Marek Ponzio

Verhandlungen
 

Es war sehr heiß in diesen Augusttagen, und am Ufer der Moskwa und an den Teichen in den Parks, wo es zudem feucht war, wimmelte es von Mücken und unzähligen anderen aufdringlichen Insekten. An den Patriarchen-Teichen, wohin Klaus Riedel am zweiten Tag nach seiner Ankunft mit einem Botschaftskollegen zum Baden fuhr, konnte man sich vor Mücken kaum retten, und nur in der prallen Sonne ließen sie von einem ab. Das Wasser war abgestanden und trübe, grün wie ein Heuaufguss, und Riedels Kollege sagte, sie wollen es im Zoopark versuchen, dort gebe es noch saubere Stellen.

Als Klaus Riedel in Moskau angekommen war, kutschierte man ihn erst durch die halbe Stadt, bis man ein geeignetes Quartier gefunden hatte. In Berlin hatte man ihm gesagt, er würde in der Wohnung von Legationssekretär Kestner untergebracht, der zur Zeit im Urlaub sei. Sie lag ein paar Schritte hinter dem Puschkin Museum in einer Straße mit prächtigen Häusern. Aber mehr als die Fassade hatte Riedel nicht gesehen, denn der Kollege Werner Michaelis kam nach ein paar Minuten wieder heraus und meinte, da sei wohl was nicht genau abgestimmt worden, der Legationssekretär wäre zwar wirklich gerade nicht da, werde aber übermorgen zurückerwartet.

Michaelis setzte sich in den Wagen und rauchte in Ruhe eine Zigarette, dann bot er Riedel auch eine an, der lehnte dankend ab. "Sie rauchen also nicht", meinte er. "Nein", erwiderte Riedel und fragte "und wo kann ich nun übernachten?" Michaelis machte einen langen Zug, es waren englische Zigaretten. "Sind Sie müde?" fragte er dann. "Nein." "Ich kläre das sofort", murmelte der andere, ließ sich aber Zeit. Riedel bemerkte, dass er ständig in den Rückspiegel schaute. "Kennen Sie diesen Kestner?" fragte Riedel. "Flüchtig. Er war erst in Petersburg. Kennen Sie Petersburg?" "Nein." "Aber Sie waren doch schon in Russland, oder?" Riedel sagte: "Ja." Michaelis wollte sich eine zweite Zigarette anzünden, dann steckte er sie wieder ein. "Ich rufe in der Botschaft an, bin gleich wieder da." "Ist gut." Als Michaelis drin war, fuhr ein Auto langsam an Riedel vorbei und bog in die nächste Seitenstraße ein. Fünf Minuten später tauchte es hinter ihm wieder auf und hielt hundert Schritt entfernt am Straßenrand.

Dann fuhren sie Richtung Norden, Michaelis erzählte etwas von einer prima Unterkunft in der Nähe irgendeiner Metrostation, und Riedel fragte, ob er mit der Metro in die Stadt fahren soll. "Natürlich nicht", sagte Michaelis und trat aufs Gaspedal. Er fuhr sehr schnell und er schien sich hervorragend auszukennen. Dann kamen sie an endlosen Eisenbahngleisen vorüber, auf denen Güterzüge rangierten oder abgestellt waren. "Sind wir nicht schon ziemlich weit draußen?" fragte Riedel. "Das täuscht", meinte Michaelis. Dann sagte er "Wie wär's, wenn Sie morgen mit uns baden gehen? Bei der Hitze tut jede Abkühlung gut." "Warum nicht", erwiderte Riedel, "ich muss mich zunächst bei Hellmer melden." "Natürlich."

Aus irgendeinem Gefühl heraus hatte Riedel geahnt, dass es auch mit dem zweiten Quartier nicht klappt. Michaelis suchte das Haus mit der Nummer, die er auf einem Zettel notiert hatte, dann fragte er jemanden, er sprach ein fließendes Russisch, und der alte Moskauer gab ihm bereitwillig Auskunft. "Gleich haben wir's", sagte Michaelis, wendete den Wagen und fuhr in eine andere Richtung weiter. Am Nachmittag hatten sie endlich eine Wohnung gefunden. Sein Kollege zeichnete auf einem Blatt Papier einen groben Orientierungsplan, wo sie sich befinden. "Ich schicke morgen früh einen Fahrer her, der bringt Sie zur Botschaft." Riedel bedankte sich.

Das Gespräch mit Hellmer dauerte fast zwei Stunden. Riedel war angenehm überrascht von ihm. Er wusste, dass Hellmer schon seit über zwanzig Jahren in Russland tätig war. In der Zarenzeit war er Geschäftsmann gewesen, hatte eine kleine Armaturenfabrik besessen. Riedel hatte daher in ihm einen Mann vermutet, der in politischen Dingen unbedarft war. Man sagte, er sei fasziniert von Russland, von der russischen Kultur, von der eigentümlichen russischen Wesensart. Nach dem Krieg hatte man ihn für den diplomatischen Dienst gewinnen können, kein anderer Deutscher verfügte über so umfassende Kenntnisse, was dieses Land betraf, wie er.

Obwohl er keinerlei diplomatische Ausbildung hatte, war er nach Graf von der Schulenburg gewissermaßen der Vize in der Deutschen Botschaft. Allerdings wunderte sich Riedel hinterher, dass ihm Hellmer keine genauen Instruktionen gegeben hatte für die Vorbereitung des Besuchs des Außenministers. Möglicherweise erwartete er seinerseits von ihm, dass er über die weitere Vorgehensweise unterrichtet werde, denn Riedel war vom Auswärtigen Amt hergeschickt worden, und er hatte alle wichtigen Unterlagen über die Wirtschaftsvereinbarungen und den Außenhandel in der Tasche. Er übergab sie Hellmer, aber der legte sie beiseite.

Am Nachmittag fuhren Riedel und Michaelis dann zu den Patriarchen-Teichen, wo sie vor den Mücken reißaus nahmen. An den Badeteichen im Zoopark trafen sie auf einen weiteren Mitarbeiter, der nur seinen Vornamen Herbert nannte. Ansonsten sprach er ungehemmt und salopp, redete Riedel gleich mit du an und meinte zu Michaelis, man müsse ihn unbedingt mit zu den Amerikanern nehmen, die auf ihrer Datscha eine Party geben. Michaelis schwieg, und Riedel lächelte bloß höflich. Sie fanden ein hübsches Plätzchen unter den Weidenbäumen, und Michaelis ging schwimmen. Herbert sagte etwas von einem Kwassverkäufer, den er vorhin erblickt hatte, und er besorgte drei Gläser mit Kwass, der herrlich erfrischend war.

Dann verkündete er, er habe gehört, es soll einen harten Winter geben, die Bauern sagen das. "Was meinst du, Klaus?" "Tut mir leid, ich bin kein Meteorologe." "Der Führer wird sich also beeilen müssen, Polen einzunehmen, bevor es Winter wird", setzte Herbert fort und schaute Riedel fragend an. Der konnte dem Blick nicht widerstehen und sagte unwillkürlich "Wer behauptet denn, dass der Führer Polen einnehmen will." "Ich dachte, das wäre so", sagte Herbert schnell. "Haben Sie euch im Auswärtigen Amt noch nicht darüber informiert?" Michaelis, der geschwiegen hatte, lachte kurz auf. Da kam es Riedel so vor, als würde man nicht recht wissen, was man von ihm zu halten habe; und das sollte sich dann noch mehrmals wiederholen.

Die Amerikaner hatten ihre Datscha in einer idyllischen Landschaft bei Archangelskoje. Von einer Stelle im Garten aus hatte man einen Blick auf das Schloss des Fürsten Jussupow, das unaufhaltsam verfiel. Angeblich befand sich drinnen immer noch die Bibliothek mit ihren zwanzigtausend Bänden. George Taylor besaß einige ansehnliche Exemplare von dem Porzellan, das einst in der fürstlichen Manufaktur hergestellt wurde und das in Einzelteilen immer mal wieder in Moskau angeboten wurde, illegal selbstverständlich. George Taylor verbrachte die Hälfte seiner Zeit damit, russische Kunst zu sammeln. Er sah aus wie ein Tennisspieler der Weltklasse, und auf dem Spielfeld, das zur amerikanischen Datscha gehörte, ließ er sich oft begaffen. Es gab hier auch einen Pferdestall, der von einem alten kaukasischen Bauern mit einem mächtigen Schnauzbart in Stand gehalten wurde. Riedel erschrak bei seinem Anblick und dachte, Stalin würde vor ihm stehen, so sehr sah er ihm ähnlich.

Im Garten hatte man Korbsessel und Liegestühle aufgestellt und hinter einer Hecke hatte man sogar angefangen, einen Swimming Pool zu bauen, aber auch für die Amerikaner, die sich sonst in Moskau alles besorgen konnten, was sie haben wollten, war es schwierig geworden, das Baumaterial zu beschaffen. Für alles, was man zum leiblichen Wohl brauchte, gab es keine Einschränkungen, die Leute von der französischen und britischen Botschaft waren mit ihren Delikatessen immer freigebig, und Michaelis hatte diesmal Frankfurter Würstchen und eine Kiste mit Beck's Bier mitgebracht.

Man machte es sich im Freien bequem, und einer der Amerikaner brutzelte die Würstchen auf dem Rost. Er hatte sich eine Schürze umgebunden, auf der das amerikanische Sternenbanner abgebildet war, und ein junger Russe namens Wolodja half ihm. Dieser Wolodja hatte einen furchtbar großen Hund bei sich, den er abseits an einem Baum festgebunden hatte; wenn niemand auf der Datscha war, bewachten die beiden das Gelände, dafür durfte der Junge manchmal mit dabeisein. Das alles erfuhr Riedel so nebenbei von Michaelis, der es auch übernahm, ihn bei den anderen vorzustellen.

Riedel war ganz froh, dass man ihn nicht weiter ausfragte, was er befürchtet hatte, denn schließlich munkelte man allenthalben über einen bevorstehenden Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion, was bis vor kurzem noch undenkbar schien. Vielleicht war es auch jetzt für die meisten noch undenkbar, und man diskutierte nicht weiter darüber. Albert Kennan war gerade von einer Reise in die Wolgaprovinzen zurückgekehrt, er erzählte sehr anschaulich und mit viel Humor davon.

In Kasan, meinte er, hätten die Weinhändler tatsächlich auf ihren Ladenschildern das Wort "Balsam" stehen, was soviel wie "Apotheke" bedeutet. "Es ist genau so, wie es Alexandre Dumas beschrieben hat", sagte Kennan, "wenn einer von den Tataren Durst hat, betritt er die Apotheke und lässt sich mit 'Balsam' behandeln. Er trinkt eine Flasche Wein und geht geheilt davon. Mohammed hat den Strenggläubigen das Trinken verboten, aber den Apothekern ist es natürlich erlaubt, ihre Kunden zu kurieren."

Obwohl es Riedel recht war, dass sich alle auf so amüsante Weise unterhielten, musste er sich doch fragen, ob zwischen den Leuten der Botschaften nicht auch politische Themen zur Sprache kamen. Von den Amerikanern wusste man, dass sie momentan keine große Rolle im Weltgeschehen spielten und sich offenbar auch nicht genötigt sahen, sich irgendwo einzumischen. Wenn man George Taylor reden hörte, konnte man denken, er wäre nicht Botschafter der Vereinigten Staaten, sondern Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff. Aber bei den Franzosen und Engländern vermutete man hinter den Kulissen ein geschäftiges Treiben. Riedel hatte darin keinen Einblick, aber er konnte es aus Andeutungen und Bemerkungen entnehmen, die er in Berlin aufgeschnappt hatte, und in den letzten Wochen kursierten davon jede Menge.

Hier dagegen schien alles ruhig, und selbst Wolodjas Höllenhund lag träge an der Kette und grunzte. Riedel erfuhr nicht, weshalb Albert Kennan überhaupt an der Wolga entlang unterwegs gewesen war, doch wohl nicht, um auf den Spuren von Alexandre Dumas zu wandern. Immerhin beeindruckte ihn die feine Kultur und die weltmännische Bildung dieser Männer, und ihm fiel auch ein, wie Ribbentrop gelegentlich zwar nicht die Kultur, aber den grenzenlosen Optimismus und mitunter auch die Leichtlebigkeit der "englischen Dominions", wie er sich ausdrückte, hervorgehoben hatte. Und Ribbentrop kannte das aus eigener Erfahrung, war er doch selber Geschäftsmann und Ingenieur in Kanada gewesen. Einmal hatte er beiläufig zu Riedel gesagt, wenn nicht der Krieg dazwischengekommen wäre, hätte er es sich wahrscheinlich dreimal überlegt, ob er nach Deutschland zurückgehen wird, so bald jedenfalls nicht.

