Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 10


Michael Frogard

East of the Sun. West of the Moon




Ernesto Che Guevara gewidmet

Ich sah meinen Vater auf einem Küchenstuhl vor dem Radioapparat sitzen, leicht zusammengesunken aber aufmerksam, als verkündet wurde, daß die Herren Keitel, Stumpff, von Friedeburg - allesamt Offiziere der Wehrmacht des Deutschen Reichs, in Berlin Karlshorst die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet hatten.

Er wandte langsam den Kopf zu mir herüber und schaute mich an, und ich erwartete, daß er etwas sagte, aber er schwieg, und noch während wir uns ansahen und der Rundfunksprecher mit tiefster Betroffenheit in der Stimme weitere Einzelheiten bekanntgab, hörten wir im Haus zwei Schüsse fallen und nach einer kurzen Pause einen dritten. Mein Vater achtete kaum darauf, höchstens so, als hätte sich im Wäldchen am Viadukt der erste Kuckuck dieses Jahres bemerkbar gemacht.

Aber es war kein Kuckuck gewesen, sondern der Parteigenosse Bruno Bichler, der zwei Etagen unter uns wohnte und der gerade eben zuerst seine Ehefrau Magda und dann sich selbst mit seiner Pistole erschossen hatte. Der Sohn der Bichlers war als Obergefreiter mit der Paulus Armee in Stalingrad verblieben, wo die Meldung von der Kapitulation der Deutschen Armee wahrscheinlich mit einiger Verzögerung eintraf - und die Nachricht vom Selbstmord seiner Eltern ihn bestimmt gar nicht erreichte.

Die Bichlers wurden auch erst am übernächsten Tag fortgeschafft, in einem Sanitätswagen, auf zwei Bahren, jede Leiche mit einer braunen Decke über dem Leib und mit zwei Gurten über Hals und Schienbeinen festgeschnallt. Ich schaute vom Fenster aus zu.

Mir kam der Anblick der Frau Bichler vor Augen, wie sie hinten im Garten Wäsche auf die Leine hängte und die Klammern aus einem Beutel nahm, den sie sich vor den Bauch gebunden hatte und auf dem mit buntem Stoff eine Sonne und zwei Schäfchenwolken aufgenäht waren, und darunter stand in kunstvoller Stickerei: "Frau Holle". Und wie der Bichler in seiner Parteiuniform geschniegelt und gebügelt zum Stammtisch ins "Parkschlösschen" marschierte und in der Nacht heimkam, und man dann durchs Abflussrohr sein Furzfinale mitanhören konnte, bevor er sich zur Ruhe legte.

Obwohl Bichler natürlich der zuständige Blockwart (und zwar für die ganze Straße) war, hat mein Vater zeitlebens vielleicht zehn Sätze mit ihm oder mit seiner Frau gewechselt, und nachdem sie dem geliebten Führer ins Jenseits gefolgt waren, konnte keiner mehr ein Gespräch nachholen. Mein Vater hatte nur wenig Umgang mit den Leuten, die in unserm Haus wohnten, und was etwa an ihn gerichtet war, das wurde meistens durch mich übermittelt. Ich kann nicht sagen, daß ich darauf besonders stolz gewesen wäre.

Mein Vater war Mitte vierzig, als der Krieg zu Ende ging. Ich sehe ihn genau vor mir, wie er seitlich vor dem Radio Apparat sitzt und die Erklärung der Kapitulation entgegennimmt, als wäre sie ausdrücklich für ihn bestimmt. Als würde ihm der Arzt nach der eingehenden Untersuchung die folgenschwere Diagnose mitteilen. Wie er, die Hände zwischen den Knien, die Finger ineinander verhakt - gleich einem Verliebten - ungeduldig die Antwort der Frau erwartet, der er einen Heiratsantrag gemacht hat. Oder wie ein schuldlos Angeklagter, der von einer höheren Instanz sehnsüchtig seinen Freispruch erhofft. (Diese drei Vergleiche für seine Person fielen mir freilich nicht sofort ein, als er da am Radio saß.)

Es waren, wie ich feststellen konnte, weit weniger Mut und Tapferkeit nötig, die aussichtslose Lage zu überstehen, als ich angenommen hatte. Es drehte sich zuletzt nur um ein paar Tage und Stunden, an denen die Situation auf der Kippe stand und man um sein Leben fürchten musste. Und weder mein Vater noch ich waren darauf versessen, uns für irgendjemanden aufzuopfern. Wir hatten beide nur uns selbst, die es zu retten galt. Das war in Wahrheit nicht viel - aber es war alles!

Und dennoch - als es jetzt fast vorbei war, hoffte ich auf eine Geste, auf ein Wort, auf einen bedeutungsvollen Blick, die mich bestärkt und mir versichert hätten, daß wir uns so etwas wie menschliche Würde und moralische Überlegenheit bewahrt hatten. Ich schaute meinen Vater an und ich wartete auf einen hilfreichen Kommentar, auf irgendeine gutgemeinte Bemerkung von ihm, vielleicht auch nur auf ein Seufzen aus Erleichterung. Doch er schwieg und das enttäuschte mich einmal mehr.

Und so empfand ich die Schüsse aus der unteren Etage nicht nur wie die Bestätigung dessen, was eben im Radio gemeldet worden war, sondern auch wie eine persönliche Befreiung von aller Schuld (obwohl das wahrscheinlich der wirklichen Tragik des Vorgangs nicht entsprach). Es war sozusagen der unverbesserliche Parteibonze Bichler selbst, der zuletzt alles auf seine Kappe genommen und der Volksgemeinschaft noch einen Dienst erwiesen hatte.

Erst viel später kam mir die Haltung und der Ausdruck meines Vaters vor dem Radio Apparat wieder in den Sinn und ich versuchte seitdem mehr oder weniger unbewusst, mir Klarheit darüber zu verschaffen, wie es meinem Vater in diesen Tagen und Stunden wirklich erging und wie es ihm die Jahre vorher seit dem phänomenalen Aufstieg des Diktators und während des ganzen Krieges ergangen war und was er dabei ertragen hatte - seine Last, die er auf niemand anderen abwälzen wollte.

Ich würde lange brauchen, wenn ich im einzelnen aufzählen wollte, was mir an meinem Vater auffiel, das irgendwie anders war. Ich meine natürlich keine Äußerlichkeiten, sondern ein gewisses Verhalten, manchmal nur ein Blick, eine Handbewegung, nur eine Miene oder einige Worte wie zu sich selbst gesprochen. Alles ziemlich flüchtig und unscheinbar und überdies wie von der Absicht begleitet, es zu verbergen.

Wir wohnten in G., meine Mutter war damals noch bei uns. Vater war bei der Versicherungsanstalt beschäftigt, die landesweit bekannt war und in G. ihre Hauptverwaltung hatte. Als Hitler an die Macht kam, war ich noch zu klein, um die Vorgänge bewusst wahrzunehmen. In unserer Stadt wurde das Ereignis jedenfalls groß gefeiert, die Leute hier waren durch und durch überzeugte Nationalsozialisten, und ich würde mich nicht wundern, wenn es die meisten bis heute geblieben sind.

Mit der Machtübernahme und dann, als sich Hitler zum obersten Führer proklamierte, begann für alle eine wunderbare Zeit. Nie zuvor waren Freiheit und Wohlstand des Einzelnen größer gewesen. Wirtschaft und Handel florierten, es gab keine Arbeitslosen und keine Bettler mehr. Man baute schöne lichte Wohnungen für den "Normalverdiener" und breite Straßen für neue Autos Marke Volkswagen. Familien konnten erholsamen Urlaub in einem der Kraft durch Freude Heime machen, und Dr. Goebbels sorgte dafür, daß man in den Kinos (in G. gab es allein drei, und es wurde gerade ein noch größeres gebaut) Vergnügen und Zerstreuung fand. Die Leute waren Hitler und seinen Mitstreitern in jeder Hinsicht dankbar. Sie gaben ihm ihre Zustimmung zu allem, was er tat, er führte das deutsche Volk einer goldenen Zukunft entgegen.

Das erste der grandiosen Ereignisse, das mir in Erinnerung geblieben ist, war die Olympiade. Als die Übertragungen der Wettkämpfe im Radio liefen, mit der schnarrenden Stimme des Moderators, der bei jedem deutschen Sieg und Triumph kaum mehr zu bremsen war, und mit der gewaltigen Musik, die als Untermalung diente, als öffneten sich dabei die Tore Walhallas - da sah ich zum ersten Mal, wie mein Vater von dem Überschwang und der Begeisterung, welche die Massen erfasst hatten, völlig kaltgelassen wurde. Er stimmte nicht in den Jubel mit ein (oder auch in die Häme über jede Niederlage eines Nicht-Ariers), er schüttelte sogar beim Siegesrausch mitunter sachte den Kopf, als wollte er partout nicht begreifen, wie sich so viele Menschen darüber freuen können, wenn ein Deutscher die besten Sportler der ganzen Welt bezwungen hat.

Als ich ihn so sah, hätte ich ihn fragen sollen "Vater! Was missfällt dir daran?" Ich hätte vielleicht hinzufügen können "Diese Männer machen unser deutsches Volk glücklich, sie geben ihm Stolz und Zuversicht in seine Stärke und Unbesiegbarkeit." Das war so ungefähr der Ton, mit welchem die ganze Sache in der Öffentlichkeit begleitet wurde. Wo immer man stand oder ging, konnte man die Leute so reden hören. Ich empfand das zwar deutlich, konnte mir aber solche Worte nicht zu eigen machen, weil mir, wie ich bemerkte, die richtigen Emotionen dafür fehlten. Ich konnte die grenzenlose Euphorie eines Siegers nicht nachempfinden, ebensogut hätte ich Mitleid mit ihm haben können.

Und ich gab meinem Vater die Schuld an meiner eigenen Unfähigkeit, mich der Gemeinschaft anzuschließen und anzugleichen und alles genauso miterleben zu können wie jedermann. Anstatt mich dazu anzuspornen und es mir vorzumachen, blieb er untätig und verhielt sich geradezu so, als wäre ich ihm ganz gleichgültig, als wäre es ihm egal, ob und wie ich bei meinen Kameraden aufgenommen werde. Ich musste alles allein schaffen und wünschte mir doch so sehr, daß er mich unterstützte, so wie andere Väter das mit ihren Söhnen taten.

Es war diese stumme Verweigerung, die ich seitdem immer wieder an ihm beobachtete. Als Hitler in Österreich einmarschierte, das Land dem Deutschen Reich einverleibte, und er "die größte Vollzugsmeldung seines Lebens" machte, war es ganz genauso. Mein Vater hörte die Übertragung im Radio wie mit erstorbener Miene an, während draußen, auf den Straßen und Plätzen von G., zeitgleich eine lokale Vollzugsmeldung mit Flaggenaufmarsch und Blasmusik gefeiert wurde.

Er hatte sich bei seinen Arbeitskollegen und seinem Vorgesetzten mit einer angeblichen Erkältung entschuldigt. Ich konnte ihn nicht überreden, mit zu der Feierlichkeit zu gehen, nicht einmal zu dem großartigen Scheinwerfer Spektakel am Abend, wo er mit seinem griesgrämigen Gesicht gar nicht aufgefallen wäre. Ich ging schon am Nachmittag alleine hin, ich traf meine Freunde, es gab Brause und Bratwurst und kleine Fähnchen, mit denen wir den vorbei marschierenden Kohorten zuwinkten. Ich dachte nicht mehr an meinen Vater, wie er zu Hause saß und sich von all' dem fernhielt wie von einer fremden Stadt mit fremden Menschen.

Als der Krieg begann, wurde er noch stiller, noch wunderlicher, noch unzugänglicher. Wir blieben von den Schrecken des Krieges verschont. Im Gegenteil, der Krieg verschaffte anfangs etlichen der Unternehmen in G. einen beträchtlichen Aufschwung und die allgemeine Stimmung hatte sich sowieso auf einen Endsieg eingeschworen.

Aber mein Vater schien die Entwicklung mit wachsender Fassungslosigkeit zu verfolgen und er zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Er las keine Zeitung und ging nicht unter Leute. Die geselligen Treffen und Betriebsausflüge seiner Kollegen waren ihm ein Gräuel. Dennoch wurde er an seiner Arbeitsstelle geachtet, er war fleißig und zuverlässig, oft sah ich ihn abends zu Hause über einigen Akten sitzen, die noch bearbeitet werden mussten. Aber er war schweigsam wie ein Hund, der nie ins Freie gekommen war.

Gegen Ende des Krieges wurde unsere Stadt von amerikanischen Bombern angegriffen, sie hatten es auf ein paar Fabriken abgesehen, in denen Kriegsgerät gebaut wurde, und auf die Eisenbahnstrecke, genauergesagt auf eine wichtige Brücke einer Fernverbindung. Die meisten der Bomben verfehlten ihr Ziel, der Schaden war eher gering. Amerikanische Soldaten nahmen die Stadt ein, es gab keinen nennenswerten Widerstand. Kurze Zeit später übernahmen die Russen das Kommando, für die Amis war hier offenbar nichts zu holen. Für die Russen dagegen schon. Sie demontierten die Industrieanlagen und schafften alles in ihre Heimat.

In G. wurde, unter dem Regime der Sowjets und unter Führung der Einheitspartei eine quasi kommunistische Verwaltung installiert. Alles, was mit Hitler und den vergangenen zwölf Jahren seiner Herrschaft zu tun hatte, verschwand wie von selbst über Nacht, als wäre es mit einer unsichtbaren Schicht überzogen gewesen, die es im rechten Augenblick auflöst. In diesem Sommer fuhren wir Jungs mit den Fahrrädern oft nach Roselstedt an die Kiesgrube zum Baden, es waren auch immer Mädchen dabei, es waren herrliche Tage.

Aber der kommende Winter wurde hart, und erst da musste man am eigenen Leib erfahren, daß Deutschland völlig am Boden lag. Immerhin konnte ich nicht lange nach der Kapitulation wieder in die Schule gehen und mein Abitur machen, es war alles ganz leicht, niemand fiel bei den Prüfungen durch, jeder, der mit Ach und Krach eine quadratische Gleichung lösen konnte, bekam ein Zeugnis, man brauchte überall tüchtige junge Männer.

Ich arbeitete eine Weile als kaufmännische Hilfskraft in der Ziegelei der Gebrüder Friedrich, die eine der größten Fabriken in G. gewesen war und die vereinzelten Bombenangriffe fast unbeschädigt überstanden hatte. Aber auch hier hatten die Russen viel geplündert und die Produktion der für den Wiederaufbau so dringend benötigten Ziegel lief nur schleppend wieder an.

Die Arbeit befriedigte mich überhaupt nicht. Es gab ein paar alte Männer, die seit Jahrzehnten zum Inventar gehörten und durch die politischen Umschwünge fürchterlich starrsinnig geworden waren. Es gab einige junge Arbeiter, die nur ans Geldverdienen dachten und daran, eine Familie zu gründen, ich hatte wenig Kontakt zu ihnen. Es gab ein paar, die ständig halbbesoffen waren und im Grunde nicht viel mehr vom Leben erwarteten. Meine früheren Freunde waren fast alle von G. weggegangen, und selbst meine Freundin Gabriele, ein wunderschönes blondes Mädchen, das mich schon früh in den Geheimnissen der Liebe unterwiesen hatte, verabschiedete sich eines Tages, um nach Westdeutschland zu gehen, wo sie bei einem Handelshaus eine Stelle als Sekretärin annahm.

Ich fand das Leben in G. primitiv und langweilig, mit dem verlorenen Krieg war jede Begeisterung, jedes Ideal, jede Kultur verschwunden, jedermann wollte nur in Ruhe gelassen werden, und das geistlose Geplärre der Kommunisten war wenig geeignet, echtes Vertrauen in die neue politische Führung zu erwecken. Ich fragte meinen Vater "Hast du das vorausgesehen?" Er zuckte mit den Schultern, er strich mir übers Haar und sagte "Mein Junge, wir sollten beide froh sein, daß wir noch am Leben sind." Das genügte mir freilich nicht, falls es die ganze Entschädigung für eine in die Irre geleitete Kindheit und Jugend sein sollte, was ich manchmal wer weiß wem zum Vorwurf machte. Und während ich überlegte, was ich unternehmen könnte, um endlich eine andere Richtung einzuschlagen, tauchte eines Tages mein Onkel Heinrich, der Bruder meines Vaters, auf.

Ich wusste eigentlich nicht allzu viel über ihn und kannte ihn kaum. Er war ein paarmal bei uns zu Besuch gewesen, auch als unsere Mutter noch bei uns war. Damals war er ein SS-Offizier, und als mir das auffiel und ich meinen Vater fragte, welchen Dienstgrad Onkel Heinrich habe, antwortete er: Hauptsturmführer, und bei der Hitlerjugend erkundigte ich mich und erfuhr, daß dies ein durchaus hoher Rang sei; aber ich sagte meinen Kameraden dort nichts von ihm.

Onkel Heinrich hatte hier in G. anscheinend weiter keine Bekannten, er kam nur hierher, um seinen Bruder Arnold, meinen Vater, zu besuchen. Er verstand sich gut mit meiner Mutter, daran erinnere ich mich, ich habe sie oft gesehen, wie sie miteinander scherzten. Er war auch zu mir sehr freundlich, fast kumpelhaft, aber das war durch den Altersunterschied für mich nicht so einfach zu erwidern.

Ich erinnere mich, daß wir ein paarmal zu zweit zum Angeln gingen, an die Kaulbacher Teiche; ich kann sagen: er brachte mir das Angeln bei. Aber er betonte, das Angeln in einem "stehenden" Gewässer sei nicht das gleiche wie in einem "fließenden" Gewässer. Ich verstand nicht ganz, was er meinte, aber die Art, wie er es erklärte - diese Gewissheit, als handele es sich um ein Naturgesetz und nicht, wie ich später begriff, bloß um die Berücksichtigung gewisser Bedingungen, um dabei erfolgreich zu sein - diese Art, etwas eigentlich Banales zu verkünden wie eine großartige Tat, das blieb in meiner Erinnerung an ihn haften.

Und ich weiß, daß ich später, als die Berichte des Oberkommandos der Wehrmacht von den verheerenden Schlachten im Osten im Radio kamen, an Onkel Heinrichs Feststellung über die "stehenden" und die "fließenden" Gewässer dachte und mir vorstellte, wie er mit der gleichen Überzeugungskraft seine Befehle erteilen würde. (Mir war nicht ganz klar, was er als Hauptsturmführer der SS eigentlich für eine Rolle spielte.)

Das Kriegsende lag schon zwei Winter zurück, und dauernd kamen deutsche Soldaten aus der russischen Kriegsgefangenschaft in G. an, das war nichts ungewöhnliches. Genauso wie mir der Anblick meines Vaters vor dem Radioapparat in plastischer Erinnerung geblieben ist, so entsinne ich mich des Morgens, als auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer ein Mann lag, das Gesicht zur Wand gekehrt und mit löchrigen Socken an den Füßen (Die ziemlich abgetragenen Schuhe standen ordentlich auf dem Boden).

Er war in der Nacht angekommen, mein Vater hatte ihn eingelassen, alles war so geräuschlos geschehen, daß ich nichts mitbekommen hatte. Er sah verändert aus, und ich erkannte ihn nicht sogleich. Er strich mir übers Haar (wie mein Vater) und begrüßte mich sehr freundlich. Er blieb da. Er aß gemeinsam mit uns beiden und schlief auf dem Sofa; Vater hatte ihm Bettzeug gegeben, das er jeden Morgen zusammenfaltete.

Er erzählte nicht viel von seinen Erlebnissen, aber er kam nicht aus der russischen Gefangenschaft. Er sagte, er sei den Russen "in letzter Minute entwischt". Manchmal hörte ich, wie sich die beiden Brüder abends unterhielten, sie redeten so unaufgeregt wie zwei Bauern nach einem arbeitsreichen Tag. Ihre Gespräche interessierten mich nicht sonderlich. Ich nahm an, daß Onkel Heinrich bald wieder weggehen würde. Tatsächlich war er zwischendurch ein paar Tage nicht da, aber er kam wieder.

Er brachte allerhand Zeug mit, Lebensmittel, Konserven aus der westlichen Besatzungszone. Für mich brachte er eine Lederjacke mit und ein Paar neue Schuhe, die mir gut passten. (Sich selber hatte er auch neu eingekleidet.) Ich bedankte mich. Für Vater hatte er eine ganze "Stange" amerikanische Zigaretten besorgt; Vater sagte, daß er nicht mehr raucht, seitdem Edith uns verlassen hat, und Heinrich meinte, dann soll er sie verkaufen. Vater sagte, das könnte ihn ins Zuchthaus bringen, und der Onkel lachte und erwiderte, wenn er, Arnold, das mache, so würde das wahrscheinlich passieren. Vater schwieg, und mir fiel ein, daß Heinrich und meine Mutter damals, als er zu Besuch war, auch öfter über ihn gespottet hatten.

Heinrich verkaufte die Zigaretten selbst und er gab das ganze Geld seinem Bruder, es war ein hübsches Sümmchen; er achtete, wie mir schien, darauf, daß ich dabei war, als er es über den Tisch schob. Er sagte "Nimm' es dafür, daß ich bei dir unterkommen kann." "Das ist doch selbstverständlich", brummte mein Vater. "Nichts ist heutzutage mehr selbstverständlich", entgegnete Heinrich, und ich fand die Bemerkung übertrieben. Dann war er wieder für eine Weile verschwunden. Ich fragte meinen Vater, was der Onkel vorhabe und ob er ganz hier in G. bleiben wolle. "Hast du noch nicht selbst mit ihm gesprochen?", meinte mein Vater und ich verneinte. Aber dieses "noch nicht" klang so, als würde es mich mehr angehen, als ich dachte.

Und nun muss ich etwas nachtragen, das ich bis jetzt nicht angesprochen habe und das für meine weitere "Karriere", wie man sehen wird, von großer Bedeutung sein sollte. Während des Krieges hatte mein Vater ständig im Radio "Feindsender" gehört, obwohl das natürlich bei Strafe verboten war. Für mich war das immer ein sichtbares Zeichen seiner Verweigerung gewesen, sich dem "Ungeist und der Massenhysterie", wie er es einmal in einem seiner seltenen Kommentare dazu nannte, anzuschließen. Selbstverständlich wahrte ich über seine Angewohnheit strengstes Stillschweigen.

Irgendwann, mit zwölf oder dreizehn, also in den letzten Kriegsjahren, als sich das Geschick schon gegen uns gewendet hatte, fing ich an, selbst regelmäßig vor dem Radio zu sitzen, und die Sendungen hauptsächlich aus England zu hören. Aber es ging mir nicht um die politische Propaganda oder um die Wahrheit über den Kriegsverlauf, sondern um die Musik, und zwar um eine bestimmte Art von Musik, die mich von dem Moment an in ihren Bann gezogen hatte, als ich sie zum erstenmal hörte - es war das, was man Swing oder Jazz nannte und wovon leider immer nur einzelne Stücke zu hören waren, die in mir stets das Verlangen nach mehr davon hinterließen.

Es war eine völlig andere Sphäre, in die ich entrückt wurde, und sie gab mir erst die Ahnung und dann die Gewissheit von einer bis dahin unvorstellbaren Harmonie und Vollkommenheit, in die man eintauchen konnte und wofür meine Sinne, wie mir schien, geradezu geschaffen waren, zumindest was mein Gehör oder bessergesagt mein inneres Ohr betraf.

Ich wollte alles davon hören und in mich aufsaugen, ich war wie verrückt nach jeder Melodie, jeder Note, jedem Detail. Ich hatte sehr schnell ein Gefühl dafür entwickelt, wie so ein "Song" strukturiert war und ich freute mich wie ein kleiner Junge, der von ganz allein etwas dazugelernt hat, wenn ich ihn beim nächsten Mal wiedererkannte.

Ich konnte weder selbst ein Instrument spielen noch Noten lesen, aber ich konnte über einem zugrundeliegenden Akkord die "richtigen" Töne dazu pfeifen oder summen und ich konnte sogar eine eigene Variation dazu entwickeln und mir dabei vorstellen, wie ich sie auf der Trompete oder dem Saxophon spielte (ich machte dazu phantasievolle Fingerbewegungen). Das war natürlich dilettantisch gegen das, was diese Musiker erfanden, aber ich hatte großen Spaß daran, mich auf diese Weise mit ihnen zu unterhalten.

Ich glaube, der erste echte Jazzsong, der mich derart faszinierte, war Louis Armstrong's West End Blues, mit dem Solo zu Beginn und dem gleichmäßigen, fast schon dumpfen Viervierteltakt. Die Erläuterungen im Radio waren spärlich, erst später erfuhr ich, wie die Mitspieler hießen, aber fast noch mehr als in Armstrongs Trompetenspiel verliebte ich mich in den melancholischen Charme von Johnny Dodds' Klarinette.

Irgendwann hörte ich Billie Holiday mit der Count Basie Combo. Ich dachte, der Name lautet Billy und ich wunderte mich ein bisschen über "seine" Stimme. Damals klang "Lady Day" noch ganz wie die anderen Bluessängerinnen und hatte noch nicht dieses - ich habe bis heute keine treffende Bezeichnung dafür gefunden - dieses Gicksen, mit dem sie in ihrer Spätzeit die Töne geknickt hat.

Und mit dabei war Lester Young am Tenorsaxophon, und der war ja nun die absolute Offenbarung für mich. Dieser schleppende, vibratolose Ton, der einem nichts weismachen wollte, der vielmehr die reine Wahrheit über das verriet, was der Jazz im Grunde seiner Seele bedeutete: die große, unstillbare Sehnsucht nach Liebe und innerem Frieden.

Jemand hat mir später in Havanna die Platte "Velvet Mood" mit Billie Holiday geschenkt. Darauf spielt Benny Carter das Saxophon, und das war das genaue Gegenteil von Lesters Stil, obwohl auch Carter aus derselben Quelle schöpfte, aber er hatte offenbar eine andere Vorstellung von Melodie und auch von Harmonie, und es war sehr aufregend zu hören, wie seine völlig andere Art zu musizieren sich dennoch mit Billie Holidays Gesang auf vollendete Weise vereinte.

Wenn damals mehr solche Musik gesendet worden wäre, hätte ich Benny Carter schon früher gehört, denn er war um diese Zeit in Westeuropa unterwegs und hatte eine Zeitlang mit dem Hot Club de France gespielt, der legendären Band um den Zigeuner Gitarristen Django Reinhardt und seinen kongenialen Widerpart, den Geiger Stephane Grappelli.

Dieses Quintett habe ich damals vor meines Vaters Radioapparat nicht öfter als fünf oder sechsmal gehört, und eines der Stücke war der Minor Swing. Davon gibt es bekanntlich mehrere, und ich meine diesen, bei dem am Anfang eine Phrase wie aus einem klassischen Streichquintett gespielt wird und wo der Kontrabass knallhart zum folgenden Teil überleitet. Dieses Stück brachte mich fast um den Verstand. Ich hörte es bloß dieses eine Mal und ich wäre danach am liebsten ins Radio gekrochen, um es zurückzuholen und wieder und wieder zu hören, es war zugleich der höchste Genuss und die tiefste Verzweiflung, die mir dieses Dreiminutenstück bereitete.

Ich glaube, von diesem Augenblick an war ich dem Jazz verfallen wie der Held Paris der schönen Helena und ich wurde davon abhängig wie von einer Droge, die einem über jeden Tiefpunkt des Daseins hinweghelfen kann. Und das ist der Jazz für mich bis heute geblieben: eine Anderswelt, in welche man flüchten und in der man sich sehr sicher fühlen kann wie an keinem wirklichen Ort, eine Kunst, die das Leben einigermaßen erträglich macht, wenn es sehr beschwerlich ist. Denn daß es den Jazz gibt, ist der schlagende Beweis dafür, daß dieses Leben voller Jammer und Enttäuschung sein kann.

Nach dem Krieg und als die Allierten zu uns nach Deutschland kamen, war natürlich auch viel mehr von dieser Musik zu hören. Ich lernte Louis Prima kennen und sein "Just A Gigolo" und "Chinatown", einiges vom Bigband Swing, der mir aber nicht besonders gefiel, weil ich die kleineren Besetzungen lieber mochte. Ich hörte auch zum erstenmal Benny Goodman, aus seinem Carnegie Hall Concert, und seinen Schlagzeuger Gene Krupa, der die Leute angeblich mit seinem Getrommel aus dem Häuschen brachte. Aber wie zahm war dieser Gene Krupa gegen einen Max Roach oder Art Blakey, die eine Weile später mit dem Bebop und Hardbop Furore machten!

Als mein Onkel Heinrich von einer seiner "Einkaufstouren" nach G. zurückkam, brachte er mir eine Schallplatte mit. (Er wusste inzwischen um meine Begeisterung für den Jazz.) Und vielleicht war es nur Zufall, vielleicht aber auch nicht, daß es eine Platte von Victor Records war und ausgerechnet mit dem Minor Swing vom Hot Club du France! Es war eine 78er Platte, und zu der Zeit war meine Freundin noch da, die einen Plattenspieler besaß, und wir hörten das Ding so oft, bis es wirklich kein Genuss mehr war, ich glaube, wir haben diese kleine Platte, auf der bloß vier Stücke drauf waren, regelrecht abgeschliffen.

Meine Freundin ging, wie bereits erwähnt, eines Tages nach Westdeutschland, in die amerikanische Besatzungszone, und das war die Zeit, als mein Vater mich fragte, ob Onkel Heinrich denn schon mit mir "gesprochen" habe und mich eine leise Ahnung beschlich, daß die beiden Männer einen Plan gefasst hatten, was meine weitere Zukunft betraf.

Ich fragte dann Heinrich selbst, weil ich merkte, daß er zögerte. "Vater sagt, du wolltest über irgendetwas mit mir sprechen?" "Ja, mein Junge. Es ist keine Kleinigkeit, über die wir reden sollten." Wir setzten uns ins Wohnzimmer, ich mich auf das Sofa, auf dem er nachts schlief, und er sich in einen der beiden altmodischen Sessel, die ich immer gehasst habe, weil sie den schlechten Geschmack meiner Eltern verkörperten.

Seltsamerweise machte Heinrich darin auf mich den Eindruck des SS Hauptsturmführers, der er gewesen war, obwohl er natürlich längst keine Uniform mehr trug. Er war schlank und großgewachsen (er war einen Kopf größer als mein Vater). Alle Leute waren damals abgemagert und sahen verhärmt aus, aber Heinrich hatte von Natur eine fast asketische Gestalt und dazu meistens eine ernste und sehr entschlossene Miene. (Die Scherze, die er bei seinen Besuchen mit meiner Mutter trieb, erschienen mir damals schon gekünstelt.)

Einmal hatte er gesagt, die deutschen Offiziere würden nur zu Hause träge und fett werden, an der Front fände sich keiner, dem die Uniform zu eng wäre. Auch drei Jahre nach dem Krieg herrschte immer noch Mangelwirtschaft und niemand lief Gefahr, zu verfetten; aber es waren auch keine deutschen Offiziere in Uniform mehr zu sehen. Ich fragte mich manchmal, wo sie eigentlich alle abgeblieben waren? Abgesehen von denen, die noch in irgendeinem russischen Lager steckten. Hitler war tot, und die paar Kumpane seiner Bande waren auch unschädlich gemacht. Aber das waren, wenn's hochkam, zwei Dutzend Männer, von denen keiner im Krieg selbst auch nur einen einzigen Schuss abgefeuert hatte.

Schließlich konnte Heinrich Frogard ja nicht der einzige SS Offizier sein, der den Russen "entwischt" war. Aber keiner würde sich zu erkennen geben, sondern sich, wie er es tat, irgendwo unscheinbar zwischen die übrige Bevölkerung mischen, sich in den "Zivilstand zurückversetzen", wie es mein Vater nannte, was an sich sehr harmlos, aus seinem Munde aber mit einer deutlichen Spur von Bitterkeit behaftet klang. Dennoch hätte er kein böses Wort über Heinrich gesagt, denn er war ja sein Bruder.

Und Heinrich seinerseits hatte seit seiner heimlichen Ankunft alle Anzeichen von militärischem Gebaren tunlichst vermieden, lange Zeit erwähnte er die zurückliegenden Ereignisse mit keiner Silbe und es hätte ebensogut sein können, daß er während des ganzen Krieges als Schuster die Stiefel der Soldaten repariert hatte. Aber in manchen Augenblicken, wie jetzt, als er mir gegenübersaß und im Begriff war, über etwas Wichtiges mit mir zu sprechen, da kam in seiner Haltung, in seinem Ausdruck, in der Art seiner knappen, energischen Gesten sein altes angestammtes Wesen durch und er hätte sich nie und nimmer überzeugend als ein Schuster, ja nicht einmal als Zivilist ausgeben können.

Man merkte ihm überdeutlich an, daß er in Gedanken, im Geiste mit dem Krieg noch keineswegs fertig war, daß er noch angestrengt über die laufende "Operation" grübelte, daß er sozusagen auf die Vollzugsmeldung des Untergebenen wartete, den er vor einer Stunde mit dem Befehl losgeschickt hatte. Heinrich Frogard wusste von keiner Kapitulation, die er für sich akzeptiert hätte; für ihn war die glorreiche SS, die "stärkste und tapferste Kampftruppe aller Zeiten", wie er sich später ausdrückte, niemals geschlagen, geschweige denn besiegt worden.

Und Heinrich war sich absolut sicher, daß er in seiner Überzeugung und seiner Treue zum alten Bündnis nicht allein stand, und was ich bereits vermutet hatte, das schien sich mir nun zu bestätigen: er verfügte immer noch über gute Verbindungen zu seinen ehemaligen Waffenkameraden, wo immer sie sich jetzt aufhielten. Er sagte zu mir "Ich habe, als ich 'drüben' war (damit meinte er die westdeutsche Besatzungszone) mit ein paar alten Freunden gesprochen." Er machte gleich eine Pause, als erwarte er meine Frage, und ich tat ihm den Gefallen. "Worüber?"

"Nun", fuhr er mit einer indirekten Antwort fort, "wie du leicht einsehen wirst, kann ich hier bei Arnold (er sagte nicht "bei euch") auf Dauer nicht bleiben. Und es war auch von Anfang an nicht meine Absicht", fügte er hinzu, um damit zu betonen, daß er nicht freiwillig hier gestrandet war. "Ich habe also ein paar gute Beziehungen erneuert und mich darum gekümmert, daß wir an einem andern Ort eine neue, vielversprechende Existenz aufbauen können." "Wer wir?", fragte ich ihn. "Du und ich", erwiderte er so selbstverständlich, als wäre eigentlich er mein leiblicher Vater, der mich abzuholen gekommen war. Und ich spürte, daß er nur deshalb bis jetzt gezögert hatte, mich anzusprechen, um meine Neugier zu steigern und vielleicht auch, um insgeheim zu prüfen, ob ich für seine Pläne empfänglich sei.

"Du willst also, daß ich mit dir fortgehe." "Wir beide zusammen. Es ist deine eigene Entscheidung, niemand kann dich dazu zwingen. Ich mache dir nur ein wohlmeinendes Angebot, und ich bin bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen." Hatte er sich gar nicht gefragt, welche Gründe mich dazu bewegen sollten, seinem Vorschlag zu folgen? Er sagte "Ich habe den Eindruck gewonnen, daß du hier nicht ganz glücklich bist und auch große Zweifel hast, ob du in Zukunft hier das Leben führen kannst, das du dir wünschst." Er vergewisserte sich nicht, ob ich tatsächlich so dachte.

Er sagte "Ich habe auch mit Arnold darüber gesprochen, versteh' mich richtig: nicht hinter deinem Rücken, sondern unter vier Augen, um seine ehrliche Meinung zu erfahren. Und er ist im Grunde der gleichen Ansicht. Er will allein dein Bestes, das ist für einen Vater nur zu verständlich, aber er hat genauso Zweifel, ob dir hier, unter der Russenherrschaft, ein freies Leben nach deinen eigenen Vorstellungen möglich ist. Sieh' doch selbst: fangen sie nicht schon wieder an, deine geliebte Jazzmusik zu verdammen und zu verbieten! Das wird nur der Anfang sein. Die Russen werden sich noch böse an uns rächen, das ist sicher. Sie werden diesem Teil des deutschen Volkes auf Jahre ihren Willen und ihre Willkür aufzwingen, und Ulbricht und seine Proleten werden ihre Handlanger sein."

Ich dachte an meine Freundin, die bereits in den Westen gegangen war; ich fand die Vorstellung inzwischen nicht mehr so abwegig, ich sagte "Du meinst, wir sollten uns in Westdeutschland Arbeit und Wohnung suchen? Aber warum sollte mein Vater nicht mitkommen." "Nein, mein Junge", entgegnete er, "die Rede ist nicht von Westdeutschland, sondern von Südamerika, genaugesagt Argentinien." "Wie bitte?", rief ich und mir blieb der Mund offen stehen.

Heinrich sagte ganz ruhig "Ich will dir etwas verraten. Ich habe in den letzten Jahren des Deutschen Reichs Kontakt zu einer Gruppe der Auslandsaufklärung unterhalten, welche wiederum mit einem Büro der NSDAP in Argentinien in Verbindung stand. Ich habe mit einem deutschen Offizier zu tun gehabt, einem sehr anständigen und überaus fähigen Mann, mit dem ich über unsere Zusammenarbeit hinaus eine fast brüderliche Freundschaft geschlossen habe. Dieser Herr Major war immer ein treu ergebener Kämpfer für unseren Führer und für die Partei gewesen, aber er hat die Situation angesichts der Übermacht der Russen und des Verrats der Westmächte zweifellos richtig eingeschätzt und daher Vorsorge getroffen, um gewisse ... wie soll ich sagen ... gewisse Werte, auf die sich unsere ganze Arbeit gründet, in Sicherheit zu bringen."

Mir schienen Heinrichs Erklärungen sehr umständlich, ich sagte "Onkel Heinrich, erspar' mir dein Heil und Ehre Gesülze und sag', was Fakt ist." "Du hast recht, das musst du alles gar nichts wissen. Also kurzum: der Mann hat mir ... uns angeboten, die Überfahrt nach Argentinien zu arrangieren und uns dabei zu helfen, dort Fuß zu fassen. Vielleicht lernst du ja auch die Tango Musik lieben, die sie dort spielen, ich habe gehört, sie soll sehr leidenschaftlich sein." Das sollte wohl scherzhaft gemeint sein, aber ich fand es überhaupt nicht amüsant.

Ich sagte "Als was willst du dort arbeiten?" "Ich werde mich im Handelsgeschäft betätigen", sagte er, als habe er auch das schon vorab geregelt, "und du, mit deinen kaufmännischen Fähigkeiten, kannst dir vielleicht auch etwas in dieser Branche suchen, ich bin sicher, du bekommst auf Anhieb Arbeit. Und wie gesagt, ich habe gegenüber Arnold die Verantwortung für dich übernommen, das heißt auch, daß ich unter allen Umständen für dich sorgen werde, selbst wenn du nicht gleich etwas findest. Ich bin kein reicher Mann, aber ich habe etwas Kapital, das ich glücklicherweise über die Währungsreform hinübergerettet habe (er legte kurz den Zeigefinger über die Lippen) ... aber pssst! Zu niemandem ein Wort davon, verstanden!"

"Ich kann nicht mal Spanisch", wandte ich ein. "Großer Gott, Junge, das lernst du im Handumdrehen, wenn du erst mal da bist. Es gibt in Buenos Aires sehr viele Deutsche, es gibt sogar deutsche Theater und Restaurants und deutsche Kirchengemeinden." "Ich gehe nicht in die Kirche." "Ich schätze, viele von denen gehen auch nicht in die Kirche. Und wenn alle Stricke reißen ... ich meine, Argentinien ist endlos groß, und gesetzt den Fall, du findest tatsächlich in der Hauptstadt nichts - was ich wie gesagt kaum befürchte - dann kannst du dich auch anderweitig umschauen; du bist jung und gesund, und ich würde dir für's erste aushelfen, wenn du etwas brauchst."

Ich lag bis tief die Nacht hinein wach auf meinem Bett und dachte darüber nach. Und irgendwann fragte ich mich, wieso Onkel Heinrich eigentlich wollte, daß ich mitkomme. Hatte wirklich mein Vater ihn darum gebeten? Ich stand auf und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken, und obwohl es schon nach Mitternacht war, brannte im Wohnzimmer Licht und mein Vater saß am Tisch und sortierte irgendwelche Akten von der Versicherungsgesellschaft. Er schaute nur kurz über seine Brille hinweg und nickte mir zu. Ich setzte mich auf den Stuhl, dann fragte ich ihn, wessen Idee das wäre, daß Heinrich mich mitnähme.

"Hat er mit dir gesprochen?", fragte mein Vater, fast ohne aufzusehen. "Ja, er hat mit mir gesprochen! Und ich finde, du hättest es vor ihm tun sollen." Es dauerte einen Moment. Dann richtete er sich auf, nahm die Brille ab und schaute mich an, er sagte "Es fiel mir zu schwer." "Ach ja?", versetzte ich, "Aber mich loszuwerden, das würde dir nicht schwerfallen?" "Mein Sohn", sagte er langsam, "ich schäme mich so sehr für alles, am meisten dafür, daß ich nichts für dich tun konnte. Ich würde so vieles ungeschehen machen, aber das ist unmöglich, und ich muss dies ertragen bis zum bitteren Ende. Wenn du gehst, dann betrachte dich nicht als den verlorenen Sohn, so wie ich nicht der Vater bin, der dich verstößt. Geh' hin und suche dein Glück, und wenn du es findest, dann bin auch ich zufrieden. Wenn nicht, dann kehre zurück und ich werde, wenn ich noch da bin, dir immer Einlass gewähren."

Solcherart Worte waren - verflucht noch mal - typisch für ihn, und sie blieben mir begreiflicherweise im Gedächtnis haften und veranlassten mich nicht nur einmal zu der Frage, ob dieser unergründliche Mensch wirklich mein Vater ist?

Wir flogen mit einer Junkers von Frankfurt nach Lissabon und von dort weiter nach Bathurst, einem Flugplatz an der afrikanischen Westküste, wo es, wie Heinrich mir erklärte, während des Krieges ein Areal der deutschen Lufthansa gegeben hatte. In Bathurst hatten wir einen Tag Aufenthalt, aber es war nicht möglich, das Gelände weiter zu verlassen als bis zu einem Streifen von wildem Strauchwerk, der den Eingang zum Hinterland markierte. Immerhin konnte man sich die Füße vertreten.

Heinrich traf sich mit einem Fliegeroffizier und unterhielt sich lange mit ihm. Ich fragte ihn dann, ob das sein Bekannter aus früheren Tagen wäre, aber er verneinte und sagte, es sei ein leitender Angestellter der "Syndicato Condor", einer brasilianischen Fluggesellschaft, die mit deutscher Hilfe aufgebaut worden war. Er sagte, eigentlich wäre geplant gewesen, daß wir mit einer Focke-Wulf "Condor" über den Atlantik fliegen - die Maschine sollte nach Südamerika übergeführt werden. Aber das war aus irgendwelchen technischen Gründen verschoben worden.

Stattdessen brachte man uns zu einem Dornier Flugboot, das sehr imposant, aber auch ein bisschen abschreckend aussah. Unter den Passagieren, die mit uns unterwegs waren, befand sich ein kleiner Junge, der beim Anblick des Ungetüms schreckliche Angst bekam und sich unter Tränen weigerte einzusteigen; man konnte ihn nur mit Süßigkeiten an Bord locken. Innendrin sah es sehr ungemütlich aus, obwohl man überall die Spuren einer früheren Einrichtung erkennen konnte, die sehr luxuriös gewesen sein musste.

Der Flug sollte dreizehn Stunden dauern, bis wir in Natal an der brasilianischen Küste ankommen. Die Sitze erinnerten mich an jene aus dem Kino bei uns zu Hause, man konnte sich zum Schlafen nicht richtig ausstrecken, nicht mal die Beine langmachen. Wir bekamen Decken, auf denen kleine Hakenkreuze eingewebt waren. Es gab Tee und belegte Brote, und ganz hinten befand sich eine Kabine mit Abort und Waschbecken, aber das Wasser war streng rationiert und tröpfelte nur kurzzeitig aus dem Behälter. Wir bekamen auch Bonbons gegen die Flugbeschwerden, und es gab allerhand Zeitschriften zum Lesen. (Ich hatte mir "Die Kinder des Kapitäns Grant" von Jules Verne eingepackt, ein Geschenk meines Vaters zu meinem elften Geburtstag.)

Man konnte auch - aber immer nur einzeln - ein wenig herumlaufen, sieben Schritte nach vorn und wieder zurück, man musste die Gelegenheit abpassen. Einige Männer machten auch Kniebeugen, und der Junge, der erst nicht einsteigen wollte, war kaum auf seinem Platz zu halten. Als ich aufstand, um mich zu bewegen, erhob sich drei Reihen vor mir ein Mädchen, die das gleiche vorhatte. Wir kamen uns in die Quere.

Aber ich war von ihrem Anblick so überrascht, daß ich sofort zurückwich. Ich sagte "Bitte, du zuerst." Sie sagte "Nein bitte, ich halt's noch eine Weile aus." "Nicht doch, ich halt's noch länger aus." "Das weißt du doch gar nicht." "Nein, stimmt, das weiß ich nicht genau, aber ich bin Gentlemen und ich lasse dir den Vortritt." Sie schenkte mir ein Lächeln, aber es war eher zurückhaltend. Ich zog mich auf meinen Platz zurück und vermied es, nach ihr zu schauen, wenn sie an mir vorbei ging.

Sie war einen Kopf kleiner als ich und von schlanker Gestalt. Sie hatte braunes, glattes, halblanges Haar, dunkle Augen und schmale Lippen; sie sah ein bisschen so aus, als hätte sie sich gerade von einer schweren Krankheit erholt, wäre aber wieder wohlauf. Sie trug einen dunkelblauen Rock über Strumpfhosen und einen Pullover aus Wolle, in dem ganz feine silbrige Fäden schimmerten, sie hatte Sommerschuhe an, und jetzt fiel mir ein, daß sie mir schon in Bathurst aufgefallen war, weil sie einen altmodischen Hut aufhatte, der ihr wohl nicht gehörte.

Doch ich konnte niemand weiter ausfindig machen, der oder die sie begleitete. Lediglich ein älterer Herr sprach mit ihr, als würde er sich zwischendurch immer mal nach ihrem Befinden erkundigen. Ich konnte auch nicht sehen, wieviel Gepäck sie außer einem mittelgroßen Koffer und einem Rucksack bei sich hatte, und als ich darüber nachdachte, fragte ich mich plötzlich, warum mich das überhaupt etwas anginge.

Sie blieb neben mir stehen und sagte "Okay, jetzt kannst du", und dieses "Okay" kam mir sehr abenteuerlich vor, ich konnte mich nicht erinnern, wann das jemals jemand zu mir gesagt hätte. In der Langeweile des Fluges weckte dieses Wort meine Phantasie, ich bildete mir ein, ich wäre jemand, der weit nach Westen und nach Norden flog, um in den Bergen von Kalifornien nach Gold zu suchen: 'Okay, Mann, wir seh'n uns dann am Klondike!' (Ich glaubte übrigens aus ihren Worten einen tschechischen Akzent herauszuhören und das verwirrte mich noch mehr.)

Ich ging ein paarmal auf und ab, aber nicht an ihrem Platz vorbei, ich wollte nicht aufdringlich wirken. Ich hätte mich dennoch gern mit ihr unterhalten.

Wir landeten mitten auf dem Ozean neben einem Frachtschiff, und wie sich herausstellte, wurden unsere Treibstofftanks aufgefüllt. Ein weiblicher Passagier wurde mit einem Boot auf den Frachter gebracht, offenbar zur Versorgung wegen einem Schwächeanfall. Nachher verbreitete sich das Gerücht, die Frau wäre schwanger; sie kam dann wieder und man konnte ihr nichts anmerken. Es waren auch ein paar andere auf dem Schiff gewesen, ich konnte das Mädchen die ganze Zeit nirgends sehen.

Dann stand sie auf einmal neben mir, sagte aber nichts. Ich fragte "Warst du mit drüben auf dem Schiff?" "Ja." "Gab's da was Besonderes?" "Nein, außer Schokoladen Kekse." Ich lachte. "Magst du die?" "Ja, sehr." Wir schwiegen, dann deutete sie auf mein Buch und fragte "Was liest du da?" "Jules Verne. Die Kinder des Kapitäns Grant." "Haben wir auch gehabt", sagte sie und ich fragte "Wo?" "Zu Hause." "Es spielt auch in Patagonien", sagte ich, um eine Verbindung herzustellen. "Ich hab's nicht gelesen." "Ach so."

Ich saß nicht neben meinem Onkel, und der dicke Mann, als er uns zwei so sah, sagte "Wenn Sie möchten, junges Fräulein, können wir die Plätze tauschen." "Nein danke, ist nicht nötig", sagte sie und ging, als hätte er sie beleidigt. Der Mann sagte "Ein nettes Mädchen." Ich nickte bloß.

Wir waren längst wieder gestartet und mehr als eine Stunde geflogen, als sie wieder zu mir kam, sie schaute auf den Dicken neben mir, der schlief. Ich sagte "Soll ich ihn nochmal fragen?" "Nein, lass' mal." "Ich mach's aber." "Okay", sagte sie, und ich tippte ihm vorsichtig an die Schulter, er schreckte auf. "Verzeihung, ich wollte bloß fragen, ob das Angebot noch gilt." "Bitte?" "Wegen der Plätze." "Ach so, na klar, du musst mich nur durchlassen, ich muss mich sowieso mal bewegen." "Ich sitze da vorn, neben dem blonden Jungen." "Ja, ist gut." "Nur für'ne Weile." "So lange Sie wollen, mein Fräulein."

Sie setzte sich hin und guckte die ganze Zeit aus dem winzigen Fenster. Ich fragte sie "Der blonde Junge, gehört der zu dir?" "Was?" "Reist du mit jemandem zusammen?" "Ob ich was mache?" "Fliegst du allein?" "Ja." "Ich bin mit meinem Onkel unterwegs." "Aha." "Bist du schon mal geflogen?" "Was?" "Ob du schon mal geflogen bist." "Nein." Man musste ihr jedes Wort aus der Nase ziehen. "Woher kommst du?" "Aus Prag." "Und willst du dann noch weiter?" "Warum?" "Wie, warum? Ich frage dich ja nur." "Warum willst du das wissen?" "Nur so. Wir fliegen weiter nach Buenos Aires." "Ach ja?" "Ja. Aber mein Onkel sagt, es könnte sein, daß wir ein oder zwei Tage warten müssen." "Wo?" "In Natal. Bevor es weitergeht." "Hm", machte sie, und ich war es fast leid, ihr jedes Wort aus der Nase zu ziehen.

Dann fragte sie, ohne mich anzusehen "Was macht dein Onkel?" "Ihm gehört dieses Flugzeug." Sie drehte sich fast erschrocken zu mir um. "Ist das wahr?" "Wenn ich dir's sage." "Du willst mich veralbern." "Nein. Ich will mich bloß ein wenig mit dir unterhalten. Jetzt weiß ich, wie's geht." "Indem du mich veralberst?" "Wenn du nur aus'm Fenster gucken wolltest, hättest du auch vorn die Plätze tauschen können. Gib's zu, ich bin dir gleich aufgefallen."

Sie spielte die Entrüstete. "Du spinnst ja völlig." "Ja, manchmal tu' ich das." "Wahrscheinlich dauernd." Ich sagte "Es ist auch gar nicht sicher, daß wir in diesem Natal landen." "Was soll das denn heißen?" "Na ja, vielleicht ist das so eine Art modernes Sklavenschiff. Ich habe gehört, daß es in Brasilien immer noch Sklaverei gibt und sogenannte Kolonien, wo sie ständig neues Blut, will sagen: junge Menschen brauchen, mit denen sie sich auffrischen können. Und manche ..." Ich zuckte regelrecht zusammen, als sie rief "Hör' auf damit!" Ich sah ihren entsetzten Ausdruck und das gefiel mir gar nicht. Ich hielt besser die Klappe, wer weiß, was mit ihr los war.

Sie schaute aus dem Fenster. Irgendwann sagte sie "Ich will auch nach Buenos Aires." "Wirst du dort erwartet?" "Ja." "Von Verwandten oder Freunden?" "Beides. Und du?" "Ich habe dort keine Verwandten. Mein Onkel kennt Leute von früher. Was willst du machen, wenn du dort bist?" "Was willst du machen?" "Mir eine Arbeit suchen, mich einleben. Mein Onkel hat mir versprochen, mich am Anfang zu unterstützen, aber ich will mir natürlich so schnell wie möglich eine eigene Existenz aufbauen." (Ich benutzte hier Heinrichs Ausdrucksweise.) "Was kannst du denn so? Hast du einen Beruf gelernt?" "Nicht direkt, ich bin auch noch nicht so alt, wie ich vielleicht aussehe." Sie machte eine unbestimmte Geste, dann strich sie sich das Haar hinters Ohr, und ich hatte das Gefühl, unsere anfängliche Distanz wäre überwunden.

Ich erzählte ihr, was ich bis jetzt gemacht hatte, von der Arbeit in der Ziegelei der Gebrüder Friedrich, die jetzt "Volkseigener Betrieb für Baustoffe Jewgeni Schakow" hieß. "Wer ist Jewgeni Schakow?" "Keine Ahnung, irgendein russischer Held." Ich befürchtete, ich würde sie mit meinen Schilderungen von dem belanglosen Leben, das ich in G. geführt hatte, langweilen, doch sie hörte anscheinend interessiert zu. Später fragte sie "Kannst du Spanisch sprechen?" "Ähm, nein." "Lass' mich mal durch." Ich stand auf und sie schlüpfte an mir vorbei, ich konnte etwas von ihrem Duft einfangen, er war angenehm, aber nicht verlockend.

Sie kam wieder mit einem kleinen, dicken Buch. Sie stieg einfach über meine Beine hinweg, sie sagte "Hier. Ein bisschen Zeit hast du noch, um was zu lernen." Es war ein Spanisches Wörterbuch. Ich schlug es auf, wo ein zusammengefaltetes Schriftstück, vielleicht ein Brief, zwischen den Seiten steckte. Sie langte mit ihrer schlanken, sehr geschmeidigen Hand danach, sie berührte meine dabei, sie sagte "In einer Hinsicht ist Spanisch sogar einfacher als Deutsch, nämlich was die Wortstellung im Satz betrifft." "Aha, gut", murmelte ich und fing an, darin herumzublättern. "Was suchst du?", wollte sie wissen. "Nichts. Was heißt: um Entschuldigung bitten?" "Disculpe usted por favor. Und wenn einem was leid tut, sagt man lo siento" Ich sagte "Lo siento, daß ich vorhin so'n Mist geredet habe." "De nada", sagte sie und schaute wieder aus dem Fenster.

Ich musste eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, brannte eine Schummer Beleuchtung. Neben mir saß wieder der dicke Mann, er sagte "Wir landen in etwa einer halben Stunde." Ich richtete mich auf und schaute nach vorn, aber es war alles in ein diffuses Licht getaucht. Und dann wurde es hektisch, alle mussten sich anschnallen, wir landeten auf dem Wasser, am Ufer strahlten mehrere Reihen Scheinwerfer in die Dunkelheit und von drei hohen Masten nochmal so viele auf den Boden herab.

Onkel Heinrich kam zu mir und sagte, ich solle die beiden Koffer nehmen. "Bleib' dicht bei mir, ich weiß, was zu tun ist." "Ja, gut", sagte ich und war noch ein bisschen schlaftrunken. Ich stolperte hinter ihm her, der Dicke rief mir nach "Junge! Willst du das nicht mitnehmen?" Er reichte mir das Wörterbuch, das in meinen Sitz gerutscht war. "Ja, danke", sagte ich und steckte es in meine Jackentasche.

Über eine Art Bootsanleger gelangten wir an Land, es war eine lange Schlange von Menschen, die hintereinander her trippelten. Es war empfindlich kühl hier draußen. Wir kamen in eine Halle und an ein Absperrgitter, da standen einige uniformierte Posten, manche hatten ein Gewehr über der Schulter. An einem Tisch saß ein Beamter, der die Dokumente prüfte und abstempelte. Ich schaute nach links hinüber und sah dort einen zweiten Kontrolldurchlass, und ein paar von den Ankömmlingen gingen ganz woanders hin, und dann kamen Passagiere von einem anderen Flugzeug, und plötzlich waren alle durcheinander gemengt und ich hatte Heinrich aus den Augen verloren.

Aber kurz darauf hörte ich ihn rufen und war heilfroh. Er winkte mich heran, zu einem Mann, bei dem schon einige Leute warteten, der nahm uns alle mit und führte uns in eine angrenzende Halle, in der zwei Propellerflugzeuge abgestellt waren und weiter in eine Baracke, wo wir auf Zimmer verteilt wurden, in denen nichts weiter als zwei Doppelstockbetten an den Wänden gegenüber standen, auf denen Wolldecken lagen.

Wir waren erst nur zu zweit, dann kam ein Vater herein, der seine beiden Kinder unterbrachte, ein Junge und ein Mädchen, die nicht Deutsch redeten. Sie nahmen die Betten an der einen Wand, der Vater kam etliche Male wieder und schaute nach ihnen, sie waren bald eingeschlafen, er nickte uns freundlich zu. Onkel Heinrich legte sich unten hin.

Ich knipste das grelle Deckenlicht aus und ging vor die Tür, auf dem Gang standen zwei Männer, die Zigaretten rauchten, eine junge Frau gesellte sich zu ihnen, sie beachteten mich nicht. Ich stand so an die Wand gelehnt, dann rutschte ich herab und hockte eine Weile da und dachte über die vergangenen Stunden nach. Ich holte das Wörterbuch aus der Tasche und blätterte darin. Dann erhob ich mich und ging ins Zimmer zurück, ich kletterte auf das obere Bett und zog die Wolldecke über mich. In dem Wörterbuch innen auf dem Einband stand ihr Name: Wanda Kantorova und darunter: Prag, Benediktgasse 44. Ich dachte bei mir: 'Da hin kann ich es ihr erst mal nicht bringen.'

* * * * *

Nach dem Krieg war Argentinien angeblich einer der reichsten Staaten der Welt. Es hieß, man habe Stalin angeboten, der sowjetischen Besatzungszone eine Jahresernte Getreide zu liefern, als die Landwirtschaft in Ostdeutschland ruiniert war. Felipe Tordo, ein hoher Funktionär in der Vereinigung der Viehzüchter und Besitzer mehrerer großer Schlachthöfe, behauptete, er könnte jeden Deutschen (vom Kind bis zum Greis) mit einer wöchentlichen Fleischration versorgen (er musste nicht mal darüber nachdenken, wie er das alles nach Europa schaffen würde).

Viele westeuropäische Staaten standen nach dem Krieg bei Argentinien tief in der Kreide, allen voran England, aber man hatte bis dahin schon so viel kassiert, daß man sich mit der Tilgung großzügig zeigte. Das Land schien unerschöpflich, aber zum Glück war es auch nur dünn besiedelt, es war also kein Wunder, daß immer genug da war. Argentinien hatte seit Jahrzehnten keinen Krieg geführt, der es geschwächt oder gar ausgezehrt hätte, und aus der latenten Rivalität der lateinamerikanischen Staaten untereinander hatte dieses Land eher Vorteile gezogen, es war schon immer zivilisierter als die anderen gewesen, zumindest in den eigenen Augen.

Meine erste Arbeitsstelle war Küchengehilfe in einem vornehmen Restaurant an der Avenida La Plata. Der Chef stammte aus Korsika und er befehligte den Laden wie sein Landsmann Napoleon die Grande Armee. Ich arbeitete zwölf Stunden täglich außer Sonntags, von vormittags um elf bis elf Uhr abends, ich hatte eine Gummischürze umgebunden, Gummistiefel an den Füßen, lange, schwarze Handschuhe aus Gummi und - einen Strohhut auf dem Kopf. Ich schrubbte Teller, Schüsseln, Töpfe, Pfannen, Besteck, praktisch jedesmal für jedes Gericht neu, das auf den Tisch kam. Und das Restaurant war immer gutbesucht.

Ich hatte zwei riesige Waschbecken vor mir und rechts und links und obendrüber Gitter, wo alles abtropfen konnte. Ich hatte selbst zwei Gehilfen, die das Geschirr abtrockneten, sie wechselten ihre Tücher jede halbe Stunde, wenn sie zu feucht geworden waren. Und so wie der Chef, der nur Don Umberto genannt wurde, sich wie der berühmte Feldherr gebärdete, so ging es in der Küche zu wie auf einem Schlachtschiff seines Widersachers Admiral Nelson.

Es gab einen Chefkoch, der war der "Kapitän", er lag mit Don Umberto im Dauerstreit. Sie schrien sich aus Leibeskräften an, sie beschimpften sich mit den wüstesten Kraftausdrücken und bezichtigten sich gegenseitig der Unfähigkeit, und sobald Don Umberto die Küche verlassen hatte, brachte der Chefkoch namens Ramirez die Mannschaft auf Trab als gelte es, das Schiff auf neuen Kurs zu trimmen. "Ihr habt gehört, was Don Umberto gesagt hat! Soll ich euch erst Feuer unterm Arsch machen! Tschakko! Was stehst du da 'rum und glotzt in die Luft! Mach' das Öl heiß! Ginseng! (so nannte er alle Chinesen) Warum sind die Garnelen noch nicht fertig?"

Er hatte drei Offiziere unter sich, alle drei hervorragende Köche, die ihm aufs Wort gehorchten, aber von denen jeder insgeheim dem Kapitän nach dem Leben trachtete - oder jedenfalls nach seiner Position. Dann gab es ein halbes Dutzend "höhere" Gehilfen, auch als Hilfs- oder "Afterköche" bezeichnet, die bei den gewöhnlichen Matrosen verhasst waren, aber schlau genug, diesen Hass auszunutzen. Wie das ging? Indem sie sich miteinander absprachen, wen von den ganz Geringen sie für eine besondere Schikane auswählten und damit dem Rest eine doppelte Freude machten: erstens durften sie sich mit amüsieren und zweitens froh sein, daß es sie nicht erwischt hatte. Natürlich nur für dieses Mal.

Jeder, der neu hinzukam, wurde einer solchen Schikane unterzogen, das war wie wenn man das erste Mal über den Äquator segelt. "Lass' dir nichts gefallen", sagte Onkel Heinrich zu mir, als ich ihm über das Regime bei Don Umberto erzählte. Das war in der ersten Woche, und ich war eigentlich ganz glimpflich davongekommen. Aber Heinrich, der wohl dergleichen aus seiner eigenen Militärzeit kannte, hatte eine Ahnung. Er riet mir, standhaft zu bleiben und mich zu weigern, "irgendwelchen Scheiß" auszuführen, selbst wenn man mir mit Gewalt drohte. "Prügel' dich lieber, als daß du dich erniedrigst, selbst wenn du dabei den Kürzeren ziehst. Das machen sie nur einmal mit dir, aber wenn du klein beigibst, schmieren sie dich ewig an."

So hatte ich ihn noch nicht reden hören. Und überhaupt: eigentlich hätte ich die Anstellung lieber einfach aufgegeben, als mir erst den nötigen Respekt zu verschaffen. War es das wert? Aber mir wurde klar, daß das Versprechen, mich zu unterstützen, welches Heinrich mir und meinem Vater gegeben hatte, mit der Forderung verbunden war, nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit zu versagen, sondern "sich am Riemen zu reißen", wie er sich ausdrückte und die Sache durchzustehen. "Per aspera ad astra", sagte er, "das war der Wahlspruch unseres Kommandos. Durch die Finsternis zum Licht - folge dieser Maxime, mein Junge. Du musst voranschreiten, ich kann dir dabei nur Rückendeckung geben."

Für den Abwasch wurde ständig ein riesiger Kessel mit Wasser beheizt, der auf einer Gasflamme stand und zwei Henkel hatte, der aber viel zu schwer und auch zu heiß war, wenn das Wasser darin brodelte. Daher schöpfte ich es mit einer Art Eimer am Stiel aus dem Kessel in mein Waschbecken und ließ kaltes Wasser dazu laufen, bis man darin hantieren konnte. Es war auch dann noch sehr heiß und gerade so erträglich.

Ramirez und seine Köche waren oft mit Don Umberto in einem Nebenraum, um die Speisenfolge für die Familienfeier irgendeines betuchten Gastes zu besprechen, von denen wöchentlich mindestens eine hier stattfand und die für Don Umberto natürlich ein glänzendes Geschäft waren. Diese Zeit, wenn die "Führung" gerade abwesend war, nutzten die Fieslinge von Gehilfen, die solange das Sagen hatten, um jemandem einen Streich zu spielen.

Ein gewisser Contaro, der aus San Salvador de Jujuy stammte und ein fauler Hund war, aber immer die größte Klappe hatte, tat sich hierbei besonders eifrig hervor. Er war so gemein bei seinen Einfällen die andern zu drangsalieren, daß Kapitän Ramirez ihn deswegen sogar schon zusammengestaucht und ihm gedroht hatte, er würde ihn "hochkant" rauswerfen, wenn er hier weiter den Teufel spielt. Aber jemand hatte mir verraten, daß dieses Scheusal aus der Familie eines vermögenden Mannes kommt, der Beziehungen zu Don Umberto hatte oder von dem sich Don Umberto für seine Dienste als Mittelsmann für seine Geschäfte hier in Buenos Aires bezahlen ließ. Und er hatte Contaro, der wahrscheinlich bei sich zu Hause nicht zu gebrauchen war, aus Gefälligkeit in seinem Restaurant angestellt.

Als die Köche bei Don Umberto zur Besprechung waren, und ich gerade das Wasser für meinen Abwasch erneuern musste, fehlte mir der Schöpfeimer, ich konnte ihn nirgends finden und erst recht nicht da, wo er sonst immer griffbereit lag. Ich hatte das alte Wasser bereits abgelassen, und es kam immer mehr schmutziges Geschirr herein, rasch türmten sich die Teller und alles andere. Ich suchte verzweifelt nach dem Schöpfeimer.

Da stand plötzlich Contaro neben mir, grinste mich hinterhältig an und fragte höhnisch "Suchst du etwa den hier?" Er hielt mir den Schöpfer hin, und ich sah, daß jede Menge Abfall drin steckte, der wahrscheinlich aus einem der stinkenden Kübel hinter dem Gebäude stammte, wo alle wirklich nicht mehr brauchbaren Speisereste oder verdorbenen Sachen landeten. Ich war mir sicher, daß er selbst mal kräftig damit hineingelangt hatte.

Wir standen uns gegenüber und ich schaute fassungslos in den verdreckten Eimer. Da merkte ich - obwohl eben noch die andern Gehilfen mir zugerufen hatten, ich solle gefälligst mit dem Abwasch weitermachen - daß plötzlich Stille eingetreten war und man nur das Zischen und Brutzeln aus den Töpfen und Pfannen hörte. Und alle andern sahen zu uns beiden herüber und warteten gespannt, was geschehen werde.

Ich zwang mich, ruhig zu bleiben und sagte "Wenn du das warst, Contaro, dann machst du ihn auch sauber." "Ich?", rief er und zog die Augenbrauen hoch, "Du kleiner Scheißer willst mir Befehle erteilen? Lass' dir gefälligst was einfallen, wie du das Wasser in dein verdammtes Becken kriegst, und zwar ein bisschen plötzlich, du hältst nämlich schon den Betrieb auf, merkst du das!"

Ich atmete tief durch, ich dachte an Onkel Heinrich und was er mir geraten hatte und daran, daß es mir wahrscheinlich übel ergehen würde, wenn ich diesem miesen Bürschchen etwas antue. Aber als er sagte "Na, wird's bald, du Bastard!", da brannte in mir eine Sicherung durch. Ich drehte mich um, nahm eine der großen Suppenkellen vom Haken, schöpfte sie voll mit dem kochenden Wasser aus dem Kessel, ging auf den andern zu und schüttete es ihm über die Hand.

Er schrie fürchterlich auf, ließ den Stiel vom Eimer los und jaulte wie ein angeschossener Köter. Seine Hand war sofort von einer weißen, ballonartigen Brandblase überzogen. Keiner der anderen rührte sich von der Stelle. Auf sein Geschrei hin kam Ramirez aus Don Umbertos Büro gestürzt und rief "Was ist hier los?" Da sagte einer von den Gehilfen so gleichgültig, als hätten wir gerade eine Ratte erledigt "Contaro hat sich die Hand verbrüht."

Contaro jammerte so sehr, daß er nichts entgegnen konnte. Ramirez sagte "Du elender Schwachkopf! Lauf' zu Doktor Vazquez und lass' dir was draufmachen, na los, bevor das Ding hier noch aufplatzt! Und ihr! Was steht ihr noch 'rum und haltet Maulaffen feil! Und du!", sagte er zu mir, "Was willst du verflucht noch mal mit der Suppenkelle?" "Ich wollte ..." Da drückte mir einer von den Jungs, ein ganz stiller, den man nur manchmal husten hörte, einen sauberen Eimer in die Hand, an dessen Henkel er auf die Schnelle mit Draht einen Feuerhaken befestigt hatte. Ich nahm ihn und schöpfte was das Zeug hielt Wasser ins Becken, und im nächsten Moment war ich wie ein Wilder am Schrubben.

Ich erzählte es Onkel Heinrich, der lachte und sagte "Autsch! Das hat gesessen!" "Ja, aber ich habe ihn schwer verletzt, wer weiß, wie lange das dauert, bis es heilt." "Na, das hätte er sich wohl vorher überlegen müssen, man vergreift sich nicht am Werkzeug eines Kameraden." Ich rechnete auch damit, daß Contaro sich bei Don Umberto beschwert und mich bei ihm anzeigt, aber seltsamerweise geschah nichts dergleichen. Contaro tauchte nicht mehr auf. Ich dachte schon, er sei womöglich ins Krankenhaus gekommen.

Einige Tage später rief mich Ramirez zu sich. Er sagte "Willst du Contaros Stelle übernehmen?" Ich fragte "Was ist denn mit ihm?" "Na was soll mit ihm sein, die Hand hat er sich verbrüht, der Schwachkopf." "Und was macht er jetzt?" "Was weiß ich, er wird schon irgendwo was finden." Man hatte ihn also entlassen. Ich sagte "Senor Ramirez, ich weiß Ihr Angebot zu schätzen, aber ich würde lieber weiter an der Spüle arbeiten." Er schaute mich komisch an, dann musste er lachen, er sagte "Wenn du willst, mir soll's egal sein, aber nochmal kriegst du nicht so ein Angebot, damit du Bescheid weißt." "Gracias Senor", sagte ich, und er schüttelte bloß den Kopf.

"Warum hast du abgelehnt?", fragte mich Heinrich, "Womöglich ist der Chefkoch jetzt beleidigt." "Nein, das glaube ich nicht", erwiderte ich, "eher schon hält er mich für dämlich." "Dann hätte er dir nicht diese Stelle angeboten." "Ja, das stimmt. Aber es ist mir lieber so, an der Spüle mache ich mein Ding und muss mich nicht mit andern herumärgern - jetzt erst recht nicht - und andererseits macht mir keiner meine Arbeit streitig. Ein bisschen tut mir dieser Contaro leid, ich hätte nie geglaubt, daß ich so kaltblütig sein könnte, aber es hat wohl seinen Nutzen gehabt. Im übrigen glaube ich, die wollten ihn loswerden und haben nur auf die richtige Gelegenheit gewartet." "Du hast gesagt, der Vater von diesem Burschen wäre ein Freund von Don Umberto?" "Ja, mag sein, daß da noch was auf mich zukommt, aber warten wir's ab."

Wir bewohnten ein Apartment in einem fünfstöckigen Haus in der Nähe der Plaza de la Provincia. Es hatte zwei Zimmer, eine Küche und ein Bad sowie einen schmalen Flur mit einem Hängeboden, auf dem man etwas verstauen konnte. Die Fenster gingen auf die Hofseite, und man konnte nur auf die gegenüberliegenden Häuserfronten schauen. Aber wir wohnten ganz oben, und hier war es jedenfalls heller als vor den Fenstern der unteren Etagen. Es war ständig ziemlich laut, es gab jede Menge Kinder, die umhertobten und Säuglinge, die sich nicht beruhigen ließen, nur die Hunde, die hier herumlungerten, schlichen träge hin und her.

Einer von Onkel Heinrichs Bekannten hatte uns diese Wohnung besorgt, und obwohl sie nicht sehr komfortabel war und an den Wänden stellenweise die Farbe abblätterte, hatte sie doch Gas- und Stromanschluss und Wasserklosett, sogar eine kleine Badewanne, in der man allerdings nur sitzen konnte. Es gefiel mir hier. Die Matratze auf meinem Bett war gerade fest genug und die Federung war stabil.

Auf dem Wandbord in meinem Zimmer lagen ein paar spanische Bücher und auf dem Bettschränkchen stand ein großer Wecker mit Metallgehäuse und zwei silbernen Glöckchen. Er war natürlich stehengeblieben und ich zog ihn auf und nachts im Dunkeln, wenn ich zwischendurch aufwachte, hörte ich sein gleichmäßiges Ticken, das sehr vertrauensvoll war, als würde sich der Wecker freuen, daß er endlich wieder jemandem zur Seite stand. Nur sein schrilles Klingeln schreckte mich anfangs unsanft aus dem Schlaf auf.

Außer den paar Möbeln war nichts weiter da, und ich machte mich mit Heinrich auf die Socken, um Bettwäsche und Sachen für die Küche und so weiter zu besorgen. Wir kauften als erstes einen Stadtplan von Buenos Aires, und da wo wir wohnten, machte Heinrich mit Rotstift einen Kreis so groß wie ein Pfennigstück. Dieser Plan war übrigens nur ein Teil von insgesamt neun Karten, die erst aneinandergelegt das ganze Ausmaß dieser riesigen Stadt zeigten. Immerhin war das Restaurant, in dem ich arbeitete, auch mit hier drauf.

Gleich nachdem wir angekommen waren, hatte mich Heinrich mitgenommen zu einem der Männer, die er kannte, dem gehörte eine Wäscherei in der Calle de Oviedo, und mein Onkel dachte wohl daran, ob er für mich gleich hier eine Arbeit fände. Das Innere war so voll von Wasserdampf, daß man fast nichts sehen konnte. Ich meine, später in Don Umbertos Restaurant war es in der Küche manchmal auch wie in einer Sauna, aber hier in der Wäscherei kam noch ein ätzender Geruch von den Wasch- und Reinigungsmitteln dazu (ich glaube, es wurde auch Kleidung desinfiziert) und ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind einmal Ausschlag bekam, als ich eine Seife benutzte, die mein Vater mitgebracht hatte. Überhaupt hatte ich von jeher eine Abneigung gegen Chemikalien, und damals war man noch nicht soweit, sogenannte "neutrale" Mittel zu verwenden; selbst bei Don Umberto benutzte man einen Scheuersand, der keinerlei Beigeschmack auf dem Geschirr hinterließ.

Allerdings lag die Wäscherei nicht weit entfernt von unserer Wohnung, und das war ein weiterer Grund, weshalb Heinrich mir zuredete, hier anzufangen. Mir fiel kein triftiger Grund ein, um abzulehnen, und Heinrich und der Besitzer verhandelten offenbar im Büro schon über die Konditionen, während ich draußen wartete. Zufällig kam gerade jemand mit einer Ladung schmutziger Wäsche, er sah mich da stehen und sagte "Trägst du mir mal die andern Bündel mit 'rein?" Ich sagte "In Ordnung" und holte sie aus seinem Lieferwagen, er dachte, ich wäre hier angestellt.

Als alles ausgeladen war, zündete er sich eine Zigarette an, er fragte "Was verdienst du hier eigentlich?" Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte, ich entgegnete "Was schätzt du?" Er zuckte mit den Schultern. "Fünfundzwanzig die Woche?" Ich sagte "Dreißig." Er sah mich an und verzog das Gesicht zu einem Grinsen. "Du bist neu hier, oder?" "Ja. Warum?" "Mensch, ich wollte dich bloß auf den Arm nehmen. Für Dreißig die Woche würde ich nicht mal aufstehen." "Ach so? Und für wieviel stehst du auf?" Er lachte.

"Ich geb' dir 'nen guten Rat: Sage niemals, wieviel du verdienst, niemandem, auch nicht deiner besten Freundin, und der schon gar nicht. Wenn's ein Hungerlohn ist, lässt sie dich sitzen. Und wenn du richtig Kohle machst, zieht sie dir's bloß aus der Tasche." Ich sagte "Wenn du dich so gut auskennst, kannst du mir vielleicht auch noch sagen, wo ich eine Arbeit finde, die sich für mich lohnt." "Ach, du bist gar nicht hier drin?" "Nein, aber mein Onkel will mich gerade hier unterbingen."

Er überlegte, dann nannte er mir Don Umbertos Restraurant auf der Avenida La Plata. "Versuch's dort mal, ich kenn' das, ich hol' dort manchmal die Wäsche, ich glaube, die bezahlen ganz gut, wenn du ordentlich 'ranklotzt." Ich fragte ihn dann trotzdem, wieviel ich erwarten könnte und er nannte mir einen Wochenlohn und meinte "Mach's nicht unter dem." Er schien wirklich Bescheid zu wissen, denn "Kapitän" Ramirez, bei dem ich mich dann vorstellte, nannte mir fast genau dieselbe Summe.

Ich war noch am gleichen Tag hingegangen, und sprach abends mit Heinrich darüber, und das Angebot aus der Wäscherei lag mehr als ein Drittel darunter. Obwohl Heinrich knurrte, weil er seinem Bekannten schon zugesagt hatte, überließ er mir doch die Entscheidung und dafür war ich ihm dankbar. Auch deshalb gab ich mir dann bei den anfänglichen Unannehmlichkeiten in Don Umbertos Restaurant einen Ruck und sagte zu mir selbst, wenn ich jetzt gleich die Flinte ins Korn werfe, wäre mein Onkel womöglich doppelt enttäuscht.

Mit Hilfe des Stadtplans erkundete ich die kürzeste Route von unserer Wohnung zum Restaurant, und ich fand auch heraus, daß man ein gutes Stück mit dem Omnibus fahren konnte. Ich fing wie gesagt, um elf an, und da war bei Ramirez in der Küche schon alles im vollen Gange. (Das Restaurant öffnete erst mittags, aber es musste alles vorbereitet werden, und ich war keiner der frühesten.) Ich half bei der ersten Zubereitung der nötigen Zutaten für die Speisen und natürlich schälte ich auch Kartoffeln ohne Ende.

Meine Schicht ging bis elf Uhr abends. Ich hatte einige kleine Pausen zwischendurch; ich war kein Raucher, hatte aber das gleiche Recht, mal fünf Minuten zu verschnaufen. Es gab auch eine längere Pause, um etwas zu essen, man konnte sich den Zeitpunkt selbst wählen, musste sich aber nach den anderen richten und die Pause auch jeden Tag um diesselbe Zeit machen. Ich brauchte nicht viel, um mich satt und gestärkt zu fühlen, und ich war keinen Luxus gewohnt. (Wenn ich daran dachte, wie ich in der Ziegelei bei uns zu Hause oftmals nur eine Schmalzbemme verzehrt habe, war das hier der reinste Wohlstand.)

Nach Feierabend konnte ich ebenfalls mit dem Omnibus fahren, eigentlich war der öffentliche Verkehr um diese Zeit sogar noch reger, denn nachts pulsierte in der Stadt das Leben. Auch das Restaurant hatte noch länger geöffnet, kein Gast wurde fortgedrängt, weil Schließzeit wäre. Es gab eine reguläre Nachtschicht, die allerdings mit weniger Leuten besetzt war.

Am Anfang war ich natürlich total geschafft, und so leicht, wie es jetzt vielleicht scheint, fiel mir die Arbeit keineswegs. Wenn man irgendwo neu hinzukommt, hat man es immer schwer, allein schon die Leute auseinanderzuhalten, zu erkennen, wer wichtig oder unbedeutend, wer einem nützlich oder gefährlich sein könnte, und sich dann alle möglichen Namen zu merken, das war nicht so einfach für mich.

Diese ständige Zänkerei zwischen Don Umberto und Ramirez ging mir ganz schön auf die Nerven. Aber die andern störte das kaum. Bis ich merkte, daß es einfach ihre Art war, sich zu fetzen. In Wahrheit hätte es Ramirez nie gewagt, Don Umberto wirklich zu beleidigen, ihn womöglich den "Sohn einer Hure" zu nennen, was so ungefähr der gängige Fluch war, um jemanden zum Zweikampf herauszufordern.

Und Don Umberto hätte den Teufel getan, Ramirez rauszuschmeißen oder ihn auch nur vor der Mannschaft herabzuwürdigen, und wenn man genau hinsah und hinhörte, dann erkannte man, daß seine Vorwürfe gegen den Koch nicht ernst gemeint, sondern höchstens ironisch waren und eher ein Ansporn für Ramirez (und die ganze Küchentruppe), bei ihrer Arbeit noch einen Zahn zuzulegen.

Denn für Don Umberto zählte nur eins: das Werturteil und die Zufriedenheit seiner Gäste, und wenn es denen geschmeckt hatte - "gemundet" wie er sagte - wenn sie sich gut bedient und respektvoll behandelt gefühlt hatten und wenn sie bereit waren, jederzeit wiederzukommen, dann sah Don Umberto das zum großen Teil als ein Verdienst seines Chefkochs an und er wusste, was er an ihm hatte. Dennoch war die Atmosphäre dort niemals wirklich herzlich, und was ich über den Konkurrenzneid von Ramirez' Stellvertretern oder über die Hinterhältigkeit der Hilfsköche gesagt habe, waren Tatsachen, die man hinnehmen musste und wahrscheinlich waren sie letztlich auch die unerlässlichen Bedingungen dafür, daß der ganze Laden wie am Schnürchen lief, denn wie sagte Onkel Heinrich: "Man geht nicht mit dem Schwert in die Messe und nicht mit dem Kelch in den Krieg."

Nach und nach hatte ich meine Arbeit voll im Griff. Frühmorgens konnte ich mir Zeit nehmen, was mir sehr vonstatten kam, denn ich bin immer ein Morgenmuffel gewesen. (Etwas, das mir in der Wäscherei bestimmt geschadet hätte.) Und obwohl ich zum Feierabend manchmal alle Knochen und vor allem meinen Rücken unangenehm spürte, blieb ich mitunter noch ein Weilchen dort und beobachtete die Gäste und das Treiben draußen im Lokal.

Es gab zwischen unserer Küche und dem eigentlichen Restaurant eine Art Schleuse, wo die Kellner die fertigen Gerichte entgegennahmen und das gebrauchte Geschirr zurückbrachten; dafür waren zwei separate Pendeltüren mit Bullaugen da. Man hatte zwar gute Sicht, aber ich hätte natürlich permanent im Wege gestanden und wahrscheinlich auch dauernd die Tür vor die Nase geknallt bekommen, wenn ich nicht schnell genug zur Seite gesprungen wäre.

Dann hatte ich (bei welcher Gelegenheit weiß ich nicht mehr) entdeckt, daß von dieser Schleuse eine Tür und eine Treppe hinauf auf eine Galerie führten, die vielleicht früher einmal mit Tischen und Stühlen für Gäste versehen war, wo jetzt aber nur ein paar verstaubte Kleiderständer und Barhocker herumstanden. Da suchte ich mir ein Plätzchen und machte es mir gemütlich, ich nahm sogar, wenn ich tagsüber nichts gegessen hatte, meine Portion mit dorthinauf und ließ es mir in aller Ruhe schmecken, der Becher Wein durfte dabei nicht fehlen.

Ich gebe zu, daß ich von meiner "hohen Warte" aus besonders gern meine Blicke auf die schönen Mädchen und Damen lenkte, die stets in Begleitung vornehmer und - wie nicht schwer zu erraten war - stinkreicher Männer erschienen. All' der funkelnde und glitzernde Schmuck, den sie an Hals, Händen und Ohren trugen, war zweifellos ein ebenso teures wie bescheidenes Präsent ihrer Ehegatten, Liebhaber, Verehrer oder wie sonst man einen Mann bezeichnen mag, der sich in der Nähe einer bezaubernden Frau glücklich schätzen darf, ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Ich konnte nicht jedesmal beliebig lange oben auf der Galerie sitzen, denn schließlich brauchte ich auch meinen Schlaf und musste am nächsten Morgen wieder aufstehen. Meistens machte ich mich gegen Mitternacht auf den Nachhauseweg. Man konnte, wie gesagt, den Omnibus nehmen, aber einmal stieg ich in den falschen ein und gondelte über eine Stunde durch irgendwelche Viertel; ich hatte mir selbst einen Stadtplan gekauft, doch im Dunkeln war damit wenig anzufangen; der Busfahrer war sehr freundlich und mit seiner Auskunft fand ich zurück.

Bei Don Umberto lernte ich einen Mann kennen, der ein Auto besaß, einen weißen Duncan Territory, der lang und breit war und dunkelrote Ledersitze und zwei "Haifischflossen" auf dem Heck hatte. Eduardo, so hieß der Mann, war schon ein älterer Herr, doch er sah sehr apart aus und hatte unwiderstehliche, elegante Umgangsformen. Er hatte silbergraues, kurzes, leicht welliges Haar und ein schmales Oberlippenbärtchen; er hatte dunkle Augen mit einem beinahe gütigen Blick, und es spielte immer ein feines Lächeln um seinen Mund. Ich erfuhr, daß er in dem Häuserblock neben uns wohnte, in einem Apartment, das noch kleiner war als unseres. Manchmal nahm er mich nach Feierabend mit, in seinem Wagen zu fahren war ein Erlebnis - und ihm dabei zuzusehen auch.

Er liebte sein Auto, es war, als wäre er darin geboren worden, direkt hinter dem Lenkrad. Er spielte mit den Füßen auf den Pedalen wie auf einer Orgel - aber ich meine keine gewaltige Kirchenorgel, sondern eine Hammond Orgel, wie sie Jimmy Smith spielte, der bei vielen Stücken die Basslinie mit den Pedalen erzeugte, während Kenny Burrell dazu die Akkorde auf der Gitarre schrummte - später dachte ich, wenn ich mir Jimmy Smith anhörte, manchmal an Senor Eduardo, wie er Auto fuhr. Er betätigte den Ganghebel (an der Lenksäule) wie die Steuerung für eine kräftige aber auch empfindliche Maschine. Die Empfindlichkeit bestand darin, daß man mit ihr umgehen musste wie mit einem fühlenden Wesen, und das war sein Auto tatsächlich für ihn.

Eduardo kannte es in und auswendig, er erklärte mir den Motor mit allen Details, er kannte die Zusammensetzung des Gusseisens und die Größe der Getrieberäder in Zoll. Er wusste genau, wieviel Benzin der Wagen bei welcher Geschwindigkeit verbraucht, als würde er darüber Buch führen. Nicht etwa wegen seiner Haushaltskasse, Benzin war in diesem Land spottbillig, es kostete zeitweise weniger als Trinkwasser. Eduardo ging es nur darum, seinen Wagen in allen Situationen zu verstehen.

Es war nicht bloß die technische Seite, die ihn beeindruckte, er hatte sogar eine eigene "Philosophie des Autofahrens" entwickelt. Er sagte "Schau' dir die Gringos in Nordamerika an. Jeder Mann hat dort einen eigenen Wagen, er fährt damit die kürzesten Strecken, von der Haustür zum Briefkasten und vom Strand bis ans Meer - niemand würde jemals wieder zu Fuß irgendwohin gehen, der einmal Auto gefahren ist. Es gibt sogar Autokinos, wo man direkt vor der Leinwand parkt, man muss nicht erst das Ticket studieren, um die Reihe und den Platz zu suchen, man stellt sich da hin, wo etwas frei ist. Aber sie fahren auch kreuz und quer durch ihr großes Land. Argentinien ist groß, aber die Estados Unidos sind auch groß, man kann Tag und Nacht mit dem Auto fahren und man käme überall und doch nirgends an. Was glaubst du: warum liebt der Amerikaner sein Auto so sehr? Warum liebt der Cowboy sein Auto fast mehr als seine nahesten Verwandten?" Ich fragte "Warum?" "Ich will dir sagen, warum", meinte er, "weil der Cowboy in die Stadt gezogen ist und dort ist er am sichersten in seinem Auto. Nichts und niemand kann ihn in seinem Auto zu nahe kommen. Wenn ein Ast von einem Baum herab fällt, dann fällt er auf's Autodach, aber nicht auf seinen Kopf, und wenn es ein Gewitter gibt, ist er am sichersten in seinem Auto, denn es leitet die Blitze besser ab als irgendeine Vorrichtung dafür. In seinem Auto kann der Cowboy nicht überfallen und beraubt werden, er muss sich nicht das erbärmliche Geschwätz eines Hausierers anhören und der Teufel kann ihn nicht verführen, etwas Böses zu tun, weil er beide Hände am Lenkrad hat. Nicht einmal die Polizei kann ihm in seinem Auto auf den Leib rücken, da muss er schon erst dazu gebracht werden auszusteigen. Ich sage dir: nirgends fühlt sich ein Amerikaner sicherer als in seinem Wagen."

Ich fragte "Und geht es Ihnen genauso, Senor Viamonte?" "Bitte?" "Ich meine, ist man hier in Buenos Aires auch im Auto am sichersten?" "Sagen wir es mal so: es gibt sichere und weniger sichere Autos. Die Politiker, allen voran der Präsident, bevorzugen die ganz sicheren, die haben extra starkes Blech und Scheiben, die man kaum mit einer Panzerfaust zertrümmern kann. Aber ich für mein Teil würde mich in so einem Schlachtross nicht wohl fühlen, das ist, als steckte man in einer motorisierten Rüstung. Das Auto ist ja nicht weiblich, es ist männlich ...", ich sagte "Im Deutschen ist es sächlich", "na ja, jedenfalls nicht weiblich, obwohl man es lieben kann wie eine Frau, und man kann es auch so behandeln - im Guten wie im Schlechten. Aber ich bin keiner, der es wie eine Frau behandelt. Ich liebe mein Auto, und ich liebe die Frauen, aber auf sehr verschiedene Weise." Ich musste auf einmal lachen, ich wusste gar nicht warum.

Eduardo war immer dann im Restaurant, wenn es dort einen Tango Abend gab. Dann trat eine kleine Kapelle auf mit einem Sänger, von dem es hieß, er sei mit Carlos Gardel in dieselbe Schulklasse gegangen, ein andermal war es dasselbe Mädchen, in das sie verliebt gewesen waren. Ich hatte mir eine Schallplatte von Gardel besorgt, das war noch eine alte Schellackplatte, rabenschwarz und hart wie Dachschiefer. Gardels Gesang war einzigartig, ich glaube, er war einer der größten Sänger des Jahrhunderts, wenn nicht einer der größten der Menschheit. Doch dieser hier im Restaurant war auch ganz phantastisch und brauchte den Vergleich mit Gardel nicht zu scheuen.

War Eduardo etwa ein Tango Liebhaber, daß er stets an diesen Abenden auftauchte? Nein, nicht unbedingt, obwohl er, wie ich mich überzeugte, hervorragend tanzen konnte (und die Frauen waren ihm dabei vollkommen ergeben). "Da ist doch immer dieser Bandoneon Spieler dabei", erklärte er mir einmal, und ich sagte "Ja, ich weiß. Was ist mit ihm?" "Er ist ein bisschen seltsam, ist dir das nicht aufgefallen?" "Doch ja, aber er kann gut spielen."

"Oh, er kann ganz ausgezeichnet spielen", sagte Eduardo, "es ist nur - man hat ihn mit der Glocke herausgeholt." "Man hat was?" "Man hat ihn bei seiner Geburt mit der Saugglocke aus dem Mutterleib geholt, hast du nicht bemerkt, daß er so eine komische Kopfform hat." "Ja, jetzt wo Sie das sagen." "Und außerdem ist er kleinwüchsig, jetzt sag' nicht, daß du das übersehen hast." Ich sagte "Ich schaue ja meistens von der Galerie herunter, da kann man die Körpergröße schlecht einschätzen."

"Na, wie auch immer, er ist jedenfalls ein verteufelt guter Bandoneon Spieler, aber ansonsten hat es der liebe Gott nicht allzu großzügig mit ihm gemeint. Er lebt nur für seine Musik, um alles andere macht er sich keine Gedanken, es fällt ihm auch schwer, überhaupt etwas anderes zu denken. Weißt du, Junge, die Leute lieben jene, die auf ihrem Instrument etwas hervorzaubern können, das alle begeistert. Aber manche versuchen, solche einseitigen Kreaturen auszunutzen und ich sage dir ganz offen, wenn ich nicht dabei wäre, dann würde Don Umberto ihn jedesmal mit der Bezahlung übers Ohr hauen." "Und warum machen Sie das, Senor Viamonte?" "Was?" "Darauf aufpassen, daß man ihn nicht übers Ohr haut." "Tja", sagte Eduardo und holte tief Luft, "wenn ich das wüsste. Es ist wohl so eine Ader in mir, durch die das Blut des Mitgefühls fließt."

Einmal, als ich mit Eduardo nach Hause fuhr, sagte er "Du kommst doch aus Deutschland, nicht wahr?" Ich bejahte es. Er fragte "Liest du?" Ich sagte "Sie meinen Bücher?" "Ja, Bücher." "Na ja, ich lese ganz gern Bücher, aber ich komme zur Zeit selten dazu, warum?" Er sagte "Ich hatte einen Freund, er hieß Viktor Stoetzer. Er hat einen Karton mit Büchern bei mir stehengelassen, da sind auch ein paar deutsche darunter." "Aha." Er schwieg, als würde er über etwas nachdenken, er spielte mit den Füßen auf den Pedalen und strich mit den Fingern übers Lenkrad. Dann sagte er "Das war ein Krausista, dieser Viktor Stoetzer." "Was ist das?" Eduardo erklärte "Die Krausistas sind in Argentinien eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, sie beschäftigen sich mit dem Werk eines gewissen Karl Christian Friedrich Krause, ebenfalls ein Deutscher, ist dir der Name bekannt?" "Ich müsste schwindeln, wenn ich ja sagte." Eduardo lachte. "Das ist kein Wunder. Merkwürdigerweise ist dieser Kerl gerade hier in Argentinien berühmt geworden, obwohl er natürlich zu Lebzeiten nie einen Fuß auf diesen Kontinent gesetzt hat." Ich fragte "Und diese Bücher, die Sie haben, handeln von ihm?" "Nein nein, das sind ... also ich weiß nicht, ich hab' noch nicht so genau 'reingeguckt. Wenn du willst, kannst du mal bei mir vorbeikommen und einen Blick 'reinwerfen, vielleicht findest du was, das dir gefällt." Ich sagte "Okay, mach' ich."

Ich hatte Eduardo im Vertrauen gesagt, daß ich mir auch gern ein Auto anschaffen möchte. Er fragte, was für eins, und ich konnte es nicht genau sagen, weil ich eigentlich zu wenig darüber Bescheid wusste, aber ein Duncan Territory, wie er ihn fuhr, war mir mindestens eine Nummer zu groß. Eduardo sagte "Weißt du, wo du die besten Automobile bekommst, Miguel?" "Nein, wo?" "Auf Kuba. Dort fahren sie die besten amerikanischen Schlitten. Das liegt daran, daß dort so viele Gringos leben, die sich ständig einen neuen Wagen zulegen. Den alten verkaufen sie, und es gibt zig Automobilhändler, ich könnte dir allein in Havanna auf Anhieb ein Dutzend Händler nennen, wo du die besten amerikanischen Schlitten bekommst, alle fast wie neu, damit würdest du bei den Frauen Eindruck machen, du wärst so etwas wie der Platzhirsch hinterm Lenkrad, die Mädchen würden sich vor dir auf die Straße werfen, nur damit du sie für eine Runde mitnimmst - kennst du die Kubanerinnen?" Ich sagte "Nein, woher denn?" Er sagte "So viel steht fest: solange du noch keine Kubanerin geliebt hast, bist du vergeblich auf der Welt gewesen."

Er hatte mich schon ganz verrückt gemacht nach den Kubanerinnen, er gab mir eine genaue und anschauliche Beschreibung ihres "Typs", einschließlich der einzigartigen Verschmelzung aller zivilisatorischen und kulturellen Einflüsse, die sich in ihnen widerspiegelte. Man hätte glauben können, er sei über diese Spezies noch besser im Bilde als über sein Auto. Aber er konnte offenbar nicht einsehen, daß mir jegliche Mittel fehlten, um nach Kuba zu gelangen, ganz zu schweigen davon, daß ich mir dort auch kein Auto hätte leisten können, selbst wenn es nicht von einem Amerikaner stammte, sondern von einem volltrunkenen, lebensmüden Fahrer im Hafenbecken von Havanna versenkt und erst ein Jahr später geborgen worden wäre.

Ich hatte von meinem Lohn immer einen Teil zurückgelegt, ich lebte genügsam, ich gab Onkel Heinrich meinen Beitrag zu Miete und Kosten der Wohnung und versuchte, auch größere Ausgaben, zum Beispiel für neue Anziehsachen, erst anzusparen und auf Heinrichs "Darlehen" zu verzichten. Ich erzählte ihm von Eduardos Vorschlag, und Heinrich meinte, ich sollte mir vielleicht zuerst ein Motorrad anschaffen, damit käme man auch überall hin. Es würde viel besser zu mir passen und meine Freundin könnte ich darauf auch mitnehmen. Was für eine Freundin er damit meine, fragte ich, und er sagte "Ich weiß nicht, du hast sie mir ja noch nicht vorgestellt."

Auch wenn es mir eben an besagter Freundin mangelte, so fand ich Heinrichs Idee gar nicht so übel. Und doch - auch für ein Motorrad reichte mein Geld noch nicht. Schließlich kaufte ich mir ein gebrauchtes Fahrrad, ein Modell aus Spanien mit der Bezeichnung "cometa", es war nicht ganz billig und es war gut. Ich fuhr damit zur Arbeit und zurück, ich schaffte eine Strecke in dreißig Minuten (da nahm ich aber auch keine Rücksicht und ich hörte etliche Autos wegen mir hupen).

Sonntags war mein freier Tag. Anfangs schlief ich bis zur Mittagsstunde, mit der Zeit wachte ich frühmorgens auf und war frisch und munter. Ich sprang aus dem Bett, machte mir einen Kaffee, schmierte mir ein Butterbrot, das ich in meinem Rucksack verstaute, und schwang mich auf meinen Kometen, um in meinem jugendlichen Übermut Buenos Aires zu erobern.

