Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 02


Richard Koenig

Aus dem Leben des Georg Heinrich Kanoldt
Erster Teil




Ein Stück über dem rechten Ohr, vom Haar verdeckt, hatte Georg eine Narbe, und wenn man mit dem Finger darüber hinwegfuhr, konnte man eine kleine Delle spüren, wo der Schädelknochen eingedrückt war. Das war folgendermaßen geschehen:

Mit den Jungs aus Siebleben gab es Streit. Es war die Bande um einen Kerl namens Siegbert Pfeifer, ein dicker Bursche, kräftiger als die meisten seiner Altersgenossen und auch brutaler. Man nannte ihn einen Raufbold, und sein übler Ruf hatte sich längst über die Stadtgrenze von Gotha hinaus und in die umliegenden Dörfer verbreitet, und es geschah häufig, daß man sich erzählte, die Sieblebener Bande um den Pfeifer Sigi habe wieder einmal die Gegend unsicher gemacht und am Rande eines Dorffestes, einer Kirmes oder eines Tanzvergnügens eine Stänkerei angefangen und sich mit ein paar Einheimischen eine handfeste Prügelei geliefert.

Manchmal stand sogar etwas von einem Überfall oder einer Saalschlacht im Lokalanzeiger und die Überschriften der kurzen Meldungen lauteten dann etwa "Auswärtige Halbwüchsige stiften Unfrieden in Molschleben" oder "Hoher Sachschaden nach Schlägerei im Schießhaus".

Die Feinde der Pfeifer-Bande, das waren die Banden aus den anderen Orten, und sie unterschieden sich kaum voneinander. Aber vom Pfeifer Sigi hieß es, er habe mittlerweile ein halbwegs gesichertes Einkommen von dem Kleingeld, das er mit Hilfe seiner ihm treu ergebenen Kumpane von schmächtigen und ängstlichen Bübchen erpresste.

Georg Heinrich Kanoldt gehörte nicht zu dieser Art von Knaben, und wenn ihm der Pfeifer auch an leiblicher Fülle und Kraft überlegen war, so hätte er auf jeden Fall den kürzeren gezogen, was Gewandtheit und Ausdauer betraf, von der äußeren Erscheinung ganz zu schweigen. Schlimmstenfalls konnte sich Georg auf seine Beine verlassen und wegrennen, er war ein hervorragender Läufer und jeder wusste das. Im übrigen war er friedfertig, hatte eine Menge Freunde unter seinen Altersgenossen, gehörte überhaupt keiner Bande an, noch hatte er jemals die Absicht eine zu gründen.

Wenn er von solchen Gewalttätigkeiten hörte oder wenn wieder einmal etwas davon in der Zeitung stand, dachte er nicht weiter darüber nach und nahm es hin wie andere Meldungen, zum Beispiel über eine tollgewordene und durchgebrannte Kuh, die in die Goldbacher Kirche eingedrungen war und vor dem Altar einige große grüne und stinkende Fladen fallen gelassen und dafür gesorgt hatte, die darauffolgende Sonntagsmesse wegen des Gestanks um einige Choräle abzukürzen.

In seinem Wesen hatte Georg Ähnlichkeit mit seinem Großvater, wenngleich ihm der Alte natürlich an Lebenserfahrung noch weit voraus war. Zum Beispiel unterteilte Großvater die Menschen in drei Gruppen: erstens solche, die sich aus eigener Kraft in der Welt behaupten können und dadurch die Welt, ebenso wie sich selbst, immer ein Stück weiter voranbringen. Zweitens solche, die dazu nicht fähig und demnach immer auf die ersteren angewiesen sind. Und zum dritten jene, die von dem unauflösbaren Zusammenhang dieser beiden Gruppen profitieren, indem sie mal die einen, mal die anderen unterstützen - oder auch im Stich lassen. Großvater war der Meinung, es sei meistens vorteilhaft, zum dritten Typ zu gehören, zumal wenn man ein Kaufmann ist. Und er war der Inhaber eines Gemischtwarenladens am Gothaer Hauptmarkt.

Großvater Kanoldt stammte aus einer der tiefsten Regionen des Thüringer Gebirges, der Gegend zwischen Frauenwald und Schmiedefeld, wo die Männer Holzfäller mit langen Bärten waren und die Frauen schwarze Kleider über langen Unterhosen trugen, und wo es das Wort "Horizont" nicht gab, weil man zwischen bewaldeten Bergen und in dunklen, feuchten Gründen lebte, in Gesellschaft von wilden Tieren und gemeinen Zwergen, und nur immer den kommenden strengen Winter vor Augen hatte und die Sorge, den jüngsten Spross der Familie vor seinen frostigen Klauen zu schützen.

Wie er auf die Idee kam, in der Stadt einen Laden zu eröffnen und Handel zu treiben, das wusste er wohl selbst nicht mehr genau. Er kehrte dem Walddorf den Rücken, nachdem er die Pfarrerstochter geheiratet hatte. Mann und Frau zogen nach Gotha, das seit der segensreichen Herrschaft des alten Herzogs Ernst eine Fürstenresidenz war und außerdem an dem westöstlichen Handels-Fernweg lag, der auch etwas großspurig die "Königsstraße" genannt wurde und von Paris bis ins Russische Reich führte.

Großvater begann mit einem bescheidenen, aber nützlichen Sortiment für Stadtbewohner und Landarbeiter. Die Kolonialwaren brachten einen Aufschwung. Gewürze, Früchte, exotische Erzeugnisse aus Übersee waren gefragt. Heimische Originalitäten wie Holzkohle oder Färberwaid bereicherten das Angebot, und nach und nach vergrößerte sich der Laden, florierte der Handel, wuchsen Umsatz und Gewinn, und anderthalb Generationen später, als Georg als ältestes von vier Geschwistern, drei Jungen und einem Mädchen, die Reife zur höheren Bildung erlangt hatte, da war das Geschäft von J. E. Kanoldt & Sohn eine der ersten Adressen der Stadt.

Eigentlich bestand für einen Jungen aus solchem Hause keine Gefahr, in das Milieu der Pfeifer'schen oder anderer Banden abzugleiten, und es bedurfte auch nicht der eindringlichen Ermahnung der Großmutter, er solle sich ja davor hüten, sich mit den Rauf- und Trunkenbolden einzulassen, die in den schmalen Gassen an der Ostseite des Marktes oder an den Stadttoren herumlungern.

Georgs Eltern konnten auf ihren Erstgeborenen stolz sein, um so mehr, als sich neben seinem wachen Verstand und frohen Gemüt auch ein Interesse für das kaufmännische Gewerbe, vor allem für die Warenkunde abzeichnete, was dem Vater Hoffnung machte, in dem Jungen seinen Nachfolger zu finden.

Und dennoch war es einmal gerade Georg, dem der Pfeifer Sigi einen Knüppel auf den Kopf schlug und ihm damit eine bleibende Erinnerung an eine unrühmliche Episode seiner Jugendzeit verpasste.

Der Anlass des Streits war eine ausgeraubte Vogelfalle, eine, wie sie die Jungen in der Gegend aufstellten, um mit den erbeuteten Tieren ihre selbstgebauten Käfige und Volieren zu füllen. Darin gab es einen regelrechten Wettstreit, wer die schönsten Schwarzkehlchen, Stieglitze oder Dompfaff-Männchen fing. Außerdem konnte man sich unter Freunden mit seinem handwerklichen Geschick, mit Erfindungsreichtum und der oftmals erforderlichen Geduld einen Namen machen. Denn es gab welche, die legten sich beim Vogelfang auf die Lauer und harrten oft ganze Stunden regungslos im Gebüsch. Genausogut freilich konnte es einem auch nur Spott und Gelächter der Kameraden einbringen, wenn die Falle versagte, die Beute entwischte oder das Vögelchen so verletzt wurde, daß es bald verendete.

Die besagte Vogelfalle hatten Georg und seine drei Freunde am Nordhang des Seebergs aufgestellt, etwas unterhalb der Schafstrift, am Rande des Kiefernwäldchens. Es war ein neues Modell, bei dem der Fritz Langer ein raffiniertes Schlingensystem entwickelt hatte. Aber sie blieb leer, obwohl es sichere Anzeichen dafür gab, daß sich Pirole an der Stelle aufhielten, denn man hatte jüngst ihren eigentümlich verdrehten Pfiff vernommen. Man kontrollierte jeden Tag, und immer war die Falle unberührt.

Einmal aber fanden die Freunde ausgerissene Federn, die Schlingen hingen schlaff herab, der Mechanismus war eindeutig ausgelöst worden. Hatte sich der Vogel befreien können? Wie oft hatte Fritz den anderen anhand eines Stoffknäuels demonstriert, daß dies unmöglich sei. Und noch etwas sprach dagegen: eine der Ruten war durchgebrochen, und kein Vogel, der sich verfangen hätte, konnte andererseits soviel Kraft haben, um einen fingerdicken Ast zu brechen. "Den hat man uns geklaut", sagte der Junge vom Sattler Heinze, der wegen seiner Statur und weil er einmal eine sehr komische rote Zipfelmütze getragen hatte, nur der Heinzelmann genannt wurde. Der vierte im Bunde, der Lohner Hannes, betrachtete mit finsterer Miene die zerstörte Falle und spuckte wutentbrannt auf den Boden, bereit, dem gemeinen Vogeldieb das Handwerk zu legen.

Wieso sie den Diebstahl mit der Pfeifer-Bande in Verbindung brachten, hatte folgenden Grund: Es gab in Gotha neuerdings einen Vogelhändler, der gute Preise für unversehrte und erst recht für seltene Vögel zahlte (und noch höhere dafür verlangte). Er schaffte seine Ware bis nach Würzburg und Frankfurt, und er war ständig an Neuzugängen interessiert. Genau das hatte auch der Pfeifer Sigi erfahren, der keine Möglichkeit ausließ, um sich möglichst leicht einen guten Verdienst zu verschaffen.

Er dachte natürlich nicht daran, sich selbst mit der Vogelfängerei abzuplagen, dafür war er zu faul und wahrscheinlich auch zu dumm, dafür fand er unter seinen Leuten garantiert einen, der sich ihm zuliebe bereiterklärte, diese Aufgabe zu übernehmen. Wenn nicht sofort, so nach einigem Zureden und einer angedrohten Tracht Prügel, falls er sich weigern würde.

Das war nun ausgerechnet der Michel Hoffmann, der größte Angsthase weit und breit und unter den Angsthasen derjenige, über den man am meisten lachte. Er fürchtete sich vor allem und jedem, vor Pferden ebenso wie vor Wespen, vor dem Haareschneiden, ja sogar vor dem Haarewaschen. Er fürchtete den Lehrer, schlechtes wie gutes Wetter, selbst den eigenen Geburtstag.

Das lag, wie man sagte, an den zerrütteten Familienverhältnissen, in die er hineingeboren wurde. Sie waren schon seit Generationen ein einziges Durcheinander und keine Zeit hätte je Ordnung darin schaffen können. Seinen Geburtstag fürchtete Michel nicht nur wegen des Mangels jeglicher Geschenke und der damit verbundenen Enttäuschung, sondern auch weil beinahe jedesmal eine andere Frau an der Seite seines bettelarmen und überdies trunksüchtigen Vaters die Mutterstelle übernahm, zumindest für eine Weile.

Wenn er jedoch in einem Jahr keine neue Mutter vorgesetzt bekam, fehlte sie ganz, und wegen der rapide schwindenden Gedächtnisleistung des Vaters fiel der Geburtstag immer öfter einfach aus. In jedem Fall fürchtete er diesen Tag genauso wie die fremde Mutter und den besoffenen Vater und seinen unausstehlichen kleinen Bruder. Er fürchtete sie, aber er hasste sie nicht, denn er hatte ein gutes Herz, ein typisches Angsthasenherz, was außer der Ängstigung auch noch dafür sorgte, daß er schamlos ausgenutzt wurde. Und er hatte die verständliche Schwäche, sich an die kleinste Bezeugung von Aufmerksamkeit zu klammern, die ihm entgegengebracht wurde, wie scheinheilig sie auch sein mochte.

So nahm er es gern hin, für alle möglichen egoistischen Zwecke anderer missbraucht zu werden, obwohl er wusste, daß sein Dienst nur von kurzer Dauer sei und nur in Anspruch genommen wurde, weil er so leicht und billig zu haben war; denn jeder Missbrauch macht abhängig. Weil den Michel Hoffmann bald jeder seiner Altersgenossen einmal für irgendeine kleine oder große Gefälligkeit eingespannt hatte, war er praktisch auch jedermanns Freund und Feind zugleich und stand, wie man so treffend sagt, zwischen Baum und Borke.

Wegen seiner bemitleidenswerten Schwächlichkeit oder wegen seines Eifers oder auch wegen seines durchaus hübschen, puppenhaften Gesichts stand er bei den Mädchen in zweifelhafter Gunst und fungierte für sie, die ständig untereinander in Streit waren, oftmals als Bote und Unterhändler, um wichtige Neuigkeiten, Verabredungen oder auch feindselige Drohungen zu übermitteln, wenn es galt, die Rivalin auszustechen. Michel Hoffmann, der Mädchensklave - das brachte ihn noch um das letzte Ansehen.

Georgs Großvater, obwohl er den Michel Hoffmann der dritten seiner Menschenklassen zuordnete, meinte, es fehle ihm die nötige Chuzpe, und er werde wahrscheinlich noch in jungen Jahren als Soldat auf dem Felde sterben, wie ein ängstlicher Hase eben, der über den Acker hoppelt und im Kugelhagel getroffen Purzelbäume schlägt. (Dabei machte er die Bewegung eines Schützen mit dem Gewehr im Anschlag.)

Georg nahm den Michel gegen den Spott in Schutz, er wollte ihn zwar nicht unbedingt seinen besten Freund nennen, aber er wäre nicht schlechter als mancher andere. Und Michel ließen solche Bemerkungen kalt, denn er selber meinte ganz im Ernst, Soldat zu werden sei das einzige erstrebenswerte Ziel, um seiner traurigen Lage zu entkommen.

Zu ebenjener Zeit stand er gerade mehr auf der Seite Georgs und seiner Kameraden, seitdem sie einen "vierten Mann" zum Skatspiel gesucht und ihn dafür von der Straße weg und in den Schuppen hinter Heinzelmanns Haus geholt hatten, wo sie das Kartenspielen, das ihnen streng untersagt war, zu erlernen versuchten. Zufälligerweise war Michel kurz zuvor anderswo ebenfalls als vierter Mann eingesprungen und konnte die anderen ganz gut unterweisen, obwohl sie ihm nicht alles glaubten, was er sagte und es nur seiner vermeintlichen Liebedienerei zuschrieben. "Bei wem hast du denn gespielt?", fragte einer der anderen höhnisch. "Bei der Auguste und ihren dämlichen Freundinnen etwa? Seit wann ist Skat Weibersache?" Michel schwieg, und zum Beweis ließ er sie nur noch verlieren, was sich jedoch bald rächen sollte, weil der Fritz Langer, der Vogelfallenspezialist, hinzukam und von dem Augenblick an Michel wieder überflüssig war.

Fortan fürchtete er den Fritz, freilich ohne ihn zu hassen. Der Pfeifer Sigi, der Bandenchef aus Siebleben, der auf irgendeine Weise davon Wind bekommen hatte, knöpfte sich den Michel vor und erfuhr von ihm alles über die geplante Fallenstellerei der anderen, wodurch letztendlich auch das Versteck am Hang des Seebergs verraten und die Beute in die falschen Hände gelangt war. Der arme Michel hatte nach seinem Verrat beim Pfeifer nichts Eiligeres zu tun, als ihn vor Georg und den Seinen zu gestehen, als wäre diese Art von Doppelrolle für ihn das Selbstverständlichste der Welt. In Wahrheit kam er nur der unerträglichen Angst, entlarvt zu werden, zuvor.

Schleichend verbreitete sich unter den Freunden die Meinung, der Pfeifer Sigi habe es weniger auf die Vögelchen abgesehen, als vielmehr auf Georg Heinrich Kanoldt, dem er eins auswischen wollte. Aber keiner hatte wirklich eine Ahnung, wie das kam. Manchmal werden die braven Knaben den bösen Buben zum Dorn im Auge, ohne daß sie ihnen etwas angetan hätten. Und wenn sie jemanden auf dem Kieker haben, passiert es, daß sie ihn zuerst völlig grundlos und dann solange belästigen, bis der andere gezwungen ist, sich zu wehren.

Ob nun, wie der Heinzelmann einmal beiläufig bemerkte, auch ein Mädchen im Spiel gewesen war, dem Georg schöne Augen gemacht hatte, ohne zu wissen, daß auch der Pfeifer ihr nachstellte, gelegentlich sogar von "seiner Braut" gesprochen hatte (was das Stichwort für andere war, ja bloß die Finger von ihr zu lassen), das sei dahingestellt. Alles lief darauf hinaus, daß klare Verhältnisse geschaffen werden mussten zwischen den Jungen aus der Marktgasse und den Vorort Barbaren, die mit immer neuen tückischen Streichen und Übergriffen Einfluss in der Stadt zu gewinnen suchten. Und die Vogelfängerei auf dem Seeberg, auf der halben Strecke zwischen Dorfanger und Stadttor, war ein Auslöser und ein triftiger Grund, eine Entscheidung herbeizuführen.

Ein Treffen wurde vereinbart, und dem Michel Hoffmann, obwohl er selbst am wenigsten zu befürchten hatte, wurde Himmelangst bei dem Wort, denn er kannte das Verhandlungsgeschick Pfeifers, das jedesmal auf eine Schlägerei hinauslief, und es schien dem Michel angeraten, sich dabei möglichst weit im Hintergrund zu halten. Mitmachen musste er dennoch, fragte sich nur, auf wessen Seite? Georg und seine Freunde waren zweifellos schlauer und kultivierter als die rüpelhaften Bauernkinder, dafür waren diese zehnmal stärker. Wer konnte mit Gewissheit voraussagen, daß nicht die Pfeifers und Konsorten eines Tages sowieso die Oberhand in der Stadt erringen würden? Doch da würde er, Michel Hoffmann, schon bei irgendeiner, und sei es auch einer wildfremden Truppe dienen, und wer hier das Sagen hatte, konnte ihm dann egal sein. So entschied er sich also noch einmal für die Georg'schen.

Ein geeigneter Ort musste gefunden werden. Eine Stelle in der Stadt war ausgeschlossen, denn erstens konnte man sich über den Ausgang des Treffens nicht sicher sein und damit auch nicht über Ruhm oder Spott, mit denen man den Kampfplatz verlassen würde. Und zum zweiten wurden derartige Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit, zumal bei Minderjährigen vehement bekämpft, und der Schutzmann Köllner griff mit harter Hand durch. Erfuhren erst einmal die Eltern davon, dann konnte es richtig schmerzhaft werden, und schon mancher hatte dergleichen Lausbüberei mit abscheulichen Arbeiten (und zum Wohle der Gemeinschaft) gesühnt.

Unmittelbar vor den Stadttoren war es zu unruhig, man hätte den Fuhrleuten ausweichen oder sich mit den Hunden herumbalgen müssen; am Sundhäuser Tor wurde gerade gebaut. Auf dem Seeberg selbst, so hatte Michel beobachtet, hielt das Kronprinzen Infanterie Regiment aus Langensalza ein Manöver ab, und man wäre fortgejagt worden. Fritz schlug einen Platz am Leinakanal in Richtung Gehrsleben vor, eine kleine freie Wiese, die auf zwei Seiten von den Bäumen des schmalen Kanals begrenzt war und zum Dorf hin weit genug weg lag, damit man das Duell ungestört austragen konnte.

Man war eine gute halbe Stunde bis dorthin unterwegs, und da das Treffen auf zwei Uhr nachmittags angesetzt war, setzten sich Georg, Fritz Langer, der Heinzelmann, Hannes Lohner und Michel ganz hinten gegen halb eins in Marsch. Sie alle hatten noch kurz vorher einen Schwur geleistet, Georg und sich gegenseitig beizustehen und nicht anders denn als Sieger den Ort wieder zu verlassen. Auf Michels Frage, ob der "moralische" Sieg auch als Sieg gelte, wurde nicht weiter eingegangen. "Die treuesten Kameraden der Residenz" hatte der Lohner Hannes das Grüppchen tituliert, und es schwoll ihnen die Brust dabei vor Stolz.

Als sie bei Boilstedt an der Gärtnerei vorbeikamen, fiel dem Hannes ein, daß er am Nachmittag für seine Mutter einen Sack Kartoffeln besorgen sollte, und zwar bei einem Bauern, der direkt am anderen Ende der Stadt war, weshalb er also unmöglich erst bis jenseits des Leinakanals mitkommen konnte. Ohne die Reaktion der anderen abzuwarten, drehte er sich auf dem Absatz um und rannte zurück. "Wenn ich es schaffe, komme ich noch rechtzeitig", rief er. "Rechtzeitig wozu?", fragte Fritz und wollte gerade etwas über Freundschaft sagen, als den Heinzelmann aus heiterem Himmel ein heftiger Bauchschmerz befiel.

Er presste die Hände gegen den Leib, japste nach Luft und verzog das Gesicht, so wie er es bei seiner großen Schwester gesehen hatte, als bei ihr die Wehen einsetzten. "Dieser verdammte Haferbrei", stöhnte er, "mein Vater hat gesagt, es ist was Ungenießbares zwischen das Korn geraten. Oh Gott, ich glaube, ich muss ..." Damit war er auch schon auf und davon. Ausgerechnet Michel Hoffmann behielt die Ruhe und meinte zu Georg "Lass die mal laufen, die würden nur im Weg stehen, wenn es hart auf hart kommt." Mit diesen Worten setzte er sich an die Spitze der drei und marschierte hurtig voran.

Sie mussten über eine wacklige, schmale Holzbrücke, die über den Bach führte, der nicht besonders breit aber sehr morastig war. Auf der anderen Seite, im Halbkreis auf der Wiese, erwartete sie Pfeifer mit seiner Gefolgschaft. "Das wird aber auch Zeit", rief er herüber, um gleich deutlich zu machen, wer hier den Ton angab. Georg sah, wie er voller Anspannung hin und her schritt, die Fäuste abwechselnd in die Handflächen drückte und den Kopf mit seiner langen, ungepflegten Mähne zurückwarf, und er erkannte, daß es zwecklos war, sich noch irgendwie gütlich einigen zu wollen. Deswegen gab er zurück "Hast wohl gehofft, wieder heil nach Hause zu kommen?" Pfeifer begann vor Zorn zu kochen. "Sei du froh, wenn du überhaupt noch nach Hause kommst." "Vielleicht in der Kiste", rief einer von Pfeifers Leuten und alle grölten.

Da trat Michel einen Schritt vor, hielt seinen ledernen Tornister, den er sich besorgt hatte, hoch und sagte zu dem vorlauten Rufer "Und für dich reicht nachher das hier." Georg wollte ihn zurückreißen, da kam Pfeifer auf den Michel zu und fuhr ihn an: "Was mischst du dich ein, du Laus, mit dir werde ich heute auch endgültig fertig." Georg rief "Lass ihn in Ruhe, es geht nur uns beide was an." Aber der andere hatte bereits ausgeholt und knallte seine Rechte gegen Michels Schläfe, daß der in mehreren Purzelbäumen über die Wiese kullerte, genau wie es Georgs Großvater beschrieben hatte. "Spitzel kriegen bei uns, was sie verdienen", sagte Pfeifer, erleichtert, den ersten Anfall seiner unbändigen Kraft abgelassen zu haben.

Jetzt hielt es auch Georg nicht mehr und er ging auf ihn zu, doch Pfeifer hielt ihn mit gestrecktem Arm auf Abstand. "Du mieser Kerl", fauchte Georg. Äußerlich gefasst, aber wie vor einer weiteren Explosion, sagte Pfeifer "Halt! Gib' mir eine Minute, wir mussten die ganze Zeit hier stehen und auf euch warten, ich bin wie gelähmt." Es war bloß dummes Zeug, was er schwatzte, aber er ließ keine Gelegenheit aus, um mit solchen Effekten Eindruck bei seinen eigenen Leuten zu schinden.

Georg wich zurück, und das war ein Fehler. Pfeifer machte ein paar Schritte, lockerte seine Arme, verdrehte den Hals, schob die Hemdsärmel hoch und atmete tief und hörbar ein und aus. Seine Kumpane begannen ihn anzufeuern, erst einer, dann immer mehr, und schließlich schrien alle durcheinander, warfen Georg gehässige Schimpfwörter entgegen, lobten Pfeifers Mut und priesen seine Stärke.

Georg sah unter ihnen auch zwei, drei Mädchen, die sich jedoch zurückhielten und abwarteten, wem sie ihre Bewunderung zollen würden. Er glaubte, die Tochter des Apothekers zu erkennen, die wohl kein Mensch hier vermutet hätte, am allerwenigsten ihr Vater, und die ihm früher schon mal aufgefallen war, denn sie war sehr hübsch und es hieß, sie würde sich nicht mit jedem x-beliebigen Jungen abgeben, sondern nur besonders Auserwählte von ihrer Schönheit kosten lassen.

Plötzlich kam die Sonne hinter einer Wolke hervor und blendete Georg, der erst jetzt bemerkte, wie ungünstig sein Standort auf der Wiese war. Und der Fritz gab ihm noch eine Warnung, aber Pfeifer hatte sich mit einem Sprung wie ein Löwe auf ihn gestürzt und ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt, daß er zu Boden fiel. Er umklammerte Pfeifers Beine und zerrte sie weg, und sein Gegner verlor den Halt und landete ebenfalls unsanft im Gras.

Sie rappelten sich abwechselnd wieder auf und gingen durch einen Hebelgriff und Wurf oder einen mehr zufällig platzierten Treffer wieder nach unten, wälzten sich, zerrten und rissen an Hosen und Hemden, daß es krachte, und bald floss Blut aus den Nasen und sickerte aus den Schrammen auf Armen und Beinen. Georgs Freunde, obwohl sie sich die Kehle aus dem Leib schrien, waren kaum zu hören im Jubel der anderen.

Doch Pfeifer hatte keineswegs so leichtes Spiel, wie sie sich wünschten, er musste manchen harten Hieb einstecken. Seine Bewegungen erlahmten und er nutzte schon jede Sekunde, in der er mit seinem ganzen Gewicht auf Georg lag, um Atem zu schöpfen. Auch fiel ihm bald nichts mehr ein, und Georg verrenkte ihm dermaßen den Arm, daß er in die Knie ging und vor Schmerz die Zähne zusammenbeißen musste. Georg scheute davor zurück, bis zum Äußersten zu gehen, obwohl Fritz rief: "Mach' ihn kalt!"

Georg hatte ihn fest im Griff und hielt ihn wie ein Schwein, das vor dem Schlachten entlaufen und wieder eingefangen war, und so lagen sie nur zuckend eine Weile übereinander, bis Georg keinen Widerstand mehr spürte. Pfeifers Arme waren schlaff geworden, sein Atem ging nur unhörbar, er löste die Finger seiner Umklammerung von Georgs Schienbein. Er starrte vor sich hin, auf den Boden, auf die plattgedrückten Grashalme, wie aus Schweinsäuglein, im Schutz seines Ellenbogens, so daß niemand seine Tränen sehen konnte.

Die anderen waren alle verstummt. Beide lagen wie tot und endlich lösten sie sich voneinander, und Georg stieg von dem anderen herab wie von einem zu Schanden gerittenen Gaul. Er sagte nichts und ließ den ach so gefürchteten Pfeifer Sigi reglos am Boden liegen. Er wandte sich seinen beiden Kameraden zu, und Michel stand schon wie auf dem Sprung, als traue er der Sache nicht und wollte sagen 'Nichts wie weg von hier'.

Doch in diesem Moment sprang einer von Pfeifers Leuten zu ihm hin und drückte ihm einen dicken Knüppel in die Hand. Pfeifer stützte sich damit auf und erhob sich, und Georg hörte, wie die Apothekerstochter rief "Das ist feige!", da bekam er hinterrücks einen Schlag auf den Schädel. Vor seinen Augen drehte sich alles, er sah die Sternchen, die er bis dahin nicht für wahr gehalten hatte, und ihm wurde so übel, daß er würgte und mehrmals kurz davor war, sich übergeben zu müssen.

Einige der anderen näherten sich mit Gebrüll, und Fritz packte Georg am Arm und zog ihn mit sich fort. Allen voran lief Michel Hoffmann und schrie "Über die Brücke, schnell!" Georg stolperte und torkelte, spuckte Schleim und hielt sich den Kopf, von dem helles Blut strömte. Pfeifer schwang den Knüppel in der Luft und lief ihnen nach, aber er war nicht schnell genug.

Fritz schleifte den Freund über die Brücke, die bedrohlich knarrte und wackelte, und als sie auf der anderen Seite waren, ergriff Michel einen großen Feldstein und schlug damit gegen eine der morschen Brückenstützen, bis das ganze Gerüst einkrachte und die Einzelteile vom Wasser weggetrieben wurden. Pfeifer machte einen Satz vom Ufer herab und blieb bis über die Knöchel im Schlamm stecken. Er fluchte laut und schleuderte den Knüppel nach ihnen, und das Holz landete weitab auf der Wiese.

Auf dem Weg nach Boilstedt fuhr ein Pferdewagen, und der Bauer nahm die drei mit in die Stadt. Als Ursache der Verletzung erfanden sie eine Geschichte, die der Fritz Georgs Vater offenbar so überzeugend vortrug, daß er sie ihm abnahm, obwohl Michel neben ihm am ganzen Körper schlotterte. Der Vater holte einen Arzt, der eine Gehirnerschütterung feststellte, aber der Schädelknochen war nicht gebrochen, sondern verwunderlicherweise bloß eingedrückt. Georg bekam Ruhe verordnet und Kräuterumschläge, und es vergingen vier Wochen, in denen er sich erholte.

In diesen Tagen entschwanden die Geschehnisse in die Vergangenheit, und als Georg wieder oben auf war, lag das alles weit und unwiederbringlich zurück. Die alten Bandenkämpfe erschienen ihm kindisch und es war ihm auch völlig egal, was der Pfeifer Sigi jetzt über ihn dachte oder was er als nächste Übeltat vorhatte. Er machte Schluss mit dem lächerlichen Kram, und gab ihn auf und warf ihn weg, wie man wurmstichige Äpfel auf einen Haufen wirft. Mit jedem Tag, an dem das Sonnenlicht durchs Fenster in sein Zimmer schien, fühlte er sich größer, älter, erwachsener geworden, und zugleich voll jugendlicher Energie und der Begierde, sich in neue und ernste Taten zu stürzen, auch wenn er sie noch nicht genau benennen konnte.

In der Zeitung hatte man Notiz genommen von der eingestürzten Leinabrücke, konnte jedoch nicht sicher sagen, ob sie mutwillig zerstört worden oder wegen ihrer Baufälligkeit kaputtgegangen war. Es wurden keine Namen genannt und das erleichterte es Georg, es vollends zu vergessen. Zu Hannes und dem Heinzelmann, die genau wissen wollten, was sich abgespielt hatte, sagte er bloß "Das ist nicht der Rede wert."

Fritz Langer entdeckte seine Neigung zur Jagd und bemühte sich mit großem Eifer um eine Anstellung in der herzoglichen Forstverwaltung. Michel Hoffmann schlug sich noch einmal auf die Seite Pfeifers, dessen Ruf nach dem Kampf allerdings schwer gelitten hatte. Die Sieblebener Bande zeigte Auflösungserscheinungen. Und Michel kam des öfteren zu Georg, um mit ihm über ganz andere Dinge wie zum Beispiel über den Dienst bei den Soldaten zu reden.

Überhaupt war alles wie von einem Wandel erfasst. Der Vater begann, sein Geschäft neu zu organisieren, was sich bis in die Umgestaltung seiner Ladenauslage bemerkbar machte. Sie wirkte ansehnlicher, reichhaltiger, origineller. Die Leute honorierten es mit mehr Zuspruch und mehr Umsatz. Er saß tage- und sogar nächtelang, um Investitionen zu erwägen, holte alte Empfehlungen wieder hervor, knüpfte neue Kontakte, studierte Kataloge und Messeverzeichnisse und las auch schon mal ein Lehrbuch der Chemie oder Botanik, um sich über Tonerden, Schmelzverfahren oder Farbstoffe zu informieren. Dabei blieb er aber immer der Kaufmann, für den bei allem was er unternahm, die Kalkulation das wichtigste war.

Georg bemerkte während seiner Genesung, wie der Vater lange Gespräche mit der Mutter führte, manchmal auch den Großvater zu Rate zog und fast täglich zu Georg kam, sich nach seinem Befinden erkundigte und sichtlich erfreut war von der körperlichen und geistigen Verfassung des Sohnes. Georg ahnte, daß bald eine ernste Unterhaltung zwischen ihnen stattfinden würde, in der die Weichen für seine Zukunft gestellt werden sollten.

Sie fiel dann zwar weniger feierlicher aus, als es sich Georg gedacht hatte, aber dafür um so folgenschwerer. Georgs Vater hatte den Plan gefasst, den Jungen zum Zweck einer Handelslehre nach Hamburg zu schicken, und das noch vor Pfingsten, also in nicht einmal mehr zwei Wochen. Seinen nächsten Geburtstag im August würde er schon fern von zu Hause begehen müssen, eine Vorstellung, die ganz neuartig für ihn war und auch ein wenig betrüblich. Aber das war wohl der Preis, den man für ein Abenteuer zahlen musste, auf das er gestern noch so erpicht war.

"Was ist mit meinem Geburtstag?", fragte Georg dennoch als erstes, nachdem der Vater ihm seinen Plan unterbreitet hatte. "Was soll damit sein? Er findet statt." "Werdet ihr mich besuchen?" "Mein Junge, wir werden alles tun, damit es dir gut geht, das verspreche ich." Das war zwar keine direkte Antwort auf Georgs Frage, aber es machte ihm klar, daß es im Grunde um viel mehr ging als nur um einen besonderen Tag im Kalender und daß er unzählige andere Tage ohne die Menschen, die ihm vertraut waren, ohne Vater und Mutter, ohne die Großeltern, seine jüngeren Geschwister, ohne die Freunde würde auskommen müssen. Nicht einmal der Stadtstreicher Wilhelm, den er fast täglich an der Ecke zur Buttergasse stehen sah, würde ihn mit seiner rauchigen Stimme noch um einen Groschen anbetteln. Nun ja, auf den konnte er am ehesten verzichten.

"Ich gebe dich in Hamburg in gute Hände", fuhr der Vater fort, der offenbar wusste, daß er die Bedenken des Sohnes am ehesten zerstreuen konnte, wenn er ihn möglichst vor vollendete Tatsachen stellte. "Dieser Kaufmann, bei dem du vorläufig angestellt sein wirst, ist ein alter guter Bekannter von mir, mit dem mich einige gemeinsame Aktivitäten verbinden und von dem ich aus eigener Erfahrung weiß, daß er nicht nur selbst ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, sondern auch das Zeug dazu hat, aus einem aufgeweckten Jungen wie du es bist, einen soliden Kaufmannslehrling zu machen. Ich habe mich persönlich mit ihm darüber verständigt und alles schriftlich festgehalten."

Georg nickte nur. Er fragte nicht nach den Details dieser Vereinbarung, und der Vater war auch nicht willens, sich in Einzelheiten zu verlieren. Er nannte die wichtigsten Fakten. "Dieser Kaufmann betreibt ein Geschäft mit Gemischtwaren, vergleichbar dem unsrigen, natürlich, wie es der Bedeutung des Ortes entspricht, auf einem höheren Niveau. Er wird dir das ABC und das Einmaleins des Kaufmannsberufs beibringen. Es wäre wenig hilfreich, jetzt näher darauf einzugehen, bevor du selbst in der täglichen Arbeit damit zu tun bekommst." Georg nickte wieder, und ihm fiel ein, daß der Vater vorhin das Wort 'vorläufig' gebraucht hatte, was bedeutete, daß die Lehre bei diesem Geschäftsfreund womöglich nur der Anfang seiner Ausbildung ist.

Dann sprach der Vater einige mahnende Worte über allgemeine Verhaltensregeln, deren ein Junge in seinem Alter und entsprechend seiner Herkunft sich zu befleißigen habe. Und er warnte ihn eindringlich davor, den unbilligen und sittenlosen Verlockungen einer großen Stadt wie Hamburg zu erliegen. Er sei indes überzeugt, daß Georg den festen Charakter besitze, um alle Schwierigkeiten zu meistern, und es keinen Grund zur Klage geben werde. Möge er also dem Namen Kanoldt zu einem guten Klang im Kaufmannsstande verhelfen, auf daß eines Tages von "den Kanoldts" nur in höchsten Tönen die Rede sein wird.

Georgs Gedanken drohten abzuschweifen, und er war froh, daß der Vater seine Rede beendete, nachdem er fast unbemerkt eine Träne aus dem Augenwinkel gewischt hatte. Die praktischen Dinge und Vorkehrungen, die für die Reise zu klären und zu treffen waren, nahmen Georgs Aufmerksamkeit wieder voll in Anspruch, und gemeinsam gingen sie eine Liste mit drei Seiten durch, auf der der Vater die wichtigsten Dinge notiert hatte. Darin war er ein Meister.

Am Nachmittag legten sie eine Pause ein, und der Vater tat etwas ganz Ungewöhnliches. Er bat Georgs Mutter, "den beiden Männern" einen frisch gebrühten Kaffee zu servieren, mit einem duftenden Striezelgebäck. Georg durfte sitzen bleiben und fühlte sich ganz wie ein angesehener Gast, mit dem wichtige geschäftliche Dinge zu bereden sind. Daß statt der Mutter, die mit der Wäsche zu tun hatte, Georgs jüngere Schwester Marie Luise das Tablett mit dem Geschirr hereinbrachte und dabei so kichern musste, daß sie etwas vom Kaffee verschüttete, tat der Ernsthaftigkeit der Atmosphäre keinen Abbruch.

Den ganzen folgenden Tag waren Vater und Sohn damit beschäftigt, das Schreiben für den Hamburger Kaufmann zu verfassen, in welchem sich Georg Heinrich Kanoldt um eine Lehre in dessen "Handelshaus" bewirbt. Georg war nicht ganz klar, warum das nötig sei, wo doch angeblich bereits alles ausgehandelt und vertraglich festgeschrieben worden war. Aber der Vater bestand darauf, daß es eine "eigenhändige" Bewerbung geben müsse, damit sich der Kaufmann schon vorher ein Bild von ihm machen könne. "Sie muss also besonders akkurat geschrieben sein." Schönschrift war schon immer Georgs Stärke gewesen, auch wenn er damit nicht prahlte, denn bei seinen Altersgenossen, und erst recht bei den Mädchen war das keine besonders aufregende Fertigkeit. Der Vater nahm es jetzt allerdings sehr genau, und Georg tat am Ende die Hand weh und er atmete erleichtert auf, als sie fertig waren.

Die Tochter des Apothekers, welche Juliane hieß, hatte Georg, als er zu Hause das Bett hüten musste, einen Brief geschrieben, genauer gesagt, einen kurzen Gruß, den der Michel Hoffmann überbrachte. Unzählige Male hatte Georg ihn inzwischen gelesen und versucht, herauszufinden, warum Juliane sich gemeldet hatte und was er selber daraufhin tun sollte. Er war adressiert mit "An Georg Heinrich Kanoldt, Am Hauptmarkt 5 in Gotha" und lautete folgendermaßen: "Lieber Georg Heinrich, ich wünsche dir gute Besserung. Sehen wir uns bald einmal? PS: Wir könnten dann ein Stück spazieren gehen. Juliane Hauser" Unter den Zeilen hatte sie mit der Feder eine Verzierung gemacht, die ihr aber offenbar misslungen erschien und die sie dann mehrfach durchgestrichen hatte.

Er legte den Brief unter das Kopfkissen und morgens las er ihn oft. Er fand es schön, daß sie an ihn dachte, und ihr Angebot machte ihn unruhig und ließ sein Herz schneller schlagen. Was sollte nun daraus werden? Wenn er so bald nach Hamburg ginge, war es nicht ratsam, sich auf etwas einzulassen, das nur Verdruss bereitete, wenn man es aufgeben müsste. Andererseits könnte er sich darüber ärgern, so eine günstige Gelegenheit verspielt zu haben. Warum hatte sie ihm nicht früher schon einen Wink gegeben? Oder hatte er es nur nicht bemerkt?

Er entschloss sich, es so zu arrangieren, daß er ihr rein zufällig begegnete, um dann aus dem Bauch heraus eine Entscheidung zu treffen. Und so geschah es an einem Donnerstagvormittag, als Markttag war, daß er Juliane an einem der Stände sah und sie ansprach. Das heißt, er wollte sie ansprechen, aber es schien, als habe sie ihn bereits bemerkt, denn sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. Dieser selbstbewusste und irgendwie bezwingende Blick machte ihn sehr verlegen und er spürte, wie ihm die Worte zu einem dicken Kloß zusammengeballt im Halse stecken blieben und sich überdies sein Gesicht puderrot färbte.

"Hallo Georg, wie geht's? Ich dachte schon, du lebst nicht mehr", sagte sie, als hätte sie den Verlust bereits überwunden. Aber sie heftete sich an ihn, so daß er es merkte und ließ ihn gar nicht erst antworten. "Schau mal, ist das nicht hübsch?" Sie hatte im Sortiment des Schmuckmachers ein Armband aus Leder gefunden, das mit Kupferplättchen verziert war. "Ich brauche unbedingt ein neues, mein altes ist schon ganz unansehnlich." Sie streifte es über den Arm und auf ihrer hellen honigfarbenen Haut sah es sehr schön aus. Sie schaute ihn mit ihren braunen Augen an, und dieser Blick schien zu fragen 'Erinnerst du dich noch an mein Briefchen? Wie wäre es damit?' Sie sagte "Na, wie steht mir das?" "Es sieht gut aus, ich meine, an dir sieht es gut aus." "Du kleiner Schmeichler." Sie probierte ein anderes und noch eins und noch eins. "Hilf mir mal, du hast doch einen guten Geschmack."

"Danke für deinen Brief", sagte Georg. "Hast du ihn gelesen?" Das war natürlich eine scheinheilige Frage, aber Georg lag trotzdem ein 'mehrmals' auf der Zunge. Er war jetzt hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, Juliane Hauser, den Schwarm aller Jungs, verführen zu können und der traurigen Gewissheit, daß es mit ihnen beiden sowieso nichts werden kann. "Ich muss dir etwas sagen", meinte er. Sie unterbrach ihr Suchen in des Schmuckmachers Schätzen, strich eine Seite ihres Haares hinters Ohr und sagte mit gekonnter Enttäuschung: "Dann stimmt es, daß du mit Bettina gehst?" "Wie kommst du darauf? Nein." "Und warum bist du heute nachmittag mit ihr verabredet?" Das verschlug ihm die Sprache, er begann zu stottern und machte damit keinen sehr überzeugenden Eindruck.

"Wer sagt denn so was." "Es stimmt also." Er hätte sofort sagen müssen, daß das kompletter Unsinn sei, den sich irgendjemand ausgedacht und ihm angehängt habe, und daß ihn Bettina, die ihm allerdings bekannt war, überhaupt nicht interessiert. Aber er hatte sich überrumpeln lassen. "Ich finde das nicht besonders anständig von dir." "Was denn?" "Du hättest es mir gleich sagen können, ich meine, du hättest gleich, nachdem du meinen Brief erhalten hast, sagen können, daß nichts draus wird." Damit hatte Juliane recht. Sie zog beinahe gewaltsam den Armreif ab und warf ihn zurück; der Schmuckhändler schielte zu ihnen hinüber. Georg schien, er würde ihn verständnislos anblicken. "Ich wollte dich ja nur ein wenig erfreuen", sagte sie leise.

"Und das hast du getan, ehrlich, ich habe mich riesig gefreut. Es ist nur so, ich kann dich nicht ..." Sie winkte ab, doch es wirkte eher spöttisch als beleidigt. "Es ist besser, wenn du das für dich behältst. Ich wünsche dir trotzdem viel Spaß heute nachmittag." Georg platzte fast der Kragen. "Aber ich bin nicht verabredet." "Das soll ich dir glauben? Denkst du, ich würde dir hinterher spionieren? Das habe ich gar nicht nötig." "Gut, dann mache ich dir einen Vorschlag: wir gehen heute nachmittag zusammen spazieren, damit du weißt, daß ich dich nicht anlüge." Er sah sie an. Sie drehte das Gesicht zur Seite. Blinzelte der Händler schon wieder herüber? Dann sagte sie "Also welcher gefällt dir nun am besten?" Georg atmete tief durch. "Ich weiß nicht, der da vielleicht." "Ja, der gefällt mir auch. Und wie soll ich glauben, daß du auch wirklich kommst? Wenn du mich jetzt bloß loswerden willst."

Er hatte eine Idee, er sagte "Wir verabreden uns für um zwei am Schilderhaus, und der Herr hier - er deutete auf den Schmuckhändler - ist unser Zeuge." Er sah fragend auf den Mann, der nickte beiden zu und meinte "Dann will ich aber auch eingeladen sein, wenn gefeiert wird." Juliane lachte auf, dann sagte sie zu Georg "In Ordnung, bis nachher. Jetzt muss ich aber noch was besorgen, mach's gut." Sie drehte sich um und im Weggehen schüttelte sie ihre schönen braunen Haare wie zum Zeichen ihrer Unbeschwertheit.

Juliane kam zwar eine Viertelstunde später, aber damit hatte er gerechnet. Sie sah noch besser aus als am Vormittag, sie hatte sich irgendwie zurechtgemacht, ohne es zu übertreiben. Sie wirkte sehr natürlich. Einer ihrer Freunde behauptete einmal, Juliane würde immer nach Arznei riechen, weil sie im Haus wohnte, wo der Vater die Apotheke hatte. Ein anderer hatte gesagt, sie habe dadurch Zugang zu zauberischen Essenzen und Duftölen mit verführerischer Wirkung. Das konnte schon eher zutreffen, aber Georg meinte, daß sie auch ohne solche Mittel unwiderstehlich war.

Sie gingen ein Stück nach den Meyer'schen Gärten hin, an den Knallerbsenbüschen entlang und am Steinbachteich vorbei, auf dem sich eine Menge Wildenten tummelten. Sie redeten über alles mögliche und Juliane erzählte von einer Tante, die vor kurzem achtzig geworden war, und von der Feier, wo Juliane beinahe als letzte bis tief in die Nacht getanzt hatte. Da musste Georg davon erzählen, wie sein Großvater einmal bei einer wilden Sauferei im Gasthaus war und am nächsten Tag zu seiner Verwunderung mit einem geschienten Bein aufwachte. Dann stellte sich heraus, daß es tatsächlich zu einem Unfall gekommen war, aber die Männer waren so besoffen gewesen, daß sie den falschen verarztet hatten. Dann berichtete Juliane, daß ihre Katze zu Hause sieben Junge geworfen hatte, und das siebente wäre schneeweiß. Woher sie wissen wolle, daß es die siebte ist, meinte Georg, es könnte ebenso die dritte sein. Juliane sah ihn an und sagte dann "Auch das noch, das arme Tier." Georg tröstete sie und meinte "So kann sie wenigstens nicht verwechselt werden."

Sie gelangten auf die kleine Anhöhe, von wo aus man durch die Bäume die Dächer von Goldbach sehen konnte, und an einer freien, sonnigen Stelle setzten sie sich ins Gras. Georg überlegte, ob er Juliane küssen sollte. Er streichelte ihre Schulter, sie zupfte einen langen Grashalm ab. Dann sagte er ihr erst einmal, daß er in wenigen Tagen nach Hamburg zur Ausbildung gehen werde. "Ich weiß", murmelte Juliane. "Du weißt das?" "Michel Hoffmann hat es mir gesagt." Sie schwiegen, dann lehnte sich Juliane zurück, ihre Haare hingen herab und berührten fast den Grasboden. "Wie lange wirst du weg bleiben?", fragte sie. "Ziemlich lange." Es war noch richtig schönes Wetter geworden, die Sonnenstrahlen und ein paar fette weiße Wolken teilten sich in den Himmel. Weiter unten auf der Wiese weidete eine Schafherde. Über den beiden kreiste in gemächlichen Runden ein Milan. Sie sagte "Wie wär's dann mit einem Abschiedskuss?"

Es war gut gewesen, daß Georgs Reisegepäck schon fast fertig bereitstand, als der Vater mit der Nachricht kam, die Kutsche, die Georg bis Göttingen bringen sollte, ginge bereits am übernächsten Tage ab. So wurde es vor der Abfahrt noch ein wenig hektisch, andererseits blieb nicht viel Zeit für bedrückende Abschiedsszenen. Als Georg sich wieder richtig besinnen konnte, ratterten sie schon über das offene Land und hatten die Kirchtürme von Mühlhausen im Rücken. In Heiligenstadt machten sie Rast, die Pferde wurden gewechselt, der Fuhrunternehmer wollte bis Paderborn und hatte sich bereit erklärt, den Umweg über das Harzstädtchen zu machen. Der Vater begleitete den Sohn bis Braunschweig, und hinter Northeim, als sie am Ufer der Leine entlang fuhren, überkam Georg die Müdigkeit. Um Seesen herum waren die Wege uneben und manchmal steil, und er wurde immer wieder wachgerüttelt, fiel aber in den Halbschlaf zurück, in dem die vergangenen Tage und Stunden noch einmal Revue passierten.

Großmutter hatte natürlich eine ganze Ladung Honigkuchen gebacken, mit dem Honig der Bienenstöcke, die in Großvaters Sundhäuser Garten standen. Großvater selbst hatte ihm eine Bibel mitgegeben, in der, wie Georg später feststellte, mancherlei Stellen mit Bleistift angestrichen waren. Die Geschwister hatten kleine Abschiedsgeschenke gebastelt. Am meisten schien jedoch die Mutter unter Georgs Weggang zu leiden. Sie unterdrückte nur mühsam die Tränen, und als Georg in die Kutsche einstieg, wollte sie seine Hand gar nicht mehr loslassen. Am Langensalzaer Tor tauchten dann sogar noch Georgs Freunde auf, der Fritz Langer, Heinzelmann, der Lohner Hannes und Michel Hoffmann, der Georg ausrichtete, daß ihm die Juliane eine gute Reise wünsche. "Sie denkt an dich", rief er hinterher, "komm bald wieder, altes Haus!" Die Jungs winkten noch eine Weile.

"Georg, wach' auf", sagte der Vater und fasste ihn an der Schulter. Er öffnete die Augen, aber es war dunkel. "Braunschweig", erklärte der Vater, "Es ist schon spät, wir müssen zusehen, daß wir unser Quartier finden." Sie fuhren durch die leeren, stockfinsteren Gassen und holperten über die Pflastersteine, nur hier und da fiel ein schwacher heller Schein aus einer Toreinfahrt. Ein feiner Nieselregen begann und Georg wurde es kühl. Manchmal huschte eine Katze vorbei und ihre Augen glänzten im Licht der Laterne, die vorn am Kutschbock baumelte. Georgs Augenlider zog es immer wieder herab, als würden Bleigewichte darauf liegen, und wenn er aufsah, meinte er, sie wären wieder an derselben Straßenecke wie vorhin.

Dann hielten sie vor einem Haus mit einem Gasthofschild. Georg wollte entziffern, was darauf stand, aber seine Sinne waren zu träge und er bewegte sich schläfrig aus dem Wagen. Der Vater gab ihm einige Gepäckstücke in die Hände und irgendwie torkelte er ins Innere. Ein alte Frau war behilflich, sie führte die beiden in das Zimmer, das im Hof über eine Außentreppe zu erreichen war. Das Zimmer war geräumig, aber außer zwei Betten, Tisch und Stühlen ohne Einrichtung. Georg entkleidete sich so schnell es ging, schlüpfte unter die Decke und spürte die Nachtkälte. Wäre es heller gewesen, hätte er gewiss seine Atemluft gesehen. Der Schlaf war stärker und ließ ihn einsinken wie ein Stein in frischen Schnee.

Im nächsten Moment weckte ihn der Vater wieder, jedenfalls kam es Georg so vor, doch es dämmerte schon der Morgen und es mussten ein paar Stunden vergangen sein. Wie anstrengend Reisen sein konnte. Nicht nur, daß er unausgeruht war, ihm taten auch sämtliche Knochen weh. Anstatt zuerst ein ordentliches Frühstück zu bestellen, trieb der Vater zur Eile an. Denn der neue Kutscher stand abfahrbereit vor der Tür und ließ sich nicht überreden, noch eine halbe Stunde länger zu verweilen.

So luden sie das Gepäck wieder auf, und Vater und Sohn nahmen voneinander Abschied. Georg war noch zu verschlafen, um sich von Gefühlen hinreißen zu lassen, und der Vater, der sich innerlich auf diesen Augenblick längst vorbereitet hatte, blieb in der klammen Morgenfrische ebenfalls von jeder sentimentalen Anwandlung verschont. "Schreibe sogleich, wenn du angekommen bist", sagte er zu Georg und fügte in beinahe schüchternem Ton hinzu "Eine kurze Nachricht genügt fürs erste." Georg versprach es, und dann hielten sie sich noch fest an den Händen, und während die Kutsche anfuhr, lief der Vater ein Stück mit, bis das Tempo zu schnell wurde, und Georg meinte für sich, er sei es gewesen, der sich schließlich dem Griff entzog.

Der Kutscher war ein Mann wie ein Holzfäller, mit einer schwarzen Strickmütze auf dem Kopf, an der eine Fasanenfeder steckte. Er kratzte sich unentwegt in den Haaren, und die Mütze verrutschte dabei und saß schief. Zeitweise verdeckte sie sogar sein linkes Auge, ohne daß ihn das sonderlich gestört hätte. Er blickte immer nur zwischen den beiden Pferden hindurch nach vorn auf den Weg und sagte dabei kein Wort.

Da das Frühstück ausgefallen war, hatte Georg noch reichlich Proviant und lud den Kutscher, der Moritz hieß, zu Brot, Thüringer Wurst und Käse sowie eingelegten sauren Gurken ein. Er ließ sich nicht lange bitten, und nachdem er die Pferde versorgt hatte, kam er herüber zu dem Platz am Wegesrand, wo Georg es sich auf dem Gras an einem Hagebuttenstrauch bequem gemacht hatte. Die Sonne schien, es war trocken, und die Vögel am nahegelegenen Wald schickten ein fröhliches Gezwitscher übers Feld.

Moritz war weiterhin für kein Gespräch zu gewinnen. Er murmelte bloß "Nun probiere ich dies noch ... nun probiere ich das noch" und nahm von der Wurst oder dem Käse oder den anderen Sachen, obwohl er von allem schon gekostet hatte. "Schmeckt es Ihnen?", wollte Georg wissen, aber Moritz entgegnete nichts, sondern sah ihn gemächlich kauend an wie einen fahrenden Ritter, den man am besten seiner Wege ziehen lässt. Er bedankte sich nicht mal.

Georg stand auf, reckte sich und betrachtete die Landschaft. Irgendwann hatte Moritz genug "probiert", und an einer nicht enden wollenden Folge von Schluckaufs und Rülpsern konnte man erkennen, daß er satt war. Eine Strecke des Weges saß Georg neben ihm auf dem Kutschbock, und Moritz redete tatsächlich ein bisschen, auch wenn er sich einzig und allein beklagte, daß er nur einen Fahrgast habe (Es klang so, als sei das nicht Georg selbst, sondern ein anderer, der hinten im Wagen sitzt). Es sei ein Verlustgeschäft, und nur die Aussicht auf eine einträgliche Rückfahrt mache ihm Hoffnung.

Als sie durch die flache, menschenleere Heidelandschaft hinter Westerbühren trotteten, stand auf einmal ein Junge in schäbiger Kleidung am Weg. Seine Schuhe waren staubig, Hose und Jacke vielmals ausgebessert und das rote Tuch um seinen Hals hatte weißrandige Flecken vom Schweiß. Einzig sein breitkrempiger Filzhut und der feste Beutel, den er quer über dem Rücken trug, waren noch gut in Schuss. Er hatte ein gebräuntes Gesicht und flinke, maushafte Augen, einen Mund mit vollen Lippen und einen weichen Bartflaum ums Kinn.

Er hob den Arm und rief "He Alter, kannst du mich ein Stück mitnehmen, bis Hamburg wenn's geht." Der Kutscher hielt an, und der Junge streichelte eins der Pferde am Kopf. "Nimm' die Pfoten weg", ranzte ihn Moritz an. "Verzeihung, ich liebe Pferde", sagte er lächelnd. "Da scheißen meine Pferde drauf." "Na na, warum so unfreundlich, Alter. Also was ist, kann ich mitfahren?" "Wenn du bezahlen kannst." "Wieviel?" "Sieben Mark." "Bis Hamburg?" "Meinetwegen kannst du auch vorher aussteigen." Georg wunderte sich, wie grob Moritz sein konnte. "Du bekommst das Geld, wenn wir in Hamburg sind, ich werde dort erwartet." "Nee nee, Freundchen, geh' aus dem Weg", sagte Moritz und gab den Pferden die Leine.

Georg hätte nichts gegen einen Passagier gehabt, mit dem man sich ein wenig unterhalten konnte, und der Junge schien trotz seines ärmlichen Aussehens kein gewöhnlicher Landstreicher zu sein. Er meinte zu Moritz "Ich lege das Fahrgeld für ihn aus." Der Junge beeilte sich zu sagen "Ich gebe es Ihnen sofort in Hamburg wieder." "Aber der kommt mir nicht auf die Sitze, Geld hin oder her." "Dann steig' ich hinten auf, eine Brise Fahrtwind tut gut." Moritz trieb die Pferde an, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, und der Junge hatte sich hinter das Verdeck gekauert.

Georg wandte sich zu ihm um, aber er konnte nur seinen Scheitel sehen. Erst nachdem sie eine Weile gefahren waren, kam er langsam zum Vorschein und schließlich ragte sein Kopf über dem Verdeck heraus. Georg fragte ihn "Woher kommst du?" "Woher kommst du?", stellte er die Gegenfrage. "Aus Gotha in Thüringen." "Kenn' ich", sagte er und schaute dabei nach der Seite, als hielte er nach etwas Ausschau. "Wirklich?" Georg sah zum Kutscher, als wollte er sagen 'Da hören Sie es Moritz, Gotha ist eine weithin berühmte Stadt'.

Doch er merkte bald, daß es der Junge mit seinen Worten nicht allzu genau nahm. Er behauptete sechsundzwanzig zu sein, das konnte aber unmöglich stimmen, Georg schätzte ihn höchstens auf zwanzig. Dann fragte er ihn nach seinem Namen. "Nenn' mich einfach den Stotterer", erwiderte er. "Der Stotterer? Du stotterst doch gar nicht?" Der Junge antwortete nicht gleich und schaute wieder in die Gegend, dann sagte er "Jetzt nicht mehr." "Ach so, den Namen hast du aus früheren Tagen behalten." "Sozusagen. Außerdem merkt man ihn sich besser." "Wieso?" "Wie viele Leute kennst du, die 'der Stotterer' heißen?" "Nur dich." "Na bitte. Und wenn dir später mal mein Name einfällt oder wenn er mal irgendwo erwähnt wird, dann denkst du 'Der Stotterer - das war derjenige, der so hieß, obwohl er gar nicht gestottert hat, verstehst du." "Liegt dir denn so viel daran, daß sich die Leute an dich erinnern?"

Der Junge sah Georg seltsam an. "Was'n das für eine Frage." Und als er sah, daß Georg immer noch mit einer Antwort rechnete, fügte er hinzu "Kommt drauf an, wer sich an dich erinnert und warum. Manchmal ist es auch besser, sie erinnern sich an dich, wissen aber gar nicht, wer du bist. Für solche Fälle ist es dann auch gut, wenn man den geeigneten Namen hat. Die Leute werden dich dumm angucken, wenn du erzählst: 'Das war so ein Junge, er hieß der Stotterer, hat aber gar nicht gestottert. Übrigens: wenn es nötig ist, dann kann ich wirklich stottern." Komischer Kerl, dachte Georg.

"Wollen wir mal die Plätze tauschen?", fragte der Junge. Etwas später hielt Moritz an, weil er mal pinkeln musste. Georg ließ den Jungen auf den Kutschbock und kletterte selbst hinten hoch. Der Weg war miserabel, er musste sich festhalten und bereute es sofort, den Jungen nach vorn gelassen zu haben. Da hörte er Moritz sagen "Glaubst du im Ernst, daß er dir das Geld gibt?" Der Junge zuckte mit den Schultern und erwiderte "Wenn nicht, ruf' ich die Polizei", und lachte dreckig.

Nach einer weiteren Rast wechselten sie wieder und fuhren fast eine Stunde lang, ohne daß jemand etwas sagte. Moritz glotzte nur geradeaus. Dann ging es eine Steigung hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab, und man konnte die Steigung des nächsten Hügels sehen, der niedriger war und über dessen Kammlinie mehrere Kirchtürme aufragten. "Bitte schön, meine Herrschaften", sagte Moritz auf einmal, als wäre er aufgewacht, "da liegt es, Hamburg wie es im Buche steht." Er streckte die Hand aus und ließ sie von links nach rechts wandern. "Michaeliskirche, Sankt Petri, Sankt Jakobi, das Millerntor, Sankt Katharinen, das Hiobs-Hospital." Georg war überwältigt von dem Anblick.

Er drehte sich zu dem Jungen um, aber der war verschwunden, er musste wohl unbemerkt abgesprungen sein. "He Moritz, wir haben ihn verloren." "Wen denn?" "Den Stotterer." "Wen? Ich habe niemand gehört, der gestottert hätte." "Den Jungen, den wir mitgenommen hatten." Moritz machte eine enttäuschte Miene. "Habe ich's nicht gesagt, von dem sehen Sie keinen müden Heller, verflucht noch mal." Er schien darüber wütend zu sein und ließ die Peitsche in der Luft knallen.

Als sie kurz vor dem Harburger Tor angelangt waren, machte Moritz den Vorschlag, man sollte den restlichen Proviant verzehren. Er nannte auch zwei Gründe. Erstens würden sie in Hamburg, wenn sie das Schultzesche Haus suchten, keine kostbare Zeit verlieren dürfen, bevor es dunkel wird. Und zum anderen wäre es doch schade, wenn die Zollbeamten irgendetwas beschlagnahmen, was nicht in die Stadt eingeführt werden dürfe, er habe es schon erlebt, daß sie eine besondere Sorte Wurst einbehalten haben, angeblich weil sie auf irgendeiner schwarzen Liste der Hamburger Fleischerzunft stünde. Da Georg nun froh war, die Reise so gut hinter sich gebracht zu haben, stimmte er Moritz zu, und sie suchten sich einen Platz schon in Sichtweite des Tores, wo sie die letzten Vorräte vertilgen konnten.

Georg entdeckte den Stotterer im Wagen, halb hingestreckt, er schlief und schnarchte. Georg überzeugte sich vorsichtshalber, ob mit seinem Gepäck alles in Ordnung war, holte die restliche Wegzehrung aus dem Beutel und setzte sich zu dem Kutscher.

Nach dieser letzten Stärkung war es also endlich soweit, daß Georg seinen neuen Lebenskreis betreten sollte. Moritz saß auf dem Kutschbock, die Leine in Händen, als Georg noch ein dringendes Bedürfnis verspürte und hinter den Büschen verschwand. Es dauerte einige Zeit, bis er fertig war, und mit Erleichterung trat er aus den Sträuchern wieder hervor und erblickte an der Stelle, wo die Kutsche gestanden hatte, eine Stelle ohne Kutsche, ohne Moritz, ohne alles.

Es bedurfte keiner großen Phantasie um zu begreifen, was geschehen war. Natürlich hatte der verfluchte Kerl Georgs Abwesenheit ausgenutzt und sich statt seiner auf den Kutschbock neben Moritz geschwungen, dem das wieder ganz gleichgültig war, wer grade neben ihm sitzt. Wahrscheinlich hatte er sich vorhin nur schlafend gestellt und jetzt auch noch Georgs Geld geraubt.

Georg zwang sich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Er würde zu Fuß bis zum Stadttor marschieren und dort den Wachtposten seine missliche Lage schildern müssen. Aber würden sie einem hergelaufenen Jungen ohne alle Legitimation glauben, der behauptete, von einem Burschen mit Namen der Stotterer bestohlen worden zu sein?

Er brauchte ungefähr eine Stunde bis zur Stadtgrenze, und er sah Moritz' Kutsche noch davor stehen! Er rannte und rief "Halt!" Der Stotterer sah ihn kommen, sprang ab und lief ihm entgegen. Er hatte Georgs leichten Mantel übergezogen, um seine schäbige Kleidung zu bedecken. Georg ballte die Fäuste, aber der Stotterer hob die Hände und sagte "Warte mein Guter, bevor du was Falsches tust, mache ich dir ein Angebot."

"Schieb' dir dein Angebot sonstwohin!", rief Georg und holte schon aus, aber der andere packte ihn mit einer Hand blitzschnell am Kragen und zog ihn dicht an sich heran, und Georg spürte, wie eine Messerklinge flach gegen seinen Bauch drückte. "Dann eben anders", zischte er Georg an, "noch einen Mucks und mein Gesicht war das letzte, das du gesehen hast, verstanden." Georg bekam kaum Luft. "Was willst du?", presste er hervor. "Na also, geht doch. Pass auf, der Kutscher und ich fahren in die Stadt hinein. In einer Stunde kommt er zurück und holt dich. Inzwischen wird, wenn ich nicht irre, Wachwechsel gewesen sein, und es wird niemandem auffallen." Er ließ ihn los, Georg rieb sich die Kehle.

"Was hast du Moritz dafür gegeben?", fragte er verächtlich. "Ich gar nichts. Er bekommt das Fahrgeld für zwei Personen, du hast es selber so mit ihm abgemacht. Und die Kosten für die Extratour wirst du wohl verschmerzen können." Georg musste vor Zorn lachen. "Du bist ein mieses Schwein." "Ho ho, immer langsam! Wenn ich das wäre, hätte ich dich längst kaltgemacht, du wärst nicht der erste. Aber du hast mir geholfen, und dafür werde ich mich erkenntlich zeigen." "Und welche Garantie habe ich, daß Moritz wiederkommt?" "Ich gebe dir mein Wort, das sollte genügen. Dein Gepäck kannst du in der Schenke hinter dem Stadttor abholen. Und viel Glück im guten alten Hamburg."

Georg blieb nichts weiter übrig, als sich zähneknirschend zu fügen. Er würdigte den Stotterer keines Blickes mehr und wollte auch nicht mitansehen, wie die Kutsche stadteinwärts verschwand. Entgegen allen Befürchtungen erschien nach einer Stunde Moritz wieder vor dem Tor. Er gab Georg seine Papiere und meinte "Ist mir schleierhaft, was für seltsame Abmachungen ihr beiden da auskungelt, aber es geht mich nichts an, solange ich mein Geld kriege."

Bei der Schenke nahm Georg sein Gepäck wieder auf, es schien auf den ersten Blick nichts zu fehlen, sein Mantel war obendrauf gestopft, selbst von dem Geld hatte der Stotterer nichts weiter genommen. Und so beruhigte sich Georg rasch bei dem Gedanken, daß alles glimpflich abgelaufen war.

Es war später Nachmittag geworden, als sie durch die Straßen von Hamburg fuhren, und es war noch hell genug, damit die Stadt in ihrer ganzen Pracht vor Georgs Augen stand. Alles war hoch und lang und breit, unüberschaubar und ohne Ende. Alles schien in ununterbrochener, pulsierender Bewegung zu sein. Er wusste nicht, wohin er zuerst den Kopf wenden sollte, und alle paar Meter wurde er von irgendetwas abgelenkt, das er noch nie zuvor geschaut oder gehört hatte. Auf einem kurzen Stück des Weges glaubte er so viele Menschen gesehen zu haben wie bei sich zu Hause in einem halben Jahr.

Und je weiter sie in die Stadt hinein fuhren, immer tiefer in die Häuserschluchten gerieten, als wäre jeder Rückweg abgeschnitten, desto mulmiger wurde es Georg, und er spürte ein banges Gefühl, das sich vom Magen her ausbreitete. Er erinnerte sich für einen Moment daran, wie er mit dem Großvater im Obstgarten am Schuppen gesessen und Trillerpfeifen aus Holunderholz geschnitzt hatte, und er wusste, daß es niemals wieder so sein würde. "Ganz schön gewaltig das alles", sagte er schüchtern zu Moritz, aber der knurrte nur und bahnte sich angestrengt den Weg.

Sie suchten das Haus des Christoph Daniel Schultz, jenes Kaufmanns, der für die nächsten Jahre Georgs Lehrmeister sein sollte. Der Kutscher verirrte sich einige Male, fand aber schließlich zum Ziel am Wandsbeker Graben. Dort wurde Georgs Ankunft ohne jede Überraschung oder Aufregung wahrgenommen, genau gesagt war überhaupt nur der alte Folkerts da, der den Jungen zwar freundlich, aber nicht überschwänglich begrüßte und ihm sein Quartier anwies.

Es war ein Zimmer, das nur ein paar Häuser weiter im zweiten Stock lag und von wo aus Georg schon nach drei Tagen einen Schleichweg erkundet hatte, über den man auf der Hinterseite Schultzes Geschäftshaus durch den Hof und die Lagerräume erreichen konnte. Später im Sommer machte es ihm Vergnügen, nach Arbeitsende zwischen den Gärten und durch das brache Gelände zu seiner kleinen Wohnung zu gehen, und wenn die Abende lang waren, durchstreifte er in weitem Bogen die Wohnviertel in der Nachbarschaft. Das Zimmer war bescheiden eingerichtet, dafür sauber, trocken und im Winter warm. Es stand noch ein zweites Bett darin, und in der ganzen Zeit teilte er nur einmal für etliche Wochen die Unterkunft mit einem Jungen, der so unscheinbar und schweigsam war, daß sich Georg danach nicht einmal mehr an seinen Namen erinnerte.

Der Kaufmann Schultz hatte Georg am nächsten Tag für nachmittags um fünf Uhr zu sich bestellt, und dieser hatte sich gefragt, warum er ihn erst so spät empfangen wollte, obwohl Georg den ganzen Tag über zur Verfügung stand. 'Er hat einfach zu viel zu tun', sagte er sich und beschloss, unterdessen einen Brief nach Hause zu schreiben. Darin berichtete er den Eltern vom unbeschwerten Verlauf des zweiten Teils der Reise, wobei er sich auf eine Aufzählung der wichtigsten Stationen beschränkte und alle Zwischenfälle unerwähnt ließ. Er schilderte in groben Zügen die äußeren Bedingungen, unter denen er hier Aufnahme gefunden hatte, und versicherte der Mutter ausdrücklich, daß es ihm gut gehe und es vorläufig an nichts fehle.

Er beschrieb sogar den Kaufmann Schultz, obwohl er ihn noch gar nicht kennengelernt hatte, mit lobenden Worten und gab, nun an den Vater gerichtet, seiner Zuversicht Ausdruck, daß es gewiss eine kluge Entscheidung war, ihn nach Hamburg und gerade zu diesem ehrenwerten Manne zu schicken, von dem er die beste Ausbildung erwarte, die man sich wünschen könne.

Dann dachte Georg, daß er zu dick aufgetragen hatte, und weil man damit rechnen musste, daß der Vater hinter den Sätzen und zwischen den Zeilen verborgene Botschaften hineindeutete, ließ er es dabei bewenden und beklagte sich zum Schluss noch über das scheußliche Wetter. Weil gerade, als er das schrieb, ein Sonnenstrahl durchs Fenster fiel, beendete er schnell den Brief, verschloss und adressierte ihn und steckte ihn in die Jackentasche, von wo er dann erst fast eine Woche später mit einem Bündel von Schultzes Geschäftspost abging.

Auf die Minute pünktlich stellte sich Georg bei Christoph Daniel Schultz im Büro vor. Schultz war ein kleiner, fülliger Mann mit kurzen Beinen und Armen, doch dabei beweglich, oft hastig, von sonderbarer Unruhe erfasst, als befürchte er, ein anderer könnte ihm zuvorkommen. Sein Haar hatte sich schon gelichtet, und auf der glatten, hellen Stirn, die bis zum Scheitel hinaufreichte, standen, wenn er sich anstrengte, die Schweißperlen.

Er hatte keine besondere Ausstrahlung, aber man hatte das Gefühl, einem Mann gegenüber zu stehen, dem man vertrauen konnte solange er seinerseits sich insgeheim nicht belogen oder betrogen fühlte. Man konnte diesen Punkt, an dem seine Offenheit in Argwohn umschlug, ziemlich genau erkennen, wenn er nämlich urplötzlich schroff und unbeherrscht wurde und sein Gesicht sich dunkelrot verfärbte.

Er war auch keineswegs immer so emsig und agil wie in Zeiten, die er "eine Attacke führen" nannte, wenn das Geschäft keine ruhige Minute erlaubte, und das Wort Feierabend in den Mund zu nehmen eine Todsünde bedeutete. Später fand ihn Georg manchmal vor, wie er träge, fast lethargisch an seinem Schreibtisch saß und ins Leere oder auf einen imaginären Punkt im Raum starrte. Georg fragte sich, ob er etwa mit offenen Augen schlafen könne.

Jetzt empfing Schultz ihn in heiterer, ja gehobener Stimmung, als wäre dies der Augenblick, da Georg seine Ausbildung nicht erst beginnen, sondern vielmehr vollenden würde. Als wollte er ihm, dem fremden, neuen Lehrling einen Eindruck von der Bedeutung dieser Stunde vermitteln, so wie er sich das ausgedacht oder wie er es von irgendwem übernommen hatte. Denn er war ständig darum bemüht, sich alle möglichen Grund und Leitsätze für seine Vorgesetzten- und Führungsrolle, ja sogar sich die modernsten Erkenntnisse der Erforschung der menschlichen Wesenhaftigkeit anzueignen, bis hin zu Lavaters Physiognomie Studien.

Allerdings war sein Studium immer sehr oberflächlich und er verlor schnell die erforderliche Geduld. Und den Lavater schätzte er in Wahrheit nur deshalb, weil er sich an den komischen Fratzen belustigen konnte; Schultz war kein nachdenklicher Typ, sondern einer, der sich vor Lachen gern auf die Schenkel klopft.

Georg verharrte erwartungsvoll vor seinem großem, geschwungenen Schreibtisch, und Schultz sagte "So! Ja! Also! Dann wollen wir mal!" Er zog eines der Schubfächer auf, holte einen Bogen Papier hervor und ein Tintenfass, bei dem er sich zunächst vergewisserte, ob überhaupt noch Tinte drin ist. Dann kramte er eine Schreibfeder hervor und probierte, damit zu schreiben, aber sie war so stumpf und eingetrocknet, daß sie nur ein paar Kleckse auf dem Papier hinterließ.

Schultz sprang ziemlich heftig auf, ging zur Tür und rief "Beckmann!" Man konnte den anderen hören. "Bringen Sie mir mal eine Schreibfeder." Er setzte sich wieder, holte einen zweiten Bogen Papier heraus, und als ihm der Buchhalter die Feder brachte, tauchte er sie ins Tintenfass und legte sie ganz vorsichtig hin. Dann lehnte er sich zurück, faltete die Hände über seinem Bauch und drehte die Daumen. "Da wären wir also angelangt", sagte er, als läge eine abenteuerliche Fahrt hinter ihnen. Er sprang abermals auf, lief zur Tür und rief "Beckmann, die Sendung für den Haberkorn - nur gegen Barzahlung, verstanden!" Man hörte Beckmann antworten.

Schultz sagte "Nun steh' nicht so da wie ein Stockfisch, nimm' dir den Stuhl da!" Georg befolgte seine Anweisung. Kaum daß Schultz saß, war er schon wieder an der Tür. "Und Beckmann! Der Weidemeyer soll sein Zeug selber abholen, wir übernehmen keine Frachtkosten!" Beckmann bestätigte.

"Also! Wir müssen uns jetzt etwas Zeit nehmen, damit du dich erst einmal vorstellst und ich mir ein Bild von dir machen kann." "Ist denn mein Bewerbungsschreiben nicht bei Ihnen eingegangen?" "Was?" "Mein eigenhändiges Bewerbungsschreiben. Mein Vater sagte mir, damit würden Sie sich ein erstes Bild von mir machen können." Schultz rückte sich aufrecht. Dann zog er eine Schublade nach der andern auf und wühlte darin herum. Schließlich lehnte er sich wieder zurück und drehte Däumchen. "Kennst du die Fabel von der Grille und der Ameise?", fragte er Georg. "Ja." "Was kannst du mir darüber sagen?"

"Die Ameise ist den ganzen Sommer über fleißig und schafft Vorräte für den Winter heran, wenn die Natur keine Nahrung mehr bietet. Die Grille dagegen hat nichts besseres zu tun, als den ganzen Sommer über zu grillen ... also zu singen. Und als der Winter kommt, merkt sie, daß sie nichts zu essen hat. Vor Hunger krank geht sie zur Ameise und bittet um Nahrung. Aber die fleißige Ameise sagt "Hättest du im Sommer Vorrat geschaffen, anstatt nur Müßiggang zu treiben, so müsstest du jetzt nicht Not leiden!"

Schultz klatschte in die Hände. "Sehr gut! Sehr gut nacherzählt, eins plus. Weißt du auch, weshalb ich diese Geschichte meinen neuen Lehrlingen immer erzähle? Weil sie mit wenigen Worten den Nagel auf den Kopf trifft. Das ganze Kaufmanns Gewerbe ist im Grunde nichts anderes als die Fabel von der Ameise und der Grille. Kannst du dir denken, wieso?"

"Es ist immer gut, so fleißig wie eine Ameise zu sein." "Richtig. Was noch?" "Es ist nicht gut, den ganzen Tag nur rumzusingen, also mit Nichtstun zu verbringen, denn das wird sich bitter rächen." "Bitter rächen, genau." Georg sagte "Aber wenn es schon solche Grillen gibt, die über keine Vorräte verfügen, dann wäre es für die Ameise vorteilhafter, wenn sie die Grille nicht einfach belehrt und wieder fortschickt, sondern wenn sie ihr was von den eigenen Vorräten verkauft." "Ha!", machte Schultz, "Grillen sind auch Kunden! Das sage ich immer. Vorausgesetzt, sie haben Geld. Diese Grille scheint ja wirklich bettelarm zu sein." "Dann sollte sie wenigstens für Geld singen. Dann kann sie sich was kaufen." "Richtig, jeder Leierkastenmann weiß das besser."

Er lehnte sich wieder zurück und sagte "Sicher hast du dich gewundert, warum ich dich mit dieser Fabel überrascht habe. Aber es gehört zu meiner Ausbildungsmethode, welche zugegebenermaßen nicht immer gleich einleuchtet. Natürlich habe ich dein Bewerbungsschreiben gelesen. Aber was steht da drin? Doch nur das übliche Blabla, kann dies, kann jenes, hat dies gemacht, hat jenes gemacht. Im Grunde kann man ja schreiben, was man will. Aber so, mein lieber Georg Heinrich, mit dieser kleinen, aber tiefsinnigen Geschichte konnte ich dir viel direkter auf den Zahn fühlen, verstehst du?" "Jetzt ja." "Ich sag' ja, es ist nicht immer gleich einleuchtend, was ich mache, aber letzlich - um im Bild zu bleiben - brennt mein Licht länger als das von manchem meiner Konkurrenten, der sich einbildet, er wüsste alles besser. Ich denke, damit ist erst einmal das Eis gebrochen und wir können beginnen, uns dem ernsten Teil deiner Lehre zu widmen." "Ich bin bereit", sagte Georg. "Gut, dann werden wir gleich morgen einen detaillierten Ausbildungsplan erstellen."

Den übrigen Teil des Tages verbrachte Georg damit, mit einem scharfen Messer Schreibfedern wieder in Form zu bringen und Tintenfässer zu reinigen und aufzufüllen. Schultz sprach kein Wort mehr mit ihm, aber Georg beobachtete ihn gelegentlich und er dachte darüber nach, was es gewesen sei, das den Vater seinerzeit mit Schultz zusammengeführt hat; sie waren so sehr verschieden.

Am nächsten Morgen setzten sie sich ins Büro, und Schultz nahm einen großen Bogen Papier und teilte ihn mit Federstrichen in eine Art kalendarische Übersicht ein, mit zwölf Feldern für die Monate ab dem laufenden sowie mit separaten Abschnitten für die Wochen. "Wenn man das ganze nicht von Anfang an zielstrebig plant, dann weiß man am Ende, wenn das Jahr um ist, gar nicht, was man geschafft hat und wundert sich höchstens, daß die Zeit so schnell vergangen ist", sagte er erläuternd, und Georg machte sich schon auf das Schlimmste gefasst.

Es dauerte bis zur Frühstückspause, das Gerüst aus Linien und Kästchen ordnungsgemäß zu beschriften, wobei Schultz sehr konzentriert zu Werke ging, und Georg nichts dazu sagte, daß er "März" mit e und tz schrieb und im "September" das p und b vertauschte. "So! Nachher werden wir es mit Leben füllen." "Mit Arbeit", meinte Georg freudig. "Mit Leben und Arbeit. Genau." Damit gingen sie frühstücken.