Ein einziges Mal bei dem fröhlichen Abend auf der amerikanischen Datscha kam es zu einem bissigen Wortwechsel zwischen Taylor und einem seiner Mitarbeiter, als dieser ihn mit sarkastischem Unterton als einen gern gesehenen Gast im Ballsaal des Adelsklubs bezeichnete und Taylor daraufhin seinen Gegenüber mit einer pikanten Einzelheit aus dessen letzter Affäre mit einer Moskauer Tänzerin bloßstellte. Michaelis erläuterte Riedel später, was mit dem ominösen Ballsaal gemeint war. Dort fanden die Schauprozesse statt, die Stalin veranstalten ließ, um alle unliebsamen Gegner in ebenso kurzen wie abschreckenden Verfahren zu verurteilen.

George Taylor war bekanntermaßen nicht nur häufiger Zuschauer bei diesen Standgerichten, er machte überdies auch keinen Hehl aus seiner Zustimmung, er hielt sie aus der Sicht der Sowjetregierung für nötig. Er meinte, es herrsche hier keine Demokratie wie in den westlichen Ländern, wo auch der politische Gegner das Recht auf Unantastbarkeit habe. Man könne Russland eher mit dem römischen Reich und den Diktaturen seiner besonders berüchtigten Kaiser vergleichen, die im Interesse der öffentlichen Ordnung oder aus Gründen der Staatsräson immer gezwungen waren, ihre inneren Feinde kurzerhand zu liquidieren. Auch damals gab es unter den Opfern viele, die bis zuletzt die loyalsten Untertanen gewesen waren, bis sie sich gegen ihren Führer wandten. Riedel fand, dass Michaelis über die Ansichten des amerikanischen Botschafters ziemlich gut Bescheid wusste.

Übrigens hatte Taylor, als er hörte, dass Riedel sich für Kunst interessiert, ihm ein kleines Gemälde gezeigt, das er gerade erstanden hatte. (Er bezahlte angeblich stets in Rubeln, die er vorher auf dem Schwarzmarkt eingetauscht hatte.) Es war ein Porträt eines Mädchens von Wladimir Borowikowski aus dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts, es war ein bezauberndes Bildnis, und es hatte eine nicht zu übersehende erotische Ausstrahlung, die Taylor offenbar sehr ansprach. Riedel nahm wahr, wie der Dandy in ihm durchkam. Dann gestand er, dass nicht eigentlich er der Kunstkenner sei, sondern seine Verlobte, die Kunstgeschichte studiert hat und in Berlin im Museum angestellt ist. Taylor äußerte sich lobend darüber, als habe er sie selbst vor einiger Zeit dem Museum empfohlen. Und dann fragte er Riedel ganz unvermittelt nach dem Außenminister Ribbentrop, was für ein Mensch er wäre.

Tags darauf, als Riedel zu Graf von der Schulenburg gehen wollte, wurde er auf dem Flur der Botschaft von Hellmer aufgehalten, der ihm mitteilte, dass er sich sofort zu einer Besprechung mit Vertretern des Volkskommissariats für Außenhandel begeben soll, unten vor der Tür wartet ein Auto, er, Hellmer werde auch mitkommen. Hellmer rief ihm das zu, während er nach Schulenburgs Büro hin ging, und Riedel war sich nicht ganz sicher, ob er den Namen Mikojan richtig verstanden habe, er war der zuständige sowjetische Kommissar für diese Angelegenheiten. Hellmer war in Eile, aber er bewahrte die Ruhe.

Unterwegs informierte er Riedel über ein Telegramm, das Staatssekretär Weissacker aus Berlin geschickt hat und in dem von dem ausdrücklichen Wunsch der Russen nach einer weiteren Verhandlung über wirtschaftliche Zusammenarbeit die Rede war. Georgij Astachow, der sowjetische Geschäftsträger in Berlin hatte dies im Gespräch geäußert. Diesen Astachow hatte Riedel bereits kennengelernt, als man sich im Berliner Restaurant "Ewest" getroffen hatte.

Der Legationsrat vom Auswärtigen Amt hatte dort vorsichtig aber unmissverständlich deutlich gemacht, dass es aus deutscher Sicht für eine engere Zusammenarbeit mit der Sowjetunion keinerlei Hindernisse gebe. Astachow hatte das Angebot sofort begriffen, und ihm war sicher auch klar, dass der Legationsrat damit nicht bloß seine persönliche Meinung kundgetan hatte. Dennoch dauerte es noch einmal zwei Wochen, bis Astachow nachfragte, ob die im "Ewest" dargelegte deutsche Position durch eine "Autorität" bekräftigt werden könne, was vom Auswärtigen Amt umgehend bejaht wurde. Von da an kam wieder Bewegung in die Wirtschaftsbeziehungen.

Als sie im Gebäude des Außenhandelskommissariats waren, musste Riedel zusehen, dass er an Hellmers Schritt durch die Gänge und über die Treppen dranbleiben konnte, Hellmer schien sich nicht nur hier auszukennen, sondern auch genau zu wissen, in welchem Zimmer sie erwartet wurden. Dem Wachtposten, der mit einer Maschinenpistole am Eingang stand, hatte er nur einen kurzen Hinweis gegeben, den jener beinahe wie eine Parole entgegengenommen hatte. Vor dem Zimmer im vierten Stock stand ein Mann, der die beiden begrüßte. Riedel kannte ihn, er war von der Hauptabteilung VI im Reichswirtschaftsministerium, aber sie hatten noch nichts weiter miteinander zu tun gehabt, Riedel wusste nur, dass er eigentlich Chemiker war und vorher in der Industrie gearbeitet hatte.

Sie betraten den Raum, wo es aussah, als wollte man gerade neu renovieren. Tische und Stühle waren fast alle an die Seite gestellt worden, die schweren Samtvorhänge von den Fenstern waren darauf liederlich abgelegt. Zwei große Teppiche lagen zusammengerollt nebeneinander, und die Kronleuchter waren von der Decke abgenommen. Es befand sich eine Gruppe uniformierte Männer im Zimmer, fast alle rauchten, zwei unterhielten sich, einer rief durch die offene Tür ins Nebenzimmer; auf dem Tisch standen ein voller Aschenbecher aus Messing, eine Schreibgarnitur aus Marmor, eine Flasche mit glasklarer Flüssigkeit und einige Gläser. Einer kam auf Hellmer zu und sagte etwas. Hellmer fragte nach Anastas Iwanowitsch, und der andere meinte, er habe einen wichtigen Anruf erhalten, müsste aber bald wieder hier sein.

Man schob die Utensilien auf dem Tisch beiseite, holte eilends ein paar Stühle heran, der Chef der Russen bat alle Platz zu nehmen, und schon begannen die Verhandlungen über die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Riedel stützte sich dabei auf seine Unterlagen, aber er konnte immer nur zu seinen Ausführungen ansetzen, sowohl der Russe als auch Hellmer unterbrachen ihn ständig. Sie redeten untereinander streckenweise sehr schnell miteinander, und manchmal konnte ihnen Riedel nicht folgen.

Dann wieder, wenn es um die Punkte ging, die auch er auf seiner Agenda stehenhatte, setzten die beiden gar nicht fort oder ein anderer mischte sich ein. Riedel spürte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat, eine solche Art von Verhandlung war er nicht gewohnt. Der Qualm von den stinkenden russischen Zigaretten verursachte ihm Kopfschmerzen. Schließlich ergriff auch der Mann vom Wirtschaftsministerium das Wort, und zwei von den Russen hörten ihm tatsächlich sehr aufmerksam zu, einer machte sich sogar Notizen auf dem Rand einer Zeitung, die er vom Fußboden aufgehoben hatte.

Hellmer musste übersetzen, was ihm mühelos gelang. Die Russen überhäuften ihn mit ihren Feststellungen, keiner nahm auf die Aussage des anderen Rücksicht. Es ging um den zweihundert Millionen Reichsmark Kredit, der mit fünf Prozent verzinst werden sollte, was den Russen zu hoch war. Hellmer machte klar, dass mit diesem Geld hochwertige deutsche Erzeugnisse einschließlich Rüstungsmaterial eingekauft werden können. Was für Rüstungsmaterial das wäre, fragte einer der Russen, aber ein anderer schien darüber genaue Vorstellungen zu haben, er zählte aus dem Kopf heraus auf: zehn Heinkel He 100, 5 Messerschmidt Me 109, 2 Junkers Ju 88, einen Drillingsturm 36 Zentimeter für die Marine, zwei schwere Feldhaubitzen 21 Zentimeter, vier Flakgeschütze, fünf Schwimmkräne für den Kriegsschiffbau, fünfhundert fertige Ladungen für 105 Millimeter Minenwerfer, zweitausend Armbanduhren mit Stoppeinrichtung. Riedel versuchte, alles mitzuschreiben, weil es offenbar kein anderer tat. Hellmer warf einen Blick zu ihm hinüber. Gleichzeitig redeten die beiden anderen mit ihrem dritten Mann, und da hörte Riedel mit einem Ohr, wie sie Fabrikationsmuster von Pyroxylin und Di-Nitro-Glykol-Pulver verlangten sowie technische Apparate zur Herstellung von Methylbenzen.

Riedel hörte auf mitzuschreiben, ihm fing es im Kopf zu schwirren an. Plötzlich ging es um die Nickelgruben von Petsamo in Finnland, im nächsten Augenblick um das Erdöl aus Rumänien. Nach zwei Stunden standen alle auf, und der Chef der Russen schenkte allen Wodka ein. Er gab einen Trinkspruch zum besten, und Hellmer erwiderte ihn, es klang, als hätte der andere Geburtstag, er war sichtlich erfreut. Mikojan war nicht aufgetaucht. Beim Hinausgehen hielt einer Riedel am Ärmel fest, in derselben Hand hatte er zwei Gläser zwischen den Fingern, in der anderen die Wodkaflasche. Er forderte Riedel auf, mit ihm Brüderschaft zu trinken, er füllte die Gläser bis zum Rand.

Als Riedel die Treppe hinuntergehen wollte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte bis auf den nächsten Absatz. Draußen war von Hellmer und dem Wirtschaftsmann keine Spur zu sehen, auch das Auto war weg. Riedel lief die Straße entlang, er musste sich sehr anstrengen, um einen gleichbleibenden Abstand zu den Häuserfronten zu halten. Er bog nach links ein, dann nach rechts, er kam an einen Fluss, aber es war nicht die Moskwa. Er fragte nach dem Weg zur Innenstadt, man nannte ihm die nächste Metrostation.

Wo zum Teufel er abgeblieben sei, fragte ihn Hellmer, sie hatten bloß den Wagen geholt, der im Hinterhof geparkt war. "Ich weiß nicht", sagte Riedel, "diese Atmosphäre da drin hatte mir irgendwie die Sinne verwirrt, und der Schnaps ist mir auch nicht gut bekommen, ich wollte bloß noch weg." Hellmer sagte "Ich kann Sie verstehen, das ist nicht einfach, mit solchen Leuten zu verhandeln, da haben Sie einen kleinen Eindruck bekommen. Aber hören Sie, das wichtigste ist, dass Sie sich nie anmerken lassen dürfen, was Sie denken oder wie Sie sich fühlen. Nie etwas anmerken lassen!" Was denn da nun eigentlich verhandelt worden sei, fragte Riedel, und was zur Sprache kam, gehöre doch eher ins Ressort des Verteidigungskommissariats.

"Das ist es ja, was die Sache so schwierig macht", sagte Hellmer, "man weiß nie, ob man es eigentlich mit den richtigen Leuten zu tun hat." "Sie hatten gehofft, mit Mikojan zusammenzutreffen?" "Hoffen kann ich hier gar nichts, ich muss mich auf die Gegebenheiten einstellen, außerdem bin ich Geschäftsmann." "Diese Rüstungsgüter, die die Russen verlangen ..." "Ist Ihnen das neu?" fragte Hellmer, ohne ihn ausreden zu lassen; er schien tatsächlich auf eine Antwort gespannt. Riedel machte eine unbestimmte Geste, Hellmer sagte "Ich möchte wissen, wer die Russen darauf gebracht hat, sie sind ganz wild danach, wie die Hunde auf der Schweißfährte. Uhren mit Stoppeinrichtung, als ob man in Russland nicht selber Uhren fertigen könnte. Hier, schauen Sie meine Uhr, russisches Fabrikat, funktioniert einwandfrei. Wozu braucht der Russe eine Stoppeinrichtung, können Sie mir das mal erklären?" Riedel schüttelte den Kopf und lachte.

