: Was denn?

TREXEL: Ein als Graf verkleideter feindlicher Araber wollte den Wachhabenden Trexel reinlegen. Der Wachhabende Trexel war jedoch wachsam, hat die Verkleidung erkannt und die verdächtige Person nicht hereingelassen.

GLEICHEN: Was redest du da für einen Unsinn von Verkleidung und verdächtiger Person? Siehst du nicht mehr ganz klar?

FASCH: Der Herr Graf haben uns selbst vor den gefährlichen Fata Morganas gewarnt, die einen in dieser Wüstengegend befallen können. So eine Fata Morgana könnte das gewesen sein.

HOSENKNÖPPER: Ja, und auch die bösen Dämonen, diese Dschinnis, von denen der Herr Pfalzgraf erzählt hat, die treiben hier ihr Unwesen. Es heißt, sie können sich in jede beliebige Person verwandeln.

GLEICHEN: Na Hosenknöpper, den Dschinni möchte ich sehen, der sich in dich verwandelt, zur Strafe vielleicht.

HOSENKNÖPPER: Ihr könntet ihn ja nicht sehen, weil er aussieht wie ich.

TREXEL: Hör auf, so zu reden, mir wird ganz angst und bange. Woher soll ich wissen, ob ihr wirklich noch ihr seid. Womöglich sitze ich schon mitten unter einer Horde Dschinnis.

HOSENKNÖPPER: Ja, oder du bist der Dschinni, der uns langsam zur Verzweiflung bringen will.

FASCH: Nein wirklich, Graf, was ratet Ihr uns, wie könnte man da Gewissheit bekommen?

GLEICHEN: Ob jeder tatsächlich noch er selber ist? Hm. Jeder von uns hat doch etwas an sich, wovon kein anderer weiß, was auch kein Dschinni wissen kann. Denkt mal nach.

FASCH: Was soll das sein?

TREXEL: Mensch, Fasch, wenn du's selber nicht weißt, machst du dich ja gleich zum Dschinni.

FASCH: Ich verstehe nicht, was der Graf meint, ich hab' nichts Geheimnisvolles an mir. Höchstens ...

TREXEL: Was?

FASCH: Seit letzter Woche hab' ich so ein Brennen und Jucken an einer bestimmten Stelle, davon habe ich noch niemandem erzählt. Meint Ihr, Herr Graf, das kann der Dschinni wissen?

HOSENKNÖPPER: Hast du's immer noch?

FASCH: Ja, letzte Nacht war's wie verrückt.

TREXEL: Vielleicht hat der Dschinni den Fasch schon letzte Woche angefallen.

GLEICHEN: Soviel ich weiß, werden Dschinnis nicht krank, sie haben ja eigentlich überhaupt keinen eigenen Körper.

TREXEL: Außerdem sieht das auch eher nach dem Fasch selbst aus, so wie der sich bei den Nomandenweibern rumtreibt.

FASCH: Halt's Maul, Trexel. Was ist mit dir? Wie kannst du beweisen, dass du kein Dschinni bist?

TREXEL: Ich kann's. Aber ihr müsst mir versprechen, es niemandem weiterzuerzählen. Ich hab' als Kind was gemacht, was kein verfluchter Dschinni wissen kann, weil's nie rausgekommen ist.

GLEICHEN: Was war das?

TREXEL: Ich habe die Katze vom Dorfmüller gefangen, bei lebendigem Leib überm Feuer geröstet und dann gegessen.

GLEICHEN: Igitt, das ist ja schlimmer als ein Dschinni.

FASCH: Und du, Hosenknöpper, weißt du auch was?

HOSENKNÖPPER: Ja, es war nämlich nicht die Katze vom Müller, sondern die von meinem Großvater. Dass der Oberdschinni in dich fahre, Trexel! Deinetwegen habe ich damals die Tracht Prügel abgekriegt.

FASCH druckst herum: Herr Graf? Es steht uns nicht an, Euch ... aber ...

GLEICHEN: Natürlich, ihr sollt sehen, dass ich niemand anderes bin als der Graf von Gleichen. Ich habe ein Muttermal in Form eines fliegenden Vogels. Ich zeig's Euch. (Er lässt seine Hose herunter und die anderen betrachten seinen Hintern.)

TREXEL: Tatsächlich.

FASCH: Es ist echt.

HOSENKNÖPPER: Kein Zweifel, auch wenn ich es eher für eine Rübe mit Beinen gehalten hätte.

Der Pfalzgraf und Ritter Raimund kommen. Graf Gleichen zeigt noch immer seinen nackten Hintern.

PFALZGRAF: Was ist denn hier los? Ist das die neue arabische Begrüßung?

HOSENKNÖPPER: Herr Pfalzgraf, wir haben uns gerade einer Dschinniüberprüfung unterzogen.

PFALZGRAF: Gehört das jetzt zur Ausbildung, Graf Gleichen?

RAIMUND: Darf ich auch mal ran?

GLEICHEN zieht seine Hose hoch: Tut mir Leid, Raimund, das ist Militärgeheimnis. Setzt Euch, verehrte Ritter. Fasch, hol' uns einen Krug Kamelmilch und frische Datteln.

Fasch geht und kommt mit dem Gewünschten wieder.

PFALZGRAF: Das ist alles, was ihr zu bieten habt?

GLEICHEN: Höre ich da Mitleid aus Eurer Rede heraus, oder ist es der blanke Hohn. Wir halten hier seit vier Wochen die Stellung und belagern die Festung El Halasch, weil Philipp von Toulouse uns hierher geschickt hat. Und nun kommt Ihr, Pfalzgraf und verwundert Euch über unsere magere Verpflegung?

RAIMUND: Man hört auch, dass ihr jede Woche eine Karawane überfallt und ausraubt.

GLEICHEN: Was können wir dafür, wenn diese Kameltreiber immer wieder denselben Weg nehmen.

PFALZGRAF: Wahrscheinlich, weil es keinen anderen gibt durch diese Gegend. Es sind übrigens nicht immer die Kameltreiber, wie Ihr wisst. Es sind auch immer wieder Transporte nach Fathum für unsere Kameraden dabei.

GLEICHEN: Davon habe ich nichts bemerkt. zu den Soldaten: Ist euch was aufgefallen?

ALLE DREI: Nein.

PFALZGRAF: Jedenfalls sind die Transporte nicht in Fathum angekommen, oder wenn, dann stark geplündert. Philipp von Toulouse ist sehr verärgert.

GLEICHEN: Was machen die in Fathum überhaupt? Sitzen sich in der Oase den Hintern breit und lassen sich von den Mädchen mit Duftöl einreiben, während wir hier in glühender Hitze uns die Zähne an dieser Lehmburg ausbeißen. Von überall hört man, wie die Kreuzritter eine Festung nach der anderen erobern und sich die Taschen mit Beute vollstopfen, und uns hat man anscheinend vergessen.

RAIMUND: Die Tatsache, dass wir hier sind, zeigt, dass es nicht so ist.

GLEICHEN: Was interessiert es mich zu erfahren, was für Laune der Toulouse hat. Er soll uns einen klaren Befehl geben und der Warterei ein Ende machen.

PFALZGRAF: Ich bin gekommen, diesen Befehl zu überbringen.

TREXEL: Dann greifen wir endlich an?

PFALZGRAF: Ja. El Halasch muss fallen.

HOSENKNÖPPER: Wann legen wir los?

PFALZGRAF: Den Zeitpunkt bestimmt Euer Kommandeur, Graf Gleichen.

GLEICHEN: Was meint ihr, Männer, sind wir bis morgen bereit?

FASCH: Keine Frage.

TREXEL: Klar.

HOSENKNÖPPER: Morgen oder nie.

GLEICHEN: Ihr hört es, Pfalzgraf, meine Truppen können El Halasch morgen angreifen.

PFALZGRAF: Hervorragend. Ich will euch auch sagen, weshalb dem Philipp von Toulouse die Sache unter den Nägeln brennt. Nach gesicherten Informationen befindet sich in El Halasch das Schatzhaus des Ahmed ed Danaf, der einer der größten Räuber und Diebe des Landes war, bevor er in den Dienst des Sultans eintrat. Was er bei seinen Raubzügen erbeutet hat, verwahrt er in mehreren Schatzhäusern an verschiedenen Orten.

HOSENKNÖPPER: Lasst uns raten, Pfalzgraf, diese verfluchte Festung ist einer der Orte.

RAIMUND: Was für kluge Männer Ihr befehligt, Graf Gleichen.

PFALZGRAF: Natürlich steht Philipp von Toulouse der Schatz zu, aber er verspricht euch zehn Prozent Anteil.

TREXEL: Wieviel ist das?

RAIMUND: Nun, wenn du alle zehn Finger nimmst, dann ist ein ganzer Finger zehn Prozent davon.

TREXEL: Aber was soll ich mit einem Finger des Philipp; ich habe selber alle zehn.

PFALZGRAF: Herrgott, das war doch nur ein Vergleich. Zu diesen zehn Prozent kommt alles, was ihr in El Halasch selber plündern könnt, also so viel, wie ihr tragen könnt.

HOSENKNÖPPER: Auch Frauen?

FASCH: Mensch Hosenknöpper, willst du dich zum Gespött machen und eine Frau tragen? Die werden uns tragen.

PFALZGRAF: Eines sage ich euch in aller Deutlichkeit: Bevor nicht Philipps Schatz in unseren Händen ist, ist es jedem von euch streng verboten, sich selbst zu bedienen. Und noch etwas: wenn ich euch so ansehe, muss ich glauben, dass ihr zu denjenigen der Kreuzfahrer gehört, die sich durch Mut, Tapferkeit und Stärke auszeichnen. Ist das so?

ALLE DREI: Ja.

PFALZGRAF: Dennoch. Sollte es geschehen, dass einen von euch die Angst überkommt und er feige wird und daran denkt, den heiligen Kampf aufzugeben und gar vor dem Feind wegrennt und die eigenen Kameraden im Stich lässt, dem sage ich: er wird dafür sofort ohne Prozess aufgehängt und wird unter der sengenden Wüstensonne verrecken, während die Aasgeier ihm die Haut von den Rippen rupfen. Die Lage ist angespannt, und keineswegs geht es überall so planmäßig voran wie hier. In anderen Truppenteilen ist es sogar schon zu Meutereien gekommen.

GLEICHEN: Meuterei?

PFALZGRAF: Ja. Der Kaiser hat deswegen Maßnahmen ergriffen, um die Ordnung der Truppe wiederherzustellen. Er hat die Schwarze Garde hergeschickt, die jeden, der sich vor dem Kampf drückt oder der mit dem Feind gemeinsame Sache macht, auf der Stelle liquidiert.

FASCH: Die Schwarze Garde? Sind das die, die bei Scharbuk das Dorf dem Erdboden gleichgemacht haben?

PFALZGRAF: Das war eine Vergeltungsaktion für die hinterhältige Ermordung Ritter Keilenburgs.

FASCH: Sie haben den Männern vor den Augen der Frauen und Kinder die Köpfe abgeschlagen, und die anderen dann in eine Scheune gesperrt und Feuer daran gelegt.

HOSENKNÖPPER: Ist das wahr?

PFALZGRAF: Das ist die Schwarze Garde. Es ist besser, wenn man gar nicht erst mit ihr zu tun bekommt. Ich denke, ihr wisst jetzt über alles Bescheid. Morgen früh um sechs wird euch Graf Gleichen den Tagesbefehl ausgeben, und dann sei Gott mit uns. Für heute Abend aber habe ich noch eine Überraschung für euch: eine extra Ration aus Philipps Verpflegungslager. Wir werden ein Schwein am Spieß braten und dazu gibt es Sauerkraut, Erbspüree und - haltet euch fest - echtes deutsches Bier vom Fass.

TREXEL: Wie habt Ihr das bloß hergeschafft, Pfalzgraf.

PFALZGRAF großspurig: Organisationstalent, meine Herren.