Danach war Schultz wegen anderer Verpflichtungen unabkömmlich, und gegen Mittag, als Georg ihn wieder allein sah, sprach er ihn wegen des Plans an, den sie fortzuschreiben gedachten. Schultz schien einen Moment zu überlegen, was Georg meinte, dann rief er "Der Plan, natürlich, dein Ausbildungsplan, hast du ihn schon fertiggestellt, daß ich ihn prüfen kann?" Georg war ein wenig verwirrt und erwiderte "Ich habe mir die wichtigsten Inhalte zunächst im Kopf zurechtgelegt."

Schultz lächelte und tippte an Georgs Stirn. "Im Kopf also, na ja, aber wichtiger ist, daß sie auf dem Papier stehen. Das ist wie ein Vertrag, an den man gebunden ist, verstehst du. Jemand hat einmal gesagt: Was du bist, das bist du durch Verträge. Also lass uns sehen. Zuallererst musst du etwas über den Warenverkehr und die lückenlose Registrierung lernen." "Ich habe bei meinem Vater einigemal bei der Inventur geholfen." "Das ist großartig, da können wir uns auf das Wesentlichste beschränken, ja es genügt sogar nur eine Wiederholung. Ich werde mit Folkerts darüber sprechen, du musst ihm lediglich genau sagen, was du kannst und ihn fragen, wenn du was nicht weißt, er ist hier dein erster Ansprechpartner, nach mir natürlich."

Er überlegte und sie schauten beide auf das Blatt. "Hm", machte Schultz nachdenklich. "Es ist freilich schwierig, einen brauchbaren Plan zu formulieren, wenn ich nicht genau weiß, was du schon beherrscht und wo du noch Defizite hast. Jetzt schreibe ich hier was auf, und nachher ist das ganz unnötig, und anderes, wovon du noch nie was gehört hast, das vergessen wir womöglich." Er sah Georg unschlüssig an, und der sagte "Stimmt. Wir müssen erst einmal herausfinden, wie mein Kenntnisstand ist."

Schultz nickte mehrmals langsam, als müsste eine sehr grundsätzliche Entscheidung getroffen werden, für die aber nicht ausreichend Zeit bleibt. Dann sagte er sehr bestimmt "Wenn ich diesen Ausbildungsplan für dich mache, was unbedingt erforderlich ist, wie wir gesehen haben, tja, mein lieber Georg, dann kommen wir nicht umhin, dich zuerst einer Prüfung, schriftlich oder mündlich, zu unterziehen. Ich glaube, das sind wir der gemeinsamen Sache, unserer Verantwortung und auch deinem werten Herrn Vater gegenüber schuldig."

Georg kippte beinahe aus den Schuhen. Er musste sich erst wieder fassen, dann fragte er "Was ist, wenn ich diese Prüfung nicht bestehe?" Das schien für Schultz ein echtes Problem zu sein; er antwortete ausweichend. "Das wollen wir beide nicht hoffen, nein, das ist bestimmt ganz ausgeschlossen. Aber du musst verstehen, daß ich dir im Interesse deines Vaters nur dann etwas beibringen kann, wenn ich weiß, wie ich es richtig anstellen muss, und das hängt allein von dir ab." Georg hätte nie geglaubt, daß er so bald schon wieder an die Heimkehr denken würde.

Und dabei war er auch noch selbst daran schuld, warum hatte er so dummes Zeug über seine Kenntnisse und seine Vorbildung gefaselt. "Einmal dämlich angestellt reicht fürs ganze Leben", hatte Großvater immer gesagt. Hätte er das jetzt nur beherzigt, nun konnte er zusehen, wie er aus der Klemme heraus kommen sollte.

Schultz sagte "Wir verbleiben für heute folgendermaßen: bis zum Feierabend wirst du zu Folkerts abgestellt, und morgen früh leiten wir die Maßnahmen wegen einer Prüfung in die Wege." "Ist es nicht besser, wenn ich heute noch Zeit habe, mich darauf vorzubereiten?", fragte Georg kleinlaut. "Aber nicht doch, das würde die Tatsachen nur verfälschen. Außerdem solltest du dir eines merken: meine Entscheidungen sind immer unwiderruflich."

Georg verzichtete begreiflicherweise auf das Mittagessen, weil ihm die drohende Prüfung zu sehr auf den Magen geschlagen war. Am Nachmittag meldete er sich sehr förmlich bei Folkerts, der ihm entgegnete "Mensch Junge, du kennst deinen Platz, musst dich nicht an- und abmelden." "In Ordnung, Herr Folkerts, werde mir's merken."

Er gab sich ganz besondere Mühe bei der Arbeit. Er sollte Zinknägel abwiegen und in Tüten verpacken. Dann spitzte er Schaufelstiele zurecht, die zu dick waren und nicht in die Schäfte passten. Dazu ging er auf den Hof vor einen der Geräteschuppen, und es ging ihm alles so leicht von der Hand, daß er die schreckliche Prüfung darüber ganz vergaß.

Später fand er Folkerts, der sich am Kopf kratzte und über einem Problem grübelte. In einer seiner Listen waren kohlensaures Kalium und kohlensaures Natrium verzeichnet, womit Folkerts nichts anzufangen wusste. "Wer hat denn das geschickt?", fluchte er. "Kein Mensch versteht das. Sind wir hier eine Alchimistenwerkstatt oder eine Handelsfirma?" "Lassen Sie mal sehen", sagte Georg und schaute auf die Liste. "Also, kohlensaures Kalium ist Pottasche." "Pottasche, sage ich's doch, warum schreiben die nicht gleich Pottasche hin, soll man es erst übersetzen. Dann kann das andere nur ..." "Das ist Soda." "Soda, freilich, da weiß man, woran man ist. Danke dir mein Junge, scheinst Ahnung zu haben, so jemand können wir immer gebrauchen." Da dachte Georg, wenn solche Fragen geprüft würden, dann hätte er keine Schwierigkeiten, und er war guten Mutes.

Doch am Ende passierte ihm ein Missgeschick, das ihn um den Schlaf bringen sollte. Beim Abfüllen verwechselte er die Behälter mit dem Distelöl und dem Rizinus, und Folkerts bemerkte es erst, als die Flaschen schon fast alle in den Kisten verstaut waren. Dabei hätte Georg schwören können, daß er das Öl ohne weiteres am Geruch unterschieden hatte.

Sollte er Folkerts bitten, Schultz nichts davon zu sagen? Dann hätte er auch von der Prüfung erfahren, und wer weiß, was Folkerts, so angenehm mit ihm zu arbeiten war, sich dafür ausdenken würde. So gut wie der Tag begonnen hatte, so schlimm endete er. Georg wälzte sich im Bett hin und her und kam am nächsten Morgen ganz zerknautscht ins Geschäft.

Schultz hatte zu tun. Folkerts war muffelig wie jeden Morgen. Georg machte dort weiter, wo er gestern aufgehört hatte. Es wurde Mittag, Schultz hatte nichts von sich hören lassen. Schließlich kam er mit einem der anderen Arbeiter ins Warenlager, und die beiden besprachen etwas mit Folkerts. Dann suchten sie in einem Regal nach einem Erzeugnis. Im Hinausgehen kam Schultz bei Georg vorbei und sie grüßten sich. Aber da blieb Schultz stehen, als wollte er sich auf etwas besinnen, und Georg wusste selber nicht, wieso er sagte "Herr Schultz, wegen der Prüfung habe ich einen Vorschlag zu machen." "Richtig, die Prüfung. Folkerts, können Sie Georg für ein Weilchen entbehren?" "Schwerlich." "Es muss sein."

Er nahm ihn mit ins Büro, und noch ehe er redete, sagte Georg "Ich habe mir überlegt: um diese Prüfung effektiv zu gestalten, wäre es gut, wenn ich für Sie alles notiere, was ich weiß und was nicht, damit man daraufhin die Fragen optimal stellen kann." Schultz sah ihn an und schwieg, und Georg fügte hinzu "Dadurch wird Ihnen die Arbeit als Prüfer erleichtert."

Jemand klopfte flüchtig an die Bürotür und kam herein, Schultz sollte irgendwas unterschreiben, aber er fand einen Fehler in dem Dokument, und die beiden Männer debattierten darüber. Der andere ging wieder hinaus, aber Schultz war in Gedanken noch woanders, und als derselbe Mann gleich darauf wieder erschien, sagte Schultz kurzerhand "Georg, wir können das jetzt nicht klären, schreibe die Prüfungsfragen auf und lege sie mir morgen vor, verstanden." "Die Prüfungsfragen oder den kompletten Ausbildungsplan?" "Den Ausbildungsplan natürlich, aber bitte komplett."

Damit widmete er sich wieder den Schriftstücken, in denen der andere heftig herumsortierte. Georg verschwand aus dem Büro wie eine Katze. Vor Freude klopfte er Folkerts auf die Schulter. "Also Herr Folkerts, wo machen wir weiter?" "Herrgott, nun nicht so stürmisch. Übrigens war das gestern nicht deine Schuld, die Etiketten kleben an den falschen Ölbehältern."

In dem Schrank, in dem die Formulare und der ganze andere Papierkram lagen, fand Georg ein Heft, in dem auf wenigen Seiten in Stichworten etwas über die Ausbildung eines Kaufmannslehrlings in einem modernen Handelsunternehmen stand. Georg konnte es gar nicht fassen, daß ihm der Zufall gerade in diesem Moment die Übersicht in die Hände gab. Da stand etwas von Warenkunde und Buchführung, von Korrespondenz und kaufmännischem Rechnen, von Diskont und Bonifikation. Es gab Hinweise zum Geld und Kreditverkehr und zum System der Maße und Gewichte, darüberhinaus einen Abschnitt zum Wechselrecht, den Georg überhaupt nicht verstand.

Auf einem losen und offenbar abgerissenen Blatt war ein Rezept für ein Schlankheitsmittel notiert, das aus Extrakten von Aloe, Rhabarber, Wacholderöl und Blasentang bestand, hinter welch letzterer Zutat auch eine Bezugsquelle in Ostfriesland angegeben war. Alles in allem war es genau das, was Georg benötigte, um Schultz einen perfekten Plan zu übergeben.

Er fragte Folkerts, woher das Heft stammte und zu welchem Zweck es verwendet würde. Folkerts blätterte darin, als sehe er es zum ersten Mal und meinte dann "Das muss wohl von Overbeck sein, als der hier seine Lehre gemacht hat." "Wer ist das?" "Arnold Overbeck? Bist du ihm noch nicht übern Weg gelaufen, so ein Langer mit 'ner Bürstenfrisur. Er hat vor ein paar Jahren hier angefangen wie du. Dann ist er woanders hin gewechselt, weiß nicht genau wo. Seit einiger Zeit taucht er immer mal hier auf, arbeitet auf eigene Faust. Er kennt 'ne Menge Leute und hat auch irgendwie ein Gespür für Sachen, die sich lohnen; er und der Chef machen öfter was gemeinsam, aber er ist'n knallharter Bursche, nicht leicht, mit ihm umzugehen." Mit 'was gemeinsam machen' meinte Folkerts Geschäfte, bei denen für beide etwas heraussprang. Nach Folkerts Beschreibung glaubte Georg, diesen Overbeck schon bei Schultz im Büro gesehen zu haben.

"Braucht er denn das da?", fragte er Folkerts und deutete auf das Heft. "Ach woher, der weiß längst nicht mehr, daß das hier 'rumliegt." Er schaute noch mal hinein und fügte hinzu "Und so'n trockenes Zeug interessiert den schon gar nicht." "Mir würde es was nützen. Meinen Sie, ich kann es mal mitnehmen?" "Nur weg mit dem Kram, hier ist sowieso manches nur 'n Staubfänger." Das sagte Folkerts über ein Heft mit zehn Seiten, während er sich von dem sperrigsten Gerümpel nicht trennen konnte.

Bis spät in die Nacht saß Georg am Tisch in seiner Stube und schrieb den wahrscheinlich besten Ausbildungsplan, den Schultz je hatte. Er nahm darin die Dinge auf, die er ernsthaft sich anzueignen wünschte. Aber für die Ausarbeitung der Prüfungsfragen blieb ihm keine Zeit, und so wurde ihm bange bei dem Gedanken, daß er seinen hervorragenden Plan vergebens erstellt hätte, wenn er die Prüfung verhauen würde. Er müsste Zeit gewinnen, um auch die Fragen zu formulieren.

Als Georg bei Schultz im Büro anklopfte, saß der vor einer Partie Patience, die Karten wie eine Schlachtordnung vor sich liegend und angestrengt über die nächsten Schritte nachdenkend. Da dachte Georg, daß Schultz eine unbewusste Vorliebe für Pläne hat, die man auf dem Tisch ausbreiten konnte. "Komm nur herein", sagte er, "es ist schließlich Arbeitszeit, nicht wahr. Das ist der Vorteil, wenn man sein eigener Chef ist, da darf man auch mal zwischendurch Karten spielen. Ich hoffe, du machst das nicht etwa nach." "Ich kann leider nicht Patience legen, Herr Schultz." "Falsche Antwort. Darum ging es jetzt gar nicht." "Ich meine, selbst wenn ich es könnte, würde ich es niemals bei der Arbeit tun." "Schon besser. Für mich ist das nicht einfach ein Zeitvertreib, auch wenn es so aussieht. Es dient der Beruhigung, denn ich bin ein cholerischer Typ, manchmal sogar melancholerisch." "Das merkt man Ihnen nicht an." "Ja, solange ich die Karten habe. Möglicherweise bin ich sogar von ihnen abhängig, aber ich meine, es wäre ein vergleichsweise harmloses Laster, oder?" "Sicher." "Ich trinke nicht, oder nur wenig, ich rauche nicht und lebe auch sonst ... ach, wozu erzähle ich dir das alles. Erstens geht es dich nichts an, und zweitens langweilt es dich bloß." Georg nickte und schüttelte den Kopf fast in einem.

"Ich habe hier den Ausbildungsplan, den Sie angefordert haben." "Ach, hast du ihn endlich gefunden?", sagte Schultz, als wäre er schon lange fertig vorhanden gewesen. Georg sagte "Ja, mit Herrn Folkerts Hilfe." Schultz räumte die Karten beiseite, setzte die Brille auf und betrachtete die Tabelle auf dem Papierbogen. "Hm, genau, das ist er, danach können wir vorgehen, er hat sich bewährt." "Bei Herrn Overbeck", sagte Georg voreilig. Schultz sah ihn an und runzelte die Stirn. "Overbeck? Bei dem hat sich nur bewährt, daß man ihm genau auf die Finger schaut, nimm' dir den mal nicht zum Vorbild." "Jawohl."

Er beugte sich wieder über das Blatt und sagte "Schöne Schrift." "Ich habe alles neu geschrieben." "So? Wann?" "Gestern nacht." Schultz schaute ihn an, als hätte er einen guten Kunden beleidigt. "Bei allem Respekt vor deinem Eifer, Georg, aber bei uns wird tagsüber gearbeitet und nachts ausgeruht, verstanden?" "Ich wollte nur ..." "Ist mir egal, was du willst. In dieser Firma gibt es ein Regime und gewisse Prinzipien, an die sich jeder zu halten hat. Und eines davon lautet: keine Arbeit mit nach Hause nehmen." "Jawohl." "Das ist nicht etwa reine Menschenfreundlichkeit, eher im Gegenteil, ich behalte nämlich gern den Überblick und mag es nicht, wenn irgendwo da draußen Firmendokumente kursieren, die hierher gehören, und sei es auch nur ein Ausbildungsplan. Wenn ich möchte, daß du etwas zu Hause erledigst, dann sage ich es dir vorher." "Jawohl." "Ganze Nacht gekritzelt und jetzt bist du müde." "Überhaupt nicht." "Na, für heute kann ich dir auch nicht helfen, aber für die Zukunft weißt du Bescheid."

"Jawohl, Herr Schultz. Darf ich jetzt wieder nach hinten gehen?" "Was soll denn die Frage, als wäre ich der Gefängnisdirektor. Hier geht es nicht einfach mit 'stillgestanden', 'links um', 'rechts um', du hast eben nicht richtig zugehört. Hier ist Eigeninitiative gefragt." "Tut mir leid, das konnte ich nicht heraushören." "Ja, weil du den Umgangston, der hier herrscht, noch nicht verstehst und nicht weißt, wann was wie gemeint ist." "Tatsächlich, das fällt mir schwer." "Deshalb sage ich dir: ergreife die Eigeninitiative, gebrauche dein Köpfchen, dieser Rat ist mehr wert als alle Theorie. Wir leben in einer Zeit, wo wahrhaftig jeder seines Glückes eigener Schmied ist, und man kann es weit bringen, auch hier in dieser nicht eben gigantischen Firma. Das sage ich wiederum nicht aus Bescheidenheit, sondern aus kluger Selbstbeschränkung. Solange man nämlich noch nicht so stark und mächtig ist, daß man die anderen angreifen kann, solange muss man sich in Geduld üben und im Kleinen fischen - im Kleinen wie gesagt, nicht im Trüben." "Verstehe."

"Du verstehst gar nichts. Aber deswegen bist du ja hier. Um es zu lernen, meine ich." "Ich fange gleich damit an, also Eigeninitiative in Verbindung mit ... " "Na ja, mit was wohl?" "Mit?" "Mit Loyalität natürlich, das ist immer das wichtigste, wenn es jemanden gibt, der über einem steht, oder auf den man angewiesen ist." "Loyalität, aha. Wie erlangt man am besten Loyalität?" "Wie? Das ist schwer zu sagen, es gibt kein Rezept dafür. Am besten, man bringt sie mit, von sich aus, von selbst. Manche Menschen haben eine natürliche Veranlagung zu unbedingter Loyalität." "Oh, sogar zu unbedingter Loyalität, ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde." "Was?" "Eben diese unbedingte Loyalität." "Das sollst du auch gar nicht. Man soll nie einfach jemanden imitieren, selbst wenn man sich bemüht ihm nachzueifern. Bedenke, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, das heißt auch, das Glück des einen muss nicht zwangsläufig auch das des anderen sein, ja unter Umständen kann für jemanden Glück sogar das Gegenteil von Glück sein, so seltsam das klingt." "Es klingt überzeugend." "Findest du?" "Dazu fällt mir auch ein passendes Sprichwort ein: Was dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall." "Richtig, sehr gut, das gefällt mir. Obwohl ich sagen muss, daß mir eine Nachtigall allemal lieber ist als eine alte Eule", meinte Schultz und lachte herzlich.

Dann fügte er wieder ernst hinzu "Womit wir bei einer der Sachen wären, die in diesem Haus ganz und gar nichts zu suchen haben, das sind Weibergeschichten, haben wir uns da verstanden?" "Vollkommen, Herr Schultz", sagte Georg und setzte eine Miene auf, als wollte er sich dem Zölibat verschreiben. "Nun denn", meinte Schultz, "so widme dich jetzt wieder deiner Arbeit, bis zu unserer nächsten lehrreichen Unterhaltung. Denn wie steht es geschrieben: Mit einem klugen Menschen ist auch ein kurzes Gespräch von Nutzen." Georg wusste zwar nicht, wo das geschrieben steht, aber es gab dieser Unterredung eine versöhnliche Note.

So anstrengend Schultzes Ausführungen auch mitunter waren, und so sehr man dabei auf die eigenen Worte achtgeben musste, so wurde Georg dadurch doch geholfen, sich in das 'Regime', wie es Schultz genannt hatte, einzufügen. Er durfte nur nicht so vermessen sein zu glauben, Schultz und die Firma bereits zu kennen und was sich hier abspielte zu durchschauen. Er musste noch viel mehr darüber erfahren, und bei der Arbeit im Warenlager hielt er sich auch nicht zurück, Folkerts mit Fragen zu löchern. Allerdings war Folkerts keine besonders ergiebige Quelle, und einige Details aus Schultzes Leben blieben Georg verborgen, was ja auch recht so war, denn sie gingen ihn nichts an.

Schultzes Gemischt- und Eisenwarenhandlung gab es seit ungefähr fünfzehn Jahren. Schultz war als halbwüchsiger Knabe mit Vater und älterem Bruder aus dem Württembergischen nach Hamburg gekommen; der Vater war ein gelernter Seiler, hatte jedoch aus irgendwelchen zweifelhaften Gründen keinen Meisterabschluss oder dergleichen Zeugnis erlangt, mit dem er sich hätte selbständig machen können. So hoffte er in Hamburg, wo wegen des erblühenden Verkehrs und Handels zu Wasser sein Handwerk gefragt war, eine eigene Existenz aufbauen zu können.

Unglücklicherweise starb er schon im zweiten Jahr seines Aufenthalts, nachdem sich der andere Sohn auf einem Schiff nach den Nordamerikanischen Staaten heimlich davon gemacht hatte. Zumindest eines dieser tragischen Ereignisse, wahrscheinlich jedoch alle beide bereiteten dem jungen Schultz schweren Kummer. Er versicherte zwar in seinen Berichten stets, auch er sei von des Bruders Flucht überrascht worden. Jedoch, wenn eine Eigenschaft seinen kaufmännischen Künsten wenig dienlich war, so war es seine Unfähigkeit zu lügen oder eine Lüge wenigstens kaschieren zu können. Man sah es an seinem Gesichtsausdruck, wenn er die Wahrheit verschweigen wollte. Entweder hatten er und sein Bruder schon vor des Vaters Tod ganz eigene Pläne gehabt, die mit jenen des Vaters schlecht vereinbar waren. Oder, und dafür gab es unscheinbare Hinweise, sie hatten die Flucht gemeinsam vor, doch der Bruder hatte Christoph Daniel in letzter Minute sitzengelassen.

Wie auch immer, der junge Schultz stand plötzlich fast allein da in Hamburg. Nach Hause zu Mutter und Schwestern zurück wollte er nicht gehen. Es war noch der Geschäftspartner seines Vaters zugegen, oder der es hätte werden sollen, nämlich Poppe Folkerts. Und wenn sich auch bereits abgezeichnet hatte, daß Folkerts in mehrfacher Hinsicht nicht zum Geschäftsmann geschaffen war, so war er doch der verlässlichste Helfer bei allen Unternehmungen, und ein treuherziger obendrein.

Zuerst also kümmerte sich Folkerts um den Jungen, der sich mehr oder weniger notgedrungen mit allerhand Gelegenheitsarbeiten sein Brot verdiente, denn an ein eigenes Geschäft oder gar eine Firma war nicht zu denken. Vom Aalverkäufer auf dem Fischmarkt bis zum Wasserträger in Poppenbüttel hatte Schultz beinahe alles ausprobiert, und je nachdem, wer von beiden später davon erzählte, dichteten Schultz und Folkerts abwechselnd die haarsträubendsten Anekdoten in die vergangenen Zeiten hinein.

Den Schicksalsschlägen trotzte Schultz und war, nachdem er die größte existenzielle Not erst einmal überwunden hatte, immer noch voller Ideen und Tatendrang, wozu sich auch eine Handvoll Glück gesellte, das in einer prosperierenden Stadt wie Hamburg jedem aufstrebenden Menschen sehr förderlich sein konnte. "Fortes fortuna adiuvat" lautete denn auch der Wahlspruch auf dem Schild, das bis auf den heutigen Tag in seinem Büro an der Wand hing und das ihm ein vermögender Mann in Anerkennung seiner Dienste geschenkt hatte. Schultz übersetzte es mit: Dem Tüchtigen hilft das Glück.

Mehrmals ließ ihn der Zufall mit Personen zusammentreffen, die für sein Vorankommen wichtig waren. Als er einmal als Pferdeknecht auf der Marienthaler Rennbahn arbeitete, kam bei einer Veranstaltung der Vater einer Familie aus offensichtlich gutem Hause an den Rennstallbesitzer herangetreten und begehrte mit jener aristokratischen Mischung aus Großmut und Befehl, eines seiner Kinder auf dem Pferd des Favoriten sitzen zu lassen. Der Besitzer gestattete es, und Schultz ward damit beauftragt, den quirligen Knaben sicher auf dem edlen, doch ebenso eigensinnigen Ross zu halten und zu führen.

Er tat dies mit so viel natürlicher Hingabe, daß der kleine Junge nicht wusste, woran er mehr Spaß hatte, am Reiten oder an dem dicken Kerl, der so ulkige Faxen dabei machte. Der Vater des Kindes erkundigte sich daraufhin nach seinem Namen und bot ihm, wenn er sie denn einmal benötigte, seine Unterstützung an. Es war dies aber kein anderer als der große Reeder Reuß-Bieberstein, und schon einige Wochen später vermittelte er, oder genauer eines seiner Subunternehmen, Schultz einen Auftrag über Teile einer Schiffsausrüstung.

Die handwerklichen Fertigkeiten zum Seilerberuf hatte er beim Vater gelernt, hinzu kam ein angeborenes Verständnis für merkantile Vorgänge: das Kaufen, Verkaufen, Bilanzieren - kurzum, die Gabe, wirkliche Dinge, wie etwa abgezählte Waren in Kisten, auf dem Papier zu verwalten und ihren Weg durch die Welt im Voraus zu bestimmen. Er besaß aber auch jene gesunde Skepsis, ja man kann es Verachtung nennen, gegenüber jeder Aufschneiderei, der ein Mann leicht verfällt, wenn ihm der Erfolg zu Kopf steigt.

Er scheute sich natürlich auch nicht davor, selber mitanzupacken, wenn es nötig war, und sich dabei die Hände schmutzig zu machen, und wenn er darauf achtete, daß seine Hose unbeschadet blieb, so geschah das vor allem seiner werten Gemahlin zuliebe, die als Tochter eines Modenschneiders und Perückenmachers mit Argusaugen über die äußere Erscheinung ihres Mannes wachte.

Im Grunde war dieser ganze frisch emporgeschossene Großstadt-Dschungel für ihn ein verlagerter Platz für die Spiele und Streiche seiner Kinder und Jugendzeit, in deren Ausdrücke er immer dann verfiel, wenn er über irgendeinen Handelspartner oder Konkurrenten herzog, der ein "Vollarsch", "dummes Schwein" oder "miese Ratte" war, und den man mit "einer Ladung heißen Käse erschießen" sollte.

Poppe Folkerts, der einen heimlichen Groll gegen alle Fremden hegte, die es in Hamburg zu etwas gebracht hatten oder bringen wollten, machte bei Christoph Daniel Schultz eine rühmliche Ausnahme, nannte ihn "Einen von uns". Er betrachtete Schultz als seinen Brotherrn und wurde selbst so etwas wie der gute Geist der Firma, ohne ausdrücklich festgelegte Position, ohne verbindlichen Aufgabenbereich, ja ohne zugesicherten Lohn, und dennoch unter der bedingungslosen Protektion des Chefs. Sie waren gemeinsam durch dick und dünn gegangen und hatten, jeder auf seine Weise, dafür gesorgt, daß sich die Firma in der harten Konkurrenz der Hafenstadt behauptete.

Eines Tages, als Georg und der alte Folkerts im Vorratslager Lieferscheine ausfertigten, ging die Tür auf und es kam ein Junge herein, ein, zwei Jahre älter als Georg. Er war etwas größer, dafür aber viel dünner, fast sah er schlecht genährt aus. Er hatte schwarzes, lockiges oder vielmehr krauses Haar, das ihm über die Stirn bis dicht an die Augen hing, so daß er es öfter mit der Hand beiseite strich. Sein Gesicht hatte etwas Weiches, Mädchenhaftes, aber zahlreiche Pickel zwischen dem lichten Bart um den Mund, und in seinen Augen funkelte es abwechselnd mitleidig und zornig, mit welch letzterem Ausdruck er jetzt auch seine Rede begleitete.

Ohne auf irgendetwas zu achten, rief er "Du wirst es nicht glauben, Folkerts, was nun wieder passiert ist. Mama hat es mir gerade erzählt, sie ist selbst noch ganz außer sich. Stell' dir vor, man hat ihm das Schachspiel gestohlen, du weißt, das aus Elfenbein mit den silbernen und goldenen Köpfen." Mit 'ihm' war Schultz senior gemeint, und der die Neuigkeit verbreitete, war Maximilian, der Sohn. "Nein", sagte Folkerts fassungslos, "gestohlen, wie denn? Aus dem Haus? Ist etwa eingebrochen worden?"

Maximilian zog seine Jacke aus, hängte sie an eine Regalleiste und setzte sich auf eine Kiste, nachdem er eins von den leeren Formularen untergelegt hatte. "Gott sei Dank nicht. Mama hat es mir so geschildert: der Alte hängt sehr an dem Spiel, wie du weißt, es ist wohl irgendwoher aus Indien oder China, jedenfalls wollte er schon immer mal wissen, was es wert sei. Das hat er auch zu mir gesagt: 'Möchte wissen, was das Spiel wert ist'. Also ist er letzte Woche zu Mendelsohn an der Neuen Brücke gegangen ..." "Zum Pfandleiher?" "Ja. Und der Pfandleiher, also es war nicht Mendelsohn selbst, sondern irgendein Gehilfe, hat gesagt, so hat es Mama erzählt und der Alte hat es ihr so erzählt, der Gehilfe ist mit dem ganzen Spiel nach hinten gegangen, weil er dort angeblich irgendeinen Apparat, ein Vergrößerungsglas für Juweliere oder so was hatte, und dann ist er wieder damit vor gekommen und hat gesagt, es sei schätzungsweise zweihundert Gulden wert." "So viel?" "Papa hat den Kasten wieder mitgenommen, und wie er ihn zu Hause geöffnet hat, da lagen ganz andere Figuren drin, billige Holzfiguren, der Gauner hatte sie einfach ausgetauscht."

Folkerts musste sich auch setzen und das ganze bedenken. "Was kann man da tun?" "Gar nichts, man kann den Kerl nicht mal anzeigen, wie will man ihm etwas nachweisen." "Das schöne Spiel. Und Herr Schultz hing so sehr daran." "Ja, und dann das schöne Geld, alles futsch." Maximilian deutete auf Georg und fragte wie nebenbei "Wer ist das?" Folkerts war noch in Gedanken. "Hm? Das ist Herr Georg Kanoldt, unser neuer Handelslehrling." Georg wollte Maximilian die Hand reichen, doch der wehrte ab. "Lass mal' gut sein, wir kennen uns ja jetzt."

Folkerts meinte "Warum ist er denn damit zum Pfandleiher gegangen und nicht gleich zu einem richtigen Juwelier?" Maximilian überlegte und wusste offenbar auch keine Erklärung, dann sagte er "Er wird sich geschämt haben, du weißt wie er manchmal ist. Er meinte wohl, geh' ich zum Juwelier, denkt der gleich, ich müsste das wertvolle Ding verhökern." "Verhökern? Wie meinen Sie das?" Maximilian tat so, als wäre er selbst ein wenig verblüfft von dieser Vermutung, aber Georg schien es, ihm sei das nicht gerade eben erst eingefallen. Eine Weile schauten sie alle drei vor sich hin, und Folkerts schüttelte immerzu den Kopf. "Sachen gibt's. Jetzt gönnen einem die Leute nicht mal mehr ein Schachspiel."

"Was für Schuhe sind das?", fragte Maximilian unvermittelt und deutete auf Georgs Füße. "Bitte?" Georg hob einen davon an und drehte die Spitze in der Luft. "Ganz normale Lederschuhe." "Bei Bogenfeld gibt's welche, die genauso aussehen, aber sündhaft teuer." "Die hier sind von meinem Vater, aber er hat sie kaum getragen, die waren noch wie neu, na ja inzwischen ..." "Du ziehst die Schuhe von deinem Alten an?" Georg schaute ganz verwundert. "Warum nicht, wenn sie passen."

Maximilian sah Folkerts an und machte eine widerwillige Geste "Das müsste mir mal widerfahren, großer Gott, die Schuhe von Papa, wo noch sein Fußschweiß drin klebt, Uäh." Er schüttelte sich. Dann sagte er zu Folkerts "Meinst du, ob das stimmt?" "Daß es die Schuhe von seinem Vater sind?" "Unsinn, ich meine das mit dem Schachspiel." Folkerts verstand nicht recht. "Sie haben gerade erzählt, daß es weg ist, Maximilian." "Ist es ja auch."

Er machte eine kurze Pause. "Und wenn er sich's nun nur ausgedacht hat." "Sie meinen, es ist noch da?" "Oh Mann, Folkerts. Verstehst du mich auch so schlecht?", fragte er Georg. Der erwiderte "Ich weiß nicht, ich war nicht dabei, als Herr Schultz mit dem Spiel zum Pfandleiher ging." "Na ich auch nicht." Er klopfte mit der Hand auf dem Kistendeckel herum, als wollte er ihn fest drücken, dann sagte er "Überhaupt habe ich jetzt schon genug Zeit mit euch vertrödelt." "Ist das unsere Schuld?", sagte Folkerts, und Georg merkte, daß er es sich durchaus erlaubte, auch in diesem Ton mit Maximilian zu reden. "Ach, macht eure Arbeit, ich verlasse euch." Im Hinausgehen drehte er sich noch mal um und sagte zu Georg "Bis demnächst."

Zu der Zeit verkehrten die beiden Kinder der Familie Schultz dann und wann im Geschäft: der erwähnte Maximilian und die Schwester Barbara, um zwei Jahre älter und ungefähr doppelt so schwer. Was genau sie dort zu tun oder auch nur zu suchen hatten, war schwerlich zu erkennen, bei Barbara natürlich noch weniger als bei Maximilian, der immerhin seitens des Vaters in einigen beruflichen Belangen unterwiesen wurde. Anscheinend besuchte er eine Handelsschule in der Stadt, eine private Anstalt zur Ausbildung und Erziehung einer kaufmännischen Elite.

Daraufhin angesprochen erging sich Maximilian in ebenso weitschweifigen wie unklaren Auskünften. Angeblich erlernte er fünf Fremdsprachen gleichzeitig, konnte aber in keiner auch nur einen ganzen Satz sprechen. "Das kommt noch", sagte er, "vorerst wird nur gelesen." Es gefiel ihm dort und er hatte, was seine Tagesbeschäftigung anging, offenbar völlig freie Hand.

Ein andermal erzählte er Georg, mit dem er sich zunehmend gut verstand, von den Vorlesungen in Nationalökonomie, wo sie haufenweise dicke Bücher wälzen mussten, unter anderem den "Wohlstand der Nationen" von einem gewissen Engländer. Was für ein Werk das sei, wollte Georg wissen, und Maximilian sagte "Es ist so eine Art 'Gullivers Reisen', nur eben durch die Weltgeschichte. Man lernt alle möglichen Völkchen kennen und was sie sich einfallen lassen, um ihr tägliches Brot zu verdienen." "Und? Ist etwas Brauchbares dabei?" "Manches ist ganz amüsant, aber am Ende läuft es irgendwie immer auf einen Eroberungskrieg hinaus."

"Warum gehst du dann nicht gleich zum Militär?" "Ich? Als Offizier? Mit lauter Männern, und womöglich auch noch lauter nackte." Georg musste lachen. "Hast du damit Probleme?" "Überhaupt nicht, jedenfalls nicht, was du dir denkst." "Ich denke mir gar nichts." "Das ist auch besser so - für uns beide. Nein, ich fühle mich erniedrigt in einem Haufen gleichen Geschlechts. Wo sonst, wenn nicht beim Militär, geht die menschliche Würde vollständig verloren, wird zerstört und ausgemerzt?" "Ich weiß nicht, ich habe keine Erfahrung in der Hinsicht gemacht, aber viele Männer suchen ihr Heil gerade bei den Waffen, um ihre besten Eigenschaften unter Beweis zu stellen." "So, und welche wären das deiner Meinung nach?" "Mut, Tapferkeit, Organisationstalent." "Organisationstalent? Du meinst, wenn ich statt fünfhundert Soldaten nur dreihundertfünfzig auf dem Schlachtfeld in den Tod schicke, dann ist das meinem Organisationstalent zu verdanken."

"Du hast doch gelernt, daß alle menschliche Ökonomie zum Krieg führt, dann wäre es kein geringes Verdienst, die Verluste so klein wie möglich zu halten." "Was du mir einreden willst! Auch wenn ich weiß, wie die Geschichte abläuft, muss ich noch lange nicht dabei mitmachen." "Du würdest dich also vor jeder nationalen Verantwortung drücken", sagte Georg halb ironisch. Maximilian ging das auf die Nerven. "Du redest wie mein Vater, Verantwortung übernehmen, sich auf die festen Werte besinnen, das harte Leben bezwingen." "So habe ich ihn noch nie reden hören." "Ja, hier nicht und nicht dir gegenüber. Mir hat er manche Moralpredigt gehalten. Und der größte Witz daran ist, daß er immer sagt, ich solle es besser machen als er, nicht dieselben Fehler begehen und die falschen Wünsche hegen. Er glaubt, wenn er mir alles vorhält, was er falsch gemacht hat, und ich seine Ratschläge beherzige, würde ich mir eine Menge Ärger ersparen und keine wertvolle Lebenszeit vergeuden."

"Das ist gut gemeint." "Es ist eine verfluchte Heuchelei", rief Maximilian, "er will aus mir machen, was ihm bei sich selbst misslungen ist, bin ich sein blöder Golem oder was, den er kneten kann wie es ihm einfällt? Er ist ja nicht todsterbenskrank oder so alt, daß er schon längst in der Kiste liegen müsste, also, soll er bei sich selber anfangen mit den Konsequenzen aus seinen weisen Einsichten. Davon ist noch keiner zu Grunde gegangen, daß er sich besonnen und mal was anders gemacht hätte, als in der ganzen verlorenen und verschwendeten Zeit zuvor. Nein, ich will dir sagen, was er braucht, mein netter Vater, er braucht einen Sündenbock, jemanden, auf dem er die bitteren Wahrheiten seines eigenen verpfuschten Lebens abladen kann." "Beschuldigt er dich?" "Oh nein, er ist viel gerissener. Versteh' doch Georg, indem er will, daß ich mich von ihm unterscheide und anders werde als er, versucht er nur, sich an mir zu vergehen." "Er hat sich an dir vergangen?" "Nicht so. Menschlich, moralisch vergangen. Er operiert an meinem Wesen herum, damit es das bekommt, was er bei sich so schmerzlich vermisst. Ist das nicht furchtbar, wenn man so einen Vater hat."

Georg schwieg. Maximilian sagte oft Dinge über Schultz, die man bei diesem nie vermutet hätte, und Georg dachte manchmal, er tut dem Vater damit unrecht oder denkt sich diese Unterstellungen sogar aus. Nach einer Pause schien Maximilian etwas einzufallen, und er sagte, mit dem Finger auf Georg weisend, als hätte der ihn verraten "Genauso, genau wie du, fängt er auch immer mit dieser Militärscheiße an. Wie er es zutiefst bedauert, daß aus mir kein Offizier werden kann, weil ja nur Männer von Adel den Zutritt haben." "In Preußen ist das so." "Ach, anderswo auch. Verstehst du, er grämt sich, daß ich keine adlige Abstammung habe." "So was kann man sich kaufen." Maximilian lachte aus voller Brust. "Was für ein glänzende Idee! Vater, schenke mir zum Geburtstag einen Adelstitel, dann werde ich Obrist und ein bedeutender Feldherr, und du wirst endlich, endlich stolz auf mich sein."

Als Georg später über dieses Gespräch nachdachte, musste er selber schmunzeln bei der Vorstellung, daß der Kaufmann Schultz ein halbes Leben lang schuftet, damit er sich für seinen Sohn einen Adelstitel leisten kann. Er hätte schwören können, wenn er Schultz davon erzählte, würde der aus allen Wolken fallen. 'Was für einen Schwachsinn redet der Kerl da zusammen, ich und von Adel!', würde er schimpfen, und Maximilian würde wiederum dagegenhalten: 'So ist es, am Ende rührt er keinen Finger für mich, ich bin ihm im Grunde ganz egal.' Georg konnte ihm nicht recht glauben, und manchmal kam es ihm so vor, als wünschte er sich insgeheim das, was er dem Vater zum Vorwurf machte.

Seine Schwester Barbara war anders, schon rein äußerlich war sie ihm wenig ähnlich. Sie war nicht besonders groß, dabei aber ziemlich dick, und ihre Bewegungen waren manchmal fahrig und unbeherrscht. Mit ihrer hohen, fast piepsigen Stimme wirkte sie wie ein noch nicht flügge gewordenes Riesenvogeljunges, das alles Unbequeme aus dem Nest geworfen hat, die nervigen Geschwister hinterher. Maximilian hatte sie zwar ein paarmal erwähnt, aber Georg lernte sie zum ersten Mal Anfang des Winters kennen, als sie mit dem Bruder im Büro auftauchte.

Sie war in einen Mantel gehüllt, der sie noch dicker machte, und einen Pelzkragen hatte, der sich an ihre rosigen Wangen schmiegte. Auf dem Kopf trug sie eine ebensolche Mütze von Nerz oder Zobel, und Maximilian behauptete spöttisch, es sei das Fell der Nachbarskatze, die zuvor extra breit gewalzt wurde, damit es groß genug wäre. Georg verkniff sich selbstverständlich jedes Lachen über die boshaften Scherze in Barbaras Gegenwart. Und sie nahm es gelassen, oder genauer gesagt, überhaupt nicht zur Kenntnis.

Sie hätte ihn mit einem Schlag ihres fleischigen Unterarms in die nächste Ecke befördern können, aber das tat sie nicht, und Georg fragte sich manchmal, wie die beiden ungleichen Geschwister nebeneinander aufgewachsen sind, sie mit den ständigen verbalen Attacken des Bruders, er in der latenten Gefahr, von ihr verdroschen zu werden. Irgendwie hatten sie beide gelernt, sich zu vertragen und eine gewisse Schranke nicht zu durchbrechen.

Auf den ersten Blick war Barbara Schultz nicht gerade attraktiv. Georg musste bald feststellen, daß sie in ihrem Bedürfnis nach Mitteilung und nach Aufmerksamkeit richtig aufdringlich werden konnte. Aber merkwürdigerweise lag in dieser Direktheit und Ungeniertheit nichts Schamloses, ja es fiel einem schwer, ihrer oftmals unverfrorenen Art zu widerstehen.

Vielleicht lag es daran, daß sie außer ihrem fülligen Körperbau ein hübsches Gesicht mit einer frechen Nase, breiten Lippen, die immer geschminkt waren und sanften, dunklen Augen hatte, für die Georg den Ausdruck "Rehaugen" zutreffend fand. Oder aber, weil sie sich durch ihre herzhafte und dynamische Art irgendwie interessant machte, man vermutete dahinter immer etwas Eigenwilliges, das einen mitreißen könnte.

Jedenfalls litt Barbara nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein, und es wunderte Georg sehr, als er hörte, daß trotz etlicher und zunehmend verzweifelter Anläufe seitens der Eltern, sie einem auserwählten Mann an die Hand zu geben, jede Verbindung, sogar bis hin zum zweimaligen Verlöbnis, immer wieder gescheitert war, bevor der Pastor seinen Segen erteilen konnte. Und dabei hatten sich (wie Poppe Folkerts wusste) Schultzens wegen der Mitgift nicht knausrig gezeigt und auch sonst alles unternommen, um die Tochter begehrenswert erscheinen zu lassen, soweit man das von außen bewerkstelligen konnte.

Maximilian hatte freilich eine Erklärung für die fehlgeschlagenen Vermittlungsversuche parat: "Der Alte hat ihr immer nur die falschen Männer präsentiert, jämmerliche Gestalten, alt wie die Rügener Kreidefelsen oder so schwindsüchtig, daß man erwägen musste, die Hochzeit vorzuverlegen." "Hat es denn keine Bewerber gegeben, die von sich aus kamen?", fragte Georg. "Natürlich hat es die gegeben, aber er hat sie alle abgewiesen." "Und was hat Barbara dazu gesagt?" "Was soll sie sagen, würdest du sie besser kennen, dann würdest du sehen, daß unter ihrer rauhen Schale ein weicher Kern ist, viel zu weich, um sich durchzusetzen. Sie ist sehr schüchtern, um nicht zu sagen beschränkt, und auch wenn sie oberflächlich so entschlossen und draufgängerisch wirkt, schlägt es irgendwann ins Gegenteil um und sie gerät in Panik, befürchtet, sich auf etwas Ungewisses einzulassen, wo sie nie mehr herauskommt. Und was ist, wenn die Ehe zur Qual wird und das arme Geschöpf darin umkommt. Glaube nicht, nur weil sie so fett ist, kann sie alles ertragen, nein, wie ich es sage: harte, dicke Schale, zarter Kern."

Bei diesen Worten machte Maximilian eine Miene, als würde er über wirklich Bedauerliches sprechen, wie über eine langsam aussterbende Baumart. Und dennoch ertappte sich Georg dabei, wie er dachte, warum der Bruder ausgerechnet von Barbara in so warmherziger Weise sprach, wo er sonst an allen anderen kein gutes Haar ließ. Wurde er auch hier nur wieder vom Hass auf den Vater getrieben? Oder malte er ein Bild von der Schwester, das lediglich seiner Phantasie entsprang und nur sein Mitgefühl demonstrieren sollte?

Es war, ebenso wie bei jenen, die den alten Schultz betrafen, schwierig, Maximilians Behauptungen auf ihre Wahrheit hin zu prüfen. Georg hätte sich nie getraut, Barbara direkt nach diesen persönlichen Dingen zu fragen; ein Handelslehrling aus dem Thüringer Wald, ein dummer Köhlerjunge sozusagen, der sich in die Liebesangelegenheiten einer Hamburger Kaufmannstochter, und noch dazu die seines Chefs, einmischt, das wäre eine brenzlige Geschichte geworden.

Aber es war Barbara selbst, die die Unterhaltung mit Georg suchte, auf eine wie schon gesagt, gar nicht zurückhaltende Weise. Nun ja, wahrscheinlich hatte sie ihren scheuen Kern ihm gegenüber noch nicht entblößt. Sie kam beim Reden dicht an einen heran, als wollte sie ihren eigenen dicken Leib überwinden, und sie hatte diese schrille Vogelstimme, an die man sich erst gewöhnen musste, aber sie schaute einen dabei aus ihren Rehaugen an, und wenn sie sprach, bewegte sich mit ihren Lippen auch die Nasenspitze, als würde sie kleine, heimliche Zeichen geben, über deren Bedeutung man sich den Kopf zerbrechen sollte. Sie fragte Georg nach seiner Heimat, nach dem Gebirge, dem endlosen, dunklen Wald "Das stelle ich mir vor wie das Meer, nur mit lauter Bäumen". Sie fragte ihn nach seiner Familie, der Wohnung, ob er zu Hause ein eigenes Zimmer hatte, und wie seine Freundin heißt.

"Das geht dich gar nichts an", mischte sich Maximilian ein. "Und ob es mich was angeht", entgegnete sie barsch. "Hast du ihn danach gefragt? Einer muss es tun. Papa hat es auch nicht getan, oder? Hat Papa Sie nach Ihrer Freundin gefragt?" "Er hat gesagt, das Thema wäre im Büro tabu." "Siehst du, das gehört nicht hierher." "Wir sind hier nicht im Büro, sondern im Magazin, da gilt das nicht. Zudem sollte Papa Bescheid wissen über die Jungs, die er anlernt." "Ach, du tust ja gerade so, als läge dir das Geschäft am Herzen, aber du willst nur selber über diese Jungs Bescheid wissen." "Du lügst, du Kröte." "Und du machst dich schon wieder lächerlich, du Bremse." "Du machst dich lächerlich mit deiner eitlen Maniküre." Es war eine leidige Angewohnheit von ihm, unentwegt seine Fingernägel mit einem Streichholz oder ähnlichem zu säubern, aber er blieb gleichgültig. "Du verbringst damit Stunden in deinem Zimmer, und es nützt dir doch nichts."

Barbara ging auf das letzte nicht ein und sagte "Woher willst du denn wissen, was ich mache, du treibst dich ja nur in üblen Spelunken herum." Das ignorierte wiederum Maximilian und meinte höhnisch "Hat schließlich alle Welt sehen können, wie es war mit dir und Overbeck." 'Schon wieder dieser Overbeck', dachte Georg. "Jetzt fang' noch damit an, du Schleimscheißer, du warst es, der Arnold schmutzige Geschichten über mich erzählt hat, Geschichten, die erstunken und erlogen waren, in deinem schmutzigen Gehirn hast du sie ausgedacht und mir angehängt." "Wird schon was dran gewesen sein, jedenfalls hat Overbeck die Finger von dir gelassen, bevor er sie sich verbrannt hätte, haha." Er lachte schadenfroh.

Georg dachte, jedes andere Mädchen würde in Tränen ausbrechen, wenn man laut solche Dinge über sie verbreitete, aber Barbara blieb unerschütterlich. "Das wollen wir mal klarstellen: Ich wollte gar nichts von Arnold. Du Aas hast versucht, mich mit ihm zu verkuppeln, denkst du, ich hätte es nicht gemerkt. Und nicht nur das, er hat mir nämlich auch gesagt, wie es zwischen euch abgelaufen ist, soll ich es wiederholen? Soll ich sagen, wie du versucht hast, ihn und mich auszunutzen, und wofür?" Das schien Maximilian nun sehr unangenehm zu berühren, er schlug auf einmal einen ganz versöhnlichen Ton an. "Lass gut sein, Schwesterchen, das ist Schnee von gestern, wir sind völlig vom Thema abgekommen."

Barbara schwieg und kostete es einen Moment aus, wie er klein beigegeben hatte. Aus den Augenwinkeln schaute er argwöhnisch zu ihr hinüber, ob sie nicht etwa noch etwas folgen ließe, aber er hatte Glück, sie beruhigte sich scheinbar. Georg, der sich die ganze Zeit zurückgehalten hatte, versuchte zögernd, wieder anzuknüpfen. "Tja, also Sie fragten nach meinem Freundeskreis."

Aber Barbara stampfte mit dem Fuß auf, warf Maximilian einen bösen Blick zu und sagte "Du hast jetzt alles verdorben, ich halte es keine Minute länger in deiner Gegenwart aus, ich gehe. Auf Wiedersehen, Georg, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag." "Für Sie ebenfalls, Fräulein Schultz." Sie verschwand durch die Tür zum Büro, und Maximilian meinte "Ich sag's ja, sie bekommt plötzlich die Panik."

Maximilian hatte übrigens nachher durchblicken lassen, daß Barbara extra mitgekommen war, weil sie sich für Georg interessiere. "Warum sollte es so sein?", fragte ihn Georg, dem das ganze merkwürdige Verhalten der beiden zu denken gab. "Merkst du nicht, wie sie sich verändert hat, seitdem sie dich zum erstenmal sah?" Das konnte Georg bei aller angestrengten Betrachtung nicht erkennen. "Aber freilich, erinnere dich, wie wortkarg sie anfangs war. Und das passte auch schon nicht zu ihr. Es war ein Zeichen für ihre Verwirrung, für ihre Unsicherheit in deiner Gegenwart." "Ach hör' auf, worin war sie denn unsicher? Sie war sowenig unsicher wie ich." "Was für Komödianten ihr seid. Allerdings warst du auch unsicher." "Ich? Jetzt mach' mal einen Punkt." "Und als sie gefragt hat, wie das mit dem Geld wäre, das dein Vater an den Alten zahlt für deine Ausbildung? Ich habe genau gesehen, wie du darauf reagiert hast."

Da hatte Maximilian Recht. Georg hatte bis dahin nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, was Schultz vom Vater für die Lehrlingszeit verlangt und erhält, es war über seinen Kopf hinweg verhandelt worden. Und nun wollte er lieber nicht darüber reden, schon gar nicht mit Maximilian, deshalb lenkte er davon ab und ging auf das ein, was Maximilian eben angedeutet hatte. "Was sollte Barbara an mir finden?" "Wie kann ich das wissen." "Du kennst sie sonst immer so gut." "Niemand kennt sie wirklich, Barbara ist ein großes Rätsel." "Was hast du ihr über mich erzählt?" "Ich? Gar nichts. Höchstens, daß du schön schreiben kannst, so was gefällt ihr nämlich." "So, du sagst ihr Dinge von mir, von denen du glaubst, sie würden ihr gefallen, das finde ich unangebracht." "Hab' dich nicht so. Sollte ich dich schlechtmachen, wäre dir das lieber?" "Barbara kann ja wohl selbst sehen, ob sie an mir was findet, das ihr gefällt." Maximilian schüttelte verständnislos den Kopf. "Genau das hast du eben abgestritten: sie tut es die ganze Zeit, ohne daß du es merkst. Ich muss dich erst darauf stoßen."

Georg winkte ab. "Und woher weißt du überhaupt das mit meiner Handschrift?" "Das wissen alle hier, der Alte hat dich über den grünen Klee gelobt. Erst kürzlich hat er zum Beckmann, dem Buchhalter gesagt: 'Sehen Sie sich das mal an, das nenne ich eine saubere Korrespondenz Schrift, da sollten Sie sich eine Scheibe dran abschneiden', und dem Beckmann war das natürlich peinlich und ich habe ihn dann sogar sagen hören ..." "Ich will gar nicht wissen, was der Beckmann gesagt hat." "Ist ja gut. Ich sollte sagen, woher ich's weiß."

Georg bemerkte bald, daß man bei Maximilian unweigerlich in die Schlingen hineintappte, die er auslegte, und am Ende war man so schlau wie vorher, dafür hatte er aber etwas in der Hand, das er gegen einen gebrauchen konnte, und es schien, daß er ständig Intrigen im Kopfe ausheckte.

Georg war daher froh, daß Barbara, wenn sie schon aufkreuzen musste, allein kam, und Maximilian ihre noch so kurzen Unterhaltungen nicht mitanhörte. Außerdem waren sie unausstehlich, wenn sie sich gegenseitig beschimpften. Einmal sagte sie zu Georg "Es tut mir leid, daß mein Bruder und ich uns letztens vor Ihren Augen so gestritten haben, das muss Ihnen sehr unanständig vorgekommen sein." "Halb so schlimm", meinte Georg, "was ausgesprochen werden muss, soll nicht länger verschwiegen werden." "Sie sind da wohl einiges gewohnt?" "Wieso?", fragte Georg verblüfft. "Na, ich meine, von zu Hause." "Fräulein Schultz, wir wohnen zwar am großen Wald, aber wir gebrauchen keine Streitäxte mehr, wenn Sie das meinen." "Nein, nein. Aber Sie wirken immer so ruhig und ausgeglichen, wenn ich Sie sehe. Da denke ich manchmal: 'Er ist bestimmt froh, daß er hier bei uns ist, wo er es in seiner Kindheit so schwer hatte'."

Georg traute seinen Ohren kaum, aber dann verspürte er Lust, sie ein wenig zum Narren zu halten. Er sagte "Nun ja, es gab da das ein oder andere prägende Erlebnis." Er hielt ihr den Kopf hin. "Fühlen Sie mal hier, hinter dem Ohr, die Delle, fühlen Sie?" "Oh ja." Georg war für einen Moment erschrocken, wie sanft ihre Hand über sein Haar strich, das hatte er nicht erwartet. "Was ist da passiert?" "Es war mein Vater", sagte Georg und tat, als stockte ihm die Stimme. Barbara hielt sich die Hand vor den Mund. "Ach, er hat Sie gezüchtigt? Weswegen?" "Darüber will ich nicht sprechen." "Schade", meinte sie und hatte wohl eine noch schrecklichere Tat zu erfahren gehofft. Dann sagte sie "Und trotzdem gibt er so viel Geld für Sie aus." Georg nickte. "Aus Schuldgefühl." "Ich wünschte meinem Vater nur einen kleinen Teil davon", sagte sie und streichelte ihn noch mal, zog aber gleich ihre Hand zurück.

"Sie können angeblich so schön schreiben." "Es geht, man kann es lesen." "Ich würde Sie gern um einen Gefallen bitten." "Was denn?" "Das sage ich Ihnen übermorgen, Tschüs." "Auf Wiedersehen." 'Übermorgen', dachte Georg, 'es klingt, als würde sie alles genau in ihrem Kalender notieren'. Am nächsten Tag geschah folgendes. Als Georg nach Feierabend in seine Stube kam, stand mitten auf dem Tisch ein kleiner frisch gebackener Kuchen mit Kakao und einem weißen Zuckerguss, und er duftete nach Lebkuchengewürz.

Er war in einer runden Form gebacken und dann umgekehrt auf einen Teller gestellt worden und sah schön gleichmäßig und lecker aus. Georg erkundigte sich bei der Vermieterin, wer ihn gebracht habe, und sie erwiderte, daß das Fräulein Schultz ihn gegen Mittag für ihn abgegeben und ihn sogar auf ihren eigenen Wunsch hin selbst im Zimmer auf den Tisch gestellt habe. Die Vermieterin hatte gemeint, das Fräulein solle eine Nachricht dazu legen, worauf diese jedoch gesagt habe, das sei nicht nötig; und schließlich erfuhr Georg auch so, daß Barbara Schultz den Kuchen für ihn gebacken hatte.

Georg dachte 'Sie hat sich am Vormittag die Mühe gemacht, ihn zuzubereiten, und wer weiß, wie lange sie das schon vorhatte'. Er machte sich eine Tasse Kaffee und probierte von dem Gebäck, aber es schmeckte abscheulich, irgendwie nach Schmierseife, und er brachte kein ganzes Stück herunter, ja er musste den Bissen sogar wieder ausspucken und dann mit Kaffee nachspülen, damit er den Seifengeschmack wieder los wurde.

Wie konnte das geschehen sein? Hatte sie das Rezept falsch befolgt? Ist Barbara eine jämmerliche Köchin und versteht so wenig vom Backen, oder war es ihr erster, gutgemeinter Versuch? Oder sollte es ein Streich gewesen sein und der widerliche Seifengeschmack wäre absichtlich beigemengt worden? Aber warum sollte Barbara ihn auf so kindische Weise ärgern? Immerhin hätte sie selber davon probieren können, bevor sie ihn verschenkte. Er warf das ganze in den Abfall und beschloss, ihr den Teller später zurückzugeben, von dem anderen aber zu schweigen.

Als sie sich tags darauf sahen, bedankte sich Georg bei ihr, und Barbara sagte "Ach so, ja der Kuchen. Der war übrig geblieben von der ganzen Backerei für meinen Geburtstag." "Sie haben Geburtstag?" "Natürlich, jeder hat mal Geburtstag. Deshalb wollte ich Sie auch um etwas bitten." "Ich stehe sozusagen in Ihrer Schuld." "Ach nein, so soll es nicht sein. Es ist nur, weil Sie so gut schreiben können, möchte ich gern, daß Sie die Einladungskarten an meine Freunde für mich schreiben, wäre das zuviel verlangt?" "Das ist eine Kleinigkeit. Sagen Sie mir, was darauf stehen soll und geben mir die Liste mit den Namen und ich schreibe es heute abend ..." "Sie könnten es gleich jetzt erledigen."

Georg war darüber nicht erfreut, selbst wenn es sich um Barbara handelte, konnte er nicht einfach seine Arbeitszeit darauf verwenden. "Ich habe mit Folkerts gesprochen, er weiß Bescheid", zerstreute sie seine Bedenken. "Und Ihr Vater?" "Der auch." Das war gelogen, Georg merkte es. Aber Barbara redete auf ihn ein, und kam ihm dabei so nahe, daß ihr weicher, warmer Busen gegen seinen Arm drückte. "Bitte", hauchte sie zuletzt mit ihrem Vogelstimmchen, "ich werde es Ihnen ewig danken." "Also gut. Sagen Sie, was ich schreiben soll." Es war schneller fertig, als er gedacht hatte.

Warum waren eigentlich alle von Georgs Schreibfertigkeit so beeindruckt? Er dachte an die Zeit zurück, als er zu Hause damit anfing, seine Handschrift auszuformen. Er erfuhr auch, daß Schultz, nachdem ihm der Ausbildungsplan übergeben worden war, wieder das erste Anschreiben hervorgeholt hatte, das von Georgs Hand unter der Anleitung des Vaters geschrieben und dann Schultz zugeschickt worden war.

Es war eine Doppelseite feines Schlichtenmühlener Papier, worauf Georg eine Art Lebenslauf verfasst hatte, in dem er sich dem ihm unbekannten Kaufmann und zukünftigen Lehrherrn vorstellte. Der kurze Bericht enthielt neben den üblichen, sachlich und nüchtern gefassten Angaben zu seiner Person, einige Hinweise über seinen bisherigen Bildungsgang und die so erworbenen Voraussetzungen für eine tiefere und anspruchsvollere Unterweisung auf dem Gebiet der Handelslehre.

Der Vater hatte ihm gezeigt, wie man ein dürres Faktum in treffende Worte kleiden musste, damit es bedeutungsvoll klingt. So wurde auf diese Weise das erbärmliche Wiederkäuen von ein paar Brocken Historie oder Naturkunde, mit dem er geplagt worden war, zu einem einzigartigen Unterricht, dessen Inhalt umfassend, seine Methodik geradlinig, das Resultat hervorragend waren. Man hätte glauben können, daß die bruchstückhaften Lehrübungen, denen er sich wegen der Abneigung des Vaters gegen den offiziellen Schulbetrieb ersatzweise unterzog, für den Knaben das einzig zuverlässige Fundament für seine ganze berufliche Laufbahn gewesen seien.

Wenn das seine ehemaligen Lehrer, oder genauer jene Personen, die hier nachträglich dazu berufen worden waren, hätten lesen können, sie wären wohl in Verzückung geraten. Das Herunterleiern einiger Sinnsprüche a la "non scolae sed vitae" in Kohlmanns Lateinstunden wurde zur intensiven Lektüre des klassischen Altertums; die Beschriftung der Registerkarten von Ringelstedts Karteikasten mit den Buchstaben des Alphabets, wofür er ganze sechs Wochen Zeit hatte, verhalf ihm angeblich zur profunden Kenntnis wissenschaftlicher Nomenklatur, und die Polizeiberichte, die Georg beim Regimentsschreiber Hofer aus der Zeitung vorlas, vermittelten ihm Einsicht in einige prinzipielle Gesetzmäßigkeiten der politischen Zeitgeschichte. Georg konnte sich mit solcher Schönfärberei zwar nicht anfreunden, musste aber am Ende zugeben, daß es sogar auf ihn selbst Eindruck machte.

Der Doppelbogen, den Schultz in der Hand hielt, verriet nicht mehr, daß er die endgültige Fassung von zahlreichen Entwürfen auf billigem Makulaturpapier war, die am Ende alle im Ofen gelandet waren. Auf den ersten waren noch Linien im gleichen Abstand gezogen, und Georg übte sich zunächst darin, seine Zeilen in der waagerechten Balance zu halten. War ihm das gelungen, hieß es, die Silben und Wörter zum rechten Rand hin in gefälliger Breite fortschreiten zu lassen, übermäßige Zwischenräume zu vermeiden und ebenso Buchstaben, die sich am Ende aus Platzmangel zusammendrängten wie die sieben Schwaben, die ängstlich vor dem Hasen zurückweichen.

Eine Begabung zum Zeichnen war Georg eigen, und auch beim Schreiben fand er Gefallen daran, vor allem die Großbuchstaben mit allerlei Bögen und Schnörkeln zu verzieren, was ihm der Vater aber gleich untersagte, weil es nach seiner Meinung hier fehl am Platze sei und stattdessen das "Schriftbild" wie er es nannte, einen klaren, auf das Wesentliche beschränkten Ausdruck tragen müsse. Der Vater gönnte Georg an dieser Stelle eine Pause, in der er ihn in das Geheimnis einweihte, wie man aus der Handschrift eines Menschen auf dessen Charakter schließen kann.

Also war nicht nur Schreiben eine Kunst, sondern auch das Lesen. Gute ebenso wie schlechte Eigenschaften, sagte der Vater, würden sich im Geschriebenen widerspiegeln und für denjenigen erkennbar sein, der durch die Wörter hindurch sozusagen in die Seele des Schreibers zu blicken vermochte.

Wie er das so sagte, im Brustton der Überzeugung, kam Georg auf die Idee, den Vater auf die Probe zu stellen, indem er ein beliebiges Wort hinschrieb, den einen oder anderen Buchstaben seltsam verformte, die Ober- und Unterlängen drastisch variierte und ihn fragte "Wenn es zum Beispiel so aussieht, was könntest du dann über den herausfinden, der es geschrieben hat?" Der Vater rückte seine Brille zurecht und betrachtete das Wort sehr genau.

Nun hatte Georg aber ausgerechnet das Wort "Taschendieb" gewählt, weil ihm so schnell kein anderes eingefallen war. "Hm", meinte der Vater nach langer Überlegung, "in diesem Fall handelt es sich wohl um jemanden, der sein verbrecherisches Tun verbergen möchte unter dem Anschein der Ahnungslosigkeit." "Du meinst, du würdest ihn damit überführen können?" "Das kommt darauf an." "Worauf?" "Darauf, ob er tatsächlich ein Taschendieb ist oder sich bloß als einer ausgibt. Er hat 'Taschendeib' geschrieben, sollte das wirklich Unvermögen sein oder ist es nur eine falsche Spur?"

Tatsächlich bemerkte Georg erst jetzt den Fehler. Der Vater sagte "Taschendiebe sind gemeinhin schlau, manche sind sogar gebildet. Ich würde mich nicht täuschen lassen und ihn für einen halten." Georg beeindruckte des Vaters Deutung, und von seinen Gedankengängen angeregt, fügte er hinzu "Warum sollte sich auch jemand als Taschendieb ausgeben, der keiner ist." "Das kommt als Motiv noch hinzu", sagte der Vater.

Wenn es mitunter anstrengend und ermüdend war, trockenes und belangloses Zeug auf und abzuschreiben, so erholte sich Georg danach bei seinen Schreibspielen, wo er seinen Gedanken und der Feder freien Lauf ließ und manchmal überrascht war, was zum Schluss auf dem Papier stand. Es weckte in ihm die Freude am Schreiben, die er seitdem nicht mehr verlor. Und konnte er mit seinem Talent, wie jetzt mit Barbaras Einladungskarten, andern einen Gefallen tun, und dafür auch noch geschätzt werden, so war die frühere Beschäftigung jedenfalls nicht umsonst gewesen.

Um wieviel glücklicher, dachte er manchmal, müssen demnach Musiker sein, Virtuosen auf ihrem Instrument, die durch unermüdliche Übung, durch Konzentration auf eine Sache und eiserne Willenskraft soviel unvergleichliche Kunst hervorbringen und zugleich Bewunderung und Dankbarkeit der andern Menschen ernten dürfen.

Barbaras Geburtstag lag Ende November. In diesem Jahr war der Winter früh gekommen und hatte die Hamburger mit einer Heftigkeit überrascht, daß selbst die älteren unter ihnen tief in ihrem Gedächtnis kramen mussten, um sich an solche Eiseskälte zu erinnern. Die Elbe war dick zugefroren. Da der Kaufmann Schultz jedes Jahr um diese Zeit für seine Bekannten und Geschäftsfreunde quasi zum Jahresausklang eine Schlittenfahrt organisierte, hatte diesmal Barbara die Idee gehabt, das Vergnügen mit ihrer Geburtstagsfeier zu verbinden.

Sie ordnete die Einladungskarten alphabetisch nach den Namen der Adressaten. "Das haben Sie sehr schön hingekriegt, vielen Dank." "Keine Ursache." "Jetzt muss ich sie aber schleunigst zur Post schaffen. Ach so, das hätte ich fast vergessen: Sie sind natürlich auch eingeladen, Georg." "Wirklich?" "Halten Sie sich an Max, er wird Ihnen alles weitere mitteilen."

Sie hatte ihren Bruder beauftragt, sich Georgs anzunehmen und mit ihm gemeinsam zum Treffpunkt an der Elbe zu kommen. Maximilian hatte sich geweigert, dann aber anscheinend eingesehen, daß er ihr zum Geburtstag gehorchen müsse, und so hatte er versprochen, alles zu tun wie sie verlangte. Insgeheim jedoch plante er, unter irgendeinem Vorwand, dem in seinen Augen dämlichen und langweiligen Vergnügen fernzubleiben, was ihm jedoch nicht gelang. Auf der Fahrt zum Liekenkroog ließ Maximilian die Eltern an die hundert Mal ins Verderben stürzen. Vor allem dem Vater wünschte er alsbald die Pest und andere todbringende Krankheiten an den Hals.

Die beiden Jungen saßen nebeneinander und hatten die Wolldecke bis ans Kinn hochgezogen; am Ortsausgang von Bremsbüttel jagte eine einzelne heftige Schneeböe über den Weg, die wer weiß woher gekommen war und wie mit Peitschenhieben ins Gesicht traf. Ansonsten war strahlend blauer Himmel, und der Schnee glitzerte in der Sonne. Georg hatte nur den leichten Winteranzug an, der ihm für dieses Wetter ausreichend schien. Da er zuvor noch keine Ausflüge gemacht hatte und mit den hiesigen Witterungsverhältnissen nicht vertraut war, hatte er sich mit der Garderobe für diesen Tag gehörig geirrt, was ihn teuer zu stehen kommen sollte.

Maximilian, mager wie er war, sehr empfindlich gegen Kälte, hatte in der ersten halben Stunde fürchterlich geschlottert, daß seine Zähne gegeneinander klapperten wie die Würfel im Becher. Georg musste darüber lachen, womit er sich bitterböse Blicke einhandelte, doch er konnte sich nicht beruhigen, wenngleich er Maximilian sogar ein bisschen bedauerte.

Zu aller Unbill fegte die Windböe auch noch seine Pelzmütze vom Kopf. Sie landete weich im Schnee, der Kutscher, vom Geschrei alarmiert, hielt an, und da die jungen Fahrgäste nicht dergleichen taten und sich nur noch tiefer in die Decke vergruben, kletterte er vom Schlitten und hob sie auf.

Georg machte die Partie Spaß. Maximilian fand an nichts Gefallen und schließlich begann er, auf die Eltern zu schimpfen; auf den Vater, der ihm angeblich nicht erlaubt habe, seine Freunde zum Schlittschuhlaufen zu begleiten, und auf die Mutter, die dem Vater völlig zugestimmt und dem Sohn, der verdammt noch mal allein über sich entscheiden konnte, die Schlittenfahrt auf der zugefrorenen Elbe aufgezwungen habe.

Dabei konnte Maximilian gar nicht Schlittschuh laufen, und Georg dachte, es ginge ihm nur darum, in Gesellschaft seiner neuen Freundin zu sein, einem zierlichen brünetten Mädchen mit einem französischen Vornamen, von der er Georg dauernd etwas vorschwärmte. Das war nun auch der Grund dafür, daß die beiden Jungen in diesem Schlitten den anderen hinterher fuhren, denn Maximilian hatte sich nicht losreißen können, und Christoph Daniel Schultz war nicht gewillt gewesen, auf den Flegel zu warten, hatte ihn aber unter Androhung einer Strafe zum Mitkommen verdonnert.

Und natürlich war es Georgs Aufgabe gewesen, den Sohn ausfindig zu machen und in den Schlitten zu bugsieren, den der Vater auf die Schnelle bei einem Nachbarn ausgeliehen hatte. Welche Strafe das sein sollte, wollte Maximilian wissen, aber darüber hatte sich der Herr Papa nicht geäußert, und Georg, der mit seinem Auftrag zu scheitern befürchtete, dachte sich kurzerhand aus: der alte Schultz wollte, wenn Maximilian nicht folgte, die Eltern seiner Freundin von ihrer beiden Beziehung unterrichten, was tatsächlich unangenehm gewesen wäre, weil das Fräulein bereits verlobt war, und zwar mit keinem Geringeren als dem Leutnant Wohlzogen, der im vergangenen Sommer Sieger im Ringkampf um den Alsterpokal geworden war.

Bei diesem Thema hielt Maximilian vollmundig dagegen. "Von mir aus kann er Erster Gladiator bei den germanischen Meisterschaften um das goldene Trinkhorn sein, für mich ist er ein eingebildeter Frosch." Natürlich wagte er solche Sprüche nicht in dessen Gegenwart, und in Wahrheit fürchtete er jede Auseinandersetzung mit ihr oder ihrem Verlobten. Maximilian war ein Streithammel, der unaufhörlich andere provozieren konnte. Aber er nahm sich in acht bei denen, von denen er glaubte, sie könnten ihn einfach ignorierten, wenn er ihnen dumm kam. Denn er war stur, und seine Sturheit verschaffte ihm den Vorteil, den er mit irgendeiner bewundernswürdigen oder beneidenswerten Eigenschaft kaum erlangt hätte. Es war diese Fähigkeit, zu gewinnen ohne zu kämpfen, die ihm in den schönen Augen seiner kleinen Freundin den Vorzug gab gegenüber ihrem Offizier, von Zeit zu Zeit jedenfalls.

Für dieses Mal hatte sich Maximilian der Weisung des Vaters gefügt. Sie brachten Maximilians Schwarm im Schlitten ein Stück bis in die Nähe ihrer Wohnung, wodurch sie noch mehr Zeit verloren und erst am Liekenkroog eintrafen, als die Ausflügler dort im Begriff waren, sich aufs Eis zu begeben. Barbaras Geburtstagsgäste, alle etwa in ihrem Alter, und Schultzes Bekannte hatten sich bunt gemischt.

Ein Samowar wurde angeheizt und Tee mit Zitrone serviert, der die durchgefrorenen Glieder wieder aufwärmen sollte. Für die Männer gab es Grog von echtem Crimson Jamaika Rum, von dem Schultz eine Literflasche spendiert hatte. Jemand hatte Gebäck mit Marmeladenfüllung mitgebracht, das jedoch bei dieser Temperatur seinen Geschmack verloren hatte. Dagegen erfreuten sich die Kinder an der Schokolade, die steinhart war und die sie mit den gesunden Zähnen zerbrachen, um sie dann langsam und lange auf der Zunge schmelzen zu lassen.

Es hatten sich sogar noch einige Offiziere, die von einer Feier kamen, zu der munteren Truppe gesellt, die jetzt, als die Spätankömmlinge auftauchten, unter Gelächter und Gejohle die Schlitten bestieg, um dann über die Schräge vorsichtig auf den zugefrorenen Fluss zu gelangen und sich dort zu verteilen. Die Sonne ließ ein paar goldene Strahlen auf die Fläche fallen, die übrigens keineswegs so glatt war, wie Georg sich das vorgestellt hatte, vielmehr, vor allem zum Ufer hin, uneben und zerfurcht, als habe ein heftiger Wind die Wellen gefrieren lassen.

Man fuhr stromabwärts in Richtung Moorfleet. Beim Anblick der Pferdeschlitten erfasste Georg eine ihm ganz unbekannte kühne Lust, sich in Gefahr zu begeben, und das Eis in seiner trügerischen Beschaffenheit schien ihn dazu herauszufordern. Maximilian fand wieder etwas, worüber er schimpfen konnte, als er die erkaltete Neige aus dem Samowar kippte. Er genehmigte sich einen kräftigen Schluck aus der Rumflasche und reichte sie Georg, der das gleiche tat und sich wie ein echter Seebär schüttelte. Der Schnaps schoss ihm augenblicklich durch die Adern und in den Kopf und gab ihm ein wohliges Gefühl, so daß er der Kälte nicht mehr gewahr wurde und leichtsinnigerweise auf die Wolldecke verzichtete.

Barbara Schultz, die mit den Eltern im großen Familienschlitten gekommen war, hatte sich da offenbar tödlich gelangweilt und war froh, daß der Bruder und Georg, der kaum noch zu bremsen war, erschienen und sie in ihre Mitte nahmen, um den Freunden zu folgen. Statt ihrer war der lange Herbert zu Schultzens in den Schlitten gesprungen, Gerichtsassessor und ein Charmeur, der sofort die Leine übernahm und der Frau Schultz die unmöglichsten Komplimente machte, während sich Christoph Daniel, der ebenfalls seinem Crimson Jamaika Rum ordentlich zugesprochen hatte, vor Lachen festhalten musste.

Die Schlitten sausten dahin, die Kufen krachten, Eisbrocken und Splitter flogen zur Seite. Das Tempo steigerte sich immer mehr, der Gegenwind drückte Georg nach hinten, aber er genoss den Widerstand, er sah die kahlen schwarzen Weiden am Ufer vorbei treiben und bekam Lust, immer und immer weiter so ungehindert in die weiße Weite zu entfliehen. Er redete auf den Kutscher ein, brüllte ihn an unterm Zuspruch der beiden Geschwister, die ihn von hinten anstachelten und Georg von einer ganz neuen Seite kennenlernten. Schultzens hatten noch einen Vorsprung, und der lange Herbert ragte aufrecht empor, schwang die Peitsche und drehte sich ständig um. Er rief irgendetwas, aber man sah nur die Atemfetzen, die er ausstieß.

Georg zwang den Kutscher, hart an kleinen Hindernissen, Eisbuckeln, Verwerfungen, festgefrorenem Holz vorbeizuschrammen, was diesem gar nicht gefiel, denn er befürchtete hängen zu bleiben. Auch hätte das Gefährt bei dem Tempo leicht aus der Bahn geschleudert oder sogar umstürzen können. "Angsthase", rief Georg, ließ sich auf den Sitz fallen und landete halb auf Barbaras Schoß. Er schwitzte und er merkte nicht, daß die Sonne hinter Wolken verschwunden und ein kalter, feuchter Wind aufgekommen war, der ihm unter die Haut kroch.

Maximilian stieg zum Kutscher vor und machte dem langen Herbert Zeichen. Ihre Schlitten waren fast gleichauf, aber auf einiger Distanz. Maximilian hielt die Handflächen an den Mund. "Ein Wettrennen!", rief er immer wieder hinüber, bis die anderen verstanden hatten. "Ja, ein Wettrennen bis zu Harfouchs Mühle", rief Georg, der diesen Ort von einem Ausflug im Sommer kannte. Maximilian gab das Ziel weiter, Herbert bestätigte und trieb das Pferd an, das man bis hierher keuchen hörte.

Die Hufe der Pferde schlugen schwer auf, und man konnte hören, wie die dumpfen Schläge in der Tiefe erstickten. Da umarmte Barbara Georg ganz unerwartet und so heftig, daß er für den Augenblick nach Luft rang. Sie presste ihre Lippen an sein Ohr und flüsterte "Heute musst du alles tun, was ich mir wünsche", und er spürte, wie ihre Zunge ihn kitzelte.

"He, keine Schweinereien, da hinten", lachte Maximilian. "Kümmer' du dich um unseren Sieg", quetschte Barbara hervor und wäre Georg noch mehr zu Leibe gerückt, wenn sich nicht hinter ihnen ein weiterer Schlitten genähert hätte, dessen Kufen wie eine Schrotsäge über das Eis kratzten und in dem sich eine Gruppe junger Leute halb stehend halb sitzend befand, die johlten und Weinflaschen schwangen.

"Das sind die Minkowski Brüder", rief Barbara, "großartig, daß sie noch gekommen sind, das wird einen Spaß geben." Sie kniete sich auf die Sitzbank und winkte und schrie nach hinten, während einer der Brüder die Arme zu ihr ausstreckte und rief "Barbara mein Engel, lass dich drücken." "Sollen sie mal versuchen, uns einzuholen", fauchte Maximilian, der sich mit Zügel und Peitsche doppelt ins Zeug legte.

Herberts Schlitten hatte wieder einen leichten Vorsprung und war nach rechts abgedriftet, und Barbara sagte "Mensch Max, da vorn kommt gleich die Mühle, jetzt mach mal zu." Sie wurde auf einmal von einem Schneeball getroffen und schrie auf. Georg packte Maximilian am Arm und rief "Junge, die beballern uns, wir müssen ausweichen." "Was? Die Säcke haben 'ne Ladung Schnee im Schlitten."

Barbara lachte wie eine Verrückte, die Bälle flogen links und rechts vorbei, und von hinten kamen immer wieder Rufe wie "Da habt ihr! Und den! Und den! Volltreffer!" "Von wegen Volltreffer", lachte Georg, "ein Vollidioten Treffer! Max, lenk' da hinüber." Maximilian tat es, und der Schlitten schleuderte zur Seite, und eins der Pferde rutschte aus, fasste aber gleich wieder Tritt.

Alle drei Schlitten waren jetzt ungefähr auf einer Höhe, Herbert war ganz drüben und schwenkte die Arme, als gehöre ihm schon der Sieg. Die Minkowski Brüder wussten ja nichts von der Wettfahrt, aber sie hatten zwei gute Pferde und setzten sich scheinbar mühelos an die Spitze. Sie kamen immer näher herüber, an Maximilians Schlitten heran, und einer von ihnen rief "Wollt ihr was zu trinken?" "Ja, wirf' rüber", gab Barbara zurück, "Achtung Georg." Georg rief "Volle Deckung!", und im Schlittenkasten landete polternd eine Flasche Wein. Maximilian zog den Kopf ein und jammerte "Nicht auf den Kutscher, lasst den Kutscher leben." "Kriegst du die auf?", fragte Barbara, und sie beugten sich beide über die Flasche, die nur provisorisch verkorkt war. "Kein Problem", sagte Georg. "Wie war mein Angebot vorhin?", fragte Barbara. "Ich komme darauf zurück", erwiderte Georg und zog schnell den Korken heraus.