Am liebsten fuhr ich zum Hafen. Ich suchte mir ein ruhiges Plätzchen, von wo aus man die Schiffe und das Beladen und Löschen der großen Frachter beobachten konnte. Heinrich hatte mir sein Zeiss Fernglas gegeben, das er im Krieg bei sich gehabt hatte. "Wenn du's verlierst, bringe ich dich um", sagte er, und ich wusste nicht recht, wie ernst das gemeint war. Ich hütete es jedenfalls wie die Kronjuwelen, ich hängte es bei Benutzung immer am Band um den Hals und ich stellte es niemals irgendwo ab.

Heinrich hatte mich eindringlich vor dem "Diebsgesindel" gewarnt und bei Don Umberto erzählte man sich die tollsten Geschichten über die Tricks der Gauner, hier freilich oft mit einem Unterton der Bewunderung. Ich musste natürlich auch auf mein Rad aufpassen, ich hatte immer eine Kette mit Vorhängeschloss dabei, die lag schwer in meinem Rucksack, aber es musste sein und sie sah sehr abschreckend aus, wenn ich damit das Rad an einen Laternenpfahl oder einen Baum ankettete.

Ich kam auch in Viertel, wo es selbst bei Tage unheimlich war und wo mich die Leute feindselig beäugten und die Kinder mit Steinen nach mir warfen; ich machte mir einen Vermerk auf meinem Stadtplan, damit ich mich dorthin nicht wieder verirrte. Wenn ich mich ausruhen wollte, suchte ich einen kleinen Park, von denen allenthalben einer zwischen den Häusern versteckt lag und setzte mich dort in den Schatten einer Platane oder eines Walnussbaums. Ich entdeckte auch einen Hain mit uralten Olivenbäumen, dort spielten Kinder und es gab ein paar feuchte Stellen, wo seltsame Vögel umherstolzierten.

Manchmal war mir danach, mich unter die Leute zu mischen, dann stieg ich ab und bummelte über die breiten, bevölkerten Boulevards oder verweilte auf der Plaza de Mayo und erfreute mich am Anblick der hübschen Mädchen; eins davon anzusprechen traute ich mich aber nicht, obwohl ich mehrmals den Eindruck hatte, einen Blick und sogar ein Lächeln aufzufangen. Ich aß mein Butterbrot oder holte mir bei einem Straßenhändler eine der gefüllten Teigtaschen; wenn es warm und sonnig war, nahm ich eine Waffeltüte mit Eis. Es waren Tage, an denen ich recht zufrieden war mit mir und meinem Leben.

Eines Tages entdeckte ich einen Laden, wo es ausländische Schallplatten gab. Als ich hineinging war es, als würde ich ein Heiligtum betreten. Die Augen gingen mir über beim Anblick der Plattenhüllen. Louis Armstrongs legendäre Hot Five und Hot Seven, Fletcher Henderson, Tommy Dorsey, Count Basie mit Lester "President" Young, eine andere mit dem Sänger Jimmy Rushing, von dem ich bis dahin nichts gehört hatte. Daneben die Combo mit Coleman Hawkins, der, soviel ich wusste, als "Antipode" zu Lester Young galt. Französische Platten mit Sidney Bechet und natürlich mit dem Hot Club de France - der Minor Swing erfüllte augenblicklich mein inneres Ohr. Eine Gruppe um einen Pianisten mit dem etwas obskuren Namen Thelonius Monk, deren Auftritte im Jazzclub Minton's Playhouse mitgeschnitten wurden - und überhaupt jede Menge Aufnahmen aus den Vereinigten Staaten, aus den bedeutendsten Metropolen des Jazz, wie ich dann nach und nach erfuhr.

Endlich machte ich Bekanntschaft mit Musikern, die mir - ach so lange vorenthalten wurden, sie waren alle hier versammelt und ich hatte die Ehre, sie kennenzulernen, ich sank förmlich auf die Knie vor Ehrfurcht und musste zugleich meine Begeisterung im Zaum halten, am liebsten hätte ich laut aufgeschrien und gejubelt, ich hatte Zutritt zum wahren Zauberreich des Jazz erlangt - und ich würde es nie mehr verlassen.

Der Verkäufer hatte wohl den eigentümlichen Ausdruck und den Glanz in meinen Augen bemerkt, er kam auf mich zu und fragte, ob ich nach etwas Bestimmtem Ausschau halte. Ich erwiderte, ich würde auf der Stelle seinen ganzen Laden aufkaufen, wenn ich könnte, und er lachte und sagte "Dann aber bitte mit mir zusammen", und ich verstand, daß er dieser Musik genauso verfallen war wie ich.

Er hieß Carlos Hoselitz und war nicht viel älter als ich. Er schien Verbindungen zu allen namhaften Plattenlabels der westlichen Hemisphäre zu haben, er konnte bestellen, was immer man wünschte, solange es auch tatsächlich irgendwo erschienen war. Von manchen Platten hatte er nur ein einziges Exemplar und - das muss ich freilich hinzufügen - einige waren sündhaft teuer. Von manchen hatte er den Postumschlag aufgehoben, mit Briefmarken und Stempeln aus Tokyo, aus Kapstadt, London und natürlich aus New Orleans. Er hatte sogar eine Aufnahme mit einer Jazzband aus Odessa, und an der Wand hing, unter Glas, ein Autograph von The Master Himself George Gershwin.

Bei Carlos Hoselitz hörte ich zum ersten Mal die Bebop Größen: Charlie Parker, den sie "Bird" nannten, wahrscheinlich wegen seiner beflügelnden Spielweise; sein ebenso virtuoser, aber ein bisschen durchgeknallter Mitstreiter Dizzy Gillespie, mit dem merkwürdigen Knick im Trompetenrohr, der - ebenso wie seine aufgeblasenen Backen - zu seinem Markenzeichen wurde. Sie hatten wechselnde Rhythmusgruppen mit Bud Powell oder Al Haig am Piano, manchmal auch Duke Jordan oder Erroll Garner, die aber wie es schien lieber ihre eigenen Wege gingen.

Bird und Dizzy waren unter Dutzenden Altsaxophonisten und Trompetern sofort herauszuhören; bei den Pianisten fiel mir das schon schwerer und auch bei den anderen Trompetern, die mit Parker zusammen spielten. Einen Kenny Dorham, Howard McGhee oder Miles Davis zu unterscheiden, war nicht immer einfach - und doch forderte es mich heraus.

Miles Davis hatte selbst zu dieser Zeit schon seinen eigenen Stil, auch wenn manche das Gegenteil behaupteten, ja, selbst wenn sie sagten, er wäre nur zweitklassig gewesen. Natürlich ist Miles immer besser geworden und ich wüsste kaum einen anderen, der seinen Stil beständig so gewandelt hat wie er, ausgenommen John Coltrane, und deshalb haben die beiden auch einige der besten Aufnahmen der Jazzgeschichte gemeinsam gemacht. Aber soweit war es damals noch nicht.

Charlie Parker hat ein paar berühmt gewordene Kompositionen geschrieben. Dizzy Gillespie hat auch ein paar berühmt gewordene Kompositionen geschrieben, zum Beispiel "A Night In Tunesia" oder "Manteca" (das ein bisschen von karibischen Rhythmen angehaucht ist) oder auch das verrückte "Salt Peanuts". Aber sie sind alle nicht so vertrackt und unerhört wie jene von Parker.

Ich hörte damals das erste Mal "Moose The Mooche", "Scrapple From The Apple" und natürlich "Ornithology". Ich war total baff, ich dachte 'Was zum Teufel machen die da mit der Musik?' Ich wusste genau, daß sie nicht falsch spielten und doch klang es absichtlich falsch. Ich kapierte es lange nicht. Ich hörte die Harmonien (am besten noch durch die linke Hand des Pianisten) und ich hörte, daß sich die anderen an das Schema hielten, sie waren sich wirklich einig. Aber es war, als wollten sie die Leute permanent in die Irre führen.

Ich fragte Carlos, und der sagte, sie würden tatsächlich ungewohnte Akkorde verwenden, mit "seltenen" Erweiterungen, so daß es schwerfiel, die zugrunde liegenden Harmonien noch zu erkennen. "Wenn du auf die wohltemperierten Intervalle, also auf Dreiklänge und Quinten und Septimen, verzichtest und sie sozusagen mit 'unpassenden' Tönen anreicherst, dann kommt es dir so vor, als würden die Akkorde immer um Haaresbreite daneben liegen, aber du hörst das und es stört dich zuerst, es reibt sich mit deinem Empfinden und es widerstrebt deinen gewohnten Erwartungen vom Zusammenklang der Basslinie mit der Melodie."

Ich versuchte das, was Carlos beschrieb, nachzuvollziehen, aber die Stücke waren oft so kompliziert und auch zu schnell, um sie zu begreifen. Carlos sagte "Und das kommt noch hinzu: Sie komponieren ein Thema so abartig, daß man es kaum erfassen kann, du müsstest es dir zig mal anhören, bis du es einigermaßen mitpfeifen kannst." Ich sagte "Aber warum machen die das? Kommt es nicht eigentlich darauf an, ein Thema so eingängig wie möglich zu schreiben, damit die Leute es leicht wiedererkennen?"

Er sagte "Ja, das war bis jetzt immer so, und der West End Blues, der dir so gut gefällt, ist ein Paradebeispiel dafür. Aber es scheint, daß Bird und die Jungs nicht mehr bereit sind, nur nach dem Publikumsgeschmack zu musizieren. Sie haben eine ganz andere Einstellung, für sie ist Jazz eine Auflehnung gegen bestehende Konventionen und vor allem gegen alles, was die Musik in ihrer Weiterentwicklung hemmen könnte, also sowohl was die inneren Strukturen betrifft als auch äußere, die scheinbar gar nichts damit zu tun haben." "Wie meinst du das?", fragte ich Carlos und ich hatte den Eindruck, als würde er an der Universität von Buenos Aires Vorlesungen dazu halten.

"Schau' dir die Leute an, neunzig von hundert sind Schwarze, die restlichen zehn sind Juden. Für die Schwarzen ist der Jazz von jeher eine Art Befreiungsbewegung gewesen, aber die ersten Jazzmusiker, Jelly Roll Morton, King Joe Oliver, auch Satchmo, sie waren ganz brave und artige Männer, die nie gewagt hätten, auch nur ein Wort über Rassendiskriminierung fallen zu lassen, sie hätten nie wieder einen Auftritt, geschweige denn eine Plattenaufnahme bekommen."

Ich sagte "Bix Beiderbecke war kein Schwarzer und kein Jude." Carlos lachte. "Ja, Bix Beiderbecke war die große Ausnahme - aber wiederum auch nicht, denn er ist der Beweis dafür, daß von hundert Jazzmusikern - ich spreche natürlich nur von den wahren Jazzmusikern - fünfundneunzig elendig krepieren, wegen Armut, Krankheit, Drogen, Einsamkeit, alles was von ihnen bleibt, sind ihre Aufnahmen.

"Nach dem Krieg", fuhr Carlos fort, "hat sich einiges geändert, was sicher auch daran lag, daß viele Schwarze in der Army für die Freiheit Amerikas gekämpft haben, ihre Wertschätzung und Anerkennung ist damit ungeheuer gestiegen. Und nun sind sie so weit, ihre Rechte auch in der Heimat einzufordern, sie strotzen vor Selbstbewusstsein, sie wollen allen Leuten zeigen, was sie draufhaben. Sie schreiben Songs, die niemand so leicht nachspielen kann, weil sie's nur selber spielen wollen. Sie spielen Songs, wo die Leute sagen 'Fuck! Was ist das denn? Das kann sich ja kein normaler Mensch anhören.' Aber dann tun sie's trotzdem, denn es ist unwiderstehlich, weil es so anders ist als alles, was bisher da war. Und viele derer, die sich für normale Menschen gehalten haben, spüren selbst, daß sie bereit sind, sich von den Zwängen zu befreien, denen sie sich bisher unterworfen haben, sie sind bereit, ihre Wohnungseinrichtung zu verändern, ihr Leben zu verändern, am besten gleich die ganze Gesellschaft. Und diese Musik gibt ihnen dafür das richtige Gefühl, sie ist wie eine natürliche Droge, die vielleicht abhängig, aber nicht krank macht, sie ist wie Gift und Gegengift zugleich. Überhaupt", fügte Carlos hinzu, "manchmal denke ich, Musik ist die größte Form von Freiheit, die der Mensch erlangen kann."

Das waren starke Worte, aber irgendetwas musste dran sein und der Vergleich mit einer Droge war mir früher selbst schon eingefallen, obwohl ich niemals echte Drogen konsumiert hatte, was bei Carlos, so vermutete ich aufgrund gewisser Anzeichen, allerdings der Fall war. Ich weiß nicht, woher Carlos all' seine Informationen hatte, jedenfalls wusste er immer Bescheid. Er kannte alle bedeutenden Jazzclubs in den Staaten (obwohl er selbst noch nie dort gewesen war); er erläuterte mir die Unterschiede in der Spielweise an verschiedenen Orten; warum Lester Young und Count Basie sich nach Kansas City benannten und eben nicht nach Los Angeles, und warum schon Louis Armstrong in Chicago spielte und nicht in New York.

Er zeigte mir die Unterschiede zwischen dem West Coast und dem East Coast Jazz und wie man in New York City den intellektuellen Einfluss deutlicher spürte, während in Kalifornien noch etwas von der Goldgräber Mentalität hängengeblieben war. Wie beinahe mit jeder neuen Aufnahme das Schlagzeug mehr und mehr in den Vordergrund rückte und man erleben und erfahren konnte, was für einen enormen Reichtum an Rhythmen die Schwarzen aus Afrika mitgebracht hatten, als sie auf den Sklavenschiffen nach Amerika kamen.

Und wie alles durch den guten alten Blues zusammengehalten wurde, wie ihn schon ein Robert Johnson oder ein Blind Lemon Jefferson auf ihren Klampfen gezupft hatten, wie aber selbst dieses strenge Schema immer häufiger aufgebrochen wurde. "Trotzdem kehren sie alle immer wieder zum Blues zurück", stellte Carlos fest, "der Blues ist der Vater des Jazz." Ich fragte "Und wer ist dann die Mutter?" Er sah mich einen Moment lang verdutzt an, dann lachte er und sagte "Natürlich die Jungfrau Maria, wer sonst."

Ich hatte mir von meinem Geld einen Plattenspieler gekauft, ein aus den Vereinigten Staaten importiertes Modell mit dem Namen "Heaven's Bell". Ich hörte zu der Zeit eine Platte rauf und runter, die Charlie Parker und die anderen im Royal Roost aufgenommen hatten, einem Club, der (laut Carlos) auf dem Broadway, "Ecke siebenundvierzigste Straße" lag. In Gedanken ging ich jeden Abend, also genaugesagt, um Mitternacht dorthin. Ein Typ namens Symphony Sid machte die Ansagen; es war immer proppenvoll, man konnte die Gläser klingen hören.

Ich dachte an Carlos' Worte von dem Aufbegehren und der Befreiung - als wäre der Jazz ein Aufruf zur Revolution. Ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl, daß die Leute, die dort hingingen, um diese Musik zu hören, ganz zufrieden waren und sich amüsierten. Carlos hatte wohl recht, wenn er meinte, es läge eine große Freiheit darin, aber eben darum war kein Hass zu spüren, allerdings auch keine Diskriminierung. Es war nicht anzunehmen, daß nur Schwarze (und vielleicht zehn Juden) ins Royal Roost kamen, es waren ebenso Weiße dort - der Jazz schaffte es, sie im Geiste und Gemüt miteinander zu verbinden; ich würde sagen, der Jazz war genauso ein Aufruf zur Verbrüderung.

Ich hörte meine Musik natürlich auch an den Sonntagen, und ich drehte die "Heaven's Bell" manchmal ziemlich laut auf, so daß Onkel Heinrich sich beschwerte. Er mochte sie nicht, er sprach immer noch von "Niggerjazz" (er sagte "Jatz", wie Goebbels), er sah keinen Grund, seine Ansichten und seinen Geschmack zu korrigieren. Ich kam dennoch alles in allem gut mit ihm aus.

Ich hatte ursprünglich Sorge gehabt, wir würden es nicht lange miteinander aushalten; wir waren zwar fast unmittelbar verwandt, aber wir kannten uns im Grunde nicht und ich hatte immer noch unterschwellige Vorbehalte gegen ihn, was seine Vergangenheit betraf. Doch in der Anfangszeit hatten wir anderes zu tun, als uns darüber zu unterhalten, und in Wahrheit schwiegen wir es beide tot.

Ich fragte ihn nicht, weil ich mir sein Bild von ihm wie es gegenwärtig war - wie soll ich sagen - nicht "überpinseln" lassen wollte, oder nein, weil ich die Deckfarben nicht ankratzen wollte, um dann womöglich erschreckt zu sehen, was darunter verborgen liegt. Und er schwieg, weil - wie ich es mir erklärte - seine Erlebnisse ihn zutiefst erschüttert hatten und er nicht darüber reden konnte. So war es für uns beide am besten, alles so zu belassen und wie man so sagt: keine schlafenden Hunde zu wecken. Doch irgendwie ahnte ich damals schon, daß unsere Beziehung zueinander nur eine Art agreement war, aus der Not und aus dem Zusammenhalt geschaffen, aber nicht aus einer inneren Übereinstimmung oder natürlichen Verwandtschaft heraus geboren.

Heinrich war beinahe vom ersten Tage an, seit wir hier waren, sehr rührig gewesen. Er war viel unterwegs, um alles mögliche zu "organisieren". Er richtete für mich ein Bankkonto ein, auf das er einen bestimmten Betrag als Grundstock einzahlte, nicht viel, aber es hätte im Notfall für ein Schiffsticket nach Hamburg gereicht. Er sagte, man müsse immer mit dem Schlimmsten rechnen - und meinte damit, daß es ihn plötzlich aus dem Leben reißen könnte und ich ganz allein dastünde.

Er eröffnete für sich ein Geschäftskonto, und nach einem Monat ließ er sich bei der Handelskammer ein Gewerbe eintragen, als Vertreter für "feinmechanische Werkzeuge", was immer das genau bedeutete. Er war auch "Generalvertreter" und Importeur einer westdeutschen Firma, die Messer und Scheren herstellte, die - wie er sagte - von höchster Qualität waren und daher auch ihren Preis hatten; es waren auch Scheren für Friseure, ja sogar für Chirurgen darunter (eine solche benutzte Heinrich, wenn er für besondere Mahlzeiten ein Hähnchen tranchierte).

Er konnte ganz gut kochen, er fragte mich auch manchmal darüber aus, was in Don Umbertos Restaurant serviert wird und wo die Zutaten eingekauft werden. Er interessierte sich für die argentinische Küche und er fand seinen Gefallen am "Asado", dem unverzichtbaren Rindersteak und dem Kult, mit dem es zubereitet wurde. In diesem Zusammenhang kam er sogar einmal ins Plaudern und erzählte, wie er in Weißrussland bei Bauern ein Kalb und ein Spanferkel konfisziert und ein "zünftiges Grillfest" für seinen Trupp organisierte hatte. "Wieviel Leute wart ihr da eigentlich?", fragte ich ihn. "Nun ja, wir gehörten zu einem Grenadier Regiment. Aber unser 'Kommando' war eine Spezialeinheit mit besonderem Auftrag."

Heinrich bekam immer mal Besuch von alten und neuen Freunden. Dann kochte er, und die Männer (es kamen niemals Frauen) ließen es sich schmecken; er wurde gelobt und fühlte sich durchaus geschmeichelt.

Unter seinen "Gästen" waren hauptsächlich drei, die regelmäßig auftauchten. Einer hieß Ernst Witzigmann und war früher (wie Heinrich) Offizier der SS gewesen. (Ich fragte Heinrich, welchen Dienstgrad er gehabt habe, und er sagte Obersturmführer, was um einen Grad unter seinem eigenen lag.) Witzigmann war äußerlich ganz das Gegenteil von Heinrich, er war viel kleiner und korpulent, er hatte fast Glatze und er redete viel, aber (auch im Unterschied zu Heinrich) in einer gemütlichen oder zumindest geselligen Art.

Sein Vorbild war Hermann Göring, dem er auch ein bisschen ähnlich war; er kannte eine Unmenge Anekdoten von ihm und er behauptete, kein Politiker sei jemals so beliebt beim deutschen Volk gewesen wie dieser - und es würde auch keiner wieder schaffen. Wenn die Herren in feuchtfröhlicher Stimmung waren, zogen sie den Obersturmführer manchmal im Scherz auf und nannten ihn "Itzigmann", was ihm jedoch gar nicht gefiel und worüber er sehr zornig werden konnte, was die andern natürlich noch mehr reizte.

Einmal sprang er sogar auf und verließ die Runde mit der Drohung, er werde nie wiederkommen. Er blieb den folgenden Treffen tatsächlich fern, und man machte sich Gedanken über ihn, zumal er nirgends aufzufinden war. Mein Onkel hatte ihn dann irgendwann "aufgespürt", sich im Namen der andern bei ihm entschuldigt und überredet, ihnen wieder Gesellschaft zu leisten. Heinrich erklärte mir, der Ernst sei ein großer "Judenhasser vor dem Herrn" (und Itzig war ein typisch jüdischer Name), deswegen empfinde er es als Beleidigung, ihn so zu nennen.

Ein weiterer Besucher war ein Dr. Kettner, ein gebildeter, aber eher zurückhaltender älterer Herr. Er weilte schon lange in Argentinien, er betrachtete sich als einen der ersten echten Auslandsdeutschen, welche die "Bewegung auf den Kontinent getragen" haben. Er war auch eines der frühen Parteimitglieder, sein Parteibuch hatte die Nummer 609, er trug es immer bei sich, in einer Hülle aus Krokodilhaut. Er war Korrespondent bei der "Deutschen La Plata Zeitung" gewesen und hatte später beim "Trommler", dem Organ der NSDAP gearbeitet.

Ich fragte ihn einmal, was aus der Zeitung nach der Kapitulation und dem Verbot der NSDAP geworden ist. Er sagte "Die Druckerei haben wir an eine Organisation verkauft, die den Peronisten nahesteht, ich weiß nicht, was die herausgeben, ich habe nie etwas davon gelesen. Das beste Geschäft haben wir mit dem Papier gemacht, das haben wir nach Deutschland zurückgeschickt, zum fünffachen Preis, und die Transportkosten haben sie auch übernommen." Ich fragte Dr. Kettner auch, ob es hier in Buenos Aires die NSDAP noch gebe, da wollte er sich nicht weiter darüber äußern.

Dann war da noch der Kapitänleutnant ("KaLeu") Henk Farmsen, ein echter Seebär mit Vollbart und Segelohren; manchmal zwinkerte er verschmitzt mit den Augen. Er hatte ebenfalls für die Partei gearbeitet und zwar für die AO, die Auslands Organisation, die für alle Parteigenossen in Übersee und auf den deutschen Schiffen zuständig gewesen war. Die AO war eine eigene Abteilung im Auswärtigen Amt gewesen, ein eigenes "Referat", wie sich Farmsen ausdrückte, "ihr Chef war direkt dem Stellvertreter des Führers unterstellt". Es schien, als wüsste der Kapitän genau über die innere Struktur der AO Bescheid, er kannte auch den Chef Ernst Wilhelm Bohle persönlich, welcher aber "nicht bis zuletzt" im Amt geblieben war.

Ich fragte ihn "Herr KaLeu, Sie haben wohl selber mal mit diesem Posten geliebäugelt?", und er antwortete "Nie und nimmer, Junge! Das Auswärtige Amt ist ein sehr ungemütlicher Ort. Entweder du musst die Drecksarbeit für die andern machen, die sich erfolgreich darum drücken, oder du musst ständig aufpassen, daß dich keiner bei höherer Stelle anschwärzt, weil er scharf auf deinen Stuhl ist. Außerdem bin ich Seemann mit Leib und Seele, ich mag es, wenn sich die Bohlen unter meinen Füßen bewegen, anstatt vor einem Berg Akten zu sitzen, der von einer Ecke in die andere versetzt werden soll."

Farmsen hatte eine Zusatzausbildung an der Reichsschule für Seefahrer und Auslands Deutsche in Hamburg Altona absolviert, man nannte diese Schule nur das "Donner-Schloss", warum, das wusste er selbst nicht genau. Dort hatte er dann auch Lehrgänge für die Mitarbeiter der AO organisiert. Er war auch eine Zeitlang in Chile gewesen, in Valparaiso, um den dortigen Leiter der Landesgruppe zu vertreten, der versetzt worden war.

Ich fand seine Schilderungen von Valparaiso und der chilenischen Pazifikküste sehr interessant. Er warnte mich: "Stell' dir das nur nicht so romantisch vor, Junge. Das ist nicht die Südsee. Dieser Landstrich ist rauh und öde und die meisten Leute sind sehr arm, Valparaiso besteht zum größten Teil aus recht und schlecht zusammengezimmerten Bretterbuden, die sich an den Küstenhängen übereinander stapeln, nur unten am Hafen ist die Wohngegend angenehmer." Er selbst hatte Glück und war in einer beschaulichen Villa untergekommen. Dort hatte früher der berühmte Held der chilenischen Marine, ein gewisser Arturo Prat mit seiner Familie gewohnt. Der KaLeu erzählte mir seine Geschichte.

Arturo Prat, von Beruf Anwalt, war Fregattenkapitän im sogenannten Salpeterkrieg und führte 1879 im Seegefecht von Iquique das Kommando auf der Korvette Esmeralda gegen das Panzerschiff namens Huascar, das in Großbritannien gebaute größte Kriegsschiff der peruanischen Marine. Der Huascar war benannt nach dem Sohn des Inkakönigs, der sich mit seinem Bruder einen grausamen Krieg geliefert hat. Das Schiff hatte 200 Mann Besatzung, zwei 25,4 Zentimeter und zwei 12 Zentimeter Armstrong Kanonen und konnte auch als Rammboot eingesetzt werden. Die Marineschiffe jener Zeit des Übergangs vom Segel- zum Dampfschiff waren unausgereift und hässlich, ihre Konstrukteure hatten keine leichte Aufgabe zu bewältigen. Der Kapitän des Huascar war Miguel Grau Seminario.

Arturo Prat versuchte, den Huascar zu entern und kam dabei ums Leben, woraufhin sein Schiff versenkt wurde. Militärisch gesehen war es für Prat eine große Niederlage, aber seine Tapferkeit und sein Kampfesmut haben ihn unsterblich gemacht. KaLeu Farmsen berichtete von den Photographien, die in der Villa an den Wänden hingen. Sie zeigten einen sehr attraktiven Mann, der schon als zehnjähriger Kadett eine beinahe unwiderstehliche Ausstrahlung besaß. Von nicht minderer Schönheit zeugten die Bilder seiner Frau Carmela und ihrer Kinder Blanca Estela und Arturo Héctor.

"Eine Familie", sagte der KaLeu, "wie man sie sich nur wünschen kann", und fügte fast ein wenig sentimental hinzu "übrigens hat Admiral Miguel Grau Seminario der schönen Witwe des Arturo Prat dessen Degen geschickt - als Zeichen der Ehrerbietung vor seinem würdigen Gegner, und sie hat den Admiral daraufhin zu einem Caballero de los Mares, einem Ritter der Meere, erklärt. Was für eine unglaubliche Geste gegenüber dem Bezwinger ihres geliebten Gatten! Findest du nicht auch, Junge?" Ich nickte und überlegte, wie es um die eigene Familie des KaLeu bestellt sei, aber ich wollte nicht indiskret sein und unterließ es, ihn zu fragen.

Ich ließ die Herren in unserer Küche meistens unter sich, nur wenn Onkel Heinrich etwas ganz besonders Leckeres gekocht hatte, konnte ich seine Aufforderung, mit ihnen zu essen, nicht ablehnen. Es kam auch vor, daß sie zu später Stunde das Horst Wessel Lied oder andere Schlachtgesänge schmetterten, sogar der sonst so verhaltene Dr. Kettner stimmte lauthals mit ein. Ich erinnerte dann am Sonntagmorgen, wenn Heinrich mich wegen meiner Musik anging, ihn an das gestrige Gegröle, und er schüttelte den Kopf und entgegnete "Das ist immer noch anständiger als diese Affenmusik!"

Mir schien, daß Heinrich und der Obersturmführer sich am besten verstanden, er war auch manchmal allein da und die beiden unterhielten sich lange und ich hatte den Eindruck, sie besprachen Dinge, die keinen andern etwas angehen.

Einmal traf ich Dr. Kettner auf der Straße, wir redeten ein paar Worte miteinander, da fasste er mich plötzlich am Ärmel, zog mich zur Seite und fragte mich im Vertrauen, was mein Onkel eigentlich während des Krieges gemacht hätte. Ich sagte, er sei Hauptsturmführer der SS gewesen. "Ja, ja", erwiderte Kettner, "aber bei welcher Einheit?" Ich zuckte mit den Schultern, das wüsste ich nicht so genau. "Hm", machte er, und ich sagte "Warum fragen Sie ihn nicht selbst?" "Das habe ich. Es ist nur - es kommt mir so vor, als hätte ich ihn früher einmal irgendwo gesehen, aber ich kann mich nicht entsinnen, wo." "Tja, Doktor Kettner", sagte ich, "vielleicht fällt es Ihnen ja wieder ein." "Ja, schon möglich. Aber bitte, sagen Sie ihm nicht, daß ich Sie gefragt habe."

Dann brachte der Obersturmführer eines Abends einen jungen Burschen mit, der nicht viel älter war als ich und Julio Ramos hieß. Er war blond und blass und hatte kräftige Unterkiefer und einen festen Händedruck, er wirkte wie ein Nordmann, er sprach auch etwas Deutsch, das irgendwie dänisch klang, aber er sprach fließend spanisch, und wenn er redete, funkelte es listig in seinen Augen. Er war mir vom ersten Moment an unsympathisch, aber Heinrich nannte ihn einen "patenten Kerl".

Er war in einer Organisation, die sich Alianza de la Juventud Nacionalista nannte. (Daraus ist später die Grupo Tacuara hervorgegangen, die auch die öffentlichen Auftritte und Aktivitäten von Senora Celia de la Serna gestört hat. Ihre Zeitung hieß ebenfalls "Tacuara", das war nichts anderes als das Liktorenbündel, das die italienischen Faschisten als Symbol hatten.)

Julio Ramos war derjenige in der Runde, der am meisten über die aktuelle Politik sprach, was nicht weiter verwunderlich war, wenn man bedachte, daß er die Erinnerungen der Herren nicht teilen konnte. Er redete natürlich viel über Juan Domingo Perón, den Staatspräsidenten, und über dessen Verfassungsreform, über den Ersten Fünfjahresplan der Wirtschaft, sogar über den "Justicialismo", eine von Perón selbst entwickelte Theorie zur Staatsführung, wozu die andern nicht viel beizusteuern hatten, am meisten noch Dr. Kettner, obwohl er, wie es schien, sich lieber mit anderen Dingen befasste.

Sie debattierten auch über die Beziehungen Argentiniens zur USA und deren Bestreben, eine Hegemonie über die Länder Südamerikas zu erlangen. Nach dem Krieg hatten die USA, noch als führende Macht der Alliierten, von Perón gefordert, er solle sein Land gefälligst von den alten Nazis säubern, die nicht nur den Krieg verloren, sondern vor allem unermessliches Leid über die Menschheit gebracht hatten und für die es kein Recht gab, an irgendeinem Ort der zivilisierten Welt Unterschlupf zu finden.

Aber Perón wusste, daß nicht jeder Deutsche automatisch ein Nazi war, dafür umso mehr ein ordentliches und fleißiges Mitglied der Gesellschaft, als welches er in den allermeisten Fällen einen Beitrag zur Prosperität der Volkswirtschaft leistete, der nicht zu unterschätzen war.

Der Obersturmführer bat den KaLeu ein ums andere Mal, aus jenen zehn Leitsätzen zu zitieren, die in jedem "Auslands Ausweis" der Partei abgedruckt waren (der KaLeu kannte sie natürlich auswendig.) Hieß es da nicht ausdrücklich, daß jeder Parteigenosse die Gesetze des Landes, dessen Gast er ist, zu befolgen hat! Und hieß es da nicht im nächsten Punkt, man solle sich nicht in die politischen Angelegenheiten des Gastlandes einmischen! Wie konnte also jemand den Anhängern der nationalsozialistischen Bewegung vorwerfen, sie würden anderen Menschen schaden wollen!

Hatte man denn jemals von einer deutschen Mafia gehört? Oder von deutschen Schmugglerbanden? Von deutschen Clans oder von deutschen Drogenhändlern? Es gab auch keine deutschen Guerillas, nicht einmal deutsche Anarchisten und auch - soweit man dies beurteilen konnte - keine deutschen Geheimdienst Agenten, die in den Angelegenheiten anderer Staaten herumschnüffelten.

Aber es gab deutsche Kaufleute, deutsche Wissenschaftler, Ärzte, Lehrer, die sich - viele aus einer humanistischen Haltung heraus - um das Wohlergehen der Menschen sorgten, selbst wenn sie einer fremden Nation angehörten. Darauf konnte man als Deutscher stolz sein, wo immer man sich aufhielt - ein Bekenntnis, in dem "nicht umsonst" die zehn Verhaltensregeln des Auslands Ausweis' gipfelten.

Der Obersturmführer redete sich dabei mitunter in Rage und in seinen Mundwinkeln bildeten sich weiße Schleimfäden; es war, als wäre Hitlers Kampf noch lange nicht zu Ende und als würde der Obersturmführer gerade die nächste Etappe einläuten - wenn auch auf halbverlorenem Posten. Die anderen ließen ihn brav ausreden, vielleicht belächelten sie insgeheim seine Naivität, doch im Prinzip gaben sie ihm Recht. (Heinrich hatte ja von der Kapitulation auch nichts wissen wollen, er behauptete sogar einmal, sie wäre eine Fälschung, "wie so vieles in der Geschichte".)

Julio Ramos redete nicht nur vom Präsidenten Perón, sondern ebenso von seiner Gemahlin, der schönen und charismatischen Maria Eva Duarte Perón, die stets an seiner Seite war und die darüberhinaus einen bedeutenden Einfluss auf seine Entscheidungen die Staatsgeschäfte betreffend hatte, selbst wenn sie es ablehnte, als Vizepräsidentin zu kandidieren. Ich habe etwas später erlebt, wie Evita Perón bei einer Kundgebung der Peronisten buchstäblich wie eine Heilige angehimmelt wurde, und ich muss zugeben, daß ich mich der Huldigung nicht entziehen konnte, obwohl ich von ihr nicht viel mehr kannte als das, was ich vor mir sah. Kein Politiker, ausgenommen Fidel Castro, hat mich bei einem öffentlichen Auftritt so beeindruckt wie diese Frau.

Doch als Julio Ramos im Kreis der Herren in unserer Küche von ihr schwärmte, hatte ich sie selbst noch nicht gesehen und ich wusste auch nicht viel von ihrer Vorgeschichte und überhaupt von den Peronisten. Ich hielt seine Ansichten für etwas übertrieben, einem "argentinischen Hang zur Emphase" geschuldet, wie es Dr. Kettner einmal ausdrückte. Außerdem meinte ich, Ramos lege sich auch deswegen so ins Zeug sie zu preisen, weil er ja in einer Organisation war, die junge Leute für sich gewinnen wollte, und Evita Perón war mit ihren gerade mal dreißig Lenzen ein Idol der Jugend. Daher überraschte es mich nicht, als er mich ansprach und fragte, ob ich nicht Lust hätte, einmal bei einem ihrer Treffen vorbeizuschauen. Ich verspürte aber kein Verlangen und betont unloyal fragte ich zurück "Sind da auch Frauen dabei?"

Ich kannte diesen Ausdruck, mit dem mich Ramos daraufhin ansah. Ich kannte ihn von früher, aus meiner Zeit, als ich bei der Hitlerjugend war. Es gab da einen Kameradschafts Führer, an den ich mich überraschenderweise in diesem Moment erinnerte. Der setzte dieselbe Miene auf, wenn die Rede auf Mädchen und auf das "andere Geschlecht" kam. Er untersagte es uns, dieses Thema während der "Ausbildung" anzusprechen, und wenn wir uns im Feldlager befanden, war es erst recht tabu.

Er versuchte, das Verbot zu begründen, er sagte, im Kampf denkt der Soldat nicht an solche Sachen. Einer von uns fragte, ob ein Soldat denn nicht an seine Frau denken soll, die ihm in der Heimat "die Daumen drückt"? Das sei etwas ganz anderes. Wenn es sich um die treue Ehefrau handelt, dann seien solche Gedanken gutzuheißen, solange sie dem Soldaten Mut und Zuversicht geben. Wir aber, die wir erst auf dem Wege wären, tapfere Soldaten zu werden, dürften uns von solchen "schmutzigen Vorstellungen" nicht beeinflussen oder gar schwächen lassen.

Das Pendant zu seinen eindringlichen Ermahnungen waren übrigens seine Hinweise zur "persönlichen" Körperhygiene, die unter anderem darin bestand, bei der Morgenwäsche "die Vorhaut weitestmöglich zurückzuziehen, damit die Furche hinter der Eichelkrone von Rückständen gesäubert werden kann". Das klang wie eine Anweisung beim Waffenreinigen. Ich habe es erlebt, daß in einem dieser Feldlager ein Junge von einem andern beim Kameradschaftsführer denunziert wurde, weil er angeblich unter der Decke heimlich "gewichst" hatte. Ich dachte jetzt, als mir das so plötzlich wieder einfiel, mit Beklemmung daran, was für ein Exempel man an diesem Jungen vor versammelter Meute statuierte.

Ich bemerkte, daß ich diese Erinnerungen die ganze Zeit verdrängt hatte und sie mir ausgerechnet jetzt wieder in den Sinn kamen, als Julio Ramos versuchte, mich für seine Organisation zu werben. Instinktiv hatte ich vermutet, daß er auf meine Frage empfindlich reagiert, und das tat er auch und meinte "Sind Sie etwa bloß hierher gekommen, damit Ihnen eine Frau über den Weg läuft, die Sie aufgabeln können?" Ich sagte "Und wenn es so wäre, was dann?" "Dann würde ich sagen, Sie tun mir leid. Denn Sie wissen offenbar noch nicht, daß es ein paar Dinge im Leben gibt, die man den eigenen Interessen und Gelüsten voranstellen sollte." "Aha", erwiderte ich, "und du willst mich darüber aufklären?" Er sagte "Ich bin jederzeit dazu bereit", und das hörte sich so bescheuert an, daß ich ihm am liebsten eine grobe Beleidigung entgegengeschleudert hätte.

Aber ich dachte an Onkel Heinrich und daran, daß es ihm missfallen würde, wenn ich seine Gäste vergraule; zumal mir das Ganze eigentlich völlig egal sein konnte. Ich sagte also nur "Wenn ich mal einen Berater in Tugendfragen brauche, werde ich dir Bescheid geben." Er nickte unmerklich und kniff die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln zusammen. Irgendwie war ich mit meiner Antwort selber unzufrieden, und das machte ihn mir noch unsympathischer. Auch daß er "Sie" zu mir sagte, störte mich sehr, er tat so überlegen.

Ich hatte den Eindruck, Julio Ramos war dem Faschismus wegen dieses Übermenschentums so zugetan, wegen der überaus edlen, tugendhaften und männlichen Charakter Eigenschaften, welchen die Faschisten nacheiferten und in deren Besitz sie sich berufen fühlten, eine neue Gesellschaft zu errichten, die alle Zwänge und alles Elend überwindet. Reinheit der Gesinnung und Reinheit des Fleisches - das waren die Forderungen, die aus seinen Worten herauszuhören waren. (Ernst Witzigmann, der Judenhasser, ergänzte sie noch um die Reinheit des Blutes.)

Ramos hatte Heinrich (und auch mich) wiederholt nach der "Gefährtin an des Führers Seite" gefragt, womit er natürlich Eva Braun meinte. Heinrich wusste nicht viel darüber zu sagen, nur daß sie aus München stammte und ansonsten ein "sonniges Gemüt" besaß. (Viel mehr hatte man ja auch nie erfahren.)

Man konnte sehen, daß diese "Frauenfrage" Julio Ramos beschäftigte, deshalb kam er auch immer wieder darauf zurück. Er versuchte, Parallelen zu ziehen: zwischen Perón und Hitler und zwischen ihren Frauen, die zufälligerweise auch noch beide Eva hießen. Präsident Perón war in den 30er Jahren als Militärattaché auch in Berlin gewesen, er hielt eine Menge vom Deutschen Führer, wenngleich er den Duce wahrscheinlich noch mehr geschätzt hatte. Julio Ramos war der Meinung, daß Perón über den tragischen Tod der beiden Politiker sehr betrübt gewesen sein muss, auch wenn in diesem Zusammenhang niemand mehr das Wort "Heldentod" in den Mund nahm.

Daß des "Führers Gefährtin" ihn bis in den Tod begleitet hatte, beeindruckte wiederum Ramos zutiefst. Das entsprach so recht seiner Vorstellung von der treuen Frau, die ihren Mann nie und nimmer im Stich lässt. Und er hielt auch Evita Perón einer solchen Treue für fähig. Es war dies eine ihrer Eigenschaften, deren Glanz und Erhabenheit sie über die Mitglieder seiner Alianza de la Juventud Nacionalista ausschütten konnte wie weiland der Herr den Heiligen Geist über die Gläubigen. Natürlich musste ich mir schäbig vorkommen, wenn mir bei diesem Julio Ramos die Erinnerung an jenen Kameradschaftsführer der Hitlerjugend hochkam, dem es so wichtig war, den eigenen Schwanz immer schön sauber zu halten.

Ich bin mir nicht ganz im klaren darüber, weshalb mir Ramos' Begeisterung für den Faschismus so suspekt war, aber sein forsches Auftreten und seine oft scharfsinnige Argumentation, wenn es um politische Fragen ging, versetzten mir manchen unangenehmen Schauer.

Ich fühlte mich gemahnt an meine Jungenzeit, als ich dem Treiben bei der Hitlerjugend und unter meinen Kameraden noch den größten Spaß abgewinnen konnte und die Gewissheit hatte, das Leben würde immerfort in dieser unbeschwerten Bahn verlaufen. Und zugleich spürte ich jetzt, wie peinlich und lästig mir diese früheren Erlebnisse und Erfahrungen geworden waren, wie ich mich längst davon getrennt hatte (noch bevor ich mit meinem Onkel zur großen Reise aufgebrochen war), als hätte ich die Tage von damals gebündelt wie alte Zeitungen, mit einem Bindfaden verschnürt und zu einem Abfallhändler geschafft - und sogar auf die paar Groschen verzichtet, die ich dafür erhalten hätte.

Genau betrachtet waren doch die ach! so perfekt organisierten Unternehmungen bei der Hitlerjugend nur blinder Aktionismus gewesen. Was mich damals daran begeisterte, was mir lehrreich, abenteuerlich oder auch moralisch wertvoll erschien, das war in Wirklichkeit nichts als ein Haufen unnützer Beschäftigungen, die uns Jungen bloß beisammenhalten sollten wie eine Herde Schafe, die verhindern sollten, daß jemand auf dumme Gedanken kam (nicht nur Gedanken an Mädchen).

Anfangs war überall noch etwas von Enthusiasmus zu spüren, aber je länger der Krieg andauerte oder bessergesagt, je weiter sich der Endsieg verzögerte, umso mehr machte sich eine Erschöpfung und Lethargie breit, man wurde wie abgestumpft gegen alles Geschehen. Man hörte die laufenden Berichte des OKW im Rundfunk, aber niemand verfolgte noch ernsthaft die strategischen Operationen der einzelnen Armeen. Ich glaube, nicht einmal die, welche Söhne, Väter, Brüder an der Front hatten, fühlten sich angesprochen, geschweige denn betroffen.

Heute frage ich mich immer noch, wieviele Männer aus unserer Stadt im Krieg geblieben sind, keine Liste ist je darüber veröffentlicht worden, und doch muss es eine Liste gegeben haben, wieviele einberufen wurden. Hat jemals jemand die Listen abgeglichen? Hat man nach dem Ende des Krieges auch nur einen einzigen Angehörigen Klage erheben hören? Könnte man alles auf die Russen schieben, die dies mit aller Macht unterdrückten?

Der Vater meiner Freundin Gabriele war an der Ostfront, sie sprach über ihn, als würde er an der Wolga einen Staudamm bauen. Freilich, sie war neun oder zehn, als er eingezogen wurde, aber sie hatte nie Angst um sein Schicksal - jedenfalls konnte man ihr nichts anmerken. Sie war auch diejenige, die mich aufmunterte, als mir die ganze Hitlerjugend Scheiße schon zum Hals raushing, ich aber dennoch nicht wagte, fernzubleiben.

Wir hatten, wie ich bereits sagte, in G. keinen wirklichen Krieg zu spüren bekommen, die einzigen Schießereien und ein paar Detonationen gab es im Frühjahr vor der Kapitulation. Aber in den letzten Kriegstagen wurde mein Vater zum Volkssturm befohlen. Man drückte ihm eine Waffe in die Hand, die aussah wie ein Holzgewehr (sie steckte bei uns zuhause im Schirmständer) und man ließ ihn zusammen mit einem Dutzend andere Männer hinter einem Erdwall in Stellung gehen.

Ich habe ihn einmal dabei beobachtet, ich bin dorthin gegangen, wo sie ihre Übung abhielten und habe zugeschaut wie bei der Bergung einer Wasserleiche, natürlich musste ich mich dabei verstecken. Aber der jämmerliche Anblick meines Vaters war mir unerträglich und ehrlich gesagt konnte ich in diesem Moment verstehen, weshalb meine Mutter ihn verlassen hatte.

Die Front rückte immer näher, von beiden Seiten, und die Volkssturm Männer gingen wieder in Stellung. Ich ging derweil zu Gabriele, sie war die einzige, die nicht der allgemeinen Untergangsstimmung verfallen war. Ihre Mutter war nicht da, und sie führte mir in ihrem Wohnzimmer ihre neueste Entdeckung vor: es nannte sich "Sieben ursprüngliche Essenzen" und war eine Art sehr betonte Gymnastik aus China, wobei einzelne Figuren, symbolisiert durch bestimmte Haltungen, zur Darstellung kamen. Sie hatte schon immer so einen Hang zu exotischen Dingen. Sie vollführte ihre geschmeidigen Bewegungen bloß in Unterwäsche und mein Glied wurde steif wie eine Dauerwurst.

Später tranken wir Pfefferminztee, ich sagte "Mein Vater liegt mit dem Volkssturm unten am Viadukt." Gabriele fragte "Was machen die da?" Ich erwiderte "Sie warten auf die Russen." Sie zog zwei Haarnadeln von ihrem Kopf, klemmte sie zwischen die Lippen, ordnete ihre schöne blonde Haarpracht neu und steckte die Nadeln wieder fest. Sie sagte "Meine Mutter kommt erst halb sechs wieder."

Als ich nach Hause kam, saß mein Vater am Tisch und prüfte irgendwelche Versicherungs Unterlagen. Ich fragte ihn, wann die Russen voraussichtlich hier eintreffen werden. Er sagte "In den nächsten Tagen." Das Gewehr stand nicht im Schirmständer. Ich fragte "Wirst du gegen sie kämpfen?" Er sagte "Nein. Ich bin nicht einsatzfähig. Ich hab' mich am Fuß verletzt. Ich kann nicht weglaufen, verstehst du." Ich war ehrlich erleichtert. Ich nickte und meinte "Gut so. Warten wir's hier ab." (Tatsächlich waren dann die Amerikaner eher da.)

* * * * *

Ich beschloss, Onkel Heinrich und seine Freunde unter sich zu lassen und mich sonntags wieder auf meinen Drahtesel zu schwingen, um durch die grenzenlose Stadt zu brausen. Einmal, auf der Avenida Córdoba, schnitt mir ein Lieferwagen die Vorfahrt, genauergesagt war er schneller als ich und ich musste vor einem andern Fahrzeug ausweichen. Kurzum, ich schrammte den Bordstein, flog im hohen Bogen vom Rad und prallte gegen einen Hydranten. Ich spürte einen stechenden Schmerz in der Seite, einen weiteren am rechten Unterarm und in meinem Kopf drehte sich alles. Ich versuchte noch geistesgegenwärtig nach meinem Rad zu greifen, bevor irgendjemand damit abhaut, aber da verließen mich die Sinne.

Ich war nicht lange bewusstlos, als ich zu mir kam, lag ich auf dem Lieferwagen. Der Fahrer brachte mich ins nächste Hospital. Sie fragten mich nach meinem Namen, legten mich auf eine Liege mit einem glatten, abwaschbaren Überzug, und eine junge Krankenschwester beugte sich über mich, zog meine Augenlider hoch und leuchtete mir mit einer kleinen Taschenlampe in die Pupillen, ich sagte "Schwester! Was ist mit meinem Fahrrad und mit meinem Rucksack?" Ich hatte am meisten Sorge um Onkel Heinrichs Fernglas. Ich bekam keine Auskunft, ich rief "Schwester! Schwester!", und dann schwanden mir abermals die Sinne.

Später erwachte ich auf einem richtigen Bett, ich hatte ein langes Krankenhemd an und darunter nur meine Unterhose und Socken an den Füßen. Zwei Handbreit über dem Bauchnabel ging ein Verband um meinen Leib und am rechten Arm hatte ich auch einen. Ich hob den Kopf und mir wurde sofort schwindlig. Nach einer Weile kam eine Krankenschwester herein, ich erkannte sie wieder und das beruhigte mich. Ich fragte nach meinem Fahrrad und dem Rucksack.

Sie sagte "Wollen Sie nicht wissen, was mit Ihnen passiert ist?" Ich fragte "Was ist mit mir passiert?" "Sie haben zwei gebrochene Rippen und eine Wunde am Arm, außerdem eine leichte Gehirnerschütterung." Ich sagte "Danke, Schwester, daß Sie mich aufgenommen und versorgt haben. Wissen Sie was über mein Fahrrad und meinen Rucksack, den ich bei mir hatte?" "Nein, Senor Frogard. Und nennen Sie mich bitte nicht 'Schwester', ich bin keine Nonne." (Ich hatte die falsche spanische Anrede verwendet.) Ich entschuldigte mich und sagte "Ich heiße Miguel. Wie darf ich Sie anreden?" "Ich bin Schwester Sylvia", dann fügte sie hinzu "ich werde sehen, ob ich etwas über Ihr Fahrrad herausfinden kann." "Das wäre sehr freundlich von Ihnen."

Am Nachmittag kam Onkel Heinrich. (Es gab in diesem Hospital tatsächlich ein paar kleine Jungen, die sich einen Obolus damit verdienten, daß sie Angehörige von Patienten benachrichtigten.) Ich erzählte ihm, was passiert war. Er fragte, wo meine Sachen wären, ich nahm an, daß er meine Kleidung und Schuhe meinte, er sagte gleich "Ich bring' dir was Sauberes." "Ja, ist gut. Sonst alles in Ordnung?" "Bei mir? Ja natürlich. Senor Viamonte wollte dich sprechen, wegen irgendwelcher Bücher." "Ah ja, ich werde zu ihm gehen." "Wie lange wirst du hier bleiben?" "Ich weiß nicht, frag' doch mal Schwester Sylvia." "Ist das die hübsche Dunkeläugige mit dem Pferdeschwanz?" "Na ja ... sie hat ... ja, das könnte sie sein, hast du mit ihr gesprochen?" "Vorhin, ganz kurz." "Hat sie was gesagt?" "Was soll sie gesagt haben? Sie hat mir gesagt, wo du liegst." "Ja, gut. Dann ... will ich dich nicht länger aufhalten, Onkel Heinrich. Kommen deine Freunde heute?" "Witzigmann und der KaLeu kommen, Julio vielleicht auch, Kettner hat abgesagt, er hat einen Trauerfall in der Verwandtschaft." Ich fragte "Ach, Doktor Kettner hat Familie? Das wusste ich gar nicht." "Ja. Er hat eine Frau aus Montecarlo geheiratet." "Aus Monte Carlo?", staunte ich, und Heinrich sagte "Montecarlo in der Provinz Misiones, oben im Norden der Zipfel zwischen Paraguay und Brasilien." "Ach, dieses Monte Carlo", sagte ich und lachte, aber da fühlte ich einen schmerzhaften Stich in der Seite.

Ich lag ungefähr zwei Stunden da, dann klopfte es zaghaft und einer von den kleinen Jungen kam herein, ein dunkler Lockenkopf mit pfiffiger Miene, er schien sehr aufgeweckt. Er brachte meine Sachen, er war Heinrich hier über den Weg gelaufen und der hatte ihn engagiert. Ich fragte ihn, ob mein Onkel ihn bezahlt habe und er bejahte es. Ich kleidete mich an, ich musste achtgeben, daß ich meine Seite nicht zu sehr bewegte, aber ich hätte den Arm ganz ruhig halten müssen. Meine Schuhe fehlten. Als ich auf dem Bettrand saß, öffnete sich die Tür und eine Krankenschwester erschien, ich freute mich, daß es Schwester Sylvia war. Vielleicht irrte ich mich, aber es kam mir so vor, als hätte sie sich noch hübscher gemacht.

Sie war überrascht, als sie mich so sitzen sah. "Wo wollen Sie denn hin, Miguel?" Ich sagte "Ich dachte, ich könnte nach Hause gehen." "Sie sollten noch eine Nacht hierbleiben, zur Beobachtung." "Sie meinen, wegen meinem Kopf?" "Ja. Geht es Ihnen denn besser?" "Ja, ich glaube, ich bin ... haben Sie vielleicht was wegen meinem Fahrrad herausgefunden?" "Ja. Das steht unten im Keller, der Fahrer des Lieferwagens, der Sie herbrachte, hat es da abgestellt." "Das ist ja toll. Und mein Rucksack?" "Ach ja, der war auch dabei, ich hab' ihn schon holen lassen, aber eben vergessen." Ich sagte "Muchas gracias! Es gibt so viele freundliche Menschen hier", aber sie sah mich ein bisschen verdutzt an.

Da stand ein Schrank an der Seite, den schloss sie auf und hantierte darin herum, es waren Wäsche und Verbandszeug und allerhand andere Sachen darin. Ich betrachtete sie hinter ihrem Rücken und es war klar, daß sie es merkte, sie schüttelte einmal kurz ihren Pferdeschwanz, als hätte sich ein schweres Staubkorn darin verfangen. Ich fragte "Wie heißt dieses Hospital?" "Hospital Alfredo Bufano." "Aha", erwiderte ich bloß, ohne weiter zu fragen, ich wollte sie nicht in Verlegenheit bringen.

Ein Handtuch fiel herunter, ich sprang auf, um ihr zu helfen, aber ich musste einen Schmerzensschrei unterdrücken, sie sagte "Bleiben Sie bloß sitzen!" Sie bückte sich sehr graziös, ihre Hüften spannten den Stoff ihres weißen Kittels. Sie legte das Handtuch zurück und meinte "Das war ein Arzt und ein Dichter, er lebte in San Rafael." Ich fragte "Wo liegt das?" "In der Provinz Mendoza, zirka hundertfünfzig Meilen südlich der gleichnamigen Hauptstadt, am Rio Diamante." "Sie wissen ja genau Bescheid." "Ich komme von dort." "Ah, deshalb. Ist es schön da?" "Ja, sehr schön."

Sie war fertig mit dem Schrank, sie schloss ihn ab und steckte den Schlüssel in die große Tasche an ihrem Kittel. Ich sagte "Vielleicht mache ich demnächst eine Reise nach Misiones, ich habe Bekannte da, in Monte Carlo. Würden Sie mir dazu raten?" "Was?" "Von Misiones ist es ja bekanntlich auch nicht weit nach Paraguay." Sie nahm das kleine Tablett vom Nachtschränkchen, da stand eine Tasse darauf und zwei drei leere Arzneibehälter, das war nicht von mir.

"Was wollen Sie denn in Paraguay? Da ist es bloß heiß und feucht und schmutzig." "So schlimm?" Sie sagte "Das einzige Gute, das aus Paraguay kommt, ist der Mate Tee, aber den gibt es inzwischen überall in Südamerika." Ich sagte "Jetzt bin ich schon eine ganze Weile hier, aber Mate Tee habe ich noch nicht getrunken." Sie erwiderte "Wären Sie heute nacht hier geblieben, hätten Sie welchen zum Abendbrot bekommen - tja, zu spät, Miguel", und damit schlüpfte sie zur Tür hinaus.

Es war schon fast dunkel draußen, da kam Schwester Sylvia noch einmal, der kleine Lockenkopf war bei ihr, er hielt meinen Rucksack. Sie sagte "Sie sind ja noch da." "Na ja, ich vermisse meine Schuhe." Sie schien ein bisschen verlegen, daß sie schon wieder was vergessen hatte, sie sagte zu dem Jungen "Nico, lauf' mal zu Senor Oswaldo und lass' dir die Schuhe von Zimmer dreihundertfünf geben." Er stellte meinen Rucksack ab und verschwand. Ich sagte "Verzeihung, was hat Senor Oswaldo denn mit meinen Schuhen gemacht?" "Geputzt." "Oh, wie gut." "Geben Sie ihm zwanzig Centavos." "Ja. Na klar." "Wir haben auch einen Friseur hier." "Ach ja? Finden Sie, ich sollte zum Friseur gehen?" Sie lachte. "Nein, ich meine bloß. Da kann man auch so hingehen, jederzeit, er ist gleich unten beim Eingang." "Gut."

Nico kam wieder, meine Schuhe glänzten wie eine Speckschwarte. Sylvia sagte "Hier sind noch zwei Medikamente für Sie: diese Salbe ist zum Einreiben, und von den Tabletten nehmen Sie zweimal täglich eine. Haben Sie jemand, der Ihnen den Verband wechseln kann?" "Ähm ... und wenn nicht?" "Ihr Vater war doch vorhin da." "Mein Onkel. Ja, er kann mir sicher behilflich sein." "Lassen Sie sich vorn an der Anmeldung noch ein paar Verbände geben, dort können Sie auch bezahlen." "Bezahlen?" "Die Medizin." Ich fragte vorsichtig "Was kostet das?" Sie entgegnete "Wollen Sie lieber die Schmerzen ertragen und darauf warten, daß sich Ihre Wunde entzündet?" "Nein, das will ich nicht." "Sehen Sie, ich auch nicht, Miguel."

Ich ging zur Anmeldung und bezahlte, ich war froh, daß mein Geld gerade so reichte. Da stand Nico neben mir und sagte "Ich soll Sie nach Hause bringen, Senor." "Hat Schwester Sylvia das gesagt?" "Ja. Sie meinte, wenn Sie unterwegs umfallen, soll ich Ihnen helfen." "Das ist sehr nett." Dann fiel mir plötzlich ein, daß ich den Weg gar nicht kannte. "Weißt du denn, wo wir hin müssen? Ich nämlich nicht." "Wollen Sie denn nicht nach Hause?" "Doch ja, aber ich habe keine Ahnung, wo wir hier sind." "Es ist gar nicht so weit", sagte Nico, "wir müssen bloß vorher Ihr Fahrrad aus dem Keller holen." Ich sagte "Ach ja, das auch noch", und war mir nicht so ganz sicher, ob in meinem Kopf wirklich schon wieder alles in Ordnung ist.

Unterwegs fragte ich Nico "Und wie lange geht deine Schicht so für gewöhnlich?" "So lange es was zu tun gibt." "Gehst du in die Schule?" "Jetzt?" "Überhaupt." "Ja." "Du kennst sicher alle, die dort im Hospital arbeiten." "Ja, die meisten." "Weißt du, wie Schwester Sylvia mit Nachnamen heißt?" "Ja, ihr Name ist Sylvia Marsal." "Ist sie verheiratet?" "Soviel ich weiß, nicht, warum fragen Sie, Senor?" "Nur so."

Onkel Heinrich war noch wach, aber seine Gäste waren schon gegangen. Es war noch etwas vom Essen übrig. Ich fragte den Jungen, ob er Hunger habe, und er sagte ja. Heinrich gab ihm einen Teller mit einer ordentlichen Portion. Als er fertig war, verabschiedete er sich artig, ich drückte ihm ein Fünfzig Centavos Stück in die Hand, er sagte "Soll ich Senorita Marsal etwas ausrichten?" "Nein, nicht nötig." Er zuckte mit den Schultern und verschwand. Ich bereute es, daß ich nicht über Nacht im Hospital geblieben war.

Ich hatte Glück gehabt, daß mir nichts Schlimmeres passiert war bei meinem kleinen Unfall; auch das Fahrrad hatte nur wenig abgekriegt, ein paar Kratzer, ein verbogenes Schutzblech und eine Acht im Vorderrad; ich fand eine Werkstatt, wo ich günstig ein anderes bekam, das zwar nicht neu, aber einwandfrei war. Mein größtes Problem bestand darin, daß ich mit meinem verbundenen Arm und mit den gebrochenen Rippen, mit denen ich mich eine Weile nur behutsam bewegen konnte, kaum in der Lage war, bei Don Umberto zu arbeiten, auch wurde mir bei längerem Stehen plötzlich schwindlig. Nach einer Woche wäre ich vielleicht wieder einsatzbereit gewesen, ich sagte das Ramirez, dem Chefkoch, und meinte auch, bis dahin könnte ich eventuell eine andere Arbeit erledigen. Er sagte, er würde es sich überlegen. Ob ich morgen kommen soll, fragte ich, und er sagte, er würde mir Bescheid geben.

Zu Hause machte ich mir einen Kaffee (Ich trank ihn immer so: ein gehäufter Löffel gemahlener Kaffee und ein Löffel Kakaopulver, beides kam aus Brasilien, es war nicht billig, aber Heinrich spendierte es; dann zur Hälfte heißes Wasser darüber und die andere Hälfte mit Milch aufgefüllt, zuletzt einen Löffel Rohrzucker, manchmal auch zwei.) Ich fragte mich, wie sich Ramirez entscheiden werde. Er war nicht sauer gewesen, er hatte auch gemeint, bloß gut, daß nichts Schlimmeres passiert war.

Aber wenn ich mich in seine Lage versetzte, musste ich zu dem Schluss kommen, daß er mich nicht behalten konnte. Selbst wenn ich vorübergehend was anderes mache - und was denn eigentlich, wofür nicht schon jemand da wäre? - so würde inzwischen ein anderer an der Spüle arbeiten, und soll der dann etwa freiwillig wieder abtreten? Eduardo hat mir dann erzählt, daß Ramirez schon mal (aus Gefälligkeit) jemanden weiterbeschäftigt hat, der sich auch bei einem Unfall das Bein angeknackst hatte, und der Bursche war so dreist gewesen, sich an die Aufsichtsbehörde zu wenden und zu behaupten, es wäre ihm bei Don Umberto in der Küche passiert, und er verlangte Schmerzensgeld. Seitdem würde sich Ramirez damit vorsehen, "selbst wenn er so was von dir nicht erwartet hätte", fügte Eduardo hinzu.

Eduardo war es auch, den Ramirez gebeten hatte, mir Bescheid zu geben (ich glaube, Ramirez hatte mitbekommen, daß ich mich mit Eduardo ganz gut verstand). Er habe jemand anderen einstellen müssen, teilte er mir mit. Ich solle den Zettel, den Eduardo mir vorlegte, unterschreiben und ihm wieder mitgeben. (Darin stand, daß ich die Kündigung zur Kenntnis genommen habe und keine offenen Forderungen bestünden.) Ich unterschrieb es, und Eduardo faltete das Blatt und steckte es in die Innentasche seines Jacketts.

Aus der anderen holte er einen Briefumschlag, er sagte "Senor Ramirez hat mich auch gebeten, dir das zu geben." Ich war nicht wenig überrascht, als ich die Geldscheine in dem Umschlag sah. Eduardo erklärte "Soviel ich weiß, ist das der noch ausstehende Lohn für diesen Monat." (In Wirklichkeit war es sogar etwas mehr.) "Ach ja", sagte er, "und diese Adresse da ... also Senor Ramirez meint, du solltest dich da mal melden, die suchen immer tüchtige Leute." Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte - und dabei hatte ich mich am Anfang innerlich so über diesen Mann aufgeregt. Aber ich wollte nicht nochmal hingehen und mich bedanken.

Ich betrachtete das jähe Ende meiner Arbeit bei Don Umberto als eine Chance für mich, etwas anderes auszuprobieren. Onkel Heinrich sagte zwar nichts weiter dazu (er konnte Ramirez Entscheidung verstehen), aber ich merkte, daß es ihm nicht wirklich gefiel. Ich versprach ihm, mir schnellstens was Neues zu suchen, doch dann ließ ich mir Zeit - und das hatte er wohl geahnt.

Ich konnte eine Weile ganz gut von meinen Ersparnissen leben und Heinrich dennoch meinen Anteil an den Kosten geben. Ich blieb eine Woche zu Hause und schonte mich. Ich besuchte Eduardo und durchstöberte den Bücherkarton seines Bekannten. Es war ein Haufen Kram darin, der sehr speziell war: Schriften über Volkswirtschaftslehre, Religionswissenschaft und Soziologie, dann eine Abhandlung über Humboldt's Südamerika Reise, die ich auf den ersten Blick langatmig fand, außerdem etliche Bücher in spanisch und englisch, davon nahm ich zwei mit: Lymen Frank Baum's The Wonderful Wizard of Oz, mit hübschen Zeichnungen eines gewissen G.G. Denslow, und Ernest Hemingway's A Farewell to Arms - von beiden hatte ich vorher noch nichts gehört, geschweige denn gelesen, eigentlich wählte ich sie aus, weil ich das Englisch so ziemlich auf Anhieb verstehen konnte.

Ich war schon fast durch, da entdeckte ich einen schmalen Band mit dem Titel El reino de los olivos, Königreich der Oliven, von Alfredo Bufano, ebenjenem Arzt und Dichter, den Schwester Sylvia erwähnt hatte. Ich hielt es für keinen Zufall, daß mir das Buch in die Hände gefallen war. Ich frohlockte bei dem Gedanken, einen guten Grund zu haben, nochmal zu ihr zu gehen.

Ich fing mit The Wizard of Oz an, es war umwerfend, komisch und rührend und voller unterhaltsamer Dialoge. Ich las es fast in einem Zuge durch. Übrigens bemerkte ich während meiner "Erholungsphase", daß Heinrich oft den ganzen Tag außer Haus war und einmal blieb er auch über Nacht weg. Ich fragte ihn am nächsten Tag, und er meinte, er hätte geschäftlich zu tun gehabt. Er sagte "Was glaubst du denn, was ich mache? Nur vom zu Hause Herumsitzen kann ich nicht leben."

Er hatte das keineswegs mit vorwurfsvollem Unterton gesagt, sondern wie eine Feststellung, daß dies schon immer sein Grundsatz war. Es ärgerte mich dennoch ein bisschen. Dann kündigte er an, er werde für drei Tage wegfahren. Ich fragte "Wohin?" "Nach Rosario." Er packte einige Sachen in den kleinen Koffer. Ich schmierte ihm ein paar Brote als "Proviant", er bedankte sich, er strich mir übers Haar (was er seit Jahr und Tag nicht getan hatte) - ich wollte bloß nützlich sein.

Ich ging zu Carlos Hoselitz, um mir neue Platten "auszuleihen". Er gab mir zwei von Billie Holiday, mit Teddy Wilson und Lester Young und dem Trompeter Roy Eldridge, der damit kokettierte, die höchsten Töne zu erklimmen. Und eine andere mit einer Allstar Besetzung, wo der junge Gerry Mulligan mitspielte, der später mit seinen wunderbar dahingleitenden Melodien auf dem Baritonsaxophon brillierte.

Carlos meinte, es ginge Billie Holiday nicht besonders gut. Ich fragte "Inwiefern?" Er sagte "Na, hör' dir ihre Stimme an, sie hat stark gelitten." "Woher kommt das?" "Vom strapaziösen Leben natürlich. Jemand wie sie will immer alles geben, bis es über ihre Kräfte geht. Aber sie will auch alles haben, und das bekommt sie nicht, sie erhält niemals das zurück, was sie verdient hätte." "Du meinst geschäftlich?", fragte ich und musste an den Bandoneon Spieler bei Don Umberto denken. "Ach, vom Geschäft verstehen Jazzmusiker wahrscheinlich ohnehin nur wenig. Aber ich denke, den meisten geht es gar nicht ums Geschäft, auch 'Lady Day' nicht, sie kümmert sich nicht drum, das machen andere." "Andere, die sie abzocken." Carlos lachte.

"Na ja, auf einen echten Künstler kommen tausend kleine Scheißer in seiner Nähe, die alle nur ihren eigenen Schrott verhökern wollen. Billie Holiday gehört überdies zu jenen Frauen, die aus reinem Instinkt immer an die falschen Männer geraten. Wenn in einem Raum hundert Kerle sind, dann sucht sie sich garantiert das größte Arschloch aus, das darunter ist. Es widerspricht allem gesunden Menschenverstand, ihr das zu unterstellen, aber sie tut es mit der größten Selbstverständlichkeit und sie fügt sich permanent selber Schaden zu, sie verletzt sich unentwegt selbst damit, daß sie auf Männer 'reinfällt, die sie nur missbrauchen."

"Aber die Männer, mit denen sie Musik macht, sind nicht so", räumte ich ein. "Nein, die sind nicht so. Doch die haben mit sich selbst genug zu tun, oder hast du je gehört, daß eine Jazz Sängerin ihren Trompeter oder ihren Bassisten geheiratet hat?" Ich sagte "Louis Armstrong und Lil Hardin waren verheiratet." "Ja, wieder die rühmliche Ausnahme." Dann sagte er "Übrigens ist Charlie Parker aus Camarillo zurück." "Von wo?" "Aus Camarillo, das ist eine Entzugsklinik in Kalifornien, er hat sogar ein Stück geschrieben, das heißt Relaxin' At Camarillo." Er spielte es mir vor, er legte die Nadel immer so auf die Platte, als würde er einen kleinen Käfer, der sich auf seine Hand verlaufen hat, wieder in die Freiheit entlassen.

Ich sagte "Ich weiß nicht, woran es liegt - vielleicht habe ich zuviel davon gehört - aber ich könnte mal was Neues vertragen." Carlos sagte "Das geht mir genauso, Companero. Aber nur Geduld, es kommt ganz bestimmt was Neues, diese Musik entwickelt sich immer weiter, sie stirbt und ersteht wieder auf wie Phönix aus der Asche, der Jazz ist unerschöpflich, und wenn du denkst, das ist es jetzt, das kann unmöglich noch gesteigert werden, dann taucht plötzlich irgendjemand auf, der etwas spielt, was noch keiner vor ihm gespielt hat, und du denkst: 'Dios mio! Woher hat er das genommen?' Und man kann darauf nur antworten: er hat es aus der Musik selbst genommen, es ist immer alles in ihr vorhanden - auch alles, was noch kommen wird, denn es gibt nunmal nur eine begrenzte Anzahl von Tönen, es muss bloß ein Genie kommen, das sie neu ordnet, ihnen aus dem Geiste heraus eine neue Struktur gibt." Ich fügte hinzu "Eine neue Harmonie." "Ja, eine neue Harmonie. Obwohl man es eine neue alte Harmonie nennen sollte, weil es natürlich immer dieselbe war und bleibt." "Würdest du denn eine Frau wie Billie Holiday heiraten wollen?" "Ich?", rief Carlos, "Gott bewahre! Sie würde mich wahrscheinlich dazu bringen, daß ich ihr das Geschirr an den Kopf werfe. Nein, nein, Amigo, diese Leute sind die größten Künstler, denen ich die größte Verehrung entgegenbringe. Aber als Menschen sind sie wahrscheinlich unerträglich. Da würde ich mich nicht drauf einlassen."

Onkel Heinrich war nach drei Tagen noch nicht zurück. Dann schickte er mir eine Postkarte, daß er nach Santa Fe weitergereist war. Ich musste allein mit meinem Verband zurechtkommen, aber das ging einigermaßen, und es war auch alles auf dem Weg der Besserung. Übrigens hatte ich gemerkt, daß die Tabletten zwar die Schmerzen vertrieben, mich aber duselig machten, und weil die Rippen nicht mehr so wehtaten, verzichtete ich darauf.

Mit Carlos ging ich in einen Jazz Club auf der Avenida Paseo Colon, er sagte, es spielt eine Band aus Miami, Florida. Die Jungs waren jedoch aus irgendeinem Grund nicht gekommen, und dafür war schnell ein Quartett aus Mendoza eingesprungen, das sich gerade in Buenos Aires aufhielt. Die Besetzung war Piano, Altsaxophon, Bass und Schlagzeug; die Leute waren so unbekannt, daß auch Carlos nicht von ihnen gehört hatte. Aber die anderen hätten kaum besser sein können. Dieses Quartett spielte jede Menge Standards: "Summertime", "Fly Me To The Moon", "Love For Sale", auch ältere Sachen im neuen Gewand: "Honeysuckle Rose", "St. Louis Blues" und "Stompin' At The Savoy" - bei dem Stück brachten sie das Haus beinahe zum Kochen.

Ich war irgendwie nicht darauf vorbereitet gewesen, daß Carlos zwei Mädchen eingeladen hatte, mitzukommen. Sie hießen Verena und Kristin, sie waren beide hübsch und sie amüsierten sich köstlich. Wir verabredeten uns für's nächste Mal, und weil ich immer noch sturmfreie Bude hatte, schlug ich vor, daß wir vor dem Clubbesuch bei mir ein Glas Wein trinken. Das taten wir dann auch, wir köpften eine Flasche "Shiraz" und schafften noch eine halbe (ich hatte zum Glück einen kleinen Vorrat besorgt).

Verena und Kristin redeten ziemlich viel und schnell und ich bekam die Hälfte nicht mit, Carlos sagte "Nehmt Rücksicht auf ihn, er ist nicht von hier." Kristin wollte meine Geschichte erfahren, ich erzählte ein bisschen was, allen gefiel die Sache mit dem Flugboot, mit dem wir den Atlantik überquert hatten. Sie wollten auch mein Zimmer sehen, was mir richtig peinlich war, weil es unordentlich drin aussah, nicht mal das Bett war gemacht, aber ich konnte sie nicht abhalten.

Kristin fragte mich, ob ich allein hier wohne, und ich sagte, mit meinem Onkel, und Verena musste kichern, aber Kristin fand es ganz normal. Carlos entdeckte das Gläschen mit den Tabletten, er schaute auf das Etikett und wusste gleich Bescheid, er hielt es hoch und schüttelte es, er sagte "Nimmst du die?" Ich erwiderte "Ein paar hab' ich genommen." Kristin fragte "Wofür sind die?" Carlos sagte "Ein ziemlich starkes Schmerzmittel." "Du hast Schmerzen, Miguel?" "Ja, er hat ein gebrochenes Herz, oder glaubt ihr etwa das Märchen mit dem Onkel!" "Carlos, was redest du da."

Die Mädchen mussten lachen, Carlos meinte "Kann ich eine davon nehmen?" "Von mir aus, bitte." "Du hast doch keine Schmerzen", sagte Verena. "Prophylaktisch. Wer weiß, was du mir heute noch antust, meine Liebe." Sie winkte verächtlich ab, dann sagte sie "Wenn du eine nimmst, nehm' ich auch eine, darf ich Miguel?" "Klar." "Na gut", sagte Kristin, "wenn ihr alle eine nehmt, nehm' ich auch eine." Sie fischte zwei aus dem Gläschen, und ehe ich mich versah, steckte sie mir die eine zwischen meine Lippen. "So! Damit wir alle gleichauf sind." Carlos wollte sich kaputtlachen.

Wir tranken jeder noch einen Schluck Wein und dann zogen wir los. Das heißt, wir fuhren mit Carlos' Wagen, einem alten Ford, den er sich bei solchen Gelegenheiten von einem Bekannten lieh. Kristin und ich saßen hinten. Carlos und Verena küssten sich ab und zu, es war gegen elf und die Beleuchtung auf den Boulevards gab ein angenehmes Licht. Dann fing es leicht an zu regnen, und die Lichter spiegelten sich in den nassen Stellen.

Carlos betätigte den Scheibenwischer, sie küssten sich andauernd, so daß ich nicht länger zögern konnte und mich zu Kristin hinwandte, und sie kam auch gleich näher und wir küssten uns auch, da rief Carlos "Zum Teufel, was macht ihr da! Wisst ihr nicht, daß es in dieser Stadt verboten ist, sich hinten im Auto zu küssen." "Aber wieso denn?", und Kristin flüsterte "Er hat uns im Rückspiegel gesehen." Verena kicherte, Carlos sagte "Ich werde mal ein Auge zudrücken, ihr beiden seht auch so herrlich aus dabei, wie zwei Tigerbabys."

In dem Club war keine Jazzband, sondern eine Gruppe aus dem Süden. Carlos behauptete dann, er habe sich gerade erkundigt: sie kämen aus Rio Gallegos, wir drei wussten nicht, wo das liegt, Carlos erklärte, das wäre kurz vor Feuerland und ich sagte, ich hätte nicht meine Asbest Hose an, aber sie hatten es nicht gehört. Dann merkte ich, daß es voreilig war, sich über die Truppe lustig zu machen, obwohl sie wirkten, wie wenn sie gerade von irgendeiner rituellen Zeremonie kämen, ihre Gesichter waren tatsächlich bemalt. Sie hatten auch sehr merkwürdige Instrumente und alle möglichen Dinge, mit denen sie den Rhythmus machten, die aussahen, als wären sie an der Küste angespült worden. Aber sie hatten es echt drauf. Es waren zwei Gitarrenspieler dabei sowie einer, der ein Blasinstrument hatte, das wie eine Oboe klang, sie hatten drei Sängerinnen und einen Mann, der komische Laute hervorgurgelte.

Es war alles sehr fremdartig - zumindest für mich, doch ich gewöhnte mich schnell daran und ich konnte mich dem seltsamen Zauber dieser Musik nicht entziehen. Die beiden Mädchen waren kurz verschwunden. Es gab nur irgendwelche süßlichen Getränke und anscheinend kein Alkohol. Da tauchte Kristin auf und zog mich zwischen die Leute hinein, von denen die meisten sich zur Musik bewegten. Sie fasste meine Handgelenke und wir versuchten, uns dem Rhythmus zu überlassen. Das ging eine Weile so und ich merkte, wie ich allmählich abdriftete, ich wusste nicht wohin.

Dann kam Carlos dazwischen und sagte, er hätte uns was zu trinken bestellt. Kristin boxte ihn in die Seite und rief "Oh, Mann, ich war grade so schön drin!", und als wir zu Verena gingen, sagte Kristin nochmal zu mir "Ich war grade so schön drin". Ich sagte "Ich auch. Lass' uns was trinken und dann gehen wir nochmal rein." "Ja, ist gut. Mit dir macht's Spaß", fügte sie hinzu und ich erwiderte "Ja, mit dir macht's auch Spaß", und ich küsste sie. Aber da tippte mir jemand auf die Schulter und sagte "No, Amigo! No atrevimiento aqui!" Ich sagte zu Kristin "Was will er?" "Wir sollen uns benehmen." Ich dachte, der Kerl scherzt genauso wie vorhin Carlos, aber als ich ihn ansah, wusste ich, daß er es ernst meint, er trug auch einen Aufnäher auf seiner Jacke, er gehörte zu diesem Club. Kristin lachte, und ich musste auch lachen.

Als wir vier zusammenstanden, holte Carlos mein Tablettengläschen aus der Tasche und fragte, wer noch eine will, und wir nahmen alle noch eine. Und Carlos holte eine Flasche heraus, und wir vergewisserten uns, daß der Typ nicht in der Nähe war, und nahmen jeder einen Schluck. Und dann ging bei mir richtig die Post ab. Ich schnappte Kristin und wir stürzten uns in die Menge und überließen uns völlig der Musik. Wir fassten uns bei den Händen, und ich spürte ihren sehr gefühlvollen Griff und es war, als würde Kristin mich durch ihre Finger und ihre Hände in sich aufsaugen und ich glaubte, ich würde mit unendlicher Gelassenheit in ihren Armen entlangkriechen und Stück für Stück ihren Körper übernehmen.

Nachher suchten wir Carlos und Verena. Wir verließen den Saal und kamen auf einen Gang, da waren auch Leute, und in zwei drei Nebenräumen war Musik, aber ungemütliches Licht und aufdringliches Geplapper. Wir gingen durch eine Eisentür und auf einen Hof, der Regen hatte aufgehört, aber auf dem Boden waren Pfützen und hier und da standen Pärchen im Halbdunkel. Plötzlich rief jemand "Kristin!" Sie drehte sich um und als sie den Burschen erkannte, sagte sie nur "Fausto." "Que tal?", fragte er. "Esta bien." Er fragte "Warum warst du letztens auf einmal verschwunden?" "Weil ich nicht länger bleiben wollte."

Hinter Fausto waren noch ein paar andere erschienen, aber es war nicht ganz klar, ob sie zu ihm gehörten. Er kam drei Schritte auf mich zu und schaute mich zerknirscht an. "Kannst du dich nicht vorstellen, Amigo?" Kristin sagte "Das ist Miguel." "Ich habe ihn gefragt", fauchte er sie an. "Komm' Miguel", sagte sie zu mir, aber Fausto hielt mich am Ärmel fest. Kristin sagte "Lass' uns in Ruhe, Fausto! Geh' zurück nach La Boca!"

Da kamen Carlos und Verena von der andern Seite, Carlos rief "Wo wart ihr denn? Kommt, wir fahren zu mir", aber Fausto sagte "Nicht so schnell, Chico!" Was ich dann tat, hatte ich nur ein einziges Mal ausprobiert, bei irgendeiner Rauferei in der Schule, da hatte es gut geklappt: ich schlug Fausto so hart ich konnte mit meinen gekrümmten Fingergelenken auf seinen Handrücken, ich wusste, daß das sehr schmerzhaft sein konnte, und er ließ augenblicklich meinen Ärmel los. Kristin zog mich schnell weg und Carlos streckte die Hand nach uns aus. "Kommt jetzt, ihr frechen Tigerbabys!"

Wir fuhren zu einem alten Werksgelände und hielten bei einem mehrstöckigen Fabrikgebäude, man sah, daß alles längst außer Betrieb war. "Hier wohnst du?", fragte ich Carlos. "Manchmal", sagte er, "kommt mit rauf, oben ist es schöner." An der Fassade konnte man hinter einigen Fenstern Licht sehen. Wir stiegen die Treppen hoch, Carlos sagte "Es gibt einen Lastenaufzug, aber der macht einen höllischen Lärm." Verena war vorneweg gesprungen, sie rief "Ich muss mal ganz dringend." Carlos öffnete die Wohnungstür und sagte "Links die dritte", und Verena verschwand und dann konnte man sie erleichtert aufatmen hören.

Es war sehr spartanisch eingerichtet, aber es fehlte nicht der Plattenspieler. Carlos machte eine schummrige Beleuchtung, aber Kristin sagte, das sei ihr zu "düster", und wir zündeten ein paar Kerzen an. "Such' mal was aus", sagte Carlos zu Verena, die sich offenbar gerade neu einparfümiert hatte, und Verena legte eine Platte von einem Sänger namens Felipe Gismondi auf und die Lieder klangen abwechselnd so wie vor und nach einer heftigen Affäre. "Das ist gut", murmelte Carlos, während er Gläser und eine Flasche Wein auf den Tisch stellte. Er drückte mir den Korkenzieher in die Hand und sagte "Schenk' uns ein, Muchacho." Dann tanzten Verena und Kristin eine Runde zusammen und es war schön, ihnen zuzuschauen.

Carlos überließ uns das Lager im Nebenzimmer. Es war eine breite Pritsche mit zwei Matratzen übereinander. Kristin fragte, ob er was zum Zudecken hätte, und er gab uns eine bunte, gewebte Decke. "Die stammt aus Peru, ist aus Alpakawolle. Braucht ihr sonst noch was?" "Nein, verschwinde", sagte Kristin. Wir hörten die beiden drüben lachen und dann verstummte die Musik und wir hörten sie nur noch stöhnen.

Wir stellten drei Kerzen aufs Fensterbrett und drei auf den Fußboden. Wir hatten uns ausgezogen, und als ich Kristins nackten Körper, ihre schönen Brüste, ihre Hüften und ihre kleine entzückende Scham erblickte, fing mein Glied an zu glühen und ich ließ es hineingleiten und wir liebten uns und wenn wir ganz oben auf dem Gipfel angekommen waren, ließen wir uns auf der andern Seite hinabsausen und stiegen erneut auf. Schließlich meldeten sich meine Rippen wieder, und Kristin setzte sich auf mich und so machten wir weiter, und ihre schönen Brüste hüpften dabei und sie jauchzte vor Vergnügen.

Da stand plötzlich Carlos neben uns und ich erstarrte fast vor Schreck, als sein Schwanz vor meiner Nase hing. Er sagte "Tut mir furchtbar leid, wenn ich euch störe, aber ich müsste mal unter die Matratze langen." Kristin war gar nicht so schnell zu bremsen und ich hatte nicht verstanden, ich fragte "Was willst du?" Carlos kratzte sich am Sack und sagte "Bei euch unter der Matratze, da liegt was, wonach mir jetzt der Sinn steht." "Großer Gott, Carlos!", rief ich, und Kristin stieg halb benommen von mir herunter.

Ich stand auf, und Carlos kniete sich hin und steckte den Arm zwischen die beiden Matratzen und dann holte er einen kleinen durchsichtigen Beutel mit Zeug hervor, das aussah wie Grüner Tee in groben Blättern. Er nahm es mit und Kristin fluchte "Scheiße, warum muss der einen dauernd bei was unterbrechen!" Und wie um es wieder gutzumachen, klopfte er einen Moment später an die Tür und rief "Leute, dieses Zeug müsst ihr probieren, das ist so was von Edel Shit!" und Verena lachte und rief "Na los, kommt schon 'rüber!"

* * * * *

Onkel Heinrich kam ziemlich gutgelaunt von seiner Geschäftsreise zurück, er sagte, er habe einige "lukrative Abschlüsse getätigt". Er fragte gleich nach meinem Befinden, ich sagte, es sei alles wieder soweit in Ordnung, und er meinte "Du siehst auch irgendwie so frisch aus, hast du was Schönes erlebt?" "Ich war ein paar Mal mit Freunden weg." (Ich erzählte ihm nichts von Kristin. Ich hatte mich mit ihr getroffen, Carlos hatte uns den Schlüssel zu seinem "Apartment" in der alten Fabrik gegeben.) Onkel Heinrich wollte wissen, ob jemand nach ihm gefragt habe, ich sagte "Nein, aber es sind ein paar Briefe gekommen." Ich gab sie ihm, einer schien besonders wichtig für ihn zu sein. "Was macht die Arbeit?", fragte er mich. "Ich bin dran." "Gut."

Ein paar Tage später warf ich mich in Schale und fuhr mit dem Omnibus ins Hospital. Ich steckte den Gedichtband von Alfredo Bufano ein und kaufte unterwegs einen kleinen Blumenstrauß. Dann befürchtete ich, das sähe alles zu aufdringlich aus, doch als ich bei der Anmeldung nach Schwester Sylvia Marsal fragte und man mir sehr freundlich den Weg zu ihr wies, hatte ich ein gutes Gefühl.

Ich ging zwei Etagen höher und einen Gang entlang. Vielleicht hatte ich die Zimmernummer nicht richtig verstanden, denn als ich anklopfte, öffnete eine kleine Frau im weißen Kittel die Tür einen Spalt breit und schaute mich fast drohend an. Es war offensichtlich ein Aufenthalts- und Umkleideraum für die Krankenschwestern. Aber über ihren Kopf hinweg erblickte ich Senorita Marsal, die nur in Unterwäsche vor einem Spind stand.

"Que pasa?", fragte die Frau und schob sich durch den Türspalt nach draußen. Ich erklärte ihr, wer ich sei und daß ich mich nochmal höflichst bedanken wollte für die nette Behandlung. Das schien nicht so oft vorzukommen, ihre Miene hellte sich auf, sie schnappte sich die Blumen und sagte "Gracias Senor, wir tun lediglich unsere Pflicht." Und weil ich noch stehenblieb, sagte sie "Ist sonst noch etwas?" "Ähm ... nein, das war alles, Buenos dias, Senora." Sie verschwand in dem Zimmer, und ich ging wieder fort. Es war ein totaler Reinfall gewesen.

Ich war schon fast am Treppenaufgang, da rief es "Senor Frogard! Miguel! Warten Sie." Sylvia kam im blütenweißen Kittel und mit einem kecken Häubchen auf dem Haar auf mich zu. Ich sagte "Buenos dias, Schwester Sylvia. Verzeihung, die Blumen waren eigentlich für Sie bestimmt." Sie wurde ein bisschen rot im Gesicht, sie sagte "Danke. Aber ich bin hier nicht die Einzige." "Ja, ich verstehe. Eigentlich wollte ich Sie auch nur wiedersehen", sagte ich geradeheraus.

Sie zog die Augenbrauen hoch. "Ach ja? Ich habe leider keine Zeit, ich muss mich um die Patienten kümmern." "Ja, natürlich. Ich bin auch schon wieder weg, ich wollte Ihnen bloß das hier geben." Ich holte den Bufano aus meinem Rucksack. Sie nahm das Buch, schaute darauf und war wirklich für einen Moment sprachlos. Dann schaute sie mich aus ihren schönen Augen an und sagte "Gracias, Miguel." Es gab eine kleine Pause, dann sagte sie sehr bestimmt "So, jetzt müssen Sie aber gehen, sonst halten Sie mich auf." "Ja, adiós, Senorita Marsal ... und vielleicht bis demnächst." "Woher wissen Sie meinen Namen?" "Ich habe Nico gefragt", gab ich zu. Sie schüttelte mit einer kleinen Missbilligung den Kopf. "Sie sind aber neugierig." "Ja." "Adiós", sagte sie, "und danke für das Buch", drehte sich um und ging davon. Ich musste mich von ihrem Anblick losreißen.

Zu Hause hatte ich ein flaues Gefühl im Magen, ich wusste nicht, ob ich mich richtig verhalten hatte. Sie ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Aber was hatte ich anderes erwartet? Ich versuchte mich abzulenken. Ich nahm den Wizard of Oz und las die Stellen, wo Dorothy nacheinander die Vogelscheuche, den Blechmann und den Löwen trifft, der eine wünscht sich Verstand, der andere ein Herz, der dritte Mut - Brains, A Heart And Courage - ich fand, das wäre ein guter Titel für einen Jazzsong.

Dann fing ich mit A Farewell to Arms an, doch das war vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Es gibt darin auch jede Menge Dialoge, aber es war ein ganz anderer Stil und eine völlig andere Welt. Außerdem spielte eine Krankenschwester namens Catherine mit, und die ganze Geschichte endete tragisch. Am Anfang dachte ich bei Catherine noch an Sylvia Marsal, doch nach und nach verlor sich jeder Bezug zu ihr und mir und ich dachte 'Gott sei Dank gibt es keinerlei Ähnlichkeit'.

Aber was über den Krieg geschrieben stand, das berührte mich sehr. Ich hatte einen Krieg miterlebt, wahrscheinlich den schlimmsten, der sich je ereignet hatte, nur - wenn ich es recht bedachte, hatte ich in Wahrheit gar nichts davon mitbekommen, jedenfalls nicht hautnah. Was ich jetzt hier las, gab mir mehr Aufschluss darüber als alles, was mir vom wirklichen Krieg in Erinnerung geblieben war. (Ich habe auch erst später realisiert, daß es sich in dem Buch eigentlich um den Ersten Weltkrieg handelte.)

Ich las es bis zum Ende, weil es spannend geschrieben war, doch dann legte ich es schnell beiseite und hatte es rasch vergessen. Ich lag den halben Tag auf dem Bett und verschränkte die Arme hinterm Kopf. Ich dachte an Sylvia Marsal. Ich dachte auch an Kristin. Ich wusste, daß das nichts Ernstes zwischen uns war, sie hatte mir das selbst gesagt, sie hatte es mir gesagt, falls ich womöglich was anderes denke. Wir hatten unsern Spaß gehabt, und es war nicht auszuschließen, daß wir wieder mal Spaß miteinander hätten, wir hielten uns das beide offen, aber wir wollten uns nicht unter Druck setzen. Übrigens war es mit Carlos und Verena genau das gleiche.

Trotzdem ging ich zu Carlos, um ihm ein bisschen meinen Kummer zu klagen, der aber in Wirklichkeit mit Sylvia Marsal zusammenhing. "Meine Güte", sagte er, "du bist ja ein ganz Wilder! Kaum, daß du ihn irgendwo rausgezogen hast, willst du ihn woanders schon wieder reinstecken." Ich verwahrte mich dagegen, ich versicherte, daß dies keineswegs so sei. Ich sagte, daß ich mir nicht erst seit gestern Gedanken darüber mache, wie ich mein Leben zu gestalten gedenke und das dazu natürlich auch eine Frau gehört. Ich erinnerte Carlos daran, daß er Verena und Kristin angeschleppt und mich damit im Grunde überrumpelt hätte. Er sagte, als wäre er von mir echt enttäuscht "Angeschleppt? Das dürfte Kristin jetzt aber nicht hören!" Ich erschrak über mich selbst, ich nahm es sofort zurück. "Entschuldige! Das war natürlich nicht so gemeint."

"Bei mir musst du dich dafür nicht entschuldigen. Ich kann ja durchaus nachvollziehen, daß du nach einer Frau suchst, die zu dir passt, ich meine ..." Ich fiel ihm ins Wort "Die nicht nur zu mir passt - soweit, wie ich Kristin kennengelernt habe, würde sie auch zu mir passen. Aber ich will ein gemeinsames Leben mit dieser Frau verbringen, eine Familie gründen, Kinder mit ihr haben ..." Carlos hob die Hände. "Nur immer langsam, eins nach dem andern, Muchacho! Glaubst du, bloß weil Sylvia Marsal dich aus ihren schönen Augen angeschaut hat und du ihr ein Buch mit Gedichten geschenkt hast, müsste das die Liebe deines Lebens werden? Also bitte! Klar habe ich dich mit Kristin verkuppelt, aber niemand hat sich darüber beschwert. Jetzt greifst du gleich nach dem ganzen Kuchen, nachdem du ein Stück davon gegessen hast - ach was! Du hast ja noch nicht mal ein Krümelchen von ihr gekostet. Ich gebe dir einen guten Rat als dein Freund: vergiss erstmal, was du willst und was du dir da in deinem Dachkämmerchen vorstellst. Geh' hin und versuche herauszufinden, wer sie wirklich ist, was sie denkt, was sie fühlt, was ihr gefällt und was nicht. Sei nicht so verbissen." "Ich bin nicht verbissen." "Bist du doch! Du verbeißt dich in deine eigenen Absichten - das führt zu nichts. Tu' einfach so, als würde sie auf dich zukommen, warte es ab. Und hör' auf, um sie herumzuspringen wie ein Lachs im seichten Wasser." Ich schwieg, ich hatte nicht das Gefühl, daß ich vor Sylvia so ausgesehen hatte, aber ich musste darüber nachdenken.

Ich wechselte das Thema, ich fragte Carlos "Das Zeug, das wir geraucht haben, woher kriegst du das?" Er sagte "Warum fragst du? Willst du, daß ich dir welches besorge?" Ich zuckte mit den Schultern, ich war mir ehrlich gesagt, unschlüssig. Ich sagte "Ich müsste lügen, wenn ich behaupte, ich hätte mich dabei nicht wohl gefühlt." "Ja, deshalb nehmen es die Leute, weil sie sich so verdammt wohl damit fühlen." "Ist das eine Tabakpflanze?" "Es ist eine Pflanze, aber kein Tabak. Es gibt auch alles mögliche andere Zeug, man entwickelt so seine Vorliebe." "Du nimmst es oft? Ich meine regelmäßig?" "Nein, nicht regelmäßig. Na ja, was heißt oft? Ich habe auch nicht immer was da." "Nehmen Charlie Parker und die andern Musiker das auch?" "Oh, da fragst du mich zuviel, ich weiß nicht, was genau die nehmen, auf alle Fälle nehmen sie was; ich glaube nicht, daß Charlie Parker in die Entzugsklinik musste, weil er zuviel Lakritze gelutscht hat. Es gibt Marihuana, es gibt Opium, früher hat man Morphin genommen, sogar Äther. Ich habe gehört, Billie Holiday ist letztens verhaftet worden, weil sie Kokain dabei hatte, das kommt glaub' ich aus Kolumbien, genauso wie Mescalin. Es gibt auch immer mehr sogenannte synthetische Drogen, die nicht mehr aus irgendwelchen Natursubstanzen hergestellt werden, sondern rein chemisch im Labor. Ich würde dir abraten, sich daran zu gewöhnen. Es tut dir nur gut, solange du nicht davon abhängig wirst. Wenn du süchtig danach bist, dann schlägt die Wirkung bald ins Gegenteil um und es macht dich kaputt. Und dann genügt bloß eine kleine Überdosis und du landest im D-P-F, da schläfst du ein und wachst nie wieder auf, jedenfalls nicht im Diesseits."

"Was ist das Di-Pi-F?" "Das Deadly Poppy Field, eine Wiese voller Schlafmohn. Opium wird bekanntlich aus Mohn gewonnen." Da fiel mir ein, woher ich das Wort kannte, ich sagte "Du meinst das Deadly Poppy Field aus The Wizard of Oz?" "Ja." "Moment mal, heißt das, Lymen Frank Baum wollte damit auf Drogen anspielen?" "Wer ist Lymen Frank Baum?" "Der Autor von The Wizard of Oz!" Carlos sagte "Ich kenne nur den Film." "Es gibt einen Film von The Wizard of Oz?"

Carlos sah mich ungläubig an. "Willst du mich veralbern? Jedes Kind kennt ihn. Mit der großartigen Judy Garland und mit dem phantastischen Song Somewhere Over The Rainbow." "Der ist aus dem Film?" "Jetzt krieg' dich mal wieder ein, wusstest du das nicht?" "Nein." "Dios mio! Ihr wart doch ganz schön zurückgeblieben da in Deutschland! Der Film ist von neunzehn hundert neununddreißig." Ich sagte "Da haben wir Polen überfallen." "Siehst du, und in Hollywood haben sie The Wizard of Oz gedreht. In Technicolor." Ich war völlig perplex.

Carlos sagte "Ich kenne ein kleines Kino, in der Calle Serrano, da haben sie ihn früher immer mal gezeigt. Ich war lange nicht dort, ich weiß nicht, ob sie's jetzt immer noch machen. Aber die hatten auch sonst ganz gute Filme. Das machen zwei Brüder, echte Film Enthusiasten, die zeigen immer was Besonderes."

Ich suchte auf dem Stadtplan die Calle Serrano, setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr zu diesem Kino, über dem Eingang prangte der Schriftzug La Flor Azul. Ich kettete mein Rad an einen Laternenpfahl und ging hinein. In dem Vestibül war es dämmerig (es gab nirgends Fenster) und als sich meine Augen daran gewöhnt hatten, sah ich eine kühn geschwungene Doppeltreppe mit glänzendem Geländer, die zu einem oberen Bereich führte. Unten in der Mitte war der Eingang zum Zuschauerraum, die Türflügel standen offen, und ich machte ein paar Schritte darauf zu.

