Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 05


Mary Walden

Nach der Wende




Gegen drei am Nachmittag klingelte es bei Gerhard Ziegler. Die Bierflasche in der Hand, schlurfte er zur Wohnungstür und öffnete, und da standen Janette und die Kleine, mit dem bunten Köfferchen, und er wusste schon, was Janette will.

"Ist mir wirklich peinlich, Gerd", sagte sie mit samtweicher Stimme und schaute ihn von unten herauf an, "können Sie vielleicht noch einmal auf Mandy aufpassen? Nur bis heute abend." "Meinetwegen", brummte er, "komm' rein, mein Spatz." Mandy schlüpfte unter seinem Arm hindurch und marschierte wortlos ins Wohnzimmer.

"Ich danke Ihnen tausendmal, Gerd. Sie hat ihre Spielsachen in dem Koffer." "Hab' ich mir gedacht." (Sie kam jedesmal mit dem Köfferchen.) "Ach, und geben Sie ihr kein Bier zu trinken", lachte Janette, schon halb auf der Treppe, und machte eine Kopfbewegung auf seine rechte Hand. "Mach' ich nicht."

Dann ging er in die Küche und stellte die Flasche neben die Spüle. Mandy hatte sich auf die Kante von der Couch gesetzt und das Köfferchen auf dem niedrigen Glastisch vor sich aufgeklappt. Sie nahm eins von den Bilderbüchern heraus, die alle von einem kleinen Hund namens "Romero" handeln, dieses hatte den Titel "Romero hat Geburtstag". "Buch angucken", sagte Mandy und hielt es ihm hin.

Um halb acht legte er Mandy ins Bett, wo sie plötzlich anfing, Lieder zu summen, dann aber bald einschlief. Das Ehebett war viel zu groß. Gerhard hatte zum Abendbrot für jeden ein Paar Wiener Würstchen heiß gemacht, glücklicherweise hatte er immer irgendeine Konserve im Vorrat. Als Mandy eingeschlafen war, ging er in die Küche, machte sich eine weitere Flasche Bier auf und aß, mit dem Hintern an die Spüle gelehnt, im Stehen die restlichen Wiener.

Dann hörte er Stimmen im Treppenhaus, die von Janette und eine männliche, sie waren beide angeheitert, sie verschwanden lachend in Janettes Wohnung.

* * * * *

Oberleutnant Gerhard Ziegler war Mitarbeiter der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik gewesen, die kurz DDR genannt und auch - niemals allerdings im eigenen Land - während der vierzig Jahre, die sie existierte, als Ostdeutschland bezeichnet wurde.

Ziegler war fünfundvierzig zu dem Zeitpunkt, als die DDR in der Abfallgrube der Geschichte unterging, eine Abfallgrube, die unermesslich groß und tief ist und in der ganze Reiche und Völker und mit ihnen zahllose wohldurchdachte Utopien von einem glücklicheren Zusammenleben der Menschen unwiederbringlich versunken sind.

Oberleutnant Ziegler war mittelgroß von Gestalt, in seiner Jugend hatte er bei der Sportgemeinschaft Dresden Johannstadt Leichtathletik trainiert, vorwiegend Weitsprung und Hundert Meter Lauf. Jetzt hatte er einen deutlichen Bauch (aber keine "Wampe"), und beim Fußballspiel, das unter Kollegen von Zeit zu Zeit veranstaltet wurde, musste er zwischendurch immer wieder verschnaufen, weil ihm die Puste ausging.

Äußerlich sah er eher jünger aus, er hatte volles, dunkelblondes, links gescheiteltes Haar, kaum ein Fältchen um die Augen und ein bisschen klobige Hände (sein Vater war Maschinenschlosser gewesen), die zudem leicht feucht wurden. Wenn er, zum Beispiel bei einer Geburtstagsfeier, anderen Personen Kaffee in die dargereichte Tasse einschenken sollte, oder wenn er in einem Restaurant den Suppenlöffel zum Mund führte, begann er zu zittern, er konnte sich darauf einstellen, es geschah immer im selben Moment.

Das war umso verwunderlicher, als er im Grunde ein gesundes Selbstvertrauen besaß und die Dinge ganz spontan immer dort anpackte, wo man sie im Griff hatte. Er war auch, das konnte man mit Fug und Recht behaupten, überdurchschnittlich intelligent, jedoch vermochte er technische Zusammenhänge besser zu durchschauen als zwischenmenschliche, wo es ihm, wie er sich selbst eingestehen musste, mitunter schwerfiel, einschätzen zu können, ob jemand ganz aufrichtig war oder ihm nur etwas vorgaukelte. Aber wer vermag dies immer zweifelsfrei festzustellen? Und der Oberleutnant Ziegler war ständig bemüht, seine Menschenkenntnis zu verbessern.

Oberleutnant Ziegler hatte seit seinem Eintritt in die Nationale Volksarmee (im Wachregiment Dzierzynski, einer Art Elite Einheit) und während seiner späteren beruflichen Karriere bei der "Stasi", wie die Organe der Staatssicherheit, von denen es eine Unmenge Abteilungen gab, gemeinhin genannt wurden, seinen Dienst stets mit hoher persönlicher Einsatzbereitschaft und mit großem Pflichtgefühl gegenüber seinem sozialistischen Vaterland versehen, was ihm mehrfach gedankt worden war, unter anderem durch diverse Orden und Auszeichnungen, worunter ihm am liebsten eine Uhr aus der Glashütter Manufaktur war, auf deren Deckel eine Widmung "Für besondere Verdienste bei der Erfüllung des sozialistischen Kampfauftrages" eingraviert war.

Er bekam sie anlässlich der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR in Berlin vom Minister persönlich überreicht, der ihm dabei kameradschaftlich auf die Schulter klopfte und sagte "Immer wachsam bleiben, Genosse Ziegler! Damit ich mich auch in Zukunft auf unsern Posten im schönen Elbflorenz verlassen kann."

Die Veranstaltung war beeindruckend, und Lothar Michailek, sein Kollege, der ebenfalls ausgezeichnet worden war, sprach von einem bewegenden Augenblick. Es gab ein Buffet, wie es keiner von ihnen jemals zuvor gesehen, geschweige denn, sich daran bedient hatte. Er brauchte lange, um hinterher Monika, seiner Frau, alles aufzählen zu können, was da auf der üppigen Tafel prangte, und manches davon, vor allem bei den exotischen Früchten, konnte er nur äußerlich beschreiben, denn er wusste gar nicht genau zu sagen, woher es stammt und worum es sich handelt.

* * * * *

Gegen halb zehn, er hatte das dritte oder vierte Bier vor sich auf dem Küchentisch stehen, klopfte es, und er wusste, daß es Janette ist. Er ging, diesmal ohne Bierflasche, zur Tür und machte auf. "Hallo Gerd, kann ich reinkommen?" "Klar." Er ging vor ihr her ins Wohnzimmer. "Die Kleine schläft." "Oh, das ist gut. Tut mir leid, ich konnte nicht eher kommen." Sie sah ein bisschen durcheinander aus. "Ist schon in Ordnung." "Haben Sie was zu trinken da? Aber kein Bier." "Einen Johnnie Walker kann ich Ihnen anbieten." "Das ist dieser Whisky?" "Ja." "Och nee, das ist nichts für mich. So'n teures Zeug trinken Sie?" "Ist aus der Tschechei, vom Fidschi Markt." "Fahren Sie da öfter hin?" "Manchmal." "Kann ich doch'n Bier haben?" "Klar. Macht's Ihnen was aus, wenn wir uns in die Küche setzen?" "Nein, gar nicht."