"Gib' mir einen Schluck." "He, der Kutscher ist auch durstig", rief Maximilian, und der echte Kutscher an seiner Seite sagte gar nichts mehr. Da gab es einen Aufprall, und Georg und Barbara purzelten übereinander. Über ihnen stand einer der Minkowkis und reichte ihnen beide Hände. "Was ist denn jetzt?", sagte Barbara wie benommen. "Wie kommst du in unseren Schlitten?" "Rübergesprungen", prahlte der andere. "Das glaub' ich nicht." "Hier trink' was." "Der Herbert, das Schwein, der macht das Rennen." "Lass ihn nicht gewinnen, lass ihn nur nicht gewinnen." "Wie sollen wir den noch einkriegen." "Wie hast du das gemacht?" "Ist noch was in der Flasche?" "Gebt dem armen Kutscher auch was, der fällt ja gleich runter." "Spring noch mal zurück." "Bist du besoffen?" "Was krieg' ich dafür?"

Die Schlitten kamen wieder aneinander und es krachte und schürfte, aber sie hatten nicht mehr das hohe Tempo, und auch Herbert, der sie beobachtet hatte, verlangsamte die Fahrt. Barbara rief "Haltet mich, ich falle." "Nicht auf mich", sagte Maximilian, und Minkowski sagte "Komm' zu uns." "Was? Ich soll auch rüberspringen?" "Haltet mal kurz an, die Dame möchte umsteigen."

Erst fünfzig Schritt weiter kamen sie zum Stehen. Barbara kletterte von einem Gefährt ins andere und hatte dabei einige Mühe. Die Minkowkis zerrten vorn, Georg schob hinten, Maximilian ließ die Peitsche durch die Luft sausen. Herberts Stimme hallte über die Eislandschaft "Gibt's Probleme?" "Alles in Ordnung. Kann weitergehen." Der Minkowski Schlitten zog wieder an.

Barbaras Handschuh war aufs Eis gefallen. "Georg, mein Handschuh! Bring' ihn mit", rief sie. Georg stieg aus und hob ihn auf. Plötzlich scheuten die Pferde, und der Schlitten raste davon. Georg schoss es durch den Kopf 'nur nicht allein hier zurückbleiben'. Er rannte hinterher, der Rum und Wein hatten seine Muskeln lahm gemacht, er keuchte, und dann fröstelte er und fing an zu zittern. Er spürte, wie etwas Hässliches, Kaltes über seinen Rücken hinabträufelte wie toter Atem. In seiner Brust setzte ein Stechen mit tausend Nadeln ein, und im Kopf hämmerte es drauflos.

Maximilian hatte die Pferde wieder unter seine Gewalt gebracht, aber Georg musste ein ganzes Stück laufen, und es schien ihm endlos weit, und seine Glieder schmerzten immer mehr. Er glaubte, er müsste sich die Lunge aus dem Leib husten, und dann krampfte sie sich zusammen und wurde taub wie ein zu Eis erstarrter Wasserfall. Als er den Schlitten erreicht hatte, wurde ihm schwarz vor Augen und er brach zusammen. Maximilian beugte sich über ihn und sagte "Verdammt, ich wusste, es wird ein Scheißgeburtstag."

Georg erwachte in einem Zimmer des Elisabeth-Krankenhauses, das in der Sprache der Städter auch "Die Kojen" genannt wurde, wegen der Räume in einem Nebengebäude, wo Patienten mit schweren oder ansteckenden Krankheiten und die hoffnungslosen Fälle untergebracht waren. Mancher Seemann hatte hier schon höchst unbequeme und schmerzliche Wochen durchlitten, und mancher hatte zum Schluss die Fahrt im "Einbaum" angetreten, einem anderen mit drastischem Wort benannten Objekt, das natürlich nichts anderes war als die Holzkiste, in der die sterblichen Überreste beerdigt wurden.

Das Zimmer, in dem Georg lag, war dagegen groß und nur teilweise belegt. Die Reihe der Betten stand an der Wand der Längsseite, und gegenüber waren furchteinflößende, hohe Fenster mit verblichenen, fleckigen Vorhängen, die seit Jahr und Tag nicht mehr zugezogen worden waren, und in deren langen, steifen, röhrenartigen Falten Spinnen, Motten und anderes Getier nistete.

Es war Mitte Dezember, und es kam ein milchiges, blasses Tageslicht herein, und vom Bett aus konnte man draußen nur die krakeligen schwarzen Äste der Akazien und ihre zerfurchten Stämme sehen, die Georg noch nie gemocht hatte. Manchmal waren die Bäume morgens mit Schnee überzogen, und selbst auf den dünnsten Zweigen lag zwei Finger dick eine unberührte weiße Schicht. Aber der Wind blies es weg oder der Schnee taute tagsüber und fiel in Batzen hinab. Dann waren auch die Scheiben nass, und die Wassertropfen hingen daran wie eine ekelhafte, kränkliche Meute, die einzudringen versuchte.

An dem Nachmittag, als Georg wieder aufwachte, saß ein Mann neben seinem Bett und sagte "Na endlich, Mensch, das wird auch Zeit, daß ich dich was fragen kann." Georgs Blick streifte den Mann und ihm fiel nur sein pockennarbiges Gesicht und das ungekämmte schwarze Haar auf, und er schaute einmal rundum ins Zimmer und schlief wieder ein. Aber bald darauf öffneten sich seine Augen abermals und er fühlte sich wacher als zuvor, und der Mann sagte "Bloß nicht wieder abhauen, warst lange genug weg. Also sag' mir jetzt wenigstens schon mal, wie du heißt."

Georg bewegte die Lippen wie ein Verdurstender, der trinken will, und in seinem Kopf begann sich irgendetwas in Gang zu setzen, als würden schemenhafte Gestalten in einer geräumigen Wohnung herumlaufen und alle Schranktüren aufreißen und alle Schubladen herausziehen und Kisten und Kästen durchwühlen und überall wie wilde, ungebärdige Tiere toben, aber nicht den geringsten Schaden anrichten, sondern sich vielmehr vergewissern, daß alles noch an seinem Platze und in Ordnung sei. Und dann war alles ruhig, und es schien als würde gleich ein hoher Gast oder eine adlige Dame mit Schwung eintreten, aber es zog sich hin und die Stille wurde zäh und Georg hatte das Gefühl, sie durch ein Wort aufleben zu lassen und er sagte "Ich heiße Georg."

Der Mann war sichtlich erfreut. "Georg. In Ordnung. Ich heiße Edmund", und er reichte ihm die Hand. Georg hob mühsam die seine ein Stück von der Bettdecke auf, hatte aber nicht viel mehr Kraft, und Edmund fasste sie an und sagte weiter "Ansonsten weiß ich ja schon fast alles von dir, nur deinen Namen, den hast du mir nicht verraten, du Schelm." "Was habe ich nicht verraten?", sagte Georg schwach und leise. "Wie du heißt. Mensch Georg, du hast manchmal eine Stunde und länger geredet, und ich hab' dir auch schon alles erzählt." "Du bist ..." "Ja, ich bin's, der Edmund." "Edmund, ja klar", sagte Georg und schloss die Augen.

Dann sagte er "Der Schlitten ... wir sind auf der Elbe gefahren ... es war ... ich habe mich." "Ach, mach dir nichts draus, die haben dich da voll reinrauschen lassen, das machen die immer so mit den Fremden, die hier ankommen, die lassen sie erst mal 'n bisschen tanzen, auf dem Eis", setzte er hinzu und lachte , daß es im ganzen kahlen Zimmer widerhallte. "Ich habe Kopfschmerzen", sagte Georg, "und Durst." Er drehte den Kopf zur Seite und schaute auf das Tischchen neben dem Bett, auf dem ein paar Arzneiflaschen standen. "Ich gebe dir was davon", sagte Edmund, schüttete einige Tropfen auf einen Löffel und gab sie ihm. "So, und etwas Wasser zum Nachspülen, den Grog gibt's dann später." Georg verfolgte, wie die Flüssigkeit in seinen Magen hinab rann und hatte für einen Moment ein angenehm kribbelndes Gefühl.

Es wurde zerrissen durch eine unangenehme schnarrende Frauenstimme, die rief "Herr Edmund, was machen Sie da, spielen Sie wieder den Doktor Eisenbart." "Nein, Schwester Renate, ich habe den Patienten nur ruhiggestellt." Schwester Renate postierte sich am Fußende des Bettes. Sie hatte einen Stapel frischer, gefalteter Bettlaken unterm Arm. Sie trug eine weiße Ordenstracht, und von ihrem Körper waren nur die Hände und ein ovaler Gesichtsausschnitt zu sehen, in dem eine sehr große Nase auffiel, die geradezu störend wirkte und als ob Schwester Renate sie irgendwo hintragen und dort ablegen müsste.

Sie schaute Georg aufmerksam an, und er schaute zurück und erwartete jeden Moment einen Marschbefehl von ihr. Edmund sagte "Er kommt langsam zu sich", und nickte zufrieden. "Lassen Sie ihn jetzt in Ruhe", sprach Schwester Renate, "wir werden sehen, wie er sich heute abend fühlt."

Edmund erhob sich und verschwand in irgendeinem uneinsehbaren Winkel. Schwester Renate schaute noch eine Weile auf Georg und ein kleines aufmunterndes Lächeln zuckte um ihren Mund. Das beruhigte ihn vorerst und er sank zurück und starrte an die Zimmerdecke mit den trockenen Wasserflecken, bis ihn der Schlaf überkam.

In der Nacht war es draußen stockfinster, und die Fenster hingen wie riesige schwarze und nie benutzte Schreibtafeln an der Wand. In einer Ecke brannte ein fahles Licht, und immer wenn Georg zwischendurch kurz wach war, hatte er ungeheure Angst, es könnte verlöschen und damit zugleich sein Leben zu Ende sein. An den folgenden Tagen konnte er immer mehr von dem Zimmer und der Situation, in der er sich befand, wahrnehmen. Die Betten zu seinen beiden Seiten waren frei, im übernächsten lag ein Mann, der, halb sitzend, viel in der Zeitung las, aber wenig redete, nur manchmal vor sich hin summte.

An der Stirnseite waren breite Vorhänge, die man verschieben konnte. Dahinter lagen, soviel hatte Georg mitbekommen, ein oder zwei Schwerkranke, was er aus dem erbarmungswürdigen Stöhnen schließen konnte, das meist morgens und abends zu hören war. Auch schien es dort eine Ausgangstür zu geben. Zwischendurch wurden Patienten auf einer Trage hereingebracht und vorübergehend hierher verlegt. Nach einiger Zeit wurden sie wieder abgeholt. Stundenlang geschah gar nichts, breitete sich Langeweile, ja Einsamkeit aus, und mitunter konnte man befürchten, das Zimmer mit seinen Insassen wäre ganz vergessen worden. Dieser Eindruck wurde im seltsamen Wechsel verstärkt und aufgehoben durch die bedächtige und unaufgeregte Arbeitsweise der Schwestern.

Nachts musste Georg dringend auf den Abort und rappelte sich umständlich hoch, stieg aus dem Bett und tappte schlaftrunken aus dem Raum. Er gelangte in einen düsteren Korridor, probierte an einer Tür, die jedoch verschlossen war. Er hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Er stolperte in eine Kammer und dort über irgendwelche Gerätschaften, es roch nach Leinöl und Firnis. Er fiel auf die Knie und konnte sein Wasser nicht halten. Jemand griff ihm von hinten unter die Arme und hob ihn auf, es war Edmund, der ein Licht in der Hand hielt. "Was machst du hier?", fragte er eher verständnisvoll als erschrocken. "Ich musste mal, ich muss immer noch." "Stütz dich auf mich, komm' mit zurück zum Bett." "Aber ich muss mal pinkeln und auch ..." Er bekam einen furchtbaren Hustenanfall, der ihm Brust und Hals wie in einen glühenden Eisenring einspannte. "Ja ja, kannst du gleich machen, komm' nur mit."

Edmund schaffte ihn wieder hinein. Er holte unter dem Bett einen großen Blechtopf mit breitem Rand hervor, zog Georg das Nachthemd bis unter die Achseln und setzte ihn hin. Georg erleichterte sich, und auch der Husten ließ nach. Dann sagte er "Ich wusste nichts von dem Topf." Edmund erwiderte "Mensch Georg, was glaubst du, wohin du das bis jetzt gemacht hast." "Hier rein?" "Na freilich, ich habe dich oft genug nachts da drauf gesetzt." "Du hast mich ...?" "Nachdem du etliche Male das Bett vollgesaut hast." "Mein Gott. Und ich habe nichts mitgekriegt." "Du hast immer brav stillgesessen."

Georg musste lachen, aber da schmerzte wieder die Brust. "Ich bin anscheinend ein schwerer Fall." "Geht so. Jetzt hast du's ja selber wieder im Griff." "Wo kommt das hin?" "Zeige ich dir morgen. Da in dem Schränkchen ist Papier, und dann schieb's erst mal wieder unters Bett, aber mach' den Deckel drauf." Georg befolgte alles und legte sich wieder hin.

Am Morgen wurde ihm bewusst, daß er ein seltsames Nachthemd trug, und überhaupt fragte er sich, wo seine ganzen Habseligkeiten abgeblieben sind. Er wartete, bis Edmund kam und der klärte ihn darüber auf. "Und dieses Nachthemd? Das hatte ich ja wohl nicht bei mir." "Nee, das ist Eigentum der Hanse." "Oh ha", sagte Georg auf hanseatische Art. "Aber guck' mal, Edmund, es hat hier so komische Nähte und Gürtelschlaufen, als wäre es für eine Frau." "Da siehst du ganz richtig, das hat vorher die Ludmilla angehabt, die hat auch in deinem Bett gelegen."

Georg nahm es schweigend zur Kenntnis und merkte, daß es mit dem Denken noch nicht sehr flott ging. Dann fragte er plötzlich "Diese Ludmilla, was ist ..." "Sie war schwerkrank, Schwindsucht, war nichts mehr zu machen." "Dann ist sie ..." "Ja, sie ist gestorben." "Ich habe also das Hemd von einer Toten an." "Ist das so ungewöhnlich an einem Ort wie diesem?" "Eigentlich nicht, aber ich glaube, ich muss mich erst dran gewöhnen." "Es ist gründlich gereinigt worden, wenn dich das beruhigt." "Hm." Er schaute auf sein Bett, da war sie drin gestorben. Nun, wenn er es nicht erfahren hätte, wäre alles genauso gewesen, es machte also keinen Unterschied.

Dann fiel ihm noch etwas ein, er sagte zu Edmund "Warum hast du eigentlich nicht Schwester Renate gefragt, wie ich heiße?" "Warum sollte ich sie danach fragen, ich wusste doch, daß du Georg heißt, die Leute, die dich hergebracht hatten, haben's uns gesagt." "Aber mich hast du gefragt!" "Das war nur, damit du da oben (er tippte mit dem Finger an seine Stirn) wieder in Gang kommst." "Aha." Er überlegte, dann sagte er "Und wenn ich nun einen anderen Namen genannt hätte?" Edmund wusste nichts darauf zu antworten, aber Georg sah, daß es ihn beschäftigte.

Als es draußen noch kälter wurde und der Frost klirrte und sich an den Fensterscheiben Eisblumen vom Rand her vorfraßen, wurde der Ofen täglich mit einer zusätzlichen Ladung Holz oder Kohlen geheizt, und eine Zeit lang konnte man zuhören, wie sie verbrannten. Zu essen gab es fast ausschließlich Brot und Suppe, die gar nicht schlecht zubereitet war, aber bald im Einerlei an Geschmack verlor und jeden Appetit im voraus verjagte.

In unregelmäßigen Abständen kam der Doktor. Er untersuchte auch Georg, der sich im Bett aufrecht setzte und das Hemd über den Kopf zog. Der Doktor studierte zuerst die Mappe, die am Fußende hing und die nur zwei Blätter enthielt. Obwohl es ihm jederzeit möglich gewesen wäre, hatte Georg sie nie gelesen, es interessierte ihn nicht. Der Doktor jedoch las die Blätter jedesmal durch, und Georg dachte, es müsse wohl an der Menge seiner Patienten liegen, daß er sich den Bericht nicht merken konnte, der ja auch offenbar nicht umfangreicher wurde. Aber der Doktor las es aufmerksam, als stünde da eine ungelöste Rechenaufgabe, an der er jedesmal von neuem herumknobelt.

Dann horchte er ihn mit dem Stethoskop ab, und Georg musste ein- und ausatmen und zwischendurch die Luft anhalten. Er schaute tief in die Augen und in den Rachen und drückte am Hals herum, und Georg legte sich auf den Bauch und auf den Rücken, und der Doktor klopfte mit seinen hellen, trockenen und festen Fingern überall an seinen Oberkörper, und anfangs hatte Georg einmal gefragt "Na, ist jemand zu Hause?", aber der Doktor sah ihn wütend an und fauchte "Er denkt wohl, ich mache das zum Spaß?"

Von Schwester Renate erfuhr er, daß der Schüttelfrost, der ihn auf der Elbe überfallen hatte, zu einer sehr bedrohlichen Lungenentzündung mit hohem Fieber geführt habe, und obwohl sie es nicht sagte, so hörte er doch heraus, daß man ihn bereits als Kandidaten für "die Kojen", die letzte Station über der Erde, gehandelt hatte. "Vielleicht hat mich Ludmillas Hemd gerettet", meinte er zu Edmund, aber der erwiderte "Da hat sie selber noch gelebt." "Ach so", sagte Georg und dachte 'da war es also noch nicht entschieden, wer von uns beiden gehen würde'. Manchmal dachte er auch über diese unbekannte Frau nach, aber irgendetwas hinderte ihn daran, Edmund über sie auszufragen.

Es ging auf Weihnachten zu, und Schwester Renate sagte "Georg, wenn Sie sich darauf einrichten wollen, das Weihnachtsfest hier zu begehen, dann sollten Sie bedenken, daß Sie es möglicherweise in keiner guten Erinnerung behalten werden." Er hatte sie noch nie so einen langen Satz sagen hören, den sie sich bestimmt zurechtgelegt hatte, und den Georg gar nicht gleich begreifen konnte. Er überlegte, was sie damit meinen könnte. Auf welche Weise würde denn hier gefeiert werden, fragte er Edmund, ohne daran zu denken, daß es für Edmund auch das erste Mal sein könnte. "Auf welche Weise? Doch hoffentlich auf christliche", antwortete er. Dann fragte er Schwester Renate "Bleibt mir denn eine Wahl? Ich meine, kann ich vorher noch entlassen werden?" Aber wie als eine Antwort erfasste ihn wieder ein so starker Hustenanfall, daß er sogar Blut spuckte und ihn die Schwester und Edmund durch eine kräftige Verrenkung in eine Position brachten, in der er der Erstickungsnot entkam.

Wie wenig konnte ihn also ein Heiliger Abend im Krankenhaus bedrücken, wenn er es schließlich geheilt und gesund verlassen würde. "Also gut", sagte Schwester Renate, als habe sie damit Georgs Entscheidung zur Kenntnis genommen. Und sie fügte hinzu "Es gibt Kartoffelsalat mit Würstchen. Und noch eins: Keine Geschenke!" Damit verließ sie den Raum, und Georg drehte sich zu Edmund und machte eine bedeutsame Miene. "Hast du gehört, du wirst also in diesem Jahr nichts von mir bekommen."

Georg wunderte sich, daß niemand aus dem Hause Schultz ihn besuchte oder sich wenigstens mittelbar bei ihm meldete. Er erfuhr, Schultz habe sich nach Georgs Einlieferung persönlich über seinen Zustand erkundigt und jede Unterstützung zugesichert, das betraf vor allem die Kosten für die Behandlung und Versorgung, die er vollständig zu übernehmen sich verpflichtet hatte. Mit ihm sprechen konnte Georg nicht, weil er halb bewusstlos und in anhaltendem Fieber im Bett lag. Auch konnte niemand voraussagen, ob und wie rasch er sich erholen würde, seine Lungenentzündung verschlimmerte sich und dauerte Tag für Tag an.

Schultz war auch noch ein zweites Mal gekommen und danach Folkerts, der im Krankenhaus einen alten Bekannten getroffen hatte, weshalb er für Georg nicht genügend Zeit fand. Immerhin hatte er frische Kleidung und ein paar Waschutensilien mitgebracht sowie einen Brief an Georg, der jedoch verloren gegangen war. Edmund vermutete, es könnte Geld darin gewesen sein, und Georg dachte, wenn er von den Eltern stammte, wäre das gut möglich gewesen. Um das Geld tat es ihm nicht leid, viel mehr um die Nachricht von den Lieben. Wussten sie überhaupt, was ihm widerfahren war? Wenn ja, würden sich sich gewiss große Sorgen machen, die Georg aus diesem öden Krankenzimmer heraus nicht hatte zerstreuen können. Er musste unbedingt an sie schreiben.

Schwester Renate brachte ihm Papier, Tinte und Feder und eine stabile Unterlage, und Georg begann zuerst genau zu überlegen, wie er anfangen sollte, damit er die Verwandten zu Hause am behutsamsten von seiner Lage in Kenntnis setzen könnte. Wenn sie den Brief von ihm in Händen hielten, wäre es ja offensichtlich, daß er zumindest am Leben, auch wohlauf wäre. Also besser kein zweifelhaftes Wort über das Vergangene. Stattdessen eine zusammengefasste Schilderung der Ereignisse seines bisherigen Aufenthalts.

Es verging eine Stunde, und Georg hatte noch kein einziges Wort zu Papier gebracht. Was genau sollte er berichten? Was war wirklich wichtig gewesen? Und was davon wäre für den Vater wichtig zu wissen? Und wie sollte es überhaupt weitergehen? Er wusste nicht einmal, wie er vom Krankenhaus zu Schultz' Geschäft oder in sein Quartier käme. Nun gut, das wäre das wenigste und auch ziemlich nebensächlich. Aber es war genau jene Kleinigkeit, die ihn jetzt so furchtbar hilflos und niedergeschlagen machte. Er fühlte sich unendlich allein gelassen, und zum ersten Mal erfasste ihn unerträgliches Heimweh, das beinahe noch mehr schmerzte als alle Organe in seinem Körper zusammen. Es war, als würde sein Herz angegriffen und grausam zerstückelt werden. Wären nicht Schwester Renate und Edmund dagewesen, er hätte sich seiner Depression ganz überlassen müssen, und wer weiß, wohin das führte.

Dann passierte es auch noch, daß ausgerechnet beide kurzzeitig nicht anwesend waren. Schwester Renate half in einer anderen Abteilung aus, und Edmund musste sich angeblich einer umfangreichen Untersuchung unterziehen. Mit dem Mann, der ständig Zeitung las oder schlief, war kein Gespräch möglich. Die Sterbenskranken hinter dem Vorhang waren tabu. Es kamen zwei neue Patienten zur Überwachung wegen des Verdachts auf irgendeine exotische Krankheit. Sie machten einen munteren, ja fröhlichen Eindruck, und Georg hoffte, durch ihre Gesellschaft von seiner quälenden Schwermut befreit zu werden. Aber es waren Ausländer, die lautstark und ununterbrochen palaverten, lachten, schimpften und manchmal auch flüsterten, obwohl niemand hier war, der sie belauscht hätte.

Es schien, als würden sie Georg gar nicht bemerken, der sich nach und nach die Zeit und die Melancholie damit vertrieb, sich vorzustellen, was für Leute das sein mochten, woher sie kamen und welches Schicksal sie hierhergeführt hatte. In Gedanken und Träumen machte er sogar abenteuerliche Reisen in phantastische Gegenden und redete mit Menschen in ihm bis dahin völlig unbekannten Sprachen. Und wenn er wach war, befürchtete er, daß ein verhängnisvoller Rückfall seiner Krankheit den wirren, irren Fieberwahn wieder heraufbeschwor.

Wie auch immer es sich verhielte, er beschloss dagegen anzukämpfen und schrieb gleich fünf Briefe hintereinander, einer länger als der andere, und erst als sie abgeschickt waren, ließ er sie sich noch einmal durch den Kopf gehen und mutmaßte darüber, wie sie zu Hause aufgenommen werden würden. Und bei dieser Vorstellung musste er sogar lachen. Im Grunde war bis jetzt alles gutgegangen und hätte er erst einmal die Krankheit überstanden, dann waren die Aussichten auf die Zukunft gar nicht so übel.

Als sollte das sogleich eine Bestätigung finden, kam ein Päckchen von Schultz für ihn an. Man rechnete damit oder hatte erfahren, daß Georg über die Weihnachtszeit noch im Hospital bliebe, und Schultz, genauer gesagt die ganze "Familie Christoph Daniel Schultz", schickte ihm ein paar Kleinigkeiten, die ihm die festlichen Stunden versüßen sollten. Georg verzieh ihnen sofort, daß sie nichts von sich hatten hören lassen, und Edmund meinte "Siehst du, er erwartet deine baldige Rückkehr ins Geschäft." Woraus Edmund dies schließen konnte, war ihm nicht ganz klar, aber er hoffte selber, es möge so sein.

Er setzte sich auf die Bettkante und packte es aus. Duftende Lebkuchen, pechschwarze Schokolade, eine Flasche Wein, eine harte Salami, ein Paar Handschuhe und ein Kartenspiel. Alles war recht hübsch eingewickelt in farbiges Seidenpapier, und dazwischen steckten Spitzen von Tannenzweigen. Die waren es auch, die in der Ofenwärme des Zimmers ihren harzigen Geruch verströmten und Georg an die vergangenen Gothaer Weihnachtsfeste erinnerten. Er zeigte alles Edmund, der es sich einzeln anschaute, als wollte er es auf Echtheit oder Güte prüfen, besonders das Kartenspiel gefiel ihm. Schwester Renate dagegen warf einen bitterbösen Blick darauf, als es auf dem Nachttischchen lag, sagte aber nichts.

"Gilt das mit dem Schenkverbot nur für die Patienten untereinander?", fragte Georg sie kurz vor dem Heiligen Abend. "Für wen denn sonst?" "Darf man zum Beispiel Ihnen etwas schenken?" Sie antwortete kühl "Das Personal darf nichts annehmen." "Wieso nicht? Wenn es gut gemeint ist." "Ganz egal, wie es gemeint ist, ein Geschenk kann auch immer Zwietracht stiften." Georg schaute verständnislos zu Edmund, der nur die Schultern hob. Schwester Renate fügte hinzu "Würde ich von einem Patienten ein Geschenk bekommen, von einem anderen aber keins, dann kann es geschehen, daß ich jenen bevorzuge, obwohl er es nicht verdient, oder obwohl es der andere ebenso verdiente." "Sie meinen, man könnte sich dadurch eine bessere Behandlung erschleichen?" Schwester Renate reagierte mit saurer Miene, und Georg beeilte sich zu sagen "Ich meine damit um Himmelswillen nicht, daß Ihre Behandlung zu wünschen übrig lasse." "Ich an deiner Stelle würde mich auch nicht beschweren", wandte Edmund seltsam grinsend ein, "gerade Schwester Renates fachkundiger Einlauf ist im ganzen Hause berühmt." Georg schluckte und sagte lieber weiter nichts.

"Wir Schwestern kommen auf diese Weise nur in Konflikt, wenn nicht gar in Versuchung. Sie können sich selbstverständlich untereinander etwas schenken, das geht mich nichts an." Es klang, als würde sie eine Trennlinie zwischen sich und die Patienten ziehen, und nachdem sie sich bereits entfernt hatte, kam sie noch einmal zurück und sagte "Im übrigen finde ich die ganze Schenkerei und Schwelgerei übertrieben und dem eigentlichen Anlass unangemessen." "Aber Schwester, sehen Sie uns denn hier schwelgen?" "Das verhindert womöglich nur ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Sind sich die Menschen heutzutage noch bewusst, unter welchen Umständen unser Herr Jesus Christus geboren wurde?" "In einem Stall, wie jedermann weiß." "Allerdings, aber den stellt man sich inzwischen schon vor wie eine gemütliche, kleine Kinderstube. Dabei geschah es in der Fremde, fern von zu Hause, unterwegs, ohne eine hilfreiche Hebamme", sie zupfte am Ärmel ihres Ordensgewandes, "ohne jede ärztliche Betreuung, zwischen - Sie entschuldigen - Schweinen und Rindviechern, denken Sie nur einmal an den entsetzlichen Gestank; es ist ein Wunder, daß das Kind nicht sofort gestorben ist. Überall Schmutz, Dunkelheit und Kälte, und am schlimmsten, die Furcht vor den Häschern des Königs, die das Neugeborene töten wollen. Und wie feiern wir heute dieses Ereignis? Wie die Geburt eines ... eines ..." "Spielzeugsoldaten", sagte Edmund. "Eines Spielzeugsoldaten?" "Na ja, wie so ein kleiner buntbemalter Zinnsoldat, aus dem mal etwas werden könnte, wenn er nicht vorher in einer Sandkiste verschludert wird; Sie haben eben selbst von der Kinderstube gesprochen." Schwester Renate schüttelte den Kopf. "Edmund, ich kann Ihren Gedanken nicht folgen, unser Heiland ist kein Zinnsoldat gewesen. Wie auch immer, ich möchte Sie einmal fragen, wenn Sie sich zurückversetzen in jene Nacht, in den Stall von Bethlehem, welche Rolle würden Sie sich dann selbst geben, ich meine natürlich ausgenommen die Heilige Familie und die Tiere."

Man konnte sehen, daß Schwester Renate viel über diese merkwürdige Frage nachgedacht hatte, denn sie neigte den Kopf, und ihr Gesicht oder der kleine Ausschnitt, den die Kopfbedeckung frei gab, bekam einen verklärten Ausdruck, und ihre Augen hatten einen träumerischen Glanz. Die zwei Männer überließen rücksichtsvoll die Schwester einen Moment ihrer Phantasie, dann sagte Edmund "Ganz klar, wir sind die drei Könige aus dem Morgenland." Er deutete mit dem Finger auf sich und auf Georg. "Ich bin Kaspar, das ist Melchior und ...", da er niemand weiter finden konnte, wählte er den Zeitung lesenden Mann, "Balthasar, er benimmt sich ein bisschen wunderlich. Und hier haben wir unsere Gaben, zwar kein Gold und Geschmeide, aber nützliche Dinge. Stärkende Wurst, in dünnen Scheiben sehr bekömmlich. Lebkuchen, wie der Name schon sagt, Leben spendend." Er gelangte an das Kartenspiel und versteckte es schnell in der Schublade. "Keine Ahnung, wie das dazwischen gekommen ist. Schokolade ist gut für die Nerven, der Wein für die guten Hirten und die Handschuhe, damit man das Kindlein einmal im Arm halten kann. Freilich, es musste alles recht schnell gehen, als der Stern am Himmel erschien, deswegen ist vielleicht nicht alles nützlich, aber es kommt von Herzen."

"So ist es", meinte Georg, "und nun bemüht man sich jedes Jahr wieder, all diese Geschenke feiner, schöner, wertvoller zu machen, sozusagen das nachzureichen, woran es beim ersten Mal gemangelt hatte. Wäre es Ihnen denn lieber, man würde die Bescherung auf einem Misthaufen machen?" "Georg", ermahnte ihn Edmund, "sprich nicht so vor Schwester Renate." "Ich weiß nicht, was ihr wollt." Die Schwester sagte "Ich muss mich um meine Arbeit kümmern", drehte sich um und ging.

Eine Weile schwiegen sie, dann holte Edmund das Kartenspiel wieder aus dem Schubfach und legte es zwischen die andern Sachen, dann schwiegen sie weiter. Es dämmerte allmählich, und der Zeitung lesende Mann stand wie immer auf und zündete die Lampen an, er schien sich dafür zuständig zu fühlen. "Weißt du Georg", begann Edmund wieder zu sprechen, "hier ist es üblich, daß jemand, der ein Geschenkpaket bekommt, etwas davon an die anderen abgibt."

Er hatte das fast gleichgültig geäußert, so als erinnere er sich an eine derartige Gepflogenheit in einem anderen Hospital. Georg spürte, wie Wut in ihm hochkam, in sarkastischem Ton erwiderte er "So, dann entschuldige, daß ich das noch nicht mitgekriegt habe, ich bin nämlich dummerweise der einzige, der ein Paket erhalten hat." "Das ändert aber nichts daran", sagte Edmund. Georg fuhr etwas ruhiger fort "War dafür die ganze Bethlehem-Geschichte von Schwester Renate gedacht?" Edmund erwiderte nachdrücklich "Nein, ich weiß selbst nicht wie sie darauf kam, ehrlich."

Nach einer Pause meinte Georg "Ich esse sowieso keine Salami, und Schokolade ist eher was für Kinder." "Du hast ja immer noch die Handschuhe." "Hm, ich dachte schon daran, dir den rechten zu schenken", sagte Georg und lachte. "Es wäre mir ganz recht, wenn ich nicht alles für mich allein behalte, im Grunde habe ich es ja auch nur geschenkt bekommen." Edmund legte das Kartenspiel abermals in das Schubfach und sagte "Von den Freßsachen kannst du was für die Weihnachtsfeier stiften, ich sehe zu, ob ich auch noch was besorgen kann, und das mit der Schokolade ist keine schlechte Idee, hier liegen nämlich auch ein paar Mütter mit Kindern, ich könnte die Süßigkeiten hinschaffen."

Und so geschah es. Schwester Renate war hocherfreut über Georgs Vorschlag, nahm die halbe Salami mit, für eine andere Feier, wie sie versicherte, und nannte Edmund jemanden, der für die Schokolade und die Lebkuchen in Frage käme. "Ich weiß schon selber, wer das gebrauchen kann", murmelte er, und als er später wiederkam, sagte er zu Georg "Alles ordnungsgemäß übergeben, wie du's gewünscht hast." Georg war letztlich also zufrieden, das einzige, was ihn ein bisschen störte war, als Schwester Renate bei der Weihnachtsfeier ausdrücklich und "unbekannterweise" dem Herrn Schultz als Gönner dankte und Georgs Freigebigkeit dagegen mit keinem Wort erwähnte; aber sie waren ja ohnehin fast unter sich.

Mit dem Tannengrün und drei Kerzen hatte man ein kleines Gesteck arrangiert. Edmund hatte tatsächlich guten Ceylon Tee besorgt, und Schwester Renate brachte mit Unterstützung einer jungen Krankenschwester eine Schüssel Kartoffelsalat nach holsteinischer Art sowie eine Schale mit heißen Würstchen. Die beiden Ausländer, die zwischendurch weg waren, lagen auch wieder im Zimmer. Zwar hatte man über ihre mysteriöse Infektion noch nichts Genaues herausgefunden, dafür wusste Edmund aber inzwischen, daß sie Matrosen aus einer Gegend am Schwarzen Meer seien. Zu dem Essen konnten sie leider nichts beisteuern, aber der eine spielte auf der Mundharmonika wunderbar traurige Melodien, die die kleine Gesellschaft durchaus in besinnliche Stimmung brachten. Untermalt wurde die Musik von den vereinzelten Seufzern und dem Stöhnen der Patienten hinter dem Vorhang.

Fehlte noch der Zeitungsmann, der auch nach der dritten Aufforderung keine Lust hatte, sich dazuzusetzen. Angelockt vom Duft des Tees, den der andere Schwarzmeermatrose mittels des Rotweins köstlich zubereitet hatte, kam er denn doch heran. Weil aber jeder eine kleine Darbietung in Form eines Liedes oder Gedichtes gegeben hatte, wurde auch der Zeitungsmann dazu verdonnert. Er hatte jedoch nichts dergleichen auf Lager und wollte schon wieder zu seinem Bett gehen, da sagte Edmund "Dann lesen Sie uns eben was Interessantes aus der Zeitung vor." Und das tat er auch, und zwar eine Meldung über die Friedensverhandlungen in Basel, bei denen Preußen auf die linksrheinischen Gebiete verzichtet und seine Ansprüche auf die rechtsrheinischen gesichert hatte. "Und ich dachte bisher immer, es wäre umgekehrt gewesen", meinte Edmund, und die Schwarzmeerleute lachten. Schwester Renate sagte "Das war schon im April", und der Zeitungsmann erwiderte "Das ist das neueste, was in diesem Siechenhaus aufzutreiben ist." "Dann sollte man froh sein, wenn man feststellen kann, daß es schon so lange zurückliegt", meinte Georg, und Schwester Renate nickte ihm bestätigend zu.

Alles wurde aufgegessen, und der zweiten folgte eine dritte Runde Tee, und Edmund zauberte noch eine Flasche Wein hervor. Schwester Renate trank ihren Tee natürlich pur, und ebenso die junge Krankenschwester, die nicht dem Orden angehörte und einen einfachen, hellen und sehr sauberen Kittel trug. Sie hatte kurze, blonde Haare und schielte auf einem Auge, sprach wenig und hatte ein Lachen, das selbst sehr lustig war. Und dann tanzte einmal jeder mit jedem zu einer etwas beschwingteren Weise auf der Harmonika, und der Zeitungsmann bekam die Erlaubnis, in der vorderen Ecke des Zimmers das Fenster einen Spalt zu öffnen und seinen Zigarrenstummel zu rauchen, den er sich offenbar für eine solche Mußestunde aufgehoben hatte.

Später, als wieder Stille eingekehrt war und Georg im Bett lag, fiel ihm ein, daß er Schwester Renate fragen wollte, welche Rolle sie denn im Stall von Bethlehem am liebsten innegehabt hätte, aber er hatte es vergessen. Die Maria wird es kaum gewesen sein, denn an ihre Stelle zu treten, so dachte Georg, geziemte sich nicht für eine fromme Gläubige. Eher schon ein Engel zu sein, was vorzustellen ihm aber ebenso schwerfiel. Viele dieser Ordensschwestern, so hatte Georg einmal gehört, fühlten eine besonders innige Neigung zu dem Heiland, die in ihrer geheimnisvollen Eigenart weder die Mutter, einen Engel oder auch eine Liebhaberin auszeichnen würde. Was für ein beklagenswerter Umstand wäre es, wenn unter den Beteiligten in Bethlehem niemand gewesen wäre, an dessen Statt eine solche Frau ihrer wahren Bestimmung hätte gerecht werden können, dachte Georg noch und schlief ruhig und fest in den Weihnachtsmorgen hinein.

Es folgten bitterkalte Tage mit klirrendem Frost. Aber jemand hatte dem Krankenhaus eine reichliche Menge Brennholz gestiftet, und so konnte man dem gräulichen Wetter trotzen. Georgs gesundheitlicher Zustand besserte sich rasch, und Mitte Januar konnte er entlassen werden. Schwester Renate kam ins Zimmer und sagte "Ein Herr Overbeck wartet draußen, um Sie abzuholen." Georg bedankte und verabschiedete sich, und alle achteten darauf, nicht "Auf Wiedersehen" zu sagen.

Overbeck empfing ihn mit kurzem Gruß und meinte "Hätte mir auch jemand sagen können, daß du hier vorne rauskommst, ich hab' die ganze Zeit da hinten gewartet", und er zeigte auf die "Kojen", wo die Verstorbenen abgeholt wurden. "Woher wissen Sie denn, daß ich entlassen werde?", fragte Georg freundlich. "Von Schultz. Nee, leg' die Taschen da drüben hin, der Wagen hat Schlagseite." "Hat Schultz Sie hergeschickt?" Overbeck schaute ihn an. "Mich schickt niemand irgendwohin." "Ist ja gut, Entschuldigung", sagte Georg gleichgültig. Dann sagte Overbeck "Da liegen zwei Decken, tu' die mal um dich. Nicht daß ich dich morgen wieder herfahren muss." "Ich glaube, das könnte ich gar nicht von Ihnen verlangen." Overbeck rümpfte die Nase, dann sagte er "Haben sich alle Sorgen um dich gemacht." "So? Bei mir ist nichts angekommen", erwiderte Georg. "Mensch, ich wollte ja auch bloß was Nettes sagen." Georg warf ihm einen halben Blick zu und meinte "Dann versuch's doch noch mal, vielleicht klappt es."

Georg war natürlich froh, aus dem Hospital raus zu sein. Bei Schultz im Geschäft konnte er auf den ersten Blick sehen, daß jede Menge Arbeit auf ihn wartete, was ihm aber nach der großen Langeweile willkommen war. Folkerts winkte ihn gleich heran, aber Georg musste sich erst bei Schultz persönlich zurückmelden, und der empfing ihn sehr freundlich mit Handschlag und Schulterklopfen, und Georg musste sich zu ihm ins Büro setzen und alles über seinen Krankenhausaufenthalt berichten, und er interessierte sich auch im speziellen für die medizinische Behandlung, die jedoch in Wirklichkeit eher dürftig ausgefallen war, und Schultz sagte dann "Na, von dem Doktor hätte ich aber mehr erwartet."

Eigentlich war Georg ein wenig überrascht von Schultzes nachträglicher Anteilnahme und er dachte, vielleicht wollte er damit sein eigenes Gewissen erleichtern, weil er damals nicht richtig auf ihn aufgepasst und ihn in seiner völlig ungeeigneten Kleidung auf die Schlittenpartie mitgenommen hatte. Dann fiel ihm das Geschenkpäckchen ein und er bedankte sich dafür, und Schultz winkte ab und meinte, das sei doch selbstverständlich gewesen, und er schenkte ihm eine Tasse Tee nach der andern ein und bot ihm englisches Gebäck an, das aber nicht mehr ganz frisch war, und Georg wusste sogar, aus welchem Regal die Packung stammte. Es kam ihm zwischendurch so vor, als würde Schultz ihm irgendetwas mitteilen wollen, das ihm auf dem Herzen liege, traue sich aber nicht heraus mit der Sprache. Und hinterher bekam Georg einen Schreck, als er dachte, daß Schultz nicht etwa irgendwelche Pläne ihn und Barbara betreffend entworfen hatte.

Folkerts hatte Georgs Rückkehr fast sehnsüchtig erwartet, denn in den Lagerräumen türmten sich die Waren bis zur Decke, was mehrere Ursachen hatte. Schultz war ständig damit beschäftigt, sein Sortiment und Angebot umzukrempeln, aber er hatte ein großes Problem damit, die Übersicht zu behalten. Er verfiel - wie es seine Art war - oft in blinden Aktionismus, und er konnte sich drei Tage später schon an manches nicht mehr erinnern, das er veranlasst hatte, das aber keineswegs schon erledigt war.

Schultz behauptete zwar, er wüsste immer ganz genau, was wie zu tun sei, aber seine Ideen und Anordnungen sprudelten immer alle auf einmal aus ihm heraus, und oft schien es, als habe er dergleichen irgendwo bei einem seiner Geschäftsfreunde oder bei einem Konkurrenten gesehen, aber nicht richtig verstanden. Und für Folkerts, der immer alles fein säuberlich der Reihe nach machen musste (und damit bisher immer alles geschafft hatte) waren solche spontanen Vorschläge und Weisungen ein Graus, aber er war auch nicht imstande, sie mit gebührender Gelassenheit aufzunehmen und dann nach eigenem Ermessen umzusetzen oder sie eventuell hintanzustellen. Denn Schultz (und das war eine andere nicht eben förderliche Eigenart) überzeugte sich nie von der Ausführung und dem Erfolg seiner Maßnahmen, so daß der arme Folkerts bald an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit stieß und (nicht zu unrecht) in Georg wenn nicht seinen Retter, so doch einen unentbehrlichen Gehilfen sah, der ihm jene Entscheidungen abnehmen konnte, die zu treffen ihm (auch wegen einem gewissen Mangel an Vorstellungskraft) so schwer fiel.

Dabei musste Georg sehr geschickt agieren, denn er wusste auch, daß Folkerts sich nicht gern in seine Arbeit reinreden und schon gar nicht wie einen dummen Jungen behandeln ließ, und er es am besten so aussehen lassen musste, als habe ihm Schultz schon vorher seine Idee näher erklärt, so daß er sie jetzt gemeinsam mit Folkerts "in präzisierter Weise" verwirklichen kann.

Ein anderer Grund für die Menge angehäufter Waren war der, daß Schultz bei den Großhändlern mitunter irgendwelche Sachen bestellte, von denen er glaubte, sie würden sich verkaufen wie Butterbrote. Die lagen dann kisten- und stapelweise herum, z.B. Sonnenschirme mit chinesischem Dekor für Damen, die in der folgenden Saison völlig aus der Mode waren; eine "Stiefel-Anzieh-Hilfe" für Reiter (also auch für die "gesamte Kavallerie", wie Schultz bemerkte), die aber viel zu umständlich war; oder einen umfangreichen "Restposten" von Bootsfarbe, die, wie sich dann herausstellte, von etlichen Hamburger Schiffsbauern wegen mangelnder Qualität nicht mehr verwendet wurde. (Schultz hatte vor, sie in Bremen anzubieten, aber wer sollte sie da hin schaffen?)

Die beiden sorgten dafür, daß Schultzes spontane Einkaufsorders bei den Großhändlern sich im Rahmen dessen hielten, was man im Lager unterbringen und vor allem, was man auch wieder loswerden konnte. Georg hatte manche Quartalsplanung für den Verkauf selber geprüft und mit Folkerts "überarbeitet", der vor allem über Bedürfnisse und Gewohnheiten der Stammkunden genau Bescheid wusste. Und Georg gelang es sogar, ein paar neue Kunden und Abnehmer aufzuspüren und sie Schultz zu präsentieren.

Maximilian und Barbara kamen selten ins Haus, Barbara sah Georg alle paar Wochen zwischen Tür und Angel, wenn sie mit dem Vater irgendetwas auf die schnelle zu bereden hatte, ganz so als hätten sie kein gemeinsames Zuhause. Über Maximilians Studien an der Handelsschule war nichts weiter zu hören, und es hätte genausogut sein können, daß sie wegen einer grassierenden Krankheit geschlossen werden musste. Maximilian brachte trotzdem seine Zeit um, und er hatte dabei offenbar auch kein Verlangen, sich mit Georg abzugeben, dem er allenfalls im Vorbeigehen einen Gruß zuwarf.

Als Georg aus dem Krankenhaus gekommen war, hieß es, Maximilian mache der Familie Probleme wegen seiner Spielleidenschaft und mehr noch wegen der daraus entstandenen Schulden. Es war namentlich das "Silentium", ein Glückspiel nach Art der Zahlenlotterie, das sich in Hamburgs Spelunken großer Beliebtheit erfreute und manch einen unvorsichtigen Mann zuerst in die Sucht und dann in den Ruin getrieben hatte. Im Grunde war Georg froh, daß er mit Maximilian wenig Kontakt hatte, denn er befürchtete, jener würde ihn früher oder später um Geld anpumpen, wie er es angeblich bei anderen versucht hatte. Diese Vorstellung war Georg fast so zuwider wie die, daß er selber sein Geld beim Spiel durchbringen würde.

Trotz der Bemühungen, einen laufenden Warenumschlag zu organisieren, wurde es von Monat zu Monat enger im Lager, Schultzes Geschäftshaus platzte aus allen Nähten. Wenn mal irgendwo etwas frei geworden war, dauerte es kaum zwei Tage, bis alles wieder vollgestopft war. Poppe Folkerts, der einen verbissenen Kampf gegen Unordnung, Unübersichtlichkeit und vor allem gegen das ständige Hin und Her führte, nutzte jeden Winkel und jede Nische aus, um Kisten, Säcke oder Fässer dorthin zu verbannen. "Tote Ecken", wie er sie nannte, zum Beispiel unter den Treppen oder hinter den Türen wurden rigoros ausgemerzt, und nur weil nicht auszuschließen war, daß man irgendwann einmal genau diesen einen bestimmten Artikel benötigte, wurde verhindert, daß eins das andere für immer unter sich begrub.

An zwei drei Stellen waren Öffnungen durchs Mauerwerk gebrochen worden, die man wie Luken verschließen konnte, um dort hindurch die Handelsvorräte bei Bedarf an der Rückseite herauszuholen und über Leitern und geneigte Rutschen auf die Fuhrwerke zu verfrachten. Das erforderte ein Mindestmaß an Bewegungsfreiheit auf dem Innenhof, der sich wie ein längliches Viereck nach hinten zum Möhlendiecker Weg und zu einem kleinen Kanal hin erstreckte, der noch in keinem Sommer ausgetrocknet war.

Unmittelbar an die Schuppen auf der rechten Seite des Hofes schloss sich ein Streifen Brachland an, das Schultz schon längst aufgekauft hätte, wenn nicht zuerst der Eigentümer nicht ausfindig gemacht werden konnte und dann, als er kurzzeitig auftauchte (ein in Stuttgart lebender Baron oder Freiherr) einen horrenden Preis für das steinige Fleckchen verlangte. "Ich hätte ihm nicht so freimütig Einblick in meine Verhältnisse geben sollen", sagte Schultz wie aus Selbstvorwurf darüber, daß er eine der simpelsten Verhandlungstaktiken vergessen hatte.

Damit die Wagen ungehindert manövrieren konnten, mussten die Kaninchenställe weichen. Der alte Folkerts hatte Georg erzählt, daß früher in den hinteren Gebäuden noch viel mehr Vieh gehalten worden war, Hühner, Ziegen, daß dort sogar vier Bienenstöcke standen, die begünstigt durch die Linden eines nahen Wäldchens ausgezeichneten Honig lieferten, den Schultz in der Anfangszeit auch verkauft hat. Erst als Kinder im Haus waren, wurden die Bienen abgeschafft, und irgendwo stand auch noch eine Kiste mit Gläsern voll ausgezuckertem Honig herum. Von dem Viehzeug war schließlich nur den Kaninchen eine Heimstatt geblieben, weil Schultz Kaninchenbraten schätzte und weil sie ohne Aufwand zu halten waren.

Weit mehr Umstände machte ihm der Nachbar, ein Milchhändler namens Jasper Wedels, der eine stattliche Anzahl Kühe zu seinen Lieferanten zählte, die er ursprünglich alle auf seinem Grundstück hielt. Dessen Handel mit Milch, Quark, Eiern und dergleichen lief wie geschmiert, aber auch er hatte unter der Enge zu leiden. Eine Zeitlang konnte er drei seiner Schwarzbunten bei Schultz gegen Entgelt im Stall unterbringen, dann fand er ein Objekt hinter den Rödichs-Buden, das nahe genug lag, damit frühmorgens die frische Milch rechtzeitig im Laden war.

Dann geschah aber etwas Verhängnisvolles. Eine Kundin, die übrigens nie zuvor bei ihm eingekauft hatte, fand in der Milch eine tote Maus und brachte das Ereignis vor die Behörden. Jasper Wedels bekam Ärger und musste gar den Entzug seiner Geschäftserlaubnis befürchten. Denn gerade um diese Zeit erhitzte eine öffentliche Diskussion um Sauberkeit und Ordnung in der Stadt die Gemüter, die durch einige schwere Fälle von Typhus beunruhigt worden waren. Bedauerlicherweise befand sich unter den Opfern auch ein Kind des Superintendenten Krüger, was die Bürger des Viertels besonders traurig stimmte und ihnen ein offenes Ohr verlieh für die Belange einer von der Stadtverwaltung eingesetzten Kommission zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse.

Eines ihrer Mitglieder verfasste eine wissenschaftliche Abhandlung über die Rolle von Ratten und Mäusen bei der Übertragung von Krankheiten, und wenn die Schrift auch niemand durchgelesen hatte, so erhob sich trotzdem der allgemeine Ruf nach Bekämpfung der gefährlichen Nager. Man konnte Japer Wedels' Laden nicht beanstanden, und nachdem er vorübergehend die Milch verbilligt hatte, ging das Geschäft seinen gewohnten Gang. Eine andere Verordnung traf ihn schwerwiegender. Die Zahl der Kühe, die auf einem Grundstück in dicht besiedelter Lage erlaubt waren, wurde beschränkt und das Halten von Schweinen unter diesen Umständen ganz verboten.

Nun hatte der brave Milchmann seit Jahr und Tag ein Schwein im Stall, das ihm hauptsächlich zur Abfallverwertung nützte und auf das er weder verzichten noch es außerhalb unterbringen wollte. Einer geheimen Absprache entsprechend wurde das Tier, das schon so alt war, daß es die meiste Zeit nur noch träge in seinem Koben lag, zu Schultz in einen unbenutzten Verschlag gesperrt, als eine städtische Kontrolle die Ausführung ihrer Maßnahmen überprüfte. Schultz wäre zwar froh gewesen, wenn der Gestank, der stets von drüben herüberkam, ein Ende gehabt hätte, aber er wusste, daß nachbarlicher Frieden ein ebenso hohes wie leicht zerstörbares Gut war, das er nicht wegen einer im Grunde albernen Lapalie aufs Spiel setzen wollte.

Was die Mäuse betraf, waren sie zeitweise tatsächlich eine Plage, aber die Ursachen ihrer raschen Vermehrung und des gedeihlichen Wachstums konnten ebensogut auf Wedels' wie auf Schultz' Hinterhof zu suchen sein, auf welch letzterem ja auch erhebliche Mengen Mehl lagerten. Es gehörte zu Georgs regelmäßigen Arbeiten, Mausefallen aufzustellen und zu überwachen, was der alte Folkerts wegen seiner schlechten Augen nicht erledigen konnte. Er half Georg, indem er die tote Beute in einem Sack fortschaffte; wohin wusste niemand, und es wurde auch nicht danach gefragt, doch Georg hatte erfahren, daß für erlegte Mäuse und Ratten Prämien gezahlt wurden.

Das einfachste wäre natürlich zunächst gewesen, eine gefräßige Katze anzuschaffen, aber wenn Schultz irgendein Geschöpf Gottes hasste, dann war es die Katze. Er hielt sie für menschenfeindlich und für ein verwunschenes Wesen, weshalb sie, ebenso wie die schwarzen Raben, zu den Gesellen von Hexen gehörte. Wie jeder Geschäftsmann, der die Wechselhaftigkeit des Schicksals kennt und fürchtet, war er abergläubisch und versuchte, alles fernzuhalten, was einen unerklärlichen und unberechenbaren Einfluss auf ihn haben könnte. Eines Tages saß dennoch und ausgerechnet eine Katze auf seinem Hof, ließ sich durch nichts stören und tat so, als wäre sie schon immer hier zu Hause gewesen.

Deshalb ließ sie sich auch nur widerwillig, ja wie es schien, mit dem Ausdruck der größten Verwunderung vertreiben. Der Hausherr selber rückte ihr mit dem Besen zu Leibe, und als er einen Treffer auf ihrem Hintern landen konnte, fühlte er sich erleichtert wie nach der Auflösung eines Fluches. Wie sich herausstellte, hatte Jasper Wedels die Katze besorgt, der freilich nichts von Schultzens Aversion wusste. Der alte Folkerts meinte, es sei unsinnig, Mausefallen aufzustellen und zugleich die Katze zu verjagen und er überredete Georg dazu, einige der Fallen nicht scharf zu machen, er werde dafür sorgen, daß die Katze Schultz nicht unter die Augen kommt.

Georg säuberte auf dem Hof gerade einige Ballonflaschen, als er von der Rückseite her einen Mann das Grundstück betreten sah. Er war kaum größer als der Bretterzaun und trug eine Dienstkleidung. Anstatt zu grüßen oder näherzukommen, schien er sich für das Gelände diesseits und jenseits der Begrenzung zu interessieren und untersuchte die Beschaffenheit des Bodens, indem er mehrmals fest mit den Füßen auftrat, als wollte er darunterliegende Hohlräume aufspüren. Folkerts kam aus dem Lager, und als er den Mann sah, sagte er "Was will denn der Udel hier?" "Wer?" "Der Schutzmann, was macht der?" "Keine Ahnung, ist vor 'ner Weile hereingekommen, hat vielleicht was verloren." "Hier hat keiner nichts verloren, der nichts zu suchen hat. War das Tor nicht abgeschlossen?" Georg zuckte die Schultern.

Folkerts rief ihm zu "Gu'n Tach auch, Herr Hauptwachtmeister, kann ich was für Sie tun?" Der andere kam heran. "Tach Folkerts", sagte er, hielt die Hände auf dem Rücken, wippte einmal auf den Zehen und blickte ihn bedeutungsvoll an. "Louis, du bist das. Hätte ich mir die Förmlichkeit sparen können." "Ist auch nicht korrekt, ich bin nämlich Oberwachtmeister." "Oh ha, kommt das darunter oder darüber? Was verschlägt dich denn zu deinem Schwager Schultz?" "Die Pflichterfüllung, mein Lieber. Ist er da?" Folkerts schickte Georg nach Schultz, und der begrüßte seinen Schwager Louis nicht gerade überschwänglich. "Wie ich sehe, hast du eine neue Uniform?" "Nein, es ist noch die alte. Muss auch noch ein bisschen halten", erwiderte Louis, und man konnte sehen, daß es ihn wurmte, sich keine neue leisten zu können. "Dann hast du sie ja wieder ganz schön sauber gekriegt, wenn es stimmt, was man sich erzählt, daß du dich letztens auf dem Heiliggeistfeld im Schlamm gesuhlt hast." Schultz sagte das offenbar, um jedes wie auch immer geartete Anliegen des Schwagers von vornherein abzuschmettern. Louis regte sich nur ganz unmerklich darüber auf und entgegnete "Es ist von mehreren Seiten bewiesen worden, daß nicht ich die Person war, um die es sich dabei handelte. Aber ich bin nicht wegen irgendwelcher Gegendarstellungen gekommen." "Selbstverständlich nicht. Und weshalb dann?"

Louis holte mit seiner Rede etwas weiter aus und klärte die anderen darüber auf, daß die Senatsverwaltung eine Wegebaukommission ins Leben gerufen habe, die sich mit den Zuständen bezüglich der Fäkalienbeseitigung und dem Verlauf von Abwasserleitungen befasst und Pläne für eine Kanalisation unter jenen Stadtteilen erarbeitet, die für einen Probebetrieb vorgesehen waren. Zu diesem Zweck sei auch bereits ein englischer Ingenieur engagiert worden, der sich mit ähnlichen Projekten in London einen Namen gemacht hat und als der Erfinder des Wasserklosetts gilt. "Und was hat das alles mit uns zu tun?", fragte Schultz. Louis antwortete mit gewichtiger Miene. "Es werden Voruntersuchungen und Bestandsaufnahmen durchzuführen sein, die eine genaue Überprüfung der bestehenden Situation erforderlich machen." "Louis, wovon redest du? Willst du dir unsern Abort ansehen?" "Unsinn, hier geht es um weit mehr. Ich bin beauftragt, gewissen Hinweisen auf unterirdische, natürliche Siele nachzugehen."

"Warum gerade hier?", fragte Folkerts. "Warum nicht? Wenn ich mich recht erinnere, gibt es hier einen alten Brunnenschacht. Von ihm aus könnte eine Verbindung zum Kanal dort hinten bestehen." "Was würde das bedeuten?", fragte Schultz. "Zum einen ist das ein Lebensraum für die Ratten und Schädlinge aller Art, die unverzüglich zu liquidieren sind. Zum anderen müssen wir über solche Sickerschleusen Bescheid wissen, um eine Fehlleitung von Abwässern zu verhindern." Louis machte eine Pause und holte tief Luft. "Meine Güte, Schwager, du scheinst darin ja richtig bewandert zu sein", sagte Schultz. Georg musste lachen wegen der Doppeldeutigkeit von Schultz' Worten, und Louis sagte "Man gibt sich alle Mühe, den Aufgaben des Dienstes gerecht zu werden, vor allem, wenn Aussicht auf Beförderung besteht."

"Also, was sollen wir nun tun?", meinte Folkerts und fügte hinzu "Es gibt diesen Schacht noch, aber er ist seit Jahr und Tag dichtgemacht." "Wir müssen zuerst herausfinden, ob er einen Abfluss zum Kanal hat." "Hat jemand eine Idee, wie wir das machen?" "Wir schütten einfach was hinein und gucken, ob es am Kanal wieder herauskommt." "Was denn?" "Zum Beispiel Kartoffelschalen." "Die schwimmen nicht." "Natürlich schwimmen die." "Aber dann bleiben sie irgendwo hängen, du weißt nicht, wie es da unten aussieht. Oder die Ratten stürzen sich drauf. Es muss irgendwas Unverwertbares sein." "Soll ich mal hineinpinkeln?", sagte Schultz lachend. "Auf keinen Fall, das würde die Lage nur noch verschlimmern." "Das bisschen."

Georg sagte "Der Vorschlag ist gar nicht so schlecht, es müsste eine farbige Flüssigkeit sein, die aber völlig neutral ist." "Was meinst du mit neutral?" "Ohne schädliche Nebenwirkung." "Früher habe ich öfter mal da hinten auf die Disteln gepinkelt, und nach einiger Zeit ..." "Christoph Daniel, kannst du bitte damit aufhören. Der Junge hat Recht. Wir nehmen einen Eimer Wasser und kippen einen Becher voll ... na was nehmen wir ..." "Einfach schwarze Tinte." "Sehr gut, einen Becher Tinte dazu, und das ganze in den Brunnen." "Da muss aber vorher einer zum Kanal und aufpassen, was 'rauskommt." "Am besten zwei, Folkerts und du, Junge, ihr nehmt hinten euren Posten ein. Wir leiten hier die Maßnahme in die Wege."

So taten sie. Nachdem der Steindeckel vom Brunnenschacht beiseite geschoben und der Eimer vorbereitet war, wurden die beiden zum Kanal abkommandiert. Durch einen Pfiff sollten sie Bescheid geben, wenn sie dort sind. Ein weiterer Pfiff vom Hof bedeutete das Einleiten des Kontrollabwassers, während ein doppelter Pfiff anzeigte, daß die Tinte in den Kanal fließt. "So eine Pfeiferei" meinte Folkerts. "Was ist, wenn nichts ankommt?" "Dann entfällt der Doppelpfiff." "Aber wie lange sollen wir da ausharren?" "Das kommt darauf an, welchen Weg das Wasser unter der Erde nimmt", erwiderte Louis etwas nachdenklich. Dann sagte er "Aber dafür habe ich ja auch zwei Mann hingeschickt, da kann einer herkommen und mir Bericht erstatten, ohne daß der Beobachtungsposten aufgegeben werden muss." "Wirklich beeindruckend. Du solltest dich danach gleich bei der Casparus Bastion vorstellen", sagte Schultz. Louis, der die feine Ironie nicht bemerkte, sagte "Erst mal sehen, wie sich die Dinge hier entwickeln".

Georg und Folkerts vertrieben sich die Zeit damit, daß dieser lauter alte Geschichten aus der Firma erzählte, und nach zwei Stunden bekamen sie Hunger, und Georg sagte "Ich gehe nach vorn und hole uns was". Auf dem Hof war niemand zu sehen. Louis und Schultz saßen in dessen Büro und probierten einen Teefilter aus, der neu ins Angebot aufgenommen worden war. "Ich habe erst gedacht, die Löcher wären zu groß, aber wenn die Teeblätter aufgebrüht sind, passen sie nicht mehr durch." "Habe ich auch gedacht", sagte Louis, und als er Georg sah, fragte er "Gibt's was Neues?" "Nein, nichts Neues." Er packte etwas Brot und Wurst, zwei Äpfel und eine Kanne mit hellem Bier in einen Korb und ging zu Folkerts zurück.

Waren Sie eigentlich mal verheiratet?", fragte Georg Folkerts, als sie gemütlich am Kanalufer saßen und darauf warteten, daß die Tinte zum Vorschein kommt. "War ich. Aber meine Frau ist mit einem anderen durchgebrannt." "Das tut mir leid." "Mir nicht. Ich gebe dir einen Rat, Junge. Bevor du heiratest, schau dir genau die Familie von der Frau an und vor allem die Mutter. So wie die Mutter ist, wird die Tochter auch, egal ob sie dich heiratet oder den König von England. Es ist nur eine ewige Wiederholung von der Mutter auf die Tochter. Es ist, wie wenn man einen großen Stein vorwärts wälzt, er kippt immer von einer Seite auf die andere, und mal liegt die Seite oben, mal jene, aber es bleibt ein und derselbe Stein." Am späten Nachmittag sagte Folkerts "Ich denke, wir geben jetzt unseren Posten auf, was meinst du?" "Das wird die Kanalisation von Hamburg um Jahre verzögern." "Schon möglich. Aber nicht meinen Feierabend."

Zwei Tage später kam Jasper Wedels, der Milchmann aus der Nachbarschaft, zu Schultz ins Büro, und zwar zu einer unüblichen Vormittagsstunde. "Wie geht's, Jasper?" Er druckste herum. "Hast du jetzt nicht normal Ladenzeit?" "Habe geschlossen." "Geschlossen?" "Vielleicht für immer." "Was ist denn los? Trink erst mal einen Schnaps." Jasper leerte das Glas, seufzte tief und sah den anderen traurig an. "Schultz, ich glaube, ich bin todsterbenskrank." "Du und krank? Das ist nicht vorgekommen, solange ich dich kenne." "Aber jetzt ist es soweit." "Und wie macht sich das bemerkbar?" "Kann ich offen mit dir sprechen?" "Über alles." "Also: gestern habe ich auf dem Abort gesessen, so gegen fünfe nachmittags, das ist immer meine Zeit, der Doktor sagt ja, man soll seine feste Zeiten haben. War auch alles wie gewöhnlich, dachte ich.

Aber wie ich da noch einen letzten Blick darauf werfe, das mache ich auch immer, denn der Doktor sagt, man soll immer wissen, wie das aussieht, was hinten 'rauskommt, da trifft mich fast der Schlag: alles schwarz im Abortsloch, so schwarz wie aus dem Leib eines Pestkranken, 'n schwarzer Haufen in pechschwarzem Urin." "Ja ja, ich versteh' schon." "Und wie ich das gewahre, da wird mir auf einmal auch noch ganz schwarz vor Augen, und ich hab' mich gleich hingelegt und wollte schon nach dem Pastor rufen. Dann dachte ich, wartest erst noch mal ab, denn der Doktor sagt, man muss einen Befund immer bestätigen. Na ja, und jetzt müsste ich mal dringend, aber ich trau' mich nicht. Wenn es nun immer noch schwarz ist, dann ist es das unweigerliche Ende von Jasper Wedels. Und das schlimmste ist, daß ich nicht erfahren werde, woran ich gestorben bin."

Schultz überlegte. Wenn Jaspers schreckliche Entdeckung nun im Zusammenhang stand mit der Tinte, die sie gestern in den alten Brunnen geschüttet hatten? Und wenn ein unterirdischer Siel, wie ihn Louis vermutete, nicht zum Kanal, sondern auf das Nachbargrundstück und direkt in Jaspers Abort führte? Eine solche Verbindung wäre für die Wegebau Kommission, von der Louis gesprochen hatte, natürlich ein Vorwand, um den Boden auf Schultz Hof noch genauer zu untersuchen. Andererseits konnte Jasper tatsächlich schwer krank sein und sterben, und über Krankheit und Tod würde sich der Schleier des Schweigens legen. Auf jeden Fall musste sich Jasper selbst Gewissheit verschaffen, und Schultz würde ihm Hoffnung geben können, wenn er ihn einweihte.

Daher berichtete er ihm von dem Experiment am vorherigen Tag und von dem negativen Ergebnis. Jasper war fassungslos. "Das ist ja furchtbar. Wenn eine solche Verbindung besteht, können x-beliebige Krankheiten sich überallhin ausbreiten und man kann sich schon anstecken, wenn man nur auf dem Abort sitzt." "Hör' zu Jasper. Es ist nicht gesagt, daß es die Tinte war, die bei dir aufgetaucht ist. Du könntest ebensogut die Cholera haben." "Oh mein Gott", jammerte Jasper. "Du musst es unbedingt ein zweites Mal überprüfen. Geh' bei uns auf den Abort, ich nehme es in Kauf, wenn du ihn verseuchst, wenn wir dann nur wissen, woran wir sind." "Du hast Recht, ich muss es tun." "Und bedenke", sagte Schultz, "wenn das mit dem Verbindungssiel zutrifft, dann bist du gesund. Aber dann müssen wir darüber absolutes Stillschweigen vereinbaren, denn wenn es mein Schwager erfährt, kommen die von der Stadtbehörde her und verwandeln unsere beiden Grundstücke in eine Sandgrube und wir werden uns hier nicht mehr frei bewegen können."

"Stimmt. Also lieber gesund und frei als ... gesund und ehrlich, ach was, Unsinn, wo ist dein Abort?" "Gib' mir für alle Fälle den Schlüssel von deinem Laden." "Wozu?" "Ich meine, wenn du nun doch ... wider Erwarten ... ich würde dann alles für dich regeln." "Oh mein Gott." Dann fasste sich Jasper, gab Schultz den Schlüssel und schritt wie ein Unschuldiger zur Guillotine respektive Latrine. Natürlich war alles in Ordnung, und Jasper Wedels freute sich, als wäre er neu geboren worden. Er nahm den Schlüssel wieder an sich, verschwand in seinem Laden, den er gleich darauf mit Getöse öffnete, und über das Geheimnis der unterirdischen Kanäle wurde nie wieder gesprochen. Nachdem sich die ganze Aufregung gelegt hatte, verkündete Schultz, man werde einen Hund anschaffen, der Haus und Hof hüten und vor schädlichem Getier und unerwünschten Besuchern schützen soll.

Eines Tages wurde Georg mit einem Auftrag in die Innenstadt geschickt, es war eine Bestellung aufzugeben und eine Rechnung persönlich zu überbringen, und Schultz hatte Georg damit betraut, was er zu manchen Zeiten häufig tat und wobei es Georg so vorkam, als sei der Chef einfach zu faul, sich aus dem Haus zu bewegen. Immerhin schrieb er für Georg zu diesem Zweck eine Vollmacht, mit der er sich fast wie ein regulärer Angestellter fühlen konnte. Er war manchmal froh, aus dem Geschäft herauszukommen und vor allem aus dem Warenlager, wenn ihm dort die Luft zu dick wurde. Man musste sich auch mal von Poppe Folkerts erholen, der einen unermüdlich auf Trab hielt. Dabei tat er das keineswegs, um Georg zu schikanieren, vielmehr dachte er, er dürfe dem Jungen in seinem jugendlichen Eifer nicht nachstehen; dabei hätte Georg sich auch ganz gern mal für ein Weilchen in eine Ecke verdrückt und alle viere grade sein lassen.

Die Botengänge außer Haus ließen ihn in der Stadt herumkommen, und so gut er sich auch einprägte, wo er gewesen war, musste er doch jedesmal wieder feststellen, daß er gerade mal ein paar Straßenzüge kannte, sich in einigen wenigen Vierteln umgesehen hatte und kaum einen Platz oder eine Brücke auf Anhieb wiederfinden würde. Aber die Verwirrung und sogar die vorübergehende Orientierungslosigkeit, die ihn anfangs mitunter befielen, hatte er irgendwann überwunden. Wenn er sich doch einmal hoffnungslos verlaufen hatte, behielt er die Ruhe und tatsächlich hatte er, meistens anhand der Fleete, Kanäle und natürlich der markanten Kirchturmspitzen, stets irgendwann wieder zurückgefunden, auch wenn es darüber Abend geworden war. Nach und nach wurden ihm Straßen, Häuserzüge, Brücken und Promenaden vertraut, er wusste, wo die Hohen Bleichen waren und der Concerthof, er kannte den Holzdamm und die ganze Westseite des Kuhberges, die Kurze Twiete und die Häuser beim Schaartor.

Nur den Hafen mit seinen unzähligen Anlegestellen, schmalen und breiten Verbindungskanälen, den Zufahrtstraßen mit den Speichergebäuden zu Seiten, hunderten von Lagerschuppen, kleinen Schiffbauhütten, Werkstätten und Häusern von irgendwelchen Hafenbehörden oder ausländischen Firmen, ganz zu schweigen von dem Heer der Schiffe und Boote, die wie von überirdischer Hand gelenkt ihren Weg suchten und fanden, ohne sich dabei in die Quere zu kommen - diesen Hafen hatte Georg bisher nicht betreten, teils weil er nicht zugänglich war für Leute, die dort nichts zu suchen hatten, mehr aber noch deshalb, weil es nicht ungefährlich war, ohne einen kundigen Begleiter sich in dieses Labyrinth zu begeben, von dem es anscheinend keinen Plan gab, mit dem man wieder herausfinden würde.

Overbeck hatte einmal zu Georg gesagt, daß die meisten Personen, die in Hamburg spurlos verschwinden, zuletzt am Hafen gesehen worden waren. Allerdings, so hatte er hinzugefügt, sei das nicht verwunderlich, weil es nun mal der Ort wäre, von wo aus man die Stadt in alle Welt verlassen konnte. Dennoch reizte es Georg sehr, den Hafen zu erkunden, und er wartete nur darauf, daß er jemanden treffen würde, der ihm dabei behilflich wäre.

So war er vorerst weiterhin eine Landratte, und da er Schultzes Aufträge immer zügiger und auch ohne jede nachträgliche Beanstandung erfüllte, hatte er oft ausreichend Zeit und Muße für seine Spaziergänge. Es war aufregend, an den breiten, belebten Straßen entlang zu schlendern und sich in der bunten Menge treiben zu lassen. Elegante Damen in Begleitung geschniegelter Herren wandelten unter den schlanken Lindenbäumen, welche die Boulevards säumten. Vor den Läden mit den großen Schaufenstern standen Grüppchen von Frauen, die schnatterten und kicherten oder verstohlene Blicke auf die Kavaliere warfen, die scheinbar unbeirrt vorbei marschierten. Männer mit Hut und Stock und Zigarre schritten gemächlich dahin. Auf der Terrasse am Alsterufer verweilten Paare Hand in Hand und blickten versonnen zu den Segelbooten auf dem Wasser hinüber. Auf hohem Ross trabte ein Offizier respektvoll durch die Passanten. Überall standen Menschen zu zweit, zu dritt und plauderten miteinander. Georg beobachtete manchmal Männer, die inmitten des Gewimmels seelenruhig in ein Gespräch vertieft waren. Es schien ihm, als würden sie eine bedeutende philosophische Frage erörtern, und als er näher hinzutrat, hörte er, daß es sich um Börsenkurse drehte oder um einen Bekannten, der sein schmerzhaftes Furunkel am Hinterteil endlich losgeworden war. Es gab auch ärmliche Gestalten, Bettler, Stadtstreicher, die sich an den Häuserecken oder in den Eingängen zu den engen Gassen herumtrieben, und mitunter entstand eine kurze Aufregung, als ein Schutzmann ein paar kleine, zerlumpte Strolche verfolgte, die irgendwo etwas geklaut hatten.

Einmal hatte Georg in einer Firma bei der Neuen Brücke zu tun, und nachdem er dort alles erledigt hatte, machte er eine Runde durch die Seitenstraßen, vorbei an Buchhandlungen, Delikatessenläden, Friseuren, Schneidern und allen möglichen anderen Geschäften. Etwas abseits fiel ihm ein Schaufenster ins Auge, in dem Kunstgegenstände, Schmuck, Uhren und Porzellan ausgestellt waren, und als er seinen Blick darüber schweifen ließ, entdeckte er ein Schachspiel mit zierlichen Figuren aus Edelholz und Bernstein. Der Laden gehörte einem Juwelier und Pfandleiher, und da erinnerte sich Georg daran, daß Maximilian einmal erzählt hatte, dem alten Schultz wäre bei einem solchen Pfandleiher auf höchst zweifelhafte Weise sein schönes Schachspiel abhanden gekommen. Sollte es vielleicht eben dieses hier sein? War er ihm jetzt auf die Spur gekommen und könnte die Sache womöglich aufklären? Er beschloss, ganz wie ein gewöhnlicher Kunde hineinzugehen.

Ein Glöckchen bimmelte über der Tür, als er eintrat, und er musste seine Augen erst an das diffuse Licht im Innern gewöhnen, in dem scharenweise Staubkörnchen schwebten. Überall standen, lagen, hingen irgendwelche Raritäten herum, und es gab dazwischen kaum Platz, wo man sich noch durchzwängen konnte, ohne etwas umzustoßen oder herunter zu reißen. Viele Sachen hätte man wohl nur mit einer Angel erreicht. Regale ragten die Wände hoch bis zur Decke, vollgestopft mit allem, was auch nur im mindesten noch dazu taugte, Begehrlichkeit zu wecken. Tische mitten im Raum, auf denen sich Bücherstapel türmten, daneben Körbe voll Besteck, Gläser, zu waghalsigen Pyramiden verbaut, deren Spitzen sich den kunstvoll geschwungenen Leuchtern näherten, die von oben herab ihre Arme ausstreckten. Hier und da glänzte Metall oder spiegelte sich ein matter Lichtschein im Glas einer Vitrine oder auf einem vergoldeten Bilderrahmen. Im Hintergrund hustete jemand, und Georg erkannte in der Ecke einen alten Mann, der an einem Tischchen mit Schreibpult saß und sein Antlitz über ein winziges Buch senkte, das seine große Nase fast berührte. Von Zeit zu Zeit kamen aus seinem langen weißen Bart zwei dürre Finger hervorgekrochen und blätterten andächtig die Seiten um. Als er Georg bemerkte (die Türglocke hatte er offenbar nicht gehört), rief er ein paar Worte in das Hinterzimmer hinein, die Georg nicht verstand, aber es klang so unbeteiligt, als hätte ihn jemand nach der Uhrzeit gefragt.

"Ich möchte mich nur ein bisschen umschauen", sagte Georg, denn er meinte, einen Grund nennen zu müssen, warum er hereingekommen war. Es schien den Alten nicht im geringsten zu interessieren. Dann erschien in dem Durchgang, der wie ein kurzer Tunnel nach hinten führte, ein Junge. Er war etwa so alt wie Georg, einen Kopf größer und schlanker. Er trug eine schwarze Hose und eine schwarze Weste über einem weißen kragenlosen Hemd, dessen Ärmel bis über die Ellenbogen hochgekrempelt waren. Er hatte freundliche, dunkle Augen, eine schmale Nase und einen ebenso schmalen Mund mit kräftigroten Lippen. Er sagte etwas zu dem Alten, der nicht vom Buch aufsah und nur mit einer Handbewegung andeutete, daß er sich um den Kunden kümmern sollte.

Der Junge schien selbst zu wissen, was zu tun sei. "Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?", fragte er, und da Georg befürchtete, verdächtig zu wirken, wenn er sich nicht nach etwas Bestimmtem erkundigte, erwiderte er "Das Schachspiel, das im Schaufenster steht, kann ich mir das einmal ansehen?" "Selbstverständlich." Sie gingen zu der Auslage, und der Junge nahm das Spielbrett mit den Figuren vorsichtig heraus und stellte es auf ein Tischchen, das auffälligerweise frei war. Er sagte "Eine sehr feine Arbeit mit Bernstein von der Kurischen Nehrung und aus Cocobolo-Holz." "Wo wächst denn das?", fragte Georg, weil ihm nichts besseres einfiel. "In Mittelamerika, soviel ich weiß." Georg nahm einen Springer in die Hand und betrachtete ihn, er war nicht zu schwer und nicht zu leicht und hatte eine schmiegsame Form. Er stellte ihn zurück, und der Junge schob ihn auf ein anderes Feld. "Da hat er gestanden", meinte er lächelnd. "Oh, das habe ich nicht beachtet", sagte Georg, "ich möchte hier natürlich nichts durcheinander bringen." Der Junge hatte den feinen Spott bemerkt. "Da können Sie ganz unbesorgt sein, lediglich bei diesem Schachspiel muss alles so stehen bleiben, der Chef verlangt es."

Georg blickte zu dem Alten hinüber, und der murmelte etwas, worauf der Junge eine Antwort gab. "Was hat er gesagt?" "Er meint, wir sollen die Stellung ja nicht verändern." "Was ist daran Besonderes?" "Es ist ein Schachproblem, Schwarz zieht und gewinnt in vier Zügen, eine Aufgabe von Lopez de Liz, der schon vor fünfzig Jahren gestorben ist." "Ich verstehe, Ihr Vater grübelt immer noch darüber nach." "Er ist nicht mein Vater, aber das übrige stimmt." "Und dieser Lopez ..." "Lopez de Liz, er war eigentlich ein Musiker." "Hat er nur die Aufgabe gestellt oder auch die Lösung gegeben?" "Von ihm ist leider keine überliefert, vielleicht hat er sie nur nicht aufgeschrieben." Georg schaute auf das Spiel. Es war lange her, daß er zuletzt eine Partie gespielt hatte, aber man verlernte es nicht, und er probierte im Kopf ein paar Züge aus, während der Junge geduldig daneben stand.

"Und wenn es keine gibt?", fragte Georg. Der Junge schien überrascht, dann sagte er viel leiser "Es gibt mindestens eine Lösung." Er machte vier Züge mit den schwarzen und drei Gegenzüge mit den weißen Figuren, wobei ein schwarzer Läufer und ein weißer Bauer geschlagen wurden. "Schach matt", sagte er leise. Georg staunte. "Du ... Sie kennen die Lösung?" Der Junge stellte die Figuren wieder in der alten Ordnung auf und sagte dabei "Klar. Aber ich verrate sie ihm nicht, soll er ruhig ein bisschen nachdenken, das hält den Geist wach, und es ist nicht ausgeschlossen, daß er eine andere findet. Du kannst übrigens 'du' zu mir sagen."