HOSENKNÖPPER: Ihr seid ein wahrer Tausendsassa.

FASCH: Ich habe nie unter einem besseren Pfalzgrafen gedient.

Zwei Soldaten kommen mit zwei Gestalten in langen Kapuzengewändern.

SOLDAT: Graf Gleichen! Diese beiden Araberburschen haben wir gefasst, als sie in unser Lager schleichen wollten. (Die Soldaten gehen wieder.)

PFALZGRAF ergreift das Wort: Wer seid ihr? Und was habt ihr hier zu suchen?

HEINRICH: Du hast gesagt, wir sollen wieder da sein, wenn es dunkel wird.

GLEICHEN: Heinrich! Egbert! Wo zum Teufel habt ihr euch rumgetrieben? Und wie kommt ihr zu diesen Arabergewändern?

HEINRICH: Wir haben drüben mit den Jungs gespielt.

RAIMUND: Mit welchen Jungs?

EGBERT: Na, mit denen aus der Festung.

GLEICHEN: Seid ihr dort drin gewesen?

HEINRICH: Nö. An der Südseite ist eine Oase, da gibt es eine Quelle und eine Wiese, die sind jeden Tag dort.

PFALZGRAF: Wer sind die?

HEINRICH: Na, die Jungs, Hassan und Ahmed und Omar ...

GLEICHEN deutet auf Egberts Hals: Egbert, was ist das? Habt ihr euch gerauft?

EGBERT: Nur zum Spaß. Wir haben denen erklärt, was Ringkampf ist, und die haben uns gezeigt, wie man jemandem das Genick brechen kann.

HEINRICH: Ganz lautlos, ohne dass der es merkt.

PFALZGRAF zu Egbert: Haben die das bei dir ausprobiert?

EGBERT kleinlaut: Nee, das ist nichts, nur 'n Fleck.

Heinrich kichert.

GLEICHEN: Warum lachst du, Heinrich?

HEINRICH: Das ist vom Küssen.

EGBERT: Halt die Klappe.

GLEICHEN: Vom Küssen? Wer hat dich da geküsst?

HEINRICH: 'n Kamel.

EGBERT: Ach, das war bloß so 'ne Wette.

GLEICHEN: Was für eine Wette?

EGBERT: Hassan und seine Jungs haben gegen uns gewettet, wer besser küssen kann, die deutschen oder die arabischen Jungs.

RAIMUND: Moment mal, wen habt ihr da geküsst?

EGBERT: Aber Ritter Raimund? Mit wem küsst man sich denn normalerweise?

HEINRICH: Jedenfalls, die Fatima hat gesagt, wir wären besser, aber Dunja war für die anderen.

GLEICHEN: Dann steht es also unentschieden?

PFALZGRAF: Zum Kuckuck, Graf Gleichen, Eure Jungs bandeln mit der Feindesbrut an. Das ist sehr beunruhigend.

GLEICHEN: Wessen Idee war das?

EGBERT: Das mit dem Küssen?

GLEICHEN: Überhaupt dorthin zu gehen.

HEINRICH: Wir gehen schon seit drei Wochen da hin.

EGBERT: Es war meine Idee. Mein Onkel hat mir aufgetragen, nach den Mohrenmädchen Ausschau zu halten, und das habe ich getan.

GLEICHEN: Der Mühlberger. Da habt Ihr's, Pfalzgraf. Alles des Mühlbergers Schuld.

PFALZGRAF: Ja, aber der ist jetzt nicht hier und braucht sich nicht dafür zu verantworten.

GLEICHEN: Wieso hast du den Kussfleck eigentlich am Hals, Egbert?

EGBERT: Nicht nur am Hals.

RAIMUND: Grundgütiger!

GLEICHEN: Hat euch jemand gesehen bei euern Spielen?

HEINRICH: Ach, das ist dort wie im Paradies, da kann man sich richtig verstecken. Den Egbert musste ich auch erst suchen, sonst wären wir schon eher gekommen.

PFALZGRAF: Was, wenn sich nun der Feind dort auch versteckt hält?

TREXEL: Im Paradies? Ihr meint die Schlange?

PFALZGRAF: Ja, du Tölpel, der Widersacher, der Antichrist.

RAIMUND: Habt ihr auch ... ich meine, Zungenkuss praktiziert?

GLEICHEN: Euer Schweigen bedeutet ja. Aber warum fragt Ihr, Ritter Raimund?

RAIMUND: Nun ja. Wenn die Zunge gespalten war wie bei einer Schlange, dann ...

PFALZGRAF: Ritter Raimund, wovon sprecht Ihr?

HOSENKNÖPPER: Ist vielleicht der Dschinni in ihn gefahren?

GLEICHEN: Die Jungs haben bloß ein bisschen mit den Mädels rumgeknutscht, ist das so furchtbar?

HEINRICH: Fatima und Sainab sind in einer Tanzgruppe, die tanzen immer da drin beim Sultan oder bei wem.

GLEICHEN: Wer ist Sainab?

HEINRICH: Die Freundin von Fatima. Die hat Egbert sich schon ausgeguckt.

EGBERT: Für den Onkel.

GLEICHEN: Ja, ja, freilich. Wir reißen uns hier den Arsch auf, entschuldigt Raimund, und der Mühlberger kriegt die Sainab, ohne einen Finger krumm zu machen.

EGBERT: Weil er's doch auch mit der Galle hat.

HEINRICH: Die haben gesagt, sie würden auch mal herkommen und Musik machen und tanzen.

EGBERT: Weil's hier immer so still ist und man hört nie jemand lachen oder singen.

PFALZGRAF: Die observieren uns.

TREXEL: Was machen sie?

FASCH: Das wär' doch gar keine so schlechte Idee, Graf von Gleichen. Der Pfalzgraf hat uns üppig Essen spendiert, da wäre es wunderbar, wenn wir ein wenig Unterhaltung dazu hätten, bevor es morgen in den Kampf geht.

PFALZGRAF: Ich weiß nicht, ob der Toulouse das gutheißen würde.

HOSENKNÖPPER: Ach, der Toulouse, der ist weit weg. Und außerdem kann mir keiner erzählen, dass der es nicht genauso macht.

PFALZGRAF: Was erlaubst du dir, über unseren Heerführer zu sagen!

GLEICHEN: Hat die Fatima gesagt, ob das was kosten würde, wenn die hier eine Vorstellung geben?

HEINRICH: Nein nichts. Die würden das aus Vergnügen machen, stimmt's Egbert?

EGBERT: Ja. Sollen wir ihnen Bescheid sagen?

PFALZGRAF unsicher: Ich bin dagegen. Was meint Ihr, Ritter Raimund?

RAIMUND auch unsicher: Ich weiß nicht. Ich habe irgendwie das Gefühl, als würde ich etwas ganz Außergewöhnliches erleben.

FASCH: Graf von Gleichen, Ihr seid der Befehlshaber hier. Macht uns die Freude, ladet die Mädchen ein. Vielleicht ist es ja für manchen von uns das letzte Fest.

GLEICHEN nach kurzem Bedenken: Also gut. Dann geht ihr beiden und sagt der Fatima und der ...

HEINRICH: Sainab.

GLEICHEN: Der Sainab, auf einmal sehr diplomatisch: dass sie herzlich gern an unserer kleinen Feier anlässlich der bevorstehenden Schlacht teilnehmen können; Essen und Trinken ist frei; Anzugsordnung ... Anzugsordnung ...ordentlich angezogen. zu den Soldaten: Und für euch gilt: niemand legt auch nur einen Finger an die Mädchen, verstanden! Es geht allein um den Kunstgenuss.

ALLE DREI: In Ordnung, Graf.

GLEICHEN zu den Jungen: Und ihr untersteht euch, weiter herumzuknutschen.

HEINRICH: Ja ja, wir sind gleich wieder da.

Heinrich und Egbert eilen davon.

GLEICHEN: Das ist der verderbliche Einfluss des Mühlbergers, dieses Schwerenöters, auf seinen Neffen. Wir müssen zusehen, dass wir das im Zaume halten. Na, jedenfalls kann der Mühlberger heute abend leider nicht dabeisein. Pfalzgraf, nun macht nicht so ein griesgrämiges Gesicht. Morgen ist alles vorbei.


Personen 


Sechste Szene


Das Lager am Abend. Am Himmel bereits golden funkelnde Sterne; am Horizont noch eine schwache Helligkeit (wenngleich es da keine Dämmerung gibt). Fackeln beleuchten angenehm die Szenerie. Zelte im Hintergrund. An der Seite das Schwein am Spieß und Bierfässer. Die Ritter lagern im Halbkreis. Der Pfalzgraf, Raimund, Graf Gleichen, Trexel, Fasch, Hosenknöpper; weiter weg angedeutete Kameraden. Es erklingt arabische Musik, und die Tanzdarbietung ist in vollem Gange; es ist wie aus Tausendundeiner Nacht. Vier Mädchen in typischer Bauchtänzerinnentracht, verschieden farbig, tanzen synchron; es ist eine Art kleines Ballett. Die Zuhörer sind ergriffen und bestaunen ruhig die Vorstellung. Die Mädchen machen deutlich, dass dieser Tanz am Ende angelangt ist, ohne dass sie ganz aufhören. Sie geben den Männern Gelegenheit zu ihrer Darbietung. Trexel, Fasch und Hosenknöpper verstehen diesen Hinweis. Sie erheben sich und singen ihr Lied, zuletzt der Graf Gleichen. Gleichzeitig wandelt sich der Charakter der Musik, die arabische Weise wird von einer (kontrastierenden) deutschen Volksmusik abgelöst, oder zumindest unterbrochen. Die Tänzerinnen lauschen dem etwas rauhen Gesang ebenso höflich. (Das folgende Lied hat einen Vorspann, in den sich die Sänger eintakten.)

FASCH singt:

Gewohnheit ist's in diesen Breiten
Auf dem Kamele hoch zu reiten.
Doch das bereitet mir Verdruss,
Ich gehe lieber fort zu Fuß.

Breiter und gemäßigter als die Einzelstrophen, beinahe wie ein Schunkellied:

ALLE singen:

Es kommen aus Europas Gefilden
Die Kreuzesfahrer zu den Wilden
Bewohnern von Arab'jen hin,
Sie zu bekehren steht ihr Sinn.

TREXEL singt:

Gnadenlos brennt hier die Sonne;
Wüstenmarsch ist keine Wonne.
Am Wege steht kein Hinweisschild,
Man weiß nicht, welche Richtung gilt.

ALLE singen:

Der Löwe prangt in unserm Wappen,
Wir aber zieh'n auf Schusters Rappen
Für Kaiser, Papst und Vaterland
Durch den heißen Wüstensand.

HOSENKNÖPPER singt:

Zum Dattelhain dort in der Ferne
Möcht' man gelangen schrecklich gerne.
Erkennt man an dem Orte klar,
Es nur Fata Morgana war.

GLEICHEN vor den anderen:

Welcher Glauben ist gerechter?
Welcher Gott gut oder schlechter?
Dieser Streit hört niemals auf;
So nimmt Geschichte ihren Lauf.

Nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Als Anhang erklingt noch eine Strophe nur Melodie, bei der die Ritter ziemlich ungelenke tänzerische Bewegungen machen. Dann geht die Vorstellung wieder an die Tänzerinnen über. Es ist Nacht, nur vom Fackelschein und vom Glanz der Waffen, des Schmucks der Tänzerinnen usw. erhellt. Jetzt ist die Musik emotionaler, fast dramatisch. Die Mädchen deuten nur an, während in ihrer Mitte auf einmal eine dominierende Tänzerin (im Schleierkleide) auftritt, die durch Bewegungen und Gesten insbesondere auf Raimund sehr verführerisch einwirkt. Raimund steht denn auch auf; er ist von dem Anblick fasziniert und wird von der Darbietung angelockt.

RAIMUND sehr emphatisch:

Potzblitz! Die Dame scheinet mir gewogen.
Sie blicket mich so lüstern an.
Ich fühl' mich zu ihr hingezogen,
Dass ich nicht widerstehen kann.