Sie setzte sich hin, ließ den Latschen vom rechten Fuß fallen und zog das Bein hoch auf den Stuhl, dann schüttelte sie ihre langen dunklen Haare und fuhr mit der Hand darin herum, als sollten sie sich dadurch vermehren. "Darf ich rauchen?" Sie nahm den Fuß wieder vom Stuhl, streckte die Beine und angelte aus der Tasche ihrer ziemlich engen Hose ein schmales Etui. "Nichts dagegen, aber ich hab' keinen ... warten Sie ..." Er holte aus dem Schrank über der Spüle eine Untertasse. "Nehmen Sie die." "Danke."

Mit der Zigarette zwischen den Lippen fragte sie lachend "Ach, Gerd, ich bin unmöglich, haben Sie auch noch Feuer?" "Natürlich." Er zog eine Schublade auf und gab ihr daraus ein Feuerzeug. Sie zündete sich die Zigarette an, nahm einen hastigen Zug, blies den Rauch hörbar nach oben aus und legte das Feuerzeug auf ihr Etui.

"Wissen Sie, was ich mich schon die ganze Zeit über frage, Gerd?" "Nein. Was?" "Warum wir uns nicht einfach duzen." "Ja, da spricht eigentlich nichts dagegen." Sie nahm einen tiefen Zug und dann knipste sie mit ihren langen, bemalten Fingernägeln. "Es spricht doch eigentlich nichts dagegen, oder?" "Nein. Ich heiße Gerhard, also Gerd." Sie hob ihre Bierflasche zum Anstoßen. "Janette." Das Glas schlug tonlos gegeneinander.

"Oh Gott", sagte sie und drehte sich um, "hoffentlich wecken wir Mandy nicht mit unserm dussligen Gequatsche." "Ich hab' die Tür angelehnt." "Das ist gut, mach' ich auch immer, wenn sie schläft." Dann schien sie zu überlegen. "Schläft sie jetzt in Ihrem ... ich meine, in deinem Bett?" "Ich hab' doch das Ehebett noch." "Ach so, na klar. Ich bin blöd." Sie drückte die Zigarette aus, und nach einer Weile rauchte sie die nächste.

"Eine schicke Uhr hast du", sagte sie. "Ach komm, Janette, die kennst du doch schon." "Trotzdem ist sie schick." "Hab' ich verliehen bekommen." "Geliehen? Ich denke, die haben sie dir geschenkt." "Verliehen sag' ich, so wie Ordensverleihung." "Ja genau. Da steht auch was hinten drauf, stimmt's?" "Ja." "Sowas wie: Damit du immer an uns denkst?" Er machte das Armband auf und gab ihr die Uhr. Sie versuchte, die Gravur zu entziffern, dann wog sie sie in der Hand. "Ganz schön schwer." "Es ist eine Halbautomatik, da ist ein Schwung Rad drin." Janette musste lachen. "Habt ihr sowas früher gebraucht?"

* * * * *

Wenn Gerhard Ziegler zurückschaute in Gedanken, so hatten den stärksten Eindruck in ihm der Tag und die Stunde seiner Vereidigung als Soldat der Nationalen Volksarmee hinterlassen, und die unvergessliche Zeremonie am Treptower Ehrenmal für die Opfer des Krieges und des Faschismus war durch kein anderes erhebendes Ereignis und Erlebnis übertroffen worden, jedenfalls nicht bis heute.

Er hat später einmal bei einer Veranstaltung mit Jugendlichen in der Erich Weinert Schule in Dresden Mitte bekannt, seit diesem kalten, aber sonnenklaren Novembertag habe er niemals gesäumt, sein Denken und Handeln dem Aufbau des Sozialismus zu widmen, und er könne ihnen, den Schülern der POS Erich Weinert nur dringend raten, daß sich "jeder von euch möglichst bald über seinen Platz in unserer Gesellschaft bewusst wird, und daß die Jungs auch bereit sind, durch ihren Ehrendienst bei der NVA einen Beitrag zur Stärkung und zur jederzeitigen Verteidigung unserer Republik gegen alle Angriffe des Imperialismus zu leisten. Denn ...", so hatte Ziegler mit einem gutgemeinten, aber entschiedenen Schmunzeln hinzugefügt, "... ihr wisst ja, was am Hochhaus am Pirnaischen Platz in großen Lettern steht: Der Sozialismus siegt! Aber er siegt nicht von allein, sondern wir alle müssen ihn zum Sieg führen." Am Ende dieser Veranstaltung bedankte sich, im Namen der Klasse, eine Schülerin in Jeans und FDJ Hemd für den interessanten Vortrag und überreichte ihm einen Strauß Astern, der sich zu Hause in der Vase fast zwei Wochen hielt.

Seine eigene "Feuertaufe", wie er es nannte, hatte der junge Leutnant Ziegler in der benachbarten Tschechoslowakei bestanden, als er an der Seite der sowjetischen Streitkräfte in Prag die Konterrevolution niederschlug, die von westlichen Ideologen "Prager Frühling" genannt wurde, eine Bezeichnung, die, wie er es ausdrückte: mit wohlklingenden Worten die brutale Fratze des Imperialismus schönmalen sollte; denn daß jene Unruhen vom Westen eingefädelt und angeheizt wurden, daran bestand für ihn kein Zweifel.

Persönlich ging es für Gerhard Ziegler in dieser Zeit nur bergauf in dem Sinne, daß sein Leben auf ein immer höheres materielles und geistiges Niveau angehoben wurde, ganz so, als würde sich die Theorie des Marxismus Leninismus, wie sie in den Büchern der Klassiker stand, bewahrheiten. Und später, eigentlich lange schon vor der sogenannten Wende, sagte er manchmal zu sich selbst, die siebziger Jahre seien vielleicht seine besten gewesen.

Mit seiner Frau Monika und der fünfjährigen Tochter Kathrin bezog er eine Neubauwohnung in Dresden Prohlis, einem Stadtviertel, das komplett neu erbaut wurde und lange als ein Muster für den Wohnungsbau in der neuen Gesellschaftsordnung der Menschheit galt. Drei Zimmer (Küche und Bad nicht mitgezählt), Balkon und Keller, warmes Wasser und Fernheizung, das alles für 56 Mark Miete im Monat, wer hätte das nicht zu schätzen gewusst! Dazu ein Kindergartenplatz für Kathrin, nur ein paar Schritte entfernt von der Schule, in der Monika als Unterstufenlehrerin arbeitete.

Er selber musste allerdings tagtäglich über die Elbe hinüber auf die Bautzener zur Dienststelle, was aber insofern ein leichtes war, als er einen Dienstwagen, einen Wartburg Tourist fuhr, den er natürlich auch zu privaten Zwecken nutzen durfte. Übrigens wussten einige seiner Nachbarn, daß er in der Stasi Zentrale tätig war, die meisten aber nicht, jedenfalls nahm er das an. Wie ja überhaupt sehr viele Städter nur geringe Ahnung von dem weiträumigen Komplex dort am Elbuferhang hatten; und das war auch gut so.

* * * * *

"So ein Arsch", fauchte Janette und zündete sich die nächste Zigarette an. "Hast du vielleicht noch'n Bier für mich." "Eine Flasche ist noch da." "Wollen wir uns die teilen? Ich bring' dir morgen zwei neue." Er stellte ihr ein Bierglas mit einem Brauerei Emblem hin und schenkte ein. "Danke, Gerd." "Wen meinst du?" "Was?" "Wer ist ein Arsch?" "Der Kerl, der vorhin da war."

"Ich dachte, ihr hattet Spaß miteinander." "Ja, aber darum geht's doch gar nicht! Das ist es ja grade: die wollen alle immer nur poppen ..." "Was?" "Poppen, hier, das hier! Mensch Gerd, jetzt sag' mir nicht, du weißt nicht, wovon ich rede." "Ja, klar. Aber zu meiner Zeit haben wir's anders genannt." "Schon möglich, aber bestimmt nicht anders gemacht!"