Georg zögerte, immerhin kannten sie sich grade mal zehn Minuten, und er hatte eigentlich nicht vor, noch einmal in diesen Laden zu kommen. Weshalb war der Junge so vertrauensselig? Georg musste zugeben, daß er nicht unsympathisch war, und trotz seiner Geheimnistuerei gegenüber dem Alten machte er einen offenherzigen Eindruck. Dann fiel ihm ein, daß er nach Schultzes Schachspiel fahnden wollte; das hier konnte es nicht sein, denn Maximilian hatte etwas von Elfenbeinfiguren erzählt; vielleicht hatten sie noch andere.

"Also was ist?", sagte der andere und hielt ihm die Hand hin, "Ich heiße Stanislaus Szeysigk." "Georg Heinrich Kanoldt. Du heißt Zeisig wie der Vogel?" "Wieso wie der Vogel? Bist du etwa nach einem Vogel benannt, der 'Kanolt' heißt?" "Bei uns gibt es keinen Vogel mit solchem Namen." "Ich komme aus Polen, da heißt auch kein Vogel Szeysigk." "Aha. Dann war das Polnisch, was ihr vorhin gesprochen habt?" "Nur zu einem geringen Teil. Efraim spricht Hebräisch, aber das beherrsche ich nicht so gut, deswegen rede ich Jiddisch und ein bisschen Polnisch mit ihm, das versteht er. Komm' mit nach hinten, ich zeige dir etwas, das dich sicher interessieren wird." Stanislaus sagte etwas zu dem alten Efraim, der sogar von seinem Buch aufschaute und teilnahmsvoll nickte. "Ich habe ihm erzählt, daß man in Deutschland eine Vogelart nach mir benannt hat", meinte er zu Georg.

Das Hinterzimmer hatte an der Stirnseite ein Fenster, das zu einem abgeschiedenen Garten wies, und man konnte meinen, man befände sich auf dem Land, so sehr unterschied sich die Atmosphäre von der der Straßenseite. An der einen Wand erstreckte sich über die ganze Länge ein Tisch, auf dem Bücherstapel, Kästen und Zeichenwerkzeuge, darunter ein Zirkel und ein Winkelmaß aus Messing lagen. Außerdem stand darauf ein Samowar wie eine große metallene Birne. Gegenüber des Tisches erhob sich ein schlichtes, doch stabiles Holzregal, das hauptsächlich mit Büchern gefüllt war, in dem aber auch diverse andere Objekte aufbewahrt waren, zum Beispiel eine ausgestopfte Möwe, die einen sehr lebendigen Eindruck machte, als würde sie demjenigen am Tisch bei seiner Beschäftigung zugucken.

"Bist du hier der Buchhalter?", fragte Georg, und Stanislaus sagte "Wenn man so will, ja. Aber da gibt es nicht viel zu tun, wir haben überwiegend Stammkunden, die regelmäßig kommen, um sich Geld zu beschaffen oder ihre Sachen wieder auszulösen, wenn sie es rechtzeitig schaffen." Georg fragte geradeheraus "Kennst du einen Christoph Daniel Schultz?" "Nein, ich glaube nicht, was ist mit ihm?" "Angeblich hat er auch mal ein Schachspiel zu einem Pfandleiher gebracht, zum Schätzen." "Es gibt außer uns noch andere in der Stadt." "Natürlich. Was willst du mir zeigen?" "Das da." Stanislaus deutete auf einen Apparat auf dem Tisch, der aussah wie ein kleines umgedrehtes Fernrohr, das in einem Gestell befestigt war und auf drei geschwungenen Beinchen stand, die am Ende winzige Löwenpranken hatten.

"Es ist ein Mikroskop, mit dem man kleinste Dinge in der Vergrößerung betrachten kann. Jemand hat es hergebracht, es war beschädigt, genau gesagt, die Optik hatte einen Fehler wegen einer zerkratzten Linse." "Wie funktioniert das?" "In dem Tubus sind Glaslinsen übereinander angeordnet, die die Lichtstrahlen bündeln und auf ein Abbild fixieren. Ich habe es erst mal repariert." "So was kannst du?" "Es gibt Bücher, in denen beschrieben ist, was für Linsen man braucht und auch, wie man sie herstellt. Aber geschliffen habe ich sie nicht selber."

Georg schaute oben in das Okular hinein. Stanislaus sagte "So sieht man nicht viel." "Eine schwarze Scheibe - der Kosmos in seiner natürlichen Gestalt", meinte Georg belustigt. "Ja, im Grunde ist es nichts anderes als ein Himmelsfernrohr, sozusagen in die andere Richtung." "In die Hölle?" "Das nun leider nicht, oder glaubst du, daß man bei Efraim Eibenschitz im Hinterzimmer einen Blick in die Hölle werfen kann. Dann hätte ich längst Eintritt dafür verlangt."

Die Türglocke im Laden schellte. "Entschuldige mich einen Augenblick", sagte Stanislaus und ging nach vorn. Georg blickte noch mal durch das Mikroskop, es war immer noch alles dunkel. Er sah, daß unter dem Tubus zwei hauchdünne Glasscheibchen eingeschoben waren, aber er konnte an ihnen nichts weiter feststellen. Ein Schatten, der über den Tisch hinweg huschte, lenkte ihn ab. Draußen auf das Fensterbrett war eine schwarze Katze gesprungen, die aus einem Auge hereinschaute und Georg musterte, als forderte sie ihn auf, sich gefälligst vorzustellen. Ihr zweites Auge war ausgehöhlt und gab ihr einen gruseligen Gesichtsausdruck.

Stanislaus kam zurück und warf ein dickes Buch auf den Tisch. "Das war der Lilienthal mit seiner Tochter, hat nur was abgegeben. Meine Herren, diese Rachel Lilienthal, die läuft bald den schönsten Mädchen den Rang ab, ich kann ihr gar nicht in die Augen sehen, ohne rot zu werden. Was macht denn das Mistvieh da wieder am Fenster." Er schlug gegen die Scheibe, und die Katze machte einen Satz in den Garten. "So also pass' auf, man muss es von unten durchleuchten, dann sieht man auch was." "Du hast da irgendwas dazwischen geklemmt." "Genau, du wirst staunen."

Er stellte eine kleine Vorrichtung mit einem Licht und zwei Taschenspiegeln unter das Mikroskop und rückte und drehte dann alles zurecht, während er immer wieder prüfend hineinsah. "Bitte sehr", sagte er, und Georg hielt das Auge daran. "Das ist ja putzig, es fließt wie ein Bach." "Kannst du was erkennen?" "Nicht so richtig." "Du darfst nicht dranstoßen, dann verwackelt es."

Er richtete es erneut ein, und dann sah Georg klitzekleine, schlangenförmige Wesen, die sich wild durcheinander bewegten. Sie waren hell und fast durchscheinend, und man konnte deutlich einen blanken Kopf und den Schwanz wie ein Stück Faden ausmachen; es waren hunderte auf einem einzigen Fleck, der in Wirklichkeit nicht größer war als ein Pfennigstück. Sie ähnelten Würmern, waren aber viel schöner von Gestalt, fast elegant und in ihrer Nacktheit sehr rein. "Das sind Spermazoidien", sagte Stanislaus. "Spermazo... was?" Das Wort kam Georg bekannt vor, irgendwann früher hatte er es schon gehört, dann erinnerte er sich wieder. "Das hat was mit Samen zu tun?" "Genau, es sind Samenfäden."

Georg heftete wieder das Auge ans Okular. "Sie leben." "Wenn sie tot wären, könnten sie sich wohl kaum so schnell bewegen." "Das sieht lustig aus, sie sind ganz schön aufgeregt, wie wenn sie was unternehmen wollen, oder nein, sie haben einen riesenhaften Hunger, und einer hat gerufen, da vorn, Leute, gibt's was zu futtern!" "Ja, so kann man es auch beschreiben." "Wo hast du sie her?", fragte Georg, ohne den Blick vom Mikroskop zu wenden. "Wie, woher? Es sind meine eigenen." "Ja, ich meine, von welchem Tier stammen sie." "Erlaube mal, Georg, das ist mein Samen, bin ich ein Tier?" Georg fuhr herum und sah Stanislaus erstaunt an. "Du meinst, du hast ihn dir selber ..." Er schaute unwillkürlich auf Stanislaus' Hände.

"Man kann sie eine ganze Weile frisch halten mit einem Eisbeutel. Was guckst du so? Kommt dir daran etwas seltsam vor? Es handelt sich um ein wissenschaftliches Präparat für wissenschaftliche Untersuchungen." "Kommst du deswegen nicht in Verruf?" Georg warf einen verstohlenen Blick in den Laden, wo Efraim in der Ecke saß. "Ich meine, manche Leute halten es für eine sündhafte Handlung." "Wenn man onaniert?" Georg nickte. "Es kommt immer darauf an, mit welchen Hintergedanken man etwas macht. In diesem Fall denkt man daran, daß man ein Objekt zur Erforschung braucht, durch die man zu neuen Erkenntnissen gelangen kann, hätte ich jemand anderen darum bitten sollen?" "Du hast recht, jeder ist sich selbst der Nächste", sagte Georg, und sie mussten beide lachen. Stanislaus legte sogar die Hand auf Georgs Schulter, und er sah, daß sie sehr gepflegt war, mit glatter Haut und akkurat geschnittenen Fingernägeln, deren weiße Halbmöndchen sanft schimmerten.

"Und du hast dabei nicht an diese Rachel gedacht?", meinte Georg. "Hälst du mich bloß für einen geilen Lüstling? Auf mein Ehrenwort: nein." "Würde mir genauso gehen." "Das glaube ich dir. Weißt du, als ich dich vorhin gesehen habe, dachte ich gleich, das ist jemand, dem man trauen kann, ich habe es an deinen Augen gesehen." Georg wollte einwenden, daß er hereingekommen war, um zu spionieren, aber er hatte es ja schließlich nicht getan, und er fragte stattdessen "Und welche Erkenntnisse hast du nun bereits gewonnen?" "Die Bestätigung dessen, was in der Kabbala geschrieben steht." "Das ist so eine Art Bibel, nicht wahr?" "Eine Sammlung von Texten über die jüdische Mystik."

"Einen Mystiker gab es bei uns in Thüringen auch, in der Nähe von Gotha, wo ich wohne. Er hat in Erfurt gelebt und hieß Meister Eckhart." "Ach ja? Worüber hat er geschrieben?" "Über Jesus Christus, glaube ich, und über das Evangelium. Ich habe selbst nichts von ihm gelesen, aber man sagt, er wäre manchmal ziemlich schwer verständlich." "Ich verstehe auch nicht immer gleich alles, oft hilft mir Efraim." "Weiß er auch von deinen ... na ja ... Experimenten?" Stanislaus schüttelte den Kopf. "Nein, das sind meine eigenen Wege der Weisheit, die ich beschreite." Georg hatte vorher noch nie jemand so reden hören, und schon gar nicht, wenn es etwas mit "dieser Sache" zu tun hatte.

Stanislaus hatte ein Buch zur Hand genommen und bei einem Lesezeichen aufgeschlagen. "Das ist das Buch Sohar", sagte er. "Man nennt es auch das Buch der Geheimnisse oder des Gleichgewichts. Ein Gleichgewicht, dessen Waage an einem Ort hängt, den es nicht gibt." "Das steht da?" "Ja. Hier sieh nur." "Das klingt gut." Stanislaus blätterte weiter und suchte eine Stelle. "Hier hinten ist dann alles genau beschrieben, ah, hier, pass' auf: Alles Verlangen des Mannes strebt nach der Frau. Diese aber wird weiblich genannt, weil von ihr der Segen für alle Welten ausgeht und alles von ihr Segen empfängt. Jener Ort heißt das Allerheiligste, und alle männlichen Heiligkeiten treten dort gleichsam durch Jesod - das bedeutet Grund oder Fundament, sagte Stanislaus - durch Jesod hinein. Sie alle aber kommen von dem oberen Haupt, der männlichen Hirnschale - er hielt den Finger an seinen Kopf - von der Seite des oberen Gehirns, wo sie ihren Sitz haben. Und dieser Segen strömt durch alle Glieder des Körpers - er ließ seine Hand an seinem Oberkörper hinabgleiten bis zur Scham und zeigte bei den folgenden Worten auf das Mikroskop - bis zu jenen, welche Heerscharen heißen. Und der ganze Strom, der den Körper durchflossen hat, sammelt sich dort. Deshalb spricht man von Heerscharen, weil Scharen von oben und unten dort herausfließen. Der Ausfluss, der sich dort sammelt und durch das heilige Jesod hinausfließt, ist ganz weiß und heißt deshalb Gnade." Stanislaus sah Georg beinahe verzückt an, und Georg war sprachlos.

Dann ging er zu dem Mikroskop und schaute hindurch. "Es ist alles so, wie es da geschrieben steht, der heilige Joseph ..." "Jesod" "... er sammelt sich und fließt aus dem Körper und ist ganz weiß. Wie hast du das gefunden?", fragte Georg und meinte die Textstelle. "Ich habe nach einer Erklärung gesucht, das ist alles. Wenn man es unter dem Mikroskop betrachtet, muss man sich doch fragen: Was ist das und welchen Grund gibt es dafür?" "Und der Grund ist Jesod." "Ja. Und Jesod ist der Grund." Dann fragte Georg "Sag' mal, dieser Ausfluss, von dem da die Rede ist, hat das etwas damit zu tun, was einem manchmal, ich meine, wenn man nachts im Schlaf, im Traum ..." "Wenn es zu einer unwillkürlichen Ejakulation kommt?" Georg nickte, obwohl er das Wort bis jetzt nicht kannte. "Von der Substanz her ist es dasselbe." "Aber es ist keine Frau da, die es empfängt." "Nein. Es ist ja auch kein Ort da, wo die Waage des Gleichgewichts hängt. Dinge müssen zusammen kommen, damit etwas entsteht, für sich allein genommen, ist ein Jedes nur ein Bestandteil." "Ein Fragment?" "Ich denke, ein Fragment ist etwas, das nie mehr ein Ganzes wird, während ein Bestandteil sich durchaus wieder mit seinem Fehlenden zu vereinigen vermag.

"Ich glaube, das ist mir noch ein bisschen zu hoch." "So so, nur ein bisschen", lachte Stanislaus. "Ich werde darüber nachdenken." "Mach' das." Die Türglocke bimmelte und ein Kunde betrat den Laden. "Ich muss wieder was für's Geschäft tun." "Ja, ich muss auch wieder los." "Kommst du mal wieder vorbei? Ich würde mich freuen. Ich habe einen Freund, den Adam Probst, er arbeitet im Hafen und hat an der Elbe flussabwärts auch ein Boot liegen, wir könnten etwas gemeinsam unternehmen." "Sehr gern." "Ich bin jeden Tag hier anzutreffen, und ansonsten weiß Efraim, wo ich zu finden bin." "In Ordnung. Dann bis bald." "Ja bis bald."

Georg grüßte im Hinausgehen auch den Alten, der unmerklich zurück nickte. Als er auf der Straße stand, schwirrte ihm der Kopf von allem, was er da drinnen erlebt hatte. Er ging langsam in Richtung Wandsbeker Graben und versuchte, sich dabei etwas zu zerstreuen, was ihm auch gelang. Trotzdem fielen ihm wieder die wunderlichen und dennoch seltsam schönen Worte und Sätze ein, die Stanislaus vorgelesen und gesagt hatte, und er fühlte eine tiefe Freude über diese unverhoffte Begegnung und die neugewonnene Bekanntschaft.

In den nächsten Wochen und Monaten nutzte er jede freie Zeit und jeden Auftrag, den er in der Stadt zu erfüllen hatte, um Stanislaus zu besuchen. Der empfing ihn jedesmal überglücklich, als hätten sie sich lange nicht gesehen. Oft behandelte Stanislaus ihn wie einen Bruder, dem man nichts verschweigen möchte. Ständig hatte er irgendwelche neuen wissenschaftlichen oder philosophischen Probleme in der Mangel, über die er sich Klarheit zu verschaffen suchte, und Georg gefiel es, wie unbefangen und dilettantisch er oft daranging und nichtsdestoweniger zu originellen Einsichten kam. Nicht immer war es Stanislaus möglich, sich mit Georg zu unterhalten, wenn ihn die Arbeit im Geschäft erforderte. Manchmal setzte sich Georg dann ins Hinterzimmer und blätterte selbst in den Büchern oder probierte an den Instrumenten herum.

Irgendwann, als der Freund einmal nicht da war, traute sich Georg auch, den alten Efraim zu fragen, und sie konnten sich recht und schlecht verständigen, wenn es auch Georg nicht viel weiter half, wenn er beispielsweise erfuhr, daß Stanislaus im pulkasch zu tun habe und erst nachmittags zurück käme. Wenn er gerade auf dem Sprung war, nahm er Georg mit, und der lernte dadurch noch weitere Stellen in der Stadt kennen, in die er sonst schwerlich gekommen wäre. "Ich bin auch kein Hamburger, wie du dir sicher denken kannst", sagte Stanislaus, "mein Vater ist Juwelier in Danzig, aber wir stammen aus Lemberg." "Dann hat dich dein Vater nach Hamburg zur Ausbildung geschickt, genau wie meiner mich?" "So ähnlich. Hast du etwas Zeit? Komm' mit, ich will dir was zeigen."

Diese Worte waren Georg schon geläufig, und diesmal entführte ihn Stanislaus zur Promenade auf dem Neuen Wall, wo man, wie er ihm zuflüsterte, die schönsten Mädchen flanieren sehen kann. Insbesondere die Damen der jüdischen Familien bevorzugten diesen Ort, und Stanislaus wusste genau über sie Bescheid. Da war die Esther Levin, die Tochter des Bankiers, die so entrückt und unnahbar wirkte, als wäre sie allein auf der Welt. Oder die hübsche Lea Rotberger, ganz das Gegenteil der anderen, lustig, ausgelassen, voll sprühender Lebensfreude. Frau Legationsrat Breslauer mit ihren beiden Töchtern an den Armen schritt einher, und vor allem der selige Blick von Judith, der jüngeren, hatte es Stanislaus angetan. Überhaupt, dachte Georg, so ganz rein wissenschaftlich war Stanislaus' Beschäftigung mit seinen geschlechtlichen Phänomenen vielleicht doch nicht.

Stanislaus schien ganz froh zu sein, daß Georg ihn begleitete, denn unter dem Anschein eines Gesprächs, das die beiden im Gehen führten, konnte er die anmutigen Grazien aus den Augenwinkeln heraus beobachten, ohne in Verdacht zu geraten, neugierig auf sie zu sein. Auch gegenüber Georg beteuerte er stets, er erfreue sich lediglich am Anblick der weiblichen Schönheit wie man das ja auch bei einem Gemälde von Rubens tun könne. Und auf die Frage, ob er eventuell auf der Suche nach seiner Zukünftigen sei, meinte er "Das hat seine Zeit. Für eine eigene Familie muss ein fester Grundstein gelegt werden, das hat mich mein Vater gelehrt. Ich bin jung und stehe noch am Anfang." "Und wie ist es mit der Liebe?", wollte Georg wissen. "An purer Wollust kann ich keinen Gefallen finden, und nach meiner Überzeugung sind die Frauen auch nicht dafür da, dem Mann Befriedigung zu verschaffen. Andererseits muss man zugeben, daß der Eros eines der wichtigsten Antriebsmomente für schöpferisches Tun ist."

Manchmal, am frühen Abend, standen sie am Stintfang und blickten auf die Elbe und den Hafen, auf die Schiffe und die Menschen, die scheinbar nie zur Ruhe kommen wollten. Stanislaus lehnte schweigend an dem Geländer und konnte alles um sich herum vergessen, und wenn Georg nach einer langen Unterbrechung das Gespräch wieder aufnahm, wandte sich Stanislaus verwundert zu ihm um und sagte "Du bist noch da?"

Bald lernte Georg auch Adam Probst kennen, einen jungen Hafenarbeiter, der in der Nähe des Nikolaifleets wohnte. Vom Äußeren war Adam ganz so, wie sich Georg einen Matrosen vorstellte: blondes, glattes, derbes Haar, ein breites Gesicht mit ein paar Sommersprossen und kräftigen Wangenknochen, himmelblaue Augen und einen Mund mit festen Lippen, der im Ausdruck entweder rauh wie die See oder lieblich wie die Morgensonne war, und wenn keines von beidem, dann konnte er ein verschmitztes Lächeln über das ganze Antlitz legen. Auch Adams Oberkörper war breit gebaut, seine Arme überzog ein Flaum rötlichblonder Haare, und seine Schritte schienen von Natur aus das Schwanken und Schlingern auf einem Schiff ausgleichen zu wollen, er bewegte sich stets wie auf Landgang.

Sein Händedruck hätte Georg fast die Knochen zerdrückt, aber trotz seiner Seebären Manier war er nicht grobschlächtig und hatte einen hellen und feinsinnigen Verstand, "von meiner Großmutter geerbt", wie er sagte. Über Stanislaus' metaphysische Theorien lachte er nur, ohne dabei verletzend zu sein. Ja, er bewunderte den anderen sogar auf seine Weise, hielt jedoch alles Geistige für unzulänglich und meinte, daß die schönsten Gedankengebäude von der nächstbesten Windböe der erbarmungslosen Wirklichkeit hinweggefegt würden, alle großartigen Ideen allenfalls im Traum bestehen könnten. "Habe ich das je geleugnet?", entgegnete Stanislaus. Sie waren sich im Grunde fast immer einig, nur daß sie sich sozusagen an zwei verschiedenen Enden eines Weges befanden. Sie ähnelten sich auch in ihrer Zielstrebigkeit und dem beharrlichen Bemühen, ihrem Leben Inhalt und Sinn zu geben, wobei Adam einfach mehr Wert auf die praktische Seite legte. Er baute schon seit Monaten an einem Boot, das sein ganzer Stolz war und das, wie Stanislaus seinerseits ironisch bemerkte, sein unvollendetes Lebenswerk sein würde. "Und wenn schon", meinte Adam, "es genügt, wenn es ein bisschen mehr fertig geworden ist."

Georg erfuhr, daß Stanislaus Geige spielen konnte, und Adam sagte "Wusstest du das nicht? Er hat es sich selbst beigebracht." "Ist das wahr? Du bist ein Genie." "Ach was. Entweder man hat es im Blut oder nicht. Entweder man kann es schon in der Wiege, oder der größte Meister wird es einem nicht beibringen können." Das klang zwar etwas überheblich, als Georg ihn dann jedoch spielen hörte, war er davon ganz hingerissen. Adam hatte gesagt "Na gut, ich wollte euch zum Angeln mitnehmen, aber wenn Georg deine Geigenkünste noch nicht kennt, wirst du wohl jetzt ein kleines Konzert geben müssen." Stanislaus willigte ein und spielte etwas von den Bach'schen Violinsonaten, das für Georg ein völlig neues und unvergleichliches Erlebnis war. Er bat Stanislaus immer noch um ein weiteres Stück, als glaubte er, es gäbe davon endlos viele. Adam benahm sich sehr rücksichtsvoll, wenn man auch erkennen konnte, daß es ihm schwerfiel stillzusitzen. Dann hatte er im Laden ein nautisches Instrument gefunden, mit dem er so leise wie möglich herumhantierte, während Georg wie gebannt auf dem Stuhl saß und Stanislaus sich immer tiefer in sein Spiel zu versenken schien.

Georg fühlte sich wohl in Gesellschaft der beiden, und es schien ihm nach kurzer Zeit so, als würde er sie seit langem kennen. Adam, der Hamburg wie seinen "Seesack" kannte, hatte immer einen guten Vorschlag parat, was man unternehmen könnte. An manchen Sonntagen, wenn das Wetter es erlaubte, holten sie Georg ab und zogen dann weiter die Wandse entlang ins Grüne, bis hinaus zum Schimmelmann'schen Schloss und suchten sich später ein Fuhrwerk, das sie wieder mit zurücknahm. Oder sie vergnügten sich auf einem Volksfest in Ohlsdorf, Barmbek, Eidelstedt und wie die Vororte alle hießen. Und Adam hatte auch alle paar Wochen eine neue urwüchsige Kneipe ausfindig gemacht, wo man sich mal wieder richtig einen hinter die Binde gießen konnte.

Schultz schickte Georg über Wochen hinweg regelmäßig in die Stadt zu einem emeritierten Professor der Ökonomie, der in seiner Wohnung Privatstunden gab und Georg auf dem Gebiet des Geld- und Währungswesens unterrichtete. Der Professor selbst mochte ein ganz interessanter Mann gewesen sein, sein Unterricht jedoch war langweilig wie nur irgendetwas. Georg hatte ein kleines Kaufmanns Buch mit ellenlangen Umrechnungstabellen der einzelnen Währungen in deutschen Landen bei sich, aus dem der Professor immer weitere und ermüdende Rechenexempel zog und mit schnarrender Stimme von einem winzigen Herzogtum zum anderen, von einer unbekannten Exklave zur nächsten sprang und dabei die Listen aller auf jenen Fleckchen deutscher Erde im Umlauf befindlicher Münzen referierte.

Insbesondere der Münzfuß, also die wertmäßige Zusammensetzung der Münze, ihr "Korn und Schrot" wie es der Professor nannte, war sein Spezialgebiet, und er hätte wohl stunden- ja tagelang damit zubringen können, den Zinnaischen Münzfuß vom Leipziger Achtzehnguldenfuß und diesen wiederum vom sogenannten Graumann'schen oder Einundzwanzigguldenfuß, der auch zugleich ein Vierzehntalerfuß war, zu unterscheiden. Adam, dem Georg von den vertrackten Berechnungen erzählte, meinte, mit so etwas könne sich nur jemand beschäftigen, der sich keine Sorgen über seine geregelten Einkünfte mehr machen müsse. Georg war schließlich soweit, daß er das Lehrbuch aus Wut zu Hause gegen die Wand warf. Es blieb aufgeschlagen am Boden liegen, und nach zwei Tagen, als er es aufhob, sah er im Impressum, daß es bei Perthes in Gotha verlegt worden war. Auf dem Titel befand sich auch das kleine Emblem mit dem Wahlspruch "Erst wieg's dann wag's", und Georg fand den Zusammenhang komisch und rätselte darüber, ob das "Wiegen" nun im übertragenen Sinne auf das Buch oder im buchstäblichen auf die vermaledeiten Münzen bezogen war, und was er, wie auch immer es gemeint wäre, denn wagen sollte?

Immerhin konnte er durch die Lektionen beim Professor immer auch genügend Zeit abzwacken, um sich mit Adam und Stanislaus zu treffen. Der meinte, die Erörterungen über das Handelsgewerbe wären sehr interessant; wie es ja sowieso nichts zu geben schien, das nicht seine Aufmerksamkeit verdient hätte. Und er schlug vor, die drei sollten einen Club gründen, den "New Commercials Club", kurz NCC, in dem sie die Vorgänge der echten Finanzwelt sozusagen im Kleinen nachspielen würden.

Georg und Adam konnten zunächst nichts damit anfangen, aber Stanislaus begann kurzerhand die Rollen zu verteilen: Georg war ein Gemischtwarenhändler aus dem mitteldeutschen Raum, Adam ein hanseatischer Kaufmann und Senator, und er selbst ein polnischer Getreidegroßhändler. Sie setzten sich an einen Tisch, nahmen Papier und Stift zur Hand und legten los, ihre Handelstransaktionen in die Wege zu leiten.

Der Anfang war schleppend. Adam wusste überhaupt nicht, was er tun sollte. Georgs Geschäft dümpelte vor sich hin, und erst als Stanislaus eine Weizenlieferung in Hamburg verkauft, einen guten Gewinn gemacht und einem Konkurrenten von Adam zum Vorteil verholfen hatte, wurde allmählich klar, wohin der Hase laufen sollte. "Jeder muss versuchen, so viel Geld wie möglich zu machen", sagte Stanislaus und fügte hinzu "und jeder muss besser sein als der andere. Versteht ihr, diese Ökonomie ist determiniert durch das Wolfsgesetz, oder wie man auch sagt: One man's breath, another man's death. So, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, mein nächstes Schiff mit dem Weizen kommt gerade im Hamburg an." Adam überlegte einen Moment, dann meinte er "Sehr gut, dann bezahle bitteschön die Zollgebühren von fünfzehn Prozent." "Fünfzehn Prozent? Vorgestern waren es noch zehn." "Ja vorgestern. Wie du weißt, bin ich Senator, und ich habe in Senat und Bürgerschaft eine Erhöhung durchgesetzt. Also was ist, entweder du zahlst oder du kannst wieder umkehren."

Während die beiden miteinander verhandelten, tätigte Georg seine Geschäfte auf den Messen in Leipzig und Frankfurt, und erst als seine Auftragsbücher angefüllt waren, schaute er sich nach anderen Waren um. Er war scharf auf Baumwolle, die über England nach Hamburg kam. Deshalb nahm er Kontakt auf zu Adam und orderte eine größere Menge der begehrten ostindischen Stoffe. Da es nachteilig war, diese Vereinbarungen vor aller Augen zu treffen, wurde beschlossen, jede Aktion auf einen Zettel zu schreiben und dem zu geben, den sie allein etwas anging. So verbrachten sie manchen freien Nachmittag und Abend damit, sich als Unternehmer und Geschäftemacher zu üben, und sie holten die Ereignisse auf dem großen Handelsplatz der Stadt hinein in die Hinterstube von Efraim Eibenschitz' Pfandleihhaus.

Dann fing Stanislaus an, auf Lieferungen Wechsel auszustellen oder welche anzunehmen, und er kaufte und verkaufte auch die Wechsel selbst. Seine Geschäfte wurden immer undurchsichtiger, und obwohl es ihm gelang, die anderen zu übertrumpfen, war nicht mehr genau festzustellen, ob er tatsächlich noch Gewinn machte, oder ob er in Wahrheit bis über beide Ohren in Schulden und Forderungen der Gäubiger steckte. Georg erzählte, wie er bei Schultz einmal die Notizen über das Wechselgeschäft gelesen und nicht verstanden hatte, und Stanislaus versuchte, ihm einige Prinzipien zu erklären. Was ein eigener und ein gezogener Wechsel ist. Was ein Indossament bedeutet und wie durch ein Blanco Indossament ein Wechsel zu einem Inhaberpapier wird. Wie ein Wechsel in Protest geht und welchen Preis er hat, und wie man einen Wechsel mit einem anderen bezahlen kann. Er konstruierte Beispiele, wie jemand bei der Bank einen Wechsel über 50.000 Mark Banco auf eine Holzlieferung zieht, ihn weiterverkauft und damit Gewinn macht, ohne an dem Handel direkt beteiligt zu sein. Oder wie der Holzhändler pleite geht und damit die Forderung nicht erfüllt werden kann, oder wie die Bank pleite geht oder was alles schief gehen und wie man am Ende doch noch heil herauskommen kann.

"Mein Gott, woher weißt du das nur alles", sagte Georg. "Es macht Spaß, sich damit zu befassen, vor allem, solange man es nicht selber praktizieren muss, denn dann kann es gefährlich werden." Aber Stanislaus musste selbst eingestehen, daß mit solchen waghalsigen Kapriolen sogar in einem Spiel alle Regeln gebrochen werden und bald nur noch Willkür und Täuschung herrschen. Und so kam es, daß sich die Mitglieder des "New Commercial Club" darauf beschränkten, die neuesten Nachrichten aus der Finanz und Handelswelt zu diskutieren und sich im übrigen damit abfinden konnten, daß ihnen manch satter Profit entging, so wie sie andererseits von manch bitterer Pleite nicht betroffen waren.

Bei Christoph Daniel Schultz wurde mittlerweile die Anschaffung eines Hundes forciert. Der Milchmann Jasper Wedels hatte Georg beschrieben, wo der Hundefänger Zanussi zu finden wäre, und Schultz hatte ihm einen Geldbetrag mitgegeben, bis zu dem er um einen der Vierbeiner handeln sollte. Bekäme er den Hund billiger, um so besser, so könne er den Rest behalten. Weshalb Schultz ihn mit solcher Zuversicht dorthin schickte, war Georg unklar, denn er hatte wenig Ahnung von Hunden und lediglich erwähnt, es sei günstiger, eine kurzhaarige Rasse zu wählen. Schultz hatte weder die Zeit noch die Lust, sich mit derart tierischen Angelegenheiten zu befassen.

Auf dem besagten Grundstück in der Hollentwiete gab es keinen Hundefänger, und Georg musste erst etliche Leute befragen, bis ihm einer brauchbare Auskunft geben konnte. Zanussi war von da weggezogen, oder man hatte ihn vertrieben, weil das ewige Gekläffe den Anwohnern auf die Nerven ging. Er selber sagte dann zu Georg, die Klagen der Nachbarn seien ihm egal gewesen, nur mehr Platz habe er gebraucht, weil es Zeiten gab, wo er mehr Hunde aufnehmen musste als er wieder abgeben konnte, und die Zwinger zu klein waren, aus welchen sie daher des öfteren ausbrachen und dann wiederum in der Gegend herumstreunten. Die meisten wären zwar von selbst wieder zurückgekommen, vor allem nachts, wenn es empfindlich kalt wurde, aber unterdessen hätten manche mit den gepflegten Hündchen in den Häusern und Höfen der Leute angebandelt oder ihnen das Futter weggefressen, und der Zustand war auf Dauer nicht mehr tragbar.

Zwei, dreimal hatte man ihm sogar so einen Ausreißer kalt gemacht, erschlagen oder vergiftet und im Dunkeln bei ihm über den Zaun geworfen, und andere, die das beobachtet haben wollten, hätten ihn der Tierquälerei und des Totschlags seiner Schützlinge bezichtigt. "Schützlinge, daß ich nicht lache", hatte Zanussi bei dieser Schilderung gesagt, "die Hamburger kümmern sich mehr um ihre Hunde, als um ihre Kinder." So hatte der Hundefänger seine Anlage weiter nach draußen verlegt, hinter die letzten Häuser am Rabenkamp, wo sich ein kleiner Wassergraben entlangzog, der sich dann als natürliches Hindernis bewährt hat. Inzwischen war in der Umgebung zwar auch gebaut worden, aber das Gelände war durch vereinzelte Baumgruppen und Sträucher immer noch geschützt und im ganzen abseits gelegen, so daß die Hunde niemanden störten, und er, Zanussi selber, in Ruhe gelassen wurde.

Zanussi trug einen russischen Kittel mit einem seilartigen Gürtel und weiten Hosen, die über die Stiefelschäfte hingen. Er hatte eine Kapitänsmütze auf dem Kopf und von Ohr zu Ohr über das Kinn hinweg lief ein schmaler, krauser Bartstreifen. Er zwirbelte unentwegt mit zwei Fingern in seinem Bart, als würde er die Härchen nachzählen. Er hatte eine kräftige Adlernase, aus der ebenfalls Haare wuchsen, und graue Augen, aus denen ein sehr misstrauischer Ausdruck sprach.

Nicht nur seine Mütze erinnerte an einen Kapitän, seine ganze Statur glich der eines Seemanns. Georg sah, wie er schwere Gerätschaften mit Leichtigkeit heben und tragen konnte, doch in manchen seiner Handgriffe lag eine gewisse Gequältheit, als wäre er dessen, was er tut, längst überdrüssig geworden.

Wenn man landläufig sagte, daß ein Hundebesitzer seinem Hund ähnlich sehe, was Georg übrigens oft bestätigt gefunden hatte, so musste man bei Zanussi solche Übereinstimmung ganz und gar vermissen. Welchem seiner Hunde sollte er auch gleichen, ohne dreimal täglich sein Gesicht zu wechseln? Da gab es solche mit breiter Kopfform und gedrungenem Antlitz, auf dem zwischen weit auseinanderstehenden Augen eine kleine Nase saß. Oder jene mit schlankem Schädel und langgezogener Schnauze, über der die Augen so eng standen wie zwei an den Stielen zusammengewachsene Kirschen. Es gab schmale Augen, Schlitze nur, zwischen denen ein schläfriger Blick versteckt war, oder große Kulleraugen mit hervorquellenden Pupillen. Es gab Dutzende von verschiedenen Nasen und ebenso viele Varianten von Hundeschnauzen. Da waren spitze kurze Ohren, so klein wie die einer Katze, oder aufrecht stehende wie die eines Hirsches. Und sollten sie nicht nach oben zeigen, so hingen sie herab, Schlappohren wie Lappen, manche gar noch von zottigem Fell überzogen; es war ein Wunder, daß diese Hunde noch etwas hörten.

Zanussi hatte Hunde, deren Gesicht an das einer Fledermaus erinnerte oder an das eines Delphins, solche mit einem Schnauzbart wie ein Walross oder einem Schopf wie ein Schaf. Sie hatten dichte, buschige Schwänze, die im Bogen wie eine Fontäne nach vorn fielen, oder geringelte Schweineschwänzchen, lange, tiefhängende oder sichelförmige Ruten. Einer, ein polnischer Hütehund, hatte gar keinen Schwanz und dafür ein Fell wie aus Seegras, das das Gesicht völlig zudeckte. Kleine Dackel mit Haar wie Drahtwolle sprangen herum, und portugiesische Laufhunde, die aussahen, als hätte man gerade einen Wassereimer über sie ausgeschüttet. Es gab einen, der so dünn und glatt war wie eine eingewickelte ägyptische Mumie, und einen anderen, der wie versteinert wirkte, ein Lavabrocken von einer keltischen Insel. Manche standen auf langen Beinen, emporgereckt wie ein junges Reh, andere hingen durch, und ihr Fell schleifte über den Boden. Einige waren so mager, daß man die Wirbelknochen und Rippen zählen konnte, und über manchen wallte ein wuscheliges Haarkleid.

In kleinen Rudeln balgten sie sich herum, stritten sich um einen blanken Knochen oder um die Vorherrschaft auf einer Ecke von Zanussis Hof. Manche schlichen einsam von Schatten zu Schatten, als könnten sie nicht begreifen, wo sie gelandet waren, oder lagen abseits, um das Geschehen aus der Distanz zu beobachten oder weil sie überall vertrieben wurden. Ein paar freche und dreiste empfingen übermütig jeden Neuankömmling, sei es Hund oder Mensch, hüpften um ihn herum und machten auf alle erdenkliche Weise auf sich aufmerksam. Konnte er einem nützlich sein?

Viele waren krank oder schwermütig, hatten schlecht verheilte Wunden und Verletzungen, die sie zur Unbeweglichkeit zwangen. Einige hinkten oder hielten den Kopf schief, andere hoppelten auf verkrüppelten Beinen. Besonders aggressive, wohl durch schreckliche Erlebnisse verstörte Hunde warfen sich gegen das Gitter ihrer Käfige, bellten und heulten, verweigerten jede Nahrung und machten dennoch den Zwinger dreckig. Das Fell von den eigenen Fäkalien verschmiert, rasten die Bestien wie besinnungslos, und standen sie wie vom Schlag getroffen einmal still, dann ging ihr irrer Blick in die Leere oder in eine weite unsichtbare Ferne, in der sie Erlösung für ihre Leiden witterten.

Von Zeit zu Zeit erhob sich, angestimmt von einem der Geschöpfe auf irgendeiner Stellung des Geländes, ein Mark durchdringendes Jaulen, in das alle, die dazu fähig waren, einfielen, und es klang wie Sirenengeheul, wie ein Lockruf und zugleich wie der erschreckende Alarm beim drohenden Überfall einer fremden Horde. Es dauerte einige Zeit, bis sich die Hunde, erschöpft und heiser geschrien, nach und nach wieder beruhigten, sich abwandten und sich auf den nächstliegenden Gegenstand, die Reste eines erbärmlichen Mahls, einen alten Lumpen stürzten, ohne eine Sekunde länger darüber zu sinnen, weshalb dieses jammervolle Konzert soeben stattgefunden hatte.

"Wie viele braucht ihr?", fragte Zanussi. "Erst mal einen", meinte Georg. "Was heißt 'erstmal'? Ihr müsst doch wissen, was ihr wollt." In Zanussis Stimme lag so etwas wie ein Vorwurf, daß jemand aufs Geradewohl sich in den Kopf setzt, einen Hund anzuschaffen wie ein Paar Schuhe, von denen er nicht genau weiß, zu welcher Gelegenheit er sie tragen würde. Aber er war solche unklaren Vorstellungen offenbar gewohnt. "Wofür braucht ihr ihn?" Auch das konnte Georg nicht gleich sagen. "Wofür?" "Soll er Schafe hüten oder das Haus bewachen?" Er musterte Georg von oben herab. "Essen wollt ihr ihn nicht." Georg lachte verblüfft. "Was gibt's da zu lachen, ich habe auch dafür meine Abnehmer", und mit einem Blick auf die Zwinger fügte er hinzu "und natürlich auch die geeigneten Hunde." Georg hatte einmal gehört, daß es Chinesen geben sollte, die Hundefleisch mögen, und in Hamburg gab es einige Chinesen. Daß er jetzt auf den ersten Blick keinen Hund ausmachen konnte, der einigermaßen appetitlich aussah, hatte nichts zu bedeuten, wenn sie nun schon ausverkauft waren?

"Als Wachhund", sagte er dann. "Bei meinem Chef auf dem Hof gibt es eine Menge Mäuse, die sich über die Vorräte hermachen." "Wer ist dein Chef?", wollte Zanussi wissen, und Georg nannte einen anderen Namen. Zanussi fragte nach. "Wo ist das Lager?" "Am Wandsbeker Graben." "Am Kanal?" "Da in der Nähe", beeilte sich Georg zu sagen. "Warum nehmt ihr keine Katze?" "Mein Chef mag keine Katzen." Zanussi sah ihn an, als würde er denken 'Also doch zum Essen', dann sagte er "Hm, sonst wärst du auch nicht hier." "Stimmt." "Am Kanal sagst du." Georg war die Fragerei lästig, und er ging zu den Zwingern hin und begann, die Reihe abzuschreiten. Zanussi folgte ihm. "Schau' dich ruhig um." "Mach' ich schon."

Manche der Hunde drängten sich hinter dem Gitter, um zu sehen, wer da vorbei ging. Den meisten war es völlig gleichgültig. In den Zwingern, die nicht viel mehr als große, nach einer Seite vergitterte Holzverhaue waren, befanden sich so viele Tiere, daß sie sich gegenseitig den knappen Platz streitig machten, wenn sie das nicht schon aufgegeben hatten. Die kleineren waren an die Seiten und in die hintersten Ecken abgeschoben worden, und nur den gewitzten unter ihnen gelang es manchmal, zwischen den Beinen der großen hindurch und nach vorn zu huschen.

Zanussi ließ nicht locker. "Wie sehen die Mäuse aus?" Zanussi hatte ihn wahrscheinlich sofort durchschaut und erkannt, daß er keinen Funken Ahnung hat. Da er nicht gleich antwortete und einen Hund anschaute, der ein angenehmes, braunweißes, kurzes Fell hatte, das auf dem Rücken ganz gleichmäßig in tiefes Schwarz überging, fuhr Zanussi fort "Es sind auch Ratten, nicht wahr." "Ja, manchmal sind welche dabei." "Die meisten Hunde machen sich nichts aus Mäusen, aber sie fürchten sich vor Ratten. Ich habe erlebt, wie Ratten einen Hund überwältigt haben." "Dann sollte man Ratten nicht mit Hunden verjagen wollen", stellte Georg fest. "Ratten kann man überhaupt nicht verjagen, man kann sie nur ausmerzen. Sie sind zu nichts nütze. Wenn ihr den Hund gegen sie einsetzen wollt, dann tut es mir jetzt schon leid um ihn." "Sie hängen wohl an Ihren Tieren?" "Sie fressen mir die Haare vom Kopf." "Vielleicht haben Sie zu viele."

Georg war ein anderer aufgefallen. "Was ist mit dem da?" "Was soll mit ihm sein? Es ist eine französische Rasse, braucht viel Bewegung. Aber ich sag's offen, der hat was mit dem Magen, riecht schlecht aus dem Maul." Georg fand es erstaunlich, daß Zanussi bei den vielen Tieren dennoch den Überblick behielt, oder wollte er nur Vertrauen erwecken, um die Leute dann richtig übers Ohr zu hauen? "Er trägt ein Halsband?" "Ja, und?" Zanussi sah den Hund an, als fiele ihm erst jetzt das schmale Lederhalsband auf. Die Metallöse für die Leine war aufgebogen und hing gerade noch in der Schlaufe. "Das habe ich ihm gegeben, er sollte schon gestern abgeholt werden, wird wohl heute rauskommen."

Auf dem hinteren Teil der Anlage waren die Zwinger unübersichtlich aneinandergebaut, schmale Zwischenräume, in denen sich Unrat häufte, ließen wenig Abstand zum Durchgehen. Die Hunde bellten sich gegenseitig an und man konnte erkennen, daß ihnen die Enge und die Überzahl unerträglich waren. Georg fiel es immer schwerer, sich einzelne Exemplare aus der Meute auszugucken und zu beurteilen; so bunt durcheinandergemischt sie waren, so gewöhnlich waren sie auch, und er konnte sich keinen davon so recht auf Schultz' Hinterhof vorstellen, wie er in der Ruhe eines Vormittags unter dem Schuppenvordach lag und darauf wartete, daß sich eine von den Mäusen aus ihrem Loch heraustraute. "Ich befürchte, die würden sich bei uns langweilen", sagte er. Zanussi lachte.

"Das ist das Los der Hunde. Entweder sie sind eingesperrt oder es gibt nichts für sie zu tun. Das ist etwas anderes bei Katzen", sagte Zanussi und als habe er schon den ganzen Tag auf jemand gewartet, der ihm zuhörte, redete er weiter. "Katzen sind von Natur aus Nichtstuer, sie sind faul und arrogant, aber schön. Sie sind dafür geschaffen, umworben zu werden." Während er das sagte, trat er mit seinem Stiefel gegen die verbogene Ecke eines Metallgitters, wo anscheinend versucht worden war, eine Öffnung nach außen zu drücken.

Georg wunderte sich, daß der abgebrühte Hundefänger von Schönheit sprach. Ihm fiel ein, wie einer seiner Gothaer Kameraden einmal über ein Mädchen gesagt hatte, sie bewege sich wie eine Katze, wenn sie über den Marktplatz ginge, so als wenn bei jedem Schritt alle Muskeln und Gelenke gleichzeitig ineinanderwirkten und wie beim Zusammenspiel der Instrumente eines ganzen Orchesters eine wunderbare Harmonie entsteht. "Wie bei den Frauen", sagte Georg, als wollte er Zanussis Ansicht bestätigen.

"Das ist wahr, Katzen sind wie Frauen", sagte Zanussi und holte tief Luft, es klang fast wie ein Seufzen. Hatte er Erlebnisse gehabt, die ihn zu dieser Überzeugung gebracht hatten? Welche Frau, dachte Georg, würde sich mit einem Hundefänger abgeben? Aber Zanussi sagte noch erstaunlichere Dinge. "Katzen haben gegenüber Frauen aber den Vorteil, daß sie auch im Alter noch ansehnlich sind, ohne etwas dafür tun zu müssen."

Sie waren beim letzten Zwinger angekommen, und da Georg noch keine Wahl getroffen hatte, führte ihn Zanussi zu einer Bretterhütte am Zaun, hinter dessen anderer Seite sich eine Wiese mit alten Weiden erstreckte, die, so schätzte Georg, bis an einen der Elbarme heranreichen musste.

Zanussi forderte ihn auf, an dem Tisch Platz zu nehmen, der an der Vorderwand der Hütte stand, und Georg setzte sich auf einen wackeligen Stuhl. "Keine Sorge, der hält, auch wenn er knarrt", sagte Zanussi und holte aus der Hütte eine Flasche mit zwei Gläsern. "Kartoffelschnaps. Vom letzten Jahr, war 'ne gute Ernte", sagte er und goss ein. Dann brachte er noch einen kleinen Korb, in dem unter einem Leinentuch trockene, glatt abgeschnittene Brotstücke lagen. Der Schnaps brannte in der Kehle und Georg rang nach Luft, ließ sich aber nichts anmerken. Er brach einen der Brotkanten und steckte ihn in den Mund, wo er nur langsam weich wurde.

"Es hat wohl seine Bewandtnis", setzte Zanussi unvermittelt fort, "warum die Katze nicht so entartet wurde wie der Hund." Georg schob den Brotbrocken in die Backe und sagte "Was heißt 'entartet'?" "Gegenüber ihren Urahnen. Die Katzen von heute sind noch genauso wie die ersten Katzen, wie die Urkatze." "Tatsächlich? Wo hat die Urkatze eigentlich gelebt?" Zanussi überhörte die Frage und sagte "Ihr Wesen ist unverändert geblieben, anders als beim Hund. Den Hund hat der Mensch bekanntlich aus dem Wolf gemacht, es ist ein entarteter Wolf. Aber dabei hat er ihm das Unstete ausgetrieben.

Der Wolf lebt zwar im Rudel, aber er ist nicht gesellig, schon gar nicht anhänglich, er würde nie ein treuer Begleiter oder ein Freund des Menschen werden. Er würde sich nie dazu erniedrigen lassen, um eine Schafherde herumzurennen und dafür zu sorgen, daß sie zusammen bleibt. Er ist nicht wie der Hund für andere da, nur für sich selbst, er ist einsam." "Einsamkeit kann auch ein Antrieb sein, Bekannschaft zu suchen", wandte Georg ein. "Manchmal schon", erwiderte Zanussi und schenkte noch mal ein. "Aber nicht bei einem Wolf, seine Einsamkeit ist gewollt. Die Einsamkeit, die du meinst, ist einem auferlegt, man versucht, ihr zu entfliehen, weil man nicht das erforderliche Wesen für sie hat. Der Wolf hat das erforderliche Wesen für die Einsamkeit, für ihn ist es die ideale Lebensweise."

"Und nun der Hund?", fragte Georg, um über den anderen Teil von Zanussis Theorie aufgeklärt zu werden. "Den hat der Mensch zur Sesshaftigkeit abgerichtet und ihn dabei gründlich verdorben. Er hat ihm die ganze Freiheit und Unabhängigkeit des Wolfes genommen, er ist ein Gefangener des Menschen und im Grunde völlig hilflos, noch hilfloser als ein Vogel, dem man die Flügel gestutzt hat, denn das muss bei jedem einzelnen Vogel erledigt werden, während man einem Hund nichts mehr wegnehmen muss, um zu verhindern, daß er fortläuft. Ein Hund ist endgültig verstümmelt in seinem Wesen."

Georg stieg der Schnaps wieder zu Kopfe, nachdem er eine Weile seine Füße durchströmt hatte. Es gefiel ihm besser, hier an der Bretterhütte zu sitzen, als an den Zwingern vorbei zu streifen. Zanussis Bemerkungen waren zwar eher verschroben als aufschlussreich, aber was wollte man von einem Menschen erwarten, der sein Leben inmitten einer Meute von Kreaturen verbringt. Nach dem dritten Schnaps hatte Georg auf einmal die Vorstellung, daß sich Zanussi wahrscheinlich selbst wie eine Art Leitwolf fühlt, der auf irgendeine tragische Weise sein Rudel verloren hat und sich seitdem mit verkommenen Hunden abgeben muss, die sich einen Teufel darum scheren, was er über sie denkt.

"Sind Sie jemals zur See gefahren?", fragte ihn Georg. "Ich? Nein, nie. Ich kann auf dem schwankenden Untergrund nicht gehen. Außerdem gibt es auf Schiffen keine Hunde. Warum fragst du?" "Weil Sie so eine Kapitänsmütze tragen." Er nahm sie ab und betrachtete sie. "Ja, die hat mir einer geschenkt, als Dank dafür, daß ich ihn am Millerntor aus einer brenzligen Lage herausgeholfen habe." Er setzte sie wieder auf und trank einen weiteren Schnaps. Er kippte das Zeug wie Wasser hinunter und warf die Brotbrocken hinterher, die er mit den Fingern weich geknetet hatte. Er saß mit übereinandergeschlagenen Beinen da und lehnte sich zurück. Er schaute manchmal über den Zaun hinweg in Richtung auf die Häuser und es schien, als würde er von hier aus in weitem Umkreis jeden Hund wahrnehmen, der gerade um irgendeine Straßenecke schlich.

Ihre Unterhaltung wurde abgebrochen, als jemand vom Eingangstor her rief. Zanussi sagte "Mittag" und stand auf. Es war ein junger Bursche, der gerufen hatte, die beiden mit breitem Gesicht angrinste und dabei seine gesunden, weißen Zähne zeigte. "Nun aber ein bisschen flott", meinte er, "muss gleich weiter." Er war mit einem kleinen Fuhrwerk gekommen, ein Maulesel zog einen einachsigen Karren, auf dem eine tiefe Holzkiste lag. Sein kräftiges Gebiss, das strahlende Lächeln und sein gleichmäßiges, sonnengebräuntes oder von Natur aus dunkles Gesicht standen im Gegensatz zu seiner sonstigen Figur. Georg sah, daß er über dem rechten Schulterblatt einen Buckel hatte, und als er um den Wagen herumging, knickte er bei jedem Schritt in der Hüfte ein, offenbar war sein Bein verwachsen oder zu kurz geraten.

Er führte den Esel mit Wagen bis an ein Holzpodest, das bei dem Lagerschuppen stand, wo Zanussi seine Gerätschaften und allerlei Baumaterial aufbewahrte. Drei Stufen gingen auf das Podest, und der Bursche humpelte oder besser gesagt, kletterte hinauf und konnte von da mit einem Schritt den Wagenkasten betreten. Zanussi hatte drei Holzwannen auf die Erde gestellt und reichte ihm die Mistgabel hinauf. "Beim Stöver sollen nämlich heute noch drei Pferde reinkommen, von Elmshorn aus der Ganisong", sagte er, schob den Deckel von der Kiste und ließ ihn nach unten fallen. Ein mächtiger Schwarm Schmeißfliegen erhob sich daraus. "Kavalleriepferde?", fragte Zanussi. "Jo, drei alte Mähren, gerade ausgemustert." "Bringst du mir was vorbei?" "Hab' ich mir so gedacht, muss mich aber sputen, der Willfahrt steht auch schon an, letztens hat er mir alles vor der Nase weggeschnappt, nur die Decken und die Eingeweide hat er übriggelassen, um mich zu ärgern, das Biest."

Zanussi sagte zu Georg "Solche Pferde sind eine Delikatesse für meine Hunde." Die Kiste war mit geteertem Segeltuch ausgekleidet. Der Mann holte mit der Gabel große Portionen rohes Fleisch heraus, wahllos durcheinandergeworfene Körperteile von Pferd und Schwein und Schaf, bluttriefende Abfälle aus irgendeiner Schlachterei, Knochen, an denen Reste von Fleisch und Sehnen hafteten, Bruchstücke einer Wirbelsäule, Speiseröhren und Klauen, zerrissene Leberlappen und Klumpen von Innereien, dazwischen ein abgetrennter Kalbskopf. Zanussi verteilte den Schmaus in die Wannen und zuletzt zerrte der andere das Tuch aus der Kiste und Zanussi leitete den dickflüssigen Brei, der durch die Zinken der Gabel gerutscht war, in einen Bottich. Der Anblick der Kadaver und der süßliche Geruch verursachten Georg Übelkeit, doch der leichte Wind, der aufgekommen war, verschaffte ihm gleich wieder frische Luft.

"So, nun aber nichts wie los", sagte er beinahe entschuldigend. "Einen Schnaps wenigstens, Junge", rief Zanussi und holte Flasche und Glas. "Aber nur einen. Und du?", sagte er zu Georg. "Danke, hab' schon." "Ich meine, willst dir einen von den Kötern aufhalsen? Nimm' nicht so 'nen missratenen Kleindrachen, lieber einen großen kräftigen." "Liefern sie auch ins Haus?", fragte Georg. "Klar, wenn du willst sogar nachts. Bei mir gibt's alles, frisch und preiswert. Warte mal, ich gebe dir meine Karte, da steht die Adresse drauf." Er holte aus seiner Hemdtasche ein weißes Pappkärtchen, auf dem stand: "Bolek's Hundefutter" und darunter die Anschrift. Oben und unten im Halbkreis war zu lesen: "Bestes Fleisch zu jeder Stunde - liefert Bolek für die Hunde". Er gab die Karte Georg, und auf dem Rand war ein breiter, blutiger Fingerabdruck. Dann sagte er "Reich' mir mal das Brett herauf", und er legte den Deckel auf die Kiste, kletterte von dem Podest und spannte den Maulesel wieder an. Zanussi reichte ihm das volle Schnapsglas, er prostete Georg zu und sagte, als hätte er mit dem Abladen eines seiner Kunststücke vorgeführt "Ich heiße Boleslaw, man nennt mich Bolek." Dann zog er mit kurzem Gruß fort.

"Reicht das für alle Hunde?", fragte Georg mit einem Blick auf die Fleischwannen. "Heute für die Hälfte, die andern sind morgen dran." Georg zögerte einen Moment, dann fragte er "Soll ich helfen?" "Ach was, das ist nichts für dich, außerdem mach' ich das immer allein. Aber für die nächste Stunde habe ich keine Zeit mehr zum Klönen." "Ich bin mir noch nicht ganz sicher, welchen ich nehmen soll." "Dann komm' am besten nächstens vorbei, ich bin da." "Gut." An den Wannen hatte Zanussi Seile befestigt, die er sich über die Schulter legte und eine nach der anderen zu den Zwingern zog, wo er den Hunden mit der Mistgabel die Brocken hineinwarf. Sie stürzten sich darüber als wären sie am Verhungern gewesen. Georg dachte, wie lästig es wäre, so ein gieriges Tier auf Schultz' Hof zu halten, keiner würde sich darum sorgen.

Als Georg den Hundefänger verlassen hatte, machte er einen Umweg am Bremer Wehr vorbei, um sich anzuschauen, wovon Stanislaus erzählt hatte, denn das Pfandleihhaus lag dort gleich um die Ecke. Am Wehr war eine großflächige Baustelle, und eine Menge Arbeiter war dort zu Gange. Es war kein richtiges Wehr, sondern eine Schleuse, um den Verkehr der Lastkähne in beiden Richtungen, der ständig zunahm, zu regulieren. Man verbreiterte und vertiefte das Fleet. Von einer Kaimauer hinüber zur anderen maß es jetzt etwa zehn Meter, schätzte Georg. Er beobachtete die Arbeiter, die knietief im Schlamm standen und den Grund aushoben. Mehrere Holzkräne schöpften die triefende und tropfende Masse heraus, und sie wurde auf Pferdekarren geladen und weggeschafft. Es standen etliche Leute herum, die das Geschehen interessiert verfolgten und sich, mit den Händen bald hierhin bald dorthin weisend, über allerlei Einzelheiten austauschten.

Es sollte auch der Nordmannskai neu erbaut werden, dessen alte baufällige Speicherschuppen bereits abgerissen waren. Auf dem freien Gelände erhoben sich Baugerüste, und von dem Zollhaus war schon die zweistöckige Fassade erkennbar. Georg schaute auf die Männer mit ihren freien, von der Sonne tief rotbraun gefärbten Oberkörpern und den kräftigen Muskeln, die sich bei jeder Bewegung anspannten. Nur kurze verständigende Rufe begleiteten ihre ansonsten wortlos verrichtete Arbeit, und Georg sah, wie selbst die älteren unter ihnen sich abmühten, dem Tempo der schweren Erdarbeiten zu folgen. Und dabei schien es, daß durch den nachrutschenden Schlamm, der jedes ausgehobene Loch gleich wieder ausfüllte, die Grube nur unmerklich tiefer wurde. Wie vergeblich musste ihnen ihre Mühe vorkommen. Und doch befanden sich die Männer schon weit unterhalb der Straßenhöhe, so daß man kaum mehr in ihre Gesichter schauen konnte und man sich fragen konnte, wie sie dort wieder heraus kämen. Nie im Leben, so hatte Stanislaus gesagt, wolle er jemals so eine Dreckarbeit verrichten müssen und zehnmal lieber seine Zeit in der stickigen Luft des Pfandleihladens verbringen als auch nur eine Stunde mit der Schaufel in der Hand.

Auf dem Rückweg überlegte Georg, wie er Schultz klarmachen sollte, daß er ein weiteres Mal zu dem Hundefänger gehen müsse, er könnte es für unnötig halten, so viel Zeit dafür zu verschwenden. Auch er selbst hatte es sich einfacher vorgestellt. Aber es ergab sich, daß der Chef kurzfristig für zwei Tage verreisen musste und Overbeck und die anderen Gehilfen mit irgendetwas beschäftigt waren, wofür sie Georg nicht brauchten. Folkerts hingegen, den er fragte was zu tun sei, stand vor einem Riesenstapel Kisten, ein Bündel Papierblätter und Kärtchen in der Hand, mit denen er die unklaren Beschriftungen der Waren, die vom Transport stammten, überkleben und so eine übersichtliche Ordnung hineinbringen wollte. Solche Arbeiten liebte Folkerts, pfiff sich dabei ein Liedchen und konnte Stunden damit verbringen. Georg wusste, daß er ihn nur störte und so sagte er ihm, er werde sich abschließend um die Hundesache kümmern, was Folkerts nur mit einem flüchtigen Kopfnicken registrierte.

Am nächsten Tag regnete es, aber Georg ging trotzdem zu dem Hundefänger am Rabenkamp. Wegen des miesen Wetters waren auch die Hunde ungewöhnlich still, und nur von Zeit zu Zeit begann einer zu bellen, was die anderen aber kaltließ. Die meisten lagen müde herum, erhoben sich manchmal, drehten sich mehrmals auf der Stelle und legten sich genauso wieder hin. Nur ein Zucken der Ohren bei einem fernen Laut, der aus der Stadt herübertönte, deutete darauf hin, daß sie halbwach waren.

Zanussi winkte Georg schon zu, als dieser am Tor auftauchte. Er saß an dem Tisch unter dem Bretterdach, auf das der Regen trommelte, und in einer notdürftigen Rinne in eine Tonne ablief. "Hamburger Schmuddelwetter", sagte Georg und schüttelte die Tropfen von seiner Jacke, "das ja angeblich eine böswillige Unterstellung der Fremden ist", fügte er hinzu. Zanussi lachte. "Selber schuld, warum gehst du auch 'raus." Dennoch hatte er Georg offenbar erwartet, denn auf dem Tisch standen außer einer neuen Flasche Schnaps und den Gläsern auch zwei Kaffeebecher, ein Körbchen mit Brot in Tuch gehüllt und eine frisch geräucherte Wurst, die nach einem starken Gewürz duftete.

"Dann iss erst mal was und stärk' dich, hast du schon gefrühstückt", sagte Zanussi. "Frühstück? Es ist gleich Mittag." "Dann trink' einen Schnaps." "So früh am Tag?" "Zum Kuckuck, nach welcher Zeitrechnung lebst du denn?" "Nach einer geregelten, ich bin eben kein Hund." Aber die Wurst duftete gar zu verlockend, und Georg schnitt ein Stück ab, entfernte die Schale und nahm eine Scheibe Brot. Zanussi schaute ihm zu. Dann hielt Georg plötzlich inne, schluckte den Bissen, den er im Mund hatte, nur mühsam hinunter und sagte "Ich habe gar nicht gefragt, was für Wurst das ist." "Willst du die Hunde nachzählen?", meinte Zanussi belustigt.

Georg schüttelte den Kopf. "Nein. Schmeckt übrigens nicht schlecht", sagte er und wollte sich keinesfalls einen Ekel anmerken lassen, was immer Zanussi darüber verraten würde. "Es ist Pferdewurst", sagte dieser. "So. Pferdewurst. Von einem Reitpferd oder einem Zugpferd?" "Von einem Seepferd", sagte Zanussi und lachte. "Sehr witzig." "Ja, auch Hundefänger haben Humor, obwohl sie soviel Elend unter den Kreaturen Gottes sehen." "Mir kommen die Tränen", meinte Georg und schnitt noch ein Stück ab. Zanussi wollte ihm einen Schnaps eingießen. "Nein Danke, heute keinen." "Wie du willst, aber ich darf doch?" "Fühlen Sie sich wie zu Hause."

"Gestern ist noch etwas Bemerkenswertes passiert", sagte Zanussi, und dann erzählte er, daß jemand einen Hund gebracht hatte, der getötet werden sollte, nachdem er seinem Herrn fünfzehn Jahre oder noch länger treu ergeben gewesen war. "War das der Dank dafür?" "Er hatte seinen Herrn urplötzlich angefallen und ihn so furchtbar verletzt, daß es keine Rettung für ihn gibt." "Es geschah ganz ohne Vorwarnung?" "Allerdings. Er hat sich angeblich niemals zuvor schlecht verhalten oder den Leuten im Hause einen Schaden zugefügt. Auf der anderen Seite ist er aber auch nicht gequält, geschlagen oder misshandelt worden. Er sah sehr gesund und gepflegt aus, sein Fell duftete sogar nach Seife." "Dann haben sie die Sorte gewechselt." Zanussi sah ihn an, als könnte er darüber gar nicht lachen.

"Irgendetwas wandelt sich im Wesen dieses Tieres auf ganz unerklärliche und unvorhersehbare Weise, wie wenn augenblicklich ein gespannter Faden zerreißt oder eine Tür zuschlägt, die immer offen stand." "Ja, man muss auf alles gefasst sein", sagte Georg beiläufig, und weil ihm das selbst zu banal erschien, meinte er "Gibt es denn nicht auch das Gegenteil? Daß ein blutrünstiger Wüterich zu einem zahmen und lieben Hund wird?" "Dergleichen habe ich schon gehört, aber es ist natürlich nicht so spektakulär."

Er schenkte sich einen Schnaps ins Glas und trank es aus. Dann sagte er "Manchmal denke ich, daß das Leben, ich meine nicht nur ein Hundeleben, sondern auch das des Menschen, nach einem vorbestimmten Plan abläuft, und daß es unausweichlich zu all den Geschehnissen, Wendungen und Wandlungen kommt, die darin vorgesehen sind. Nur daß man den Plan nicht kennt, und man von Glück sagen kann, wenn er einem zum Schluss deutlich wird."

"Manche nennen diesen Plan das Schicksal und meinen, es entspringt dem Beschluss, den die Götter für einen Menschen verfügen." "Das hast du gut gesagt. Du meinst, die Götter wissen immer das Ende voraus?" "Nehmen Sie die Geschichte von dem Helden Äneas. Es war von Anfang an beschlossen gewesen, daß er nach seiner Irrfahrt in Italien landen und der Stammvater der Römer wird." "So etwas liest du?" "Als Kind habe ich es gelesen." Zanussi tat erstaunt. "Als Kind oho, das ist ja schon eine Ewigkeit her. Und was liest der Herr heute?" Georg zuckte mit den Schultern. "Das Hamburger Abendblatt."

Zanussi dachte nach, dann sagte er "Ich bin mir da nicht sicher, ob die Ursache bei den Göttern liegt oder einfach in der Geschichte selbst. Hätte dieser Äneas nicht das Römerreich, sondern - sagen wir - Alexandria gegründet, wäre es eine andere Geschichte, aber hätte das auch was mit den Göttern zu tun?" "Alexandria war schon vergeben." "Darauf würde der ganze wohlweisliche Plan zusammenschrumpfen? Das kann ich nicht glauben. Ich meine, die Götter würden nicht einfach den einen dahin und den andern dorthin schicken, wie es ihnen gerade einfällt." "Natürlich nicht. Aber man kann ja wohl schlecht eine Stadt zweimal gründen, so wie man ein Glas auch nicht zweimal austrinken kann." "Das war aber schon mein zweiter", sagte Zanussi und zeigte auf das Schnapsglas. "Aber nicht derselbe."

"Das ist wahr", erwiderte Zanussi, "alles ist einmalig, unverwechselbar, einzigartig, jeder Schnaps und jedes Leben eines beliebigen Menschen, jeder Hund - er zeigte auf die Wurst - sogar das Pferd, von dem diese Wurst stammt, war einmalig. Und dennoch kann ich mir ehrlich gesagt nur schwer vorstellen, daß es die unfehlbaren Götter sein sollten, die das alles von vornherein festlegen. Was für ein Aufwand wäre das! Sie müssten schon Weltalter zuvor damit angefangen haben, jedem einzelnen sein Schicksal zuzuteilen." "Das könnte die Erklärung dafür sein, daß nicht alle Menschen gleichzeitig leben, sondern die einen früher, die anderen später." Zanussi war recht zufrieden mit dieser Erklärung und fügte hinzu: "Und keiner weiß genau, wann er drankommt."

Der Regen hatte aufgehört, und es tropfte nur noch leise vom Dach. Die grauen Wolken zogen über die Stadt davon, und auf der anderen Seite klarte der Himmel auf. Georg bemerkte erst jetzt einen Hund, der in einiger Entfernung halb aufrecht dasaß und zu ihnen herüberspähte. Er hatte ein schönes gelbbraunes, fast ockerfarbenes Fell, aufrechtstehende Ohren und eine spitze Schnauze. Seine Augen waren sehr dunkel und von ovaler Form, und sein buschiger Schwanz war nach vorn geringelt. Er machte den Eindruck, als hätte er den beiden die ganze Zeit zugehört. "Was für einer ist das?", fragte Georg. "Der? Das ist ein japanischer Inu." "Den habe ich gestern gar nicht gesehen." "Ist dir sicher nicht aufgefallen." "Er gefällt mir. Er heißt Inu?" "Inu ist die Rasse, das heißt wörtlich Hund. Sein Name ist Hannibal." "Hannibal. Weil wir's gerade von Rom hatten."

Georg rief ihm zu "Hannibal, komm' her!" Der Hund gehorchte sofort und sprang zu ihm. Er ließ sich streicheln und am Hals kraulen und hielt den Kopf dabei schief. Dann nahm er Georgs Hand zwischen die Zähne und drückte ganz sanft zu. Georg beugte sich über ihn, und Hannibal leckte an seinem Gesicht und am Ohr. "Ich glaube, wir verstehen uns gut." "Willst du ihn mitnehmen?" "Wie alt ist er?" "Schau' ihn an, der ist jung, drei bis vier Jahre. Und kerngesund, dafür verbürge ich mich. Wenn er trotzdem Schwierigkeiten macht oder deinem Chef nicht gefällt, kannst du ihn wieder herbringen." "Einverstanden", sagte Georg.

Sie wurden sich über den Preis einig, und Zanussi gab ihm ein Halsband mit Leine, damit er ihn bis zu Schultz' Geschäft führen konnte. Hannibal war folgsam und ließ sich alles gefallen. Dann kam Bolek auf den Hof gefahren und brachte eine Fuhre Frischfleisch. Er sagte, er müsse sowieso in Richtung Wandsbeker Graben, er würde Georg und den Hund mitnehmen. Bei Schultz fand Hannibal großen Anklang; er übertrug Georg die Aufsicht und machte ihn verantwortlich für alles, was den Hund betrifft. Folkerts schaute ihn lange an, als sei er ein wahrer Hundekenner, aber Georg bemerkte, daß er sehr vorsichtig mit ihm umging, und schließlich erzählte Folkerts, wie er als kleiner Junge einmal von einem Hund gebissen worden war.

Seitdem der Vorfall mit der verunreinigten Milch ein einmaliges Ärgernis geblieben war, bekam Jasper Wedels keine Hygienekontrollen mehr ins Haus. Die Kontrolleure waren in anderen Vierteln aktiv, zum Beispiel auf den Mergenthaler Markt, wo traditionell viele Händler ihre Waren anboten. Jasper Wedels hatte zwar erwogen, zum Verkauf auch auf einen der neuen Märkte zu ziehen, als er jedoch davon hörte, welche Machenschaften dort im Verborgenen herrschten und er sich ausrechnete, wieviel von seinen veranschlagten Einnahmen wieder für Schmier- und Schutzgelder draufgingen, war er lieber zufrieden mit seinem kleinen Laden am Graben, den zwar nur die Stammkundschaft aufsuchte, die ihm dafür aber sicher war, im Gegensatz zu Kunden, die er sich mit unliebsamer Konkurrenz von nebenan hätte teilen müssen oder sie gar dahin verloren hätte.

Irgendwann im Laufe dieses Jahres kam er auf die Idee, sich zusätzlich einen kleinen Verkaufswagen anzuschaffen, mit dem er die Haushalte der näheren Umgebung beliefern konnte. Darüber und welche Rolle Georg bei dieser Unternehmung zugedacht wurde, soll gleich berichtet werden. Einstweilen gab es in der Schultzeschen Handlung alle Hände voll zu tun, und wenn auch diese Arbeit, wie Georg immer wieder feststellen musste, wenig mit einer höheren Handelslehre zu tun hatte, so brachte sie ihm doch eine Fülle praktischer Erfahrungen und reichlich Übung in allen geschäftlichen Belangen ein. Sicher, er hätte all das, dachte er manchmal bei sich, im väterlichen Geschäft in Gotha in kleinerem Maßstab, aber dem Inhalte gleich auch absolvieren können, aber er hätte dort auch der Abwechslung und des Nervenkitzels entbehren müssen, für die eine oftmals heikle und wenig erfolgversprechende Schultzesche Unternehmensführung sorgte.

Immerhin, im Nachhinein musste er zugeben, daß er damals einer Reihe bemerkenswerter Menschen begegnet war, die wohl nur an einem solchen Platze zu finden waren; und den Umgang mit ihnen zu lernen war indes auch keine schlechte Lehre. Da war zum Beispiel Anton Kuhfuss, der ihm in dauernder und auch zweifelhafter Erinnerung bleiben sollte. Kuhfuss tauchte bei Christoph Daniel Schultz auf, kurz nachdem das Thema der Kanalisation erstmals zur Sprache kam. Der Holländer handelte ebenso wie Schultz mit Kleinwaren aller Art, Gebrauchsgegenstände, Ersatzteile für Küchengeräte und Geschirr, zum Ausbessern der Garderobe; auch billiger Schmuck gehörte zu seinem Angebot. Aus mancherlei Anzeichen konnte man darauf schließen, daß er auch noch andere, größere Posten im Sortiment hatte, worüber er sich aber ausschwieg.

Überhaupt war zunächst gar nicht ersichtlich, weshalb er Kontakt zu Schultz aufnahm, sie verkauften im Grunde beide das gleiche und eine Zusammenarbeit machte keinen Sinn. Die wahren Absichten eines Kaufmanns zu erraten, dabei war Schultz nicht auf den Kopf gefallen, und er bemerkte, daß Kuhfuss sich für zwei Dinge interessierte: zum einen für die Chemikalien, die Schultz lagerte, und zum anderen für die Abstellfläche in einem der Schuppen. Woher er von beidem erfahren hatte, verriet er nicht. Es war auch weniger der freie Raum im Schuppen, der verhältnismäßig gering und nur vorübergehend unbesetzt war, weil Schultz durch eine zufällige Order etliche Kisten mit Ölflaschen losgeworden war. Kuhfuss hatte Wind davon bekommen, daß es nach ein paar Kontrollen, die die Anwohner des Wandsbeker Grabens über sich hatten ergehen lassen, wieder ruhig geworden war, und er wusste auch, daß Schultz' unliebsamer aber harmloser Schwager die Aufsicht von städtischer Seite innehatte.

Kurzum, er wollte etwas bei Schultz unterbringen, das, wie er sagte, bei ihm in der Kamphausenstraße momentan nur im Wege stünde. Und wie um seine Gründe gleich danach Lügen zu strafen, meinte er auf Schultz' Einwand hin, das gerade mal ein paar Meter in die Länge und Höhe zur Verfügung stünden, das reiche ihm vollkommen aus. "Was kann denn", sagte Georg zu Schultz, "bei ihm so viel mehr Platz wegnehmen, was hier in eine Ecke passt?" "Das frage ich mich auch", erwiderte Schultz, "aber er hat mir ein gutes Angebot gemacht, er war sogar einverstanden, als ich noch etwas mehr forderte." Wie sich allerdings herausstellte, als Kuhfuss die Ladung brachte, war es mehr als doppelt so viel wie im Schuppen untergebracht werden konnte. Schultz war verärgert darüber, daß Kuhfuss ihn ungenau informiert hatte, konnte aber keinen Rückzieher mehr machen, zumal er natürlich die erforderliche Fläche extra berechnete.

Es handelte sich um teils verschlossene teils offene Kisten, in denen ebenfalls chemikalische Stoffe in Behältnissen abgefüllt und verstaut waren. Dazu kamen Säcke mit verschiedenfarbigen Pulvern, darunter zermahlene Kreide sowie Klumpen von Fett und Talg, Harzstücke und jede Menge getrocknete Pflanzenteile, von denen Georg Weidenblätter, Holunder, sogar die Esche auf Anhieb erkannte. Kuhfuss ließ sich nicht weiter darüber aus, wozu er das Zeug verwendete, bei den Chemikalien murmelte er etwas von Bootsanstrichen, aber dafür war es wiederum kaum ausreichend. Schultz rümpfte die Nase und machte eine finstere Miene, als die Männer zuletzt etliche Fässer abluden, die, trotzdem sie sorgsam verschlossen waren, einen scharfen Geruch verströmten, bei dem sogar Hannibal das Weite suchte. Die dürften, meinte Kuhfuss fast beiläufig, nicht der Sonne ausgesetzt werden, weil sie eine leicht entzündbare Substanz enthielten. "Schwarzpulver kann es wohl nicht sein, das riecht anders", sagte Schultz wie um sich zu beruhigen. Die Fässer würden alsbald nach und nach wieder abgeholt werden, versicherte Kuhfuss. Auch alles andere wäre nicht auf Dauer hier. Tatsächlich hatte er den Schuppen nur für sechs Monate angemietet, aller Voraussicht nach würde er schon vorfristig wieder geräumt werden. Schultz begriff später, daß es Kuhfuss vor allem darum ging, die brisanten Stoffe möglichst unscheinbar inmitten Schultzens Vorräten zu platzieren, von denen bekannt war, daß er sie zur Herstellung eigener Erzeugnisse verwendete.

Folkerts hegte noch eine andere Vermutung, und um näheres herauszufinden, befragte er Jasper Wedels. "Jasper, du verstehst doch was von Lebensmitteln und so'n Kram. Ich habe gehört, daß man jetzt mit den ganzen neumodischen Chemikalien alles besser und wohlschmeckender machen kann, stimmt das?" Jasper Wedels hielt ihm einen Vortrag über die neuesten Erkenntnisse und Entdeckungen auf dem Gebiet der Chemie und über deren Siegeszug in der Landwirtschaft sowohl als auch bei der Herstellung und Haltbarmachung von Nahrungsmitteln aller Art. "Nun sag' mal was genaues." "Es werden beispielsweise Färbemittel eingesetzt, damit Kuchen und Backwaren richtig schön frisch aussehen." "Du meinst, Kuchen wird gefärbt wie Kleiderstoff?" "Ja, aber man kann ihn natürlich essen, es ist ganz unbedenklich." "Und womit wird gefärbt?" "Unterschiedlich. Es gibt Chromgelb, also Blei-Chromat, Kupferoxid, oder Mirbanessenz, das ist Nitrobenzol." Folkerts staunte. "Das heißt, der Rührkuchen aus meiner Zeit, so mit Butter und Eiern im Teig, der besteht jetzt aus Blei-Chromat und Nitrobenzol?" "Das ist möglich. Aber du merkst es sowieso nicht."

Dann sprach Jasper Wedels etwas leiser. "Das fängt auch schon vorher an, beim Mehl zum Beispiel. Da wird Gips oder Kreide zugesetzt, oder auch Schwerspat." "Und dann schmeckt es besser?" "Unsinn. Die Kreide macht es weißer und der Schwerspat schwerer." "Das leuchtet ein." "Oder angenommen, das Mehl ist feucht geworden oder säuerlich, dann hilft etwas Alaun oder Kupfervitriol, manche nehmen auch Zinksulfat." "Und was nimmst du?" Wedels wehrte entschieden ab. "Ich verwende selbstverständlich überhaupt keine dieser Substanzen. Bei mir ist alles rein und ursprünglich, so wie es Mutter Natur uns geschenkt hat. Aber ich könnte dir da Dinge erzählen von anderen Händlern. Wenn du gern Schokolade isst, dann kannst du damit rechnen, daß da Hammel und Kalbsfett drin steckt und Reis und Stärkekleister, und wenn sie mit Vanillegeschmack ist, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um Benzoeharz."

"Gott sei Dank, ich esse keine Schokolade." "Aber du trinkst Tee. Und der ist meistens vermischt mit Blättern von Esche und Erdbeere, Weißdorn und Heckenrose. Oder es sind ganz einfach noch mal aufgebrühte Blätter, die getrocknet und mit zerstäubtem Magnesiumkarbonat oder Specksteinpulver behandelt wurden." "Dann hat meinen Tee vor mir schon ein anderer getrunken?" "Das ist möglich. Aber auch das merkst du nicht, so perfekt ist die Chemie. Und wenn du denkst: da trinke ich lieber Kaffee, dann waren die ungebrannten Bohnen gewiss mit Berlinerblau oder Schüttgelb gefärbt und die gebrannten mit braunem Zucker oder Mehlteig versetzt. Ich habe selbst mal einen Sack mit rohen, grünen Kaffeebohnen gesehen, die waren aus Ton gemacht." "Aus Ton?" "Ja. Denk' mal nach. Bevor man teures Geld ausgibt, um aus Mittelamerika oder sonstwoher Kaffee zu importieren, holt man sich in Travemünde an der Steilküste eine Fuhre Lehm und lässt von ein paar Tagelöhnern kleine Bohnen kneten." "Das würde ich ganz sicher merken." "Will ich gar nicht bestreiten. Aber wenn die Tonbohnen in deiner Kaffeemühle angekommen sind, hat schon jemand sein Geschäft damit gemacht, dem es ganz egal ist, ob es dir auffällt oder nicht."