Wer ist die Schöne im leichten Gewande?
Die mich umschlingt mit Fesseln und Bande.
Solch Säuseln hab' ich nie gehört,
Dass es mich ganz verstört, betört.

Die anderen Ritter sind beunruhigt über Raimunds seltsames Verhalten.

GLEICHEN: Raimund, was ist mit Euch? Ihr habt Euch ja völlig in die Tänzerin vergafft. Ich denke, Ihr steht nicht auf Frauen?

RAIMUND wie entrückt:

Wie ihre Augen zärtlich necken,
Da schauert es mich kalt und heiß.
Sich ihre Arme nach mir strecken,
Schon läuft von meiner Stirn der Schweiß.

Raimund geht auf die Tänzerin zu.

Oh, dies Geschöpf muss ich erlangen.
Nimmt es mich? Nehm' ich es gefangen?
Und kostet es mein Ritterglück;
Für mich gibt es nun kein Zurück!

PFALZGRAF steht auf: Raimund! Graf Gleichen, haltet ihn auf, er ist wie besessen.

Graf Gleichen fasst Raimund am Ärmel.

HOSENKNÖPPER: Der Dschinni hat ihn erwischt.

RAIMUND will sich losreißen: Lasst mich, ich muss sie haben!

GLEICHEN: Raimund, denkt an unseren Ehrenkodex. Die fremden Weiber verletzen unsere Ritterwürde.

RAIMUND: Scheiß auf die Ritterwürde. Ja, diese hier hat mich verletzt, sie hat mich tief ins Herz getroffen!

Die geheimnisvolle Tänzerin zieht ihn wie mit unsichtbaren Fäden immer näher an sich heran. Bis zum Ende der Szene erklingt weiter leise die Musik wie eine Untermalung.

GLEICHEN kann ihn nicht mehr aufhalten: Hiergeblieben! Trexel, Fasch und Hosenknöpper, packt mit an!

Die Tänzerin und die Mädchen bewegen sich wie schwebend einmal in der Runde herum, und es ist, als würden sie die Männer auf zauberische Weise betäuben; diese bleiben stehen. Raimund ist nur auf die Tänzerin fixiert.

TREXEL schwankt: Mir wird so wunderlich.

FASCH: Die Augen fallen mir zu.

HOSENKNÖPPER: Ich bin wie versteinert.

Da entledigt sich die Tänzerin vor Raimunds Augen ihres Kleides und entpuppt sich als schöner, androgyner Mann mit kahlrasiertem Kopf und schmalem, schwarzen Bart, stark geschminktem Gesicht, fein behaarter Brust und athletischer Figur etc.; es ist Amanda. Raimund ist verzückt.

RAIMUND: Oh! Was sehe ich? Ein Mann! Wer bist du?

AMANDA sanft und mit einer Spur Wollust:

Meine Lippen tun dir kund:
Bin dein Geliebter, mein Raimund.
Spürst sehnsüchtig du mein' Hauch;
Ich frage dich: liebst du mich auch?

RAIMUND beinahe verzweifelt vor Begierde:

Oh ja, verfallen bin ich ganz, bin dein.
Ein bess'rer Reim fällt mir nicht ein.
Die bloßen Worte taugen nicht,
Drum sage ich nur schlicht:
Wer du auch sei'st, nimm' mich ganz!
Und wiege mich im Zaubertanz.

Amanda lächelt und nimmt Raimund in seine Arme; die Mädchen umhüllen die beiden mit einem Reigen. So bewegen sich alle langsam zur Seite ab. Zurück bleiben die schlafenden Ritter und das halb verzehrte Schwein am Spieß.


Personen 


Siebente Szene


In der Oase mit Dattelhain; alles sehr grün und üppig, einige Dattelpalmen. Egbert und Yasemin sitzen auf einem Stein. Yasemins Kostüm hat Ähnlichkeit mit dem der Tänzerinnen.

EGBERT: Wie alt bist du eigentlich? (Er versucht mit Gebärden zu verdeutlichen.) Du wie alt?

YASEMIN sehr selbstbewusst und ein wenig amüsiert: Fah'sad al que wer?

EGBERT: Ja. Ich bin nämlich schon erwachsen. Ich kann mich mit kleinen Mädchen nicht mehr abgeben.

YASEMIN: Er-wach-sen Me-chen.

EGBERT: Ja. (Er deutet auf sich und dann auf Yasemin.) Ich bin ein Ritter, ich heiße Egbert von Ingersleben. Wie heißt du?

YASEMIN: Ing-ers-lä-ben. (Sie findet die Worte komisch.)

EGBERT: So heiße ich. Wie ist dein Name? Du Na-me?

YASEMIN: Ah! Yasemin.

EGBERT: Yasemin, was für ein hübscher Name. Egbert und Yasemin, das klingt gut.

YASEMIN: Klingutt. (sehr schnell und für Egbert unverständlich) Netrach sor farul am t'schakrat sebira. Murfa estül schala-achara mamita, hapt sem gd'ullatsi torat?

EGBERT: Das finde ich auch. Yasemin, dieser Name passt zu dir.

YASEMIN wiederholt: Hapt sem gd'ullatsi torat? Wo aus du? No. Wo cher du?

EGBERT: Woher ich komme? Aus Europa, aus Deutschland.

YASEMIN: Eusch-la.

EGBERT: Deutschland.

YASEMIN: Teusch-la.

EGBERT: Deutschland.

YASEMIN: Dscheu-lam.

EGBERT: Thüringen.

YASEMIN: Ah! Bratt-wuust.

EGBERT: Thüringer Bratwurst, genau. Das ist ja verrückt.

YASEMIN: Ich Yasemin, du Brattwuust.

EGBERT: Nein, nein, ich bin keine Bratwurst, ich bin ein Ritter.

YASEMIN: Du Ritter Brattwuust, kämpfen in Dscheulam gägen Türreng.

EGBERT: Ja ja, ich kämpfe mit dem Schwert, das stimmt, aber ich heiße Egbert, Eg-bert.

YASEMIN: Ich kenne andere Ritter aus Dscheulam.

EGBERT: So? Wen denn? Wen kennst du?

YASEMIN mit tiefer Stimme: Bar-bar-rossa.

EGBERT: Kaiser Barbarossa? Den kennst du? Den kenne ich ja nicht mal.

YASEMIN: Kennst du nicht?

EGBERT: Ich meine, ja, doch, ich weiß natürlich, wer er ist, aber ich kenne ihn nicht persönlich.

YASEMIN: Großer Mann. Langer Bart, sehr stark.

EGBERT: Der ist nicht ohne, das ist wahr. Und Barbarossa war hier?

YASEMIN: Kon tschala? Was ist?

EGBERT: Kaiser Barbarossa war hier bei euch?

YASEMIN deutet an: Langes Haar. Langer Bart. Lange Nase. Langes Schwert.

EGBERT: Wann war er hier?

YASEMIN: Lange. Ist marschiert durch Wüste. Langer Marsch.

EGBERT: Hast du getanzt?

YASEMIN: Kon tschala?

EGBERT: Habt ihr auch getanzt, als er da war? Tanzt du viel?

YASEMIN: Tanzen ist Leben mein.

EGBERT: Bei mir ist es der Krieg. Na ja, zur Zeit. Was ist?

Yasemin animiert Egbert zum Tanzen.

YASEMIN: Komm du tanzen.

EGBERT: Nein, nein, ich kann nicht tanzen, ich bin ... ich habe schon die Tanzstunden nicht zu Ende gemacht, weil niemand mit mir ...

YASEMIN lässt nicht locker: Komm tanzen.

EGBERT macht einige täppische Schritte: Yasemin, das wird nichts. Siehst du, jetzt musst du schon lachen, und ich habe noch gar nicht angefangen.

YASEMIN: So ist gut. No, so den Fuß. Au.

EGBERT: Oh Gott, hab' ich dir wehgetan? Das wird ganz und gar nichts.

YASEMIN: Gib mir Hand. So herum.

EGBERT: Jetzt lachst du mich aus.

YASEMIN singt und tanzt:

Colum-bel fach-sarha
Elam elam dscha
A - lai, a - lai
Zi - si, zi - si

Ses-hame d'hocht
Elam horum dscha
A - lai, a - lai
Zi - si, zi - si

EGBERT: Ein schönes Lied. Sing' es bitte noch mal. Sing' es noch mal.

YASEMIN singt:

Ses-hame d'hocht
Elam horum dscha
A - lai, a - lai
Zi - si, zi - si

EGBERT: Was heißt das? Wovon handelt dieses Lied? Ist das ein Vogel?

YASEMIN: Ein Vogel.

EGBERT: Was für ein Vogel? Eine Nachtigall?

YASEMIN: Nachtigall? No. Kleiner Vogel.

EGBERT: Eine Taube. Nein, die ist ja noch größer.

YASEMIN: Wie heißt kleiner Vogel? Mit Krone, sitzt auf ...

EGBERT: Auf einem Thron?

YASEMIN: Nein, nicht Thron. So, wie Ziegen wohnen.

EGBERT: Im Ziegenstall?

YASEMIN: Nicht Stall, aber offen.

EGBERT: Offen. Ah, mit Zaun drumherum, ein Zaun. Es ist ein Zaunkönig.

YASEMIN: Wie heißt er?

EGBERT: Zaunkönig. Was macht er? Spricht er etwas? Singt er was?

YASEMIN: Er singt von Liebe. Er ist glückig.

EGBERT: Glücklich.

YASEMIN: Und auch gegenglückig.

EGBERT: Unglücklich? Wieso?

YASEMIN: Er hat schönes Mädchen kennengelernt und ist in viel Liebe.

EGBERT: Deshalb ist er glücklich.

YASEMIN: Aber das Mädchen ist nicht frei.

EGBERT: Es ist eine Sklavin?

YASEMIN: Nein, aber sie hat schon ein anderen versprochen ihre Liebe.

EGBERT: Ach, deshalb ist er unglücklich.

YASEMIN: Ja.

EGBERT: Armer Vogel.

YASEMIN: Armer Vogel? Nein, nicht arm, er ist ein König, er ist reich. Aber er ist in Liebe.

EGBERT: Wir sagen arm, wenn jemandem etwas fehlt.

YASEMIN: Ah, s'mach allhem alpukko; er ist reich und hat Liebe, aber er hat nicht das Mädchen.

EGBERT: Und deshalb ist er arm, obwohl er reich ist.

YASEMIN: Suih pannat, du bist kluger Ritter Bratwurst, du kannst Zaunkönig verstehen.

EGBERT: Was ist mit dir, Yasemin? Hast du schon jemandem die Liebe versprochen?

YASEMIN: Möchtest du auch von Datteln essen?

Sie geht zu der Palme und pflückt einige Datteln.

EGBERT: Ähm, ja, nein, ja. Hast du ...

Von der Dattelpalme biegt sich ein Zweig herab, an dem Heinrich zu Boden fällt. Yasemin und Egbert sind erschrocken.

EGBERT: Verdammt, Heini, was machst du hier?

HEINRICH: Bin bloß ein bisschen rumgeklettert.

EGBERT: Ausgerechnet hier, wo ich mit Yasemin bin?

HEINRICH: Ich bin zuerst hier rumgeklettert, dann seid ihr gekommen.

EGBERT: Du warst die ganze Zeit da oben im Baum und hast uns beobachtet?

HEINRICH: Na und, ist doch nichts weiter passiert.

YASEMIN: Wer ist der?

HEINRICH: Ich bin Heinrich, Egberts bester Freund. (Er greift in Yasemins Hand mit den Datteln.) Ich nehme gern von den Datteln, Danke.

YASEMIN: Dein Freund?

EGBERT: Nein. Ja. Aber wir sagen Freund zu Kameraden.

YASEMIN: Kommst du auch aus Deuschlam?

HEINRICH: Ja. Ich wohne bei Egbert gleich um die Ecke?