"Meine Frau hat mich jedenfalls nie einen Arsch genannt." Janette stieß einen kurzen Lacher aus, es klang ein bisschen beleidigt. "Vielleicht solltest du dich auch erstmal mehr um die Kleine kümmern, bevor du ..." "Was soll das denn heißen?", fuhr sie auf. "Nur, weil ich jetzt bei dir 'n Bier schlauche ... und außerdem: du bist ja auch nicht der Allerbeste, was Kindererziehung angeht, oder?"

Gerhard schluckte, Janette sah, daß es ihn tief getroffen hatte. "Tut mir leid, Gerd, ich hab's nicht so gemeint, okay?" Sie legte ihre Hand auf seine, er sah ihre Fingernägel mit den winzigen goldenen Sternchen auf blauem Untergrund. "Ist schon gut." Sie schwiegen eine Weile, dann sagte er "Vielleicht ziehe ich bald hier aus." "Was? Aber wieso denn?" "Ist zu groß hier für mich, kann ich jetzt nicht mehr halten, verstehst du."

Sie schaute sich um. "Och nee, Gerd, das kannst du doch nicht machen. Kannst mich doch nicht allein lassen, ich kenn' doch hier niemand!" "Jetzt jammer' nicht rum. Wenn es nun mal so ist." "Wie groß ist die Wohnung eigentlich? Ich meine so größenmäßig." Er sagte es ihr. "Und wieviel bezahlst du jetzt?" Er nannte ihr die Summe.

Janette sagte "Ich hab' gehört, bei denen, die neu hier einziehn, berechnen sie dreißig Prozent mehr bei manchen." "Dreißig Prozent wovon?" "Na von der normalen Miete, was weiß ich, jedenfalls zahlen manche doppelt so viel, seitdem die Stadt die Wohnungen privat verkauft hat." "Das ist sicher auch noch nicht das Ende der Fahnenstange." "Welche Fahnenstange?" "Das wird auch künftig noch ansteigen."

Sie überlegte, dann sagte sie "Wenn jetzt mal angenommen jemand von einer Wohnung in eine andere zieht, also im Haus selber, könnten die dann bei dem auch das Doppelte verlangen?" "Du meinst, wenn du meine Wohnung übernimmst?" "Nur mal angenommen, ich meine, falls du wirklich ausziehst." Gerhard zuckte mit den Schultern. "Wenn du ihnen meinen Mietvertrag unter die Nase hälst, dann können die nicht einfach xbeliebig mehr verlangen." "Würdest'e das machen?" "Was?" "Daß ich denen deinen Mietvertrag unter die Nase ..."

Draußen hupte es plötzlich mehrmals. "Wer ist das denn?", rief Janette und sprang auf. "Kann ich mal bei dir aus'm Fenster gucken?" "Ja klar, aber fall' nicht raus." Es hörte nicht auf zu hupen. Sie zog die Gardine beiseite und öffnete das Fenster. "Ach du Scheiße. Was soll das, du Idiot! Du weckst alle Leute auf!" Von unten rief ihr eine Männerstimme etwas zu. "Ja", rief Janette zurück, "aber hör mit dem verdammten Gehupe auf!" Der Mann gehorchte.

Sie schloss das Fenster und zog die Gardine wieder vor. "Weißt du Gerd, ich wollte dich vorhin schon fragen, ob es nicht besser wäre, wenn wir Mandy heute ausnahmsweise hier schlafen lassen. Wenn ich sie jetzt wecke, dann ..." "Ja, ja, ist schon gut." Sie gab ihm einen Schmatzer auf die Wange. "Bist'n echt feiner Nachbar!"

Man hörte in ihrer Wohnung die Klingel Sturm läuten. "Oh, der ist sowas von aufdringlich." "Ist das der von vorhin?" Sie antwortete nicht, schob die Zigaretten und das Feuerzeug in die Hosentasche und eilte zur Tür. "Hat wohl was gutzumachen", sagte sie noch.

* * * * *

Obwohl sich Oberleutnant Gerhard Ziegler wie schon gesagt bei seiner Arbeit durch bemerkenswerten Eifer und auch durch Gründlichkeit über Jahre hinweg Anerkennung und Achtung erworben hatte, und obwohl ihm sein Chef, der Generalmajor B., jene "tschekistische Tapferkeit" bescheinigte, welche der Minister von seinen Kämpfern forderte; obwohl er also aus mehreren guten Gründen längst dafür in Frage kam, zögerte sich seine Beförderung zum Hauptmann immer wieder hinaus.

Als der Straftatbestand "illegale Verbindungsaufnahme" und die "staatsfeindliche Hetze" im Strafgesetzbuch festgeschrieben wurden, entwickelte der Oberleutnant sogar ein besonderes Gespür für die Erkennung und Verfolgung von Verdächtigen, ganz so, als wären dem "Soldat" Ziegler zwei höchst wirksame Waffen in die Hand gegeben worden, mit denen er Jagd auf die Feinde des sozialistischen Staates machen und sie früher oder später zur Strecke bringen konnte. Er meinte, diese Paragraphen seien längst überfällig gewesen und würden endlich eine gravierende Lücke im Gesetz schließen.

Er legte jede Menge OPK's, Operative Personen Kontrollen an, die im Idealfall eine minutiöse Überwachung der Betroffenen beinhaltete, zusammengetragen von den jeweiligen IM's, den Inoffiziellen Mitarbeitern, und durch ihn selbst in eine aussagekräftige Struktur gebracht, die bestenfalls in eine wasserdichte Beweisführung mündete.

Jede OPK bekam einen Decknamen, den sich Gerhard Ziegler selbst ausdachte, wobei er Wert darauf legte, daß bei aller Tarnung doch ein gewisser Sinnzusammenhang gewahrt wurde (was zudem den Überblick erleichterte). So hatte die OPK eines Facharbeiters im Fotoapparate Werk den Namen "Blende". Ein Jugendlicher, der gerade sein Abitur hinter sich hatte und nun den Ehrendienst bei der NVA verweigerte, wurde unter "Pazifist" geführt; ein Mädchen, ungefähr im gleichen Alter, die unter dem Verdacht stand, einer Sekte anzugehören, hieß "Gruft". Ein Ingenieur im Institut für Kernforschung (ein äußerst brisantes Objekt!) war der "Einstein"; ein Mitarbeiter der Kommunalen Wohnungsverwaltung bekam die Bezeichnung "Hausmeister", und eine Friseuse, die einen Brief an den Staatsratsvorsitzenden geschrieben hatte, weil ihr Ausreiseantrag abgelehnt worden war, lief unter "Perücke".

Was die IM's anbetraf, so konnte sich grundsätzlich jeder seinen Decknamen selbst wählen (das entsprach einer Weisung, derzufolge die Psychologen im Ministerium davon ausgingen, es würde das Selbstwertgefühl des Inoffiziellen Mitarbeiters heben). Die meisten wählten einfache Vor- und Zunamen, einige Tiernamen (die freilich - wie zum Beispiel "Fuchs" - nicht mehrfach vergeben werden konnten), manche auch Bezeichnungen aus der Natur wie zum Beispiel "Rakete" oder "Turmalin".

In vielen Fällen übernahm Gerhard Ziegler selbst die Führung der IM's, was zeitweise viele Überstunden mehr bedeutete; aber er tat es gern, und es gab nicht einen einzigen Vorgang, dem er überdrüssig geworden wäre, und sei er noch so kräftezehrend gewesen.

Die IM's waren natürlich von unterschiedlicher Qualität. Es gab welche, die voll bei der Sache waren, sich sehr engagierten; es war ihm mehrmals vorgekommen, daß einer sich nach der Möglichkeit erkundigte, hauptberuflich in den Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit übernommen zu werden, was allerdings ohne entsprechende Ausbildung nicht möglich war. Gerhard Ziegler musste sich öfter etwas einfallen lassen, um diese Leute weiter zu motivieren.