"Kann ich etwas für Sie tun, Senor?", kam da eine Stimme von der Seite. Erst auf den zweiten Blick entdeckte ich einen Mann mit Brille hinter der Scheibe des Kartenschalters. Ich nannte meinen Namen und sagte, ich sei hergekommen, um mich nach dem Film The Wizard of Oz zu erkundigen. "Zeigen Sie ihn noch?" Der Mann, der damit beschäftigt war, Reklame Zettel zu sortieren, erwiderte "Ja. Die nächste Vorstellung ist am sechsundzwanzigsten dieses Monats." "Muss man Karten reservieren lassen?"

Er senkte den Kopf und schaute mich über die runden Brillengläser hinweg an. "Das ist immer angeraten." "Bitte?" "Wenn Sie einen guten Platz haben wollen, sollten Sie ihn reservieren lassen. Woher kommen Sie?" "Aus Boedo", antwortete ich und dachte, er meint den Stadtbezirk. "Und davor?" "Sie meinen ursprünglich? Aus Deutschland." "Sind Sie dort auch ins Kino gegangen?" "Manchmal, ja. Ich habe Münchhausen gesehen, mit Hans Albers, er ist ein berühmter deutscher Schauspieler."

Ich wusste nicht, warum ich das sagte, in Wahrheit fand ich Hans Albers abscheulich, mir hat seine Großkotzigkeit, mit der er über alles hinweggebügelt hat, niemals gefallen. Der Mann sagte "Es heißt, er konnte sich nicht einen einzigen Satz merken, den er sprechen sollte." "Ach so?", sagte ich verwundert, "Wie hat er dann nur einen ganzen Film geschafft!" "Es heißt, man hat überall kleine Zettel angeklebt, wo sein Text draufstand - sogar auf die Stirn seines Gegenübers." Ich musste lachen, ich sagte "Demnach konnte er also wenigstens lesen." Der Mann lächelte auch, ich meinte "Ehrlich gesagt hat er mir nie besonders gefallen." "Mir auch nicht", murmelte er und war mit dem Sortieren fertig.

"Wollen Sie einen Blick in unser Filmtheater werfen?" "Ja, gern, wenn es Ihnen keine Umstände macht." "Überhaupt nicht." Er kam durch eine ganz schmale Tür an der Seite heraus, er sagte "Verzeihung, ich habe mich noch nicht vorgestellt, mein Name ist Roberto Burgos, ich bin zusammen mit meinem Bruder Luis der Besitzer dieses 'Lichtspielhauses' - heißt es so in Deutschland?" Ich sagte "Ja, das ist korrekt. Aber ich finde La Flor Azul klingt schöner." "Gracias, Senor, das hört man gern."

Er führte mich in den Zuschauerraum, die Sitze waren mit dunkelrotem Samt bezogen, doch bei näherem Hinsehen konnte man erkennen, daß der Stoff an manchen Stellen schon erheblich abgewetzt war. "Wieviele Plätze haben Sie?" "Etwa hundertsiebzig." "Und da oben in den Logen kann man auch sitzen?" "Nein, bedauerlicherweise nicht; die Baupolizei untersagt es." Senor Burgos erklärte mir, daß dieses Theater noch vor der Jahrhundert Wende im "Jugendstil" erbaut wurde und in den zwanziger Jahren beinahe abgebrannt wäre. Enrico Caruso habe hier mehrere Auftritte gehabt, das Orchester saß auf der Bühne, es wurden sogar Schallplatten Aufnahmen gemacht. Die Bühne war jetzt noch komplett vorhanden, die Filmleinwand war unmittelbar hinter dem Vorhang auf einem Stahlgerüst aufgespannt.

Er sagte "Charlie Chaplin war hier bei der Premiere seines Films "Der große Diktator", haben Sie ihn gesehen?" "Den Film? Nein." "Na ja, Sie hatten ja sozusagen die Original Vorlage. Kürzlich war Luis Bunuel hier und hat uns ein Exemplar seines Films "Los olvidados" geschenkt, der in Europa schon sehr begeistert aufgenommen wurde. Mein Bruder Luis und ich ... na ja, hauptsächlich mein Bruder ... wir versuchen schon seit Jahren, Luchino Visconti zu einem Besuch zu überreden, wir waren neunzehn hundert zweiundvierzig soweit ich weiß das erste und einzige Kino auf dem amerikanischen Kontinent, das seinen Film "Ossessione" gezeigt hat."

Ich fragte (weil ich sicher war, daß ich ihn damit nicht in Verlegenheit bringen würde) "Wovon handelt dieser Film?" "Von einer unglücklichen Beziehung zwischen einer verheirateten Frau namens Giovanna und dem Landstreicher Gino." Ich sagte "Vielleicht klappt es ja und er kommt doch mal hierher - ich meine Luchino Visconti." "Ja, schon möglich. Und Sie wollen sich also The Wizard of Oz anschauen?" "Ja, ich habe das Buch gelesen." "Wir zeigen nur Originalfassungen, das heißt ohne Synchronisierung." "Ja, das ist in Ordnung für mich." "Gut. Wo möchten Sie gern sitzen?" Ich zeigte spontan auf einen Platz am Mittelgang. "Da."

Wir gingen zu seinem Kartenschalter, er zwängte sich durch die schmale Tür und erschien hinter der Scheibe, er holte eine Liste hervor und trug meinen Namen und die Platznummer ein, da sagte ich "Kann ich den Platz daneben auch nehmen?" Er schaute mich über die Brille hinweg an. "Also lieber diesen?" "Nein, ich meine beide." "Ach so. Selbstverständlich." Ich bezahlte beide Karten, ich verzichtete auf das Wechselgeld, aber Senor Burgos lehnte ab. "Das ist bei uns nicht üblich." Dann sagte er noch "Einlass ist eine halbe Stunde vor Beginn. Bitte seien Sie pünktlich, wenn Sie zu spät kommen, inkommodieren Sie nur die anderen Gäste." Ich sagte "Das werde ich tunlichst vermeiden. Vielen Dank, Senor Burgos." "Ich danke Ihnen! Hasta luego, Senor Frogard."

Was hatte mich zwei Karten kaufen lassen? Natürlich der Gedanke, Sylvia einzuladen, sich mit mir den Film anzusehen. Kaum war ich wieder draußen, war ich sicher, daß daraus nichts werden würde. Wie sollte ich sie dazu bringen, ohne ihr das Gefühl zu geben, ich würde sie vor die Wahl stellen. Ginge ich zu ihr und sagte 'Sylvia, ich habe hier zwei Karten für The Wizard of Oz, ich würde mich freuen, wenn wir ihn uns gemeinsam ansehen könnten'. Großer Gott! Schon die Formulierung würde mich sofort kaltstellen.

'Sylvia, hätten Sie Lust, sich mit mir The Wizard of Oz anzusehen? Ich kenne da ein wundervolles Kino, ich kenne sogar den Besitzer, er ist ein echter Cineast!' - Schwachsinn! Wenn sie ablehnt - und sie muss ablehnen, weil ich ihre Arglosigkeit schamlos ausgenutzt habe - dann schleiche ich mit meinen zwei Karten davon wie ein Hund, den man aus dem Fluss gefischt hat, nachdem er weiter oben hineingeworfen wurde. Sie wird sagen: 'Miguel, das ist wirklich nett von Ihnen, aber Sie hätten mich vorher fragen sollen - tut mir leid'. Und ich hätte damit jede weitere Chance verspielt.

Und wenn ich sie einfach zu einem Rendezvous einladen würde, ohne "Rahmenprogramm", wenn ich bloß die Möglichkeit dafür andeutete und ihr alle Entscheidung überließe, so wie es wohl auch Carlos gemeint hatte. Wenn ich es so arrangieren könnte, daß der Vorschlag von ihr selbst kommt und ich so tun kann, als müsste ich nicht lange überlegen, darauf einzugehen. Aber ach! Sie würde es sofort merken, sie würde sagen 'Miguel, irre ich mich oder versuchen Sie gerade, sich zu verstellen?' (Immerhin war sie Krankenschwester, bestimmt hatte sie einen Blick dafür, ob ihr jemand was vorgaukelt.)

Wahrscheinlich machte ich mir zu viele Gedanken, doch mindestens einer davon war wirklich betrüblich: wenn ich nämlich am sechsundzwanzigsten neben einem leeren Platz sitzen würde. Es war jetzt schon abzusehen, daß der Traum von Sylvia Marsal für mich ausgeträumt wäre - mal abgesehen davon, daß mir The Wizard of Oz für alle Zeiten in schlechter Erinnerung bliebe.

Ich radelte nach Hause und triefte dabei so sehr, daß ich um ein Haar den nächsten Unfall gebaut hätte. Dabei war mir Senor Burgos, als er mir die Karten aushändigte, beinahe wie jemand erschienen, der die ganze Sache mit einer Portion Glück versüßt, ich glaubte, er freute sich, daß ich nicht allein wäre. Oh je, was war nur mit mir los, daß ich mich so in Selbstmitleid erging, noch bevor irgendetwas passiert war.

Zu Hause sagte Onkel Heinrich, dieser Junge sei hier gewesen, dieser Nico, er habe "ein Briefchen" für mich abgegeben. Mir schlug das Herz gleich bis zum Hals. Ich nahm ihn und ging sofort in mein Zimmer, ich schloss die Tür und setzte mich auf die Bettkante. Er war wirklich nur halb so groß wie ein normaler Briefumschlag, auch nicht verschlossen, und drinnen steckte ein Kärtchen, auf dem stand: "Miguel! Die Gedichte gefallen mir sehr. Nochmals Danke. Sylvia Marsal" Ich las es bestimmt hundertmal, von vorn nach hinten und von hinten nach vorn, ich zerlegte jedes Wort in seine Einzelteile, in seine Silben, Buchstaben, Atome, um irgendwo Spuren zu entdecken, die mir verrieten, was sie dabei gedacht habe, als sie es schrieb.

Ich beschloss, zu Carlos zu gehen, ihm den Gruß zu zeigen und ihn um Rat zu fragen. Doch was könnte er mir sagen ohne sich zu wiederholen. Ich brauchte eine Antwort auf die Frage, was ich als nächstes tun soll? Da fiel mir Eduardo ein, der ja nicht nur ein großer Liebhaber seines Autos war, sondern auch ein Frauenkenner und der in seinem Leben gewiss schon einmal vor einer ähnlichen Frage gestanden hatte.

Er war freudig überrascht, mich zu sehen. Ich berichtete ihm in Kürze, was bisher geschehen war, er sagte "Und das war wirklich ein Buch, das du hier aus der Kiste geholt hast?" "Ja, ich hab's ganz zuletzt entdeckt." Er lachte und schüttelte vor Verwunderung den Kopf. Als er die Karte gelesen hatte, fragte ich ihn "Was soll ich Ihrer Meinung nach tun, Senor Viamonte?" "Nun ja", erwiderte er, "glaubst du denn, daß sie dich wiedersehen will?" "Ich weiß nicht genau, wenn nicht, hätte sie mir dann diesen Gruß geschickt?" Eduardo sagte "Nein." "Soll ich also hingehen?" "Ich meine, du kannst dabei nichts verlieren, wenn du's tust." "Ja, finde ich auch." "Du solltest vielleicht die Kinokarten nicht gleich erwähnen." "Nein, das wäre unvorsichtig."

Eduardo strich sich mit Daumen und Zeigefinger über sein schmales Bärtchen und sagte "Was heißt unvorsichtig? Das klingt, als wärst du ein Einbrecher. Warum warst du denn letztes Mal bei ihr?" "Na, um ihr das Buch zu geben." "Nicht doch!" "Ich wollte sie auch wiedersehen." "Na bitte." "Das habe ich ihr sogar gesagt." "Noch besser. Dann mach's einfach wieder so, sei aufrichtig. Sie würde spüren, wenn du ihr was vorspielst." "Ja, da bin ich mir sicher." "Also lass' es. Sei du selbst, und du wirst erkennen, was sie von dir hält." Ich nickte zustimmend.

Dann fügte Eduardo hinzu "Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit zwischen zwei Menschen sind wertvolle Eigenschaften, aber leider nicht allzu häufig zu finden, und das liegt daran, daß man sie meistens an den falschen Stellen sucht, anstatt in einem selbst. Wir wollen uns oft nur in dem Andern spiegeln, das ist unserer Neigung zur Selbstverliebtheit und unserem angeborenen Egoismus geschuldet. Aber es verhindert, daß wir den richtigen, den einfachsten Zugang zu dem Menschen finden, dem wir etwas bedeuten wollen, und dann fühlen wir uns viel zu schnell abgewiesen und geben auf, und nichts ändert sich.

Die Liebe ist aber etwas Veränderliches, wie ein Fluss, wie der Wind, wie ein Sommer, und sie ist niemals unserem Willen oder unseren Wünschen unterworfen. Es gibt kein Maß, mit dem man die Liebe messen könnte, weil sie sich jeder Berechnung entzieht. Deshalb sollten wir stets mit dem zufrieden sein, was wir von ihr erhalten, auch wenn es uns noch so dürftig und geringschätzig anmutet. Du solltest zu Senorita Marsal hingehen und sie zu einem Rendezvous einladen - und wie immer ihre Antwort lautet, du solltest sie als etwas Gutes betrachten."

Nun ja, vielleicht wollte mich Eduardo damit bloß auf eine Enttäuschung vorbereiten. Wie auch immer, ich konnte mich nicht länger der Ungewissheit aussetzen, deshalb fuhr ich mit dem Omnibus zum Hospital Alfredo Bufano und fragte nach Schwester Sylvia. Diesmal wurde ich ziemlich kühl abgefertigt, Schwester Sylvia wäre momentan nicht zu sprechen. Ich kann warten, sagte ich. "Worauf?", versetzte die resolute Schwester hinter dem Tresen, sie war ein richtiges Mannsweib, sie hatte sogar Barthaare über den Mundwinkeln. Ich sagte "Sie macht vielleicht mal eine Pause." "Hören Sie Senor, wir sind hier ein Hospital und keine Schule, Schwester Sylvia befindet sich bei einer schwierigen Behandlung, es ist nicht abzusehen, wie lange das dauert." Ich wollte nicht einfach wieder gehen, aber ich wollte Sylvia auch nicht noch mehr beanspruchen, falls sie wirklich gerade so schwer zu tun hatte.

Da stand auf einmal Nico neben mir (er tauchte immer wie aus dem Nichts auf), er sagte "Senor Miguel, Schwester Sylvia möchte mit Ihnen sprechen." Die Frau hinter dem Tresen rief "Nico! Habe ich dir nicht gesagt, du sollst nach Hause gehen! Deine Mutter hat schon dreimal angerufen, sie besetzt noch alle unsere Leitungen." "Ja, ich geh' gleich", und zu mir: "kommen Sie Miguel, ich weiß, wo sie ist." Auf der Treppe sagte ich "Man hat mir gesagt, sie wäre gerade bei einer Operation oder so etwas, ich will sie auf keinen Fall stören." "Nein, sie ist da fertig." "Was hat sie gemacht?" "Irgendsowas mit einer elektrischen Maschine, der Mann ist dabei leider gestorben." "Waaas?" Nico drehte sich um und lachte mir ins Gesicht. "Reingefallen!" Ich sagte "Ich wette, es stimmt gar nicht, daß sie mich sprechen will." Er sagte "Warum denn nicht?"

Als wir oben ankamen, ging sie eben vorüber, sie sah frisch und munter aus wie eh und je, sie rief "Miguel! Was für eine Überraschung", dann besann sie sich, "oder sind Sie hier, weil es Ihnen nicht gut geht?" "Mir geht es ausgezeichnet, Senorita Marsal." (Nico war weg.) "Haben Sie die Tabletten genommen? Ich hoffe, Sie hatten nicht zu starke Nebenwirkungen, das kommt manchmal vor." "Nein, sie haben gut angeschlagen - ich meine, sie haben wirklich geholfen. Unten am Eingang sagte man mir, Sie hätten gerade eine komplizierte Behandlung gehabt." Sie winkte ab. "Ach, das sagen sie bloß, um uns vor aufdringlichen Besuchern zu bewahren." "Aha." Plötzlich zweifelte ich, ob sie mir tatsächlich das Briefchen geschickt hatte.

Sie sagte "Kommen Sie, Miguel, ich mache ein paar Minuten Pause, wir können einen Tee trinken, wenn Sie mögen." "Ja, gern", sagte ich und folgte ihr in ein Zimmer, in dem sich eine kleine Anrichte mit Spüle und einer Kochplatte befand, in der Ecke stand ein Kühlschrank und in der Mitte ein schlichter Tisch mit ein paar Stühlen. Sie fragte "Wie geht es Ihrem Vater?" "Danke, es geht ihm gut", erwiderte ich ohne sie zu korrigieren, "ich wollte Sie etwas fragen, Senorita Marsal." "Nennen Sie mich doch einfach beim Vornamen, ich tu's ja auch." "Oh ja, sehr gern, Sylvia", sagte ich und dachte für einen Moment daran, ob sie mich bei meinem Unfall womöglich nackt gesehen hat - aber ich hatte ja meine noch Unterhose an, als ich aufwachte. "Ich wollte Sie etwas fragen, Sylvia ..."

"Sie mussten Ihre Arbeit aufgeben?", fiel sie mir ins Wort. "Ähm ... ja, woher wissen Sie das?" "Von Ihrem Vater, das heißt, von Nico." "Er hat mit ihm gesprochen?" Sie sagte "Haben Sie denn nicht meine Nachricht erhalten?" "Doch, ja ... ich ..." Sie hatte uns zwei Tassen mit Tee auf den Tisch gestellt, wir setzten uns, ich bedankte mich und nahm einen weiteren Anlauf, sie zu fragen, doch sie war wieder schneller. "Und was machen Sie jetzt?" "Was meinen Sie?" "Haben Sie schon eine neue Arbeit?" Sie klang ein bisschen besorgt, ich druckste herum. "Ich konnte bis jetzt ... ich musste mich noch schonen ..."

Sie fasste mit beiden Händen die große Porzellantasse und während sie einen Schluck nahm, schaute sie mich über den Rand hinweg prüfend an, dann sagte sie "Sie lassen sich doch nicht etwa gehen, oder?" "Bitte?" "Haben Sie angefangen herumzulungern?" "Ich?", empörte ich mich, aber es war sehr kleinlaut. Sie schwieg und schaute mich unverwandt an, als erwartete sie eine Erklärung. Ich trank einen Schluck, aber meine Hand fing an zu zittern, ich sagte "Ich habe mich natürlich inzwischen nach etwas anderem umgesehen." "Und?" "Ich habe morgen früh ein Vorstellungsgespräch." Sie ließ nicht locker. "Wo?" Ich nannte die Adresse, die mir Ramirez gegeben hatte, Gott sei Dank wusste ich sie noch. "Hm hm", machte Sylvia, "das ist gut." Da wurde mir klar, daß dies die erste Voraussetzung dafür wäre, sie überhaupt zu einem Rendezvous einzuladen.

Ich sagte "Dieses Vorstellungsgespräch ist eigentlich nur noch eine reine Formalität, ich habe die Stelle so gut wie sicher, ich habe schon eine Zusage bekommen." (Bei diesen Worten spürte ich einen heftigen Stich in der Brust, und das war natürlich nichts anderes als eine Mahnung an Eduardos Forderung nach Aufrichtigkeit!) Sie sagte "Das freut mich wirklich. Ich habe es nämlich schon oft erlebt, daß unsere Patienten durch so einen Unfall - wie soll ich sagen - aus der Bahn geworfen werden." Ich sagte "Na ja, ich bin dabei aus der Fahrbahn geworfen worden, zählt das genauso?" Sie lachte. "Ich meinte das im übertragenen Sinne. Aber wenn das so ist, wie Sie sagen, bin ich beruhigt."

Ich durfte keine Sekunde so weitermachen, ich sagte "Sylvia, ich wollte Sie fragen, ob Sie einmal mit mir ausgehen möchten." Sie wurde ganz rot im Gesicht. Sie griff nach der Tasse und trank sie schluckweise aus, ich konnte deutlich sehen, daß sie nichts weniger erwartet hätte. Die Pause war unerträglich, endlich sagte sie "Jetzt schauen Sie mich doch nicht so an!" "Entschuldigung", sagte ich und senkte den Blick.

Sie sagte "Wohin denn?" "Bitte?" "Wohin wollen Sie denn mit mir ausgehen?" Ich sagte "Mögen Sie Kino?" "Ja, vielleicht." "Ich weiß ein Kino, das La Flor Azul in der Calle Serrano, dort zeigen sie den Film The Wizard of Oz." "Na, den hab' ich schon gesehen." (Offenbar war ich weit und breit der einzige, der ihn nicht kannte.) "Oh! ... schade ... ich meine ... macht nichts ... war nur so eine Idee ... wir könnten auch ..."

Ich fing an herumzueiern, ich hatte völlig den Faden verloren, da kam sie mir zu Hilfe und sagte "Der ist schön, ich würde ihn mir auch nochmal ansehen." "Ehrlich?" "Und wann?" Ich nannte den Tag, sie überlegte, ich dachte: 'Wenn sie jetzt einen Rückzieher macht, täusche ich einen Herzanfall vor'.

"Und wie haben Sie sich das gedacht?" "Ich würde Sie abholen, wir könnten danach noch irgendwo etwas trinken." "Hm hm." "Das heißt ja?" "Sie müssten mich hier abholen." "Ja, gern." Sie sprang auf und ich sprang automatisch mit auf. "Jetzt muss ich Sie aber 'rauswerfen, ich habe meine Pause schon weit überzogen." Ich sagte "Wenn Sie deswegen Unannehmlichkeiten bekommen, schieben Sie's auf mich." "Natürlich mach' ich das."

Sie drängte mich zur Tür hinaus, ich sagte "Dann bis Freitag, adiós, Sylvia!" "Adiós, Miguel." Ich wäre vor Übermut am liebsten das Treppengeländer hinab gerutscht, aber es kam gerade ein alter Mann im Bademantel herauf, der sich daran festhielt.

* * * * *

Ich fuhr noch am selben Tag zu der Adresse, die mir Ramirez übermittelt hatte, um mich dort nach einer neuen Arbeitsstelle zu erkundigen. Das Objekt befand sich in der Nähe des südlichen Hafengeländes und es handelte sich um eine Speditionsfirma. Es wurden Lastwagen entladen, alle möglichen Arten von verpackten Waren umgeschlagen, andere Laster beladen und alles an seinen Bestimmungsort geschafft; es gab nicht weit davon ein Anschlussgleis an die Eisenbahn, und die Firma lieferte ins ganze Land.

Der erste, dem ich über den Weg lief, war Gustavo Pereira. Ich hatte als Pimpf in der Hitlerjugend eine "Volkstheater" Aufführung von "Das Wirtshaus im Spessart" gesehen, einer der Räuber sah aus wie Gustavo Pereira: pechschwarzer, beinahe struppiger Haarschopf, hervortretende Kugelaugen mit dunklen Pupillen im hellsten Weiß der Augäpfel, buschige Augenbrauen und Schnurrbart (das waren die Haare, die auf seinem Kopf keinen Platz mehr gefunden hatten), kräftige Wangenknochen und eine wie aus Holz geschnitzte, aber durchaus schöne Nase; vom Mund war nur die Unterlippe zu sehen, aber seine Zähne glänzten wie aufgereihte Perlen.

Er fragte "Suchst du etwas, Muchacho?" Ich antwortete "Ja, ich suche Arbeit." "Da bist du bei mir genau richtig", sagte er, und ich war nicht ganz sicher, ob das stimmte, er sah nicht aus wie ein Vorgesetzter, aber auch nicht wie ein Hilfsarbeiter, der mich vielleicht verscheißern wollte, ich beantwortete seine Fragen. "Was hast du vorher gemacht?" "Ich habe in einem Restaurant auf der Avenida La Plata in der Küche gearbeitet." "Warum hast du dort aufgehört?" "Ich hatte einen Unfall mit dem Fahrrad. Der Chefkoch hat mir Ihre Adresse gegeben." "Verstehe. Hast du schon mal in einem Warenlager gearbeitet?" "Nein, aber ich lerne schnell dazu." "Warst du schon mal mit einem Lieferwagen unterwegs?" "In der Stadt?" "Wo sonst? Auf dem Mond?" "Ich habe manchmal mit dem Fahrrad Eis verkauft", behauptete ich. "Mit dem da?" "Nein, eins mit einem Eisbehälter, oder glauben Sie, ich hätte das Eis im Rucksack verstaut." "Kannst du schwere Sachen heben?" Ich sagte "Senor, darf ich erfahren, wer Sie sind?" Er streckte mir die Hand hin.

"Ich heiße Gustavo Pereira, ich bin Lagerarbeiter und ich bin Vertrauensmann der Gewerkschaft in unserer Spedition, wir gehören zur CGT, haben aber eigene Satzungen und verhandeln auch selbständig, hast du schon mal was mit der CGT zu tun gehabt?" (Ich wusste, daß die Confederación General de Trabajo die größte und mächtigste Gewerkschaft, eine Sindicato, wie sie hier genannt wurde, war. Bei Don Umberto hatte es manchmal Diskussionen darüber gegeben.) Ich sagte "Nein, nicht direkt, Senor Pereira." "Wenn du hier arbeitest, dann gewöhn' dich gleich mal dran, daß sich hier alle duzen, unser oberster Boss eingeschlossen", sagte er und es klang, als wäre das eines der ersten Rechte gewesen, das er als Gewerkschafter erkämpft hatte.

Ich sagte "Ja, Gustavo, ich kann schwere Sachen heben." Ich stellte dann fest, daß er das eigentlich gefragt hatte, um zu sehen, ob ich bereit wäre, schwere Sachen zu heben. Er sagte, er würde mir erstmal zeigen, was ich zu tun hätte und dann könnte ich mich entscheiden. "Dein Fahrrad kannst du da drüben hinstellen, wo die andern stehen." Ich war einverstanden; bei den Fahrrädern waren extra ein paar Geländer installiert, wo man sie anschließen konnte. Wir gingen in ein großes Gebäude und das war bereits eine der Lagerhallen, und Gustavo führte mich fast eine Stunde lang kreuz und quer durch die ganze Anlage, er grüßte die Leute mit einer Handbewegung, mit zwei, dreien wechselte er ein paar Worte.

Dann kamen wir zu einer Baracke, wo drei kleinere Lieferwagen davor standen (sie erinnerten mich an den Burschen mit seinem Fahrzeug, den ich damals bei der Wäscherei getroffen hatte, der mir sagte, ich solle niemals verraten, was ich verdiene.) Diese Lieferwagen hier waren auch für kleinere und kurzfristige Transporte bestimmt, und während wir noch miteinander sprachen, fuhren zwei davon los und dann kamen andere hinzu. Gustavo erklärte mir den Ablauf, dann besann er sich und fragte "Du kannst doch Auto fahren, oder?" Ganz automatisch sagte ich "Ja, klar", und im nächsten Moment sagte ich zu mir 'Jetzt hast du dich ganz schön in die Nesseln gesetzt! Nun sieh' zu, wie du da wieder rauskommst.'

Gustavo stellte mich einem Mann vor, der einen schwarzen Overall anhatte - und Schnürstiefel, wie ich sie bei den Nationalgardisten gesehen hatte, als sie bei einer Feierlichkeit auf der Plaza de Mayo aufmarschierten. Er hatte auch eine Art Armeekappe auf. Er war unrasiert, doch er hatte ein hübsches, wenngleich etwas ernstes Gesicht. Wir gaben uns die Hand, und mir wurde klar, daß ich nach Gustavos Vorstellungen genau hier arbeiten würde.

Als wir wieder draußen waren, fragte ich nach Arbeitszeit und Bezahlung und Gustavo gab mir auf alles eine klare Auskunft und ich fand, daß die Konditionen in Ordnung waren, sogar besser als bei Don Umberto. Ich wäre um mindestens zwei Stufen "aufgestiegen". Wenn da nicht ... ja, wenn da nicht das Problem mit dem Autofahren gewesen wäre. Gustavo hatte mir bis zum nächsten Tag Bedenkzeit gegeben, und falls ich ja sagen würde, könnte ich am kommenden Montag anfangen.

Ich sprach mit Onkel Heinrich, auch er fand die Stelle hervorragend. Wir überlegten. Dann meinte Heinrich, er werde den KaLeu Farmsen "kontaktieren", ich fragte, was der tun könne, und Heinrich sagte "Ich glaube, der kann uns helfen." Heinrich machte sich noch am selben Tag in die Spur und hatte tatsächlich Erfolg. Der KaLeu besaß ein paar unbenutzte "Berechtigungsscheine zum Führen eines Kraftfahrzeugs nach den Bestimmungen des Deutschen Reichs für den Straßenverkehr", Klappkarten im Ausweisformat, die noch aus alten Beständen stammten und für die Mitglieder der Auslandsorganisation bestimmt gewesen waren.

Ich musste mir allerdings ein Passphoto besorgen, und es dauerte bis in den Abend hinein, als ich endlich einen Photographen gefunden hatte, der für einen erschwinglichen Preis (im Hinterzimmer mit Blitzlicht) ein Photo von mir machte, das ich eine Stunde später abholen konnte. Der KaLeu klebte es am vorgesehenen Fleck auf und platzierte den Stempel mit dem Reichsadler und dem Hakenkreuz daneben, es sah sehr amtlich aus.

Dann ging ich zu Eduardo, erklärte ihm die Sache und bat ihn, ob ich einmal mit seinem Auto fahren dürfte. "Wohin?", fragte er nicht gerade übermütig. Ich sagte "Nur mal ein paar kleine Runden, damit ich mich wieder dran gewöhne, natürlich nur in Ihrer Begleitung, Senor Viamonte." Er zögerte und meinte "Na ja, vielleicht nächste Woche oder ..." "Nein, ich muss das heute noch machen, nächste Woche habe ich selber ein Auto, da bräuchte ich Ihre Hilfe nicht." Merkwürdigerweise gab die Vorstellung, man könnte auf seine Hilfe verzichten, bei Eduardo den Ausschlag, daß er zustimmte.

Wir fuhren auf der Alsina Brücke über den Riachuelo und suchten uns auf der anderen Seite eine freie Industriebrache, wo sogar noch ein Stück unbefahrene Straße war. Ich setzte mich hinters Lenkrad, Eduardo erklärte mir das Schema der Gänge, ich startete, betätigte die Pedale, schaltete und fuhr an - und würgte den Motor nach drei Metern ab. "Etwas mehr Gas", meinte Eduardo. Ich gab etwas mehr Gas und würgte ihn ab.

Beim nächsten Versuch dasselbe, ich würgte ihn bestimmt zehnmal hintereinander ab. "Was machst du denn, Junge?", sagte Eduardo, und ich sah, daß ihm sein Duncan Territory schon ein bisschen leid tat, wie er von mir traktiert wurde. Ich versuchte es noch ein paarmal, da kam heller Dampf unter der Motorhaube hervor.

Eduardo sprang aus dem Wagen und rief von vorn "Zieh' den Hebel!" Ich konnte ihn vor lauter Dampf nicht sehen. "Was?" "Zieh' den Hebel! Von der Motorhaube." "Wo ist der?" "Unten links." Ich fand ihn und zog daran, aus dem Nebel richtete sich die Haube auf. Ich stieg aus, Eduardo fächelte den Dampf beiseite, er ließ nach. "Was ist passiert?", fragte ich. "Heißgelaufen." "Wie ist das möglich, wir sind doch noch gar nicht gefahren." Eduardo fragte "Wie hast du geschaltet?" Ich sagte "Eins hoch und eins vor." "Eins hoch oder zwei hoch?" "Eins hoch." "Das kann nicht sein, ich glaube eher, du hast zwei hoch und eins vor geschaltet, also gleich in den dritten." Ich war mir nicht mehr sicher. Er sagte "Beim ersten ist es nur eine Kleinigkeit hoch und dann vor, verstehst du!" "Ja. Ich glaube, ich hab's falsch gemacht." "Sieht ganz so aus", sagte Eduardo und war ziemlich missgestimmt darüber, was ich seinem Wagen angetan hatte.

Der Dampf war verzogen, ich sagte vorsichtig "Kann ich's trotzdem nochmal versuchen?" Er schloss die Motorhaube so behutsam, als wäre es ein Flügelaltar, dann murmelte er "Aber mit etwas mehr Gefühl!" Und dann klappte es auf einmal und es machte mir riesigen Spaß. Zum Dank brachte ich Eduardo später eine Flasche Wein vorbei, ich sagte "Ich hoffe, Ihr Wagen hat sich erholt." Er sagte "Ja, schon gut. Aber nochmal lass' ich dich nicht ran."

Gustavo wollte tatsächlich meine "Lizenz" sehen, ich zeigte ihm die Karte und sagte, ich hätte im Moment nur "meine alte" aus Deutschland, ich hätte hier bereits einen Antrag auf Ausstellung einer neuen Lizenz eingereicht. Ich glaube, er war beeindruckt von dem Stempel, der KaLeu hatte es wirklich gut hingekriegt.

Gustavo lernte mich richtig an, manchmal hatte ich das Gefühl, er wollte meine Berufskarriere "fördern" oder er suchte jemanden für ein bestimmtes Gewerkschafts Amt. Er arbeitete normalerweise nicht an diesem Platz in dem Bereich für die "Stunden Transporte", aber er kannte sich auch da aus. Er war nicht die ganze Zeit mit hier, er kam immer mal für einen halben Tag und erklärte mir die Abläufe, auch die in anderen Bereichen der Spedition.

Er kam meistens, wenn mein zweiter Kollege irgendwo eingesetzt wurde. Es wurde auch in Schichten gearbeitet und Waren wurden nachts ausgeliefert, das ging sogar zügiger vonstatten, aber das meiste wurde am Tag verschickt. Wir schafften auch Sachen zur ferrocarril, also zur Eisenbahn, und Gustavo hatte die besten Kontakte zur Eisenbahner Gewerkschaft, die dann etwas später bei dem großen Streik Furore machte, in dem Evita Perón mit ihrem Auftreten und ihren Reden die Wogen glättete.

Gustavo redete bei der Arbeit in einem fort, er liebte Argentinien wie seine eigene Familie, er erzählte mir von José San Martin, der mit seinen Kämpfern über die Anden gezogen war und von Ushuaia, der "südlichsten Stadt der Erde", er erzählte von dem gespannten Verhältnis zu den Chilenen ("die schon immer mehr unter dem negativen Einfluss der Engländer standen") und über Gauchito Gil, den volkstümlichen Nationalheiligen, den man "kopfüber hingerichtet" hatte und der im Sterben ein Wunder prophezeite, das dann auch eingetreten war. Gustavo war ein politischer Mensch, alles, was ich schon weiter oben über Argentinien und seine Verhältnisse sagte, habe ich von ihm erfahren.

Ich glaube, er konnte mich ganz gut leiden. Ich wurde sogar eingeladen zu einem Abendessen bei ihm mit seiner Familie. Seine Frau war eine sehr sanfte Erscheinung und von einer gleichmäßigen Schönheit, sie lächelte unentwegt. Sie hatten vier Kinder: drei Mädchen und ein Junge, sie kamen äußerlich nach ihrer Mutter und waren sehr anständig. Bei Tisch gab es eine feste Rangfolge, aber der Gast wurde behandelt wie General San Martin. Das Essen war ausgezeichnet, es gab Ziegenfleisch und Geflügel und allerlei Salate, Gustavos Frau und die älteste Tochter hatten alles selbst zubereitet. Der Junge kaute still vor sich hin, aber etwas schien ihn zu beschäftigen.

Ich musste natürlich über Deutschland erzählen und über Hitler und seinen Nazistaat. Gott sei Dank gehörte ich zu der Generation, der man kaum eine Schuld geben konnte, aber ich kam mir dennoch vor wie jemand, der sich nie Gedanken über die Zustände gemacht hatte. Es war eigentlich kurios, daß ich dort bei Gustavo zum erstenmal etwas über die systematische Judenvernichtung bei uns zu Hause hörte - Gustavo war es, der mich über das Konzentrationslager Auschwitz informierte, jedenfalls soweit er darüber gehört und gelesen hatte, und das war mehr, als ich davon wusste. (Aber wie sich dann später herausstellte, kannte selbst Gustavo nur einen Bruchteil von dem ganzen ungeheuerlichen Ausmaß des Verbrechens der Deutschen.)

Gustavo nahm mich auch einmal mit zu einer Gewerkschafts Versammlung, er stellte mich den Leuten vor und ich musste viele Hände schütteln. Diese Männer (es gab keine Frauen dabei) waren durchweg sympathisch, aber wie mir schien auch ein wenig unbeherrscht und mir fiel hinterher auf, daß kein einziges Mal gelacht wurde. Es wurde viel geredet, und ich bekam davon nicht mal die Hälfte mit, es war anstrengend für mich und zum Schluss hatte ich Kopfschmerzen, auch weil die Luft von dem Zigarettenqualm zum Schneiden dick geworden war.

Ich glaube, Gustavo wollte mich dafür gewinnen, als eine Art Mittelsmann für die Deutschen zu fungieren, die in der Spedition arbeiteten. Ich unterhielt mich auch ein paarmal mit denen (Gustavo stellte mich dafür extra frei), aber ich wusste eigentlich nicht so recht, worüber ich reden sollte und einer, ein Packer im Warenlager, wollte mir einen Brief mitgeben, den ich seiner Frau in Bremerhaven übergeben sollte, er dachte wohl, ich wäre auf Missionsreise hier.

Gustavos jüngste Tochter war noch klein, aber sie war immer herausgeputzt wie eine Prinzessin. Ihre Taufpatin war niemand Geringere als Evita Perón höchstpersönlich, und darauf waren die Pereiras natürlich sehr stolz. Gustavo (wie auch viele andere Männer, denen ich in Argentinien begegnet bin) hatte ein sehr eigentümliches Verhältnis zu der Frau, die ihr Leben nach eigenem Bekunden ganz in den Dienst an ihrem Gatten, dem Präsidenten, gestellt hatte, den sie nur "General Perón, mein Meister" nannte, das war tatsächlich ihre öffentliche und offizielle Anrede für ihren Ehemann.

Gustavo hatte die Karriere Peróns bewusst miterlebt, ja in gewisser Hinsicht auch mitgestaltet. Evita hatte von Anfang an die Gewerkschaften auf ihrer Seite, vor allem die der staatlichen Unternehmen (wie die Eisenbahn). Sie hatte immer eine sehr starke soziale Empathie für die einfachen Menschen gehabt, deshalb war sie auch so beliebt. Ich glaube, ich habe schon gesagt, daß sie von den Volksmassen fast wie eine Heilige behandelt wurde, es fehlte eigentlich nur noch irgendein Wunder, das sie bewirkt hätte. (Man wollte sie ja dann tatsächlich heiligsprechen, aber der Papst hat es abgelehnt; der Papst hat später auch den Präsidenten exkommuniziert.)

Evita Perón hatte aber seit Beginn ihrer politischen Aktivitäten auch stets alles kontrollieren wollen, das in ihrer Reichweite lag, und manche Leute - natürlich vor allem seine Gegner - meinten, sie kontrolliere auch den Präsidenten, und das gefiel niemandem und die Hintermänner der Macht wollten es nicht zulassen.

Gustavo ließ nichts Nachteiliges auf sie kommen, aber er konnte nicht leugnen, daß der Präsident immer nur eine Hälfte der Gewalt im Staate Argentinien innehatte, die andere lag in den Händen des Militärs und seiner Oberbefehlshaber, sie waren seit historischen Zeiten diejenigen, welche die letzten Entscheidungen trafen. Und das musste selbst Gustavo zugeben, der ein glühender Verfechter der Präsidenten Republik und der neuen Verfassung war.

Er war auch, wie die meisten männlichen Argentinier, ein Vertreter des Machismo, ob er nun wollte oder nicht. Alle Familienväter übernahmen mehr oder weniger die Rolle des Macho oder Machote, allein schon deshalb, weil sie dazu erzogen wurden. Gustavo war der Typ des edelmütigen Macho, in seiner Verbindung von unbedingter Autorität und zugleich unendlicher Fürsorge und Aufopferung gegenüber seinem Weib und seinen Kindern.

Und deshalb war sein Verhältnis zu Evita Perón so eigentümlich. Denn eigentlich hätte er ihre Dominanz in der Politik, die ausschließlich den Männern vorbehalten war, niemals billigen können; eine Frau, die sich in die Amtsgeschäfte des Präsidenten einmischt - das war im Grunde die schlimmste Katastrophe für das Vaterland, schlimmer als ein Krieg oder eine Hungersnot.

Ich habe bei dem Eisenbahner Streik Parolen an den Mauern gelesen, von denen eine lautete "Viva Perón Viudo!" - lang lebe der verwitwete Perón. Ich habe Gustavo gefragt, was das bedeutet, und er erklärte mir, jedermann hier wüsste, daß Eva Duarte seine Frau in zweiter Ehe ist, nachdem die erste verstorben war. Die so etwas an die Mauerwände "schmierten", wollten damit sagen, daß der Präsident ohne Evita ein besserer Präsident wäre. Ich sagte "Aber ich denke, die Eisenbahner sind für Evita Perón?", und Gustavo erwiderte "Ja, weißt du denn, wer das geschrieben hat?"

Das war gewissermaßen eine symbolische "Erklärung" für die letztlich undurchsichtigen und unergründlichen politischen Vorgänge und Zustände, die dieses Land und somit auch die glorreiche Präsidentschaft der Peróns prägten und immer auch für eine Kehrseite dabei sorgten. Einerseits die grenzenlose Verehrung und der Idealismus für eine wunderschöne Frau (sie war vorher Schauspielerin gewesen), die selbst aus einfachsten Verhältnissen kam, andererseits eine tiefe Skepsis, ja Resignation, darüber, daß niemand, auch keine Heilige unter den Sterblichen, jemals das irdische Jammertal in ein Paradies zurückverwandeln könnte.

Während des großen Streiks konnte man die Spaltung der Gesellschaft, die eine Spaltung des Bewusstseins war, erkennen. Ich gestehe, ich konnte sie nicht erkennen, aber ich habe später, nachträglich, etwas davon erahnen können, als ich mit den Companeros in Kuba über all' diese Fragen diskutierte, und ich meine, man kann die Einsicht in historische Zusammenhänge eigentlich immer erst im Rückblick gewinnen.

Was ich jedoch schon damals in Argentinien beobachten konnte, war eine unbestimmte Furcht, von der die Menschen erfasst waren wie von einem angeborenen Leiden, eine Furcht davor, daß sich das Leben auf einen Schlag wenden könnte, und zwar zum Schlechten hin, daß die politischen Verhältnisse ganz plötzlich und radikal umschlagen in eine offene Gewaltherrschaft, in eine Diktatur, in der eine Handvoll Generäle - die berüchtigte Junta, welche ich dann in vielen Ländern dieses Kontinents erlebt habe - die Macht an sich reißt und mit Hilfe von Ausnahmegesetzen das öffentliche und private Leben terrorisiert.

Diese Furcht hatte übrigens etwas Selbstzerstörerisches an sich, obwohl es schien, als würde man von einem schweren Schicksalsschlag getroffen, der aus dem Himmel gesandt wurde, einen niederzuschmettern. Selbst Gustavo schien von den blutigen Ereignissen auf der Plaza de Mayo, die den Sturz Peróns einleiteten, überrascht gewesen. Aber ich glaube, in Wahrheit hatte er immer damit gerechnet, damit rechnen müssen.

Und doch - was ich hier über die Furcht sage, welche die Bewohner dieses Landes innerlich erzittern ließ, das war eine völlig andere Art von Furcht, als ich sie zu Hause erfahren oder zumindest gespürt hatte, als ich alt genug und sensibel dafür war. In Deutschland war es die Furcht vor dem Staat und der Justiz und vor ihren brutalen Schergen und Handlangern gewesen, die Furcht - und das äußerte einmal ausgerechnet Dr. Kettner - "die Furcht vor der Obrigkeit, die den Deutschen nun einmal eingepflanzt ist wie ein niemals verkümmernder Trieb".

Hier hingegen, in diesem Schmelztiegel der Kulturen, wo im Grunde jeder und alle von heimatlosen Desperados und Glückssuchern abstammten, die einer dem andern die Kehle durchschneiden wollten, um die Beute und Ausbeute allein zu behalten, hier gab es in Wirklichkeit nur eine Art von Furcht, nämlich die vor einem überirdischen Gott, der alles sieht und alles weiß und der jede Tat und Handlung, ja selbst jeden Gedanken und jede bloße Absicht nach seinem eigenen Sinn für Gerechtigkeit bewertet und den Lohn oder die Strafe dafür austeilt, wenn die Zeit gekommen ist.

Gustavos Sohn Gabriel war ein hübscher Knabe mit feurigen Augen und einer verwegenen Haartolle über der Stirn. Er war sehr sportlich und erfolgreich in allerlei leichtathletischen Disziplinen, aber zu den großen Siegen in den Wettkämpfen seiner Altersklasse hatte es bislang noch nicht gereicht. Er war im Sportclub "El Condor" im Barrio Norte organisiert, und als in Buenos Aires die Pan Amerikanischen Spiele stattfanden, half er eifrig mit, die Athleten seines Clubs zu betreuen, es war für ihn - wie Gustavo als stolzer Vater berichtete - jedesmal eine große Ehre, den Sportlern, die ja auch Vorbilder der Jungen waren, die Wasserflasche oder ein frisches Handtuch für den Schweiß bereitzuhalten, wenn sie danach verlangten.

Gabriel hatte eine heimliche Leidenschaft, die dem Vater gar nicht gefiel, und zwar das Boxen. Als ich bei Gustavo zum Abendessen am Tisch saß, konnte ich sehen, wie der Sohn - bei allem Gehorsam, den er (wie natürlich auch die Mädchen) ihm entgegenbrachte - dennoch seinen Groll in dieser Angelegenheit kaum unterdrücken konnte. Er äußerte sich nicht direkt, er war sehr wortkarg - nur die Zweitjüngste der Töchter war noch schweigsamer, aber sie schien ein etwas verträumtes Mädchen.

Gabriel, mit seiner verwegenen Locke in der Stirn warf dem Vater ab und zu einen merkwürdigen Blick zu, so eine Mischung aus flehentlicher Bitte und pubertärem Trotz, was mich irgendwie zum Lachen reizte, weil es so komödiantisch aussah, was aber ganz bestimmt nicht in seiner Absicht lag. Gustavo merkte nichts davon (vielleicht war er es auch schon gewöhnt), am ehesten merkte es seine Frau, Gabriels Mutter, die sowieso die kleinste Unachtsamkeit ihrer Kinder rügte, ohne dabei ihr "Gästelächeln" zu verlieren. Gabriel schaute auch zwischendurch zu mir herüber, und ich tat so, als ginge es mich nichts an (was ja eigentlich auch stimmte). Ich glaube, er überlegte, ob er mich zu einem Fürsprecher bei seinem Vater machen könnte, aber ich hatte nichts weniger im Sinn, als Gustavo Ratschläge bei der Erziehung seiner Kinder zu erteilen.

Und doch fing Gustavo dann selber an, davon zu sprechen, allerdings in einem derart abfälligen Ton, daß der arme Gabriel vor mir, dem Gast, vor Scham fast unter den Tisch rutschen wollte. Sogar Gustavos Frau gab ihrem Mann ein Zeichen. Doch Gustavo fand nichts dabei, seine Meinung kundzutun. Er fuchtelte mit der Hand herum, als wäre er auf einer Gewerkschafts Versammlung, er rief "Warum will der Junge boxen? Er ist dafür gar nicht geschaffen! Soll er sich die Nase brechen lassen? Soll ich zusehen, wie sie ihn zusammenschlagen, wie sie ihn blutüberströmt nach Hause bringen! Mit zwei solchen blauen Augen!" (Dabei hielt er die geballten Fäuste vors Gesicht und seine gute Frau mahnte ihn, nicht so vor den Mädchen zu reden.)

"Ist doch wahr! Er hat nicht mal die Figur für einen Boxer. Ein Läufer - ja! Ein Hochspringer, ein Turner - meinetwegen sogar ein Fußballer, das alles wäre denkbar bei dieser Veranlagung. Aber ein Boxer nie und nimmer. Was glaubst du, wie viele Runden du überstehst, na?" Ich weiß nicht, ob Gustavo wirklich eine Antwort erwartete, aber da er seine Frage für einen Moment wie eine furchtbare Prophezeiung im Raum stehenließ, nahm Gabriel allen seinen Mut zusammen und wagte leise aber sehr bestimmt zu erwidern "Vielleicht eine nach der andern, Vater."

Ich spürte, wie mir ein Schauer den Nacken hinablief. Es hätte durchaus passieren können, daß Gustavo im nächsten Augenblick aufspringt und mit einer herrischen Geste (er war selbst ziemlich kräftig) das Geschirr vom Tisch fegt - ob da nun der General San Martin mit dran sitzt oder sonst wer. Ich hatte ihn schon einmal erlebt, als er richtig wütend wurde. Gabriel schaute ihm unverwandt ins Gesicht, aus seinen Augen blitzte es regelrecht. Gustavo kochte vor Zorn, seine brave Frau legte ihre Hand auf seinen Arm, die Mädchen senkten beschämt die Köpfe, aber aus den Augenwinkeln beobachteten sie alles, als wär's eine Szene in einem Film nur für Erwachsene.

Keiner rührte sich, man konnte die große Uhr ticken hören, die im Flur hing, und irgendwo im Haus rauschte das Wasser. Da wandte sich Senora Pereira zu mir und fragte, als läge es ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge "Sagen Sie, Miguel, was ist das: Königsberger Klopse?" Sie sprach es so komisch aus, daß die Mädchen feixen mussten und der Bannstrahl, mit dem sich Vater und Sohn fixierten, so plötzlich erlosch, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.

Es war nochmal gutgegangen - obwohl, ich wusste ja nicht, ob so etwas öfter vorkam; vielleicht war Gabriel doch darauf aus gewesen, die Gelegenheit meines Besuchs, das heißt meine Anwesenheit auszunutzen, um das Thema offen zur Sprache zu bringen, hatte sich dann aber nicht getraut - hatte sich dann aber doch gegen den Vater beinahe aufgelehnt. Ich war mir auch nicht ganz sicher, welchen Eindruck ich selber bei dem Jungen hinterlassen hatte, wenn überhaupt einen. Aber aus irgendeinem unklaren Grund interessierte es mich, was Gabriel von mir hielt. Er gefiel mir jedenfalls von den Pereiras am besten.

Und dann tauchte er eines Tages bei uns in der Spedition auf, Gustavo war gerade nicht da, war bei einem Gewerkschaftskongress in Rosario. Ich dachte, Gabriel wollte zu mir, aber er grüßte mich nur flüchtig, immerhin warf er dabei seine Haartolle mit einem anmutigen Schwung aus der Stirn (sie hing ihm manchmal bis fast aufs Auge, ich konnte mir nicht vorstellen, wie er damit in den Ring steigen wollte). Er ging schnurstracks zu meinem Kollegen, der war ein Kettenraucher, er klemmte die Zigarette zwischen die Lippen, und die beiden umarmten sich wie alte Bekannte, aber ohne Worte, mehr wie zum Zeichen dafür, daß sie sich in einer Sache einig wären, über die man sich vor gewissen Leuten lieber nicht ausbreiten sollte.

Ja, es ist an der Zeit, anzufangen, über Juan Bello zu erzählen, so hieß mein Arbeitskollege. Gustavo hatte uns natürlich zu Beginn miteinander bekanntgemacht, aber dann war Juan häufig irgendwo anders unterwegs und kam nur manchmal herein, um Waren einzuladen, Gustavo erklärte mir, daß solche Sonderaufträge, wie sie Juan erledigte, immer mal anfielen und "dazwischengeschoben" werden.

Dann war er damit fertig und wieder bei uns, und Gustavo kam dafür seltener vorbei. Ich versuchte gleich, mich mit Juan anzufreunden, immerhin mussten wir tagtäglich miteinander auskommen, und das hier war nicht die Küche von Ramirez, wo eine ganze Mannschaft umherwirbelte.

Man konnte sehr gut mit ihm zusammenarbeiten, er versuchte nicht, einen herum zu kommandieren, weil man etwa neu wäre, er gab immer hilfreiche Hinweise und antwortete präzise auf jede Frage, er kam einem auch nicht in die Quere oder wollte alles besser wissen und machen, wie ich das früher, noch in der Ziegelei bei uns zu Hause, erlebt hatte.

Er war fleißig, aber er ließ sich auch nicht abhalten, eine Pause einzulegen, wenn es für ihn soweit war. Dann zog er sich für ein paar Minuten in eine stille Ecke zurück oder lehnte sich draußen an einen Pfosten vom Vordach (das tat er oft, wenn es regnete) und machte lange, tiefe Züge an seiner Zigarette und blies den Rauch aus, als wären es einzelne Verse von einem Gedicht, das ihm dabei in den Sinn kam.

Und wenn er so halb in Gedanken versunken dastand, sollte man den Teufel tun, ihn anzusprechen, was ich anfangs ein paarmal gewagt hatte, um ein Gespräch anzufangen. Erst hatte er noch widerwillig darauf reagiert, doch beim nächsten Versuch meinerseits fuhr er herum und sagte mit einem Ausdruck, als hätte ich ihm die ganze Zeit Schmerzen bereitet: "Kannst du mich nicht mal in Ruhe lassen." Das war nicht böse gemeint, sondern eher wie eine Bitte, und dennoch fühlte ich mich wie einer, der ihn mit seiner aufdringlichen Art belästigt hatte.

Er rauchte seine Zigaretten natürlich nicht nur in den Pausen, es glimmte immer eine zwischen seinen Fingern oder Lippen, und die Asche fiel oft herab und auf das, was er gerade in Händen hielt. Manchmal pustete er die Asche weg, wenn sie auf einem Paket oder auf einer Lieferliste gelandet war. Überall lagen seine Fluppen herum, ich sagte (im Scherz) "Juan, wenn das so weitergeht, kannst du dir irgendwann aus deinen Fluppen die Zigaretten für die nächsten zehn Jahre stopfen." Er fragte "Aus was?" "Hier, aus den Fluppen, die überall herumliegen!" "Du meinst aus den colillas?" "Ja." Er fand das deutsche Wort lustig und benutzte es fortan, er sagte manchmal zum Feierabend "Adiós, Fluppe!" zu mir, und ich nahm es nicht persönlich, im Gegenteil, in solchen Momenten glaubte ich, bei ihm einen schwachen Schimmer von Herzlichkeit aufleuchten zu sehen, der aber, kaum daß er erkennbar war, schon wieder verschwand.

Die Asche Box in unserm Lieferwagen quoll ständig über und irgendwann fing ich an, sie zu leeren und dann wieder einzusetzen, und wenn Juan es mitbekam, sagte er "Ach lass nur! Das musst du nicht machen." "Und wer macht es dann?", aber da zuckte er bloß mit den Schultern. Er trug ständig denselben schwarzen Overall, aber er schien mehrere davon zu haben, die zum Verwechseln ähnlich aussahen.

In der vorderen Tasche auf der Brust steckte das Päckchen mit den Zigaretten und das Feuerzeug. Er war nicht wählerisch mit der Marke, aber häufig rauchte er welche, die angeblich aus Montevideo kamen, in einer billigen, weißen Packung, auf der ein Segelboot abgebildet war. Als wir unterwegs waren und er sich die nächste ansteckte, fragte ich ihn "Warum ist da ein Segelboot drauf?" "Was?" "Warum ist auf deiner Zigarettenpackung ein Segelboot abgebildet?" Er schaute darauf, als würde er es zum ersten Mal sehen, dann sagte er "Das ist das Schiff, mit dem Christobál Colón Amerika entdeckt hat." Ich entgegnete "Unsinn, das ist nur eine Jacht! Kolumbus hatte eine Karavelle." Er sagte nichts, später sah ich ihn, wie er das Bild auf der Packung ganz in Gedanken versunken betrachtete, während er eine davon rauchte.

In den Hosentaschen hatte er links immer ein wie frisch gewaschenes Taschentuch, überhaupt war sein Overall auch immer sehr sauber, er sagte, er würde seine Wäsche in eine Lavandería in der Calle 3 de Febrero schaffen, dort kostet das Kilo einen Peso "und wenn man will, bügeln sie die Wäsche auch". Ich fragte "Die Calle 3 de Febrero in Belgrano?" "Ja. Die Wäscherei gehört einem Deutschen." Belgrano war das Viertel, in dem die meisten Deutschen wohnten; Heinrich spielte auch mit dem Gedanken, dorthin zu ziehen, aber die Mieten waren sehr hoch, es kamen immer noch zahlreiche Einwanderer nach Buenos Aires und allmählich sah sich bereits die nachfolgende Generation nach Wohnraum für die eigene Familie um.

In der andern Tasche trug Juan immer ein Messer, das in einer festen Lederhülle steckte und sehr scharf war, er benutzte es oft, um Bindfaden zu schneiden, es trennte ihn durch wie weichgekochte Spaghetti. Ich hatte auch ein Taschenmesser. Damit zerschnippelte ich mein Frühstücksbrot in kleine Häppchen. Ich habe Juan nie etwas essen sehen, auch später nicht, aber es war unmöglich, daß er nur von Zigaretten lebte. Er trank keinen Alkohol, nur Wasser, er sagte, er verträgt ihn nicht, aber ich glaubte, er hatte einmal schlechte Erfahrung damit gemacht und aufgehört. Er war gesund und hatte nicht mal einen Raucherhusten, nur schlechte Zähne und gelbbraune Finger, aber sein Gesicht hatte eine angenehme Farbe. Ich fragte ihn, wo er herstammt, er sagte "Aus dem Westen." "Aus welchem Ort?" "Kennst du nicht."

Gustavos Sohn war mit Juan bekannt, weil der Beziehungen zu einem Boxclub namens "Matador" hatte, aus dem unter anderen Tino Bandera hervorgegangen ist, der später in Havanna gegen George Fosset geboxt hat. Juan hatte es geschafft, daß Gabriel sich bei einem der Trainer vorstellen durfte; das alles geschah hinter Gustavos Rücken, aber der war nicht so einfältig, daß er nicht Wind davon bekommen hätte. Als er wieder da war, nahm er mich beiseite und fragte, ob sein Sohn etwa hier gewesen wäre. Ich sagte, ich hätte ihn nicht gesehen. Doch war ich verwundert genug? Hätte ich Gustavo nicht fragen sollen, wie er darauf käme?

Als ich mit Juan auf Tour war, hielten wir manchmal in einer Seitenstraße an der Plaza Rodriguez, um Gabriel einsteigen zu lassen. Dann fuhr er ein ganzes Stück mit uns mit, er saß zwischen mir und Juan, seine große, dunkelblaue Sporttasche auf den Knien und sprach kein Wort. Manchmal roch er ein wenig nach Schweiß, aber ich konnte mir nicht helfen, ich fand es überhaupt nicht abstoßend. Er packte auch beim Aus- und Einladen mit an, damit es schneller ging, und dann, wenn wir in der Nähe des Boxclubs waren, machte Juan einen kleinen Umweg und wir setzten den Jungen dort ab. Er bedankte sich und verschwand im Eingang. Ich hatte Juan gefragt, wie Gabriel nach Hause kommt, er sagte "Der findet immer irgendjemand, der ihn mitnimmt."

Juan erzählte, daß er im Club einen Trainer hätte, der ihn üben lässt und ihm dann und wann ein paar Tricks zeigt oder ihn auch mal für zehn Minuten in den Ring holt, wo er mit einem andern ein paar harmlose Schläge austauscht. Er hatte sich von seinen Ersparnissen ein Paar gute und teure Boxhandschuhe gekauft (natürlich ohne Wissen des Vaters), Boxerstiefel und eine Kopfmaske hatte er im Club bekommen, sie waren gebraucht, aber sie passten. Ich fragte "Wie macht er das mit seiner Haartolle?", und Juan meinte, er benutzt ein Haarnetz. Seine Ausrüstung lagerte er bei einem Schulkamerad, der in seiner Nähe wohnte.

Ich fragte Juan, ob Gabriels Trainer der Meinung wäre, daß der Junge Aussicht hätte, ein richtiger Boxer zu werden. Juan sagte, der Trainer habe ein gewisses "Potential" bei ihm ausgemacht, aber das sei es nicht, weswegen er ihn aufgenommen hat. Weshalb dann, wollte ich wissen, und Juan sagte, der Trainer meint, er hätte einen ungeheuren Ehrgeiz, einen fast unbezwingbaren Willen, andern zu zeigen, daß er besser ist als sie. Der Trainer glaube, wenn man das in die richtige Bahn lenkt, könnte er etwas erreichen, aber es wäre oft nicht leicht, eine solche Eigenschaft zum Vorteil zu nutzen. Ich sagte, man sehe ihm gar nicht an, welche Energie in ihm steckt, er könne das nach außen hin gut verbergen, wenn es nötig ist, und Juan erwiderte, ja, das könne er und fügte hinzu, es wäre trotzdem "für alle" besser, wenn er sich ein Mädchen suchen würde und andere Sachen macht, als davon zu träumen, jemanden auf die Bretter zu hauen.

Und dann sagte Juan noch "Alle Dinge, die man nicht bloß für Geld, sondern aus Leidenschaft macht, sollten zum Guten dienen, man sollte damit nicht über andere triumphieren wollen, das ist nur ein Zeichen dafür, daß man das schlechte Wesen in einem selbst nicht überwunden hat." Eine solche Bemerkung hatte ich von ihm ehrlich gesagt nicht erwartet, aber es sollte nicht die einzige dieser Art bleiben.

Ich war ein anderes Mal bei Gustavo eingeladen, er wollte mit mir über eine Gewerkschafts Sache reden. (Ich hatte mich keineswegs für irgendetwas in dieser Hinsicht bereiterklärt, mich aber auch nicht ausdrücklich dagegen ausgesprochen - und jetzt bereute ich, es nicht rechtzeitig getan zu haben.)

Senora Pereira hatte tatsächlich Königsberger Klopse zubereitet, nach dem Rezept, das ich ihr beschrieben hatte und das mir eigentlich nur deshalb in Erinnerung war, weil meine erste richtige Freundin Gabriele mich einmal damit überrascht - und ich sie fast beleidigt hatte. Denn zu echten Königsberger Klopsen gehören Kapern in der Soße, und Kapern lösen bei mir unweigerlich einen Brechreiz aus.

Ich hatte sie natürlich auch jetzt sofort entdeckt, ja, ich möchte behaupten, ich habe sie schon gerochen, als Gustavo mir die Tür öffnete. Bei aller Höflichkeit, ich hätte mich auch einer Senora Pereira zuliebe niemals überwinden können, diese ekligen grünen Dinger zu schlucken, also versuchte ich sie möglichst unauffällig am Tellerrand zu platzieren, was die gute Frau freilich bemerkte. Ich musste mich erklären, wenn ich nicht eine dauernde Unstimmigkeit zwischen uns beiden in Kauf nehmen wollte. Ich sagte also, was es bei mir mit den Kapern auf sich habe. Und ich ahnte auch schon im voraus, daß sich Senora Pereira dafür entschuldigen würde, was mir natürlich nur noch peinlicher war. Gustavo machte einen albernen Witz und die Sache war erledigt.

Aber die ganze Zeit saß mir Gabriel gegenüber und schaute mich zwischendurch an, als wollte er sich vergewissern, ob ich dichthalten würde. Vielleicht hatte er wirklich Angst, daß ich mich verplappern könnte oder mit einer mehr oder weniger dummen Frage den Vater aufhorchen ließe. Gustavo hielt sich zurück und unternahm keinen weiteren Versuch, den Jungen bloßzustellen. (Womöglich hatte seine Frau auch ein Wort unter vier Augen mit ihm geredet.) Aber ich hatte dann durchaus ein schlechtes Gewissen, einmal wegen der Kapern und zum andern wegen Gabriel. Außerdem musste ich Gustavo schonend beibringen, daß er in der Gewerkschafts Angelegenheit nicht mir rechnen konnte.

Ich sagte es Juan, der meinte "Zerbrich' dir darüber nicht den Kopf", das war alles. Gabriel kam nur, wenn keine Gefahr bestand, daß sein Vater auftauchte. Wir nahmen ihn mit und setzten ihn beim Boxclub ab. Einmal sagte Juan zu mir, nachdem Gabriel im Eingang verschwunden war "Er bedankt sich übrigens bei dir, daß du ihm einen Gefallen getan hast." Ich war ein bisschen enttäuscht, er hätte es mir auch direkt sagen können.

Juan Bello kannte sich in Buenos Aires erstaunlich gut aus, was etwas heißen will bei einer Stadt, die auf einen Plan aus neun Teilen passt. Ich äußerte meine Anerkennung, aber er sagte darauf "Wieso denn? Wir fahren doch immer nur die gleichen Touren." Das stimmte nicht ganz. Außer zu Gabriels Boxclub machte Juan auch sonst den ein und andern Abstecher an Orte, wo er etwas zu erledigen hatte, dann sprang er aus dem Wagen und zwei Minuten später war er wieder da. Und wenn irgendwo die Straße gesperrt oder sonst aus einem Grund kein Durchkommen war, musste er nicht lange überlegen, wo entlang man ausweichen konnte.

Manchmal kam er sehr müde zur Arbeit, es war ihm anzusehen. Dann übernahm ich das Steuer, und Juan konnte zwischen den Stationen die Augen zumachen, das brachte ihn dann meistens wieder auf die Beine. (Mit Zigaretten konnte er sich allerdings nicht wachhalten.) Manchmal kam er morgens (an Tagen, wo es sehr früh hell wurde) mit dem Lieferwagen, der normalerweise bei uns abgestellt war, und hatte ein Futteral mit einem Gewehr dabei, das er dann ganz schnell in einem Metallspind verschwinden ließ, der mit einem schweren Vorhängeschloss gesichert war.

Beim ersten Mal war ich so überrascht, daß ich mich nicht traute zu fragen. Er verlor auch selbst kein Wort darüber. Es geschah ja nicht oft, aber dann auf einmal wieder. Ich überlegte, ob ich Gustavo deswegen ansprechen sollte, es machte mich schon neugierig. Aber dann hätte ich es mit Juan womöglich verschissen, wenn niemand davon wissen dürfte und wenn er so viel Vertrauen in mich gehabt hatte, daß er es mich sehen ließ.

Und dann fing Juan irgendwann damit an, mir Schauergeschichten zu erzählen, daß ich schon dachte, er wollte mich auf etwas Bestimmtes vorbereiten. Er sagte, Buenos Aires wäre die Stadt, wo es die meisten Geschichten über Gespenster und ungewöhnliche Mordfälle gebe. Er hatte etliche solcher Moritaten auf Lager und er nannte immer ganz genau den Ort in der Stadt, wo sie sich ereignet hatten, aber das konnte ich ja schlecht nachprüfen.

Er erzählte von Serienmördern und wie sie bei ihren Taten vorgegangen waren, er erzählte von den armen Opfern und in welchen Verhältnissen sie lebten, bevor sie starben (man hätte meinen können, sie hätten in seiner Nachbarschaft gewohnt). Er erzählte auch von Wiedergängern und sogar von Werwölfen, die aus den alten Lagunen stammten, die es gab, bevor die Hafenanlagen gebaut wurden. Er behauptete, manche Geister wären auf den Schiffen der ersten Eroberer mit angekommen und andere seien aus dem Urwald auf Baumstämmen den Rio Paraná heruntergetrieben, und hier hätten sie sich dann vermischt und eine neue Spezies von Geistern gezeugt; das strotzte vor Aberglauben.

Wenn er erzählte, zog er zwischen zwei Sätzen an seiner Zigarette, und es war immer eine Stelle, wo es besonders spannend war, und manchmal am Ende blies er den Rauch aus, als wäre es die Seele eines unglücklichen Menschen, der soeben auf mehr oder weniger unnatürliche Weise ums Leben gekommen war. Ich war sprachlos, manchmal blieb mir der Mund offen stehen. Und dann schaute Juan Bello mich an wie ein Detektiv, der dem Mörder schon ewig auf der Spur ist, und plötzlich lachte er los und sagte "Aber man darf nicht alles glauben, was darüber erzählt wird!"

Mit der Zeit erschienen mir seine Geschichten - oder bessergesagt, seine Redseligkeit, die ihn immer so unvermittelt befiel - wie das Gegenstück zu seiner Verschlossenheit und seiner beinahe melancholischen Miene, die er dabei machte. Oft redete er überhaupt nicht, zwei, drei Stunden lang machte er den Mund nur auf, um an der Zigarette zu ziehen und den Rauch hinauszulassen; wenn er auf meine Frage antworten musste, knurrte er nur kurz und machte dafür eine Handbewegung, die mir genügen sollte. Es war aber auch fast so, als würde er über etwas nachsinnen, über etwas rätseln, das ihn schon lange beschäftigte und nicht losließ.

Und weil er ja angefangen hatte, mir diese Geschichten zu erzählen, konnte er damit von einem Moment zum nächsten weitermachen, gewissermaßen an die letzte anknüpfen, und vielleicht merkte er selbst gar nicht, daß er in der Zwischenzeit herumgelaufen war wie ein Hund, der seinen Herrn verloren hatte.

Eines Tages fragte ich ihn "Sag' mal, Juan, dieses Gewehr, hast du das auch wegen der Werwölfe und so?" Er musste lachen. "Ach, was denkst du, Fluppe! Das ist ein gutes Gewehr, aber gegen einen solchen Werwolf könntest du damit gar nichts ausrichten." "Was für ein Gewehr ist das?" "Eine Carbine M eins, eine Winchester, Baujahr sechsundvierzig - vielleicht auch früher, vielleicht stammt sie sogar noch aus dem Krieg, sie hat nämlich am Schaft ein paar Kerben, die jemand da reingeschnitten hat. Willst du's mal sehen?" "Ja, klar", sagte ich, und als wir mit dem Beladen eines andern Fahrzeugs fertig waren, gingen wir zu seinem Spind, und er holte das Futteral heraus und entnahm ihm die Waffe.

Sie war leichter als sie aussah, Juan erklärte "Deshalb ist sie gut geeignet für lange Märsche." Vor dem Abzug steckte ein Magazin wie eine flache Blechbüchse. Ich fragte "Wieviel Patronen passen da rein?" "In das fünfzehn. Ich habe auch noch ein dreißiger." "Welches Kaliber?" "Siebenzweiundsechzig." Ich sah die Kerben am Schaft und ging mit den Fingerspitzen darüber. "Und du meinst, da hat jemand seine Treffer notiert?" "Was sollte das sonst bedeuten?" "Woher hast du es?" "Bei jemandem erstanden." "Ist so was teuer?", fragte ich und legte zum Spaß damit an, aber Juan rief "Woh, woh! Nicht damit 'rumfuchteln, Amigo", und nahm es mir weg, dann sagte er "das hier hatte seinen Preis, aber ich war scharf drauf."

Er verstaute es wieder im Futteral und im Spind und hängte das Schloss davor, ich sagte "Jetzt verrat' mir schon, wieso du es mit herbringst." Er sagte "Wenn ich's dabei habe, komm' ich vom Schießen." "Von einer Schießbahn oder was?" "Ja, von einer Schießbahn. Es gibt haufenweise Anlagen in der Stadt, meistens irgendwelche stillgelegten Lagerhallen, die für so was genutzt werden."

Dann war einmal frühmorgens Gustavo da, als Juan mit seinem Gewehr zur Arbeit kam. Ich schaute auf Gustavo, aber der tat nicht dergleichen, offenbar wusste er davon. Also konnte ich ihn auch fragen, und er sagte, Juan sei bei Humberto Sosa Molina in einer Spezialeinheit gewesen, eine Art Einsatzkommando für bestimmte Zwecke. Wer Humberto Sosa Molina wäre, wollte ich wissen, und Gustavo sagte, General Molina sei früher Kriegsminister gewesen, aber Perón habe ihn dann mit besonderen Aufgaben betraut (was irgendwie so klang, als hätte er ihn abgesägt). "Und was Juan betrifft", meinte er, "da gab es wohl ein paar Probleme, darüber kann ich nichts weiter sagen und es geht mich auch nichts an. Frag' ihn selbst, wenn du's genau wissen willst."

Ich dachte bei mir, es müsse entweder der Alkohol gewesen sein oder eine Frau, was ihm Probleme bereitet hat, denn soviel hatte ich inzwischen mitbekommen: das waren die beiden Dinge, die Juan Bello scheute wie der Teufel das Weihwasser. Vielleicht war da eine gewesen, die ihm das Herz gebrochen hatte. Er fragte mich auch nie nach meinen Liebschaften oder meinen Abenteuern, wie das unter Männern und Arbeitskollegen eigentlich üblich war.

Ich hatte ihm von meinem Freund Carlos Hoselitz erzählt und von Kristin und Verena (freilich immer nur bis zu einem bestimmten Punkt der Geschehnisse) und er hörte mir zu und schmunzelte auch darüber. Ich hatte ihm nichts von Sylvia Marsal erzählt. Erstens, weil es mit ihr "anders" war und ich nicht darüber schwadronieren wollte, und zweitens, weil ich befürchtete, es würde ihn berühren. Wie ich das meine? Darüber werde ich noch berichten.

Ich konnte jedenfalls nichts Näheres aus ihm herauslocken. Ich erfuhr lediglich, daß er eine Schwester hatte, die zwei Jahre jünger ist als er und auch in Buenos Aires lebt, und daß sein Vater ein peón war, ein einfacher Tagelöhner auf einer hacienda, daß er sich aber "hochgearbeitet" und dann sogar als Weinbauer selbständig gemacht hatte; mir schien, Juan achtete von seiner Familie seinen Vater am meisten.

Wenn Gustavo da war, und wir zu dritt Mittagspause machten (manchmal waren auch noch zwei oder drei andere Fahrer dabei), kam es schnell zu Diskussionen über Politik. Gustavo hatte die Angewohnheit, solche Themen anzusprechen, sobald eine Handvoll Leute beisammen waren - die Agitation lag ihm im Blut. Aber man muss dabei betonen, daß er niemals versuchte, jemanden "umzubiegen" oder ihn um jeden Preis für seine eigenen Überzeugungen zu gewinnen, die natürlich von den Grundsätzen seiner Gewerkschaft bestimmt waren.

Er vertrat in manchen Punkten durchaus eine eigene Meinung, und er war zum Beispiel nicht damit einverstanden, wie seitens der Regierung mit einigen Zeitungen umgegangen wurde, was - wie im Fall von La Prensa - zu einer Schließung und zur Verdammung des Chef Redakteurs geführt hatte. Auch in Córdoba war eine traditionsreiche katholische Zeitung verboten worden. All' das wurde (wahrscheinlich nicht zu Unrecht) der Initiative Evita Peróns zugeschrieben, die Widerspruch nur schwer ertragen konnte. Gustavo wusste, wie hoch eine freie und auch kritische Presse geschätzt werden musste, und Zeitung - davon konnte ich mich selbst immer wieder überzeugen - wurde in der Hauptstadt ausgiebig gelesen.

Für Gustavo war es auch wie eine Bestätigung seiner Ansichten, als Perón begann, die sogenannte "Sozialbindung des Eigentums" zu lockern, auf die er in der Anfangszeit so vehement gepocht hatte. Jetzt verkündete Perón immer öfter, der Staat sei kein Unternehmer! Er plädierte damit indirekt wieder für ein stärkeres Eigentumsrecht und dafür, daß mehr Staatsunternehmen privatisiert werden. Gustavo war schon lange dieser Auffassung gewesen.

Für ihn war der soziale Wohlstand des Volkes - und zwar bis in die untersten Schichten - das allerwichtigste Ziel jeder gewerkschaftlichen Aktivität. Dafür musste natürlich gegen jede offene oder versteckte Form von Ausbeutung durch die Unternehmer gekämpft werden, die Gustavo auch schon mal eine "korrupte Bande von geldgierigen Hurensöhnen" nannte. Er durchschaute die Ökonomie und auch die Auswüchse des modernen Kapitalismus, da konnte ihm keiner etwas weismachen. (Sein Lieblingsspruch war: "Ich lass' mir doch vom Schlotfeger nicht die Glatze polieren", und das war angesichts seines prächtigen Haarschopfs auch witzig.)

Aber Gustavo war kein Kommunist, genaugenommen nicht einmal ein Sozialist. Er kam selbst aus dem Proletariat, sein Vater war Zuschneider in einem Werk gewesen, wo Bleche für Autokarosserien gefertigt wurden, sie wohnten in einer Arbeitersiedlung in Barracas. (Das hatte er mir alles erzählt, als ich bei ihm eingeladen war.) Er hatte schon als Jugendlicher das Kommunistische Manifest gelesen und etwas später die wichtigsten programmatischen Schriften von Lenin. Aber sie konnten ihn nicht davon überzeugen, daß die Idee des Kommunismus - die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft - die wahre Triebfeder für die Bewegung der Massen wäre.

Das wahre Motiv für die Entwicklung jedwelcher Gesellschaft war für ihn das Eigentum, und zwar das Privateigentum. "Das Streben nach Reichtum", sagte er, "ist ein ungeheurer Antrieb des Menschen, auf seine eigenen Lebensverhältnisse einzuwirken und sie angenehmer zu machen." "Aber stehst du dann nicht auf der falschen Seite?", entgegnete ich ihm. "Nein", erwiderte er, "zu jeder Kraft muss es eine Gegenkraft geben. Zum Streben nach Gewinn eines Kapitalisten, zur Profitgier, zur Ausbeutung des Menschen und der Natur muss es eine Gegenkraft geben. Solange diese beiden antagonistischen Kräfte sich langfristig die Waage halten, kann eine Gesellschaft bestehen. Wenn aber eine von beiden das Übergewicht erlangt, bricht das System zusammen. Ich kämpfe gegen die Ausbeutung, gegen maßlose Habgier und gegen Unterdrückung, aber ich kämpfe nicht gegen das Privateigentum und nicht gegen den kapitalistischen Unternehmer als solchen, mit seiner Intelligenz und seiner Umtriebigkeit. Denn eins ist doch auch klar", fügte er hinzu, "wenn die Proletarier sich nur auf ihre Stärke und auf ihren Grips verlassen hätten, dann würden sie heute noch das Wasser mit dem Rührlöffel erwärmen."

Juan Bello hielt sich bei solchen Diskussionen meistens zurück, aber wenn man ihn nach seiner Meinung fragte, antwortete er freimütig. Er mochte sich ungern streiten und deshalb fiel es ihm schon schwer, ein Gegenargument in die Debatte zu werfen. Er ließ sich aber auch niemals provozieren. Und ich war sicher, er dachte viel mehr über manche Dinge nach, als man ihm zugetraut hätte. Nur was für Dinge?

Ich fragte ihn, als wir wieder unter uns waren, was er von Gustavos Ansichten halte, und er sagte bloß, Gustavo wäre eben ein typischer Gewerkschafter. "Und was heißt das?", hakte ich nach. "Ein Gewerkschafter, der das zu seinem Beruf gemacht hat. Er verdient damit seinen Lebensunterhalt. Wer will ihm das streitig machen?" Ich fand, das war überhaupt keine Erklärung. Ich dachte abends noch darüber nach; kein Mensch wollte ihm das streitig machen!

Gustavo hatte mich darauf hingewiesen, daß in Argentinien unter Perón eine Reihe von Grundrechten für jeden Bürger im Gesetz verankert wurden, dazu gehörten das Recht auf eine Wohnung, das Recht auf Nahrung und Kleidung, das Recht auf Arbeit, auf gesundheitliche und kulturelle Betreuung. Es gab sogar ein garantiertes Recht auf Ruhe und Zerstreuung! Das gefiel mir besonders, und ich fand, daß dieses Recht eine Bedingung war für die Leichtigkeit des Lebens, wie sie mir bei Don Umberto erschienen war, als ich von der Galerie aus auf die ungezwungene Ausgelassenheit der Gäste hinunterschaute.

Gerade dies, was ich für eine, sagen wir: kulturelle Errungenschaft hielt, das war für Juan nicht viel wert. Was ich ihm von dem Treiben in Don Umbertos Restaurant (ich meine damit den Teil mit den Gästen und dem Publikum) erzählte, das hörte er sich zwar an, er konnte aber mein Staunen über die Eleganz und Ausstrahlung mancher Frauen und Männer nicht teilen. "Was ist daran Besonderes?", fragte er, "Sie gehen da hin, weil sie sich's leisten können, weil sie sich vergnügen wollen und weil die meisten von ihnen sich sonst zu Tode langweilen würden."

"Aber sollte nicht jeder Mensch das Leben auch genießen dürfen?", wandte ich ein. Da wiederholte er nur wieder sein brummiges "Ich hindere sie doch nicht daran." Und setzte dann doch noch hinzu "Wie heißt es in der Bibel: Wir verplempern unsere Tage wie ein Geschwätz." Am liebsten hätte ich ihm entgegnet, daß seine Schauergeschichten auch nicht gerade der pure Tiefsinn wären, aber ich sah in seine Augen, und da war etwas Verletztes und zugleich Getriebenes, als würde selbst sein Blick Zuflucht in seinem Innern suchen.

Und dann kam er bei einer unserer Pausendiskussionen doch mal aus sich heraus. Als es nämlich um die Lage der Bauern im Nachbarstaat Bolivien ging. Einer der Fahrer hatte sich ziemlich abfällig über die bolivianische Landbevölkerung geäußert (Worte, die ich in Argentinien häufig vernommen habe). Selbst Gustavo hatte nicht viel für diesen Menschenschlag übrig. Mir fiel jener Bursche Contaro ein, mit dem ich in Ramirez' Küche zusammengeraten war. Der stammte nämlich auch aus Bolivien und sein Vater war nicht einmal Bauer, sondern Geschäftsmann, und trotzdem konnte man diesen Contaro nicht leiden und alle wollten ihn loswerden.

Der Fahrer hieß Santos und hatte eine Zeitlang in einer bolivianischen Zinn Mine gearbeitet (allerdings nicht direkt in der Mine), er erzählte haarsträubende Geschichten über die bolivianischen Tagelöhner. Es handelte sich überwiegend um Leute, die eigentlich Bauern waren, bei sich zu Hause aber verhungert wären, deshalb hatten sie sich aufgemacht, um in der Mine Arbeit zu finden und von dem bisschen Geld, das sie verdienten, auch noch ihre Familie daheim vor dem Hungertod zu bewahren. Santos hatte kein Mitleid mit ihnen, er verglich diese Männer mit verschreckten Kötern und machte sich lustig über sie.

Gustavo hatte mehr Einsicht in ihre soziale Lage, auch wenn er ihnen jeden Sinn für Politik absprach. Er meinte, das alte Bolivien der Inkas und Quitchuas sei von den Spaniern ausgelöscht worden, deshalb wäre von diesen Völkern auch nichts mehr übrig. Und Bolívar hätte dem Land zwar die Unabhängigkeit gegeben, aber sie konnten damit nichts anfangen, sie hätten gar nicht danach verlangt. "Nun müssen sie Arbeiten verrichten, die sie nie erlernt haben und in denen sie nicht den geringsten Sinn erkennen." Santos höhnte "Diese Tölpel sind ja auch zu nichts zu gebrauchen und sie lassen sich von jedem hergelaufenen Quacksalber übers Ohr hauen."

Da sagte Juan "Wenn ihre Kinder in die Schule gehen könnten, würde das irgendwann anders werden. Aber das können sie nicht, weil sie von klein auf helfen müssen, die Familie zu ernähren." "Ja, und? Ist das so schlimm?", entgegnete Santos, "haben wir das nicht alle getan!" Dann hielt er plötzlich inne und rief "Ach nein, Juan, du musstest ja auch von zu Hause fortgehen, nicht wahr?" Ich konnte nicht genau heraushören, ob Santos damit sein Verständnis oder sein Missfallen äußerte, jedenfalls musste er etwas über Juans Vergangenheit wissen. "Wie war das denn da bei der MNR? Man hat sich erzählt, ihr wärt nicht zimperlich gewesen, wenn es darum ging, Beute zu machen."

Ich bemerkte, wie Juan die Zornesröte ins Gesicht stieg. Gustavo sagte "Santos, sprich nicht so über diese Dinge, du bist nicht dabeigewesen." "Nein. Ich war nicht dabei, gracias a Dios!" Juan sagte "Wir hätten dich wahrscheinlich auch nicht aufgenommen." "Aufgenommen? Das klingt ja wie die Gemeinschaft der barmherzigen Brüder." Juan sagte "Manche bei uns hatten mehr Barmherzigkeit als du jemals in deinem Leben erlangen kannst." Jetzt war es Santos, der gleich wütend wurde, wieder ging Gustavo dazwischen. "Jetzt hört auf damit! Wir streiten uns, aber wir beleidigen uns nicht, verstanden." Santos sagte "Ich habe niemanden beleidigt." "Ich noch weniger", ergänzte Juan und steckte sich die nächste Zigarette an.

Glücklicherweise war die Mittagspause zu Ende. Ich konnte hinterher sehen, wie sich Juan und Santos eine Weile aus dem Weg gingen. Soweit das möglich war, fertigte ich allein Santos' Ladung ab, er sagte zu mir "Nimm' dich bloß vor dem in Acht, er ist unberechenbar!" Ich erwiderte "Danke für den Hinweis, ich werde aufpassen." Santos hatte mir einmal ohne weiteres einen Gefallen getan, deshalb fand ich ihn ganz in Ordnung, aber nach diesem Wortwechsel mit Juan Bello war ich mir nicht mehr so sicher.

Ich wartete ab, bis Juan wieder einmal seine geschwätzige Phase hatte und mir Geschichten erzählte, sein Vorrat war wirklich unerschöpflich. Dann fragte ich ihn unvermittelt "Was ist eigentlich die MNR?" "Was?" "Die MNR, von der Santos letztens gesprochen hat." "Eine Kampf Truppe." "In Bolivien?" "Ja." "Was heißt MNR?" "Movimiento Nacionalista Revolucionario." "Und da warst du dabei?" "Ja." "Als was?" "Wie, als was?" "Warst du ein Kommandeur?" "Nein. Soldat." "Und Revolutionär." "Ja. Aber was heißt das." "Ja, was heißt das?", wiederholte ich. "Frag' doch Gustavo, er kennt sich aus - mit seiner Theorie." "Ja, aber Gustavo ist selber keiner, und du hast ... warum hat Santos das gesagt?" "Was?" "Du weißt schon, das mit der Beute."

Juan schaute mich an und sagte "Wir waren keine Räuberbande!" Dann wandte er wieder den Blick nach vorn, zog an seiner Zigarette und fügte hinzu "Santos weiß einen Scheiß über solche Dinge." Ich sagte "Da ist auch was passiert, oder?" Juan schaltete ziemlich rabiat in den andern Gang, dann murmelte er bloß, wie um sich selbst zu beruhigen "Da ist immer was passiert."

Ich sah ihn an und genau in diesem Moment kam mir A Farewell to Arms in den Sinn und Henry, der Hauptheld, der sich in die Krankenschwester Catherine verliebt und wegen ihr desertiert und mit ihr aus dem Land flieht. Und sie schließlich verliert. (Sie stirbt bei der Entbindung ihres gemeinsamen Kindes.)

Ich konnte mich beim Lesen nie so richtig mit diesen Figuren anfreunden, aber ich grübelte über sie nach und aus irgendeinem Grund versuchte ich, mir ihre Vorgeschichte auszumalen, ich wollte wissen, wie die beiden da hingekommen waren, wo sie sich begegneten, das war es, was mich eigentlich beschäftigte, sozusagen der andere Teil oder bessergesagt: die Vorlage für diesen Roman. Und jetzt, genau in diesem Augenblick erkannte ich Henry in Juan wieder, nicht eins zu eins, aber so als wäre er eine Version von ihm, als wäre Juan der reale Henry und Henry die Figur, die nach ihm gezeichnet worden war. Es passte irgendwie, es stimmte überein, es war natürlich weder der gleiche Ort noch die gleiche Zeit und auch nicht die gleiche Handlung, doch es war die untrügliche Gewissheit, daß es geschehen war, daß sich diese Dinge ereignet hatten, sich noch ereigneten, denn die Geschichte dauerte noch an, sie war noch nicht zu Ende. Dachte ich.

Nur - wie war das? Hatte Juan seine Catherine schon verloren? Was hatte Santos damit angedeutet, als er meinte, Juan wäre ja fortgegangen? Wen hatte er verlassen? Ich fragte ihn "Aus welchem Grund hast du dich dieser Truppe angeschlossen?" Er machte erst einen langen Zug, bevor er antwortete "Aus dem gleichen Grund, aus dem ich es wieder tun würde." "Und deine Familie?" "Was ist mit meiner Familie?" "Wussten deine Leute, daß du dahin gehst?" "Meine Schwester wusste es." "Die hier aus Buenos Aires?" "Ja, woher kennst du sie?" "Du hast mir selber von ihr erzählt." Er schwieg. Es gelang mir jetzt nicht, mehr aus ihm herauszukriegen. Aber irgendwie hatte ich nicht den Eindruck, daß es eine Frau gegeben hätte, mit der ihn eine unglückliche Liebe verband. Es sei denn, Juan konnte die Spuren, die diese Beziehung bei ihm hinterlassen hatte, erstaunlich gut überspielen.

War ja auch noch die Frage, warum er aus Bolivien zurückgekehrt war. Ich dachte, wenn er mit seinem Gewehr regelmäßig zum Schießtraining geht, dann kann er sein altes Soldatsein noch nicht ganz an den Nagel gehängt haben. Vielleicht würde er eines Tages wieder da hingehen. Oder an einen anderen Ort. Ein bisschen mehr hatte ich dann doch noch von ihm erfahren.

Er berichtete mir, wie sie gegen die Miliz der Regierung gekämpft hatten, die zahlenmäßig und auch von der Bewaffnung her überlegen war. Er sagte "Aber ihre Moral war im Arsch. Das war unser Vorteil." Eine ähnliche Bemerkung haben dann auch die Companeros in Kuba gemacht, als sie von ihren Gefechten in der Sierra Maestra erzählten. Ich fragte "Habt ihr sie besiegt?" "Wir konnten gewisse Gewinne verbuchen." Auch diese Formulierung habe ich später gehört. Das hieß, sie hatten sich für diesmal zurückgezogen, aber nur, um den nächsten Angriff zu organisieren, der noch heftiger werden würde. Doch es schwang da immer ein Zweifel mit, ob man auch wirklich alles bedacht hatte und einem bei der Vorbereitung kein Fehler unterlaufen war.

Ich fragte ihn "Ihr seid Guerilleros, nicht wahr? So nennt ihr euch doch." Dieses Wort hatte eine fast magische Bedeutung für mich. Gustavo hatte mich darüber aufgeklärt. Ach nein! Eigentlich war es Julio Ramos, der Bursche, den der Obersturmführer Witzigmann in Onkel Heinrichs gesellige Runde mitgebracht hatte. Von ihm hörte ich zum ersten Mal die Bezeichnung Guerilleros, die nicht in meinem Wörterbuch zu finden war.

Es leitete sich von Guerra, der Krieg, ab, wörtlich übersetzt hieß es also einfach "Krieger". Krieger hatte in meiner Muttersprache einen altmodischen Beiklang, aber es hob auch das Besondere hervor. Ein Krieger war kein gewöhnlicher Soldat, nicht einer unter zig Tausenden, der in Reihe und Glied in die Schlacht marschiert, und wenn er fällt, wird er durch einen anderen ersetzt. Ein Krieger kämpft nicht, bloß weil man ihn in eine Uniform gesteckt und ihm eine Waffe in die Hand gedrückt hat. Er kämpft nicht für seinen General oder für sein Vaterland, er kämpft für eine Sache, für eine Herzens Angelegenheit - was freilich auch ein bisschen antiquiert klang. Doch echte Krieger waren die antiken Helden ganz bestimmt, und von ihnen hatten die heutigen den Unterschied zum gewöhnlichen Soldaten geerbt. Ein Soldat hatte eine Nummer - ein Krieger hatte einen Ruf!

Ich will nicht so tun, als wäre mir das alles eingefallen. Zumindest sinngemäß stammte das meiste von Dr. Kettner, der ja viele Jahre Redakteur bei der Deutschen La Plata Zeitung war, und er stellte auch fest, daß die Bezeichnung Guerillero und Guerilla (für die ganze Organisationsform und die besondere Art des Kampfes) wahrscheinlich zuerst hier in den Ländern des lateinamerikanischen Kontinents gebraucht wurde. Er sagte "In Deutschland, nach dem Ersten Großen Krieg und im Zuge der November Revolution, kam das Wort 'Freischar' und 'Freischärler' in Mode, das war im Prinzip auch jemand, der zu einer kleinen, schlagkräftigen Truppe gehörte, die nicht Teil einer staatlichen Armee war. Aber das lässt sich mit der modernen Guerilla, wie man sie hier vorfindet, nicht vergleichen. Diese Leute haben eine ganz andere Geschichte, einen ganz anderen Hintergrund."

Julio Ramos war überzeugter Faschist. Die italienischen Faschisten (deren Symbolik die hiesigen übernommen hatten) waren früher auch in kleinen militärischen Einheiten organisiert, aber im allgemeinen strebten die Faschisten überall danach, sich in großen Verbänden zusammenzuschließen. "Sich wie die Wölfe zusammenzurotten", wie es Gustavo ausdrückte, der die Faschisten hasste wie die Pest und der es sogar - entgegen seiner Theorie vom Gleichgewicht - in Kauf genommen hätte, wenn sie ein für allemal verjagt worden wären. Gustavo war natürlich auch kein Anhänger der Guerilla, aber er hatte den größten Respekt vor diesen Leuten, nicht zuletzt deshalb, weil sie "Kinder" des eigenen Volkes waren.

Julio Ramos sprach nur verächtlich von ihnen, aber er verfolgte, wie mir schien, alles sehr aufmerksam, was über die Guerilla berichtet wurde, nicht nur in Argentinien, sondern auch in den andern Ländern des Kontinents. Für ihn und seine Alianza de la Juventud Nacionalista waren sie ein Feind und auch eine Art Konkurrenz. Ich glaube, ich hatte weiter oben schon erwähnt, wie Julio Ramos sich bei Heinrich und mir über den Führer Adolf Hitler erkundigte, die wir ihn sozusagen hautnah erlebt hatten. (Ich hatte ihn tatsächlich einmal gesehen, als er bei uns in G. war, um die Ehrenbürger Würde unserer Stadt entgegen zu nehmen; wir Jungen standen an der Straße Spalier und winkten mit den Fähnchen, als er und seine Getreuen im offenen Mercedes vorbei brausten.)

Julio Ramos sah in Hitler den Urtyp des Faschisten, der er wahrscheinlich auch war. Aber Ramos hatte im Grunde keine andere Beziehung zu diesem Menschen, als seine ungetrübte Bewunderung, und die beruhte letztlich auf dem, was in den Zeitungen und in den Wochenschauen über ihn berichtet wurde. Er hatte nicht einmal "Mein Kampf" gelesen (ich habe ihn danach gefragt). Ramos war von Hitler fasziniert wie von einem unsterblichen germanischen Gott, wie von Thor oder von Wotan. Das war sein "Hintergrund", wie es Dr. Kettner nannte.

Ich muss jetzt noch schmunzeln, wenn ich daran denke, wie Juan Bello dagegen über Hitler redete. Für ihn war er ein "Arschloch" gewesen, er konnte sich bloß amüsieren über den "komischen Kerl", dem "die Ziege den Schwanz abgebissen" hatte. Ich fragte, was er damit meinte, er sagte "Na, weißt du das etwa nicht? Ich denke, du bist aus Deutschland!" "Ja, bin ich, aber was war mit der Ziege?"

"Das ist doch allbekannt, daß ihm eine Ziege ein Stück von seinem Schniedel abgebissen hat, als er klein war - ich meine, als Hitler klein war, denn sein Schwanz war bestimmt schon immer klein gewesen, da wird dann nicht mehr viel davon übrig geblieben sein." Juan schüttete sich aus vor Lachen.

Ich fragte "Aber wieso hat ihn eine Ziege da gebissen?" Juan lachte immer noch. "Keine Ahnung, Muchacho! Vielleicht wollte er sie ins Maul ficken, der Idiot. Nein warte, ich glaube, es war eine Wette, die andern Jungens haben gewettet, daß er sich nicht traut, seinen Schwanz in ein Ziegenmaul zu stecken, ja, so war's - ein Vollidiot, euer Führer, das war er, und ihr habt ihm alles geglaubt!"

Ich war immer noch sprachlos, ich fragte "Woher weißt du das überhaupt?" "Daß ihr ihm alles abgenommen habt?" "Nein, ich meine das mit der Ziege." Er überlegte. "Das habe ich schon vor Jahren in irgendeiner jüdischen Zeitung gelesen." "Dann war es also ein Witz?" Juan schaute mich von der Seite an. "Ein Witz? Muchacho! Und was Hitler bei euch angestellt hat, das war wohl auch nur ein Witz?" "Das habe ich nicht behauptet", verwahrte ich mich. Dann sagte Juan "Na und, selbst wenn es ein Witz ist, so ist es doch wahr. Und es ist witzig!"

Irgendwann fand ich es auch witzig, aber es hatte lange gedauert, bis ich so respektlos über den ehemaligen Führer des Deutschen Volkes reden konnte wie Juan. Auch ich hatte wohl einen anderen "Hintergrund". Ich wurde das Gefühl nie ganz los, daß der stramme Parteigenosse Bruno Bichler aus unserm Haus mich beim Lachen erwischt; und ich weiß heute, daß vielen, vielen guten Menschen "im Namen des Deutschen Volkes" in irgendeinem dumpfen Keller einfach der Kopf abgehackt wurde, weil sie einen Witz erzählt hatten, der weit harmloser war als der mit Hitler's Ziege.

Allerdings machten sich, abgesehen von Julio Ramos, Onkel Heinrichs Freunde keine allzu großen Gedanken über die Guerilla in Argentinien oder sonstwo, und was mir Dr. Kettner darüber sagte, war mehr eine Reminiszenz an seine Tätigkeit bei der Zeitung. Er hatte seine Momente, wo er in alten Erinnerungen schwelgte - genau wie die andern. Der KaLeu Farmsen brachte ein Photoalbum mit, von der grandiosen Feier im Lunapark, zu der an die zwanzigtausend Deutsche geströmt waren, die in der Stadt und im Großraum Buenos Aires lebten. Auf den Photos sah die Veranstaltung aus, als wäre es der Reichsparteitag in Nürnberg gewesen. Der KaLeu berichtete, daß man sogar einen "Lichtdom inszeniert" hatte.

Obersturmführer Ernst Witzigmann zeigte "Privataufnahmen" von der Westfront, darunter welche von einer Besichtigung der Bunkeranlagen in der Normandie, wo später die Allierten Truppen angelandet waren. Hier auf den Photos waren die Anlagen noch intakt und im "pieksauberen Zustand". Als sich der "D-Day" dem Ende neigte, war dort kein Stein mehr auf dem andern geblieben und die Erde mit Blut aufgeweicht.