"Sie haben Recht", fuhr Hellmer fort, "wenn es um solche Sachen geht, könnte man annehmen, mit Woroschilow oder wenigstens mit irgendeinem Armeegeneral darüber zu reden. Dass dem nicht so ist, kann nur zweierlei bedeuten." "Was?" fragte Riedel. "Entweder Stalin hat angeordnet, dass man uns abweisen, sprich: kräftig in den Hintern treten soll, oder er hat angeordnet, dass man uns Aussichten auf ernsthafte Verhandlungen machen soll." "Wie bitte? Schließt sich das nicht gegenseitig aus?" "Freilich. Deshalb kann auch nur eins zutreffen. Die Frage ist: welches?" Riedel sagte "Einer von denen wollte mit mir Brüderschaft trinken." Hellmer lachte aus vollem Halse, er legte für einen Moment die Hand auf Riedels Schulter, es war ein herzliches Lachen. "Ja, das machen die so. Sie können das ruhig als Freundschaftsbeweis auffassen. Ob es allerdings wesentlichen Einfluss auf die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion hat, das dürfte bezweifelt werden."

"Sie sagten doch, es habe dieses Telegramm gegeben." "Ja allerdings, deswegen sollten Sie ja auch dabeisein, es kam schließlich aus Ihrem Haus." Hellmer sah ihn scharf an. "Mein lieber Riedel, diese Unterlagen, die Sie mir da gegeben haben, die sind schön und gut, aber Sie sollten mir schon etwas genauer sagen, worum es geht, zum Beispiel was mit den anderthalb Millionen Tonnen Getreide ist, die die Russen auf einmal gestoppt haben, weil wir angeblich im Rückstand mit unseren Gegenlieferungen sind." "Davon weiß ich nichts", entgegnete Riedel.

"Das glaube ich Ihnen sogar", meinte Hellmer, "der einzige, der in Deutschland den Überblick über die Wirtschaftskontakte hat, scheint Göring zu sein, weil er den Ehrgeiz hat, seinen Plan zu erfüllen. Aber beunruhigen Sie sich nicht, Sie sehen ja, hier in Moskau sind die Verhältnisse auch nicht anders." "Und was werden wir nun tun?" "Ich setze mich mit Ihrem Chef in Verbindung." "Mit dem Außenminister?" Hellmer sah ihn komisch an. "Der ist doch Ihr Chef, oder?" "Ja, ja, selbstverständlich." Da kam Michaelis zu ihnen und sagte zu Riedel "Schulenburg will Sie sprechen."

Graf von der Schulenburg sah aus, als wäre er einer Wallenstein-Aufführung entstiegen, er war von edler Pracht und ritterlicher Statur. Er war groß und hager, fast ohne Haupthaar, dafür mit einem schönen, dichten Schnurrbart. Er hatte Augen mit klugem, vertrauensvollem Blick, und alle seine Bewegungen waren von adligem Stolz, der sich in Jahrhunderten wechselvoller Geschichte gefestigt hatte. Er sprach mit Riedel wie mit einem fremden Sohn, er fragte ihn nach seinem Leben und seiner Arbeit, und es wurde kaum deutlich, dass ihm Schulenburg in Wirklichkeit weisungsberechtigt war und Riedel im Dienst des Botschaftsapparats stand, dessen Leiter Schulenburg war.

Sein Büro war stilvoll eingerichtet, Riedel betrachtete die Photographien, und der Botschafter zeigte ihm die neueste, auf der er neben Reza Schah Pahlavi stand. Schulenburg war zur Hochzeit des persischen Kronprinzen mit der ägyptischen Prinzessin Fausia eingeladen gewesen, die gerade vor ein paar Wochen stattgefunden hatte und an der er sozusagen als offizieller Gesandter des Deutschen Reichs teilgenommen hatte. Schulenburg war viele Jahre lang als Botschafter in Persien tätig gewesen.

Man stellte ihm für die Reise sogar eine Ju 52 zur Verfügung, mit der er quer durchs Land flog, und in Persepolis hatte er selber das Steuer übernommen, um auf dem Platz vor dem alten Königspalast zu landen. Überall war Graf von der Schulenburg auf das Freundlichste empfangen worden. Hitler hatte für die Parade zu den Hochzeitsfeierlichkeiten ein ganzes Geschwader der Luftwaffe entsenden wollen, was der Schah aber leider abgelehnt hatte, woraufhin man sich gar nicht an der Parade beteiligte.

Allein Schulenburg vertrat sein Land mit Würde und Respekt, und sein natürlicher militärischer Habitus war gewiss ebenso beeindruckend wie eine ganze Formation Flugmaschinen. Als er sich mit Riedel unterhielt, hatte er die neue Uniform angelegt, mit der er zum bevorstehenden Parteitag Anfang September in Nürnberg auftreten werde. Sie passte ihm ausgezeichnet, das helle Grau, das wie ein Zwischenton aus luftiger Weite und felsenhafter Festigkeit wirkte, stand im schönen Kontrast zu dem matten Schimmer auf seinem Gesicht und seinen Händen.

Riedel fiel später auf, dass Schulenburg der einzige in Moskau war, der ihn nicht nach Ribbentrop ausfragte. Zwar erkundigte er sich nach dem Stand der Dinge im Auswärtigen Amt, aber es schien, als würde er sich weniger für die Personen interessieren, die dort die Entscheidungen fällen, oder jedenfalls ließ er keine Neugier erkennen, wie manche andere, die beinahe nervös wurden, wenn er, Riedel, sich über Ribbentrop äußerte.

Hellmer sagte einmal, Schulenburg habe wohl in seinem Leben auf der politischen Bühne so viele merkwürdige Menschen und Charaktere kennengelernt, dass er sich daran einen untrüglichen Sinn fürs wahrhaft Historische entwickelt hat, eine Art Verwunderungslosigkeit und Unerschütterlichkeit, wie sie ein Seneca besessen haben mag. Hellmer bekam richtig leuchtende Augen, und Riedel merkte, dass es diese Fähigkeit Gleichmut zu bewahren war, wegen der sich der unermüdliche und umtriebige Unterhändler an seinem Vorgesetzten so erbauen konnte.

Auch Riedel war von Schulenburgs Persönlichkeit so angezogen, dass er sich noch am selben Tag um ein weiteres Gespräch mit ihm bemühte. Außerdem wollte er sich Klarheit verschaffen in der Strategie, mit der sie gegenüber den Russen auftreten würden. Schulenburg war bewusst, dass das Auswärtige Amt Riedel mit einer festen Zielsetzung nach Moskau geschickt hatte, nämlich die erforderlichen Rahmenbedingungen für Ribbentrops Besuch zu schaffen. Doch diese Direktive stand in merkwürdigem Widerspruch zu der Tatsache, dass Riedel zwar eine Menge Dokumente, aber keine entsprechenden Vollmachten besaß und dass er (was er selbst erst in dem Moment erkannte, als er hier ankam) von sich aus in Moskau leider nur wenig unternehmen konnte, um seinen Auftrag zu erfüllen.

Ja, der Auftrag schien ihm auf einmal äußerst vage, seine ganze Mission auf ziemlich wackligen Beinen zu stehen, und er hatte den Verdacht, seine Kollegen im Auswärtigen Amt hätten ihn womöglich vorgeschickt, um die Lage zu erkunden und eine Beurteilung einzuholen, die nicht aus den Botschaftskreisen stammt. Deshalb war er etwas erleichtert, als Schulenburg ihm versicherte, man werde ihn nach allen Kräften unterstützen und keiner hier würde ihn überfordern. Aber das befreite ihn natürlich nicht von seiner Verantwortung gegenüber seinen Leuten in der Wilhelmstraße.

Mit Schulenburg war er sich einig darüber, dass man mit den Russen so zügig wie möglich die Wirtschaftsabkommen auf eine solide Grundlage bringen musste. Riedel referierte kurz über die Lieferungen der Sowjetunion, die vor allem Erdöl, Getreide, Eisen- und Chromerz, Phosphat und Baumwolle umfassten. Aber auch die Buntmetalle sowie Kautschuk waren von Bedeutung, alles in allem für Deutschland unentbehrliche Rohstoffe. Von sowjetischer Seite waren hauptsächlich Werkzeugmaschinen und Industrieausrüstungen gefragt. "Für die Russen sind unsere Lieferungen ein Vertrauensbeweis", sagte Schulenburg, "nur darüber führt der Weg zu politischen Verhandlungen und zu einem zweiseitigen Abkommen."

Bei den Sowjets könnte man mit Beteuerungen und leeren Phrasen über Freundschaft und gute Zusammenarbeit keinen Blumentopf gewinnen, im Gegenteil, damit würde man sie abschrecken. Sie wären nicht wie der dumme Iwan aus dem Märchen, der anscheinend keinen Durchblick hat. Sie hätten oft mehr pragmatischen Sinn fürs Geschäftliche als manche deutsche Wirtschaftslenker, denen es schon zu gut geht und die deshalb nicht nur nachlässig werden, sondern auch unvorsichtig. "Fragen Sie Hellmer, und er wird Ihnen einen Vortrag über die russische Industrialisierung halten. Sie werden erkennen, dass das, was jetzt in der Sowjetunion passiert, seinen Anfang mindestens bei Peter dem Großem hat." Dazu gehöre, so Schulenburg weiter, auch das Expansionsstreben. "Die Nickelgruben in Finnland und die Ölquellen am Schwarzen Meer sind bloß der Vorwand, um den eigenen Machtbereich ausdehnen zu können. Wenn sich die Russen deswegen so stur stellen, dann nur, weil sie genau wissen: wer die Ressourcen kontrolliert, der kontrolliert das Land."

Was mit Polen wäre, fragte Riedel, dem einfiel, was dieser Herbert über einen eventuellen deutschen Polenfeldzug geredet hatte. Außerdem hatte der amerikanische Botschafter an dem Abend auf der Datscha einen polnischen Minister zitiert, der gesagt haben soll, in drei Wochen nach einem Kriegsausbruch würden polnische Truppen in Berlin stehen. Schulenburg lachte schallend, als ihm Riedel davon erzählte. "Sie glauben das nicht?", fragte Riedel, und Schulenburg entgegnete "Ich glaube schon nicht, dass irgendein polnischer Minister das geäußert haben soll." "Aber die Engländer, die im Juni in Polen waren, haben sich ebenfalls über die chauvinistische Großmachtpropaganda aufgeregt", gab Riedel zu Bedenken. "Aufgeregt, das ist der richtige Ausdruck, eine Aufregung über Polen allenthalben. Die Sache ist doch ganz einfach, die Polen befürchten eine weitere Teilung. Sie sind militärisch so schwach und politisch so zerstritten, dass sie ein bisschen herumkrakeelen müssen, um den anderen Angst einzujagen."

Riedel fragte nochmal nach wegen eines Angriffs auf Polen. "Durch die Russen?" Riedel war einen Moment verblüfft. "Durch die Russen? Ja. Ich meine, überhaupt." "Überhaupt? Lieber Riedel, 'überhaupt' gibt es in der Weltgeschichte überhaupt nicht. Hitler will den unseligen Korridor beseitigen und freien Verkehr nach Danzig und Ostpreussen. Schauen Sie, wie sich die Polen an Herrn Burckhardt, den Kommissar des Völkerbundes, klammern, er ist für sie die letzte Garantie. Aber die Nationalsozialisten scheren sich nicht mehr um den Völkerbund, und der Fall Danzig und der Korridor sind nur noch eine Frage der Zeit. Viel wichtiger dabei ist die Haltung der Sowjetunion, und da sind wir wieder hier angelangt, werter Herr Unterstaatssekretär. Wenn wir Stalin und Molotow an den Tisch bekommen wollen, dann müssen wir ihnen etwas zu bieten haben, das nicht mehr Gegenstand von Wirtschaftsverträgen ist, sondern eine politische und territoriale Angelegenheit größten Ausmaßes."