Folkerts verschwieg Jasper Wedels, warum er ihn gefragt hatte. Gemeinsam mit Georg untersuchten sie die von Kuhfuss in ihrem Lager abgestellten Waren und Stoffe, und tatsächlich befand sich darunter einiges, das nach Wedels' Beschreibungen verwendet werden konnte. Aber es waren auch andere Substanzen dabei, die sie entweder nicht bestimmen oder die unmöglich als Zusätze für Nahrungsmittel dienen konnten. Auf ihre Mitteilung hin verlangte Schultz auch von Kuhfuss, er solle drei Fässer mit Salpeter gefälligst wieder herausnehmen. Kuhfuss meinte, daß in dem Lagervertrag nichts darüber stehen würde, welche Sachen er hier unterbringen dürfe - ein Versäumnis, wie Schultz einsehen musste. Doch als Schultz daraufhin wütend wurde und sagte, dann solle sich Kuhfuss zum Teufel scheren, und er werde den Vertrag zerreißen, mit welchen Folgen auch immer, lenkte der andere ein und nahm die Fässer wieder mit.

Ansonsten war er, wenn er sich selber blicken ließ, die Freundlichkeit in Person, auch wenn Georg meinte, er habe etwas Hinterhältiges an sich und verkleide seine schlechten Absichten mit dem biederen Schafspelz. Aber man konnte ihm nichts vorwerfen, im Gegenteil, er schaffte es sogar, daß man ihm zu Dank verpflichtet war. So besorgte er Georg die aktuellen Zeitungen und Journale aus der Stadt, damit dieser, wie er sagte, die Lage auf dem Handelsmarkt studieren könne, was Georg auch eifrig tat und für Schultz diese und jene geschäftliche Empfehlung herausarbeitete, die sich dann tatsächlich bezahlt machte. Er beschaffte ihm leihweise auch andere Lektüre, darunter den Banditenroman "Abällino", den Georg fast in einem Zug durchlas.

Für Kuhfuss erledigte er Aufträge, die jener an Schultz herangetragen hatte und von denen Schultz meinte, es würde Georg nur nützen, sich damit zu beschäftigen und außerhalb der vier Wände des eigenen Hauses sich seine Sporen zu verdienen. Womöglich dachte Schultz dabei auch daran, Georg könnte Kuhfuss ein wenig auf die Finger schauen. Schultz war manchmal nicht zimperlich, wenn es daraum ging, Georg für eine Weile "auszuleihen" und er für zwei, drei Wochen in irgendeiner Werkstatt oder einer Fabrik sich "Branchenkenntnisse" aneignen durfte, wie es Schultz nannte, und dabei oft auch noch um den gerechten Lohn behumpst wurde. Er hielt es aus und trug es mit Fassung, meistens sogar mit Humor, denn er wusste, daß Schultz ihn zurückholen würde.

Und dann kam eines Tages Jasper Wedels mit seiner Idee eines mobilen Milchlieferdienstes, für den er nicht nur gleich einen kleinen Wagen hatte bauen lassen, sondern auch in Georg und Hannibal die geeigneten Arbeitskräfte meinte gefunden zu haben. "Der Hund soll den Karren ziehen?", fragte Schultz ungläubig. Wedels nickte. "Er ist von seiner Statur her bestens dafür geeignet. Ich habe mich in der Stadt umgesehen, viele schicken solche Hundefuhrwerke durch die Viertel." Auch Georg hatte Hannibals wegen Bedenken, aber Wedels argumentierte, daß die Last des Wagens während der Tour beständig abnehme, je mehr Milch ausgeliefert sei und der Hund sich auf dem Rückweg fast unbeschwert bewegen würde, womöglich sogar glücklich darüber, seinen Dienst erfüllt zu haben. Er bot überdies ein Entgelt, das man großzügig nennen konnte, und Wedels hatte es absichtlich so offen angesprochen, damit Schultz nicht umhin konnte, Georg den gebührenden Teil davon abzugeben und er damit für die Arbeit motiviert werde. Er machte ein paar Probefahrten, und Hannibal erwies sich als hervorragender Hundekutschen Hund, ja es schien ihm Spaß zu machen, mit dem Karren unermüdlich durch die belebten Straßen zu trappeln, als würde auch auf ihn der Spruch zutreffen: Stadtluft macht frei.

Sie kamen überein, daß Georg zweimal in der Woche mit dem Hundekarren Jasper Wedels' bevorzugte Kunden besuchte und ihnen frische Milch brachte. Er hatte sich die Runde selbst eingerichtet, ging frühmorgens gegen halb sechs los und war zwischen halb und um elf fertig. Das Wetter war ihm durchweg hold, und er konnte, bis auf wenige Tage, an denen es in Strömen regnete, durch alle Jahreszeit hindurch pünktlich erscheinen und seine Aufgabe gewissenhaft erfüllen. Hannibal zeigte nicht ein einziges Mal eine Schwäche oder Unlust, sondern sprang Georg des Morgens entgegen und legte sich am Mittag geruhsam und zufrieden vor seine Hütte auf Schultzes Hinterhof.

Auch die Aufträge für Kuhfuss musste Georg weiter erledigen. Meistens drückte der ihm ein Päckchen oder ein Bündel Papiere in die Hand, das er da und da hinbringen sollte, und bei dem Adressaten stellte sich dann ganz zufällig heraus, daß er gerade jemanden suchte, der bei irgendeiner Dreckarbeit mithelfen könne. So hatte Georg schon Schuppen abgerissen, Gräben ausgehoben, Dächer repariert, Fenster gestrichen. Auf kleine Kinder aufpassen oder Einkäufe tätigen, waren da noch die angenehmeren Beschäftigungen. Er tat es, weil dabei oft ein paar Groschen zusätzlich für ihn heraussprangen, Geld, das er beisammen hielt und in einer Büchse aufbewahrte.

Eines Tages stand Georg wieder vor Kuhfuss' Haus in der Schottenreihe. Hannibal hatte sich unter den Karren verkrochen und stöberte in seinem Fell nach Flöhen. In einem der drei Milcheimer waren noch zwei Rationen, die Georg abliefern würde, wenn er Kuhfuss' Weisung entgegengenommen hatte. Der schien ihn aber vergessen zu haben, seit einer halben Stunde war ein Besucher bei ihm, und die beiden Männer kamen aus dem Bürozimmer nicht mehr heraus. Kuhfuss hatte zu Georg gesagt, er solle warten, er habe noch etwas für ihn. Georg fühlte sich ihm gegenüber immer noch verpflichtet wegen der Zeitungen und Bücher, die er besorgt hatte, obwohl auch das deutlich nachließ. Schultz meinte, Kuhfuss' Geschäfte liefen zur Zeit nicht so gut, und der Mann, der eben in sein Büro gekommen war, machte auch nicht den feinsten Eindruck. Noch länger zu warten hatte er keine Lust, und er beschloss, Kuhfuss kurz Bescheid zu geben, die Milch würde bei der Wärme nicht länger frisch bleiben.

Auf der Straße vor dem Haus war viel Betrieb, was daran lag, daß auf dem Keltwitzer Damm gebaut wurde und er für den Verkehr gesperrt war. So mussten die Fuhrwerke durch die Schottenreihe ausweichen. Georg erhob sich und wollte zum Büro hinaufgehen, als eine halboffene Pferdedroschke um die Ecke bog, die ein einzelner Herr lenkte. Er sah sehr vornehm aus und hatte viel Mühe, durch das Gewimmel zu kommen. Es missfiel ihm offensichtlich sehr, seine würdevolle Pose durch schnöde Rufe nach Vorsicht und Platz zu verlieren, normalerweise hätte er sich gar nicht auf eine Nebenstraße verirrt. Zu seinen Seiten trabten zwei große Hunde, abstoßende, rohe Tiere, auf deren dumpfen Gesichter es vor Angriffslust zuckte. Kaum hatten sie Hannibal gewittert, sprangen sie auch schon in seine Richtung, und der Mann, der damit zu tun hatte, vorwärts zu kommen, konnte sie nicht halten. Seine halbherzigen Pfiffe gingen im Straßenlärm unter.

Hannibal, der zwar friedfertig, nichtsdestoweniger aber auch furchtlos war, schoss wie der Blitz unter dem Karren hervor und vergaß dabei ganz, daß er im Zugriemen steckte. Georg fasste die kurze Lenkstange, doch Hannibals Sprung riss den Karren mit einem Ruck herum, Georg bekam einen schmerzhaften Stoß in die Seite, fiel gegen die Eimer und drückte das Gefährt dadurch noch zusätzlich zur Seite. Hannibal zerrte an den Riemen, daß sie zu zerreißen drohten und schleuderte den Angreifern ein Furcht erregendes Bellen entgegen, wobei er hin und her sprang, um es gleichzeitig mit beiden aufzunehmen. Damit kam auch der Wagen ins Schaukeln, und Georg konnte sich auf der kleinen Ladefläche nicht länger halten. Er rutschte zu Boden und griff vor Wut nach einem der Eimer, um ihn nach den schwarzen Bestien zu schleudern. Dummerweise war es der mit dem Rest Milch, die im hohen Schwall sich auf die Straße ergoss.

Ein paar Passanten schrien auf, aber es wurde niemand getroffen. Hannibal verstummte und stand wie versteinert, als er sah, daß die blöden Viecher anfingen, die Milch aufzulecken; 'die sind gar nicht echt', dachte er wahrscheinlich. Georg rappelte sich auf und rieb sich die Stelle, wo ihn das Holz gerammt hatte. "Verdammte Scheiße", rief er, zog Hannibal zurück, um den Karren wieder aufzurichten und schickte den Hunden, die es beinahe verpassten, ihrem Herrn zu folgen, ein paar derbe Flüche hinterher. Oben öffnete sich das Fenster und Kuhfuss, durch den Lärm aufmerksam geworden, schaute heraus. "Junge, was ist denn?", rief er, "habe ich nicht gesagt, du sollst noch einen Auftrag entgegennehmen." "Entgegennehmen", äffte Georg ihn nach, "ja, verdammt, ich komme schon. Du bleibst hier und rührst dich nicht vom Fleck", sagte er zu Hannibal und ging ins Haus.

Im Flur zwängte er sich an einem Mädchen vorbei, das den Boden wischte. Er stieß an den Wassereimer, der neben ihr stand. "He, kannst du nicht aufpassen, du hast es wohl heute mit Pfützenmachen." "Entschuldigung, diese dämlichen Köter haben versucht, meinen Hund zu überfallen." Er fragte sich, wie sie eigentlich ins Haus gekommen war, er hätte sie doch bemerken müssen. Kuhfuss stand noch am Fenster. "'Ne ganz schöne Schweinerei da vorm Haus." "Ja, und zweimal Milch zum Teufel." Kuhfuss sah, wie zornig er war. "Also, was soll ich noch tun?", fragte Georg, der bloß fort wollte. "Ähm, ach so, das hat sich erledigt", sagte Kuhfuss. "Soll das heißen, ich habe hier so lange umsonst gewartet?" Er stemmte die Arme in die Seiten, zuckte aber dabei zusammen, weil ihm die Prellung noch weh tat. Kuhfuss war es nur ein bisschen peinlich. "Tja, also wenn du morgen wieder kommst, jetzt ist es wirklich zu spät. Na, nimm das hier, für den Verdienstausfall." Er drückte ihm zwei Münzen in die Hand. Georg sah, daß es mehr war, als er für die Milch bekommen hätte. Er wandte sich zum Gehen. Kuhfuss rief ihm hinterher: "Und sag' dem Mädchen unten, sie soll die Lache vorm Haus in die Gosse kehren."

Georg ging die Treppe hinab. Das Mädchen wischte immer noch auf Knien den Boden. Neben dem Eimer stand ein kleines Kind, das im Wischwasser herumfischte. "Lums, lums", lispelte das Kind und schaute Georg an. "Ja, es ist 'reingeplumpst", sagte das Mädchen beiläufig, "wir holen es gleich wieder heraus." Er hatte sie vorher nicht in Kuhfuss' Haus gesehen, offenbar hatte der sie zum Putzen engagiert. Sie trug einen dunkelblauen Rock aus dickem Stoff. Ziemlich warm für das Wetter, dachte Georg. Beim Wischen hatte sie ihre Sandalen verloren und Georg sah ihre weißen, schön geformten Fußsohlen mit den weichen Fersen und den kleinen runden Zehen.

"Hallo", meinte er, "ich soll dir sagen, daß du ..." Sie richtete ihren Oberkörper auf und sah ihn an, ein paar Haarsträhnen hingen ihr im Gesicht. Sie hatte dunkle Augen, eine schöne gerade Nase und einen kleinen, niedlichen Mund. Hannibal begann schon wieder zu kläffen. Das Kind brabbelte "Böder Hund, böder Hund." "Nein, das ist kein blöder Hund", sagte Georg. "Sie meint böser Hund", sagte das Mädchen. "Nein, das ist kein böser Hund", sagte Georg und spürte auf einmal, wie er weiche Knie bekam. "Was sollst du mir sagen?", fragte sie streng. "Was? Ach so, ja, du sollst ..." Er dachte, daß es eigentlich unverschämt wäre, sie die Milch wegkehren zu lassen. Er fuchtelte mit den Armen herum, als wollte er sich herausreden. Wieder kam er an die wunde Stelle an der Hüfte und zischte. "Hast du dir was getan?", fragte sie. "Ach nein, ich bin bloß an die Lenkstange gestoßen." Er zog das Hemd hoch und betrachtete einen blutunterlaufenen Fleck so groß wie eine Hand. "Oh Gott", seufzte er voller Selbstmitleid. "Aua weh", sagte das Kind. Das Mädchen wrang den Scheuerlappen im Eimer aus und wischte unbeeindruckt weiter. "Tut mir leid, ich muss fertig werden, der nächste Hausflur wartet schon auf mich." "Ja dann", murmelte Georg. Sollte die Milch eben an der Sonne trocknen.

An den folgenden Tagen war es in Schultz' Geschäft wie verhext, Georg passierte ein Missgeschick nach dem anderen, und das Ärgerliche daran war, daß es jedesmal bemerkt wurde. Erst hatte er irgendeine Tür, die nach Schultz' strikter Anweisung immer abgeschlossen sein sollte, offen gelassen. Und damit nicht genug, es steckte auch noch der Schlüssel im Schloss. "Ein Glück für dich, daß ich es zuerst entdeckt habe und daß ich so nachsichtig bin", sagte Schultz gereizt, "sonst könnte er jetzt weg sein und du müsstest ihn ersetzen." Dann brachte Georg eine Lieferung mit Tee durcheinander, hatte vor dem Abwiegen die Waage nicht auf Null zurückgestellt und verwechselte überdies die Rechnungsscheine. Einen Kunden, der etwas abholen wollte, schickte er wieder weg, einem anderen gab er etwas mit, das dieser gar nicht bekommen sollte. Dann schimpfte einer der Gehilfen, daß jemand Hannibal Geflügelreste zu fressen gegeben hätte, wo er an den spitzen Knochen krepieren könnte. Georg gab zu, er habe nicht darauf geachtet. Und zu allem Unheil kam er häufig morgens zu spät.

Überhaupt war ihm andauernd so seltsam zumute, er war nie ganz bei der Sache, hörte nicht zu, wenn ihm jemand etwas sagte, und Folkerts fand ihn des öfteren, wie er im Türrahmen zum Hof hin lehnte und gedankenversunken vor sich hin träumte. "Was ist los, Junge? Geht's dir nicht gut?" "Doch, alles in Ordnung. Ich weiß auch nicht, es ist mir immer so flau im Magen." Manchmal kam er nach der Arbeit in seine Stube, warf sich wie er war, aufs Bett und wachte erst am nächsten Morgen wieder auf. Ein andermal konnte er kein Auge zumachen, wälzte sich hin und her und versank erst in der Frühdämmerung in einen tiefen, von süßen Träumen erfüllten Schlaf. Mal hatte er Hunger wie ein Wolf, dann wieder glaubte er, ein Wurm würde ihn von innen leerfressen, und später fühlte er sich dick und fett wie ein Sack mit aufgequollener Gerstengrütze. Aber so sehr er sich auch den Kopf zerbrach, er konnte keine rechte Ursache für all' das Durcheinander finden.

Noch etwas anderes kam ihm selber merkwürdig vor: eine Woche nach dem Malheur mit dem umgestürzten Milchwagen ging er fast täglich zu Kuhfuss und fragte, ob es etwas für ihn zu tun gäbe. Kuhfuss verzog bald schon das Gesicht. "Junge, ich habe dir gestern erst gesagt, daß ich dir Bescheid gebe, wenn ich was habe." "Ich weiß, ich dachte nur, bevor Sie jemand anderen ..." "Brauchst du etwa Geld?" "Nein, nein." Das war es nicht, was ihn in Kuhfuss' Haus trieb. Auch daß er den ständigen Nörgeleien von Schultz und Folkerts zu entfliehen suchte, konnte nicht, wie zuerst angenommen, der wahre Grund sein.

Einmal stand Georg wieder in Kuhfuss' Arbeitszimmer und schaute ihn unschlüssig an, und Kuhfuss überlegte schon, nur um seine Ruhe zu haben, womit er ihn beschäftigen könnte, da sagte Georg auf einmal "Das Mädchen, das bei Ihnen sauber macht ..." Kuhfuss unterbrach ihn gleich. "Hat die Kleine wieder mal den ganzen Dreck liegengelassen?" "Aber nein." "Es sieht immer aus im Treppenhaus wie auf dem Weg zur Abfallgrube." "Herr Kuhfuss, das ist nicht wahr, es ist immer sehr sauber." Kuhfuss winkte ab, Georg sagte "Was ich nur fragen wollte, kommt sie öfter?" "Wer?" "Das Mädchen." "Das wäre ja noch schöner. Einmal die Woche, das reicht, wie soll ich das denn bezahlen, einen Haufen Geld dafür, daß der Dreck von einer Ecke in die andere geschoben wird", dann fügte er hinzu "vielleicht auch zweimal die Woche, ich bin mir nicht sicher. Warum fragst du überhaupt?" Georg zuckte mit den Schultern. "Weiß ich auch nicht."

Zwei Tage später war Georg wieder da, er sollte von Schultz etwas ausrichten, und Kuhfuss schickte ihn mit irgendeiner Kleinigkeit in die Stadt. Um fünf war er zurück, und Kuhfuss fragte ihn "Hat es nicht geklappt?" "Doch, Auftrag ausgeführt." "Hatte ich gesagt, du sollst noch mal vorbeikommen?" "Nein, das nicht. Ich wollte nur was fragen." "Was denn?" "Wie heißt eigentlich das Mädchen, das hier sauber macht?" Kuhfuss schaute ihn listig an. "Wer? Die neue?" "Was für eine neue?" "Ich musste mir eine neue Putzfrau suchen, die Kleine hat ja schluderig gearbeitet." Georg wurde vor Wut ganz rot im Gesicht. "Hier soll es wohl aussehen wie im Palast des Maharadscha?" "Wie redest du? In meinem Haus soll es so aussehen, wie ich es verlange." "Natürlich, entschuldigen Sie, es geht mich nichts an." "Allerdings nicht." Dann sagte er mit einem Grinsen "Es war nur ein Scherz." "Was?" "Das mit der neuen Putzfrau. Hab' ich gar nicht." "Und warum wollten Sie mich veralbern?" "Nur so, mein Kleiner. Du interessierst dich wohl für das Mädchen?" "Ich finde es nicht besonders höflich, wie Sie mich behandeln, Herr Kuhfuss. Wenn Sie einen Auftrag haben, sagen Sie mir Bescheid, ich gehe jetzt." "He, warte, willst du denn nicht wissen, wie sie heißt?" "Ich werde Sie deshalb nicht anbetteln." "Brauchst du auch gar nicht. Sie heißt Carola. Ich glaube sogar, sie ist am Freitag wieder hier", sagte Kuhfuss und lachte ihm hinterher.

"Anton Kuhfuss möchte, daß du etwas für ihn erledigst", sagte Schultz am Freitagmorgen zu Georg, "ich habe schon wieder vergessen, was es war, aber nimm' mal hier das Schreiben für ihn mit und sage ihm, daß wir uns wegen der Lagerräume bestimmt einig werden - ach nein, sag' du lieber nichts darüber, er tut ja so, als dürfte es keiner wissen." Georg machte sich sofort auf den Weg. Er kam beim Friseurgeschäft von Felix Baum vorbei und unwillkürlich ging er hinein. "Ah, der junge Herr Kanoldt, womit kann ich dienen?" "Herr Baum, Sie haben so was, das man sich in die Haare einreiben kann." "Gegen Läuse?" "Nein, nicht gegen Läuse. Auch nicht gegen Schuppen oder ähnliches, sondern so ein Duftmittel." "Ah, ich verstehe, Sie haben ein Rendezvous. Setzen Sie sich mal dorthin." "Wie lange dauert das?" "Die Jugend hat es eilig, alles muss ganz schnell gehen. Frisch verknallt, und der Friseur soll's fördern." "Herr Baum, ich möchte nur ..." "... ein wenig auffallen, angenehm natürlich. Na ja, schließen Sie mal die Augen."

Er sprühte aus drei verschiedenen Fläschchen mit Zerstäuber wohlriechende Essenzen in Georgs Haar und massierte dann mit den Fingerspitzen eine Ewigkeit darin herum, während er ohne Pause redete. Dann kämmte und legte er es kunstgerecht und schnitt zuletzt eine störende Strähne ab. Georg fand es gut. "Vielen Dank. Was macht das?" "Das war gratis, mein junger Freund. Ich hoffe, Sie beglücken mich bald einmal wieder ..." "Beglücken?" "... mit Ihrer Gesellschaft. Es plaudert sich so angenehm mit Ihnen." "Tatsächlich?" Georg schaute von allen Seiten in den Spiegel. "Was ist denn? Sind Sie nicht zufrieden?" "Fällt es auch nicht zu sehr auf?" "Ich empfehle einen Abstand von zwei Armeslängen, da entfaltet sich der Duft am besten. Beim nächsten Mal können wir dann einen weiteren Vorstoß wagen." "Wenn es ein nächstes Mal gibt", murmelte Georg etwas mutlos. "Das will ich meinen. Die Ehre verbietet einem Friseur zu wetten, aber wenn ich kein Friseur wäre, würde ich darauf wetten, daß Sie Erfolg haben werden." "Das ist nett von Ihnen", erwiderte Georg und dachte 'Wenn er keine Ehre hätte, würde er darauf wetten, daß sie mich abblitzen lässt'.

Kuhfuss gab Georg eine kleine Münze für seinen Dienst und schickte ihn wieder weg. Georg wollte nicht fragen wegen dem Mädchen, er hätte bloß wieder einen dummen Witz gerissen. Er verließ das Arbeitszimmer und ging die Treppe hinunter. Direkt am Hauseingang stieß er mit Carola zusammen, die gerade hinein wollte. Ihr Wassereimer knallte gegen sein Schienbein, er verzog keine Miene. "Hallo", sagte er. "Guten Tag", meinte sie und zwängte sich an ihm vorbei. "Oh, Verzeihung, ich stehe im Weg." "Geht schon, so dick bin ich nicht." "Das stimmt." "Was stimmt?" "Daß du nicht so dick bist."

"Bist du mit Herrn Kuhfuss verwandt?" "Nein, ich bin Georg Kanoldt" "Und ich bin ..." "Carola", entfuhr es ihm. "Woher weißt du das?" "Ähm, Kuhfuss hat mich gerade gefragt, ob Carola schon da wäre." "Will er was von mir?" "Nein." "Wieso hat er dann gefragt. Er will mir kündigen, damit er sich ein billiges Putzmädchen holen kann." "Ach, das glaube ich nicht. Und wenn, werde ich es ihm ausreden." Carola sah ihn misstrauisch an. "Bist du doch mit ihm verwandt? Wenn du sein Sohn bist oder so, sag' es gleich." Sie stellte den Schrubber und die Scheuermittelkiste an die Seite und ging mit dem Eimer nach hinten zum Hof. Sie sagte "Ich bin hier zum Saubermachen, und sonst nichts." Er rief ihr nach "Ich habe in ganz Hamburg keine Verwandtschaft, so wahr ich hier stehe." Er war sich nicht sicher, ob sie es gehört hatte. Sie holte in der Waschküche auf der anderen Hofseite Wasser.

Dann kam sie wieder. "Oh Mist!", rief er wirklich betroffen, "Ich hätte dir den Eimer abnehmen sollen." "Macht nichts, ich schleppe ihn ja sonst auch immer selbst." "Dafür hab' ich auf dein Werkzeug aufgepasst." "Mein Werkzeug?" Sie lachte. "Soll ich dir was verraten? Das ist mir noch nie gestohlen worden." "Irgendwann ist immer das erste Mal." Sie schüttete ein Mittel ins Wasser, machte ein bisschen Schaum und tauchte den Wischlappen ein. "Dann bist du wohl so 'ne Art Detektiv, der die Putzmädchen vor dem Schrubberklauer beschützt?" "Das wollte ich werden, aber man hat mich abgelehnt, ich bin beim Sehtest durchgefallen." Carola kniete sich hin und wischte den Fußboden mit dem Lappen in der Hand. Georg lehnte sich an das Treppengeländer. "Was musste man bei dem Sehtest machen?" "Es ging darum, ob man jemanden wiedererkennt, den man schon mal gesehen hat." "Falls es der Schrubberklauer ist." "Ja, oder überhaupt. Es kommt auch darauf an, wie gut man sich was merken kann."

Sie sagten eine Weile nichts, und Carola rückte mit dem Eimer Stück für Stück den Flur entlang, während sich Georg unmerklich an der Wand mitbewegte. Dann sagte er "Ich glaube, du würdest den Sehtest auch nicht bestehen." "Ich? Wieso nicht?" "Wir sind uns auch schon mal begegnet, aber du erinnerst dich nicht daran." Sie schwieg und wischte. "Und zwar war das auch hier", sagte er, "und du hattest ein kleines Kind dabei." "Und du hast die Milch auf die Straße gekippt, die ich weg machen musste." "Was? Das hat er von dir verlangt?" "Du hast dich ja verdrückt." "Das ist mir wirklich peinlich." Dann sagte er "Ich würde mich dafür gern revanchieren." "Willst du mir ein Glas Milch spendieren?" "Es reicht auch für etwas mehr." Sie war am Ende des Hausflurs angekommen und wrang den Lappen aus. "Danke für das Angebot, aber ich muss arbeiten." Damit warf sie ihm einen geringschätzigen Blick zu, aber er ließ sich davon nicht abschrecken.

"Wenn du dich an mich erinnerst, wundert mich aber eins." "Was?" "Dann hast du doch vorhin gewusst, daß ich nicht Kuhfuss' Verwandter bin." Carola war für einen Moment verlegen, dann sagte sie spitz "Der Detektiv bereitet sich wohl auf die Wiederholungsprüfung vor." Sie nahm den Eimer mit dem schmutzigen Wasser, um ihn im Hof auszuschütten, Georg griff danach "Ich mach' das, diesmal", und ging nach hinten, sie rief ihm nach "Da in den Gully!" Als er zurück kam, hatte sie ihre Gerätschaften schon beisammen. "Also, ich muss dann weiter." "Ja, mach's gut." Er zögerte. "Hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Wo musst du denn heute noch arbeiten?" "In der Wilhelminenstraße." "Wirklich? Da muss ich auch hin."

Sie untersuchte einen Fingernagel, der offenbar eingerissen war, Georg schien es, als würde sie noch warten, er sagte "Dann treffen wir uns vielleicht dort." Sie zwackte mit den Zähnen ein Stück von dem Fingernagel ab und schaute ihn an. "Und falls nicht?" "Falls nicht, könnten wir uns lieber gleich für morgen verabreden - wenn du Zeit hast." Sie schwieg, dann fragte sie ziemlich scheinheilig "Wie heißt du noch mal?" "Georg. Ich bin Lehrling beim Herrn Schultz am Wandsbeker Graben." Sie drehte die Augen nach oben, als müsste sie schwer überlegen. "Na gut", sagte sie dann, "morgen um drei bei dem Park an der Bleichenbrücke, weißt du, wo das ist?" Georgs Herz machte einen Freudensprung. "Finde ich." "Heute habe ich sowieso schon was vor", fügte sie hinzu und verpasste ihm gleich einen Dämpfer.

Am Nachmittag des darauffolgenden Tages wartete Georg vergeblich an der Bleichenbrücke. Er ging mehrmals kreuz und quer durch den Park, betrachtete gedankenlos die Bäume und die kleinen Schilder mit den botanischen Bezeichnungen und fand dann hinter Gebüsch einen versteckten Teich, auf dem ein Entenpaar schwamm. Es sah alles trostlos aus, und daß Carola nicht gekommen war, machte den Park zu einem öden Flecken. War er doch am falschen Ort? Er hatte es sich genau beschreiben lassen und gut eingeprägt. Hatte Carola ihn mit Absicht versetzt? Warum sollte sie das tun? So ein Blödmann war er nun auch nicht, daß man ihn reinlegen wollte, und er war ihr gegenüber weder aufdringlich noch arrogant gewesen. Nach einer Stunde machte er sich auf den Heimweg.

Von einem Tag auf den nächsten überlegte er, ob er zu Kuhfuss' Haus gehen sollte, um Carola dort zu treffen, bis er am Ende der Woche einsah, daß er sich nicht getraut hatte. Als er am Freitag den Lagerraum betrat, hörte er Folkerts sagen "Der schmeckt auch gut, so saftig." Und jemand erwiderte "Man kann die Sorte allerdings nicht lange aufheben, die Äpfel werden bald mürbe." Georg erkannte Carolas Stimme, vor Verwirrung hätte er am liebsten schnell auf dem Absatz kehrt gemacht, als Folkerts rief "Georg, Besuch für dich, ein Fräulein, sie hat uns sehr leckere Äpfel mitgebracht." "Oh ja." "Hallo", sagte Carola und lächelte. "Ich dachte, ich komme mal vorbei und bringe euch ein paar Kostproben von Vater Joosts Obsternte." "Fein." "Ihr Vater ist Obstbauer und besitzt eine Plantage auf dem Burgfeld", sagte Folkerts, der sich offenbar schon eine Weile mit ihr unterhalten hatte. "Nein, sie gehört ihm nicht, er ist dort nur angestellt." "Na, was macht das den Äpfeln aus, hier Georg, versuch' auch mal einen." "Nein danke, ich - Carola warf ihm einen scharfen Blick zu - oder doch ja, gern."

Carola betrachtete die beiden, als hätten sie heute ihren ersten Schultag gehabt. "Wie schön, daß sie euch schmecken." "Sie können gern wieder welche bringen, wir bezahlen sie natürlich auch." Georg missfiel es, wie Folkerts mit ihr redete. Überhaupt störte er nur. Am liebsten hätte er gesagt "Jetzt halten Sie mal die Klappe, ich muss nämlich was mit ihr klären." Carola erwiderte "Das würde ich tun, aber ..." "Was aber?" "Die Schlepperei und so." "Georg kann sie doch abholen." "Wen?" "Die Äpfel." "Hannibal hat sich den Hinterlauf verstaucht, der kann keinen Karren ziehen." "Du kannst sie tragen." "Hannibal, ist das dein Hund?" "Sie kennen unsern Hund?" "Flüchtig." "Herr Folkerts, ich finde ..." "Ich muss weiter, hat mich gefreut, Herr Folkerts." "Na ja, wenn es nicht zuviele sind." "Was?" "Ich meine, ich würde schon noch ein paar Äpfel bei dir holen." Carola lachte. "Die haben wir nicht zu Hause, die sind draußen auf dem Burgfeld." "Ist das weit?" Carola sagte "Das findest du nie." "Ziemlich weitläufige Gegend da", meinte Folkerts. "Und auf Hannibal reiten geht auch schlecht", lachte sie.

"Den Korb muss ich wieder mitnehmen", sagte sie dann und ging zwischen den zweien hindurch zur Tür. "Du kannst gleich hier hinten 'rausgehen", meinte Georg. "Das ist wohl der Dienstbotenausgang?" "So war das nicht gemeint. Ich dachte nur, du hast es eilig." "Nicht so sehr." "Ich komm' mit." Sie überquerten den Hof. Hannibal lag vor seiner Hütte, sie schauten zu ihm hinüber, er trommelte mit dem Schwanz auf den Boden. Georg kämpfte mit sich, ob er sie wegen der geplatzten Verabredung ansprechen sollte. Hinten am Bretterzaun hob er die Tür mit einem Ruck an. "Die klemmt ein bisschen." "Aha. Und du wohnst auch hier?" Er ging ein paar Schritte in Richtung Kanal und reckte den Hals. "Ja, von hier aus kannst du das Haus sehen." Carola stellte sich neben ihn. "Dort das mit dem krummen Schornstein." "Hinter dem Baum?" "Welcher Baum? Ach nein, weiter rechts." "Wo das Fenster offen ist?" "Nee, das ist schon an der Kreuzung. Komm' her." Er stellte sich hinter sie und sie streckten beide den Arm aus. Carola lachte. "Warum lachst du?" "Du kitzelst." "Ich kitzel gar nicht." "Und doch." "Lass den Arm locker. Da drüben, schau' direkt über die Fingerspitze." "Welche?" "Mensch, den Zeigefinger, na du musst ihn auch grade machen." "So?" "Ja, und jetzt ist er genau auf den Schornstein gerichtet." "Puh, hast du dir irgendwas in die Haare geschmiert?" Georg wich zurück. "Riecht man das noch? Ist es schlimm?" "Man kann's aushalten, war wohl 'n bisschen viel." "Na ja, sollte auch wirken."

Auf einmal war er so froh, mit ihr zu reden. Er deutete kanalaufwärts. "Ich gehe immer über die kleine Brücke. Im Winter bin ich morgens meistens der erste, außer manchmal einer Katze oder einem Hasen, ich sehe es an den Spuren im Schnee." "Also bist du nur bei Neuschnee der erste." "Ich denke mir, daß es sonst auch so ist." "Jeden Morgen dasselbe Spiel, erst kommt der Hase, dann Georg ans Ziel", sagte Carola und nahm ihren Korb auf. "Hast du das jetzt gereimt?" "Extra für dich", sagte sie ein wenig spöttisch. "Geht es noch weiter?" "Nein. Kann höchstens noch eins machen: Der Hase als erster über die Brücke geht, der Georg kommt wie immer zu spät." "Das soll heißen, daß ich was verpasst habe." "Das soll gar nichts heißen." "Wie groß bist du eigentlich?" "Wie groß? Keine Ahnung, vier Meter dreißig." "Als wir eben nebeneinander gestanden haben, bist du mir zirka bis zur Nase gegangen. Ich bin einsneunundsiebzig, dann bist du zirka ..." "Ich dachte, du hast mir dein Haus gezeigt, dabei wolltest du nur sehen, bis wohin ich dir reiche?" "Aber nein, ich ..." "Und dann auch noch zirka, zirka. Ich bin wohl zirka deine fünfte Freundin?" Georgs Gesicht wurde rot wie eine Tomate. Dann sagte er zögernd "Ich bin doch nicht dein Freund."

Sie schwieg. Sie hätte längst verschwunden sein können, wenn sie gewollt hätte. Er sagte "Ich bin letztens wirklich zu spät zur Arbeit gekommen." "Warum?" "Ich habe es verschlafen, zu viel geträumt. Lauter so'n Zeug, das mir im Kopf herumgegangen ist." "Das geht mir auch manchmal so. Du musst nach dem Aufstehen ein Glas kaltes Wasser trinken, das spült die blöden Gedanken fort." "Danke für den Rat, ich hatte schon alles versucht. Übrigens war manches davon gar nicht so blöd, ich habe auch von dir geträumt." Sie sah ihn ein bisschen erschrocken an. "Von mir?" "Seitdem wir uns begegnet sind, muss ich irgendwie ständig an dich denken. Das geht mit Wasser nicht weg." "Oh. Dann müssen wir zu schärferen Mitteln greifen." "Ja. Oder nein, warum eigentlich." "Stört's dich denn nicht?" "Im Gegenteil, es ist sogar ganz angenehm." "Ja klar, sonst wärst du auch rechtzeitig aufgestanden." "Das sind nur so Nebensächlichkeiten." "Und was ist die Hauptsache?" Sie schauten einen Moment lang einander in die Augen.

Dann sagte Carola schnell "Ich halte dich schon wieder von der Arbeit ab, ich gehe lieber." "Nein warte. Ich sage nur Bescheid, bin gleich wieder da. Dann komme ich ein Stück mit, wenn du nichts dagegen hast?" "Nicht daß du wegen mir Schwierigkeiten kriegst." "Die würde ich mir wünschen." Carola verdrehte die Augen. "Oh Gott, du willst mich in die Zwickmühle bringen." "Nur eine Minute", sagte er, schlüpfte durch das Tor und war noch vor Ablauf der Zeit zurück. "Und wohin gehen wir jetzt?", fragte sie, doch ehe er etwas vorschlagen konnte, fügte sie hinzu "Ah, ich weiß, in den Trichter." "Wohin?" "Das ist ein Lokal. Es hat so ein komisches Dach, deshalb heißt es der Trichter. Manche sagen auch Michels Pavillon, es wird dir gefallen." "Gut, aber ich lade dich ein." "Angenommen." Sie kamen auf den Wandsbeker Graben, wo noch reger Verkehr war. "Wo ist der Trichter?" "An der Elbe, beim Neuen Wall." "Da brauchen wir eine Stunde zu Fuß." "Dann müssen wir eben fahren", erwiderte Carola und hielt Ausschau nach einer Kutsche, die sie mitnehmen würde. Georg sagte "Da vorn bei der Bierhandlung, da fährt gerade jemand los, den kenne ich." Sie rannten hin, und der Kutscher rückte zur Seite, damit sie aufsitzen konnten.

Er fuhr nicht direkt bis zum Neuen Wall, und auf dem letzten Stück machten sie einen gemütlichen Spaziergang. Carola erzählte ihm von ihrem Vater Joost, der früher Seemann gewesen war, Elbeschiffer genau gesagt, aber nach einem Unfall und einer Verletzung musste er sich eine andere Arbeit suchen, und so kam er zum Obstbau, worin er inzwischen ein Experte geworden war. Georg erfuhr auch, daß sie in der Kamphausenstraße wohnen, Carola, Vater Joost und ihre beiden Geschwister Johannes und Lilli. "Lilli hast du schon kennengelernt." "Ja. Nimmst du sie öfter mit zur Arbeit?" "Meistens passt die Witwe Herbarth auf die Kinder auf, die wohnt gleich über den Hof." "Kamphausenstraße? Hat da nicht der Anton Kuhfuss ein Lager?" "Nebenan, ja. Daher putze ich auch in seinem Haus. Das ist ein ekelhafter Mensch, findest du nicht auch?" "Ja, der würde nie was für jemand tun, wenn nichts dabei herausspringt." "Er hat ganz schön viel Geld." "Weiß ich nicht." "Aber ich weiß es. Jetzt reden wir mal über dich." "Da gibt's nicht viel zu sagen." "Was? Bist du so'n Langweiler, der ein Mädchen nicht unterhalten kann? Wie konnte mir das nur passieren." "Na gut, dann fange ich an, aber das kann dauern." "Ich sage schon, wenn's mir zuviel wird."

So gelangten sie zum Trichter. Es war später Nachmittag, und sie waren weit und breit allein. "Komisch, sonst ist hier immer viel mehr los", meinte Carola, und dann sah sie, daß überhaupt keine Gäste in dem Lokal waren. Sie guckten durch die Scheiben, konnten aber wenig erkennen, und Georg probierte die Tür, die offen war. Im Inneren sah es aus, als wäre ein Wirbelsturm hindurchgefegt. Die halbe Einrichtung lag drunter und drüber verstreut, Stühle und Tische waren umgeworfen, die Tücher heruntergerissen, Geschirr lag zerbrochen auf dem Boden. "Da müssen wir uns wohl was anderes suchen", sagte Carola und ärgerte sich, daß sie ihn umsonst hierher geführt hatte. "Du konntest doch nicht wissen, daß gestern die Vandalen eine Stammesfeier hier hatten." Sie wandten sich zum Ausgang, als jemand rief "Lauft nicht fort, ihr werdet gleich bedient." "So? Ist denn noch was übrig?"

Hinter der Theke kam der Wirt zum Vorschein. "Bitte, tut mir den Gefallen, bleibt ein bisschen hier, ihr seid seit zwei Tagen meine einzigen Gäste." "Dafür waren wohl vorher auch zuviele da", meinte Georg und schaute sich um. "Ein Unglück! Es war ein Unglück, wenn man das erzählt, würde es keiner glauben. Das Haus war voll, das Geschäft brummte, die Stimmung war enorm. Da kommt durch die Terrassentür auf einmal ein wildgewordener Ochse hereingeprescht und verwandelt mein schönes Etablissement binnen weniger Minuten in ein Schlachtfeld." "Ein Ochse?" "Angeblich von der Koppel auf dem Eldersbrook ausgebrochen, mit Hörnern, ich sage euch, lang wie ein Hirschgeweih, dick wie ein Klüverbaum und krumm wie der Pfad auf den Süllberg hinauf. Er wütet durch den Saal, reißt um, was ihm im Weg steht, die Leute schreien und nehmen Reißaus.

Einer von den Musikern stellt sich mit dem schweren Kontrabass dem Ungetüm entgegen, und man hört nur, wie das Instrument dröhnend zerspringt und der Mann aufschreit." "Ist er tot?", fragt Carola betroffen. "Schlimmer! Sein Arm ist gebrochen." Georg sagte "Bei uns zu Hause ist auch mal eine Kuh in die Goldbacher Kirche eingedrungen." "In eine Kirche, was kann da schon geschehen", entgegnete der Wirt, "es heißt: eine feste Burg ist unser Gott. Aber schaut euch mein Mobiliar an, zersplittert und zerborsten. Und nun sitze ich seit zwei Tagen untätig herum und warte, daß die Polizei kommt und den Schaden aufnimmt." "Weshalb ist das nicht bereits erfolgt?" "Weil der Täter, also der Ochse, noch nicht gefasst wurde. Denn er muss auch infiziert werden, damit man weiß, wem er gehört. Und bis dahin darf ich hier am Tatort nichts verändern."

Dann sagte der Wirt, dem man ansehen konnte, daß er froh war, jemandem sein Leid zu klagen, "Dort drüben habe ich eine Ecke aufgeräumt und einen Tisch freigemacht, da könnt ihr euch hinsetzen, ihr seid meine Gäste. Die Küche ist noch kalt, aber was kann ich euch zu trinken anbieten?" Georg sagte "Ich nehme ein Glas Wein." "Sehr wohl. Und die Dame?" "Eine Zitronenlimonade." Der Wirt kam in Verlegenheit. "Zitronen habe ich leider keine mehr da." "Dann nehme ich auch einen Wein." "Oh, bedauerlicherweise reicht der gerade noch für einen." "Dann nimmst du meinen", sagte Georg. "Und du?" "Ich schaue dir zu." "Wollen wir nicht lieber woanders hingehen?", flüsterte sie. "Ah, wartet, ich glaube, ich habe noch ein Fläschchen in meinem eisernen Vorrat, nehmt nur schon Platz, es wird gleich serviert."

Man hatte eine gute Aussicht auf die Wiese mit den Platanen vor dem Pavillon und auf den Fluss. Carola sagte "Der Blick entschädigt wenigstens ein wenig." "Mir gefällt es, ich bin froh, daß du mich hierher geführt hast." "Willst du mich auf die Schippe nehmen?" "Niemals. Ganz ehrlich, hier sind wir unter uns, nichts das uns stören könnte." Der Wirt, der die letzten Worte gehört hatte, räusperte sich respektvoll, als er hinzukam. Er brachte eine Flasche Rotwein und eine Schale mit geräucherten Sprotten und Weißbrot. "Mehr steht heute leider nicht auf der Karte." "Das ist wunderbar." "Wenn ihr demnächst wiederkommt, gibt es was Ordentliches." 'Beefsteak?' wollte Georg sagen, verkniff es sich aber. Der Wirt zog sich hinter seine Theke zurück und säuberte ein paar Gläser, die heil geblieben waren.

"Sollen wir das mit den Fingern essen?", fragte Georg. "Natürlich. Kopf und Schwanz bleiben übrig", meinte Carola und machte es vor. "Hm, schmecken prima. Gibt es bei euch zu Hause auch Fische?" "Bachforellen und Regenbogenforellen und in den Teichen Karpfen." "Regenbogenforelle, das klingt hübsch. Erzähle mir noch mehr. Hast du eine Freundin?" Georg verschluckte sich und musste husten. "Das sind die Gräten", sagte er. "Die haben keine Gräten. Ich habe dich was gefragt." "Wie? Ach so, meine Freundin, ja." Carola schaute ihn an. Er spürte, wie seine Ohren heiß wurden. "Wirst du jetzt rot?", fragte sie. "Und du wackelst andauernd mit dem Fuß." "Das ist meine Angewohnheit." "Es macht mich ganz nervös." "Du musst es mir nicht sagen." "Nein." "Was nein?" "Ich meine, ich hatte bis vor kurzem eine Freundin." "Und wieso jetzt nicht mehr?" "Das ist eine lange Geschichte." "Das sagt man, wenn man nicht weiß, wie alles soweit gekommen ist." "Da ist was dran, und deswegen muss jetzt auch nicht weiter darüber gerätselt werden." "Na gut." "Und was ist mit dir?" "Klar habe ich eine Freundin." "Du weißt genau was ich meine." Sie griffen beide nach der letzten Sprotte und sagten gleichzeitig "Nimm' du sie." Sie mussten lachen. Er überließ sie Carola, dann sagte er "Also?" "Im Moment nicht."

Später gingen sie auf dem Weg an der Elbe entlang bis zum Moordammer Reethaus, von wo man schon die ersten Häuser von Altona in der Abenddämmerung sehen konnte. Dort kehrten sie um. "Es war ein schöner Tag", sagte Georg, "und jetzt kenne ich auch den Trichter." Sie waren an dem Platz, wo es nach links zur Kamphausenstraße abging. Carola sagte "Das letzte Stück gehe ich allein, wenn du da vorn die übernächste nach rechts einbiegst, kommst du geradewegs zum Wandsbeker Graben." "Dann ist das gar nicht so weit weg." "Wovon?" "Von dir." Sie lachte. "Wenn du zu laut schnarchst, höre ich es." Er dachte daran, sie zu küssen, aber was, wenn er damit alles verderben würde? Er fragte "Sehen wir uns bald wieder?" "Hätte ich nichts dagegen." "Morgen?" "Gleich morgen? Du gehst ja ganz schön drauflos." "Ich komme zu dir." "Ich weiß nicht genau, ob ich da bin." "Das werde ich dann sehen." "Du würdest auch umsonst kommen?" "Nicht wenn du da bist." "Also mach's gut." "Mach's gut." "Warte", sagte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Gute Nacht, träum' was Schönes."

Regelmäßig wurden die Bestandswaren in Schultzes Lager aufgefüllt oder es kamen neue hinzu. Das meiste wurde in den großen Speicherhäusern am Gabelsrain geholt, wohin Schultz selber fuhr, manchmal begleitet von einem Gehilfen. Das Beladen besorgten im allgemeinen die Männer im Speicher, aber es konnte vorkommen, daß gerade keiner zur Verfügung stand. An dem Morgen, als Schultz zum Gabelsrain fahren wollte, ging es ihm sehr schlecht, er hatte Durchfall bekommen und musste andauernd auf den Abort. Er schimpfte und klagte und suchte nach einer Ursache für seine Malaise, konnte sich jedoch auf nichts besinnen, das er verzehrt und das womöglich nicht mehr ganz koscher gewesen wäre. Der Tee am Abend vorher war einwandfrei, und das Gebäck war eine Art Schiffszwieback, an dem sich noch keiner den Magen verdorben hätte. Sollte es also auf eine jener Kontaminationen zurückzuführen sein, vor denen Jasper Wedels immer so eine Riesenangst hatte? Schimmelpilze oder Fäulniserreger, die sich an der Nahrung festsetzen und mit ihr in unsern Darm wandern, wo sie sich ungehemmt vermehren und ihr teuflisches Gift verspritzen.

Die Krämpfe in seinem Unterleib verzerrten alle paar Minuten Schultz' Gesicht zu einer furchterrenden Maske, die als böser Dämon hervorragend in eine chinesische Oper gepasst hätte. In diesem Zustand konnte er unmöglich das Haus verlassen. Andererseits musste die Lieferung mit dem Öl, Zucker, Tabak, den Lederschürzen und den anderen Waren rechtzeitig übernommen werden. Wenn er den Termin verpasste, würde die Ladung herrenlos herumstehen, schnell in falsche Hände geraten und verloren gehen. Das war ihm Gott sei Dank erst einmal passiert, und es war ihm eine Lehre gewesen. Man musste höllisch aufpassen bei der Übernahme der Waren und man musste einen Blick dafür haben, den kleinsten Fehler zu erkennen.

Zufällig war an diesem Tag Overbeck bei Schultz im Laden. Er hatte mit Folkerts etwas zu verhandeln und kam Schultz wie gerufen. Früher hatte Overbeck manchmal allein die Waren abgeholt, doch seitdem er selbstständig war und nicht mehr ausschließlich für Schultz arbeitete, traute der ihm nicht mehr recht, und Folkerts, der Overbeck noch nie gut leiden konnte, schlug in dieselbe Kerbe. Dabei hatte es nicht ein einziges Mal einen Anhaltspunkt dafür gegeben, daß Overbeck dem ehemaligen Chef hinter seinem Rücken eins auswischen oder ihn übervorteilen wollte, aber seine ganze Art war dem Schultzeschen Haus immer fremd gewesen.

Unter dem Eindruck seiner Magenbeschwerden gab Schultz sein Misstrauen vorübergehend auf und bot Overbeck den kurzfristigen Auftrag gegen gute Bezahlung an. Der willigte ein und war zudem auch einverstanden, daß Georg mitkommen sollte. Das hatte Schultz verlangt, mit der Begründung, der Junge könne sich die Zustände und Gepflogenheiten im Warenspeicher zu Gemüte führen. Dabei benutzte er ihn aber auch als eine Art ahnungslosen Aufpasser. Schultz konnte nie eine Arbeit ganz und gar jemand anderem überlassen, ohne sich, wenn auch nur unbewusst, Sorgen darüber zu machen, daß alles seinen Wünschen und Absichten entsprechend geschieht.

Er wusste, daß Ole Köppedehl als erstes fragen würde, warum denn der Chef diesmal nicht mitgekommen wäre, und die Vorstellung, daß seine Geschäftsfreunde, die ja in Wahrheit alle seine Konkurrenten waren, irgendetwas über ihn sagten, das er nicht sofort erwidern konnte, regte ihn fürchterlich auf. Er instruierte Overbeck. "Wenn der Köppedehl fragt, wo ich wäre, sagst du, ich bin geschäftlich unterwegs, lass durchblicken, es ginge um einen Auftrag in Wismar, einen äußerst lukrativen Auftrag, oder nein, um Verhandlungen mit Wenigmann, die kurz vor dem Abschluss stünden, sag' vor dem erfolgreichen Abschluss." Wenigmann war ein Bankhaus, das es noch nicht lange gab und das durch seine rasante Entwicklung von sich reden gemacht hatte.

Overbeck nickte und knurrte bloß, und Schultz verschwand abermals auf dem Abort. Sie nahmen den großen Ladewagen mit dem tiefen Kasten, der zwar eine schlechte Federung hatte, dafür aber sehr stabil war. Dieser Wagen war für einige Wochen nach Bremen vermietet worden, mitsamt den beiden Pferden. Es schien, als freuten sich die Tiere, wieder zu Hause ihren Dienst zu tun. Die Strecke war ihnen vertraut, und Overbeck hatte keine Mühe, das Fahrzeug durch den an diesem Wochentag herrschenden Verkehr in der Stadt zu lenken. In der Fohlentwiete bogen sie bei Scheunes Bäckerei in eine schmale Gasse ein. Das war eine Abkürzung und sie mussten dadurch nicht über die Schiffbeker Brücke, wo sich die Fuhrwerke üblicherweise stauten. Georg musste absteigen und zum anderen Ende der Gasse laufen musste, um sicherzustellen, daß kein Fahrzeug entgegen kam, denn man konnte nicht ausweichen und einigte sich dadurch, daß derjenige, der zuerst auf der Gasse war, Vorfahrt hatte. Georg gab Overbeck ein Zeichen, und der war kurz darauf wieder bei ihm angelangt.

Bei dem Warenlager standen mehrere Reihen riesiger Häuser, die keine Fenster hatten, sondern nur mannshohe Öffnungen im Mauerwerk, die von innen mit Holztüren verschlossen werden konnten. Im Innern waren Zwischenböden, die man über Leitern erreichen konnte. Die schweren Gegenstände wurden mit Flaschenzügen bewegt und in dem jeweiligen Stockwerk auf Karren an ihren Platz gebracht. Ein ebensolcher Aufzug besorgte an der Außenfassade das Ent- und Beladen. Einige der Speicherhäuser waren schon ziemlich baufällig. Anfangs hatte es ein Handelsmann dem anderen gleichgetan und sein Lager in der Nähe der anderen erbaut. Jeder folgte dem Beispiel, die Zwischenwege waren kurz, die Kosten einheitlich, und obwohl die Besitzer füreinander wenig Gemeinsinn hegten, gab die Konzentration am Ort dem Bau etwas burgenhaft Sicheres, was noch dadurch bekräftigt wurde, daß es verschiedene Ein- und Ausfahrtstore gab, die man je nach Art der eigenen Fracht wählen sollte, wenn man auf einen reibungslosen Ablauf bedacht war.

Nach und nach entstanden auf den Freiflächen weitere Gebäude, Lager, Schuppen, Schreibstuben, Ställe und Reparaturwerkstätten. Denn es passierte nicht selten, daß ein Fuhrwerk gerade hier kaputt ging oder sogar unter der aufgetürmten Last zusammenbrach. Ja, es war schon für manchen altersschwachen Gaul hier Endstation gewesen. Der Umschlag der Waren, die aus aller Welt hier ankamen und nach möglichst kurzer Frist wieder an irgendeinen mehr oder weniger fernen Ort gebracht wurden, hatte eine ganze Schleppe anderer Gewerbe und Dienste nach sich gezogen, und aus der bloßen Speicherburg war beinahe eine eigene kleine Stadt geworden, in der die Menschen Tag und Nacht unermüdlich zu Gange waren.

Viele Männer schufteten hier zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden täglich, sechs Tage die Woche, monatelang, seit Jahren schon. Viele hatten ihre Familie zu ernähren, der Lohn war gering, aber man konnte damit rechnen. Ausgezahlt wurde nach erledigter Arbeit wöchentlich, immer samstags. Aber es gab auch mindestens ebenso viele, die keine Frau und Kinder hatten, junge Männer, die das Geld, das sie verdienten, sparten, im Schrank, in der Matratze ihres Bettes versteckten, oder, wenn sie in einer der zahlreichen Gemeinschaftsquartiere hausten, ihr ganzes Vermögen in einem Lederbeutel am Leib trugen.

Overbeck wusste genau, wohin sie fahren mussten, um Schultzes Waren in Empfang zu nehmen. Die Wege waren breit genug und einigermaßen befestigt, man konnte nicht zulassen, daß bei Regen der Boden aufweichte und die Fuhrwerke steckenblieben. Durch die hohen Gebäude zu beiden Seiten fiel nur spärliches Licht bis nach unten, und man bewegte sich wie in einem Schattenreich, zumal es im Innern der Lagerhäuser noch finsterer war. An den Laderampen über den Toren hingen Schilder mit Großbuchstaben, Ziffern und Zahlen, oder mit Namen der Firmeninhaber, die in diesen Fällen hauptsächlich Transport Unternehmer und Großhändler waren.

Sie hielten vor einem der Speicher. Overbeck grüßte einen Mann, der dabei war, den letzten Sack auf den Wagen vor ihnen zu laden. Er grüßte zurück und sagte dann "Der Chef ist wohl krank?" Overbeck schüttelte den Kopf. "Er ist auf dem Grasbrook, holt auch was ab." Der andere, welcher der erwähnte Köppedehl war, fragte neugierig und misstrauisch zugleich "In den neuen Speicherschuppen?" "Na, Schuppen kann man das nicht nennen, ist ziemlich komfortabel dort." "Oh ha! Komfortabel. Was soll das denn bedeuten? Gibt es da vielleicht ein Badehaus?" Overbeck zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung." Köppedehl schien zufrieden, doch Overbeck schob noch eine Bemerkung hinterher "Ist auch billiger dort." "Wie, billiger?", entgegnete Köppedehl fast beleidigt. "Moderate Preise. Weniger Geld für mehr Platz und längere Lagerung, wenn's nötig ist. Die müssen natürlich zusehen, daß sie Kunden kriegen." "Das glaube ich gern."

Köppedehl gab seinen Leuten Weisungen, und sie packten die Kisten auf den Wagen. Overbeck drückte Georg eine Liste in die Hand. "Hier, kümmer' dich weiter drum. Pass' auf, daß die Burschen alles korrekt aufladen." "Und was machst du?" "Ich muss was besorgen, bin gleich wieder da." Damit ließ er ihn stehen, und Georg bekam Herzklopfen. Wie sollte er denn aufpassen? Die Männer schleppten eine Kiste nach der anderen herbei. Nach den Kisten kamen Ballen mit fester Stoffhülle und dicken Stricken verschnürt. Er schaute auf die Liste, konnte aber so schnell keinen Posten finden, der diese Ballen bezeichnete. Und schon kamen drei Fässer und dann wieder kleine Kisten und schließlich ein paar Säcke, und die Männer schienen alles genau im Kopf zu haben, was er selbst mit der Liste in der Hand nicht nachvollziehen konnte.

Er versuchte, sich wenigstens über die Anzahl einen Überblick zu verschaffen, aber auf dem Papier standen nur verwirrende Angaben. Er dachte resigniert "Wenn was nicht stimmt, hat Schultz eben Pech gehabt", aber es war ihm nicht wohl bei dem Gedanken. "Alles klar?", fragte Overbeck, der plötzlich wieder auftauchte. "Ich denke schon." Overbeck ging zum Wagen, dann sagte er zu einem der Männer "Das hier gehört nicht zu uns." Er schaute zu Georg hinüber. "Wieviel Büchsen Stiefelcreme stehen da drauf?" Georg ging mit dem Finger die Liste entlang. "Finde ich nicht." "Carnaubawachs, findest du das?" "Ja, hier, sechsmal." "Also sechsmal zwanzig Büchsen, ich sehe nur fünf." "Wir waren auch noch nicht fertig", brummte der Träger und stellte die sechste Packung dazu.

Overbeck wollte wieder los, da sagte er wie nebenbei zu Köppedehl "Wir brauchen den Platz auf dem Zwischenboden ab jetzt nicht mehr, das lagert Schultz am Grasbrook." Köppedehl hatte es befürchtet. "Wieso denn das? Wir sind immer gut miteinander ausgekommen." "Das habe ich auch nicht bestritten", meinte Overbeck gleichgültig. "Ich könnte euch was nachlassen", sagte Köppedehl, und man sah, daß es ihn schmerzt. "Zehn Prozent", sagte Overbeck und schaute ihn nicht mal an. "Fünf. Mehr ist nicht drin." "Acht." "Siebeneinhalb." "Ich rede mit Schultz." Er gab den Pferden die Leine, der Wagen war schwer, sie mussten erst in Bewegung kommen. Ständig grüßte Overbeck alle möglichen Leute. Bei einem sagte er zu Georg "Gib' mir das Bündel unter der Sitzbank."

Georg holte ein zusammengeknotetes Tuch wie ein Wäschebeutel hervor. Der Mann, der ihnen entgegenkam, saß auf dem Kutschbock einer alten Lieferchaise, deren Räder quietschten und eierten. Er nahm das Bündel und bedankte sich bei Overbeck. "Gebrauchte Sachen für seine Kinder", sagte er und drehte sich nochmal um. "Die Karre wird es wohl auch nicht mehr lange machen." Dann fragte er Georg "Hast du Familie?" Georg war überrascht. Wie dachte sich Overbeck das? "Nein, das muss noch warten." Overbeck lachte. "Dann wartet immerhin schon eine auf dich." "So habe ich's nicht gemeint. Erstmal muss ich meine Ausbildung fertig machen." "Vernünftige Einstellung. Hoffentlich sind dann nicht alle hübschen Weiber vergeben."

Georg dachte daran, was Maximilian Schultz alles über Overbeck zum Besten gegeben hatte. Eine Zeitlang war Overbeck für ihn so etwas wie eine Strohpuppe beim Militär, wo die Soldaten mit ihren Säbeln die heftigsten Streiche üben konnten. Er zerfetzte ihn buchstäblich mit seinen hässlichen Reden. Einmal war er ein dämlicher Bastard, den man unter einer Brücke gefunden hatte, wo er heute noch am liebsten übernachtet. Dann war er eine aus der Gosse gekrochene Ratte, die sich ständig in fremden Häusern über die Vorräte hermacht. Als Maximilian bemerkt hatte, daß Overbeck bei Folkerts im Lager ein paar höchstwirksame Mittel hergestellt hatte (zum Beispiel eins, um Silberbesteck wieder blitzblank zu machen) und Schultz jede Menge davon verkauft hatte, meinte er bloß, das Rezept habe ihm der Teufel eingeflüstert, und Overbeck wurde daraufhin zum Ungläubigen, dem nichts heilig sei.

Dann machte er Georg darauf aufmerksam, wie verlottert Overbeck aussehe, man müsse ja zehn Schritt Abstand zu ihm halten, damit das Ungeziefer nicht auf einen überspringt. Zugegeben, Georg hatte ihn einmal erlebt, als er unrasiert und offenbar auch ungewaschen, mit glasigen Augen und finsterer Miene im Geschäft erschien. Der Prokurist Beckmann hatte Georg hinter vorgehaltener Hand erklärt, Overbecks Geliebte hätte ihn verlassen, wegen eines anderen, und das habe ihn in bitteres Schweigen und offensichtlich auch in eine leicht muffige Wolke gehüllt. Aber Maximilian nannte ihn einen Penner und meinte, er würde stinken "wie Jesus vor der Auferstehung".

Und dann war da die beinahe mysteriöse Beziehung zu Barbara gewesen, über die Georg nie genaues erfahren hatte. Ob Max ihn mit seiner Schwester hatte verkuppeln wollen, ob er Overbeck dafür sogar Geld geboten hatte, oder ob Barbara selbst auf Overbeck scharf gewesen war (immerhin war er ein gutaussehender Bursche), das blieb wohl für immer ein Geheimnis, und keiner der wahrscheinlich Beteiligten wollte sich über die wahren Ereignisse äußern. Aber im Unterschied zu Overbeck und Barbara machte Maximilian eine ekelhafte Sache daraus, die ein Beweis für Overbecks primitives und perverses Liebesleben sei.

Außerdem habe er an Barbara "herumexperimentiert", behauptete Maximilian, und ihr irgendwelche Mixturen verabreicht, die ihr die Sinne rauben oder sie gefügig machen sollten. Georg hatte da allerdings mal von etwas gehört und Overbeck selbst gefragt "Stimmt es eigentlich, daß du Barbara Schultz ein Schlankheitsmittel gegeben hast, als du mit ihr zusammen warst?" Overbeck antwortete ruhig "Erstens war ich nie mit Barbara zusammen. Und zweitens, hast du je gesehen, daß sie abgenommen hätte?" Das waren natürlich beides keine echten Gegenargumente, das erste konnte gelogen, und das zweite daher gekommen sein, daß sein Mittel nicht angeschlagen hatte.

Overbeck seinerseits hatte Georg gefragt "Würdest du Barbara Schultz zur Frau nehmen?" "Das hat mir noch niemand angeboten", erwiderte Georg und dachte an Schultzes vergebliche Bemühungen, einen Mann für sie zu finden. "Da kannst du froh sein. Wenn die erst in deinem Bett liegt, dann ist es zu spät für jedes Schlankheitsmittel, dann hilft nur noch ein kräftiger Schlaftrunk." Und wieder einmal dachte Georg: wenn Barbara all' das wüsste, was man über sie redete, sie hätte sicher allen Grund, sich dafür furchtbar zu rächen, und er war froh, daß seinerzeit zwischen ihnen beiden nichts gewesen war.

Georg begleitete Overbeck noch mehrmals zu den Speicherhäusern. Auch für seine eigenen Fuhren bat er bei Schultz um Georgs Aushilfe. Obwohl keiner darüber redete, so war es Georg doch klar, daß Schultz ihn praktisch vermietete und von Overbeck Geld kassierte. Es machte ihm aber nichts aus, denn er arbeitete immer lieber mit Overbeck zusammen, was niemand, der ihn kannte, begreifen konnte. Manchmal war er knurrig und schimpfte auf alles, dann wieder behandelte er die anderen von oben herab, als könnte ihm keiner das Wasser reichen. Es gab auch Tage, da war er in aufgekratzter, ja euphorischer Stimmung, machte unentwegt Witze und lustige Bemerkungen, und dann wieder brütete er in Gedanken über irgendeiner Sache, und niemand durfte ihn ansprechen.

Wenn man mit seinem manchmal wechselhaften Wesen zurechtkam und ihm in seine Arbeit nicht reinredete, dann war er ein richtiger Partner und man konnte sich bei ihm noch was abgucken. Und wenn Georg daran dachte, wie ihn Overbeck am Anfang bei Schultz etliche Male vor allen Leuten blamiert und ihn ein "Waldmännchen" genannt hatte, so war sein Verhältnis zu ihm inzwischen völlig gewandelt. Er kam zu keinem anderen als zu Georg, um zu sagen "Könnte sein, daß ich dich demnächst mal brauche", und das stärkte Georgs Selbstbewusstsein mehr als das Lob von irgendwem in der Firma.

Auch mit Schultz fuhr Georg ins Warenlager, zwei oder dreimal holte er sogar allein etwas ab. Es handelte sich zwar nur um kleinere Artikel, die gefehlt hatten oder nachgeliefert worden waren, aber er machte seine Sache gut, und Schultz stellte ihm in Aussicht, die ganze große Ladung demnächst in eigener Verantwortung zu übernehmen. Nach und nach machte er auch Bekanntschaft mit den Arbeitern, mit Köppedehl und anderen Transportkaufleuten. Einmal traf er Adam und hätte ihn fast nicht erkannt, so wenig hatte er hier mit ihm gerechnet. "Gut daß ich dich sehe", sagte Adam, "wir wollen morgen Abend einen drauf machen, Stanislaus hat was zu feiern, Geburtstag oder so, du kommst doch mit?" "Gern, wo finde ich euch?" "Kennst du den 'Himmelsbesen', die Hafenkneipe am Nikolaifleet?" "Bin ich mal vorbeigekommen." "Sagen wir um acht." "In Ordnung." "Und mach' dich auf was gefasst, wird wohl 'ne stürmische Nacht werden."

Und es regnete in der Tat, als Georg kurz nach acht den "Himmelsbesen" betrat und zunächst durch den Qualm und Dunst kein einziges Gesicht ausmachen konnte. Stanislaus hatte den Eingang im Auge behalten und kam auf Georg zu. "Wir sitzen da hinten, wir sind schon zwei Runden im Vorsprung, du musst dich ranhalten." "Da bist du ja endlich", rief Adam. Auf seinem Schoß saß ein flottes Mädchen, das den Arm um seinen Hals gelegt hatte und an einem langstieligen Glas nippte. "Das ist Betty, und das ist echter Champagner, wie der Wirt behauptet", sagte Adam und tätschelte der Kleinen die Wange. "Ich bin Polly, du Döskopp", meinte sie und regte sich künstlich auf, "Betty ist meine Schwester." "Ach so, naja, die lernen wir vielleicht auch noch kennen." "Nee, die is' nämlich krank und bettlänglich." "Hoffentlich nichts Ernstes", sagte Georg, und Polly schloss die Augen und zog die Brauen hoch "Na meinste, ich sage das aus Spaß." "Er ist ein mitfühlender Mensch", sagte Stanislaus. "So so", sagte sie und trank das Glas aus. "Dann habe mal 'n Mitgefühl mit mir und spendiere mir noch so eins."

Georg ließ sich nicht lumpen und bestellte Champagner nach Art des Hauses für das Mädchen und für sich und die anderen eine Runde Bier. So ging es reihum. Adam und Polly erzählten einen Witz nach dem anderen, und Adam ließ jedesmal Lachsalven los und trommelte mit der Hand auf den Tisch. Zwischendurch verschwand Polly und kam dann wieder und erzählte noch mehr Witze, als habe sie sich eben neue geholt. Die Zeit verging wie im Fluge, dann war es Mitternacht, und Stanislaus schlug vor, in das "Schweitzer's" zu gehen, wo um diese Stunde ein Varietee geboten wird. Polly war ein bisschen sauer, weil sie dableiben musste, fand aber gleich einen Ersatz, noch ehe sie die Kneipe verlassen hatten.

Draußen regnete es immer noch, die Straßen waren nass und glatt. Stanislaus wies den Weg, aber sie torkelten schon mächtig, und er musste an jeder Straßenecke sich neu orientieren. Sie warfen lange Schatten im dürftigen Schein der Laternen, und stellenweise war es ganz dunkel. Da kam ihnen in einer Gasse jemand entgegen. Als er bei ihnen war, blieb er stehen und sagte "Stanislaus, bist du das?" Stanislaus erwiderte verdutzt "Freilich, bin ich es, wer sollte ich denn sonst sein?" "Ich bin's, Amadeo." "Amadeo?", lallte er, "Ich kenne keinen Amadeo dieses Namens." "Aber natürlich", beharrte der andere, der seine Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte. Die beiden anderen waren schon weiter gegangen, Georg rief "Komm' Stanislaus, wir werden klatschnass, unterhalte dich morgen weiter mit dem." "Ja ja, ich komme gleich."

Adam schaute sich um und sah zwei weitere Männer bei Stanislaus stehen. "Sehe ich jetzt schon doppelt und dreifach?", meinte er. Im gleichen Augenblick schrie Stanislaus laut auf, die drei prügelten auf ihn ein und er fiel auf die Knie. "He, was soll das", rief Adam und rannte zurück, Georg ihm nach. Einer der Männer wühlte in Stanislaus' Manteltaschen und der biss ihn in die Hand. "Aua, du Drecksau." Die anderen stellten sich Adam und Georg entgegen, sie hatten Schlagstöcke in Händen. Stanislaus hatte sich losgerissen und rempelte die Schläger von hinten an, drängte sie zur Seite und lief, obwohl es ihm sichtlich schwerfiel, so schnell er konnte, zu den Freunden. "Die haben mich verwundet", keuchte er. "Lasst uns abhauen", sagte Adam.

Sie packten Stanislaus unter den Armen und zogen ihn mit sich fort. Er hatte etwas aus seiner Tasche verloren, deshalb verfolgten die Männer sie nicht sofort. Es war aber nur ein Zigarettenetui gewesen. Adam sagte "Hier entlang", und sie bogen in eine stockfinstere Straße ein, überquerten einen Hof und liefen wie im Zickzack um Ecken und durch weitere menschenleere Straßen. Georg fühlte Feuchtigkeit in seiner Hand und sah, daß es Stanislaus' Blut war. "Wir müssen anhalten und ihn hinsetzen", sagte er. "Nicht hier", entgegnete Adam, und wie er das sagte, hörte man in einer der Nebenstraßen die Schritte mehrerer Leute. So schleppten sie sich noch ein Stück weiter.

Stanislaus' Wunde blutete nicht mehr so stark, aber sein Hemd hatte seitlich einen dunklen nassen Fleck. "Nicht weiter schlimm", sagte er leise und presste die Zähne zusammen. "Wir müssen ihn verarzten", sagte Adam. "Wie denn?", fragte Georg, der noch ein wenig zitterte. Sie standen an einer Häuserecke irgendwo zwischen dem Millerntor und der Papenreihe. Der Regen hatte aufgehört, und zwischen den Wolkenfetzen kam der fast volle Mond zum Vorschein. Es war still, die Häuser waren dunkel und wie verlassen. Ein Stück weiter spiegelte sich das Mondlicht im Fleet.

Stanislaus klammerte sich an einen Mauervorsprung. "Wir können ihm dort die Wunde auswaschen", sagte Georg. "In dem Dreckwasser", gab Adam zurück, und Stanislaus machte eine ängstliche Miene, sagte dann aber "Lasst uns irgendwohin gehen, wo ich mich hinsetzen kann." Sie waren unentschlossen, in welche der Straßen sie einbiegen sollten. Adam machte ein paar Schritte und die anderen folgten ihm einfach, wohin wusste keiner. "Um die Zeit hat keine Kneipe mehr auf", sagte Georg. "Wenn wir bis zum Fischmarkt kämen, da könnten wir jemand fragen, ob er uns mitnimmt in Richtung Uhlenhorst. Ich kenne dort einen Arzt." Doch wer sollte vom Fischmarkt nach draußen fahren, wo sie selbst alle von dort herkamen.

Sie hörten Schritte und dachten, die Bande würde zurückkommen und ihnen hinterher jagen. Sie versteckten sich in einem Hauseingang und rührten sich nicht. Stanislaus atmete schnell und angestrengt. Niemand war zu sehen. Georg zeigte auf ein beleuchtetes Fenster im Durchgang zum Hinterhof. "Vielleicht kann man uns da helfen." Stanislaus drehte mühsam den Kopf hinüber und lächelte matt. "Weißt du, was das ist?" "Willst du lieber verbluten?", gab Georg zurück.

In dem Moment öffnete sich neben dem Fenster die Tür und eine Frau mit eilig hochgestecktem Haar erschien. Sie trug einen lilafarbenen, leichten Umhang, der mit einem breiten Stoffgürtel lässig geschlossen war. Sie hatte ein übermüdetes aber hübsches Gesicht. "Was ist denn da los", rief sie, "entweder ihr kommt her oder ihr schert euch zum Teufel." "Unser Freund hier ist gestürzt und hat sich verletzt, wir brauchen etwas, um ihn zu verbinden", sagte Adam. Die Frau schaute die drei verächtlich an. "Wir sind hier kein Lazarett", sagte sie und wollte die Tür schließen.

Da kam eine zweite Frau, dick und viel älter. Sie war aufwändig und geschmacklos geschminkt und sah aus, als käme sie gerade von einem Maskenball. Sie hielt ein langes elfenbeinernes Mundstück zwischen den Fingern, in dem eine Zigarette glimmte. Sie warf einen Blick die Straße entlang und fragte mit rauher, aber nicht unsympathischer Stimme "Ist jemand hinter euch her?" "Nein. Er ist auf dem glatten Pflaster ausgerutscht und hat sich ..." "Könnt' ihr bezahlen?" "Ja, natürlich", sagte Adam. "Wer?" "Wie, wer?" "Mensch, wer von euch zahlt, will ich wissen." "Ich geh' jetzt jedenfalls schlafen", sagte die Jüngere. "Du bleibst unten."

Adam sah zu Georg hinüber. "Du hast das Geld." "Was für Geld?" Sie sahen sich alle an. "Also dann, gute Nacht noch", meinte die Raucherin. Da klappte Stanislaus zusammen und lag genau im Türrahmen. Die Jüngere schrie affektiert auf und lief weg. Inzwischen waren zwei weitere Mädchen dazugekommen, die neugierig das Geschehen verfolgten. Sie waren genauso leicht bekleidet und hielten die Arme vor dem Busen verschränkt.

Die Dicke betrachtete Stanislaus' blutdurchtränktes Hemd und sagte "Schafft ihn rein." "Los fass an", sagte Adam zu Georg. Sie trugen Stanislaus wie einen Toten durch den Hausflur in ein Vorzimmer mit mehreren Türen. Die Raucherin rief "Seid ihr verrückt, nicht auf das Sofa. Soll die Soße da drauf laufen? Legt ihn da unten hin. Und dann rufen wir erst mal die Polizei." "Die Polizei?", sagte Georg, "muss das denn sein? Wir sind doch keine Gauner." Stanislaus stöhnte auf. Sie sagte "Annabel, hol' von hinten eine alte Decke."

Annabel tippelte eilig davon, Georg sah auf ihren runden Hintern, der in einem weißen Schlüpfer mit Seidenrüschen steckte. "Und bring' die Tasche vom Doktor mit, die er vergessen hat." Dann beugte sie sich über den leblosen Stanislaus, wobei sie sorgsam darauf achtete, daß sie nicht mit ihm in Berührung kam. "Ausgerutscht." "Wie ich es sage", erwiderte Adam und knöpfte dem Freund den Kragen auf. "Was machst du da?", fragte sie. "Ich verschaffe ihm ein bisschen Luft." "Das lässt du man bleiben, warte gefälligst, bis die Tasche vom Doktor da ist. Was für einer ist'n das?" Adam zögerte. "Ein Pole", sagte er dann. "Ein Jude?" "Kann sein, weiß ich nicht." "Ach so, aber ist'n Freund von dir, was?" "Von uns, ja."

Sie machte den letzten Zug von ihrer Zigarette und bließ den Qualm in die Mitte. Plötzlich schien ihr die Polizei wieder einzufallen. "Heidi, du gehst mal schnell zum Ahlquist und sagst ihm, er soll herkommen, es ist was passiert." Heidi schrak zusammen und tat nicht dergleichen. "Na was ist, komm' in die Puschen", wetterte sie die andere an und zog den Stummel aus dem Mundstück. Georg war selber überrascht, als er sagte "Ich glaube, das ist keine gute Idee, das Mädchen da rauszuschicken."

Die Dicke glotzte ihn verblüfft an. "Ach so? Und warum ist es das nicht, wenn ich fragen darf?" "Na gut, er ist nicht bloß ausgerutscht, da haben uns welche überfallen." "Nö, da geh' ich auf keinen Fall raus", weigerte sich Heidi. Die dicke sah Georg misstrauisch an. "Und was, wenn da draußen noch 'ne Leiche liegt? Dann kriegen wir hier 'ne Menge Ärger, Bürschchen." "Da liegt keine Leiche", sagte Adam wie ein Steuermann, der gerade das ganze Schiff abgesucht hat.

Georg griff in die Hosentasche und holte das Geld heraus. "Hier, reicht das?", meinte er zu ihr, und sie sprang beinahe an die Decke. "Hast du'n Knall", rief sie empört, "du denkst wohl, du bist hier bei der Schiffbrüchigen-Notopfer-Hilfe oder sonstwo. Das ist ein anständiges Bordell, wir leben hier nicht von Almosen." "Dann bezahlen wir regulär", sagte Adam, der immer noch Stanislaus' Kopf hielt. Die Dicke lachte gereizt. "Was heißt das denn, regulär?" Bei dem Wort streckte sie ihm die Zunge heraus. "Ich meine den Preis für zwei." "Wenn ich mich nicht täusche, sehe ich hier drei Kunden." "Aber er ist verletzt", sagte Georg. "Na, kann ich da was für? Da dürft ihr nicht erst reinschleppen."

Endlich kam Annabel mit der Decke und der schwarzen Ledertasche des Doktors. Und als wäre davon wie durch ein Zauberwort auch des abwesenden Doktors Heilkundigkeit auf Annabel übergesprungen, gab sie einige strikte Anweisungen, wie mit Stanislaus zu verfahren sei. Das Etablissement hatte im Erdgeschoss eine kleine Kaffeeküche mit Spüle und Kochgelegenheit und so weiter, und dort stand ein schmaler Holztisch, der zum Bügeln und Plätten der feinen Wäsche benutzt wurde, die die Damen trugen.

Annabel verfügte, daß der Verletzte dorthin getragen werde, und Georg und Adam fassten den Freund an beiden Enden und schleppten ihn hinüber, während die Chefin sorgsam darauf achtete, daß kein Blut herunter auf den Boden tropfte und deshalb mit dem Fuß einen Scheuerlappen unter Stanislaus mitschob, wobei sie sagte "Annabel, wenn der mir hier eine Matzerei macht, zieh' ich das von deinem Geld ab." Aber Annabel schien nicht darauf zu achten.

Da niemand von den anderen recht wusste, was zu tun sei und auch die dicke einstweilen aufgehört hatte, mit der Polizei zu drohen, avancierte Annabel kurzerhand zur Oberkrankenschwester, in dem Bemühen, Stanislaus' Leben zu retten, wenn auch die Spitzen und Rüschen am Busen und am Saum ihres seidenen Höschens dem Ernst der Lage eine komische Note gaben. Stanislaus lag auf dem leeren harten Tisch, der für seine schlaksige Figur nicht ausreichte, weswegen seine Beine an den Knien über die Kante hingen. Fast liebevoll tätschelte sie seine Wangen, strich über sein von bärtigem, rötlichen Flaum verlängertes Kinn und meinte "Nur ruhig, mein Süßer, wir kriegen das schon wieder hin."