Vielleicht wollte Onkel Heinrich nicht dahinter zurückstehen, jedenfalls holte er aus seinem Schreibtischfach einige Photos, die er wie ein Kartenspiel in seinen Händen erst sortierte, bevor er sie in die Runde gab (und ein paar behielt er dabei für sich). Auch mir hatte er sie noch nie gezeigt. Es waren Photos von einem Besuch des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, in einer "Einrichtung" in Weißrussland, sie zeigten Himmler in seiner schwarzen Uniform und mit der typischen hellen, runden Brille, wie er, begleitet von etlichen SS Offizieren an einem Zaun entlang marschiert, hinter dem eine Reihe von Baracken zu sehen ist.

Ich betrachtete mir die Photos genauer. Der Zaun war mit Stacheldraht und einer Starkstromleitung gesichert (ich hatte so etwas ähnliches früher in G. an einem militärischen Objekt gesehen). Und auf einem Bild waren im Hintergrund Menschen in gestreifter Häftlingskluft zu erkennen, auf einem anderen betätigten sich welche vor mehreren flachen Gebäuden, zwischen denen ein breiter, viereckiger Schlot empor ragte. Ich fragte Heinrich "Was machen die da?" Er nahm mir das Photo aus der Hand und schaute darauf, als müsste er eine handschriftliche Notiz entziffern, dann sagte er "Ach, die harken bloß das Laub zusammen." Er gab es mir zurück, man konnte sehen, daß die Bäume dahinter im vollsten Blattwerk standen.

Man sprach über Himmler, der Obersturmführer war voll des Lobes über "sein Organisationstalent und seine Geradlinigkeit", er war ihm auch persönlich begegnet. Aber "als Mensch" war er ihm nie ganz geheuer gewesen, und gegen Hermann Göring wirkte er beinahe wie ein "Intelligenzler". Witzigmann sagte "Mit dem konnte man nie richtig vertraulich werden und sein Humor war so fade wie Steinsuppe." Witzigmann meinte, es wäre bezeichnend, daß es über Himmler keine volkstümlichen Anekdoten gegeben habe, so wie das bei Göring der Fall war. Der KaLeu sagte, über den Führer habe es auch keine echten volkstümlichen Anekdoten gegeben und der Göring habe wohl auch ein bisschen den Alleinunterhalter "in dem ganzen Zirkus" gespielt. Ich war drauf und dran, die Geschichte mit Hitlers Ziege zum Besten zu geben, aber ich unterließ es dann doch, als ich sah, mit welcher Verbundenheit die Herren auf die Photos starrten.

Es kam eine Zeit, als Onkel Heinrich viel auf Geschäftsreisen war, ich war manchmal bis zu zwei Wochen am Stück allein zu Hause. Dr. Kettner kam vorbei und komischerweise immer, wenn Heinrich fort war. Ich bot ihm eine Tasse Kaffee an und wir unterhielten uns. Er erzählte mir von seinen Aufenthalten in der Provinz Misiones, ich fragte nach seiner angeheirateten Familie aus Montecarlo (und erfuhr bei der Gelegenheit, daß es nur in einem Wort geschrieben wird). Er sagte, man würde die allermeisten dieser Orte am besten vom Rio Paraná aus erreichen, der die Grenze zu Paraguay bildet. Er beschrieb mir auch die gewaltigen Wasserfälle von Iguazú. "Die müssen Sie sich unbedingt einmal anschauen", empfahl er mir.

Auch Eduardo besuchte mich, und zwei- oder dreimal waren beide gleichzeitig da, doch es war seltsam: obwohl ganz ausgeschlossen war, daß sie sich kannten, benahmen sie sich wie zwei ungleiche Brüder, die sich vor langer Zeit um ein Erbe gestritten hatten. Ich hörte natürlich auch viel Musik und wenn Heinrich nicht da war, konnte ich meinen Plattenspieler schön aufdrehen. Carlos Hoselitz versorgte mich nach wie vor mit dem neuesten, was der Jazz zu bieten hatte.

In New York machte neuerdings ein Plattenlabel von sich reden, das hieß Blue Note Records und es hatte einige der besten Musiker unter Vertrag. Carlos erzählte mir, daß dieses Label von einem Deutschen namens Alfred Lion, und zwar schon im Krieg, gegründet worden war, daß es aber erst jetzt so richtigen Aufschwung erlebte. Es gab da phänomenale Trompeter: Lee Morgan und Donald Byrd und Clifford Brown, zu dem ich vielleicht später noch etwas sagen werde, weil er in einem Wahnsinns Quintett unter anderen mit Harold Land und Max Roach zusammen spielte. Es gab auch richtig gute Pianisten und Schlagzeuger und Saxophonisten, wie zum Beispiel Ike Quebec am Tenorsaxophon.

Carlos behauptete, Ike Quebec sei der Freund von Alfred Lion. Ich sagte "Na ja, wenn er Platten für ihn aufnimmt, verstehen sie sich bestimmt ganz prächtig." Carlos sagte "Nein, ich meine, sie sind wie Mann und Frau, nur eben Mann und Mann." Ich war irritiert, ich glaube, ich wurde sogar rot, es war das erste Mal, daß jemand mit mir über so etwas sprach, ich kannte nicht mal das Wort Homosexualität. Ich fragte Carlos, woher er das wüsste, und er sagte, er habe so seine Quellen (und das stimmte tatsächlich). Er nutzte, wie mir schien, die Gelegenheit, um mir einen Vortrag über das "Schwulsein" zu halten und ich bekam abwechselnd heiße und kalte Schauer und er machte haufenweise Andeutungen und man konnte nicht mehr heraushören, auf wen das eigentlich bezogen war.

Carlos lud mich ein zu einer kleinen Party mit Kristin und Verena, und ich dachte, falls die ganze Schwulensache damit abgehakt sein würde, sollte ich unbedingt kommen; ich wollte zeigen, daß ich definitiv nicht schwul bin, obwohl Carlos mir das gar nicht unterstellt hatte.

Ich ging also hin, in Carlos' Apartment im alten Fabrikgebäude, Carlos und Kristin waren schon da. Kristin saß auf dem Sofa, sie hatte ein dunkelrotes Kleid an, sie hatte ihre Schuhe fallengelassen und die Beine herangezogen, ihre blonden, lockigen Haare fielen bis auf die Schultern, sie sah aus wie die Kleine Meerjungfrau im dunkelroten Kleid. Carlos redete und redete, während er nebenbei Platten auflegte und die Musik kommentierte.

Als ich hereinkam, rief Kristin "Oh Dios mio! Gut daß du da bist, Miguel! Erlöse mich von diesem Kerl und seinem endlosen Palaver!" "Was macht er denn nur?" "Oh, er hält mir seit Stunden eine Predigt über die ... ich weiß nicht mehr ... über irgendwelche Leute, die irgendwann einmal was auf einer Trompete gespielt haben." Carlos sagte "Das ist gerade erst die zweite Platte, die ich auflege." "Das ist jetzt bestimmt die hundertste Platte, die du auflegst, warum hast du überhaupt so viele Schallplatten? Da ist überall dasselbe drauf, eine einzige würde ja genügen." "Da ist überall was anderes drauf." "Für mich klingt das alles gleich, eins wie's andere." Carlos sagte "Miguel, beweis' ihr, daß es jedesmal anders klingt." Ich sagte "Wie soll ich das anstellen?", und Kristin sagte "Miguel wird mir gar nicht beweisen. Komm' her, setz' dich neben mich und wir werden uns schön ablenken von diesem grauenhaften Zeug."

Ich setzte mich neben sie aufs Sofa, sie legte den Arm um meinen Hals und streichelte meine Wange. "Küss' mich!", sagte sie, "Los, küss mich, ich will dieses Zeug nicht mehr hören." Wir küssten uns, ich merkte gleich, daß sie Lust hatte. Carlos ließ sich nicht im geringsten stören. Er redete wirklich ohne Pause und spielte einen Song nach dem andern, manche spielte er nur an und nahm dann die Nadel wieder auf, um sie an einer andern Stelle wieder abzusetzen. Ich hörte ihm mit halbem Ohr zu.

Er legte eine Platte auf von einem Pianisten, den er "neu entdeckt" hatte, er hieß Bill Evans, und Carlos sagte, er sei kein Schwarzer, und er wüsste nicht genau, ob er Jude wäre, aber das sei auch nicht so wichtig, er würde spielen wie alle Schwarzen und Juden zusammen und er, Carlos, wäre drauf und dran, diesen Bill Evans zum größten Jazzpianisten aller Zeiten zu "küren".

Kristin schmuste mit mir, ihre Hand war unter mein Hemd gefahren und streichelte meine Brust und zählte mit den Fingern meine Rippen, und ich küsste sie und spürte ihre Zungenspitze an meiner und ich fing auch an, sie zu streicheln, aber nebenbei musste ich Carlos und Bill Evans zuhören und es war nicht ganz einfach, alles gleichzeitig zu tun.

"Erkennst du's!", rief Carlos. Ich konnte gerade nur ein bisschen mit dem Kopf schütteln und die Augen zu ihm hin verdrehen, und Kristin rückte mich gleich wieder energisch zurecht und bearbeitete meine Zunge und ihre Hand ging über meinen Bauchnabel hinweg. "Das ist Come Rain Or Come Shine, warte, ich spiel's von vorn." Er spielte es drei- oder viermal an, immer bis zu der Stelle, wo das Thema beendet ist, aber das konnte man gar nicht genau feststellen, und obwohl ich den Song eigentlich schon oft gehört hatte, konnte ich ihn hier beim besten Willen nicht wiedererkennen.

Und dann fing Carlos an, etwas über Timing zu faseln, und daß wir (damit meinte er Kristin und mich) mal genau darauf achten sollen, was Bill Evans mit der rechten Hand und was er mit der linken Hand spielt, und daß das mehrere separate Melodielinien wären, die alle in einem Zuge und "ganz konsequent" durchgeführt würden und daß man sie genau verfolgen könnte, auch dann, wenn man sie nicht hörte.

Und Kristins rechte Hand fummelte währenddessen an meiner Gürtelschnalle herum und dann öffnete sie meine Hose und ihre Hand verschwand in meiner Unterwäsche. Und Carlos sagte, das sei genau das gleiche Prinzip wie es auch schon Johann Sebastian Bach benutzt hat, wenn er zig verschiedene Melodielinien in einem Stück "durchzieht", das ein Pianist eigentlich nur mit zwei Händen und zehn Fingern spielen kann, und dabei müsse man die Daumen noch abrechnen, die ja höchstens eine Hilfsfunktion habe.

"Warte, ich zeig's euch!", rief er und spielte es nochmal von vorn und versuchte, die einzelnen Melodien mitzusummen, die plötzlich abbrechen und unhörbar und wie von unsichtbarer Hand weitergeführt werden, bis sie ebenso plötzlich wieder erklingen.

Und Kristin war unten angelangt und machte sich an meinem Ding zu schaffen, das inzwischen prall und heiß war und nur auf ihre flinken Finger wartete, damit es sich ihnen überlassen konnte. Und Carlos quasselte, und ich hörte sogar noch auf die Musik und Kristin rieb an meinem Glied und ich spürte, wie ich gleich davor war, alles rausschießen zu lassen.

Und da - im selben Moment - konnte ich es hören, wovon Carlos die ganze Zeit redete, ich konnte alle die verschiedenen Melodien hören, die Bill Evans gleichzeitig spielte, und eine war wundervoller als die andere, sie waren wie holde Schwestern, wie Engel, die im Reigen eine Handbreit über einer Frühlingswiese schwebten, während goldene Sonnenstrahlen ihr Haar erglänzen ließen.

Die ganze Ladung schwappte in meine Unterhose und Kristin leckte mit ihrer feuchten Zunge meine Ohrmuschel aus. Da ging die Tür auf und Verena kam hereingestürmt und als sie uns drei erblickte, rief sie "Oh Mann! Habt ihr etwa ohne mich angefangen!"

* * * * *

Ich hatte Eduardo über meine Verabredung mit Sylvia Marsal unterrichtet, ich dachte, das sei ich ihm schuldig für seinen Rat, den er mir gegeben hatte und weil er daraufhin bestimmt wissen wollte, wie sich die Sache weiterentwickelt. Er freute sich mit mir, und einen Moment lang war ich versucht, ihn zu fragen, ob er mir eventuell seinen Wagen für mein Rendezvous leihen könnte. Aber ich hätte ihn damit wahrscheinlich bloß in arge Verlegenheit gebracht und das wollte ich nicht, und außerdem hätte es auf Sylvia sicher einen zweifelhaften Eindruck gemacht, wenn ich mit diesem Straßenkreuzer bei ihr aufgetaucht wäre, womöglich hätte man uns auch gesehen und es wäre ihr peinlich gewesen, wenn ich damit angeben wollte.

Also entschloss ich mich, Sylvia im Hospital abzuholen, damit wir mit dem Omnibus in die Calle Serrano fahren. Sie ließ mich erst zehn Minuten warten und mir am Empfang ausrichten, daß sie noch nicht "abkömmlich" sei. Ich wartete geduldig, immerhin war ich sicher, daß sie mitkommt und es sich nicht anders überlegt hatte. Sie kam die Treppe herab und lächelte mich gleich an, sie trug ein hübsches, helles Kleid mit langen Ärmeln und darüber eine blaue Weste, hellblaue Strümpfe und flache Lederschuhe mit dunkler Sohle und Riemchen über dem Spann. Sie hatte sich die Haar streng nach hinten gekämmt und zusammengeknotet, und ich sah, daß sie sich ein wenig geschminkt hatte.

Ich sagte "Ich freue mich sehr, daß Sie mitkommen", und sie erwiderte "Das hatte ich Ihnen doch gesagt, Miguel." "Ja, aber ich befürchtete, daß noch etwas dazwischenkommen könnte, ich meine hier bei Ihnen, ein Notfall zum Beispiel." Sie sagte "Wenn es Sie nachträglich beruhigt: ich hatte bereits nach unserer Verabredung dafür gesorgt, daß ich heute abend freihabe." Ich fand, das war eine sehr ausführliche Erklärung, die sie sich abgerungen hatte, und ich wollte auf jeden Fall vermeiden, daß sie sich wegen mir verpflichtet fühlt.

Wir fuhren zum Kino La Flor Azul (Sylvia kannte es nicht) und im Vestibül stand Roberto Burgos im schicken Anzug und begrüßte einige Gäste. Er erkannte mich tatsächlich wieder - und nicht nur das, er hatte sich sogar meinen Namen gemerkt, er winkte uns heran. "Senor Frogard! Wie schön, daß es geklappt hat." Ich wollte etwas erwidern, er sagte "Darf ich erfahren, wer die bezaubernde Senorita an Ihrer Seite ist?" und er bewahrte mich davor, mich unsäglich zu blamieren. Ich beeilte mich, ihm Sylvia vorzustellen, er gab ihr einen galanten Handkuss, wie ich ihn kaum hingekriegt hätte. "Sie finden Ihre Plätze?" "Oh ja, danke." "Dann wünsche ich Ihnen beiden viel Vergnügen, Senorita Marsal, Senor Frogard, und beehren Sie uns bald wieder."

Drinnen fragte Sylvia "Wann haben Sie die Karten eigentlich besorgt?" "Gleich nach unserer Verabredung, ich konnte gerade noch zwei ergattern." Ich erschrak, als ich sah, daß das Kino nur zu zwei Dritteln gefüllt war, aber Sylvia achtete anscheinend nicht darauf, sie sagte "Das war eine gute Idee von Ihnen." Als der Vorhang aufging und das Licht erlöschte, flüsterte ich ihr zu "Aber sagen Sie mir bitte nichts vor." "Ich versprech's", flüsterte sie zurück.

Und dann ging der Film los, und ich war von der ersten Minute an ganz hingerissen und ich musste gleich lachen, als die scheußliche Miss Gulch auftritt und das Hündchen Toto es schafft, ihr zu entkommen, und ich merkte, daß Sylvia auch lachen musste, und auch über den fahrenden Hellseher Professor Marvel, der sich abmüht, aus der Kristallkugel zu lesen - das waren übrigens Figuren, die im Buch nicht vorkamen, und deshalb war ich zusätzlich angenehm überrascht. Das ganze Vorspiel ist ja in Schwarzweiß, oder genauergesagt in einem sandigen Ocker gehalten, und Dorothy's Over the Rainbow, das sie ziemlich am Anfang singt, wirkt dadurch erst recht wie eine strahlende Vision von einem verheißungsvollen Ort.

Spätestens als Dorothy die Haustür nach draußen öffnet und ihr die ganze Farbenpracht des Landes von Oz entgegenlacht und als die schöne Nordhexe und die bunte, lustige Schar der Munchkins auftreten, da tauchte ich völlig in diese märchenhafte und mitreißende Atmosphäre ein und ich amüsierte mich köstlich über Scarecrow die Vogelscheuche, über den Tin Woodman und über The Cowardly Lion und dessen zaghaftes "Wwwrrrufff! Wwwrrrufff!", mit dem er sich selber fast mehr erschreckt als andere. Sylvia tippte manchmal meinen Arm an und streckte den Zeigefinger nach vorn und das war ein (wortloser) Hinweis, daß gleich etwas Komisches passiert. Zwischendurch wehte immer mal ein zarter Hauch von ihrem Parfüm zu mir herüber, und ich fühlte mich richtig wohl.

Ich hätte ihn mir am liebsten gleich noch mal von vorn angeschaut. Sylvia fragte mich "Was hat Ihnen am besten gefallen?" Ich sagte "Oh, das ist schwer - eigentlich alles. Vielleicht der Löwe, wie er sich vor dem Zauberer fürchtet, der ihm ja eigentlich Mut und Unerschrockenheit verleihen soll. Und was hat Ihnen am besten gefallen?" "Mir? Natürlich Dorothy's rubinrote Schuhe." Ich lachte. "Ja, die sind ganz reizend, obwohl sie im Buch eigentlich silbern sind." Sylvia sagte "Ach, es gibt ein Buch davon?" "Ja, von einem Mann namens Lymen Frank Baum. Wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen mal geben."

"Oh ja, gern. Ist da noch mehr anders?" "Alles in allem nicht viel", sagte ich und fügte hinzu "die drei Burschen am Anfang auf Dorothy's Farm in Kansas gibt es im Buch nicht." Sylvia sagte "Das sind ja - in anderer Gestalt - die drei, mit denen Dorothy zum Zauberer geht, haben Sie das gemerkt?" "Ja, hab' ich, und das war einfach genial." Sie sagte "Das gibt der ganzen Geschichte so eine richtige ... Glaubwürdigkeit." "Das finde ich auch", erwiderte ich, "und es macht auch klar, daß es sich eigentlich um einen Traum handelt."

Sie sagte "Das schon, aber es ist ein Traum in einer Welt, wo alles genauso wirklich ist wie in unserer." Ich stimmte ihr zu. "Ja, sogar der Zauberer ist eigentlich in Wahrheit ein Erfinder, er hantiert nur mit Dingen, die wir alle kennen und die ohne Zauberkraft funktionieren." "Vielleicht soll uns das sagen, daß sich unsere Träume auch hier erfüllen können, wir müssen uns dafür gar nicht erst ins Land von Oz begeben." "Nein", bestätigte ich, "noch nicht einmal nach Kansas", und fand diesen Nachtrag sofort völlig überflüssig.

Sylvia kannte ein Café in einer Seitenstraße an der Avenida Corrientes, und wir fuhren dorthin, es war sehr gemütlich und im Hintergrund musizierten ein Klavierspieler und ein Geiger. Wir bestellten Mate Tee mit Zucker und Zitronensaft, und der Kellner nahm die beiden Trinkröhrchen vor unseren Augen frisch aus der Verpackung, sie hatten einen Aufdruck mit dem Namen des Cafés. Sylvia sagte, man könne diese Röhrchen mitnehmen. Sie erklärte mir ein paar wissenswerte Dinge über den Mate Tee und wie er in Argentinien zubereitet und getrunken wird. Wir bekamen ihn in Porzellanbechern, aber traditionell wurden die Teeblätter in ausgehöhlte, faustgroße Kürbisse gegeben und mit heißem Wasser überbrüht.

Ich fragte Sylvia über ihre Heimatstadt San Rafael aus, ich sagte, ich wollte mehr über die "Gegend im Westen" erfahren, und sie erwiderte, sie könnte mir einen Herrn empfehlen, der einmal bei ihr als Patient war, der wüsste darüber bestens Bescheid. Daraufhin schwieg sie und sog in kleinen Schlucken den Tee durch das Trinkröhrchen, in der gleichen Weise, wie sie im Pausenraum im Hospital aus der großen Tasse getrunken hatte. Ich sagte "Verzeihung, Sylvia. Ich wollte natürlich mehr über Sie erfahren", und sie schaute mich an und machte "Hm hm."

Und dann begann sie zu erzählen und sie tat das in so lebendiger und anmutiger Weise, daß ich mir wünschte, sie würde nicht mehr aufhören. Ich hatte auch das Gefühl, sie würde es mir zum Gefallen tun und mir glückten ein paar gute Fragen, mit denen ich sie noch auf andere Spuren in ihre Vergangenheit führte und sie klapste sich an die Stirn und rief "Ach du liebe Zeit, da fällt mir was ein, da habe ich seit Jahren nicht mehr dran gedacht!" Und dann erzählte sie mir, daß sie als kleines Mädchen beinahe von zu Hause verschwunden wäre.

Ich fragte bestürzt "Wie kam das?" Sie sagte "Ich wollte mit dem Zirkus mitgehen. Eines Tages war ein Zirkus nach San Rafael gekommen, er hatte vor der Stadt sein großes Zirkuszelt aufgebaut und die ganzen Wagen standen einer hinter dem andern im Kreis drumherum und man konnte dabei zusehen, wie die Leute jeden Morgen zum Kanal gegangen sind, wo das Wasser aus den Bergen kommt, und wie sie es dort in Eimern herausgeschöpft haben und die Tiere damit fütterten ... ich meine tränkten - sagt man tränken?"

Ich fragte "Sind Sie etwa jeden Morgen dahin gelaufen, um dabei zuzusehen?" "Na ja, ein paarmal schon. Sie hatten den hombre de goma." "Wen?" "Den hombre de goma, eine Attraktion, der konnte sich verbiegen wie ..." "Eben wie Gummi." "Nicht nur wie Gummi, sondern noch viel doller ... kennen Sie diese Knetmasse, wo man so kleine komische Figuren draus kneten kann?" "Ja, kenn' ich." "So konnte der sich verkneten! Da war dann plötzlich die eine Hand hier und der andere Fuß hat dort 'rausgeragt und der Kopf war irgendwo ganz unten. Das war unglaublich komisch. Und dann gab es das pendulo de la muerte, da blieb einem vor Schreck die Luft weg, wenn die sich überschlagen haben."

"Und da waren Sie so begeistert, daß sie mit denen mitgehen wollten?" Sylvia strich sich eine Strähne zurück, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte und nach vorn gefallen war, und sagte ein bisschen verlegen "Da war ein Junge, der hat Mittags immer auf der Avenida el Libertador gestanden und hat Reklamezettel für die Vorstellung verteilt, und der war sehr hübsch." Sylvia bekam einen rosigen Schimmer auf dem Gesicht. Ich sagte verständnisvoll "Wegen ihm wären Sie von zu Hause fortgelaufen." "Auf der Stelle."

Sie machte eine Pause, dann sagte sie "Ich hatte sogar schon meinen kleinen Koffer gepackt." "Hatten Sie diesem Jungen denn gesagt, was Sie vorhaben?" "Ach, kein Wort! Ich habe mich nicht mal getraut, ihn anzusprechen, ich glaube, er hat mich gar nicht bemerkt, obwohl ich mich immer so dicht bei ihm aufgestellt habe, daß die Leute wahrscheinlich dachten, ich gehöre dazu." "Was geschah weiter?", wollte ich wissen.

"Mein Vater ist Bergbau Ingenieur, er hat damals an einem Staudamm mitgearbeitet, genauergesagt bei der Umleitung eines Flusses. Eines Tages hatte er einen Unfall und ist verletzt worden." Ich fragte "Er hat sich doch hoffentlich wieder erholt?" Sylvia sagte "Ja, aber es hat seine Zeit gedauert. Und meine Mutter war ziemlich überlastet - ich habe ja auch noch Geschwister." Ich sagte "Ich verstehe, Sie mussten Ihre Mutter unterstützen." "Ja, und ich musste auch meinem Vater Mut zusprechen. Ich habe ihn jeden Tag im Krankenhaus besucht, manchmal sogar zweimal. Meinen Koffer habe ich wie er war unter mein Bett geschoben, aber dann wurde mir klar, daß ich nicht weggehen würde, und dann war ja der Zirkus auch nicht mehr da."

Ich sagte "Wenn Sie den Jungen angesprochen hätten, wäre er vielleicht Ihretwegen in San Rafael geblieben." Sylvia lachte. "Na, da hätte mich seine Familie aber richtig auf dem Kieker gehabt, ich glaube, wir wären nicht glücklich geworden." Dann sagte sie "Das hatte auch alles ein Gutes: als ich meinen Vater immer besucht habe, bemerkte ich, wie schön die Arbeit als Krankenschwester sein kann. Ich habe mir alles angeschaut - also da, wo ich hin durfte - und habe nach allem gefragt, und als mein Vater dann entlassen wurde, stand mein Entschluss fest, welchen Beruf ich ergreifen werde."

Wir ließen uns noch einmal den Mate Tee aufbrühen, dann fragte Sylvia mich "Und wie war das bei Ihnen?" "Sie meinen beruflich?" "Ja. Was haben Sie gelernt?" "Meine Jugendzeit wurde vom Krieg überschattet", erwiderte ich und es klang sehr dramatisch. Sylvia zeigte Verständnis. "Ach so, stimmt ja. Aber Sie waren doch nicht etwa für diesen Krieg, oder?" "Nein! Ich meine, von mir aus hätte Hitler diesen Krieg nicht zu führen brauchen." "Hm hm", machte sie. Ich erklärte "Ich war aber viel zu jung, um etwas dagegen unternehmen zu können. Und es hätte wohl auch nicht viel genutzt." "Das ist schade, oder?" Ich nickte.

Ich wechselte das Thema und erzählte von Eduardo und wie ich sein Auto traktiert hatte. Sylvia musste darüber lachen. Ich sagte auch, daß ich das Buch von Alfredo Bufano bei Eduardo gefunden habe und ihn um Rat gefragt hätte, bevor ich sie wegen eines Rendezvous angesprochen habe. Sie sagte "Ach ja? Wann hatten Sie denn die Idee dazu?" "Oh, das kam mir irgendwann so in den Sinn. Ich glaube, Sie sind mir gleich irgendwie aufgefallen, ist das schlimm, wenn ich das jetzt zugebe?"

Sie fragte "Haben Sie mich hinter meinem Rücken angestarrt?" "Aber nein! Ich habe nur bei mir gedacht: sie ist wirklich nett zu ihren Patienten." Sylvia lächelte, dann sagte sie "Ich hoffe, Sie gehören nicht zu denen, die dem ersten Eindruck erliegen. Ich gehöre nämlich auch nicht dazu." Ich sagte "Nein, ich glaube, da gehöre ich auch nicht dazu. Ich finde, die schöne Tatsache, daß wir jetzt hier sind, spricht uns beide von dieser Vermutung frei." "Ja, das ist offenbar so", sagte sie und schaute mich dennoch mit ihrem prüfenden Blick an.

Ich war sehr zufrieden mit unserm ersten Stelldichein, auch wenn ich noch nicht herausgefunden hatte, auf welche Weise ich mich mit Sylvia am besten unterhalten konnte. Sie war auf eine gewisse Art nicht leicht zugänglich und man konnte deutlich einen Unterschied in ihrem Verhalten "im Dienst" und außerhalb des Hospitals erkennen, sie selbst legte wohl Wert darauf, beides streng auseinanderzuhalten. Merkwürdigerweise war sie mir aber im Hospital eine Spur persönlicher vorgekommen, was möglicherweise dahingehend gedeutet werden konnte, daß sie ebenfalls damit beschäftigt war, mich noch genauer zu ergründen. Ich beschloss auf alle Fälle, weiterhin offen und ehrlich ihr gegenüber zu sein.

Deshalb kam ich bei unserm nächsten Abendessen noch einmal auf meine Beschäftigungen während meiner Jugend zurück und versuchte, Sylvia die besonderen Umstände des Lebens im Faschismus zu beschreiben. In Wahrheit hatte mich ihre Frage, ob ich gegen den Krieg gewesen war, ein bisschen verunsichert, und meine Antwort hatte sie kaum überzeugt. Am besten, ich hätte ihr von meinem Vater erzählt, von seiner tiefinneren Abneigung gegen dieses System, die sich aber leider nicht auf mich übertragen hatte, weil ich sie gar nicht richtig begreifen konnte und weil mir mein Vater immer rätselhaft geblieben war. Doch das waren Dinge, die ich vor Sylvia nicht ausbreiten wollte, obschon ich spürte, daß sie mich auch jetzt dabei hemmten, ganz frei über meine Vergangenheit zu reden.

Ich war froh, als Sylvia mich fragte, welches Erlebnis meiner Jugend ich für das schönste halte, und ich musste gar nicht lange überlegen, weil mir etwas einfiel, das ich die ganzen Jahre seitdem in Erinnerung behalten, über das ich aber nie geredet hatte. Vielleicht war es jetzt auch meinem Vorsatz, aufrichtig zu sein, geschuldet, daß meine Antwort so spontan kam. Doch ich sollte damit ungewollt einen entsetzlichen Fauxpas begehen!

Ich sagte "Wir waren in einem Sommerlager der Hitlerjugend. Wir hatten am Rand eines Kiefernwäldchens unsere Zelte aufgeschlagen, wo wir übernachteten. Tagsüber unternahmen wir Exkursionen und lernten allerlei mehr oder weniger nützliche Sachen oder veranstalteten sportliche Wettkämpfe. Wir bereiteten unsere Mahlzeiten über dem offenen Feuer zu und abends sangen wir Lieder oder unser Kameradschaftsführer erzählte uns eine lehrreiche Geschichte.

Jedenfalls war es an einem warmen, sonnigen Sommertag, und nach dem Frühstück machten wir uns auf zu einer Wanderung durch den Wald, bergauf, bergab, und wir waren wohl vier oder fünf Stunden unterwegs und wir waren ziemlich geschafft, als wir wieder im Lager ankamen. Es gab da am Waldrand zwischen den ersten paar Bäumen ein Klohäuschen ..." "Ein was?", fragte Sylvia. "Ein Holzhäuschen, ungefähr so groß wie eine Telefonzelle, mit einem Guckloch in der Tür und einem Sitzkasten im Innern mit einem größeren Loch, wo man ... also wo man sich erleichtern konnte."

Sylvia sah mich ein bisschen befremdlich an, aber ich redete munter weiter drauflos, ich sagte "Und als wir ankamen, musste ich ganz dringend mal mein Geschäft machen. Und ich saß da in diesem Holzhäuschen und die Sonnenstrahlen fielen durch die Ritzen herein und es war warm und es duftete nach Harz und die Vögel zwitscherten und die Fliegen ... na ja, die Fliegen fühlten sich natürlich auch sauwohl bei dem ganzen Zeug, was da in die Grube hinab plumpste, und jedenfalls: alles war so friedlich, der Wald und der Himmel und die Fliegen ... und ich mit meinem Geschäft ... das war wirklich ... ich meine, das hatte sich wirklich gelohnt und ..."

Sylvia hatte Messer und Gabel aus den Händen gelegt, sie unterbrach mich mit einem kleinen Wink, drehte den Kopf zur Seite, hielt sich zwei Finger an den Mund und räusperte sich, als wäre ihr etwas in den Hals gerutscht. Ich lenkte meine Rede sofort auf etwas anderes, aber danach stocherte sie bloß noch auf ihrem Teller herum und ließ das meiste übrig.

Ich fuhr am nächsten Tag zum Hospital, mit einem Strauß duftender Blumen. Ich klopfte an die Tür wie beim ersten Mal, und es öffnete tatsächlich dieselbe kleine Frau im weißen Kittel, aber diesmal wandte sie sich gleich nach dem Hintergrund und rief "Sylvia! Besuch für dich." Sylvia kam, und ich sagte, die Blumen wären dafür, um den strengen Geruch zu vertreiben, den ich gestern mit meinem ordinären Geschwätz verbreitet hätte. Sie sagte "Halb so schlimm." Ich sagte "Ich lasse wirklich manchmal meine guten Manieren vermissen, ich wollte Sie auf keinen Fall irgendwie beleidigen, Sylvia." Sie schüttelte den Kopf und sagte "Ich musste später sogar noch drüber lachen." "Ja", murmelte ich, "aber ich kenne auch andere lustige Geschichten, die nicht von so was handeln." Sie sagte "Dafür haben wir jetzt leider keine Zeit." "Nein, natürlich nicht", erwiderte ich kleinlaut, und sie fügte hinzu "Aber wenn Sie wollen, Miguel, könnten wir für nächstes Mal etwas ausmachen."

So ging das voran und es entwickelte sich, wenngleich ich einsehen musste, daß mit schnellen Erfolgen bei ihr nicht zu rechnen war. Und doch glaubte ich jedesmal ein Stückchen näher herangerückt zu sein. Wir machten gemeinsame Ausflüge, wir fuhren mit dem Bus bis nach Olivos, zwei- dreimal sogar bis nach San Fernando. Ich borgte mir von Carlos den Wagen und wir fuhren nach La Plata oder an den Lago Tacuru.

Wir badeten auch an der Küste bei Punta Lara, und Sylvia trug einen blauen Badeanzug, und ich sah ihre wunderschöne Figur und ich musste mich sehr zusammenreißen, um bei dem Anblick nicht in völliger Hingabe zu zerfließen. Doch ich wagte nicht, sie (auch nur wie zufällig) zu berühren; ich schätze, wenn das geschehen wäre, hätte mich vor Erregung der Schlag getroffen. Konnte sie wirklich nicht erkennen, wie ich jedesmal mit mehr Verlangen - schon fast mit Verzweiflung - versuchte, ihr eine kleine Zärtlichkeit zu entlocken?

Und dann einmal, als wir uns verabschiedeten, gab sie mir einen Kuss auf die Wange und sagte "Danke, Miguel, für den schönen Tag!" und verschwand auf Elfensohlen. Und beim nächsten Mal wurde meine andere Wange mit einem Schmätzchen bedacht, und schließlich küsste sie meine Lippen, so flüchtig wie eine Sternschnuppe. Ich stammelte vor Aufregung "Sylvia, ich muss Ihnen etwas gestehen ..." (Wir siezten uns immer noch, aber merkwürdigerweise hatte uns das einander vertrauter gemacht.) Sie legte den Finger über meinen Mund. "Pssst! Nicht jetzt." "Aber ich muss es Ihnen sagen", beharrte ich. Sie erwiderte "Ich weiß, was Sie mir sagen wollen."

Konnte ich mir da ganz sicher sein? Ich wollte, daß sie es aus meinem Munde hört, schließlich wird eine Liebeserklärung immer und überall ausgesprochen und nicht bloß stillschweigend akzeptiert. Wenn ich darüber nachdachte, so war Sylvia jedenfalls in keinem Moment vor mir zurückgewichen und sie hatte auch kein einziges Mal angedeutet, daß ich in meinem Werben um ihre Gunst etwa zu dreist gewesen wäre.

Eigentlich musste sie doch seit unserer ersten Verabredung damit gerechnet haben, daß ich mehr von ihr wollte als nur ein nettes Rendezvous, warum hätte sie sich sonst darauf eingelassen! Hatte ich womöglich mit meiner Vorsichtigkeit genau den falschen Weg gewählt? Erwartete sie nicht längst, daß ich den entscheidenden Schritt wage? Endlich wie ein Mann auftrete und handle, der sie zu erobern versteht, anstatt vor irgendwelchen vagen Andeutungen ins Grübeln zu geraten! Ach, ich wusste es nicht besser!

Ich hatte vorgeschlagen, daß wir einen Ausflug mit dem Fahrrad unternehmen, doch Sylvia hatte entgegnet, sie könne nicht Radfahren. "Wie, Sie können nicht? Etwa aus ... gesundheitlichen Gründen?" "Bitte? ... Nein! Ich habe es nicht gelernt." "Ja, aber da können wir doch Abhilfe schaffen." "Sie meinen, Sie würden es mir beibringen?" "Unbedingt und mit Vergnügen." "Hm. Mal sehen", sagte sie.

Dann kam sie eines Nachmittags zu mir. Statt dem Kittel hatte sie einen weißen Trägerrock an, der vorn wie eine Schürze war und ihr gerade bis über die Knie reichte. Darunter trug sie eine fliederfarbene schlichte Bluse, und auf dem Kopf ihr keckes Häubchen, das sie immer mit zwei unscheinbaren Haarnadeln sicherte. Sie sah unglaublich attraktiv aus. Sie hatte eine Tasche dabei und behauptete, sie hätte hier in der Nähe gerade einen Hausbesuch bei einem bedürftigen Patienten gemacht und nehme sich jetzt ein "Stündchen" frei, um mit mir das Radfahren zu üben, wenn es mir denn recht wäre!

Ich war begeistert von ihrem Vorschlag. Vor unserm Haus war nie viel Verkehr, weil es eine Parallelstraße war. Dafür spielten dort immer Kinder und auch Erwachsene saßen da auf den Bänken auf dem Grünstreifen mit den Platanen und machten ein Schwätzchen. Mein Fahrrad war kein "Damenrad", aber Sylvia störte das nicht, sie hatte mit ihrem halblangen Rock genug Bewegungsfreiheit. Ich hielt das Rad fest und ließ sie aufsteigen, ich schob sie langsam an, und wenn sie sich zur Seite neigte, drückte ich dagegen - sie war gerade so leicht, daß ich sie halten konnte. Aber sie wollte mir gleich davonziehen. "Nicht so schnell!", rief ich. Sie lachte. "Ja, was ist denn, warum bremsen Sie immer! Ich muss es doch allein können."

Da waren ein paar Kinder, die sich schnell bei uns versammelten und zuschauten, und auch die andern Leuten waren auf Sylvia aufmerksam geworden, sie zog alle Blicke auf sich, sie sah phantastisch aus und bei aller anfänglichen Unbeholfenheit bewegte sie sich überaus anmutig und mit einem natürlichen Charme. Mir fiel ihre Geschichte vom Zirkus ein und ich dachte, sie habe wirklich etwas Akrobatisches an sich, wie sie dauernd drohte umzukippen, sich dann aber im letzten Moment wieder aufrecht brachte, und wie sie vor Übermut mit einer Hand winkte, während der Lenker und das Vorderrad gefährlich anfingen zu schlingern. "Machen Sie keinen Quatsch", rief ich, "sonst stürzen Sie noch." "Ach wo!", rief sie zurück, und die Kinder liefen lachend nebenher, und die Leute applaudierten sogar.

Sie war völlig außer Puste und hatte rosige Stellen im Gesicht, aber sie wollte gar nicht mehr aufhören. Ich sagte "Sylvia, kommen Sie mit hoch, Sie sollten etwas trinken." Sie willigte ein, ich schaffte das Fahrrad weg, und als wir oben waren, klopfte es an der Tür und es war eins von den kleinen Mädchen, mit Sylvias Tasche, die sie unten vergessen hatte. Ich habe dann überlegt, ob das mit dem Hausbesuch vielleicht bloß ein Scheingrund gewesen sei, womöglich hatte sie sich extra freigenommen; sie hatte es dann auch gar nicht eilig und blieb noch eine gute Stunde bei mir. Ich hatte immer mehr das Gefühl, als könnte ich ständig mit ihr zusammensein, ohne daß es für uns zwei jemals langweilig würde.

Es gab im Hospital ein paar Fahrräder und eins davon war prima, und wir unternahmen etliche weite Touren in Richtung Südwesten bis vor die Stadt. Wenn Onkel Heinrich nicht da war, blieb Sylvia bei mir, und sie nahm mich auch mit zu sich nach Hause. Sie wohnte in einem kleinen Apartment in Flores. Es war bei ihr so ordentlich und sauber, daß man vom Fußboden hätte essen können (was wir natürlich aus Anstand nicht taten) und man hatte einen herrlichen Blick über ein paar Hinterhöfe. Sylvias Nachbarn waren sehr freundlich und auch sehr neugierig, alle wollten genau erfahren, wer ich bin, und Sylvia verriet mir, daß der Senor Kapadokos (der über achtzig war) sie letztens gefragt habe, ob es nun mit ihm und ihr doch nichts werde, da sie sich offenbar einen Jüngeren zum Mann genommen habe.

Carlos Hoselitz bedauerte, daß ich lange nicht mehr mit ihm, Kristin und Verena "abgehangen" hatte, er sagte, Kristin hätte oft nach mir gefragt. Ich erzählte ihm von Sylvia, und er meinte, ich wäre schwer verliebt in sie, das könne er ganz deutlich sehen. Er gab mir eine neue Schallplatte mit dem Clifford Brown - Max Roach Quintett, und das war genau jener neue Sound, auf den wir gewartet hatten. Mit den beiden musizierten Harold Land am Tenorsaxophon, Richie Powell am Piano und George Morrow am Bass.

Es war vor allem das Zusammenspiel von Brown's Trompete und Land's Saxophon, das mich so faszinierte, und Carlos hielt mir einen Vortrag über die Beziehung dieser beiden Instrumente zueinander, die er als "hochgradig erotisch" bezeichnete. Er sagte, seit es den Jazz gibt, gebe es auch diese "einzigartige Paarung", siehe: Louis Armstrong und Johnny Dodds, Buck Clayton und Lester Young, Dizzy Gillespie und Charlie Parker, Clifford Brown und Harold Land. (Später kamen Donald Byrd und Pepper Adams, Chet Baker und Gerry Mulligan und - vielleicht als die Krönung dieser ganzen Geschichte - Miles Davis und John Coltrane!)

Auf der Platte war ein Stück mit dem Titel "The Blues Walk", und Carlos erklärte mir, daß man das, was die beiden da machen, eine "chase" nennt, eine "Jagd", in der sich die Solisten abwechseln, und bei "The Blues Walk" spielen sie jeweils immer kürzere Passagen, bis jeder nur noch für weniger als einen Takt "zu Wort kommt", beinahe nur noch für einen einzigen kurzen Ton. Es war zum Verrücktwerden, ihnen dabei zuzuhören, wie sie sich immer weiter hineinsteigern und sich gegenseitig die Töne abjagen, während die Rhythmus Gruppe sie erbarmungslos antreibt: Max Roach trommelte was das Zeug hielt, Richie Powell schleuderte Hände voll Akkorde hinter ihnen her, und George Morrow peitsche ihre Fersen mit seinen knallharten Bässen.

Es gab auch ein paar langsamere Titel und die kamen so wunderbar frisch und beswingt daher, daß man sich am liebsten darauf gesetzt hätte, damit sie einen mit forttragen durch die himmlischen Sphären der grenzenlosen Harmonie. Und diese beiden Gegensätze - das Impulsive, das Rastlose, vorwärts Stürmende, und das Sanfte, Einladende und auch Erstaunliche, das waren exakt jene Gefühlszustände, in denen ich mich durch die Beziehung zu Sylvia Marsal abwechselnd befand, und wenn ich in der Musik versank und mich darin verlor, dann fühlte ich mich genauso entspannt bis aufgewühlt wie in ihrer Nähe.

Eines Tages war ich mit Juan Bello in einem der nördlichen Bezirke unterwegs. Juan hielt vor einer Villa und sagte, er müsse rasch etwas erledigen, er komme sofort wieder. Ich stieg ebenfalls aus und schaute mich ein bisschen um und da bemerkte ich, daß mir die Gegend bekannt vorkam. Dann sagte ich zu ihm "Da drüben in dem Haus war ich schon mal." Er sagte "Ach ja? Bei Senora de la Serna?" Ich war überrascht. "Genau. Du kennst sie auch?" "Ich habe mit ihrem Sohn Ernesto zusammen Rugby gespielt, in einem ziemlich aristokratischen Club in Recoleta. Da wäre ich ohne Ernesto nicht 'reingekommen. Sie nannten ihn 'El Chancho', weil er beim Essen immer solche Geräusche von sich gab." Juan lachte, dann fügte er hinzu "Die Mutter ist eine bemerkenswerte Person, nicht wahr?"

Das war sie in der Tat. Ich hatte Sylvia dorthin begleitet, als sie einen Hausbesuch machte. (Das war an einem Wochenende und wir benutzten einen "Arztwagen" vom Hospital.) Senora de la Serna, die hier nur Senora Celia genannt wurde, hatte kurz zuvor eine Operation gehabt und erhielt nun eine häusliche Nachbehandlung, sie hatte darum gebeten, daß Schwester Sylvia dafür eingeplant wurde, weil sich die beiden Frauen, trotz des beträchtlichen Altersunterschiedes, gut verstanden; und Sylvia machte ihren Extradienst gern und mit viel Feingefühl.

Als wir vor dem Haus hielten, sagte ich zu Sylvia "Ich warte hier draußen", denn es wäre unhöflich gegenüber ihrer Patientin gewesen, wenn ich einfach so mit 'reingekommen wäre. Sylvia sagte "Ist gut, ich beeil' mich." "Aber nein, nimm' dir Zeit! Es macht mir wirklich nichts aus." Sie gab mir einen Kuss auf die Wange. "Es ist ja nur dieser eine Besuch, nachher können wir tun, was wir wollen." "Klar doch. Nun geh' schon, deine Senora erwartet dich bestimmt."

Im Auto lagen zwei Zeitungen von dieser Woche, die blätterte ich durch und las ein paar Artikel. Nach ungefähr einer halben Stunde kam Sylvia heraus, sie winkte mich heran. "Senora Celia möchte dich kennenlernen!" "Ist das wahr? Hast du von mir gesprochen?" "Na ja, ich habe gesagt, du wartest draußen. Sie hätte dich gleich hereingebeten, aber wir haben erst die Visite hinter uns gebracht."

Ich folgte Sylvia ins Haus. Es war eine geräumige Wohnung und alles war sehr geschmackvoll eingerichtet, es zeigte auch einen gewissen Luxus. Ein Dienstmädchen huschte vor uns vorbei. Senora Celia saß im Wohnzimmer in einem Sessel, die Tür zur Terrasse stand offen, auf den Steinplatten räkelte sich eine Katze, man konnte in einen kleinen Garten schauen, in dem Aprikosen Bäume standen. Sylvia und die Senora sprachen französisch miteinander, dann wandte sie sich mir zu.

Ich stellte mich vor, sie reichte mir die Hand und sagte etwas. Ich erwiderte "Verzeihung, Senora de la Serna, ich verstehe kein Französisch." "Ah, ich muss mich entschuldigen, das passiert mir nur, weil ich es gewöhnt bin." Sylvia erklärte "Senora Celia hält Vorlesungen über französische Literatur am Colegio Humboldt." "Sehr interessant." Wie sie da saß, wirkte die Senora wie ein Marathonläufer, sie war von schlanker, beinahe hölzerner Gestalt, offenbar sehr sportlich und ein bisschen asketisch. Sie trug ihr Haar ganz kurz wie ein Mann, und ihre Gesichtszüge waren sehr markant und von einer strengen Freundlichkeit, als würde sie jeden Moment anfangen, Zensuren auszuteilen.

Sie fragte mich aus. Wann ich nach Argentinien gekommen wäre, aus welcher Gegend von Deutschland ich gebürtig bin, was ich beruflich mache. Dann sagte sie zu Sylvia etwas auf französisch und ich sah, daß Sylvia ein bisschen verlegen wurde, sie meinte zu mir "Senora Celia sagt, ich hätte mir einen hübschen Burschen ausgesucht." Ich sagte "Oh, vielen Dank, aber ich glaube, ich war es, der zuerst um Senorita Marsal geworben hat."

Die Senora nahm eine Zigarette aus einer Kristallglas Box auf dem Tischchen, Sylvia ermahnte sie behutsam "Sie sollen doch nicht rauchen!" "Ich weiß, mein Täubchen, ich rauche ja schon viel weniger." Sylvia schüttelte missbilligend den Kopf, die Senora zündete sich die Zigarette mit einem Streichholz an, sie legte die hohlen Hände wie Schalen darum, eine Art und Weise, die ich nur bei Männern gesehen hatte. Dann sagte sie ganz unvermittelt "Miguel, glauben Sie, Adolf Hitler wäre der letzte von seiner Sorte gewesen?" "Sie meinen als Diktator?" "Ja." Ich sagte "Ich glaube, in Deutschland haben sie erst mal die Nase voll von solchen Leuten."

"Ha!", machte die Senora, "Und was ist mit den Kommunisten, die jetzt dort an der Macht sind, was für Typen sind das eigentlich?" Ich sagte, ich hätte sie nicht lange miterlebt, aber Ulbricht wäre den ganzen Krieg über in der Sowjetunion gewesen. Sie sagte "Da hat er wohl eine Gehirnwäsche bekommen." Ich machte eine unschlüssige Miene und entgegnete dann "Ich bin mir nicht sicher, ob die deutschen Kommunisten wirklich immer auf einer Linie mit Stalin waren."

Sie sagte "Na, wer war schon mit Stalin auf einer Linie!" Ich sagte "Ja, er hatte bestimmt viele Feinde, auch in den eigenen Reihen. Aber er hatte seine Rote Armee immer hinter sich, auf die konnte er sich verlassen." Sie sagte "Das trifft auf Hitler und die Deutsche Wehrmacht wohl ebenso zu", ich nickte, sie fuhr fort "so verschieden die beiden allem Anschein nach waren, in bestimmten Punkten waren sie sich doch auch gleich." Sylvia fragte "In welchen zum Beispiel?" "In ihrem Hass auf die Juden zum Beispiel."

Mir fiel ein, daß ich kurz zuvor einen Artikel in der Zeitung gelesen hatte (genauergesagt waren es mehrere), in denen über die Strafprozesse unter Stalins Herrschaft geschrieben wurde, bei denen erstaunlich viele Juden zum Tode verurteilt worden waren. Man bezeichnete diese Verfahren in den westlichen Zeitungen als "Schauprozesse", was wohl andeuten sollte, daß Stalin damit seine Macht zur Schau stellen wollte. (Onkel Heinrich hatte mir auch von russischen Arbeitslagern erzählt, wohin Stalin seine Gegner im eigenen Land verbannt hatte, und viele waren dort jämmerlich krepiert.)

Sylvia fragte mich "Warum hat man die Juden in Deutschland eigentlich so schrecklich verfolgt?" "Es war hauptsächlich ein Spleen von Hitler, er konnte sie nicht leiden." "Ein Spleen nennen Sie das?", sagte die Senora, "Ich weiß nicht, ob es das trifft. Ein amerikanischer Millionär, der sich ein Haus auf zwanzig Meter hohen Säulen baut und jeden Tag mit dem Helikopter aus- und einfliegt, der hat einen Spleen. Aber er schadet niemandem, außer sich selbst, wenn er aus dem Fenster stürzt. Für das, was Hitler getan hat, kann man keine noch so ausgefallene Erklärung finden, es ist schlichtweg ... na, mir fällt selbst nichts Besseres dazu ein", winkte sie ab und nahm einen Zug von ihrer Zigarette. Sylvia sagte "Jedenfalls konnten sich viele Juden retten, und unser Land hat sie aufgenommen, man könnte stolz darauf sein."

Senora Celia kam noch einmal auf Stalin zu sprechen, ich merkte, daß sie sich vorher schon mit seiner Persönlichkeit beschäftigt hatte. Sie sagte, ein Historiker müsste sich eigentlich glücklich schätzen, wenn er solche Menschen als Zeitgenossen hätte, denn er könnte sozusagen am lebendigen Leib studieren, was er bei allen andern Tyrannen und Despoten der Geschichte nur aus Büchern erfährt. (Aber sie selbst hatte offenbar wenig Aufschlussreiches über ihn herausgefunden.)

Ich konnte ihr leider mit meinem Wissen auch nicht weiterhelfen, ich kannte Stalin nicht einmal aus der Wochenschau; nachdem wir den Krieg gegen die Sowjetunion angefangen hatten, war er bei uns tabu. Und was unsern Führer betraf, so war mir eigentlich nur seine schnarrende Stimme im Bewusstsein geblieben und die entzückenden Bilder der Mädchen und Frauen, die ihm immer überschwänglich zugejubelt hatten. Ich fragte mich manchmal, was sie an diesem eigentlich unheimlich wirkenden Mann so anziehend fanden. Meine Freundin Gabriele nannte ihn einmal eine "durchgebrannte Vogelscheuche".

Senora Celia sagte, es wäre eigentlich verwunderlich, daß man bei diesen Männern, die eine so große Rolle gespielt haben, so wenig über ihre Herkunft weiß, von Stalin ja noch weniger als von sonstwem, nur daß er aus Georgien stammt, das irgendwo am Fuße des kaukasischen Gebirges liegt. "Er wirkte ja auch sonst eher wie eine Sagengestalt, als wie ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber die Bosheit, die in ihm drin steckte, konnte er anscheinend gut kaschieren."

Sylvia erwähnte, sie habe letztens in einem Buch gelesen, man solle sich, wenn man einem wirklich schlechten Mann begegnet, vorstellen, wie seine Mutter wohl wäre und was sie über ihn denken würde; denn jeder Mann ist auch ein Sohn, das sei eine unumstößliche Gewissheit, und jede Mutter liebt ihren Sohn wegen dessen guten Eigenschaften, und sie schämt sich für seine Schlechtigkeit. Und wenn man daran denke, könnte man unter Umständen sogar so etwas wie Mitleid mit diesem Menschen entwickeln. "Das kann es einem selbst erleichtern, jemandem gegenüberzutreten, den man eigentlich hassen müsste", sagte Sylvia.

Die Senora rief "Das ist von Louis Nivolet, das Buch haben Sie von mir." Sylvia klapste sich an die Stirn (eine unbekümmerte Geste, die ich an ihr so mochte) und sagte "Ja, freilich!" "Dann haben Sie es immerhin gelesen", stellte die Senora zufrieden fest. Ich sagte "Gilt das nur für den Sohn und die Mutter?" "Sie fragen, welche Bedeutung der Vater hätte?" "Ja." Senora Celia sagte "Bei Sartre heißt es: Es gibt keine guten Väter, das ist die Regel. Ein hartes Urteil, nicht wahr? Kennen Sie Jean-Paul Sartre?" Ich sagte "Nein, Senora. Aber ich kann das nicht bestätigen, was meinen Vater betrifft." Sie lächelte anerkennend, es schien, als wollte sie mir eine gute Note geben. Ich musste ihr bloß noch ein paar Bemerkungen über ihn liefern.

Und das fiel mir in diesem Moment seltsamerweise gar nicht schwer, obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich mich an die Wahrheit hielt und erklärte, daß mir mein Vater stets ein Unbekannter war, den ich nur mit Mühe kennenlernte, dem ich mich jedoch wahrscheinlich gerade deshalb am meisten verbunden und auch verpflichtet fühle. "Das ist schön zu hören", sagte Senora Celia und fragte "haben Sie Kinder, Miguel?" Ich verneinte überrascht.

"Ist das so abwegig?", sagte sie, "Ich weiß nicht genau, wie alt Sie sind, aber ich glaube, da hatten wir unsern Tete schon. Oh, Verzeihung, Miguel, ich wollte Ihnen natürlich nicht zu nahe treten, ich wollte auch nur sagen, daß Sie Ihre 'Verbundenheit' und die 'Verpflichtung', die Sie gegenüber Ihrem Vater spüren, höchstwahrscheinlich auch für Ihre Kinder empfinden werden, und das wäre doch gut, oder?" "Ja, das wäre bestimmt ein schönes Gefühl", erwiderte ich.

Sylvia erklärte mir hinterher, daß die spanischen Vorfahren der Senora mit dem König von Peru verwandt waren und sie schon als Mädchen eine sehr eigenwillige Person gewesen sein soll. Man habe sie eine "rebelda" genannt, die gegen die "Konventionen ihrer Umgebung" getrotzt hätte. Sie hatte ihr einmal erzählt, wie sie sich als Zehnjährige ihre wunderschönen langen Haare mit einer rostigen Schere abgeschnitten hatte und wie man sie daraufhin zu einem Arzt in Behandlung brachte, weil man annahm, sie wäre nicht ganz normal; wie der Arzt aber (außer ein paar Kratzern auf der Kopfhaut, die vorsorglich mit Jodtinktur desinfiziert wurden) nichts weiter feststellen konnte und den Eltern empfahl, sie sollten lieber versuchen, die Tochter "wohlmeinend" zu überreden, daß sie ihre Haare wieder wachsen ließe.

Sylvia sagte "Du hast sicher bemerkt, daß dieser Russe Stalin eine große Rolle für sie spielt. Wenn wir jetzt länger dageblieben wären, hätte sie dir bestimmt auch das Photo von einem Mann namens Trotzki gezeigt, das sie von ihm selbst geschenkt bekommen hat, als er - ich glaube in Mexiko - im Exil lebte. Senora Celia hat überhaupt ein Faible für die sozialistischen Ideen." Ich sagte "Ja, das ist wohl eines ihrer Lieblingsthemen." "Genau. Aber sie hinterfragt immer alles, sie glaubt nichts einfach so, weil es irgendjemand behauptet hat. Deshalb hat sie wahrscheinlich auch so genau wissen wollen, wie es bei euch in Deutschland jetzt aussieht." Ich sagte "Na ja, ich hoffe, ich konnte ihr ein wenig Auskunft geben, ich weiß eigentlich selber nicht genau, wie es da jetzt aussieht."

Sylvia meinte "Aber was du über deinen Vater gesagt hast - stimmt das wirklich?" "Daß er für mich so unnahbar und rätselhaft war? Und es immer noch ist." "Ja, das wundert mich ein bisschen, mir kam das gar nicht so vor", sagte sie, und da fiel mir ein, daß Sylvia wahrscheinlich immer noch glaubte, Onkel Heinrich wäre mein Vater; sie war inzwischen mehrere Male bei mir zu Hause gewesen und hatte ihn auch etwas näher kennengelernt, obwohl er sich stets höflich zurückzog, er hatte immer irgendetwas "zu erledigen" und verabschiedete sich gleich wieder.

Mir gegenüber bezeichnete er Sylvia als eine "wundervolle junge Frau", überdies "sehr geschickt" und "mit guten Manieren". Es klang fast so, als wäre er selbst daran beteiligt gewesen, sie für mich auszusuchen. Ich hatte, mehr aus Gleichgültigkeit denn aus Rücksicht, es bisher unterlassen, Sylvia über unsern wahren Verwandtschaftsgrad aufzuklären. Je mehr und näher wir beide zusammenkamen, umso mehr drängte es sich jedoch auf.

Aber auch diesmal, nach dem Besuch bei der Senora, bei dem Sylvia Genaueres über meinen (richtigen) Vater gehört hatte, biss ich mir bei ihrer Bemerkung auf die Lippen und beließ es dabei. In Wahrheit wünschte ich mir so sehnlichst, ich könnte sie meinem Vater vorstellen und seine Meinung über sie erfahren. Das war einer der vielen Momente während der ganzen Zeit meines Lebens "fern von zu Hause", in denen ich über meinen Vater und über mein Verhältnis zu ihm nachgrübelte und versuchte, alles in eine Ordnung oder wenigstens in einen Zusammenhang zu bringen.

Natürlich hatte Senora Celia es nicht versäumt, einem neuen Bekannten (mir) ihren Lieblingssohn Ernesto vorzustellen, mit dem Juan Bello im Rugby Club von Recoleta gespielt hatte (was ich freilich erst nach diesem Besuch von Juan erfuhr). Sie hatte Sylvia und mir ein Photo von ihm gezeigt, sie hatte, als sie mir von ihm erzählte, gesagt "Sylvia, dort auf dem Tischchen liegt ein Brief von Ernestito, geben Sie ihn mir bitte - oder lesen Sie ihn doch gleich selbst vor, wenn Sie nichts dagegen haben."

Sylvia sagte "Sehr gern" und las den Brief vor, der im wesentlichen aus einer Etappen Beschreibung von Ernestos Reise durch Südamerika bestand, die er gemeinsam mit einem Kameraden unternahm. (Das Photo, welches dem Brief beilag, zeigte die beiden jungen und etwas verwegen aussehenden Männer neben ihrem schweren Motorrad.) Sie hatten gerade die chilenische Hauptstadt Santiago hinter sich gelassen und befanden sich auf der Weiterfahrt nach Norden.

Er schrieb sehr originell, er hatte einen flüssigen, klaren und doch anschaulichen Stil - und ich weiß nicht wieso, aber mir schien, als würde Sylvia den Brief eines guten Freundes vorlesen, mit der Betonung dessen, was man auch zwischen den Zeilen über seine derzeitige Befindlichkeit heraushören konnte. Senora Celia lauschte mit leicht gesenktem Kopf und manchmal machte sie mit dem Zeigefinger auf eine Stelle aufmerksam, die ihr besonders bemerkenswert erschien.

Dann sagte sie "Gracias a Dios! Die Jungs scheinen ihren verrückten Plan aufgegeben zu haben. Stellt euch vor, sie wollten wirklich zu den Osterinseln schippern, um dort in einem Lepra Hospital tätig zu sein." (Die Senora benutzte anscheinend absichtlich die Formulierung "tätig sein", um bei aller Missbilligung dieses Vorhabens zugleich ihre Hochachtung zum Ausdruck zu bringen, ein Widerspruch, in dem sie sich offenbar nicht besonders wohl fühlte.)

Sylvia wusste davon, Ernesto hatte es in einem der vorherigen Briefe geschrieben (und die Senora hatte sie ihr alle zu lesen gegeben). Sylvia sagte "Aber eigentlich ist es doch schade, daß sie's nun doch nicht tun." Die Senora ereiferte sich. "Ja ja, meine Liebe, Sie können das sagen, weil Ihnen der Gedanke gefällt, etwas zum Wohle dieser bedauernswerten Patienten zu tun. Aber ich als seine Mutter müsste ja beinahe Todesängste ausstehen, wenn ich mir vorstellte, wie die beiden da mitten in einem Seuchenpfuhl umhertappen!"

Sie bemerkte Sylvias Gesichtsausdruck und verbesserte sich "Ach, das Wort ist mir jetzt nur so 'rausgerutscht! Ich weiß natürlich, wie schlimm es diesen Menschen ergeht - aber ich bitte Sie (dabei schaute sie mich an) - er hat doch überhaupt keine Erfahrung mit dieser Krankheit." Sylvia sagte "Ernesto hat Medizin studiert, da kennt er sich zumindest klinisch damit aus." "Ja ja, klinisch, das mag sein, ich meine aber praktisch. Es muss doch einen Grund haben, warum sich diese Lepra Siedlung auf der Osterinsel befindet - soviel ich weiß, ist die Osterinsel der am weitesten vom Festland entfernte Ort der Erde."

Ich fand ihr Argument eher ironisch gemeint, doch Sylvia zog bloß die Augenbrauen hoch. Die Senora hatte ihre sportlich entschlossene Miene verloren; wenn sie über ihren Sohn sprach, der sich irgendwo in der Fremde wie ein Abenteurer herumtrieb, bekam sie offensichtlich ein ganz weiches Herz und weiche Knie. Sie zündete sich eine Zigarette an, blies den Rauch nach oben aus und sagte, halb im Scherz "Sylvia, Sie hätten Ernesto begleiten sollen, da hätte ich ein gutes Gefühl dabei gehabt."

Sylvia stieß einen verhaltenen Lacher aus und noch ehe sie etwas darauf erwidern konnte, sagte Senora Celia zu mir "Oh, Verzeihung, Miguel, das war jetzt sehr gemein von mir." Ich sagte "Macht' nichts, Senora. Wer ist denn der Companero, mit dem Ihr Sohn unterwegs ist?" "Das ist Alberto, die beiden kennen sich seit Ewigkeit, sie sind unzertrennlich - nein, ich nehme das zurück, was ich gesagt habe - ich bin froh, daß Alberto bei ihm ist, er hat Ernesto schon vor mancher Dummheit bewahrt." (Irgendwie konnte man ihr Urteil auf dem Photo bestätigt finden.)

Die beiläufige Bemerkung, welche Senora Celia über mein Alter und über "Kinder" gemacht hatte, gab mir zu denken, ich musste eingestehen, daß mich diesbezügliche Überlegungen schon selbst beschäftigt hatten, obwohl ich so überrascht tat. Im Grunde fühlte ich mich bereit, den nächsten entscheidenden Schritt in meinem Leben zu tun und eine eigene Familie zu gründen.

Ich versuchte, Sylvias Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Ich hatte ernsthafte Absichten. Ich war gern mit ihr zusammen und ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, daß ich ohne sie sein würde. Dennoch war es noch keine wirkliche Liebe, die ich empfand - jedenfalls schien mir, daß dazu etwas fehlte. Wir waren zärtlich zueinander, wir hatten viel Spaß und - ich gebe es gern zu - Sylvia machte mich manchmal fast rasend mit ihren Spielereien. Aber wir hatten die Grenze noch nicht überschritten, oder bessergesagt: das Tor noch nicht aufgestoßen (ich glaube, ich muss nicht deutlicher werden).

Und das lag eindeutig an Sylvias - wie soll ich es nennen? - an ihrer Einstellung, was die Liebe vor der Ehe betrifft. Sie war sehr streng katholisch erzogen worden, und es gab ein paar moralische und sittliche Gebote, die sie ganz selbstverständlich befolgte. Sie sagte mir das auch, "damit ich gleich Bescheid wüsste" und ich akzeptierte es und versprach, mich daran zu halten und nicht zu versuchen, sie zu bedrängen oder zu "verführen" (was mir allerdings oft genug wie eine Strafe erschien, die ich mir selbst für meine "sündhaften" Gedanken verpasste). Aber bei meinem Leben! - nie hätte ich sie durch irgendeinen leichtsinnigen Ausrutscher verlieren wollen.

Mir war klar, daß die Vorstufe der Ehe die Verlobung war, wodurch (nach der herrschenden Auffassung) die Beziehung zwischen Mann und Frau auf eine nächsthöhere Stufe der ... der Gottgefälligkeit gehoben wurde. Ich verzichte bei meiner Erzählung darauf zu beschreiben, wie mich Sylvia in den Verhaltenskodex eines gläubigen Katholiken einführte. Nur soviel: ich ging ihr zuliebe mit in die Kirche zur Messe, aber da ich kein Katholik war (obschon getauft), nahm ich nicht am Abendmahl teil.

Ich fand auch, daß sich Sylvia außerhalb dieser "Gewohnheiten" nur wenig mit ihrem Glauben beschäftigte, und das war mir ganz recht. Denn ehrlich gesagt waren meine Erfahrungen in dieser Hinsicht mehr als zweifelhaft, womit ich meine eigene "Frömmigkeit" meine, die zum Beispiel in der Beziehung zu meiner Freundin Gabriele ziemlich schnell den Bach runterging. Ich hatte mir über solche Dinge nie Gedanken gemacht und es spielte ja im Deutschen Reich auch kaum eine Rolle. Ich versuchte also, jetzt ein wenig davon "nachzuholen", indem ich die hiesigen ungeschriebenen Gesetze befolgte.

Ich machte mir sogar Vorwürfe wegen der drolligen Ferkeleien mit Kristin, (die offensichtlich eine Entwicklung hinter sich hatte, die meiner mehr ähnelte), und ich brauchte lange, bis ich die Bilder davon aus meinem Gedächtnis verbannt hatte. Ich wollte Sylvia unbedingt mit ihrer ganzen Person und ihrem ganzen Wesen für mich gewinnen und ich wollte, daß sie mich gleichermaßen annimmt. Ich war der Überzeugung, daß mein bisheriger Lebensweg mich zu ihr geführt hatte und deshalb schien es mir fast wie eine Bestimmung, daß wir beide zusammenfanden.

Übrigens war es Eduardo, mit dem ich in aller Offenheit darüber sprechen konnte, obwohl er Sylvia noch nicht begegnet war. Er fragte mich auch nicht über sie aus, er ließ mich einfach reden und hörte zu und dann und wann, wenn ich mich unterbrach, um seine Meinung zu erfahren, tat er sie mir kund und ich war mir ziemlich sicher, daß er vieles von dem, was mir aus dem Herzen sprach, selbst erfahren hatte, auch wenn das vielleicht schon Jahrzehnte zurücklag.

Er glaubte in Sylvia einen bestimmten Typ von Frau wiederzuerkennen. Er gebrauchte den Begriff "Typ" hier aber anders als bei den "Kubanerinnen", wo er ihr "durchmischtes" Temperament meinte und das eigentümliche Blut, das ihnen durch die Adern fließt. Er bekräftigte mich darin, bei meinen Annäherungen sehr behutsam vorzugehen - beinahe hätte er "vorsichtig" gesagt, was er mir zuvor noch als Einbrecher Jargon angekreidet hatte. "Nein nein, Muchacho", verteidigte er sich, "da war von 'Unvorsichtigkeit' die Rede, und wohl auch in einem etwas anderen Zusammenhang!"

Der "Sylvia Typ" hatte angeblich etwas, das Eduardo das "andere Naturell" oder, noch mysteriöser, das "zweite Gesicht" nannte. "Was soll das sein?", fragte ich ihn, und er sagte "Das zweite Gesicht einer Frau ist ihre verborgene - und auch in gewisser Hinsicht unterdrückte - Seite, es ist wie eine Schwester, die in ihr existiert, von der sie sich unterscheidet, der sie sich aber auch ständig angleicht. Eine Frau versucht immer, mit sich selbst im Einklang zu sein, aber mehr noch als ein Mann muss sie dabei oft gegen ihre Natur ankämpfen und weil Frauen an sich keine kämpferische Natur haben, passen sie sich eben an und so geben sie ihrer andern Seite meistens nach.

Für sie selbst scheint es oft so, als hätten sie mit ihrem besseren Wissen und mit dem stärkeren Willen die Oberhand gewonnen, aber in Wahrheit sind sie nur ihrem Instinkt gefolgt und dieser Instinkt lautet: tue immer das, wogegen du dich nur sträuben würdest, wenn du es nicht tust!" Ich musste bei Eduardos Erklärungen lachen. "Das klingt, als handelte es sich um eine Maschine, bei der man nicht genau weiß, in welche Richtung sich die Zahnräder tatsächlich drehen müssen", und Eduardo erwiderte "Das ist ein sehr treffender Vergleich, nur daß das Ganze nicht mechanisch funktioniert, sondern in einer Weise, die weder die Ingenieure noch die Mediziner, ja wahrscheinlich nicht einmal Dionysos selbst verstehen könnte, der sich doch ganz bestimmt am besten mit den Frauen auskennt.

Ich konnte Eduardo gedanklich dann nicht mehr ganz folgen und ich hatte den Eindruck, als hätte ich in ihm ein paar Erinnerungen wachgerufen, an Erlebnisse, die ihm lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet hatten. Er führte seine Theorie auch nicht weiter aus, sondern gab mir vielmehr einige gute Ratschläge, zum Beispiel den, daß ich Sylvia niemals sagen sollte, wie toll sie aussieht. Denn das würde bei einer Frau immer ankommen wie: "Kaum zu glauben, wie du's schaffst, so gut auszusehen!" und das wäre genau das Gegenteil eines Kompliments.

Mit Juan Bello dagegen konnte ich nicht darüber reden. Ich überlege bis heute, wann ich in seiner Gegenwart zum ersten Mal Sylvias Namen erwähnt habe, aber ich komme nicht drauf. Ich dachte die ganze Zeit, daß es uns beiden nichts bringen würde, wenn ich darauf zu sprechen käme. Ich nahm immer noch an, er wäre damals von zu Hause "fortgegangen", um von der Frau wegzukommen, die ihm das Herz gebrochen hatte.

Jetzt fällt mir auf, daß ich auch bei Eduardo solche unglücklichen Erfahrungen vermutet habe, aber bei ihm hielt ich es eher für das, was in jedem zweiten Tangotext beschrieben wird: die unerwiderte Liebe eines Mannes zu einer schönen Frau. (Die andere Hälfte handelte vom Betrogenwerden.) Eduardo war zweifellos darüber hinweggekommen; Juan dagegen nicht. Als ich erkannte, daß ich mich bei beiden geirrt und weder Juans Motive noch Eduardos Erklärungen wirklich verstanden hatte, da war es längst zu spät.

Als der Nationalfeiertag auf einen Freitag fiel, hatte ich ein langes Wochenende arbeitsfrei. Sylvia wollte mit mir schon längst einmal in ihre Heimatstadt San Rafael fahren, ich hatte ihr Löcher in den Bauch gefragt über die ganze Gegend dort am Fuße der Anden; in meiner Phantasie sah ich endlose Wein- und Lavendelfelder, Obstbaum Plantagen und Rinderherden, die von Gauchos zu Pferde zusammengetrieben wurden - und in der Ferne am Horizont schimmerten die schneebedeckten Gipfel. Ich hatte auch etwas über ein Erdbeben in der Provinzhauptstadt gelesen und es Sylvia wiedergegeben, und sie erzählte mir daraufhin, wie sie als kleines Mädchen ein Erdbeben miterlebt hatte, bei dem Gott sei Dank niemand verletzt worden war, sie sagte "Dieses Gefühl, wenn plötzlich der Boden unter deinen Füßen weggezogen wird, das vergisst du nie."

Wir fuhren nacheinander mit vier Überlandbussen die ganze Nacht hindurch. Wir kamen bei Sonnenaufgang an, es war ein herrlicher Morgen, es wurde rasch wärmer und es wehte eine leichte Brise. Sie stellte mich ihren Eltern vor (ich hatte für ihre Mutter eine Schachtel mit feinen Pralinen aus der berühmten Schokoladen Manufaktur in San Carlos de Bariloche gekauft). Ich lernte ihre jüngeren Geschwister kennen, die noch zu Hause wohnten. Ihr Vater war ein schweigsamer und sehr schöner Mann. Die Familie bewohnte ein Häuschen in einer beschaulichen Seitenstraße, und durch die hinteren Gärten waren die Nachbargrundstücke miteinander verbunden, nicht weit weg wohnte Sylvias Großmutter, die wir dann besuchten.

Sylvia bezeichnete mich als einen "lieben Freund" und ihrer Mutter war nicht anzumerken, was sie im stillen dabei dachte. Die ganze Familie war überaus freundlich zu mir und besonders die kleine Schwester war wohl sehr von mir angetan, bis die Mutter rief "Maria! Jetzt sei nicht so aufdringlich." "Aber wieso denn!", gab Maria zurück, "Ich muss doch herausfinden, ob er zu ihr passt." Maria war dann der Meinung, ich wäre zu dünn und müsste daher ordentlich durchgefüttert werden.

Es gab ein zünftiges Asado, im Garten wurde eine Tafel aufgebaut und Freunde und Bekannte kamen und jede Menge Kinder, und ein paar Hunde stellten sich ein, die artig darauf warteten, daß ein Bissen für sie abfiel. Ich durfte im "Gästezimmer" schlafen, das Sylvias Bruder gehörte, der irgendwie ganz nach seinem Vater kam. Wir machten einen Ausflug an den Rio Diamante und einen zu einem alten Fort, das noch aus der Zeit der spanischen Eroberer stammte, die sich hier gegen die eingeborenen Indios verteidigt hatten.

Meine feste Absicht war gewesen, Sylvia in diesen Tagen einen Verlobungs Antrag zu machen und auch ihre Eltern, ihre Familie, einzuweihen. Doch ich zögerte es hinaus. Ich war so töricht, Maria für mein Vorhaben zu gewinnen und solange zu warten, bis sie davon überzeugt wäre, daß ich der Richtige für ihre große Schwester bin. In Wahrheit zweifelte ich mehr denn je. Es war wie damals, als ich Sylvia im Hospital zu einem Rendezvous eingeladen hatte, nur daß ich jetzt vorher schon ahnte, wie überrascht sie sein würde. Aber ich weiß nicht, woran es lag: ich hatte das ungute Gefühl, daß ihre Überraschtheit nicht echt wäre und daß ihr im Grunde vor nichts mehr bangte, als vor meinem Antrag.

Wir fuhren nach Buenos Aires zurück, ohne daß ich meinen Plan ausgeführt hatte; die Stunden zogen sich quälend in die Länge. Wir hielten uns bei den Händen, aber ich spürte ihre Nähe nicht mehr. Wir küssten uns, als wir uns verabschiedeten, ich sagte "Ich besuch' dich im Hospital." Sie erwiderte "Ja, ist gut." Es klang, als wollten wir gemeinsam ein paar unklare Krankheitssymptome besprechen.

Juan Bello war nicht mehr bei uns in der Spedition. Gustavo hielt sich bedeckt, als ich ihn fragte, er sagte, Juan wäre "wahrscheinlich" nach Korea gegangen. Ich sagte "Willst du mich jetzt veralbern?" Gustavo erklärte, der argentinische Staat und seine Militärs hätten sich bereiterklärt, ein Truppen Kontingent zur Unterstützung der Amerikaner im Koreakrieg zu stellen. Die Lage dort war eskaliert, die Kämpfe zwischen dem Norden und dem Süden wurden mit erbitterter Härte und mit großen Verlusten ausgetragen. Es hieß, daß die argentinischen Soldaten für ihren Einsatz außerordentlich gut entlohnt würden.

Ich sah in der Wochenschau Berichte über den Stellungskrieg am 38. Breitengrad und über die legendäre Dritte US Infanterie Division, die schon in der Schlacht um Nürnberg den Sieg über unsere Deutsche Wehrmacht davongetragen hatte. Und ich sah den Auftritt von Marilyn Monroe vor den amerikanischen Soldaten in Korea und wie sie ihr "I wanna be loved by You" ins Mikrophon haucht. (Bei passender Gelegenheit werde ich erzählen, wieso ich diese Filmaufnahmen für die schönsten halte, die ich je gesehen habe.) Ich dachte dabei an Juan Bello und ich wartete nur darauf, ihn unter den Uniformierten zu entdecken.

Aber Sylvia sagte "Er ist doch gar nicht da hin gegangen", und ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Als ich mit Juan in der Nähe von Senora Celias Haus war und zu ihm sagte, ich sei schon einmal dort gewesen, und er mir von Ernesto und dem Rugby Club in Recoleta erzählte, da meinte er ganz beiläufig, die Senora erhalte eine "erstklassige" Behandlung von einer sehr sympathischen Krankenschwester. Und das hatte ich doch glatt überhört. Ich hatte es überhört! Und jetzt fiel es mir wieder ein, und für einen (unerträglich langen) Moment hatte ich genau dasselbe Gefühl, wie Sylvia es mir beschrieben hatte, als sie von dem Erdbeben sprach, das sie in ihrer Kindheit erlebte.

So war das also. Ich hätte darüber lachen können wie über etwas Groteskes, wenn es nicht so schmerzlich gewesen wäre. Ich hatte mit Juan nicht über Sylvia gesprochen, weil ich glaubte, damit alte Wunden bei ihm aufzureißen. Und er hatte kein Wort über sie verloren, weil er mich wahrscheinlich nicht für sensibel genug hielt, um mir seine Gefühle mitzuteilen. Ich hatte ihm meine ganzen Geschichten mit Kristin, ja sogar mit Gabriele aufgetischt, und obwohl ich dabei das allzu Derbe bloß angedeutet hatte, so blieb doch immer ein Anschein von Prahlerei zurück, und ich gebe zu, daß ich nicht frei von der Absicht war, Juan mit meinen Liebesabenteuern zu beeindrucken. Leider hatte ich übersehen, daß es ihm völlig gleichgültig war. Womöglich hatte er sich sogar gewünscht, ich wäre ein bisschen ernsthafter, während ich versuchte, ihn aufzumuntern und ihn aus seiner melancholischen Entrücktheit herauszuholen. - Und daß immer alles mit der unsichtbaren Gegenwart Sylvias geschah, das blieb uns beiden verborgen.

Sylvia sagte "Er ist so verletzlich", und das klang aus ihrem Munde beinahe wie eine Heiligsprechung. Ich bin sicher, Juan hat sich in keinem Moment, seit er ihr begegnet war, um sie "bemüht". Er wäre niemals auf die Idee gekommen, sie zu einem Rendezvous einzuladen oder Kinokarten für sie beide zu besorgen, so etwas existierte in seiner Vorstellung nicht! Er hat nichts weiter getan, als er selbst zu sein, ein hübscher, kräftiger, nicht besonders kluger aber auch nicht einfältiger junger Mann, der zudem keinen Hehl daraus machte, daß er sich ein bisschen verloren und verlassen fühlte in dieser Welt, aber der auch niemandem dafür die Schuld gab, auch sich selber nicht. Und er besaß etwas, das ich definitiv nicht hatte: das Charisma des einzigartigen Kriegers. Er war der Mann, auf den die Frau wartet. So wie Penelope so viele Jahre lang auf ihren Helden Odysseus gewartet hat, obwohl nicht einmal die geringste Hoffnung bestand, daß er zurückkäme.

Und Eduardo hatte ich auch falsch verstanden. Was er mir sagen wollte mit seinem "zweiten Gesicht" war eigentlich eine Warnung gewesen, die er aus Rücksicht auf meine Euphorie, vor allem aber aus Rücksicht auf Sylvia selbst, über die er - wie überhaupt bezüglich der Frauen - niemals ein schlechtes Wort gesagt hätte, in seine "Theorie" gekleidet hatte. Eduardo hatte es gespürt: ich würde diese Frau verlieren, sobald jemand erschiene, dem sie sich unterwerfen, sich aufopfern könnte. Und das richtete sich gar nicht gegen mich. Es war vielmehr so, daß ich in ihren Augen allein zurechtkam, daß ich aller Voraussicht nach eine andere Frau fände, mit der ich glücklich werde und die ich glücklich machen würde; während Sylvia für Juan die einzige - die Einzige - war, die ihn in dieser Welt begleiten und darin aufrechterhalten konnte.

Ich ging zu Carlos. Er präsentierte mir die neueste Platte von Billie Holiday, die gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war und ihr letztes großes Konzert gegeben hatte. Es war ein Song darauf, der hieß: "East of the Sun and West of the Moon" von einem gewissen Brooks Bowman. Ich kannte das Stück von einer früheren Aufnahme mit Sarah Vaughan und Charlie Parker. Billie Holiday war am Ende, das konnte man überdeutlich hören. Der Song handelt von einer Beziehung, es heißt da: we'll build a dream house so lovely / near to the sun in a day, near to the moon at night / we'll live in a lovely way dear / living our love in memory / just you and I, forever and a day - mir kamen die Tränen. Carlos bemerkte es und rief "Dios mio! Es ist Schluss mit dir und Sylvia! Ich bin ein Idiot, daß ich dir das vorspiele." Ich wischte mir über die Augen und sagte "Ist schon okay. Du konntest es nicht wissen."

Ich konnte nicht länger in Buenos Aires bleiben. Ich erklärte Onkel Heinrich, daß ich für eine Weile das Land "erkunden" werde. Er fragte "Ist es wegen Sylvia?" Ich sagte "Ja. Auch." Er gab mir Geld. Er fragte, was ich vorhätte. Ich sagte, ich werde zuerst in den Süden gehen, bis Comodoro Rivadavia, und dann nach Chile und wieder hinauf bis an die Grenze zu Bolivien und vielleicht hinüber nach Misiones, um mir die Wasserfälle von Iguacu anzusehen, von denen Dr. Kettner geschwärmt hat. Heinrich nickte zu allem. (Ein bisschen dachte ich an Ernesto de la Serna, als ich so dahersprach.)

Ich habe mir dann in Puerto Montt ein gebrauchtes Motorrad gekauft, das mir bis nach Antofagasta hold geblieben ist, bevor es dort den Geist aufgab. Es war eine richtige und gute Entscheidung, die ich für mich getroffen hatte. Manchmal schlief ich unterm Sternenhimmel, meistens in irgendwelchen einfachen und gastfreundlichen Quartieren. Ich habe unterwegs nie einen unsympathischen Menschen getroffen. Oft, wenn ich allein war - und keine Menschenseele weit und breit - las ich den Brief, den mir Sylvia geschrieben und den mir Nico, der emsige Vermittler überbracht hatte.

Lieber Miguel!

Es war eine wunderbare Zeit mit dir, die ich gegen nichts auf der Welt eintauschen würde. Ich habe dich wirklich geliebt und ich hoffe, daß du ebenso für mich empfunden hast - nein, ich bin ganz sicher, daß du mich auch geliebt hast. Und ich danke dir dafür. Du sollst wissen, daß ich dir niemals etwas vorgespielt habe. Aber wenn du darüber nachdenkst, so wirst du erkennen, daß ich dir auch nichts versprochen habe. Ich war nahe daran, dir mein Jawort zu geben, wenn du mich gefragt hättest. Das ist nicht geschehen und jetzt ist mir klar, warum nicht. Und fast scheint es, du hättest mir damit den größten Dienst erwiesen.

Wir sind Menschen, und jeder von uns hat seine eigenen Wünsche und Sehnsüchte, die er für sich erfüllt haben möchte. Manche dieser Sehnsüchte trägt man von Anfang an im Herzen, aber andere kommen ganz plötzlich, wenn man jemandem begegnet, von dem man bis dahin nicht die leiseste Ahnung hatte, doch von dem man ebenso schlagartig weiß, daß er derjenige ist, für den man alles stehen und liegen lässt und mit dem man bis ans Ende aller Tage zusammensein will.

Sicher wäre es zu viel verlangt, wenn ich hoffte, du könntest dich mit mir freuen. Aber wenn das unmöglich ist, so bitte ich dich wenigstens, mir nicht böse zu sein und nicht schlecht von mir zu denken oder zu reden. Denn auch ich werde dich in guter, ja in unvergänglicher Erinnerung behalten als ein unschätzbarer Teil meines Lebens.

Adiós und viel Glück für die Zukunft. Sylvia.

* * * * *

Ich hatte in Puerto Colombia einen kleinen Frachter gefunden, mit dem ich nach Santiago de Kuba kam; ich hatte sogar richtig "angeheuert". Der Kapitän war ein muffeliger Deutscher. Um mit ihm ins Gespräch zu kommen, fragte ich ihn, ob er den KaLeu Henk Farmsen kennt. Er brummte "Nie gehört. Was willst du?" Ich sagte es ihm. Auf der Überfahrt habe ich dann erfahren, daß ihm zwei Leute von der Mannschaft abhandengekommen waren, deshalb hatte er mich genommen.

Außer ihm, dem Steuermann und dem Ersten Offizier sowie zwei, drei Männern im Maschinenraum, gab es nur Hilfskräfte auf dem Schiff. Ich hatte ihn gefragt, was meine Aufgaben wären und vorsichtshalber hinzugefügt, ich sei kein Matrose und verstünde auch sonst nichts von Seefahrt. Und komischerweise fragte er mich das gleiche wie seinerzeit Gustavo: "Kannst du schwere Sachen heben?" "Jawohl Sir."

Der Erste Offizier war ein Pole namens Kosnieczki oder so ähnlich, er war genauso mürrisch, aber zudem hatte er ständig eine Schnapsfahne. Er hatte einen schönen, dichten Schnurrbart, den er unablässig mit Daumen und Zeigefinger kraulte, als wollte er jedes einzelne Haar nachzählen. Er sagte mir, wann ich hierzusein habe, um beim Beladen zu helfen. Ich war pünktlich, es war frühmorgens und auf dem Areal von Puerto Colombia war es noch ziemlich kühl, aber es regte sich schon überall.

Ich hatte etwas Gepäck dabei. Nach meiner großen "Expedition" war ich nach Buenos Aires zurückgekehrt und hatte (noch bevor ich dort ankam) den Entschluss gefasst, mich sogleich nach Kuba aufzumachen. Ich besorgte mir alles Nötige für die Reise. Auch einen Seesack, der angeblich von der US Army stammte, natürlich ohne Militärabzeichen. Er war prall voll. Dazu nahm ich einen Koffer mit, und darin - nun gut, es war im wörtlichen Sinne eine irre Belastung, aber ich konnte nicht darauf verzichten - verstaute ich fünfundzwanzig meiner liebsten Jazzplatten (den größeren Rest musste ich schweren Herzens vorläufig zurücklassen).

Wir steuerten zuerst einen Hafen auf Jamaika an, dort tauschten wir einige der Kisten von unserer Fracht gegen andere aus. Der Pole überwachte alles von seiner Warte herab und kraulte dabei seinen Schnurrbart. Dann fuhren wir nach Haiti, dort wiederholte sich das gleiche Manöver. Unterwegs gab es eigentlich nicht viel zu tun. Aber noch bevor wir Jamaika erreichten, überkam mich eine fürchterliche Seekrankheit, daß ich so ziemlich in alle Ecken kotzen musste und zwischendurch immer wieder schnell das Weite suchte.

Einer der Männer gab mir ein paar Pillen, die angeblich halfen. Er fragte mich "Bis du ein Opernsänger oder so was?" Ich sagte "Wieso?" Da merkte ich, daß er die Schallplatten meinte und wusste, daß (zumindest er) meine Sachen durchsucht hatte. Aber als ich nachschaute, fehlte nichts.

Wir liefen abends im Hafen von Santiago ein und ich bekam vom Kapitän die Erlaubnis, die Nacht noch auf dem Schiff bleiben zu dürfen. Am nächsten Morgen ging ich in die Stadt. Die mittelamerikanischen Städte unterscheiden sich merklich von denen im Süden, und von Buenos Aires sowieso. Sie haben sich das Flair der Goldenen Kolonialzeit bewahrt, man sieht es an den Gebäuden, an den Straßen, am Leben und Treiben auf den Straßen, an den Märkten, an der Art und Weise, wie sich die "Alt-Eingesessenen" bewegen - mit einer unglaublichen Gelassenheit und dem Gefühl von Sicherheit und Stolz. Und man sieht es an der gleichsam ewigkeitstrunkenen Sanftheit, mit der sich die Palmen im Winde wiegen.

Unter den Staaten der Neuen Welt war Kuba seit jeher etwas Besonderes, es war ihr Nabel. Kuba war eine der ersten "Inseln", die Kolumbus betreten hat. Es ist - wie es scheint - seit Urzeiten von allen Katastrophen verschont geblieben, ganz so, als hätte der liebe Gott selbst es sich als seinen Lieblingsplatz auf Erden ausgewählt. Ich gebe zu, ich habe ihn dort nicht getroffen, aber das liegt vielleicht daran, daß mir das richtige "Auge" dafür fehlt, ihn zu erkennen.

Ich war ein wenig leichtsinnig, daß ich meine ganzen Ersparnisse bei mir trug (ich verschweige, wo ich sie aufbewahrt habe), aber ich kam mit meiner Habe wohlbehalten an. Es war ohnehin nicht die Menge; ich hatte vor, so schnell wie möglich nach Havanna weiterzureisen und mir dort Arbeit zu suchen, doch mein Traum war natürlich, sie in einem Jazzclub zu finden, am besten in einem der amerikanischen Hotels, von denen ich die tollsten Geschichten gehört hatte.

Um sparsam mit meinem Vermögen umzugehen, suchte ich mir eine Unterkunft außerhalb von Santiago (ich erkundigte mich in ein paar Tankstellen - dort bekam man erfahrungsgemäß immer gute Informationen). Schließlich landete ich in einem Viertel im Nordosten der Stadt. Es war ein flaches Häuschen mit einigen "Nebengebäuden", wie sich der Besitzer ausdrückte, und einem Hof, auf dem kein grünes Hälmchen sprießte, weil eine Armada von Hühnern ihn pausenlos mit ihren Schnäbeln beackerte. Das waren übrigens keine gewöhnlichen Hühner, sondern "Mexikanische Plausser", angeblich eine besonders wertvolle und "legefreudige" Rasse.

Der mir das erklärte, war Nestor Barrientos, welcher mit seiner Frau Martha das "Anwesen" bewohnte. Nestor war über achtzig, Martha Mitte vierzig, sie war seine dritte Frau, und ein Nachbar verriet mir, Nestor habe zeitweise zwei Frauen gleichzeitig gehabt. Einmal sagte Nestor zu mir "Wenn die Nachbarn irgendwas Schlechtes über mich reden, sagst du, ich komme rüber und tauche mein Gebiss in ihre Suppe." Ich sagte "Der eine hat erzählt, Sie hätten zeitweise zwei Frauen gehabt", und Nestor lachte und erwiderte "Das ist ja nichts Schlechtes!"

Nestor stammte aus Galicien in Spanien, und auch dort hatten manche Männer früher mehr als eine Frau; aber den Begriff "Vielweiberei" verbat er sich, er sagte "Ich habe immer nur so viele Frauen gehabt, wie ich versorgen konnte." Martha lächelte zu allem, was er sagte - dachte ich zumindest beim ersten Mal. Dann erlebte ich die beiden, wie sie sich in die Wolle kriegten und sich stritten, daß ich schon Angst bekam, Martha würde ihm mit dem Küchenmesser zu Leibe rücken. Aber Nestor wusste genau, zu welchem Zeitpunkt er Reißaus nehmen muss. Nach einer Weile kam er wieder und brachte ihr irgendeine Kleinigkeit zur Versöhnung mit, meistens etwas Süßes.

Am zweiten oder dritten Tag hatte er zu mir gemeint, wenn ich nach Havanna gehen wollte, könnte ich dort bei seiner Tochter vorbeischauen, sie wüsste bestimmt, wo ich, wenigstens fürs erste, unterkommen kann. Ich bedankte mich. Ich fragte, wie seine Tochter hieße, und er sagte "Cayenne Alvarez." Ich notierte mir ihre Adresse. Dann sagte Nestor, wenn ich noch zwei oder drei Tage warten würde, könnte ich mit jemandem mitfahren, der auch nach Havanna will, ich würde damit Geld sparen, ich müsste dem Fahrer zwar etwas geben, aber es wäre immer noch günstiger als mit der Eisenbahn oder mit dem Bus. Mir war das natürlich recht.

In der Zwischenzeit erzählte er mir seine Geschichte. Als der Spanisch-Amerikanische Krieg ausbrach, hatte er sich als kaum Zwanzigjähriger freiwillig gemeldet. Er wurde Heizer auf dem Dampfschiff "Purissima Concepción". So kam er nach Kuba. Er erzählte, wie sie in Manzanillo im Hafen lagen, zusammen mit einigen spanischen Kanonenbooten: der "Delgado Parejo", die "Guantanamo", die "Estrella" - alle Namen waren ihm noch ganz geläufig, obwohl dieser Krieg über sechzig Jahre zurücklag.

Er sagte "Da war dieser Admiral Sampson, er nannte sich Acting Rear Admiral, er war aus der North Atlantic Squadron hergekommen, die oben in Key West lag. Er hatte die "Winnington" und die "Helena" dabei, das waren gefürchtete amerikanische Kreuzer, verstehst du. Schwere Schiffe, an die tausendvierhundert Tonnen - unsere Kanonenboote hatten grade mal um die fünfzig. Die hatten jede Menge Geschütze und Schnelladekanonen. Sie hatten auch hervorragende Seeleute, die fanden jede Durchfahrt durch die Korallenriffe.

Aber unsere 'Purissima Concepción' hatten sie besonders auf dem Kieker, wir hatten nämlich schon fünfmal ihre Blockade durchbrochen - wie wir das gemacht haben, wird nicht verraten - auf alle Fälle war der Admiral Sampson stinksauer auf unsern Dampfer. Schließlich haben sie einen Großangriff geführt. Es gab oben auf dem Küstenstreifen ein paar alte Befestigungen, eigentlich nur Steintürme, mit Geschützen, aber ihre Reichweite war zu kurz, und die 'Winnington' konnte ganz unbehelligt auf uns feuern ohne selber in die Schusslinie zu kommen."

Nestor machte eine Pause, und ich merkte, daß es die Schweigeminute war für seine spanischen Kameraden, die vor Manzanillo ihr Leben verloren hatten. Dann fuhr er fort "Na ja, was soll ich sagen, ich hatte auch was abgekriegt, als der Kessel in die Luft flog. Ich kam nach Santiago ins Lazarett, da haben sie mich notdürftig verarztet, und dann durfte ich 'rüber nach San Juan, das sind die Hügel östlich vor Santiago, da hat der General Shafter die Stadt belagert, den sollten wir daran hindern, sie einzunehmen.

Sie hatten mir ein Gewehr in die Hand gedrückt und mir eine Stellung zugewiesen, und da war einer aus Santa Clara, der sagte zu mir 'Companero! Wenn ich sehe, wie du mit dem Gewehr umgehst, wird mir Himmelangst. Gib' mir mal lieber deine Munition.' Das tat ich - sicherheitshalber - denn ich hatte wirklich noch nie vorher eine Flinte bedient. Aber dann gab es einen Angriff, und ich bemerkte, daß der andere meine Patronen haben wollte, weil er selber keine einzige mehr gehabt hatte, und jetzt hatte ich keine mehr, und als die Amerikaner auf uns losstürmten, konnte ich bloß noch in Deckung gehen und Kopf und Schwanz einziehen.

Glücklicherweise hatten sie hinter uns ein paar Grananten abgefeuert und so konnte die Stellung nochmal gehalten werden. Aber ich hatte eine Kugel in die rechte Schulter abgekriegt, und der Bursche aus Santa Clara war mausetot. Ich kam wieder in ein Lazarett, und zwei Wochen später war der Krieg zu Ende. Aber an dem Tag, als die Spanier das Lazarett geräumt haben, war ich gerade - na, ich war jedenfalls beschäftigt, und als ich zurückkam, waren alle fort. Ich war jung, verstehst du, und so richtig hat zu Hause auch niemand auf mich gewartet. Also bin ich dageblieben - bis heute. Und weiß Gott! Ich habe es niemals bereut."

Nestor hatte mir einen "Brief" für seine Tochter mitgegeben, aber es war nur ein einmal gefalteter Zettel und er rief geradezu danach gelesen zu werden. Da stand drauf: "Caya! Sei bitte etwas freundlich zu dem jungen Mann! Nestor!" Besonders das Ausrufezeichen hinter seinem Namen machte mich stutzig.

Ich hatte versäumt, Martha nach dieser Senora Alvarez zu fragen, aber es gab ja eigentlich auch keinen Grund dazu. Ich dachte mir, seine Tochter wohnt mit ihrer Familie in Havanna und Nestor würde sie nur selten sehen; er selbst scheute die Mühsal, eine Reise dorthin zu unternehmen. Jedoch diese Nachricht ließ mich ahnen, Cayenne Alvarez wäre ein ziemlicher Hausdrachen und nicht gerade erfreut über mein plötzliches Auftauchen; ich überlegte schon, ob ich Nestors Rat überhaupt befolgen sollte. Aber es wäre unhöflich von mir gewesen, wenn ich nicht wenigstens kurz vorbeigeschaut und einen Gruß ausgerichtet hätte und außerdem sollte man als Neuankömmling an einem fremden Ort jede Vermittlung wahrnehmen, die einem angeboten wird, egal wieviel man sich davon verspricht.