"Also liefern wir ihnen Polen aus", sagte Riedel. Schulenburg sah ihn aufmerksam an, dann sagte er etwas leiser "Ich verstehe das nicht als Frage, auf die Sie von mir eine Antwort haben wollen. Ich nehme vielmehr an, dass Sie Herr Ribbentrop davon in Kenntnis gesetzt hat, bevor Sie sich auf den Weg gemacht haben." Riedel antwortete nicht direkt. "Ich habe nicht gedacht, dass die Situation hier so ... so ..." "So undurchsichtig ist?" "So unentschieden, würde ich es bezeichnen." "Das spricht für Ihren Scharfsinn. Wissen Sie, worauf hier alle warten? Auf jemanden, der von Ribbentrop hergeschickt wird und den Russen definitiv sagt, welche Teile von Polen wir ihnen überlassen werden und worauf wir selbst Anspruch erheben. Nur so könnten wir zu einer Einigung kommen, verstehen Sie, und eine Einigung mit der Sowjetunion ist doch unser oberstes Ziel." "Eine solche Zusage kann nur vom Führer selbst kommen", wandte Riedel ein, und Schulenburg hob die Brauen. "Wollen Sie mich jetzt testen, Herr Riedel, nachdem wir so offen miteinander geredet haben? Wenn ich mir in meinem langen Diplomatenleben etwas angeeignet habe, dann ist es das Urteilsvermögen und die Fähigkeiten einschätzen zu können, was für wahre Absichten mein Gegenüber hegt und - Schulenburg hob den Zeigefinger - mit welchen Kompetenzen er ausgestattet ist."

Riedel straffte unmerklich seine Haltung und sagte "Ich habe Herrn Hellmer alle nötigen Unterlagen übergeben." Da klopfte es an der Tür und Michaelis kam herein, er gab Schulenburg einen Briefumschlag, der nicht frankiert war, wahrscheinlich ein Fernschreiben. Schulenburg öffnete ihn mit dem Briefmesser und las, dann schaute er auf die Uhr und beendete die Unterredung. "Setzen Sie sich mit Herrn Hellmer zusammen und formulieren eine Nachricht, die wir Molotow übermitteln können. Ich lasse Sie morgen Nachmittag wieder bei mir vorsprechen." "Jawohl, Herr Botschafter", sagte Riedel und hätte beinahe eine Ehrenbezeigung gemacht, aber Schulenburg hatte sich schon abgewandt.

Als Klaus Riedel das Büro des Botschafters verlassen hatte, überkam ihn ein dringendes Bedürfnis, das wohl mit dem seltsamen Krautgericht vom Mittag zusammenhing. Unglücklicherweise war die Toilette besetzt. (Vielleicht hatte noch jemand die gleichen Probleme.) Eine Sekretärin sagte ihm, dass er im Keller eine weitere, allerdings recht "spartanische" Toilette benutzen kann. Sie war frei, und auch wenn sie keine Klobrille hatte und man die Tür nicht schließen konnte, hatte Riedel keine andere Wahl.

Er war sowieso ganz allein hier unten, und nur eine nackte Glühbirne am Ende vom Gang warf ein spärliches Licht. Immerhin gab es eine Wasserspülung, obwohl es wie ein einfaches Plumpsklo aussah. Als er sie betätigte, erlebte er jedoch eine Überraschung. Durch die Rohre kollerte ein beängstigendes Gluckern und Röcheln, als würde ein letzter, lange zurückgehaltener Schwall Wasser aus der Tiefe oder Höhe, jedenfalls aus weiter Ferne angesogen, um sich an diesem nichtigen Örtchen, an dem der deutsche Unterstaatssekretär gerade seine Notdurft verrichtet hatte, geopfert zu werden.

Gleichzeitig setzte ein hässliches Quietschen ein, das wohl von einem Gewinde kam, ein Wasserhahn, an dem jemand drehte, es klang, als würde damit die Hauptversorgung von Moskau geregelt. Begleitet wurde das Gluckern und Quietschen von einer tiefen Stimme, die ebenfalls durch die Rohre hindurch zu dröhnen schien. Doch zwischen dem Russisch hörte man deutsche kräftige Ausdrücke, und Riedel musste nicht lange rätseln um zu erkennen, dass der Mann ungeheuer darüber erbost war, dass jemand die Spülung ausgelöst hatte. Gleich darauf wurde die Toilettentür aufgerissen, und der Schimpfer stand vor ihm.

Riedel hätte ihn nach seiner schallenden Stimme für ein riesiges Ungetüm gehalten, das im Untergrundsystem der Stadt haust, doch es war ein mittelgroßer, allerdings recht stämmiger Alter mit einer Mütze mit rotem Stern und in einer deutschen Infanterieuniform aus dem letzten Krieg. In der Hand hielt er einen Schraubenschlüssel, der wohl zum Werkzeug einer Dampflokomotive gehörte, und als Riedel trotz des fahlen Lichts die Zornesfalten auf seiner Stirn sah, hob er unwillkürlich die Hand zur Abwehr.

"Hab' ich denn nicht Bescheid gesagt, dass dieser Abort gesperrt ist!" rief der Mann, und Riedel hatte nichts besseres zu sagen als: "Sind Sie der Hausmeister?" "Nein, ich bin Lenin", antwortete er barsch, aber Riedel sah, dass seine Verärgerung schon nachgelassen hatte. Er schaltete eine Handleuchte an, musterte Riedel von oben bis unten und dann wurde er gleich redselig. Er hieß Viktor, stammte aus Fulda, war im Krieg in russische Gefangenschaft geraten und danach in Russland geblieben. In dem Gebäude der deutschen Botschaft war früher das Rote Kreuz untergebracht, dort hatte Viktor gearbeitet. Er kenne die Kanalisation wie seine Westentasche, sagte er und forderte Riedel auf ihm zu folgen. Und weil er immer noch seinen gewaltigen Schraubenschlüssel schwang und Riedel sich schuldig fühlte wegen der verbotenen Spülung, ging er hinter ihm her, während Viktor unentwegt mit seiner Leuchte nach rechts und links und nach oben deutete und allerhand dabei erklärte, was durchaus wissenswert war und was, so dachte Riedel, bestimmt kein anderer Moskaubesucher so einfach erfuhr.

Sie liefen durch ein ganzes Labyrinth von Gängen, durch offene und durch angelehnte Türen, Eisentreppen hinab und hinauf. Manchmal gab es eine Lampe, die man an einem Schalter anmachen und etliche Schritte weiter wieder löschen konnte. Sie kamen an ein riesiges Becken, in das sich aus mehreren Rohren Wasser ergoss und in ebenso viele wieder verschwand, Viktor zeigte auf einen Zufluss, der von der Moskwa kommt. Dann befanden sie sich an einer Stelle, wo es über ihnen donnerte und bebte, und Viktor sagte, sie wären hier genau unter der Metro. An einer Eisentür kamen sie nicht weiter, sie war abgeschlossen, und er sagte, der Gang würde bis zur Lubjanka führen.

Er erzählte auch, dass die Leute von der GPU immer wieder versuchen, in der Botschaft zu "sabotieren", sie verstopfen zum Beispiel die Wasserrohre mit Lumpen oder ähnlichen Sachen. Deshalb war auch der Abort im Keller gesperrt. Riedel versicherte ihm, dass er nicht im Auftrag der GPU gehandelt habe, aber so richtig konnte Viktor nicht darüber lachen. Plötzlich waren sie wieder im Botschaftskeller, und zum Schluss bat ihn Viktor, er möge den Hermann Fischer von ihm grüßen, wenn er wieder in Deutschland ist, das ist sein alter Kriegskamerad. Als er wieder auf der Erdoberfläche war, haftete Riedel ein übler Geruch an, und er meldete sich ab, um in seine Wohnung zu fahren. Die Wirtin machte ihm ein heißes Bad, und abends ging er ins 1. Künstlertheater, wo "Die Tage der Familie Turbin" von Bulgakow gegeben wurde. In einer Szene klang die alte Zarenhymne an, und Riedel staunte nicht schlecht, als dabei spontaner Beifall ausbrach.

Als er Botschafter Schulenburg in seiner neuen Uniform gesehen hatte, war Riedel bewusstgeworden, dass der Parteitag der NSDAP in einer Woche stattfinden sollte, und dass man ihn dennoch nach Moskau geschickt hatte, um den Besuch des Außenministers zu forcieren. Jetzt fiel ihm auch ein, dass ihm Weissacker gesagt hatte, man müsse zuerst so schnell wie möglich erreichen, dass die Verhandlungen zwischen England, Frankreich und der Sowjetunion abgebrochen werden. Wie das geschehen soll, hatte er nicht gesagt, nur soviel, dass auch die Italiener danach trachten, wie ihm Botschafter Rosso mitgeteilt habe.

Ribbentrop hatte ihm nicht den Auftrag erteilt, diese Verhandlungen irgendwie zu stören, dafür wäre er, Riedel, auch ganz und gar nicht der richtige Mann gewesen. Wenn überhaupt konnte ein solcher Vorstoß allenfalls von Schulenburgs Seite erfolgen. Riedel hatte in Berlin auch Informationen erhalten, dass unsere Leute mit den Engländern kürzlich mindestens ein geheimes Treffen gehabt haben. Jemand vom SD hatte ihm das gesagt, denn der Mann, der mit den Engländern zusammen war, gehörte zum Stab von Himmler. Auf den war aber Ribbentrop gerade nicht gut zu sprechen, weil er sich wiederholt in seine Angelegenheiten eingemischt hatte.

Bevor Riedel ein weiteres Mal zu Hellmer ging, fasste er für sich die Punkte zusammen, die man ihm als Hauptargumente für eine Verbesserung der Beziehungen zu den Russen mitgegeben hatte: das war die offensichtliche Zurückhaltung der antisowjetischen Propaganda in der deutschen Presse, der Abschluss der Nichtangriffsverträge mit den baltischen Staaten, die Deutschlands Friedfertigkeit zeigen, sowie die aufrichtigen Bemühungen, die Wirtschaftsverbindungen zu stabilisieren. Falls die Rede auf den Antikominternpakt kommen würde, sollen wir deutlich machen, dass er im Grunde nicht gegen die Sowjetunion, sondern gegen die westlichen Demokratien gerichtet gewesen sei.

Ribbentrop meinte, man sollte ruhig die für ihren Humor bekannten Berliner zitieren, die schon im Scherz gesagt haben, Stalin werde noch selbst dem Antikominternpakt beitreten. Das fand Riedel allerdings bedenklich, und nach seinem Erlebnis des jüngsten Zusammentreffens mit den Russen wäre er zunächst lieber vorsichtig gewesen mit solchen Äußerungen. Zuletzt hatte ihm Ribbentrop eingeschärft, wir müssen auch unbedingt darauf hinweisen, dass der Berliner Neutralitätsvertrag von 1926 zwischen Deutschland und der Sowjetunion nach wie vor seine Gültigkeit hat.

Als er das Hellmer vortrug, sagte dieser, darauf werden die Russen erwidern, dass auch zwischen Deutschland und Polen ein Vertrag bestanden hat, den wir gerade aufgekündigt haben. "Ja", sagte Riedel, "daran ist allein Polen schuld, das mit den Engländern paktiert hat und sich an der britischen Einkreisungspolitik aktiv beteiligt." Hellmer zeigte sich zufrieden, und genau so sollte später auch Molotow reagieren. Riedel war berechtigterweise ein bisschen stolz auf seine Rhetorik.

Hellmer war gerade aus seinem Büro verschwunden, als Riedel eintrat. An der anderen Seite seines Schreibtisches saß ein Mann im Mantel, obwohl draußen fünfundzwanzig Grad waren, am Vormittag. "Und dieses Visum bekomme ich ganz bestimmt nicht bei Ihnen?" fragte er. Er hielt den Kopf gesenkt und drehte zwischen den Fingern an der Krempe seinen Hut, den er auch noch trug. "Entschuldigung", meinte Riedel, und der Mann schaute auf. "Oh, ich dachte, es ist Herr Hellmer. Sind Sie der Botschafter Graf Schulenburg? Mein Name ist Joseph Birnbaum." Er erhob sich und wollte Riedel begrüßen.

Da kam Hellmer zurück, er hatte zwei Pässe in der Hand, die er dem Mann gab. Er sagte laut und deutlich "Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass Sie dieses Gebäude künftig nicht mehr betreten dürfen, andernfalls werden Sie verhaftet und ... was gibt es, Herr Riedel?" Der Mann blätterte hastig in den Pässen und fand eine Eintragung mit Stempel, über die er offensichtlich glücklich war. "Ich danke Ihnen vielmals, Herr Hellmer, Sie haben uns das Leben gerettet." "Übertreiben Sie nicht. Und ich bitte Sie, über diese Angelegenheit Stillschweigen zu wahren. Was das Visum betrifft, kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Wenn Sie nach Amerika wollen, müssen Sie auf die amerikanische Botschaft gehen."