Sie fing an, in der Doktortasche herumzuwühlen und brachte allerlei seltsame Instrumente zum Vorschein, darunter eine kleine silberblanke Bügelsäge, die sie betrachtete, als käme sie ihr bekannt vor. Adam fragte "Sie wollen da aber nicht etwa was amputieren?" Annabel verzog das Gesicht. "Was soll ich wollen?" Die Dicke, die sich eine neue Zigarette angesteckt und damit etwas beruhigt hatte, lachte mit rauher Kehle. "Keine Sorge, hier wird nicht amputiert. Wir sägen doch nicht den Ast ab, auf dem wir sitzen."

"Zuerst zieht ihm das Hemd hoch und knöpft die Hose auf", sagte Annabel. Die beiden zögerten. "Na macht schon, was sie sagt!", sagte die Dicke. Annabel schickte ein anderes Mädchen nach einer Schüssel Wasser und einem frischen Tuch. "Augenblick! Wer kommt für das Material auf? Das Tuch kostet vier Groschen." "Ich bezahle es", sagte Georg, der zum Glück in einer Innentasche seiner Jacke noch Geld gefunden hatte. "Und das Wasser?" "Auch." "Muss es warm sein?", fragte sie Annabel. "Aber das dauert alles viel zu lange", rief Adam, dem Stanislaus' leichenblasses Gesicht gar nicht gefiel, "können Sie sich nicht ein bisschen beeilen?" "Na, du bist gut. Erst lasst ihr euch verkloppen, und dann sollen wir herumspringen, um eure Wunden zu lecken." Eines der Mädchen kicherte. Die Dicke fügte hinzu "Ihr könnt froh sein, daß um diese Zeit nicht viel los ist, wir haben hier nämlich noch etwas anderes zu tun, als die barmherzigen Sabinerinnen zu spielen."

"Wir sind auch gleich wieder verschwunden", sagte Georg. "Wie bitte? Das habe ich jetzt nicht richtig verstanden, was war das?" "Ich meine, wir werden Sie dann nicht weiter belästigen." Annabel hatte angefangen, Stanislaus' Wunde sauber zu waschen und einen Verband aus der Tasche zurechtgelegt. Die Dicke hielt ihren Arm fest. "Warte mal, Annabel, jetzt wird erst was klargestellt. Du gibst mir sofort das Geld für dreimal die Nacht, ohne extra", sagte sie zu Georg und nannte eine Summe. Georg zählte ihr das Geld auf die Hand und sie reichte es an eines der Mädchen weiter, die es in ein mit Perlen besticktes Täschchen steckte.

Danach war sie wieder etwas friedlicher gestimmt und ließ Annabel weitermachen. Mit einer dunkelroten Flüssigkeit aus einem Fläschchen desinfizierte sie die Wunde und legte eine große Kompresse darauf. Während Adam und Georg Stanislaus' Körper anhoben, wickelte sie eine Binde um seinen Bauch und befestigte das Ende. Sie fand ein Stärkungsmittel in der Doktortasche, das sie nach der beigefügten Nutzanwendung in einem Glas Wasser aufbereitete und Stanislaus in Schlückchen in den Mund flößte.

Die Dicke nahm einen tiefen Zug von der Zigarette und sagte zu den beiden "Sucht euch schon mal jeder eins von den Mädchen aus. Ich kann nichts dafür, daß die Nacht schon halb vorbei ist, aber niemand soll uns nachsagen, wir würden keine Gegenleistung bringen." Georg sagte zögernd "Wir könnten es auch dabei belassen." "Was für Schlappschwänze seid ihr eigentlich, die sich verprügeln lassen und nicht mal einem Mädchen geben können, was es sich verdient hat! Ist das die Jugend von heute? Du suchst dir jetzt eine aus, oder willst du behaupten, meine Mädchen wären nicht gut genug für dich, hä?" "Nein, es ist nur, ich stehe noch unter dem Schock der Aufregung, dieses Vorfalls meine ich." "Hör' auf mit dem Gedöns. Du tust was ich sage, oder ich rufe die Polizei", fiel es ihr wieder ein.

Da geschah etwas Merkwürdiges. Stanislaus erwachte plötzlich wieder zum Leben, öffnete die Augen, erblickte seine leichtbekleidete Sanitäterin und sagte: "Annabel?" Die anderen schauten ihn höchstverwundert an, und Annabel, der auf einmal alles sehr peinlich wurde, drückte sachte Stanislaus' Kopf zurück und sagte gekünstelt "Sie brauchen jetzt ein wenig Ruhe, mein Herr", und dann in die Runde: "er phantasiert noch."

Georg hatte notgedrungen angefangen, die fünf oder sechs Mädchen zu mustern, die alle ziemlich hübsch waren. "Du auch", sagte die Dicke zu Adam, aber der redete sich damit heraus, daß einer auf Stanislaus achtgeben und bis zum Morgen bei ihm wachen müsse, wegen plötzlicher Komplikationen und so. Annabel, der nach der geleisteten Hilfe sehr daran gelegen war, aus Stanislaus Nähe zu verschwinden, befürwortete seinen Vorschlag, und die dicke war einverstanden. Sie durften Stanislaus sogar auf das Sofa legen, und zu Adam sagte sie, er könne sich beim Kaffee bedienen.

Zu Georg, der sich für ein Mädchen mit braunem Haar und dunklen, ein wenig verträumten, oder auch nur verschlafenen Augen entschieden hatte, meinte sie beiläufig "Dann sind beide für dich." Und um die ganze Sache endlich zum Ende zu bringen, gab sie einer Blonden, die fast einen Kopf größer war als er, einen Wink, sich dazu zu gesellen. Noch ehe Georg etwas entgegnen konnte, hakten sie ihn links und rechts unter und marschierten, die Teppe hinauf. Adam, der total erschöpft auf einen Stuhl sank, rief ihm nach "Viel Spaß, Bruder."

Georg wusste nicht, wie ihm geschah, er glaubte, die Puffmutter habe ihn vom ersten Augenblick an auf dem Kieker gehabt, vielleicht hatte sie ein feines Gespür dafür, woher jemand kommt und sofort gemerkt, daß er nur ein Auswärtiger und kein waschechter Hamburger ist; so wie sie ja auch Stanislaus gleich als Juden erkannte. Nur Adam schien ihr sympathisch zu sein.

Wie sollte er sich verhalten? Er fühlte sich überhaupt nicht in der Stimmung für das, was ihn jetzt erwartete. Sollte er einfach weglaufen? Aber damit würde er in gewisser Weise die Freunde im Stich lassen. Außerdem würde man ihn auslachen. Die beiden Schönheiten wären beleidigt, und das zu Recht, denn jeder andere Mann in seiner Lage hätte das getan, was getan werden musste: er wäre seiner Mannespflicht nachgekommen und er hätte es genossen. Er atmete tief durch und versuchte, sich mit reinen Sinnen auf das einzulassen, was ihm bevorstand.

Das Zimmer, in das sie ihn führten, war geräumig, und soweit man im fahlen Schein zweier Lämpchen sehen konnte, durchaus gemütlich. Außer dem breiten Bett, das wohl für drei Personen Platz bot, standen zwei Stühle und eine kleine Kommode unter einem Spiegel darin. Das große Fenster war mit einem bunten Vorhang zugezogen, draußen war noch finstere Nacht. Eine offene Tür führte in ein Nebenzimmer.

Die lange Blonde entzündete ein weiteres Lämpchen, das offenbar mit einem aromatisch duftenden Öl gespeist wurde. "Für jeden ein Licht", sagte sie und Georg rang sich ein Schmunzeln ab. "Mach's dir bequem", sagte die andere, "Ich heiße Beatrice, kannst mich Bea nennen, und das ist meine beste Freundin Sophie, sie ist besonders gut beim ..." Sie unterbrach sich, überlegte kurz und sagte dann "Sag' mal, wenn du noch was drauflegst, können wir was ganz besonderes machen, zu dritt. Hast du da Lust drauf?"

Georg war es schon ziemlich egal, wenn er alles Geld, das er bei sich hatte, hier ließe. Und wenn die beiden bestimmen würden, was jetzt mit ihm passiert, war ihm das sogar lieber, er wusste nämlich rein gar nicht, was er tun sollte. Ohne weiter zu fragen, worin Beas außergewöhnliches Angebot bestünde, langte er in seine Jackentasche und kramte das letzte Geld heraus. "Wieviel kostet das denn?", fragte er wie ein kleiner Junge, der beim Krämer mit den leckeren Bonbons liebäugelt. Bea schaute auf das Geld, verständigte sich mit kurzem Blick mit Sophie, die unmerklich nickte und sagte dann "Das reicht allemal, du wirst es nicht bereuen. Und nun würde ich sagen, du ziehst dich erst mal aus."

"Ich dachte, ihr macht das." Sie lachten, und Sophie sagte "Wie du willst." Sie war sehr sanft und geschickt beim Aufknöpfen und Abstreifen seiner Sachen, und als Georg nackt war, fühlte er sich merkwürdigerweise schon viel entspannter und es gelang ihm, alles, was außerhalb dieses Zimmers war, in seinem Kopf auszublenden. Er nahm nur noch das wahr, was er jetzt sah und fühlte. Sophie zog die rote, hauchdünne Decke auf dem Bett zur Seite und Georg legte sich in die Mitte. Das Aroma des Duftöls stieg ihm zu Kopf und fing an, seine Sinne zu benebeln. Er verschränkte die Arme unterm Kopf und war bereit, sich seinen beiden Zauberfeen bedingungslos zu unterwerfen.

Bea kam indessen aus dem Nebenzimmer zurück und hielt etwas in Händen, das Georg an ein Pferdegeschirr erinnerte, lederne, mit Silbernieten beschlagene Riemen, auch eine Kette und noch zwei, drei Utensilien, deren Funktionsweise sich wohl erst beim Gebrauch erschließen sollte. Sie warf einen Blick auf ihn und sagte zu Sophie "Eigentlich geht das am besten auf dem Stuhl". Dabei rasselte sie mit dem Geschirr. Georg richtete sich halb auf. Sophie, die sich jetzt auch vollkommen ausgezogen hatte, sagte "Meinst du die indische Elefantennummer? Die hab' ich lange nicht gemacht, weiß nicht, ob ich das noch richtig hinkriege."

Dann warf sie einen prüfenden Blick auf Georg und sagte "Ist er dafür nicht ein bisschen schmächtig". "Wir können es ja hinten locker lassen." Georg musste lachen. "Ihr wollt aber nicht, daß es mir so ergeht wie meinem Freund, oder?" Die beiden blickten ihn fragend an. Sophie war groß und etwas mager, einige Knochen zeichneten sich deutlich unter der Haut ab, doch sie hatte schöne feste Brüste. Sie hatte auch an der Scham ganz glatte Haut und einen kleinen Schattenpfeil, und die Spitze ihres Spaltes lugte zwischen den Beinen hervor, als würde ihn etwas herauslocken.

Sie stemmte die Arme in die Hüften und spreizte das rechte Bein etwas ab, und Georg sah die Kerbe an der Unterseite, die von zwei weichen kleinen Polstern gesäumt war. Bei dem Anblick zog sich das Blut in seinen Adern zusammen, am Hals begann es zu pochen. Er musste unwillkürlich seine Muskeln anspannen und die Beine strecken, und sein Glied schwoll an und richtete sich auf wie eine Schlange vor dem Angriff. Bea sah zu ihm hinüber. Sie ließ das Bündel auf den Boden fallen. "Das ist total verwurstelt, das fummel' ich jetzt nicht auseinander", und sie kam zu Georg aufs Bett.

Sie flüsterte "Ich mach' es mit dir auf meine Art." Sie schmiegte sich an ihn und ihre Finger zeichneten neckische Kurven auf seiner Brust. Er atmete den übernächtigten Geruch ein, der von ihr ausging und sich mit dem Duft der Lampen vereinigte, und er verspürte plötzlich eine Gier nach ihrem glatten Leib. Er beugte sich über sie und legte seinen Kopf auf ihre Brust, als horche er auf den Herzschlag, auf ihr Atmen, auf etwas, das unter der Haut versteckt war und darauf wartete, herausgesogen zu werden. Er zupfte aufgeregt an der knappen Wäsche, die sie noch an hatte, und Bea entledigte sich ihrer mit einer Hand. Er bedeckte ihre Brüste und ihren Hals mit Küssen und schlang ein Bein um ihres. "Oh ja", flüsterte sie und er verstand es als Ermutigung.

Er bohrte seine Nase in ihre Achselhöhle und spürte klebrigen, warmen Schweiß, der wie der Brodem einer unterirdischen Quelle aus einer Felsenkluft entwich. Sein Glied presste sich hart gegen ihre Lende, seine Hand strich über ihre Scham. Sie zog das andere Bein an und ließ das Knie zur Seite fallen, gab ihm den Weg frei, und seine Finger glitten in ihre zarte Tasche aus feuchtem Samt. Er langte weiter hinein, als suchten die Fingerspitzen das Versteck, in dem der sagenhafte große Edelstein verborgen sei, aber da war noch kein Ende.

Sophies schmale Hand fasste zwischen den Beinen hindurch sein Geschlecht und drückte es zusammen. Er spürte den Widerstand, den es ihrem festen Griff entgegensetzte. Sie bewegte ihre Hand langsam hin und her, während sie ihn zärtlich in den Nacken biss. Bea hatte sich ihm ganz zugewendet und streichelte sein Gesicht und küsste ihn. Er hatte Mühe, seinen keuchenden Atem zwischen ihrer beiden Lippen auszustoßen und dann rang er nach Luft. "Können wir es ...", stammelte er zu Sophie hin, "... nacheinander machen."

Bea hob den Kopf und strich die Strähnen ihrer Haare beiseite. Sie sah über ihn hinweg Sophie an und nickte ihr zu. "Wie du willst", murmelte Sophie, rollte sich vom Bett, warf sich ein leichtes Tuch über und ging in das Nebenzimmer. Ihr Tonfall hatte für einen Moment Georgs Erregung gedämpft, aber im Vorbeigehen hatte sie das eine Licht zum Flackern gebracht, dessen Schatten über die Wand tanzten wie die Blätter von schwarzen Rosenblüten, die sich im Wirbel des letzten Herbststurms auflösten.

Er fiel zurück und Bea setzte sich rittlings auf ihn, rieb ihre Hände flach über seine knöcherne Brust und legte seinen glühenden Spross an ihre Schenkel. Dann ging sie etwas in die Höhe, stellte ihn aufrecht und senkte sich langsam über ihm nieder. Georg spürte, wie sie herabkam, sich ihm näherte, um ihn im nächsten Augenblick zu umschließen. Er glaubte, ihre Scham zu berühren und ein Schauer überlief ihn und in einer seltsam verschlungenen Bahn, die ihn wie von innen umgürtete, jagte eine feurige Kugel durch seinen Unterleib, ein Geschoss, das ihn tief drinnen getroffen hatte und schmerzte, und zugleich den Schmerz in Wonne verwandelte.

Er streckte den Kopf weit nach hinten, seine Kehle war zum Zerreißen gespannt, er stöhnte laut und die Augenlider wurden niedergedrückt wie Halme unter den Hufen einer donnernden Kavallerie. "Hoppla", sagte Bea erschrocken und fügte erstaunt hinzu "Heiliger Strohsack, da hat sich aber was angestaut." "Oh, oh", krächzte Georg und wand sich wie ein an Land geworfener Fisch. Er suchte Halt an Beas Beinen, rutschte ab, warf die Arme zurück und krallte die Finger in das Kissen unter seinem Kopf. Bea beugte sich über ihn und die Schweißtropfen auf seiner Stirn quollen unter ihren weichen Brüsten hervor.

Dann ließ sie von ihm ab, und er war ihr unendlich dankbar. Seine Hand zuckte in der Luft, als wollte er ein Zeichen geben, er bekam einen Zipfel des dünnen Tuches zu fassen, welches das Bett bedeckt hatte, und zog es über sich, es war kühl und geschmeidig und hüllte ihn ein wie ein Windhauch, der sich mit ihm anfreunden will. Der rötliche Schimmer des Gewebes färbte seinen matten Blick, er schloss die Augen und versank in schützender Ruhe.

Das Zimmer weitete sich zu einem schattigen Gemach. Fenster so groß wie die Tore der Stadt wiesen nach draußen, gleißendes Sonnenlicht säumte flammend ihre Rahmen. Die Sonne stand hoch am Himmel und zeichnete schmale, umbrafarbene Schattenstreifen am Fuße der Fassaden. An einem Springbrunnen plätscherte kristallenes Wasser in ein türkises Becken, und bunte Vögel saßen trillernd in den Zweigen der Aprikosenbäume. Fabelhafte Mosaike, aus tausenden schillernder Steinchen zu bezaubernden Szenen zusammengefügt, bedeckten den Boden, führten vom Hof durch weiträumige Säle, drängten sich in Korridore und verschwiegene Kammern, wo sie durch Hintertüren entkamen, dehnten sich über neue Höfe aus, strömten über spiegelnde Ebenen säulentragender Hallen und verbreiteten ihre fröhlichen und traurigen Geschichten aus uralten Zeiten.

Verwirrende Muster züngelten an den Wänden empor. Vor geheimnisvollen Nischen hingen Vorhänge, so groß wie Segel, auf denen die Reflexionen der Wasserbecken im Rhythmus dumpfer, entrückter Trommeln vibrierten. Generationen von Palmen, die Wurzeln in Kübeln aus edlem Holz und umsorgt von den Krumen schwarzer, feuchter Erde, wiegten ihre Wedel wie die Balken einer Waage, an denen unsichtbare Schalen lebendige Schwere schöpften.

Auf Galerien in schwindelnder Höhe, hinter halbhohem, goldenen Gitter, wandelten bedächtige Gestalten in luftigen Gewändern, dem Schlaf entstiegen und dem erfrischenden Bad. Ihre Blicke gingen durch die kühn geschwungenen Steinbögen, auf deren Gesims Pfauen ihr Gefieder putzten. Man sah auf das endlose Meer, auf eine Kette von Buchten, die in der Ferne immer kleiner wurden, auf ein Gewimmel von Schiffen und auf Scharen emsiger Händler an den Quais.

Georg durchflog die Räume des phantastischen Palastes wie auf den Fittichen eines dahinschwebenden Adlers. Aus Vorzimmern, in denen sich einstmals fürstliche Geschenke und Gaben türmten, und die jetzt erfüllt waren von einer der Hitze des Mittags erliegenden Luft, kam er in weiße Höfe wie Schächte, auf deren dämmerigem Grund man im Gegenbild des Firmaments das heilende Licht funkelnder Sterne empfing. Ein Zwerg in putziger Aufmachung mit riesigem Turban überholte ihn, drehte sich dann um und hieß ihn zu folgen.

Auf weichen glänzenden Teppichen, verstreut und versteckt inmitten einer Pracht aus marmornen, nackten Figuren, Düfte verströmenden Gewächsen, Tellern voll süßer Früchte und Krügen mit berauschendem Trank, saßen und lagen, tanzten und balancierten Frauen und Mädchen in der Blüte ihrer Jugend und der Vollendung ihrer Schönheit. Manche lächelten ihm zu, andere wandten sich hochmütig ab und ihren Gefährtinnen zu, wieder andere verbreiteten auf Zehenspitzen eilend Neuigkeiten oder legten den Schleier ab, um ihren Jadekörper den stillen Wellen des Bades zu überlassen.

Der Zwerg rief zwei von ihnen heran, die Georg mit Schlangenarmen umfingen und mit Liebkosungen wie aus dem kostbaren Schatz ewigneuer Späße an den Morgen kommender Hochzeitstage. Da erkannte Georg in ihnen Sophie und Beatrice; sie waren noch hübscher und viel vornehmer als vorhin. Das majestätische Bad musste wohl ihr wahrer Aufenthaltsort sein, und sie waren nur in die karge Kammer in einer Hamburger Gasse bei Nacht hinabgestiegen, um ihn von dort wegzulocken.

Mit ihren bloßen Händen strichen sie über seinen Körper und wie durch Zauber lösten seine Kleider sich auf, stand er nackt zwischen ihnen, die selbst nur mit dem Allernötigsten ihre Scham bedeckten. Er verspürte Lust zu baden, und ehe er noch ein Wort gesagt, führten sie ihn zum Becken hin und schubsten ihn lachend hinein. Er dachte noch, daß sie ihn womöglich zum Narren gehalten hatten oder ihn vor der Gesellschaft der schönen Mädchen zu blamieren trachteten, doch da war er schon im Wasser und begann wie wild mit Armen und Beinen zu rudern, um sich an der Oberfläche zu halten, denn es schien unendlich tief hinunter zu reichen.

Es war kein echtes Wasser, sondern eine halbzähe, glasklare Masse, gallertartig, die seinen Bewegungen ebensoviel nachgab wie sie ihn darin behinderte. Sie wechselte ihre Farbe und wurde fester und fester, als würde sie quellen wie Brei und war glitschig wie die Körper wirbelloser Meerestiere. Er lag darauf und musste mehrmals kopfüber eintauchen, glitt in einer Rolle durch die Tiefe und kam prustend und schnaubend wieder nach oben.

Sophie und Beatrice erschienen zu seinen Seiten, sie glichen Nixen und hatten anstelle von Beinen tatsächlich Fischschwänze. Trotz der Kapriolen, die Georg unfreiwillig mit sich geschehen lassen musste, konnte er sich besinnen und fragte sich, wie man den beiden nun wohl am besten beischlafen kann, und er dachte daran, in Kürze einer der wenigen glücklichen Menschen zu sein, der es mit einer Meeresnixe getrieben hat, und gar mit zweien! Aber Sophie schien sein Verlangen zu bemerken, sie entschlüpfte seinen ungelenken Versuchen sie zu erhaschen, während sie gleichzeitig Bea von ihm fern hielt. Wollte sie sich dafür entschädigen, daß Georg sie im Bett verschmäht hatte?

Mit sichtlicher Mühe (er war ein schweres Menschenkind) und schließlich mit Erfolg drückten sie ihn wieder empor an die Oberfläche, und da kam Georg auf einem riesenhaften Elefantenrücken zu sitzen. Weil die überwiegende Masse dieses Leibes unter Wasser war, dachte er zuerst an einen Wal, aber er fand keine Flossen und dann, während er das Rückgrat des Dickhäuters, der sich offenbar im Wasser wohl fühlte, hinabrutschte, kam ein langer Schwanz zum Vorschein. Er packte ihn mit beiden Händen um Halt zu bekommen und das Herumwirbeln zu beenden, aber der Elefantenschwanz dehnte sich und wurde länger, und Georg geriet zwischen die Hinterbacken des Kolosses, die ihn bergehoch einzwängten. Auf der Höhe links saß Sophie, ganz klein in weiter Ferne, und kämmte ihr langes blondes Haar, während rechts Beatrice ihm zuwinkte und Zeichen machte, die darauf hindeuteten, daß er sogleich eines grandiosen Anblicks gewahr werden würde.

Da ging das bleierne Grau der schrundigen Elefantenhaut über in herrliches Rosa, und Georg konnte nicht ausmachen, ob es die magisch magnetische Vagina zwischen den gewaltigen Schenkeln war, Schenkel, die wie Stämme tausendjähriger Eschen das Tor zu himmlischen Gefilden bezeichneten, oder ob es ein überdimensionales, rosafarbenes Kissen war, eines, wie es auf dem Sofa seiner Großmutter in der Gothaer Stube gelegen hatte und das täglich durch einen gezielten Handschlag mit einem tiefen mittleren Spalt verziert wurde, in den man zum nachmittäglichen süßen Schlummer den Kopf versenken konnte, während gierige Wespen sich über den angebissenen Pflaumenkuchen auf der Kaffeetafel hermachten und ihr Gesumm in die Träume drang.

Und dann sah er das Loch! So groß wie der Eingang zur Höhle des Kyklopen, wie der Stollen einer Kupfermine in den Anden, wie der Krater des feuerspeienden Aetna, nur viel friedlicher, viel einladender, viel verlockender. Milchiges Licht strahlte daraus hervor, und Georg konnte nicht widerstehen einzudringen. Er passte den rechten Moment der blubbernden Strömung ab, die ihn mit Haut und Haar verschluckte, und er spürte, wie sein steifes Glied über die Schwelle schleifte wie das Eisen des Steinmetzen über die Kante des Alabasterblocks. Noch kurz wandte er den Kopf zurück und sah Sophie und Bea, die, wie zu seiner Verstärkung die Daumen gedrückt hielt, und Sophie, die die Hände an den Mund legte und rief "Mach' dich bereit für die Elefantennummer!" und danach lachend die Freundin in die Seite knuffte. Und mit einem kräftigen Schwimmstoß, als sollte mit der Welle das ferne, sagenhafte Atlantis überflutet werden, verschwand Georg in den Tiefen des animalischen Schoßes und dachte noch 'Jetzt musst du ganz tapfer sein.'

Er erwachte, und Tageslicht fiel durch das Fenster in das Bordellzimmer. Bis zur Nasenspitze steckte er unter der seidenen Decke, allein auf dem großen Bett. Er hörte Sophie und Bea im Nebenzimmer hantieren, offenbar benutzten sie den Raum als kleine Küche. Geschirr klapperte, Wasser wurde umgegossen. Die beiden Mädchen schwatzten munter. Sophie erzählte irgendetwas von einem Schneider in Harburg, der für eine Freundin das Hochzeitskleid gefertigt hatte. Sie beschrieb es in allen Einzelheiten. Zwischendurch hörte man Bea aus einer Tasse schlürfen.

Georg drehte sich auf die andere Seite, er spürte empfindlich sein Geschlechtsteil, das Bett knarrte, und Bea steckte den Kopf durch den Türrahmen. Sie lächelte ihm zu und sagte "Kannst noch etwas liegenbleiben, Kleiner". Dann verschwand sie wieder und die beiden kicherten kurz. Georg fühlte sich wohl, geborgen, wie nach einem Schiffbruch gerettet. Er hätte auch der kleine Bruder der beiden sein können, der sie im großen Hamburg besuchte, den sie in dem Bett hatten schlafen lassen, auf dem sie sonst ihr Geld verdienten. So kam er sich vor. Oder als wäre Bea seine Schwester, die er nach langer Suche und Irrfahrt gefunden hatte, um ihr zu erzählen, daß zu Hause im Garten der Kirschbaum, der bei ihrer Geburt gepflanzt worden war, zum allerersten Mal und zur Freude aller Bewohner blüht, zum Zeichen, daß sie heimkehren solle.

"Möchtest du Tee trinken?", fragte ihn Sophie. Sie stand am Bett, ihr kurzes Morgenkleid lässig mit dem Gürtelband geschlossen, und Georgs Blick fiel auf ihre elfenbeinfarbigen Schenkel, und er bedauerte für einen Augenblick, daß er nicht Sophies Liebe habe genießen können. Oder hatte er etwa? Im Schlaf? Im Traum? "Tee?", fragte er zurück. Sie beugte sich über ihn und streichelte seine Stirn. "Tee weckt die Lebensgeister", sagte sie schlau, und Bea rief herüber "Wir überlegen uns schon, ob wir dich hierbehalten." "Als was denn?" Sophie zuckte mit den Schultern. "Zum Spielen." "Ich weiß nicht, ob ihr mich aushalten könnt", sagte er, und die Mädchen lachten, weil sie es anders verstanden. "Vorerst müssen wir dich aber hinauswerfen, halb zehn kommt Kundschaft." Georg erschrak. Halb zehn? Er war nicht pünktlich in Schultz' Laden erschienen, und überhaupt: "Wo sind die anderen?" "Deine Kumpane? Die sind schon früh weg." "Sie sind ohne mich gegangen?" "Du wirst sie wiederfinden."

Sie zogen sich um und machten sich zurecht. Georg setzte sich auf die Bettkante und trank den Tee, er war stark, süss und mit einer Wolke aus Sahne. Er strich über das Bettuch. "Was für ein Stoff ist das?" "Es ist reine Seide aus Japan", erwiderte Bea. "Gefällt es dir?" "Sehr." "Ein Seemann hat es uns geschenkt, er hat es selbst aus Japan mitgebracht, das Tuch, eine Teetasse, die aber leider kaputtgegangen ist, und das da." Sie zeigte auf ein Bild an der Wand, es war ein farbiger Holzschnitt, der eine Szene in einem japanischen Freudenhaus darstellte. "Mein Geschmack ist es ja nicht", sagte Bea, "aber es soll von einem berühmten Künstler sein, Umataro oder Utamaro oder so ähnlich, guck mal hier."

Sie hielt den Finger auf ein Detail, wo zwischen den Falten des Gewandes einer Kurtisane ein Stück des Penis ihres Liebhabers sichtbar war. Es sah aus wie ein dicker Ast, den die prallen Adern wie Pflanzenstengel umwanden. "Ganz schöner Apparat", sagte Georg und hoffte eigentlich, Bea würde noch eine Bemerkung über letzte Nacht machen, aber daran war wohl nichts Besonderes gewesen, und dann hatten sie es ziemlich eilig, und fünf Minuten später stand Georg auf der Straße.

Adam hatte Stanislaus zu einem Arzt geschafft, der mittels Nadel und Faden, der Stanislaus an eine seiner Violinsaiten erinnerte, mit ein paar Stichen die Wunde dichtmachte und eine von ihm selbst erfundene blutbildende Diät verordnete. Im übrigen äußerte er sich anerkennend über die fachmännische Notbehandlung, die Stanislaus am Abend vorher erhalten hatte. Als er wissen wollte, wer der Kollege war, meinte Adam, es sei eine Schwester gewesen, worauf der Doktor bekräftigte, daß die Frauen oft mehr von den Wunden des Fleisches verstünden als die Männer, die sie verursachen. Nach einigen Wochen war an Stanislaus' Lende der dunkelrote Strich einer Narbe zurückgeblieben, die er nicht ohne eine gewisse verschämte Eitelkeit zur Schau stellte.

Georg und Carola verbrachten viel Zeit miteinander, und seine Freunde witzelten manchmal über ihn, er würde demnächst in den Hafen der Ehe einlaufen. Apropos Hafen, ein paar Mal war Carola auch mit draußen bei Adams Bootsplatz, aber es gefiel ihr nicht besonders, und zu Georg sagte sie, sie fände es dort ein bisschen langweilig, und außerdem wollte sie ihn für sich allein haben. In der warmen Jahreszeit besuchten die beiden Carolas Vater auf der Obstplantage auf dem Burgfeld. Vater Joost zeigte und erklärte Georg alles, und der ging ihm auch zur Hand, wenn es viel zu tun gab. An einem Ende der langen Obstbaumreihen stand ein kleines Haus, das mehr ein Schuppen und Werkstatt war, aber einen Ofen, eine Schlafstatt und eine Küche hatte. Carola bereitete dort allerlei Obstspeisen und Kuchen zu, die sie dann auf dem sonnigen Platz hinterm Haus verzehrten.

Natürlich waren auch Lilli und Johannes dabei, die wie in einem riesengroßen Garten nach Herzenslust spielen und umhertoben konnten. Oft kehrten alle erst spätabends nach Hause zurück, und Georg hatte dann immer noch eine viertel Stunde von der Kamphausenstraße zu seiner Stube zu laufen, was ihm sehr leichtfiel, weil er dabei so vielen schönen Gedanken und Gefühlen ungestört nachhängen konnte. Er fasste irgendwann den Plan, mit Carola einen richtigen Ausflug zu machen, sozusagen eine kleine Reise, am liebsten an die Ostsee. Auch Carola war begeistert von der Idee, und sie nahmen es sich ganz fest für die Zukunft vor, mussten es jedoch immer wieder aufschieben.

Christoph Daniel Schultz hatte sich seit einiger Zeit damit herumgeplagt, seinem Geschäft neuen Schwung zu verleihen. Es lief, wie er meinte, nur noch mäßig dahin, wie ein dünnes Rinnsal, das auszutrocknen drohte, sobald kein neuer Regen mehr fällt. Es müsste "an morgen und übermorgen gedacht" werden, es müssten rechtzeitig "Umstrukturierungen" in die Wege geleitet werden, die sich "alsbald auszahlen" würden. Sogar der Milchmann Jasper Wedels hatte neuerdings Gänseleberpastete nach italienischer Art und einen Gesundheitstrunk aus Buttermilch im Angebot. Er hatte auch für Schultz einen Vorschlag parat: Kerzen aus Bienenwachs, "die brennen gut und duften überdies angenehm", worauf Schultz entgegnete "Bloß nicht wieder Bienen."

Schließlich hatte man drei oder vier Projekte ins Auge gefasst, die man in Angriff zu nehmen gedachte. Bei allen gab es zuerst eine Schwierigkeit zu bewältigen: man brauchte Geld, um es zu investieren. Schultz versuchte es bei den Banken, aber soweit sie sich überhaupt darauf einließen, waren die Konditionen unannehmbar. Er verhandelte mit Geschäftsfreunden, die ihm Geld geliehen hätten, doch es war zu wenig. Dann hatte er eines Tages jemanden gefunden, von dem er sich Hilfe versprach. Es war ein gewisser Eduard Baron von Klestau, der auf seinem Landgut im Holsteinischen lebte und von dem erzählt wurde, er sei an einer Menge Hamburger Unternehmen beteiligt und verfüge über enorme liquide Mittel. Also beschloss Schultz, den Baron zu besuchen und ihn für sein Vorhaben zu gewinnen. Er schrieb ihm zunächst eine Art Bittgesuch und vereinbarte einen Termin. Einige Tage später kam Schultz auf Georg zu und teilte ihm mit, er wünsche, daß Georg ihn auf seiner Geschäftsreise begleitet.

Eine gepflasterte Straße führte nach den sogenannten Walddörfern hin, die bereits außerhalb Hamburgs lagen, aber durch mehrere gut ausgebaute Wege mit der Stadt in Verbindung standen. Hinter dem Kressdorfer Friedhof, der wegen seiner idyllischen Lage auch vielen Städtern ein Begriff war und auf dem einige berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe gefunden hatten, zog sich der Weg an einem langsam dahinfließenden Bach entlang, der streckenweise künstlich begradigt worden war und die sumpfigen Auenwäldchen entwässerte, in denen unzählige sehr scheue Vögel nisteten.

Auf den sich anschließenden Wiesen tummelten sich in jedem Frühjahr riesige Schwärme von Zugvögeln, die hier Rast machten, bevor sie sich auf andere Regionen verteilten. Schultz kannte die Gegend aus früheren Jahren, musste jedoch feststellen, daß vieles verändert war, und oft nur die Wegemarkierungen oder Grenzsteine einen Anhaltspunkt dafür boten, wohin er die Kutsche lenken sollte. Mehr als zwei Stunden fuhren sie durch holsteinisches Gebiet, flaches, allenfalls welliges oder sanft hügeliges Land soweit das Auge blickte. Dann und wann tauchte ein Flecken Wald auf, alte, dicht beblätterte Eichen, die in den Kronen zusammengewachsen schienen. Meist ging der Weg am Rande entlang, nur ganz selten mitten hindurch, wo an den Seiten der Hohlwege sich die Baumwurzeln wie dicke, zu Holz erstarrte Urschlangen wanden.

Sie kamen durch winzige Dörfer mit einer Hand voll Hütten und Pferchen mit Schafen und Ziegen. Manchmal stand nur ein einzelnes Haus da im Schatten von drei mächtigen Linden. Zwei, drei Schänken warteten still auf den nächsten Gast, ihre Fenster waren weit geöffnet, aber nie war jemand zu sehen, und nur der Hahn krähte unverdrossen in den sommerlichen Tag hinein. Es war wieder heiß geworden, und Schultz schwitzte, hatte die Jacke abgelegt, und feuchte Stellen zeichneten sich auf seinem weißen Hemd ab. Unablässig wischte er sich mit einem Tuch über Stirn und Nacken. Georg hatte unter der Rückbank einen alten Schirm gefunden, mit schwarzer Seide bespannt. Er schützte ein wenig gegen die Sonne, und aus der Ferne sah es komisch aus, wie die beiden auf dem Einspänner saßen und Georg den Schirm empor hielt wie als weithin sichtbares Zeichen einer erhabenen Mission.

Georg war froh, endlich wieder einmal der stickigen Stadtluft entkommen zu können, und sofort regte sich seine liebliche Neigung zur freien Natur. Endlose Wiesen und Felder im saftigen Grün, leise rauschende Wälder, murmelnde Bäche, Vogelgesang noch und noch; ein strahlender Himmel und Wolken, wie er sie nur hier im Norden gesehen hatte, Scharen von Wolken bis zum Horizont, weiß, weich und füllig und doch in fest umrissener Form; anscheinend unveränderlich und starr trieben sie gemächlich dahin. Georg schloss die Augen und atmete tief, für einen Moment glaubte er sogar Meeresluft zu spüren. "Wie weit ist es bis zur See?", fragte er Schultz. Der sah ihn verdutzt an. "Wir fahren nicht an die See, sondern zum Baron Klestau, mein Junge." "Das weiß ich, ich frage nur so." "Hm, vermute so an die sechs, acht Meilen."

Ein Bauer mit einem Ochsenfuhrwerk kam ihnen entgegen, und Schultz erkundigte sich nach dem Weg zum Anwesen des Barons. Die Auskunft des Bauern war widersprüchlich. Eine Weile später schickte Schultz Georg zu einer Frau, die in der Nähe Heu wendete. Georg lief zu ihr hin, sie schien ihn nicht zu verstehen. Sie blickte zu einem Heuschober hinüber, wo ein Mann mit einer großen Gabel hantierte, er rief "Was willst du?" Georg wiederholte seine Frage, und der Mann beschrieb ihm den Weg. Georg ging zurück, die Frau achtete nicht auf ihn. 'Ein einfältiges Bauernweib', dachte er.

Schultz hielt den Schirm schief über sich und saß sehr eingesunken da. Georg dachte, hoffentlich hat er jetzt nicht einen Herzanfall oder so etwas bekommen. Er rief ihm zu "Wir müssen ein Stück zurück bis zur letzten Wegkreuzung", er schaute, ob Schultz sich regte. Der gab sich einen Ruck und warf den Schirm in den Wagenkasten. "Und dort den Weg nach links nehmen", fügte Georg beruhigt hinzu. Er kletterte auf den Sitz. "Geht es Ihnen gut, Herr Schultz?" "Ja ja, alles in Ordnung." "Sie haben so komisch dagesessen." "Ach was. Ich habe nur nachgedacht."

Dann sagte er, als habe er es erst unterdrücken wollen "Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt zu was gut ist, daß wir da hin fahren, warum sollte uns dieser senile Sack wohl helfen wollen." Georg gefiel es, daß er "uns" gesagt hatte, aber der Zweifel überraschte ihn. Warum kam er er Schultz erst jetzt? "Vielleicht ist er gar nicht so schlecht", meinte er. Schultz machte eine höhnische Miene. "Nicht schlecht? Geld verdirbt den Charakter, jedenfalls wenn man zuviel davon hat. Und wenn Geld und Adel zusammenkommen, wird es ganz schlimm." "Wieso?" "Wieso? Ein Adliger ist von Geburt aus reich, wozu braucht der Geld? Das verträgt sich nicht, die Natur arbeitet nicht doppelt." "Was für eine seltsame Logik ist das?", erwiderte Georg.

"Das ist überhaupt keine Logik, denn die gibt es dabei nicht. Das Geld ist eine Sache für Kaufleute wie mich, für Bürgerliche, nun gut, eventuell noch für den Staat, der braucht es als Steuern und für den Sold der Armee. Aber so ein Baron, der nur Kraft seiner Abstammung, eigentlich nur durch eine launische Fügung des Schicksals seinen Platz in der Welt zugeteilt bekommen hat, ja zugeteilt, denn er selbst hat noch nicht einmal etwas dafür getan, geschweige denn geleistet, wofür, frage ich, verdient der sein Geld?" "Sie meinen, womit?" "Womit, womit, mit nichts, das ist eben das Unlogische daran. Das Geld ist in den Händen eines Adligen völlig fehl platziert, weil er es bloß hortet, er häuft es an zu einem Vermögen, aber gehortetes Geld, das irgendwo still im Keller liegt, das verkommt. Es ist wie ein schönes Mädchen, das eingesperrt ist in ein Verlies, irgendwann stirbt es vor Einsamkeit."

Schultz machte ein Pause, als würde er über seine Worte noch nachsinnen. "Geld braucht das Licht des Tages, um am Leben zu bleiben, die Strahlen der Sonne, damit sie sich auf ihm spiegeln können, damit es glänzt, es braucht die Augen der Menschen, die ihre begehrlichen Blicke darauf werfen, da fühlt es sich wohl, ja da fühlt es sich wohl, aber nicht drei Meter tief unter einem Adelsarsch. Kein Adliger hat jemals den wirklichen Sinn des Geldes begriffen." "Aber was ist der Sinn des Geldes?", wollte Georg wissen. "Daß es von einer Hand in die andere geht, dass es ständig weiter gereicht wird, nie lange irgendwo herumliegt. Kennst du das alte Lied: Taler, Taler, du musst wandern, oder so ähnlich. Das Geld muss fließen, wie das Wasser, ja man kann es damit vergleichen, wie das Wasser auf seinen vielen Wegen durch die Welt seinen Lauf nimmt, so muss auch das Geld ständig in Bewegung sein, ruhelos, rastlos. Es ist sogar, wenn man's recht bedenkt, ein Kreislauf beim Wasser wie beim Geld, immer um und um." Diese Worte untermalte er mit einer drehenden Bewegung seines Armes, als treibe er eine Kurbel an.

Die luxuriöse Villa des Barons lag zwischen einem Wäldchen mit Birken und Lärchen auf der einen und einem Teich mit Seerosen und allerlei Wasservögeln auf der anderen Seite. Vor dem Haus teilte sich der Weg, der unbefestigt, aber eben und frei von Steinen oder Unkraut war und eine ovale Blumenrabatte umschloss, in deren Mitte ein Springbrunnen plätscherte. Drei überdimensionale, phantastische Fische spuckten das Wasser in gebogenem Strahl aus ihren Mäulern ins Becken. Doch der Druck war offenbar nicht gleichmäßig, bei dem einen Fisch tröpfelte es nur und bei dem dritten gab es plötzliche Unterbrechungen und das Wasser klatschte unschön auf.

Der ganze Brunnen machte bei näherem Hinsehen einen ungepflegten Eindruck, auf der Oberfläche schwammen Stücke von Baumrinde, vom Beckengrund wuchsen Schlingpflanzen herauf und das einfassende Mäuerchen hatte, wie auch die Figuren, manche bröcklige Stelle. Dafür waren die Blumen ringsherum wundervoll, und die zahlreichen Rosensträucher sahen aus, als ob sie jeden Tag von fachkundiger Hand gepflegt wurden. Es waren ganz verschiedene Sorten, sie boten einen zauberhaften Anblick und verbreiteten einen betörenden Duft.

Aus einem der flachen Seitengebäude zum Wald hin kam ein Stallknecht gerannt, blieb vor dem Eingang stehen und hob die Arme, um das Pferd anzuhalten. Schultz zog die Leine und stoppte den Wagen. Ein Diener lief die Treppe hinab auf sie zu. Die beiden Bediensteten bewegten sich flink, als hätten sie Schultz' Ankunft längst erwartet. Doch ihre Betriebsamkeit wirkte seltsam unangemessen zu der stillen, genauer gesagt verschlafenen Atmosphäre des Ortes. Schultz gefiel der Empfang sehr wohl, und weil das Entgegenkommen zweifellos seiner Person galt, nutzte er es auch gleich aus, sprang wie der Hausherr selbst oder wie einer seiner besten Freunde vom Kutschbock herunter und gab, ohne ein Wort über sich selbst zu verlieren, dem Stallknecht sogleich ein paar Anweisungen. Einzig, daß er nicht mindestens zweispännig vorgefahren war, ärgerte Schultz, weswegen er einiges Aufsehen um Ehrenpreis, das Pferd, machte und dem Knecht unter anderem sagte, er solle den linken Hinterhuf untersuchen, denn es habe unterwegs, wenn ihn nicht alles täusche, streckenweise gehinkt. Der Knecht nickte und versprach, sich darum zu kümmern und natürlich auch um die übrige Versorgung.

Inzwischen war der Diener mit einer Verbeugung an sie herangetreten, Schultz fragte vertraulich nach seinem Namen, sagte aber wieder nichts über den Zweck seines Besuchs. Der Diener war ein junger Mann, der aussah, als wäre er nur aushilfsweise in die Livree gesteckt worden. Dennoch war alles an ihm sehr ordentlich und sauber und offenbar hatte er viel Sorgfalt darauf verwendet, seine Kleidung, die vielleicht von einem anderen stammte, sich anzupassen, aber Georg bemerkte sofort einen falschen Knopf in der Leiste auf seiner Brust, der im Gesamtbild störte.

Sehr sparsam mit Worten geleitete er die Gäste durch den einen geöffneten Flügel der Eingangstür ins Innere, verbeugte sich dort abermals und ließ sie einfach stehen. Georg dachte, er werde sie sicher anmelden und gleich wieder kommen, und Schultz, der, die Hände auf dem Rücken, umherschritt, dachte wohl dasselbe. Aber auch nach mehreren Minuten des Wartens standen sie noch ebenso verlassen da. In dem halbrunden Raum, in dem das Licht durch eine weit oben angebrachte Fensterleiste fiel, befand sich weiter nichts als ein blaues Sofa, zu dessen Seiten halbhohe Pilaster aus Marmor mit zwei bauchigen Vasen standen, in denen verwelkte Rosensträuße steckten.

Schultz hatte von seiner überlegenen Pose bereits wieder etwas eingebüßt und murmelte zu Georg "Wir sollten ...", aber er kam nicht weiter, denn eine Tür ging auf und hereingestürmt kam eine grazile Frau mittleren Alters in einem blauweißen Kleid und mit braunen, hochgesteckten Haaren, in denen eine leuchtend gelbe Rosenblüte prangte. Sie hatte ein freundliches oder fröhliches Gesicht, und man konnte ihr ansehen, daß sie sich rundum wohl fühlte. Sie redete vor sich hin, laut und schnell und zusammenhanglos, als würde sie die Worte aus einem Beutel schütten, aber es zeigte sich bald, daß es die Art und Weise ihrer ganzen Bewegung war, die so eilfertig wirkte. In den Armen trug sie einen riesigen Blumenstrauß, ebenfalls Rosen verschiedener Farben, der wohl die alten in den Vasen ersetzen sollte. Den zweiten brachte der Diener, der schneeweiße Handschuhe anhatte, der Dame auf dem Fuß folgte und ihren Redeschwall mit eherner Gleichmütigkeit empfing.

Sie lächelte den beiden entgegen, war keineswegs überrascht und rief "Großer Gott, warum stehen Sie denn hier in der Vorhalle herum und lassen sich nicht hereinbitten. Rudolfo - das war der Diener - sag' dem Herrn Baron, daß die ersten Gäste eingetroffen sind." Damit drückte sie ihm ihren Strauß auch noch in die Arme, wischte sich die Hände am Kleid ab und begrüßte Schultz und Georg, war hocherfreut darüber, daß sie aus Hamburg kamen und rief sich sogleich ihre letzte Unterhaltung mit der Frau Senatorin Wiedenbrück in Erinnerung. "Und dann sagt sie zur mir, Gnädigste, aber bitte, das bleibt unter uns, die Amalie, die Tochter vom Superintendenten Vierling, laboriert an einer Psyche in der Gebärmutter, Rudolfo, worauf wartest du denn noch, wechsel die Sträuße aus, also eine Psyche, ach Unsinn (sie kicherte über ihren Irrtum) ich bin darin gar nicht bewandert, eine Zyste, na nicht direkt in der Gebärmutter, sondern so ein klein wenig außerhalb, etwa hier (sie legte ihre Hand auf eine Stelle am Bauch), was meinen Sie ... oh, ich habe Sie noch gar nicht vorgewarnt." "Wie bitte? Wovor sollten Sie uns warnen, Frau Baronin." "Nennen Sie mich einfach Madame Arielle, das ist mein zweiter Vorname, er steht mir besser." Und sie reichte Schultz und auch Georg abermals die Hand. Georg versuchte eine noch schönere Kusshand zu machen. "Sehr galant, junger Freund", sagte sie und ließ einen Blitz aus ihren dunkelbraunen Augen auf ihn niedergehen.

Rudolfo hatte die welken Blumen aus den Vasen genommen und in einen Korb gelegt, das abgestandene Blumenwasser lief noch kräftig an den Stengeln herab und sickerte durch das Korbgeflecht auf das Parkett. "Ich muss erst einmal einen Lappen holen", sagte der Diener mehr zu sich selbst. "Rudolfo, hast du dem Baron Bescheid gesagt. Was ist denn nun wieder?" Er deutete auf das Wasser, das in schmalen Zungen unter dem Korb hervorkroch. "Na ja, was kann ich dafür? Nun wisch' es auf, hurtig. Gott, dieses Personal", wandte sie sich wieder an Schultz, "er ist gar nicht mein Diener, nur ausgeliehen. Man hat mit einem Diener schon genug Scherereien, aber dann erst mit einem Leihdiener. Was ich fragen wollte, glauben Sie, daß sich so eine Zyste wieder zurückbildet, wenn es soweit ist?"

Schultz machte eine sehr unsichere Geste. "Ähm, wenn es wie weit ist?" Madame Arielle legte die Stirn in Falten und setzte eine nachdenkliche Miene auf. "Der Professor Kreideweis von der Universität in Hamburg hat einmal gesagt, alles würde sich zu gegebener Zeit wieder zurückbilden, wenn es sich sozusagen genug weit fortgebildet hat." Sie schaute beide an, als habe sie gerade eine lange ereignisreiche Geschichte erzählt und setzte hinzu "Oder so ähnlich jedenfalls. Was halten Sie davon? Wissen Sie, hierher zu uns kommen gar nicht so oft Leute zu Besuch, viel seltener als man glaubt. Es ist immer gut, wenn jemand kommt, mit dem man ein paar kluge Worte wechseln kann, das erfrischt und beruhigt die Seele zugleich." Sie legte sich sehr behutsam und wie Georg fand, sehr gefühlvoll die Hand auf den Busen und versank einen Moment in Schweigen. "Gott, was schmatzt denn hier so unanständig", rief sie jäh und drehte sich zu Rudolfo um, der mit dem Wischlappen die Wasserpfütze beseitigte.

"Haben Sie vorhin gesagt, wir seien die ersten Gäste? Dann erwarten Sie heute noch mehr?", fragte Schultz. "Nein, wieso? Die ersten Gäste am heutigen Tag, so meinte ich das. Wenn Sie mich näher kennenlernen würden, wüssten Sie bald, daß ich mich manchmal einer recht poetischen Ausdrucksweise bediene. Das liegt an der Natur, die einen hier allenthalben umgibt, und natürlich an meinen geliebten Rosen." Sie trat auf einen der neuen Sträuße in den Vasen zu und umarmte ihn sachte. "Wenn ich meine Rosen nicht hätte, ich denke manchmal, das Leben hier auf dem Lande wäre um etwas ärmer."

Schultz räusperte sich. "Um noch einmal darauf zurückzukommen, wovor wollten Sie uns warnen." Madame Arielle lachte auf. Im selben Moment hallte ein Schuss durch das Haus. "Da hören Sie es. Mein lieber Herr Gemahl ist ein Waffennarr, wie man so sagt, obwohl das eigentlich unsinnig ist, ein echter Narr hat Angst vor Waffen." Es knallte ein zweites Mal. "Gerade gestern hat er irgend so eine schreckliche Flinte erhalten, von einem ich weiß nicht was für ein berühmter Büchsenmacher, er merkt sich meine Rosennamen ja auch nicht. Er wird es Ihnen schon selbst sagen. Aber keine Bange, Sie werden hier wieder heil herauskommen, ich lege ein gutes Wort für Sie ein." Sie lachte und fügte mit einem Blick auf den Diener hinzu "Zuerst ist Rudolfo dran, nicht wahr, mein Füchslein?"

Rudolfo schaute mit einem geplagten Gesichtsausdruck zu den beiden, dann sagte er "Ich möchte Madame daran erinnnern, daß um dreizehn Uhr das Bukett für die Comptesse Wedemeyer abgeholt wird." "Na und?" "Es ist noch nicht fertig." "Dann mach' es gefälligst fertig und spiel hier nicht länger die Putzfrau." "Sie geruhen sich zu erinnern, daß Sie es unbedingt selbst vollenden wollten." Dieses Wort versöhnte Madame Arielle mit dem Diener, und in freundlichem Ton, der wieder ganz zu ihrem Gesicht passte, sagte sie "Ja mein lieber Rudolfo, geh' schon voraus, ich komme sofort nach."

Rudolfo ging mit dem Korb, und Madame sagte "Wie schade, daß die Leute immer nur zu dem Herrn Baron wollen, und meistens - sie legte die Hand an den Mund, als verrate sie ein Geheimnis - geht es um Geld." Dann trat sie wieder an die Sträuße und ordnete sie und lockerte sie noch etwas auf, bis sie wirklich ganz reizend aussahen. "Ich dagegen liebe die Rosen. Auch wenn sie verwelken, sind sie unvergänglich, viel unvergänglicher als alles Geld, und natürlich viel reiner. Ich vertrete in diesem Hause sozusagen die andere Seite." "Die andere Seite?", fragte Schultz, "Sie meinen nicht etwa gewisse Geschäftsleute?" Ihm fiel plötzlich ein, daß er nicht der einzige sein könnte, der den Baron in finanziellen Angelegenheiten behelligte, womöglich war bereits ein anderer da. "Aber nein, was denken Sie denn von mir."

Georg fand, daß sie nach Schultzes törichter Frage eigentlich empörter hätte sein können, doch sie schien auch ein gutmütiges Wesen zu haben. "Nennen Sie es: die andere Seite der ... der sie schnippte mit den Fingern wie soll man sagen?" "... der Geschichte", meinte Georg. "Der Geschichte?" Madame überlegte. Georg versuchte zu verdeutlichen "Alles hat seine zwei Seiten, die eine ist die nackte Tatsache, das Geld, der Handel und so weiter. Die andere aber ist ..." "... die anmutige Seite. Oh ja, jetzt begreife ich, das trifft es." Sie musterte Georg genau und sagte dann zu Schultz gewandt "Wieviel Weisheit manchmal in so einem jugendlichen Kopf steckt." Schultz winkte ab. "Ja, aber auch eine Menge Flausen." Das war nun ganz unnötig gewesen, und Georg dachte, Schultz ward bloß an seinen eigenen Sohn erinnert.

"Aber weshalb 'Geschichte'?", fragte Madame, die noch darüber grübelte. "Weil alles geschieht", erwiderte Georg, der nichts besseres mehr wusste. "Weil alles geschieht", wiederholte sie langsam seine Worte und setzte fort "Weil alles geschieht, was geschehen soll." Schultz warf Georg einen Blick zu, der bedeutete 'jetzt reicht es aber' und zu Madame Arielle sagte er "Ein wundervoller Gedanke, man sollte ihn so im Raume stehen lassen. Übrigens haben Sie auch meine Neugier bezüglich der Waffensammlung des werten Herrn Baron geweckt, könnten wir ihn nun wohl ergebenst antichambrieren?" Georg sah ihn verwundert an und flüsterte "Das ist doch das hier." "Was ist was?", flüsterte Schultz zurück. "Na, was wir hier machen, im Vorzimmer herumstehen." "Und weiter?" Georg zuckte die Schultern. "Ah ich sehe, die Herren wollen sich beraten", sagte Madame Arielle, "wenn Sie sich einig geworden sind, brauchen Sie bloß dort durch diese Tür zu gehen, eine Treppe hinauf, durch den gelben Salon, der Herr Baron ist bestimmt noch auf der Terrasse, das ist sein Schießstand. Mich entschuldigen Sie bitte, wenn irgendetwas gewünscht wird, ich bin im Gewächshaus." Das sagte sie so, daß kaum jemand es gewagt hätte, sie dort zu stören.

Die beiden taten wie die Frau Baronin ihnen geheißen hatte. Sie fanden Baron Klestau auf der Terrasse, nachdem sie einfach dem Pulvergeruch gefolgt waren, der sich als grauer Schwaden durchs Haus zog. Der Baron war ungefähr einen Kopf kleiner als seine Gemahlin und von kräftiger Statur. Sein jüngerer Bruder war ein berühmter Reiter, ein anderer naher Verwandter war auf Forschungsreisen durch die Wüste unterwegs gewesen; die Familie hatte eine gute Konstitution. Er war nicht mehr der jüngste, hatte aber noch volles, weißes Haar, ein glattrasiertes Gesicht, das um das Kinn herum glänzte, und eine geradezu heldenhafte Nase. Seine Augen waren hell, ein wenig ausdruckslos, als hätten sie die Leidenschaft zumindest vorübergehend abgelegt, aber sein Blick war ungemein ehrlich, als gäbe es nichts, das er verbergen müsste.

Er stand mit dem besagten Gewehr am Geländer, neben ihm sein Sekretär, ein Herr mit einem Pferdeschädel und Nasenflügeln wie Nüstern, aber, wie sich gleich zeigte, mit einer ungewöhnlich sanften Stimme, und wenn er sprach, war es fast, als wäre der Sekretär das personifizierte gute Gewissen des Barons. Er war jedenfalls ein sehr tüchtiger Sekretär, der über alle Angelegenheiten Bescheid wusste, und Schultz sollte gleich bemerken, daß es unmöglich war, an dem Sekretär vorbei mit dem Baron zu verhandeln. Doch soweit war es noch nicht. Als der Baron die beiden eintreten sah, rief er ihnen zu "Nicht übel, aber ich meine, sie verzieht eine Handbreit nach rechts, wohl nicht umständlich genug kalibriert. Aber, bei Gott, ich weiß nicht, ob ich das Stück noch einmal aus der Hand gebe."

Schultz und Georg schauten sich an, der Sekretär, der eine Ledermappe unter dem Arm hielt, sagte "Herr Baron, das ist nicht der Büchsenmacher, die Herren kommen aus Hamburg in einer geschäftlichen Sache, pekuniäre Angustität", fügte er leiser hinzu. Jedoch so laut, daß Schultz es hören musste, der wieder fragend zu Georg hinsah, welcher nur zwischen den Zähnen hervorpresste "Er glaubt, wir wollen schnorren." Dem Baron war das egal. "Ja wo ist denn der Büchsenmacher hin? Haben wir die Rechnung schon gemacht?" "Das ist alles erledigt. Ich glaube allerdings auch, daß Sie die Waffe nun nicht wieder loswerden." "Mensch Hilbig, das will ich auch gar nicht, so ein Exemplar, das ist ... er schaute unwillkürlich zu Georg das ist ..." "... man könnte sagen: ein Prunkstück", murmelte Georg vor sich hin.

"Richtig", rief der Baron, "diese Waffe ist ein Prunkstück, woher wissen Sie das, junger Mann?" Schultz antwortete statt seiner. "Wir haben schon viel von Ihrem Waffenarsenal gehört, verehrtester Baron, und es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, wir sind auch hier (bei dem 'auch' blickte er den Sekretär kurz an), um persönlich einmal einen Blick darauf werfen zu dürfen, wenn Sie es uns erlauben, mir und meinem Sohne, gestatten: Christoph Daniel Schultz, Kaufmann aus Hamburg." Damit machte er eine tiefe Verbeugung, und Georg, obgleich er nicht schlecht staunte über seine schnelle Adoption, tat es ihm gleich.

"Ja nun", sagte der Baron und setzte eine misstrauische Miene auf, anscheinend befürchtete er noch immer, man wollte ihm das Gewehr wieder wegnehmen. "Wir sind hier kein Museum." "So war es nicht gemeint", entgegnete Schultz und zeigte dann auf Georg "Der Junge kommt aus dem thüringischen Suhl, das man ja, wie Herr Baron sicher wissen, auch das 'deutsche Damaskus' nennt." Georg schaute Schultz an und war nahe daran, ihn in seiner Flunkerei zu unterbrechen, doch der Baron sagte "Natürlich kenne ich den Namen dieser Stadt, jeder, der etwas von Waffenkunst versteht, hat ihn schon gehört." Der Sekretär meinte kühl "Sagten Sie nicht, er wäre Ihr Sohn? Wie kommt es, daß er aus Thüringen ist, Sie dagegen aus Hamburg?" "Nun, er stammt aus erster Ehe, damals war ich dort ansässig." Daß man in Suhl Waffen herstellt, wusste auch Georg, aber die Bezeichnung "deutsches Damaskus" war ihm neu; Schultz sagte später, er habe das auch bloß irgendwo gehört, und er hätte Glück gehabt, daß es tatsächlich in Thüringen liegt.

Der Baron wandte sich an Georg. "Stimmt es, junger Mann, daß man kürzlich ein Suhler Jagdgewehr dem Sultan von Konstantinopel zum Geschenk gemacht hat?" "Äh, ich ..." Schultz warf ihm einen Blick zu, der sagen sollte: Du bist schuld, wenn wir hier wieder mit leeren Händen abziehen müssen. Georg erwiderte "Soviel ich weiß, war es der Schah von Persien." Schultz nickte. "Als die Delegation des Schahs in Suhl weilte, war der Junge auch dort." Georg sagte mit Bestimmtheit "Nein, war ich nicht." "Aber du hast erzählt, daß ..." "Gar nichts habe ich erzählt. Ich habe lediglich davon gehört." "Vielleicht verwechseln sie ihn mit ihrem anderen Sohn", meinte der Sekretär trocken. "Wie bitte? Ja, kann sein."

"Es war bestimmt ein Radschlossgewehr mit allerfeinster Ornamentik", schwärmte der Baron vor sich hin. "Oder einer dieser Hinterlader, auf die ich auch immer noch scharf bin. Ich habe zwar einen, aber die Mechanik ist lädiert. Wissen Sie", wandte er sich an die beiden, "er funktioniert auch mit Steinschloss, so wie das hier, aber wenn man den Abzugsbügel dreht, dann wird so eine kleine Öffnung im Lauf frei, ungefähr hier an der Stelle, das ermöglicht das Laden von hinten." "Von hinten laden?", meinte Schultz. "Und wenn sich der Bügel zurückdreht, wird die Zündpfanne mit Pulver gefüllt." "Das kann man sich gut vorstellen, wie Sie es beschreiben." "Ich habe einmal eine solche Waffe gesehen, mit achtkantigem Büchsenlauf und sieben Zügen, alles mit geschnittenen und geätzten Verzierungen, vergoldete Beschläge, der Schaft war aus Nussbaumholz, der Kolben hatte einen Schuber und der Abzugsmechanismus einen Stecher." "Einen Stecher?" "Das ist, wenn man den Abzug nicht bis zum Ende durchdrücken muss." "Ah, ich verstehe, da knallt es bei der kleinsten Berührung. Hast du nicht mal gesagt, Georg, du würdest da in Suhl den Büchsenmacher kennen, der diese Flinte für den Großmogul gebaut hat? Wir könnten dem Herrn Baron etwas vermitteln." Georg wollte nicht antworten.

Der Baron winkte ab. "Ach, dafür bin ich zu unbedeutend, ich kann mich nicht mit dem Schah von Persien messen." "Warum so bescheiden? Außerdem wollen diese Waffenmeister mehr als ein Gewehr verkaufen, und der Schah wird wohl nicht seine Armee damit ausgerüstet haben." "Sind Sie von Sinnen? Nicht einmal die Leibwache wird so was in die Hände bekommen." "Da sehen sie." "Wissen Sie eigentlich, was so ein Gewehr kostet? Das würde mich an den Bettelstab bringen, wenn ich eins kaufen wollte." Er zeigte auf den Sekretär. "Hilbig verdreht schon die Augen, wenn es um eine Waffe wie diese hier geht." Der Sekretär lächelte nachsichtig. "Nein, nein, man soll sich wegen seiner Leidenschaften nicht in den Ruin stürzen, sonst richte ich am Ende noch den Lauf auf mich selber." "Um Himmels Willen, was für eine furchtbare Vorstellung." "Nun säuseln Sie mal nicht 'rum. Weshalb sind Sie eigentlich gekommen?"

Schultz schaute zum Sekretär hinüber, als wollte er ihn auffordern, den Baron an das Schreiben zu erinnern, das Schultz ihm zuvor geschickt hatte, der Sekretär blieb stumm. Dann sagte Schultz etwas zaghaft "Wie wir Herrn Baron bereits unterrichtet haben ..." "Wer wir? Sind Sie nicht der Chef der Firma?" "Ähm, doch." Er winkte zwischen sich und Georg und sagte "Wir beide meinte ich." Der Sekretär sagte "Der Junge ist noch nicht geschäftsfähig, oder?" "Er ist äußerst fähig", versicherte Schultz. "Also worüber reden wir hier überhaupt?", fragte der Baron etwas ungehalten.

Schultz wurde etwas sicherer. "Es geht darum, daß sich mir die Gelegenheit bietet, meine Unternehmensaktivitäten zu forcieren. Wir können die Firma vergrößern und haben zwei bis drei neue Geschäftsfelder erschlossen. Selbst bei vorsichtiger Kalkulation ist uns ein Gewinn sicher." "Wieviel?", fragte der Baron. "In dem einen Bereich rechnen wir mit bis zu fünfzehn Prozent per annum." Der Baron wechselte einen Blick mit dem Sekretär, der sagte kühl "Verehrter Herr Schultz, Sie sind nicht der einzige Kaufmann in Hamburg, der sich eine rosige Zukunft ausmalt." Bei dem Wort "rosig" ging leise die Tür auf, und Madame Arielle kam mit einem riesigen Blumenstrauß herein. Sie war sehr rücksichtsvoll und legte den Finger an die Lippen zum Zeichen, daß sie keinesfalls stören will. Rudolfo folgte ihr auf dem Fuß, und die beiden machten sich wieder an einer Vase zu schaffen. Georg sah, daß sich die Frau Baronin umgekleidet hatte.

Der Sekretär fuhr fort "Erst gestern war einer Ihrer Konkurrenten hier, der auf sage und schreibe dreißig Prozent Gewinn spekuliert und das bei einem investierten Kapital von ... na, das spielt jetzt keine Rolle." "Zum Fenster 'rausgeworfenes Geld", sagte der Baron hart und zielte mit der Flinte, die er noch unterm Arm hatte, durch die offene Tür zum Balkon. "Eben das ist es ja", entgegnete Schultz, "diese Leute spekulieren bloß, dreißig Prozent, ich gebe Ihnen völlig recht, das sind Hirngespinste." Der Baron sagte "Ich dachte, Sie wären Kaufmann. Da muss man von so was träumen?" Schultz ließ sich nicht beirren. "Mir ist es lieber, wenn ich morgens aufwache, und es ist noch was von meinem Geld da." "Aber es ist immer zu wenig, stimmt's."

"Ich will gar nicht bestreiten, verehrtester Herr Baron, daß es Leute gibt, die solchen Gewinn machen, ich kenne sogar selbst welche." Der Baron sah ihn ungläubig an. "Dreißig Prozent im Jahr?" "Im Jahr? Ich kenne einen, der macht das in einer Woche." "Das geht kaum mit rechten Dingen zu", meinte der Sekretär und Schultz sagte "Sie treffen den Nagel auf den Kopf, Herr Hilbig. Dreißig Prozent kann man machen auf die krumme Tour, das ist leichter, als man glaubt. Aber ich bin ein Mensch mit gewissen Grundsätzen. Die können Sie altmodisch nennen oder auch hinderlich, aber ich stehe dazu. Und zu diesen Grundsätzen gehört auch, daß keines meiner Geschäfte auch nur annäherungsweise gegen Recht und Gesetz verstoßen darf." "Bravo. So was hört man nicht oft", sagte der Baron, der offenbar beeindruckt war von Schultz' Aufrichtigkeit. Der Sekretär sagte "Jeder dieser Gauner würde genauso reden." Schultz sah ihn böse an. Der Baron sagte "Na na Hilbig, immer schön höflich bleiben zu meinen Gästen." "Sehr wohl, Herr Baron, ich wollte nur sagen ..."

"Was für Geschäftsfelder sind das, wo sie investieren wollen?", fragte der Baron und fügte hinzu "aber setzen wir uns erst einmal, meine Knochen werden langsam müde und in den Gelenken piesackt es auch immer schlimmer." Sie nahmen Platz in den Sesseln, die im Oval auf einem dunkelroten Teppich mit seidig schimmerndem Muster standen. Durch die Balkontür kam ein warmes Mittagslüftchen herein geweht. Der Baron stellte das Gewehr neben sich ab und rief "Rudolfo! Habe ich ihn nicht gerade gesehen?" Rudolfo trat hinter der Rosenstraußvase hervor. "Herr Baron?" "Bring' mir meine Jagdtasche." "Wo ist sie?" "Wo sie ist? Wo sie immer ist." "Also, wo sie zuletzt war", murmelte Rudolfo und suchte im ganzen Raum. Auch die Blicke der anderen wandten sich überallhin. Georg sah die Tasche hinter dem Baron in einer Ecke hängen. Er stand auf und holte sie. "Ist es etwa diese, Herr Baron?" "Ja, ja."

Er kramte darin herum, bis er ein Fläschchen mit Arznei fand. Da er keinen Löffel zur Hand hatte, setzte er es an den Mund und schüttelte ein paar Tropfen heraus. Dann verstaute er es wieder in der Tasche. Plötzlich kam von der Seite ein großer Hund geschlendert, der wohl hinter irgendeinem Möbel gelegen hatte und von dem Arzneigeruch angelockt worden war. Er kam mit der Schnauze dicht an des Barons Gesicht heran und schnupperte. "Achilles, mein Guter, da bist du wieder", sagte der Baron und fasste ihn kräftig am Hals. "Du bekommst auch gleich was." Der Hund legte sich zu seinen Füßen nieder, ließ die Zunge heraushängen und beäugte müde die Männer. Es musste wohl Achilles am Ende seiner Heldentage sein, wenn er von Paris' Pfeil verschont geblieben wäre. Schultz betrachtete ihn und sagte "Alte Hunde reiten auf dem Arsch", und als ihn der Baron daraufhin mit einem bösen Blick strafte, fügte er hinzu "das sagt man so."

Der Baron saß jetzt da wie ein zum Aufbruch bereiter Jäger. "Wir haben ein erstklassiges Rattengift entwickelt", sagte Schultz. "Die Ratten sind in weiten Teilen der Stadt zu einer Plage geworden, der abgeholfen werden muss. Viele Kaufleute und Spediteure erleiden großen Schaden, und auch die Gesundheitsbehörde hat mit dem Problem zu kämpfen. Mit einem wirksamen Mittel kann man gutes Geld verdienen." Der Sekretär sagte "Die probaten Mittel haben sich letztlich stets als unbrauchbar erwiesen, das wäre bei dem Ihrigen nicht das erste Mal." Der Baron sah Schultz an. "Stimmt das?"

"Es ist schon manches ausprobiert worden, das ist wahr, aber diese Gifte hatten alle die falsche Wirkungsweise, man wollte die Ratten sozusagen mit ihrem eigenen Futter töten, das für diesen Zweck speziell präpariert wurde." "Aber wenn man reines Gift auslegt, gehen sie erst gar nicht dran, und bisher konnte sie noch niemand zwingen, das Zeug zu fressen." "Ja, offensichtlich. Nur, der Haken dabei ist, daß ein Gift immer verträglicher wird." "Immer verträglicher?" (Madame Arielle und Rudolfo verließen das Zimmer ebenso leise wie sie hereingekommen waren.) "Schon nach ein paar Generationen sind die Ratten resistent gegen das Gift. Es sterben zwar immer noch welche daran, aber verhältnismäßig wenig. Und dann müssen Sie auch bedenken, daß der Generationswechsel bei den Ratten sehr rasch aufeinander folgt, dadurch kommt es zu dem Effekt, daß das Gift immer unschädlicher wird, als würde es sozusagen mehr und mehr verdünnt. Das erfordert auch immer größere Mengen, und einem Kaufmann, der damit handelt, bleibt nichts anderes übrig, als es zu verteuern."

"Wieso verteuern? Wenn er mehr verkaufen kann." "Weil zwar der Umsatz steigt, aber nicht der Gewinn. Langfristig geht eine extensive Herstellung auf Kosten des Ertrages, unter anderem deshalb, weil die Handelsmargen größer werden." "Ach so?", meinte der Baron, aber der Sekretär sagte "Die müssten dabei aber eigentlich kleiner werden." Schultz schaute ihn verunsichert an. "Natürlich werden sie das. Habe ich versehentlich 'größer' gesagt?" "Und worin besteht nun Ihre Neuerung?", fragte der Baron. "Wir haben ein völlig neues Präparat, das die Ratten indirekt tötet, indem es - er unterbrach sich und überlegte kurz, dann fuhr er fort - Sie werden verstehen, meine Herren, daß es sich um ein Betriebsgeheimnis handelt, über das ich nicht so offen plaudern kann."

Der Sekretär und der Baron tauschten wieder vielsagende Blicke, dann sagte der Sekretär "Herr Schultz, wir müssen natürlich in genügendem Maße Bescheid wissen über etwas, in das wir ... in das der Herr Baron sein Geld investiert. Was glauben Sie, wieviel Leute herkommen und uns das Blaue vom Himmel erzählen über ihre vielversprechenden Geschäfte und in Wahrheit ..." "... Ist es nur zum Fenster 'rausgeworfenes Geld", ergänzte der Baron und griff seltsamerweise nach seiner Flinte, ließ sie aber gleich wieder los. Schultz sagte "Also, ich kann Ihnen soviel verraten, daß es sich um eine chemische Substanz handelt, die man Antiko... Antikoa..." Er holte aus seiner Ledermappe ein loses Bündel mit Papieren, zog daraus ein Blatt hervor und las "Man nennt sie Anti-ko-agulan-zium."

Er warf die Papiere auf Georgs Knie, als hätte er sie von ihm gereicht bekommen. Der Baron zog die Augenbrauen hoch. "Nie davon gehört. Was soll das sein? Etwas zum Einreiben?" Der Sekretär lachte laut auf. "Ja natürlich, dreimal täglich, jede Ratte einzeln." Schultz wurde unruhig, er wies mit der Hand auf das Bündel. "Es steht alles da drin, es ist eine einwandfreie Expertise." "Was denn nun genau?" Georg hatte die Notizen auf dem Blatt überflogen, sie trugen Overbecks Handschrift und die eines anderen. Er hatte den Inhalt, so schnell es ging, erfasst. Er sagte in einem Ton, als wäre er selber mit der Sache betraut gewesen "Es ist eine Substanz, die die Blutgerinnung hemmt."

Der Baron wurde aufmerksamer. "Und was macht das den Ratten aus?" "Sie verbluten bei der kleinsten Verletzung." Schultz setzte wieder ein. "Schon die winzigste Schramme genügt und die Ratte ist in ein paar Minuten hinüber." "Dann werden sie gar nicht regulär vergiftet?" Schultz schaute zu Georg, der sagte "Das ist das vollkommen Neuartige daran, man muss nicht irgendwelches Gift in ihren Körper bringen, auf daß sie dann sowieso nicht mehr reagieren." "Es ist wie ein Kampfmittel im Krieg gegen die Ratten", triumphierte Schultz. "Und die tödlichen Verletzungen fügen sie sich sogar gegenseitig zu." "Das klingt abenteuerlich", meinte der Baron, "Was sagen Sie dazu, Hilbig?" Der Sekretär zuckte mit den Schultern. "Aber wie kommt das Zeug in die Ratten hinein, damit es im Blut wirkt?" "Ja, das wollte ich auch noch fragen", sagte der Baron.

Wieder schauten alle auf Georg, aber darüber stand nichts auf dem Papier. Er überlegte einen Moment, dann fiel ihm etwas ein. "Diese Substanz ist absolut geruchslos sowie geschmackslos, sie wird einem normalen Rattenköder beigemengt, also praktisch zu etwas hinzugefügt, daß die Ratte völlig ahnungslos frisst. Damit gelangt das Mittel in den Körper. Und ebendeshalb kann die Ratte auch niemals resistent dagegen werden, weil sie ja immer irgendetwas fressen muss." Der Baron lehnte sich zurück, und Georg dachte, es gibt eine wirkungsvolle Pause, aber Schultz musste unbedingt noch hinzusetzen "Das ist sozusagen eine Ratten Henkersmahlzeit."

"Haben Sie das Mittel schon erprobt?" "Hundertfach", erwiderte Schultz, "es wirkt sogar bei bei Katzen und Hunden." Bei den letzten Worten schreckte der Hund des Barons hoch und sah Schultz grimmig an. "Wir haben bereits Bestellungen über beträchtliche Mengen vorliegen. Deshalb auch unsere Anstrengung, in die Herstellung zu investieren." "In was wird denn dieses Mittel gemessen?" "Wie bitte?" "Ich meine, geht es nach Gramm oder Kilogramm oder nach Litern." "Ähm, in Volumenprozenten. Das ist auch eine Neuheit. Das hängt mit dem zusammen, was ich vorhin sagte. Dieses Gift ist so hochkonzentriert, daß man rein äußerlich betrachtet, weniger benötigt als bei einem herkömmlichen Mittel. Aber für diesselbe Menge können wir leicht den drei oder sogar vierfachen Preis verlangen."

"Wir müssten uns über die Konditionen verständigen", sagte der Baron, und Schultz sah freudestrahlend zu Georg hinüber, als verspreche er ihm hiermit eine Belohnung. Da öffnete sich die Tür und es erschien abermals Madame Arielle, sie hatte sich auffällig geschminkt, was ihr sehr gut stand. Sie sagte zum Baron "Eduard, ich brauche jemanden, der mich in den Keller begleitet und mir leuchtet, ich möchte eine Flasche Wein heraufholen." Der Baron war noch mit der Giftsache beschäftigt und knurrte unwillig. "Das kann Rudolfo machen." "Rudolfo fürchtet sich im Keller, du weißt, er hat Dunkelangst." Der Baron brauste auf. "Ah, ich glaube, Rudolfo gehört in ein Sanatorium. Letztens konnte er nicht auf die Leiter steigen, weil er Höhenangst hat, und davor hat er sich nicht mal bis zu den Knien in den Wasserrosenteich hineingewagt, angeblich wegen seiner Angst vor unsicherem Boden, man kann ihn ja nichts mehr tun lassen, ohne um seine Unversehrtheit zu bangen."

"Sei nicht ungerecht, Eduard. Wie oft habe ich gesagt, wir brauchen einen neuen Gärtner." "Oh, es ist höchst merkwürdig, daß Rudolfo die Ängste quälen, seitdem der alte Gärtner fort ist." "Sie haben sich eben so gut verstanden." "So so. Dann steht zu befürchten, daß Rudolfo, wenn wir einen neuen Gärtner einstellen, auch noch an einer Verlustangst leiden wird." "Hoffentlich renkt sich das alles wieder ein." "Na sage ich doch, am besten in einem Sanatorium." Die Frau Baronin schwieg und schmollte, wich aber keinen Zentimeter von der Stelle. Der Baron fragte "Warum leuchtet dir Rosalie nicht?" "Sie ist auf den Markt gegangen." "Aha, na ja, auf den Markt, das muss auch sein, muss schließlich was auf den Tisch kommen."

Keiner sagte etwas, aber Georg schien es, als würden alle dasselbe denken. "Ich könnte kurz mit hinuntergehen", bot er sich an. "Kurz", lachte der Baron. "Junger Mann, Sie kennen weder unseren Weinvorrat, noch haben Sie eine Ahnung, wie wählerisch die Frau Baronin ist. Aber gehen Sie nur mit. Und lassen Sie Rudolfo sehen, wie überflüssig er ist."

Sie durchquerten einige Räume, Madame Arielle eilte vorneweg und plapperte irgendetwas, das Georg nicht verstand. In der Küche drückte sie ihm zwei Kerzen in die Hand und entzündete sie. "Gerade halten, sonst tropft das Wachs auf den Boden." Sie überlegte, dann holte sie zwei lange Streifen Kreppapier und wickelte sie über Georgs Händen um die Kerzen. "Das fängt es auf", meinte sie. "Raffiniert", sagte Georg. "Da ist ja nun nichts Besonderes dabei", erwiderte sie und scheuchte Georg vor sich her wieder durch ein paar Räume.

Ihr Kleid rauschte über das Parkett. Auf einmal zwirbelte sie übermütig an Georgs Nackenhaaren. "Sie haben hübsche Locken da hinten." "Finden Sie, Madame?" "Wenn ich es sage, wird es schon so sein. Nach rechts und dort durch die Tür. Sind Sie Ihr Rattengift losgeworden?" "Ich weiß nicht, ich glaube ja." Er ging aufrecht mit den brennenden Kerzen wie ein Kirchendiener. "Mir kommt das Zeug jedenfalls nicht ins Haus." "Haben Sie denn auch Ungeziefer? Ich meine, im Garten haben Sie bestimmt Wühlmäuse und Maulwürfe." "Nicht viele. Die Läuse auf meinen Rosen machen mir mehr zu schaffen." "In Erfurt, wo ich herkomme, gibt es einen Gärtner, der ein gutes Pulver gegen Rosenschädlinge hat." "Tatsächlich? Bei Ihnen scheint es ja alles zu geben, weshalb sind Sie dann nach Hamburg gegangen?" "Ich bin nur zur Lehre hier." "Und was wollen Sie lernen? Wie man anderen Leuten das Geld aus der Tasche zieht?" "Wie meinen Sie das?" "War nur ein Spaß. Hier geht's in den Keller, warten sie, ich muss erst aufschließen, ach wo habe ich den Schlüsselbund."