Ich fand das Haus, es hatte links daneben ein blaues Blechtor, und als erstes bellte ein Hund, als ich klingelte. Es dauerte eine Weile, bis jemand kam, eine junge Frau rief "Abajo! Saladin!", und der Hund trollte sich. "Quien es?", fragte sie hinter dem Tor. Ich sagte, wer ich bin und woher ich käme. Sie drehte den Schlüssel im Schloss, das Tor klemmte und erschütterte, daß ich dachte, es würde aus den Angeln gehoben, dann ging es auf.

Sie war zwei Köpfe kleiner als ich. Sie hatte eine mollige Figur, unter ihrem dünnen Oberteil frohlockten zwei propere Zwillingsschwestern und über ihre kräftigen Schenkel spannte sich ein kurzer, quergestreifter Rock. Sie war barfuß, und ihre Zehennägel waren rosafarben bemalt, ebenso wie ihre Fingerspitzen. Sie hatte ein hübsches Puppengesicht, die Haare nach hinten gebunden, ihre linke Pupille war um Haaresbreite aus der Mitte einwärts geschoben und die andere Augenbraue verlief im hohen Bogen. Ihre Haut hatte die Farbe von Rohrzucker und ihre Zähne waren wie aus Alabaster. Sie sagte "Que pasa, Senor?"

Ich sagte "Ich möchte Senora Alvarez sprechen - Cayenne Alvarez." "Warum?" Der Hund zwängte seine Schnauze heraus. "Ich habe hier einen Brief von ihrem Vater Nestor." "Geben Sie ihn mir", sagte sie und hielt mir ihre Hand hin; um das Gelenk hingen bestimmt zwanzig Schmuckreifen, einer prächtiger als der andere. Ich sagte "Das sieht aus, als käme jeden Tag einer dazu." "Wie bitte?" Ich deutete darauf. "Diese Armreifen, ich glaube, ich habe noch nie so viele auf einen Haufen gesehen."

"Jetzt geben Sie mir endlich den Brief." "Ja, natürlich." Sie nahm ihn und schaute darauf. "Haben Sie ihn gelesen?" Ich sagte "Ja, er war schlecht verschlossen." Sie lachte ganz kurz, dann sagte sie "Was meinen Sie, soll ich jetzt tun?" "Ich dachte, Sie geben ihn Senora Alvarez." Sie überlegte, ich sagte "Senorita, wenn ich einen Schluck Wasser bekommen könnte?" Sie schaute auf den Zettel, er schien sie nachdenklich zu machen. "Kommen Sie für einen Moment herein." "Muchas gracias."

Wir gingen nach hinten um die Ecke des Hauses, der Hund lief neben mir her und hob den Kopf, als erwartete er auch einen Brief. Auf dem Hof spielten zwei Mädchen "Woche hüpfen", an der Seite saß ein Mann in schäbiger Hose und Unterhemd, er hatte die dürren Beine übereinandergeschlagen und rauchte, er wirkte ein bisschen teilnahmslos.

In der Küche war es angenehm kühl, ein Fenster ging auf den Hof, man konnte die Mädchen sehen und den ungepflegten Haarschopf des Mannes. "Setzen Sie sich", sagte die Frau. Sie stellte eine grüne Flasche mit Wasser und ein Glas auf den leeren Tisch. "Gracias", bedankte ich mich und schenkte mir ein. "Sind das Ihre Kinder?" Sie drehte sich um und schaute hinaus. "Die eine, ja." "Welche?" "Die man die ganze Zeit quasseln hört." "Wie heißt sie?" "Isabel." "Und das ist Ihr Mann, Senorita?" "Der da?" Ich war irgendwie erleichtert, als sie sagte "Dios mio, nein, er wohnt bloß hier", er machte wirklich einen langweiligen Eindruck.

"Sie vermieten also Zimmer?" "Ja, aber im Moment ist alles belegt. War's das jetzt? Ich muss Wäsche waschen." "Ja natürlich, ich will Sie nicht länger stören. Geben Sie Senora Alvarez bitte den Brief von Nestor." Sie sagte "Ich bin Senora Alvarez." "Nicht möglich! Cayenne Alvarez?" "Ja. Warum sind Sie so erstaunt, Senor?" "Ähm ... ich dachte ... ich hatte Sie für älter gehalten." "Wie meinen Sie das?", fragte sie, und ihre eine Augenbraue ging noch ein Stückchen höher. "Nein, ich wollte sagen, ich bin überrascht, daß Sie so jung sind."

"Wie alt sind Sie denn?" Ich sagte es ihr. "Frogard, ist das ein französischer Name?" "Nein, ich bin Deutscher." Sie schwieg. Die Mädchen fingen an sich zu streiten, der Hund bellte. Senorita Alvarez öffnete das Fenster und rief "Was ist denn los!" Isabel's Freundin beschuldigte sie, falsch gehüpft zu sein. Die Senorita sagte zu dem Mann "Ramón, hast du nicht aufgepasst", er schüttelte unschuldig den Kopf, "wozu sitzt du denn da 'rum." "Sie ist falsch gehüpft!" "Gar nicht!" Ramón brummte "Vertragt euch wieder." Ich betrachtete Cayennes prächtigen Hintern, ich dachte 'Die Männer haben sicher oft mit ihrem Namen gescherzt'.

Ich sagte "Nestor hat angedeutet, Sie könnten mir bei der Suche nach einer Unterkunft behilflich sein." "So, hat er das." Dann fügte sie hinzu "Was schwebt Ihnen denn so vor?" "Ach, nichts Großartiges, ein Zimmer und wo man was kochen kann, na ja und mit Bad und vielleicht ..." "Sind Sie ganz ohne Gepäck hergekommen?" "Mit nicht viel, ich hab's am Bus Terminal in der Gepäck Aufbewahrung." "Was wollen Sie denn eigentlich hier machen?", fragte sie, sagte dann aber "Na egal, geht mich ja nichts an. So, dann lasse ich Sie mal 'raus."

Draußen rief Isabel, ohne ihr Spiel zu unterbrechen "Mama, wer ist das?" Cayenne erwiderte "Ein hombre." Sie öffnete mit einem Ruck das Tor, ich sollte wohl sehen, daß sie alles im Griff hat. Ich hätte sie zu gern gefragt, wo ihr Mann wäre. Der Hund schlüpfte hinaus, schnupperte in der Straßenluft und entschied sich dann für eine Richtung. "Adios", sagte sie. "Adios, Senorita Alvarez, war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen." Ich war schon ein paar Schritte gegangen, da rief sie mir hinterher "Wenn Sie wirklich nichts finden, kommen Sie nochmal her." Ich winkte zurück.

An dem Tag hatte ich wegen eines Zimmers keinen Erfolg. Ich kaufte mir auf dem Mercado Único eine Umhängetasche und holte ein paar Utensilien aus meinem Gepäck. Dann suchte ich mir ein billiges Hostel und dort blieb ich für die nächsten Tage. Es lag neben einer Feuerwache, und nachts ging manchmal die Sirene los.

Frühmorgens gab es Kaffee und Weißbrot mit Marmelade, und eine Frau im Morgenmantel und mit Lockenwicklern im Haar saß an der "Rezeption", eine Zigarette zwischen ihren frisch lackierten Fingernägeln und las den Diario de la Marina. Ich sagte "Hat es gestern Nacht wieder irgendwo gebrannt?", und sie erwiderte geistesabwesend "Como?" "Die Sirene, gestern Nacht, gegen halb drei." "Oh, ich höre das schon gar nicht mehr."

Der Kaffee war gut, das Weißbrot war frisch, und die Senora gab mir eine Liste der Hotels, in denen es auch Bars mit Musik gab. Ich dachte, warum sollte ich nicht einfach versuchen, mich dort nach Arbeit umzusehen. Aber vorher musste ich zum Friseur und der gab mir noch ein paar zusätzliche Tips.

Ich merkte schnell, daß diese Häuser eine Nummer zu groß für mich waren, in die meisten kam ich gar nicht erst hinein, der Kerl am Eingang oder im Foyer hielt mich zurück und delegierte mich höflich wieder nach draußen. In einem Hotel hätte ich als Küchenjunge anfangen können, aber danach stand mir nicht der Sinn, ich dachte an Don Umberto's Restaurant und ich wollte mich nicht unbedingt "zurückentwickeln".

Im "Blue Horizon" fragte mich der Manager (bis zu dem ich immerhin vorgedrungen war), ob ich Ahnung vom Casino Betrieb hätte, und ich war so naiv zu antworten, ich hätte als Junge beim "Doppelkopf" nicht eben schlecht abgeschnitten. Er lächelte milde. Er hatte dunkles, straffes, glänzendes Haar und es erinnerte mich irgendwie an die Auslagen einer Konditorei. Er fragte, ob ich die Regeln von "Black Jack" beherrsche und ich verneinte. Ich glaube, er meinte es gut mit mir, er sagte, vielleicht wäre es besser, wenn ich nicht gleich auf Anhieb versuche, etwas auf dem Malecón zu finden. Der Malecón war die berühmte Uferpromenade von Havanna, und natürlich war ich nicht der einzige Bursche, der hier auf der Jagd nach einem Job war - aber garantiert einer von den denen, die wenig Chancen hatten.

"Hat es Ihnen gefallen, Senor Frogard?", fragte mich die Senora im Morgenmantel, und ich begriff, daß sie geglaubt hatte, ich wollte mich in einer dieser schicken Musik Bars vergnügen. Ich klärte sie über meine Absichten auf. Sie sagte "Ah so! Ich hatte mich schon gewundert, daß Sie in Ihrem Aufzug da hingehen wollen." Sie sah meine betretene Miene und fügte hinzu "Ich meine, Sie waren ja beim Friseur", als wäre das schon mal ein guter Anfang gewesen. (Sie selbst hatte jeden zweiten Tag ihre Lockenwickler auf dem Kopf.)

Am nächsten Morgen fragte sie mich, welches Instrument ich denn spiele? Ich sagte, gar keins, ich wollte vielmehr als "künstlerischer Leiter" am liebsten in einem Jazz Club arbeiten. "Als was?", fragte sie, und ich beschrieb ihr, was ich darunter verstünde. "Ah so! Sie wollen als Agent arbeiten und von den Provisionen leben." "Ja, vielleicht." "Na ja, wie auch immer, Sie sollten sich jedenfalls besser kleiden, wenn Sie da 'reinwollen."

Sie hatte ja recht! Wenn ich mir das Publikum anschaute, das dort in den Hotels ein- und ausging, musste ich zugeben, daß ich mit meinem Äußeren allenfalls für den Hintereingang getaugt hätte. Freilich, das waren echte Nobelhotels, und auch ohne den Rat des einen Managers hatte ich gleich Zweifel bekommen, ob ich jemals meinen Fuß ein zweites Mal über die Schwelle eines solchen Hauses setzen würde. Aber die Vorstellung war doch zu verlockend und der Anblick dessen, was da vor sich ging, deshalb nicht weniger faszinierend!

Eduardo hatte übrigens ganz richtig gelegen mit seiner Auffassung über die besten Automobile in Lateinamerika, und später habe ich gelesen, daß es nirgends auf der Welt pro Kopf gerechnet so viele Cadillacs gab wie in Havanna de Kuba. Jemand aus dem Hostel hatte mir auch von den mondänen Yacht Clubs erzählt, von denen viele in westlicher Richtung am Strand des Estrecho de Florida lagen: dem Havanna Yacht Club, dem Miramar, dem Country, dem Jamaica Club. Er behauptete, es gebe dort spezielle Klimaanlagen, welche die Temperatur in den Innenräumen so niedrig halten würden, daß die Herren ihre Sakkos aus feinster Wolle anbehalten und die Damen ihre Nerz- und Silberfuchspelze zur Schau tragen konnten, obwohl es draußen im Schatten sechsundachtzig Grad Fahrenheit waren.

Dieser Mann (er war in einer ähnlichen Situation wie ich, hatte aber bereits mehr Erfahrungen sammeln können) schwärmte geradezu von den Anwesen der Clubs, von den luxuriösen Villen mit Sonnen Terrasse und Blick aufs Meer, den weitläufigen Anlagen mit Tennisplatz und Swimming Pool und den gepflegten Gärten mit den Mango- und Avokado Bäumen, den Zapotes, Mameyes, Anones und Chirimoyas - von denen ich nie zuvor gehört hatte. Als ich ihn fragte, konnte er mir sogar beschreiben, wie diese Früchte im einzelnen schmecken und er nannte mir einen Laden in der Calzada Diez de Octubre, wo man sie ganz frisch und preiswert kaufen könnte.

Ich beherzigte den Rat der Senora und wollte mir ein paar neue Sachen zulegen, aber die Auswahl war so vielfältig und schließlich erdrückend, daß ich zögerte. Und dann fand ich auf der Calle San Nicolás, die sich quer durchs Chinesenviertel zieht, ein kleines Geschäft, wo es Pyjamas aus Seide gab, und ich konnte nicht widerstehen und kaufte mir einen dunkelblauen, zweiteiligen Seidenpyjama mit schmalen scharlachroten Saumstreifen und schillernden Perlmutt Knöpfen. Das Oberteil hatte einen richtigen Kragen und zwei aufgesetzte Taschen, und der Händler gab mir sogar noch ein blütenweißes Damast Taschentuch gratis dazu.

Dieser Kauf war vollkommen unüberlegt und ich konnte mich ja schlecht im Pyjama auf Arbeitssuche begeben. Aber ich hatte das Gefühl, als würde ich mir einen lange unbewusst gehegten Wunsch erfüllen. Ich zeigte ihn der Senora und sie betastete mit ihren leuchtend lackierten Fingerspitzen den Stoff und schüttelte erst den Kopf über meine "Verträumtheit", aber dann lachte sie mir ins Gesicht und sagte "Wenn mich nachts ein Mann in diesem Pyjama besuchte, würde ich ihn nicht wieder wegschicken." Ich glaube, ich errötete, aber ich schätzte, daß sie es nicht als ein Angebot aufgefasst wissen wollte, denn sie war sehr seriös.

"Senor Frogard", sagte sie ein andermal, "ich habe hier einen Anzug, den ein Gast liegengelassen hat, ich glaube, er könnte Ihnen passen." Es war ein schöner, heller Leinenanzug, sehr bequem geschnitten, und er stand mir tatsächlich hervorragend. Ich sagte "Aber was ist, wenn der Herr wiederkommt?" Sie winkte ab. "Ach, das ist lange her, der hat ihn längst abgeschrieben." Ich fragte, was sie dafür verlangte und sie gab ihn mir für umsonst. Ich bedankte mich und sagte, wenn ich irgendwann in einem Club angestellt bin, würde ich sie als mein Gast freihalten.

Die kubanische Musik hatte mich auf Anhieb so gefesselt, daß ich für eine Weile sogar ganz ohne meine geliebten Jazzplatten auskam. Es war eine unbeschreibliche Mixtur aus allen möglichen Rhythmen; man hätte annehmen können, diese Kubaner würden ununterbrochen davon übersprudeln und als wollte das Temperament mit ihnen durchgehen. Aber die echten Kubaner sind sehr diszipliniert, sie verlieren niemals die Beherrschung, geschweige denn den Verstand. Und wenn die Atmosphäre noch so "verrückt" wäre, sie schnappen dennoch nicht über, und das ist auch irgendwie beruhigend.

Bevor ich hier ankam, war mein Gemüt noch erfüllt vom Tango, in den Tagen vor meiner Abreise hatte ich mich in Buenos Aires damit geradezu aufgepumpt, weil ich dachte, das wäre meine letzte Gelegenheit. Die argentinische Tango Mentalität hat etwas Selbstzerstörerisches, das aus dem fatalen Missverständnis zwischen Mann und Frau hervorgeht; der Tango ist immer vom Schatten der Einsamkeit verdunkelt. Ich wusste nicht, was mich erwartet.

Die Kubaner sind ein geselliges Völkchen unter dauerndem Sonnenschein, und das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß sie aus allen möglichen Rassen zusammengewürfelt sind, die sich andernorts bis aufs Messer bekriegen. Natürlich spielt auch die Liebe die Hauptrolle, aber hier ist die Musik ihre Schwester - und nicht der Schmerz, der aus ihr erwächst, wenn sie zerbricht. Das Herz ist ein unscheinbares, ja fast ein belangloses Organ und die Seele bloß so etwas wie ein Versammlungsort der Geister, von denen es allerdings gute und böse gibt.

Die Musik ist für die Kubaner das wirkungsvollste Mittel, um Schwermut und Resignation zu vertreiben und ihr Vorrat ist unerschöpflich. Aber sie zügeln ihren Überschwang mittels ihrer unvergleichlichen Fähigkeit, den Rhythmus zu kontrollieren, ihn zu beherrschen, ihm genau das richtige Maß von Spontaneität und Strenge zu verpassen, das nötig ist, um die Zeremonie und das Erlebnis zu jeder Zeit wiederholen zu können und denselben Genuss von Freiheit und Freude heraufzubeschwören, der anscheinend in den tiefsten Gründen der menschlichen Natur verwurzelt ist.

Besonders die Rumba und der Son Cubano in ihren eher langsamen Varianten hatten es mir angetan. Es war, als würde man mit allen Gliedern und Fasern des Körpers in ein Schaukeln versetzt und man hatte das Gefühl, als wäre das Auf-der-Stelle-Schaukeln eigentlich die ureigenste Fortbewegungsweise des Menschen, zumal wenn man bedachte, daß ja eigentlich alles, was an irgendeinem andern Ort vollbracht werden könnte, genauso gut hier vollbracht werden kann und man dafür nicht erst lange Wege zurücklegen muss.

Keine Ahnung, wo die Senora den Leinenanzug bislang aufbewahrt hatte, ich brachte ihn jedenfalls erstmal in die Wäscherei, und deshalb musste ich am nächsten Tag noch einmal in meiner alten Kluft losziehen. Ich hatte am Vormittag bereits fünf oder sechs Hotels abgeklappert, bis ich (nach einer ausgiebigen Pause im Schatten der Palmen in einem kleinen Park) ins Paso de los Vientos ging, das seinen Namen nach der Meerenge zwischen Kuba und Haiti hat und abgekürzt nur Los Vientos genannt wurde.

Im Foyer war gerade mächtig Trubel, eine Abend Party wurde vorbereitet, überall liefen kostümierte und geschminkte Tänzerinnen, Musiker, Conférenciers, Gepäckträger und auch etliche Reporter umher, die mit Photoapparaten, Stift und Notizblock bewaffnet waren und wohl auf den nächsten prominenten Gast oder Künstler lauerten, um ihm oder ihr ein paar erfrischende Bemerkungen zu entlocken. Angeblich sollte sogar Frank Sinatra dabei sein, der, wie ich inzwischen erfahren hatte, zu dieser Zeit beinahe öfter in Havanna auftrat als in seiner Heimat.

Ich hätte mich gern einfach hineingestürzt in das Treiben, ach, ich war schon soweit, ich hätte sogar die Koffer getragen oder die Autos in die Tiefgarage gefahren oder im Tanzsaal bei den Aufbauten mitangepackt (nur in die Küche hätte ich mich nicht eingeschlichen). Aber ich konnte keinen finden, der mir kurzerhand eine Weisung erteilt hätte. Ich hielt Ausschau nach jemandem, der aussah wie der Manager, aber in dem Gewimmel konnte ich ihn nicht entdecken.

Ganz entmutigt wollte ich das Los Vientos wieder verlassen, und als ich durch den breiten offenen Eingang auf die Calzada de Luyano trat, stürmte mir eine schlanke Schönheit entgegen, in einem dezenten und doch farbenfrohen, luftigen Kleid mit einer Weste, die mich an spanische Stierkämpfer erinnerte und einem federleichten Strohhut mit breiter Krempe auf dem kurzgeschnittenen Haar; an den Füßen trug sie schmale weiße Stöckelschuhe.

Mit ihrer rechten Hand, die in einem ebenso weißen Seidenhandschuh steckte, tippte sie mir im Vorübergehen auf die Schulter und befahl mir (mit einem Blick auf den Berg von Gepäck, das gerade ausgeladen wurde) "Die beiden roten und den kleinen gelben Koffer bringen Sie bitte sofort in meine Suite." Ich war verblüfft, fand aber fast unmittelbar die Worte und fragte "W-w-was ist mit dem Hündchen?" "Prego?" "Ihr Hündchen auf dem Koffer, soll es auch auf Ihre Suite, Signorita?"

Vielleicht war sie verwundert, daß ich so gut deutsch sprach wie sie (dennoch hörte ich ihren italienischen Akzent). Das Hündchen saß ein bisschen verängstigt durch die Hektik drumherum auf dem gelben Koffer und schaute seiner Herrin unschlüssig nach. Sie klapste sich an die Stirn und rief, als hätte sie vergessen, zu Hause die Tür zuzumachen "Ah, Pinocchio! Freilich, du bist ja auch noch da!" Ich sagte "Ich werde mich um ihn kümmern, Signorita, gehen Sie nur."

Sie schenkte mir ein kleines Lächeln und verschwand im Hotel. Der kleinere Koffer passte geradeso unter meinen Arm. Pinocchio hatte ein Halsband mit einer dünnen Leine. Ich schlang das Ende um mein Handgelenk, schnappte die zwei anderen Koffer und ging ebenfalls wieder hinein. Pinocchio vertraute mir offenbar.

In ihre Suite! Zum Kuckuck! Welche war ihre Suite? Da entdeckte ich auf den Koffern die Initialen CV und ich weiß nicht woher, aber mir wurde schlagartig klar, wer die schöne Dame war. Ich kämpfte mich mit der Bagage zur Rezeption durch und sagte "Ich bringe dieses Gepäck in die Suite von Signorita Valente, können Sie mir bitte aufschließen."

Sie gaben mir einen Pagen mit, wir fuhren im Aufzug nach oben und ich stellte das Gepäck in dem großzügigen Zimmer ab. Ich bat den Pagen, eine kleine Schüssel zu beschaffen, damit das Hündchen etwas daraus trinken kann. Noch während ich mit Pinocchio beschäftigt war, erschien ein Mann in der offenen Tür, mir fielen sofort die Ringe mit Edelsteinen an seinen Fingern ins Auge.

Er sagte "Wer bist du?" Ich war drauf und dran zu erwidern, ich sei der persönliche Assistent von Signorita Valente, aber das hätte mich womöglich in Teufelsküche bringen können und außerdem sah ich immer noch aus wie ein gewöhnlicher Laufbursche. Ich sagte "Ich kümmer' mich um das Handgepäck der Signorita und ich beaufsichtige ihr Hündchen." Er nickte wohlwollend, überlegte einen Moment und sagte dann "Uns fehlt noch ein kräftiger Mann für den Bühnenaufbau, kannst du ..." "Ja, Senor, ich kann schwere Sachen heben", fiel ich ihm ins Wort. Er nannte mir Uhrzeit und wo ich mich melden soll.

Ich sagte "Senor! Ist das Sy Oliver und sein Orchester, das Caterina Valente begleitet?" "Nein, das ist eine Band aus Miami", erwiderte er, musterte mich erneut und fragte "Findest du das bedauerlich?" Ich sagte "Ich weiß nicht, ich habe diese Band noch nicht gehört, aber wenn ich ehrlich sein soll: bei Sy Oliver schmettert es mir manchmal zu sehr ... ich meine ... die Bläser ... das ist manchmal ein bisschen zu schrill." Er sagte "Verstehst du denn was von dieser Musik?" "Ich sage nur meine Meinung, ich finde, eine Big Band hat einer Sängerin noch nie gutgetan, das ist, wie wenn man einen glanzvollen Weihnachtsbaum mit Scheinwerfern anstrahlt."

Er lachte, ich fügte hinzu "Na ja, vielleicht kein glücklicher Vergleich." "Wie heißt du?" "Miguel. Ich bin erst seit kurzem hier in Havanna, ich komme aus Buenos Aires." "Und davor?" "Aus Deutschland." Er nickte wieder kurz. "Dann sei nachher zur Stelle!" "Jawohl Senor." Er wandte sich zum Gehen, ich fragte "Darf ich erfahren, wer Sie sind?" "Man nennt mich Maurice." "In Ordnung, Senor Maurice. Und muchas gracias für Ihr Entgegenkommen."

Ich kam erst weit nach Mitternacht in mein Quartier. Ich war total geschafft, aber auch glücklich über den Verlauf der Ereignisse. Ich hatte der Band von Caterina Valente beim Aufbauen geholfen, es waren richtige Profis, die ihre Arbeit und nicht viele Worte dabei machten; es war ein bisschen schwierig, mit ihnen zu plaudern. Sie nannten sich "The Cool Breeze". Ich kann mir kein Urteil erlauben, doch ich glaube, es war für Signorita Valente von Vorteil, mit dieser Band und nicht mit dem Orchester von Sy Oliver hier aufzutreten. Ich hatte ihre Platte "Plenty Valente!" gehört, die in New York aufgenommen wurde, sie hatte wirklich eine phantastische Stimme, obwohl man nicht sagen konnte, daß sie eine reine Jazzsängerin war.

Ich meine, zwischen Caterina Valente und Billie Holiday lagen Welten! (Sie hatten, wie Dr. Kettner sagen würde, einen ganz verschiedenen "Hintergrund") Aber das war ja das Schöne daran: die Valente konnte einen Song wie "Moonlight In Vermont" eben auf ihre eigene Art und Weise interpretieren, und wenn man als Zuhörer in der Lage war, dabei genauso zu empfinden wie sie, dann gefiel einem ihre Version eben besser als die von Billie Holiday oder Ella Fitzgerald, die ihm wiederum etwas gewisses Anderes abgewinnen konnte.

Caterina Valente kam mir beim Singen immer so vor, als würde sie in einem riesigen exquisiten Kaufhaus durch die Abteilung für Damenmode schwirren und hier und da sich etwas am Kleiderbügel vor ihre Figur halten, um damit einen flüchtigen Blick in den Spiegel zu werfen und zu sagen "Hm, ich weiß nicht ... ach' ich probier' mal noch was anderes!" Auch an diesem Abend bei ihrem Konzert kleidete sie sich bestimmt sechs- oder siebenmal um - jedesmal mit einem Affenzahn hinter der Bühne, während die Band schon die Überleitung zum nächsten Song spielte.

Es war immerhin auch ein Sextett, aber sie hatten eben nicht diese überladene Bläser Section, es waren lediglich Tenorsaxophon und Trompete dabei. Es gab einen Gitarristen, eine Mischung aus Billy Bauer und Freddy Green (der bei Count Basie immer so schön "schrumm schrumm" machen konnte) und sie hatten eine wirklich kluge Entscheidung getroffen, als sie das Piano durch ein Vibraphon ersetzten.

Dieser Vibraphonist war einfach eine Wucht. Ich wäre schon beinahe auf die Knie gefallen, als ich ihn vor dem Auftritt ein paar Sachen anspielen hörte. Er hieß Jerry Brentano, das war so gut wie das einzige, was ich aus ihm herauskriegen konnte, als wir uns flüchtig die Hand gaben.

Das Vibraphon hat mich schon immer begeistert, seitdem ich Lionel Hampton in der Benny Goodman Combo gehört hatte, es konnte ebenso spröde wie weich klingen, und Musiker wie Milt Jackson oder Buddy Montgomery haben das Vibraphon auf den exklusiven Rang des Pianos erhoben. Apropos Buddy Montgomery - bekanntlich einer der drei Montgomery Brüder neben Wes Montgomery an der Gitarre und Monk am Bass - sie waren für mich so etwas wie die Heiligen Drei Könige des Jazz!

Ich hatte übrigens im Verlaufe des Abends auch Senor Maurice zwei- oder dreimal gesehen, er konnte sich noch an mich erinnern! Er hatte zwischendurch zu mir gesagt, ich sollte mal in die Küche gehen und ich hatte entgegnet "Tut mir leid, Senor Maurice, ich habe lange genug in einer Küche gearbeitet, das ist mache ich nicht mehr", (was vielleicht ein bisschen übertrieben störrisch klang). "Aber nicht doch, Maikel", sagte er daraufhin, "du rabottest hier seit vier Stunden ohne Pause, du sollst auch mal was essen und trinken, sag' den Leuten in der Küche, Maurice schickt dich, die halten dort was für uns bereit." "Oh, vielen Dank, das Angebot nehme ich gern an."

Es wunderte mich, daß Maurice den Ausdruck "rabotten" benutzt hatte, ich kannte ihn von den Russen, die nach Kriegsende bei uns in G. einrückten. Da standen immer welche auf der Kreuzung am Anger und wir haben uns manchmal mit denen "unterhalten", obwohl es ihnen, glaube ich, verboten war, Kontakt zur einheimischen deutschen Bevölkerung aufzunehmen. Das Wort "Rabotta" bedeutet "Arbeit". Maurice war jedenfalls der erste (und einzige) Mensch, den ich auf dem anderen Kontinent den Ausdruck "rabotten" gebrauchen hörte.

Die Leute in der Küche des Los Vientos waren sehr freundlich, ich verzehrte zwei Sandwiches, die mir irgendwie eindeutig amerikanisch vorkamen und trank eine Coca Cola. (Es gab auf Kuba die größte Coca Cola Fabrik außerhalb der USA.) Caterina Valente begeisterte derweil das Publikum. Ich war Pinocchio übrigens an ihren echten persönlichen Assistenten wieder losgeworden, der verspätet eintraf und sich sogar bei mir bedankte. Er hatte einen schlaffen und etwas feuchten Händedruck, aber er schien ganz sympathisch zu sein.

* * * * *

Kurzgesagt: Senor Maurice war derjenige, dem ich meinen ersten Job in Havanna verdankte. Nach dem "Valente Auftritt" war ich zwei Tage später in meinem frisch gewaschenen und zart gebügelten Leinenanzug zu Senor Maurice in sein Büro in einem kleinen Etablissement auf der Avenida 23 gegangen, wohin er mich "zu einer zwanglosen Unterredung" eingeladen hatte. (Dieses Büro war, wie ich später erfuhr, nur eins von vielen, aus denen er sein Geschäft betrieb - er hatte sogar eins auf einem Fischkutter.)

Er kam gleich zur Sache und fragte mich, ob ich im "Primavera" als Second Music Manager arbeiten wollte. Ich machte innerlich einen Freudensprung bis an die Decke und ich erkundigte mich weder, was das Primavera sei noch was er genau unter einem Second Music Manager verstünde. Er gab mir einen Vorschuss, und als ich das Geld sah, verspürte ich zum ersten Mal in meinem Leben für einen kurzen Augenblick das Gefühl von Gier.

Ich bezahlte meine Miete bei der Senora im Hostel bis zum Monatsende; wir waren beide ein bisschen wehmütig über den Abschied, aber ich versicherte ihr, daß meine Einladung selbstverständlich weiterhin gilt. Sie lachte und gab mir einen Kuss auf die Stirn! Es war fast wie zwischen Mutter und Sohn.

Nach einiger Suche fand ich auf der Calle Corrales und Südende San Nicolás ein hübsches kleines Apartment mit Küche und Bad im zweiten Stock eines Hauses, das der Familie eines Zuckerfabrikanten gehörte. (Ich vergewisserte mich, daß nebenan keine Feuerwache war.) Endlich konnte ich mir einen Plattenspieler besorgen und in den ersten beiden Nächten in meinem neuen Domizil hörte ich mir alle fünfundzwanzig Platten nacheinander an.

Maurice bestand darauf, daß ich das "Senor" weglasse - "jetzt, wo wir sozusagen Geschäftspartner sind". Er fuhr mit mir in seinem Chevrolet Corvette Cabrio zum Primavera, es war ein mittelgroßes Hotel in der Nähe der Küstenpromenade und unweit des Yayabo Clubs, wo es auch ein Casino gab, in dem hauptsächlich Amerikaner und Kubaner aus Florida verkehrten.

Das Primavera hatte im Tanzsaal natürlich eine Bühne, und Maurice hatte erst vor kurzem eine sogenannte "Lichtorgel" angeschafft, die jedoch niemand bedienen konnte. Es gab eine Haus Band, und die war das eigentliche Problem, das Maurice im Primavera zu schaffen machte. Erstmal war keiner der Musiker auffindbar. Bereits nach zwei Minuten kam Maurice in Rage, wie ich ihn mir kaum hätte vorstellen können. Er fuhr die Dame an der Rezeption an, und die telephonierte im Haus herum, bis sie ihm sagen konnte, wo Rico Habema gerade sei. Maurice war sauer, daß er auch noch zu ihm hingehen musste. "Von rechts wegen sollte ich ihn bei mir im Büro antanzen lassen!", schimpfte er, und ich dachte, es wird wohl einen Grund geben, warum er's nicht tut. Ich sah auch gleich, daß das Verhältnis zwischen ihm und dem Bandleader nachhaltig gestört war.

Rico Habema war ein richtig schwarzer Neger, mit blendendweißen Zähnen und glänzenden Kulleraugen. Er spielte die Trompete und er hielt sich für einen legitimen Erben von Louis Armstrong (der freilich noch lebte), er sprach von ihm wie von seinem Vater, er nannte ihn "Big Daddy" und sagte, daß er noch gestern mit ihm telephoniert hätte, 'rüber nach Europa, wo er gerade auf Tournee war. Dann erklärte er Maurice, daß sie jetzt ein neues, dickes Telephonkabel auf dem Meeresboden verlegt haben, zwischen New York und "dieser Stadt in Europa", so dick wie eine von diesen Riesenschlangen aus dem Dschungel und "stellenweise" sogar doppelt so dick. Er saß im Heizungskeller, eine halbleere Flasche Bourbon Whiskey und ein Glas neben sich und er wischte sich (in bester Satchmo Manier) ständig mit einem weißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Maurice achtete nicht auf sein Geschwätz. Er sagte "Das hier ist Maikel Froggert, er ist euer neuer Manager, hörst du!" Bei Habema kam das an wie das Geburtsdatum von Thomas Jefferson, er sagte "Aber Maurice, wozu brauchen wir einen neuen Manager, wir haben doch dich", und es war klar, daß er sich bis jetzt keinen Deut darum geschert hatte, was Maurice ihm sagte. Der war immer noch auf hundertachtzig.

"Ihr verfluchten, dickschädeligen Nigger! Ihr befolgt gefälligst seine Anweisungen oder ich schmeiß' euch raus! Da könnt ihr meinetwegen Baumwolle pflücken gehen oder Erdnüsse aus der Erde buddeln." Habema machte eine schauerliche Geste. "Huuuhhh! Du jagst mir ja 'ne richtige Angst ein, Maurice, pass mal auf, daß dir dabei nicht deine Perücke vom Kopf rutscht, ist die eigentlich vom Pferd? Ist das 'n richtiges koscheres Pferdehaar? Hast du dich das eigentlich mal gefragt?"

Maurice sagte "So was wie letztens bei der Feier von Governor Tracy will ich nicht noch mal erleben, hörst du! Das ist kein Spaß mehr. Geh' nicht zu weit, Rico! Du glaubst, du und deine Scheiß' Niggerjungs, ihr könnt euch alles erlauben. Aber da irrt ihr euch. Ich brauche bloß ein paar guten Freunden Bescheid zu sagen - und ihr seid draußen! Und ihr kommt danach nicht wieder rein, hier jedenfalls nicht." Habema zuckte es um den Mund, er kippte seinen Whiskey hinunter.

Da sprang er plötzlich auf und stürzte sich auf mich, er rief "Sag' mal, ist das etwa mein Anzug!" Er packte mich am Kragen und wendete das Revers um, als wollte er nachsehen, ob darunter sein Zeichen erkennbar wäre; er hätte niemals in meinen Anzug gepasst, trotzdem war ich ziemlich erschrocken. Maurice sagte "Lenk' nicht ab, Rico! Hör' auf mit dem Mist. Den Anzug hat er von mir, den hab' ich ihm gekauft - genau wie deine Klamotten, als du hier ankamst! Du erinnerst dich sicher, als du hier ankamst, mit deinen Jungs, wie eine Bande von Scheiß' räudigen Niggerkötern."

Habema ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen und goss sich ein Glas Whiskey ein. "Und hör' verdammt noch mal mit dem Saufen auf! Du säufst allein mehr Whiskey als hier ausgeschenkt wird." "Nicht nur Whiskey", murmelte Habema, als wär's eine Entschuldigung. Es gab eine Pause, dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf mich und sagte "Kann der eigentlich auch sprechen? Ich meine, wenn er der neue Manager sein will, da muss er sprechen können. Sonst geht das nicht. Auf keinen Fall, Maurice! Auf keinen Fall kann er der neue Manager sein, wenn er nicht sprechen kann." "Aber natürlich kann er sprechen", winkte Maurice genervt ab, und ich sagte "Ich kann sprechen. Und ich kann auch hören. Ich würde gern hören, wie Sie den West End Blues spielen, Mister Habema. Ich denke, man kann sich erst mit Louis Armstrong messen, wenn man diesen Blues wie er spielen kann, sie wissen schon: mit diesem einzigartigen Solo am Anfang."

Er sah mich aus seinen Kulleraugen groß an und für einen Moment dachte ich, er würde sich abermals auf mich stürzen. Maurice lachte aus vollem Hals. Habema sagte erst nichts, dann meinte er, als würde er sich an alte, unwiederbringlich verlorene Zeiten erinnern "Na ja, wenn mir mal so ist, werde ich ihn spielen." "Okay", sagte Maurice und klatschte in die Hände, "und bis dahin wirst du tun, was Maikel sagt. Sind wir uns einig? Sind wir uns einig, Rico?" "Ist ja gut. Ich hab's kapiert, daß er der neue Manager ist."

Die anderen aus seiner Band waren auch nicht anders, sie spielten bei jeder Veranstaltung im Primavera seit, ich weiß nicht wie lange schon, und sie bildeten sich was darauf ein, daß ihnen niemand das Engagement streitig machte, dabei war es bloß so, daß sich das Hotel keine Gastauftritte leisten konnte. Das Primavera lebte von Touristen, die sich ihrerseits nichts Besseres leisten konnten, überwiegend spießige Amerikaner, die im Sog der Geschäftsleute und Prominenten zu einem Kurztrip hierher kamen, weil sie von jenen in den Klatsch Kolumnen der Boulevard Presse gelesen oder davon gehört hatten. Und es gab natürlich einige Reiseveranstalter, die sich auf diese Besucher spezialisierten.

Dementsprechend hatte das Publikum, insofern es sich überhaupt für die Musik, die dargeboten wurde, interessierte, ein "Lower Level", wie Maurice es bezeichnete. Aber Maurice fühlte sich auch nicht berufen, dieses Niveau zu heben, er kassierte bis dahin lediglich seinen Anteil an den Buchungen. Doch die gingen permanent zurück (wahrscheinlich hatten die meisten Touristen bemerkt, daß ihre prominenten Idole, denen sie nacheifern wollten, andere Häuser bevorzugten).

Maurice machte auch keinen Hehl daraus, daß er diesen "Schaben Schuppen" am liebsten lossein würde, aber das wäre nur mit finanziellem Verlust möglich gewesen, und davor fürchtete er sich noch mehr als vor Rico Habema's Eskapaden auf und hinter der Bühne. Er hatte sich daher nach einiger Überlegung dazu entschlossen, dem Primavera einen neuen Schwung zu verleihen und das etwas ramponierte Image aufzupolieren.

Als erstes hatte er die Lichtorgel für die Bühnenshow gekauft, aber er hatte nicht wirklich Ahnung von solchen Dingen (obwohl er sich ja als First Music Manager verstand). Dann kam er auf die bessere Idee, das Unterhaltungs Programm für die Gäste zu "beleben" und zugleich eine neue (und natürlich gehobenere) Klientel für das Haus zu gewinnen. Aber er sah bald ein, daß er dafür mehr Reklame machen musste, und das hätte wiederum Mehrausgaben bedeutet, für die kein Geld in der Kasse vorhanden war. Mittels seiner in der Tat weitreichenden Beziehungen war es ihm sogar gelungen, den ein oder anderen prominenten Gast zu überreden, eine mehr oder weniger private Veranstaltung im Primavera auszurichten, zum Beispiel den erwähnten Governor Tracy. Da hatte sich aber Rico Habema arg daneben benommen und die Show beinahe vermasselt. Keiner hier konnte (oder wollte) mir so genau sagen, was passiert war, aber ich glaube, Habema hat diesen Südstaaten Politiker einen Rassisten genannt.

Maurice war wohl froh, daß er sich nicht mehr länger mit Habema herumärgern musste, wenn er mir die Aufgabe übertrug, ein paar neue Bands und Musiker an Land zu ziehen und das Angebot für die Gäste aufzufrischen. Und gewieft wie er war, wusste er auch genau, ich würde nicht gleich einen Rückzieher machen, zumal er mich mit seinem Vorschuss schon mal geködert und in gewisser Weise abhängig gemacht hatte. Formell verstand er sich immer noch als Erster Music Manager des Primavera, aber praktisch ließ er mir freie Hand.

Habema und seine Jungs waren inzwischen so routiniert, daß sie ihr Programm ohne jede innere Anteilnahme herunterleierten. Sie spielten ein Stück nach dem andern, als würden sie dabei eine Liste abhaken. Sie hatten jedesmal an bestimmten Stellen ein paar Gags auf Lager, um beim Publikum ein bisschen gute Laune zu verbreiten und sich beliebt zu machen, und merkwürdigerweise funktionierte beides ganz gut. Die Leute waren wirklich leicht zu unterhalten. Aber man konnte es Habema und den andern ansehen, wie sehr sie das alles anödete und wie ihr Publikum sie langweilte; nur ihre eigene Arroganz entschädigte sie noch für ihre Mühe.

Sie waren nicht gewillt, sich von mir etwas vorschreiben zu lassen. Sie behandelten mich wie einen Schuljungen, für den ihnen irgendeine staatliche Behörde das Sorgerecht aufgebrummt hatte, obwohl er der Bastard einer Verwandten vierten oder fünften Grades war. Das einzige, was Habema an mir akzeptierte, war mein Urteil in Sachen Musik und mein Leinenanzug, von dem er immer noch glaubte, es wäre seiner.

Irgendwann spielte er mir den West End Blues vor, er glotzte mich dabei die ganze Zeit an als wollte er mir sagen: 'Na, Kleiner, damit hättest du wohl nicht gerechnet!' Ich muss gestehen, er hatte ihn wirklich drauf, er hatte ihn sich einverleibt und man konnte seine Hochachtung vor dem verehrten Kollegen spüren. Aber es strengte ihn auch an, denn er war diese Art des Musizierens nicht mehr gewöhnt und als ich ihn um ein weiteres Stück bat, lehnte er ab und knurrte bloß "Keine Lust auf den alten Kram."

Er kam aus Haiti, dort hatte er früher schon Maurice kennengelernt, der eine Zeitlang in Port-Au-Prince gearbeitet hatte (daher auch dessen französischer Vorname). Dann war Habema ihm nach Havanna gefolgt, und was Maurice über sein schäbiges Äußeres gesagt hatte, als er hier ankam, das entsprach wohl den Tatsachen. Maurice hatte ihm geholfen, in Havanna Fuß zu fassen. Aber Habema sah nicht ein, daß er ihm deswegen für alle Zeiten dankbar sein sollte.

Seine Vorfahren stammten von der afrikanischen "Goldküste", sie waren mit einem Sklavenschiff hergekommen, und er selbst nannte als die bedeutendsten Eigenschaften seiner Sippe: Unbeugsamkeit und Stolz. Das war nicht dasselbe. Unbeugsamkeit bedeutete, sich niemals einem fremden Willen zu unterwerfen. Stolz waren er und seine zahlreichen Verwandten auf ihre lange Geschichte, auf die unzähligen Generationen, die in Afrika ihre Bräuche und ihre Zauber einander überlieferten und die ihre Seelen mit Musik verwöhnten, als man in Europa noch in Höhlen hauste und vor Kälte mit den Zähnen klapperte.

Er verachtete die Europäer, zu denen er natürlich in erster Linie die Franzosen und die Portugiesen zählte, die sein Land überfallen und seine Volksgenossen seinerzeit über den Ozean verschleppt hatten; er empfand es noch heute als Schmach, etwas von ihnen anzunehmen. Als er mich fragte, weshalb ich nach Argentinien ausgewandert wäre, sagte ich, weil ich in meiner Heimat keine Zukunft für mich gesehen hätte. Habema nahm das zur Kenntnis, aber er glaubte mir nicht.

Er behandelte mich von oben herab. Er machte mich für alles verantwortlich, was danebenging, zum Beispiel mit der Lichtorgel, die mit ihren Licht Effekten niemals zur Musik passte. (Immerhin hatte ich versucht, sie überhaupt in Gang zu bringen.) Manchmal fehlte einer von der Band und Habema behauptete, sie könnten so nicht spielen. Ich musste sie regelrecht anflehen, auf die Bühne zu gehen, denn andernfalls hätte das Publikum womöglich Krawall gemacht. Habema wusste das, und es gefiel ihm auch, spitze Bemerkungen über "unseren neuen Manager, Mister Frog Art" fallenzulassen, über die ich allerdings manchmal selber schmunzeln musste. Er konnte die Hinterhältigkeit in Person sein, aber eins muss man ihm lassen: er war nie ohne Humor.

Maurice hatte mir ein paar "Ideen" mitgeteilt, wie ich versuchen sollte, den Laden auf Vordermann zu bringen und vor allem viele neue Gäste hereinzuholen. Er war immer sehr enthusiastisch, wenn es um seine Visionen ging, aber er war Geschäftsmann, jemand, für den ein schneller Handel letztlich wichtiger war als durchdachte Planung. Ich war mir auch bewusst, daß ich das Geld, mit dem er mich bezahlte, selbst verdienen musste, sonst könnte ich meine Arbeit auf Dauer kaum rechtfertigen und Maurice würde früher oder später wieder eine "zwanglose Unterredung" mit mir führen, diesmal aber, um mich zu feuern.

Er hatte mir ein kleines Budget zur Verfügung gestellt, mit dem ich neue Künstler für einen Auftritt engagieren sollte. Ich war viel unterwegs, um Musiker und Bands zu finden, die nur geringe Gage verlangten und denen es etwas bedeutete, selbst in einem drittklassigen Haus wie dem Primavera vor größerem Publikum zu spielen, um dadurch eventuell bekannt zu werden. Nach einer Weile warb ich sogar damit, daß sie vielleicht hier ihre große Chance hätten, "entdeckt" zu werden. Ich merkte jedoch, daß gerade die kubanischen Musiker - und ausgerechnet die wirklich guten - gar keinen Wert auf solcherart Erfolg legten.

Es gab auf den Straßen von Havanna jede Menge Musikanten, aber die Hotels hatten ihre festen Engagements und sie ließen sich, mit Rücksicht auf den Publikumsgeschmack, nicht auf irgendwelche ungewissen Experimente ein. Unter den Hotels herrschte ein erbitterter Konkurrenzkampf, und das Primavera war nicht eben in der Lage, andere zu übertrumpfen. Ich dachte mir, wenn wir schon nicht mehr viel zu verlieren haben, dann sollten wir uns nicht scheuen, etwas Neues auszuprobieren.

Als erstes engagierte ich eine Gruppe aus Puerto Rico, die ich zufällig bei einem Café auf den Aires Libres, dem Boulevard mit den Freiluft Cafés mit ihren bunten Sonnenschirmen und gestreiften Markisen getroffen hatte. Sie spielten traditionelle Musik auf traditionellen Instrumenten, nur einer von ihnen konnte lesen und schreiben, aber es waren hervorragende Musiker. Ich gab ihnen jeweils für mittwochs einen Auftritt. Rico Habema zeigte mir einen Vogel, er sagte, er werde sich bei Maurice über mich beschweren, er werde die Bühne nicht mehr betreten, nachdem dieses "verlauste Pack" drauf gewesen war. Er verlor sogar seinen Humor, als er so wetterte. Ich ließ ihn einfach stehen.

Ich hatte ganz schön Bammel am ersten Mittwoch. Die Musiker hatten die Ruhe weg, offenbar machte es für sie keinen Unterschied, ob sie auf der Straße, bei einem Begräbnis oder im Primavera auf der Bühne spielten. Man konnte von ihnen auch weiß Gott nicht erwarten, daß sie irgendwelche mehr oder weniger zotigen Witze ins Publikum streuten. Im Gegenteil, eines ihrer Lieder widmeten sie der Caridad, der Jungfrau der Barmherzigkeit, die eigentlich die Schutzpatronin Kubas war. (Das erklärte mir übrigens einer der Kellner; ich selber hätte das wahrlich nicht mitbekommen.)

Rico Habema und seine Band hatten natürlich immer nur gängige Tanzmusik präsentiert, und er schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er sich dieses "Bauerngeheul" anhören musste. Aber ich bemerkte, wie er darauf achtete, was sie machten - und mal ehrlich, niemand kann diese Musik ignorieren, wenn er so nahe dran ist. Die Leute konnten zwar nicht dazu tanzen, aber sie liefen wenigstens nicht davon, und als ich mich mit dem Küchenchef und ein paar Kellnern unterhielt, meinten sie, es wären an diesem Abend nicht weniger Gäste als sonst dagewesen.

Das reichte freilich nicht, sondern es mussten mehr kommen! Ich fand eine Truppe von der Nordost Küste Kubas und eine aus Guatemala, die allerdings schon ziemlich "exotisch" klang. Rico Habema fragte sarkastisch, ob er jetzt seine Trompete ins Pfandhaus schaffen und seine Jungs nach Hause schicken soll, wo sie doch gar nicht mehr zum Spielen kämen! (Tatsächlich hatten sie noch die meiste Zeit auf der Bühne für sich.)

Ich holte zum Gegenschlag aus: ich stellte Rico eine Sängerin aus Cartagena in Kolumbien vor, die ich in einer hiesigen Künstleragentur getroffen hatte, und die den Aufenthalt in Havanna als Zwischenstation auf ihrem Weg in die Estados Unidos ausnutzen wollte. Sie hieß Felicia Lobos und sie hatte ihre Begleitband in Cartagena zurückgelassen, denn das was sie vorhatte, konnte sie nur allein bewerkstelligen. Aber sie hatte jede Menge Notenmaterial dabei, jedes ihrer Lieder war eine richtige Komposition und aufgeschrieben, ja sogar gedruckt worden - und diese Lieder hatten es in sich.

Ich wusste, daß Rico Habema gegenüber Frauen der liebenswürdigste Mensch sein konnte (und ich war so frech gewesen, ihr zu versichern, Habema brenne darauf, sie bei einem Auftritt im Primavera musikalisch begleiten zu dürfen.) Sie war nicht mehr die Jüngste und sie war ziemlich korpulent, doch das wirkte sich offenbar vorteilhaft auf ihre phänomenale Stimme aus. Sie besaß eine fast aristokratische Ausstrahlung, und ich weiß nicht genau, ob es das war, was Rico Habema so beeindruckte, er ließ sich jedenfalls dazu hinreißen, ein paar "Probeaufnahmen" mit seiner Band und mit Felicia zu machen.

Das war an einem Sonntagvormittag auf der Bühne im leeren Tanzsaal, wo zwei Putzfrauen gerade das Parkett wischten und die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen und die Staubkörnchen anstachelten, die in der Morgenluft auf- und abschwebten. Rico's Musiker hatten sich um das Notenpult mit Felicia's Liedern geschart, und es zeigte sich, daß er und seine Leute echte Vollblut Musiker waren, die sich ohne größere Schwierigkeiten in fremde Songs hineinversetzen konnten - wenn sie nur wollten.

Felicia stand im weiten, blauen Kleid hinter dem Mikrophon, und als sie anfing zu singen, lief mir wirklich ein Schauer über den Rücken und ich musste schwer mit den Tränen kämpfen. Das war einer der Momente in meinem Leben, in denen ich mich so frei wie ein Vogel fühlte, der, wann immer er will, sich von dieser Erde abheben und durch die Lüfte davonfliegen kann.

Als ich ein Ensemble aus Veracruz engagierte, hatte der Küchenchef eine Idee: er würde für diesen Abend mexikanische Spezialitäten auf die Speisekarte setzen - und das erwies sich als voller Erfolg. Unsere Veranstaltungen sprachen sich herum, es kamen immer mehr Gäste und es kamen auch Musiker, die bei uns auftreten wollten; ich hatte die Wahl, ich sparte nach wie vor an den Gagen und ich sorgte für Umsatz und steigende Einnahmen. Ich sprach mich immer öfter mit dem Küchenchef ab und akzeptierte seine Vorschläge.

Maurice' abfällige Bemerkung mit dem "Schaben Schuppen" war übrigens keineswegs gerechtfertigt, die Küche war absolut sauber und der Chefkoch hatte selbst ein strenges Auge auf alles. Der Küchenchef konnte Maurice nicht besonders leiden, irgendetwas war zwischen ihnen vorgefallen. Er klärte mich darüber auf, daß Maurice eigentlich Moritz Schleptau heißt und aus Galizien stammte, wohlgemerkt nicht das spanische Galicien, sondern das polnisch-russische Galizien, das einst sogar zum österreichischen Kaiserreich gehörte. Daher hatte Maurice also seine russischen Ausdrücke.

Maurice kam immer mal vorbei und war jedesmal hocherfreut über die Fortschritte, die das Primavera machte. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte "Maikel, ich hab's gleich gesehen, was in dir steckt, deshalb habe ich dir diese Chance gegeben, denn ich wusste, du machst was draus!" Ich war natürlich froh über seine Worte, aber irgendwie klangen sie ein wenig bedauerlich.

Wenn ich abschalten wollte, spazierte ich auf dem Malecón am Ufer entlang und beobachtete das Treiben der Leute und lachte über die Kinder und Jugendlichen, die vor dem Wasserschwall zurückwichen, den die Wellen im hohen Bogen auf sie schleuderten, wenn sie gegen die Kaimauer klatschten. Wenn ich genug Zeit hatte, ging ich bis zum Castillo de San Salvador, wo man sich auf dem sonnengewärmten Stein niederlassen und ausruhen konnte.

Ich dachte manchmal an Sylvia Marsal, ich versuchte immer noch, ihr Wesen zu ergründen und in mir wachzurufen, was mich an ihr so fasziniert hatte. Ich musste daran denken, wie ich ihr das erste Mal nahe gekommen bin, als ich ihr das Buch mit den Gedichten von Alfredo Bufano schenkte, weil ich glaubte, ihr damit eine wirkliche Freude zu machen, was mir ja auch geglückt war.

Als wir in San Rafael in ihrem Elternhaus bei ihrer Familie waren, hatte Sylvia den Bufano auch dabei, sie las mir manchmal daraus vor und ich muss gestehen, aus ihrem Munde klangen diese Verse nochmal so schön. Allerdings hatte ich manches davon nicht verstanden, ich meine, ich konnte es vom Sinn her nicht deuten. Es gab da ein Gedicht mit dem Titel "Colores". Da war von "humo rosado de los tamarindes" die Rede - rosenroter Rauch der Tamarinden? Oder von den "laberintica nieve del ciruelo" - Schnee Labyrinthe der Pflaumen? Und was für Birnenbäume waren diese "tremulos perales"?

Ich fragte Sylvia und sie schaute mich groß an, als wunderte sie sich, daß ich kein Gespür dafür hätte. Ich sagte, es gefiele mir sehr und ich dächte, ich könnte so etwas wie den Wohlklang der Poesie dabei empfinden (Sylvia lächelte milde), aber ich würde mir gern vorstellen können, welches Bild, welche Erscheinung der Natur der Dichter dabei vor Augen hatte, als er das schrieb.

Später besuchten wir ihre Großmutter. Sylvia erzählte mir, auf dem Nachbar Grundstück wohnt eine Senora Carmen, die einen wundervollen kleinen Garten habe. Und als es bei ihrer Großmutter am Tor klingelte und Sylvia, die gerade mit Kuchenbacken beschäftigt war, mich bat, ich möge nachsehen, wer das ist, da stand besagte Senora Carmen vor dem Tor, ein kleines Mütterchen mit Kopftuch und einem Antlitz, das früher bestimmt sehr schöne Züge gehabt hatte, und sie fragte mich, ob ich einen Blick in ihren Garten werfen wollte, ganz so, als wäre ich ein weitgereister Botaniker.

Ich sagte, sehr gern, und dieser Garten war wirklich eine Pracht, mit allerlei Pflanzen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie versuchte, mir irgendetwas klarzumachen, das mit dem Heiland und ihrem Garten im Zusammenhang stünde und ich verstand nur soviel, daß Jesus Christus höchstpersönlich von Zeit zu Zeit in diesem Garten erschiene und sich an seiner stillen Schönheit und edlen Fülle erfreue. So versicherte es mir Senora Carmen und ich nickte freundlich. Ich erzählte es dann Sylvia, und sie lachte und meinte, wenn Senora Carmen das sagt, wird es wohl stimmen.

Und beim zweiten Mal hatte Sylvia das Buch dabei, und wie wir am Kaffeetisch saßen, sagte Sylvia zu ihrer Großmutter, ob sie mir eventuell ein paar Hinweise geben könnte, wie die fraglichen Stellen in dem Gedicht "Colores" zu verstehen seien. (Sylvia hatte mein Begehren also nicht vergessen!) Ihre Großmutter sagte daraufhin, da müsse man Senora Carmen fragen, die wüsste so etwas.

Sie rief über die Mauer zwischen beiden Grundstücken: "Carmen? Bist du da?" "Ja", antwortete Carmen, "was gibts?" Sylvias Großmutter sagte: "Wir haben hier ein Gedicht von Bufano (als würde jeden Morgen eins im Radio vorgetragen werden), da heißt es (und sie nannte die Formulierungen), weißt du, wie das gemeint sein könnte?"

Keine Antwort, und ich dachte: na ja, eben eine seltsame Frau! Plötzlich kam es von jenseits der Mauer herüber: "humo rosado de los tamarindes - das ist, wenn du in der Ferne einen Hain mit blühenden Tamarinden erblickst, dann sieht das aus wie rote Rauchwolken. Und die Pflaumen haben von allen die weißesten Blüten, man kann sich dazwischen verlaufen wie in einem Labyrinth. Was war das dritte? Ah ja, tremulos perales. Habt ihr denn noch nie beobachtet, wie ein Birnbaum im Wind geschüttelt wird? Ganz anders als beispielsweise ein Olivenbaum, und deswegen heißt es tremulos perales und nicht tremulos olivos." - Ich dachte: Oh glücklicher Alfredo Bufano! Was kann einem Dichter Schöneres widerfahren, als daß ihn seine Landsleute nicht nur kennen, sondern auch verstehen!

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Sylvia diese Erklärungen insgeheim auch gewusst hat, immerhin war sie ja in San Rafael aufgewachsen und hatte als Kind gewiss ähnliche Erscheinungen wahrgenommen. Vielleicht wollte sie mich bloß nicht belehren, als ich danach fragte, denn das war eine ihrer größten Tugenden: ihre Zurückhaltung bei allem, was einen andern Menschen innerlich verletzen könnte.

Deshalb hatte sie sich auch hinter dem Rand ihrer großen Teetasse bedeckt gehalten, als sie mich damals fragte, ob ich etwa anfange herumzulungern. Und deshalb war es ihr wahrscheinlich auch so schwer gefallen, diesen Abschiedsbrief zu schreiben, und nur die Sorge, sie könnte mir noch viel mehr wehtun, wenn sie es unterließe, hatte sie davon überzeugt, daß es richtig sei, es zu tun.

Eines Tages bestellte mich Maurice zu einer "zwanglosen Unterredung" zu sich ins Büro. Ich ahnte nichts Gutes, obwohl ich mir kaum erklären konnte, worüber er sich beklagen sollte. Das Primavera hatte sich tatsächlich gemausert, es warf inzwischen sogar einen kleinen Gewinn ab, wie mir der Hoteldirektor persönlich mitgeteilt hatte.

"Oh ja, natürlich, Maikel", sagte Maurice, "ich bin damit vollauf zufrieden, mehr habe ich nicht erwarten können", und ich machte eine verdutzte Miene. Er bot mir eine Zigarre an, ich lehnte ab, er versuchte es mit einem Glas bestem Havanna Club, ich schüttelte den Kopf. "Es ist nur so", fuhr er fort, "der Zeitpunkt ist gerade sehr günstig." "Welcher Zeitpunkt, Maurice? Wovon sprechen Sie?" "Es gibt einen Investor, der an der Übernahme des Primavera interessiert ist." "Na, das ist doch eine gute Nachricht!" "Ja, das ist eine gute Nachricht, und ich werde dem Angebot zustimmen." "Ich dachte, Sie wären lediglich an den Buchungen beteiligt?" "Ja, bin ich auch, aber nicht nur lediglich daran. Ich bin ehrlich zu dir Maikel, ich kassiere bei dem Deal eine Provision, und die ist in einer Größenordnung, daß ich töricht wäre, sie mir entgehen zu lassen."

Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich "Es ging Ihnen also von vornherein darum, das Primavera auf einen Stand zu bringen, auf dem Sie es gewinnbringend abstoßen können?" Maurice schwieg, aber er sah mich ungeniert an, so ungeniert, daß es schon wieder aufrichtig war. "Tut mir leid, Maikel, aber so ist das Geschäft." Ich sagte "Warum sollte ich herkommen? Ich habe doch mit dem Handel nichts zu tun?" "Die neue Geschäftsleitung wird ihre eigenen Leute einsetzen - und das betrifft leider auch deinen Posten."

Es schnürte mir den Hals zu, ich krächzte "Könnte ich doch ein Glas Rum bekommen?" "Aber selbstverständlich!" Er goss mir einen doppelten ein, ich kippte ihn hinunter. Ich sagte "Was sollen die denn besser machen als ich?" "Die können es nicht besser machen als du", erwiderte Maurice, "ich vermute, sie werden deinen Posten sowieso streichen. Tja, Maikel, auf diese Entscheidungen haben wir leider keinen Einfluss." "Was ist, wenn ich mich weigere zu gehen?" "Wie meinst du das?"

"Maurice, Sie können mich doch nicht einfach so rauswerfen, nach allem, was ich für Sie getan habe!" Er sagte "Vergiss nicht, daß ich zuerst etwas für dich getan habe, ich glaube nicht, daß wir uns gegenseitig etwas schuldig sind, oder irre ich mich?" "Nein, Sie haben recht." Er sagte "Ich möchte dir die Lichtorgel schenken, gewissermaßen als eine kleine Abfindung." Ich wusste nicht, ob ich lachen oder heulen soll. "Das mag dir merkwürdig vorkommen, aber wer sonst könnte damit am ehesten etwas anfangen?" "Wo soll ich die hinstellen, etwa bei mir in die Küche?"

"Sei nicht so gehässig zu mir. Ich habe einen Lagerschuppen, da kannst du sie solange unterbringen." Ich fragte "Was ist mit Rico Habema und seiner Band? Werden sie auch gefeuert?" "Ich habe mit dem neuen Management ausgehandelt, daß Rico ein halbes Jahr Auftrittsgarantie erhält." "Ach ja! Und für mich haben Sie nichts dergleichen erreicht?" Meine Stimme ging in die Höhe, Maurice blieb ruhig, er sagte "Maikel, was würde dir das nützen?"

Ich schwieg, ich schaute zur Seite, Maurice füllte in aller Seelenruhe mein Glas, er sagte "Ich weiß, daß das für dich nicht bloß ein Job war", ich trank das Glas aus, "ich mag dich, ehrlich. Ich will dich nicht einfach loswerden. Ich mache dir einen Vorschlag, und wenn du ihn annimmst, dann unter der Bedingung, daß du mir das hier nicht übelnimmst." "Also eine Art doppelte Erpressung", fauchte ich. "Wenn du das so siehst, kann ich nichts für dich tun." Ich hielt ihm das Glas hin, er sagte, indem er einschenkte "Du wirst dich aber jetzt nicht totsaufen deswegen, oder? Schade wär's."

"Was für ein Vorschlag?" "Ich zahle dir für den nächsten Monat deinen Lohn, da hast du Zeit, dir was Neues zu suchen, einverstanden?" Ich akzeptierte es, was blieb mir auch anderes übrig. Wir gaben uns die Hand, ich fragte "Kann ich die Flasche mitnehmen?" Maurice sagte "Ja, ist für dich. Alles Gute, Maikel." "Ihnen auch Maurice."

Ich ging nach Hause, legte mir John Coltranes Blue Train auf und tröstete mich mit dem Havanna Club, bis ich so voll war, daß ich aufs Bett fiel und meinen Rausch ausschlief. Ich ging erst am übernächsten Tag ins Primavera, ich sagte mir, ich rühre dort keinen Finger mehr! Sie wussten Bescheid. Ich organisierte einen Lieferwagen und schaffte die Lichtorgel in den Lagerschuppen, am liebsten hätte ich sie im Hafenbecken versenkt. Rico Habema sagte zu mir "Nimm's nicht so schwer, Junge, es geht immer irgendwie weiter!", und dann umarmte er mich tatsächlich, und ich musste mich schon wieder beherrschen, damit mir nicht die Tränen herauskullerten.

Ich hing drei oder vier Tage untätig herum, ich spazierte die Uferpromenade enlang, schlenderte durch den Central Park und starrte wohl eine Stunde lang aufs Kapitol. Maurice hatte mir einen Schlüssel für den Lagerschuppen gegeben, der etwas abseits hinter den Bahngleisen lag. Als ich die Lichtorgel hingeschafft hatte, war mir aufgefallen, daß allerhand Sachen dort herumstanden und verstaubten, aber ich hatte nicht genauer nachgesehen.

Jetzt dachte ich: 'Vielleicht ist irgendwas Brauchbares dabei'. Ich kam mir vor wie jemand, der nach einer Spur sucht, die zu einer neuen Beschäftigung führt; und irgendwie hatte ich mit Maurice innerlich noch nicht ganz abgeschlossen, möglicherweise konnte ich ja wegen dem Kram nochmal zu ihm hingehen.

Aber das waren ziemlich unnütze Sachen (und die Lichtorgel passte hervorragend dazu), mit denen ich nichts anfangen konnte. Es gab ein paar Teile, die offenbar aus einer Café- oder Kneipen Einrichtung stammten, unter anderem ein Gefrierschrank mit Glastür und eine Kaffeemaschine. Dann entdeckte ich zwei große Lautsprecherboxen, Mikrophone und einen Röhrenverstärker, der auf den ersten Blick noch ganz gut aussah, aber es gab in diesem Schuppen keinen Stromanschluss, damit ich ihn wenigstens hätte anschalten können.

Ich machte alles wieder dicht und überlegte eine Weile hin und her. Und als ich zu Hause war, hatte ich plötzlich eine Idee. Ich fuhr zu Cayenne Alvarez und unterwegs wurde mir bewusst, daß ich das schon die ganze Zeit vorhatte. Und als ich dort ankam, fiel mir ein, wie ich Sylvia im Hospital besuchte und da auch gerade ohne Arbeit war und wie sich dann alles so gut gefügt hatte.

Diesmal machte mir Isabel auf, sie hatte den Bogen mit dem Blechtor irgendwie heraus, damit es nicht erst klemmte. Sie hatte ihre blonden Haare zu zwei Zöpfen geflochten und ihr einer Schneidezahn hatte das Zeitliche gesegnet, aber man konnte den neuen schon sehen. Sie war barfuß und hatte ein blauweiß gestreiftes Kleid an. Sie rief "Saladin hat schon wieder das trabajo ausgegraben!" "Er hat was?" Sie lief gleich zurück zu den anderen.

In einer Ecke des Hofs waren Ramón und Cayenne dabei, ein Loch auszuheben. Ramón trug anscheinend dieselbe Hose und das Unterhemd wie beim letzten Mal, er schaufelte die trockene Erde auf ein Häuflein. Cayenne stand daneben und gab ihm Anweisungen, sie sah gut aus, obwohl sich ihre Miene wegen Saladins Freveltat etwas verfinstert hatte. Der Hund hockte abseits am Haus, wohin er offenbar verbannt worden war, und schaute aufmerksam zu.

Cayenne grüßte mich nur mit einer flüchtigen Kopfbewegung, Ramón nahm gar keine Notiz, die beiden waren vollauf beschäftigt. Cayenne hielt ein Stück geschnitztes Holz in Händen, an dem irgendwelche bunten Perlen und noch etwas anderes hingen, und das war es wohl, was Isabel meinte. Die Ablenkung ausnutzend hatte sich Saladin herangeschlichen, Isabel rief "Geh', du Bösewicht!" Sie streckte drohend den Zeigefinger aus. "Dorthin! Und rühr' dich nicht vom Fleck!" Er machte erst einen großen Bogen um die Stelle am Haus, bevor er sich umständlich da niederließ.

Ich fragte "Was ist das?" Cayenne murmelte "Nichts. Nur ein Stück Holz." Isabel brannte darauf, es mir zu sagen. "Es ist ein Amulett! Es bringt jemandem Bestimmtes Unglück!" "Isabel!" "Saladin hat es schon viermal rausgeholt. Beim siebten Mal wird er mitvergraben." "Isabel!" Ramón fluchte, weil die Erde so hart war, er schürfte mit der Schaufel immer nur eine Handvoll ab, es gab ein unangenehmes Kratzen.

Cayenne sagte "Das reicht", und warf das Holzstück in das Loch, Isabel machte eine Geste, als würde sie mit den Fingerspitzen Öl ins Feuer spritzen, "Chi-chi!" machte sie dabei. Ich war so vorlaut zu sagen "Vielleicht sollte man einen großen Stein drauflegen." Cayenne sah mich mit einem Ausdruck an, der lautete: 'Darauf kann nur einer kommen, der keine Ahnung hat'. "Schütt' es zu", sagte sie zu Ramón.

Cayenne ließ uns alle zurück und ging ins Haus, sie watschelte wie eine Ente und hielt sich mit einer Hand die rechte Hüfte, ihr breiter Hintern schwang nach beiden Seiten. Ich fragte Isabel "Was ist mit ihr?" "Na, das sehen Sie doch, Er hat sie angeschossen." "Wer ist er? Wenn man fragen darf." "Der mich gemacht hat." Ramón knurrte "Halt die Klappe, Isabel." "Und dann hat Er uns beide sitzengelassen. Er hat sich nicht mal danach erkundigt, wie ich heiße." Sie sagte das ohne eine Spur von Bedauern, aber voller Zorn. Cayenne war im Haus verschwunden, Ramón klopfte mit der Schaufel die Erde fest.

Ich fragte "Hat Saladin was damit zu tun?" Isabel wandte sich an Ramón, "Hat Saladin eigentlich was damit zu tun?" Ramón sagte "Er hat den Hund ins Haus gebracht." "Ach so? Ich dachte, du hast ihn ins Haus gebracht." "Nein. Er war's. Aber der Hund ist anders", fügte er hinzu. Isabel schaute zu ihm hinüber und Saladin gab sich einen Ruck zu ihr hin, "Ja, manchmal ist er irgendwie anders", meinte sie. "Au! Scheiße! Wo kommen denn jetzt auf einmal die Ameisen her!" Es gab solche winzigen Ameisen, die sehr angriffslustig waren und Isabel jetzt in den nackten Fuß gebissen hatten. Sie rief "Caya! Er hat uns Ameisen auf den Hals gehetzt!" und verschwand ebenfalls im Haus.

Ich sagte zu Ramón "Ich glaube, ich gehe wieder." "Ja, besser isses", brummte er und trat mit seinen ausgelatschten Schuhen auf den kleinen Erdhügel. "Adiós." "Adiós, Companero." Ich war fast am Tor, da rief Cayenne aus dem Küchenfenster "Haben Sie denn was gefunden?" "Bitte?" "Ein Quartier?" "Oh ja." "Wo?" "Auf der Calle Corrales, Höhe San Nicolás." "Teuer?" Ich war wieder ein paar Schritte nähergekommen. "Ich finde es günstig." Sie schwieg einen Moment, dann fragte sie "Und sonst?" "Ja. Sonst ist auch alles in Ordnung." "Na dann." "Ja, dann ... einen schönen Tag noch, Senorita Alvarez." "Ihnen auch, Miguel."

Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Eine Woche später, als ich auf der Uferpromenade entlangspazierte, sah ich auf der andern Seite eine Gruppe von jungen Leuten, auch Kinder dabei, und auf der Mauer saß einer, der Gitarre spielte, sie waren recht ausgelassen. Und wie ich vorbeiging, kläffte ein Hund nach mir und ich sah, daß es Saladin war, der mich erkannt hatte. Und ich erkannte Isabel, und da war Cayenne, die sich mit den andern unterhielt, sie hatte eine Coca Cola Flasche in der Hand und sie hatte jede Menge Armreifen an und auch große glänzende Ringe an den Ohren, und als sie mich sah, winkte sie zu mir herüber und ich winkte zurück. Aber ich ging weiter und als ich mich unauffällig umdrehte, war sie schon wieder mit den andern beschäftigt.

Und dann geschah etwas, worauf ich eigentlich gehofft hatte. Als ich einmal aus der Calle Galiano auf die Neptuno um die Ecke bog, hielt neben mir auf der Straße ein Wagen, und es war der Chevrolet Corvette Cabrio von Maurice, er rief "Maikel! Gut daß ich dich treffe, steig' ein, ich will dir was zeigen." Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ich mich freute, ihn wiederzusehen, denn ich glaubte immer noch, daß es ernst gemeint war, als er gesagt hatte, er könnte mich gut leiden. Aber ich wartete auf eine Bestätigung - und die Lichtorgel hatte mich eher enttäuscht!

Ich fragte "Was macht das Primavera?" "Bitte? Ach so, dieses Hotel ... keine Ahnung, wird wohl so laufen." "Sie waren nicht wieder dort?" "Nein, warum sollte ich? Ich kassiere zwar immer noch was, aber ich muss mich um nichts mehr kümmern. Und du? Hast du was Neues?" "Nein, noch nicht." Maurice sagte "Um so besser!"

Er fuhr mit mir in eine Straße im Stadtteil Vedado, und wir hielten vor einem Haus, dessen Eingang und breites Schaufenster mit Gittern verschlossen und gesichert war, anscheinend war hier einige Zeit nichts los gewesen. Obendrüber hing ein Schild mit dem Schriftzug "El Faraón" und zu beiden Seiten waren zwei Skarabäus Käfer gemalt, alles war ziemlich verblasst.

Wir gingen durch ein Tor und um das Gebäude herum, und ich sah, daß dahinter ein kleiner Hof und ein halbverwilderter Garten waren, mit einem morschen Bretterzaun gegen die Nachbarhäuser abgegrenzt. Maurice hatte zu allen Türen einen Schlüssel. Ich fragte "Was ist das?" "Ein Club." "Gehört er Ihnen?" "Noch nicht."

Wir betraten es durch den Hintereingang, im Flur waren Barhocker gestapelt und für einen Moment musste ich an die Galerie in Don Umbertos Restaurant denken, an der andern Seite waren große Wandspiegel abgestellt. Es roch nach altem Tabakqualm und nach Terpentin, was wahrscheinlich vom Fußboden kam.

Maurice öffnete im Vorbeigehen ein paar Türen und warf einen Blick hinein, es gab eine Küche und eine Toilette und ein Büro und überall jede Menge Spinnweben. Maurice nahm den Hörer vom Telephon und drückte mehrmals auf die Gabel und als er das Freizeichen vernahm, sagte er "Funktioniert." Der Gastraum war offenbar so geblieben, wie ihn der letzte Betreiber verlassen hatte. Ich zählte ein gutes Dutzend Tische mit Caféhaus Stühlen. An der Längsseite war eine Bar mit Tresen, und an die Wand dahinter gehörten wohl die Spiegel und Regale für die Spirituosen. Ein paar Sachen aus der Einrichtung waren mitgenommen worden, und zur Vorderseite hin war in der Decke ein Loch und es hatte durchgeregnet.

Ich fragte Maurice "Warum ist es außer Betrieb?" "Was weiß ich", erwiderte er, "ist doch gut, oder? Gefällt es dir?" Ich entdeckte die kleine Bühne, sie war wie eine Kapelle zur Andacht. Ich sagte "Was haben Sie denn vor, Maurice?" "Ich dachte, es gefällt dir." "Waren Sie vorher schon hier?" "Nein." "Warum heißt es 'Pharao'?" "Keine Ahnung, vielleicht gehörte es einem Ägypter." "Einem Ägypter?" "Na ja, wenn es einem Chinesen gehört hätte, würde es doch bestimmt 'Mao Tse Dong' heißen, oder nicht?"

Ich sagte "Ich geb' mal einen Tip ab: Sie wollen mich fragen, ob ich den Laden übernehmen will!" "Das wollte ich, aber jetzt bist du mir zuvorgekommen. Was hälst du davon?" Er knipste an den Lichtschaltern, aber es tat sich nichts. "Na ja, die Leitungen und den ganzen Kram müsste man erneuern und ...", er stürmte in die Küche und drehte am Wasserhahn, es gluckste und röchelte und dann kam ein dünnes, dunkles Rinnsal heraus, aber gleich darauf wurde es straffer und klarer, "... na also, wer sagt's denn! Prekrasno!"

Er hatte mir einen Tag Bedenkzeit gegeben, er sagte, länger könne er nicht warten, ich fragte "Worauf?", er sagte "Bis ich es jemand anderem überlasse." Am Abend ging ich nochmal hin, es zog mich mit Macht an. Ich nahm einen Stuhl und setzte mich auf die kleine Bühne, ich sah die Gäste vor mir an den Tischen, ich sah haufenweise junge Pärchen, die sich hierher verirrt hatten und glücklich waren, daß sie das El Faraón gefunden und es ihre gute Laune gerettet hatte. Und ich hörte um mich herum die Jazz Combo dieses Wahnsinns Trompeters, der ebenjenen frischverliebten Pärchen diesen Abend versüßte.

Ich sah den einsamen Mann, der schon seit Tagen immer auf demselben Platz saß und seinen Kaffee und den Rum trank und der einen unsäglich traurigen Ausdruck in seinen Augen hatte, daß man am liebsten hingehen und ihm sagen wollte "Kommen Sie morgen bestimmt wieder, Senor! Alles was Sie bestellen, geht aufs Haus", nur um ihm das Leben zu retten.

Ich sah die drei jungen Kubanerinnen, die genau dem Typ entsprachen, von dem Eduardo mir vorgeschwärmt hatte, und die Ausschau nach den smarten Liebhabern hielten, welche aus dem Geschäftsviertel oder sogar aus Marianao hierher gekommen waren, um nach einem anstrengenden Arbeitstag abzuhängen und sich zu zerstreuen, und die wahrlich nicht knausrig mit dem Trinkgeld und nicht abgeneigt waren, die Nacht zu zweit zu verbringen.

Und ich sah den bettelarmen Companero, unrasiert und mit wirrem Haar, in einer Kluft, deren Aroma man nicht eben blumig nennen konnte, der schon die ganze Zeit von draußen hereinschaute und sich niemals getraut hätte einzutreten, weil er es gewohnt war, daß man den Hund auf ihn hetzt, und den man erst überreden musste, an den Hintereingang zu kommen, damit man ihm ein eingepacktes Sandwich und eine Flasche Bier in die Hand drückt.

Ich sah sogar den Zuckerbaron, der seinem Reichtum für einen Moment entflohen war; ich sah die verwegenen Studenten, die in hitzigen Diskussionen über eine humanistische Gesellschaft alle Zeit vergaßen; und ich sah die stille, unscheinbare Frau, die sich extra hübsch gemacht und sich, gegen alle Konvention, überwunden hatte, allein in das Lokal zu gehen, sich allein an einen freien Tisch zu setzen und allein einen hochprozentigen Cocktail zu bestellen, und die es genießen durfte, daß niemandes Blick sie dafür strafte.

Denn im El Faraón waren alle Menschen gleich und keiner besser oder schlechter als der andere. Ich ließ unwillkürlich einen Lacher los bei dieser grandiosen Vorstellung, und es gab keinen Zweifel daran, wie meine Antwort an Maurice lauten würde. Als ich bei ihm war, telephonierte er gerade, und ich sah, daß es ein wichtiges und wohl auch längeres Gespräch werden würde. Ich schrieb etwas auf einen Zettel und schob es ihm hin, er nickte mir zu, und ich ging wieder.

Ich besuchte abermals Cayenne Alvarez, doch diesmal hatte ich einen echten Grund! Vor dem Tor hörte ich von drinnen die Mädchen auf dem Hof. Ich klingelte und Isabel kam, sie sagte "Caya ist nicht da, ich darf niemanden hereinlassen." Ich sagte "Ist in Ordnung, Isabel. Ist Ramón da?" "Nein." "Weißt du vielleicht, wo ich ihn finden kann?" Sie überlegte. "Ich glaube, er ist manchmal am Almendares." "Am Fluss?" "Ja, er arbeitet da in einem Bootshaus - sind Sie wegen ihm hergekommen oder wegen Caya?" "Eigentlich wegen ihm." Sie schwieg. Ich sagte "Ist Saladin artig?" "Ja ja. Ich muss jetzt wieder weitermachen." "Ist gut - Isabel!", rief ich ihr nach, "Ja, was ist?" "Sag' Caya bitte, daß ich hier war." "Mach' ich. Hasta luego!" "Hasta luego."

In den nächsten Tagen stürzte ich mich mit Feuereifer in meine Aufgabe, das El Faraón herzurichten. Maurice hatte mir ein paar Männer geschickt, die mir beim Aufräumen halfen, sie machten auch die Decke wieder dicht. Wir schafften den Müll fort. Dann kam ein Hausmeister von irgendeinem von Maurice' Hotels und brachte die Elektrik in Ordnung. In der Toilette war ein Rohr verstopft und in einem der Abstellräume gab es ein Rattennest. Ich schaute mir auch den verwilderten Garten an und entschied, daß ich ihn später in Angriff nehmen würde.

Ich kümmerte mich um den Gästeraum. Mir fielen die Sachen ein, die in dem Lagerschuppen waren, und ich holte als erstes den Gefrierschrank, der einwandfrei funktionierte, als wir ihn in Betrieb setzten. Später brachte ich auch den Verstärker und die Lautsprecher her, denn ich wollte so schnell wie möglich die Bühne für die Musik vorbereiten. Wir hängten die Spiegel hinter dem Tresen auf, und als soweit alles wieder in Schuss war, kamen drei Putzfrauen, die im Voraus bezahlt werden wollten, sie verlangten ein hübsches Sümmchen, aber ich stellte dann fest, daß sie jeden Peso wert waren.

Nach dem Hausmeister schickte mir Maurice einen Barkeeper, der mit mir eine Liste erstellte mit allem, was ich an Getränken brauche, um zumindest ein "Eröffnungs Angebot" zu haben. Er inspizierte die Küche (er verstand auch etwas davon), ich sagte, ich wollte mich zunächst auf einige kalte Speisen beschränken, und er empfahl mir eine Firma, die solche Sachen fix und fertig ins Haus liefert und auf die man sich in jeder Hinsicht verlassen konnte.

Als ich gerade dabei war, die Kaffeemaschine auszuprobieren, klopfte vorn jemand an die Tür, er sagte, er sei ein Anstreicher und Schildermaler und wenn ich dies wünschte, würde er das Schild draußen über dem Eingang aufpolieren. Ich fragte, was es kostet und fand den Preis okay, und als ich mir die Außenfront dann anschaute, meinte ich, daß die ganze Fassade einen neuen Anstrich vertragen könnte, und das erledigte er ebenfalls. Er kam mit einer Leiter und einigen Farbtöpfen, er arbeitete sehr gründlich, aber auch sehr langsam. Wir unterhielten uns und er nannte mir ein paar nützliche Adressen für alles, was ich eventuell benötigen würde.

Maurice übernahm die Auslagen, die ich mit den Aufräumarbeiten hatte, und er gab mir auch Kredit für die nötigen Neuanschaffungen. Wir vereinbarten, daß ich einen bestimmten Prozentsatz von den Einnahmen an ihn abgebe, er war genauso zuversichtlich wie ich und das machte mir Mut. Er vermittelte mir eine gelernte Buchhalterin, Senora Martello, die sich um alles Geschäftliche kümmerte, sie kam zweimal in der Woche für einen Nachmittag her und beim ersten Mal schaute sie sich um und sagte "Das haben Sie aber gut hingekriegt, Miguel, da kann man Sie nur beglückwünschen!" Ich freute mich darüber und dachte: 'Jetzt fehlen nur noch die Gäste.'

Aber so einfach ging das natürlich nicht los. Ich konnte unmöglich alles allein stemmen. Deshalb war ich zu Cayenne gegangen, um Ramón zu fragen, ob er stundenweise bei mir arbeiten wollte, wenigstens um die Waren und das alles heranzuschaffen. Mein erster Eindruck von Ramón war zwar nicht der beste gewesen, aber wie hätte ich mir ein Urteil erlauben dürfen, wo ich ihn ja gar nicht näher kannte. (Zugegeben: die Tatsache, daß er bei Cayenne wohnte, spielte bei meiner Überlegung auch eine gewisse Rolle.)

Schön und gut, Isabel hatte mir zwar gesagt, daß er möglicherweise am Fluss zu finden wäre, aber es gab dort garantiert mehr als nur ein Bootshaus. Und da kam mir der vielleicht mächtigste aller Götter zu Hilfe: der Gott des Zufalls! Wenn man die Straße, auf der sich das El Faraón befand, stadteinwärts ging, kam man an einer Kaffeerösterei vorbei, die mir gleich anfangs aufgefallen war, weil es dort unwiderstehlich duftete. An dem Tag, als der Anstreicher sein Werk vollendet hatte, war ich unterwegs, um etwas zu besorgen, und wie ich bei der Kaffeerösterei war und durch die Scheiben blickte, sah ich drinnen Cayenne Alvarez! Ich war schon vorbei gelaufen, weil ich nichts weniger erwartet hätte, und ich realisierte es erst mit Verzögerung. Ich machte kehrt und ging hinein.

"Miguel, was machen Sie denn hier?", rief sie überrascht aus. "Ich habe Sie von draußen gesehen! Ich muss sagen, der Himmel schickt Sie mir, Cayenne!" "Na, übertreiben Sie nicht, was haben Sie denn auf dem Herzen?" Sie hatte eine Schürze umgebunden und Tennisschuhe an den Füßen, sie trug keinen Schmuck außer ein buntes Band, das ihre Haare zusammenhielt. Sie schaute mich mit ihrem leichten Silberblick und mit der aufmüpfigen Augenbraue an, und das Oberteil der Schürze hatte Mühe, die geballte Ladung dahinter im Zaum zu halten - sie machte ihrem Namen alle Ehre, sie sah richtig scharf aus!

Ich sagte "Ich war letztens bei Ihnen." "Ich weiß, Isabel hat es ausgerichtet." "Ich wollte eigentlich zu Ramón." "Ja und?" "Er ist irgendwo am Fluss, aber Isabel wusste nicht genau wo." "Ja, dort ist er, ich kann's Ihnen beschreiben, wo Sie ihn finden." "Das wäre toll." Dann erklärte ich "Ich werde hier weiter unten einen Jazzclub eröffnen, das El Faraón." "Ist das wahr!", sagte sie mit einem deutlichen Zeichen von Begeisterung, "Wann?" "Sobald wie möglich, es ist eigentlich alles soweit fertig." Sie lachte.

Dann besann ich mich. "Sie arbeiten hier?" "Ja, an manchen Tagen, ich habe mehrere Jobs." "Ist es anstrengend?" "Nein." "Dann verstehen Sie ja was von Kaffee!" "Was meinen Sie?" "Mir fällt grade ein, daß ich vergeblich versucht habe, eine Kaffeemaschine in Gang zu kriegen." "Nein, das liegt nicht in meinem Aufgabenbereich. Wir sind eine Rösterei, kein Café." Ich sagte "Vielleicht könnten Sie mir trotzdem den Gefallen tun und sie sich mal anschauen." "Wen?" "Die Kaffeemaschine." "Ach so. Na ja, aber nicht jetzt sofort, oder?" "Nein, ich meine, wenn Sie Zeit haben." "Ich arbeite bis sechs, finde ich das denn gleich?" "Ich komme Ihnen entgegen, wenn's recht ist." Sie lachte wieder. "Wenn's recht ist - Miguel, Sie müssen mit mir nicht reden wie mit Dona Nobleza." "Gut. Dann bis nachher." "Ja, bis dann."

Sie war schneller als ich. Als ich ihr aufmachte, sagte sie "Ich hab' eher Schluss gemacht, ich muss dann noch was erledigen." "Kommen Sie 'rein, das Gerät steht da drüben." "Das sieht gut aus hier drin, gefällt mir." "Das freut mich, Sie können uns jederzeit besuchen." "Wer ist wir?" "Ähm ... uns alle, die wir hier in fröhlicher Runde versammelt sind." Sie sah mich wieder so komisch an. Wir gingen hinüber zu der Kaffeemaschine, sie betätigte die Knöpfe. "Haben sie sie angeschlossen?" "Ja, der Stecker ist da unten hinter dem Brett." Sie sagte "Das Ding kenn' ich." "Wie? Diese hier?" "Nicht diese. Haben Sie einen Schraubenzieher?" "Ja." Ich holte ihn und als ich zurückkam, musste ich unwillkürlich auf ihren Hintern starren.

Sie löste zwei Schrauben und klappte den Deckel auf. "Da ist so ein Filter drin, sehen Sie, hier! Wenn der verdreckt ist, lässt sie sich nicht mehr einschalten." "Ah ja, das wird's sein. Woher wissen Sie das?" "Ich hatte mal einen Freund, der war Mechaniker für so was, er hat immer welche mit nach Hause gebracht, ich musste ihm dabei helfen, irgendwas festzuhalten, damit er's wieder hinkriegt." "Na, das hat sich wohl gelohnt." "In der Hinsicht schon", murmelte sie, "besorgen Sie einen neuen und wechseln ihn aus, dann probieren Sie's nochmal. Wenn's nicht geht ... dann ..."

Sie war auf die Zehenspitzen gegangen und hatte sich vorgebeugt, um in das Innere der Maschine zu lugen - ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat, als ich ihr in diesem Moment an den Hintern fasste. Sie schoss herum und knallte mir so heftig eine auf die Backe, daß ich fast umgefallen wäre. "Was sollte das denn!", rief sie und ich stammelte eine törichte Entschuldigung. Sie zögerte, dann sagte sie schroff "War's das?" "Cayenne ... ich wollte ... bitte ..." Sie warf den Schraubenzieher hin und ging nach vorn zur Tür. "Cayenne! Bitte! Es kommt nicht wieder vor! Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist." Sie verschwand ohne ein weiteres Wort.

Ich machte mir den ganzen Abend Vorwürfe, ich stieß ein paarmal absichtlich meinen Schädel gegen den Türrahmen und war schon drauf und dran, eine von den Havanna Club Flaschen anzubrechen - wie konnte ich nur so respektlos sein! Ich machte fortan einen Bogen um die Rösterei, nahm eine Nebenstraße, aber das steigerte nur mein schlechtes Gewissen und ließ mich vor Reumütigkeit fast verzweifeln.

Ein paar Tage später fand ich einen Zettel an der Vordertür: "Miguel! Wenn Sie wissen wollen, wo Ramón ist, dann besorgen Sie für Mittwochnachmittag ein Auto! Caya!" (Es lag offenbar in der Familie, hinter den eigenen Namen ein Ausrufezeichen zu setzen.) Ich tat, wie sie mir befahl. Ich hatte mir sowieso schon einen alten Ford mit Ladefläche beschafft, der stand hinten im Hof. Am Mittwoch Nachmittag hielt vor dem Faraón ein Wagen, und Cayenne, Isabel und ihre Freundin stiegen aus, vorher war Saladin herausgeschlüpft, sie hatten sich von jemandem herbringen lassen.

Ich fand nicht, daß sie noch sauer war, aber richtig nett war sie auch nicht. Ich gab zu bedenken, daß wir nicht alle in meinen Ford passen, und Cayenne sagte "Klar passen wir da rein, wenn Sie sich mit Saladin hinten draufsetzen, ich fahre - merken Sie sich den Weg!" Unterwegs bewachte mich Saladin wie einen entlaufenen Sklaven, der nicht weit gekommen war.

Der Almendares mündet bekanntlich westlich der Stadt ins Meer. Ich war schon zwei oder dreimal dort gewesen, zu beiden Ufern erstreckte sich ein wilder Waldstreifen. Südlich von der Brücke der Avenida 23 und parallel zur Calle 30 gab es praktisch nur unbefestigte Wege, stellenweise bloß Trampelpfade neben dem Fluss; ich hatte mich jedesmal verlaufen in dem urwaldartigen Gefilde, aber es war sehr reizvoll dort und man konnte erahnen, daß Kuba außerhalb der Städte (und abseits der großen Plantagen) eine gigantische, unberührte Natur besaß.

Unmittelbar am Wasser standen Behausungen, die zum Teil einen erbärmlichen Eindruck machten, manche "gehörten" Leuten, die es in der Stadt, aus welchen Gründen auch immer, nicht aushielten. Ich hatte gehört, daß es am Almendares Treffpunkte und Verstecke für Schmuggler geben soll und sogar die mächtige amerikanische Mafia und Ableger des Clans von Meyer Lansky hier einige ihrer Geschäfte abwickelten.

Selbstverständlich hatte ich nicht geglaubt, daß Ramón in solche Machenschaften verstrickt wäre. Der Almendares war bis weit ins Land hinein zumindest für Boote befahrbar und an bestimmten Abschnitten war das rechtsseitige Ufer zum Anlegen präpariert worden. Neuerdings gab es auch ganz moderne Stationen für die "Hochsee Angler", fast ausschließlich reiche Amerikaner, die von hier aus zu ihren Touren starteten.

Ich habe bis heute nicht erfahren, wem das Grundstück mit dem Bootsanleger gehörte, auf dem Ramón als eine Art Wachmann arbeitete, es lagen jedesmal andere Boote da. Oben auf Gelände war auch ein altes Militärboot auf Kiel gelegt und mit dicken Holzstützen gesichert, mit einem Aufbau aus Stahl, aber die Planken waren ganz morsch. Ramón übernachtete in einer Hütte, er hatte auch eine Machete und eine alte Flinte, falls er sich gegen irgendwelches Gesindel zur Wehr setzen musste, aber er fürchtete sich vor nichts.

Cayenne kannte auch die Nachbarn: auf der rechten Seite ein kubanischer Geschäftsmann, der natürlich in der Zuckerfabrikation tätig war und der meistens am Wochenende mit seiner vielköpfigen Familie sich auf seinem beschaulichen Anwesen die Zeit vertrieb. Auf der andern Seite zwei Brüder, Sergio und Felipe, von denen sich dann herausstellte, daß sie gar keine Brüder waren. Die Gemahlin des Zuckerfabrikanten war (ganz im Gegensatz zu ihm) eine außergewöhnliche Schönheit, obgleich sie schon fünf Kinder geboren hatte - ihre Figur ähnelte immer noch der einer Meerjungfrau.

Bei Sergio und Felipe dagegen war kein weibliches Wesen zu erblicken. Aber sie waren Kindern sehr zugetan und Isabel und ihre Freundin liefen gleich hinüber, und ich sah, wie sie mit den beiden, durchaus attraktiven Männern, herumalberten; Saladin gesellte sich gleich dazu. Ich erläuterte Ramón, was ich von ihm wollte, er war nicht gerade begeistert von meinem Angebot. Cayenne war auf meiner Seite, und schließlich ließ er sich überreden, zweimal in der Woche Sachen für mich zu besorgen.

Cayenne hatte etwas zu essen dabei, und wir setzten uns an den Tisch vor dem Bootshaus, von wo man auf den Fluss schauen konnte. Ich hatte den Mädchen zugerufen, aber Isabel winkte ab. Ramón hatte drinnen eine Kiste Bier stehen, und wir tranken jeder eine Flasche, es war schön temperiert. Ab und zu schipperte ein Kahn vorbei, es gab auch jede Menge verschiedenartige Vögel, und aus den zerzausten Baumkronen ließ sich manchmal einer mit breiten Schwingen und einem langen, spitzen Schnabel bis knapp übers Wasser gleiten. Ich hätte gern mit Cayenne geredet, aber nachdem ich mich mit Ramón einig geworden war, schwieg sie. Es war trotzdem angenehm, mit den beiden hier zu sitzen; dann und wann hörten wir auch die Mädchen lachen.

Irgendwann sagte Cayenne "Miguel, hast du Lust, ein Stück zu laufen?" "Ja, gern, aber ich kenne mich hier nicht aus." Sie sagte "Vertrau' mir", und zu Ramón: "Achtest du mal auf die Mädchen!" "Bueno." Wir blieben zwar nahe am Wasser, aber der Wald war ganz schön üppig, und ohne Cayenne hätte ich mich kaum weiter vorgewagt. Ich fragte sie "Warst du schon oft hier?" "Ja, einige Male." "Aber du stammst aus Santiago?" "Ja. Ich soll dich übrigens von Nestor grüßen." "Danke. Hat er dir geschrieben?" "Wir telephonieren ab und zu." Wir gelangten auf einen schmalen Weg, ein ärmlich aussehender Mann kam uns entgegen, er schob ein schwer beladenes Fahrrad, er hatte ein schmutziges Gesicht mit grauen Bartstoppeln, er grüßte uns scheu.

"Was ist eigentlich mit deinen Leuten?" "Bitte?" "Du hast mir überhaupt noch nichts von dir erzählt." "Ach ich ... du hast bisher auch nicht gefragt; ich bin allein hier." "Na, soviel hab' ich auch schon mitgekriegt. Und daß du aus Deutschland kommst." "Ich war mit meinem Onkel nach Buenos Aires ausgewandert." "Und wen hast du zu Hause zurückgelassen?" "Meinen Vater." Als ich das sagte, hatte meine Stimme wohl irgendwie anders geklungen, Cayenne sagte "Das ist dir sicher schwergefallen." Ich antwortete nicht gleich, dann sagte ich "Ja und nein. Einerseits war ich froh, von da wegzukommen, es hielt mich eigentlich nichts. Und ich hatte nie ein besonders inniges Verhältnis zu meinem Vater. Dachte ich jedenfalls."

Cayenne schaute mich von der Seite an. "Das beschäftigt dich." "Ja, und es lässt mir manchmal keine Ruhe mehr, es wird nur stärker", gestand ich. "Habt ihr denn gar keinen Kontakt miteinander?" "Ich habe immer wieder geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten." "Das ist seltsam." "Na ja, man muss dazu sagen, daß er in Ostdeutschland lebt, und nach allem, was ich über die jetzigen Verhältnisse dort weiß, würde es mich nicht wundern, wenn solche Briefe nach Argentinien gar nicht 'rausgehen. Das wäre doch immerhin denkbar." Cayenne sagte "Bei aller Kümmernis - aber es wäre vielleicht sogar die bessere Erklärung." "Ja, das denke ich auch und deshalb klammere ich mich ein bisschen daran, obwohl es nicht wirklich weiterhilft."