"Kennen Sie da vielleicht jemanden?" fragte der andere, der seine Pässe in die innere Manteltasche gesteckt hatte und immer noch mit der Hand nachschob, als befürchte er, sie würden von allein wieder herausrutschen. "Herr Birnbaum", sagte Hellmer in ziemlich abweisendem Ton, "werden Sie nicht unverschämt. In Ihrer Lage würde Ihnen etwas mehr Bescheidenheit gut anstehen." Birnbaum blieb der Mund offen stehen, er war wirklich betroffen. Hellmer und Riedel standen ihm gegenüber und sahen ihn regungslos an. "Ja, also, dann werde ich ..." Er trat zurück, stieß an den Stuhl und plumpste darauf, schnellte aber sofort wieder hoch wie eine Rakete. "Ich danke Ihnen nochmals ... vielen Dank", stammelte er, ging zur Tür, drehte sich heftig um, riss den Arm in die Luft und rief "Heil Hitler und nochmals vielen Dank!" Dann rannte er hinaus.

Riedel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Wer war das?" "Ein Jude aus Dresden, der vor einem Jahr mit seiner Familie in die Sowjetunion ausgereist war. Aber er hatte sich wohl andere Vorstellungen gemacht. Jetzt will er in die Vereinigten Staaten, aber da braucht er ein Visum, und überdies ist sein Pass und der seiner Frau abgelaufen." "Passiert so etwas häufig?" fragte Riedel. Hellmer tat, als habe er die Frage überhört, dann sagte er "Unsere Botschaften sind angewiesen, die Pässe von ehemals deutschen Juden nicht zu verlängern." "Haben Sie seine verlängert?" Riedel merkte, dass seine Frage indiskret klang. Außerdem hätte sich Birnbaum sonst wohl kaum bedankt.

Hellmer erklärte, dass es den Juden in der Sowjetunion ähnlich ergeht wie in Deutschland, nur dass die Kommunisten ihr Vorgehen gegen die Juden nicht rassisch begründen können. "Karl Marx war ja selbst Jude, wie Sie wissen, aber darauf beruft sich niemand. Bei Stalins Schauprozessen sind relativ viele Juden unter den Angeklagten, auch in der Partei und im Staatsapparat waren jede Menge Juden, und Trotzki speit Gift und Galle gegen die Sowjetunion. Der Vorgänger von Molotow war ebenfalls Jude." "Maxim Litwinow, den man im Mai abgelöst hat?" "Ja. Wissen Sie, wie er eigentlich hieß? Max Wallach-Finkelstein", sagte Hellmer und lachte wie über einen wirklich originellen Witz. "Vielleicht fand Stalin, dass ein sowjetischer Außenminister nicht Wallach-Finkelstein heißen sollte, das zieht die historische Mission des Proletariats ein bisschen ins Lächerliche, finden Sie nicht auch? Abgesehen davon, dass man, wenn der Kommunismus auf der Welt gesiegt hat, keinen Außenminister mehr braucht."

Riedel sagte "Es heißt, dass Litwinow zu dem Vorsitzenden des Jüdischen Weltkongress gesagt haben soll, wenn Deutschland mit der Sowjetunion einen Vertrag schließt, wird es einige Monate später Krieg geben." Hellmer winkte ab. "Geschwätz. Die Juden glauben immer alles besser zu wissen, und dabei bleiben sie doch selbst bloß ihrer eigenen rachsüchtigen Vergangenheit ausgeliefert, die sie immer wieder einholt. Woher wissen Sie denn das?" fragte er dann. "Von der Auslandsorganisation der Partei in der Schweiz." "Ich dachte, da gibt es keine." "Nicht offiziell." Hellmer nickte.

"Wenn man dem schon Beachtung schenken würde, dann wäre es interessant zu erfahren, welchen Krieg Litwinow meint." "Das habe ich mich auch gefragt." "Soll ich Ihnen erzählen, wie man Litwinow hier abgesägt hat. Um fünf Uhr morgens haben Molotows Soldaten vom Kommissariat für Innere Angelegenheiten das Gebäude des Kommissariats für Auswärtige Angelegenheiten umstellt und niemanden mehr herein oder heraus gelassen. Zwei Stunden später kamen Molotow und Beria und haben Litwinow erklärt, er sei von seinem Amt entbunden. Von Stalin hat man keine Silbe darüber gehört, so als wäre er gar nicht da. Und dabei hat Litwinow bei der Maiparade noch unmittelbar neben ihm gestanden. Aber das ist typisch für Stalin, er ist immer dann am meisten präsent, wenn er unsichtbar ist, wie Siegfried mit der Tarnkappe."

"Litwinow hat bis zuletzt mit den Engländern verhandelt", sagte Riedel. "Ja", sagte Hellmer, "seine Frau ist eine gebürtige Engländerin." "Ob das ein Grund für Stalins Entscheidung gewesen war?" "Keine Ahnung. Man könnte glauben, dass er Litwinow in die Wüste geschickt hat, als klar war, dass der Führer nicht mit Chamberlain übereinkommt." "Aber wieso denn das? Dann hätte Stalin doch erst recht mit den Briten verhandeln können." "Bei Stalin ist nur eins sicher, er versucht jeden gegen jeden auszuspielen, um am Ende über alle zu triumphieren. Mit den Engländern oder den Franzosen würde er sich nie so gut vertragen können wie mit uns. Der Führer hat völlig Recht, wenn er Chamberlain und Daladier für Schwächlinge hält, das sind sie nämlich auch, und im Vergleich zum Führer allemal. Für Stalin ist der Führer eine imponierende Person, ich glaube, er bewundert ihn wirklich.

Ihr Chef, lieber Riedel, konnte dem Führer England nicht verkaufen, obwohl er sich viel Mühe gegeben hat, es ihm schmackhaft zu machen, das wissen Sie besser als ich. Nun hat er endgültig entschieden, England zu unserem Feind zu erklären, und sich im selben Augenblick Russland zugewandt. Das hat Stalin natürlich sofort gemerkt. Man denkt immer, er würde im Kreml sitzen und in aller Ruhe sein Pfeifchen rauchen, aber in Wahrheit lauert er wie ein Wolf und packt bei der nächstbesten Gelegenheit zu. Also hat er ein paar freundliche Worte an uns gerichtet, die wir prompt erwidert haben. Und vielleicht war auch Litwinows Liquidierung eine Art Bauernopfer - und Judenopfer, wenn da nicht noch andere Gründe eine Rolle spielen, von denen wir nie etwas erfahren werden."

Michaelis und Herbert luden Riedel ein zu einer "Einkaufstour". Sie hatten in Moskau ihre Händler, bei denen sie die russischen Spezialitäten bekamen, die sonst nirgends in den Läden zu haben waren. Vor allem Herbert hatte die besten Beziehungen, und Michaelis scherzte, sein Kollege würde mehr verdienen durch den Schwarzhandel als mit seinem Gehalt aus dem diplomatischen Dienst. "Unsinn", wehrte Herbert ab, "ich tue das alles nur zum Wohl unserer Kollegen, und im übrigen fördere ich die dadurch die russische Wirtschaft." "Das ist die Art von Kleinkrämerei, die Lenin verteufelt hat", meinte Michaelis lachend. "Na und", entgegnete Herbert, "ich erwarte auch nicht, dass mich Mikojan zu seinem Berater ernennt."

Riedel dachte, Herbert würde kaum so offen über seine krummen Geschäfte reden, wenn er dabei nicht eine gewisse Schlitzohrigkeit zur Schau stellen könnte, die ihm eigen war und die den lockenköpfigen und immer etwas blassen Burschen bei den anderen sogar sympathisch machte. Politik war ihm im Grunde egal und nur da unterhaltsam, wo sie einen durch Gerüchte oder unglaubliche Geschichten aufzumuntern vermochte. Deshalb machte es ihm Spaß, Klaus Riedel zwischendurch ein wenig zu provozieren, und obwohl er ihn nicht richtig durchschaute, hatte er doch bemerkt, wie Riedel manchmal seine Unsicherheit in der Moskauer Gesellschaft zu verbergen suchte, und das fand er amüsant und er war ihm allemal lieber als irgend so ein blasierter Fatzke aus der Berliner Zentrale. Aber Riedel hatte damit seine Probleme, und als sie dann beim italienischen Botschafter waren, hätte er Herbert für seine spitzen Bemerkungen verfluchen können.

Jetzt kurvten sie in dem Horch durch die Moskauer Straßen, Michaelis saß am Steuer, und es dauerte nicht lange, da tauchte hinter ihnen derselbe Wagen auf, der ihn und Riedel schon bei dessen Ankunft verfolgt hatte. Riedel wusste inzwischen, dass es die Leute vom NKWD waren, und wenn sie nahe genug herankamen, konnte Herbert sie meistens wiedererkennen und mit Namen nennen. Ob er mit ihnen auch Geschäfte machte, wollte er nicht sagen, aber er hatte immer irgendwelche in Zeitungspapier gewickelte Sachen dabei, die er hier und da "mal schnell abgeben" musste. Michaelis unternahm mehrmals den Versuch, die Geheimdienstleute abzuschütteln, und beim dritten Mal schien es geklappt zu haben.

Irgendwo zwischen dem Nowodjewitschi Friedhof und der Kiewer Allee, in den verwirrenden Straßen und Gassen der Häuserblocks hielten sie an und gingen durch den Hinterhof eines vier- oder fünfstöckigen Gebäudes in eine angrenzende Werkstatt, eine Schlosserei oder ehemalige Schmiede, wo ein Mann mit feistem, glänzendem Gesicht Herbert, der ihn gefragt hatte, in eine Richtung wies. Sie kamen abermals über einen Hof, wo Bäume standen und ein paar Kinder in einer Badewanne planschten. Dann mussten sie schon an der anderen Seite des Blocks angekommen sein, denn da war wieder ein Wohnhaus. Riedel konnte dann durchs Fenster sehen, dass die Hinterfront an einen Graben grenzte, wo Torf gestochen wurde.

Herbert feilschte mit einem Russen, dem eine Zigarette an den Lippen klebte, an der zwei Finger breit Asche hing ohne herabzufallen. Herbert wollte Kaviar haben, und der Russe zeigte ihm drei Sorten zur Auswahl, jede in Konservendosen, die am Rand Rostspuren hatten. Herbert kaufte fünf Stück von den mittelgroßen, und er war, wie sich dann zeigte, von ausgezeichneter Qualität. Außerdem nahm er einige Flaschen Sekt und einen großen Beutel Konfekt mit. Er bezahlte halb in Rubel halb in Reichsmark. Der Russe winkte ihn zur Seite und zeigte ihm ein Messer, das vielleicht aus der Schmiede stammte. Es war so groß, dass man es zum Schlachten hätte verwenden können, aber es war miserabel gemacht.

Herbert wurde auf die Regale aufmerksam, die mit allen möglichen Sachen vollgestopft waren. Er rief Riedel zu, hier wäre was für ihn, und der Russe reichte Riedel zwei Ikonen, die ziemlich echt aussahen. Sie zeigten allem Anschein nach Apostel oder Evangelisten, der Russe erklärte etwas, aber man merkte, dass er selber keine Ahnung davon hatte. Er kratzte mit seinem schwarzen Fingernagel über die Lackmalerei, um zu zeigen, dass sie das ohne weiteres aushält. Er nannte den Preis. Riedel entschied sich für die mit den kräftigen Farben, und er freute sich, dass er für Annemarie ein Souvenir erstanden hatte, über das sie sich bestimmt freuen wird.

Herbert sagte, Michaelis und er hätten eine Verabredung mit dem italienischen Botschafter Fabio Lanza, und wenn er Lust habe, könnte er mitkommen. Er ließ Riedel keine Wahl, da er gleich nach dem Einkauf dorthin fuhr. Riedel hatte nichts dagegen. Bei Lanza traf Riedel auf einen Mann aus dem italienischen Außenministerium, dem er schon einmal begegnet war, und jetzt sollte er es bereuen, dass er seine Kollegen begleitet hatte. Er versuchte zunächst herauszufinden, ob der andere ihn auch wiedererkannt hatte, und sein Blick bei der Begrüßung bestätigte das. Aber er sagte nichts weiter als die üblichen höflichen Sätze. Lanza hatte ein kleines Essen vorbereitet, und Herbert spendierte von seinen Genüsslichkeiten.

Riedel vermied es, mit dem Italiener zu sprechen, aber Herbert brachte die beiden immer wieder in Verbindung, bis er schließlich sagte "Ihr müsstet euch doch zuletzt in Berchtesgaden gesehen haben?" Das war tatsächlich der Fall. Der italienische Außenminister Graf Ciano war zum Führer auf den Berghof eingeladen worden. Bevor er dann selbst mit Hitler sprach, hatte Ribbentrop ihn über dessen Position bezüglich der Polenfrage informiert, die gerade durch den Danziger Zollbeamtenstreit noch brenzliger geworden war. Bei dieser Unterhaltung waren auch Riedel und eben dieser Mitarbeiter des Grafen anwesend.