Sie hieß Georg einen Moment zu warten und verschwand noch einmal. Georg pustete die Kerzen aus und setzte sich auf das Fensterbrett, wo man eine Aussicht über das weite grüne Land des Barons hatte. Es lag in friedlicher Ruhe, und nur das Vogelgezwitscher klang aus den Sträuchern und Bäumen in der Nähe. 'Keine schlechte Gegend zum Leben', dachte Georg, 'vielleicht ein bisschen eintönig'. Madame Arielle kam zurück, sie klirrte mit einem Dutzend Schlüsseln an einem Ring. "Ich weiß sogar schon, welcher es ist", meinte sie lachend. "Na dann, mein Freund, lassen Sie uns hinabsteigen in die geheimnisvolle Unterwelt."

Da kam Rudolfo durch die Tür getreten - nein, es war nicht Rudolfo, es war ein junger Mann in schneidiger Uniform. Er trug einen dunklen, blaugrünen Rock, der bis fast zu den Kniekehlen reichte und innen mit dünnem ziegelroten Stoff ausgefüttert war. Vorn war er offen, und man sah das saubere weiße Unterkleid mit einer Reihe flacher Messingknöpfe. Über die Schienbeine waren schwarze Stiefeletten hochgezogen, und seine Schuhe glänzten speckig. An der Seite hing ein Säbel in gelber Scheide, und die ledernen Handschuhe steckten im Gürtel. Er war barhäuptig und hatte halblanges, welliges Haar und keinen Bart. Georg dachte, daß er weniger wie ein Soldat als vielmehr wie einer jener Ritter aussieht, die noch als halbe Knaben ausrücken, um in der Welt das Abenteuer zu suchen und der Minne zu dienen.

Er hatte zwar nicht erwartet, daß Madame Arielle sie einander in aller Förmlichkeit vorstellen würde, aber wie sie sagte "Das ist Sebastian, des Barons und mein einziger Sohn, und das ist - sagen Sie gefälligst selbst, wer Sie sind", das erschien Georg ein bisschen hochnäsig. Er nahm beide Kerzen in eine Hand, gab Sebastian die andere, nannte seinen Namen und fragte "In welcher Armee dienen Sie?" "Im Infanterie-Regiment Nummer siebenundzwanzig unter Alexander Friedrich von Knobelsdorff. Und Sie sind zu Besuch bei Baron von Klestau?" "Auf Geschäftsreise gewissermaßen, ich begleite meinen Chef." "Wieso sagst du 'bei Baron von Klestau', Sebastian?" "Wie soll ich wohl sonst sagen? Du sagst auch, ich bin des Barons Sohn?" "Na ja, nur so aus Spaß. Sage einfach: bei Papa oder ... und überhaupt, er könnte auch mein Gast sein, nicht wahr? Er versteht etwas von Rosen."

"Ist das wahr? Sind Sie genauso ein Rosennarr wie meine Mutter?" Er kam Georg vor wie ein lieber Junge, der noch keinen Schuss auf dem Schlachtfeld hatte fallen hören. "Aber nein, ich kann eine Rose kaum von einem Wurmfarn unterscheiden." Sebastian lachte. Madame Arielle sagte "Sie schwindeln, Georg, ich merke es. Jemand, der weiß, daß es Wurmfarn gibt, der kennt auch Rosen." "Na gut, ich geb's zu. Mein Großvater hatte einen Rosenstrauch im Garten, der angeblich von Schloss Weißenstein bei Kassel stammte." "Oh, wie wundervoll", sagte Madame Arielle. "Hörst du, Sebastian, das ist das Schwarzkopf'sche Rosarium, wovon ich immer geschwärmt habe." "Ja, des, dünkt mich, erwähntest du schon." "Ist das etwa bei Ihnen in der Nähe?" "Kassel? Nicht so sehr weit weg. Es gibt dort auch eine berühmte Skulpturensammlung." "Ach, die versteinerten Nackten interessieren mich weniger."

"Ja, Mama, du bist mehr für das beblätterte Blühende." "Bebbelbübbel nun brich' dir mal nicht die Zunge. Wir trödeln hier herum und der Tag nimmt indes seinen Lauf." "Na und. Außerdem hast du den Schlüssel in der Hand, warum schließt du nicht längst auf." "Georg, Sie haben die Kerzen ausgeblasen." "Um Licht zu sparen", entgegnete Georg zaghaft. Sebastian lachte. "Um Licht zu sparen, großartig. Haben Sie auch die Luft angehalten?" "Und nun habe ich kein Feuer." "Das wäre die geringste der Nöte", sagte Sebastian, holte eine Packung Schwefelhölzer aus einem Lederetui unter seinem Uniformrock und zündete die Kerzen an.

Madame Arielle hatte die Kellertür geöffnet, und ein stockfinsterer Treppenabgang gähnte ihnen entgegen. "Machen wir uns hier auch nicht schmutzig?" "Natürlich machen wir das, Rosalie will etwas zum Waschen haben." "Das ist die einzige Uniform, die ich mithabe." "Dann wirst du nachher deine Demission einreichen müssen und in den Zivilstand zurückkehren, mein Sohn." "Du bist unmöglich." "Wie ist es am besten? Soll ich in der Mitte gehen? Dann kann ich nach oben und unten leuchten." "Famose Idee." "Sebastian, wenn Sie voran gehen würden", sagte Georg. Sebastian schaute ins Dunkel hinab. "Gott, ich war seit meiner Kindheit nicht mehr da unten." "Das stimmt, ich habe vor ein paar Wochen einen Ball gefunden, den du dort verloren hattest." "Ist das wahr? Aber ich durfte diese Treppe nie benutzen." "Er wird durch ein Fenster hineingerollt sein." "Der Keller hat Fenster?", fragte Georg. "Damals hatte er welche, sie zeigten nach einem Graben, aber der Ablauf war defekt, und er stand immer voll Wasser, deshalb hat man ihn zugeschüttet." "Hast du sonst noch was gefunden?" "Wie, noch was?" "Ich meine, irgendwelche skelettierte Saufbrüder von Papa, die nie nach Hause kamen." "Sebastian! Unterstehe dich, so vom Baron zu sprechen."

Sie tasteten sich Schritt für Schritt hinab, und Georg trat sehr vorsichtig auf, weil er sich nicht festhalten konnte. "Sie wackeln aber ziemlich mit den Kerzen, das macht einen ja ganz närrisch", sagte die Baronin. "Folgen Sie mir einfach, Madame." Sie waren unten angekommen, und Madame Arielle sagte zu Georg "Kommen Sie hier herüber mit den Kerzen, hier hängt ein Leuchter." "Die Kerzen sind 'runtergebrannt." "Ach, fatal. Halt, ich weiß, dort im Regal ... Geben Sie mir mal die Kerze." Sie tauchte in den Hintergrund des Gewölbes und man hörte, wie sie irgendwo herumhantierte wie in einem Werkzeugschrank. Dann kam sie mit einem Bündel weißer Kerzen wieder. Sie steckten sie auf den Leuchterkranz und entzündeten die Dochte. "Sebastian? Wo ist er denn hin?" "Ich weiß nicht." "Sebastian! Du musst den Wein aussuchen, ich habe davon keine Ahnung."

Georg schaute sich um. Im Kerzenlicht konnte man einen Teil des weiträumigen Kellers sehen. Die Decke war mit vielen Bögen gemauert, die sich auf vier oder fünf dicke Pfeiler stützten. Der ganze Raum hatte mehrere Seitenhöhlen, in denen nur undeutliche Konturen von Gerümpel zu erkennen waren. Es roch etwas modrig, aber Madame Arielles Parfumduft konnte sich durchsetzen, und als sie durch ihre Bewegungen eine Wolke davon verbreitete, überlief Georg ein eigentümlicher Schauer. Das Gemisch aus Fäulnis und Veilchen verwirrte für einen Moment seine Sinne, und Madame Arielle fragte "Wie finden Sie es hier, Georg? Ist das nicht schrecklich schaurig. Ich würde viel öfter hinabsteigen, wenn jemand mitkäme." "Obwohl Sie als Blumenfreundin den Sonnenschein so sehr schätzen." "Ja gerade deshalb, diese Gegensätzlichkeit, verstehen Sie, oben das Leben und ein paar Schritte weiter unten der ..." Sebastian kam urplötzlich mit lautem Schrei hinter dem Pfeiler, wo sie standen, hervorgesprungen, und Georg erschrak so sehr, daß ihm die Kerze aus der Hand fiel. Aber Madame Arielle war ganz ruhig geblieben. "Deine plumpen Scherze. Komm' hilf mir bei dem Wein, ich glaube, der gute ist da hinten."

Georg staunte über die Ausdehnung des Kellers, er musste sich offenbar unter dem ganzen Haus hinziehen. Sie gingen an großen Fässern vorbei, die in zwei Lagen übereinander gestapelt waren, einige waren allerdings zerbrochen, und die Dauben hingen lose an den Eisenringen. "Vorsicht, hier liegen Scherben", sagte Georg, der jetzt merkwürdigerweise als erster ging, als hätte die Frau Baronin ihn voraus geschickt. Schließlich standen sie zwischen mehreren mannshohen Regalen, teils aus Holz teils aus Lehm, in denen unzählige Weinflaschen dicht beieinander lagerten. "Wer soll denn das alles trinken?", sagte Sebastian. "Damit kann man ja alle Gelage der Antike nachstellen." Georg strich mit dem Finger über eine der Flaschen, die mit einer Staubschicht überzogen waren. "Die stammen anscheinend auch noch aus jenen Tagen." "Tja, also welchen nehmen wir?" "Ich würde sagen, einen trockenen, das ist immer richtig." "Können Sie irgendwo eine Bezeichnung erkennen, Georg?"

Sie gingen um die Regale herum und verjagten dabei einige Mäuse. In einem Fach standen zwei verschieden geformte Weingläser, neben denen ein kleines Buch, ein Korken sowie eine silberne Gabel lagen, alles war durch Spinnweben miteinander verbunden. "Vielleicht steht in diesem Buch ein Verzeichnis und irgendeine Orientierungshilfe", sagte Georg, der gesehen hatte, daß es aus losen Seiten in einem Ledereinband bestand. "Oder es enthält einen Geist, der entfleucht, sobald ein Ahnungsloser es aufschlägt", meinte Sebastian. "Dergleichen ist mir noch nie widerfahren." "Wie viele solcher Weinkeller kennen Sie? Auch Geister suchen sich ihre Heimstatt selbst aus, wenn es ihnen erlaubt ist." "Auch ihre Lektüre?", sagte Georg, der die Kerze näher daran hielt und in dem Buch blätterte.

"Was steht drin?" "Es sieht aus wie meteorologische Aufzeichnungen; am neunzehnten April Siebzehnhundert neunundsechzig war es vormittags wolkenlos, am Nachmittag nur locker bewölkt, fünfzehn Grad und trocken." "Das hilft uns nicht weiter. Wo ist eigentlich Mama?" "Sie sollten sich beide an die Hand nehmen", meinte Georg. "Machen Sie keine Witze. Wenn sie nun ohnmächtig geworden ist." "Wieso das?" "Sie ist in so einem Alter." "Hier unten? Da kann man höchstens einen Schnupfen bekommen." "Georg, Sie scheinen nicht viel von Frauen zu verstehen", sagte Sebastian wie ein naseweiser Junge. Die Höflichkeit verbot es Georg, etwas zu erwidern. "Ich glaube, sie ist dort drüben. Hat sie denn einen Leuchter bei sich?" Ein Lichtschein tanzte über die Ecken und Kanten des Mauerwerks, und da meldete sich auch Madame Arielle selbst und rief "Ich habe was ganz Komisches entdeckt."

Sebastian nahm wahllos eine Weinflasche aus dem Regal und sie gingen hinüber. Madame stand neben zwei Truhen und hatte den gewölbten Deckel der größeren geöffnet, in der allerlei Hausrat und Wäsche zum Vorschein kam. "Das müssen wir unbedingt mit nach oben nehmen. Mir ist schleierhaft, wie es hierher gekommen ist und nicht wenigstens auf den Dachboden." "Was ist das?" "Erkennst du es nicht wieder?" "Sollte ich?" "Ach wie könntest du. Du warst ja noch so klein." Sebastian machte ein missmutiges Gesicht. "Mama, was soll der Kram?" Sie hatte ein Wäschestück herausgenommen und hielt es zwischen den Händen hoch, es war ein wollenes Leibchen für einen Säugling. Sie kicherte und hielt es vor's Gesicht. "Ist das nicht goldig? So winzig."

Georg schaute vergnügt zu; um Sebastians Mund zuckte es. "Oder das hier", sagte Madame und nahm zwei kleine Lederschuhe, so groß wie Kartoffeln. Sie fuhr mit den Fingern hinein und wackelte damit in der Luft, als ob sie Schritte andeuten wollte. "Jetzt hör' auf mit dem Unsinn." "Wieso denn, das ist alles deins ." "Das kann nicht sein, es sind bestimmt nur irgendwelche Putzlumpen für Vaters Flinten." "Putzlumpen? Wie gehässig du bist." "Werde bitte nicht sentimental, ich möchte nicht daran erinnert werden." "Genierst du dich etwa? Es war eine wundervolle Zeit." "Es ist vorbei." Madame Arielle seufzte. "Ach, vorbei ein dummes Wort." "Vielleicht gehören die Sachen auch ganz jemand anderem." "So? Und was ist das?" Sie zog ein lustiges Karnevalskostüm hervor, es war die Uniform eines Tambourmajors oder Regimentsmusikus. "Du hast das schon als Kind getragen. Schau mal, da ist sogar die Trommel." "Mama, bitte verschone mich damit, es ist ja, als wolltest du die Vergangenheit wieder heraufbeschwören."

Und wie er das sagte, hallte ein dünnes Stimmchen durch den Keller und rief "Sebastian?" Die drei erstarrten, und Madame Arielle packte alles in die Truhe und schloss vorsichtig den Deckel. "Sebastian? Sind Sie da unten?" Sebastian fasste sich an die Stirn. "Jetzt fällt's mir ein. Deswegen bin ich dir überhaupt nachgelaufen, Mama. Hast du Mademoiselle von Wölkwitz für heute eingeladen?" "Die Marianne?" "Na denkst du ihre Großmutter?" "Ihre Großmutter lebt gar nicht mehr." "Sebastian? Die Tür steht offen, sind Sie da?", erklang wieder das Stimmchen. "Wartet sie schon lange da oben?", flüsterte Madame. "Ich wollte dich nur fragen, aber du bist gleich in den Keller gestürmt." "Wie unhöflich. Wenn es die alte Wölkwitz erfährt, daß du die Marianne hast sitzenlassen, muss ich erst wieder einen Versöhnungsbesuch abstatten, ach Gott, du bringst einen aber auch in die Bredouille."

"Erlaube mal, Mama. Habe ich sie hergeschleppt oder du?" "Ich hätte sie hergeschleppt? daß ich nicht lache. Ich habe ihr lediglich gesagt, daß du auf Urlaub hier weilst. Und weil du immer nur mit dem Ferdinand von Bleskow zusammen bist, dachte ich ..." "Ach so, und ob mir das recht ist, das fragt wohl keiner?" "Ob dir was recht ist?" "Frage nicht so scheinheilig." "Aber Sebastian, die Marianne ist dir doch nicht unangenehm, oder?" In Madame Arielles Stimme lag eine Bangigkeit, die über die bloße Frage hinausging. Und als sollte sie noch verstärkt werden, fügte sie hinzu "Ich meine, als Mädchen?" Sebastian räusperte sich, als würde ihm etwas im Halse stecken. "Ich weiß nicht, was diese Frage soll. Ich werde auch jetzt nicht darauf eingehen, wahrscheinlich überhaupt nicht. Ich muss hoch zu Mademoiselle von Wölkwitz, bis später."

Er übergab Georg die Weinflasche, zog seine Uniform straff, wandte sich um, streifte im Laufen etwas Schmutz vom Ärmel ab und rief "Ich bin hier, Mademoiselle, ich komme." Georg schaute zu Madame Arielle. Sie sagte nichts und stützte sich mit beiden Armen auf den Deckel der Truhe, als wollte sie sie unwillkürlich versenken. Dann wischte sie sich über die Augen und lächelte gezwungen zu Georg hin. "Was ist nun mit dem Wein? Welchen haben Sie ausgesucht?" "Es ist ein ..." Er betrachtete die dunkelgrüne Flasche, an der nichts zu erkennen war. "... Ein Spätburgunder." "Vorzüglich."

Sie hätten gehen können, aber Madame schaute immer noch auf Georg und wie ihm schien, durch ihn hindurch. Er sagte "Wir beide können die Kiste aber nicht schleppen." "Wie bitte?" "Sie sagten, daß die Truhe möglicherweise nach oben soll, aber sie ist zu schwer für uns." "Ja ja, freilich. Das muss jemand anderes machen. Es muss auch nicht gleich sein, erst mal sehen, ob sie auch gebraucht wird." Dann sagte sie "Uhh, ich glaube, wir sind lange genug in diesem Loch gewesen, mich verlangt es wieder nach Sonnenstrahl und Blütenduft." "Das haben Sie sehr poetisch formuliert, Madame. Übrigens, wenn ich mir erlauben darf es zu sagen: Ihr Parfum hat eine exzellente Note." Sie lachte. "Georg, Sie sind ja ein richtiger Charmeur. Es freut mich, denn dieses Parfum ist nach meinem eigenen Rezept gemischt." Darüber war Georg erstaunt. Was für edle Anmut in dieser Frau stecken musste, daß sie sogar nach dem Duft forschte und ihn auch fand, der am vollkommensten zu ihr passte.

Als sie wieder im Haus waren, kam ihnen Rudolfo entgegen. "Ihr Herr sucht Sie", sagte er zu Georg, "er steht abfahrtbereit in der Vorhalle." Madame Arielle war verwundert über den plötzlichen Aufbruch. "Die Arbeit ruft, Frau Baronin", sagte Schultz und verabschiedete sich in erstaunlich weltmännischer Manier, als habe er in diesen zwei Stunden einiges dazugelernt. Georg erlaubte sich einfach zu bemerken "Es würde mich freuen, wenn ich wieder bei Ihnen weilen darf, Madame." Sie aber erwiderte reserviert "Ja ja, das sagt man so dahin. Die Rosen von diesem Jahr, die werden Sie gewiss nicht genießen." "Komm jetzt", sagte Schultz. "Warum so eilig?", fragte Georg, als sie den Hof verlassen hatten. "Das macht man so, bevor sich's der alte Knallkopf anders überlegt." Er trieb das Pferd an, als würden sie verfolgt, und erst nach einem reichlichen Stück Weg hielt er unvermittelt an, warf die Leine aus den Händen und fing an zu lachen. Er lachte so sehr, daß der ganze Wagen wackelte und Georg durch die Erschütterung auf dem Sitz hüpfte.

"Was ist denn los? Ich will auch lachen." "Das kannst du", japste Schultz und wischte sich die Tränen aus den Augen. "Dem haben wir's gezeigt." "Hat er das Geld bewilligt?" "Bewilligt? Zum Teufel, wir haben es ihm abgeknöpft, dem Geizhals. Wir haben ihn regelrecht übers Ohr gehauen." "Ja, wie die Zigeuner." "Na und? Er hat es sich auch bloß unter den Nagel gerissen, es ist nur ausgleichende Gerechtigkeit, die ihm widerfahren ist." "Ich habe mit der Frau Baronin über ein Mittel gegen Rosenschädlinge gesprochen, bei uns in Erfurt gibt es einen Gärtner, der so etwas vertreibt. Vielleicht könnte man das anbieten." "Ja, vielleicht", sagte Schultz, der sich halbwegs wieder beruhigt hatte und weiterfuhr. "Die Frau Baronin hat aber Bedenken, das Gift könnte ihren Rosen schaden." "Die Frau Baronin, die Frau Baronin. Sie redet nur Unsinn, hast du das nicht gemerkt?" Georg schwieg, dann sagte er "Was ist das mit dem Rattengift, funktioniert das wirklich?" "Was weiß ich. Das sind irgendwelche Tüfteleien von Overbeck, da musst du ihn fragen." Dann schaute Schultz ihn triumphierend an. "Wie es mir eingefallen ist, das dem Baron unterzujubeln, war das nicht bravourös?" "Ja, das war bemerkenswert."

Einen Tag später rief Schultz Georg zu sich und gab ihm einen Friedrichs'dor. "Das ist für dich, weil du unsere Interessen so wacker vertreten hast." Georg wollte beinahe fragen, welche er damit meint, aber dann nickte er bescheiden und bedankte sich. Doch Schultz konnte es wieder nicht dabei belassen. "Was wirst du tun mit dem Geld?" Als ob ihn das irgendetwas anginge. "Ich spare." "Das ist gut. De morgens wat spart, der avends wat hett." Georg hatte aber etwas anderes im Sinn: er würde für Carola ein Geschenk kaufen und wusste auch schon welches. Bei einem Juwelier in der Stadt hatte er eine Kette mit einem silbernen Anhänger in Form eines Seesterns gesehen, die würde wunderbar zu ihr passen.

Overbeck erschien in Schultz' Geschäft, der hatte ihn engagiert für einen Markttag, wo er einen Verkaufsstand betreuen sollte. Schultz hatte niemand anderen gefunden, das verriet er aber nicht, sondern schmeichelte Overbeck und sagte, wie sehr er dessen Fähigkeiten zu schätzen wissen. Georg erzählte ihm von dem Besuch beim Baron, verschwieg aber die Geschichte mit dem Rattengift. Overbeck fragte nicht, wieviel Geld der Baron Schultz geliehen habe, denn so gut kannte er ihn, daß er wusste, er würde darüber schweigen wie ein Toter. Das fand er auch in Ordnung, aber gegenüber Schultz' Vorhaben blieb er skeptisch. "Hauptsache, er verpulvert nicht gleich alles für irgendwelchen Schrott oder fällt auf falsche Versprechungen herein, wie es schon einige Male geschehen ist."

Die beiden hatten ihren Marktstand auf dem Heiliggeistfeld schon gegen halb acht fertig aufgebaut. Aus den vergangenen Jahren gab es eine zerknitterte und verblichene Zeichnung, mit der jemand das Schema festgehalten hatte, dementsprechend die Waren auf dem Tisch ausgebreitet wurden. Sie war wohl aus der Überlegung heraus entstanden, das Angebot möglichst übersichtlich und dennoch auffällig zu präsentieren. Die Tischdecken waren auf besondere Weise zusammengefaltet, die leichteren Küchengeräte hingen von den Verstrebungen des Leinwanddachs herab, und die Gewürze waren in Probemengen in einem Kasten mit kleinen Fächern zur Schau gestellt. In den Häufchen steckten Schilder am Stab, die Georg unter Aufbietung seiner Schreibkünste mit den Bezeichnungen versehen hatte.

Overbeck hielt sich streng an die Zeichnung, obwohl ihm zunächst nicht klar war, welche Seite des Tisches nach vorn zeigte. Er hatte keine Phantasie, und bei einigen Artikeln sagte er "Das lassen wir erst mal noch eingepackt, wir können's ja jederzeit herausnehmen." Das leuchtete Georg gar nicht ein. Als ob die Marktbesucher in ihren Kisten herumwühlen sollten? Von den Wochenmärkten in Gotha und Umgebung wusste Georg ein paar Dinge, die man beachten sollte. Zum Beispiel war es ungünstig, die Kästen mit den Kleinteilen, Knöpfen, Nadeln, Schreibfedern, Angelhaken und die ganze Palette der Eisenwaren ganz vorn zu platzieren, weil man gar nicht so schnell gucken konnte, wie es geklaut wurde. Desweiteren brauchte man einen Blickfang, etwas, das den Vorübergehenden ins Auge fiel und sie anlockte, auch wenn sie eigentlich diesen Stand links liegen lassen wollten.

Im vorigen Jahr hatte Schultz Patronen für Vorderlader verkauft, Bleikugeln in drei verschiedenen Kalibern, die in Papierhülsen mit Pulverladung steckten. Er hatte den ganzen Posten in Brandenburg billig erstanden, in Einzelteilen, die er eine Woche lang zusammenfügen ließ. Er hatte eine große Schützenscheibe am Stand aufgehängt, auf der mit Ölfarbe eine Jagdszene mit einem riesigen Keiler gemalt war. Einschusslöcher zeigten die guten und die weniger guten Treffer; etliche Offiziere und passionierte Jäger interessierten sich für die Munition. Aber nun war die Farbe abgeblättert und die Scheibe sah schäbig aus. Von den Patronen war nur noch eine geringe Restmenge da.

Diesmal bot Schultz eine Wasserpumpe für den Handbetrieb an. Sie hatten sechsundzwanzig Stück davon, aus Gusseisen. Sie wurden von irgendeiner Firma im Rheinland geliefert. Man konnte sie auf ein Wasserfass aufsetzen und kleinere Mengen daraus entnehmen. Weder Overbeck noch Georg hatten eine Idee, wie sie das Ding überzeugend anbieten können. Immerhin hatten sie ein großes Wasserfass stehen, das Georg, gegen den heftigen Widerstand Overbecks, der das völlig nutzlos fand, besorgt hatte. Sie montierten eine der Pumpen darauf und es funktionierte ganz famos. Georg demonstrierte die Handhabung, das verbrauchte Wasser kam zurück ins Fass. Es wirkte nicht gerade als Magnet für die Besucher, und Overbeck schüttelte schließlich nur den Kopf. Sowieso saß er am liebsten auf dem Holzschemel hinter dem Tisch, so daß gerade sein Kopf darüber hinaus ragte. Er sagte, er bewache die Kasse, die in der Kiste neben ihm versteckt war.

Das Geschäft lief schleppend an, ein paar Gewürze hier, ein paar Ellen Tuch dort, eine Flasche Essigessenz, von denen beim Transport etwas zu Bruch gegangen war, was immer noch einen scharfen Geruch verbreitete. Ein Mann von vogelhafter Gestalt, von dem Overbeck hinterher sagte, er sei Senatsschreiber, kaufte mehrere Phiolen mit Gallustinte, insgesamt fast einen viertel Liter, eine rabenschwarze Flüssigkeit aus dem Schwarzwald, die ziemlich teuer war. Overbeck brannte darauf, selber über den Markt zu streifen, aber sie hatten ihr geplantes Umsatzziel noch längst nicht erreicht. Zudem erwarteten sie Schultz, der natürlich nach dem Rechten sehen wollte.

Gegen Mittag, als sich die Szenerie zu beleben begann und ganze Menschenströme an den kunterbunten Reihen von Ständen und Buden vorbeiströmten, tauchte plötzlich Carola auf. Sie hatte ihre Vorräte an Putzmitteln aufgefüllt und stellte das ganze an Schultz' Stand ab. Auch sie wollte sich weiter umsehen, und Overbeck bot ihr seine Begleitung an. Georg reagierte sauer. "Wir müssen wenigstens warten, bis Schultz da war", sagte er. "Ach, scheiß drauf", meinte Overbeck, "Wir bleiben nicht lange weg, dann kannst du gehen." Carola hatte sich nebenan ein paar kandierte Früchte geholt, Bananenstückchen oder etwas ähnliches. Sie gab den Jungs etwas ab und kaute genüsslich die süße Nascherei. Dann wedelte sie mit den Fingern in der Luft. "Puh, ganz klebrige Finger bekommt man davon. Was ist das? Kann man sich da die Hände waschen?" Sie deutete auf die Wasserpumpe, und Georg meinte "Na klar, probier's aus."

Er gab ihr ein Stück von "Keim's Kernseife". Die bezogen sie aus der Billwerder Seifensiederei, die Georg in schlechter Erinnerung hatte, weil er dort mal eine Woche gearbeitet hatte, eine von Schultz' Gefälligkeiten für einen seiner Freunde. "Warte mal", sagte Georg, "es gibt da noch so ein Pedal." "Jetzt fang' nicht damit an", murrte Overbeck. Tatsächlich konnte man an die Pumpe ein simples Gestänge anschrauben, mit dem es möglich war, sie per Fuß zu bedienen. Georg wunderte sich, warum er das ganz vergessen hatte, denn es war das eigentlich Originelle daran. Carola trat ein paar mal drauf und schon sprudelte das Wasser über ihre Hände.

Zufällig hatten andere Leute das gesehen, die daraufhin ihre Kinder zu dem Wasserfass schickten, damit sie zwischendurch den Schmutz abspülen konnten. Sogar eine Dame in einem gelben Kleid kam herbei, sie war mit dem Schuh irgendwo hineingetreten. Carola meinte "Warum verkauft ihr nicht einmal Händewaschen für zwei Pfennig oder so?" Inzwischen waren auch einige Männer auf das Gerät aufmerksam geworden. Es war robust gebaut und hatte eine einfache Konstruktion, es konnte auch nicht viel daran kaputt gehen. "Es ist eine Weltneuheit", sagte Overbeck, der von seinem Holzschemel aufgestanden war, als er sah, daß so viele Leute drumherum standen.

Dann rief jemand "Macht mal Platz und lasst den Hund vor." Die anderen traten einen Schritt zurück, und ein Mann mit einem Hund auf dem Arm sagte "Gebt ihm was zu trinken, er hat wohl einen Schwächeanfall bekommen." Hinter dem Mann folgte das bestürzte Frauchen, die Hundeleine in der Hand. "Das kennen wir", rief Overbeck vollmundig, "auch da hilft unsere Handpumpe prompt. Und für das liebe Tier gibt es das Wasser sogar aus der Schüssel. Beachten Sie den flachen, geschwungenen Rand, er ist speziell für eine Hundeschnauze geformt." Er hatte eine von den Emailleschüsseln gegriffen, die eine Rücklieferung waren, und die Schultz nicht mehr loswerden konnte. Er füllte sie halbvoll und schob sie dem Hund, der auf der Seite lag, hin. Der rührte sich nicht. "Nun mach schon", flüsterte Overbeck. Das Frauchen begann zu heulen. "Er stirbt", jammerte sie.

Carola kniete sich daneben und streichelte ihm über das Ohr. Georg wusste, daß ihre sanften Hände manchmal Wunder wirken konnten, und wirklich schaffte sie es, daß der Hund das Wasser aus der Schüssel schleckte, erst zaghaft, dann immer gieriger. "So ist's fein, trink schön", sagte Overbeck wie zu einem Kleinkind. Das Frauchen fasste wieder Mut. Schließlich stand der Hund auf und blickte in die Runde, als wollte er sagen 'Was ist denn los, was glotzt ihr so?' Ein paar von den Leuten lachten, andere äußerten Zustimmung oder Lob. Ob dieser kleine Vorfall nun irgendetwas bewirkt hatte, sei dahingestellt, jedenfalls konnten sie sechs Stück von den Pumpen verkaufen und später noch drei weitere. Overbeck schlug klammheimlich ein Drittel auf den Preis drauf und freute sich.

Dann sagte Carola "Bin ich denn hier angestellt? Wer wollte mich begleiten?" Georg, der gerade etwas aus einer Kiste holte, war nicht schnell genug, und Overbeck sagte "Ja mein Fräulein, ich stehe Ihnen zur Verfügung" und bot ihr seinen Arm an. "He, ihr könnt mich doch hier nicht allein lassen", rief Georg empört. "Du machst das ganz prima", meinte Overbeck, "du wirst bestimmt zu Schultz' Stellvertreter befördert werden." Sie gingen davon, und Carola drehte sich noch mal um und sagte "Wir sind bald wieder da, dann gehe ich mit dir aus". Georg murmelte "Die beste Arbeit bei Schultz ist nichts wert, wenn sich währenddessen jemand anderes mit meiner Freundin vergnügt".

Er wurde unversehens abgelenkt durch einen appetitlichen Duft, der von einem der Nachbarstände herüberzog und der ihm bekannt vorkam. Es roch wie an Markttagen in Gotha hinterm Rathaus, am Eingang zur Gretengasse, wenn der Fleischer Trautvetter seine Bratwürste auf den Rost legte, unter dem eine dicke Schicht Holzkohle glühte. Georg schaute hinüber und glaubte tatsächlich den Fleischer Trautvetter zu erblicken, wie er mit umgebundener Schürze, die über seinem dicken Bauch spannte und einer Zange aus Holz hinter dem Rost stand und die Würste wendete, die sich in der Hitze streckten.

Jedesmal, wenn er neue aus einer Schüssel mit Wasser nahm und auflegte, zischte es und weißer Rauch stieg auf. Es ging ganz schnell, und die rosafarbenen Würste wechselten ihre Farbe und wurden braun. Der Fleischer achtete sehr darauf, daß sie nicht etwa platzten und längs einen Riss bekamen, und daß sie nirgends schwarz und verkohlt wurden, und manchmal, wenn aus der Kohle ein Flämmchen empor züngelte, als wollte das Feuer selbst die leckere Wurst verzehren, da löschte er es mit einem Schwupp Wasser und wieder zischte es und qualmte, und danach war der Duft noch unwiderstehlicher.

Es war zwar nicht der Trautvetter selber, doch Georg hätte wetten können, daß dieser Bratwurstbrater aus seiner Heimat stammte, zumal er daran, wie er lauthals "Düringer Bradworschd, die echte!" rief, den wohlvertrauten Dialekt erkannte. Die ersten Lagen waren knusprig braun gebrutzelt, und da es überdies Mittagszeit war, fanden seine Würste reißenden Absatz. Gefördert wurde das noch durch seine kernigen Sprüche, mit denen er die Leute anlockte. "Tropft dir der Zahn, knurrt bös' der Magen - kann ich dir nur eines sagen: es schmeckt nischt so wunderbar wie 'ne Worschd aus Aschara."

Dabei war es ihm ganz gleichgültig, ob irgendjemand hier wusste, daß Aschara ein Dorf im Gothaischen Land war, wo man von alters her beste Fleischwaren fertigte. "Mit 'nem Brötchen, 'nem Klacks Senf dazu, gibt der größte Hunger Ruh." Und auf die Art zubereitet reichte er sein köstliches Bratwerk Stück für Stück über den Rost und ließ die Münzen im Kasten klingeln. Dabei war es aber nicht irgendein Senf, den er auf die Würste strich, denn auch den hatte er eigens mitgebracht und pries ihn an. "Leute hört von nah und vorn - der beste Senf is' der von Born." "Von was?", wollte jemand wissen. "Von Born aus Erfurt, Mensch."

Als der erste Ansturm vorüber war, und der Bratwurstmann in aller Ruhe die nächsten Portionen vorbereitete, sprach Georg ihn an und sagte, daß er aus Gotha komme. Der Fleischer freute sich, einen Landsmann zu treffen, fragte Georg aus und sagte "Vom Kanoldt der Sohn? Guck einer an. Mein Vetter, der Heinz, der brät zum Markt immer an der Gretengasse, der kauft bei deinem Vater seine Gewürze ein." Dann fragte er "Und was hat dich hierher verschlagen?" Georg erzählte von seiner Lehre und zeigte dem Fleischer den Schultzeschen Verkaufsstand. "Ach, das ist eurer? Was für eine Pumpe ist denn das?" Georg erläuterte ihm das Gerät, und der andere meinte "Funktioniert die auch an Bierfässern?" "Warum nicht."

Der Fleischer wies mit der Hand hinter sich. "Ich habe da auf dem Wagen Gothaer Helles. Es ist eigentlich für den Selbstverbrauch. Aber hier gibt's so viele Sorten Bier, die muss man auch probieren." "Und nun wollen Sie das Gothaer verkaufen", ergänzte Georg. "Zu den Würschden dazu. Außerdem ist mir der Zapfhahn kaputtgegangen, und wenn du sagst, daß ..." "Wir versuchen es einfach." "Wenn das klappt, machen wir halbe halbe. Da gebe ich zwar ganz schön viel ab, aber wir Düringer wir müssen schließlich zusammenhalten, und erst recht im Ausland. Becher habe ich übrigens auch, die hat mir ein Chinese mit 'ner Garküche überlassen, also ohne die Garküche." "Ich verstehe schon."

Georg warf einen Blick auf den Wagen und sah, daß die Fässer nicht sehr groß waren. "Fuffzch Liter", sagte der Fleischer. "Stell' sie da drüben hin, da kannst du euern Stand mit im Auge behalten. Was ist mit deinem Kompanjong?" "Der ist mit meiner Freundin losgezogen", meinte Georg und rollte das Fass vor sich her. "So'n Schweinskrepel. Der ist aber keiner von uns, oder?" "Nee, aber er ist nicht so übel. Und meine Freundin kommt auch wieder." "Ach so, ihr teilt sie euch." Georg wollte etwas erwidern, aber vor dem Rost hatte sich wieder reichlich Kundschaft eingefunden, die bedient werden wollte. Georg befestigte die Pumpe am Fass und versenkte das Rohr in der Öffnung, die mit einer extra Dichtung verschlossen werden konnte.

Dann füllte er einen Becher halb voll und trank, spuckte aber gleich aus. Die Leute schauten ihn komisch an. Der Fleischer sagte schnell "Das ist bloß das bisschen, was in der Leitung sitzt, wenn das erst raus ist, schmeckt es vorzüglich, bitte sehr, der Herr, Ihre Bradworschd. Und dazu ein Bierchen? Denn wie heißt es: Da braut der Holsten was er kann, ans Helle aus Gotha reicht doch keiner 'ran. Oder wie heißt es weiter: Das Porter ist teuer, das Astra dröhnt, allein das Gothaer Helle verwöhnt." Es dauerte keine Viertelstunde, und Georg musste das nächste Fass anzapfen. Ob es nun daran lag, daß es nachher nicht so schlecht schmeckte wie der erste Schluck, oder weil der Fleischer es ziemlich billig verkaufte (er flüsterte Georg zu: "Die Masse macht's"), jedenfalls hielten ihm die Leute schon die Becher hin, und die kleine Pumpe arbeitete ohne Unterlass.

Sie hatten über die Hälfte des Vorrats ausgeschenkt, da erblickte Georg zwischen den Leuten einen Schutzmann. Er stellte sich vor als "Marktinspektor" und wünschte den Betreiber des Standes zu sprechen. "Das bin ich", sagte der Fleischer, und der Inspektor forderte in strengem Ton die Konzession zu sehen. "Was für eine Konfession?", entgegnete der Fleischer, "ich bin rechtmäßig getauft." "Wie ich sehe, bieten Sie Bier an." "Wir bieten es nicht nur an, Herr Inspektor, wir werden es sogar los." Der Inspektor verstand keinen Spaß. "Wir werden gleich sehen, ob Sie nicht noch etwas anderes loswerden." "Was wollen Sie damit sagen?" "Als ambulanter Händler müssten Sie wissen, daß man zum Verkauf von alkoholischen Getränken eine Genehmigung braucht. Haben Sie eine? Wenn ja, händigen Sie sie mir ohne weitere Aufforderung aus. Wenn nicht, sehe ich mich veranlasst, Ihren Stand zu beschlagnahmen."

"Herr Inspektor, ich glaube gehorsamst, daß weder der eine noch der andere Fall eintreten wird." "Wieso nicht?" "Für dieses Bier ist keine Genehmigung nötig, denn es handelt sich um Gothaer Helles, wovon geschrieben steht: Nach zuviel Kaffee, Grog und Punsch, hast du nur noch einen Wunsch ..." "Genug mit der Dichterei, für solche Zwecke haben wir den Herrn Klopstock. Wie kommen Sie darauf, daß dieses Bier von der Verfügung ausgenommen wäre?" "Das habe ich nicht gesagt, daß es davon ausgenommen ist. Im Gegenteil, ich bin sicher, es ist in der Verfügung mit drin." "Wenn Sie die Obrigkeit, vertreten durch mich, zum Narren halten wollen, kann das für Sie übel enden." "Nichts liegt mir ferner als so ein Ende, Herr Inspektor, noch dazu im Ausland. Also sehen Sie, dieses Bier hat einen Alkoholgehalt, der unterhalb der genehmigungspflichtigen Grenze liegt, so wie es die Verfügung verfügt. Deshalb ist der Verkauf durchaus legal."

Der Inspektor überlegte, dann fragte er "Und das haben Sie schriftlich?" "Wie könnte ich? Sie wissen selbst, daß man eine Genehmigung nur ausgestellt bekommt für Getränke ab einem bestimmten Alkoholgehalt. Stellen Sie sich vor, man würde auch für alles nicht Genehmigungs Pflichtige eine Genehmigung brauchen, dann käme man vor lauter Genehmigungen gar nicht mehr dazu ... sich einen zu genehmigen, Prost Herr Inspektor, probieren Sie ein Helles auf Kosten des Hauses." "Ich bin im Dienst, da trinke ich nicht." "Dann will ich Sie natürlich nicht dazu verleiten." "Aber wie können Sie beweisen, daß Ihr Bier nur einen geringen Alkoholgehalt hat?" "Das kann ich sogar zweifach beweisen. Erstens ist es Gothaer Helles, und das hat bekanntlich einen Alkoholgehalt von nullkommasieben Promille auf hundert Hektarliter, weswegen es auch so hell, fast durchsichtig ist. Und zweitens wird es durch die Tatsache bewiesen, daß ich keine Genehmigung dafür brauche - und auch keine habe, was meine Glaubwürdigkeit bekräftigt."

Der Inspektor konnte dazu nichts einwenden, aber es schien, als suche er nach etwas, das man dem Fleischer zur Last legen könnte. "Mit dem Bier hat es offenbar seine Richtigkeit, aber was ist mit dem jungen Mann? Haben Sie ihn angestellt? Dann zeigen Sie mir die Arbeitserlaubnis für ihn." "Die habe ich nicht." "Aha. Schwarzarbeit! Habe ich mir's gedacht. Von irgendwoher aus der Walachei einen billigen Kuli eingeschleust und hier zum Sklavendienst gepresst." "Aber Herr Inspektor, der Junge ist weder Kuli noch Walach, er ist Deutscher. Stell dich dem Herrn Inspektor vor, mein Freund." Georg nannte seinen Namen und wollte auch alles weitere hinzufügen, aber der Fleischer meinte "Sie hören es selbst." "Pah! Daß er seinen Namen deutsch aussprechen kann, beweist gar nichts." "Und was wollen Sie jetzt tun?" "Ich werde Sie beide mitnehmen in mein Dienstbüro, um ihre Personalien festzustellen."

"Das ist ganz unmöglich", rief der Fleischer, und der Inspektor schrie "Sie widersetzen sich meiner Anordnung?" "Mir verbrennen hier fuffzehn Bradwürschde, wenn ich alles steh'n und liegen lasse. Und die Herrschaften - er zeigte mit der Wurstzange in die Runde - wollen was zu futtern. Herr Inspektor, Hamburg ist angeblich so berühmt für seine Freundlichkeit ..." "Nichts da, es bleibt dabei, Sie kommen mit." "Ja, ja, ich bitte bloß darum, wenigstens das noch abzugeben, was auf dem Rost liegt." Nach kurzer Bedenkzeit knurrte der Inspektor "Also gut, aber mit Beeilung." "Zu Befehl. Georg, schnell den Rest Bier ausgeschenkt." "Moment mal, das sollte nur für die Würste gelten." "Ach so? Dann können wir uns für das Bier also Zeit nehmen." "Himmelherrgott, Sie bringen mich noch auf die Palme."

Mittlerweile hatte Georg bemerkt, daß der Fleischer nicht nur nach allen Regeln der Kunst die Geschichte in die Länge zog, sondern daß durch die Streiterei auch ein Haufen Neugierige herangekommen waren. Der Fleischer sagte "Ihr habt es gehört, Leute, also nehmt mir gefälligst die Würschde ab, damit wir alle zusammen der Obrigkeit Folge leisten können." Sie fanden sogleich alle ihre Abnehmer, und als die anderen sahen, wie gut es denen schmeckte und daß sie zu kurz kommen könnten, riefen viele "Ich will auch noch eine", und jemand forderte sogar "Herr Inspektor, Sie dürfen ihn nicht eher gehen lassen, als bis er mich bedient hat, darauf habe ich als freier Marktbesucher ein Recht." Der so redete war aber kein anderer als Overbeck, der zurückgekommen war. Neben ihm stand Carola, die Georg zuzwinkerte.

Der Inspektor nahm seine Mütze vom Kopf und wischte sich die Stirn, dann seufzte er "Na, dann machen Sie schon", und der Fleischer legte ein gutes Dutzend auf. Plötzlich kam Schultz um die Ecke. "Hier bist du", sagte er zu Georg, "und wer ist am Stand?" Georg war so erschrocken, daß er nichts zu erwidern wusste. Sein Blick ging hin zu Overbeck, aber der war weg. Dafür erklang seine Stimme von der anderen Seite "Ich bin allhier, Herr Schultz, warum laufen Sie an mir vorbei?" Er hatte rechtzeitig Schultz kommen sehen und stand seelenruhig hinterm Verkaufstisch; jetzt war Schultz der Sprachlose. Der Inspektor sagte "Sie kennen den jungen Mann?" "Selbstverständlich, er ist mein Lehrling." "Dann ist er gar kein Pole?" "Wer behauptet denn so was? Hast du dich als Polen ausgegeben?" "Nie im Leben."

Der Inspektor verlor zusehends die Fassung. "Wie können Sie behaupten, er wäre bei Ihnen angestellt?", sagte er zum Fleischer. Der entgegnete "Ich sagte bloß, daß ich keine Arbeitserlaubnis für ihn habe, und das ist die Wahrheit." Der Inspektor verdrehte die Augen. "Georg, den Hocker", sagte der Fleischer. "Setzen Sie sich erst mal, Herr Inspektor, das wollte ich Ihnen schon längst vorschlagen. Sie sind mein Gast." Und nach einem Blick in die Kasse fügte er hinzu "Die zwei letzten Fässer sind Freibier." Die Leute dankten es ihm mit beifälligem Gemurmel. Georg reichte dem Inspektor eine besonders leckere Bratwurst und einen Becher Bier. "Aber nur, weil ich jetzt Pause habe", sagte er und ließ es sich endlich schmecken.

"Ist das unsere Pumpe?", fragte Schultz. "Allerdings. Sie hat sich prächtig bewährt." Als Schultz sah, wieviel sie verkauft hatten, war auch er vollauf zufrieden. Der Fleischer unterbreitete ein Angebot. Da er in den nächsten drei Wochen bei etlichen Veranstaltungen seine Bratwürste feil bieten wird, könnte man dabei das Bier mit der Pumpe zapfen, freilich leider kein Gothaer Helles mehr. Der Apparat würde sicher bei einigen Leuten Anklang finden, weil er sich hervorragend für familiäre Feste und dergleichen eigne. Allerdings müsste ihm Schultz dafür jemanden zur Seite stellen. Georg lehnte gleich ab, zum Bierwirt tauge er nicht. Schultz meinte "Da finde ich schon einen."

Carola hatte den Arm auf Georgs Schulter gelegt, und der sagte mit einem Blick auf Overbeck "Kann ich nun auch mal 'ne Runde über den Platz drehen?" "Ich hab's ihm versprochen", sagte Overbeck zu Schultz. "Und bei mir hat er sich's verdient", setzte der Fleischer hinzu und drückte Georg seinen Anteil in die Hand. "Dann kann ich euch beiden nur viel Spaß wünschen", meinte Schultz, und schon wurde Georg von Carola fortgezogen.

Sie wollte zuerst zu einer Bude gehen, wo angeblich ein Feuerschlucker seine Vorstellung gab. Sie drängelten sich durch die Menge der Leute und wurden manchmal einfach mitgetrieben, so voll und eng war es. Carola hatte sich bei ihm untergehakt, aber es war hinderlich, weil einer von beiden ständig zurückblieb oder nach vorn geschoben wurde. Also nahm sie ihren Arm wieder weg und sagte "Wir dürfen uns aber nicht verlieren." Und gleich darauf "Oh, warte einen Augenblick, dort drüben gibt es herrliche Süßigkeiten, kandierte Früchte und so." "Du hast vorhin erst genascht", meinte Georg. "Na und, das gibt es nicht jeden Tag. Du hast ja jetzt genug Geld einstecken, um mich auszuhalten." Sie lachte, und Georg griff in die Tasche und klimperte mit den Münzen. "Ich werde dir ein ganzes Pfund kaufen, dann wird dir ein für allemal schlecht davon und ich bin alle Verpflichtung los." "Pfui, so behandelt man seine Freundin aber nicht, das war sicher nur ein schlechter Scherz."

Sie hielt sich zurück und verlangte nur eine Handvoll von dem süßen Zeug, steckte Georg etwas davon in den Mund und wollte wissen, wonach es schmeckt. Er war sich nicht sicher. "Zimt?", fragte er vorsichtig. "Es ist Ingwer", sagte sie, "Und probier' das hier, das ist Papaya." Die kleine Scheibe gelbes Fruchtfleisch war so mit Zucker überzogen und durchsetzt, daß es bloß im Hals kratzte. "Hm, wunderbar", beteuerte er, "Gib mir mal von dem schwarzen was." "Das ist Lakritze, die wird aus Pferdeblut gemacht." "Ganz schön hart, muss wohl schon 'n alter Gaul gewesen sein."

Der Feuerschlucker war nicht mehr da, dafür gab ein indischer Fakir seine gymnastischen Verrenkungen zum Besten, was sehr schmerzhaft aussah, zumal der Untergrund, auf dem er saß, mit spitzen und scharfen Glasscherben übersät war. Aber der halbnackte Mann mit dem finsteren Blick verzog keine Miene. Carola schaute ihm interessiert zu, wie er beide Beine hinter dem Hals verschränkte und dann nur mit einer Hand den Boden berührte. "Wozu soll denn das gut sein, etwa für die Verdauung?", fragte Georg leise. "Unsinn", meinte sie und fand seine Bemerkung arrogant. "Diese Leute überwinden ihren Körper durch die Kraft des Geistes. Sie erlangen die wirkliche Unabhängigkeit, sie brauchen nichts mehr." "Ah so." Georg griff in die Bonbontüte, aber sie war leer. Er zerknüllte sie und sagte "Das wäre eine gute Gelegenheit, auch damit anzufangen, meinst du nicht?" "Dafür muss man woanders geboren sein. Komm' mit, ich will dir was zeigen."

Sie näherten sich einer kleinen Bühne, auf der ein Matrosenchor Shantys sang. Carola sagte "Der dritte von rechts, erkennst du ihn?" "He, das ist ja dein Vater." "Stimmt genau." Sie winkten ihm zu und er antwortete mit einer Kopfbewegung. Georg horchte hin. "Er singt den Bass." Ein Lied war gerade zu Ende und beim nächsten kamen zwei Vorsänger nach vorn, ein langer mit akkurat geschnittenem Bart und ein kleiner im gestreiftem Hemd. Sie sangen abwechselnd eine Strophe und der Chor wiederholte dazwischen den Refrain. Es handelte natürlich von der Seefahrt, aber Georg konnte das Plattdeutsch nicht gut verstehen. Nur daß es um einen Jungen ging, der auf einem Schiff angeheuert hatte.

Carola gab ihm ein paar Erklärungen. "Er klagt über die schwere Arbeit und so. Jeden Tag Deck schrubben und mieses Essen und geschlagen wird er auch." Georg gefiel der Gesang, vor allem der Kleine hatte eine erstaunlich kräftige Stimme. Er meinte auch, daß die Melodie eigentlich für den Inhalt viel zu fröhlich klang. "Er geht zu den Piraten." "Wer?" "Na, der Junge, von dem die Rede ist." "Ich dachte schon dein Vater", sagte Georg lachend. Carola knuffte ihn in die Seite und hörte dann aufmerksam hin. "Oh, sie überfallen das Schiff, wo er selber früher drauf war." Georg bemerkte, wie die Vorsänger mehr Dramatik in ihre Stimmen legten. Dann sang der große allein. Die Leute, die ihn verstehen konnten, verharrten für einen Moment, Carola wischte sich tatsächlich eine Träne aus dem Auge. "Was ist passiert?" "Er hat seinen einzigen alten Freund getötet." "Ach herrjeh, hätte sich das nicht vermeiden lassen."

Der Chor machte eine Pause, und die beiden gingen hinter die Bühne. Vater Joost begrüßte sie. "Sie singen großartig", sagte Georg. "Danke, mein Junge. Was habt ihr noch vor?" "Och, wir strolchen bloß ein bisschen herum." "Da drüben ist der berühmte Mister Macpherson, der Entfesselungskünstler." "Ja, da geh'n wir hin, oder?" "Klar", sagte Georg. "Wir könnten uns nachher hier treffen, ich lade euch ein zu 'ner Portion Hering mit Kartoffelsalat." "Oh ja, prima."

Der hochberühmte Macpherson steckte gerade aufrecht in einer verschlossenen Kiste mit Eisenbeschlägen, die ein paarmal gedreht wurde, um dem Publikum zu zeigen, daß es keine geheime Öffnung gab. Unter Trommelwirbel und einem Tusch der Dreimannkapelle wurde die Kiste geöffnet und Macpherson mit ungeheuer muskulösem Oberkörper trat heraus, in Händen hielt er die schweren eisernen Ketten, von denen er sich befreit hatte. "Schade", meinte Carola, "wir hätten sehen müssen, wie er gefesselt wurde." Sie klatschte trotzdem Beifall.

Die Blicke des Publikums wandten sich zur rechten Seite, wo eine bildschöne Frau in einem blauen Kleid mit gelber Spitze am Saum erschien. Ein Raunen der Bewunderung ging durch das Publikum. "Das ist seine Geliebte", flüsterte Carola, "Sie ist eine Pariserin, die ständig durch ganz Europa reist und immer die neueste Mode zur Schau trägt. Soll ich dir was sagen, sie heißt auch Carola, Carola van Dyck." "Ich denke, sie ist Französin." "Sie ist international." "Aha. Was macht er mit ihr?" "Mal sehen."

Macpherson sperrte die Dame in die leere Kiste, was einige der Zuschauer mit Bedauern begleiteten, und durch gestenreiche Handbewegung gab Macpherson zu verstehen, daß er sie verschwinden lassen wird. Die Schöne winkte zum Abschied und die Tür der Kiste wurde geschlossen und verriegelt. Dann wurde die Kiste wieder gedreht. Georg sah, daß ein Zipfel des Kleides im Türspalt eingeklemmt war. Er wollte es Carola zeigen, aber da wurde der Zipfel nach innen gezogen. Die Kapelle spielte einen Tusch und Macpherson öffnete die Tür. Eine weiße Taube flatterte heraus und entschwand gen Himmel. Man applaudierte schon, doch im nächsten Augenblick kam Carola van Dyck diesmal von der linken Seite und in einem anderen ebenso zauberhaften Kleid auf die Bühne zurück. Sie mit vielen Kusshänden und er mit artigen Verbeugungen, so verabschiedeten sie sich vom begeisterten Publikum.

Overbeck lief ihnen über den Weg. Georg fragte, wer am Verkaufsstand war, und Overbeck sagte, Schultz hätte sich bereit erklärt, eine Weile allein da zu bleiben, er habe wohl mit dem Fleischer Freundschaft geschlossen. Die beiden sollten gegen sechs wieder da sein, damit man alles abbauen und wegschaffen könnte, aber er würde das auch mit Schultz allein schaffen. "In Ordnung", sagte Georg. "Geht ihr auch zum Boxkampf?", fragte Overbeck. "Was für'n Boxkampf?" fragte Carola. "Na, Iron-Boy, das boxende Känguruh, die Attraktion. Los kommt mit." Um einen kleinen Boxring scharte sich eine Menge von johlenden und pfeifenden Leuten, Männer, Frauen, Kinder.

Der seltsame Kampf war in vollem Gange, nachdem sich ein Freiwilliger gefunden hatte, der es mit dem Känguruh aufnehmen wollte. Man hatte ihm eine Turnhose und, ebenso wie dem Beuteltier, ein Paar lederne Fausthandschuhe verpasst. Sollte der Mann gewinnen, würde er eine Geldprämie bekommen. Es gab keinen Schiedsrichter, wer von den beiden Akteuren aufgab, hatte verloren; im Zweifelsfall entschied das Urteil der Menge. Wenn das Känguruh nur noch ausweichen oder sich retten wollte, wurde das als Zeichen der Niederlage gewertet, danach sah es allerdings nicht aus.

Es sprang wild zwischen den Seilen herum, als suche es nach einem Ausgang, der Mann kam ihm dabei immer wieder in die Quere, und das permanent misslingende Ausweichen des aufgebrachten Tieres in der Enge des Karrees sah einer Gegenreaktion verblüffend ähnlich. Natürlich führte es keine gezielten Schläge aus, sondern hielt seine kurzen Arme bloß nach vorn gestreckt. Allein sein ungestümes Hüpfen und sein Anrennen gegen den Widersacher verliehen seinen Bewegungen den Ausdruck einer halbwegs sinnvollen Abfolge von Angriff und Gegenwehr, die den primitiven Regeln vollauf genügte. Overbeck zwängte sich durch die Leute nach vorn und zog die beiden anderen hinterher. Sie kamen in der dritten oder vierten Reihe zu stehen.

Der Kampf währte schon eine Weile, stand aber unentschieden. Die Menge schwankte in ihrer Bewertung zu gleichen Teilen zwischen Iron-Boy und Marmor-Maxe, wie der Mann genannt wurde, hin und her. Marmor-Maxe hatte einen kleinen Vorteil für sich verbucht, doch eine sich steigernde Verbissenheit der Kämpfer und die Möglichkeit eines überraschenden Treffers erhielten die Spannung aufrecht. Man feuerte sie an mit mehr oder weniger hilfreichen Parolen oder auch solchen, die des Spotts nicht entbehrten.

Das Känguruh wurde mit Zurufen überhäuft, und wenn sich diese fast bis zum Sprechchor zusammenfügten, schien es sogar, als verstünde das Tier wenigstens die Sprache eines lüsternen Publikums und wüsste, was gemeint wäre. Man hatte das Gefühl, der Höhepunkt würde kurz bevorstehen, als nun die Person eines Ringrichters auftrat und nach einem besonders heftigen Schlagabtausch den Kampf für eine Atempause unterbrach.

Ob auch eine Verletzung Iron-Boys dazu geführt hatte, konnte nicht sicher festgestellt werden, und während Marmor-Maxe in einer Ecke hastig ein paar Schluck Wasser trank, ließ sich das Känguruh so kurzzeitig nicht bändigen und ging sogar auf den Ringrichter los, der, weil er sich nicht einmal verteidigte, ausgepfiffen wurde. Überhaupt schien das Känguruh jetzt richtig in Fahrt und Form zu kommen, sprang hoch auf, drehte und wendete sich in Windeseile nach allen Richtungen, boxte Löcher in die Luft und gab dabei ein paar glucksende Laute von sich, die mit etwas Phantasie und bösem Willen als Beschimpfung des Gegners gedeutet werden konnten.

Und als Marmor-Maxe in die Mitte des Rings zurückkehrte und tänzelnden Schrittes mit einer gekonnten Links-Rechts-Kombination den Eindruck erweckte, er habe gerade die Offenbarung des siegreichen Boxens erfahren, da schlug Iron-Boy mit einer Attacke zurück, in deren Folge Marmor-Maxe, wohl auch abgelenkt durch das irre Gefuchtel mit den Stummelarmen, einen Tritt mit dem rechten Hinterlauf in seine Weichteile kassierte und mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging.

Nun zeigte sich, auf wessen Seite das Publikum war. Es stöhnte auf, fluchte, drohte, Frauen begannen zu jammern, Kinder heulten, einige Männer rissen sich die Jacke vom Leib und wollten es mit dem tierischen Zweibeiner aufnehmen. Der Ringrichter und zwei Helfer sprangen auf die Bühne und versuchten, das Känguruh festzuhalten, das angespornt durch den unbegreiflichen Krawall einen wahren Freudentanz vollführte und dabei einen Handschuh verlor.

Jemand kümmerte sich um Marmor-Maxe, der eine Weile reglos da lag, dann aber Anstalten machte, sich zu erheben. Jedenfalls winkelte er ein Bein an, wollte sich aufstützen, rutschte aber weg und versuchte es erneut. Die Leute gaben ihm Kraft, wollten ihn aufstehen sehen, wollten ihn die Ehre ihrer Spezies retten sehen. Von hinten kam der Ruf "Maxe steh' auf!", und vier fünf, immer mehr stimmten darin ein. "Maxe steh' auf!", erscholl es rund um die Bühne. Andere Besucher des Jahrmarktes kamen herzu und riefen schon von weitem "Maxe steh' auf!" Bald dröhnte es wie ein Schlachtruf und ließ die Seile am Ring vibrieren.

Seltsamerweise dachte das Känguruh, die Begeisterung gelte ihm. Es boxte und trat auf alles ein, was neben ihm noch auf der Bühne war, trommelte dem Ringrichter auf dem Rücken herum, schubste einen Herbeigesprungenen vom Rand hinab und machte ein paar beängstigende, wuchtige Sätze über Marmor-Maxens Körper. Warum man den Hilflosen nicht endlich aus dem Gefahrenbereich wegschaffte, war vollkommen unverständlich. Schließlich kamen immer mehr Leute auf die Bühne, und der Ringrichter, der verzweifelt versuchte, den Gang des Geschehens in der Bahn zu halten, wurde, von wem konnte man nicht erkennen, von einem Fausthieb ins Gesicht getroffen.

Es entwickelte sich ein allgemeiner Tumult, der stellenweise in eine Schlägerei ausartete, in der sich einige erhitzte Gemüter austobten. Dennoch blieb alles auf den Boxring beschränkt, der allerdings übervoll war. Weder Marmor-Maxe noch das Känguruh waren irgendwo zu sehen. Aber plötzlich erschien am Rand des Pulks, der von den Seilen umspannt war, ein leichtbekleidetes und schön geschminktes Mädchen, das - ein Schild hochhaltend - einmal um den ganzen Ring wanderte; auf dem Schild stand "Nächste Vorstellung in 30 Minuten".

"Lasst uns verschwinden", sagte Overbeck. "Das war aber ziemlich aufregend", meinte Carola, "Obwohl ich nicht genau weiß, wer denn nun gewonnen hat." Overbeck sagte "Beim letzten Mal gab es eine richtige Tortenschlacht, dafür hat wohl diesmal das Geld nicht gereicht." Carola fragte ihn "Hast du auch schon mal versucht, gegen das Känguruh zu boxen?" Overbeck machte eine abfällige Geste. "Mensch, der Marmor-Maxe oder egal wie der heißt, der gehört jedesmal dazu, das ist einer von der Truppe." Carola war bestürzt und enttäuscht zugleich. "Das ist ja unerhört", sagte sie, und fügte dann hinzu "Das hättest du mir gar nicht erzählen müssen."

Overbeck lachte, dann sagte er "Mich wundert nur, wie reaktionsschnell das Känguruh ist." "So ein Känguruh kann ganz schön schnell hüpfen", meinte Carola, "habe ich gehört." "Das mag sein. Aber hier im Boxring hat es dafür viel zu wenig Platz, eigentlich müsste es sich völlig verängstigt in eine Ecke drücken. Wisst ihr, was ich vermute? Man hat diesem Tier irgendein Mittel gegeben, eine Arznei, damit es richtig aufgestachelt wird und ganz wild darauf ist, solche wahnsinnigen Kunststücke zu vollführen." "Ein Stärkungsmittel?"

Georg sagte "Bei uns zu Hause im Wald wächst eine Pflanze, die heißt 'Springkraut', vielleicht hat man ihm die verabreicht." Overbeck wusste nicht, ob Georg sich bloß lustig machte. Carola fragte "Hilft das wirklich dafür?" "Weiß ich nicht. Dieses Kraut hat als Früchte kleine Schoten, und wenn man sie berührt, platzen sie blitzschnell auf. Aber warum sollte im Thüringer Wald eine Pflanze wachsen, die Känguruhs auf die Sprünge hilft?" "Es muss irgendetwas sein, das die Bewegungen des Körpers beeinflusst, womit man sich sozusagen selbst außergewöhnlich steuern kann", sagte Overbeck ernsthaft.

"Das klingt so, als könntest du auch so was einnehmen." "Warum nicht. Das Känguruh hat ein Gehirn und Muskeln, genau wie ein Mensch." "Aber es hat einen Beutel", sagte Carola. Georg lachte und meinte "Arnold hat auch einen Beutel, bloß daß der nicht oben offen ist." Overbeck musste auch lachen, dann sagte er, er habe noch eine Verabredung. "Ich wünsche euch noch viel Spaß." "Schade, daß er schon weg ist", sagte Carola, "ich finde ihn lustig." Georg dagegen war darüber froh. Er meinte "Schau nur, er läuft schon so komisch."

Carola überfiel schon wieder der Heißhunger. Diesmal hatte sie es auf Teigkrapfen abgesehen, die mit reichlich Butterschmalz gebacken und mit Pflaumenmus gefüllt waren. "Du wirst dick und rund und unansehnlich werden, wenn du weiter so viel Zeug verschlingst", witzelte Georg. Carola hatte eine Menge Ausreden parat. "Erstens verschlinge ich das nicht, sondern ich genieße es. Zweitens werde ich nicht dick, ich kann essen, was ich will. Hier fühl' nur." Sie streckte ihm ihren Bauch entgegen, der sich glatt und eben unter ihrem Kleid verbarg. "Genier' dich nicht." "Ich glaube es dir auch so." "Hach, du glaubst es. Das genügt nicht. Ich will es dir beweisen. Schau nicht nach den Leuten, niemand stört das. Los, ich will, daß du mich anfasst, hier!" Georg legte seine Hand darauf, er konnte ihren kleinen Bauchnabel fühlen. Sie kam näher zu ihm heran und schob seine Hand ein Stück nach oben, gleichzeitig biss sie in einen Krapfen, vorsichtig, damit die Musfüllung nicht herausquoll und hinabtropfte. "Na", sagte sie mit vollem Mund, "habe ich recht?"

Georg zog der Duft von dem Butterschmalz in die Nase, und vom Zuckerguss, der das Gebäck einhüllte. Er spürte die würzige Süße des Pflaumenmus' und dazwischen Carolas Atem. Sie hielt den Krapfen zwischen ihren schlanken Fingern fest, ohne ihn zu drücken, wie eine Katze, die genüsslich eine lebendige Maus verzehrt. Kleine Bissen verschwanden hinter den weißen Zähnen, an denen Spuren von blauem Mus klebten, ebenso wie an den Lippen, wo ihre Zungenspitze flink darüber hinwegfuhr und ein Glanz von geschmolzenem Zucker haften blieb. Georg überkam auf einmal Lust, sie noch mehr zu berühren, noch fester zu umfassen. Er legte seinen Arm um ihre Hüfte, strich über die Wölbung ihres Beckenknochens, durch die Senke der Taille und seitlich am Rücken hinauf, in die Mitte bis zu den Wirbeln, die wie Haselnüsse unter dem Kleid unter der Haut zur Kette aufgefädelt waren und gelangte bis zum Saum des Kragens, wo am Hals der weiche Flaum ihrer Haare ansetzte.

"Und außerdem", sagte Carola, "selbst wenn ich fett und hässlich bin, habe ich ja noch dich, und du würdest dich nicht daran stören, oder?" Georg schluckte. "Oh, jetzt hast du gar nichts abgekriegt, du Ärmster. Aber du bekommst dafür einen süßen Kuss." Sie schmatzte ihn auf die Wange, und Georg schien es, als würde etwas zu ihm sprechen 'Warte ein Weilchen und du bekommst noch mehr'. Carola sagte "Du hast recht, wir müssen uns bewegen, ich weiß auch schon wo."

Sie nahm ihn an die Hand und sie gingen vorbei an den Fressbuden, an den Obsthändlern, Schlachtern und Fischverkäufern, die jetzt am Nachmittag ihre Stände schon zusammenräumten. Ein Artist balancierte mit einem Sonnenschirm auf einem Seil, ein Kind jonglierte mit Bällen. Ein Tanzbär saß auf einem Stuhl und hielt die Nase hoch in die Luft gereckt, als wittere er eine Meeresbrise. Neben ihm redeten zwei Zigeuner aufgeregt miteinander. Auf einem kleinen, freien Platz tanzte ein russisches Ensemble, Kossaken in gelben Pluderhosen und langen Stiefeln, blutroten Jacken und Pelzmützen auf dem Kopf. Es war ihnen so warm, daß die Schweißtropfen umherspritzten.

Carola machte Halt bei einem Schausteller, der seine Vergnügungsschaukeln mit einem zwergenhaften weißen Metallzaun umgrenzt hatte, auf dem bunte Fähnchen wehten. "SEEMANNSGRAB" stand in großen Buchstaben auf dem Schild über dem Eingang. Schaukel war nicht die richtige Bezeichnung, es waren vielmehr große runde Holzwannen mit einem Dach, die an vier dünnen Seilen hingen und wie Schiffe angemalt waren. Die Seile liefen über der Mitte der Wannen zusammmen und reichten mehr als drei Meter nach oben, wo sie an einem Balken befestigt waren. Ein junger Bursche gab durch vielmalige Drehungen der Wannen dem Seilstrang die gehörige Kraft, die Personen stiegen in die Wannen und der Bursche ließ los. Erst langsam und dann immer schneller drehte sich das Seil, das übrigens aus echter Seide war, wieder auf. Am Ende rotierte die Wanne so schnell, daß sich das Seil in die entgegengesetzte Richtung wieder aufwickelte, und so ging es einige Male hin und zurück, bis die Wannen auskreiselten.

Die Leute, die darin saßen, jauchzten vor Vergnügen, aber einigen wurde auch übel. Hinterher kippten sie beinahe besinnungslos heraus, torkelten wie besoffen davon, und manche suchten abseits nach einem Fleck, um sich zu übergeben. Georg wurde schon bei dem Anblick kreidebleich. "Da willst du reinsteigen?" "Na klar", sagte Carola und hielt schon Ausschau nach einer freien Wanne. "Wenn du nach Helgoland fahren willst, ist das hier schon mal ein gutes Training." "Aber ich habe gar nicht vor nach Helgoland zu fahren." "Macht auch nichts, das hier ist ein guter Ersatz dafür. Dort die blaue wird frei, komm schon." Georg ahnte nichts Gutes, wollte aber nicht feige erscheinen. "Für zwei", sagte Carola zu dem Burschen. Georg bezahlte, es war etwas zuviel und der Bursche hatte Probleme mit dem Wechselgeld. Georg sagte "Ist in Ordnung, geben Sie mir dafür zwei von den Papiertüten." Die hatte der andere in einem Bündel auf den Rücken gebunden.

Carola lachte, sie fand es unheimlich aufregend. Der Bursche fasste die Wanne am Griff und drehte das Seil zusammen. Er rannte so schnell im Kreis, daß Georg bald aufhörte, die Umdrehungen zu zählen, die ihn erwarteten. "Reicht das nicht?", fragte er vorsichtig. Ohne anzuhalten rief der Bursche "Da hätteste für'n halben kaufen müssen." Georg sah Carola an, die zuckte die Schultern "Zu spät." Endlich blieb er stehen, man konnte sehen, mit welcher Kraftanstrengung er die Wanne festhielt. "Bitte einzusteigen." Sie kletterten hinein, Georg suchte nach etwas zum Festhalten, aber da war nur das Sitzbrett. Er schob die Papiertüten halb unter den Hintern. "Uuuuunnnnd Leinen los!", rief der Bursche.

Sie fingen an sich zu drehen, erst schaukelnd, dann mit Schwung und immer schneller wie auf einer kosmisch festen Bahn. Man konnte die Kraft des Seils spüren, das sich vom Zwang befreien wollte. Georg schloss versuchsweise die Augen, aber das wäre noch unerträglicher geworden. Carola kreischte und quiekte laut auf, sie warf den Kopf nach hinten und breitete die Arme aus, ihre Haare und das Kleid flatterten nach einer Seite. Die ganze Welt wurde zu einem bunten Streifen, der sich ringsherum abspulte. Georg schaute hinauf in den Himmel, die Wolken wirbelten durcheinander und verschmolzen zu einer weißen Masse. Dann legte der die Hände auf die Knie und starrte wie gebannt auf seine Fußspitzen. Aber es half alles nichts. Sein Magen schien jede Befestigung verloren zu haben und drehte sich gleichfalls wie eine Kugel in seinem Leib.

Er versuchte es mit Carolas Gesicht, fixierte seinen Blick darauf, es war seltsam verzerrt und wackelte wie Pudding auf einem Teller. Sie schrie etwas herüber, aber er konnte kein Wort verstehen. Dann wurden sie langsamer und noch langsamer und kamen schließlich zum Stehen. Georg rührte sich nicht und sagte keinen Mucks, als hoffte er zu verhindern, was nicht zu verhindern war: daß sich die ganze Chose in Gegenrichtung wiederholte. So kreiste es hin und her, links herum und rechts herum, aber der Wechsel erfolgte immer schneller und das Tempo ließ merklich nach, und dann schaukelten sie wieder, und der Bursche fasste die Wanne und hielt sie fest und sagte "Die Anschlussrunde zwanzig Prozent billiger, wie wär's" Georg sagte schnell "Danke vielmals, ich behalte auch die anderen achtzig Prozent." Carola lachte und war springlebendig.

"Oh Gott, dagegen ist Helgoland bestimmt die reinste Aufbahrung", jammerte er und merkte, daß er die Papiertüte in der Hand hielt. "Zeig' her", sagte Carola ohne Hemmung, "ist was drin oder nicht?" Georg wusste selbst nicht genau, ob er sich übergeben hatte. Er schaute vorsichtig hinein, und Carola lugte ihm über die Schulter. "Leer", sagte er triumphierend. "Du bist ein Held", sagte sie bewundernd und riss ihn plötzlich zur Seite. "Vorsicht!" Von hinten kam ein Kerl gewankt und spuckte in hohem Bogen sein Essen aus, das in rosa Fladen an einer Bretterwand herunterrutschte. "Der hätte dich glatt getroffen." "Oh danke, mein Herzliebchen", sagte Georg in geschraubtem Ton, "ich verdanke dir so viele glückliche Erlebnisse." "Schau mal, da drüben steht mein Vater." "Ich habe euch zugesehen", sagte Vater Joost, "'ne lustige Partie." Da sagte Carola ohne mit der Wimper zu zucken "Papa, lass uns beide fahren, bitte." "Um Himmelswillen, soll dein Vater auf einem Karussell sterben?" "Dann könnte ich immer ein bisschen lachen, wenn ich dran denke", erwiderte sie trocken. "Meine Tochter ist heute wieder sehr mitfühlend. Nun, wie ist es mit Matjes und Bratkartoffeln?"

Georg hätte jetzt kaum auch nur den Anblick davon ertragen, aber sie mussten erst eine gute Viertelstunde laufen bis zu Wollbergers Schenke, wo es laut Vater Joost den besten Matjes gab, und die frische Luft und die Ruhe, die sie umgaben, nachdem sie den Spielbudenplatz verlassen hatten, ließen Georg wieder ins Gleichgewicht kommen. Vater Joost marschierte vorneweg und pfiff eine Seemannsmelodie nach der anderen, das Pärchen ging Hand in Hand hinterdrein und blieb alle paar Schritte stehen, um sich zu küssen. "Wenn das so weitergeht, sind die Bratkartoffeln kalt, bis wir ankommen", rief Vater Joost nach hinten.

Mit dem Essen hatte er nicht zuviel versprochen. Der Hering war frisch und gut gewürzt, mit Zwiebelringen und Sahneremoulade bedeckt, und die goldgelben Kartoffeln waren mit viel Kümmel und natürlich auch noch heiß. Danach kippten Vater Joost und Georg einen klaren Korn hinunter. Carola meinte, sie mag keine so "harten Sachen" und trank eine Holunderblüten Limonade, die sei überdies gut für die Haut. Vater Joost sagte ihr, daß er heute Abend eingeladen ist bei einer kleinen Feier seiner Sangesbrüder; er werde erst morgen früh nach Hause kommen. "Da kann Georg bei uns übernachten", sagte Carola freudig. "Habe ich nichts dagegen, solange er nicht in meinem Bett schläft." "Hast du gehört? Bleibst du bei mir heute Nacht?" "Tja also." Georg war ihre Offenheit im Beisein des Vaters ein bisschen peinlich. Doch der sagte "Und treibt es nicht zu dolle." "Versprochen. Wir erzählen uns bloß Geschichten. Georg erzählt mir von dem Köhlerbiestchen ..." "Du meinst das Köhlerlieschen." "Na klar. Und ich erzähle dir von dem Poltergeist auf dem Hummerklippen Leuchtturm, uuhhh. Davon hat Onkel James immer erzählt." "Wer ist das denn?" "So ein alter Geschichten Erzähler", meinte Vater Joost, "hat ganz passables Garn gesponnen, der Bursche."

Nachher verabschiedeten sie sich, und Georg und Carola gingen den ganzen Weg bis zur Kamphausenstraße zu Fuß und redeten dabei so viel, daß Georg vor der Haustür meinte "Ob uns jetzt nicht der ganze Erzählstoff ausgegangen ist?" "Das hättest du wohl gern, damit wir uns mit was anderem beschäftigen müssen." "Nein. Da habe ich jetzt ehrlich nicht dran gedacht." Dann fügte er hinzu "Und wäre das so schlimm?"

Carolas Geschwister Johannes und die kleine Lilli waren noch wach, die Witwe Herbarth aus der Nachbarschaft hatte sie gehütet, wie sie es manchmal zu tun pflegte. "Gegessen haben sie schon", sagte die Herbarth und ging dann über den Hof in ihre Wohnung. Carola fiel ein, daß sie das Scheuermittel für ihre Arbeit und eine Tüte mit Konfekt für die gute Nachbarin an Schultz' Stand liegengelassen hatte. Georg sagte, er werde es morgen vorbeibringen. Die Kinder legten sich zur Ruhe, und Georg und Carola saßen noch ein Weilchen in der Küche. "Komm, wir gehen auch ins Bett", meinte sie, "da kann man sich besser erzählen."

In der Schlafkammer standen zwei Betten. "Du kannst das nehmen, es ist das von unserer Mutter." Georg wusste, daß sie bei Lillis Geburt gestorben war. "Und wo schläfst du?" "Na hier in dem." "Ich denke, Vater Joost will nicht, daß jemand sein Bett benutzt?" "Bin ich jemand? Ich darf das." Und schwuppdiwupp lag Carola auch schon drin. "Soll ich dir was verraten? In dem Bett von meinem Vater finde ich es am gemütlichsten." "Also machst du's heimlich." "Bei mir merkt er's nicht."

Im Dunkeln erzählten sie sich noch lange, dann wurde Georg stiller. "Was ist? Bist du müde?" "Nein, ich habe nur ein wenig Kopfschmerzen, ich glaube, es sind die Nachwirkungen von dem Karussell." "Oh, soll ich was dagegen tun?" "Kannst du das?" "Mein zweiter Vorname ist 'die Wohltätige', wusstest du das nicht?" "Wirklich?" "Rück' mal ein Stück", sagte sie und legte sich neben ihn. "Was wird das denn?" "Das ist Massage. Du musst ganz ruhig liegen und dich entspannen." "Wird schon besser." "Siehst du." "Wo hast du das gelernt?" "Geheimnis." "Verstehe. Muss man eigentlich nur an den Schläfen massieren?" "Abwarten, mein Freund, solche Dinge müssen behutsam behandelt werden, damit der Schmerz verwandelt wird in Lust." "Kann ich dir wenigstens zwischendurch einen Kuss geben, zur Stärkung." "Das ist erlaubt." "Ich glaube, es wirkt auch in anderen Körperteilen." "Ja, ich merke es." "So ist es schön." "Ja, es ist schön."

Nach dem Verkaufstag auf dem Markt hatten sich Georg und Overbeck mehrere Wochen lang nicht gesehen, als dieser in Schultz' Laden auftauchte und Georg mit nach hinten auf den Hof zog, um etwas mit ihm zu besprechen. Es ging um einen Transport von Schafen, die aus einem Dorf in der Lüneburger Heide geholt werden sollten. Overbeck wollte, daß Georg ihm dabei behilflich sei, mit Schultz wäre alles abgesprochen, das ganze würde zwei, maximal drei Tage dauern. Georg war einverstanden, und Overbeck teilte ihm mit, wann und wo die Aktion beginnen würde.

Er kam mit einem riesigen Pferdewagen, als er Georg abholte. Sie fuhren hinter Buxtehude immer an der Este entlang flussaufwärts bis Westerloh. Es war eine gleichförmige, menschenleere Gegend, Felder, Wiesen, ein paar kleine Wälder, Brücken über schmale Gräben und seichte Flüsse. Kreisrunde, sumpfige Weiher, wo sich verlorenes Wasser sammelt. Abgestorbene, braune Gehölze, wie zurückgelassene Gerüste abgebrochener Behausungen. Rauhe, dichte Heide, rotviolett blühend auf mattem Grün, oder rostig von der Sonne versengt. Ab und zu erhob sich ein Hügel aus der Ebene, ein Erdbuckel nur, auf dem eine Handvoll alter Eichen stand. Alle halbe Stunde kamen sie an einem Gehöft vorbei, dazwischen waren Koppeln, Viehweiden und wieder Acker und Wiese. Man glaubte im Kreise zu fahren.