Wir waren an einer Stelle angelangt, wo man freien Zugang zum Fluss hatte, das Ufer war sandig und fiel sanft zum Wasser hin ab, drumherum war alles dicht bewachsen. Cayenne sagte "Hier hab' ich schon gebadet." "Gibt es da womöglich Krokodile?" Sie lachte. "Ja! Aber die machen sich nur was aus Angsthasen."

Sie ging bis ans Wasser, meine Blicke folgten ihr, mir wurde klar, daß sie mir schon beim ersten Mal gefallen hatte, obwohl dieser "Typ" von Mädchen und Frau früher gar nicht mein Geschmack war; da musste ich erst bis nach Havanna kommen, damit ich eines Besseren belehrt werde. Für einen Moment dachte ich, sie habe mich zu diesem Spaziergang aufgefordert, weil Nestor sie gebeten hatte, "ein bisschen freundlicher" zu mir zu sein; aber ich wollte, daß sie es von sich aus getan hatte.

Als sie sich umwandte und zu mir zurückkam, sagte ich "Caya! Wegen neulich, das tut mir wirklich leid!" Sie winkte ab. "Du hast wohl lange keine Frau mehr gehabt", sagte sie in leicht verächtlichem Ton, und ich merkte, daß sie sich doch nochmal dafür rächen wollte. "Nein, hab' ich wirklich nicht. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich ..." Sie fiel mir ins Wort. "Wir sollten zurückgehen, die Mädchen sind bestimmt hungrig." "Ja, gut. Das war ein netter kleiner Ausflug!" Sie gab mir einen Klaps an die Stirn. "Ohne mich wärst du nie bis hierher gekommen!"

Ich sagte, wir könnten im El Faraón noch einen kleinen Imbiss zu uns nehmen, ich hätte gerade frische Sandwiches bekommen, und Cayenne und die Mädchen stimmten freudig zu. Wir aßen in der Küche, Saladin bekam auch etwas. Isabels Freundin fragte mich "Warum kommt heute keiner?" Ich sagte "Wir haben noch nicht geöffnet. Das ist erst am Freitag soweit." Isabel fragte "Sind wir eigentlich zur Eröffnung eingeladen?" Ich wurde sehr verlegen, dann sagte ich "Das wollte ich mir für diesen Moment aufsparen." Cayenne knuffte mich in die Seite, ich sagte "Caya! Isabel! Und ... wie war nochmal dein Name?" "Sarah." "... und Sarah! Ihr seid hiermit alle herzlich eingeladen zur Eröffnung des El Faraón am kommenden Freitag!" "Wird auch getanzt?" "Ja, Sarah, wenn du willst, kannst du natürlich auch tanzen, aber ich weiß nicht genau, ob ein Junge da sein wird, der dich auffordert." "Häääh?", machte Sarah und wurde ein bisschen rot im Gesicht, "Ich meine doch mit Isabel!" Cayenne lachte. "Wir müssen sowieso erst Paola fragen, ob du mitkommen darfst." "Ach, das geht schon in Ordnung", sagte Sarah, "ich hab' auch nichts weiter vor."

Ich hatte mir eine Liste gemacht, was bis zur Eröffnung noch erledigt werden musste, damit nichts schiefgeht. Und ich hatte eine zweite Liste, wo draufstand, was ich an dem Abend selbst beachten sollte, damit nicht irgendwann das Chaos ausbricht. Natürlich musste ich auch Maurice eine offizielle Einladung vorbeibringen und ich dachte, ich würde mich bei der Gelegenheit mit einer Flasche Havanna Club gewissermaßen symbolisch bei ihm revanchieren, doch er kam mir zuvor.

Am Mittwoch fuhr ein Lastwagen direkt auf den Hof und ein paar starke Männer luden einen Konzertflügel ab. Sie waren sehr umsichtig, sie prüften zuerst, ob man mit dem Ding durch die Türen kommt, und da sie Zweifel hatten, hievten sie ihn auf zwei Stützen, montierten die Beine ab und transportierten ihn hochkant hinein, auf der Bühne schraubten sie die Beine wieder dran. Glücklicherweise hatte die Bühne eine Nische, die ich am Anfang gar nicht bemerkt hatte, weil sie hinter einem Vorhang lag. Die war offenbar extra für einen Flügel gedacht, und dann hatte ich auch gesehen, daß diese Nische mit schwarzen, mattglänzenden Glasscheiben ausgelegt war, damit die Töne von den Holzwänden nicht geschluckt würden.

Kurz darauf kam Maurice, der die Fuhre selbst veranlasst hatte. Ich spendierte den Männern eine "Brotzeit", nachdem sie noch ein paar andere Möbel für mich umgeräumt hatten. Ich fragte Maurice, woher der Flügel stammt, und er sagte "Aus dem Larrazabal Social Club." "Aber wieso können die ihn hergeben?" "Der Pianist ist zweiundachtzig und hat die Gicht, er kann nicht mehr spielen; sie haben kleinen Mädchen Ballettunterricht erteilt, davon können sie jetzt nicht mehr überleben." Die Tatsache, daß Maurice die Zusammenhänge so gut kannte (worum er sich sonst nur äußerst selten kümmerte), verriet mir seine Beziehung zu diesem Club; und tatsächlich stellte sich dann heraus, daß er die Leute finanziell unterstützt. Maurice schaute sich alles an und war, wie's schien, zufrieden, er versprach zu kommen.

Cayenne hatte mir aus ihrem Bekanntenkreis eine junge Frau namens Jolanda geschickt, die sich anbot, als Serviererin bei mir zu arbeiten. Sie war sehr attraktiv, und mir wurde sofort klar, daß sie sympathisch auf die Gäste wirken würde. Ramón war auch pünktlich erschienen, er trug einen, allerdings ziemlich ausgewaschenen, Anzug (ohne Hemd) und er gestand mir, daß den auch Cayenne besorgt hatte; er war frisch rasiert und offensichtlich beim Friseur gewesen, aber als ich eine Bemerkung machte, sagte er, das hätte ich alles Caya zu verdanken.

In der Künstleragentur, die ich vom Primavera her kannte, vermittelte man mir einen Pianisten, einen Studenten an der Universität, der sein Studium mit der Musik finanzierte, ich engagierte ihn hauptsächlich deshalb, weil er das Bill Evans Trio als sein großes Vorbild bezeichnete; er hatte richtig Ahnung, er konnte mir sogar sagen, auf was für einem Kontrabass Eddie Gomez spielte, dessen sagenhafter Klang mir schon selber aufgefallen war.

Ich wollte mit der Darbietung nicht gleich am ersten Abend auftrumpfen, deshalb hatte ich dem Pianisten nur einen Schlagzeuger und einen Bassisten zur Seite gegeben und dann allerdings noch eine Sängerin hinzugenommen, eine eher unscheinbare Person, die eine erstaunlich ausdrucksstarke Stimme hatte. Sie kam aus irgendeinem kleinen Ort in Bahia, Brasilien, und sie sprach daher nur Portugiesisch, das ich überhaupt nicht verstand. Auch alle die Cole Porter Songs, die sie draufhatte, klangen sehr portugiesisch, aber ihre Interpretation war hinreißend.

Und dann war es soweit und ich traute meinen Augen nicht, als vor dem Eingang bereits ein Dutzend Leute warteten, eingelassen zu werden. Ich begrüßte jeden mit Handschlag (und die Damen mit Kusshand) und wünschte einen angenehmen Aufenthalt, und dann kamen sogar die Pärchen, wie ich sie mir vorgestellt hatte, denen man ansehen konnte, daß sie frischverliebt waren und sich von der Musik und der Atmosphäre berieseln lassen wollten.

Die Band fing ganz sachte an, als würden sich die Musiker unbemerkt ins Geschehen hineinschleichen, ohne jemanden zu stören, und obwohl sie nur einen einzigen Nachmittag lang geprobt hatten, harmonierten sie fast perfekt miteinander, und der Pianist hatte das Programm so gestaltet, daß von Zeit zu Zeit ein Höhepunkt erreicht wurde, um dann - gleichsam wie mit einer anderen Geschichte - wieder neu zu beginnen. Ich musste aufpassen, nicht zu sehr von ihnen abgelenkt zu werden. Aber Jolanda hielt mich auf Trab, ich stand hinter dem Tresen und schenkte aus. (Ich hatte mir sogar ein paar Cocktails zu mixen beigebracht.) Ramón war in der Küche beschäftigt.

Aber dann kamen immer mehr Gäste, und irgendeiner erzählte mir, daß der Radiosender von Bellavista eine Meldung über die Neueröffnung des "legendären El Faraón" gebracht hatte (woher wussten die davon?). Ich befürchtete, Jolanda wäre langsam aber sicher überfordert und ich sagte zu ihr, ich würde sie gleich unterstützen, aber Jolanda schien damit gerechnet zu haben, sie sagte "No problemo, Senor Frogard." Sie telephonierte kurz, und bald darauf erschien ihr Freund, ein ebenso gutaussehender Bursche, der anscheinend nur auf ihren Anruf gewartet hatte und der sich mühelos in den Betrieb einklinkte. Ich konnte aufatmen!

Maurice kam mit einer rassigen Schönheit an seinem Arm, zweifellos eine von den umwerfenden Kubanerinnen, die seinerzeit Eduardo in den höchsten Tönen gepriesen hatte. Ich geleitete die beiden an einen speziell reservierten Tisch und ich bat Jolanda's Freund, sich ganz besonders aufmerksam um sie zu kümmern, er erwiderte "Comprendo, Jefe, estos clientes privilegiados!" Später setzte ich mich für einen Moment zu ihnen und wir machten ein Schwätzchen. Ich hatte auch die Senora aus dem Hostel, die mir den Leinenanzug geschenkt hatte, eingeladen, sie erschien in Begleitung eines älteren, sehr charmanten Senors, der behauptete, daß er mir schon einmal in Panama begegnet sei.

Ich wartete sehnsüchtig auf Cayenne und die Rasselbande. Sie kamen durch den Hintereingang, Sarah's Mutter Paola war auch dabei, konnte aber nicht länger bleiben, weil sie arbeiten musste, ich bot ihr etwas zu trinken an, sie sagte dann zu Sarah "Benimm' dich!" "Ja, klar doch." Die Mädchen trauten sich nicht recht, nach vorn zu gehen, sie hielten sich ein bisschen verschämt am Tresen auf und als das Eis gebrochen war, halfen sie Jolanda's Freund, der den beiden schelmisch zugezwinkert hatte, beim Abräumen des Geschirrs.

Cayenne hatte sich hübsch gemacht, sie trug einen schwarzen Rock, der bis zu den Knien reichte und der ihre wonnigen Hüften betonte, sie hatte flache Lederschuhe ohne Strümpfe an und über einer roten Bluse ein Jäckchen aus feiner hellgrauer Wolle. Sie hatte ihre Haare nach hinten zu einer Knospe zusammengelegt und sie hatte jede Menge Schmuck an und um, der mit seiner Farbigkeit zu den schlichten Sachen herrlich kontrastierte. Aber sie wollte um jeden Preis bei Ramón in der Küche bleiben und sich hier nützlich machen!

Die beiden Mädchen scheuchten Saladin, der sich neugierig vorgewagt hatte, wieder nach hinten. Sie "unterhielten" sich mit einigen Gästen und irgendwann fingen sie an, zur Musik herumzuhüpfen, als die Band ein paar schnellere Stücke spielte. Ich musste lachen und sagte es Caya, die kam vor und rief die beiden unauffällig zur Ordnung, ich sagte "Nun lass' sie doch, es macht ihnen Spaß!" Und tatsächlich animierten sie einige von den Pärchen, es ihnen gleichzutun, und die Musiker legten sofort eine Serie von tanzbaren Stücken ein; schließlich tummelten sich jede Menge Gäste vor der Bühne, und Isabel und Sarah huschten zwischen ihnen umher und Saladin hatte sich bei jemandem unter dem Tisch niedergelassen und beobachtete die ganze Szene.

Später konnte ich Caya entführen und zum Tanzen überreden - ich glaube, sie hatte eigentlich nur darauf gewartet. Sie konnte unglaublich gut tanzen und ich musste mir sehr viel Mühe geben, damit ich keine miese Figur mache. Wir kamen uns ziemlich nahe und ich spürte ihren Duft und beinahe hätte ich ihr mit meiner Umarmung ein schüchternes Zeichen meiner Zuneigung gegeben, aber ich befürchtete, sie könnte es falsch auffassen, denn darüber, wie es momentan zwischen uns war, konnte ich nur froh sein.

Ich erwachte am nächsten Tag auf dem Sofa im Büro, als Saladin mich mit seiner feuchten Nase im Gesicht anstupste. Ich hatte, nachdem die letzten Gäste das Lokal verlassen hatten, Cayenne und die Mädchen nach Hause gefahren, letztere waren auch schon eingeschlafen, es muss so gegen zwei gewesen sein, aber auf den Straßen waren immer noch vergnügte Leute unterwegs.

Ich hatte insgeheim damit gerechnet, daß Cayenne mir einen Gute Nacht Kuss gibt (oder es zumindest zulässt, daß ich ihr einen gebe), aber daraus wurde nichts, sie winkte mir freundlich zu und flüsterte "Schön für dich, Miguel, daß alles so gut geklappt hat!" "Ja, und ich möchte mich für deine Hilfe bedanken." "De nada", sagte sie und trieb die Mädchen ins Haus, sie tappten schlaftrunken hinein.

Wir hatten nach all' dem Trubel Saladin ganz vergessen und am nächsten Morgen war er wieder zur Stelle. Ich gab ihm etwas zu trinken und zu futtern und entließ ihn nach hinten in den Garten. Jolanda und ihren Freund hatte ich gleich nach Ladenschluss ausgezahlt und beiden ein großzügiges Trinkgeld gegeben, Jolanda blieb natürlich weiterhin meine beste Serviererin und der "gute Geist" des El Faraón. Alle Einnahmen verwahrte ich in einer Geldkassette im Büro, die Abrechnung übernahm ohnehin Senora Martello.

Die Musiker und die Sängerin hatten ihre Gage schon vorher erhalten (in der Künstleragentur war auch eine Provision fällig geworden und sogar die Musiker Gewerkschaft verlangte ihren Teil). Die Band hatte nach dem Auftritt noch eine Weile in der Küche zusammengesessen und etwas verzehrt, auch sie waren mit dem Abend rundum zufrieden.

Ich fing an aufzuräumen, und kurz vor Mittag kamen die Putzfrauen und sie erledigten auch den ganzen Abwasch, und nachmittags gegen zwei war alles wieder sauber und an Ort und Stelle, und ich ging auf die Straße und betrachtete den Eingang und das Schild darüber mit den beiden Skarabäus Käfern und ich war richtig glücklich! Ich mixte mir einen Daiquiri mit Havanna Club und Limettensaft, Zucker und Eis (fast wären am Abend alle meine Vorräte draufgegangen) und setzte mich an einen Tisch in der Ecke und schaute durch das Lokal auf die Bühne und sah im Geiste schon die nächsten bewundernswerten Musiker darauf spielen.

Ramón machte nicht viele Worte, ihn schien die ganze Aufregung wenig zu berühren. Er kam, schnappte sich den Ford und besorgte alle Waren, die ich ihm auf die Liste gesetzt hatte. Er trug fortan ständig ein kariertes Hemd (genaugesagt hatte er zwei davon, eins war jeweils in der Wäsche). Ich hatte mich mit meinem ersten Eindruck von ihm gründlich geirrt, aber glücklicherweise wusste er ja nichts davon, und deshalb hatte ich keine Gewissensbisse. Es dauerte immer eine Weile, bis man mit ihm ins Gespräch kam, er war einsilbig und in Wahrheit auch ein bisschen misstrauisch, aber er war äußerst zuverlässig und hatte von allen praktischen Dingen genug Erfahrung, um mit den alltäglichen Problemen fertigzuwerden. Er konnte mit den Händlern, mit denen wir es zu tun hatten, oftmals leichter umgehen als ich, weil er ihre Mentalität besser verstand.

Ich hatte versucht, von ihm etwas Näheres über Cayenne herauszukriegen (ich suchte nach allen Hinweisen, die es mir erleichtert hätten, bei ihr zu punkten), aber er schüttelte bloß den Kopf und meinte, da müsse ich sie schon selbst fragen, und im Grunde hatte er damit ganz recht.

Nach und nach bekam das El Faraón so etwas wie ein Programm. Am Wochenende gab es immer Musik mit wechselnden Bands. Ich hatte in der Künstleragentur Bekanntschaft geschlossen mit einer Senora, die mich anscheinend mochte und nach einer Weile ziemlich genau sagen konnte, was für mich in Frage käme - ich hatte mit den Leuten durchweg Glück und sie kamen hervorragend an bei meinen Gästen. An diesen Tagen waren wir immer gut besucht, hatten aber auch alle Hände voll zu tun.

Sonntags war dann absolute Flaute und nur ein paar ältere Senores, die daheim keinen Haushalt führten, kamen herein, tranken einen Kaffee und mummelten dabei ihr Sandwich. Sonntags hatte Jolanda frei. Der Wochenauftakt hat bekanntlich nirgends auf der Welt etwas Vergnügliches. Aber ich hatte festgestellt - genauergesagt hatte mich Jolanda, die sich in diesem Viertel auskannte, darauf aufmerksam gemacht - daß montags unter den Gästen, die auf einen Kaffee oder auch einen Drink vorbeischauten, etliche Geschäftsleute waren, die sich während ihrer anstrengenden Arbeit eine Verschnaufpause gönnten.

Ich machte es ihnen so angenehm wie möglich, gab ihnen einen Platz, wo sie sich ungestört fühlen konnten, legte ihnen die neueste Zeitung hin (die ich extra dafür abonnierte) und ließ im Hintergrund von meinem Plattenspieler ein paar sanfte Jazzweisen erklingen. Der eine oder andere brachte dann sein Geschirr selbst zurück an die Theke und wir wechselten ein paar freundliche Worte.

Und zwei Tage später kamen manche von denen in Begleitung von anderen, die offensichtlich ihre Verhandlungspartner waren und mit denen sie außerhalb ihres Büros eine "zwanglose Unterredung" (wie es Maurice nannte) führen wollten. Jolanda hatte ein Auge für solche Gesellschaft und manchmal flüsterte sie mir zu, ich würde gut daran tun, wenn ich den Kaffee oder den Drink auf Rechnung des Hauses buche. Auf diese Weise knüpfte ich eine Reihe von nützlichen Beziehungen und mehrmals hatte ich die Ehre, auch eine größere "Veranstaltung" auszurichten, bei der dann Senora Martello hinterher sagte "Alle Achtung, Miguel! Da haben Sie ja einen fetten Fisch an Land gezogen."

An dieser Stelle möchte ich einfügen, daß ich mit Ramóns Unterstützung den Garten in Ordnung brachte und auf dem Hof eine kleine gemütliche "Asado Ecke" einrichtete, wie ich dergleichen in Argentinien kennengelernt hatte. Einmal schickte ein Manager von der United Fruit Company seinen Leibkoch zu mir, der im El Faraón das "Prairie Dinner" für ein Geschäftstreffen zubereitete, es gab das berühmte "lechón" (Ferkel am Spieß) mit Mais, gelber Malanga, Jamswurzel, Kochbanane und Maniok, mit Kürbis und Süßkartoffeln. Außerdem geschnetzeltes Ziegenfleisch mit einer Tunke aus Olivenöl, Knoblauch und Paprika. (Übrigens war es Jolanda, die mich darauf hinwies, daß man auf der Speisekarte Papaya nicht als Papaya, sondern als "Fruta Bomba" bezeichnet, weil das Wort Papaya hierzulande eine ganz spezielle Bedeutung habe - "Sie wissen schon, Miguel!", fügte sie hinzu und rollte dabei verführerisch mit den Augen.)

Manche von den besonderen Gästen konnte auch Jolanda nicht einordnen und manche waren ihr sehr unsympathisch, wie später der russische Diplomat Anastas Mikojan, der sich ein paarmal im El Faraón blicken ließ - Jolanda fand, daß er unerträglich nach Knoblauch stinke und außerdem stets seinen eigenen Wodka mitbrachte. Ich fand keine rechte Erklärung dafür, aber ich hatte das Gefühl, daß diese Geschäftsleute und Politiker auch deshalb hierher kamen, weil die andern, mit denen sie angeblich nichts zu tun haben wollten, ebenfalls hier auftauchten. Man beäugte sich gegenseitig, und selbst Ramón, der sich für derlei Umtriebe nicht interessierte, bemerkte einmal, daß man eigentlich, anstatt diesen Leuten etwas zu spendieren, ihnen die Rechnung "mit der Gabel" schreiben sollte.

Aber Jolanda riet mir auch, vorsichtig zu sein, und ich befolgte lieber ihren Rat. Einmal kam ein hoher Mitarbeiter des deutschen Auswärtigen Amtes in Begleitung zweier Leute aus dem Stab von Präsident Batista. Wir hatten gerade ein kleines Ensemble im Programm, das original kubanische Musik spielte. Einer der Batista Männer kam auf mich zu und fragte, ob die Band vielleicht auch etwas "de Alemania" zum Besten geben könnte (daher erfuhr ich von der Provenienz des Gastes).

Ich erwiderte, daß ich das leider für ausgeschlossen halte, dennoch wollte ich mich gern bei den Herren Musikern erkundigen. Ich staunte nicht schlecht, als die wackeren Männer das Lied "Muss i' denn zum Städele hinaus" anstimmten, was den Diplomaten vom Auswärtigen Amt sichtlich amüsierte. (Sie erklärten mir später, daß sie den Song von Elvis Presley übernommen hatten, der sich damit während seines Aufenthalts als amerikanischer GI in Deutschland beliebt machte.) Dieser Herr aus dem Auswärtigen Amt war übrigens nach Havanna gekommen, um die Modalitäten zu besprechen wegen der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Präsident Fulgencio Batista, welche dann wenig später erfolgte. Er hieß Karl Helmbrecht und ich werde in meinem Bericht noch einmal auf ihn zurückkommen.

Für mich selbst besonders erholsam - ja ich möchte sagen: von einer traumhaften Besinnlichkeit - waren die Mittwochvormittage, wenn ich allein im Lokal war und mich mit allerlei Kleinigkeiten beschäftigte, während dabei Miles Davis auf seiner (meistens) gedämpften Trompete spielte. Es gab da diese Session aus dem Plaza Hotel in New York City, mit John Coltrane am Tenorsaxophon, Bill Evans am Piano, Julian "Cannonball" Adderley am Altsaxophon und Paul Chambers und Jimmy Cobb am Bass und Schlagzeug.

Es war einfach großartig, ich konnte diese Platte mehrmals hintereinanderweg hören. Es gab weitere Aufnahmen aus einem Club namens Blackhawk, der befand sich in San Francisco und Miles spielte mit einer anderen Besetzung, da waren Hank Mobley am Tenorsaxophon und Wynton Kelly am Klavier. Stücke wie "So What", "All Blues" oder "Bye Bye Blackbird" (das mir am besten gefiel) sind meiner Ansicht nach nie wieder erreicht worden. Damals hatten Carlos Hoselitz und ich auf eine Neuerung gewartet, als wir Charlie Parker und seinen Mannen langsam überdrüssig geworden waren. Jetzt schien mir, daß die Musik von Miles Davis und John Coltrane das Non Plus Ultra des Jazz war, und ich wünschte mir insgeheim, alles möge an dieser Stelle für immer verharren, was natürlich illusorisch war, weil immer alles weitergeht.

Als ich einmal meinen Blick durch das Lokal schweifen ließ, entdeckte ich an einem Tisch einen Mann, den ich sofort wiedererkannte. Ich ging hin und sagte "Hola, Mister Brentano, wir kennen uns." Er war nicht sofort im Bilde, ich sagte "Sie waren der Vibraphonist bei einem Auftritt von Caterina Valente im Los Vientos, ich habe Ihnen beim Aufbauen geholfen, mein Name ist Miguel Frogard." Er erinnerte sich, er sagte "Was machen Sie hier, Miguel?" "Ich bin der Manager dieses Clubs und ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen."

Wir redeten miteinander, ich wollte wissen, ob er mit seiner Band auftritt. Er sagte "Ja, wir waren die ganze letzte Woche in einem Hotel an der Plaza de Armas und jetzt spielen meine Freunde im Nacional." "Im Casino?" Er nickte. Das Nacional war das bedeutendste Hotel und Spielcasino in Havanna, es hatte auch den Ruf, Zentrum der Aktivitäten und eine Art Hauptquartier der amerikanischen Mafia zu sein. Ich sagte "Moment mal, Jerry, was heißt das: Ihre Freunde spielen dort? Und Sie?" "Ich bin ausgestiegen", erwiderte er kurz und bündig. "Warum, wenn ich fragen darf?"

Er entgegnete "Was halten Sie von Cha Cha Cha?" "Dem Tanz?" "Nein, dem Haarwuchsmittel - freilich dem Tanz!" Cha Cha Cha war ebenso wie der Mambo gerade ganz groß in Mode gekommen. Jerry fuhr fort "Ich kann jedenfalls drauf verzichten", und mit einer abfälligen Handbewegung in Richtung Nacional: "was die dort veranstalten, hat mit wahrer Musik nichts mehr zu tun ... es ist pure Animation ... pure Aufforderung zu ... ich weiß nicht ... zu allen Arten von Wollust!", es klang, als hätte er sich gerade als Student in ein jesuitisches Kolleg eingeschrieben. "Sie machen die Musik zu einer Hure!", fügte er hinzu und schüttelte fassungslos den Kopf.

Ich fragte "Und Ihre Freunde lassen Sie einfach so gehen?" "Nein, natürlich nicht, sie wollen mich verklagen. Aber, scheiß' drauf! (Er fand zu seinem eigenen Ton zurück) Sollen sie mich verklagen, die Arschlöcher, ich setze keinen Fuß mehr in dieses Drecksloch!" Für einen Moment dachte ich, Jerry habe sich im Casino des Nacional verzockt und würde jetzt in einer Mischung aus Reumütigkeit und Groll seinem Ärger Luft machen. Ich sagte "Aber Sie wollen doch nicht etwa aufhören zu spielen? Ich war wie gebannt, als ich Ihr Vibraphon das erste Mal gehört habe!" Er lächelte. "Ja, danke, Miguel, das ist nett von Ihnen." Dann besann er sich plötzlich.

"Würden Sie mir einen Gefallen tun?" "Wenn ich kann", erwiderte ich etwas zögerlich, mir schwante nichts Gutes. Dann erklärte er mir, daß sich sein Vibraphon noch im Nacional befände und er es mit meiner Hilfe dort herausholen wollte, er sagte "Es ist ein Sherwood Vibraphon, davon gibt es nicht so viele, es ist alles von Hand gearbeitet - ein Wunderwerk. Und es gehört mir!" Mir war klar, daß seine Freunde das anders sahen, offenbar hatten sie es beschlagnahmt, nachdem er sie im Stich gelassen hatte.

Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte. Einerseits wollte ich Jerry helfen, aus meiner Achtung vor seinem Talent. Andererseits war ich nicht scharf darauf, wie ein Bankräuber ins Nacional einzudringen. "Wie stellen Sie sich das vor?", fragte ich ihn. "Haben Sie einen Wagen, wo so was draufpasst?" "Ich habe einen Ford mit Ladefläche." "Ausgezeichnet", sagte Jerry und seine Stimmung hellte sich merklich auf. Ich sagte "Aber Jerry, bei aller Bewunderung für Ihre Musik, ich möchte keine krummen Dinger drehen." "Müssen Sie doch auch gar nicht, Miguel! Sie brauchen mich bloß mit Ihrem Ford an den Hintereingang zu fahren, alles andere mache ich selbst." "Und wie wollen Sie das Vibraphon da allein heraustragen?" "Na ja, es würde sicher schneller gehen, wenn Sie kurz mitanfassen." "Ja, und ich schätze beim Aufladen könnten Sie mich auch gebrauchen." "Das wäre wirklich sehr anständig von Ihnen, Miguel!" "Hören Sie Jerry, ich kann es mir nicht leisten, bei einem Diebstahl erwischt zu werden." "Das ist doch kein Diebstahl! Es gehört mir!" "Dann gehen Sie zur Polizei und sagen, es wurde Ihnen weggenommen." "Ach, lassen wir doch die Polizei aus dem Spiel. Das ist nur eine Angelegenheit zwischen mir und diesen ... diesen ..." Ich sagte "Es wäre mir jedenfalls lieber, wenn ich da nicht mitreingezogen würde, Sie verstehen das sicher." Er schwieg, dann murmelte er "Ja natürlich, Miguel, Sie haben recht, ich kann Sie da nicht mitreinziehen." Er seufzte tief auf und sagte halb enttäuscht "Würden Sie mir noch so einen Drink bringen, alter Freund?" "Selbstverständlich", erwiderte ich und ging an die Theke.

Während ich den Drink zubereitete, schaute ich zu Jerry hinüber, er blickte gedankenversunken vor sich hin. Ich brachte ihm das Glas, er sagte "Ich war gerade dabei, eine Version von 'Body and Soul' zu erarbeiten." "Jetzt eben?" "Vor zwei Wochen hab' ich angefangen, ein paar neue Sachen einzuspielen. Kennen Sie 'Body and Soul'?" "Ja, ich kenne die Aufnahme mit Coleman Hawkins." "Tatsächlich? Die ist zweifellos eine der besten. Sie haben einen guten Geschmack! Welchen Song mögen Sie denn am liebsten, Miguel?" Ich sagte "Bye Bye Blackbird." "Nicht zu fassen!", rief Jerry und klopfte auf den Tisch, "Genau diesen Song hab' ich auch bearbeitet - er ist umwerfend." "Ja, wenn Miles und Coltrane ihn spielen, fühle ich mich wie ein Schwamm, der ihn aufsaugt." Jerry lachte.

"Oh Miguel, wie gerne würde ich Ihnen meine Version vorspielen - bei Gott! - wie gerne würde ich das tun!" Er schüttelte wieder den Kopf, diesmal als Ausdruck seiner Resignation. Ich konnte nicht anders als zu sagen "Okay Jerry, ich fahre mit Ihnen dorthin und wir holen das Vibraphon da raus." Er sprang auf und rief "Wirklich! Miguel, Sie retten mein Leben!" Er umarmte mich, ich sagte "Aber wenn es nur die kleinste Schwierigkeit dabei gibt, bin ich weg!" "Keine Schwierigkeit, Miguel! Ach, ich bin ja so froh! - Und daß Sie 'Bye Bye Blackbird' mögen - ehrlich Miguel, das macht Sie mir noch sympathischer!"

Ich weihte Ramón in den Plan ein, er fragte "Was ist ein Wiprafon?" "Ein Musikinstrument, es sieht aus wie ein Tisch mit einer Reihe von verschieden langen Metallstreifen. Ich habe den Verdacht, daß sie Jerry's Vibraphon dort unter Verschluss halten. Womöglich hat er es sogar an die Bank im Casino verloren, es ist angeblich ziemlich wertvoll." "Wollt ihr da einbrechen?" Ich versicherte ihm "Auf keinen Fall mach' ich irgendwelchen Unfug." Ramón meinte "Die Leute im Nacional arbeiten alle irgendwie für Meyer Lansky und seine Kumpane, und mit denen ist nicht zu spaßen, Miguel. Wenn du denen was wegnimmst, werden die stinksauer. Die würden dir das El Faraón übel zurichten." Ich bekam ein bisschen Angst und dachte daran, Jerry meine Hilfe zu verweigern. Ramón sagte "Ich kenn' da jemand." "Im Nacional? Was macht er?" "Alles mögliche. Er kommt an jeden Schlüssel ran. Wo soll das Ding denn genau sein?" Ich zuckte mit den Schultern. "Jerry wird's wohl wissen."

Wir fuhren zu dritt hin. Es gibt dort mehrere Hintereingänge. Ich fragte Jerry "Wo genau steht das Vibraphon?" Er beschrieb es uns, dann fiel ihm noch eine zweite und eine dritte Möglichkeit ein. Ramón machte eine saure Miene, dann sagte er "Jerry, gehen Sie vorn 'rein und fragen danach, die Leute kennen Sie doch, oder?" Jerry druckste herum, ich sagte "Sie haben Hausverbot, stimmt's!" Jerry nickte. Ramón sagte "Sie haben's verspielt", und Jerry nickte wieder. Ich sagte "Tut mir leid, Jerry, aber da können wir wirklich nichts für Sie tun, Sie hätten mir gleich die Wahrheit sagen sollen." Er war am Boden zerstört.

Ramón wendete den Ford und wir wollten wieder wegfahren, aber da stand uns inzwischen ein anderer Lieferwagen im Weg. Ramón hatte die Ruhe weg, er schaltete den Motor ab und wartete, bis sie fertig waren. Jerry schaute die ganze Zeit zurück, als würde er sich von seinem geliebten Instrument niemals verabschieden wollen. Ich sah, was vorne vor sich ging, ich rief "Jerry! Ist das Ihr Vibraphon?" "Was?" Zwei Männer trugen es gerade aus dem Gebäude und luden es in den Lieferwagen.

"Großer Gott!", rief Jerry und versuchte, aus dem Ford zu stürzen, aber die Tür klemmte. Er kurbelte die Scheibe herunter, steckte den Kopf nach draußen und schrie "Hey! Hey! Wartet!" Die Männer achteten nicht auf ihn und als sie das Instrument verstaut hatten, klappten sie die Tür zu und fuhren davon. Jerry sagte zu Ramón "Fahren Sie hinterher!" "Ach ja? Und wenn dieser Wagen jetzt geradewegs bis nach Santiago fährt?" Jerry sah uns flehentlich an, ich sagte zu Ramón "Fahr' ihm ein Stück nach." "Wie ihr wollt."

Wir fuhren durch die Stadt, auf einmal kam mir das seltsam vor. Der Lieferwagen bog in eine Seitenstraße ein, dann in eine andere und noch zweimal in eine und da wusste ich, wohin er fährt. Er hielt vor dem Lagerschuppen von Maurice. Ich sagte zu Ramón "Fahr' einfach vorbei und weiter!" Jerry protestierte, ich rief "Halten Sie jetzt mal die Klappe, Jerry!" Er war zutiefst gekränkt. "Ich hätte niemals hierher zurückkehren sollen!" Ramón fuhr noch ein Stück weiter und blieb abseits stehen. Ich fragte "Was soll das heißen?" Jerry schwieg. "Warum haben Sie's dann getan?" Ramón lachte plötzlich laut los. "Dios mio! Es gibt da noch was anderes, auf dem Sie gern herumspielen!" Jerry sah ihn drohend an. Ich sagte "Ich bringe Sie erstmal ins El Faraón, Jerry, dort können Sie sich beruhigen." Er war so erschöpft, daß er nichts dagegen einwandte.

Ich fuhr zu Maurice, glücklicherweise war er da. Ich erzählte ihm die Geschichte. Er sagte "Ja, dein Freund Jerry hat sich an Cordelia Siráz vergriffen." "Wer ist das?" "Eine Geliebte von Ed Mandel." "Sagt mir auch nichts." "Sei froh, daß du mit dem nichts zu tun hast, Junge." "Gehören die zum Meyer Lansky Clan?" Maurice lachte nur. Dann sagte er "Jerry wollte tatsächlich mit ihr durchbrennen und er war so töricht darauf zu hoffen, er könnte das nötige Geld im Casino gewinnen. Auch noch in diesem Casino!", fügte er beinahe verächtlich hinzu. Ich sagte "Er hat alles verloren." "Na und ob. Er hat auch noch sein Instrument eingebüßt." "Und wie sind Sie daran gekommen?", fragte ich ihn.

Er sagte ganz selbstverständlich "Ich löse immer mal Sachen dort bei der Bank im Casino aus, du glaubst gar nicht, was die Leute da alles verpfänden, wenn sie ihrer Spielsucht erliegen." "Das heißt, Jerry hätte es sich rein theoretisch zurückholen können." "Ach Maikel, rein theoretisch könnten wir uns immer alles zurückholen, was wir verloren haben. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Du hast wahrscheinlich noch nie etwas bei der Casino Bank verpfändet." "Nein." "Siehst du. Dann wüsstest du nämlich, daß die Frist zum Auslösen äußerst kurz bemessen ist - und äußerst kurz heißt: höchstens ein paar Stunden."

"Darf ich erfahren, wieviel Sie dafür bezahlt haben?" "Hundertfünfzig Dollar." "Jerry sagte, es wäre ein ziemlich wertvolles Instrument." "Ja und? Es war ihm offenbar nicht soviel wert wie diese Edelnutte." Es gab eine Pause, dann sagte Maurice "Die Leute dort haben doch keinen blassen Schimmer von solchen Sachen, ich hab' ihnen gesagt, es wäre ein altes, ausrangiertes Teil aus den dreißiger Jahren. Was sollen die auch mit einem Vibraphon anfangen? Für die ist eine Tonleiter was, wo man dran hochklettern kann und Dur und Moll halten sie für Figuren aus einem Comic. Sag' mal: was ist eigentlich mit der Lichtorgel, die ich dir geschenkt habe?" "Die hab' ich noch." "Ist das wahr?" "Hundertprozentig, Maurice." "Na gut. Und was willst du jetzt eigentlich von mir?"

"Das Vibraphon steht jetzt in Ihrem Lagerschuppen." "Ich weiß." "Jerry könnte es also von Ihnen zurückkaufen?" "Ich vermute, daß er das nicht kann." "Und wenn ich es Ihnen abkaufe?" "Du würdest zweihundert Dollar ausgeben für einen Kerl, der dich überrumpeln wollte?" Ich verstand nicht gleich, was er meinte, dann sagte ich "Sie denken, Jerry ist absichtlich zu mir gekommen?" "Herrgott, Maikel! Er hat doch gewusst, daß ich jetzt sein verdammtes Vibraphon besitze."

Maurice widmete sich irgendwelchen Papieren auf seinem Schreibtisch. Dann sagte er noch "Du musst wissen, was du tust. Rede mit Mister Brentano. Es geht mich eigentlich überhaupt nichts an." Ich sagte "In dem Schuppen wird das Instrument auch nicht besser." Er zuckte mit den Schultern. "Dann überleg' dir was. Ich muss jetzt hier weitermachen, ich komme demnächst mal vorbei."

Ich fand Jerry genauso vor, wie ich ihn verlassen hatte, nicht mal das Glas mit Rum hatte er angerührt. Ich sagte "Jerry, Sie haben mich angelogen, Sie wussten genau Bescheid, was hier Sache ist." Er sah mich mit wahrhaft traurigen Augen an und sagte mit halberstickter Stimme. "Was sollte ich denn tun?" Ich ging an den Tresen und hantierte herum, ich beachtete ihn nicht mehr, aber er konnte ja auch nicht ewig so sitzen bleiben.

Ich dachte, was für eine Überwindung es ihn gekostet haben musste, sein Instrument zu verpfänden, nur um diese Frau zu gewinnen. Ich kannte sie nicht (und Maurice Meinung über sie war nicht eben schmeichelhaft gewesen), aber ich war mir sicher, daß sie auf Jerry eine unwiderstehliche Wirkung ausgeübt hatte - und das konnte ich irgendwie nachvollziehen.

Ich sagte zu ihm "Trinken Sie das Glas aus." Er schien zu bemerken, daß ich etwas vorhatte. Er kippte den Rum hinunter und schüttelte sich. "Brrrhhh! Ich trinke eigentlich gar keinen Alkohol", sagte er, als wollte er sich um einen Job bewerben. Ich fuhr mit ihm zum Lagerschuppen. Als er sah, daß ich einen Schlüssel habe, muss ich ihm wie Ali Baba vorgekommen sein. Er berührte sein Vibraphon mit einer Geste unendlichen Mitgefühls, er beugte sich tief darüber und gab ihm einen Kuss voll Dankbarkeit und Bitte um Vergebung. Um nicht selbst überwältigt zu werden, sagte ich ungerührt "Es kostet Sie zweihundert Dollar, wenn Sie's wiederhaben wollen." "Unbedingt", erwiderte er.

Er spielte zwei Wochen lang im El Faraón. Er war einzigartig. Ich gab ihm den Bassisten und den Schlagzeuger zur Seite, auf die ich mich immer verlassen konnte, wenn ich sie als Begleitung brauchte. Er löste auch sein Versprechen ein, mir seine Versionen von "Bye Bye Blackbird" und den andern Songs zu präsentieren, er hatte das nicht nur so dahergesagt, um mich weichzukriegen.

Eines Abends kam ein junger Bursche ins Lokal, er hatte einen Gitarrenkoffer dabei. Er stellte ihn ab und setzte sich an einen Tisch, er bestellte ein Bier und hörte eine Weile zu. Dann stand er auf, kam zu mir an die Theke und fragte, ob er mitspielen dürfe. Ich sagte, frag' den Mann am Vibraphon, er heißt Jerry. Er tat es, und Jerry hatte nichts dagegen. Ich stellte ihm einen Verstärker auf die Bühne und wir schlossen seine Gitarre an, das war eine Gretsch und sie hatte einen Klang, als käme er direkt aus dem Himmel. Die Gäste schauten nur noch zur Bühne, und nach jedem Solo gab es Applaus. Das war das beste Konzert, das wir je im El Faraón hatten.

Ein andermal kam auch Maurice. Er hatte wahrscheinlich genau gewusst, was ich tun werde, aber ich glaube, er hatte selber was für Jerry übrig, seit er ihn im Los Vientos erlebt hatte. Er kam in Begleitung einer bezaubernden Kubanerin. Als Jerry und die andern eine Pause einlegten, meinte Maurice, er könne doch ebensogut im Floridita auftreten (das war eine Bar hinter dem Parque Central auf der Obispo, Ecke Monserrate).

Ich empörte mich. "Maurice! Sie wollen Jerry doch nicht der Konkurrenz überlassen!" "Die bezahlen aber besser, und soviel ich weiß, hat Jerry noch ein paar Schulden zu begleichen." Jerry horchte auf. Maurice fügte hinzu "Zugegeben: im Floridita verkehren oft die dümmsten Touristen, aber wenn sie umworben werden, sind sie sehr freigebig - und außerdem wollen sie alle Hemingway sehen." Ich rief "Wen? Etwa Ernest Hemingway?" Jerry fragte "Wer ist das?" Maurice sagte "Ein amerikanischer Schriftsteller." "Ernest Hemingway ist hier in Havanna?" "Wusstest du das nicht? Er hat draußen in San Francisco de Paula eine kleine Finca." Ich war total baff, ich hörte gar nicht mehr hin, als Jerry sagte "Vielleicht schau' ich da im Floridita mal rein."

Als ich zu Hause war, holte ich A Farewell to Arms hervor und las noch einmal die Geschichte von dem Offizier Henry und seiner Geliebten, der Krankenschwester Catherine - ich konnte es nicht fassen, daß der Mann, der sie geschrieben hatte, gerade in derselben Stadt war wie ich.

Ich fuhr gleich am nächsten Tag hin, die Finca Vigía lag einige Kilometer südöstlich vor der Stadt auf einer Anhöhe; früher war dort angeblich ein Beobachtungsposten der spanischen Kolonialmacht gewesen. Von außen sah man nichts anderes als einen wuchernden Garten mit Palmen, Mango und Avocado Bäumen, Hibiskus- und Jasminsträuchern, sie verbreiteten einen betörenden Duft, und in dem Blattwerk zwitscherten Unmengen von Vögeln. Eine Mauer umgab das Grundstück, das Gittertor war fest verschlossen, es hing ein Schild dran: Se prohibe entrar terminantemente sin previa audencia por telf! Es gab wohl etliche Besucher, die sich nicht die Mühe machten, lange Erklärungen zu entziffern, deshalb hing daneben ein weiteres Schild mit der Aufschrift No visitors except appointment. Nirgends war eine Klingel oder dergleichen.

Ich stand unschlüssig davor. Da kam ein Briefträger in der Uniform der kubanischen Staatspost in einem von diesen dreirädrigen Motor Vehikeln. Er hielt vor dem Tor, holte aus seiner Ladung ein braunes Päckchen hervor und warf es mit Schwung über das Gitter, es landete ein paar Schritte entfernt auf dem Kiesweg, der gleich hinter einer Kurve in den Busch führte. Ich sagte "Perdón! Senor cartero! Wann wird denn diese Post für gewöhnlich abgeholt?" Er sah mich nur komisch an und stieg in sein Fahrzeug.

Es dauerte keine Minute, da kam auf dem Kiesweg ein großer, dunkler, langhaariger Hund dahergetrottet, er schnappte sich mit der Schnauze das Päckchen, machte kehrt und lief zurück, ich rief "Hey! Perro!", aber er tat es dem Postboten gleich und ignorierte mich. Ich hatte mein Exemplar von A Farewell to Arms dabei, weil ich hoffte, Hemingway würde mir eine Widmung hinein schreiben. Ich wartete eine Weile, dann warf ich das Buch kurzerhand übers Gitter. Es funktionierte! Der Hund kam angetrottet, mit einem Ausdruck, als leide er unter Gedächtnisschwund, er schnappte sich das Buch und zog Leine.

Drei Minuten später kam eine Frau im Khaki Dress mit spitzem Gesicht und einer Augenpartie wie eine Raubkatze, ihr Haar war über der Stirn mit einem bunten Seidentuch gefasst, ihre Bewegungen hatten etwas Militärisches. Sie hielt das Buch in der Hand und als sie mich sah, rief sie "Is this Your book?", als hätte ich meine Ausrüstung verschludert.

Maurice hatte ein paar spärliche Informationen über Hemingways Lebens Verhältnisse in San Francisco de Paula ausgeplaudert; jetzt war ich so kühn und sagte "Miss Welsh? Mein Name ist Maikel Frogard, ich bin ein großer Verehrer Ihres Mannes." Sie entgegnete "Warum werfen Sie dann mit seinen Büchern nach ihm?" Ich wollte den Scherz erwidern, aber ich sah ihre ungnädige Miene und biss mir auf die Lippen. Ich dachte, vielleicht kann ich sie beeindrucken, wenn ich sage: "Ich komme aus Deutschland, ich habe einen weiten Weg hinter mir und ..." "Sind Sie ein Vertreter von Row Wald?" "Bitte von wem?" "Mein Mann erwartet Nachricht von seinem deutschen Verlag ..." "Ich bin ... ja, ich komme wie gesagt aus Deutschland." "Du lieber Himmel", sagte sie, "Sie sind ja fix! Ernest hat letzte Woche erst an Sie telegrafiert." "Nein Ma-am, ich glaube, jetzt ..."

Sie öffnete das Tor und ließ mich herein, ihr Parfümduft übertrumpfte sogar die Orchideen. Ich dachte, wenn sie die Wahrheit über mich erfährt, werde ich womöglich dieses Gelände nicht mehr unbeschadet wieder verlassen. "Folgen Sie mir, Mister ...?" "Fraukert, Michel Fraukert."

Hinter der Kurve führte der Weg durch einen schmalen Gürtel mit üppigem Grün, das von außen die Sicht auf die Finca versperrt hatte. Dann ging es leicht bergauf und zwischen den Bäumen und Büschen konnte man das Haupthaus sehen, ein flaches Gebäude im Kolonialstil, es hatte vorn (und auf der Rückseite) eine Terrasse und neben der kurzen Treppe am Eingang wuchs ein mächtiger alter Baum, dessen Stamm von einer Pflanze mit rosaroten Blüten umwunden war und dessen armdicke Wurzeln sich offensichtlich unterm Haus ausbreiteten. Auf der anderen Seite rankten sich Orchideen und Gewächse mit prallen, wie von Honig triefenden Knospen empor. Überall summten Insekten und ständig schwirrten bunte Kolibris herum. Links hinter dem Haus erhob sich ein weißer, viereckiger Turm mit einer umlaufenden Fensterfront unmittelbar unter dem Ziegeldach.

Es war angenehm kühl im Innern und es wimmelte nur so von Katzen in allen Varianten, sie scherten sich keinen Deut um mich. Miss Welsh erklärte "Mein Mann arbeitet um diese Zeit, niemand darf ihn dabei stören! Wir können nur darauf warten, daß er von selbst eine Pause macht, Sie verstehen." Sie war sich offenbar nicht ganz schlüssig, was sie jetzt solange mit mir anfangen soll, dann meinte sie "Möchten Sie einen Drink? Am besten bedienen Sie sich selbst, ich bin gleich wieder da." Sie verschwand im Nebenzimmer und dann hörte ich sie endlos telephonieren.

Ich blieb eine Weile da stehen und schaute mich um, an den Wänden hingen zahlreiche Jagdtrophäen und auf dem Boden lag das Fell eines Leoparden mit dem präparierten Haupt und dem aufgerissenen Rachen, seine spitzen Zähne glänzten und die Augen funkelten immer noch grimmig. Ich machte ein paar leise Schritte und warf einen Blick durch die offene Tür in den Garten und auf den Swimming Pool, durch dessen türkisfarbenes Wasser die Reflexe des Sonnenlichts bis auf den Grund schimmerten.

"Was tun Sie hier?", hörte ich da eine Stimme hinter mir. Ich wandte mich um und sah einen Mann so um die sechzig, mit kurzem, grauen Haar und noch hellerem Bart, der seinem breiten, sonnengegerbten Gesicht das Aussehen eines Seemanns gab. Er trug einen Morgenmantel und Badelatschen und hielt ein großes, leeres Whiskyglas in der Hand. "Mister Hemingway! Ihre Frau hat mich freundlicherweise eingelassen." Ich streckte ihm das Buch hin, das sie mir wiedergegeben hatte, und sagte "Ihr Roman A Farewell to Arms hat mich tief beeindruckt."

Er machte sich an dem Bartisch zu schaffen, auf dem allerlei Flaschen mit diversen Alkoholika standen, er goss sich einen kräftigdunklen Rum ein, ich hatte das Gefühl, als hätte er seine Arbeit unterbrochen, weil er gerade nicht wüsste, wie's weitergeht und darüber nachdenken müsste; vielleicht kam ihm die Abwechslung auch recht. Er trank einen Schluck und schaute mich dabei an mit einem Blick, daß ich glaubte, er prüfe, ob ich zu einer Figur in seinem Roman tauge. Aber das war nur ein kurzes Blitzen in seinen Augen, es verschwand sofort wieder, er sagte "Und Sie sind extra hergekommen, um mir das mitzuteilen?"

Miss Welsh telephonierte, ich hatte nicht zu befürchten, daß sie sich einmischt, ich sagte "Ich bin schätzungsweise nur einer von einer Million Menschen, denen Sie diese Erfahrung haben zuteil werden lassen, aber ich bin in der außerordentlich glücklichen Lage, Ihnen persönlich dafür danken zu dürfen." Er nahm den nächsten Schluck aus seinem Glas. "Haben Sie diesen Spruch auch meiner Frau aufgesagt?" "Bitte?" Er rief: "Mary!" Man hörte sie ins Telephon sagen: "Warte mal kurz!", und dann zu uns herüber: "Ja, Darling, was ist denn?" "Dieser Bursche hier ..." "Welcher Bursche, Darling? Ach so, Mister Frowald ... ich habe ihm erlaubt, sich an deiner Bar zu bedienen!"

Sie wandte sich wieder ab, Hemingway sagte "Warum haben Sie's nicht getan, ist hier nichts dabei nach Ihrem Geschmack?" "Ähm ..." "Mögen Sie keinen Rum?" "Doch, ich ..." "Ich habe hier einen drei Jahre alten carta blanca, einen carta oro, fünf Jahre alt, und einen anejo." (Das war der ganz dunkle, den er sich selber eingeschenkt hatte.) Ich sagte "Das ist vermutlich der älteste von den dreien." "Richtig. Aber Sie können auch gern was anderes haben." "Ich würde gern einen von dem dunklen probieren." "Gute Wahl", sagte er und schenkte uns beiden die Gläser voll.

Ich sagte "Ich wollte Sie auf keinen Fall bei Ihrer Arbeit stören." "Tja, nun haben Sie's aber doch getan." "Ich hatte eigentlich gehofft, daß Sie mir eine kleine Widmung in das Buch schreiben." Er erwiderte "Man soll die Hoffnung nie aufgeben." Damit drehte er sich um und ging aus dem Zimmer, er rief "Kommen Sie und werfen einen Blick aus meinem Turm, wenn Sie schon einmal da sind, man hat von oben eine phantastische Aussicht." Ich folgte ihm die Treppe hinauf, seine Badelatschen schlappten bei jeder Stufe, er hatte nicht ganz die exzellente Duftnote seiner Gemahlin.

Dauernd huschten Katzen vorbei. Ich sagte "Alle diese Katzen hier - können Sie die auseinanderhalten?" "Selbstverständlich, ich kenne alle ihre Namen: das ist Spendy, das ist Ambrosy, Dillinger, Willy - nein warten Sie, das ist Missouri - das ist Liza, und für den da bin ich grad noch am Überlegen, ich dachte an Tester." "Ja, das klingt gut."

Wir waren oben angelangt, man hatte tatsächlich einen herrlichen Blick über die ganze Landschaft bis zur Stadt hinüber und bis weit aufs Meer hinaus. Ich fragte ihn "Seit wann wohnen Sie hier?" "Seit über fünfzehn Jahren. Mit Unterbrechungen. Wir sind viel unterwegs gewesen. Mein erstes Zuhause hatte ich drüben in Key West." "Auf den amerikanischen Inseln?" "Ja natürlich, ich bin schließlich Amerikaner." "Ja, ich weiß." "Dann habe ich zwischendurch Bimini für mich entdeckt, kennen Sie das?" "Nein." "Es ist ein winziges Eiland ungefähr siebzig Meilen vor Miami, mitten im Golfstrom. Es ist, als hätte dort der Allmächtige Schöpfer seinen Finger ins Meer getaucht und als er ihn wieder herauszog, ist diese Insel ans Licht gekommen."

Wir tranken einen Schluck und schauten aus dem Fenster auf die Stadt, über der es in der Sonnenhitze flimmerte, Hemingway sagte "Wir waren damals schon öfter in Havanna, als wir noch in Key West waren." Ich fragte "Wer ist wir?" "Meine damalige Frau und ich." Er schaute mich kurz an. "Mary ist meine vierte Frau, wissen Sie. Ich hatte davor drei andere." "Aha." Er lachte. "Ich weiß, was Sie denken: man sollte nie mehr Frauen als Katzen haben!"

Ich schaute mich um. "Schreiben Sie hier oben?" "Sieht's danach aus?" "Eigentlich nicht." "Richtig. Nein, es würde mich hier zu sehr ablenken." "Ja, das glaub' ich, man könnte sicher stundenlang die Aussicht genießen." Er sagte "Schreiben ist ein hartes Geschäft. Wenn Sie's da zu etwas bringen wollen, müssen Sie sehr diszipliniert sein, diszipliniert und unbeirrbar! Sie dürfen sich von nichts und niemandem aus der Bahn werfen lassen. Und selbst wenn Sie noch so diszipliniert und unbeirrbar sind, kann es passieren, daß sie ganz plötzlich aus der Bahn geworfen werden, und dann, Junge, müssen Sie zusehen, wie sie wieder auf die Bahn draufkommen und wieder an Fahrt gewinnen können. Denn all' das", fügte er hinzu, "ist solange nichts wert, wie es nicht besser ist als alles, was Sie vorher gemacht haben, verstehen Sie." Ich nickte und trank mein Glas aus.

Er holte aus einem Schränkchen eine halbleere Flasche und schenkte uns nochmal ein. "Danke! Soll ich Ihnen erzählen, wie ich auf Ihren Roman gestoßen bin?" "Nur zu, wenn es nicht ein abendfüllendes Programm ist." "Ich habe vorher in Buenos Aires gewohnt, da traf ich einen Senor namens Eduardo Viamonte, der hatte zu Hause eine Kiste voll Bücher stehen, und da drin habe ich A Farewell to Arms gefunden." "Was war noch drin?" "Sie gehörte nicht ihm selbst, sondern einem ehemaligen Freund, der ein Krausista war ..." "Ein was?" "Ein Krausista - so nennt man in Argentinien die Anhänger eines deutschen Philosophen, der Karl Christian Friedrich Krause hieß." "Was für ein Name!", sagte Hemingway und ich gestand "Ich weiß selbst nicht, warum ich ihn mir gemerkt habe."

Er sagte "Die Deutschen waren schon immer tüchtige Philosophen." "Ja, aber ehrlich gesagt hat mich das nicht interessiert." "Natürlich nicht. Deshalb haben Sie's auch in der Kiste gelassen." "Deshalb hab' ich's auch in der Kiste gelassen. Aber da waren noch zwei andere Bücher, die ich 'rausgekramt habe: Lymen Frank Baum's The Wizard of Oz - Hemingway hob sein Glas wie zu einem Toast auf den Autor - und ein Gedichtband von einem gewissen Alfredo Bufano." "Was war denn mit dem?" "Der war - oder ist - der Lieblingsdichter einer Frau, die ich in Buenos Aires kennengelernt hatte, als ich nach einem Fahrradunfall ins Hospital kam, sie hieß Sylvia Marsal." Hemingway sagte "Ein noch besserer Name!" "Ja, und eine sehr schöne Frau."

Er schenkte uns nochmal ein und ich erzählte ihm mit wenigen Worten die ganze Geschichte, und wie Juan Bello sie mir am Ende wegschnappte, aber ich sagte Hemingway nicht, daß ich zwischendurch die Vorstellung hatte, Juan Bello könnte eine reale Vorlage für Henry, die Hauptfigur in A Farewell to Arms gewesen sein - denn jetzt wurde mir eindeutig bewusst, daß nicht Hemingway, sondern ich diesem Mann wirklich begegnet war. Es hätte mich mehr getröstet, wenn es umgekehrt gewesen wäre.

Er fragte mich "Was haben Sie mit ihm gemacht, als Sie es erfahren hatten?" Diese Frage überraschte mich, ich konnte ihm so schnell keine Antwort geben. Hemingway sagte "Es gibt zwei Arten von Männern: die einen sind die, welche von den Frauen verlassen werden, und die andern sind jene, deretwegen die Frauen die ersteren verlassen." Ich wandte ein "In Ihrem Roman ist das aber nicht der Fall." "Nein. Ich sage ja auch nicht, daß es unbedingt immer geschehen muss. Trotzdem kann man einen Mann daraufhin beurteilen, wie sich eine Frau zu ihm verhalten würde, wenn's drauf ankommt, und am Ende zählt das allein für ihn - und man kann auf jeden Fall eine gute Geschichte daraus machen." "Sie meinen, wenn man nicht von vornherein weiß, wie sich die Frau entscheiden wird." "Richtig. Es ist immer die Frau, die die wichtigste und die interessanteste Rolle spielt, nicht wahr? Alles dreht sich um die Frauen. Männer sind leicht durchschaubar und im Grunde auch ganz gewöhnlich, man kann sie untereinander austauschen. Frauen sind dagegen das Spiegelbild der Schöpfung in all' ihren Facetten und keine gleicht der anderen."

Er leerte die Flasche in unsere Gläser, ich fragte ihn "Was hätten Sie denn an meiner Stelle mit diesem Juan Bello gemacht?" Er sagte wie aus der Pistole geschossen: "Ihm den Schädel eingeschlagen." Ich verschluckte mich an meinem Drink, Hemingway lachte. "Ernsthaft?" "Man muss Prioritäten setzen. Ohne Prioritäten braucht man gar nicht erst anzufangen etwas zu unternehmen. Wenn man etwas unternehmen will, muss man von vornherein seine Feinde bezwingen - jedenfalls muss man sich darauf einstellen, seine Feinde zu bezwingen, wo immer sie auftauchen. Man darf seinen Feinden keine Chance lassen, denn ansonsten zieht man immer den Kürzeren und wird selbst von ihnen bezwungen."

Ich sagte "Das würde ja bedeuten, ich hätte diesen Juan Bello gleich als ich ihm zum erstenmal begegnet bin, ausschalten müssen." "Na ja, Sie waren jedenfalls nicht auf der Hut, und das war ein großer Fehler, für den Sie zahlen mussten. Sie hätten auf alle Fälle dafür sorgen müssen, daß sich die beiden nicht zu nahe kommen. Eine Frau sollte nicht nur beschützt, sondern auch bewacht werden, soviel steht fest!"

Er holte aus einem andern Schränkchen eine halbleere Flasche hervor und goss unsere Gläser nochmal voll. Ich fragte "Ist es eigentlich ausgeschlossen, daß eine Frau zu dem Mann zurückkehrt?" Hemingway überlegte einen Moment, dann erwiderte er "Es wäre denkbar, aber ich halte das für keine gute Lösung. Ich würde es nicht verwenden." "Sie meinen, in Ihren Romanen?" "Ja, es ist ... es ist wie die Geschichte vom verlorenen Sohn, der in sein Elternhaus zurückkehrt, nachdem er in seinem Leben so viele Fehler gemacht hat. - Schön und gut! Aber uns interessiert doch eigentlich nur, was er falsch gemacht und was er verbockt hat, je schlimmer desto beeindruckender. Daß er am Ende wie ein reumütiger Hund nach Hause schleicht ... na ja, vielleicht gibt es jemanden, der das interessant genug findet, um darüber zu schreiben. Ich würde es nicht tun."

"Aber Sie meinen, in Wirklichkeit wäre es durchaus denkbar." Hemingway atmete tief durch und schaute aus dem Fenster in die Ferne. Wahrscheinlich fing ich an, ihm mit meinen Fragen auf die Nerven zu gehen. Er sagte "Dann warten Sie also immer noch darauf, daß es geschieht." Ich nahm einen Schluck und blickte ebenfalls in unbestimmte Richtung. "Nein", sagte ich, "damit ist Schluss." "Umso besser", murmelte er und fügte hinzu "denn was auch immer zwischendurch passiert - manche solcher Beziehungen können ganz böse enden."

Als ich Hemingway's Finca verließ, merkte ich erst, daß ich mächtig einen in der Krone hatte. Ich setzte mich in meinen Ford und fuhr ganz vorsichtig aus dem Ort hinaus und bis zu einem Olivenhain, wo ich den Wagen im Schatten parkte, mich auf der Ladefläche ausstreckte und ein erholsames Nickerchen machte.

Ich hatte Hemingway übrigens dazu bringen können, mir die gewünschte Widmung in mein Buch zu schreiben, das ich fortan wie einen Schatz hütete. Ich hatte ihn auch (um von dem Thema wegzukommen) nach seiner Meinung über die hiesigen Verhältnisse gefragt und was er von Präsident Batista halte, und er hatte, halb im Scherz und halb betroffen, entgegnet, ich sei doch wohl kein Spitzel, der ihn aushorchen wollte. Ich fragte ihn, von welcher Seite ich denn dann käme, und er meinte, das amerikanische FBI habe ganz sicher schon eine Akte über ihn angelegt und er befinde sich dort in bester Gesellschaft mit einigen seiner berühmten Kollegen.

Ich glaube, Hemingway war in erster Linie auf Kuba, weil er diesen Flecken Erde in seiner ganzen überwältigenden Natürlichkeit und Schönheit so sehr schätzte und weil er hier ungestört arbeiten konnte. Er beschäftigte sich nach seinen eigenen Worten wenig mit Politik. Aber es war ihm wohl bewusst, daß die alltäglichen Annehmlichkeiten des Lebens hier in Havanna hauptsächlich der Protektion der Vereinigten Staaten zu verdanken sind und - ob man das nun wollte oder nicht - mehr noch den äußerst einträglichen Geschäften der Mafia.

Nach dem Krieg gegen die spanische Kolonialmacht (an dem bekanntlich Nestor Barrientos als junger Mann teilgenommen hatte) war Kuba vollständig an die Amerikaner gefallen und es gab sogar ernsthafte Bestrebungen, das Land zu einem weiteren Bundesstaat zu machen, wie es quasi auch mit Puerto Rico geschah.

Aber die politische Elite in Kuba (und in gewisser Weise auch "das Volk") setzte immer auf Unabhängigkeit als Garant für die Zukunft der eigenen Gesellschaft. Man wollte Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, freilich ohne die Prosperität einzubüßen, welche die amerikanischen Konzerne dem Land und den Menschen bescherte. Und der Reichtum und die wirtschaftliche Stärke Kubas gründeten sich fast ausschließlich auf die Zuckerproduktion und alles, was damit zusammenhing. Kein Land der Erde hatte jemals seine Entwicklung und seinen Fortschritt so sehr dem Zucker zu verdanken wie Kuba. Man sprach von der "Saccharokratie", die im wesentlichen aus amerikanischen Kapitalisten und Oligarchen bestand, und die seit dem siegreichen Krieg ihren Einfluss auf die Politik und Wirtschaft immer weiter ausbauen konnte.

Auch für diese Leute wäre es in Wahrheit nachteilig gewesen, wenn man Kuba zu einem Bundesstaat erklärt hätte, weil dann natürlich alle Gesetze der Vereinigten Staaten - und eben gerade auch die leidigen Beschränkungen, denen amerikanische Firmen von staatlicher Seite unterworfen waren - hierzulande geltendes Recht geworden wären. Man wäre derselben Regulierung ausgesetzt gewesen, die einem Unternehmer zu Hause schon das Leben schwer machte, ganz zu schweigen von den Forderungen der Gewerkschaften. Es gab also gute Gründe, weswegen es vorteilhafter war, Kuba de facto wie einen ausländischen Staat anzuerkennen und sich dort lieber als Investor und Geschäftsmann zu betätigen.

Doch Kuba war nie eine bloße Kolonie gewesen, geschweige denn eine Sklavenhalter Gesellschaft. Es gab hier immer schon eine einheimische Klasse von Landbesitzern und eine Klasse von Landarbeitern, die zu beiden Seiten des 22. Breitengrades: von Havanna im Norden bis Santiago im Süden ihren Ursprung und ihre tiefe Verwurzelung hatten. Und es gab eine außerordentlich zivilisierte politische Kultur, die einige sehr vernünftige und fähige Männer hervorgebracht hat, welche sich - alles in allem - stets von nationalen Interessen leiten ließen.

Selbst ein Präsident wie Fulgencio Batista, der wie mancher seiner Amtskollegen auf dem Kontinent mit Gewalt an die Macht gekommen war, gab seinem Vaterland mehr Demokratie und Liberalismus als viele caudillos andernorts ihren Untertanen jemals auch nur versprochen hatten. Er organisierte die erste "Volksfront" Kubas, eine echte nationale Bewegung, er setzte auf freie, demokratische Wahlen und er schuf die beste Verfassung, die das Land je hatte.

Batista war kein Weißer, er galt als Afrokubaner, man nannte ihn einen "Neger" aus der Provinz Oriente - tatsächlich waren seine Vorfahren Mulatten, Indios und sogar Chinesen. Aber gerade das gab ihm seine Identität, und er verkörperte so etwas wie die Gleichberechtigung der Rassen, ein Verdienst, das schwerlich in einem anderen Land der Neuen Welt zu finden war, jedenfalls nicht in dieser Zeit.

Er favorisierte eine Art Staatskapitalismus, in welchem die sagenhaften Gewinne und Profite der amerikanischen Konzerne (allen voran die der Zuckerindustrie) der Wirtschaft und Gesellschaft des eigenen Landes zugutekommen sollten. Aber die wollten natürlich keinen Dollar abgeben, den sie nicht genausogut behalten konnten. Batista wurde mehr und mehr zu einem Abhängigen der ausländischen Monopole, die kein Interesse an einer eigenständigen Entwicklung der karibischen Nation hatten. Zudem verstrickte er sich in das unauflösbare Netz der Korruption, und die einflussreiche Mafia mit ihrem Imperium aus Glücksspiel, Prostitution und Drogenhandel tat ein Übriges, Batista zu einer Marionette verkommen und ihn jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verlieren zu lassen.

Übrigens war es Senora Martello, meine treue Buchhalterin, die mir dies alles nebenbei erzählte. Ihr Mann hatte in Batistas Clique einen Posten innegehabt (darüber wollte sie allerdings nichts Näheres sagen), war jedoch vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Sie bekam zwar eine geringe staatliche Zuwendung, aber das reichte nicht zum Leben, weswegen sie sich, obwohl nicht mehr die Jüngste, zur Buchhalterin hatte ausbilden lassen.

Von ihr hörte ich auch zum ersten Mal von dem Mann namens Fidel Castro, dessen Vater (so wie Nestor Barrientos) im Zuge des amerikanisch-spanischen Krieges auf die Insel und dann als Grundbesitzer zu Reichtum gekommen war. Aber die Castros lebten immer in einfachen Verhältnissen, der Sohn studierte und wurde Anwalt. Er engagierte sich früh im politischen Kampf und Widerstand gegen das Batista Regime. Darin war er keineswegs der Einzige.

Kurioserweise war es eine Folge der demokratischen Verhältnisse (in denen selbst extreme Gruppen toleriert wurden und auch ihre Anhänger fanden), daß eine Vielzahl verschiedener politischer Strömungen und Parteien sich um die Macht stritten. Batista hatte ihnen erst eine Chance gegeben sich zu etablieren - und das sollte ihm jetzt zu seinem eigenen Schaden sein. Sogar die Amerikaner gingen auf Distanz; und eine starke Gemeinschaft der Exilkubaner, die in Florida ihr Refugium gefunden hatte, rieb sich schadenfroh die Hände, als Batista immer öfter und immer heftiger attackiert wurde.

Ein Generalstreik folgte dem anderen, die Studentenproteste in Santiago und in Havanna verwandelten sich in offene Revolten und bekamen zunehmend militanten Charakter - Batista musste ständig seine Soldaten gegen die eigene Bevölkerung einsetzen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, allerdings nur für kurze Dauer. Und dann ereignete sich jener legendäre Überfall auf die Moncada Kaserne, den Fidel Castro und seine Rebellen anzettelten und bei dem es auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Verletzte gab. Das geschah an einem 26. Juli und seitdem hieß die ganze Kampagne: "Bewegung des 26. Juli" und wurde zum Fanal der kubanischen Revolution.

Fidel Castro wurde zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt und auf die Isla de los Pinos gebracht. Aber im Zuge einer General Amnestie kam er nach zwei Jahren frei. Senora Martello sagte "Er hat übrigens nicht weit von hier bei seinen Schwestern gewohnt. Er war eine beeindruckende Erscheinung, groß, stark, gutaussehend, er hatte sehr viele weibliche Verehrerinnen, zumal man erzählte, er habe sich kürzlich von seiner Frau scheiden lassen. Vor dem Haus, in dem er unterkam, versammelten sich fast täglich schöne, junge Frauen, die ihn sehen und angeblich zu seiner Freilassung beglückwünschen wollten, aber na ja, vielleicht wollten sie auch, daß er ein Auge auf sie wirft und sich Knall auf Fall in sie verliebt. Man erzählte, daß manche erzürnte Ehemänner ihre Frauen vor Fidel Castros Haus am Kragen packten und sie nach Hause schleiften."

Senora Martello sagte, Batistas Frau Marta Fernández habe sich ein bisschen wie Evita Perón aufspielen wollen, das sei ihr aber misslungen, und ich musste feixen bei der Vorstellung, daß die kubanischen Männer, anstatt Marta Fernández de Batista zu huldigen, eher ihre eigenen Frauen vor der unwiderstehlichen Ausstrahlung Fidel Castros in Sicherheit bringen mussten.

Er ging dann nach Mexiko ins Exil, und im Jahr darauf kursierte das Gerücht, Fidel Castro sei mit einer "Rebellenarmee" auf einer ehemaligen US-amerikanischen Fregatte zurückgekehrt und in der Nähe von Niquero (am westlichen Ende der Sierra Maestra) an Land gegangen, mit der Absicht, einen Staatsstreich gegen seinen alten Widersacher Batista zu inszenieren.

Diese Fregatte entpuppte sich als ein etwas größeres Motorboot mit Namen "Granma" - manche behaupteten, es hätte auch den Charme und die Rüstigkeit einer alten Oma gehabt! Ich fragte Senora Martello: "Und die Rebellenarmee? Waren das Guerilleros?" "Ja, so nennen sie sich. Haben Sie schon mal mit welchen zu tun gehabt, Miguel?" "Ich hatte in Argentinien einen kennengelernt, der eine Zeitlang in Bolivien als Guerillero gekämpft hat."

Ins El Faraón kamen ständig auch Studenten, und ihre Gespräche drehten sich ebenfalls um die Guerilleros von Fidel Castro, die sich nach der angeblich nicht ganz wie geplant verlaufenen Landung in die Sierra Maestra zurückgezogen hatten und von dort ihren Kampf gegen Batista organisierten. Bei den Studenten hießen sie "los barbudos" - die Bärtigen (obwohl es nur wenige gab, die sie nach ihrer Ankunft tatsächlich zu Gesicht bekommen haben). Man wusste auch, daß neben Fidel Castro und seinem Bruder Raúl, ein gewisser Camilo Cienfuegos (welcher "der Schönste" unter ihnen sein sollte) und der Argentinier Ernesto Guevara, der den Spitznamen "El Che" trug, die Hauptrollen spielten.

Die Sierra Maestra ist eine unwegsame, von dichtem Dschungel überzogene Bergregion im Südosten Kubas, hier befinden sich die höchsten Gipfel der Insel. Santiago, die frühere Hauptstadt und der Sitz der Regierung, liegt an den östlichen Ausläufern der Sierra. Von der Seeseite war sie praktisch unzugänglich, und von Norden führten ein paar unbefestigte Straßen bis zu alten Minensiedlungen, die nicht viel mehr waren als eine Handvoll Hütten neben einer Wasserquelle. Im Sommer war es hier unerträglich heiß, und in den kühlen Monaten fiel die Temperatur schnell auf den Gefrierpunkt. Soviel hörte ich jedenfalls von den Bedingungen dort, doch kaum einer war selbst in der Maestra gewesen.

Die Guerilleros konnten sich zwar gut im Urwald verstecken (Batistas Soldaten trauten sich nicht, auch nur einen Fuß in die Wildnis zu setzen), aber natürlich war das Leben dort alles andere als behaglich. Castro nahm Verbindung zu den subversiven Kräften in Santiago und in anderen Orten auf, man wollte das weitere Vorgehen koordinieren - und man musste auch ganz einfach die eigene Versorgung sicherstellen. Batistas Militärs versuchten, das konspirative Netz der Rebellen zu zerreißen, es gab jede Menge Verhaftungen, Verhöre, Erschießungen.

Ich erinnere mich gut an den Tag, als der äußerst populäre Studentenführer Frank País getötet wurde, auch er hatte sich mit Fidel Castro verbündet. Die Studenten, die an diesem Abend ins El Faraón kamen, waren so aufgebracht, daß ich die Band, die ich engagiert hatte (ein Quartett mit einem Saxophonisten aus Miami) wieder nach Hause schickte, niemand von den Besuchern schien Lust auf Musik zu haben; nur der Pianist meinte, er würde trotzdem ein paar Sachen spielen und er machte mich staunen mit seinem beinahe stoischen Gleichmut, mit dem er über die Tasten hinwegspazierte.

Bei den Studenten ging es hoch her, alle wetterten gegen die kriminellen Geschäfte der Mafia, die Batista offenbar zu ihrem Komplizen gemacht hatte, sie empörten sich über die verderbliche Glücksspiel Industrie, die Havanna zu einem Ort der Sünde und Sittenlosigkeit verkommen ließ, sie verabscheuten die grassierende Prostitution, die zu einem Hauptgewerbe zu entarten drohte, dem neuerdings auch immer mehr Minderjährige zum Opfer fielen.

Ansonsten waren sie untereinander keineswegs konform; es gab in diesem Land scheinbar zu viele verschiedene Ansichten, auf welchem Wege sich die Gesellschaft weiterentwickeln sollte. Man war sich eigentlich nur in einem entscheidenden Punkt einig, nämlich über die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen sowohl in der Staatsverwaltung, aber mehr noch in der Wirtschaft. Und so ziemlich alle hier wollten, daß sich die Amerikaner nicht mehr länger auf Kosten Kubas bereicherten.

Ich vermied es, mich in die Diskussionen einzumischen, ich wollte, daß unser Lokal der Unterhaltung und Zerstreuung diente und es die Gemüter der Menschen mit der Musik, die hier dargeboten wird, erfreuen möge. Das war allerdings ein hehrer Wunsch angesichts der Turbulenzen jener Tage. Selbst Jolanda, deren Freund bis vor kurzem selbst noch studiert hatte, und die viele von den Studenten persönlich kannte, hatte Mühe, sich aus deren hitzigen Debatten herauszuhalten, und ich staunte darüber, wie es ihr dennoch gelang, ihre Freundlichkeit zu wahren, sie sagte "Miguel, wenn das so weitergeht, sollten wir Herrn Stalin einladen, damit er hier auf der Bühne eine Rede hält." Ich erwiderte, Herr Stalin wäre schon tot, und Jolanda sagte "Ach so? Na, er hat doch bestimmt einen Nachfolger, der das genausogut draufhat." (Später kam ja tatsächlich Anastas Mikojan als Gesandter der Sowjetunion nach Havanna - und auch ein paarmal ins El Faraón - leider hat er auf Jolanda keinen guten Eindruck gemacht.)

Dann wurde es richtig heftig. Castros Rebellen hatten ein "Manifest der Sierra Maestra" veröffentlicht, in dem sie ihre Forderungen stellten. Batista antwortete mit immer größerer Brutalität, er ließ jeden Aufrührer, dessen er habhaft werden konnte, liquidieren. In Havanna gab es nacheinander mehrere Bombenexplosionen, die offenbar bezweckten, das öffentliche Leben lahmzulegen. Ich überlegte ernsthaft, ob ich das El Faraón für eine Weile schließen sollte.

Auf Batista wurde ein Attentat verübt, das jedoch fehlschlug; José Antonio Echevarría, der Anführer der Proteste in Havanna wurde erschossen. Es gab Nachrichten, daß die Guerilleros bei El Uvero, bei El Hombrito, bei Pino del Agua und an einigen andern Orten siegreiche Gefechte geführt hatten. Aber sie hatten sich danach immer in die Sierra Maestra zurückgezogen - offenbar fühlten sie sich noch nicht stark genug für den entscheidenden Angriff auf Batistas Armee.

Und dann geschah etwas, das ich nicht erwartet hätte, was aber von großer Bedeutung für mich sein sollte. Ramón richtete mir aus, Cayenne wollte mit mir sprechen. Warum sie nicht selber hergekommen war, blieb mir unklar. Ich fuhr zu ihr hin. Sie machte eine ernste Miene. Ich fragte "Ist etwas mit Isabel?" Sie sagte "Nein, alles in Ordnung." Wir setzten uns in der Küche an den Tisch, sie sagte "Ich werde am Donnerstag zu Nestor nach Santiago fahren." Ich sagte "Ist gut", und wusste eigentlich nicht so recht, warum sie das so spannend gemacht hatte.

Sie fragte "Wäre das möglich, wenn du mitkommst?" Ich war überrascht - aber irgendwie auch nicht, vielleicht hatte ich unbewusst darauf gewartet. Ich sagte "Aber klar doch, Caya!" "Isabel kommt auch mit." "Toll!" "Und Saladin können wir nicht alleinlassen." "Auf keinen Fall! Er muss mit." Caya lachte, und ich fand sie in diesem Moment umwerfend, am liebsten hätte ich sie auf der Stelle geküsst, aber seit der Sache mit dem Hinterngrapscher und der Ohrfeige war ich ganz vorsichtig.

Ich übertrug alle Befehlsgewalt an Jolanda und ihren Freund, sie sagte "Wir werden das Schiff schon schaukeln! Machen Sie sich keine Gedanken, Miguel, erholen Sie sich ein paar Tage und kommen Sie gesund und munter wieder!" Aber Ramón sagte "Mach' keine Dummheiten, Muchacho!" Ich wollte fragen, ob er damit etwas andeutet, aber er war gleich weg. Hatte Cayenne ihm etwas anvertraut, das sie mir lieber verschweigen wollte?

Wir fuhren am Donnerstag ganz früh los. Für Saladin hatte ich auf die Schnelle eine kleine Hütte zusammengezimmert, die ich auf der Ladefläche des Ford befestigte und die ihm sichtlich gefiel. (Seitdem wollte er mich immer ablecken.) Isabel hatte eine Mundharmonika dabei, irgendwann unterwegs fragte sie mich, ob sie darauf spielen dürfe, und ich sagte "Da musst du mich doch nicht um Erlaubnis fragen." "Kann ja sein, es gefällt dir nicht." "Na, leg' erstmal los! Wenn's mir auf die Nerven geht, nehm' ich sie dir weg." Isabel boxte mich gegen den Arm, ich musste lachen.

Sie fing an zu spielen, es war ganz zauberhaft, sie war ein richtiges Naturtalent auf der Mundharmonika. Nach einer Weile fing Cayenne an, den Text zur Melodie zu singen, es waren alles kubanische Volkslieder, von denen ich ein paar kannte, doch die meisten waren mir neu. Dann sagte Cayenne "Ein paar Meilen weiter kommt ein pueblo, da gibt es eine prima Kneipe, dort können wir was essen."

Während wir dort saßen, fragte ich sie "Gibt es einen bestimmten Grund für deinen Besuch bei Nestor?" "Ich soll etwas für ihn erledigen." "Aha." Ich überlegte, was das sein könnte, wofür er bei sich niemanden fände. Cayenne fragte "Freust du dich, Nestor und Martha wiederzusehen?" "Ja." Dann fügte ich hinzu "Wie kommt es eigentlich, daß du einen anderen Nachnamen hast?" "Das ist der Name meiner Mutter." Isabel sagte "Ich habe auch ihren Nachnamen." Ich schaute Isabel an und meine Gedanken gingen irgendwohin, sie holte mich zurück, als sie sagte "Miguel, wenn du Caya heiraten würdest, müsstest du auch unsern Namen tragen." Cayenne rief "Isabel!" Ich sagte zu ihr "Das lässt sich nicht verhandeln, oder?" "Nein, das lässt sich nicht verhandeln." Cayenne sagte "Wir sollten jetzt weiterfahren, es ist noch ein ordentliches Stück bis Santiago."

Die beiden Leutchen empfingen uns ganz herzlich. Ich hatte für Martha eine Büchse Hunter's Palmer Salzkekse mitgebracht und für Nestor ein Kistchen mit Monte Christo Zigarren - Cayenne tat ganz erstaunt über meine Aufmerksamkeit, sie gab mir sogar ein Küsschen auf die Wange. Isabel verschwand gleich, sie kannte in der Nachbarschaft ein Mädchen. Cayenne half Martha in der Küche, während ich mich mit Nestor unterhielt, er war sehr angetan über meine Tätigkeit in Havanna. Zwischendurch sagte er "Das war doch eine gute Idee, daß ich dir Caya's Adresse gegeben habe, oder?" "Ja, das hat mir sehr geholfen", erwiderte ich. Er machte einen tiefen Zug aus seiner Zigarre und sah mich dabei genau an. Gegen Abend versammelten sich alle zum Essen, von den Nachbarn waren auch welche gekommen, und dann stellte sich heraus, daß Martha heute Namenstag hat und wir ließen sie mehrmals hochleben, aber es war ihr ein bisschen peinlich und sie wurde ganz rot im Gesicht.

Am andern Tag sprach Cayenne mit Nestor in seinem Zimmer, sie hatte die Tür angelehnt und ich merkte, daß sie unschlüssig war, ob ich von der Unterhaltung etwas mitkriegen sollte. Ich blieb eine Weile bei Martha und Isabel, die sich dann davonmachte. Da rief mich Cayenne hinzu und fragte mich, ob ich bereit wäre, sie zu einer Siedlung in den Bergen zu fahren. Ich hatte nichts dagegen, mir schien, daß die beiden sich darüber verständigt hatten, ob sie mich darum bitten sollten. Ich empfand es als eine Selbstverständlichkeit, aber für Cayenne war es wohl mehr.

Dann kamen zwei Frauen und ein Mann, sie brachten drei riesige Taschen mit, die vollgestopft waren mit allen möglichen Lebensmitteln: Mehl, Pasta, Olivenöl, Bohnen, Kartoffeln und Reis, Zwiebeln und noch mehr, dazu eine Menge tasajo - Trockenfleisch vom Rind - und zwei oder drei Speckschwarten. Wir luden alles auf den Ford, Nestor überwachte es, er gab Cayenne ein paar Hinweise. Isabel bettelte bis zuletzt, daß sie mitfahren darf, aber Cayenne ließ nicht mit sich reden. Isabel stampfte trotzig mit dem Fuß auf, und Martha rief "Komm' Chica bella, lass' die Erwachsenen ihren Kram tun, wir machen was zusammen!" Saladin war aus seiner Hütte nicht herauszukriegen.

Cayenne wollte selber fahren, weil sie besser Bescheid wüsste, und mir wurde klar, daß sie mich unbedingt dabeihaben wollte, damit sie sich wohler fühlt. Ich fragte, wohin wir die Sachen schaffen, aber sie brabbelte nur was. Wir fuhren in Richtung La Clarita, linker Hand konnte man die Berge der Maestra sehen, dann wechselten wir auf eine unbefestigte Straße. Es war sehr heiß, es hatte tagelang nicht geregnet und wir wirbelten mächtig Staub auf. Mein nächster Versuch, von Cayenne etwas über unser Ziel zu erfahren, blieb ebenfalls erfolglos.

Wir kamen an ein Schild, auf dem stand "Cacahuete 15 m." Cayenne bog da hin ab, ich sagte "Cacahuete? Wieso heißt dieser Ort Erdnuss?" Aber Cayenne murmelte bloß "Was weiß ich, vielleicht gab's da mal welche", sie versuchte irgendwie krampfhaft ihre Unruhe zu unterdrücken. Und dann erblickten wir vor uns eine Patrouille der Guardia civil. Cayenne schrie auf und trat auf die Bremse, wir blieben stehen und ich glaube, sie wollte zurückfahren, aber die Polizisten hatten uns schon gesehen. "Scheiße!", murmelte Cayenne, "Hast du Papiere dabei?", fragte sie mich und ich bejahte es. Sie sagte "Du bist mein Verlobter, wir fahren zu einer Hochzeit." "Zu unserer?", meinte ich, aber als ich sah, wie sie vor Aufregung zitterte, wurde ich ernst und sagte "Es passiert uns nichts!" "Ach ja? Dein Wort in Gottes Ohr!"

Als wir herankamen, sahen wir, daß auch Soldaten dabei waren, sie trugen Karabiner über der Schulter. Einer näherte sich Cayenne's Seite und gab Zeichen, daß sie die Scheibe herunterkurbeln soll, sie tat es, der Posten fragte, woher wir kämen und wohin wir wollen und Cayenne gab ihm Antwort. Er forderte sie auf auszusteigen, er wollte sehen, was wir geladen haben. Ich blieb sitzen und auf einmal fing ich selber an zu zittern, ich wollte Cayenne helfen, aber ich wusste nicht wie. Sie nickte mir zu - jetzt war sie es, die mich beruhigen musste.

Sie stieg sehr umständlich aus und als sie die Wagentür schließen wollte, rief vorn ein Soldat "Cayenne Alvarez!" Sie drehte sich um und schaute den Mann verdutzt an, der sagte "Ich bin's, Severio!" "Severio!", sie ging auf ihn zu, "Mit dir hätte ich jetzt am wenigsten gerechnet! Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?" "Na ja, es mögen zehn Jährchen sein." "Na mindestens. Wir wollen nach Valcheta zu einer Hochzeit - sie wandte sich zu dem Posten um und fügte hinzu - deshalb haben wir auch das Auto voller Zeug, alles für die Feier!" Severio sagte "Aber das ist doch die ganz verkehrte Richtung nach Valcheta." Cayenne tat überrascht. "Ist das wahr! Dios mio, ich bin das zuletzt - na, ich weiß nicht - und wie kommen wir jetzt am besten da hin?" "Ihr hättet weiter vorne schon abbiegen müssen."

Cayenne schien auf einmal dreist zu werden. "Ach Mensch, ich will aber nicht zurück fahren! Gibt's denn da keinen andern Weg? Du kennst dich doch bestimmt gut aus hier!" Severio fühlte sich geschmeichelt, er sagte "Ungefähr drei Meilen weiter kommt eine Abzweigung, da müsst ihr euch rechts halten und bis zur Brücke fahren und hinter der Brücke geht's wieder rechts auf die Straße nach La Bolsa, dort fragst du am besten nochmal." "Gracias! Ich wusste, daß du mir weiterhelfen kannst, Severio." "Gern geschehen. Sehen wir uns mal wieder?" "Auf alle Fälle." Sie stieg wieder ein, Severio sagte zu dem Posten, der eigentlich immer noch darauf wartete, daß wir ihm die Ladung zeigen: "Ist schon in Ordnung, Julio, ich kenne sie!"

Severio winkte uns durch. Cayenne murmelte "Ich glaube, ich hab' mir grade in die Hose gemacht." Ich sagte "War das ein Bekannter von dir?" Cayenne klammerte sich fest ans Lenkrad, als wär's das Steuerrad eines Schiffes auf stürmischer See. "Keine Ahnung, wer das war", erwiderte sie und fügte hinzu "na ja, vielleicht war ich mit dem mal zum Tanz. Meinst du, die sehen unsere Staubfahne?" Ich drehte mich um, sie waren unsern Blicken entschwunden, ich sagte "Fahr' da drüben auf dem Gras", aber Cayenne entgegnete "Hier stehen Robinien, da liegen garantiert Dornenzweige herum, die verwandeln dir deine Reifen in Luftschokolade."

Natürlich folgte sie nicht der Beschreibung Severios und wir hielten uns in Richtung nach diesem Cacahuete. Es wurde steiler und steiler, der Weg ging in den Wald hinein, es wurde schattig und stellenweise waren da Schlammlöcher; Cayenne fuhr mit Karacho hindurch, der Ford schlenkerte und Saladin auf der Ladefläche wurde es himmelangst, Cayenne rief "Wenn wir erst mal steckenbleiben, dann Gute Nacht!" und ich dachte, Senor Eduardo würde bei dem Anblick allen Glauben an die reizenden Kubanerinnen verlieren, wenn sie das mit seinem geliebten Duncan Territory angestellt hätten.

Sie kurbelte wie wild und trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch, ich wurde hin- und hergeworfen und versuchte mich festzuhalten, sie rief "Gleich haben wir's!" und tatsächlich wurde es wieder etwas ebener und wir waren durch den Wald durch und befanden uns schon ziemlich weit oben auf einer Art Steppenrasen, wo dann allerdings auch keine Fahrspuren mehr zu erkennen waren. Wir fuhren da eine Weile entlang, und ich vermutete, Cayenne wüsste jetzt selbst nicht mehr genau, wo es weitergeht. Dann deutete ich nach rechts und sagte "Da drüben die Hütten - ist es das, wo du hin willst?" "Genau!", rief sie und ich konnte ihre Erleichterung spüren.

Es war eine Handvoll Hütten aus Feldsteinen und mit Strohdächern, und als wir ausstiegen, kam ein Mann auf uns zu, den Cayenne mit Ursinio anredete und er sah auch aus wie ein Bär. Dann erschien noch ein zweiter, viel kleinerer Mann, der hieß Bobo und er wirkte ein bisschen wie Ursinios Schützling. Cayenne sprach mit ihnen, aber ich hatte Schwierigkeiten, sie alle drei zu verstehen, ihr Dialekt war sehr eigenartig. Bobo stupste mich an, ich solle die Sachen mitabladen, er fragte mich was und ich antwortete bloß "Si, por supuesto", worauf er beinahe dreckig lachte.

Wir schafften alles in die größte der Hütten. Dort war so etwas wie eine Küche mit einem Herd aus Lehm gebaut, und da war auch eine Frau, die sich die Hände an der Schürze abwischte und mich freundlich begrüßte, sie hieß Pinta und ich konnte nicht gleich feststellen, in welchem Verhältnis sie zu den beiden Männern stand. Schließlich tauchte noch ein Mädchen auf, das einen Klumpfuß hatte, sie hob die vollen Taschen an als wären es Federkissen, ich dachte: 'sie kann zweifellos schwere Sachen heben'.

Sie hatten alles auf zwei großen Tischen ausgebreitet, und jetzt fingen sie an, lang und breit darüber zu debattieren, wie sie die Lebensmittel am zweckmäßigsten verbrauchen - soviel konnte ich jedenfalls ihrem Palaver entnehmen. Ich flüsterte Cayenne zu, ich würde mich mal draußen umschauen und sie sagte "Ja, ist gut. Nimm' Saladin mit."

Wir streiften ein bisschen umher, Saladin buddelte hier und da in der Erde. Es huschten ein paar kleine pelzige Vierbeiner herum, ich hielt sie für eine Art Murmeltiere, weil sie genauso fiepten, sie waren zu schnell für Saladin. Weiter oben begann der Wald, mit riesigen, dichbelaubten Bäumen, und darüber konnte man die scheinbar unerreichbaren kahlen Berggipfel sehen.

Ich wandte mich um und ging in die andere Richtung, ich kam an eine Stelle, wo die Leute an etwas gearbeitet hatten. Da überraschte mich Cayenne, sie hatte zwei Emaillebecher mit Kaffee in Händen, sie reichte mir einen. "Er ist hoffentlich nicht zu süß, ich habe zwei Löffel Zucker hinein getan." "Danke, das ist gerade richtig."

Sie deutete auf einen kunstvoll aufgeschichteten großen Haufen. "Weiß du, was das ist?" Ich sagte "Wenn ich in meiner alten Heimat wäre, würde ich sagen, es ist ein Holzkohle Meiler." "Richtig. Die Leute verdienen sich ihren Lebensunterhalt damit. Früher gab es hier auch eine Kupfermine, aber sie hat sich nicht mehr gelohnt." (Ich hatte gelesen, daß es in Kuba mehr Prostituierte als Minenarbeiter gibt - das sollte wohlgemerkt nicht verdeutlichen, wie viele Prostituierte es gab, sondern wie wenige Minenarbeiter! Die Zuckerindustrie hatte jede anderweitige Wirtschaft verdrängt.)

Ich fragte "Seid ihr euch einig geworden, was ihr mit den ganzen Lebensmitteln macht?" "Wie?" "Es hörte sich so an, als hättet ihr den Speiseplan für die nächsten drei Monate besprochen." "Ach wo! Es ging natürlich nur ums Geld." Ich fragte "Warum brauchen die paar Leute so viel?" "Das ist nicht für sie selbst." "Für wen dann? Es sieht hier nicht gerade nach einem Marktflecken aus." Sie lachte, dann sagte sie nur "Du wirst schon sehen."

Abends gab es Essen, das Pinta und das Mädchen zubereitet hatten, es war einfach aber sehr schmackhaft, das Mädchen warf mir scheele Blicke zu, bis ich erklärte, daß es mir vorzüglich schmeckt. Es war auch noch ein weiterer junger Mann erschienen. Wir saßen draußen um ein kleines Feuer herum. Ursinio thronte auf zwei übereinandergestapelten Kisten, links unter ihm hockte Bobo wie sein Knappe, und der Junge saß abseits, als würde er sich nicht näher herantrauen, aber später humpelte das Mädchen zu ihm hinüber und sie sprachen miteinander. Cayenne und ich hatten uns zu beiden Seiten Pinta's hingesetzt, die dann anfing zu erzählen, was Cayenne mir übersetzte - jedoch, wie mir schien, nicht alles, denn sie lachten zwischendurch und an den Stellen lachte auch Bobo und schaute mich dabei verschmitzt an.

Ich schlief bei Cayenne auf demselben Lager, sie verlor kein extra Wort darüber. Als wir unter der Decke lagen, spürte ich den Duft ihres Körpers, wir berührten uns wie zufällig und alles war ganz selbstverständlich. Wir plauderten noch eine Weile und dann kam Saladin angeschlichen und legte sich auf die Decke zwischen uns. Ich musste grinsen, aber Cayenne sagte "No, Saladin! Leg' dich daneben hin! Hiiierheeer!" Saladin trollte sich und wir rückten wieder enger zusammen.

Am nächsten Mittag tauchte eine Gruppe Guerilleros auf, sie kamen oben aus dem Wald, und da ich gerade allein vor der Hütte stand, bemerkte ich sie als erster. Ich war so überrascht, daß ich die anderen laut alarmierte. Die alte Pinta und das Mädchen erschienen, Pinta sagte etwas zu mir und ich deutete es als ein 'Jetzt mach' nicht so einen Lärm, Kerl!' Dann kam Cayenne, sie meinte "Beruhige dich, Miguel, wegen denen sind wir hier."

Es waren vier Männer und eine Frau, sie trugen ziemlich zusammengewürfelte Uniformen, nur ihr festes Schuhwerk schien wie aus derselben Lieferung zu stammen; diese Schnürstiefel hatte ich schon bei Juan Bello gesehen! Sie waren ordentlich bewaffnet, zwei hatten Karabiner (mit Zielfernrohr), einer eine Maschinenpistole mit einem langen Magazin, bei dem vierten und der Frau steckten großkalibrige Pistolen im Lederholster, alle hatten Patronengurte um den Leib, und bei der Frau hingen zwei Handgranaten am Gürtel, außerdem hatten sie alle lange Messer bei sich.

Die Männer waren tatsächlich jene "los barbudos", die Bärtigen, wie man sie in Havanna beschrieben hatte; die Frau war jung und kräftig, sie hatte ein hübsches Gesicht mit einer etwas herrischen Miene; sie vergewisserten sich zuerst, ob die Luft rein war und der mit der Maschinenpistole nahm den Finger nicht vom Abzug. Ursinio und Bobo und der Bursche, der gestern mit uns gegessen hatte, waren ebenfalls aus den Hütten herausgetreten, Ursinio war unser Wortführer, und bei den Guerilleros entpuppte sich gleich einer als ihr Kommandeur.

Und dann wurde mir klar, wovon Cayenne gesprochen hatte: diese Leute waren hier, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Der Kommandeur holte eine Liste aus seiner Brusttasche und er verhandelte mit Ursinio, und der schaute darauf, um zu sehen, was davon verfügbar war oder was wir stattdessen anbieten könnten. Vielleicht bildete ich mir das bloß ein, aber mir schien, der Kommandeur würde mich aus den Augenwinkeln heraus argwöhnisch mustern, vielleicht sah ich zu sehr so aus, als würde ich nicht hierherpassen.

Irgendwann konnte er sich nicht mehr beherrschen und er fragte Ursinio, wer ich sei, und Cayenne sagte, ich sei mit ihr zusammen hier und ich habe das ganze Zeug in meinem Auto hergefahren. Der Kommandeur wandte sich mir zu und als sich unsere Blicke trafen, war mir so, als hätte ich sein Gesicht schon einmal gesehen, nur den struppigen Bart musste ich mir wegdenken.

Als er sich mit Ursinio einig war, gingen wir alle vor die Haupthütte, und Pinta und das Mädchen hatten inzwischen etwas zu essen und zu trinken bereitgestellt und sie stärkten sich alle und sie wurden auch ein bisschen zugänglicher und gesprächiger, aber der mit der Maschinenpistole schaute immer wieder aufmerksam in die Umgebung. Nach einer Stunde machten sie sich wieder auf den Weg. Der Junge brachte ein Maultier an (damit war er also gestern hergekommen) und wir luden alles auf und zurrten es mit Stricken fest, der Junge begleitete die Truppe, er selbst hatte sich einen Sack mit Holzkohle, nach Indio Art mit einem Stirnband gehalten, auf den Rücken geladen, wir schauten ihnen nach, und kurz bevor sie im Wald verschwanden, winkte uns der Kommandeur nochmal zu.