Aber es gab auch solche, die ihrer Verpflichtung (für die jeder immerhin mit seiner Unterschrift einstand) nur sporadisch oder in einer Weise nachkamen, daß man nicht nur keinen Nutzen daraus ziehen konnte, sondern sogar aufpassen musste, daß sie keinen Schaden anrichten.

Ein IM im sogenannten Friedensdienst hatte die Taktik entwickelt, seine "Mitstreiter" einzeln ins Café oder in die Kneipe einzuladen und sie dort über ihre Meinung zu diesen und jenen politischen Fragen auszuhorchen. Er war sogar so dumm, sich dabei Notizen zu machen. Er sagte, er würde eine geheime Umfrage für den "Spiegel" machen.

Und es gab leider auch Fälle in seiner Laufbahn, wo sich jemand für besonders schlau hielt, den Kontakt zum MfS suchte, sich nach einem vertrauensvollen Gespräch anwerben ließ und verpflichtete, um daraufhin sich selbst aufzudecken und die ganze Angelegenheit publik zu machen. Diese "Vögel", wie Gerhard Ziegler sie nannte, wurden aber sehr schnell eingefangen und dorthin gebracht, wo sie hingehörten: in einen Käfig!

Wenn in der OPK genügend Beweismaterial zusammengetragen worden war, wurde zugeschlagen und die Person verhaftet. An solchen Verhaftungen oder genauer gesagt: Zuführungen war er nur drei- oder viermal beteiligt, als gerade Not am Mann war, eigentlich lag das nicht in seinem Aufgabenbereich. Und es war, daran kann er sich jetzt noch gut erinnern, auch irgendwie unangenehm, in die Privatsphäre eines solchen Menschen zu geraten.

Jemanden auf der Straße oder in einem öffentlichen Gebäude festzunehmen, das machte ihm nichts aus. Aber die Wohnung so eines Individuums zu betreten, davor schreckte er beinahe zurück. Auch die Aktion gegen die Demonstranten im Hauptbahnhof in den letzten Tagen der Republik war für ihn schon wie ein Alptraum. Sein Platz war hinter dem Schreibtisch in der Bezirkszentrale, und wäre er nicht Mitarbeiter der Staatssicherheit geworden, dann am liebsten Betriebsdirektor im eigenen Büro.

Es gab auch OPK's, die schon prall gefüllt waren mit Informanten Berichten, und trotzdem reichte das alles nicht aus, um die betreffende Person am Schlafittchen zu kriegen. Es war wie verhext, und Lothar Michailek sagte einmal bei einem solchen Fall, da hätte uns der Klassenfeind einen Teufel reingesteckt, der uns an der Nase rumführen soll.

Aber unsere Erfolgsquote war auch ungeachtet solcher Luschen ganz ordentlich, dachte Gerhard Ziegler. Und wenn das Bürschchen erstmal in der Bautzener Straße gelandet war, gab's kein Entrinnen mehr. Dann hieß es: Raus aus den Klamotten und rein in die gute Stube! Die meisten, und selbst jene, die kurz zuvor noch die große Klappe riskiert hatten, waren auf einmal mucksmäuschenstill, wenn sie so vollkommen nackt dastanden, da kommt sich einer ziemlich hilflos vor. Freilich war das beabsichtigt, aber es half in fast allen Fällen, jeglichen Widerstand zu brechen und den Delinquenten gefügig zu machen, und dafür war er ja hier.

Einmal, so erinnerte sich Gerhard Ziegler (und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen), war ein junger Mann zugeführt worden wegen asozialen Verhaltens und Erregung von öffentlichem Ärgernis. Genauer gesagt war das so einer, der zu gern in Frauensachen schlüpft und damit posiert. Der war mit Ballkleid und Perücke, im Gesicht einen ganzen Schminkkasten verschmiert, zur Ersten Mai Kundgebung erschienen und wollte so, in voller Montur, vor Hans Modrow und der versammelten SED Bezirksleitung vorbeimarschieren mit einem selbstgemalten Plakat, auf dem stand "Arbeitsrecht für Transvestiten", was natürlich als politische Provokation eingestuft werden musste.

Als er in U-Haft kam und sich als erstes ausziehen sollte, tat er das gar nicht widerwillig, aber wahrscheinlich war er doch raffiniert genug, um sich für seine Verhaftung rächen zu wollen. Wie er soweit war, da biss er sich plötzlich so heftig in den Finger, daß das Blut tropfte und rief "Ich bekenne, ich habe Aids!"

Keiner wusste in dem Moment, was er meint. Dazu muss man sagen, daß dies in der Zeit passierte, als man "AIDS" noch für eine Erfindung der westlichen Propaganda hielt, wenn nicht sogar für eine Art bakteriologische Waffe auf Virenbasis. Erst nach und nach wurde es zu einem Thema und man fing an darüber zu diskutieren, ob und wie man sich damit anstecken könnte. Und dieser klapperdürre Homo - oder was er nun in Wirklichkeit war - glaubte offenbar, Aids kann durch Blut übertragen werden, was ja inzwischen auch allgemeingültig ist. Aber hier war man bis dahin nicht damit konfrontiert worden, hatte keine entsprechende Anweisung dafür und so weiter.

Kurz und gut, der Diensthabende Leiter der Bezirkszentrale entschied, Berlin anzurufen, den Vorgang zu schildern und zu fragen, was zu unternehmen sei. In Berlin schickten sie ihn am Telefon auch von Hinz zu Kunz, während unsere "Madame" langsam eine Gänsehaut nach der andern bekam, bis schließlich einer vom Medizinischen Dienst dazukam und ihm kurzentschlossen eine Decke über die Schultern warf, ihm ein Verbandspäckchen in die Hand drückte und sagte, er soll sich schleunigst den Finger verbinden, falls er nicht verbluten will. Er tat es, und er brach dabei in Tränen aus, was - Gerhard Ziegler konnte es beim besten Willen nicht verhehlen - so furchtbar komisch aussah, daß sich alle wegdrehen mussten, um sich nicht kaputtzulachen.

Gott sei Dank kam der Diensthabende zurück und sagte, Berlin meint, wir sollen mit dem Untersuchungshäftling wie gewohnt verfahren. Und als er ihn so sah, vergewisserte er sich, ob er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei. Dem Ärmsten war der Spaß vergangen, er sagte bloß kleinlaut "Ich möchte mit meiner Mutter sprechen, wenn das erlaubt ist." Gerhard Ziegler hätte die Geschichte zu gern seiner Frau Monika erzählt, aber wegen der Geheimhaltung durfte niemals etwas nach außen dringen.

Manchmal wurden unter den Kollegen Wetten abgeschlossen, wie lange einer der Zugeführten bis zum Geständnis durchhält, oder anders gesagt: Wie lange brauchte ein Mitarbeiter, um seinen Schützling weichzukriegen. Das war natürlich verboten, und von den höheren Vorgesetzten erfuhr niemand davon. Gerhard Ziegler hat sich selbst an solchen Wetten nie beteiligt, obwohl er hätte mithalten können; er hatte auch erlebt, daß dabei tatsächlich mancher rote Schein den Besitzer wechselte.

Ihm kam es immer darauf an, die Anklage hieb- und stichfest zu machen, damit der Täter dem zuständigen Gericht überantwortet werden kann. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, er wäre bei den Ermittlungen voreilig oder unfachmännisch vorgegangen. Es war allemal besser, wenn der Untersuchungshäftling noch ein, zwei, auch drei Monate länger in Gewahrsam blieb, und in der Zeit die Beweislage restlos geklärt wurde, als daß etwa dann vor dem Gericht festgestellt werden musste, daß die Vergehen lediglich als Ordnungswidrigkeit eingestuft werden können oder gar nicht strafrelevant sind. Auch das hatte Gerhard Ziegler hinnehmen müssen, und er empfand es als persönliche Niederlage, zumal der Täter ihn dabei noch höhnisch angelacht hatte.