YASEMIN: Um die Ecke? Wieviel Ecken hat Deuschlam? Wie ein Würfel?

HEINRICH zu Egbert: Tut sie nur so?

EGBERT: Was soll das heißen? Yasemin ist ein ganz nettes Mädchen; und sie ist auch schon alt genug. Sie ist nämlich schon siebzehn.

YASEMIN: Siebzehn Ecken? Donnerwetter!

EGBERT: Donnerwetter? Woher hast du das denn?

YASEMIN: Von Barbarossa. Hat immer gesagt: Donnerwetter!

EGBERT: Das sieht ihm ähnlich.

HEINRICH: Du tust ja so, als wüsstest du, wie Barbarossa redet.

EGBERT: Weiß ich auch.

HEINRICH: Ach was. Das sagst du jetzt nur, um vor Yasemin anzugeben.

EGBERT: Ich brauche nicht vor ihr anzugeben, ich habe genug natürliche Ausstrahlung, und ich bin älter als du.

HEINRICH: Aber mit deiner Tanzerei ist es nicht weit her.

EGBERT: Und du kannst dich nicht mal richtig verstecken.

HEINRICH: Ich muss ja auch auf dich aufpassen.

EGBERT: Ha, wer sagt denn so was?

HEINRICH: Der Pfalzgraf selbst hat es gesagt.

EGBERT: Der Pfalzgraf? Der kann mich mal.

YASEMIN: Streitet ihr euch jetzt? Um mich?

EGBERT: Am besten, du kletterst wieder auf den Baum.

YASEMIN: Heinrich?

HEINRICH: Ja.

YASEMIN: Erzähle mir von Deuschlam. Wie ist es dort?

HEINRICH: Ähm.

EGBERT: Nun sag' doch was, erzähl' Yasemin, wie es ist.

HEINRICH: Äh, ja, es gibt in Deutschland viel ... Schnee.

EGBERT: Schnee?

HEINRICH: Natürlich! Willst du das bestreiten?

EGBERT: Aber nur im Winter. Na ja, da liegt ziemlich viel Schnee rum.

YASEMIN: In Deuschlam im Winter liegt Schnee. In welcher Ecke von Deuschlam liegt Winter?

HEINRICH: Nee, das ist keine Stadt oder so etwas; Winter ist eine Jahreszeit, wie Weihnachten.

EGBERT: Ja, als bei euch in Nazareth Jesus geboren wurde, da war Weihnachten.

YASEMIN: Da hatten wir Schnee?

HEINRICH: Wir hatten Schnee. Und Christstollen.

EGBERT: Jetzt spring' nicht von einem zum nächsten. Erkläre vielleicht erst mal, was Schnee überhaupt ist.

HEINRICH: Du weißt nicht, was Schnee ist, Egbert?

EGBERT: Freilich weiß ich es, aber du sollst es Yasemin erklären.

YASEMIN: Weißt du's ?

EGBERT: Und wahrscheinlich kannst du's nicht.

HEINRICH: Erklären was Schnee ist? Also pass auf: Schnee fällt vom Himmel, aus den Wolken, es sind weiße Flocken, ungefähr so groß wie Geldstücke.

EGBERT kommentiert: Sie haben immer sechs Ecken.

YASEMIN: Unsere Geldstücke sind rund.

HEINRICH: Die Schneeflocken fallen auf die Erde und bleiben liegen, und es fallen immer mehr drauf, und wenn es einen Tag und eine Nacht lang geschneit hat, dann kommt eine Menge Schnee zusammen, und man sagt, es hat geschneit, und draußen liegt eine Schneedecke über allem, was vorher da war, über den Steinen, über den Bäumen, auf den Dächern der Häuser. Und dann kommt das beste: man kann einen Schneemann bauen.

YASEMIN: Einen Schneemann?

HEINRICH: Ja. Einen Mann aus Schnee. Man rollt zwei große Kugeln und setzt sie übereinander. Dann kommt oben ein Kopf drauf, zwei Arme an die Seite, alles aus Schnee versteht sich. Dann kriegt er 'nen Hut auf und einen Besen in den Arm, und im Gesicht zwei Augen aus Steinen und eine Mohrrübe als lange Nase.

EGBERT: Wie Barbarossa.

YASEMIN: Und woran sieht man, dass es ein Mann ist?

HEINRICH: Na, er heißt so: Schneemann. Du kannst auch eine Frau bauen, aus Schnee kann man eigentlich alles formen, auch so ... weißt du noch, Egbert, als wir die Schneefrau gebaut haben, hinten im Wäldchen am Schildrain? Wo du die zwei fetten Kugeln ... die war gut gelungen, die hatte sogar eine richtige ...

EGBERT fällt ihm ins Wort: Ja ja, man kann auch Hasen aus Schnee bauen, oder ein ganzes Haus.

YASEMIN: Wie viele Schneemänner gibt es in Deuschlam?

EGBERT: Wie viele? Du meinst ... nein, nein, die bleiben nicht stehen.

YASEMIN: Bleiben nicht stehen? Fallen die um?

HEINRICH: Das ist so: Schnee ist eigentlich Eis, also gefrorenes Wasser. Und wenn der Winter vorbei ist und der Frühling kommt und es warm wird, dann schmilzt der Schnee, und dann schmilzt auch der Schneemann. Er schrumpft und wird immer kleiner und fällt in sich zusammen, und am Ende ist nur noch ein kleines Häufchen Schnee da, und nichts erinnert mehr an ihn.

YASEMIN: Aber der Hut und der Besen und die ... die ...

HEINRICH: Die Mohrrübe? Das stimmt, das liegt dann alles noch eine Weile rum.

EGBERT: Was ist Yasemin? Weinst du?

YASEMIN: Das ist so traurig, wenn Schneemann sterben.

EGBERT: Aber das ist nur der Schneeleib des Schneemannes, der vergeht. Seine Seele bleibt erhalten, sie ist ja aus Wasser, und Wasser vergeht bekanntlich nicht. Sie steigt zum Himmel empor, und im nächsten Winter fällt sie mit den Schneeflocken wieder auf die Erde.

YASEMIN: Ist das wahr?

EGBERT: Natürlich. Ich habe sogar selbst einen Schneemann gebaut, der im vorigen Winter schon mal da war. Das war sozusagen eine echte Wiedergeburt von diesem Schneemann.

YASEMIN: Wie hast du ihn erkannt?

HEINRICH: Ja, wie hast du ihn erkannt?

EGBERT: Wie? Ähm, am Hut, es war derselbe wie letztes Jahr.

YASEMIN verträumt: Ich würde so gern auch einen Schneemann bauen.

HEINRICH: Tja, hier kannst du wahrscheinlich nur einen Sandmann bauen.

EGBERT aufgeregt: Wirklich? Würdest du das gern tun? Du kannst mit mir nach Deutschland gehen, und wir könnten einen bauen.

YASEMIN: Du würdest mich mitnehmen nach Deuschlam?

EGBERT: Sofort.

YASEMIN: Und du zeigst mir, wie man einen baut?

EGBERT: Wenn Winter ist, ja. Und vorher zeige ich dir tausend andere schöne Sachen.

YASEMIN: Donnerwetter.

EGBERT: Was?

YASEMIN: Das ist unglaublich. Ich, Yasemin aus El Halasch, würde nach Deuschlam gehen. Aber ... wie kann ich dort ... bestimmt seid ihr ganz anders als wir.

EGBERT: Aber sieh mich doch an, bin ich anders? Wir sind ganz genauso wie ihr. Wir gehen auf zwei Beinen, wir reden, lachen, essen und schlafen im Liegen. Wir feiern Feste, und wenn wir Schnupfen haben, tropft die Nase.

YASEMIN: Und das Essen? Ihr habt andere Speisen.

HEINRICH: Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen, meine Mama kann dir das Kochen beibringen.

EGBERT: Ja, Heinrichs Mama ist die beste Köchin weit und breit. Und ich bringe dir bei, wie man auf einem Pferd reitet.

YASEMIN: Das kann ich schon, das hat mir der Barbarossa gezeigt.

EGBERT: Dann zeige ich dir wie man Fische angelt.

YASEMIN: Ach, das wäre schön.

HEINRICH: Wisst ihr was: wir machen einen Plan, wie wir schnellstens gemeinsam nach Deutschland zurückkommen.

EGBERT: Gute Idee, lasst uns gleich beginnen.

HEINRICH: Also, was brauchen wir?

Die Szene geht über in die Achte Szene.


Personen 


Achte Szene


Schauplatz wie zuvor. Der Pfalzgraf und Graf Gleichen kommen, dahinter Trexel, Fasch und Hosenknöpper, die nicht in Erscheinung treten.

PFALZGRAF: Ha, was macht ihr da? Und was macht die Araberhure hier? Sie will euch sicher entführen.

GLEICHEN beschwichtigend: Aber Pfalzgraf, die malen nur was in den Sand, wahrscheinlich ein Spiel.

PFALZGRAF: Ein Spiel?

EGBERT: Ja, es ist Himmel und Hölle, wir wollten es Yasemin ...

PFALZGRAF: Und warum hat die Araberhure alles schnell verwischt? Sie weiß Bescheid. Das Spiel ist aus. Los, sag' uns, wohin ihr Ritter Raimund verschleppt habt, sonst mache ich mit dir auch ein Spiel, bei dem du geradewegs in die Hölle abgehst.

HEINRICH: Was ist denn passiert, Papa?

GLEICHEN: Ritter Raimund ist seit gestern Abend verschwunden; die Tänzerinnen haben ihn mitgenommen. Wahrscheinlich benutzen sie ihn als Geißel, falls wir die Festung angreifen. Eure Freundin kennt doch die Tänzerinnen?

PFALZGRAF ergreift Yasemin unsanft und bedroht sie mit dem Schwert: Jetzt rede, du Miststück! Oder ich verziere dir erst mal dein Gesicht ein bisschen mit meinem Schwert.

GLEICHEN: Pfalzgraf, sie ist noch ein Kind.

PFALZGRAF: Unsinn. Gleichen, wisst Ihr nicht, dass die Araber schon aus Kindern Soldaten machen. Ich zähle jetzt bis drei, und wenn du dann nicht redest, dann Gnade dir Allah.

EGBERT besorgt: Yasemin, weißt du etwas über die Tänzerinnen? Was haben sie mit Ritter Raimund gemacht? Bitte, sage es, mir zuliebe. Es wird dir nichts geschehen, das schwöre ich dir.

PFALZGRAF: Dich hat sie wohl auch schon bezirzt?

EGBERT: Nein, aber sie hat mit der Sache bestimmt nichts zu tun.

PFALZGRAF: Dann kann sie ja auch offen reden. Oder möchtest du, dass ich dich der Schwarzen Garde übergebe? Die werden mit der Peitsche aus dir herausprügeln, was sie hören wollen.

YASEMIN: Er soll mich loslassen.

GLEICHEN: Gebt nach, Pfalzgraf, sie kriegt ja kaum Luft.

Der Pfalzgraf lässt Yasemin widerwillig los.

YASEMIN: Die Mädchen können nichts dafür, es war Amanda.

PFALZGRAF: Siehst du wohl, du weißt ja doch was. Wer oder was ist Amanda?

GLEICHEN: So heißt diese Tänzerin, die in Wahrheit ein Mann ist, oder jedenfalls so aussieht, ach, was weiß ich, was die ist.

YASEMIN: Amanda ist ein Zauberer, sagt man.

PFALZGRAF: Kennst du ihn? Weißt du, wo er sich versteckt?

YASEMIN: Nein, ich kenne ihn nicht. Der Pfalzgraf will sie schon wieder packen, Egbert stellt sich ihr zur Seite. Wirklich nicht. Es heißt, dass er sein Reich bei Sand'hib Murkusch hat, diese Stätte nennt man auch die Pforte zur Unterwelt.

PFALZGRAF: Und dorthin hat er Ritter Raimund verschleppt?