Abends als wir beieinander lagen, unterhielt ich mich mit Cayenne über die Begegnung und sie sagte, daß Nestor Barrientos solcherart Geschäfte mit den Rebellen in der Sierra macht, obwohl sie versucht habe, ihm das auszureden, weil es nicht ungefährlich war. Aber Nestor winkte immer wieder ab und meinte, er sei viel zu alt, um noch in Gefahr zu geraten. Ich fragte "Hat er dich darum gebeten, das Zeug hierher zu schaffen?" Cayenne sagte "Ich hab's von mir aus getan. Aber ich war mir unsicher, ob ich's allein schaffe." Dann fügte sie hinzu "Ehrlich gesagt, war niemand da, mit dem ich's zusammen gewagt hätte, außer dir." Sie hatte unter der Decke meine Hand gefasst und sanft gedrückt. Ich sagte "Wo ist eigentlich Saladin?", und Cayenne entgegnete lachend "Der ist wohl ein bisschen eifersüchtig geworden und will uns mit seiner Abwesenheit strafen."

Aber am nächsten Morgen war Saladin immer noch verschwunden und die Suche nach ihm blieb erfolglos. Am Mittag kam der Junge mit dem Maultier zurück, und bei ihm waren der Kommandeur von gestern und der Mann mit der Maschinenpistole. Allen voran lief uns Saladin entgegen! (Neugierig wie er war, hatte er sich ihnen gestern unbemerkt angeschlossen.) Diesmal sprach der Kommandeur gleich mit uns beiden. Er fragte uns, ob wir ihm ein paar bestimmte Medikamente besorgen könnten. Cayenne zögerte, aber mir fiel ein, daß Senora Martello, meine Buchhalterin, mir einmal etwas angeboten hatte, als ich mich ziemlich mies fühlte und sogar den Verdacht auf Malaria hatte. Sie sagte, sie habe gute Beziehungen zu einem Apotheker, der so etwas aus dem Ausland bezieht.

Ich sagte jetzt also, daß es mir vielleicht möglich wäre, aber erst, wenn wir zurück in Havanna sind. Das wäre kein Problem, sagte der Kommandeur, es gebe in Havanna jemanden, der es für ihn in Empfang nehmen und schleunigst hierher schaffen würde. Ich weiß nicht, wieso er mir auf einmal vertraute, aber es schmeichelte mir nicht wenig. Er schrieb die Bezeichnung der Medikamente auf die Rückseite derselben Liste von gestern und gab sie mir. Ich warf einen Blick darauf, dann drehte ich den Zettel um und da war ich mir ganz sicher, daß ich diese Handschrift schon einmal gelesen hatte. Ich sagte "Sind Sie etwa Ernesto? Senora Celia's Sohn?"

Er sah mich völlig verblüfft an. "Woher kennen Sie mich?" Ich erklärte ihm, daß ich im Hause von Senora Celia seinen Brief von seiner Reise gelesen habe, als meine damalige Freundin Sylvia Marsal sie als Krankenschwester betreute. Und daß mein Arbeitskollege Juan Bello mir von ihm erzählt habe und davon, daß sie beide gemeinsam in einem Rugby Club in Recoleta trainierten. (Ich verschwieg aber, daß ich wusste, wie sie ihn dort nur "El Chancho" genannt hatten.) Er hörte sich das alles an und ich sah, daß es ihn innerlich sehr berührte, er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte "Companero! Uns verbindet also etwas!"

Wir unterhielten uns noch eine Weile miteinander, und Cayenne wollte natürlich auch Näheres über diese Begebenheiten erfahren und sie staunte nicht schlecht (ich glaube, ich machte mit meinen einstigen Bekanntschaften bei ihr einigen Eindruck). Da gab der andere Kamerad Ernesto ein Zeichen, sie traten einen Schritt beiseite und er flüsterte ihm etwas zu, und dann fragte mich Ernesto, ob ich für seinen Verbindungsmann in Havanna auch noch etwas anderes beschaffen könnte. Ich wollte wissen, worum es sich handelt, er sagte es mir - und darüber werde ich gleich noch berichten.

Wir verabschiedeten uns sehr herzlich, wir umarmten uns sogar, und Cayenne gestand mir hinterher, sie habe dabei so ein unbeschreibliches "Kribbeln" gespürt. Wir mussten auch Saladin zurück halten, denn es schien, als wäre er nicht abgeneigt, gemeinsam mit den Guerilleros noch ein paar handfeste Abenteuer zu bestehen, aber wir waren dann doch froh, daß er bei uns geblieben war.

Es ging um eine Funkstation, mit der man senden und empfangen konnte. Die Rebellen in den Bergen der Sierra benötigten dringend so etwas. Ernesto sagte, sie hätten zwar ein Radio, mit dem sie über die aktuellen Vorgänge in Santiago und Havanna auf dem Laufenden seien, aber ohne eine solche Funkstation wäre es schier unmöglich, ihre Aktionen mit den anderen Gruppen zu koordinieren. Die in der Stadt hätten sich bereits eine besorgt und deshalb bräuchten sie jetzt auch eine. Es sei sehr wichtig, betonte Ernesto. Ich konnte ihm nichts zusagen, versprach aber, mich darum zu kümmern.

Und das tat ich gleich nachdem ich wieder in Havanna war. Der erste, der mir diesbezüglich einfiel, war natürlich Maurice, der ja immer irgendwelchen Kram an Land zog, für den sich vielleicht irgendwann einmal eine Verwendung finden ließe. Ich ging zu ihm und fragte ihn wegen einer Funkstation. Er wusste gar nicht, was das sein soll. Ich erklärte es ihm, er fragte "Maikel? Willst du etwa im El Faraón einen Radiosender einrichten?" "Nein, Maurice, die ist nicht für mich, sondern für einen Bekannten." "Warum kauft er sich keine?" "Ich weiß nicht, vielleicht hat er nicht genug Geld." "Was kostet denn so ein Ding?" "Keine Ahnung, aber ich dachte, Sie würden sie jedenfalls billiger bekommen." "Sag mal, Maikel, willst du mich auf den Arm nehmen? Was soll das Gequatsche von dieser Funkstation! Was steckt denn da dahinter? Und versuch' nicht, mich zu verarschen!" Ich sagte "Okay, Maurice, sie ist für die Rebellen in der Sierra Maestra."

Ich habe Maurice nur dieses eine Mal gesehen, wie ihm der Mund offen stehenblieb. Er stammelte "Für ... Fidel Castro ... und seine ... Guerilleros?" "Ja." Er war regelrecht erschüttert, er sagte "Maikel! Willst du mich ans Messer liefern? Ist das dein Dank für alles, was ich für dich getan habe? Ist es etwa immer noch wegen der Geschichte mit diesem gottverdammten Hotel, für die du dich rächen willst?" "Wie bitte? Was meinen Sie, Maurice?"

"Junge! Wen sie dabei erwischen, wie er so ein Ding an die Rebellen verscherbelt, den stellen Batistas Leute an die nächstbeste Wand und erschießen ihn bei lebendigem Leib!" "Aber Sie sollen sie doch gar nicht selbst da hin liefern." "Ah, welche Erleichterung! Sag' mal, wer hat dir denn überhaupt den Floh ins Ohr gesetzt?" "Ich habe mit ... einem Comandante aus der Sierra Maestra gesprochen, der mich um diesen Gefallen gebeten hat." "Mit Fidel Castro?" "Nein." "Mit Ernesto Guevara?" Ich schwieg, dann wunderte ich mich: "Woher kennen Sie denn diese Leute?" "Dios mio! Ich kenne sie nicht! Ich weiß nur, was man hört und liest, mehr nicht!"

Ich fragte ihn "Glauben Sie, daß die Rebellenarmee Batista stürzen wird?" Maurice holte tief Luft, es war, als ob er nach seinem Urteil über ein sehr großes Geschäft gefragt würde. Er wiegte den Kopf und entgegnete "Und wenn es so käme, Maikel, meinst du, man sollte dann Kuba lieber verlassen?" Ich sagte "Ich habe nicht vor, dieses Land und diese Stadt zu verlassen."

"Und wenn im El Faraón die Gäste ausbleiben? All' die spendablen Amerikaner, die für Umsatz und klingende Kasse sorgen." "Die meisten meiner Gäste sind Einheimische und etliche Männer aus dem Diplomatenviertel, ich glaube nicht, daß sich eine neue Regierung derart abschotten wird, daß niemand mehr nach Kuba kommen will." "Tja nun, weiß man's?", machte Maurice und fügte hinzu "Aber eigentlich habe ich auch keine Lust, von hier wegzugehen, dafür ist das Wetter viel zu angenehm und die Frauen viel zu schön."

Ich sagte "Ich hoffe für Sie, daß man Ihnen das auch nach einem Sturz Batistas nicht streitig machen wird, Maurice!" "Vielen Dank, Maikel, ich wusste immer, daß du ein anständiger Mensch bist. Aber daß du dich jetzt auf solche gefährlichen Pfade begibst, das lässt mich Schlimmes für dich befürchten." "Ich will doch da gar nicht selber mitkämpfen! Ich will lediglich für jemanden eine Funkstation besorgen."

Maurice schwieg für einen Moment, dann fragte er "Wie groß ist denn so was?" Ich sagte "Der Comandante hat mir was aufgeschrieben, ein paar Fabrikate, die sie bevorzugen würden." "Auch noch Sonderwünsche." "Das ist nur, damit ich nichts Unbrauchbares anschleppe ... es gibt ... ach, ich weiß doch auch nicht, wie so was aussieht." "Dann würde ich mich an deiner Stelle erstmal kundig machen. Eigentlich ist es eine Unverschämtheit, daß du zu mir kommst und mich da mit hineinreißen willst und dabei auch noch den Ahnungslosen spielst!" Er schien auf einmal richtig aufzubrausen, er rief "Und jetzt 'raus hier!"

Wenn ich Maurice nicht schon so lange gekannt hätte, wäre er mir jetzt wie ein Arschloch vorgekommen. Hatte ich so lange um seine Hilfe gebettelt, damit er mich am Ende kurzerhand rausschmeißt! Was sollte ich tun? Dem Verbindungsmann der Rebellen sagen, daß ich nichts weiter für sie tun kann? Was hätte Ernesto dann von mir gehalten?

Da hatte ich einen guten Einfall. Ich sprach mit Ramón, ich fragte ihn, ob man so eine Funkstation eventuell am Hafen ergattern könnte, denn die Seeleute sind doch gewiss auch damit ausgestattet, vielleicht will ja einer eine verkaufen. Ramón sagte, er hätte so was schon mal auf einem Boot gesehen, das war eine Yacht von einem Amerikaner, der zum Hochseeangeln hier war. Aber warum sollte jemand so ein Gerät verkaufen? Weil er sich möglicherweise eine neue zulegen will, erwiderte ich, und Ramón schlug vor, daß wir gemeinsam zum Hafen gehen und uns dort umsehen und erkundigen. Er kannte ein paar Leute und dadurch kamen wir auch an die Stellen, wo normalerweise jemandem, der da nichts zu suchen hat, der Zutritt verweigert wurde. Wir trieben uns einen ganzen Tag im Hafen herum und trotzdem blieben unsere Bemühungen ohne Erfolg. Immerhin erfuhren wir, was so ein Gerät kostet.

Dann rief mich Maurice an, er sagte "Maikel, was ist eigentlich mit der Lichtorgel, die ich dir geschenkt habe?" "Was soll damit sein? Sie liegt im Lagerschuppen." "Ja! Und dort verstaubt sie, ich hab' mir's angesehen! Dafür habe ich sie dir aber nicht geschenkt." Ich sagte "Maurice, meine Bühne ist viel zu klein, als daß da auch noch so ein Ungetüm von Lichtorgel Platz hätte!" "Ach, so ist das also! Für dich ist sie bloß ein Ungetüm?" "Nein, ist sie nicht, ich ...", er fiel mir ins Wort: "Für mich hatte sie jedenfalls auch einen symbolischen Wert, Maikel! Das hatte etwas mit unserer Freundschaft zu tun, worüber du einmal nachdenken solltest."

Mir platzte beinahe der Kragen. "Was wollen Sie, Maurice?" "Zumindest, daß du sie ein bisschen pfleglicher behandelst. Im Moment verrottet sie nämlich!" Ich sagte "Ja, Maurice, ich werde mich darum kümmern." Ich wollte auflegen, da fügte er hinzu "Und da ist auch so ein Ding - mir gehört das nicht und ich hab's auch nicht da hingestellt, ich möchte, daß das so schnell wie möglich da verschwindet!" "Was ist es denn?", fragte ich genervt. "Was weiß ich! Sieh' selbst nach und schaff' es fort!" Und als ich im Lagerschuppen war und nach dem "Ding" sah, da war es eine Funkstation von einem Fabrikat, das mir Ernesto genannt hatte.

Und dann tauchte unversehens mein Verbindungsmann im El Faraón auf. (Es war Victor Roca - seinen Namen erfuhr ich erst später. Ich hatte mit Ernesto einen "Erkennungscode" vereinbart, mit dem er sich jetzt vorstellte.) Die Funkstation hatte ich in unser Büro verfrachtet und sorgsam mit einer Plane abgedeckt, die Antennen konnte man praktischerweise zerlegen. Wir verstauten alles in Windeseile auf seinem Wagen. Ich gab ihm ein Paket mit den gewünschten Medikamenten und ein weiteres mit Konserven, das Cayenne zusammengestellt hatte.

Er wollte wissen, was ich für alles verlange, und ich nannte ihm den Preis, und als er bezahlen wollte, sagte ich, er könne bei uns auch anschreiben lassen und die Rechnung später begleichen, und das tat er. Er kam in der Folge noch ein paarmal mit allerlei Aufträgen, er fragte jedesmal, ob es mir möglich und ob ich bereit wäre, das zu besorgen, er versuchte niemals, mich unter Druck zu setzen. Das meiste konnte ich beschaffen. (Gott sei Dank waren keine Waffen dabei, denn ich hätte nicht gewusst, wie ich mich verhalten sollte.)

Als ich einmal auf einer der Calzada's unterwegs war, rief jemand: "Senor Frogard! Miguel!" Ich drehte mich nach ihm um und erkannte Gabriel Pereira! Er war nochmal um mehr als einen Kopf größer geworden und maß jetzt bestimmt einsneunzig, er hatte noch breitere Schultern und sein Händedruck hätte mich beinahe aufjaulen lassen. Aber er hatte immer noch seine kühne Haartolle auf der Stirn.

Ich sagte "Gabriel! Was machst du denn hier?" "Ich trainiere seit ein paar Wochen in einem Boxclub hier in Havanna, ich habe am Silvesterabend einen Kampf im Nacional." "Das ist ja großartig! Gegen wen boxt du?" "Gegen Luke Macy, er ist seit seinem Sieg über Tino Bandera vor zwei Jahren der Champion." "Dann willst du ihm den Titel abknöpfen?" "Darauf leg' ich's an", sagte er und in seinen Augen blitzte es genauso, wie ich es damals in Buenos Aires bei ihm gesehen hatte.

Ich fragte "Wie geht es Gustavo?" "Ganz gut, seine Gesundheit hat nicht immer mitgespielt, er hatte einen Herzinfarkt, aber er mischt noch kräftig bei der Gewerkschaft mit." "Ja, das ist sein Leben. Schätze mal, er weiß inzwischen, daß du Boxer geworden bist." Gabriel lachte. "Ja - und gracias a Dios - er ist stolz auf mich!" "Wird er beim Kampf dabeisein?" "Nein, leider nicht. Und was machen Sie?" Ich sagte es ihm, er meinte, er werde sicher einmal im El Faraón vorbeischauen, wenn es ihm seine Zeit erlaube. Ich sagte, er sei immer willkommen.

Wir wechselten noch ein paar Worte, ich fragte ihn auch nach Juan Bello, und Gabriel meinte, daß er Sylvia Marsal geheiratet habe, das wüsste ich doch. Ich sagte ja, und Gabriel berichtete mir noch ein paar Einzelheiten über die beiden, und dann verabschiedeten wir uns und ich wünschte ihm viel Erfolg bei seinem bevorstehenden Kampf.

Die Tage waren geprägt von fieberhafter Unruhe, in der Stadt herrschte eine angespannte Atmosphäre. Die Rebellenarmee hatte sich offenbar in mehrere Sektionen aufgeteilt, die jetzt aus verschiedenen Richtungen ins Landesinnere und auf die beiden Hauptstädte vorrückten, sie konnten einen Sieg nach dem andern für sich verbuchen. Den entscheidenden Schlag gegen Batistas Truppen führten die Guerilleros mit der Einnahme von Santa Clara, praktisch im Mittelpunkt Kubas. Von da an war klar, daß bald auch die Metropole Havanna in ihre Hände fallen würde.

In derselben Silvesternacht, in der Gabriel Pereira im Hotel Nacional im Boxring stand, verließ Präsident Fulgencio Batista fluchtartig das Land. Gabriels Kampf wurde übrigens in der neunten Runde abgebrochen, als sein Gegner so schwer am Auge verletzt worden war, daß ihm der Ringrichter untersagte weiterzumachen. Sogar der Reporter im Radio bemerkte, daß zahlreiche prominente Gäste die Veranstaltung schon frühzeitig verlassen hatten. In den folgenden Tagen setzten sich tatsächlich viele Amerikaner - überwiegend natürlich Geschäftsleute, die unter Batista jahrelang ihren Reibach gemacht hatten - nach Florida ab. Manche hochrangigen Personen wurden mit dem Helikopter ausgeflogen.

Eine Woche später zog Fidel Castro an der Spitze der Rebellenarmee auf einem Panzer unter großem Jubel in Havanna ein. Man begrüßte ihn mit "Viva!" Rufen und mit Konfetti und Luftschlangen aus buntem Papier. Er war jetzt der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, wurde dann zum Ministerpräsidenten der Übergangsregierung vereidigt und bekam wenig später von seinen begeisterten Anhängern den legendären Titel "Maximo Lider" verpasst. Als er in Camp Columbia, dem Hauptquartier der Armee, seine erste Rede hielt, die im ganzen Land übertragen wurde, ließ man einen Schwarm weiße Tauben aufsteigen - eine davon setzte sich auf Castro's Schulter nieder! Der Diario de la Marina, eine der traditionsreichsten Zeitungen Kubas, sprach von einem "Zeichen der Vorsehung".

Ernesto "Che" Guevara wurde Chef des Instituto Nacional de Reforma Agraria, also praktisch Industrieminister, dann Direktor der Nationalbank. Er war unermüdlich unterwegs, um auf allen möglichen Konferenzen und Verhandlungen von West bis Ost, von Nord bis Süd für den Neuaufbau von Kubas Wirtschaft zu werben und Handelsbeziehungen zu knüpfen. Das war eine sehr verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe.

Ich will mir kein Urteil darüber anmaßen, doch ich persönlich glaube, daß Ernesto Guevara im Grunde seines Wesens kein Politiker war, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie es all' jene sind, welche die Politik zu ihrem Beruf und Lebensunterhalt machen. Viel eher schon war er der geborene und unverbesserliche Rebell (was ihm wohl von seiner Mutter ins Blut gegeben war). Das hat ihn dann gewiss auch dazu getrieben, seinen Posten in Kuba aufzugeben und seinen heldenhaften Guerillakampf an anderem Ort fortzuführen.

Bereits in der ersten provisorischen Regierung hatten etliche der treuen Gefährten Fidel Castros wichtige Funktionen übernommen. Einer davon war Gonzalo Jiménez, nicht mehr ganz jung und so etwas wie der "theoretische Kopf" der Bewegung des 26. Juli. Er war auch ein hervorragender Organisator - und nebenbei ein Mann voller Lebensweisheit und Güte. Er war es, der nach der siegreichen Revolution zu uns ins El Faraón kam, um die Schulden zu begleichen, die durch die "Beschaffungs Maßnahmen" entstanden waren.

Er bezahlte bar und ohne groß nachzurechnen mit einem Bündel Dollarscheine. Ich spendierte ihm einen Drink und dann noch einen und einen dritten. Wir kamen ins Gespräch, ich glaube, wir fanden uns gegenseitig sympathisch. Ich sagte, er wäre jederzeit mein Gast und alles ginge auf Rechnung des Hauses. Beim dritten "Salud!" zitierte er Goethe: Freude des Daseins ist groß. Größer die Freude am Dasein.

Durch Jiménez wurde ich nach La Cabana eingeladen, wo Ernesto sein Büro hatte. Ich war ihm behilflich, als es um die Unterredungen mit Vertretern der westdeutschen Regierung und Firmenchefs von dort ging. Er fragte mich auch, ob ich Russisch verstehe, doch damit konnte ich nicht dienen. Ich glaube, er überlegte, mich für eine deutsche Übersetzung seines Buches La guerra de guerrillas zu engagieren, aber dafür fand man dann jemand anderen. Gonzalo Jiménez meinte zu mir "Du hättest wahrscheinlich ohnehin kein Vergnügen damit gehabt, Ernesto schreibt ständig alles um und neu, er ist nie mit sich selbst zufrieden."

Gonzalo kam gern ins El Faraón, um sich von den endlosen Besprechungen und den zermürbenden Streitereien mit allen möglichen politischen Parteileuten zu erholen, manchmal saß er eine Stunde hinten im Garten oder unterhielt sich mit Ramón darüber, wie man eine gute Fischsuppe zubereitet.

Ich hatte fast schon eine Ewigkeit nichts mehr von Onkel Heinrich gehört, die letzte Karte kam aus Asunción in Paraguay, er schrieb, er sei geschäftlich dort und erwäge eine Beteiligung an einem "transatlantischen Handelsunternehmen", es klang ziemlich bombastisch, aber ehrlich gesagt, hatte ich Heinrich in dieser Hinsicht nie viel Sachverstand zugetraut - er war und blieb ein deutscher Offizier ohne Sinn für Spekulation und Risiko, wie es der Kapitalismus nun mal erfordert.

Nach den Ereignissen in Havanna war ich endgültig davon überzeugt, daß meine Zukunft in diesem Land liegt und ich beschloss, mit meiner Vergangenheit in Buenos Aires abzuschließen und meine restliche Habe herzuholen. Ich regelte ein paar Dinge betreffs meiner Abwesenheit und machte mich auf die Reise.

* * * * *

In Buenos Aires angekommen, ging ich natürlich zuerst in unsere alte Wohnung, ich hatte ja noch den Schlüssel. Alles sah unverändert aus, aber mir schien, daß Onkel Heinrich selber schon lange nicht mehr hier gewesen war. Ich schaute mich um und fand alles an seinem Platz, selbst das Stück Seife im Bad kam mir bekannt vor. Doch der Anblick machte mich beklommen - am liebsten hätte ich mich auf dem Absatz umgedreht. Abends auf meinem Bett liegend, sehnte ich mich schon zurück nach Havanna, in Wahrheit hatte ich überhaupt keinen Grund, auch nur eine Nacht länger hier zu verbringen!

Am nächsten Tag ging ich zu dem Laden von Carlos Hoselitz, doch der war nicht mehr da, stattdessen gab es dort ein Geschäft für Lampen und Büromöbel, es war ziemlich deprimierend zu sehen, wie alle meine geliebten Jazzmusiker (und Carlos dazu) diesen Ort verlassen hatten. Ich dachte daran, zu dem Fabrikgebäude zu gehen, wo wir so schöne Partys gefeiert hatten, doch die Befürchtung, ein weiteres Mal enttäuscht zu werden, hielt mich davon ab.

In die Wohnung zurückgekehrt überlegte ich, was ich tun sollte. Da klopfte es an der Tür. Es war die Nachbarin aus der Wohnung gegenüber, ich kannte sie ja von früher, sie war sehr alt geworden. Ich erfuhr, daß sie von Heinrich (gegen einen Obolus) den Auftrag übernommen hatte, sich um die verwaiste Wohnung zu kümmern. (Sie hatte auch selbst einen Schlüssel, aber sie hatte mich bemerkt und erkannt und der Höflichkeit halber angeklopft.) Sie gab mir einen dicken Stapel Post, mit einem Bindfaden verschnürt, es war lange nichts mehr dazugekommen. Es sah fast aus wie eine Hinterlassenschaft.

Heinrich hatte die Wohnung nicht aufgegeben, er hatte auf der Banco Alemán Transatlántico einen Dauerauftrag eingerichtet, sagte mir die Nachbarin. Ich wusste, daß er dort ein Konto besaß und wahrscheinlich auch eine größere Summe Geld deponiert hatte. Er wollte also zurückkommen, aber irgendetwas hatte das verhindert. Ich hätte jetzt auch nichts entscheiden können und deshalb tat ich gegenüber der Nachbarin so, als habe ich kürzlich mit meinem Onkel telephoniert. Freilich wollte sie wissen, wo er wäre, und ich sagte "In Paraguay".

Abends saß ich in der Küche und trank eine Flasche Wein. Ich war es nicht mehr gewöhnt, allein zu sein, der Trubel im El Faraón, Cayenne und die andern fehlten mir. Vielleicht waren es auch die aufregenden Vorgänge, die ich miterlebt und wohl noch nicht ganz verarbeitet hatte, die mir solche Ruhe und Untätigkeit jetzt schwer erträglich erscheinen ließen. Und doch hielt mich etwas Unbestimmtes davon ab, sofort wieder aufzubrechen.

Warum hatte ich erst gezögert, den Stapel Post durchzusehen? Wäre mir alles, was dann geschah, erspart geblieben, wenn ich den Bindfaden nicht zerschnitten hätte? Aber schon die Karte von Carlos Hoselitz, die ich beinahe als erstes in die Finger bekam, gab mir neuen Auftrieb. Sie kam aus New York! Carlos schrieb, daß er in einem Music Store mit Namen "Maddox Music" arbeitet, an den auch ein Plattenlabel angeschlossen ist, er schrieb, er habe mit Miles Davis und John Coltrane "höchstpersönlich" schon ein Bier getrunken und er wird wahrscheinlich bis ans Ende seiner Tage in New York bleiben. Glücklicherweise hatte er seine Adresse angegeben, und ich schickte ihm gleich tags darauf eine Karte und teilte ihm mit, wo ich in Havanna zu erreichen sei.

Dann war da ein Schreiben von einem Bankhaus "Torres & Avigdor" aus Rosario, das ich ungeöffnet beiseitelegte. Schließlich eine Karte von Dr. Kettner mit seiner neuen Anschrift, er war offenbar umgezogen, wohnte aber noch hier in Buenos Aires. Ich kramte den Stadtplan heraus und schaute nach. Da fiel mir ein, daß mein Fahrrad noch im Keller des Hauses stehen müsste. Ich ging hinunter, und an der Kellertür hing ein schweres Schloss, aber wie ich es berührte, sah ich, daß es nur scheinbar intakt und im Keller eingebrochen worden war, von meinem Fahrrad keine Spur! Für einen Moment war ich traurig und wütend, aber was soll's, wahrscheinlich hätte ich es sowieso für immer hiergelassen.

Ich fuhr mit dem Bus zu Dr. Kettner. Auch er war alt - und wie mir schien - kleiner geworden. Er freute sich sehr, mich wiederzusehen. Ich sagte, ich hätte seine Karte in Onkel Heinrichs Post gefunden, er fragte "Welche Karte?" "Die mit Ihrer neuen Adresse." "Ach du lieber Himmel! Das ist doch nun schon wieder ewig her." (Offenbar hatte er seitdem keinen Kontakt mit Heinrich gehabt.) Dann erzählte er, daß er, noch vor seinem Umzug, mit Heinrich eine Reise nach Rio Gallegos unternommen hatte, ich sagte "Rio Gallegos? Das liegt doch kurz vor Feuerland." "Allerdings", sagte Kettner, "Ihr Onkel wollte da hin." "Nach Rio Gallegos? Darüber hat nie auch nur ein Wort verloren."

"Hm", machte Kettner und es klang wie eine Mischung aus Belustigung und Zweifel, "ehrlich gesagt, Michael, ich weiß bis jetzt noch nicht, was ich davon sollte. Er war ein bisschen seltsam geworden, Ihr Onkel. Soll ich Ihnen etwas verraten? Wir haben uns da unten die Pinguine angeschaut, die es da ja scharenweise gibt. Und als Heinrich so seinen Blick über die ungeheure Menge Pinguine schweifen lässt, wie sie sozusagen Mann an Mann reglos beieinander stehen, da sagt er wie zu sich selbst: 'Wir müssen sofort mit dem Transport beginnen, sonst kriegen wir die niemals alle weg, bevor der Russe kommt!'"

Ich musste lachen, ich bat Kettner, Heinrichs Worte zu wiederholen, er war selber so perplex gewesen, daß sie ihm genau in Erinnerung geblieben waren. Ich sagte "Das war wohl ein Scherz", aber Kettner zog die Augenbrauen hoch und entgegnete "Das war sein voller Ernst. Er war überhaupt ... wie soll ich sagen ... ich glaube, er war nervlich irgendwie sehr mitgenommen. Er war auch nicht besonders nett zu mir", fügte er hinzu und ich sagte "Aber er hatte Sie doch gebeten, ihn zu begleiten?" "Ja, so war es, und ich merkte dann, daß er niemand anderen gefunden hatte." Ich schwieg, ich dachte: ich war nicht dagewesen, damit Heinrich mich hätte darum bitten können. Und jetzt glaubte ich auch zu begreifen, warum Kettner ihm bloß die Karte geschickt hatte, anstatt selber vorbeizukommen.

Immerhin schien Dr. Kettner jetzt ziemlich betrübt, daß ich auch nicht wüsste, wo Heinrich sich aufhält. Dann fragte er "Möchten Sie einen Kognak mit mir trinken, Michael?" Ich sagte "Gern." Und erkundigte er sich, wie es mir ergangen war und er zeigte großes Interesse an den Geschehnissen auf Kuba und er staunte ein übers andere Mal, daß ich mit solchen Leuten wie Fidel Castro und Ernesto Guevara Bekanntschaft gemacht hatte. Er war mir immer von allen Freunden Heinrichs am sympathischsten gewesen, wenn ich ehrlich bin, mehr noch als mein Onkel selber.

Als ich mit dem Bus zurückfuhr, kamen wir am La Flor Azul in der Calle Serrano vorbei und merkwürdigerweise fiel mir jetzt spontan der Zweite Teil von Leni Riefenstahls "Olympiade" Film ein, mit dem Titel "Fest der Schönheit", den ich damals hier in einer Sondervorstellung gesehen hatte. Die Vorführung wurde von einem gewissen Erich Winter präsentiert und kommentiert, welcher selbst als Kameramann bei der Produktion des Films mitwirkte.

Er war bei der eigens dafür gegründeten "Olympia Film GmbH" angestellt gewesen, die an die dreihundert Mitarbeiter und ein von Reichsminister Goebbels persönlich verfügtes enormes Budget hatte, die Riefenstahl allein bekam ein exorbitantes Honorar. Erich Winter erklärte, daß man für den berühmten "Lichtdom" 152 große Flakscheinwerfer installiert habe, die zusammen 3100 Kilowatt Leistung brachten - man musste dafür eine eigene Stromversorgung bereitstellen, man hätte eine mittlere Wohnsiedlung damit versorgen können.

Erich Winter bezeichnete seine Arbeit an diesem Film als eine wichtige Erfahrung, aber er sagte, er würde es "aus heutiger Sicht" nicht noch einmal tun. Er sagte, er habe sich noch zur Zeit des Dritten Reichs geweigert, an einem anderen Projekt mitzuarbeiten, und zwar an einem Film mit dem Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt". Winter meinte, dies sei ein "zutiefst euphemistischer" Titel gewesen, denn es handelte sich um einen Film über das Ghetto in Theresienstadt und er sollte der internationalen Öffentlichkeit ein angenehmes Bild über die Zustände dort und über die Lage der Juden im allgemeinen vorspiegeln - und dieses Bild entsprach in keiner Weise den Tatsachen. Er selbst - so gab Winter zu - habe sich damals nur dadurch unbehelligt aus der Sache davonstehlen können, indem er eine Erkrankung vortäuschte, die es ihm angeblich unmöglich machte, zu arbeiten.

Das war das erste Mal, daß ich von einem jüdischen Ghetto in Theresienstadt hörte - und das war so viele Jahre nach dem Ende des Krieges und des Deutschen Reichs! Ich weiß nicht, ob es wirklich purer Zufall war, daß mir der Name Theresienstadt ausgerechnet jetzt wieder einfiel oder ob ich ihn - wie unter anderem auch die bohrende Erinnerung an meinen Vater - nur die ganze Zeit in meinem Innern mit mir herumgeschleppt hatte wie ein nie auskuriertes Leiden, das einen immer wieder mit stechendem Schmerz überfällt und gleichsam vor Schreck und Ohnmacht erstarren lässt. Daß es mir ausgerechnet jetzt einfiel - als sich nur ein paar Stunden später etwas Entscheidendes ereignete!

Ich war auf dem Weg zur Bank, wo mir Onkel Heinrich seinerzeit ein Konto eingerichtet hatte, ich wollte mich über mein Guthaben informieren und weitere Regelungen treffen. Ich nahm mir Zeit und schlenderte über die Plaza de Mayo, als mich jemand ansprach. "Hola! Estás lo joven de avión que llamo Flugboot?" Ich erkannte sie sofort. "Wanda Kantorova!" Sie war verblüfft. "Hatte ich dir meinen Namen verraten?" Es war dieselbe etwas schroffe Reaktion wie damals, als ich sie fragte, wohin ihre Reise ginge.

Ich erklärte "Dein Name stand in dem Wörterbuch, das du mir gegeben hattest, du hast es liegengelassen, ich wusste nicht, wohin ich es bringen sollte." Sie lächelte, es war auch das gleiche eher unverbindliche Lächeln. Sie sagte "Glücklicherweise habe ich es nicht vermisst." Ich weiß nicht, ob sie damit andeuten wollte, daß sie nie mehr über unsere kurze Begegnung nachgedacht hatte; immerhin hatte sie mich jetzt auf Anhieb zuordnen können. Sie fragte "Was machst du hier in Buenos Aires?" "Ich bin eigentlich nur zu einem kurzen Besuch hier. Ich habe früher längere Zeit hier gewohnt." "Ach ja? Da sind wir uns nie begegnet." "Nein, offenbar nicht."

Sie war immer noch genauso schlank und trug ein schlichtes, hübsches Kleid, leichte helle Schuhe und eine große Tasche über der Schulter. Sie hatte halblanges, braunes, glattes Haar, das sich an den Spitzen nach außen wölbte, und ihr Gesicht war sehr mädchenhaft geblieben, sie hatte eine ziemlich elegant aussehende Sonnenbrille nach oben über die Stirn geschoben, und die gab ihr etwas überlegen Feminines. Ihr tschechischer Akzent war nicht ganz verlorengegangen.

Ich fragte "Dann bist du auch hier geblieben?" "Ja, ich habe hier studiert." "Was denn, wenn ich fragen darf?" "Ethnologie." Ich pfiff durch die Zähne. "Hui! Etwas ganz Besonderes. Was macht man als Ethnologin?" "Im Moment schreibe ich an einer Dissertation über einen Indianerstamm im Süden von Brasilien." (Deshalb ihre Tasche, die aussah, als wären darin ein halbes Dutzend Bücher über brasilianische Indianerstämme verstaut.) "Und was machst du?", fragte sie. "Ich bin gerade auf dem Weg zur Bank." "Nein, ich meine, überhaupt - was ist dir so widerfahren?" (Es war dieses Wort, das mir sagte, daß sie mich nicht vergessen hatte.)

"Ich lebe schon seit einer Weile in Havanna, auf Kuba." "Echt jetzt?", rief sie und war wirklich beeindruckt, "Und was machst du da genau?" "Ich fröhne meiner alten Leidenschaft: der Jazzmusik, ich betreibe einen Club, das El Faraón." "Bist du verheiratet?" "Nein. Und du?" "Nein." Es gab eine Pause. Ich sagte "Ich muss weiter." "Ja." Ich zögerte. "Es war schön, dich wiederzusehen." "Ja, was für eine Überraschung." Wir umarmten uns, ich spürte ihren Duft, es war nicht derselbe wie seinerzeit im Flugboot, dieser hier war weitaus nuancierter.

"Ach so", sagte ich, "was wird nun mit dem Wörterbuch, eigentlich wollte ich es dir ja wiedergeben." "Ja, das Wörterbuch!" Sie überlegte. "Wie lange bist du noch hier?" "Ein paar Tage. Ich könnte es dir vorbeibringen, wenn du mir sagst, wo du wohnst." "Gib' mir lieber deine Adresse." "Hast du was zu schreiben?" Sie holte Stift und Notizbuch aus ihrer Tasche, ich schrieb es auf eine leere Seite, sie fragte "Wann bist du denn zuhause?" Ich sagte "Morgen nachmittag gegen drei." "Ist gut." "Weißt du überhaupt, wie ich heiße?" Jetzt lachte sie ein bisschen offener. "Nein! Bis jetzt warst du bloß der Junge vom Flugboot." "Ich heiße Michael, hier nennen sie mich alle Miguel." "Ist gut, dann nenne ich dich auch Miguel, ich kenne schon einen Miguel, aber der hat gar keine Ähnlichkeit mit dir - also keine Verwechslungsgefahr!" Sie steckte das Notizbuch ein und gab ihrer Sonnenbrille einen kleinen Stups, daß sie auf die Nase rutschte, sie sah aus wie aus einem Journal für Mädchenmode.

Wanda Kantorova, Prag, Benediktgasse 44. So stand es in dem Wörterbuch, es hatte fast griffbereit in meinem Regal gelegen. Ich dachte: 'Zum Schluss war sie richtig aufgeschlossen gewesen'. Sie kam kurz nach vier, sie hatte ein anderes Kleid an und keine Sonnenbrille auf, ihre Haare waren frisch frisiert und glänzten wie poliertes Ebenholz. Sie gab mir die Hand und die hatte noch dieselbe Geschmeidigkeit wie damals, als ich sie flüchtig berührt hatte.

Sie schaute sich neugierig um, ich sagte "Außer mir ist hier niemand." "Warst du nicht mit deinem Vater hergekommen?" "Mit meinem Onkel, aber der ist zur Zeit nicht da." Ich bot ihr eine Tasse Kaffee an, wir setzten uns in die Küche. Ich wollte das Wörterbuch holen, sie sagte "Das hat doch keine Eile! Jetzt erzähl' mal von dir und von Kuba."

Sie hatte überhaupt keine Ahnung, was sich dort zuletzt ereignet hatte, sie kannte keinen von den ehemaligen Revolutionären und neuen Machthabern, sie sagte "Ich interessiere mich nicht für Politik", hörte mir aber dennoch aufmerksam zu. Alles, was ich ihr über das El Faraón und das vergnügliche Leben in Havanna erzählte, nahm sie mit Begeisterung auf, sie lachte über die Geschichte mit Jerry Brentano und seinem Vibraphon und sie bekam beinahe verträumte Augen, als ich ihr Ramóns Bootsanleger am Almendares beschrieb - ich malte es auch besonders idyllisch.

Dann war sie dran. Sie hielt mir einen Vortrag über die Lebensverhältnisse der Kayapo und der Kaingua, welch' letztere zum Stamm der Guaraní gehören. Sie sagte, daß die genuin urgesellschaftlich organisierten Indianer durch die europäische Eroberung in soziale Ungleichheit gebracht worden wären, was zu Differenzen und Auseinandersetzungen innerhalb der Gemeinschaften geführt habe, wobei die Europäer häufig die Kaziken, also die Häuptlinge, geschickt für ihre eigenen Interessen ausgenutzt hätten. Dann gab sie mir ein paar Kostproben von Spracheigentümlichkeiten, anhand derer man die Hauptstämme unterscheiden könne, und sie nannte einige Bezeichnungen für bestimmte Dinge des Alltags, die alle ziemlich ulkig klangen.

Ehrlich gesagt, wusste ich zwischendurch nicht so genau, ob sie mich auf den Arm nehmen wollte. Ich hatte Mühe, ihren hochwissenschaftlichen Ausführungen zu folgen und ich dachte bei mir: 'Für wen hält sie mich eigentlich?' Aber sie redete mit so viel Hingabe, daß ich gezwungen war, an ihr dranzubleiben und sie durch eifriges Kopfnicken und zustimmendes Gemurmel zu bestätigen. Und je länger ich Wanda anschaute, umso hübscher kam sie mir vor. Irgendwann spürte ich, wie sich bei mir etwas regte.

Dann fiel der Name Misiones, und ich sagte, daß ich jemanden kenne, dessen Familie von dort stammt und der mir geraten hat, unbedingt die Wasserfälle von Iguazú zu besuchen. Wanda rief "Du warst noch nicht dort?" Sie war schon dreimal dort gewesen, und auf einmal fühlte ich mich wieder wie der, der als einziger den Film "The Wizard of Oz" nicht gesehen hat.

"Gehen wir in dein Zimmer", forderte sie mich auf und ich gehorchte sofort. Ich sagte "Hier ist auch dein Wörterbuch." "Ja, ja", murmelte sie und machte es sich in dem (einzigen) Sessel bequem, sprang dann aber gleich - anmutig wie eine Katze - wieder auf und rief "Ist das deine berühmte Jazzsammlung?" "Ja. Alles, was ich nicht mitgenommen habe, inzwischen habe ich in Havanna ungefähr doppelt so viel." "Echt? Zeig' mir mal ein paar. Können wir uns was anhören?" "Ja, klar. Gern. Magst du ein Glas Wein trinken?" "Was für welchen?" "Ähm ... Shiraz." "Ja, okay." Ich holte die Flasche und zwei Gläser, Wanda hatte sich auf dem Boden niedergelassen und angefangen in den Platten zu stöbern, ich fragte "Ist das auch dein Lieblingswein?" "Na ja, nicht gerade mein Lieblingswein, sagen wir mein zweitliebster Wein." Ich schenkte uns die Gläser halbvoll und wir ließen sie aneinanderklingen, ich sagte "Auf unsere Wiederbegegnung." "Was soll die Gefühlsduselei", entgegnete sie und stellte das Glas neben sich ab.

Wir hörten was von Django Reinhardt und dem Hot Club de France und von Charlie Parker die Platte, die er mit einem Streichorchester aufgenommen hatte, dann etwas mit Louis Armstrong, und ich erzählte Wanda von meiner "Zusammenarbeit" mit Rico Habema, und sie amüsierte sich sehr darüber, wie ich ihn nachahmte. Dann legte ich (das geschah wohl unbewusst) die Platte mit Billie Holiday auf - mit dem Song "East of the Sun. West of the Moon" und ich sagte Wanda, das dies einer meiner Favorite Songs ist. "Er handelt von einem Haus der Liebe, das sich zwei Menschen jenseits von Sonne und Mond bauen." Wanda erwiderte "Du brauchst mir das nicht zu übersetzen, so viel Englisch verstehe ich auch noch." "Oh, na klar." Sie sagte "Außerdem kenne ich das Märchen."

"Was für ein Märchen?", fragte ich verwundert. "Östlich von der Sonne und westlich vom Mond. Es ist ein Märchen aus Skandinavien. Es handelt von einem wunderschönen Mädchen, dessen Vater es an einen weißen Bären verkauft. Dieser Bär ist natürlich ein verwunschener Prinz, und jede Nacht verwandelt er sich zurück in einen schönen Jüngling, aber das Mädchen kriegt ihn nie zu Gesicht, weil es immer stockfinster ist im Schlafgemach. Sie kann nicht widerstehen und leuchtet ihm des Nachts mit einer Kerze ins Gesicht und da ruft er 'Oh weh, was hast du getan! Nun muss ich zurück zur Zauberin und die potthässliche Nasenprinzessin heiraten' - die heißt so, weil sie so eine fürchterlich lange Nase hat - und wupps! ist er weg. Na ja, und dann macht sich das Mädchen auf zu dem Schloss, wo der Prinz wohnt, aber sie kennt natürlich nicht den Weg, und sie fragt drei alte Weiber und dann die vier Winde, und der Nordwind bringt sie schließlich da hin und nach einer letzten Auseinandersetzung mit der Nasenprinzessin gewinnt sie den schönen Prinzen zurück." Ich sagte "Und dieses Schloss liegt östlich von der Sonne und westlich vom Mond." "Genau." "Zeig' nochmal, wie lang die Nase war." "Was?" "Wie lang die Nase von der Nasenprinzessin war." "Ungefähr sooooo lang."

Ich musste lachen und Wanda lachte auch. Ich schenkte uns noch Wein nach, sie bekam mächtig Farbe im Gesicht. Sie sagte "Obwohl die beiden am Ende aus dem Schloss wegziehen - heißt es jedenfalls in dem Märchen." "Ach ja? Ich dachte, das wäre der ultimative Ort aller Sehnsüchte." "Dachte ich auch immer." "Woher kennst du das Märchen?" "Von meinem Vater, er hat es uns oft erzählt." "Dir und wem?" "Mir und meinem Bruder." "Dann war dein Vater ein Märchenerzähler?" "Nein, nicht direkt. Er war Professor für altgermanische Literatur an der Prager Universität." "Oh, ein gelehrter Mann." "Ja." "Und ist er ...." "Lass' und von was anderm reden!"

"Ja, klar", sagte ich schnell und erzählte ihr, wie ich mit dem Motorrad durch Chile gereist bin und wie mir in Valparaiso in einer Nacht im Hostel ungefähr eine Million Mücken zu Leibe gerückt sind. Da sagte sie "Mich hat mal ein Affe gebissen." "Was?" "Ja, ehrlich! Die Stelle sieht man immer noch." "Wo?" Sie stand auf, hob ihr Kleid bis über die Hüfte und zog den blütenweißen Schlüpfer über ihre linke Pobacke - und da konnte man vier rote Punkte sehen. "Die sind von den Affenzähnen", sagte sie und ich glotzte bloß auf ihren Po und auf ihre schönen schlanken Beine und ich bedauerte, daß ich nichts Ähnliches hatte, das ich ihr vorführen konnte.

"Willst du noch was von dem Wein?" "Ist überhaupt noch was drin?", fragte sie und ließ den Saum wieder fallen. Draußen war es dunkel geworden. Ich knipste die Stehlampe an. Ich sagte "Ich habe leider kein Auto hier, damit ich dich nach Hause bringen könnte." "Kein Problem." Das Herz schlug mir bis zum Hals, als ich sagte "Du kannst natürlich auch hierbleiben." Sie schwieg und trank den Wein aus, dann fragte sie "Wo ist hier die Toilette?" Ich zeigte sie ihr. Als sie wiederkam sagte sie "Kannst du irgendwas Sanftes auflegen?"

Ich wühlte in meinen Platten. "Hier ist eine mit Balladen von John Coltrane." Wanda sagte "Balladen sind mir jetzt zu lahm, da schlaf' ich gleich ein - irgendwas, das einen ..." "Oh ja, ich weiß! Hier hab' ich genau das Richtige: Sonny Stitt, Night Letter." "Night Letter? Das klingt gut." Dann sagte sie noch "Ich muss morgen zeitig aufstehen, ich hab' in der Uni einen Termin." Ich sagte "Ich habe hier meinen Wecker, der hat mich noch nie im Stich gelassen." "Dreh' dich um." "Bitte?" "Du sollst dich umdrehen." Ich gehorchte.

Ich vernahm, wie sie sich entkleidete, und als ich wieder gucken durfte, lag sie unter der Decke. Sie angelte sich den Wecker. "Was hast du gemacht, als du hier gewohnt hast?" "Du meinst arbeitsmäßig? Zuerst war ich Küchengehilfe in einem Restaurant an der Avenida La Plata." Ich legte die Platte auf, wir lauschten schweigend dem Titelsong mit seinem leicht energischen und dabei doch anschmiegsamen Rhythmus. Dafür sorgten Pat Martino an der Gitarre und Randy Gelispie am Schlagzeug, einen Bassisten gab es in diesem Quartett nicht, neben Sonny Stitt am Tenorsaxophon spielte Gene Ludwig die Hammond Orgel.

"Ist das recht so?", fragte ich. "Ja. Erzähl' mir von diesem Restaurant." Ich warf mich in den Sessel und berichtete ihr, was mir jetzt davon einfiel, zwischendurch drehte ich die Platte um, irgendwann glaubte ich, Wanda wäre eingeschlafen. Ich löschte das Licht und schlich mich hinaus, als ich in der Tür war, sagte sie leise "Wo willst du hin?" "Rüber ins andere Zimmer." Sie sagte "Bleib' hier." "Soll ich im Sessel schlafen?" "Sei nicht albern."

Als ich am Morgen erwachte, war Wanda nicht mehr da. Ich schnupperte am Kopfkissen nach ihrem Duft; ich habe nie mit einer Frau geschlafen, die ein so zwiespältiges Gefühl in mir hinterlassen hat wie sie. Ich hätte sie jetzt gern angesehen, um in ihren Augen, an ihrer Miene ablesen zu können, warum wir uns letzte Nacht geliebt hatten - ja, ob es überhaupt aus einer gegenseitigen Anziehung und drängenden Lust heraus geschehen war, was ich nämlich stark bezweifelte (ohne es mit einem glaubhaften Grund widerlegen zu können). Es waren die wenigen, sehr dominanten Bemerkungen Wandas, die bei mir wie Befehle, wie Beschwörungen ankamen und mich in ihren Bann gezogen hatten; als hätte sie ein paar von ihren indianischen Zauberformeln an mir ausprobieren wollen.

Andererseits hatte sie mich praktisch über Nacht aus einer gewissen Verlorenheit herausgerissen, in der ich mich seit meinem Hiersein befand. Ich verglich mich sogar mit dem Prinzen aus dem Märchen, das Wanda mir erzählt hatte, genauergesagt mit dem Prinzen, als er noch der weiße Bär war. Ich fühlte mich ein wenig wie dieser weiße Bär, der doch auch deshalb um das schöne Mädchen geworben hatte, weil er damit sein eigenes Schicksal - seine Verwünschung - würde widerrufen können, und ich fand die Bestätigung dafür in der Tatsache, daß all' dies so überraschend innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden geschehen war und niemand mehr von bloßem Zufall sprechen konnte.

Selbst jetzt, da ich ihre Anwesenheit nur noch erahnte, übte sie einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus; es war, als könnte es mir gelingen, durch sie meine eigene Vergangenheit in meiner alten Heimat von allen bedrückenden und für mich so lange Zeit unbegreiflichen Ereignissen zu reinigen. Ich realisierte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß Wanda selbst davon ein Teil war.

Ich könnte hier noch viel mehr darüber sagen, in welchem inneren Zustand ich mich gerade befand, doch ich befürchte, es würde dadurch keineswegs klarer erscheinen. Wanda hatte auf dem Küchentisch einen Zettel zurückgelassen, auf dem stand: 'Wenn du willst, können wir uns heute Mittag gegen zwölf vor der Uni treffen (West Eingang)' Ich war etwas früher dort. Ich beobachtete die Studenten, wie sie mit ihren Taschen voller Bücher und Schreibmappen ein- und ausgingen, sie machten alle einen sehr beflissenen und auch frohgemuten Eindruck. Manchmal hatte ich es bedauert, daß ich das Studentenleben nicht kennengelernt habe und überhaupt schien es mir, ich hätte vieles versäumt - aber das war vielleicht bloß eine momentane Stimmung, weil jetzt alle diese jungen Leute einfach an mir vorbeigingen ohne mich zu beachten.

Ich war froh, als Wanda endlich auftauchte, sie sah sehr hübsch und (obwohl sie ja früh aufgestanden war) frisch und munter aus. Aber an ihrem Ausdruck konnte ich gar nichts ablesen! Sie sagte "Schön, daß du gekommen bist! Wollen wir mit dem Bus ins Zentrum fahren und ein bisschen flanieren?" Ich war einverstanden und später saßen wir in einem Caféhaus, Wanda hatte sich ein Eis bestellt und ich trank einen Kaffee nach Wiener Art. Ich sagte "Verdammt, jetzt habe ich doch das Wörterbuch vergessen!" Sie lachte und sagte "Oh, dieses Wörterbuch, wenn das nicht wäre!"

Ich fragte "Der, mit dem du aus der Universität gekommen bist, ist das dein Freund?" "Enrico? Nein. Er ist ein guter Bekannter." "Ist er Argentinier?" "Er ist aus Chile, aus Temuco, soviel ich weiß." "Das kenne ich, da war ich schon mal." "Hast du dort in Chile auch jemanden kennengelernt?" "Eine Frau?" "Ja." "Ich bin einer Frau namens Rosanna begegnet." "War es was Ernstes?" "Sagen wir mal so: es war ziemlich heftig." Wanda lachte, ich sagte "Ihre Vorfahren waren Mapuche." "Oh, das ist auch ein interessantes Volk! Beinahe hätte ich meine Dissertation über die Mapuche geschrieben." "Aber?"

"Ich habe dann festgestellt, daß sie für meine Begriffe zu politisch geworden sind. Ich glaube, es ist dadurch viel von ihrer ursprünglichen Kultur verlorengegangen. Den meisten dieser indigenen Völker fällt es ungeheuer schwer, ihre Identität in einer modernen Gesellschaft zu bewahren. Wir sprechen zwar hier in Südamerika auch von der westlichen Welt, aber es gab davor schon eine andere Welt mit völlig verschiedenen Strukturen des Zusammenlebens, die ein Europäer niemals verstehen - und im übrigen auch nicht akzeptieren würde. Das Traurige ist, daß alle Ureinwohner gezwungen sind, sich an die fremde Welt anzupassen. Wir bezeichnen es als 'Assimilation', und tun so, als würden wir ihnen damit einen unschätzbaren Dienst erweisen. In Wahrheit bedeutet es jedoch nur ein Einverleiben dessen, was nicht zu uns passt und was wir aus Gründen der Moral und Ethik nicht einfach ausmerzen können."

"Dann hätte doch die politische Aktivität dieser Menschen eine gute Rechtfertigung?", wandte ich ein. "Die hat sie auch zweifellos. Nur - ich habe nicht die Absicht, für irgendjemand Partei zu ergreifen oder mich für die Rechte unterdrückter Gemeinschaften einzusetzen. Da hätte ich nicht Ethnologie, sondern Völkerrecht studieren müssen - hab' ich aber nicht." Sie hatte das in sehr bestimmtem Ton gesagt, ganz so, als hätte sie ihre Ablehnung schon einmal vor einem Gremium von Universitätsprofessoren dargelegt, sie hatte mich dabei nicht mal angesehen.

Nach einer Pause fiel ihr plötzlich noch etwas dazu ein. Sie suchte in ihrer Tasche. "Ich zeige dir mal eines meiner liebsten Photos." Als sie es gefunden hatte, reichte sie es mir, sie erklärte "Das ist eine Gruppe von 'Selknam', so heißen die Ureinwohner von Feuerland, es sind See Nomaden, diese hier befinden sich gerade auf der Wanderung."

In einer weiten, vegetationslosen Küstenlandschaft konnte man acht bis zehn Personen sehen (manche schienen von anderen halb verdeckt), darunter zwei Männer, die mehr als einen Kopf größer waren als die Frauen und Mädchen. Alle waren mit Fellen (wahrscheinlich Guanakofelle, wie Wanda meinte) bekleidet und liefen von links nach rechts hintereinander barfuß durch das knöcheltiefe Wasser.

Der eine Mann war offenbar der Anführer, der andere ging an vierter Stelle, beide waren mit einem Bogen ausgerüstet. Zwei der Frauen trugen kleine Kinder auf dem Rücken. Wenn man genau hinsah, konnte man hinter der Spitze des Zuges einen Hund erkennen. Wanda wies mich darauf hin, daß der besondere Reiz dieser Aufnahme durch die fast vollkommen symmetrische Spiegelung der Leute im Wasser zustandekommt.

Ich fragte "Von wem stammt diese Photographie?" "Von einem Mann namens Charles Furlong, ich habe sie bei uns im Archiv gefunden, sie ist über fünfzig Jahre alt. Weißt du, was mich daran so sehr fasziniert?" "Was?" Sie sagte "Daß diese Leute mit nichts unterwegs sind, als das, was sie am Leibe tragen: ihre Kleidung, ihre Kinder und ein paar unentbehrliche Geräte zur Nahrungsbeschaffung. Das ist ihr ganzes Hab und Gut. So wandern sie von einem Ort zum andern. Wo sie gerade sind, ist ihr Zuhause. Ihre Spuren werden gleich wieder vom Wasser überspült, siehst du! - sie tippte auf die Stelle hinter der letzten Person, wo eine spiegelglatte Wasseroberfläche war - sie haben scheinbar kein Gestern und kein Morgen, sie leben von einem Augenblick zum nächsten und sie haben nur sich selbst. Aber sie erneuern sich beständig und so dauern sie fort, und es ist völlig bedeutungslos, was anderswo geschieht, denn es berührt sie in keiner Weise."

Ich gab ihr das Bild zurück, sie schaute darauf wie auf ein altes Familienphoto. Dann steckte sie es in ihre Tasche zurück. Zugegeben, ich war ein wenig polterig, als ich sagte "Da hast du also in Prag in der Benediktgasse 44 gewohnt." Wanda fuhr zusammen, als habe ihr etwas einen schmerzhaften Stich versetzt - ich ergänzte schnell: "Hat mir auch das Wörterbuch verraten - aber das war's dann auch wirklich, weiter steht nichts über dich drin." Sie schwieg eine Weile und stocherte mit dem Löffel in ihrem Eisbecher herum, ich dachte: 'Wenn ich etwas mehr über sie erfahren will, muss ich jetzt nachhaken'. "War das eine schöne Wohngegend?" "Wir haben früher in einer Villa gewohnt, in Bubentsch, das ist ein Vorort im neunzehnten Bezirk." "Ach ja? Warum seid ihr dann umgezogen?" (Ich war so unwissend, daß ich überhaupt nichts gerafft habe.)

Jetzt schaute sie mich an, als hätte ich sie nach ihrem Wunschzettel für Weihnachten gefragt. Sie sagte "Warst du früher mal in Prag?" "Nein, leider nicht, aber ich habe eine Menge Sachen darüber gehört." "Ach ja? Was denn?", entgegnete sie beinahe ein bisschen grob. "Über Kaiser Rudolph den Zweiten und den geheimnisvollen Golem und über den Prager Fenstersturz, mit dem bekanntlich der Dreißigjährige Krieg begann, und über diese Uhr am Rathaus, wo jede Stunde ein kleiner Sensenmann aus einem Türchen heraustritt und - Gottseidank - wieder drin verschwindet." Wanda musste wirklich lachen, aber es war ein bitteres Lachen, und ich glaube, nur meine Naivität hat mich davor bewahrt, daß sie aufgestanden und auf Nimmerwiedersehen davongelaufen wäre.

Sie sagte "Du warst damals auf dem Flugboot schon so ... so ... unreif!" Das machte mich wirklich betroffen. Ich sah sie an, dann fragte ich eher leise, als sollte es niemand sonst hören: "Und gestern Nacht, fandest du mich da auch unreif?" Sie überlegte keinen Augenblick. "Nein, das war ganz okay." "Oh danke." "Wieso bedankst du dich? Das war doch kein Kompliment. Fühltest du dich etwa beleidigt, Miguel?" Wie sie meinen Namen aussprach, wurde mir gleich wieder bewusst, in welcher Situation wir eigentlich waren - sie hatte es wirklich drauf, mich an der Kandare zu halten, als wenn sie versuchte, mir eine Erklärung zu entlocken. Aber wofür?

"Glaubst du, wir könnten das wiederholen?" "Was?" "Du weißt, was ich meine." Sie sagte "Man kann solche Sachen nicht einfach wiederholen. Das macht es doch nur ordinär, wenn du darauf aus bist, es zu wiederholen." "Ich finde daran nichts Ordinäres. Wenn du es so verstanden hast, möchte ich es zurücknehmen." Sie lachte mir direkt ins Gesicht und es war das Lachen, das mich gestern glauben machte, sie würde sich ein klein wenig offenbaren. "Dann nehmen wir mal an, wir hätten uns missverstanden." Dabei beließ sie es - als wäre ein Fehlschlag auch eine akzeptable Lösung.

Wir unterhielten uns noch fast eine Stunde lang, Wanda bestellte eine heiße Schokolade, und es amüsierte mich, wie sie in den Berg geschäumte Sahne kleine Löcher hineinbließ. Ich trank noch einen Kaffee und der war überraschenderweise so stark, daß mein Herz zwei Gänge höher schaltete. Da sagte sie "Lass' uns gehen." "Wohin?" "Zu dir. Wenn du mir versprichst, eine supertolle Schallplatte für mich aufzulegen." "War das gestern denn nicht nach deinem Geschmack?" Sie zog die Augenbrauen hoch. "Ach, Miguel! Die Erfolge von gestern sind oft die Pleiten von heute."

Das bewahrheitete sich auf eine bestürzende Weise. Ich entschied mich für das Benny Goodman Quartet. Beim ersten Klarinettensolo schlug sich Wanda beide Hände an die Ohren und schrie geradezu auf. Ich wusste vor Schreck gar nicht, was ich tun sollte. Sie rannte hinaus und ins Badezimmer, dort schloss sie sich ein. Ich blieb wie versteinert stehen, dann hörte ich sie schreien "Mach' das aus! Mach's aus!" Ich schaltete den Plattenspieler aus und ging an die Badezimmertür, ich sagte "Was ist denn?" Ich hörte sie nur schluchzen. "Wanda! Rede mit mir, was ist los?" Keine Antwort.

Ich ging zurück in mein Zimmer und setzte mich in den Sessel, ich brauchte selbst etwas, um mich zu beruhigen. Ich ging in die Küche und fand noch eine Flasche Wein, ich zog den Korken heraus und goss mir ein Glas ein. Nach einer Weile kam Wanda aus dem Badezimmer, ihre Augen waren gerötet. Ich fragte "Soll ich dich nach Hause bringen?" Sie schniefte durch die Nase und schüttelte den Kopf, sie fragte "Kann ich auch ein Glas haben?" "Ja, klar", sagte ich und schenkte ihr ein, sie trank einen Schluck.

Ich fragte "Wie passiert das?" "Eine schlimme Erinnerung. Du kannst nichts dafür. Wer war das?" "Die Platte? Das Benny Goodman Quartet." Wir gingen hinüber, ich zeigte sie ihr. Sie fragte "Woher kommt der?" "Aus den Staaten. Ich glaube, er stammt aus Brooklyn. Er ist einer der besten Jazzklarinettisten aller Zeiten." Sie betrachtete das Cover, als wollte sie überprüfen, ob es stimmt, was ich sage. Ich fragte "An was erinnert er dich?" "An was ganz Schreckliches." "Das tut mir leid. Was machen wir jetzt?" Sie trank das Glas aus, ich sagte "Versuchen wir's mit was anderem." Sie nickte.

Während ich in den Platten kramte, holte Wanda die Weinflasche aus der Küche und schenkte uns ein. "Nat King Cole!", rief ich, als würde ein langersehnter guter Freund über die Schwelle treten, "Piano, Bass und Gitarre. Dazu seine phantastische Stimme." "Das sind alles Lieder?" "Und was für welche! Warte! Ich spiele dir It's only a Paper Moon vor und wenn dir's nicht gefällt, stampfst du augenblicklich mit dem linken Fuß auf." "Mit dem rechten." "Okay, mit dem rechten." Ihre Miene hellte sich auf, ich spielte die Platte von Anfang an.

Ich stützte mich jedesmal mit den Armen auf, wenn wir uns liebten, ich hatte Angst, mein Körper würde zu schwer auf ihr lasten. Sie wollte nur diese eine Stellung, sie lag einfach ausgestreckt da und schlang ihre Beine um meine Lenden und ihre Hände um meinen Nacken. Sie hielt die Augen geschlossen und den Mund auch, ich konnte nur ihr leichtes Schnaufen hören und ich spürte den Widerstand ihres Beckens, wenn sich mein Glied vorwärts bewegte, es war, als treibe ich mit einem Boot den Wellen entgegen und darüber hinweg, und wenn es soweit war, entfuhr ihr ein kleiner Seufzer und ihre Finger pressten sich in meine Schultern.

Aber sie blieb mir unerklärlich. All' diese Andeutungen auf ihre seelische Befindlichkeit (wie bei dem Photo mit den Feuerländern) und dann die unerwarteten Gefühlsausbrüche verunsicherten mich bloß. Und daß sie sich andererseits anscheinend so bereitwillig mit mir einließ, konnte ich schwerlich meiner Ausstrahlung oder meiner Männlichkeit zuschreiben. Im Grunde hatte ich mich seit unserer ersten Begegnung auf dem Flugboot verkehrt verhalten, dabei hatte ich nur nicht richtig hingehört, um herauszufinden, was wirklich mit Wanda los war.

Dann kam sie ganz unvermittelt auf ihre Wohnung in der Prager Villa zurück, sie sagte "Meine Eltern mussten sie an den Auswanderungsfonds übertragen." Ich begriff nicht, wovon sie redete, ich fragte "Habt ihr damit eure Ausreise nach Argentinien finanziert?" Wieder sah sie mich an, als wäre ich ein Besucher von einem andern Planeten. Sie sprach wie zu sich selbst.

"Als wir ausziehen mussten, sind wir zuerst bei Verwandten untergekommen, aber wir waren zu viert, und diese Leute lebten selbst auf engstem Raum. Dann haben sie zuerst meine Mutter auf Transport geschickt, sie war eine Nichte von Nathan Meerbaum, der war Rabbiner in der Jüdischen Gemeinde von Prag. Sie haben seine ganze Familie bis zum - ich weiß nicht, wievielten Grad - auf Transport geschickt - die ganze Sippe ist ausgehoben worden - so hieß das im offiziellen Jargon. Meine Mutter musste sich am Donnerstag früh um sechs Uhr dreißig beim Messepalast einfinden, das war der Sammelpunkt für alle, die nach Theresienstadt abgingen. Am Abend vorher haben wir ihre Sachen gepackt, es war genau vorgeschrieben, was und wieviel man mitnehmen durfte. Ich habe ihr ein paar Brote als Wegzehrung geschmiert."

Ich sah, wie sich Wanda's Augen mit Tränen füllten, sie sagte "Das war mein Abschiedsgeschenk für sie - ein paar belegte Brote. Sie hat mich in ihrem eigenen Leib ausgetragen, sie hat mich an ihrer Brust gestillt, sie hat mich großgezogen, sie hat mir vor dem Schlafengehen Gute Nacht Lieder gesungen - sie war nicht mehr dazu gekommen, mir beizubringen, was für ein Mädchen zu wissen wichtig ist. Man hat sie gleich nach Auschwitz gebracht. Sie ist ..."

Wanda's Stimme versagte ihr. Sie saß auf der Bettkante, ich hatte uns gerade zwei Becher Kaffee gemacht, als sie anfing zu erzählen. Ich setzte mich neben sie und legte meinen Arm um ihre Schultern, sie sagte "Lass' mich", und ich zog meinen Arm zurück. "Dann kamen mein Vater und mein Bruder dran, sie wurden nach Theresienstadt geschafft. Von den Leuten, bei denen wir wohnten, sind auch etliche dabei gewesen. Trotzdem haben sie mich versteckt, obwohl wir nur sehr weitläufig mit ihnen verwandt waren. Den Verantwortlichen von der Kultusgemeinde haben sie gesagt, ich würde mit Verdacht auf Tuberkulose im Hospital liegen. Da wollte natürlich keiner nach mir suchen."

Ich fragte "Was ist aus deinem Vater und deinem Bruder geworden?" "Sie sind beide nach Auschwitz gekommen, aber das habe ich erst später erfahren. Aus den Lagern wurden nur fingierte Postkarten verschickt, da stand drauf: 'Es geht uns gut. Es ist wunderschön hier. Kommt bald her!'" Ich sagte "Dieses Auschwitz war ein Konzentrationslager extra für die Juden, nicht wahr?" Wanda ignorierte meine törichte Frage. "Mein Vater war schwer herzkrank, vielleicht hat er den Transport nicht überlebt. Ich weiß nicht, ob ich das hoffen soll, denn dann hätte er nicht ins Gas gehen müssen." "Was heißt das?", wollte ich wissen.

Statt mir darauf zu antworten, fragte sie mich "Gab es in deiner Schulklasse Juden?" Ich musste überlegen, dann sagte ich "Ja, es gab ein Mädchen, ich glaube, sie hieß Rachel." "Was ist mit ihr passiert? Ich meine, war sie bis zuletzt in deiner Klasse?" "Nein, sie ist ... ich glaube, sie ist ..." Ich konnte es wirklich nicht sagen, was mit diesem Mädchen geschehen war. Wanda sagte "Hast du gewusst, was sie mit den Juden machen?" "Nein, eigentlich nicht." "Hat es dich interessiert?" "Nein", gab ich zu.

Sie schwieg, dann sagte sie "Andererseits hat er vielleicht solange durchgehalten, weil er die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, meine Mutter wiederzusehen. Jemand hatte uns erzählt, daß sie in Auschwitz wäre, ich weiß nicht, wer das war und wie er darauf kam, aber mein Vater klammerte sich an die Vorstellung, er könnte sie dort wiederfinden. Er sagte zu uns: 'Ich werde eure Mutter von dort zurückholen, koste es, was es wolle!' Deshalb hat er alle seine Wertsachen, die er mit sich tragen konnte, dabeigehabt, als sie ihn abgeholt haben, obwohl man eigentlich alles dem Auswanderungsfonds übereignen musste. Er hatte auch zwei Goldzähne, die hatte ihm der Doktor Weissbart eingesetzt, als mein Vater anfing, Vorlesungen vor den Studenten zu halten. Am Abend, bevor er zum Messepalast zum Abtransport ging, sagte er im Scherz: 'Meine Zähne sind mein Goldschatz. Damit werde ich eure Mutter loskaufen, wenn es sein muss. Wundert euch also nicht, wenn ich mit zwei Zahnlücken zurückkomme.' In meiner Heimat", sagte Wanda nach einer Pause, "genauergesagt in Mähren gibt es eine archäologische Fundstelle aus der - ich glaube, der Merowingerzeit - da hat man einen Mann in seinem Grab freigelegt, der hatte eine Goldmünze zwischen den Zähnen, die hatte man ihm mitgegeben, damit er den Fährmann bezahlen kann, der ihn über den Fluss hinübersetzt, der das Diesseits vom Totenreich trennt. In Auschwitz hat man den vergasten Juden die Goldzähne aus dem Mund herausgebrochen, sie eingeschmolzen und dem Staatsvermögen der deutschen Regierung zugeführt. Die Deutschen haben die Juden nicht nur getötet, sie haben auch dafür gesorgt, daß sie keinen Einlass ins Jenseits bekommen."

Sie schwieg und schlürfte von dem Kaffee, ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir wurde erst jetzt bewusst, daß Wanda eine Jüdin war! Und plötzlich bekam sie in meinen Augen einen völlig anderen Charakter. Bisher hatte ich sie als Mädchen (und jetzt nach unserer Wiederbegegnung als Frau) angesehen, die mir nicht ganz gleichgültig geblieben war, seit ich sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Nun musste ich erkennen, was für ein entsetzliches Unheil über diesen Menschen hereingebrochen war, ein Unheil, dem sie offenbar selbst entkommen konnte, durch das sie aber alles außer ihrem nackten Dasein verloren hatte. Und das Wort nackt bekam in diesem Moment eine ungeheuerliche Bedeutung für mich. Ich fragte mich, ob ich, als ich meine pure Lust an ihr befriedigte, sie tief verletzt hatte - durch meine Unwissenheit, durch meine Rücksichtslosigkeit und Ignoranz, die mir jetzt wie eine Schmach, wie eine Erniedrigung Wanda's erschienen. Ich schämte mich und wurde von meiner eigenen Scham überwältigt. Es war lächerlich: aber ich hielt mir zugute, daß ich darauf geachtet hatte, mit meinem Körper nicht zu schwer auf ihrem zu liegen, als wir miteinander geschlafen hatten.

Ich traute mich nicht einmal mehr sie zu berühren. Ich erfuhr, daß ihr Bruder Marek noch vor der Deportation nach Auschwitz unterwegs fliehen und sich in Sicherheit bringen konnte. Aber er musste den Vater in den sicheren Tod fahren lassen, ohne irgendetwas dagegen unternehmen zu können. Wanda berichtete, wie sie selbst schließlich doch noch auf den Transport nach Theresienstadt kam. Sie wusste auch von dem Film, den die Deutschen über das Leben der Lagerinsassen gedreht haben und damit der Öffentlichkeit eine heile Welt vorzugaukelten, während sie in Wahrheit einen detaillierten und unabänderlichen Plan verfolgten, die Juden vollständig auszurotten.

Ich fragte "Warst du bis zum Ende des Krieges in Theresienstadt?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Im letzten Winter sind wir in Viehwaggons nach Chelmo gebracht worden, ein kleines Nest bei Posen. Es gab dort ein sogenanntes 'Gaswagenlager'. Es waren nur Frauen und Kinder da. Die Deutschen haben gesagt, sie würden entlaust und desinfiziert werden und sie mussten sich dafür ausziehen und die Deutschen haben gesagt, sie sollen ja ihre Sachen ordentlich ablegen, damit nachher jeder seine eigenen wiederfindet. Und dann haben sie alle in einen Laderaum eines Lastwagens getrieben, der war rundum zu, und als alle drin waren, haben sie die Luke hinten auch noch dichtgemacht und dann haben sie die Auspuffgase vom Motor da hinein geleitet, die kamen hinter einer Blende an der Vorderwand heraus, und nach ungefähr zehn Minuten waren drinnen alle erstickt. Deswegen hieß er Gaswagen und es gab drei davon. Natürlich konnten nicht alle auf einmal ermordet werden, und deshalb haben die Deutschen ganz genau darauf geachtet, daß wir anderen, die noch nicht dranwaren, nicht das geringste davon ahnten, was in diesen Gaswagen wirklich geschieht. Das war abseits in einem kleinen Wäldchen, aber man hätte die Motoren hören können, und immer wenn die Gaswagen in Betrieb waren, trat bei uns vor den Baracken eine Klezmer Kapelle auf - weißt du was Klezmer ist?" Ich sagte "So eine Art jüdische Volksmusik." "Genau. Die spielen zum Beispiel bei Hochzeiten. Aber bei uns hatten sie die Aufgabe, die Motoren zu übertönen, und da war einer, der spielte die Klarinette, und jetzt weißt du, woher ich das habe, Miguel. Dein Benny Goodman hat mich an diesen Klezmer Musikanten in Chelmo erinnert und deshalb habe ich so reagiert."

Ich fragte "Wie kam es, daß du verschont ... ich meine, daß du überlebt hast?" "Den Deutschen ist das Benzin für die Motoren ausgegangen - so einfach war das. Und dann kamen die Russen schneller als erwartet. Als wir frei waren, sind wir in das Wäldchen gegangen, und dort lagen noch die Leichen aufgeschichtet in der Grube und ein Stück weiter war noch ein Berg halbverbrannter weiterer Leichen, die Deutschen hatten alles fluchtartig verlassen. Als der Krieg vorbei war, bin ich zurück nach Prag und dort habe ich schließlich in der Benediktgasse ein Quartier gefunden und - na das kann ich dir jetzt nicht alles erzählen - jedenfalls habe ich eines Tages auf dem Wenzelsplatz meinen Bruder Marek gesehen und ich hab' gedacht, mir würde sein Geist erscheinen, aber er war's leibhaftig."

An diesem Abend fragte ich Wanda, ob ich sie nach Hause begleiten dürfte und sie war einverstanden. Sie wohnte in einem der Nordviertel in einem ziemlich ansehnlichen Haus, das - wie sie mir erklärte - einem jüdischen Einwanderer gehört, der als Siedler in Argentinien begonnen, nach ein paar Jahren sein Land mit großem Gewinn verkauft und sich auf andere Geschäfte verlegt hatte. Er hatte schon während des Krieges den Emigranten aus dem deutschen Reichsgebiet geholfen und er war es auch gewesen, der Wanda's Überfahrt hierher organisiert hatte.

Sie entschuldigte sich, daß sie mich nicht so ohne weiteres mit hineinnehmen könne und ich sagte, daß ich sie auch lediglich bis an die Tür bringen wollte. Dann meinte sie "Wenn du willst, kannst du morgen nachmittag herkommen, ich würde dir gern meinen Bruder Marek vorstellen." Ich erwiderte "Sehr gern. Dann bis morgen, Wanda." "Ja, bis morgen, Miguel." Auf dem Heimweg dachte ich über alles nach, was sie mir erzählt hatte. Und dann kamen meine Gedanken unwillkürlich auf Onkel Heinrich, ich überlegte, ob ich ihm einen Brief schreiben und ihn auf dem Küchentisch liegen lassen sollte.

Und plötzlich musste ich an meinen Vater denken und hatte sein Bild vor Augen, wie er vor dem Radio Apparat sitzt und die Nachricht von der Kapitulation hört. Und im Geiste sah ich ihn den Kopf zu mir hin wenden, und er schaute mich an und anders als es damals wirklich geschah, redete er mit mir und ich hörte ihn sagen: "Michael! Wenn du herkommst, und ich bin nicht da, dann frage nicht nach mir, sondern geh' wieder! Geh' und kehre nie mehr zurück." Ich hörte seine Worte, aber ich sah den Ausdruck in seinen Augen, und der passte nicht dazu, und ich begriff, daß er das gesagt hatte, weil er mich davor bewahren wollte, daß sein eigenes Leid und sein unergründliches Leiden an dieser Welt auf mich übergreift.

Wanda und Marek sahen sich sehr ähnlich, Marek war nur größer und seine Gesichtszüge waren strenger, fast verhärtet und wirkten zugleich ein wenig mitgenommen. Wanda stellte uns einander vor, wir reichten uns die Hand, aber ich merkte, daß ihm schon das eigentlich zuviel war. Er sprach nur spanisch mit mir! Bis er sich durch Wanda's Drängen umstimmen ließ.

Das Innere des Hauses war aufwändig, man konnte sagen: prunkvoll eingerichtet und überall waren Reminiszenzen an den jüdischen Kultus zu erkennen, wie zum Beispiel der siebenarmige Kerzenständer und der Davidstern. Marek machte mich wortlos auf eine ganze Reihe wertvoller Objekte aufmerksam, so wie man einem Fremden ganz nebenbei die eigene Pracht vorführt. Dann fragte er mich unvermittelt "Gab es bei Ihnen zu Hause eine Synagoge?" Ich sagte "Ja." "Und ist sie auch in der sogenannten 'Reichskristallnacht' von den Einwohnern Ihrer Stadt in Schutt und Asche gelegt worden?" (Ich sollte sehen, wie der Hase hier läuft.) "Ja, sie ist abgebrannt", erwiderte ich.

Ich hatte zwei Tage, bevor das geschah, gerade meine Aufnahmeprüfung für die Hitlerjugend bestanden, und am hellichten Tag nach dem Brand zog ich in voller Montur, mit Koppel und Fahrtenmesser, zusammen mit zwei meiner Kameraden vor die Trümmerstätte in der Hohenlohestraße, wo es stellenweise noch rauchte. Und dort stand Gabriele, ein Mädchen mit zwei blonden Zöpfen, und weinte. Und der eine von meinen Kameraden hieß Bodo Lauer, er machte sich über sie lustig und rief "Alte Heulsuse! Hast wohl noch Mitleid mit dem Judenpack!"

Da wischte sich Gabriele die Tränen aus den Augen, kam wutentbrannt auf uns zu und dem Bodo Lauer boxte sie so heftig in den Bauch, daß er in die Knie ging und sich vor Schmerzen krümmte, und zu mir sagte sie im Vorbeigehen bloß "Was glotzt du so, Frogard!" Ich war ungeheuer beeindruckt von ihr, so sehr, daß ich mir wünschte, sie würde meine Freundin sein und ich unternahm fortan alles, um das zu erreichen, und einige Zeit später hatte ich es dann geschafft!

Wanda war kurz verschwunden und kam mit einem Tablett und drei Tassen aus feinstem Porzellan, aus denen schwarzer Kaffee duftete. Wir setzten uns in das große Arbeitszimmer, Wanda hinter den Schreibtisch, wo sie dann an so einem Karteikarten Rad herumspielte, das wie ein kleines Mühlrad aussah. Marek und ich saßen davor auf zwei Stühlen mit Armlehnen, zwischen uns ein Tischchen, wo wir unsere Kaffeetassen abstellten.

Marek stellte mir hochnotpeinliche Fragen, ich glaube, er wollte mir partout bewusstmachen, daß ich (auch ohne mein willentliches Zutun) ein strammer Nationalsozialist gewesen bin, der alle Verbrechen Hitlers und seiner Vollstrecker gutgeheißen und mitgetragen hatte. Wanda hörte schweigend zu und beobachtete uns aus den Augenwinkeln, irgendwann sagte sie "Marek, jetzt hör' schon auf damit! Miguel ist mein Freund, er ist in Ordnung, glaub' mir, du kannst ihm vertrauen." Marek schaute sie kurz an, es war ein Blick mit inniger Zuneigung. Danach sagte er lange nichts und ließ mich reden.

Und wieder erzählte ich von meinem Vater (wie seinerzeit bei Senora de la Serna in ihrem Haus) und unterdessen schien mir, daß ich ihn mehr und mehr begreifen würde, und ich führte das auf die neuerliche Bekanntschaft mit Wanda zurück, ja selbst auf die anfangs recht unangenehme Fragerei Marek's, die mir klargemacht hatten, was für unglaubliche Dinge in derselben Zeit vorgegangen waren, wo wir als Hitlerjungen am Lagerfeuer gesessen und germanische Runenmuster in die Rinde von Weidenstöcken geschnitzt hatten.

Vielleicht hatte mein Vater viel mehr von den Gräueltaten gewusst, als ich annahm, er hatte nur wohlweislich darüber geschwiegen. Oder wollte er verhindern, daß ich mich im vorlauten Übermut verplappere und dafür zur Rechenschaft gezogen würde? Wollte er mir meine Arglosigkeit und jungenhafte Begeisterung für die Spielereien und kleinen Streiche in der Hitlerjugend nicht verderben durch seinen Missmut und seine notorische Abkehr von allem, was um uns her als Völkische Freiheit und Zuversicht auf die Fahnen geschrieben wurde? Dabei kam ich bald selbst dahinter, daß so vieles davon nur Geschwätz und falscher Schein waren.

Nein, es wäre vermessen zu behaupten, daß meine Erkenntnis so weit gereicht hätte! Aber auf alle Fälle hatte ich zunehmend ein unbehagliches Gefühl, eine Mischung aus Verdruss und unerfüllter Begierde - und wiederum war es Gabriele mit ihrem erstaunlichen Individualismus und zugleich mit ihrer moralischen Stärke, die mich beinahe magisch angezogen hat. Daß sie darüberhinaus so schön und (bald darauf) mit allen weiblichen Reizen reichlich ausgestattet war, das brachte mich vollends auf ihre Seite.

Übrigens hatte mich mein Vater ein einziges Mal wirklich überrascht und beeindruckt, als er mir eines Tages ein silbernes Kettchen mit einem hübschen Anhänger in Form eines vierteiligen Kleeblatts (das natürlich als Glücksbringer gedacht war) in die Hand drückte und sagte "Wenn du willst, kannst du das deiner kleinen Freundin schenken, vielleicht freut sie sich darüber." Ich fand die Idee prima, und Gabriele war ganz außer sich vor Freude, sie fiel mir um den Hals und küsste mich und dann trug sie das Kettchen bei jeder Gelegenheit - und womöglich hat es ihr auch wirklich Glück gebracht. Ich muss gestehen, ich hatte ihr gesagt, ich hätte es bei einem Juwelier gekauft, aber ich meinte, daß sie von meinem Vater stammte, konnte ruhig unser Geheimnis bleiben, zumal ich eigentlich meinerseits am meisten über die Tatsache glücklich war, daß er überhaupt auf meine Beziehung zu Gabriele aufmerksam geworden war und sich offenbar Gedanken darüber gemacht hatte.

Ich frage mich, warum ich nicht mit Gabriele zusammengeblieben bin, wir hätten heiraten können, ich wäre mit ihr nach Westdeutschland gegangen, als sie dort eine Stelle als Sekretärin angenommen hatte, ich hätte gewiss schnell selbst eine Arbeit gefunden. Vielleicht hat sie mir damals indirekt einen solchen Vorschlag unterbreitet und ich habe es bloß nicht richtig aufgefasst. Und ehrlich gesagt, war es mir auch schwer vorstellbar, meinen Vater allein in G. zurückzulassen.

Ach so? Und warum war ich dann letztendlich so Knall auf Fall mit Onkel Heinrich losgezogen und habe gleich dem ganzen Kontinent den Rücken gekehrt? Als mir Wanda vom Schicksal ihres Vaters und Bruders berichtete, da habe ich mich für einen Augenblick in Marek's Lage versetzt, der seinen Vater, ohne es verhindern zu können, in das Lager nach Auschwitz gehen ließ und ich habe wenig später aus seinem eigenen Mund die (in meinen Augen) geradezu absurden Vorwürfe vernommen, mit denen Marek bis heute sein eigenes Gewissen marterte.

Verglichen mit ihm hatte ich jetzt noch die Möglichkeit, meinen Vater zu "retten". Ich glaube, in diesen paar Tagen während meines Aufenthalts in Buenos Aires fasste ich endgültig den Entschluss, mich nach Deutschland und in meinen alten Heimatort zu begeben, um meinen Vater von dort wegzuholen, und ich war überzeugt, daß seine Worte, die er mir gegenüber im Geiste geäußert hatte, insgeheim seinem Wunsch entsprungen waren, dies möge so geschehen. Ich hatte ihn zum erstenmal richtig verstanden!

Ich ging ein weiteres Mal Onkel Heinrichs Post durch, ich hatte den Brief von dem Bankhaus "Torres & Avigdor" aus Rosario wieder ungeöffnet in den Stapel zurückgelegt, jetzt sagte mir ein unbestimmtes Gefühl, ich müsste ihn lesen. Und tatsächlich enthielt er eine Mitteilung, die sehr wichtig für mich sein sollte. Darin stand, daß man seinem Anliegen entsprochen habe, seinem "Sohn" (darauf folgte mein Name) eine Vollmacht für den Zugriff auf sein, Heinrichs, Konto zu erteilen. Diese Vollmacht müsse nun von mir, dem Sohn, noch unterschrieben werden. Senor Torres, einer der Geschäftsführer und Eigentümer der Bank, hatte das Schreiben persönlich unterzeichnet. Ich entnahm daraus, daß ich zur Bestätigung der Vollmacht selbst nach Rosario kommen muss. Das Schreiben war nicht ganz neu, es konnte auch sein, daß Heinrich mittlerweile etwas anderes verfügt hatte.

Ich machte mich auf den Weg nach Rosario, Senor Torres empfing mich in seinem Arbeitszimmer, er konnte sich sogleich an Heinrichs Angelegenheit erinnern. (Heinrich hatte sogar eins von meinen Passbildern seinen Unterlagen beigefügt, damit Senor Torres mich eindeutig erkennen konnte.) Er sagte, mein "Vater" sei stets ein sehr "geschätzter" Kunde bei ihrer Bank gewesen. Was das besagte Konto beträfe (womöglich hatte Heinrich ja mehrere), so müsse er mir leider mitteilen, daß der Kontoinhaber zwischenzeitlich eine beträchtliche Veränderung hinsichtlich der Höhe der Einlagen vorgenommen habe.

Ich sagte "Das bedeutet, er hat das Geld abgehoben?" Senor lächelte voller Diskretion und erwiderte "Nun, es kann auch eine Umbuchung gewesen sein, mehr darf ich Ihnen darüber nicht sagen, Senor Frogard. Aber vielleicht ist Ihnen eben nicht entgangen, daß ich mein Bedauern geäußert habe." Ich glaubte zu verstehen, was er meinte. Ich sagte "Kann ich dennoch die Vollmacht erhalten?" "Selbstverständlich, so lautet die Verfügung per Vertrag, und Ihr Vater hat sich diesbezüglich nicht anders entschieden. Wenn Sie hier unterschreiben, haben Sie vollen Zugriff auf dieses Konto." "Wieviel ist denn noch drauf?", fragte ich ganz direkt. "Das können Sie erst erfahren, wenn Sie die Vollmacht besitzen."

Ich unterschrieb die Vollmacht und bekam eine persönliche Kundennummer sowie ein Heftchen mit fünfundzwanzig Blancoschecks ausgehändigt, wofür ich ebenfalls unterschreiben musste. Es waren knapp dreitausend Dollar auf dem Konto. Ich dachte, wenn Heinrich das so gewollt hat, dann hätte er wohl auch nichts dagegen, wenn ich gleich etwas abhebe, und das tat ich. Senor Torres schüttelte mir die Hand und sagte "Falls Sie sich mit dem Gedanken tragen, selbst bei uns ein Konto einzurichten, Senor Frogard, so wenden Sie sich bitte an mich, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung."

Zurück in Buenos Aires überlegte ich, was ich als nächstes unternehmen sollte - und dann fügte sich auf einmal eins zum andern. Ich ging aufs Geradewohl in die Universität, und zur gleichen Zeit wie vor einer Woche kam Wanda mit ihrem chilenischen Kollegen heraus, und als sie mich sah, sagte sie "Na, Miguel, das ist aber nicht die feine Art! Du gehst einfach weg, ohne Bescheid zu sagen. Ich war bei dir, und du warst nicht da."

Ich sagte ihr, daß ich in Rosario etwas zu tun hatte und fügte hinzu (der Kollege war nicht mehr dabei), daß ich eigentlich nicht den Eindruck hatte, als würde man hier länger nach mir "verlangen". Ich glaube, Marek an ihrer Stelle hätte mich mit Verachtung gestraft. Wanda rief entrüstet "Was bist du doch für ein Dummkopf! Und überhaupt! Warum bist du dann jetzt hier?" Ja - da hatte sie mich wieder voll im Griff. Ich versuchte mich herauszureden, ich sagte, ich hätte da etwas im Sinn, über das ich mir noch nicht im klaren bin, über das ich aber hier mit keinem reden könnte." Sie entgegnete "Außer mit mir." "Ja", gab ich unumwunden zu, "außer mit dir und deinem Bruder." (Ich wollte Marek nicht außer Acht lassen.) "Na dann", sagte sie, "gehen wir zu mir und reden darüber."

Noch auf dem Weg zu ihrem Haus begann Wanda ihrerseits mich über etwas zu informieren, daß sie und ihren Bruder betraf. Je mehr und länger sie darüber sprach, umso eindringlicher musste ich mich innerlich fragen, ob diese ganze neuerliche Bekanntschaft mit ihr (abgesehen von der wirklich zufälligen Begegnung auf der Plaza de Mayo) nicht doch von einer - zumindest unterschwelligen - Absicht begleitet gewesen war.

Wanda nannte mir drei, vier Stichworte zur Vorgeschichte ihrer jetzigen Angelegenheit, und ich wusste zuerst wieder gar nicht, worauf es hinauslief. Sie erklärte mir, daß in Deutschland - in der Bundesrepublik Deutschland (also im westlichen der beiden gegenwärtigen deutschen Staaten) - eine Zentralstelle zur Aufklärung der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen eingerichtet worden war, die sich gemäß ihrem Auftrag auch um die Aufspürung und Anklage von Nazi Verbrechern kümmerte. Diese Zentralstelle war natürlich darauf angewiesen, daß sich ehemalige Häftlinge bei ihr melden, die zweckdienliche Hinweise jeglicher Art geben konnten oder sich bestenfalls auch bereiterklärten, als Zeugen auszusagen.

Marek hatte praktisch seit Kriegsende daran gearbeitet, die Verfolgung und Vernichtung seiner eigenen Familie und den Völkermord an den Juden zu dokumentieren, und obgleich er selbst die Hölle von Auschwitz nicht am eigenen Leib erfahren musste, hatte er umfangreiches Material zusammengetragen, bestehend teils aus Augenzeugen- und Erlebnisberichten, teils aus Archivdokumenten der Deutschen, "das er sich auf allen möglichen abenteuerlichen Wegen beschafft hat", wie Wanda sagte.

Ein bundesdeutscher Staatsanwalt hatte ihn kontaktiert, nachdem er erfahren hatte, daß Marek Photographien besitzt, die bis dahin nirgends aufgetaucht waren und die einige der ranghöchsten Chargen der deutschen Judenvernichtung, speziell die Organisatoren der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" bei der Ausübung ihres Dienstes zeigten. Anhand dieser Bilder und der Identifikation der Orte, wo sie aufgenommen worden waren, sollte es möglich sein, in einigen entscheidenden Fällen ihre direkte Beteiligung an den Gewaltverbrechen nachzuweisen.

Dieser Staatsanwalt war selbst nach Buenos Aires gekommen und hatte sich die Photos angesehen. (Marek ließ sie natürlich nicht aus den Augen.) Und er hatte auch Wanda's Bericht über ihre Deportation nach Theresienstadt und dann nach dem Gaswagenlager in Chelmo zu Protokoll genommen und sogar auf Tonband aufgezeichnet. Es ging darum, den ersten großen sogenannten "Auschwitz Prozess" in Frankfurt am Main vorzubereiten. Der Staatsanwalt hatte die beiden Geschwister gefragt, ob sie bereit wären, bei diesem Prozess als Zeugen aufzutreten, und Wanda hatte sich kategorisch geweigert, sie hatte sich geschworen, niemals wieder einen Fuß in das Land zu setzen, in dem die Mörder ihrer Eltern und jene, welche die Juden zu Tausenden und Abertausenden vergast, erschlagen und erschossen hatten, frei und unbehelligt herumlaufen und sich des Lebens freuen.

Marek war im Grunde der gleichen Auffassung, aber er wollte natürlich auch, daß seine bisherigen Bemühungen ihren Zweck erfüllten. Und so hatte er sich überreden lassen, nach Frankfurt zu fliegen (die Kosten übernahmen die deutschen Justizbehörden) und dort beim Prozess unter anderen Beweisstücken seine Photos vorzulegen. Aber Wanda, obwohl sie seine Entscheidung befürwortet hatte, befürchtete zugleich, daß ihr Bruder diese "Tortur", wie sie es nannte, psychisch und seelisch nicht unbeschadet überstehen würde. Sie sagte zu mir "Der Marek, wie du ihn bis jetzt erlebt hast, ist nämlich nur seine äußere und oft sehr schroffe Verkleidung. Darunter verbirgt er seine Angst, die ihm schon sein halbes Leben aufgefressen hat." (Das war es wohl auch, was sich in seinem Antlitz abzeichnete.)

Mir dämmerte irgendwann, daß Wanda sich längst mit dem Gedanken getragen hatte, mich darum zu bitten, Marek zu begleiten. Jetzt sagte sie "Es ist nur eine Sache von ein paar Tagen, höchstens einer Woche. Aber ich will um keinen Preis, daß Marek dort in Panik verfällt und sich womöglich was antut." Ich sagte "Ist es wirklich so schlimm?", und sie antwortete "Miguel! Wenn du das einmal durchgemacht hast, kann dich eine einzige dunkle Sekunde um den Verstand bringen."

Marek empfing mich mit Zurückhaltung, und ich wusste, daß die beiden sich verständigt hatten. Aber sein Händedruck war ein ganz anderer als der erste, fast glaubte ich, er hätte ihn vorher eingeübt. Wir setzten uns wieder in das große Arbeitszimmer, und wieder begann Wanda wie gedankenverloren mit dem Karteikarten Rad zu spielen, keiner von beiden getraute sich, eine Unterhaltung zu beginnen. Dann sagte Wanda, als würde sie es von einer der kleinen Karten ablesen: "Miguel, du hattest doch was auf dem Herzen, worüber du reden wolltest."

Ich sagte "Ja, es geht um meinen Vater, der noch in Ostdeutschland lebt. Ich habe mich entschlossen, ihn zu überreden, zu mir nach Kuba zu kommen." Wanda schien merklich begeistert von meinem Plan, sie sprang auf und setzte sich vor uns auf die Tischkante, sie baumelte mit den Beinen wie ein kleines Mädchen. "Das ist eine großartige Idee!", rief sie, und Marek nickte mir zu. Wanda fragte "Wie willst du das anstellen? Ich denke, die lassen dort niemanden hinaus." Ich sagte "Ja, und sie lassen mich wahrscheinlich erst gar nicht hinein." Marek schüttelte den Kopf, ich weiß nicht, ob er überhaupt hier bei der Sache war.

Die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten war seit ihrer Gründung schon längst befestigt worden und wurde beiderseits von Soldaten der jeweiligen Armee bewacht. Berlin war aufgrund seines besonderen Status' nach der Kapitulation lange Zeit noch eine Art Schleuse zwischen Ost und West gewesen. Entgegen allen öffentlichen Beteuerungen hatte Staatschef Ulbricht dann über Nacht eine Mauer mit Stacheldraht und Grenzposten längs mitten durch die Stadt errichten lassen, die später durch eine massive Betonmauer verstärkt wurde. Ich hatte in den Zeitungen gelesen, daß auf alle geschossen wird, die versuchen, über diese Mauer zu klettern. Von der andern Seite durfte man nur mit einem Visum in die DDR, die Deutsche Demokratische Republik, einreisen - schon die Bezeichnung sollte einen wohl strammstehen lassen.

Wanda sagte "Wenn du das wirklich willst, findest du ganz sicher einen Weg. Vielleicht kann dir in Westdeutschland jemand helfen, kennst du dort jemanden?" "Nicht daß ich wüsste." (Dr. Kettner hatte mir berichtet, daß der KaLeu Henk Farmsen wieder nach Deutschland zurückgekehrt sei, angeblich wohnte er in Hamburg, aber er hatte nicht mal seine genaue Adresse.)

Dann sagte Wanda, und es klang wie ein hilfreicher Vorschlag: "Und wenn du mit Marek zusammen nach Frankfurt fliegst, und von dort aus versuchst, nach drüben zu kommen? Ich meine, in Frankfurt bist du erstmal sicher, von da aus kannst du die Möglichkeiten bestimmt besser einschätzen." Marek sagte nichts, aber es musste ihm ja gewärtig sein, daß Wanda mir von dem Prozess erzählt hatte. Wanda sah, wie ich überlegte, sie sagte "Wenn dir das was nützen würde, könnten wir dir das Geld für den Flug auslegen, du kannst es uns später jederzeit zurückgeben." Ich sagte "So viel hab' ich noch." "War ja nur ein Angebot", stellte sie fest, ich sagte "Ich muss darüber nachdenken." "Ja gut. Bis morgen?"