Er war freilich als hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS nicht der Staatsanwalt, der letztlich die Anklage formuliert. Aber durch seine Vorarbeit - und das wurde ihm von Seiten der Staatsanwaltschaft durchgängig bestätigt - wurde die Anklage unerschütterlich, ja, der Staatsanwalt W., mit dem er in vielen Fällen zusammenarbeitete, nannte diese Anklageschriften "erdrückend".

Manche von den OPK's, die er bearbeitete, galten auch später noch als vorbildliches Beispiel und wurden bei der Schulung jüngerer Mitarbeiter verwendet. Es gab auch Fälle, die, er mochte nicht sagen, ihm ans Herz gewachsen waren, denn man könnte dann denken, er hätte sich davon in seiner Objektivität beeinflussen lassen. Aber sie gaben ihm, je mehr und länger er damit befasst war, das Gefühl, selbst genau an der richtigen Stelle in diesem Staat, auf dem richtigen Posten, wie der Minister sagte, zu stehen und für den Sozialismus zu kämpfen; und ohne überheblich zu werden, glaubte er, daß er, Gerhard Ziegler, diesen Posten besetzen kann wie kein anderer, daß er, wie durch den Hebel einer höheren Macht, auf diesen Posten berufen worden war. Das war sozusagen seine Bestimmung, und es hatte wohl seinen guten Grund, daß er eben kein Betriebsdirektor oder Ingenieur oder Lehrer geworden war.

* * * * *

Es gab da diesen Roland S., eigentlich ein intelligenter Bursche. (Merkwürdigerweise, dachte Gerhard Ziegler, sind es oft die Intelligenzler, die sich gegen den Staat richten, obwohl doch gerade sie in den vollen Genuss des sozialistischen Bildungssystems gekommen sind und sich eigentlich mit ganzer Kraft der Festigung des Staats und der Gestaltung der Gesellschaft widmen müssten.)

Roland S. hat sich sogar ausdrücklich zum Sozialismus bekannt, hat ihn bei der Vernehmung eine humanistische Gesellschaftsordnung genannt. Aber da sollte man sich nicht täuschen lassen, dachte Ziegler. In ihrer Verblendung verstehen sie unter Sozialismus etwas ganz anderes als wir. Meistens sind diese Leute durch den Einfluss der westlichen Medien ideologisch manipuliert oder aber durch innerfamiliäre, kirchliche Erziehung von Anfang an in die Irre geführt worden.

Roland S. hatte allerdings keine Beziehung zur Kirche, aber er hatte Westverwandtschaft, ein Onkel, Bruder seiner Mutter, lebte in Hamburg, er war dort angeblich am Kunstmuseum in leitender Funktion tätig. Roland S. fiel schon in der EOS (der Erweiterten Oberschule) durch provokatorische Bemerkungen bei Veranstaltungen und zu ähnlichen Anlässen auf. Er hatte auch einmal einen Schulappell durch Abspielen von lauter Rockmusik aus dem Kassettenrecorder gestört. Die Liste seiner Verstöße war lang für sein Alter.

Er verpflichtete sich für drei Jahre Ehrendienst bei der NVA (Gerhard Ziegler war es unverständlich, wieso man dies überhaupt zugelassen hatte). Die Quittung kam postwendend. Noch an der Unteroffiziersschule wurde Roland S. wegen staatsfeindlicher Hetze nach Paragraph 106, und wegen Herabwürdigung staatlicher Organe und Persönlichkeiten nach Paragraph 220 zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Er studierte später in Karl-Marx-Stadt Elektronik und Elektrotechnik, brach das Studium aber nach mehr als der Hälfte ab und widmete sich, wie er selbst sagte, seiner künstlerischen Selbstverwirklichung. Was im Grunde bedeutete, daß er den lieben langen Tag faulenzte und des Nachts mit Gleichgesinnten in der Dresdner Neustadt wilde Orgien feierte. Man organisierte auch nichtgenehmigte Ausstellungen in leerstehenden Wohnungen und verfasste verworrene Pamphlete, die als "Programm" verbreitet wurden.

In eine dieser Gruppen war ein IM eingeschleust worden, der regelmäßig über deren Aktivitäten berichtete. Es wurde für Roland S. ein Operativer Vorgang und eine OPK angelegt, mit dem Namen "Kirchner", denn Roland S. und andere beriefen sich bei ihren künstlerischen Machwerken auf den bürgerlichen Maler Ernst Ludwig Kirchner, der früher in Dresden lebte.

Der IM "Kobold" gab an, daß es in dieser Gruppe oft heiße Diskussionen, auch zu politischen Themen, gab, daß es "hoch herging", daß sie sich meistens aber um künstlerische Fragen drehten. Irgendwann hatte Roland S. Kontakt zu einer ähnlichen Gruppierung in Westberlin aufgenommen, beziehungsweise, einer von denen hatte ihn bei einem Aufenthalt in Dresden besucht. Dieses Zusammentreffen konnte, weil es überraschend kam, nicht observiert und die Identität der anderen Person auch erst nach präziser Feinarbeit ermittelt werden.

Roland S. hielt die Verbindung nach Westberlin weiterhin aufrecht. Man hätte ihn damals schon zumindest vorladen und dahingehend verwarnen können, daß er im Begriff ist, gegen die Gesetze der DDR zu verstoßen. Aber Gerhard Ziegler entschied, nach Absprache mit seinem Abteilungsleiter, gegen eine solche Maßnahme. Stattdessen war es zehnmal klüger, Roland S. und seine Beziehungen zu den Westberliner Bekannten nachrichtentechnisch abzuschöpfen und mit der Verhaftung solange zu warten, bis nicht nur er, sondern womöglich die ganze Neustädter Bande ausgehoben werden konnte.

Er traf sich noch mehrmals mit dem Westberliner, aber es gelang dem IM "Kobold" leider nicht, mehr über den Inhalt ihrer Gespräche zu eruieren. Gleichzeitig überwarf sich Roland S. mit seinen Freunden in der Neustadt, "Kobold" gab an, es habe Meinungsverschiedenheiten gegeben und wohl auch Rangeleien wegen einer weiblichen Person, welche in den Interessenkonflikt geraten war.

Jedenfalls müssen seine Kontakte so ergiebig gewesen sein, daß er kurz darauf einen Ausreiseantrag stellte, der natürlich abgelehnt wurde. Er arbeitete eine Zeitlang als Kellner in der Gaststätte im Zoo, dann in derselben Einrichtung als Hilfs Tierpfleger, schließlich leitete er einen künstlerischen Laienzirkel im Kulturhaus Mitte. Nebenbei hatte er sich intensiv mit seinem Vorbild, dem Maler Kirchner beschäftigt und mit der Künstlervereinigung "Brücke", welche zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Dresden bestanden hatte.

Diese Studien waren nun zu einer regelrechten Abhandlung angeschwollen (IM "Kobold" sprach von mehreren hundert Schreibmaschinenseiten), und der Zufall wollte es, daß eben zu der Zeit das Kunstmuseum in Hamburg Verbindung zur Dresdner Gemäldegalerie aufnahm wegen einer geplanten Ausstellung in Hamburg, die just ebendiese damalige Künstlervereinigung zum Gegenstand hatte.

Roland S., dessen Onkel wie bereits erwähnt beim Hamburger Museum beschäftigt war, gelang es, seine Ausführungen zu dem Thema an den Mann zu bringen, und Teile daraus sollten für einen Ausstellungskatalog verwendet werden. (Dieses ganze Hin und Her wurde übrigens durch einen Inoffiziellen Mitarbeiter in der Leitung der Gemäldegalerie genau verfolgt.)

Obwohl sein Ausreiseantrag schon zweimal abgelehnt worden war, stellte Roland S. nun, unverfroren wie er war, einen Antrag auf Besuchsreise in die BRD. Als Grund gab er an, er wolle seinen Onkel, einen "renommierten Wissenschaftler an der Hamburger Kunsthalle zwecks Absprache über die Publikation seiner kunsthistorischen Studie" aufsuchen. Wiederum handelte Gerhard Ziegler äußerst geschickt: der Besuchsantrag wurde genehmigt! Roland S. durfte für drei Tage (von 0 bis 24 Uhr) nach Hamburg fahren.