YASEMIN: Es heißt, dass Amanda sich zu schönen Männern hingezogen fühlt und immer wieder welche in ihren Bann schlägt.

PFALZGRAF: Was meint Ihr dazu, Graf Gleichen?

GLEICHEN: Nun ja, ob Raimund wirklich schön ist, kann ich nicht sagen ...

PFALZGRAF: Ich meine, ob wir das glauben können?

GLEICHEN: Der Glaube versetzt Berge, das sagen auch die Araber. Also, wenn dieser Amanda glaubt, Raimund wäre schön ...

PFALZGRAF: Zum Teufel! Ich rede nicht über Ritter Raimunds Veranlagung. Wenn diese Hure die Wahrheit sagt, dann könnte sich Raimund in Sand'hib Murkusch befinden und wir müssen ihn dort rausholen.

GLEICHEN: Ja. Aber, was ist, wenn Raimund sich freiwillig bei Amanda aufhält und gar nicht von dort weg will?

PFALZGRAF in Rage: Was? Das kommt nicht in Frage. Wir befinden uns im Krieg. Auch ein Ritter Raimund hat sich nicht unerlaubt von der Truppe zu entfernen. Wir brauchen ihn.

GLEICHEN lenkt ein: Ja. Mehr noch als dieser Amanda.

PFALZGRAF zu Yasemin: Weißt du, wie man nach Sand'hib Murkusch gelangt?

YASEMIN: Ich bin einmal mit meinem Großvater dorthin gegangen, weil er wegen seiner Krankheit Hilfe erbitten wollte. Wir hatten uns einer Karawane angeschlossen. Der Weg geht durch die Wüste Gombad, sie ist zwar nicht groß, aber es toben dort oft fürchterliche Sandstürme; auch wir mussten damals umkehren.

PFALZGRAF nach kurzem Bedenken: Dann gebe ich folgenden Befehl: Graf von Gleichen, Ihr bildet ein Sonderkommando zur Befreiung Ritter Raimunds.

GLEICHEN: Jawohl! Wer gehört zu diesem Sonderkommando?

PFALZGRAF: Ihr selbst. Er zeigt auf Egbert und Heinrich. Und Eure beiden Burschen; sie sollen sich dabei bewähren.

HEINRICH erfreut: Wenn wir wiederkommen, werde ich dann zum Ritter geschlagen?

PFALZGRAF großmütig: Ja, Heinrich, das werde ich persönlich tun. Und nun Abmarsch, und nehmt natürlich das Mädchen mit.

GLEICHEN: Ach so, auch noch ein Weib. Und zwei Buben. Schönes Sonderkommando.


Personen 


Neunte Szene


Graf Gleichen, Yasemin, Egbert und Heinrich auf dem Weg zu Amandas Reich; sie machen kurze Rast. Wüste Gegend; in der Ferne ziehen dunkle Wolken auf.

EGBERT: Herr Graf von Gleichen?

GLEICHEN: Was ist, Egbert?

EGBERT: Heinrich, Yasemin und ich haben beschlossen, nach Hause zurückzukehren.

GLEICHEN: Wohin nach Hause?

EGBERT verwundert: Nach Deutschland, nach Thüringen.

GLEICHEN: Jetzt?

EGBERT: So bald wie möglich.

GLEICHEN: Das liegt nicht in eurer Entscheidung, der Krieg ist noch nicht vorbei, Jerusalem noch nicht in unsrer Hand.

EGBERT: Ja, aber das ist uns egal, wir verzichten auf Jerusalem.

GLEICHEN: So so. Ihr könnt euch nicht einfach aus dem Staub machen, ihr habt gehört, was der Pfalzgraf gesagt hat: jede unerlaubte Entfernung von der Truppe ist Verrat, ein Verbrechen, das hart bestraft wird.

EGBERT: Ihr werdet ihm doch nichts davon sagen?

GLEICHEN: Und du, Heinrich, willst auch zurück?

HEINRICH zögernd: Ja.

GLEICHEN: Aber du willst auch zum Ritter geschlagen werden.

HEINRICH: Ja.

GLEICHEN: Also, dann musst du dich entscheiden, entweder das eine oder das andere.

EGBERT: Heißt das, Ihr würdet uns gehen lassen?

GLEICHEN: Natürlich nicht. Und habe ich das richtig verstanden, das Mädchen will auch mit?

EGBERT: Yasemin? Ja.

HEINRICH: Sie ist Egberts Verlobte. Na ja, beinahe.

GLEICHEN: Du willst den Ingersleben zum Manne haben?

Yasemin nickt und umfasst Egberts Arm.

GLEICHEN: Ihr seid viel zu jung für so was.

EGBERT wie über ein Geheimnis sprechend: Eigentlich sollte ich Yasemin ja für meinen Onkel mitbringen, aber ...

GLEICHEN horcht auf: Was aber?

EGBERT spöttisch und berechnend: Ich sehe nicht ein, weshalb der Onkel die Yasemin zum Geschenk erhalten soll, wo er doch überhaupt nichts dafür geleistet hat.

GLEICHEN: Das ist völlig richtig, der Mühlberger hat sie am allerwenigsten verdient.

EGBERT: Aber er würde sie kriegen, es sei denn ...

HEINRICH: Es sei denn, sie wäre schon dem Egbert versprochen.

EGBERT: Ihr könntet uns Euren Segen geben, Graf Gleichen.

Egbert und Yasemin umarmen sich.

GLEICHEN: Ich? Bin ich der Feldpfarrer? Eben war noch von Verlobung die Rede, jetzt geht's schon ans Heiraten.

EGBERT: Unter diesen Umständen hättet Ihr das Recht uns zu trauen.

HEINRICH: Ich bin Trauzeuge.

GLEICHEN: Heiliger Strohsack! Mit was man es hier zu tun bekommt. Und alles bleibt an mir hängen, ich soll es richten.

HEINRICH: Weil du der Graf von Gleichen bist, Papa. Und dem fällt immer was ein.

GLEICHEN: Ja, mein Sohn. Und jetzt fällt mir auch was ein. Ihr kommt gefälligst mit und helft mir, den Raimund zu befreien. Und danach wirst du dir vom Pfalzgraf den Ritterschlag geben lassen. Und ich werde dafür sorgen, dass ihr beide den Bund schließen könnt, entweder hier oder sobald ihr zu Hause seid.

Egbert und Yasemin schauen sich selig an, drücken sich und geben sich einen Kuss.

HEINRICH: Dann schickst du uns heim?

GLEICHEN: Ja, aber nicht illegal, ich werde meinen eigenen Sohn doch nicht ins Unglück stürzen. Es gehen jede Woche von Akkon Schiffe nach Italien ab. Ich werde mit dem Pfalzgrafen reden, dass ihr einen offiziellen Auftrag bekommt, irgendeine Fracht begleiten oder so.

HEINRICH: Und du, Papa?

GLEICHEN: Ich werde wohl noch ein paar Tage hierbleiben müssen und beim Angriff auf El Halasch mitmachen.

HEINRICH: Aber wenn dir was passiert? Ich meine, wenn du ...

GLEICHEN mit einer Spur Unsicherheit: Ach, was soll mir passieren? Da habe ich schon schlimmere Sachen überlebt. So, und jetzt holen wir zuerst den Raimund aus dem Loch.

YASEMIN: Herr Graf? Nehmt das hier.

GLEICHEN: Was ist das?

YASEMIN: Ein Amulett, es wird Euch beschützen. Es heißt, Amandas Reich wird von Dämonen bewacht, die jeden Eindringling töten wollen. Mit diesem Amulett könnt Ihr sie vielleicht abwehren.

GLEICHEN betrachtet das Amulett und hängt es dann um den Hals: Das ist sehr lieb von dir, Yasemin. Danke. So, aber nun los, ich befürchte, dort drüben braut sich ein schwerer Sturm zusammen, diese schwarze Wolke kommt direkt auf uns zu.


Personen 


Zehnte Szene


Mitten im heftigsten Wüstensturm. Man hört nur die Personen rufen, sieht sie aber nicht. Die Pausen zwischen den Rufen werden immer länger.

HEINRICH: Papa! Wo bist du?

GLEICHEN: Haltet euch dicht hinter mir!

HEINRICH: Wir können dich nicht sehen.

GLEICHEN: Was?

HEINRICH: Bleib' stehen, Papa.

GLEICHEN: Wir dürfen nicht stehenbleiben, dann treibt uns der Sturm zurück. Vorwärts!

HEINRICH: Papa! Bist du noch da?

GLEICHEN: Seid ihr noch da?

HEINRICH: Papa!

EGBERT: Graf Gleichen!

YASEMIN: Egbert!

EGBERT: Yasemin!

GLEICHEN: Heinrich!

YASEMIN: Egbert!

HEINRICH: Papa!


Personen 


Elfte Szene


Graf Gleichen inmitten einer zwielichtigen Landschaft: halb üppiger Urwald, halb finstere Öde, teils dicht bewachsen, teils kahl, hier fruchtbar, dort abgestorben. In einiger Entfernung, aber schwer zu erreichen, so etwas wie eine steinerne Pforte, von blühenden Pflanzen umrankt. Dahinter sonnige Gegend mit Blumen, Springbrunnen, bunten Vögeln etc.

GLEICHEN: Wir haben uns verloren. Wo sollte ich sie suchen? Mir scheint, das dort ist die Pforte zu Amandas Reich. Ich werde jetzt nicht ohne Ritter Raimund umkehren. Großer Gott, wer sind die denn?

Es treten auf: die Drei Dämonen. Halb Tier, halb Menschengestalt, also mit Schwanz und manchmal auf allen Vieren schleichend, ebenso mit menschlicher Sprache und Gestik. Sie unterscheiden sich zudem voneinander, z.B. in ihrer Färbung u.ä. Im Verlauf der Szene und Unterhaltung springen, schleichen und scharwenzeln sie um den Grafen herum, biedern sich an, versuchen im nächsten Moment, ihn zu zwicken, sind hin und hergerissen zwischen Scheu, Furcht und Angriffslust. Kein Zweifel, dass sie ihr Opfer lieber hilflos ausgeliefert sehen würden, als einen, der hier seine Forderungen stellt.

ERSTER DÄMON lockt Graf Gleichen:

Hier entlang, mein Freund, der Weg ist richtig;
Was von Bedeutung war, das wird hier nichtig.

GLEICHEN: Da lang?

ZWEITER DÄMON lockt ebenfalls:

Folge nur mir, willst du nicht lange suchen;
Dann kann ich mir ein Opfer mehr verbuchen.

GLEICHEN: Der macht mir einen seltsamen Eindruck.

DRITTER DÄMON desgleichen:

Lass' dich von mir geleiten, wackerer Mann;
Normalerweise stehen hier die Leute an.

GLEICHEN: Das kann ich kaum glauben, mir scheint es recht einsam hier, und ehrlich gesagt, auch nicht des Besuches wert.

ERSTER: Warum bist du dann hier, Graf von Gleichen?

GLEICHEN: Ihr kennt meinen Namen? Nun ja, es ist wahr, ich bin nicht ohne Grund hier. (für sich) Vielleicht gelingt es mir ja auf die diplomatische Tour.

ZWEITER:

Es locket oft der schlimmste Ort
Den Braven von zu Hause fort.

DRITTER:

Es reizt die Väter und die Söhne
Des verbot'nen Flötenrohres fremde Töne.

ERSTER:

Doch ach, es bringt um Unschuld und Verstand
Den Unvorsichtigen im fernen Land.

GLEICHEN: Davor bin ich gefeit, meine Herren. Ich bin weder unschuldig noch ist mein Verstand derartig groß, dass ich viel davon verlieren könnte. Aber unvorsichtig bin ich andererseits auch nicht, sonst hätte ich es wohl kaum bis hierher geschafft.

ERSTER:

So lange lässt der Teufel dir die Frist,
Wie er mit andern noch beschäftigt ist.