Ich telephonierte mit Cayenne. Ich freute mich, ihre Stimme zu hören, ich wäre jetzt am liebsten in Havanna gewesen und hätte all' die Probleme von hier einfach abgeschüttelt, ich zweifelte, ob ich meinem Vorhaben überhaupt gewachsen war. Ich sagte "Tut mir leid, daß ich mich jetzt erst melde, es gab hier ein paar Dinge zu erledigen." Cayenne war nicht sauer, sie plapperte munter drauflos und das gefiel mir erst recht. Im Hintergrund konnte ich Isabel hören, die eine Auseinandersetzung mit ihrer Freundin führte, Saladin bellte dazwischen. Ich fragte "Streiten sich die Mädchen gerade?" "Ach wo, irgendeine will bloß immer Recht haben."

Ich lachte, Cayenne sagte "Senor Jiménez hat nach dir gefragt." "Gonzalo Jiménez? Was wollte er?" "So genau hab' ich's mir nicht gemerkt, soviel ich weiß, wollen sie mit einer Gesandtschaft nach Deutschland fliegen und da dachten sie, du könntest als Dolmetscher mitkommen, am besten, du fragst ihn selbst." "Hast du seine Nummer?" "Ja, hat er mir dagelassen, aber du solltest dich gleich bei ihm melden." Sie gab mir die Nummer, dann fragte sie "Und sonst? Ist alles in Ordnung?"

Es war vielleicht unklug von mir, aber es war auch ehrlich gemeint, als ich sagte "Es ist etwas passiert." Sie verstummte sofort. "Cayenne? ... Cayenne?" "Ja, ich bin noch da." Ich sagte "Wenn ich zurück in Havanna bin, erzähl' ich dir alles." "Kommst du denn zurück?" "Ich bitte dich, Cayenne! Natürlich komm' ich zurück. Was denkst du denn!" "Ich weiß nicht. Ich muss jetzt auch Schluss machen, ich muss noch Wäsche waschen." "Cayenne!" "Ja." "Ich hab' euch beide lieb!" "Ist gut." Als ich auflegte, zitterte mir die Hand.

Ich trank ein Glas Wein. Dann rief ich Gonzalo Jiménez an, ich sagte "Hier ist Miguel Frogard, Sie wollten mich sprechen, Gonzalo?" "Ja, Miguel! Wo bist du gerade?" "In Buenos Aires." "Ach, verdammt!" "Worum geht es denn?" "Wir wollen mit einer Wirtschaftsdelegation nach Deutschland fliegen, Ernesto ist auch dabei." "Nach Bonn?" (Das war die westdeutsche Hauptstadt.) "Ja, und nach Ost Berlin." Ich horchte auf. "Und da sollte ich mitkommen?" "Na ja, du könntest übersetzen. Außerdem kannst du mit den Genossen dort vielleicht besser umgehen, die sollen ja ein bisschen ... aber wenn du in Buenos Aires bist ..." Ich sagte "Ich könnte von hier aus nach Frankfurt am Main fliegen, das hatte ich sowieso geplant." "Ach so?" Er überlegte, ich sagte "Wenn wir einen Treffpunkt vereinbaren, könnte ich dann zu Ihnen stoßen." Gonzalo war einverstanden, und wir verabredeten Ort und Zeit.

Ich ging zu Wanda und Marek und sagte ihnen, wie die Dinge jetzt stehen. Der Prozess zog sich über Wochen hin, Wanda sagte, es wäre durchaus möglich, daß man die Anhörung von Marek vorverlegen würde, wenn er dies wünsche. (Sie redete, als wäre sie mit der Terminplanung betraut, aber ich erfuhr dann, daß sie es mit dem Staatsanwalt so abgesprochen hatte.) Marek stimmte auch zu. Ich sagte, ich könnte aber beim besten Willen nicht die ganze Zeit dabeibleiben, denn ich müsste meine eigene Angelegenheiten verfolgen, und Wanda erwiderte "Aber natürlich, Miguel! Das ist doch die Hauptsache, weswegen du mitfliegst." Ich glaube, sie war wirklich froh (und mir auch dankbar), daß es so gut klappte. Beim Abschied umarmte sie mich und ich spürte ihre Erregung, sie flüsterte mir ins Ohr: "Pass' gut auf meinen Bruder auf, bitte."

Wir hatten beide nur einen Koffer als Gepäck dabei. Ich hatte mir ein neues weißes Hemd, eine Krawatte und einen Anzug gekauft, ich wusste nicht genau, wie die Gepflogenheiten bei den "Offiziellen" in Ost Berlin waren. Auf dem Flug saß Marek neben mir, er hielt die ganze Zeit seine Mappe mit den Photos und Dokumenten fest. Ich sah, daß ihm unbehaglich zumute war. Ich sagte "Es wird alles gutgehen!", und er lächelte matt.

* * * * *

In Ost Berlin sah es aus, als wäre gestern die letzte Division der Roten Armee abgerückt (in Wahrheit waren ja noch welche hier stationiert), alles war grau und trist, das einzige Auffällige waren die überdimensionalen Transparente mit den Parolen zur Stärkung des Sozialismus, sie prangten an allen Fassaden. Das Wirtschaftsministerium war in einem Gebäude untergebracht, das trutzig wie ein alter Nazi Bau aussah; die Genossen drinnen machten einen sehr steifen und dabei bornierten Eindruck, sie trugen aschegraue Anzüge, die alle irgendwie zu knapp bemessen waren.

Ernesto Guevara, der Leiter unserer Delegation, trat in seinem gewohnten Kampfanzug auf, und man konnte sehen, daß die Deutschen sich beinahe scheuten, ihm die Hand zu reichen. Sie lächelten zwar höflich zu allem, was Ernesto sagte, aber ihre Mienen und Gesten waren dumpf und blöde. Einer hielt eine Rede, in der er die Errungenschaften der DDR Volkswirtschaft in höchsten Tönen hervorhob - Ernesto unterbrach ihn dann und sagte scherzhaft, wenn das so weiterginge, müssten er und seine Companeros den nächsten Termin verschieben und ob ihm daher bitte jemand ein Telephon bringen könne? (Er war zu der Zeit tatsächlich auf der halben Erdkugel unterwegs.) Einer der Funktionäre flüsterte dem Redner etwas ins Ohr, der daraufhin schnell zum Ende kam.

Ernesto machte nie viel Federlesens bei solchen Treffen, er kam immer gleich zur Sache. Er hatte stets eine vorbereitete Liste mit fünf oder sechs wesentlichen Punkten, über die gesprochen werden musste. Sollte es zu weitergehenden Verhandlungen kommen, dann waren seine Leute im einzelnen dafür zuständig und auch instruiert worden, sie hatten in ihren Bereichen den vollen Überblick.

Ernesto ließ sich niemals von irgendwelcher Schönfärberei oder diplomatischem Geplänkel blenden, er hatte seine festen Vorstellungen (auch wenn sie nicht immer ganz ausgereift waren). Man sah es ihm vielleicht nicht an, aber die ihn etwas näher kannten, wussten, daß er beständig an sich selbst und an seiner Theorie der humanistischen Gesellschaft arbeitete und daß er auch immer bereit war, sich eines Besseren belehren zu lassen, wenn die Argumente dafür überzeugend genug waren.

Aber er hatte einen scharfen Blick für alles, was nur scheinbar wie eine positive Entscheidung oder vorteilhafte Maßnahme aussah und er fiel seinem Gegenüber sofort ins Wort, wenn er merkte, daß der nur um den heißen Brei herumredete, was ihn freilich in den Augen der anderen nicht immer zu einem angenehmen Gesprächspartner machte. Er war außerdem nie gut auf Bürokraten zu sprechen - und diese Figuren hier sahen fast so aus, als würden sie am liebsten ihre Zeit hinter einem Schreibtisch totschlagen.

Die Kubaner hatten ein paar Gastgeschenke mitgebracht, unter anderem natürlich Zigarren und Rum von der feinsten Sorte. Abends gab es ein Festessen und nach anfänglichem Zögern sprachen die Genossen reichlich dem Rum zu, sie wurden geradezu ausgelassen und zu später Stunde stießen sie mit uns auf "Brüderschaft" nach russischer Sitte an, sie bildeten sich was darauf ein, russische Trinksprüche zu kennen. Überhaupt schien mir, daß sie ebenso stramm parteilich wie versoffen waren, und Gonzalo Jiménez musste sich mehrmals geschickt aus ihren Umarmungen lösen. (Gonzalo Jiménez besaß drei Doktortitel und hatte eine Abhandlung über Ökonomie geschrieben, die an mehreren lateinamerikanischen Universitäten zum Lehrbuch Kanon gehörte. Er hielt nicht viel von den "kommunistischen Lakaien im Gesinde der Sowjets".)

Der Besuch dauerte alles in allem drei Tage, ein Teil der Delegation flog zurück nach Kuba und ich bemerkte, daß Ernesto Guevara nicht dabei war, aber Gonzalo hüllte sich diesbezüglich in Schweigen. Ich sagte ihm, daß ich beabsichtige, von Ost Berlin aus in meine alte Heimatstadt G. zu fahren, um meinen Verwandten einen Besuch abzustatten. Gonzalo wies mich darauf hin, daß ich mich ab jetzt illegal in Ostdeutschland aufhielte, aber er war abgeklärt genug, mich deshalb nicht verängstigen zu wollen, er wünschte mir viel Glück. Er gab mir auch ein Bündel Scheine vom ostdeutschen Geld, die aussahen, als wären sie mit dunkler Schuhcreme gedruckt worden.

Ich nahm einen Zug der "Deutschen Reichsbahn", das Innere der Waggons war uralt und abgenutzt, es roch nach Kotze und Urin, die Scheiben waren trübe und der Schaffner gebärdete sich wie ein Kapo, ich befürchtete gleich auf der ersten Strecke, daß ich in die Personenkontrolle gerate.

Je näher ich der Stadt G. kam, umso heftiger begann mein Herz zu klopfen. Überdies traten mir, als ich in unsere Straße einbog, die Tränen in die Augen. Es hatte sich nicht viel verändert, und ich sah mich als Hitlerjungen auf den schwarzen Pflastersteinen entlanghüpfen, die immer arschglatt wurden, wenn es geregnet hatte und klebrig, wenn die Lindenblüten ihren seltsamen Schweiß verbreiteten. Ich zwang mich, nicht darüber nachzudenken, was ich als erstes sagen würde, falls mir mein Vater aufmacht, ich ließ es jetzt einfach auf mich zukommen.

Auf den Briefkästen konnte ich unseren Namen nicht finden und auch das Klingelschild an unserer Wohnungstür lautete anders. Ich stand da eine Weile, dann stieg ich bis nach oben und las alle Namen, die ich eigentlich schon auf den Briefkästen gesehen hatte. Ich ging wieder hinunter, ich blieb vor der Wohnung "Bichler" stehen. Da kam ein Mann die Treppe herauf, als er auf meiner Höhe war, fragte er "Was wollen Sie?" Ich musterte ihn, dann sagte ich "Sind Sie Fritz Bichler?" (Das war der Sohn der Bichlers, den ich noch kannte aus der Zeit, bevor er eingezogen wurde.) Er erwiderte "Ja, bin ich. Und wer sind Sie?" "Michael Frogard." "Der Junge vom alten Frogard?" "Ja. Können Sie mir sagen, wo ich ihn finde?"

Er schwieg, er holte umständlich den Wohnungsschlüssel heraus, er sah mich ein paarmal an, dann fragte er "Sind Sie allein hier?" "Ja." Er äugte nach unten ins Treppenhaus, dann schloss er die Tür auf und sagte "Kommen Sie für einen Augenblick mit herein." Es war scheußlich eingerichtet, es sah aus, als hätte er alles Hässliche seiner Eltern behalten und alles übrige war doppelt so hässlich. Ich musste an die Sessel bei uns denken, aber die hier waren noch drei Nummern schlimmer.

Er sagte "Setzen Sie sich doch", und ich überwand mich und nahm Platz, "Sie sind nie wieder hiergewesen, oder?" "Nein." "Was machen Sie denn beruflich, wenn ich fragen darf?" Mir fiel spontan ein: "Ich arbeite an der Universität in Prag, als Dozent für Spanisch. Und was machen Sie?" "Ich bin Schlosser im Fahrzeugwerk 'Ernst Thälmann', das war früher die FAGA." "Ah ja." Ich dachte daran, als ich vom Fenster aus beobachtet hatte, wie die Leichen seiner Eltern fortgeschafft wurden, ich hatte sogar die Schüsse gehört, mit denen sie sich selber das Leben nahmen.

Er fragte "Und was verschlägt Sie plötzlich hierher?" Ich entgegnete "Wo ist mein Vater?" Er antwortete nicht gleich, dann sagte er "Sie wissen also nicht, was geschehen war?" "Sagen Sie es mir." "Nun ja, Ihr Vater wohnt schon seit dem ... dem konterrevolutionären Anschlag gegen unseren sozialistischen Staat nicht mehr hier." "Sie meinen den Juni Aufstand?" "Wie gesagt, den konterrevo..." "Das ist über zehn Jahre her!" "Ja, und?" "Wo ist er hingegangen?" "Wie bitte?" "Wo ist mein Vater damals hingegangen?" "Na, man hat ihn verhaftet." "Wie, man hat ihn verhaftet?" "Man hat ihn verhaftet, mehr kann ich dazu nicht sagen." "Aber weswegen?" Jetzt wurde er beinahe pampig. "Es wird wohl seinen Grund gehabt haben!" (Vielleicht war er auch nur verunsichert, weil nie jemand danach gefragt hatte.)

Ich sagte "Entschuldigen Sie, Fritz, ich kann mir absolut nicht erklären, wieso mein Vater verhaftet wurde. Wofür denn?" "Es war irgendetwas im Zusammenhang mit dem Aufsta... mit dem konterrevo..." "Ja, aber was soll er gemacht haben?" "Das weiß ich nicht. Man hat diese Dinge ja nicht eben an die große Glocke gehängt, wenn Sie wissen, was ich damit meine, Michael!" Dann fügte er hinzu "Außerdem hat man bei ihm eine SS Uniform gefunden." "Was?" "Sie haben schon richtig gehört." "Aber mein Vater war nie bei der SS." "Was sagen Sie mir das."

Ich war völlig verwirrt, ich fragte "Könnte ich ein Glas Wasser bekommen?" "Selbstverständlich. Ich habe auch Brauselimonade." "Nein danke, Wasser genügt." Er gab es mir, ich trank es in einem Zug aus. "Was haben Sie denn jetzt vor?", fragte er. Da fiel mir ein: "Was ist aus seiner Wohnungseinrichtung geworden?" "Der Haushalt wurde aufgelöst. Soviel ich weiß, hat er das selber veranlasst. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich weiß von einem anderen Fall, da wurde das Vermögen desjenigen dem Staat überantwortet - außer ein paar persönlichen Wertsachen." "Sie meinen, wenn derjenige ins Gefängnis gekommen ist." "Ja."

Ich muss wohl ziemlich fürchterlich ausgesehen haben, er sagte "Tja, das hätten Sie wohl nicht erwartet, was? Warum sind Sie denn nicht früher mal hergekommen, um Ihren Vater zu besuchen? Von Prag ist es doch nicht so weit bis hierher." "Ja, das hätte ich wohl tun sollen." Er sagte "Nun ist es zu spät", und es klang darin so ein Bedauern mit, als spräche er über seine eigenen Eltern. "Ich muss Sie jetzt leider bitten zu gehen, meine Frau und mein Sohn kommen gleich." "Ja, natürlich. Danke für Ihre Auskunft, Fritz." "Leben Sie wohl, Michael."

Wer sollte mir hier noch weiterhelfen können? Ich ging in den Stadtpark und setzte mich auf eine Bank. Ich versuchte mir vorzustellen, wie mein Vater meine alten Sachen ausgeräumt hat, als er die Wohnung auflösen musste; ich konnte das alles nicht begreifen, was Fritz Bichler mir erzählt hatte. Da hatte ich eine Idee.

Ich ging zu der Versicherungsgesellschaft, bei der Vater früher gearbeitet hatte. Sie war gleich nach dem Krieg verstaatlicht worden, die alten Besitzer wurden enteignet, die Geschäftsleitung war, soviel ich wusste, nach Westdeutschland gegangen und hatte das Unternehmen dort unter dem alten Namen weitergeführt. Hier in G. war die Versicherung in einem heruntergekommenen mehrstöckigen Gebäude untergebracht, neben dem Kellerfenster war noch der große weiße Pfeil zu sehen, der auf den Luftschutzraum bei Bombenangriffen hinwies.

Ich klopfte an eine der Türen und heraus trat ein langer, dürrer Mann in einem braunen Anzug wie aus dem Kostümverleih, er hielt eine Zigarette zwischen den gelben Fingern und auch sein eingefallenes Gesicht war vom übermäßigen Nikotingenuss gezeichnet. Er machte lange, tiefe Züge an seiner Zigarette, kniff dabei die Augen zusammen und ließ den Rauch durch die Nase entweichen. Er sah mich mürrisch an. "Was wünschen Sie?"

Ich brachte mein Anliegen vor. Er schüttelte kategorisch den Kopf. "Das ist ganz unmöglich! Wir können keine vertraulichen Informationen herausgeben." "Aber es geht um meinen Vater." "Das ist ganz egal - wie kommen Sie überhaupt dazu, hier einzudringen und mich damit zu belästigen!" Ich trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Auf dem Flur kam ein kleiner, korpulenter Herr mit Glatze heran, er fragte "Was gibt es denn, Hermann?" "Nichts." Ich sagte "Ich möchte bloß eine Auskunft über meinen Vater, Arnold Frogard, der früher bei Ihrer Gesellschaft gearbeitet hat." Der Lange sagte "Wenn Sie nicht sofort dieses Haus verlassen, rufe ich die Polizei! Wer sind Sie überhaupt? Kommen Sie etwa aus dem Westen?"

Der Dicke sagte "Arnold Frogard, sagten Sie?" "Ja, er hat bis ... er hat noch lange nach dem Krieg hier gearbeitet." "Ich rufe jetzt unverzüglich die Polizei, die wird Sie hier festnehmen!", rief der Lange und verschwand in seinem Zimmer. Der Dicke sagte "Ja, ich erinnere mich an ihn, er ist im Zuge der Konterrevolution verhaftet worden." "Weswegen?" Er zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht." Die Tür wurde aufgerissen und der Lange rief "Gleich kommt die Polizei!" Der Dicke blieb ruhig und sagte "Sie sollten jetzt besser gehen, wenn Sie keine Schwierigkeiten kriegen wollen."

Ich nickte und wandte mich um, er sagte noch "Sie sind doch von drüben, nicht wahr? Da erkundigen Sie sich mal bei der Gesellschaft in Braunschweig." "Wieso dort? Er ist doch nicht mit rübergegangen." "Die Polizei ist gleich da!" "Wenn ich mich recht entsinne, hat er ... wie soll ich sagen ..." "Man kann schon die Sirene hören!" "Was hat er?" "Er hat für die alte Gesellschaft hier spioniert." Mir blieb die Spucke weg. "Sie sollten jetzt verschwinden." "Die Polizei wird Sie unten verhaften - Sie Agent!", rief der Lange und drohte mit der Faust hinter mir her. Ich rannte die Treppe hinab und lief durch ein paar Seitenstraßen davon.

Ich fuhr nach Ost Berlin zurück. Als ich in den Westteil der Stadt wollte, hielt man mich an der Grenzkontrolle auf, nahm mir meinen Pass weg und führte mich in einen kahlen Raum mit einem Tisch und zwei Stühlen. Nach einer Weile kam ein Mann in Zivil, begleitet von einem bewaffneten Grenzposten.

Der Mann setzte sich mir gegenüber und blätterte in meinem Pass. Er fragte "Sprechen Sie deutsch, Herr Frogard?" "Ja." "Wie kommt das? Laut Ihrem Pass sind Sie argentinischer Staatsbürger." "Ich bin in Deutschland geboren und habe seit Jahren die argentinische Staatsbürgerschaft." "Wie sind Sie in unser Land hineingekommen?" "Wie bitte?" "Sie sind offenbar illegal in die DDR eingereist - ist das so?" Ich sagte "Ich habe als Dolmetscher der kubanischen Delegation das Wirtschaftsministerium in Berlin besucht." "Dann kommen Sie aus Kuba und nicht aus Argentinien?" "Der Leiter der kubanischen Delegation hatte mich um meine Dienste ersucht." "So. Hat er das? Und Sie können mir sicher auch seinen Namen nennen?" Ich tat es und fügte hinzu "Erkundigen Sie sich bitte bei Ihren Genossen im Ministerium." Er sah mich böse an. "Ich werde tun, was ich für richtig halte!" "Natürlich."

Dann verschwand er und ich saß über eine Stunde in diesem dumpfen Raum, ich hatte das Gefühl, die Luft wird knapp. Als er wiederkam, gab er mir meinen Pass zurück und sagte nur: "Sie dürfen jetzt das Hoheitsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik verlassen. Ich weise Sie hiermit darauf hin, daß ein einstweiliges Einreiseverbot gegen Sie besteht." Ich sagte "Mit welcher Begründung?", und er entgegnete "Es besteht meinerseits keine Verpflichtung, Ihnen das mitzuteilen. Benutzen Sie bitte den Durchlass D3, Sie werden auf der Stelle ausgewiesen."

Ich nahm einen Flieger nach Frankfurt am Main und ging in das Hotel, in dem Marek untergebracht war. Er saß auf einer modischen Ledercouch, und vor ihm auf dem niedrigen, ovalen Glastisch standen eine Flasche Mineralwasser und auf einer ausgebreiteten Serviette eine geöffnete Büchse Ölsardinen, daneben lagen ein Stück Weißbrot und eine weiße Plastikgabel. Er sah mich aus unendlich traurigen Augen an, mir fiel Wanda's Befürchtung ein und ich dachte: 'Wenn er auf den Gedanken gekommen wäre, sich etwas anzutun, hätte er es zweifellos bereits ausgeführt.'

"Wie ist es gelaufen?", fragte ich ihn. "Ganz gut", sagte er, und es klang, als habe er sein ganzes Vermögen auf die zehn gesetzt - und die zehn hatte verloren. "Hast du deine Aussage gemacht?" "Ja, sie haben alles aufgenommen. Sie haben Abzüge von meinen Photos gemacht und zur Beweisaufnahme hinzugefügt. Es wird alles noch eine Weile dauern", meinte er. Er tat mir auf einmal entsetzlich leid, und der Anblick der halbleeren Büchse Ölsardinen gab mir dazu fast den Rest.

Er hob den Kopf und fragte "Und bei dir? Hast du deinen Vater gefunden?" Ich sagte "Nein. Aber ich habe noch Hoffnung." "Das ist gut." "Was willst du jetzt tun, Marek?" Er atmete tief durch, fast war es ein Seufzer, dann sagte er "Es gibt in Wien ein Jüdisches Dokumentationszentrum, da will ich noch hin." Ich sagte "Du wirst deine Schwester nicht allein lassen, nicht wahr?" Er schaute mich fragend an, dann meinte er "Wanda ist alles, was ich noch habe auf dieser Welt!" "Gut. Denn es ist so: ich kann dich nicht nach Wien begleiten." "Nein, das musst du auch nicht. Du hast schon genug für uns getan."

Ich überlegte, ob Marek zumindest ahnte, daß ich mit seiner Schwester geschlafen habe, ich sagte "Ach komm', ich habe so gut wie nichts für euch getan." Er entgegnete "Doch. Du hast Wanda's Vertrauen gewonnen, und das ist eine ganze Menge, was du für sie getan hast." Ich wäre am liebsten hinausgerannt und hätte mich ausgeweint, aber ich bezwang mich und fragte "Wann willst du los?" "Morgen." Dann schlug ich vor: "Wie wär's, wenn wir heute abend zum Abschied eine Flasche Wein trinken?" "Gute Idee."

Als ich abends zu ihm hinüber ging, saß er immer noch auf der Couch; ich glaube, Marek war im Geiste niemals da, wo er sich tatsächlich gerade aufhielt. Wir tranken den Wein aus einem blauen und einem grünen Zahnputzbecher. Dann sagte er plötzlich: "Und als ich zu der Sekretärin ins Büro gegangen bin, da saß dort ein Pole, der war anscheinend auch in Auschwitz gewesen und hatte es überlebt. Die beiden redeten sich die Köpfe heiß, sie auf deutsch, er auf polnisch, sie verstanden einander kein Wort - es ging um seine Auslagen, die man ihm erstatten musste, ich glaube, die Sekretärin zweifelte an seinen Angaben, was die Entfernung von seinem Heimatort und die Kosten für die Fahrkarte betraf. Es war schrecklich. Sie ereiferten sich wie zwei gefiederte Tiere. Mir war das zuviel. Ich sagte 'Einen guten Tag' und wollte wieder hinaus, da sagte die Sekretärin 'So warten Sie! Sie wollen doch sicher auch Ihr Geld haben.' Ich sagte 'Ja, aber ich komme aus Buenos Aires.' Und sie: 'Wenn ich Sie hier auf meiner Liste habe, dann ist das gar kein Problem.' Und der Pole wetterte dazwischen und es tropfte schon der Geifer aus seinem zahnlosen Mund ... Miguel, es war alles so abstoßend und so ... lächerlich. Ich sagte dann zu der Sekretärin 'Wissen Sie was, geben Sie mein Erstattungsgeld dem Waisenhaus, ich will es nicht!' 'Bitte?', fragte sie. 'Geben Sie mein Geld irgendeiner wohltätigen Einrichtung.' 'Das geht aber nicht, mein Herr. Wir können diese Gelder nicht zweckentfremdet verwenden. Und schließlich - es ist doch Ihr Geld! Warum wollen Sie darauf verzichten? Es ist Ihr gutes Recht, es zu nehmen.' Ich bin einfach gegangen, ich habe das nicht länger ertragen."

Wir schwiegen eine Weile und tranken den Wein. Durchs nächtliche Fenster blinkte eine Leuchtreklame. Ich stand auf und schaute nach unten auf die Straße, das Hotel befand sich hinter dem Bahnhof und man konnte etliche junge Frauen in kurzen Röcken und mit hohen, glänzenden Lackstiefeln auf und ab gehen sehen.

Marek sagte "Hat dir Wanda erzählt, wo wir in Prag gewohnt haben?" "Ja. Man hat euch die ganze Villa weggenommen." "Genau. Und der dann da eingezogen ist, das war ein deutscher SS Oberscharführer mit seiner Familie. Und der war es auch, der dafür gesorgt hat, daß mein Vater von seinem Professorenposten an der Universität suspendiert wurde, der dafür gesorgt hat, daß die Prager Universität judenfrei ist, wie sie es mit stolzer Brust verkündet haben. Er hat dann als SS Führer bei Heydrich und Himmler im Reichssicherheitshauptamt eine glänzende Karriere gemacht."

Ich fragte "Ist das einer von denen, nach denen du suchst, um sie zur Rechenschaft zu ziehen?" Marek antwortete nicht, nach einer Pause sagte er "Nach dem brauche ich nicht zu suchen, ich weiß, wo er sich aufhält." Ich schaute ihn neugierig an, er sagte "Dieser SS Führer ist heute Vorstandsmitglied bei der Daimler Benz AG in Stuttgart." Ich sagte "Ja, aber warum reichst du keine Klage gegen ihn ein?" "Eine Klage? Mit welcher Begründung? Gibt es ein einziges deutsches Gesetz, gegen das dieser Mann verstoßen hätte? Im Gegenteil: er hat sich immer redlich an deutsches Recht und Gesetz gehalten." Marek trank seinen Becher aus. "Es ist nämlich niemals ein Urteil ergangen, wonach die Judenvernichtung ungesetzlich gewesen wäre."

Ich öffnete eine zweite Flasche Wein. Und dann sagte Marek etwas, das mir sehr befremdlich erschien und mir doch zugleich nahe ging. "Weißt du, was am schlimmsten ist?" "Was?" "Daß ich immer wieder von einem unbändigen Hass auf meinen eigenen Vater gepackt werde." "Aber wie ist das möglich?" "Im Grunde hasse ich ihn und verachte ihn dafür, daß er sich das alles hat gefallen lassen, was die Deutschen uns angetan haben, daß er sich nicht ein einziges Mal dagegen gewehrt hat, sondern alles mit einer Schafsgeduld - mit einer Schafsblödheit ertragen und die Deutschen in Wirklichkeit auch noch dazu ermuntert hat, ihn zu demütigen."

Ich wollte etwas einwenden, Marek sagte "Einmal bin ich mit ihm über den Wenzelsplatz gegangen, da kamen uns zwei SA Männer entgegen, der eine hat meinem Vater eine Ohrfeige verpasst, er rief "Saujude! Weißt du nicht, daß es Juden verboten ist, hier entlangzulaufen!" Und er hat ihm noch eine verpasst und noch eine und noch eine und der andere hat sich dabei kaputtgelacht. Mein Vater hatte mich an der Hand, und ich spürte, wie sein Griff fester wurde und er hat mich nicht losgelassen. Zu Hause hat er sich im Spiegel angeschaut und gemurmelt "Halb so schlimm, alles halb so schlimm." Ich sagte "Aber was hätte er denn tun sollen?" Marek schüttelte sachte den Kopf. "Ich weiß es nicht, Miguel. Ich weiß es auch nicht."

Ich brachte Marek am nächsten Tag zum Zug. "Wir sehen uns in Buenos Aires", rief ich ihm zu, und er winkte wie zur Bestätigung zurück. Ich hatte trotzdem ein mulmiges Gefühl, ob ich ihn so allein losziehen lassen sollte, Wanda hätte es bestimmt nicht gewollt.

Ich hatte vor, umgehend nach Braunschweig zu fahren, um in der Hauptverwaltung von Vater's ehemaliger Versicherung nach ihm zu forschen. Aber da kam mir ein anderer Einfall. Ich entsann mich des Diplomaten, der seinerzeit in Havanna war, als Präsident Batista das Bundesverdienstkreuz verliehen werden sollte, und der ins El Faraón gekommen war, wo ihm die kubanischen Musiker ein Ständchen spielten. Ich erinnerte mich an seinen Namen: Karl Helmbrecht, er war im Auswärtigen Amt in Bonn tätig.

Ich hatte irgendwann einmal etwas gelesen über einen politischen Gefangenen in einem ostdeutschen Gefängnis, den eine bundesdeutsche Behörde - nein, es war eine private Organisation - freigekauft und in den Westen gebracht hatte. Ich dachte, wenn mein Vater tatsächlich dort eingesperrt wäre, warum sollte es mir nicht gelingen, ihn auf diese Weise herauszuholen? Zugegeben, er war sicher kein prominenter politischer Gefangener, für den sich außer mir jemand einsetzen würde, doch ich klammerte mich in diesem Moment mit aller Kraft an die Vorstellung - und der Glaube versetzt Berge!

Ich fuhr nach Bonn und fragte am Einlass des Auswärtigen Amtes nach einem Herrn Karl Helmbrecht, ich sagte, ich komme aus Havanna de Kuba, wo ich mit ihm Bekanntschaft geschlossen habe. (Ich glaubte, das klinge ungewöhnlich genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, und so war es auch!) Ich hatte Glück, Karl Helmbrecht arbeitete noch hier und er empfing mich ohne weiteres. Allerdings musste ich ihm wegen des Havanna Aufenthalts erst auf die Sprünge helfen - doch dann entsann er sich und konnte sich auch noch an das "Muss i denn zum Städele hinaus" erinnern, das "die Neger so schön geträllert" haben.

Ich erklärte ihm ohne Umschweife, weswegen ich hier sei. Er hörte sich alles aufmerksam an, dann sagte er "Wir sind hier das Auswärtige Amt, wir sind für Fragen der deutschen Außenpolitik zuständig. Was Ihre Problematik betrifft, Herr Frogard, so liegt das im Bereich der sogenannten 'innerdeutschen Beziehungen', ein Ausdruck, den die Genossen in Ost Berlin natürlich nicht gelten lassen. Wir haben die DDR bisher noch nicht als souveränen Staat anerkannt, daher ...", er unterbrach sich und fragte "in welchem Gefängnis sitzt denn Ihr Vater ein?" "Das weiß ich nicht. Deshalb hoffte ich, es mit Ihrer Hilfe in Erfahrung zu bringen."

"Tja nun", machte er, als stünden wir vor einer komplizierten mathematischen Berechnung, "ich könnte versuchen, etwas herauszukriegen - ich kenne da jemand - aber das dauert etwas. Wie lange sind Sie denn noch hier?" "Ich habe etwas in Braunschweig zu erledigen, ich würde mich in drei Tagen wieder bei Ihnen melden." Er überlegte kurz, dann sagte er "In Ordnung, Herr Frogard, ich sehe zu, ob ich etwas erreichen kann." "Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, Herr Helmbrecht."

"Sagen Sie mal", meinte er, "wenn Sie da für die Kubaner als Dolmetscher arbeiten, haben Sie doch sicher einen guten Draht zu den Caballeros dort?" Ich sagte, früher seien meine Kontakte häufiger gewesen, in der letzten Zeit nur noch sporadisch, aber ich glaubte behaupten zu können, daß ich nach wie vor ein gutes Verhältnis zu einigen der ehemaligen Guerilleros habe. "Haben Sie denn sogar selbst da mal mitgekämpft?", wollte er wissen. "Nein." "Hm, gut." Er stand auf, und ich erhob mich gleichzeitig, "Also dann bis Freitag, hat mich gefreut, Sie wiederzutreffen, Herr Frogard." "Ganz meinerseits und vielen Dank im Voraus." Er rief den Mann, der mich bis hierher begleitet hatte, und der brachte mich wieder bis vor den Eingang. Ich war guten Mutes.

In Braunschweig in der Hauptverwaltung der Versicherung erlebte ich eine weitere Überraschung. Man sagte mir, mein Vater sei "im Zuge der Enteignung und Verstaatlichung" des ursprünglichen Unternehmens aus dem Dienst ausgeschieden! Das ging aus den Akten hervor, die man freundlicherweise für mich heraussuchte. "Er hat sich doch noch rechtzeitig aus der russischen Besatzungszone herüberretten können", sagte der Sachbearbeiter. Ich nickte, ich tat so, als hätte das alles seine Richtigkeit. Er zeigte mir das Kündigungsschreiben "meines Vaters" und ich erkannte Onkel Heinrichs Unterschrift, so wie ich sie auch bei Senor Torres auf der Vollmacht gesehen hatte.

Der Sachbearbeiter bekam für einen Augenblick Zweifel, er sagte "Aber das ist Ihnen doch sicherlich alles bekannt, wenn Sie sein Sohn sind?" Ich erwiderte "Ja, ist es. Ich prüfe es auch nur nach, weil mein Vater ... er leidet seit zwei Jahren an Gedächtnisschwäche, das nimmt mit jedem Tag zu, und er hat mich gebeten, seine Angelegenheiten zu regeln, bevor er ..." "Oh, ich kenne das, bei meiner Tante ist das auch so gekommen - da müssen Sie sich erstmal durch den ganzen Kram durchackern!" "Ja, wem sagen Sie das."

Er fand noch ein anderes Schriftstück. "Ihr Vater hat auch Pensionsansprüche aus seiner Dienstzeit bei unserem Unternehmen." "Ach ja? Wie hoch sind die?", fragte ich und biss mir auf die Lippen, weil es so unverschämt klang. Er sagte "Nun ja, dadurch daß Ihr Vater vorzeitig ausgeschieden ist, musste er auf die Auszahlung warten, so sind unsere Bestimmungen, das Geld wird erst für eine bestimmte Zeit angelegt, Sie verstehen, dadurch erhöht sich andererseits aber auch die Pension - man muss sie dann bloß noch erleben, hahaha." Er lachte ein trockenes, aber unbekümmertes Lachen. Er las in den Unterlagen.

"Also ... oh, wie ich sehe, erhält Ihr Vater seit dem vorigen Jahr seine Pension ... in Höhe von ..." Er nannte mir die Summe, ich fragte "Wohin wird das Geld überwiesen?" "Das ist ein Konto bei der ... Banco Alemán Transatlántico in Buenos Aires", staunte er, "Ihr Vater lebt in Argentinien?" "Ja." "Und Sie auch?" "Nein, das macht die Sache etwas kompliziert." "Verstehe. Tja, mehr kann ich Ihnen jetzt nicht dazu sagen." "Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen", sagte ich und verabschiedete mich. Ich wunderte mich über mich selber, daß ich bei allen diesen haarsträubenden Offenbarungen so gelassen geblieben war.

Ich machte mich bei meinem zweiten Besuch bei Karl Helmbrecht auf das Schlimmste gefasst, und es blieb mir nichts erspart. Helmbrecht hatte herausgefunden, daß mein Vater "zuletzt" in einem Zuchthaus in Brandenburg eingesessen hat. Er war nach dem Juni Aufstand in der DDR zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden! Das Urteil lautete angeblich auf Beteiligung an konterrevolutionären Umtrieben, Besitz einer Uniform und einer Waffe(!) der SS beziehungsweise der faschistischen Wehrmacht sowie auf Spionage für ein Wirtschaftsunternehmen im kapitalistischen Ausland.

Ich fragte Helmbrecht, was er mit "zuletzt eingesessen" meinte, und er sagte, diese Informationen beziehen sich auf Recherchen, welche fünf Jahre zurückliegen. "Wer hat sie angestellt?", wollte ich wissen. "Es gibt eine Erfassungsstelle für sogenanntes DDR Unrecht, der Fall Ihres Vaters ist dort dokumentiert, aber wie gesagt, bei der Fülle von Material kann man nicht jeden einzelnen im Auge behalten." Ich schwieg, Helmbrecht sagte "Tut mir wirklich leid für Sie und Ihren Herrn Vater." "Ich danke Ihnen trotzdem für Ihre Bemühungen", sagte ich und wollte mich verabschieden.

Da meinte er "Es gab in der Vergangenheit schon humanitäre Aktionen, wo man DDR Gefangene freigekauft hat." "Ja, davon habe ich gelesen, wer macht so etwas?" "Nun ja, das sind meist gemeinnützige Vereine, die das mit Hilfe von Anwälten bewerkstelligen, das spielt sich sozusagen auf Kanälen ab, die der Öffentlichkeit gemeinhin unbekannt bleiben." "Könnte man auch als Privatperson diese Leute beauftragen?" "Das ist die Regel. Sie werden schwerlich einen Politiker oder eine Behörde finden, die so etwas organisiert", gab Helmbrecht offen zu. Ich sagte "Daher könnten Sie mir auch keinen solchen Verein nennen." "Nein. Aber ich könnte Ihnen den Namen eines Mannes geben, der darüber bestens Bescheid weiß." "Das wäre sehr hilfreich."

Helmbrecht schrieb etwas auf einen Zettel, legte einen zweiten Zettel darüber und schob beide auf die Mitte des Schreibtisches, er legte einen Kugelschreiber daneben. Ich schaute ihn kurz an, dann notierte ich mir den Namen und die Telephonnummer und schob ihm seinen Zettel zurück, er zerriss ihn und warf ihn in den Papierkorb. Er sagte "Allerdings können die Kosten für solche humanitären Aktionen ziemlich hoch sein." Ich wollte fragen, wie hoch, aber ich dachte, ich sollte Helmbrecht jetzt nicht länger strapazieren. Ich reichte ihm die Hand und sagte "Wenn Sie irgendwann einmal wieder in Havanna sind, dann kommen Sie ins El Faraón und seien Sie mein Gast!" "Immer gern", sagte er lachend und holte den Mann herbei, der mich hinaus begleitete.

* * * * *

Wieder in Buenos Aires rief ich als erstes Cayenne an und sagte ihr, daß ich in den nächsten Tagen nach Havanna zurückkomme, sie freute sich riesig - sie gab mir einen "dicken" Kuss durchs Telephon. Sie sagte "Aber du klingst irgendwie gedrückt?" Ich erwiderte "Cayenne, ich erzähl' dir alles, wenn ich da bin." "Ist gut. Hasta pronto, Miguel!" "Hasta pronto, Caya!"

Ich wollte zu Wanda gehen, um zu sehen, ob Marek wohlbehalten heimgekehrt war, aber ich konnte mich nicht recht überwinden. Ich lief in der Wohnung herum und dachte nur an das eine. Ich kramte in meinen Platten, nichts wollte mir im Moment zusagen. Ich ging in die Stadt und bummelte den Boulevard entlang, ich fand einen Musikladen, der auch Jazzplatten hatte.

Ich kaufte eine von Herbie Hancock am Piano und Freddie Hubbard an der Trompete, George Coleman am Tenorsaxophon, Ron Carter und Tony Williams an Bass und Schlagzeug. Es war ein wenig kühle und wohldurchdachte Musik voller Selbstbeherrschung, sie war nicht gerade geeignet, einen zu Freudentänzen zu animieren, aber die ganze Atmosphäre gab mir dennoch Kraft und Muße zum Nachdenken.

Die eigentliche Entdeckung für mich war George Coleman, und ich bemerkte erst beim wiederholten Mal, was mir an seinem Spiel so gefiel: es war die elegante und prononcierte Art, den Noten verschiedene Werte zu geben, kurze neben länger gehaltene Töne zu platzieren, was seinen Improvisationen einen beinahe erzählenden Charakter gab - so hatte ich es noch bei keinem Saxophonisten gehört.

Hinterher fühlte ich mich jedoch immer noch nicht stark genug, die beiden Geschwister zu besuchen, ich befürchtete, Wanda würde von mir enttäuscht sein. Falls Marek noch nicht wieder da wäre, müsste ich ihr wahrscheinlich Rechenschaft darüber geben, inwiefern ich ihrer Bitte nachgekommen war, auf ihn aufzupassen. Und wenn er selbst dabei war, könnte sie mich für seine Resignation verantwortlich machen, die ich schon nach seiner Anhörung bei ihm gespürt hatte. Auch wenn es ein bisschen feige war, aber ich beschloss, mich dadurch aus der Affäre zu ziehen, daß ich den beiden von Havanna aus eine Karte schreiben würde.

Ich wollte jetzt unbedingt und so schnell wie möglich zu Cayenne, um mit ihr über das zu reden, was ich erlebt hatte und ihren Rat dazu zu hören. Denn sie war diejenige, die alles noch am ehesten aus einer unvoreingenommenen Perspektive betrachten konnte. Ich besorgte mir ein Flugticket und packte meinen Kram zusammen (ich nahm nochmal ein paar Schallplatten mit).

Ich hinterließ Onkel Heinrich einen kurzen Gruß: nur, daß ich hiergewesen bin und seine Post sortiert und daß ich Dr. Kettner besucht habe. Über meinen Aufenthalt in G. verlor ich kein Wort. Während ich das schrieb, verspürte ich das dringende Bedürfnis, von Angesicht zu Angesicht mit ihm zu sprechen. Wahrscheinlich wäre ich nicht mutig genug gewesen, ihn mit all' den Dingen zu konfrontieren, die ich erfahren hatte. Aber ich hätte es mit Andeutungen versucht, und ich hätte zu gern seine Reaktion aus seinem Blick, aus seiner Miene abgelesen!

Ich hatte mein schmales Gepäck bereits griffbereit abgestellt, ich musste am nächsten Tag sehr früh los. Da klopfte es am Nachmittag an der Wohnungstür, und als ich öffnete, wäre ich beinahe mit einem Herzkrampf zusammengebrochen. Da stand Sylvia Marsal in einem blauen, schwarzweiß gepunkteten Kleid, mit leichten Sandalen, ihre Zehen hatten einen rosafarbenen Schimmer und um den Hals trug sie eine Perlenkette. An ihrer Hand war ein Junge, etwa so alt wie Isabel und ich brauchte keine Sekunde, um an seinem Gesicht zu erkennen, daß Juan Bello sein Vater war.

Sie sagte "Hola, Miguel", ich erwiderte ihre Begrüßung und der Junge gab mir artig die Hand, ich fragte ihn nach seinem Namen und er antwortete "Me llamo Miguel." Ich lachte und sagte "Na, was für ein Zufall!" Sie fragte "Können wir einen Moment hereinkommen?" Ich sagte "Aber selbstverständlich, entschuldige, daß ich eben gezögert habe, aber das hätte ich jetzt am allerwenigsten erwartet." Sie sagte "In die Küche?" "Ja, am besten." Ich ließ sie an mir vorbei, und wie ich die beiden so ansah, war mir eigentlich schon klar, was jetzt kommen würde.

Ich fragte "Woher wusstest du denn, daß ich hier bin?" Sie zuckte mit den Schultern. "Ich hab's mir einfach gedacht." "So so", sagte ich und dachte bei mir, so eine Formulierung hätte sie früher niemals gebraucht. Sie war etwas fülliger geworden und anscheinend auch langsamer in ihren Bewegungen. Sie hatte kurzes Haar und war immer noch sehr schön, aber auf ihrer Stirn zeichneten sich ein paar Sorgenfalten ab und unter den Augen fahle Schatten. Sie gab sich alle Mühe, entschlossen zu wirken, doch selbst an ihren kleinen Gesten und an ihren Blicken bemerkte ich, wie sehr sie nach irgendeinem Halt suchte.

Sie deutete auf mein Gepäck und fragte "Wo soll's denn hingehen?" Ich sagte "Nach Hause, nach Havanna." "Da bist du jetzt?" "Ja, schon lange." "Und gefällt's dir dort?" "Gut." "Bist schon ganz schön rumgekommen in der Welt." (Ihre lockere Sprechweise irritierte mich, das war nicht mehr die Schwester Sylvia aus dem Hospital, die mir die Medizin verabreicht hatte, damit sich meine Wunde nicht entzündet, und es war erst recht nicht die Sylvia, die angeblich zum ersten Mal versucht Fahrrad zu fahren und dabei die ganze Nachbarschaft unterhält.) "Wir waren noch nie auf Kuba, nicht wahr, mein Wölfchen?" Der Junge schüttelte stumm den Kopf. Ich sagte "Er ist ein hübscher Junge." Sie strich ihm übers Haar. "Oh ja, das ist er." Es war ihm ein bisschen peinlich und er entzog sich.

Ich sagte "Ich hab' was für dich, Miguel." Ich stand auf und holte aus dem Rucksack ein Kaleidoskop, das ich in Frankfurt als Souvenir gekauft hatte. (Eigentlich war es für Isabel gedacht und Gott sei Dank hatte ich zwei davon mitgenommen.) Außen herum wand sich eine Karawane von bunten Tieren, ich hatte beide ausprobiert, sie waren gleich gut.

Ich gab es dem Jungen. "Weißt du, was das ist?", fragte ihn Sylvia, und er nickte, wusste aber nichts damit anzufangen, ich sagte "Das ist wie ein Fernrohr, und wenn du durchschaust, musst du es langsam drehen, dann siehst du, was passiert." Er machte es und es gefiel ihm. Ich sagte "Stell' dich ans Fenster, je heller das Licht vorne hereinfällt, umso mehr leuchten die Muster." Er ging ans Fenster und schaute und schaute und drehte und drehte - ich konnte Juan sehen, wie er ganz gedankenversunken an seiner Zigarette zog und dabei Löcher in die Luft starrte.

Sylvia sagte "Das ist lieb von dir." "Keine Ursache." Wir sahen uns an. Für einen Augenblick dachte ich, sie würde mir - vielleicht nur wortlos - zu verstehen geben, daß sie etwas bereut, aber das tat sie nicht. Sie sagte "Ich wollte dich fragen, ob du mir helfen kannst", und ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie schon die ganze Zeit zurückgehalten hatte. Ich sagte so leise, damit es der Junge nicht hörte "Geht es um Juan?" Sie nickte, sie wischte sich über die Augen, sie war kurz davor, aufzuschluchzen. Ich stand auf und holte ihr eine Serviette, sie murmelte "Danke." Miguel drehte sich kurz zu uns um.

Ich fragte sie "Was ist mit ihm?" "Er ist nach Bolivien gegangen." "Wann?" "Vor sechs Monaten." "Hast du Nachricht von ihm erhalten?" Miguel schaute wieder zu uns her. "Die letzte vor zwölf Wochen." "Weißt du, woher sie genau kam?" "Aus Santa Cruz de la Sierra." Miguel rief "Mama, guck' nur, das hier ist besonders schön!" Sie schniefte und drehte sich um. "Zeig' mal, Wölfchen", und sie hielt es gegen das Fenster, während Miguel mich ansah - ich konnte seinem Blick nicht standhalten.

Sie gab ihm das Kaleidoskop mit den Worten "Mach' noch so eins" zurück, dann sagte sie zu mir "Ich habe versucht, es ihm auszureden, aber - du weißt ja, wie er ist." Ich war nahe dran zu sagen: 'Sylvia! Du hättest immer damit rechnen müssen. Für Männer von seiner Sorte steht die Guerilla noch vor der Familie und wenn es hart auf hart kommt, würde er euch im Stich lassen!' Aber ich hätte mich damit nur selbst erniedrigt. Im Grunde war es doch genau das - diese unbezwingbare Besessenheit, dem feindlichen Leben zu trotzen, die Juan Bello zu dem Menschen gemacht hatte, für den eine Frau wie Sylvia Marsal ihre ganze Liebe aufopfert.

Ich fragte sie "Was stellst du dir vor, daß ich tun soll?" Sie sagte "Du hast doch Verbindung zu den kubanischen Revolutionären, ich dachte, du könntest herausfinden, wo er ist." Sie wusste also genau Bescheid! Ich fragte "Wer hat dir davon erzählt?" "Gabriel Pereira." Natürlich! Sie kannte Gabriel noch aus der Zeit, als Juan ihn immer zum Boxclub "Matador" gefahren hatte, und als ich später in Havanna mit ihm sprach, war er über die beiden auf dem Laufenden.

Ich sagte "Und was dann?" Ihr kamen wieder die Tränen, Miguel war an ihre Seite getreten, er schmiegte sich an ihren Arm, er drehte das Kaleidoskop in seinen kleinen Händen und schaute mich dabei an mit einem Ausdruck, als würde über ihn verhandelt werden. Ich sagte "Sylvia, wenn ich nach Bolivien ginge, würde ich mich großer Gefahr aussetzen. Ich habe in Havanna Menschen, die mir lieb und teuer sind und die nicht wollen, daß ich mein Leben aufs Spiel setze für jemanden, den sie überhaupt nicht kennen." Sie nickte, dann ließ sie den Kopf hängen und trocknete sich mit der zerknüllten Serviette die Tränen. Niemand, der auch nur einen Funken Mitgefühl besitzt, hätte bei dem Anblick ungerührt bleiben können.

Ich sagte "Ich werde sehen, ob ich etwas herausbekommen kann." "Danke, Miguel", sagte sie leise. "Aber das heißt nicht, daß ich selber da hin gehen werde. Bitte versteh' mich!" Sie nickte wortlos. Da meinte der Junge zu mir "Wir können zusammen gehen." Ich stieß unwillkürlich einen Lacher aus - es war vor Erschütterung. Sylvia legte ihren Arm um seine Schulter und drückte ihn fest an sich. "Nein, Wölfchen, du musst bei mir bleiben und mich beschützen! Wenn du fortgehst, kann ich nicht mehr sein."

Nur mit Mühe konnte ich das deprimierende Gefühl loswerden, welches mir diese beklemmende Begegnung bereitet hatte - zu meinem eigenen Problem war nun auch noch Sylvias Trennungsschmerz hinzugekommen und ich war offenbar der einzige Mensch (außer ihrem Sohn), der ihn hätte lindern können. Ehrlich gesagt war ich heilfroh, als ich Buenos Aires verlassen hatte und ich war mir auch - selbst wenn sich dies niederträchtig anhört - nicht ganz sicher, ob ich wirklich etwas in Sachen Juan Bello unternehmen würde.

Ich konnte erst mit einer gewissen Erleichterung aufatmen, als ich Cayenne, Isabel und die anderen wiedersah. Sie alle hatten sich während meiner Abwesenheit, unter Jolandas Leitung, mit großem Engagement um das El Faraón gekümmert. Von Carlos Hoselitz war ein Päckchen aus New York eingetroffen, in dem ein Katalog der Veröffentlichungen des Maddox Musiklabels war sowie eine Platte des Ornette Coleman Quartets, die sich Free Jazz nannte.

Carlos erklärte in einem beiliegenden Brief, diese Musik sei das Neueste, was man derzeit zu hören bekäme, und ich muss gestehen, sie war für mich sehr gewöhnungsbedürftig. Es kam mir so vor, als wüsste keiner so recht, wohin die Reise gehen soll. Das hätte zwar auch meiner gegenwärtigen Verfassung durchaus entsprochen, aber ich hatte bis dahin meinen geliebten Jazz stets in erster Linie deshalb gehört, weil er mir Trost zu spenden vermochte und mir auf die einfachste und zugleich schönste Weise innere Ruhe verschaffte.

Mir war schon klar, daß Carlos es gutgemeint hatte und mir abermals begreiflich machen wollte, daß diese Musik in ihrem Fortschreiten niemals stillsteht (vielleicht war es das ja auch, worauf sich John Coltrane mit einer seiner besten Platten - ich meine natürlich: "Giant Steps" - bezog), aber ich war in einer Stimmung, in der ich Carlos, wenn er jetzt hier gewesen wäre, entgegengehalten hätte, ich würde momentan meine "Zuflucht" lieber in den alten Aufnahmen suchen. Und da kam ich freilich auf Lester Young zurück, auf Billie Holiday und auf den schier unverwüstlichen Minor Swing des Hot Club de France, der mir damals - offenbar für alle Zeiten - ans Herz gewachsen und mit dem ich bisher die Höhen und Tiefen meines Lebens durchwandert hatte.

Merkwürdigerweise erinnerte ich mich jetzt an einen Nachmittag, als Gonzalo Jiménez ins El Faraón kam - auf einen erfrischenden Drink, wie er sagte. Ich war gerade dabei, mit Ramón auf dem Hof mit einem großen Stück Segeltuch ein Sonnendach aufzuspannen, und zwar dort, wo der Garten anfing und wo ein breiter Streifen mit halbvertrocknetem Gras war. Wir stellten zwei Tische darunter und jede Menge Stühle drumherum, und Ramón baute daneben aus Ziegelsteinen einen mächtigen Grill für das Asado, das Geflügelfleisch und den Fisch, mit einem schweren Rost obendrauf, den wir uns hatten anfertigen lassen.

Gonzalo setzte sich gern gleich hier in den Schatten, und ich mixte ihm einen Cocktail und leistete ihm Gesellschaft, und auf einmal kam Saladin unter dem Tisch hervor, er hatte sich neugierig herangeschlichen, und bald darauf folgten Isabel und Sarah, die hinten im Garten auf "Expedition" waren (ich glaube, auf einem der Nachbargrundstücke wohnten ein paar hübsche Jungen). Isabel holte von drinnen eine Flasche Limonade und zwei Gläser, und wir unterhielten uns dann mit den beiden. Sarah fragte Gonzalo, ob er eigentlich auch Familie habe und er bejahte es und sagte, seine Frau und seine Kinder wohnten in Matanzas, das lag in Richtung Osten auf der Strecke nach Varadero. "Das kenn' ich", sagte Sarah, "da war ich mit meiner Mama zum Baden."

Da erschien Cayenne in der Tür, die gerade in der Küche zu Gange war und sagte, da wäre jemand am Telephon, der Gonzalo Jiménez sprechen wollte, und Gonzalo war zu faul aufzustehen und sagte "Senora, würden Sie ihm bitte sagen, daß ich nur hier auf meinem Platz zu sprechen bin." "Claro", winkte Cayenne ab und ich rief ihr nach "Caya! Komm' und setz' dich zu uns", und das tat sie dann auch, aber sie konnte nie stillsitzen und deshalb machte sie sich mit Ramón an dem Grill zu schaffen.

Nach einer Weile fuhr ein Militärjeep auf den Hof und da stiegen Ernesto Guevara und Camilo Cienfuegos aus, dessen Bruder Osmany, der aus Mexiko gekommen war, sowie zwei drei andere Companeros aus den alten Tagen der "Sierra". Ernesto rief "Gonzalo! Hier hast du dich also verkrochen! Und bei uns bleibt die Arbeit liegen!" "Na was kann ich dafür, daß ihr nie genug davon kriegen könnt." Sie setzten sich hinzu, und Ernesto nahm den Lehnstuhl und holte eine dicke, fette Zigarre aus seiner Brusttasche, biss die Spitze ab und zündete sie an, er lehnte sich lässig zurück und sagte "Ja, das ist ein guter Ort, um die Arbeit zu vergessen!"

Ich bat Isabel, sie möge drinnen Jolanda Bescheid sagen, daß die Gäste hier versorgt werden wollten, und als Jolanda kam, nahm sie die Bestellung auf und bei Camilo Cienfuegos war sie besonders nett - er war wirklich ein imposanter Mann! Ramón holte Rindersteaks und ein paar Fischfilets und Cayenne machte in der Küche auf die Schnelle ein paar Salate. Die zwei Mädchen halfen dabei, alles auf den Tischen zu verteilen und sie ernteten von den bärtigen Männern nur Lob.

Und dann tauchte auf einmal Maurice auf, mit einer bildhübschen Kubanerin (wie es seine Leidenschaft war), er setzte sich neben Ernesto und die beiden redeten miteinander und hatten offensichtlich viel dabei zu lachen, und die Senorita war auch gleich in angenehme Gespräche verwickelt worden. Sarah hatte Cayenne gefragt, ob sie ihre Mutter Paola anrufen dürfe, damit sie herkommt, und Cayenne hatte gesagt "Claro!" (Das war an diesem Nachmittag ihr Lieblingswort.) Und dann kam Paola und wurde von Sarah und Isabel geschickt zwischen die Männer platziert und es gefiel ihr sichtlich. Ramón war mit dem Essen soweit und ich holte ein paar Flaschen Wein und Cayenne brachte noch etwas für die Frauen und dann tafelten wir munter drauflos.

Ich dachte an Musik und ich stellte den Plattenspieler und zwei Lautsprecher ins offene Bürofenster und legte etwas mit kubanischer Folklore auf. Und später, als es dämmerte, brachten Sarah und Isabel ein paar bunte Lampions an, die ich im Chinesenviertel besorgt hatte, und dann forderte ich Cayenne zum Tanz auf, und von drinnen waren zwei Senoritas erschienen, die sich zu uns gesellten und nach einer Weile hatten sie sich auch jemanden von den Männern geangelt, und dann sah man Paola und Camilo Cienfuegos sich in schönster Manier zu einer Rumba bewegen, daß es eine Lust war, ihnen zuzuschauen. Ernesto in seinem Lehnstuhl klemmte die glimmende Zigarre zwischen seine kräftigen, leuchtend weißen Zähne und klatschte Beifall.

Nein, es war kein Wunder, daß ich jetzt an diesen wunderbaren Nachmittag und Abend dachte, konnte ich mich doch glücklich schätzen, daß ich nach meiner Odyssee hier dabei sein und am Schicksal dieser guten Menschen - bei dem einen weniger, beim andern mehr - Anteil nehmen durfte. Und was sich danach ereignete, das sollte mich wohl nur daran gemahnen, daß wir im Leben manchmal an einen Punkt gelangen, wo wir sehr nahe an die Erfüllung unserer Träume herankommen und dann einsehen müssen, daß es uns nicht vergönnt sei, eine natürliche Grenze des Erreichbaren zu überschreiten.

In einer ruhigen Stunde berichtete ich Cayenne alles, was ich in meiner alten Heimat erlebt und über meinen Vater erfahren hatte. Cayenne war über das, was mit ihm geschehen war, entsetzt. Obwohl sie ihn nicht kannte, glaubte sie kein Wort von den Anschuldigungen, derentwegen man ihn verhaftet und verurteilt hatte. Sie sagte mit Nachdruck "Da müssen wir etwas unternehmen!"

Ich erzählte ihr auch von meinem Gespräch mit Karl Helmbrecht im Auswärtigen Amt und von der Kontaktadresse, die er mir stillschweigend herübergeschoben hatte. Helmbrecht hatte mir übrigens auch eine Art Codewort mitgeteilt, mit dem ich mich bei diesem Mann telephonisch melden sollte. Das hatte ich getan, und dieser Mann nannte mir eine Telephonzelle in einem Ort in der Nähe von Bonn, wo ich zu einem bestimmten Zeitpunkt darauf warten sollte, daß es klingelt - ich kam mir ein bisschen vor wie in einem Spionagethriller.

Es ging alles reibungslos vonstatten. Ich sagte ihm alles, was ich wusste und fragte am Ende, ob er sich meines Falles annehmen könnte. Er sagte, nach dieser ersten Einschätzung schiene es ihm durchaus machbar, meinen Vater freizukaufen. Ich fragte, wie lange so etwas für gewöhnlich dauern würde, und er betonte, sie (damit meinte er sich und seine Helfer) stünden praktisch in ständigem Kontakt zu dem entsprechenden Mittelsmann in Ost Berlin - und der würde in der Regel nicht lange überlegen, wenn es darum ginge, bares Geld in harter Währung zu kassieren.

Dann fragte ich, was es kosten würde, und er sagte freiheraus: "Alles in allem fünfundzwanzig Tausend Dollar, in D-Mark dem Wechselkurs entsprechend etwas mehr." Ich sagte "In Ordnung, ich werde es mir überlegen", und er wusste, daß ich nicht so viel bezahlen konnte. Er blieb dennoch zuvorkommend und gab mir eine andere Nummer und ein Codewort, damit ich mich wieder bei ihm melden könnte, falls ich in der Lage bin, die Aktion zu finanzieren. Er wünschte mir viel Glück und äußerte die Hoffnung, daß wir uns wieder sprechen und ich bedankte mich und legte auf.

Ich hatte im El Faraón immer gut gewirtschaftet, hatte niemals Verlust gemacht und konnte alle, die hier arbeiteten und natürlich auch die Musiker, die hier auftraten, stets zu aller Zufriedenheit auszahlen. Aber ich stand ja auch bei Maurice noch in der Kreide und hatte zudem zwei drei andere Verpflichtungen zu erfüllen. Ich hatte zwar etwas auf die hohe Kante legen können, aber das war von dem genannten Betrag weit weit entfernt. Cayenne wollte mir ohne zu zögern aushelfen, doch es überstieg ihre Möglichkeiten. Wir überlegten hin und her, wie wir das Geld zusammenbringen könnten, aber schließlich mussten wir resignieren.

Womöglich lag es an dem Gefühl der Ohnmacht, meinem Vater nicht helfen zu können, das mich dazu trieb, der Bitte Sylvia Marsals nachzukommen und zu versuchen, Näheres über Juan Bello zu erfahren. Ich ging zu Gonzalo Jiménez, der schickte mich gleich zu Victor Roca, mit dem ich in jenen Tagen zu tun gehabt hatte, als wir den Rebellen in der Sierra unter anderem die Funkstation beschafften. Victor Roca war in der Zeit vor der kubanischen Revolution selbst in Bolivien aktiv gewesen, er glaubte auch, sich an einen Mann namens Juan Bello zu erinnern, aber er wusste nichts über seinen Verbleib.

Überhaupt hielt er sich sehr bedeckt, was die Vorgänge in Bolivien betraf. Er riet mir dringend ab, dorthin zu gehen und etwa auf eigene Faust nach ihm zu suchen. Mein Verhältnis zu Victor Roca war persönlich genug, um ihm zu gestehen, was für eine Beziehung mich mit Sylvia Marsal verbindet, und daraufhin war er nur noch mehr erstaunt über meine Absicht.

Aber irgendwie schien es ihm doch zu imponieren, und dann sagte er, ja, es habe angeblich in Santa Cruz de la Sierra ein Treffen von Führern verschiedener Gruppen gegeben, denn soviel er wüsste, sei die Lage in Bolivien derzeit alles andere als überschaubar und es verfolgten da mehrere Kräfte zum Teil ganz unterschiedliche Ziele, von einer Rebellenarmee wie seinerzeit hierzulande könne keine Rede sein. Ich fragte ihn, ob er mir eventuell einen Ausgangspunkt nennen könnte, von wo aus ich meine Suche starten sollte, und er sagte, wenn dieser Juan Bello von argentinischer Seite käme, würde er sich höchstwahrscheinlich in einem Lager im Gebiet nördlich von Sucre aufhalten, dem Ort, welcher früher schon Anlaufstelle für die Argentinier war.

"Was für eine Gegend ist das?", wollte ich wissen. "Dios mio, Miguel! Das sind irgendwelche Ausläufer der Kordilleren, nichts als Gebirge, zwei- drei- viertausend Meter hohe Berge - wo man sich natürlich gut verstecken kann. Aber man muss auch erstmal hineinkommen - ohne einen Führer bist du da völlig aufgeschmissen." Dann gab er zu bedenken: "Und wie willst du dich selbst schützen? Wenn du in die Fänge der Regierungssoldaten gerätst, bist du geliefert, die machen kurzen Prozess."

Schließlich sagte er "Ich kann dir eine Karte von dem Gebiet mitgeben und wenn du willst, eine Pistole. Ich kann dir die Adresse von einem Mann in Sucre geben, der dir vielleicht weiterhelfen würde - aber wie gesagt: ich warne dich dringend vor einer solchen Unternehmung!" Er fügte hinzu "Falls du es doch tust und du merkst, daß deine Suche erfolglos ist, dann verpass' nicht den Zeitpunkt, wo du umkehren solltest, hörst du! Wenn du dann nur einen Schritt zu weit gehst, wirst du dort nicht mehr herauskommen."

Ich war auf einmal wie verbohrt, ich dachte und handelte wie einer, der wider allem besseren Wissen an seinem Plan festhält und sich durch nichts und niemanden davon abbringen lässt. Und tief in meinem Innern wusste ich, was mich erwartet! Auf dem Weg nach Bolivien fiel mir seltsamerweise Hemingway's A Farewell to Arms ein und ich dachte, daß dieser Offizier Henry sich genauso verhalten hat, sich mit der gleichen Überzeugtheit, er könne dem Schicksal ein Schnippchen schlagen, auf höchst waghalsige Abenteuer einließ und sich dabei selber ins Unglück stürzte. Denn - seien wir ehrlich - im Grunde war in dieser Geschichte von Anfang an klar, daß sie nicht gut ausgeht. Doch was hätte er anderes tun sollen? Und mir klang Hemingway's Maxime im Ohr, die er äußerte, als wir oben in seinem Turm über die Tugenden eines Mannes sprachen: "Du darfst niemals aufgeben. Du musst damit rechnen, daß du vernichtet wirst. Aber du darfst niemals aufgeben!"

Ich verzichtete darauf, mich zu bewaffnen. Stattdessen hatte ich einen Photoapparat mitgenommen, ich gab mich als Journalist aus, ich sagte, ich hätte den Reporter der New York Times begleitet, der in die Sierra Maestra gegangen war, um Fidel Castro und die Guerilleros zu interviewen und der mit seinem Artikel und den Photos weltweit Aufsehen erregt hatte. Den Mann, den ich in Sucre traf, interessierte das so wenig wie meine Schuhgröße. Er wollte nur eins, und zwar Geld!

Er und ein anderer, der aussah, als hätte er seine Mutter auf dem Gewissen, fuhren mit mir in ein gottverlassenes Bergdorf, es war furchtbar heiß und trocken, die Grillen zirpten im sonnenversengten Gras, und das erste, worauf mein Blick fiel, war der Kadaver eines Hundes, auf dem es von Maden und Fliegen nur so wimmelte.

Ich verbrachte dort zwei Nächte und einen Tag in einer fast leeren Hütte zusammen mit drei Ziegen; ein altes Weib gab mir etwas zu essen, sie brabbelte ununterbrochen vor sich hin, sie wollte mir auch aus der Hand lesen, aber ich lehnte ab. Das waren die einsamsten Stunden meines Lebens. Cayenne hatte ich gesagt, ich müsse mit Gonzalo Jiménez nach Caracas fliegen. Ich betrachtete das als eine gerechtfertigte Ausrede, damit sie sich keine Sorgen um mich machte, doch ich musste mir eingestehen, daß ich sie einfach schamlos hinters Licht geführt hatte. Ich fühlte mich jetzt so gemein, daß ich sogar anfing zu beten - aber selbst dabei hörte ich mich nur heucheln. Alles hätte wenigstens einen Sinn gehabt, wenn ich Juan finden würde.

Dann erschien ein Trupp Guerilleros, sie waren offenbar schon tagelang unterwegs, es waren auch drei junge Frauen dabei. Sie schienen ganz gut ausgerüstet, aber der Marsch durch das Gebirge hatte ihnen zugesetzt. Ich sprach mit dem Anführer, er war Bolivianer und ich hatte Mühe, ihn zu verstehen. Ich bezweifelte, ob ich ihm begreiflich machen konnte, wonach ich suche.

Sie nahmen mich mit. Trotz ihrer Erschöpfung, legten sie ein höllisches Tempo vor, daß ich kaum mithalten konnte. Es ging bergauf und bergab, an einem kleinen Fluss entlang und einen steilen Hang hinauf und in brütender Hitze über ein Plateau hinweg, zwischendurch gab es kurze Pausen.

Zu allem Unglück stolperte ich auch noch und verstauchte mir das Fußgelenk. Ich biss bei jedem Schritt vor Schmerzen die Zähne zusammen, und einer der Männer kam dann an meine Seite und stützte mich. Immerhin konnte ich ein paar Worte mit ihm wechseln und erfuhr, was sie vorhatten. Ich fragte ihn nach dem Argentinier (ich beschrieb ihm Juans Person) und er behauptete, ich würde ihn an unserem Zielpunkt treffen. Das gab mir Hoffnung, aber vielleicht wollte der Companero mich auch nur aufrichten.

Wir lagerten bei drei halbverfallenen Hütten. Als ich mich auf dem staubtrockenen Boden niederließ, scheuchte ich eine Schlange auf, die mich beinahe zu Tode erschreckte. Obwohl ich lahm wie eine Schildkröte war, schoss ich in die Höhe und verjagte sie mit einem Knüppel, der glücklicherweise neben mir lag - ich sorgte damit bei den anderen für etwas Spaß und Unterhaltung.

Es gab da eine Anhöhe, und von dort konnte man über zwei drei Täler hinweg und in die Ferne sehen, und unser Anführer erkundete mit dem Fernglas die Gegend in einer bestimmten Richtung. Der mir behilflich gewesen war, erklärte, daß dort aller Wahrscheinlichkeit nach ein Lager der Gruppe sei, mit der wir uns vereinigen wollten. Ich fragte ihn wiederum nach Juan Bello, dem Argentinier, und mein Helfer nickte mir verständnisvoll zu, als hätte ich ihm ein Erlebnis aus meiner Kindheit erzählt.

Mein Knöchel war bedenklich angeschwollen, und eine der Frauen legte mir einen kalten Wickel darum (das Wasser war aus einer nahen Quelle). Ich fragte sie nach ihrem Namen, aber sie schüttelte nur den Kopf. Der Anführer hatte eine Patrouille losgeschickt, die unser Lager sichern und herausfinden sollte, wie wir am besten da hinüber zu den anderen gelangten.

Und am nächsten Tag zur Mittagsstunde kam die Patrouille zurück, und ich bemerkte, daß irgendwas nicht stimmte. Auf einmal fielen weiter unten Schüsse und dann hörte man ein Maschinengewehr rattern. Unser Anführer gab den Befehl zum sofortigen Aufbruch und Hals über Kopf rafften die Leute alles zusammen und rannten davon. Ich hatte am Boden gesessen, und als ich aufsprang, um den anderen zu folgen, stieß ich mit meinem verletzten Fuß gegen einen Stein und fiel hin.

Von unten näherten sich die Angreifer und das Feuer wurde heftiger, die letzten von den Unsrigen hatten sie eine Weile zurückgehalten und flüchteten jetzt aus ihrer Stellung. Mein Helfer versuchte, mich hochzureißen, aber ich war zu schwach, ihm zu gehorchen. Ich rief "Geh', geh'! Hau ab! Ich komme allein zurecht!" Er zerrte nochmal an mir, aber es war vergebens. Da beugte er sich herab und holte aus irgendeiner Tasche seines Kampfanzugs einen Strick, er drehte mit Gewalt meine Hände auf den Rücken und fesselte sie im Handgelenk.

Ich rief "Was zum Teufel machst du denn da! Lass' mich gefälligst in Ruhe!" Und anstatt etwas zu sagen, löste er sein Halstuch und band es mir um die Augen. Dann verpasste er mir einen Tritt, daß ich ein Stück weit weg rollte. Mit letzter Kraft setzte ich mich aufrecht, was das Dümmste war, das ich tun konnte - aber ich wollte nicht aufgeben!

Einen Moment später gewahrte ich die Angreifer ganz in meiner Nähe, ich hörte die Schüsse und Rufe, ich konnte das Pulver aus den Patronen riechen und spürte, wie die Geschosse an meinen Ohren vorbei pfiffen - und da glaubte ich, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Ich wartete darauf, daß mein Leben in einem Nu im Geiste an mir vorüberstreicht, aber das geschah nicht. Jemand drückte mir eine erhitzte Gewehrmündung ans Gesicht und die Augenbinde wurde weggerissen und ich schaute in die furchterregenden Gesichter der Soldaten. Da begriff ich plötzlich, was der Companero getan hatte, ich schrie wie ein Besessener: "Rapto! Rapto! Kidnapping! Ich bin entführt worden! Ich bin eine Geisel!"

Die Soldaten schleiften mich den Abhang hinunter und das Gestolper und Gerutsche nahm kein Ende, aber ich konnte mich nicht wehren, und weit unten kamen wir auf eine einfache Schotterpiste, da standen ein paar Militärlaster und Jeeps, und sie schmissen mich auf einen Laster und als ich da landete, knallte ich mit dem Kopf zuerst auf und ich dachte noch genau dasselbe wie damals, als ich mit dem Fahrrad stürzte: 'Wo ist mein Rucksack?'

Man brachte mich in ein Gefängnis in einer Militärkaserne bei Sucre, da saß ich zwei Tage, ohne daß etwas geschah; immerhin kam ein Sanitäter, der mich verarztete, und man gab mir zu essen. Am dritten Tag wurde ich verhört, der Offizier war streng, aber nicht brutal. Ich erklärte, ich sei Journalist und auf einer Reise von Santa Cruz de la Sierra nach der berühmten Minenstadt Potosí unterwegs gewesen, als ich überfallen und entführt wurde. Er horchte mich über die Guerilleros aus, und ich konnte nur ganz vage Angaben machen, ich sagte, ich hätte nicht mal ihre Namen erfahren und auch sonst wäre ich immer abseits gehalten worden.

Und dann legte er meine Landkarte auf den Tisch, die ich von Gonzalo Jiménez erhalten hatte, und er schaute mich scharf an und fragte, wieso ich eine Karte ausgerechnet von dieser Gegend bei mir habe? Obwohl mir das Herz bis zum Halse schlug, erwiderte ich "Senor Teniente, diese Karte gehört mir nicht! Ich sehe sie zum erstenmal." Er schwieg und knirschte mit den Zähnen, aber schließlich faltete er die Karte zusammen und steckte sie wieder ein. Er wollte genau wissen, woher aus Argentinien ich komme (sie hatten natürlich auch meinen Pass gefunden) und ich sagte es ihm. Dann ließ er mich abführen. Ich fragte "Was geschieht jetzt mit mir?" "Das werden Sie sehen", versetzte er.

An diesem Tag durfte ich mich waschen, aber die Sachen zum Wechseln, die ich in meinem Rucksack bei mir hatte, bekam ich nicht, und die ich am Leib trug, waren ganz zerschlissen. Dann nahmen sie meine Fingerabdrücke und machten ein Photo von mir, ich musste ein Schild mit einer Nummer vor die Brust halten.

Es verging ein weiterer Tag und dann wurde ich herausgeholt und man erklärte mir, daß ich wegen Kontakt zu einer terroristischen Organisation zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werde. Ich war einem Schock nahe, doch ich rief noch "Ich verlange eine reguläre Gerichtsverhandlung!", aber der Offizier sagte nur "Halten Sie den Mund!" Ich musste das "Urteil" unterschreiben, dann fügte er hinzu: "Sie haben vierundzwanzig Stunden Zeit, Bolivien zu verlassen. Wenn Sie danach noch hier sind, werden Sie standrechtlich erschossen. Haben Sie das verstanden?" "Jawohl."

Man schickte mich in die Effektenkammer, damit ich meine Sachen wiederbekam. Der Unteroffizier verlangte den Schein. Ich sagte, ich habe keinen Schein. Er telephonierte, dann führte er mich zu den Regalen, wo alles mögliche Zeug lag, offenbar auch Ausrüstungsgegenstände von Guerilleros, sogar Schuhe und Brillen waren dabei, an jedem Stück hing mit Bindfaden ein Etikett aus Pappe, auf dem etwas geschrieben stand.

Ich suchte und fand meinen Rucksack, der ganze Inhalt war im einzelnen aufgelistet worden. Ich sagte zu dem Unteroffizier "Mein Photoapparat fehlt." Er machte ein ahnungsloses Gesicht. "Mir ist nichts bekannt von einem Photoapparat." Ich sagte "Vielleicht liegt er woanders", und ich ging zu einem anderen Regal, auf das mein Blick gefallen war. Er knurrte unwillig und folgte mir.

Da lag ein Gewehr. Ich musste mich sehr beherrschen bei seinem Anblick. Unwillkürlich berührten es meine Finger, der Unteroffizier sagte "Fassen Sie das nicht an!" Ich sagte "Wissen Sie, was für ein Gewehr das ist?" "Nein, keine Ahnung." "Eine Carbine M eins, eine Winchester, Baujahr sechsundvierzig." "Kann sein. Aber Sie gehört nicht Ihnen."

Ich sah die Kerben am Gewehrkolben, ich wusste nicht mehr genau, wie viele damals darauf waren, dennoch schien mir, es wären noch welche dazugekommen. Ich hob das Kärtchen hoch, da stand drauf: "San Antonio de la Pena", und es folgten Monat, Tag und Jahr sowie die Bemerkung "hombre desconocido" mit einem Kreuz wie es hinter dem Namen eines Toten steht. "Sehen Sie, es gehört nicht Ihnen", sagte der Unteroffizier, und ich erwiderte "Nein, es gehört mir nicht und mir fällt ein, daß ich gar keinen Photoapparat bei mir hatte." "In Ordnung. Dann müssen Sie jetzt gehen." Ich wollte nur noch weg von diesem traurigen Ort.

Als ich wieder in Buenos Aires war, legte ich mich aufs Bett und versuchte, wenigstens so viel innere Festigkeit zurückzugewinnen, daß ich Sylvia Marsal und dem kleinen Miguel gegenübertreten konnte. Doch ich hatte keine Ahnung, was ich ihr sagen sollte.

Mein Brief an Onkel Heinrich und seine Post waren nicht mehr da, aber von ihm selbst fehlte jede Nachricht. Die Nachbarin sagte mir, er wäre dagewesen aber gleich wieder weggegangen, er habe ihr versichert, in Kürze wiederzukommen, doch das sei jetzt schon eine Weile her. Und dann wäre da noch etwas: in einer der oberen Etagen hatte es einen Rohrbruch gegeben und das Wasser war an den Wänden hinabgelaufen und auch durch unsere Wohnung. Ich ging in Onkel Heinrichs Zimmer, und an der Wand, wo der Schrank stand, ging ein breiter bräunlicher Streifen von der Decke nach unten. Die Nachbarin sagte, womöglich hätten die Sachen im Schrank Schaden genommen, und ich sagte, ich werde später nachschauen.

Ich dachte daran zu warten, daß Onkel Heinrich wiederkommt, aber wer weiß, wie lange das dauern könnte. Ich hatte überhaupt keinen Plan. Je länger ich untätig herumsaß, umso mehr wollte ich die letzten Geschehnisse vergessen, aber ich konnte Sylvia Marsal nicht aus meiner Erinnerung streichen, und nachts in meinem Traum kam alles wieder mit schlimmer Deutlichkeit zum Ausbruch.

Ich ging in die Stadt, um mir Musik zu besorgen, die meine Seele ins Gleichgewicht bringen sollte. Ich nahm "Nefertiti" mit Miles Davis. Der junge Bursche in dem Laden sagte mir, der Titel sei der Name der altägyptischen Königin Nofretete. Er schien ziemliche Ahnung von der Musik zu haben, er sagte, Wayne Shorter (am Tenorsaxophon) sei einer von denen, die "nochmal ganz von vorn angefangen haben", ich fragte, was das bedeutet, und er sagte "Hören Sie genau hin, er lässt alles hinter sich, was ihn vielleicht beeinflusst und geprägt hat - oder nennen Sie mir irgendeinen Saxophonisten, dem er die Ehre erweist!"

Ich wusste nicht genau, was er damit meinte. Zu Hause hörte ich sie an. Ich fand überhaupt keinen Zugang zu dieser Musik, es war alles wie verhext. Ich suchte nach einer Stelle, wo etwas mit meiner Empfindung übereinstimmte, wenigstens wo es meine Erwartung erfüllt hätte, doch es blieb fremd und ohne jede Wirkung. Ich dachte: 'Was ist aus mir geworden, daß ich diese Musik nicht mehr verstand?' (Oder hatte Wayne Shorter tatsächlich an einem Punkt eingesetzt und angefangen, an den ich nie gekommen war?)

Ich hörte die Platte wieder und wieder, ich versetzte mich in die Lage jedes einzelnen der fünf Musiker, ich fand, daß Ron Carter am Bass noch am ehesten einer Spur folgte. Aber selbst Miles Davis war kaum wiederzuerkennen. Herbie Hancock würfelte am Piano seine Akkorde so dahin, als wären es Fragmente eines unbekannten Mosaiks, und Tony Williams hatte den Rhythmus aufgegraben und schaufelte ihn von den Trommeln weg auf die Becken. Die Themen hatten jedes gewohnte Schema verloren, und Miles schien sich keinen Deut mehr um all' das zu scheren, was er bis dahin gespielt hatte.

Ich gab es auf und kam zu dem Schluss, daß ich nichts daraus entnehmen konnte, das mir mehr Klarheit oder Einsicht verschaffte. Vielleicht sollte es auch eine Weisung an mich sein, mich den Tatsachen zu stellen und alle meine dringenden Angelegenheiten ins Reine zu bringen, anstatt in die Musik zu entfliehen, wie ich es bisher stets getan hatte.

Ich beschloss, als erstes zu Wanda und Marek zu gehen. Ich entschuldigte mich höflich, daß ich mich nicht gemeldet hatte, ich war ehrlich, aber nicht schuldbewusst. Sie verlangten keine Erklärungen. Wanda war sehr freundlich, fast lieb zu mir, sie sprach von ihrer wissenschaftlichen Arbeit über die brasilianischen Indianer, in die sie sich offenbar immer mehr vertiefte. Wir saßen draußen auf der Garten Terrasse und tranken Kaffee. Ich hatte mir überlegt, ob ich Wanda bitten sollte, meinen Brief an Sylvia Marsal bei ihr abzugeben, aber ich hatte ihn noch nicht fertiggebracht.

Ich fragte Marek, wie es ihm in Wien in dem Jüdischen Dokumentationszentrum ergangen sei, und er sagte, der Besuch habe sich gelohnt und man habe ihm ein paar wichtige Photos mitgegeben, auf denen Personen zu sehen wären, die maßgeblich an den Verbrechen in Ausschwitz beteiligt waren und von denen man annehmen muss, daß sie hier in Argentinien Unterschlupf gefunden haben.

Und dann tat ich etwas, das ich womöglich lieber hätte unterlassen sollen. Aber im Nachhinein glaube ich zu begreifen, daß es längst passieren musste. Ich fragte Marek, ob ich mal einen Blick auf diese Photos werfen dürfe, und er gab mir ein paar in die Hand und bei einem hatte ich das komische Gefühl, als hätte ich diese Baracken hinter dem Zaun mit Stacheldraht und Starkstromleitung und diesen dicken, vierkantigen Schornstein im Hintergrund schon einmal gesehen.

Auf einem anderen waren mehrere SS Offiziere bei einer "Inspektion" zu sehen, ich erkannte Heinrich Himmler, und Marek deutete mit dem Finger auf die Personen in Uniform und sagte "Der hier ist SS Obersturmführer Arthur Hecker, der Adjutant des Lagerkommandanten. Der ist der Rapportführer Werner Mulka und der ist der SS Obergruppenführer Oswald Ludwig Pohl." Er nannte zwei weitere Namen, dann meinte er "Einige von den Leuten konnten bislang nicht identifiziert werden."

Er gab mir noch ein anderes Photo. "Und das hier ist Himmler mit einem speziellen Einsatzkommando der SS, das in den letzten Tagen von Auschwitz dort Massenerschießungen vorgenommen hat und auch mit der planmäßigen Auflösung des Lagers betraut war, als die Russen immer näher rückten. Es ist leider etwas unscharf, das hier ist eine dreifache Vergrößerung, man kann erkennen, daß dieser Offizier hier ein Hauptsturmführer ist, aber wir wissen nicht, wie er heißt."

Ich schaute auf das Photo und ein eiskalter Schauer lief über meinen Rücken, für einen Moment war ich wie betäubt, ich spürte, wie meine Hand anfing zu zittern und ich gab Marek die Bilder schnell zurück. Wanda fragte mich "Und wie lange bleibst du diesmal in Buenos Aires?" Ich hatte sie nicht richtig gehört. "Wie bitte?" "Bleibst du diesmal länger hier?" "Ähm ... ich ... nein, nur ganz kurz, ich habe bloß etwas zu erledigen." Mein Blick begleitete Marek, wie er die Photos in seine Mappe zurück legte, Wanda meinte "Schade, sonst hätten wir irgendwas unternehmen können." Ich erwiderte "Ja, vielleicht ein andermal."

Hätte ich den beiden sagen müssen, daß ich den SS Offizier auf dem Photo erkannt hatte? Gab es eine moralische Instanz, die mir diese Frage stellte und darauf zu antworten gebot? Wäre es meine Pflicht gewesen, das zu tun? Oder hatte ich nicht vielmehr das Recht, durch mein Schweigen zu verhindern, daß alles, was zwischen mir und Marek und natürlich mehr noch zwischen Wanda und mir geschehen war, in einer "dunklen Sekunde", wie sie es genannt hatte, für Null und nichtig erklärt worden wäre, sich geradezu in teuflischer Weise in seiner Bedeutung für uns drei ins Gegenteil verkehrt hätte?

Ich hatte geschwiegen und meine Bestürzung überspielt. Und irgendwie hatte ich dadurch sogar zu mir selbst zurückgefunden, und alles, was im folgenden geschah, erschien mir gewissermaßen zwangsläufig als das Resultat einer Kette von Ereignissen und Handlungen, die mich, ohne daß ich eigentlich diesen Weg nach meiner freien Entscheidung und nach meinem eigenen Willen gegangen wäre, bis hierher geführt hatten. Es waren Menschen, die mir diesen Weg wiesen, und es waren Menschen, die mir indirekt (und vielleicht ohne es selber zu bemerken) zu verstehen gaben, was ich tun sollte - jene, von denen ich mich jetzt trennen musste und jene, die ich mir in meinem weiteren Leben an meiner Seite wünschte.

Ich dachte an jenen Tag, als ich mit Cayenne und Isabel Santiago verlassen hatte, wir waren schon drei oder vier Stunden unterwegs, als Cayenne in einem Ort plötzlich von der Hauptstraße abbog und die Richtung änderte. Isabel kannte offenbar die Gegend, sie rief: "Fahren wir nach Alto Verde?" und Cayenne erwiderte "Ja, wir werden Großmutter einen kurzen Besuch abstatten." "Juhu!", machte Isabel, "Miguel, jetzt wirst du gleich staunen!"

Ich fragte "Deine Mutter wohnt hier?" "Ja, sie lebt auf einer kleinen Plantage, die gehörte ihren Eltern." "Wie heißt sie?" "Ophelia, sie hat noch fünf Geschwister." "Leben die auch hier?" "Nein, keiner von denen." "Ist sie verheiratet?" "Nein", sagte Cayenne und fügte hinzu "sie war Nestor's Geliebte, als ich geboren wurde." Ich sagte "Ich habe gar kein Geschenk für sie." "Das macht nichts."

Ophelia fiel aus allen Wolken, als wir hier aufkreuzten, aber sie freute sich natürlich über alle Maßen und vor allem darüber, daß Isabel dabei war. Sie fing gleich an, uns zu bewirten und Cayenne sagte, sie sollte bloß keine Umstände machen, sondern lieber mit uns quatschen, und Ophelia sagte, das könnte sie mühelos nebenbei tun. Die drei Frauen hantierten also in der geräumigen Küche, während ich ihnen gegenüber am Tisch saß und artig Ophelia's Fragen zu meiner Person beantwortete (und da hatte ich den leisen Verdacht, daß Cayenne mich bei dieser Gelegenheit ihrer Mutter vorstellen wollte und die Aktion Nestor's mit den Guerilleros nicht der einzige Grund war, weshalb wir hierher gefahren waren).

Später besichtigten wir die Plantage, es gab eine Obstbaumwiese, vorwiegend mit Aprikosen und einen Olivenhain mit sehr alten und stattlichen Bäumen. Es gab auch ein Feld mit Weinstöcken, aber Cayenne sagte mir, Ophelia könnte das alles allein unmöglich bewirtschaften. Sie hatte einen Verwalter, der ein halbes Dutzend Arbeiter beschäftigte, das wären geschickte und zuverlässige Leute, aber sie verlangten auch ihren Lohn, und die Einnahmen würden geradeso den Betrieb am Laufen halten. Cayenne sagte, Ophelia hätte früher jede Menge Pläne gehabt, was man aus dieser Plantage machen könnte, aber mittlerweile hätte sie das meiste davon insgeheim schon abgeschrieben.

Isabel zeigte mir ein paar Stellen, wo sie "früher" immer gespielt hatte, Alto Verde war ein Dorf, in dem Isabel immer noch gute Freunde kannte; sie zeigte mir auch ein prima Versteck, wohin sie sich verdrückte, wenn sie bei der Gartenarbeit mithelfen sollte - das lag ihr nämlich nicht besonders, zu mir sagte sie: "Wenn du dann auch mal keine Lust mehr hast, in der Erde rumzubuddeln, verziehst du dich einfach hierher und schläfst 'ne Runde oder singst dir was vor, ich verrat's auch keinem, daß du hier bist." Ich lachte, und ich wusste nicht so recht, ob die Idee, ich könnte hier leben und arbeiten, so ganz von Isabel selber stammte.

Wir blieben über Nacht und abends saßen wir lange auf der Terrasse, Isabel in Ophelia's Schaukelstuhl, den sie ihr überlassen hatte, Saladin schlummerte zu unseren Füßen. Cayenne hatte (für sich und mich) ein Getränk gemixt, das sehr süffig war und bald zu Kopfe stieg und mir die eine und andere Anekdote entlockte, mit der ich die Frauen erheiterte. Ich legte mich in einer Kammer auf dem Dachboden schlafen, und irgendwann kam Cayenne hereingeschlichen, sie flüsterte "Rutsch' ein Stück zur Seite" und schlüpfte neben mir unter die Decke.

Auf der Heimfahrt nach Havanna sprachen wir über Ophelia und über die Plantage in Alto Verde, und Cayenne sagte, sie habe sich eine Zeitlang mit dem Gedanken getragen, dorthin zurückzugehen. Ich fragte "Was hat dich daran gehindert?" Sie erwiderte - in einem Ton, als wäre das eine total abwegige Vorstellung: "Würdest du dein Leben in Havanna aufgeben, um auf's Land zu ziehen?" Ich weiß nicht mehr genau, was ich darauf geantwortet habe, und auch wenn wir in der Folge nur sporadisch darüber sprachen, musste ich doch oft an Ophelia und Alto Verde denken und ich ertappte mich sogar ein paarmal dabei, wie ich mir in Gedanken ein Leben mit Cayenne und Isabel, mit Ophelia und - ja, warum eigentlich nicht! - mit meinem Vater dort an diesem fruchtbaren und friedlichen Ort ausmalte.

Als ich jetzt von Wanda und Marek zurück in unserer Wohnung war, fiel mir der Wasserrohrbruch wieder ein. Ich ging in Onkel Heinrichs Zimmer und öffnete den Schrank und tatsächlich musste ich feststellen, daß das Wasser durch die nur locker zusammengefügte Rückwand eingedrungen war und die Sachen aufgeweicht hatte. Es muss geschehen sein, nachdem Heinrich hier gewesen war, und die Nachbarin bestätigte mir das.

Ich räumte alles aus, ein kleiner Koffer, zwei Paar Schuhe sowie einige Kleidungsstücke hatten stark gelitten. Da fand ich, unter dem ganzen Kram versteckt, eine Zigarrenkiste, und wie ich sie herausnahm, wunderte ich mich, daß sie schwer war wie ein Ziegelstein. Sie war mit einem Bindfaden verschnürt. Ich pobelte den Knoten auf, und das Päckchen, das darin lag, war in einen Fetzen Uniformstoff eingewickelt. Ich stellte die Kiste auf den Küchentisch, und als ich den Inhalt heraus nahm, rutschten die Barren an der Seite aus dem Stoff und fielen hart auf den Tisch.

Ich hatte noch nie Gold von dieser Größe gesehen und bei dem Anblick wollten meine Augen förmlich von innen her leuchten. Mein Puls fing an zu pochen, ich musste mich hinsetzen. Ich wickelte alles aus: es waren insgesamt zehn Goldbarren und mir schien, daß sie nicht besonders professionell gegossen waren, aber selbst mein unkundiger Blick sagte mir, daß es sich ohne Zweifel um reines Gold handelte.

Ich packte alles wieder ein und ließ die Kiste auf dem Küchentisch stehen. Die andern Sachen verstaute ich wieder im Schrank. An diesem Abend holte ich das Gold bestimmt noch fünfmal aus der Zigarrenkiste heraus und legte es in einer Reihe auf den Tisch. Es schien mir jedesmal üppiger, als hätte es zugenommen, nachdem Licht darauf gefallen war. Ich nahm die Küchenwaage her, und als ich sie mit zwei Barren beschwerte, musste ich das Ausgleichsgewicht so weit verschieben, daß es mir schwerfiel, meine Hand dabei ruhig zu halten. Ich konnte es erst nicht fassen, aber als ich im Bett lag, wusste ich, was ich damit anfangen würde.

Ich fuhr am nächsten Tag nach Rosario und ging in das Bankhaus "Torres & Avigdor". Ich fragte nach Senor Torres, und als er kam, erkannte er mich sofort und schüttelte mir respektvoll die Hand. Wir setzten uns in sein Büro und ich sagte, ich möchte dieses Gold (das ich vor uns auf seinen Schreibtisch ausgebreitet hatte) auf meinem Konto deponieren. Er sagte "Si! Por supuesto", er schaute die ganze Zeit nur mich an, als würde er sich von nichts ablenken lassen. Er rief einen Mitarbeiter, den er beauftragte, das Gold zu wiegen. In der Zwischenzeit fertigte er die Unterlagen aus, wir unterhielten uns nebenbei über das Wetter. Die Art, wie Senor Torres seine Meinung äußerte, gab ihm etwas unglaublich Vertrauenswürdiges.

Als der andere mit dem Gold und einem Zertifikat wiederkam, reichte er mir letzteres zur Bestätigung, und als ich die Summe las, die seinem Wert entsprach, wurde mir für einen Augenblick schwindelig. Ich musste etliche Male unterschreiben und erhielt mehrere Dokumente, die Senor Torres mich bat gut aufzubewahren oder - falls ich dies wünsche - auch hier in einem eigenen Schließfach hinterlegen könnte und ich entschied mich für letzteres.

Ich sagte, ich würde gern eine Vollmacht für mein Konto ausstellen und er nahm die entsprechenden Angaben auf. Ich nannte den Namen. Senor Torres fragte "Welches Geburtsdatum hat die werte Senora?" Zu meinem Bedauern wusste ich es nicht. Er sagte "No problemo, Senor Frogard, rufen Sie mich einfach nochmal an und teilen es mir mit."

Ich erhielt außerdem eine Identifikationsnummer, welche die Bevollmächtigte unbedingt angeben müsse, wenn sie hier persönlich erscheint. Ich fragte ihn, ob "Torres & Avigdor" auch Geld ins Ausland transferiert, zum Beispiel nach Deutschland. Er sagte "Wir unterhalten enge Beziehungen zu einer Bank in Frankfurt am Main, eine Überweisung dorthin ist jederzeit möglich." Ich fragte ihn, wie lange das dauert, er sagte "Das geschieht innerhalb einer Woche und wenn Sie es dringend brauchen, zahlt es Ihnen diese Bank sofort aus." "Auch einen größeren Betrag?" Er sagte "Wovon sprechen wir?" Ich nannte ihm die Höhe, er bot mir an "Wenn Sie wollen, können wir gleich hier eine Transaktion vereinbaren, wir sagen dann unseren Geschäftspartnern in Frankfurt Bescheid." Ich war einverstanden, und zuletzt ließ ich mir noch etwas Bargeld auszahlen.

Ich ging aufs Postamt und rief Cayenne an, sie fragte "Wie läuft's in Caracas?" "Bitte? Ja, alles in Ordnung. Ich bin jetzt in Buenos Aires." "Ach ja?" "Cayenne! Ich habe das Geld, das ich brauche." Sie war verblüfft. "Waaas? Woher?" "Das erzähl' ich dir später." "Was hast du gemacht?" "Nichts Schlimmes, ich schwör's dir!" "Und jetzt?" "Ich fliege nach Deutschland." "Dios mio! Miguel! Das ist ja großartig!" Sie lachte und ich musste auch lachen. Sie sagte "Willst du mit Isabel sprechen?" Ich sagte "Cayenne, warte, ich muss dir noch was Wichtiges sagen!" "Was denn?" "Hol' dir was zu schreiben." Ich hörte, wie sie Isabel zurief, ihr Stift und Papier zu bringen, dann sagte sie "Ja, kann losgehen." Ich sagte "Schreib' auf: 'Torres und Avigdor' (ich buchstabierte es) - das ist ein Bankhaus in Rosario, ich habe dort ein Konto eröffnet und eine Vollmacht für dich ausgestellt, notier' dir bitte die Nummer, die du dafür brauchst." "Wofür?" "Notier' dir jetzt einfach die Nummer ..." "In Ordnung." Ich diktierte sie ihr und sie wiederholte das Ganze. "Ach so, ich brauche noch dein Geburtsdatum." Sie sagte es mir, ich rief im Scherz "Was? So alt bist du schon!" "Und du selber!", gab sie zurück. Da hängte sich Isabel dazwischen: "Weißt du schon, daß Saladin sich verliebt hat!" "Nein! Das ist ja unglaublich! In wen denn?" "In die ... (ich hörte, wie sie sagte: Caya, wie heißt das Hundemädchen nochmal? und Cayenne antwortete ihr) ... in Nadiha! Sie kriegen bald Junge! ... Bist du dann wieder da?" Ich sagte "Auf jeden Fall." "Toll. Ich geb' dir nochmal Caya, hasta luego!" "Miguel? Bist du noch dran?" "Ja, Caya." Sie sagte "Bitte, komm' wieder. Wir warten auf dich. Egal, wie's ausgeht. Komm' wieder. Bitte." Ich versprach es.


ENDE



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