Lothar Michailek und einige andere Kollegen hielten diesen Schritt zwar für bedenklich, sie meinten, Roland S. könnte den Aufenthalt in der BRD zur Republikflucht nutzen, aber der Chef, Generalmajor B., stimmte mit Ziegler überein, der sagte, falls Roland S. im Westen bleibe, dann wären sie ihn los und keiner würde ihm eine Träne hinterherweinen; falls er es sich aber anders überlegt und zurückkommt, würden sie ihn erst richtig ausquetschen und dann liquidieren.

Man bereitete sich auf diesen zweiten Plan vor. Und das Glück war ihnen hold. Roland S. tat etwas außerordentlich Dummes, er ließ sich von seinen Hamburger "Freunden" in der halben BRD umherkutschieren und sogar zu einem Ausflug nach Amsterdam überreden, wo er nichts Besseres zu tun hatte, als sich in einem einschlägigen Geschäft Rauschgift zu kaufen, natürlich von dem Geld, das er für sein Geschreibsel kassiert hatte.

Er blieb nicht drei, sondern fünf Tage und wurde beim Wiedereintritt in das Staatsgebiet der DDR sofort verhaftet. Eine nicht fristgerechte Rückkehr war nach Paragraph 213 ein ungesetzlicher Grenzübertritt. Damit hatte ihn Gerhard Ziegler am Haken! Dazu kam, daß man Zigaretten mit rauschgifthaltigem Tabak bei ihm fand.

Ziegler rieb sich die Hände, aber er ging dennoch vorsichtig zu Werke. Eine Anklage wegen ungesetzlicher Verbindungsaufnahme war fraglich. Roland S. hatte zwar ein schriftliches Dokument im Ausland verbreitet beziehungsweise weitergegeben, aber dessen Inhalt war unverfänglicher Natur.

Noch einmal wurden seine Aktivitäten in der Neustädter Gruppe aufgerollt. Der IM "Kobold" konnte einen ehemaligen Beteiligten ausfindig machen, der bereitwillig und umfassend gegen Roland S. aussagte. (Wahrscheinlich war jener Zeuge noch sauer auf ihn wegen der Frauengeschichte.)

Schließlich wurden in Roland S.' Wohnung diverse Schriftstücke mit staatsfeindlichem und verleumderischem Inhalt gefunden. Damit, so sagte er bei der Vernehmung aus, habe er nicht das Geringste zu tun, und er könne sich nicht erklären, wie diese Sachen in seine Wohnung gekommen seien.

Die Vernehmungen wurden sehr gewissenhaft und konsequent geführt. Gerhard Ziegler war bei allen Vernehmungen dabei, was auch für ihn eine Mehrbelastung bedeutete, musste er doch etliche Male in der Zentrale schlafen, denn wie gewöhnlich fanden sie in den Nachtstunden statt. Nach wissenschaftlich psychologischen Erkenntnissen war der Untersuchungshäftling in dieser Zeit am wenigsten in der Lage, sich zu verstellen oder etwas zu verheimlichen. Für Gerhard Ziegler konnte das nur vorteilhaft sein, denn es fiel ihm mitunter, wie bereits erwähnt, schwer, seinen Gegenüber zu entlarven, wenn dieser eine gar zu perfekte Maske trug.

Roland S. versuchte erst gar nicht, etwas zu verbergen, im Gegenteil, er nutzte die Vernehmung noch aus, um lauthals seine Ansichten zu verkünden. Er berief sich, wie schon gesagt, auf seine Überzeugung eines humanistischen Sozialismus, aber er sah angeblich eine gewaltige Diskrepanz zwischen diesem Anspruch und der gesellschaftlichen Wirklichkeit in unserem Staat.

Er behauptete, es gäbe bei uns weder eine garantierte Freiheit des Individuums noch eine echte Mitsprache bei politischen Entscheidungen. Er nannte die Organe der Staatssicherheit Instrumente der Repression gegen die eigenen Bürger, und die Partei- und Staatsführung war für ihn eine altgewordene und abgeschottete Truppe ehemaliger Widerstandskämpfer, die jeden Blick auf die Realität verloren haben. Gerhard Ziegler musste stellenweise sehr an sich halten, um ihm nicht das Wort zu verbieten. Aber damit hätte er sich nur selbst geschadet.

Am meisten ärgerte Ziegler, daß Roland S. immer wieder versuchte, ihn seinerseits mit Fragen in die Enge treiben zu wollen, Fragen die auf seine persönlichen Einstellungen abzielten. Ob er, Ziegler, denn tatsächlich glaube, daß alle die Leute, die er verhaftet und hierher verschleppt, gemeine Verbrecher wären, oder nicht auch Menschen, die sich Gedanken machen über die Gesellschaft, in der sie leben?

"Meinen Sie nicht, Genosse Oberleutnant", sagte Roland S., "daß es auch für Sie weitaus größeren Gewinn bringen würde, wenn Sie das, was Ihnen hier tagtäglich zu Ohren kommt, einfach mal in Ruhe durchdenken? Dann merken Sie vielleicht, daß vieles davon ein nützlicher Beitrag zur Gestaltung unserer eigenen Zukunft ist und alles andere als eine strafbare Handlung."

"Erstens geht es hier nicht um mich, sondern um Sie", versetzte Ziegler und wusste sofort, daß es ein Fehler ist, überhaupt darauf zu antworten, aber er hatte immer noch nicht die vollkommene Routine für solche brenzligen Situationen. "Und zweitens brauchen wir Ihre neunmalklugen Ratschläge am allerwenigsten. Für theoretische Fragen haben wir unsere eigenen Fachleute." "Sie meinen den Chefideologen Hager und seine Parteigenossen?" "Unterstehen Sie sich, in diesem Ton über Persönlichkeiten der Staatsführung zu reden!"

"Glauben Sie an die Unfehlbarkeit der Kirche?", fragte Roland S. "Was?" "Die Unfehlbarkeit des Urteils, die die Kirche für sich beansprucht, die kennen Sie doch, oder?" "Ich sage es noch einmal: es geht hier nicht um mich und auch nicht um die Kirche, verschwenden Sie also nicht meine Zeit mit Ihren abwegigen Fragen." "Dennoch frage ich Sie: Ist der Unfehlbarkeitsanspruch der Kirche nicht derselbe, den auch die Partei der Arbeiterklasse vertritt?"

"Was wollen Sie damit sagen?" "Daß die Partei offenbar zu derselben Intoleranz neigt wie die Kirche, die sie doch eigentlich verdammt." "Niemand verdammt die Kirche, in unserem Staat ist Religionsfreiheit garantiert." "Und warum sperren Sie dann Menschen ein, die sich aufgrund ihres Glaubens weigern, mit einer Waffe gegen ihren Nächsten zu kämpfen?" "Jetzt hab' ich aber gleich die Faxen dicke! Hören Sie endlich auf mit diesem Geschwafel."

"Kennen Sie die Grafik von John Heartfield, die in der Schule behandelt wird?" "Lenken Sie nicht ab! Wir sind hier nicht beim Kaffeekränzchen." "Er hat sie zum Prozess gegen Georgi Dimitroff geschaffen. Sie zeigt den kleinen Hermann Göring vor dem übergroßen Dimitroff vor Gericht, und darunter steht der Satz 'Sie haben wohl Angst vor meinen Fragen?' Das fällt mir jetzt gerade ein, Genosse Oberleutnant."