ZWEITER:

Kamst her du mit Gewalt und List,
Und weißt doch gar nicht, wo du bist.

DRITTER:

Ob du das Gastrecht hier vermisst?
Sei'st du auch Ritter, gar wohl Christ.

GLEICHEN: Nun, da macht euch mal nicht zu große Sorgen, ich bin nicht gekommen, um mit euch Kaffeekränzchen zu halten.

ZWEITER: Wie schade. Und wir dachten, du erzählst uns eine dieser schönen schaurigen Rittergeschichten, bevor wir dir den Garaus machen.

GLEICHEN: Ach, ihr wollt mich hierbehalten, verstehe ich das recht?

DRITTER: Hast du etwas dagegen einzuwenden?

GLEICHEN: Meinen Lebensabend wollte ich anderswo verbringen als in der Vorhölle.

ERSTER: Aber Graf! Wie kommst du darauf, dies sei die Vorhölle? Es gab schon etliche, die meinten, es wäre das Paradies.

GLEICHEN: Ja, vielleicht jene, die vormals aus dem Paradies geflüchtet sind.

ZWEITER: Geflüchtet? Wohl eher vertrieben wurden.

GLEICHEN: Nun, ich besorge, ich wäre auch nicht die richtige Gesellschaft für euch, und ihr noch viel weniger für mich.

DRITTER: Wir könnten aneinander gewöhnen.

GLEICHEN: Ein Ritter und drei Teufel. Wer sollte sich da an wen gewöhnen?

ZWEITER: Du bist aber hartnäckig.

ERSTER: Und ein Spielverderber.

GLEICHEN: Mitnichten, meine Herren, ich schlage euch ein Spiel vor, und wenn ich gewinne, lasst ihr mich ungehindert durch die Pforte ziehen?

DRITTER: Und wenn du verlierst?

GLEICHEN: Dann ...

Die Dämonen fangen sofort mit dem Abzählen an.

ERSTER:

Finger ohne Hand.
Prophet ohne Land.
Blatt ohne Baum.
Volk ohne Raum.

DRITTER:

Deckel ohne Topf.
Hut ohne Kopf.
Auge ohne Blick.
Tack ohne Tick.

ZWEITER:

Frisur ohne Haar.
Tag ohne Jahr.
Dach ohne Haus.

ALLE DREI:

Und du bist aus!

GLEICHEN: Ach, ihr wollt gar nicht spielen, wollt bloß euren Unfug mit mir treiben. Wie auch immer, mit euern Sprüchen könnt' ihr mich nicht länger hinhalten geschweige denn abschrecken. Lasst mich durch, ich will zu Amanda und Ritter Raimund befreien.

ERSTER:

Verdienst und Ruhm wollt' mancher schon erwerben,
Und musste doch kurz vor dem Ziel verderben.

GLEICHEN zückt sein Schwert: Schluss jetzt! Gebt den Weg frei oder ihr bekommt mein Schwert zu spüren!

Der dritte Dämon pustet aus seiner Hand dem Grafen was ins Auge, der sich daraufhin die Augen reibt und das Schwert fallen lässt.

DRITTER:

Und ist das Mittel auch perfekt,
Wird morgen doch ein neu's entdeckt.

Graf Gleichen hebt das Schwert wieder auf und hält es ihnen erneut entgegen. Der zweite Dämon greift furchtlos an die Klinge, worauf der Graf einen Schmerz in der Hand fühlt und abermals das Schwert fallen lässt.

ZWEITER:

Zur Waffe, die den Feind heut' überwunden,
Ist morgen schon die Gegenwehr erfunden.

Beim dritten Versuch tippt der erste Dämon die Schwertspitze nur an, und das Schwert schrumpft und hängt herab wie ein Damenstrumpf.

ERSTER:

Was heute noch die Bes-tie ausrottet,
Schon morgen seiner Wirkung spottet.

GLEICHEN ziemlich frustriert: Euer Erfindungsreichtum ist anscheinend und leider unschlagbar.

ALLE DREI untergehakt wie ein Varieteeballett:

Der Schöpfungsakt der Unterwelt
Ist das was uns am Leben hält.

So schaffen wir und raffen unter Tage;
Wir sind euch überlegen - keine Frage!

Und seid ihr ausgestorben irgendwann,
Dann siedeln wir uns oben an.

GLEICHEN: Na großartig. Wollt ihr vielleicht schon mal meinen Schlüsselbund haben? Er hält seinen Schlüsselbund hoch und wackelt damit. Die Dämonen glotzen wie gebannt darauf.

ERSTER:

Brüder! Dies witzige Instrument
Ist, was man Schlüssel nennt
Womit man öffnen kann die Türen,
die in Stuben, Säle, Grüfte führen.
Kurzum, der Eintritt zu dem Raum,
In dem erfüllt sich jeder Traum.

Sie nähern sich neugierig und lüstern dem Bund.

GLEICHEN: Ach, das interessiert euch wohl sehr? Bei mir zu Hause ist es mindestens ebenso gemütlich wie hier, und ihr bekommt garantiert was besseres zu futtern als zähe Gefangene. Also, der hier ist für die Wohnstube, im Sommer schön kühl, im Winter mollig warm, dank dem Kamin, in dem die Buchenscheite prasseln. Der ist für das Schlafzimmer, süßer Schlaf auf Federkissen und genug Platz für die Spiele, bei denen man lieber unbeobachtet sein will. Das ist der Schlüssel für die Küche. Der extra für die Vorratskammer, wo die Schweine in Wurstgestalt ihren Nachruhm feiern. Und das ist der Kellerschlüssel, schön dunkel und gruselig ist's da unten, wäre so richtig nach euerm Geschmack. Na, was ist? Er rasselt damit. Wollt' sie euch holen, meine Schlüsselchen, und schnappt danach mit euerm Rüsselchen.

Wenn die Dämonen nahe genug heran sind, hält ihnen der Graf das Amulett am Hals entgegen.

GLEICHEN siegessicher: Da habt ihr, Teufelsbrut!

DRITTER: Was ist das?

ZWEITER: Ein Spezialschlüssel?

ERSTER: Zur Folterkammer.

Das Amulett zeigt keine Wirkung.

GLEICHEN: Zum Kuckuck! Yasemins Amulett, war zwar gut gemeint, scheint aber nicht zu funktionieren.

Die Dämonen sind ganz nahe an den Grafen herangekommen. Da muss sich der erste kratzen, dann auch die anderen.

ERSTER: Uaaah! Vorsicht, Kameraden! Er hat Flöhe!

ZWEITER: Flöhe! Flöhe!

DRITTER: Rettet euch!

Sie springen davon, als gälte es das Leben zu retten.

GLEICHEN verdutzt: Weg sind sie. Jetzt schnell durch die Pforte. (Die Pforte ist wie von allein nähergerückt. Man sieht in dem zauberischen Garten Amanda und Ritter Raimund beim Liebesspiel.) Ah, da sehe ich schon das Idyll. Gott, wie tief kann ein Ritter sinken. Es nützt der beste Heilige Geist nichts, der einem beisteht, wenn man der Macht des Fleisches erliegt.


Personen 

Zwölfte Szene


Graf Gleichen mit festem Schritt, hinterdrein widerwillig und in komischer Kleidung mit Blümchenunterhose o.ä. Raimund.

RAIMUND droht und jammert zugleich: Graf Gleichen, ich werde mich über Euch beschweren.

GLEICHEN: Ihr euch über mich?

RAIMUND: Jawohl. Ihr habt nicht das Recht, mich gewaltsam fortzuschleppen, das ist Freiheitsberaubung und Nötigung. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, also mit arglistiger Täuschung. Im übrigen seid Ihr unerlaubt in das Reich meines Freundes Amanda eingedrungen, also kommt noch Hausfriedensbruch dazu. Das reicht für zwanzig Jahre Kerker.

GLEICHEN: Raimund, vielleicht darf ich Euch daran erinnern, es herrscht Kriegsrecht.

RAIMUND: Irgendwann ist der Krieg vorbei, und das ist mir recht.

GLEICHEN: Ja, dann werdet Ihr mir dankbar sein, dass ich Euch da rausgeholt habe.

RAIMUND: Warum sollte ich? Ein schöneres Leben als an der Seite Amandas kann ich nirgends und niemals bekommen.

GLEICHEN: Meint Ihr das im Ernst?

RAIMUND: Graf Gleichen, was wisst Ihr eigentlich von dem Leben als Kreuzritter? Und was wisst Ihr von mir? Glaubt Ihr wirklich, ich wäre auf das dumme Geschwätz eines Gottfried von Bouillon oder auf Philipps von Toulouse hysterische Krakeelereien hereingefallen? Hätte mich auf mein Pferd geschwungen und wäre aus tiefster Überzeugung ins Morgenland gezogen, um den Arabern die Schädel einzuschlagen? Ich? Der ich aus Mitgefühl jeden Regenwurm mit Wasser begieße, wenn er auf dem Trockenen liegt.

GLEICHEN: Manche Leute meinen, ein Wurm stehe weit über einem Araber.

RAIMUND: Meint Ihr damit den Pfalzgrafen?

GLEICHEN: Unter anderen. Warum, wenn Ihr im Grunde so ein Pazifist seid, habt Ihr Euch nicht geweigert, in diesen Krieg zu ziehen?

RAIMUND: Und Ihr? Ihr macht mir auch nicht den Eindruck des fanatischen Ritters von Gottes Gnaden.

GLEICHEN: Ihr wart selber dabei, als mich der Pfalzgraf praktisch gezwungen hat, mitzuziehen.

RAIMUND: Und mich ebenso.

GLEICHEN: Euch? Wie denn?

RAIMUND: Er hat damit gedroht, meine Neigungen öffentlich zu machen.

GLEICHEN: Dass Ihr schwul seid? Das weiß doch jeder.

RAIMUND: Womöglich ja, aber wenn man es dem Kaiser erzählt hätte, ich meine, so, dass es alle Welt hört, dann hätte mich der Kaiser mit einem Bann belegt, der mich zugrunde gerichtet hätte.

GLEICHEN: Man sagt, der Kaiser wäre selber schwul.

RAIMUND: Eben. Und er bildet sich ein, er könnte jeden haben, den er will.

GLEICHEN: Ah, jetzt verstehe ich, Ihr habt den Kaiser abblitzen lassen. Und der Pfalzgraf wusste um seinen Groll auf Euch.

RAIMUND: Wer hätte mir denn geglaubt? (Er versucht, sich heimlich davonzumachen.)

GLEICHEN: He, he, Ritter Raimund, hier geht's lang. Vergesst Amanda.

RAIMUND: Niemals.

GLEICHEN: Dann werde ich Euch wohl doch noch an die Leine nehmen müssen.

RAIMUND ohnmächtig vor Wut: Es ist nur meine Schwäche, die mich hindert, Euch niederzuschlagen und wieder zu Amanda zurückzukehren.

GLEICHEN: Oh, dann geht Ihr ab sofort vor mir her, los! Von Sarazenen nicht und nicht von Mameluken, von einem arabischen Zauberer wurde ich nicht abgemurkst, nicht einmal von ungeheuerlichen Dämonen; aber von einem schwulen Hammel aus dem Osterland sollte mir das widerfahren? Damit sich der Mühlberger drüber ausschütten kann vor Lachen? Ne ne, Raimundchen, so gut stehen wir nicht zueinander. Noch eine falsche Bewegung, und Ihr riskiert euer Leben.

Die Szene geht über in die Dreizehnte Szene.


Personen 


Dreizehnte Szene


Graf Gleichen und Raimund kommen an ein Trümmerfeld, wo gerade eine Schlacht getobt hat. Überall Leichen, glimmende und qualmende Überreste von Zelten und Ausrüstung etc.

RAIMUND ziemlich kalt: Was ist das für ein Durcheinander?

GLEICHEN erschüttert: Die Trümmer von El Halasch.

RAIMUND: Die Festung war nicht an diesem Ort.