Westerloh hatte ein Gasthaus, und Overbeck fragte nach dem Bauern namens Bockelbrook. Man beschrieb ihm den Weg, und nach einer dreiviertel Stunde kamen sie dort an. Eine Magd schrubbte Wäsche an einem Wasserbottich, sie sagte, der Bauer sei auf dem Feld. Overbeck sagte, er sei mit ihm verabredet. "Was kann ich dafür?", meinte die Magd und ließ sich nicht weiter stören. Man könne zu Fuß hin gehen, zwanzig Minuten, sagte sie noch. Sie spannten die Pferde aus, und ein Stallbursche gab ihnen zu trinken und Futter. Er fragte, woher sie kämen, Overbeck sagte "Aus Hamburg, weißt du, wo das liegt?" "Natürlich. Das weiß doch jeder."

"Hm", machte Overbeck, "Sag mal, sind dem Bockelbrook seine Schafe hier im Stall?" "Kommt darauf an, welche du meinst." "Die westfälischen Langhaarigen mein' ich, und untersteh' dich gefälligst, mich zu duzen." "Ein paar davon sind hier", erwiderte der Bursche kleinlaut. Er sah Overbeck verächtlich an, als sei er ein Landsknecht auf dem Durchzug. "Zeig' sie uns." Der Bursche warf einen Blick auf Georg, was gar nicht nötig war, und fragte "Versteht ihr was von Schafen?" "Soviel wie wir brauchen."

Er führte sie um ein Gebäude herum. Auf der Rückseite räkelte sich ein Hund im Schatten, er richtete sich schwerfällig auf und schlich schwanzwedelnd um die Fremden herum, verlor aber gleich wieder das Interesse und stöberte in einem Haufen Gemüseabfälle. In einem halboffenen Stall war eine Herde von etwa zwanzig Schafen. Als sie den Burschen sahen, fingen sie an zu blöken. Unter ihnen war ein mächtiger Bock, fast so groß wie ein Esel, nur mit kürzeren Beinen. Er hatte sich nach hinten in eine Ecke verzogen, einige Schafe umringten ihn beharrlich. "Die sind geschoren", sagte Overbeck. "Na klar", erwiderte der Bursche und wusste nicht, wie das gemeint war. "Was dachtet ihr denn, die westfälischen geben die beste Wolle." "Weiß ich."

Dann sagte Overbeck zu Georg "Lass uns zu dem Bauern gehen." "Ich kann euch hinführen", meinte der Bursche, aber da kam ein alter Mann um die Ecke, der eine Mistgabel in der Hand hielt und rief "Lommes, zum Donnerwetter, ich hab' dir vor einer Stunde schon gesagt, was du machen sollst." "Geht hier am Zaun lang und da drüben am Brunnen vorbei, von der Anhöhe könnt ihr ihn sehen."

Es war ein Brunnen mit einem langen Schwenkarm, er war mit einem Holzschild abgedeckt und der Eimer am Seil stand daneben. Sie nahmen die Bedeckung herunter und ließen den Eimer hinab, der Wasserspiegel war etwa fünf Meter tiefer. Der Eimer klatschte auf, Georg ging an das schwere Ende des Hebels, aber der hatte sich nicht bewegt. Overbeck zog den Eimer am Seil hoch. Sie schöpften das Wasser mit der hohlen Hand. "Schmeckt ganz gut." "Hm, irgendwie ein bisschen salzig." "Kann ich nicht schmecken." "Wie viele von den Schafen willst du mitnehmen?" "Schätze, mehr als zwölf passen nicht auf den Wagen, eigentlich brauchen wir zwanzig."

Sie gingen über die Anhöhe hinweg und auf der anderen Seite bis zu einem schmalen Kiefernwäldchen, das sich als Streifen weit an der Feldgrenze hinzog. Auf der Sonnenseite standen ein größerer und zwei kleine Schuppen. Sie waren mit Holzschindeln gedeckt, die von Wind und Wetter gebogen und gerissen waren. Die Tür von dem großen Schuppen stand offen.

Drinnen roch es nach Harz, stärker noch als unter den Bäumen. An dem Fenster versuchten ein paar Schmetterlinge, ins Freie zu kommen. Ein großer Brummer prallte immer wieder im vollen Flug dagegen und schwirrte dazwischen in Achterbahnen durch den Schuppen. Es war niemand zu sehen. Overbeck rief "Ich bin Arnold Overbeck, ich möchte zu Bauer Bockelbrook." "Der ist nicht da", ließ sich eine Stimme weiter hinten vernehmen. "Ich komme wegen der Schafe für Hamburg."

Keine Antwort. Auf einem Tisch standen Honiggläser, manche dreifach übereinander. Der Honig schimmerte hell, fast wie Mehl, oder goldfarben. Anderer glänzte dunkel oder leuchtete im Sonnenlicht wie Bernstein. Einer war grünlich, ein anderer rötlich. Overbeck öffnete eins der Gläser, tauchte den Finger hinein und leckte ihn ab. "Der kostet zwei Groschen das Pfund", sagte die Stimme barsch. Der Mann kam hinter einem Vorhang hervor, er schleppte eine Kiste, ging an den beiden vorbei und stellte sie draußen ab. Dann kam er wieder herein. Overbeck ließ den Honig auf der Zunge zergehen, hob dann das Glas gegen das Licht und meinte "Ist aber nicht mehr ganz ein Pfund." Der andere verzog keine Miene.

Er war schon älter, mager, mit groben Gesichtszügen. Seine Augen lagen tief und verschwanden noch mehr unter den buschigen Augenbrauen. Aber man sah, ihm entging nichts. Er kaute auf einem kleinen Klumpen dunkler Blätter in seinem Mund, schob ihn zwischen den Backen hin und her und spuckte von Zeit zu Zeit eine Aule mit braunem Saft aus. "Womit seid ihr da?", fragte er. "Mit einer zwölf Fuß Friesenpritsche mit Steilwänden, sechsundfünfzig Zoll Räder und Kartauschenfederung, die Chaise hat bei den Dänen Seehunde transportiert." "Auf eine Kartauschenfeder kommt mir keins von meinen Schafen, nicht bis nach Hamburg. Was gibt's da zu lachen?" "War nur 'n Scherz, Alter, das Ding hat eine ganz normale Blattfederung. Aber das mit den Seehunden stimmt." "Interessiert mich nicht", grummelte der Mann, der nun doch offenbar Bockelbrook war. "Wann krieg' ich das Geld?" "Wie vereinbart." Bockelbrook wusste nicht mehr genau, wie die Abmachung war und schaute Overbeck noch fragend an. Der sagte "Die Hälfte geb' ich Ihnen hier. Ihr müsst sowieso eine halbe Fuhre mit nach Hamburg schaffen, dort gibt's den Rest." "Ich soll die Schafe nach Hamburg bringen? Ich kann hier nicht weg, Junge, es ist Erntezeit, wer soll denn das Zeug vom Feld holen." Overbeck ließ sich nicht beeindrucken. "Wir jedenfalls nicht. Alter, so war das abgesprochen, erinnern Sie sich nicht mehr?" Bockelbrook spuckte aus und ging wieder nach hinten.

"Ich will mir die Tiere anschauen", sagte Overbeck. Der Alte kam zurück und fragte "Du hast das Geld dabei? Was für welches ist es, nichts Dänisches hoffe ich." "Hannoveraner Gulden, Mensch, das war alles schon klar", erwiderte Overbeck mit etwas mehr Nachdruck. Bockelbrook verließ den Schuppen und machte ein Zeichen, daß sie mitkommen sollten. Es war früher Nachmittag, und die Sonne stand noch ziemlich hoch. Unter den Kiefern hörte man die Zapfen in der Wärme knistern.

Sie gingen einen Pfad durch das Wäldchen und kamen auf der anderen Seite an ein abgegrastes Weidestück, das mit einem Zaun aus Brettern und Stangen umgrenzt war. Die eine Hälfte lag im Schatten, die meisten der Schafe standen dort am Fleck und kauten still und dumpf vor sich ihn. Als die Männer herankamen, glotzten sie nach ihnen, als hofften sie auf eine Abwechslung. Sie hatten dichtes, sauberes Fell, kurze, zur Seite abstehende Ohren und ein schmales, glattes Gesicht. Manche reckten den Hals, um über die anderen hinweg sehen zu können. Einige hatten schöne, gewundene Hörner, wie aus Holz gedrechselt. Ein paar sprangen davon.

Overbeck schnalzte mit der Zunge und machte zu Georg eine Geste, die besagte 'Das sind genau die richtigen'. Bockelbrook sah, daß sie ihm gefielen, und er sagte "Ihr könnt sie euch aussuchen, außer die Böcke, die trächtigen und die zu jung sind." Er wies auf ein angrenzendes kleineres Gatter. "Wir stecken sie einstweilen dort hinein. Wann wollt ihr zurück?" "Morgen, mit Sonnenaufgang. Wird es heiß werden morgen?" "Nicht sehr, das Welschkraut lässt die Blüten hängen, hab' ich gesehen, da kann es trübe werden." "Kann man in dem Gasthof übernachten?" "Warum nicht. Ich komme heute Abend hin und wir regeln das Geschäftliche. Ich schicke den Lommes mit dem Fuhrwerk mit nach Hamburg, der kann mal was dazu lernen. Ich werde ihm noch sagen, was zu tun ist. Der Kerl ist unerfahren, aber nicht dumm, der lässt sich nicht übers Ohr hauen." Er war auf einmal richtig redselig geworden, besann sich dann aber wohl auf seine Vorbehalte gegen alle Städter, walkte ein paar mal kräftig seinen Kautabak durch und spuckte den ekligen Saft auf die Erde. "Genug rumgequatscht, lasst uns die Schafe rüberschaffen."

Sie machten eine Öffnung in den Zaun, der die beiden Weideflächen voneinander abtrennte. Bockelbrook schlug vor, die Tiere auszuwählen und Overbeck sollte sagen, ob er mit ihnen einverstanden wäre. Manche waren nur schwer von der Herde abzusondern, als sie merkten, daß etwas mit ihnen geschehen sollte. Sie entwischten in einem fort und rannten davon. Georg stellte sich auf der freien Seite in den Weg und jagte sie zurück, aber es war zu viel Platz und sie ließen sich nicht fangen. Ein paar waren endlich auf dem anderen Gelände, als eins der Schafe dort verrückt spielte und mit Krachen gegen den Zaun rasselte. Zwei Staketen brachen und das Holzgatter kippte zu Boden. Das Schaf sprang darüber hinweg und flüchtete über das Feld. "Ist kein Hund da?", fragte Overbeck, und Bockelbrook meinte, der würde nur sie noch wilder machen.

Das Ausreißerschaf kam freiwillig zurück, als habe es ein schlechtes Gewissen. Es blieb vor der Lücke stehen, und Georg konnte es leicht wieder hinein treiben. "Die sind eben blöde, die Viecher", sagte er. Aber das weiche, zottelige Fell, in das man die Hände bis zu den Gelenken vergraben konnte, fand er schön. Sie machten den Zaun wieder dicht, und Overbeck übernahm die letzten fünf wahllos aus der Herde. Dann warteten sie, bis wieder Ruhe eingekehrt war.

Bockelbrook schob sich einen frischen Klumpen Kautabak in den Mund. "Wo sollen die eigentlich hingehen?" Overbeck hob die Augenbrauen, als würde er wieder nicht begreifen, wie der andere alle Abrede vergessen hatte. "Übern Kanal, nach England." "Haben die dort keine eigenen Schafe?" "Das schon, aber die sind scharf auf deutsche." "Ihr müsst zum Aufladen von da drüben heranfahren, hier auf dem Weg ist ein arges Loch, da kommt man mit der Last nicht durch." "Gut. Das war's dann erst mal, wir sehen uns heute abend im Gasthof." Bockelbrook hob flüchtig die Hand an die Stirn.

Auf dem Hof besprachen sie mit Lommes, dem Burschen, wo der Wagen abgestellt und die Pferde untergebracht werden konnten. Lommes gab sich offenbar Mühe, es ihnen recht zu machen. Er wusste merkwürdigerweise von der Verabredung im Gasthof und sagte, er werde ebenfalls kommen, und da wäre heute abend auch eine "Gesellschaft". "Wir sind nicht hier, um uns beim Heidetanz zu belustigen", sagte Overbeck. "Das macht nichts", erwiderte der Bursche, "es ist sowieso eine Trauerfeier. Aber Sie haben schon recht, getanzt wird da auch." Sie gingen zu Fuß zum Dorf. Auf dem Weg kamen sie an einem kläglichen Friedhof vorbei.

Das Begräbnis hatte gerade stattgefunden, und die kleine Trauergesellschaft befand sich im Abmarsch. Man blieb beisammen, es waren Verwandte und Freunde; in dem Dorf kannte jeder jeden. Ein Mann und eine Frau mit Trauerflor vor dem Gesicht sprachen noch mit dem Pastor, die anderen warteten. Einer ging ein Stück zur Seite und zündete sich eine Pfeife an, offenbar war er froh, weil er so lange ohne Rauchen aushalten musste.

Georg fiel ein sehr hübsches Mädchen auf, das ganz in Schwarz gekleidet war. Er dachte daran, daß die jungen Frauen ihre Trauerkleidung schon mit in die Ehe brachten, wenn sie heiraten, sie musste später nur immer noch passen. An der Friedhofsmauer waren ein paar neugierige Kinder hochgeklettert. Overbeck ging zu ihnen hin und fragte etwas, dann kam er zurück. "Was hast du gefragt?" "Wir müssen dort lang, auf den Kirchturm zu." Das war offensichtlich, man konnte das Dorf nicht verfehlen.

Durch das Tor ratterte der leere Karren, auf dem der Sarg gelegen hatte. Dahinter verließen die Besucher den Friedhof. "Komm' wir legen einen Schritt zu, sonst geraten wir da noch hinein", meinte Overbeck. Georg schaute zu dem Mädchen hin und konnte erkennen, daß sie geweint hatte. Sie sah ihn kurz an und war gar nicht überrascht, einen Unbekannten zu sehen.

Im Gasthof hatten die Wirtsleute keine Zeit, sich um die beiden zu kümmern. Lommes, der Hofbursche hatte schon das mit dem Zimmer geregelt. "Es macht euch doch nichts aus, im selben Zimmer zu übernachten", sagte er, und es klang ein bisschen herablassend. Overbeck machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen ihn. "Allerdings macht mir das was aus, du Klugscheißer, und was geht es dich überhaupt an. Erwartest du jetzt auch noch ein Dankeschön?"

Der Bursche schreckte wieder zurück. "Ich hab's nur gut gemeint, die sind hier vollauf beschäftigt, die hätten euch bedenkenlos das Zimmer gegeben, das neuerdings die 'Grabkammer' genannt wird." Overbeck winkte ab. "Du tust ja so, als würdest du nicht hierher gehören." Georg fragte "Was hat es damit auf sich?" "Ihr habt die Beerdigung gesehen, der arme Kerl ist hier im Gasthof umgekommen." "Wodurch?" Lommes druckste herum, aber es schien bloß gespielt. "Eine unglückliche Liebesgeschichte mit einer Einheimischen." Georg dachte wieder an das Mädchen aus dem Trauerzug, sie wird es wohl nicht gewesen sein. "Dann war er nicht von hier?", fragte Overbeck und warf einen Blick aus dem kleinen Fenster, draußen wurde es allmählich dunkel.

Lommes sah ihn grinsend an, als überraschte ihn die Frage. "Können Sie sich denken. Er hat, wie man hier sagt 'Unruhe gestiftet und Zwietracht gesät". "Wie das?", fragte Georg. "Sie hat natürlich einem anderen gehört", sagte Overbeck, und Lommes nickte. Overbeck fragte "Wie hat er sich umgebracht?" "Man fand ihn ... er hat sich aufgehängt." "Wo?" "In eben der Kammer nach der Hofseite, eigentlich nur eine Abstellkammer." "Und wie hat er's gemacht?" Lommes wusste nicht, was er meinte. "Na regelrecht aufgehängt, mit einem Strick an der Decke." Georg schaute nach oben, die Zimmerdecke bestand aus glatten Bohlen. Lommes fügte hinzu "In der Kammer gibt es einen Balken." "Und den Strick, hat er den mitgebracht?" "Keine Ahnung, muss wohl so gewesen sein. Was weiß ich, ich war nicht dabei."

"Kann ich mir denken, war wohl niemand dabei." "Nein, niemand." "Und seitdem wird die Kammer vermietet?" "Hä?" "Du hast selber gesagt, daß wir um ein Haar drin gelandet wären." "Das war 'n Scherz. Da ist nur altes Gerümpel drin, der Fußboden ist auch schon ganz morsch, ist immer abgeschlossen, damit niemand aus Versehen mal reingeht, oder wenn er besoffen ist." "Daran sieht man also, daß er sich nicht aus Versehen erhängt hat." "Er wollte mit ihr abhauen, noch in derselben Nacht." "Und um welche Uhrzeit? Das hat man sicher auch schon gewusst." Georg sah Overbeck an, der zog die Augenbrauen hoch. "Sie wollten nach Hamburg." "Natürlich, alle Flüchtlinge wollen nach Hamburg, sie suchen dort das bessere Leben." Lommes fragte überschwänglich "Und wie ist das, findet man's dort?" "Jeder kann es finden." Lommes bekam glänzende Augen. "Du würdest auch gern dorthin, stimmt's?", sagte Georg. Lommes schwieg, und es war klar, daß er sich nichts sehnlicher wünschte.

"Ich mach' dir einen Vorschlag", sagte Overbeck und Lommes trat sofort an ihn heran, "du suchst dir in Hamburg ein Mädchen und verbreitest das Gerücht, du willst mit ihr in die Heide fliehen, am besten eins vom Hamburger Berg." Lommes kapierte nichts. "Sind die besonders leicht zu kriegen?" "Erstens das und zweitens gehören die immer jemandem." Overbeck konnte sich nicht mehr halten und fing an zu lachen. "Und dann?" "Und dann? Dann wartest du, bis es Nacht wird und besorgst dir einen Strick." "Das ist wohl nicht sehr hilfreich, was Sie mir da raten." Overbeck schüttete sich aus vor Lachen. "Freilich, sehr hilfreich, die Welt würde um ein Arschloch leichter werden."

Lommes ballte die Fäuste und schnaubte vor Wut, wagte aber nicht, Overbeck anzugreifen. Der sagte "Noch einfacher wäre es allerdings, du würdest dich gleich hier umbringen, in Hamburg haben sie nämlich schon alle Hände voll zu tun, um solche wie dich wieder loszuwerden." "Arnold" sagte Georg, dem Overbecks Späße gemein vorkamen. "Georg?", gab Overbeck zurück und schaute ihn mit einem sehr überheblichen und zugleich abstoßenden Blick an, der zu bedeuten schien 'Was willst du, du bist auch mal nach Hamburg gekommen.

Lommes verließ mit festem Schritt das Zimmer. Später sagte Georg zu Overbeck "Würde es dir was ausmachen, wenn du ein bisschen freundlicher zu den Leuten wärst." "Wozu? Das sind stupide Bauern, die nutzen jede Freundlichkeit sofort aus." "Merkst du nicht, daß dieser Junge sich etwas anderes wünscht als hier herumzuhängen." Overbeck sagte "Ich habe ihm nur klar gemacht, wie die Dinge stehen. Glaubst du, irgendjemand irgendwo außerhalb dieses gottverlassenen Scheißdorfes würde auf ihn warten, würde die Arme hochreißen, wenn er kommt und rufen 'Na endlich bist du da, hier ist alles vorbereitet, bedien' dich'." "Und wenn er gar nicht bedient werden will, sondern bloß raus hier aus diesem Nest." "Das kann man ihm nicht verdenken." Georg merkte, daß es zwecklos war, sich mit Overbeck über die Eigentümlichkeit von Heidebewohnern zu streiten. Er konnte manchmal so mitfühlend sein, wie Georg das bei den Speicherhäusern erlebt hatte. Aber dann wieder war er schroff wie die Felsen von Helgoland.

"Ein erbärmlicher Schuppen ist das hier", sagte Overbeck und schlug das Bettzeug auf, um zu sehen, ob sich Ungeziefer darunter tummelte. "Sie rechnen nicht mit Gästen." "Allerdings nicht. Hier rechnen sie höchstens mit Leuten, die ihnen in die Falle gehen, und die sie dann in irgendeinem heidebewachsenen Sandhaufen verbuddeln, nachdem sie ihnen die Gurgel durchgeschnitten haben." "Mein Gott, Overbeck, du übertreibst wie immer." "Ach ja? Und du glaubst den Schwachsinn mit dem Selbstmörder?" "Warum nicht, so etwas kommt überall vor, wo Männer und Frauen leben." "Und Bauern."

Georg musste lachen. Overbeck gefiel sich geradezu bei seinen Hasstiraden, er hatte ein komödiantisches Talent. Dann fragte er ihn "Denkst du, wen sie da vorhin beerdigt haben, das war dieser Erhängte?" "Hast du denn nicht gesehen, wie der Pastor den Strick mit ins Grab geworfen hat." "Hör auf. Im Ernst, so einer würde kaum ein ordentliches Begräbnis bekommen?" "Georg, hier bekommt gar keiner ein ordentliches Begräbnis. Soll ich dir etwas sagen: der Friedhof ist nur eine Attrappe, die Leichen werden im Moor versenkt, wie eh und je, und jeder dieser Unglücklichen kann von Glück sprechen, wenn er dabei wirklich schon tot ist. Und jetzt lass uns hinunter gehen und was essen, ich habe Hunger auf ein Lammkotelett."

Die Gaststube war ziemlich groß, hatte nur zwei oder drei Fenster, durch die kaum Licht herein kam, stattdessen aber einige Türen nach allen Seiten, die entweder in irgendwelche anderen Räume führten oder zunächst in einen dunklen Flur, der bis auf den Hof oder in entgegengesetzter Richtung auf die Straße ging. Durch einen solchen Flur (sie bemerkten erst später, daß es nicht der einzige war) gelangten auch Overbeck und Georg in den Schankraum, nachdem sie an der Küche vorbeigekommen waren, wo es hell von allerlei Herdfeuern und Leuchtern war und wo große Betriebsamkeit herrschte. Auf den ersten Blick hätte man meinen können, sämtliche alten Weiber und jungen Bäuerinnen, die irgendetwas vom Kochen verstanden, wären hier versammelt. Auch die Küche hatte wiederum Ausgänge, und Georg sah, wie man durch einen gerade frisches Fleisch hereinbrachte. Dahinter streckte ein großer Hund seinen Kopf um die Ecke, wagte aber nicht, über die Schwelle zu treten.

Durch die Gaststube verlief eine Reihe massiver Holzpfeiler, die die Decke stützten und zum Teil mit Flechtschmuck aus Strohblumen oder anderen getrockneten Naturalien versehen waren. An den Wänden hingen auch ein paar bemalte Schilde. Auf den Tischen standen Kerzen auf Tellern, und in einer Ecke waren kleinere Fässer gestapelt, von denen zwei oder drei bereits angezapft waren. Auf dem Boden davor hatte sich eine Bierlache gebildet, die einen säuerlichen Geruch verbreitete.

Lediglich ein Tisch im hinteren Teil war besetzt, ungefähr zehn Männer saßen dort, Bierkrüge und kleine Tongläser vor sich und die braunen Tonflaschen mit Heideschnaps und Metwein, von der Art, wie sie Georg auch in Hamburg schon gesehen hatte. Sie redeten laut und durcheinander, und als die beiden eintraten, machte einer eine Kopfbewegung und sie schauten alle kurz herüber. Overbeck grüßte hörbar, aber nur zwei murmelten etwas zurück, und sie widmeten sich gleich wieder ihrer Unterhaltung.

Eine Frau mit Schürze kam mit einem Türschwung herein, sie trug einige Krüge, die sie offenbar draußen abgefüllt hatte. Sie wurde wohlwollend empfangen und sagte "So ihr unzufriedenen Lümmel, da habt ihr euer Hermannsburger Altes, und jetzt wird nicht mehr gemäkelt. Es sind zwei Fass davon da, wenn die leer sind, müsst ihr unseres trinken, aber wie gewöhnlich werdet ihr den Unterschied nicht mehr merken." "Oh Frieda, unterschätze uns mal nicht, wir sind Genießer." "Genau, wir lassen uns auch beim zwölften Bier nicht bescheißen." Das sagte ein junger Kerl, der am Ende der Bank saß. Frieda sah ihn böse an und sagte "Kerl, willst du behaupten, wir würden dich bescheißen, oder was?" Ihre Stimme war so schrill, daß die Männer zusammen zuckten, und einer blaffte den Jungen an "Sei still oder verschwinde." "Tschuldigung, war nicht so gemeint." "Für den Herrn ab jetzt nur noch Milch, bitte" rief ein anderer und alle johlten, auch der Gerüffelte selbst.

Frieda machte kehrt und kam bei den beiden vorbei. "Ihr seid die Schafzüchter aus Hamburg?" "Handelsleute", sagte Overbeck, "keine Züchter. Aus Hamburg, das ist richtig. Gibt es etwas zu essen?" "Was meinst du, sieht es hier so aus, als würden wir Wintersocken stricken." Overbeck sah sie missmutig an, Georg befürchtete, er würde gleich wieder ausfällig werden, aber er sagte bloß "Wenn du das auch kannst, um so besser." Ein höhnisches aber keineswegs böses Lächeln glitt über ihr Gesicht. "Soll ich euch was empfehlen: es gibt Lammbraten mit Kalbsherz und Käse." "Und dazu?" "Grüne Bohnen und gebackene Zwiebeln." "Was gibt es sonst noch?" "Nichts." "Oh, da bin ich froh, daß du uns nicht das andere empfohlen hast, Frieda." "Siehst du, so bin ich." "Und von dem Alten bekommen wir auch zwei?" "Die Fässer sind beim Kroschelt im Schuppen, da geh' ich erst in 'ner halben Stunde wieder hin." "Ich kann ja mitkommen." "Nee nee, lass mal, trinkt ihr nur unseres, das muss auch weg." Sie ging, und es kamen zahlreiche weitere Gäste, darunter auch Frauen in sehr schönen Bauernkleidern.

Aus einer schwach beleuchteten Ecke erklangen plötzlich eine Fidel und eine Mandoline, die von einer Trommel mit Schellen begleitet wurden. Als die Musik anhob, ging ein beifälliges Raunen durch die Stube, jemand rief "Mondschein über der Heide". Die Musikanten probierten vorerst die Instrumente aus, sie waren nur nach Gehör gestimmt, passten aber so gut zusammen wie verschiedene Geschwister. Das Lokal füllte sich nach und nach und es gab nur noch wenige freie Stühle oder Plätze auf den Bänken. An einer Wand saßen drei alte Bauern stumm nebeneinander wie Brüder und blickten schläfrig vor sich hin, einer paffte eine Pfeife. Auch andere Männer rauchten irgendeinen Tabak vom eigenen Feld, und durch den Schankraum zogen Schwaden von Qualm und blieben unter der Decke hängen. Einzelne Kinder drängelten sich durch die Menge, waren aber bald verschwunden.

Außer Frieda bedienten noch ein paar andere Mädchen. Es war nicht ganz klar, ob die Trauergesellschaft vom Nachmittag hier eingekehrt war oder nur ein Teil davon ein gemeinsames Mahl bestellt hatte oder ob überhaupt eine Feierlichkeit begangen wurde. Einer kam an Overbecks Tisch vorbei und sagte "Da staunt ihr Städter, so lustig geht es bei uns jeden Tag zu." Und ein anderer klopfte ihm auf die Schulter "Ja, wer anständig arbeitet, der soll auch nach Herzenslust feiern." Overbeck nickte gequält. "Anständig, hörst du Georg", meinte er dann, "und 'Herzenslust', bei dem sitzt garantiert das Herz zwischen den Beinen." "Mir gefällt das hier", sagte Georg. Overbeck blieb kühl. "Welche, die dort mit der weißen Haube? In die hast du dich schon vorhin vergafft."

Georg sah erst jetzt, daß auch das Mädchen aus dem Trauerzug da war. Sie trug noch dasselbe schwarze Kleid, aber eine schneeweiße Haube mit kunstvollem Spitzenrand auf dem Haar, und um die Schultern hatte sie ein ebenso helles Tuch mit einem Muster aus roten Rosenblüten. Alles sah sehr schön aus, und Georg fragte sich, aus welchem Anlass diese Leute tatsächlich hier waren. Vielleicht war das ein gewöhnlicher Feierabend in einem Heidedorf in der Einöde, und es war auch ganz gleichgültig, ob ein Begräbnis oder eine Hochzeit oder eine Taufe stattgefunden hatte: Hauptsache, man war in "Gesellschaft", wie es Lommes ausgedrückt hatte. (Overbeck hätte es natürlich bezweifelt, daß man hier die Neugeborenen tauft.)

Frieda brachte das Essen, der Lammbraten auf den großen Tellern duftete nach Thymian. Jetzt setzte auch die Musik ein, und ein Mann, der offenbar schon reichlich Bier getrunken hatte, machte sich zum Vortänzer. Er hatte die Hemdsärmel hochgekrempelt, eine dicke Zigarre zwischen den Zähnen und hüpfte von einem Bein aufs andere, dabei in die Hände klatschend. Die Musikanten machten gleich ein flottes Stück daraus, und der Tänzer kam ins Schwitzen. Mehrmals stieß er an die Tische, und die Leute schoben ihn wieder zurück. Schließlich landete er in einer Gruppe, ließ sich erschöpft auf einem Stuhl nieder und trank einen langen Zug aus einem der Henkelkrüge. Der Fiedelspieler trieb seine Kameraden an, das Tempo zu halten, und sie lockten zwei drei Pärchen zum Tanz aufs Parkett, aber sie hatten so wenig Platz, daß sie sich an den stehenden Gästen vorbeischlängeln und drehen mussten.

Am Nebentisch saß eine ziemlich stumpfsinnige Gesellschaft. Die Männer prosteten sich zwar zu, waren ansonsten jedoch nicht sehr freundlich untereinander und warfen sich einige Male grobe Beleidigungen und Schimpfwörter an den Kopf, daß sogar Overbeck darüber lachen musste, obwohl er in der Hinsicht einiges kannte. Unter ihnen war auch ein dürrer Kerl, der offenbar verkrüppelte Beine hatte, denn zu beiden Seiten in Reichweite lagen ein Paar Holzkrücken, wie mit der Axt grob zubehauen und an den Griffen abgenutzt. Georg dachte, er müsse sie wohl ständig in Gebrauch haben und trotz seines Gebrechens viel in Bewegung sein. Overbeck sagte "Das ist der Briefträger."

Das Mädchen mit der Haube ging am Tisch vorüber, ihre Blicke trafen sich kurz, und sie zwängte sich zwischen zwei Bauern durch, die in ein lebhaftes Gespräch verwickelt waren. "Mach' dich mal nicht so dick, Onkel Joachim", sagte sie zu dem einen und gab ihm einen Klaps auf seinen rundlichen Bauch. "Sylvia, mein Täubchen, so schlank wie du bist, passt du durch jedes Nadelöhr. Wo hast du den Eddie gelassen?" Sylvia machte eine vage Handbewegung "Ist unterwegs." Der Dicke lachte. "Jo, immer geschäftig, immer irgendwo ein Eisen im Feuer ... ich meine, er kümmert sich wenigstens, wenn ich dagegen deinen Jungen anschaue ..." Er drückte dem anderen den Becher gegen die Brust und machte eine abfällige Bemerkung. Sylvia wandte sich zu Georg um. Er war mit dem Essen fertig, das heißt, er schaffte nicht mehr und war satt. Er schob den Teller beiseite und bemerkte in dem Augenblick, wie ein Taschentuch zu Sylvias Füßen lag, das sie fallen gelassen hatte. Schon trat Onkelchen unversehens mit seinem Stiefel drauf.

Georg sprang auf. "Fräulein Sylvia", rief er, "Verzeihung, Sie haben etwas verloren." Die anderen schauten ihn überrascht an. "Darf ich?", sagte Georg, bückte sich und hob das Tuch auf. "Oh, das ist meins", sagte der andere Bauer und langte mit seiner kleinen, dicken und feuchten Hand danach. Sie war so eklig, daß Georg unwillkürlich zurückwich. Er musterte das blütenweiße Tuch und war sich unschlüssig, ob es dem Bauern gehörte. Sylvia beobachtete ihn und ihr Blick schien zu sagen 'Nun bin ich aber gespannt'. Onkelchen lachte aus tiefer Brust "Mensch Lenzmann, ich wusste ja gar nicht, daß du auf Damentaschentücher stehst." "Du hast drauf gestanden", gab der andere zurück und war sichtlich bemüht, seine Beschämung zu überspielen. "Da trägst du wohl auch 'n Mieder unter deinem Wams?", legte Onkelchen noch eins nach, "gib's nur zu, ich sage es auch nicht weiter, hoho." Bauer Lenzmann schnappte das Tuch und schneuzte sich demonstrativ nach Männerart kräftig die Nase.

"Woher wissen Sie meinen Namen?", fragte Sylvia, "und wer sind Sie überhaupt?" Onkelchen wusste fast Bescheid. "Das ist einer von den Hamburger Schafehändlern, Olderbeck oder so, stimmts, min Jung?" "Georg Kanoldt ist mein Name, Herr Overbeck ist der dort." Sie sah ihn immer noch fragend an. "Ich habe gehört, wie man Sie gerufen hat", fügte er hinzu. "Aha, hm", machte Onkel Joachim und nickte Sylvia zu, als würde man von ihrer vornehmen Abstammung sprechen, "sollen wir euch jetzt allein lassen?" "Onkel, du bist ein Witzbold", sagte sie, "jedenfalls brauche ich mich wohl nicht zu bedanken für Ihre Aufmerksamkeit, es war ja nicht meins." Onkelchen, der schon deutlich schwankte, zog eine traurige Grimasse. "Och, Täubchen, sei nicht so undankbar, was wäre gewesen, wenn du ganz etwas anderes verloren hättest, und der Herr hätte es für dich aufgehoben." "Du bringst schon alles durcheinander", entgegnete sie und tippte gegen seine Glatze. Dann ließ sie die Männer stehen und bahnte sich einen Weg zwischen den Tischen hindurch.

"Hat sie dir einen Korb gegeben", meinte Overbeck. "Wieso? Sie war sehr nett." "Nicht daß ich hier auch noch zu deiner Beerdigung gehen muss." "Unsinn. Das ist ein Tanzvergnügen. Ich kenne das so, daß sich die Jungs mit den Mädchen unterhalten und nicht - er warf Overbeck einen scheelen Blick zu - griesgrämig in der Ecke sitzen." "Meinst du mich damit?" "Wen sonst." "Das hier ist nicht ganz mein Revier und außerdem ..." Frieda, die Bedienung, kam an den Tisch. "Hat es geschmeckt, Leute?" "Ganz gut." "Junge, du hast aber gar nicht aufgegessen", sagte sie zu Georg. "Lassen Sie mal stehen, das esse ich dann noch." Sie legte Overbecks Teller auf die anderen drauf, die sie schon in Händen hielt. Sie wurde angerempelt. "Pass auf, du Trottel", rief sie. Overbeck fasste zu, bevor etwas herunterfallen konnte. "Danke", sagte Frieda, "in fünf Minuten gehe ich neues Bier holen." "Fein, bringst du uns zwei mit?" Frieda schaute Overbeck an, dann drehte sie sich um und machte sich lautstark Platz zum Hinausgehen. Kurz danach erhob sich Overbeck. "Ich werde mal die Lage peilen", sagte er und verdrückte sich zwischen den Leuten wie in einem Markttreiben.

Georgs Aufmerksamkeit wurde auf die Gäste am Nebentisch gelenkt. Ihre Stimmung hatte sich gehoben, sie waren nicht mehr so verdrießlich und erzählten allerlei zotige Geschichten. Es saßen zwei Frauen dabei, denen es gefiel, sich immer mal an den Busen grapschen zu lassen. Der einen war das Kleid schon über die Schulter gerutscht, und ihre weiße Haut glänzte zwischen den schmutzigen, zerfurchten Gesichtern der Bauern wie der Mond zwischen grauen Wolken. Man versuchte, den Frauen unentwegt Bier und Schnaps einzuflößen, und Georg sah, daß sie sich auf raffinierte Weise davor schützten.

Ständig war irgendjemand der Prügelknabe in der Runde, und sie zogen über ihn her, bis kein gutes Haar mehr an ihm war, und am besten war es, wenn sein Weib ihn kürzlich mit einem Stallburschen oder sonst einem Wesen männlichen Geschlechts betrogen hatte. Glücklicherweise war das bei mehreren geschehen, so daß nicht die Gefahr bestand, daß es sich einer zu sehr zu Herzen hätte nehmen müssen. Aber auf den Krüppel schossen sich die Männer allmählich ein, was auch daran lag, daß er keine Weibergeschichte vorzuweisen hatte, die man mit allen Stilmitteln der volkstümlichen Heidepoesie nacherzählen konnte. Schließlich wurde die Forderung erhoben, eine der Frauen müsse es dem armen Versehrten besorgen, damit er hier überhaupt mitreden könne.

Nun entbrannte der Streit darüber, welche der beiden Schönen ihm zu seinem Glück verhelfen und wo der Akt vollzogen werden sollte. Die beiden Frauen konnten sich darüber ausschütten vor Lachen, und die eine verschluckte sich dabei so sehr, daß sie das Bier, das sie gerade im Munde hatte, über den Tisch prustete, und sich die Männer mit den Hemdsärmeln die Gesichter abwischen mussten. Die andere wollte zuvor wissen, ob der Auserwählte, der im übrigen so gut es ging, den Spaß mitmachte, überhaupt ein richtiges "Gemächte", wie sie sich ausdrückte, besitze, worauf jemand versicherte "Guck dir seine kümmerlichen Latten an, was daran fehlt, das hängt alles an seinem Schwanz dran." "Das will ich sehen", kreischte die andere und die Truppe grölte und hämmerte auf den Tisch.

Dem Krüppel wurde es langsam bang zumute. Die Forderung brachte den einen ins Grübeln, und er sagte "August, wie machst du das eigentlich beim Pinkeln, wo du nicht auf zwei Beinen stehen und gleichzeitig dein Ding halten kannst?" Die berechtigte Frage löste eine Reihe von mehr oder weniger phantastischen Erklärungen aus. "Er steht ja auch auf drei Beinen, hahaha, das Zeug wird direkt in den Erdboden geleitet, oder hast du den August schon mal auf den Abort geh'n sehen." "Klar, bei den Weibern, er hockt sich dabei hin wie ein Weib." "Ach hör' auf, er kann seine Latten nicht knicken." "August, kannst du deine Latten knicken?" "Er kann sogar seinen Schwanz knicken." "Oder einrollen, das glaubt ihr nicht? Er hat ihn jetzt eingerollt, stimmt's August?" August lächelte unsicher. "Unsinn, du kannst mich auch." Er machte eine unflätige Geste.

"Hört ihr, wie einen Schlauch sagt er. Pass auf", meinte der Schreihals zu den Frauen, "der steckt ihn euch im ganzen rein, und dann rollt er ihn aus und ..." "Pfui Teufel, halt dein Maul, das ist widerlich." "Du hast es ja noch nicht ausprobiert." "Also was ist nun, krieg' ich was zu sehen oder war's das schon, ihr Dummschwätzer." "Was machst du denn jetzt?" "Ich mach' die Kasse." "Häh?" Einer der Männer war aufgestanden und hatte dem Krüppel die Krücken weggenommen, und er hatte es geschehen lassen und dabei geguckt, als wäre nun der treue Hund verschwunden, der zu seinen Füßen wacht. Der Mann stellte die Krücken neben Georgs Platz an die Wand. "Das stört Sie doch nicht mein Herr, die sind nicht ansteckend." Georg schüttelte den Kopf. "Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, damit unser August nicht davonläuft." Alle lachten bei dem Gedanken.

"Was für eine Kasse?", fragte einer. "Hier ist meine Mütze, und für 'nen Kreuzer darf jeder August sein Ding rausholen." "Du Idiot, wenn's einmal draußen ist, ist das Spiel vorbei, da warte ich eben solange." "Wer weiß, ob sein Ding überhaupt einen Kreuzer wert ist." Da sagte August vorsichtig "Ich hab' mich aber seit vier Tagen nicht gewaschen." "Uhhäää", machte die eine Frau. "Lasst euch nicht abschrecken, also wer wagt es?", sagte der Mann und schwenkte die Mütze.

Overbeck kam wieder, er hatte zwei Krüge Bier in der Hand und schob Georg einen hin. "Was ist denn hier los?" "Für einen Kreuzer kannst du dem da an den Schwanz fassen", sagte Georg, dem der öde Streich allmählich auf die Nerven ging. "Dem? Nicht für einen Gulden. Und was kostet die Dicke?" "Die hat keinen Schwanz." "Mein Gott, warum bist du denn auf einmal so muffelig? Trink' was." "Du warst vorhin derjenige, dem es hier nicht gefallen hat." "Das war vorhin, inzwischen bin ich auch auf meine Kosten gekommen." "Mit der Frieda?" "Nee, aber in der Küche ist so eine Kleine, die ..." "Ich will's gar nicht wissen. Schmeckt dein Bier auch so schal?" "Zeig' mal, hm, ich find' es in Ordnung."

"Ist hier noch Platz frei?" Zwei verwahrloste Gestalten waren hinzugekommen. Der eine hatte seinen Filzhut tief ins Gesicht gezogen und man sah nur seinen Bart und die strähnigen Haare, die unter der Krempe heraushingen. Bei dem anderen war das rechte Ohr halb weg und der Rest zu einer runzligen Knolle verwachsen. Overbeck sagte "Wir warten auf ein paar Freunde." Die beiden setzten sich trotzdem hin. Der mit dem Hut schaute sich gemächlich im Saal um, er beobachtete die Tanzpaare und hörte auf die Gespräche an den Nebentischen. Der andere zitterte ein wenig wie ein Säufer und guckte immer wieder ruckartig zu seinem Gesellen, als hätte der etwas gesagt. Georg sah sein verstümmeltes Ohr und danach fiel sein Blick auf den Teller, wo noch der Rest von dem Lammfleisch lag. "Ihr seid das, die die Schafe kaufen wollen", sagte nach einer Weile der mit dem Hut. "Tut mir leid", sagte Overbeck, "ich kann deine Schafe nicht gebrauchen." Der andere grinste hässlich und drehte wieder den Kopf nach allen Seiten. Dann murmelte er "Und ihr seid sicher, daß eure Freunde hierher kommen." Overbeck entgegnete ruhig und ohne ihn anzuschauen "Das habe ich nur gesagt, damit ihr euch woanders hinsetzt."

Der Hutmann betrachtete die beiden eingehend, und Georg schien es, als würde er sich hauptsächlich für ihre Kleidung interessieren. "Was glotzt du uns so an?", fragte Overbeck. "Haben nicht oft Fremde aus der Stadt hier." "Kann ich mir vorstellen." Georg wurde es schlecht von dem Bier. Erst begann sich alles vor seinen Augen zu drehen, dann war es wieder ruhig, aber verschwommen, dann war es wieder normal. "Ist irgendwas?", fragte Overbeck. "Schon vorbei, das muss das Bier sein." Er schaute hinüber zum Nebentisch. Sie hatten den Krüppel hingestellt und zwei Mann hielten ihn hüben und drüben aufrecht und fest, daß er sich kaum rühren konnte. Jemand hatte ein Geldstück in die Mütze geworfen, aber verlangt, daß eine der Frauen das ausführen sollte, wovon die Rede war. Sie stand hinter dem armen Kerl und fingerte schon an seiner Hose herum.

Der Mann mit den Hut sagte zu Georg "Gleich gibt's was zu sehen, wenn er sich nicht vorher einmacht." Und er setzte sein dreckiges Grinsen auf. Overbeck wandte sich angewidert ab. Georg ging es wieder im Magen und im Kopf herum, er hatte das Gefühl, auf einem Schiff im Sturm zu stehen. Die Fiedel des Musikanten quietschte in seinen Ohren, und August der Krüppel jammerte "Ihr Schweine, lasst mich in Ruhe, gebt mir sofort meine Krücken, ihr Schweine." "Damit du uns entwischst, du Ratte." Seine Hose stand schon halb offen, ein schmutziger Lumpen von Unterwäsche und ein paar schwarze Haare am Bauch wurden sichtbar. Georg war nahe daran sich zu übergeben. "Meine Krücken, gib mir meine Krücken", rief der Krüppel.

Georg wusste selber nicht, wie ihm geschah, er sprang auf, schnappte die Krücken, die neben ihm an der Wand lehnten, trat an den Tisch heran und knallte die Stöcke dem Krüppel mit voller Wucht gegen den Leib. Er fiel nach hinten und auf die Frau drauf, die grässlich schrie. Ansonsten herrschte augenblicklich Totenstille. Einer der Männer, der als erster begriffen hatte, was passiert war, erhob sich und schrie Georg an "Was mischt du dich ein, du Scheißer." Er holte aus, war aber zu betrunken, um genau zu zielen, und Georg konnte nicht richtig sehen. Er duckte sich, und der Schlag ging ins Leere. Der Mann kam durch seine eigene Drehung zu Fall, aber es standen bereits zwei, drei andere vor ihm, und einer hatte sich die Krücke gegriffen, um damit auf Georg einzudreschen. Sie war zu lang, das hintere Ende blieb irgendwo hängen und sie streifte nur Georgs Ohr, das aber gleich ganz heiß wurde. "Schlag ihm die Fresse ein", rief die Frau, die unter dem Krüppel hervorgekrochen war, und jemand gab einem der Burschen einen schweren Bierkrug in die Hand. Er schwenkte ihn hoch über dem Kopf, und was noch drin war, schwappte heraus und ergoss sich über irgendjemandes Schulter. Georgs Beine wurden weich, er spürte, daß er sich nicht von der Stelle rühren konnte, und er dachte nur daran, ob es ein Holz- oder ein Tonkrug wäre, der gleich auf ihn niedersausen würde.

Zu seiner Überraschung ging der andere selbst in die Knie. Der Krug glitt ihm aus der Hand und zerschmetterte auf dem Boden. Jemand hatte ihm von hinten einen Schlag versetzt. Und dann schaute Georg nach rechts und sah, wie die Leute in der Gaststube eine Gasse gebildet hatten, durch die ein stämmiger Mann geschritten kam, mit einigen Gefolgsleuten, von denen einer jenem Raufbold eins übergezogen hatte. "Hört sofort auf mit der Prügelei", sagte der Mann mit einer Bärenstimme. "Ungehobeltes Volk." Der Mann hatte ein breites, glattes Gesicht und einen dichten, an den Seiten gezwirbelten Schnurrbart. Er trug Reiterhosen in langen, schwarzen Stiefeln, eine rote Weste mit goldenen Knöpfen und darüber einen gemusterten Umhang, der mit einem silbernen Kettchen zusammengehalten war und mit Stickereien verziert war. Er hatte Lederhandschuhe an, und was Georg am meisten auffiel, war der Parfümduft, der von ihm ausging.

Die Leute hatten offenbar gehörigen Respekt vor ihm, und die übermütigen Männer, die eben noch herumkrakeelt hatten, taten keinen Mucks mehr und kuschten vor ihm wie Bettler. Jemand rief "Er hat angefangen", und zeigte auf Georg. "Halt die Klappe", sagte der Mann, ohne den Rufer überhaupt anzusehen. Mit breit herabhängenden Armen standen die Getreuen seiner Leibgarde bei ihm, kräftige, finstere Burschen, die aussahen, als wären sie unter Räubern großgeworden. Er musterte Georg von oben bis unten mit überlegener Geringschätzung, und Georg bemühte sich, seinem Blick standzuhalten, aber er schwankte und legte die Hand auf den Bauch, wo es heftig rumorte. Der Mann wandte sich an die Menge und sagte "Seit wann werden bei uns Gäste wie Störenfriede behandelt?" "Noch niemals", gab einer zurück. "Richtig. Das Gastrecht ist eines unserer höchsten Gebote und so soll es auch bleiben. Auch wollen wir nicht, daß anderswo schlecht über uns geredet wird."

Er schnippte mit den Fingern, und hinter ihm erschien der Wirt des Hauses, der geflissentlich und als sei er in seiner redlichen Arbeit unterbrochen worden, mit einem Tuch ein Glas polierte. "Hat dieser Herr in irgendeiner Weise Unruhe gestiftet?", fragte er ihn. "Mir ist nichts aufgefallen", erwiderte der Wirt, und als ihn der Mann noch schweigend ansah, fügte er hinzu "Nein, es ist ein überaus freundlicher und bescheidener Gast." "Bescheiden heißt bei dir wohl: lange Sitzung - kurze Zeche." Einige lachten. "Herr Graf, Sie wissen, bei mir ist jedermann willkommen, ob er nun viel oder wenig verzehrt." "Gut. Was der Herr und sein Begleiter hier bestellen, geht auf meine Rechnung, verstanden." "Sehr wohl."

Dann sagte er zu Georg "Mein Herr, haben Sie Veranlassung, sich über die Behandlung in diesem Hause oder in unserem Dorf zu beklagen?" "Nein, ich möchte mich meinerseits entschuldigen, es ist wohl etwas mit mir durchgegangen, als ..." "So vergessen wir die Angelegenheit, seien Sie uns weiterhin gewogen." Er gab den beiden Gestalten, die sich an Georgs und Overbecks Tisch gesetzt hatten, ein unmissverständliches Zeichen zu verschwinden, und im Nu waren sie weg. Georg ging unsicher zu seinem Platz und ließ sich neben Overbeck nieder. Der Graf mit seinen Leuten wandte sich zum Gehen und war dann an einem anderen Tisch noch mit einer Unterredung beschäftigt. Die Leute verteilten sich wieder und eine Minute später herrschte der gleiche Lärm und das Durcheinander wie vorher.

"Ich muss mich hinlegen, mir ist so übel", sagte Georg und sah zu Overbeck. Aber der war es gar nicht, welcher neben ihm saß, sondern ein Fremder. Georg erschrak und wollte nach dem Mann rufen, der ihn eben verteidigt hatte, doch er konnte nicht so weit deutlich sehen, vor ihm wallte nur eine undurchdringliche Menge wie eine Herde wilder Tiere. Stimmen, Musik, Geräusche vermengten sich zu einem unerträglichen Rauschen.

Er zog sich am Tisch hoch und kämpfte sich halbblind durch das Gewimmel bis zum Ausgang. Das Bier und Essen stießen ihm auf, die Kehle krampfte sich zusammen, und er spürte den säuerlichen Geschmack auf der Zunge. Er torkelte auf dem Flur erst in die eine, dann in entgegengesetzte Richtung, vorbei an der Küche, wo der warme Dunst den Brechreiz verstärkte. Eine halbverdaute Ladung schoss aus seinem Magen und durch den aufgerissenen Mund und klatschte gegen die dunkle Wand. Georg rutschte mit der Hand daran ab und fiel hin, stand wieder auf, und ein paar Schritte weiter musste er sich abermals übergeben. Er hustete und keuchte, sein Schädel wollte gleich zerplatzen.

Er erwischte die Treppe, die nach oben zu dem Zimmer führte und blieb auf der Hälfte über dem Geländer hängen. Er wollte nach unten, weil es leichter war, aber jemand fasste ihn unterm Arm. "Komm' schon, hier herauf", sagte eine Stimme, und man schleppte ihn bis auf den Treppenabsatz. Er glaubte sich schon fast geborgen, als er einen schmerzhaften Schlag in den Unterleib und gleich danach auf den Nacken spürte. Er heulte auf wie ein verwundeter Hund und sah vor sich am Boden nur einen Fuß, ein Bein, an das er sich festklammerte. Aber es war keine Hilfe, denn der andere Fuß traf ihn auf den Kopf, so daß er losließ. Es waren zwei. Sie schleiften Georg über den Gang, und er merkte, wie Blut und Erbrochenes von seinem Gesicht tropfte. Sie hoben ihn hoch, und im Halbdunkel fiel sein Blick auf das verstümmelte Ohr des einen.

Von dem Gepolter war unten jemand aufmerksam geworden, und man hörte Friedas Stimme, die rief "Was ist denn da oben los?" Einer hielt Georg die Hand vor der Mund, der andere sagte "Ist gar nichts, Frieda, bloß was umgefallen." Und schon bekam Georg wieder einen Schlag, daß er schmerzlich winselte. "Hier rein", schnaubte der mit dem Hut und öffnete die Tür zu einer Kammer. "So, und jetzt werden wir dich mal ein bisschen auseinandernehmen", sagte er und gab Georg links und rechts eine Ohrfeige. "Untersuch' ihn, ich will alles, was er bei sich hat."

Der andere gehorchte. "Wo ist das Geld, los raus mit der Sprache, oder wir werden ..." Georg spürte, wie ihm ein Strick um den Hals gelegt wurde. "Ich zähle bis drei, dann zieh' ich fest." Georg röchelte und wollte sprechen, aber er konnte nicht. "Eins ..." Die Tür fiel ins Schloss, es war plötzlich für einen Moment still, da hörte man etwas knacken und einrasten, wie eine starke Feder, die gespannt wird. "Lass ihn los oder ich knall' dich ab", sagte Overbeck, der dem Schurken eine lange Pistole an die Schläfe hielt. "He, nicht so hitzig, ich tue ihm ja nichts, wir wollten bloß ..."

Overbeck gab Georg einen weichen Stoß, daß der zur Seite fiel und sofort ein Stück weiter weg kroch. "Nimmst du erstmal das Rohr da weg", sagte der Mann. Overbeck schlug ihm mit dem Pistolenlauf den Hut vom Kopf und zielte dann wieder direkt auf ihn. "Ich werde dir jetzt deine beschissene Birne wegreißen." Der andere stand noch ganz verdattert da, er ließ das Geld fallen, das er aus Georgs Taschen genommen hatte. Overbeck wurde eine Sekunde davon abgelenkt, und der Mann fasste die Hand mit der Pistole und drückte sich nach oben, aber im nächsten Augenblick sackte er in sich zusammen. Overbeck zog eine Messerklinge aus seinem Bauch, und der Mann presste sofort die Hand darauf und stöhnte. Sein Kumpan war in der Zwischenzeit zur Tür hinaus gesprungen. Overbeck entspannte die Pistole und steckte sie in seinen Gürtel. Er packte den Liegenden und zerrte ihn aus dem Zimmer bis zur Treppe. Er hielt sich am Geländer fest und gab ihm einen Tritt, daß er die Stufen hinunter purzelte.

"Ist alles in Ordnung", fragte Overbeck Georg, der an die Wand gelehnt auf dem Boden saß. "Geht so", hauchte er, "wenigstens brauchen wir die Zeche nicht zu bezahlen." Overbeck lächelte. "Du machst noch Witze." "Kannst du mich ins Bett legen?" "Klar." "Und mach' bitte das Fenster auf, ich brauche frische Luft." Ungeachtet der Schmerzen, die er bei der Schlägerei davongetragen hatte, fiel Georg in Reglosigkeit und merkte auch nicht mehr, wie Overbeck das Blut von den Kratzern auf seinem Gesicht abwusch. Er glaubte, Georg sei in eine Art Ohnmacht gefallen, und als er feststellte, daß sein Atem ruhig ging, ließ er ihn schlafen.

Am Morgen erwachte Georg, und das erste, was ihm auffiel, war ein aromatischer Geruch wie von einer Waldwiese im Frühling. Ihm taten ein paar Beulen weh, aber alles in allem war sein Zustand nicht so schlimm, und auch der Magen war anscheinend wieder auf dem Weg der Besserung. Frieda lief im Zimmer ein und aus und wischte den Boden sauber. "War ich das?", fragte Georg. "Möglich, ist aber nicht so wild, hier kotzt fast jeden Abend einer irgendwohin." Georg lächelte. "Woran das wohl liegt." "Meistens daran, daß die Leute weniger vertragen als sie glauben. Hier war auch Blut, 'ne ganze Menge sogar, hast du dich verletzt?" Georg zögerte, dann sagte er "Ja, ich bin gefallen." "Gefallen? Ein gefallener Engel", sagte sie bedächtig und nicht ohne eine gewisse Freundlichkeit. "Mein Kamerad hat mich verarztet. Die Luft tut gut, es riecht so angenehm." "Das ist das Kräuterkissen, das ich dir ins Bett gelegt habe." "Sie haben mir ein Kräuterkissen gegeben? Das kleine hier?" "Da steckt ganz viel gutes Zeug drin. Durch den Schweiß strömt das Aroma aus." "Na, geschwitzt habe ich allerdings, jetzt ist es wohl ausgelaugt." "Zeig' mal." Sie schnupperte daran. "Da ist noch genug drin." Dann kam sie nahe an Georg heran und sagte "Und du bist auch noch nicht leergeschwitzt. Hat dir schon mal jemand gesagt, daß du 'n ganz netter Kerl bist?"

Georg stand auf und zog sich seine Kleider an. "Das höre ich ständig", sagte er. "Du kleiner Affe", rief sie und gab ihm einen Schubs, daß er zurück aufs Bett fiel. "Au, Sie tun mir weh", zischte er. "Oh, tut mir leid, dafür darfst du mich Frieda nennen." "Gefällt es dir eigentlich hier, Frieda, ich meine so mitten in der Heide unter lauter ..." "Unter lauter Schafen und Bauern?" "Und unter Sternen, muss ja ein toller Anblick sein bei klarer Nacht." "Mach dich nicht lustig über mich, du weißt nicht, was hier alles so vorgeht." "Ein bisschen kann ich mir das denken, nach dem gestrigen Abend." "Das war noch gar nichts." "Ach, mir hat's gereicht", sagte Georg und befühlte seine geprellten Rippen.

"Du hast Recht, es ist meistens stinklangweilig hier." "Bist du verheiratet?" "Fast. Ich muss bloß warten, bis er wieder da ist, mein Eddie, dann wird Hochzeit gefeiert." "Eddie?", fragte Georg und dachte daran, daß das andere Mädchen gestern denselben Namen erwähnt hatte. "Ja Eddie, kennst du ihn etwa?" "Woher sollte ich?" "Kann ja sein, wenn ihr immer so in der Weltgeschichte umherkutschiert." "Wo ist er denn?" Frieda druckste herum. "Auswärtig. Er muss etwas erledigen." Georg ging ein Licht auf. "Er ist im Gefängnis?" "So kann man's nicht nennen, es ist eine Art Fabrik, er verdient da sogar was." "Dann ist er ja eine richtig gute Partie", sagte Georg und bemerkte Friedas betretenen Gesichtsausdruck. "Oh, ich habe das nicht so gemeint, ich freue mich für euch." "Ehrlich? Die meisten Leute hier finden es abscheulich." "Na, ich kann dazu nichts weiter sagen", entgegnete Georg.

Er hielt das Kräuterkissen nochmal an die Nase. "Das ist eine heilsame Erfindung." "Man kann damit auch jemanden vergiften, jedenfalls erzählt man sich das, es kommt nur auf die Kräuter an und wann man sie pflückt und so'n Brimborium, eben Hexenkram." "Tatsächlich?", nuschelte Georg in das Kissen und schaute Frieda über den Rand hinweg an. "Dann muss ich dir ja doppelt dankbar sein." "Was hast du gesagt? Ist das hier dein Hut, die olle Schüssel?" "Nein, nie gesehen. So dann werde ich mal meinen Kompagnon suchen, also mach's gut Frieda." "Mach's gut Äffchen. Willst du das Kissen mitnehmen?" "Ach, lass nur, wenn ich das nächste Mal herkommen sollte, brauche ich es vielleicht wieder." 'Äffchen', dachte er, 'das hat auch noch niemand zu mir gesagt. Und überhaupt, wieso sollte ich Eddie kennen, wenn er im Knast sitzt.'

Overbeck hatte mit Lommes', des Stallburschen Hilfe, die Schafe bereits auf zwei Wagen verteilt. Er war sehr zeitig aufgestanden und hatte Georg noch schlafen lassen. Auch das Geschäft mit Bockelbrook war abgewickelt. Georg dachte daran, daß Overbeck das Geld, das die beiden Männer ihnen rauben wollten, sorgsam versteckt hatte und es war auch besser gewesen, daß Georg nichts davon wusste.

Ein paar Bauern und Dörfler standen herum und verfolgten mit scheinbar gleichgültigen Mienen, wie die Schafe verladen und die Pferde angespannt wurden. Zwei oder drei gaben sogar kurze Hinweise, die zwar nur so hingebrummt, aber dennoch nützlich waren, und Overbeck befolgte sie ohne sich dafür zu bedanken. Er und Georg übernahmen die eine Fuhre, Lommes die zweite, und der sollte dann mit dem leeren Wagen wieder zurückkehren oder auch irgendetwas mitbringen, worum sich Overbeck nicht weiter scherte.

Sie fuhren auf demselben Weg Richtung Norden nach Hamburg, durch die flache, eintönige Landschaft, das Wetter war günstig und die Tiere verhielten sich ruhig. Georg sprach mit Overbeck über den Grafen, der gestern im Gasthaus aufgetaucht war, und Overbeck hatte noch einiges über ihn in Erfahrung gebracht. Demnach war er Eigentümer einer ziemlich großen Fläche Heidelandes und mehrerer Höfe sowie umfangreicher Herden, Oberhaupt eines alteingesessenen Clans, und die Obrigkeit in Person in einer Gegend, wo die herzogliche oder irgendeine Staatsgewalt nur sehr beschränkten Einfluss hatte. Recht und Ordnung lagen in seiner Hand, und wie er sie durchsetzte, davon hatten sie gestern ein Beispiel erlebt.

"Ich wollte um nichts in der Welt hier leben und arbeiten müssen", sagte Georg, "und wenn ich der leibhaftige Sohn des Grafen wäre." "Wieso nicht? Man kann es auch hier zu Reichtum und Ansehen bringen, die Natur hält alles bereit, was man dafür benötigt." "Ja, die Natur", erwiderte Georg und dachte daran, wie Overbeck gestern noch ganz anders geredet hatte. 'Er wird doch nicht mit dem Grafen schon irgendwas ausgehandelt haben?', dachte er.

Er ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Unzählige Wolkenberge hingen leicht und unbeweglich am blauen Himmel, Gras und Heidekraut bedeckten den Boden, dazwischen leuchteten sandige Flecken. Wacholdersträucher, Gestrüpp und dichte Wäldchen beherbergten Vögel und Wild. An sumpfigen Wassern standen stocksteife Reiher, und als sie mit den Wagen vorbeirumpelten, flogen sie davon. Hasen wetzten über die Äcker, ein Fuchs streifte an einer Hecke entlang. Auf einem dürren Baum saß ein Sperber und ruckte herrisch mit dem Köpfchen.

"Aber die Leute hier sind ziemlich roh", meinte Georg. "Das ist wie überall. Wenn es Grund genug gibt, aufeinander neidisch zu sein, dann geschieht es auch. Wären wir als arme Landstreicher hierher gekommen, dann wäre das - er deutete auf Georgs blauen Fleck am Auge - nicht passiert. Kein Mensch schlägt einen andern ohne Zwang." "Soll das heißen, ich bin selber schuld daran." "Man sollte jedenfalls immer daran denken: man bringt die Leute erst dazu böse zu sein." "Ach, das klingt ja geradezu nach Bitte um Vergebung, ich wusste gar nicht, daß du so ein reumütiger Mensch sein kannst." "Bin ich auch nicht. Ich will dir was sagen: Ich bin nicht in einem Federbett auf die Welt gekommen, aber ich will es schaffen, meinen Lebtag noch darin zu schlafen, und es sollten wenn möglich nicht bloß meine letzten Stunden sein.

Aber wenn du aus diesem armseligen Leben raus und in ein besseres hinein willst, dann geht das nur auf Kosten anderer, denn alle wollen höher hinaus, alle wollen in diesem schönen, weichen Bett schlafen. Und du musst es geschickt anstellen, wenn du dich gegen die andern durchsetzen willst. Du kannst ihnen ja nicht einfach den Schädel einschlagen, das geht nicht gut, und es bringt dich darüberhinaus um dein Seelenheil. Du musst dir von den Menschen das nehmen, was du brauchst und was dir nützt, am besten so, daß sie es nicht merken oder es nicht als Verlust empfinden. Aber das ist schwierig, sie wehren sich und bekämpfen dich ebenso.

Deshalb ist es das beste, wenn du ihnen auch etwas dafür gibst, so daß sie das Gefühl haben, es ist ein Geschäft zu beiderseitigem Vorteil, verstehst du, es ist ein Tauschhandel. Sie sind zufrieden und sind auch nicht böse auf dich, es gibt keine Veranlassung und keine Berechtigung dich zu schlagen, denn du hast ihnen ja Gutes getan." "Das erinnert mich an die spanischen Eroberer in Amerika, die den Indianern Glasperlen für Goldschmuck gaben." "Genauso ist es auch. Und die Indianer waren glücklich dabei." "Anfangs schon, bis sie gemerkt haben, daß sie betrogen wurden." "Ja nun, Betrug entsteht aus Habgier, und Habgier entsteht aus einer falschen Einschätzung der eigenen Vermögens Verhältnisse."

Georg lachte. "Was soll denn das wieder heißen?" "Man muss immer sein Maß finden. Wenn ich auf einem Strohsack liege und von dem Federbett träume, dann ist das angemessen, ich verzichte auf den Baldachin darüber oder den goldenen Nachtopf darunter. Und wenn ich dermaleinst in dem Federbett liege, dann danke ich Gott jeden Abend dafür und bete, es möge morgen noch genauso sein, aber ich wünsche mir kein größeres Bett, nur weil letzte Nacht mein linkes Bein herausgehangen hat, oder ich wünsche mir auch kein zweites Bett, nur weil mein Nachbar zwei hat. Man muss immer maßvoll bleiben und daran denken, wie anstrengend es war und auch gnadenvoll, das zu erlangen, was man besitzt, und daß man morgen schon alles wieder verlieren kann."

Auf dem hinteren Wagen fing Lommes zu singen an. Overbeck rief ihm zu "He, willst du die Schafe wild machen?" "Im Gegenteil, Gesang beruhigt sie." "Gesang ja, aber kein Gejaule wie von einem Wolf." "Nicht doch, kennt ihr das Lied von dem Heidemädchen, das in den Sohn des Grafen verliebt war?" Georg musste lachen. "Klar, der Sohn saß im Gefängnis und sie hat auf ihn gewartet." Lommes schwieg, offenbar überlegte er. Dann sagte er "Stimmt, das gibt es auch, aber ich meine ein anderes, es geht so ..." Er sang eine herzzerreißende Weise von der besagten Maid und ihrem Geliebten, eine dramatische Geschichte, die in einer Strophe bei Mondschein gipfelte, in der sich die beiden vereinigten, bevor der Liebhaber den Tod findet. "Ganz schön langweilig", rief Overbeck. "Findet ihr? Es gibt auch eine Variante dazu." "Für den Schluss?" "Nein, für die Stelle, wo von dem Vater des Mädchens die Rede ist, ich singe sie euch vor." Er war nicht davon abzuhalten, und so ließen sie ihn singen.

"Trägst du die Pistole eigentlich immer bei dir?", fragte Georg. "Nur wenn ich so wie jetzt unterwegs bin. In der Stadt ist es unsinnig, mit so 'ner Kanone herumzulaufen." "Kann ich sie mal ansehen?" Overbeck schien von der Bitte nicht begeistert, holte dann widerwillig die Pistole aus dem Gürtel und gab sie Georg. "Sei vorsichtig." "Ist sie geladen?" "Ja." Es war eine elegante Steinschlosspistole mit einer Verzierung am Griff, die wie Fischhaut aussah. An der Seite war der Namenszug J.Manton eingraviert. "Ist das der Name des Besitzers?" "Nein, sie gehört mir, das ist der Name des Waffenmeisters, der sie gefertigt hat, Joseph Manton. Aber genaugenommen ist sie nicht aus seiner Werkstatt, dann wäre sie unbezahlbar. Es ist eine Imitation." "Trotzdem sehr gut." "Finde ich auch." Lommes sang jetzt ein anderes Lied, er gab sich alle Mühe, daß sie ihn vorn hören konnten.

........................................Ein kecker Bube aus der Stadt,
........................................der einen Taler übrig hat,
........................................kam in ein Heidedorf hinein,
........................................mag er uns nur willkommen sein.
........................................Kam in ein Heidedörfchen hi-hi-nein,
........................................mag er uns nur willkommen sein.

Overbeck lachte. "Meint er uns damit?" Georg hatte nicht hingehört, er war mit der Waffe beschäftigt. "Ich weiß nicht. Warum steckt der Stock im Lauf?" "Damit die Kugel nicht herausrutscht." "Deshalb ist wohl auch der Draht da?"

"Ja, er hält den Stock geradeso fest. Er würde aber rausfliegen beim Schuss, ich habe es ausprobiert." "Er würde wie ein Pfeil abgeschossen werden?" "Ungefähr so, ja." Lommes sang munter weiter.

........................................Der Gastwirt rief: oh welche Ehre,
........................................daß so ein Städter hier einkehre.
........................................Nimm er nur Platz auf dieser Bank,
........................................ihm wird gegeben Speis und Trank.
........................................Nimm er nur Platz auf dieser Ba-ha-hank,
........................................ihm wird gegeben Speis und Trank.

"Hast du das Schießen trainiert?" "Früher, eine Zeitlang, auch mit anderen Waffen, das hier ist eigentlich eine Duellpistole." "Hast du sie schon dafür gebraucht?" Overbeck schüttelte den Kopf. "Nein, soweit ist es noch nicht gekommen." "Hättest du gestern wirklich geschossen?" "Schwer zu sagen."

........................................Er frisst und säuft soviel er kann
........................................und bändelt mit den Mädchen an.
........................................Er geht dem Bauern an den Kragen,
........................................will sich raufen, will sich schlagen.
........................................Dem Bauern geht er an den Kra-ha-gen,
........................................will sich raufen, will sich schlagen.

"Hör' nur, ich glaube, der will uns ärgern", sagte Overbeck. Lommes sang mit solcher Inbrunst, als wäre es das Credo in der Kirchenmesse.

........................................Benimmt sich wie ein dreistes Schwein,
........................................der Bauer sagt: das ist nicht fein.
........................................Ein fester Tritt ihm jetzt gebührt,
........................................flugs in den Hintern ausgeführt.
........................................Ein fester Tritt ihm jetzt gebüh-hü-ret,
........................................in seinen Arsch gleich ausgefüh-ret.

"He, du Spinner", rief Georg, "wovon singst du da?" "Oh nichts, es ist eine lustige Geschichte, die man sich bei uns erzählt, sie hat auch noch eine Schlußstrophe." Overbeck sah, wie Georg mit der Pistole herumfuchtelte. "Vorsicht Kleiner, nicht so leichtsinnig damit."

Georg durchfuhr plötzlich ein seltsames Gefühl, eine Mischung aus Angst und Rachsucht. Die dumme Trällerei des Bauernburschen, der sich über ihn lustig machte, und Overbecks 'Kleiner', das er gewiss nicht böse gemeint hatte, das Georg jetzt aber empfindlich traf, beides zusammen wirkte wie ein Angriff auf ihn. Er glaubte in einer Falle zu sitzen, und die Bedrohung von gestern, als er sich in der brutalen Gewalt der beiden Männer befand, die ihn erdrosseln wollten, schien erst jetzt in seinem Innern richtig durchzuschlagen. Er begann zu zittern, riss die Augen weit auf und schnaubte wutentbrannt. Overbeck versuchte mit der Hand seinen Zorn abzuschwächen und sagte "Bleib' ruhig und gib mir die Pistole." Lommes trieb es auf die Spitze.

........................................Der Bube kugelt sich im Dreck,
........................................am Morgen ist er schleunigst weg,
........................................und kehrt zurücke in die Stadt,
........................................die so viel dumme Buben hat.

"Lass das, hör auf und gib mir das Ding zurück", rief Overbeck, als Georg den Hahn mit beiden Daumen spannte. Er drängte Overbeck beiseite, daß er sich festhalten musste, um nicht vom Kutschbock zu fallen, stellte sich auf und drehte sich zu Lommes um, der leider mit selig geschlossenen Augen den Refrain wiederholte.

........................................Und kehrt zurücke in die Sta-ha-hadt,
........................................die so viel dumme Buben ...

"Da hast du deine Schlußstrophe, du Arschloch!", schrie Georg außer sich und drückte ab. Overbeck hatte unwillkürlich die Leine straff gezogen, und die Pferde machten einen ruckartigen Schritt, wodurch Georg wankte. Es gab einen gewaltigen Knall, der sich über die ganze Heide ausbreitete, und der Rückstoß war so stark, daß er Georg die Pistole aus der Hand riss und Overbeck sie greifen konnte.

Wie dieser es beschrieben hatte, so war zuerst der Ladestock herausgeflogen und in dem Holz der Sitzbank zwischen Lommes' Beinen steckengeblieben. Die Kugel aber hatte irgendein Metallteil getroffen und war daran abgeprallt, dann war sie an Lommes linkem Ohr vorbeigesaust, und sie wäre durch seinen Schädel gegangen, wenn er nicht blitzschnell vom Wagen gesprungen, oder genauer gesagt, gestürzt wäre.

Er schlug auf der Erde auf und verstauchte sich das rechte Handgelenk so sehr, daß es augenblicklich anschwoll wie ein abgebundener Schlauch, in den Wasser gefüllt wird. Lommes heulte und jammerte und rief "Du Mörder, du gottverdammter Mörder!" Overbeck behielt die Übersicht. Er stieß Georg zu Boden, wo dieser sich von seinem Wutanfall erholte und leise vor sich hin schluchzte. Durch den Schuss und die Aufregung waren die Schafe wild geworden, blökten wie von Sinnen und versuchten zu entkommen. Lommes' Wagen hielt dem Drücken und Drängen nicht stand, und seitlich brachen zwei hölzerne Streben, drei Schafe plumpsten in das Heidekraut, rappelten sich auf und rannten sofort weg. Die anderen sprangen hinterdrein.

Overbeck schrie "Wir müssen sie aufhalten", aber die Herde ging auseinander und löste sich auf, und die Tiere suchten nach allen Seiten das Weite. Da gelang es zweien, über den Rand des vorderen Wagens zu klettern, und nur mit aller Mühe konnte Overbeck die anderen zurückschieben und verhindern, daß sich auch dieser Wagen entleerte. "Du bleibst hier und passt auf, daß keins wegläuft, bist du dazu in der Lage?", sagte er zu Georg. Der nickte stumm und zog sich am Wagenrad hoch. "Tut mir leid", brachte er halblaut hervor. Overbeck winkte verächtlich ab. Dann ging er zu Lommes und half ihm auf die Beine. "Es nützt alles nichts, wir müssen sie einzeln wieder einfangen." "Zu zweit? Wir haben nicht mal einen Hund." "Du kannst ja ein bisschen bellen", sagte Overbeck giftig, aber Lommes ließ sich jetzt nichts mehr gefallen und gab zurück "Und du wackelst mit dem Schwanz dazu."

Dann verriegelten sie notdürftig die zerbrochene Wagenflanke, ein paar Schafe waren oben geblieben und schauten ihnen dabei zu, als wollten sie sagen 'Das habt ihr davon, daß ihr uns von zu Hause wegschleppt'. Georg hatte sich wieder auf den Kutschbock gesetzt, und er sah die beiden in weiten Bögen über das flachhügelige Gelände streifen. Sie riefen "Ho" und "He", aber nur zwei, dreimal scheuchten sie ein Schaf in ihre Mitte und weiter vor sich her. 'Wie soll man die jemals wieder zusammenkriegen?' dachte Georg, und dann verlor er Lommes und Overbeck irgendwo am Rande eines Wäldchens aus den Augen.

Erst Stunden später kam Overbeck wieder. Georg hatte sich unter den Wagen in den Schatten gelegt und war eingeschlafen. Overbeck weckte ihn und sagte, sie hätten ein leerstehendes Weidegatter gefunden, wo es auch eine Hütte gibt und eine Wasserstelle. Er und Lommes hätten beschlossen, dort die Nacht zu verbringen. Georg dachte 'Hat er es wirklich nicht allein so entschieden, sondern den Burschen um Rat gefragt?' Dann fragte er "Wieviel von den Schafen habt ihr wieder eingefangen?" "Fast alle. Da hinten ist ein kleiner Fluss, da konnten wir sie zusammentreiben."

Sie fuhren mit beiden Wagen zu der Koppel. Inzwischen dämmerte der Abend, ein schmaler heller Streifen war am Horizont, auf der anderen Seite funkelten die ersten Sterne der Nacht. Lommes saß an einem Feuer. Er hatte in einem geschützten Erdloch in dem Nebenschuppen einen Haufen Kartoffeln gefunden, die er in die heiße Asche legte. Als sie die Kartoffeln aus der verkohlten Schale pulten, war es schon dunkel. Lommes redete mit Overbeck, aber er tat so, als wäre Georg nicht da. Das mit der Pistole würde er ihm wohl niemals verzeihen, aber Georg war froh, daß er ihn nicht verwundet oder gar erschossen hatte. Nur sein Handgelenk war noch erschreckend dick und auch blutunterlaufen. "Tut es noch weh?", fragte Georg vorsichtig. Es war eine dumme Frage, und Lommes fauchte zurück "Was geht es dich an." Das war das letzte, was sie miteinander sprachen.

In der Hütte war auf einer Seite Stroh ausgebreitet. Obwohl Georg den ganzen Nachmittag verschlafen hatte, war er schon wieder müde und legte sich hin. Er hörte das Holz im Feuer knacken und knistern. Overbeck und Lommes sagten ab und zu etwas, aber man konnte sie nicht verstehen. Er schlief ein und träumte von einer Beerdigung, bei der ein goldenes Schaf zu Grabe getragen wurde. Dann wandelte sich die Trauerfeier zu einem Karneval, und Georg tanzte mit einem Mädchen, das die Kräuterprinzessin war. Er erwachte frühmorgens und ging nach draußen. Der Morgenhimmel war purpurrot, die Venus überstrahlte noch die Helligkeit. Er dachte an den Homer, wo es heißt: Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte - so ist es noch immer.

Er schaute sich um, aber von den beiden anderen war keiner zu sehen. In der Nacht hatte er bemerkt, wie Overbeck sich auf das Stroh schlafen legte. Er ging zu dem Zaun, in dem die Schafe waren. Sie standen dichtgedrängt und ruhig, es waren aber zu wenig. Da entdeckte Georg, daß der Wagen fehlte, den Lommes gelenkt hatte. Er rief nach Overbeck, aber nur ein einziges Schaf antwortete mit einem Blöken, als beschwerte es sich über das Geschrei. Er ging zu dem kleinen Brunnen, wusch sich das Gesicht und trank einen Schluck. Am Rand der Feuerstelle fand er ein paar geröstete Kartoffeln, die er aß. Dann wusch er sich abermals die Hände.

Er sah Overbeck, der hinter der Hütte hervorkam. "Wo warst du? Was ist passiert?" "Lommes ist weg, mit dem Wagen und der Hälfte der Schafe." "Aber wie hat er das fertiggebracht? Hast du nichts gehört?" "Hast du was gehört?", sagte er vorwurfsvoll. "Wenn du nicht durchgedreht hättest, wäre uns das alles erspart geblieben." Georg schwieg. Sie standen neben dem erloschenen Feuer. Overbeck stieß mit dem Fuß gegen eine leere Tonflasche und schleuderte sie im Bogen weg. "Der hinterhältige Schuft hat mich betrunken gemacht mit seinem Heidefusel. Deshalb habe ich geschlafen wie ein Murmeltier." Georg sah ihn an. Overbeck, der sich besoffen machen und die Schafe klauen lässt, das konnte einfach nicht wahr sein.

"Ich habe die Spur verfolgt, sie geht in die Richtung, aber er hat mindestens drei Stunden Vorsprung." "Und was willst du jetzt tun?" "Wir bringen die Schafe in die Stadt, in einen Stall am Grasbrook, von dort gehen sie übermorgen zum Hafen." "Dann ist dir das halbe Geschäft durch die Lappen gegangen." Overbeck spuckte aus. "Was soll's, das hole ich mir beim nächsten Mal wieder rein. Komm' hilf mir beim Aufladen." "Wo sind wir hier überhaupt?", fragte Georg. "Etwa eine Stunde dort hinüber liegt Vierzig Stücken." "An der Alten Süderelbe?" "Ja, aber wir fahren in die andere Richtung, nach Moorburg." "Wie weit ist das?" "Zwei Stunden schätze ich." Georg wusste nicht warum, aber er hätte darauf wetten können, daß immer noch alles nach Overbecks Plan verlief.


Ende des Ersten Teils



Namen, Orte und die Bezeichnung von natürlichen, historischen oder künstlerischen Objekten und Ereignissen, der Inhalt von Theorien oder religiösen Anschauungen, die Wiedergabe von Meinungen, die Benennung und Beschreibung von Personen, Bauwerken, Landschaften etc. sind, soweit nicht historisch verbürgt oder allgemein gebräuchlich, ebenso wie die Handlung entweder frei erfunden oder literarisch abgewandelt und erheben keinen Anspruch auf formale oder inhaltliche Richtigkeit. Frühere Versionen dieses Textes sind obsolet. Jede Veränderung am Inhalt oder an der Form sowie jede kommerzielle Verwendung oder Verbreitung sind verboten.

alle Rechte bei Alexander Fuchs
99867 Gotha, Germany

Seitenanfang |