Gerhard Ziegler schoss der Puls in die Höhe. Er sprang auf und schrie "Wollen Sie mich etwa mit einem Hermann Göring vergleichen!" Roland S. blieb ganz ruhig, er hob beteuernd die Hände. "Ich mache gar nichts. Die Geschichte selbst ist doch die gleiche." Ziegler schritt zur Tür und riss sie auf. "Feldwebel Hesse! Führen Sie den Untersuchungshäftling zurück in seine Zelle!"

Roland S. wurde vor dem Bezirksgericht Dresden Neustadt zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten verurteilt; die meiste Zeit davon saß er im Gefängnis Brandenburg-Görden ab. Ungefähr zwei Jahre später erfuhr Gerhard Ziegler, daß Roland S. in die BRD abgeschoben wurde. Er konnte es sich nicht recht erklären. Generalmajor B. sagte "Ich weiß, daß es Ihnen lieber gewesen wäre, wenn er die ganze Zeit abgebrummt hätte, mir auch. Aber wir kennen nicht die Einzelheiten, Gerd. Möglicherweise gibt es einen Grund dafür."

Jedenfalls war die OPK "Kirchner" einer der herausragenden Fälle Zieglers, und mit ihm erhöhte sich die Aussicht auf Beförderung. Als der Bundeskanzler Helmut Kohl zu einem (nicht offiziellen) Kurzbesuch nach Dresden kam, war Gerhard Ziegler maßgeblich an der Koordinierung der Sicherheitsvorkehrungen dafür beteiligt.

Unter anderem wollte der Bundeskanzler, der den Decknamen "König" bekam, auf der Straße der Befreiung im Stadtzentrum "ganz allein" einen Spaziergang machen. Es musste gewährleistet werden, daß dies so unauffällig und reibungslos wie möglich geschah, und daß andererseits "König" jeden Augenblick unter dem Schutz stand, der einem hohen Staatsgast gebührte.

Es war ein Dienstag, also für die Dresdner ein ganz normaler Arbeitstag. Es gelang Gerhard Ziegler und den Mitarbeitern des MfS dafür zu sorgen, daß niemand außer den involvierten Personen vorher davon erfuhr. Die zirka anderthalb Stunden, die der "Spaziergang" insgesamt dauerte, gehörten für Ziegler wohl zu den anstrengendsten seines Lebens; selbst bei der Geburt seiner Tochter Kathrin hatte er keine so große Anspannung gespürt.

"König" war nur von einer Handvoll eigener Sicherheitsleute umgeben, weit und breit war nicht ein einziger Uniformierter zu sehen, auch in den Seitengassen nicht. Aber die Genossen waren natürlich präsent, nur waren sie fast perfekt getarnt. Man konnte freilich nicht alle Passanten durch eigene Leute ersetzen (wie das bei einer ersten Lagebesprechung noch erwogen worden war), und so kam es, daß manche Dresdner "König" erkannten oder ihn ansprachen, ob er tatsächlich der wäre, für den sie ihn halten.

Es gab unmittelbaren Personenkontakt - ein Moment, der bekanntlich jedem Sicherheitsbegleiter die höchste Konzentration und Handlungsbereitschaft abfordert. "König" war freundlich und wechselte ein paar Worte mit ihnen, während einer von Zieglers Männern von einem uneinsehbaren Standort aus Fotos von den Neugierigen machte. Sie entpuppten sich alle als harmlose Dresdner Einwohner, und die Sache lief ohne Zwischenfälle über die Bühne. Am Abend dieses Tages war Gerhard Ziegler glücklich, auch erzählte er diesmal gegen die Vorschrift alles haarklein seiner Familie.

Schon am nächsten Tag kam aus Berlin ein Schreiben vom Minister für Staatssicherheit, in dem er seinen Dresdnern für ihren Einsatz dankte, und Generalmajor B. berief für den Freitagnachmittag eine kleine "Versammlung Kategorie U" ein, wobei U für Umtrunk stand, bei welchen Anlässen es stets Krimsekt und Kaviar gab, die man bei den sowjetischen Freunden von der AA, der Auslandsaufklärung besorgte, die in einem Nebengebäude untergebracht waren. Daß man den Sekt aus Manöver Plastebechern trank und den Kaviar auf Konsumsemmeln strich, störte keinen. Die Sachsen hatten den Preußen wieder einmal gezeigt, was sie draufhaben!

* * * * *

Spätestens nach dieser so überaus erfolgreichen Maßnahme musste Gerhard Ziegler mit seiner Beförderung rechnen, und sie wäre, wahrscheinlich zum bevorstehenden Tag der Republik, auch ausgesprochen worden, wenn über den tüchtigen Oberleutnant der Stasi nicht plötzlich das Unglück hereingebrochen wäre und sein Leben für immer verändert hätte.

Während der Zeichnenstunde in ihrer dritten Klasse bekam Monika Ziegler einen Schwindelanfall und klappte bewusstlos zusammen. Ein Junge rannte ins Sekretariat, und man schaffte Frau Ziegler ins Lehrerzimmer, wo man ihr, da sie schon wieder zu sich kam, ein Glas Wasser zu trinken gab. Natürlich war sie selber am meisten überrascht.

Der Direktor ließ sie von einer Kollegin nach Hause fahren und riet ihr, noch heute, falls sie es irgendmöglich schafft, zum Arzt zu gehen. Ihren Mann konnte sie nicht benachrichtigen, weil für die Telefone in der Bezirkszentrale keine Anschlüsse existierten. So erfuhr Gerhard Ziegler erst am Abend von dem kleinen Malheur. Sie habe den ganzen Nachmittag auf dem Sofa gelegen und sei eingeschlafen, sagte sie, weshalb sie es nun doch nicht zum Arzt geschafft habe.

Womöglich sei sie einfach nur etwas überarbeitet gewesen, meinte Monika, und Gerhard nahm sie liebevoll in seine Arme und küsste sie auf die Stirn. Sie legte sich früh zu Bett, und er bat Kathrin, die Musik in ihrem Zimmer nicht zu laut aufzudrehen. "Schon gut", sagte sie, "ich hab's ja mitgekriegt."

Am nächsten Morgen fühlte sich Monika wieder fit, aber sie sagte Gerhard, sie habe irgendwie Angst, daß es wieder passieren könnte. "Dann geh' zum Arzt und lass' dich krankschreiben." Das ginge nicht, meinte sie, weil heute Elternsprechstunde wäre und sie hätte ehrlich gesagt, keine Lust, dies aufzuschieben, "weil dann ohnehin wieder was anderes ansteht."

Es ging alles gut, und zwei Wochen lang hatte sie nicht das geringste Unwohlsein. Für den Freitagabend hatten die Zieglers zwei Karten für den "Rosenkavalier" in der Semperoper, die hatte Gerhard schon vor einem halben Jahr ergattern können. In der Pause klagte Monika über starke Kopfschmerzen und ein steifes Gefühl im Nacken.

Sie fuhren nach Hause, und die Nacht war schrecklich, und frühmorgens brachte Gerhard sie zum Arzt, der von einer möglichen Meningitis sprach und ihr ein Antibiotikum verschrieb. Gerhard fragte sie, ob er nicht besser zu Hause bleiben solle oder ob wenigstens Kathrin auf sie aufpassen soll? Nein, das sei nicht nötig, sie glaube, die Tabletten würden schon wirken.

In Wahrheit wirkten die Tabletten überhaupt nicht mehr. Die Nackensteifheit ließ zwar vorübergehend nach, kam dann aber mehrmals immer stärker wieder. Sie wurde in der Medizinischen Akademie gründlich untersucht, und da erklärte ihr der Oberarzt, daß man auf dem Röntgenbild einen Schatten im Bereich des Kleinhirns gefunden habe. Was das bedeutet, wollte Monika wissen, und der Arzt sagte, es handele sich höchstwahrscheinlich um einen Tumor. "Also Krebs?", fragte sie. "So wie die Sache aussieht, müssen wir davon ausgehen, ja. Aber wir können nicht ausschließen, daß es ein gutartiger Tumor ist."