Sie hatten nicht direkt miteinander geredet, Riedel beobachtete, wie sich der Italiener Notizen machte, was auch Ribbentrop bemerkte, der sich hinterher darüber aufregte, weil vereinbart worden war, nichts schriftlich festzuhalten. Den Grafen Ciano konnte Ribbentrop nicht ausstehen, er hielt ihn für eifersüchtig, eitel, hinterlistig und unzuverlässig. Er entließ ihn mit einem kalten Lächeln an den Führer, und Riedel dachte, Ribbentrop wird sich die Hände reiben, wenn der Führer Ciano jetzt seine Entschlüsse mitteilt in seiner rigorosen Art, die keinen Widerspruch duldet, schon gar nicht von einem verkommenen italienischen Aristokraten.

Warum wusste aber Herbert über dieses Treffen Bescheid? Das beunruhigte Riedel ebenso wie das Wiedersehen mit Cianos obskurem Mitarbeiter. Oder bluffte Herbert bloß? Cianos Besuch war, wenn auch nur kurz, in der Presse erwähnt worden. Was die italienischen Zeitungen darüber berichteten, wusste Riedel zwar nicht, aber er hielt es für unwahrscheinlich, dass Herbert es gelesen hatte. Und doch zündete er jetzt seine hässliche kleine Stinkbombe, als er scheinbar ahnungslos fragte "Stimmt es eigentlich, dass Ribbentrop auf dem Berghof gesagt hat 'Wir wollen Krieg mit Polen'?" Der Italiener schaute nicht sofort von seinem Teller auf, dann sah er Riedel an, und der glaubte aus seinem Blick genau dieselbe Frage herauszulesen.

Riedel setzte eine leere Miene auf. Er und sein Gegenüber starrten sich an, keiner wollte zuerst auf Herberts Bemerkung reagieren. Der schien nicht mehr mit einer Antwort zu rechnen, da sagte der Italiener "Si. Der Herr Außenminister hat es so verkündet." Und Herbert beeilte sich zu sagen "Aber Klaus, ich denke, du weißt davon nichts." Riedel ließ eine kleine Pause verstreichen, um zu zeigen, dass er nicht genötigt war zu antworten, dann sagte er "Ich habe nicht gehört, dass Herr Ribbentrop etwas dergleichen geäußert hat." Michaelis und Herbert blickten auf den Italiener. Der schüttelte heftig den Kopf, als würde er sich sehr wundern, dann meinte er "Ich habe es doch mit meinen eigenen Ohren gehört."

Riedel schwieg. Michaelis fragte "Und der Führer? Hat er es gegenüber dem Grafen Ciano bekräftigt?" Der Italiener zuckte mit den Schultern. "Darüber bin ich nicht informiert." Damit hatte seine Glaubwürdigkeit einen Knacks bekommen. Riedel machte mit der flachen Hand eine Geste zu ihm hin, die bedeutete: 'Sehen Sie, alles nur Hirngespinste'. Der andere rief "Der Führer ist entschlossen, die polnische Frage so oder so zu lösen, das hat Ihr Herr Minister gesagt!" "Das ist schon möglich", erwiderte Riedel, "darin steckt aber kein Wort von Krieg." "Ach, hör' doch auf, Klaus", ereiferte sich Herbert, "wir wissen alle, was das bedeutet."

Noch bevor Riedel etwas sagen konnte, kam Fabio Lanza, der sich für einen Moment entfernt hatte, zurück und sagte, man wolle ihm am Telefon sprechen. Riedel ging zum Apparat, es war Hellmer, er war ein bisschen ungehalten, weil er angeblich eine Stunde herumtelefoniert hatte, um rauszukriegen, wo Riedel steckt. (Dabei hatte Michaelis behauptet, er habe in der Botschaft Bescheid gesagt.) Riedel war ganz froh, dass Hellmer ihn jetzt brauchte, auch wenn er nicht gleich begriff, worum es geht, Hellmer sagte etwas von Generalstabskarten, die er von Riedel aus dessen Unterlagen sofort benötigt. Er entschuldigte sich bei den anderen, und Fabio Lanza stellte ihm einen Wagen mit Fahrer zur Verfügung, der ihn zur Deutschen Botschaft brachte.

"Haben Sie gestern aus unserem Haus ein Fernschreiben losgeschickt?" fragte Hellmer, als Riedel bei ihm eingetroffen war. Riedel dachte, das wäre der Grund, weshalb ihn Hellmer sprechen will und die Karten waren nur ein Vorwand. Er antwortete "Nein. Wohin ist es gegangen?" "Nach Berlin, ins Auswärtige Amt. Wann haben Sie zuletzt mit Weissacker oder mit jemand anderem gesprochen?" Riedel tat als müsste er überlegen. "Vor zwei Tagen." "Haben Sie unseren Fernschreiber benutzt?" "Möglich, ja." "Sie müssen das eintragen lassen." "Ja natürlich, ich werde dran denken. Wollten Sie mich deswegen sprechen?" "Nein, das war mir nur vorhin gerade aufgefallen. Es geht um die Karten, die Sie mitgebracht haben. Wir sollen morgen neun Uhr zu Molotow kommen."

Riedel unterbrach ihn "Zu Molotow? Heißt das, die Russen sind bereit zu verhandeln?" "Nur langsam, Riedel. Es ist ein Schritt dahin. Sie wissen, man darf ihnen nicht trauen." "Wozu brauchen sie die Karten?" "Wer?" "Die Russen? Oder wir?" "Einer von Woroschilows ranghöchsten Generälen hat sie verlangt." "Um welche Gebiete geht es da, ich habe nur Karten vom Baltikum, von Ostpreußen ... und von Polen dabei." "Habe ich gesehen. Und sie sind nicht besonders gut." Riedel gab nur ungern zu, dass man im Auswärtigen Amt keine besseren hatte. Warum man sich nicht ans OKW gewendet habe, fragte Hellmer, und Riedel verschwieg, dass Ribbentrop selber gemeint hatte, dafür wäre dann immer noch Zeit. "Mit dem Material hauen uns die Russen übers Ohr", sagte Hellmer. "Sie fahren zu General Nestling und fragen ihn, ob er uns aushelfen kann. Bringen Sie alles mit, was Sie von ihm kriegen können, vor allem auch die Südwestgebiete, die Ukraine und die Schwarzmeerregion. Sie kommen damit umgehend hierher, und wenn es nach Mitternacht ist. Fahren Sie allein. Ich habe Sie bei Nestlings Adjutant angemeldet."

Ernst Nestling war deutscher Militärattaché in Moskau. Über ihn hatte Riedel bereits einiges gehört, was unvermeidlich war, denn über Nestling gab es die merkwürdigsten Geschichten. Er hatte schon mit der Roten Armee zusammengearbeitet, als von Hitler kaum die Rede war. Er hatte es organisiert, dass in der Sowjetunion deutsche Piloten ausgebildet wurden, als dies Deutschland nach dem Versailler Vertrag verboten war. Er hatte an der sowjetischen Militärakademie Frunze Vorträge gehalten und an der Errichtung der Fabriken von Junkers und Krupp in Fili und in Schlüsselburg nicht geringen Anteil.

Die Reichswehr hatte massenhaft Ausbildungsmaterial für sowjetische Offiziere zur Verfügung gestellt, und Oberst Thomsen und Major Niedermayer konnten in Kasan Panzer und Kampfwagen und sogar Gaswaffen erproben. Zeitweise hatte das Reichswehrministerium eine "Zentrale Moskau". Es gab heute noch in Berlin zahlreiche altgediente Offiziere, die nicht genug davon erzählen konnten, wie es Riedel oft erlebt hatte. Und immer wieder wurde dabei General Nestling genannt. Stalin selbst wollte ihn schon aus Moskau vertreiben, als gegen Karl Radek, das Mitglied im Zentralkomitee, der Schauprozess geführt wurde; Nestling soll angeblich mit ihm in Verbindung gestanden haben. Aber der General blieb und Stalin duldete ihn.

Es war schon dunkel, als Riedel zu Nestling kam, der ihn freundlich empfing. Er fragte ihn, wie er zu "Ribbentrops Mannschaft" gekommen sei, und Riedel referierte in drei, vier Sätzen seine berufliche Laufbahn und wie er schließlich vor einem Jahr vom Institut für Wirtschafts- und Konjunkturforschung als Referent ins Auswärtige Amt berufen worden sei. "Sie kannten Ihren Chef vorher nicht?" Riedel sagte, dass sein Vater Hauptmann bei den 12. Husaren in Torgau gewesen ist, wohin Ribbentrop eingezogen wurde, nachdem er aus Kanada kam. "Die Verbindung ist später bestehen geblieben", fügte er hinzu. "Alte gute Beziehungen zahlen sich ein Leben lang aus", meinte Nestling und Riedel dachte, davon dürfte er selbst reichlich haben. Dann kamen sie gleich auf die Karten zu sprechen, und Nestling wollte eigentlich gar nichts genaueres erfahren, aber auch er ließ durchblicken, dass man nie wissen kann, worauf die Russen hinauswollen.

"Haben Sie einen Moment Zeit?" fragte er, und Riedel nickte. "Ich möchte Ihnen das hier zeigen, aber gleich vorweg: das kann ich Ihnen nicht mitgeben." Er breitete mehrere große Karten auf dem Tisch aus, legte sie übereinander und nahm dann eine nach der anderen wieder weg. Es waren Gebiete der Sowjetunion von der Westgrenze bis an den Ural und im Süden bis ans Schwarze Meer. "Die Russen haben angefangen, ihre militärische Administration neu zu organisieren. Sie haben zum Teil neue Militärbezirke eingerichtet und sie haben die Truppenstruktur überall neu gestaltet."

Der General deutete mit einem Bleistift jeweils auf ein Gebiet oder umriss im groben ein Territorium und tippte dann auf einzelne Städte. Leningrader Militärbezirk, Westlicher Besonderer Militärbezirk, Moskauer Bezirk. Er schob eine Karte weg und fuhr auf der nächsten fort. Kiewer, Odessaer, Transbajkaler Bezirk. Zu jedem erläuterte Nestling Zusammensetzung und Stärke der Truppen und manchmal nannte er den zugehörigen Oberbefehlshaber. Es gab Panzerdivisionen, mechanisierte Divisionen, Schützendivisionen. Er sagte, dass die Russen allein im letzten Jahr siebenundzwanzig Milliarden Rubel für die Rüstung ausgegeben haben, dass sie vierundzwanzigtausend neue T-34 Panzer gebaut hätten, und dass die Jak 1 so gut wäre, dass sie es ohne weiteres mit unserer Me 109 aufnehmen kann. Riedel kam es stellenweise so vor, als wollte der General ihn vor der Kampfkraft der Roten Armee warnen.

"Wir dürfen die Russen niemals unterschätzen, das wäre ein unverzeihlicher Fehler", sagte er dann, "er könnte uns das Leben kosten." "Glauben Sie, der Russe trachtet uns nach dem Leben?" fragte Riedel etwas naiv. "Die asiatischen Völker drängen seit Dschingis Khan nach Westen, auch wenn es dafür keine plausible Begründung gibt. Sie versuchen immer wieder, unsere Länder zu erobern, man muss darauf gefasst sein." Er machte eine Pause, und Riedel betrachtete nochmal die Karten. Dann sagte Nestling "Wenn der Führer andererseits weitreichende Pläne hat, was den Osten betrifft, so bedürfen sie einer exakten Kalkulation hinsichtlich der erforderlichen Ressourcen, ansonsten würden wir unsere Soldaten in den sicheren Tod schicken. Und dafür wird keiner von uns die Verantwortung tragen wollen."

"Was für Ressourcen meinen Sie?" "Da gibt es etliches, das langfristig sichergestellt werden muss, zum Beispiel Mineralöl." "Für Treibstoff?" "Ja." "Sagt Ihnen Methylbenzen etwas?" "Ja, es ist Flugbenzin, es wird auch als Toluol gehandelt." "Kann es sein, dass es die Russen von uns haben wollen?" "Ja. Und sie wollen auch gleich das Verfahren zur Synthese." "Wer stellt das bei uns her?" "Die I.G.Farben, die haben auch ein Patent darauf, das wäre in russischer Hand keinen Pfifferling mehr wert. Warum fragen Sie?" "Ich war letztens bei einem Gespräch dabei, wo es darum ging. Ein alter Bekannter von mir aus dem Wirtschaftsministerium hatte es erwähnt."