GLEICHEN: Mein Gott, wie sieht das hier aus, verbrannte Erde allüberall.

RAIMUND hält sich sein buntes Schnupftuch vor die Nase: Und dieser Leichengestank, mir wird übel.

GLEICHEN: Das ist ... um Himmels Willen, das war unser Lager. (Ein Plünderer schleicht zwischen den Trümmern umher, er trägt teilweise Kreuzritterkluft.) Halt! Was machst du hier?

PLÜNDERER: Ich räume auf.

GLEICHEN: Das sieht mir eher nach plündern aus.

RAIMUND: Gibt es denn hier noch was zu holen?

GLEICHEN: Was ist geschehen? Wo sind die Soldaten? Wo ist der Pfalzgraf?

PLÜNDERER: Wer?

RAIMUND: Der Pfalzgraf, der Kommandeur.

PLÜNDERER: Es gibt keinen Kommandeur mehr, weil es keine Truppe mehr gibt, die er befehligen könnte.

GLEICHEN: Was soll das heißen? Sind sie alle tot?

PLÜNDERER: Oder geflohen.

RAIMUND: Tja, Graf Gleichen, wo wollt Ihr mich denn nun abliefern? Ich sehe hier weit und breit keine Spur mehr von unseren glorreichen Kreuzrittern.

GLEICHEN zu dem Plünderer: Wie lautet der Tagesbefehl?

PLÜNDERER gleichgültig: Woher sollte ich wissen, wie der scheißverdammte Befehl lautet; ich weiß nicht mal, welcher Tag heute ist.

RAIMUND: Donnerstag. Morgen habe ich Geburtstag. Und ich gedenke, ihn gemeinsam mit Amanda zu feiern. Graf Gleichen, Ihr seid herzlich eingeladen. (Er lacht.)

GLEICHEN: Ihr lacht? Anscheinend seid Ihr viel abgebrühter als ich dachte. Wie könnt Ihr angesichts dieser gefallenen Kameraden von Geburtstagsfeiern reden!

RAIMUND: Ich lache nicht über die armen Kerle, die tun mir Leid. Ich lache über diese ganze irrsinnige Unternehmung, die sich offensichtlich in Rauch und Asche aufgelöst hat.

GLEICHEN: Hm, verflucht! Habe ich denn nun nicht schon genug Scherereien gehabt!

PLÜNDERER mehr ironisch als ergeben: Kann ich jetzt gehen?

GLEICHEN gedanklich beschäftigt: Was?

PLÜNDERER: Ich denke, es ist besser, wenn ich mich verdrücke, die Schwarze Garde ist nämlich unterwegs und greift alle Deserteure auf.

RAIMUND: Die Schwarze Garde?

PLÜNDERER: Ja. Die haben immer noch nicht genug, führen sich auf wie die apokalyptischen Reiter und machen die eigenen Leute nieder. Erst gestern haben sie drei gefangengenommen, die sind noch halbe Kinder.

GLEICHEN aufhorchend: Wen?

PLÜNDERER: Zwei Burschen, der eine war nicht mal ein echter Ritter, und die dritte war ganz und gar ein Mädchen, wenn auch ein arabisches. Das war ihnen wohl auch zum Verhängnis geworden, denn die Schwarze Garde hat sie für Kollaborateure und Deserteure gehalten.

GLEICHEN bestürzt: Was ist mit ihnen geschehen?

PLÜNDERER: Sie sollen morgen gehängt werden.

GLEICHEN: Weißt du, wo sie sich befinden?

PLÜNDERER: Es gibt nur noch ein kleines befestigtes Lager, ungefähr eine Meile von hier westwärts, da ist das Gefängnis, und da haben sie auch schon den Galgen errichtet.

RAIMUND: Graf Gleichen, unter diesen Umständen kann ich nicht länger bei Euch bleiben.

GLEICHEN: Ihr könnt mich jetzt nicht im Stich lassen, Raimund.

RAIMUND: Ich habe mit diesem Kapitel abgeschlossen, was hier weiter passiert, ist mir völlig egal. Ich gehe zu Amanda zurück, lebt wohl.

GLEICHEN beinahe flehentlich: Aber Ritter Raimund! Diese Gefangenen, das ist mein Sohn Heinrich und der Ingersleben und seine kleine Freundin, ich muss sie retten. Helft mir dabei, ich bitte Euch.

RAIMUND: Bedaure sehr, Graf, aber ich habe schon zu viel für diesen Krieg getan, der mich im Grunde genauso wenig angeht wie die Heuernte auf Island. Auch muss ich noch einiges für meine Geburtstagsfeier vorbereiten, Ihr entschuldigt mich also. (Raimund verschwindet in die Richtung, woher sie kamen; der Plünderer geht auch.)

GLEICHEN: Halt! Er sieht sich um. Und der ist auch fort. Ich muss zum Gefängnis.


Personen 


Vierzehnte Szene


Graf Gleichen schleicht sich bei Sonnenuntergang an das Gefängnis heran. Das Gefängnis ist ein Käfig unter einem Holzpodest, auf dem ein frisch zusammengezimmerter Galgen steht, den man von unten nicht sehen kann. (Er ist so gebaut, dass es auch ein Kreuz ohne den einen Seitenarm sein könnte. Aber es hängt schon die Schlinge daran.) Im Käfig befindet sich nur Heinrich.

GLEICHEN: Heinrich! Leise, es darf uns keiner hören.

HEINRICH verängstigt: Papa! Bloß gut, dass du da bist.

GLEICHEN kniet an der Außenseite des Käfigs nieder und fasst Heinrichs Hand: Erzähle, was passiert ist. Und wo sind Egbert und Yasemin? Sie sind doch nicht etwa schon ...

HEINRICH: Ja, das sind sie.

GLEICHEN erschüttert: Gütiger Gott!

HEINRICH: Ich hoffe es jedenfalls.

GLEICHEN verwirrt: Du hoffst es?

Pause, in der traurige Musik anfängt.

HEINRICH singt:

Ach Vater, ich hab' eine böse Ahnung:
Dass was schiefging mit der Planung.
Endet nicht mein Kreuzzug doch
Hier in diesem Kerkerloch?

GLEICHEN macht ihm verzweifelt Mut:

Bleib' ruhig, mein Sohn, das ist normal.
Dieser Gewahrsam ist nur formal.
Man schützt dich vor dem bösen Feind.
Die Ketten sind nicht ernst gemeint.

HEINRICH:

Doch gestern habe ich vernommen,
Dass ich die Strafe soll bekommen,
Und man mich hängt als Desertist,
Obwohl ich nicht weiß was das ist.

GLEICHEN:

Mein Sohn, da meinte man die andern,
Die müssen an den Galgen wandern.
Doch dir gibt man die Freiheit bald,
Dann endet hier dein Aufenthalt.

HEINRICH geistig schon ziemlich abwesend:

Und werden wir dann heimwärts ziehen?
Zu Hause jetzt die Kirschen blühen.
Ich sehn' mich so nach der Mama
Und fühle doch den Tod so nah.

Graf Gleichen rüttelt den Sohn wach, der daraufhin mit Mattigkeit aber klar erzählt.

HEINRICH: Wir hatten uns verlaufen in dem Sandsturm, aber wir waren wenigstens zusammengeblieben. Wir sind zurück ins Lager, der Pfalzgraf hatte die Festung angegriffen.

GLEICHEN: Er wollte damit warten, bis ich mit Raimund wieder da bin.

HEINRICH: Ich glaube, er wollte vor dem Kaiser damit angeben, dass er allein die Festung erobert hätte.

GLEICHEN: Aber das ist fehlgeschlagen.

HEINRICH: Ja, die Araber haben die unsrigen abgewehrt und dann haben sie selber unser Lager erobert. Als wir ankamen, war es eigentlich schon vorbei. (Er rappelt sich auf.) Papa, du holst mich doch hier raus, nicht wahr?

GLEICHEN: Natürlich, mein Junge.

HEINRICH: Da kam so ein Araber angeritten, der war schon verletzt, aber der hatte mächtige Wut. Und der Egbert stand so ungünstig da, und im Vorbeireiten hat ihm der Araber eins auf die Birne gegeben. (stolz) Du, Papa, ich hab' den Araber mit 'ner Lanze erwischt, dafür muss mich der Pfalzgraf zum Ritter schlagen.

GLEICHEN: Das wird er tun.

HEINRICH: Wo ist der Pfalzgraf?

GLEICHEN: Er ... er sammelt die Truppe. Was ist mit dem Egbert?

HEINRICH: Der ist ohnmächtig geworden, und dann ist er nicht wieder aufgewacht.

GLEICHEN: Er ist wirklich tot?

HEINRICH: Nee, Yasemin hat sich um ihn gekümmert, ich hatte ja gegen die Araber zu tun.

GLEICHEN: Natürlich, du bist ein tapferer Ritter.

HEINRICH: Yasemin hat gesagt, er wäre nicht schlimm verletzt, aber eben bewusstlos, er wäre im Aura oder so.

GLEICHEN: Im Koma.

HEINRICH: Ja, er liegt im Koma.

GLEICHEN: Was habt ihr dann gemacht?

HEINRICH: Du hattest doch erzählt von den Schiffen, die von Akkon abfahren, da wollten wir Egbert hinschaffen.

GLEICHEN: Das war eine hervorragende Idee.

HEINRICH: Ja, ich muss zugeben, ich wollte eigentlich, dass sie warten, bis ich vom Pfalzgrafen den Ritterschlag erhalte, aber Egbert hätte es wahrscheinlich sowieso nicht mitgekriegt.

GLEICHEN: Nicht wenn er im Koma liegt.

HEINRICH: Wir haben uns ein Kamel geschnappt, wo wir Egbert draufgebunden haben, und damit wollte Yasemin ihn nach Akkon bringen.

GLEICHEN: Ganz allein?

HEINRICH: Ja. Aber genau in dem Augenblick tauchte die Schwarze Garde auf. Sie dachten, wir wollen uns aus dem Staub machen. Und als sie Yasemin gesehen haben, da sind sie völlig durchgedreht und wollten uns gefangennehmen. Ich habe sie abgelenkt, damit Yasemin mit Egbert fortkommt.

GLEICHEN: Oh mein Junge, du hast dich wie ein Held verhalten, ich bin stolz auf dich.

HEINRICH: Du, Papa, was haben die da oben gebaut? Die haben den ganzen Abend gehämmert.

GLEICHEN sieht nach dem Galgen hin: Das ist ... ein Kreuz.

HEINRICH: Ein Kreuz? Wofür?

GLEICHEN: Das ist wegen ... wenn du zum Ritter geschlagen wirst, das geschieht im Zeichen des Kreuzes.

HEINRICH: Ist es schon fertig?

GLEICHEN: Na, es fehlt noch ein Querbalken.

HEINRICH: Aber wenn der Pfalzgraf nicht da ist.

GLEICHEN: Der kommt, er hat es gesagt.

HEINRICH: Yasemin hat es auch gesagt.

GLEICHEN: Was?

HEINRICH: Dass sie zurückkommt, wenn sie den Egbert aufs Schiff gebracht hat. Papa, was is'n, heulst du?

GLEICHEN schluchzt: Ach Heinrich, alle handeln so edel, und ich ...

HEINRICH: Na, die Schwarze Garde ist sehr gemein.

GLEICHEN: Haben sie dich geschlagen?

HEINRICH: Hab's ausgehalten. Worauf wartest du eigentlich noch? Mit dem Rausholen?

GLEICHEN untersucht das große Vorhängeschloss: Ja, natürlich, ich muss nur ... den Schlüssel.

HEINRICH: Vielleicht passt einer von deinen, du hast doch so viele am Schlüsselbund.

GLEICHEN fummelt an dem Schlüsselbund herum: Hm, mal probieren.

HEINRICH: Ach Scheiße, es ist ganz sicher der letzte.

GLEICHEN mit bitterem Humor: Dann fangen wir eben mit dem letzten an.