General Nestling zog die Brauen hoch. "Bei allem Respekt für Herrn Funk, aber um diese Sachen kümmert sich längst das OKW." "Das OKW? Inwiefern?" "Das Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt unter Leitung von General Thomas. Es wundert mich, dass ich hier in Moskau Sie darüber aufklären muss, was man in Berlin macht." Riedel zeigte eine leicht betretene Miene, doch Nestling lächelte milde und sagte "Mir ist klar, wie schwer es ist, die gegenwärtige Lage zu durchschauen, ich zweifle nicht an Ihrer Kompetenz, Herr Unterstaatssekretär. Aber wir entwickeln uns alle an unseren Aufgaben weiter und wachsen daran, nicht wahr?"

Riedel glaubte eine Anspielung herauszuhören. Sein Ton klang ziemlich förmlich, als er entgegnete: "Die Verhandlungen hier gestalten sich zwar schwierig, aber wir sind dennoch optimistisch, dass es zu einem Vertrag kommt." "Aber natürlich", sagte der General wie zu einem treuen Unteroffizier, der gerade zum x-ten Mal neben das Ziel geschossen hat. "Denken Sie nicht, ich würde mich deswegen über Sie lustig machen, weil Sie nicht einmal brauchbares Kartenmaterial haben." "Das denke ich nicht, Herr General", sagte Riedel, und es stimmte. "Wissen Sie, im OKW benutzt man auch einen sowjetischen Industrieatlas von Neunzehnhundert achtundzwanzig. Einzig über das Kuznecer Gebiet gibt es Studien, die auf dem neuesten Stand sind. Der Bedarf ist riesig."

"Wer bearbeitet denn so was, wenn ich fragen darf?" "Das Russlandreferat der Wehrwirtschaftlichen Abteilung, die ich eben erwähnt habe. Sie arbeitet eng mit dem Generalstab zusammen. Ich weiß übrigens, dass General Thomas immer fähige Mitarbeiter sucht. Das ist eine Aufgabe mit Zukunft. Wenn die Polenfrage entschieden ist - und das kann sehr schnell gehen - dann eröffnen sich für uns gigantische Perspektiven im Osten. Nebenbei gesagt, die Leute im Referat verdienen nicht schlecht, und aus Ihrer Position heraus hätten Sie eine noch bessere Verhandlungsbasis. Vielleicht denken Sie einmal darüber nach, ich könnte Sie General Thomas jederzeit empfehlen, natürlich ganz vertraulich." Riedel nickte.

Mit den Karten, die ihm General Nestling gegeben hatte (es waren insgesamt neun Rollen), fuhr er in der Nacht zur Botschaft. Bis auf Hellmers Büro war es im Gebäude stockdunkel. Er sprach mit Hellmer ab, wie sie gegenüber den Russen auftreten wollen, sie machten sich sogar einen Plan, nach dem sie abwechselnd zu den einzelnen Punkten, die wahrscheinlich eine Rolle spielen werden, Stellung nehmen. Nestlingers Bemerkungen und auch seine letzten Andeutungen hatten Riedel neue Zuversicht gegeben, dass sie die Russen für sich gewinnen und alsbald die Erfolgsmeldung an Ribbentrop schicken können.

Am nächsten Tag saßen sie Außenminister Molotow, dem Oberbefehlshaber Woroschilow und dem Wirtschaftschef Mikojan gegenüber, die von weiteren hochrangigen Männern flankiert wurden. Auch im Hintergrund harrte schweigend eine stattliche Anzahl sowjetischer Funktionäre aus. Ihr Anblick ähnelte der Aufstellung bei einer großen Parade, nur Stalin fehlte selbstverständlich. Woroschilow hatte das abgeklärte Antlitz aller hohen Militärs, die sich bewusst sind, dass sie über das Leben vieler tausend Söhne und Väter entscheiden. Im Vergleich zu manchen anderen sowjetischen Offizieren sah er gesund und kraftvoll aus, ohne die leidlichen Spuren des Alkohols. Molotow glich äußerlich dem guten Onkel, den jedes Kind liebhat, und der ihm alle Wünsche erfüllt. Riedel fiel es schwer zu glauben, dass dieser Mensch so viele Todesurteile über die eigenen Leute bestätigt haben soll. Mikojan war der einzige, der manchmal lächelte. Hellmer hatte zu Riedel gesagt, wie erstaunlich er es findet, dass ein Armenier, der Mikojan von Geburt aus war, nicht nur seinen Weg bis in den Kreml gemacht hat (auch Stalin war ja kein Russe, sondern Georgier), sondern dass er zum Beispiel den Hafen in Murmansk, im höchsten Norden des Landes, zu einem Industriehafen ausbauen ließ, wo jetzt die Schiffe aus Europa, auch aus Deutschland, verkehren. "Stellen Sie sich vor, Sie würden sich Gedanken machen über die Häfen in Island", sagte Hellmer zum Vergleich.

Außer den beiden war auch Schulenburg mit dabei, der von den Russen stets mit großer Achtung behandelt wurde. Wenn nicht der Tisch zwischen ihnen gewesen wäre, hätten sich viele von ihnen wahrscheinlich um ihn geschart, der sie alle um einen Kopf überragte und dabei noch leicht vorgebeugt stand, als wollte er höflich ihren Worten lauschen. Allerdings beherrschte Schulenburg das Russische nur mangelhaft und überließ die inhaltlichen Fragen Hellmer. Die Besprechung lief weit weniger chaotisch ab als die erste, die Riedel erlebt hatte. Nur zwei- oder dreimal kam es zum Wortwechsel, bei dem man kurzzeitig nicht mehr heraushören konnte, worum es eigentlich ging. Riedel konnte auch seine Karten unterbreiten, aber da taten die Russen gar nicht dergleichen und schauten ihn stattdessen fragend an, was er damit will. Er verständigte sich mit Hellmer, der sofort damit abbrach und zum nächsten Punkt überging.

In der Pause fragte Woroschilow Schulenburg, was es mit den deutschen Schiffen auf sich hätte, die in Königsberg und Elbing vor Anker gegangen sind. Schulenburg wusste, dass das Oberkommando des Heeres Soldaten dorthin geschickt hatte, und zwar in solcher Zahl, dass die Russen offenbar darauf aufmerksam geworden waren. Schulenburg sagte, dass dies für die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Schlacht bei Tannenberg gedacht ist. Als Woroschilow weiter fragte, was mit den acht U-Booten wäre, die seit kurzem im Atlantik unterwegs sind, da erwiderte Schulenburg ohne mit der Wimper zu zucken, dass diese U-Boot Besatzungen leider nicht an den Feierlichkeiten in Tannenberg teilnehmen können. Er hütete sich zu verraten, dass die von Woroschilow genannte Zahl nicht stimmte.

Am Abend lud man die Deutschen zu einem Festessen ein, und Graf von der Schulenburg konnte seine neue Uniform ausführen. Seltsamerweise waren auch Vertreter der französischen und der britischen Militärmissionen anwesend, aber Riedel sah, dass sich mit ihnen nur subalterne sowjetische Offiziere unterhielten, während Woroschilow und die anderen Generäle nicht in ihre Nähe kamen. Das Essen war vom Feinsten, Sekt und Wodka flossen reichlich, und es herrschte eine ausgelassene Stimmung.

Dann trat die russische Sopranistin Marina Semjonowa auf und trug einige schöne russische Lieder vor. Begleitet wurde sie von einem Pianisten vom Moskauer Konservatorium. Ihre Stimme war voller Wehmut, und Riedel dachte, darin kommt genau die unerklärliche Veranlagung der russischen Seele zum Ausdruck. Wenngleich er zugeben musste, dass ihr Gesang nicht so recht in den Rahmen der Veranstaltung passte, sah er doch, dass die meisten Gäste ihr zuhörten. Nur Molotow und mehr noch einige seiner engen Begleiter äußerten ihren Unmut. Sie drehten der Sängerin demonstrativ den Rücken zu, redeten so laut sie konnten und einer rief eine wenig schmeichelhafte Bemerkung. Ihr traten die Tränen in die Augen. Als sie schließlich ein Lied in französischer Sprache sang (Riedel erfuhr hinterher, dass es von Tschaikowsky war), platzte den sowjetischen Parteileuten der Kragen und sie pfiffen die Semjonowa aus, die völlig niedergeschlagen den Saal verließ. Sofort kehrte wieder lärmende Fröhlichkeit unter den Gäste ein.

Michaelis, der sie bei früherer Gelegenheit schon gesehen hatte, klärte Riedel über die Hintergründe auf. Der Mann der Semjonowa, ein Schriftsteller und Redakteur der "Prawda" war wegen seiner subversiven Artikel in Ungnade gefallen und nach kurzem Prozess ins Zwangsarbeitslager gekommen. Die Leute vom Innenministerium machten sich einen Spaß daraus, die Sängerin bei offiziellen Anlässen vorzuführen und sie zur ergebenen Darbietung zu zwingen. Niemand hätte sich jetzt noch weiter um sie gekümmert, wenn sie nicht versucht hätte, für Unruhe zu sorgen.

Ausgerechnet Riedel, der den Saal verlassen hatte, um seinen Fahrer mit einem Teil seiner Unterlagen zur Botschaft zurückzuschicken, begegnete der Semjonowa auf dem Gang. Sie hatte wohl erfahren, wer er ist und in ihm die letzte Rettung für ihren Mann gesehen. Sie warf sich Riedel in die Arme, versuchte ihn aufzuhalten und jammerte mit tränenerstickter Stimme ziemlich zusammenhangloses Zeug. Sie drückte ihm ein dickes Bündel mit Manuskriptseiten, wahrscheinlich von ihrem Mann, an die Brust. Aber Riedel hatte keine freie Hand, und ehe er reagieren konnte, stürzte ein halbes Dutzend Männer der Geheimpolizei über den Gang, und sie bemächtigten sich der Frau, die herzerweichend schrie. Sie sammelten eilig die verstreuten Blätter auf, und Riedel nahm seine Unterlagen, die ebenfalls herunter gefallen waren und entfernte sich, noch bevor weitere Gäste hinzukamen.

Am nächsten Tag konnte er in der Botschaft niemanden antreffen. Lediglich eine Sekretärin war da, die sich an einer Schreibmaschine zu schaffen machte, die irgendeinen Defekt hatte. Herr Hellmer sei zum Arzt gegangen, weil er Halsschmerzen habe, und Herr von der Schulenburg hole seine Tochter vom Bahnhof ab. Riedel beschloss zu warten. Ob er ihr wegen der Schreibmaschine behilflich sein kann, fragte er die Sekretärin. Sie entgegnete, das sei nicht nötig, sie komme schon zurecht ("Das macht die öfters."), aber wenn er etwas von Hunden verstehe, der Herr Botschafter hat nämlich seine beiden hier gelassen und sie habe sie in sein Büro gesperrt, wo sie jedoch anfangen unruhig zu werden. Riedel sagte, er werde nach ihnen schauen, und die Sekretärin bedankte sich. Sie waren ganz friedlich, mussten aber offenbar mal. Riedel fand die Leinen und führte beide in den Hof, wo sie sich erleichterten, dann brachte er sie ins Büro zurück.

Er kam auf die Idee, nach Berlin zu telegrafieren und Weissacker über den gestrigen Abend zu unterrichten. In dem Telegraphenzimmer war auch niemand. Riedel entsann sich, was Hellmer über die Benutzung gesagt hatte, und dann entschloss er sich, das Telephon zu nehmen. Aber es gab kein Zeichen von sich, und auch als er den Fernschreiber überprüfte, machte der keinen Mucks. Er fragte die Sekretärin, die sagte, ja, das Telephon wäre gerade ausgefallen, es gingen keine Anrufe rein oder raus. Riedel machte es sich bei Hellmer im Büro bequem.

Er war auf dem Sofa eingeschlafen, und als Hellmer ihn weckte, war es Nachmittag. "Es sieht gut aus", sagte Hellmer und frohlockte, "Molotow ist einverstanden." "Und Stalin?" fragte Riedel. Hellmer sagte "Molotow ist zwar ein mächtiger Mann, aber er würde keine Entscheidung von solcher Tragweite selbst treffen." "Dann kommt Stalin auch?" "Das wollen wir doch hoffen." "Wann haben Sie das erfahren?" "Heute früh." "Gut, dass Sie schon hier waren." "Ich habe hier übernachtet." "Tatsächlich? Wieso denn das?" "So was habe ich im Gefühl, mein lieber Riedel." "Dann können wir Berlin Bescheid sagen." "Schon geschehen." "Die Telephonanlage ist tot." "Abgeschaltet", sagte Hellmer. Riedel verstand nicht. "Das machen wir immer so, damit wir nicht erreichbar sind, falls es sich die Russen kurzfristig anders überlegen und uns ausladen wollen." "Das ist ja ein verrücktes Spiel", meinte Riedel und wusste nicht, ob er das Hellmer wirklich glauben sollte.

Hellmer schien alles Nötige in die Wege geleitet haben, und alles, was Riedel noch einfiel, hatte er anscheinend schon geregelt. Er zog seine Jacke aus und löste die Krawatte am Kragen, das hatte Riedel bisher nicht bei ihm gesehen, es war, als würde er in die Ferien fahren wollen. Dann fing er an zu erzählen, über seine Zeit im zaristischen und dann im bolschewistischen Russland, über den Krieg und die Revolution und den Bürgerkrieg, und immer waren es einzelne Menschen und deren Geschichten, die ihm in Erinnerung geblieben waren. Für Hellmer war die große, die weltpolitische Entwicklung in den letzten dreißig Jahren keineswegs zwangsläufig verlaufen, er finde, so sagte er zu Riedel, oft gar keinen Grund, warum etwas so geschehen ist und nicht anders, und deshalb habe er es sich längst abgewöhnt, Voraussagen zu treffen, obwohl, so fügte er verschmitzt hinzu, das, was er für sich insgeheim vermutet hat, meistens doch eingetroffen ist.

"Aber das ist keine Frage der Weitsicht, sondern einfach Glück. Kopf oder Zahl, lieber Herr Riedel, danach richtet sich alle Welt." Die Strahlen der Nachmittagssonne fielen durch die großen Fenster in sein Büro. Dann erschien Graf von der Schulenburg und steuerte etliche Anekdoten aus seinem erfüllten Diplomatenleben bei. Schließlich kamen auch Michaelis und Herbert und ein Sekretär namens Kornbach. Herbert öffnete eine Flasche Krimwein und dann eine zweite, und Michaelis imitierte die Großen der sowjetischen Partei- und Staatsführung. Alle schütteten sich aus vor Lachen, sogar Schulenburg klopfte sich auf die Schenkel, und Riedel staunte über Michaelis' komödiantisches Talent. An diese zwei Stunden am Nachmittag in Hellmers Büro erinnerte sich Riedel später oft mit Vergnügen.

Dann wurde es noch einmal hektisch. Schulenburg erhielt ein Telegramm aus Berlin (wo es empfangen worden war, blieb Riedel schleierhaft). Es kam von allerhöchster Stelle, Ribbentrop teilte die Weisung Hitlers mit, dass das Treffen mit den Russen unbedingt vorverlegt werden muss. "Damit habe ich gerechnet", sagte Schulenburg. Riedel fragte Hellmer, und der meinte "Hitler wäre nicht der, für den man ihn hält, wenn er nicht bis zuletzt seine Entscheidungen diktiert." Und wenn man damit die Russen verärgert? Schulenburg glaubte das nicht. "Das Kuriose ist, dass Stalin gerade solche Charakterzüge an Hitler schätzt, sie offenbaren den wahren Führer, der sich niemals mit dem kleinen Finger begnügt, sondern immer die ganze Hand haben will" "Sie meinen, Stalin wird es akzeptieren." "Wenn wir es richtig formulieren. Hellmer setzen Sie ein Telegramm an Molotow auf, er möge Stalin informieren. Sprechen Sie im Auftrag des Führers. Wir werden sehen, wie Stalin reagiert."

Die Telephonanlage wurde wieder eingeschaltet, das Schreiben abgeschickt. Es dauerte keine Stunde, bis die Antwort kam: Stalin war einverstanden. Dann rief Molotow selbst an und sprach mit Schulenburg. Der erläuterte ihm die Sache mit Hinweis auf die angespannte Situation in Polen, die keinen Tag Aufschub erlaubt. Für Molotow schien das alles nicht überraschend. Zum Schluss fragte er, was mit der Telephonanlage los war, und Schulenburg sagte, es war eine kleine Reparatur nötig. Hellmer musste mächtig darüber lachen, dass Molotow befürchtete, der NKWD könnte womöglich nicht mehr mithören.

Außenminister Ribbentrop landete mit der Condor auf dem Moskauer Flugplatz. Die deutsche und die sowjetische Flagge waren gehisst. Graf von der Schulenburg und der russische Botschafter Potemkin hießen ihn willkommen. Sie marschierten an einer Ehrenkompanie der sowjetischen Luftwaffe entlang, Ribbentrop war von ihrer Haltung beeindruckt. Dann geleitete ihn ein Oberst aus Stalins Leibgarde in die ehemalige österreichische Botschaft, wo der Außenminister logierte. Für 6 Uhr war ein erstes Treffen im Kreml anberaumt, aber niemand hatte in Erfahrung bringen können, wer Ribbentrop empfangen werde.

Sie fuhren hin, Schulenburg deutete unterwegs auf einige Sehenswürdigkeiten. Sie betraten den Kreml, gingen eine Treppe hinauf und einen Gang bis zum Ende. Als sie auf der Hälfte waren, öffnete sich vor ihnen eine Doppeltür und dort stand Josef Wissarionowitsch Stalin in heller Jacke und dunkler Hose, die Hände vorn locker verschränkt. Links hinter ihm war Molotow. Stalin und Ribbentrop begrüßten und umarmten sich, die anderen ebenso. Ribbentrop überbrachte Grüße und beste Wünsche des deutschen Reichskanzlers und Führers, Stalin gab eine freundliche Antwort.

Sie setzten sich an einen Tisch, Hellmer und ein junger blonder Russe übersetzten beim anschließenden Gespräch. Ribbentrop bekräftigte den Wunsch Deutschlands nach einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen ihren beiden Staaten. Als Stalin anhob zu reden, sagte er als erstes, Deutschland habe die Sowjetunion seit Jahren "mit Kübeln voll Jauche übergossen". Ribbentrops Miene erstarrte. Molotow nickte zustimmend. Stalin fuhr fort, das wäre aber kein Grund, "dass wir uns nicht auch wieder vertragen könnten". Ribbentrops Züge lösten sich wieder, Molotow nickte zustimmend. Stalin sagte, die Zeichen der Bereitwilligkeit, die er vor kurzem in Richtung Deutschland gegeben habe, sind dort offenbar in gewünschter Weise aufgenommen und verstanden worden.

Ribbentrop war äußerst feinfühlig und zugleich fest entschlossen, ohne Zögern vorzugehen. Nach kurzer Zeit war man sich über den Abschluss eines Nichtangriffsvertrages einig, und Ribbentrop ging sofort daran, über die inhaltliche Ausgestaltung zu sprechen. Stalin hielt ihn dabei nicht auf und schien alles nach seinen Wünschen anzunehmen. Er übergab das Wort an Molotow und lehnte sich zurück, und als Ribbentrop sich dennoch mit einer seiner Erwiderungen an Stalin selbst wandte, da gewahrte er einen eisigen Blick aus dessen Augen, unter dem er unwillkürlich zusammenzuckte.

Die Regelung und Formulierung der Details gestaltete sich dann etwas schwieriger als der reibungslose Auftakt, und das hatte Ribbentrop eigentlich auch nicht anders erwartet, lieber etwas langfristig geklärt als vorläufig zusammengeschustert, meinte er. Daher entschieden sich beide Seiten dafür, eine Pause einzulegen und in zwei Stunden wieder zusammenzukommen. An dem zweiten Treffen waren viel mehr Leute beteiligt und es entfaltete sich eine energische Emsigkeit, die Riedel, der jetzt auch dabei war, bei den Russen vorher nie gesehen hatte.

Neben Molotows Büro waren zwei Räume für die technische Abwicklung freigemacht worden, hier arbeiteten die Sekretäre, die Stenotypistinnen und die Kartenzeichner. Riedel und die anderen Zuträger wechselten ständig zwischen diesen Zimmern und dem Konferenzraum, und die Adjutanten von Molotows Leibwache konnten es nur mit einem unterdrückten Grausen mitansehen, wie all' die Männer sich so freizügig über die roten Teppiche bewegten.

Riedel fand Gelegenheit, Stalin unbemerkt zu betrachten. Er war verhältnismäßig schmächtig, seine Gesten waren ungezwungen und zugleich herrisch. Er redete ziemlich leise, aber einen der Sekretäre, der sich nach einer kurzen Meldung wieder von ihm entfernte, rief er donnernd zurück, und der andere erschrak so sehr, dass er seine Mappe fallen ließ. Riedel meinte, Stalins Antlitz würde eine Gutmütigkeit und etwas einnehmend Schalkhaftes ausstrahlen, und als er ihn genauer ansah, wurde ihm klar, dass dieser Eindruck nur von dem Schnurrbart herrührt, der irgendwie glauben machte, die Lippen darunter lächelten unentwegt, was aber in Wirklichkeit gar nicht der Fall war, denn gerade um den Mund hatte dieser Mann einen ungeheuer grausamen Zug.

Dann schien es für einen Moment, dass die Verhandlungen festgefahren waren, als es um Litauen und um nordwestliche Schwarzmeergebiete ging. Die Bukowina hatte zwar ein Jahrhundert lang zum Zarenreich gehört, war aber ebenso österreichisches Kronland gewesen, das mithin von deutschen Volksgenossen besiedelt war. Um diese (und einige andere) Fragen zu klären und den Abschluss des Vertrages nicht deswegen zu gefährden, entschied Ribbentrop, sich auf der Stelle mit Hitler in Verbindung zu setzen. Er telephonierte mit dem Führer und legte ihm die Forderungen der Russen dar.

Die Gespräche gingen ein paar mal hin und her, und Riedel wurde abkommandiert, das Telephon zu hüten. Aus Übermut und weil er zufrieden war mit dem Verlauf seiner Arbeit, passte er den Augenblick ab, als der Außenminister gerade einen Anruf getätigt hatte und ließ sich selber mit Annemarie in Berlin verbinden. Sie fiel aus allen Wolken, freute sich riesig und wünschte ihm noch viel Erfolg, sie erwarte ihn sehnlichst und bald zurück. Riedel war so glücklich, dass er eine Freudenträne wegwischen musste.

Der Führer akzeptierte die russischen Ansprüche. Im Grunde, meinte Hellmer dann, war das ja bloß eine Retourkutsche Stalins an seinen Gegenspieler. Als dann die Karten von Polen, Ostpreußen, dem Baltikum und den anderen Territorien auf den Tisch kamen, staunte Riedel, dass es die gleichen waren, die er bei General Nestling gesehen hatte, auf denen er ihm die sowjetischen Militärbezirke gezeigt hatte. Nur waren jetzt bei diesen hier die Grenzverläufe eingezeichnet, auf die sich Hitler und Stalin geeinigt hatten. Die Hauptlinie ging längs mitten durch Polen hindurch. Ribbentrop und Schulenburg, Stalin und Molotow traten an den Tisch heran und begutachteten ihr Werk.

Westlich von Lemberg war mit einem rotem Farbstift eine Korrektur vorgenommen worden, die Stalin mit seiner Unterschrift bestätigt hatte. Ribbentrop meinte halb im Scherz, das Signum würde die Größe des Mannes, den er hier erlebt habe, nur unzureichend verdeutlichen. Dann unterschrieb er selbst mit Rot auf der rechten Seite. Stalin nahm einen Stift und schwang ihn im kühnen Bogen über die Karte, der letzte Strich war fast einen halben Meter lang. Ob das deutlich genug wäre, fragte er dann in die Runde der Anwesenden, die den Vorgang mit Jubel und Beifall begleiteten. Am Abend gab es einen großartigen Festempfang.

Zwei Tage später reiste Klaus Riedel aus Moskau ab. Herbert hatte ihm Kaviar und Konfekt besorgt, er solle auch seiner Freundin unbekannterweise einen schönen Gruß ausrichten. Graf von der Schulenburg hatte noch ein Gespräch mit ihm geführt und sich anerkennend über seine Arbeit geäußert, was er, wie er sagte, auch an betreffender Stelle wiederholen werde. Riedel bedankte sich. Als er seine Unterlagen ordnete und zusammenpackte, fiel ein beschriebenes Blatt heraus, eine der Manuskriptseiten, die ihm die Sopranistin anvertrauen wollte und die beim Aufsammeln in seine Papiere geraten war. Er zerriss das Blatt in kleine Fetzen und warf sie in den Abfall.


* * * * *



Seitenanfang Alexander Fuchs : Gotha