Drei von der Schwarzen Garde treten auf. Sie tragen schwarze Uniformen und Helme; es kann sein, dass sie an Trexel, Fasch und Hosenknöpper erinnern.

HEINRICH: Oh, Papa! Pass auf!

GLEICHEN: Was?

HEINRICH: Die Schwarze Garde!

ERSTER DER GARDE: He, Alter! Was machst du da?

ZWEITER DER GARDE: Er versucht, das Schloss zu knacken.

Zwei von ihnen reißen den Grafen vom Käfig weg und halten ihn fest.

ERSTER: Schlag' ihm den Kopf ab.

Einer drückt den Grafen auf die Knie, der andere holt mit dem Schwert aus.

HEINRICH: Nein, wartet! Er ist mein Vater.

ERSTER: Dein Vater?

ZWEITER: Ist das wahr? Du bist der Vater von dieser feigen kleinen Ratte?

GLEICHEN von unten herauf: Er ist nicht mehr so klein.

RITTER DER GARDE: Ich habe eine Idee. Der Alte wird Zuschauer sein bei der Vorstellung, die jetzt gegeben wird.

ERSTER: Das wird wirklich lustig.

ZWEITER: Und dann kann er den Dreck wegräumen.

HEINRICH klammert sich an die Gitterstäbe: Papa, was meinen die?

GLEICHEN: Gar nichts, nur ein Scherz, Junge.

ERSTER: Los, raus mit der jungen Sau. (zum Grafen:) Und du kannst mitansehen, wie er am Strick zappelt.

Sie holen Heinrich aus dem Käfig, er schaut verwundert auf das Podest.

HEINRICH: Das ist gar kein Kreuz, Papa!

ZWEITER stößt Heinrich nach oben und auf den Schemel, der unter der Schlinge steht: Los, steig da drauf.

GLEICHEN: Der Pfalzgraf kommt gleich, Junge, nur einen Moment noch, er wird dich zum Ritter schlagen.

HEINRICH: Ich will nicht.

ZWEITER legt ihm die Schlinge um den Hals und zieht sie fest: Hättest dir wenigstens vorher mal den Hals waschen können.

ERSTER: Zieh' ihn hoch!

Der Henker zieht am Strick und den Heinrich in die Höhe, der strampelt mit den Beinen. Da kommt von der Seite jemand mit langem Umhang und Kapuze bekleidet und schießt mit der Armbrust auf den Henker, den der Bolzen in die Brust trifft. Er lässt den Strick los, Heinrich fällt nach unten und befreit sich von der Schlinge. Gleichzeitig wirft der geheimnisvolle Schütze dem Grafen ein blankes Schwert zu. Der nutzt die Überraschung aus und erledigt den anderen Gardisten. Den dritten strecken die beiden im kurzen Kampf nieder. Der Retter schlägt die Kapuze zurück: es ist Yasemin.

HEINRICH: Yasemin! Ich habe gewusst, dass du kommst.

GLEICHEN umarmt sie heftig: Danke, mein liebes Mädchen, tausend Dank!

HEINRICH: Was ist mit Egbert?

YASEMIN wie ein Offizier: Er müsste jetzt schon längst in Italien sein. Ich habe ihn den Johannitern übergeben, die ihn in einem Hospital in Messina unterbringen.

HEINRICH: Papa! Wir müssen schnellstens dorthin, und dann ziehen wir alle zusammen nach Thüringen.

YASEMIN: Ein Schiff liegt bereit, Graf Gleichen.

GLEICHEN: Na dann, nichts wie weg hier.


Personen 


Fünfzehnte Szene (Schluss)


In der Turmstube des Grafen von Gleichen wie am Anfang. Isolde und Yasemin bei der Arbeit.

ISOLDE: Also, die Kalbsbrust, das zeige ich dir, Yasemin, die macht man zu wie ein Schuh, ha ha. Pass auf: die dünnen Holzspieße steckst du einfach immer quer durch die Ränder. Dann nimmst du einen Bindfaden und verschnürst die Enden wechselweise, so. Zum Schluss einen Knoten, fertig, das hält.

YASEMIN: Und sieht lustig aus.

ISOLDE: Ja. Und für die Fleischfüllung brauchen wir die Eier und die frischen Kräuter.

YASEMIN: Das ist Petersilie.

ISOLDE: Richtig.

YASEMIN: Und das?

ISOLDE: Das ist Liebstöckel, man verwendet ihn für grünen Salat, er ist ziemlich kräftig.

YASEMIN zeigt darauf: Dill, Schnittlauch.

ISOLDE: Und der köstliche Safran, den du mitgebracht hast, Yasemin. Davon werde ich nur ganz wenig nehmen, damit er lange reicht.

YASEMIN: Ach, ich habe meinen Verwandten schon einen Brief geschrieben, dass sie Safran mitbringen sollen, wenn sie mich besuchen.

ISOLDE: Oh, wunderbar. Dann müssen wir uns aber was Besonderes einfallen lassen, was wir ihnen zu essen bieten.

Graf Gleichen und Heinrich kommen. Der Graf setzt sich.

HEINRICH: Mama, wann gibts'n Mittag, ich hab' Hunger.

ISOLDE ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen: Immer mit der Ruhe, du siehst doch, Yasemin und ich, wir haben alle Hände voll zu tun.

GLEICHEN: Das riecht schon sehr lecker.

YASEMIN: Das riecht nicht, das duftet.

GLEICHEN: Ja, natürlich.

ISOLDE: Heinrich, kannst du denn dein Lied schon auswendig?

HEINRICH: Fast. Habe mit Papa erst noch mal Armbrustschießen geübt.

GLEICHEN: Sieben Schuss, fünf Treffer, einer angerissen. Der Junge ist gut.

ISOLDE: Na ja, wenn der Pfalzgraf kommt und es sich ansieht, musst du auch treffen können.

GLEICHEN: Ja, er sollte ihm eigentlich einen Bolzen in den Hintern schießen, am besten einen mit Widerhaken.

ISOLDE: Hugo! Wie kannst du vor den beiden so reden.

GLEICHEN: Verzeihung.

ISOLDE: Es ist nun mal geschehen, was geschehen ist, wozu noch länger darüber schimpfen.

GLEICHEN winkt beinahe zufrieden ab: Du hast Recht, vergessen wir das.

ISOLDE: Und außerdem hat der Pfalzgraf versprochen, Heinrich nicht nur zum Ritter zu schlagen, sondern ihm auch ein besonders edles ...

GLEICHEN zu Isolde: Sssst!

HEINRICH: Was will mir der Pfalzgraf schenken?

GLEICHEN: Das wirst du schon sehen. Ich würde dir empfehlen, den Pferdestall aufzuräumen.

HEINRICH: Mach' ich. ruft mich, wenn's Essen gibt. (Er geht.)

Baltzer kommt.

GLEICHEN: Baltzer, was gibts?

BALTZER: Gute Neuigkeit für das Fräulein Yasemin. Der Egbert ist aus dem Schlaf erwacht.

YASEMIN freudig erschrocken: Was?

BALTZER verzückt: Er hat die Augen aufgemacht, sich aufgerichtet und hat ...

ISOLDE: Was hat er, Baltzer?

BALTZER: Er hat nach dem Fräulein Yasemin gefragt.

GLEICHEN: Das ist ja rührend.

Baltzer verschwindet gleich wieder. Yasemin bindet sich die Schürze ab, blickt wie in Gedanken vor sich hin und singt.

YASEMIN:

Am Nachmittag im Dattelhain
Hab' ich ihn mir erkoren.
Der Egbert, dacht' ich, soll es sein;
Gleich drauf ging er verloren.

Ein harter Stoß an seine Stirn,
Der ließ stillstehen das Gehirn;
War schnelle Hilf vonnöten.
Man wollte ihn gar töten.

ISOLDE singt:

Solch Schicksalsschlag ist unerhört,
Legt schwer sich aufs Gemüte.
Hat junge Liebe fast zerstört,
Kaum dass sie zart erblühte.

Doch hast du mit Entschlossenheit
Gerettet ihn zur rechten Zeit
Aus Trümmern und aus Flammen;
Das hält euch fest zusammen.

GLEICHEN ist aufgestanden und singt:

Mit zweien Knaben zog ich los,
Sollt' gut auf sie achtgeben.
Auf einmal war die Sorge groß,
Ich bangt' um unser Leben.

Er wendet sich Yasemin zu.

Da machte Gott oder Allah
Dass schnell ein Wunder noch geschah.
Und ist uns Yaseminen
So Göttingleich erschienen.

Er schaut Yasemin huldvoll an; sie macht eine halb schamhafte, halb kokette Miene. Isolde will seinen Gesang unterbrechen, aber er ist schneller.

Ja, sie vermag wohl allezeit
Anmut und Liebenswürdigkeit
Rings um sich zu verbreiten;
Und bleibet doch bescheiden.

Er hat sich Yasemin noch mehr genähert; und wiederum gelingt es Isolde nicht, ihn von seiner Schwärmerei abzuhalten.

Dies Mädchen ist ein Edelstein,
Der wider strahlt den Sonnenschein.
In ihren Augen glänzen
Tugenden ohne Grenzen.

Isolde schiebt den Grafen sanft und lächelnd zur Seite.

YASEMIN: Jetzt muss ich aber schnell zum Egbert hinüber gehen.

ISOLDE: Warte Yasemin, ich hole ein frisches Hemd für ihn.

GLEICHEN: Ich brauche auch eins.

ISOLDE im Hinausgehen: Die passen dir nicht mehr.

Baltzer kommt, er ist den Tränen nahe.

GLEICHEN: Baltzer, du schon wieder.

BALTZER: Leider, leider, schlechte Neuigkeit. Der Egbert ist wieder ins Bett zurückgesunken.

GLEICHEN: Oh!

BALTZER: Aber er spricht jetzt schon im Schlaf.

YASEMIN: Was sagt er?

BALTZER: Irgendetwas von einem Schneemann.

YASEMIN beglückt: Einen Schneemann bauen! Davon hatten wir uns erzählt.

GLEICHEN klatscht in die Hände: Na, das ist doch ein großartiger Vorschlag, Yasemin. Jetzt haben wir Mai; wenn der erste Schnee fällt, ist der Egbert wieder auf den Beinen.

YASEMIN voller Hoffnung: Meint Ihr, Graf?

GLEICHEN: Ganz bestimmt. Und bis dahin zeige ich dir ein paar lauschige Plätzchen, wo man herrliche Schneemänner bauen kann, zum Beispiel im Wäldchen am Schildrain.

YASEMIN: Da hat der Egbert auch schon gebaut, sogar eine Schneefrau.

GLEICHEN: Siehst du. Dann werden wir uns mal auf eine kleine Winterreise durch's grüne, grüne Gras begeben. Baltzer, sag' Isolde, sie braucht mit dem Essen nicht zu warten, wir wärmen uns später was auf. (Sie gehen.)

BALTZER schaut ihnen nach: Ich weiß nicht, vielleicht hat ihm die Wüstensonne doch einen argen Stich versetzt. Er geht.

Isolde kommt mit einem frischen, gefalteten Hemd überm Arm.

ISOLDE: Wo sind sie hin? (Sie schaut aus dem Fenster nach unten.) Ach, sieh einer an! Arm in Arm, wie Vater und Tochter spazieren sie umher.

Die Tür zur Kammer springt auf und daraus hervor tritt der Mühlberger.

MÜHLBERGER: So, Isolde, tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat. Dafür ist jetzt die Lüftungsklappe wieder in Ordnung.

ISOLDE legt das Hemd beiseite und nimmt einen Krug mit Flieder: Sehr schön. Dann stellen wir noch den Fliederstrauß in die Kammer.

MÜHLBERGER: Oh ja, dann riecht es richtig nach Frühling da drin. Er will Isolde an den Hintern fassen, untersteht sich dann aber lieber.

ISOLDE geht voran: Es riecht nicht, Mühlberger, es duftet. Komm' mit.


Vorhang.



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