Sie bekam alle möglichen Medikamente; Gerhard holte sie aus der Apotheke, sie füllten einen ganzen Beutel. Sie war eine Woche zu Hause, und Gerhard und Kathrin taten alles, um ihr das Nichtstun erträglich zu machen und sie irgendwie aufzuheitern. Denn beide konnten nicht übersehen, daß Monika immer stiller wurde und alsbald sogar beinahe nur noch stumpfsinnig vor sich hinstarrte.

Nach dieser Woche gelang es ihr nicht mehr, bestimmte Bewegungen auszuführen und die Kaffeetasse fiel ihr aus der Hand, genauer gesagt, sie schleuderte sie in einer unwillkürlichen Zuckung durch das Zimmer. Sie wurde sehr traurig über ihre Unbeholfenheit und weinte, und Kathrin, die nicht zur Schule ging, bemühte sich, sie zu trösten, aber ihr kamen dabei selber die Tränen.

Monika wurde wieder in die Klinik überwiesen, und dort versuchten sie mit einer speziellen Therapie, den Tumor zu bekämpfen. Dann kam sie nach Hause. Sie dürfe alles essen, sagte der Arzt zu Gerhard, und wenn die Beschwerden zu groß werden, solle er unverzüglich Bescheid geben, dann schickt er einen Krankenwagen.

Eines Nachts wachte Gerhard auf, weil er hörte, wie Monika neben ihm seltsame Geräusche machte. Er knipste die Lampe an und er erschrak wie niemals zuvor in seinem Leben. Monikas ganzer Körper war verkrampft und stocksteif, sie versuchte verzweifelt, sich zu bewegen, aber sie schien wie eingeklemmt zwischen Felsbrocken. Ihr Gesicht sah völlig verändert aus, schief und verzerrt, und die Augen blickten in verschiedene Richtung, der Mund stand weit offen, und die Zunge wand sich unruhig darin, als suche sie Halt. Sie hatte die ganze Zeit etwas sagen, vielleicht schreien wollen, bis sie mit ein paar unnatürlichen Lauten schließlich Gerhard aufweckte. Sie bemerkte, wie er sich ihr zuwandte und unter Aufbietung der allerletzten Kräfte sagte sie "Hilf' mir. Bitte, hilf' mir."

Sie starb am 8. März, dem Internationalen Frauentag, der auch an ihrer Schule gefeiert wurde. Gerhard benachrichtigte den Direktor erst zwei Tage danach. Kathrin trauerte sehr, aber es war, als wollte sie ihre Trauer nicht mit dem Vater teilen. Sie hatte einen Freund, ein Jahr älter als sie, und der war ihr in dieser Zeit wohl am nächsten.

Was Gerhard selbst betraf, so konnte er nicht begreifen, was geschehen war, ja, er schien in einen Zustand verminderter Aufnahmefähigkeit versetzt. Er hatte unsägliche Mühe, die alltäglichen Dinge, die er bis dahin immer getan hatte, zu bewältigen. Die nötigen Maßnahmen hinsichtlich Monikas Bestattung überforderten ihn. Lothar Michailek, selbst ein Junggeselle, war ihm behilflich. Er übernahm für ihn die Absprache mit der Friedhofsleitung und mit dem Grabredner, ihm gab er auch die wichtigsten Anhaltpunkte über das Leben der Verstorbenen, soweit dies ihm selbst bekannt war. Er glaubte, Gerhard mit allem verschonen zu sollen, was ihn von neuem an sie erinnern könnte.

Sie wurde auf dem Friedhof in Tolkewitz nahe den Elbwiesen beerdigt. Der Grabredner gebrauchte einen Vergleich mit einer Amöbe, welche sich, inmitten der Umwelt, in der sie sich bewegt, neunundneunzig Mal links herum dreht und ein Mal, und zwar ohne ersichtlichen Grund, nach rechts. Er wollte damit andeuten, wie unberechenbar unser Leben verläuft, aber Gerhard konnte damit nichts anfangen, immer wieder sagte er "Wieso eine Amöbe? Ein Mensch ist doch keine Amöbe."

Die Trauerfeier fand in einer Gaststätte gegenüber dem Friedhof statt. In Hörweite quietschten die Straßenbahnen, die beim Depot ein- und ausfuhren. Aber man hatte einen kleinen Saal nach der andern Richtung, und es gab Kaffee und belegte Brötchen. Der Schuldirektor hielt eine kleine Rede auf die von allen geschätzte Kollegin. Und Gerhard sprach auch ein paar Worte. Kathrin trug ein schwarzes Kleid, das sie sich selber besorgt hatte, sie beeindruckte die Gäste sehr. Ihr Freund, ein stiller, etwas blasser Typ war bei ihr, er hielt fast ununterbrochen ihre Hand.

* * * * *

Generalmajor B. hatte Gerhard sein tiefes Beileid ausgesprochen und ihm jede mögliche Unterstützung zugesagt. Er forderte zugleich eine Gesundheits Überprüfung und eine Untersuchung durch den Psychologen. Ihr Ergebnis wurde Gerhard nur allgemein mitgeteilt.

Die Kollegen nahmen Rücksicht. Allmählich fand Gerhard Ziegler zu seiner alten Verfassung zurück, aber es war nicht wie vorher. Man beauftragte ihn fortan mit den weniger aufwändigen Fällen, und die vier, fünf schwierigen, über die er die Kontrolle innegehabt hatte, wurden ihm entzogen. Er nahm das hin, sprach jedoch darüber mit seinem Chef, der erwiderte "Das ist in Ihrem eigenen Interesse und auch nur vorübergehend, bis sie wieder voll belastbar sind. Glauben Sie mir, Gerd, es kommen noch schwere Kämpfe auf uns zu, da brauchen wir Sie!"

In der Tat, es rumorte im Staat. Die Zahl der Ausreiseanträge in die BRD nahm unaufhaltsam zu, in einem Monat waren es allein in Dresden 267 neue, dazu kamen die "Wiederholungstäter". Natürlich konnte man nicht alle eingehend bearbeiten. Für die Ablehnungen wurden Vordrucke erstellt, in die bloß die persönlichen Angaben eingetragen werden mussten. Die meisten Antragsteller waren ansonsten für eine strafrechtliche Ermittlung oder eine OPK nicht relevant, was die Arbeit etwas erleichterte.

Aber dann gab es einige neue Entwicklungen, die ihnen Sorgen bereiteten. Es wurde immer öfter und immer offener Kritik am Staat und an der Partei geäußert, überhaupt am Zustand des realen Sozialismus, und der Grundtenor lautete meistens: mehr Freiheit für den Bürger! Es bildeten sich Gruppen und Vereinigungen, Initiativen und Foren, es wurden Pamphlete und Aufrufe verfasst - die Schauspieler des Staatstheaters verlasen am Ende der Aufführung von der Bühne herab einen Text mit dem Titel "Wir treten aus unseren Rollen heraus." Er wurde mit stehenden Ovationen aufgenommen; nie zuvor in der vierzigjährigen Geschichte der DDR verfasste ein Kollektiv einen Aufruf, der nicht von der Partei diktiert war.

Es war schier unmöglich, gegen alle diese konspirativen Versammlungen, spontanen Aktionen oder öffentlichen Willensbekundungen, gegen allen diesen Aufruhr der Menschen mit "tschekistischer Entschlossenheit" vorzugehen und die Ruhe und Ordnung im Staat mit den bewährten Mitteln aufrechtzuerhalten. Generalmajor B. gab eine Weisung nach der andern heraus, sie kamen alle aus Berlin, vom Minister persönlich. Die Lage wurde immer ernster, und Gerhard und seine Kollegen führten immer öfter auf der Anlage in der Albertstadt, hinter den Kasernen der Sowjetarmee, ein Schießtraining durch, um im Umgang mit der Waffe fit zu sein.

Und dann geschah etwas Unbegreifliches. Das verbündete Ungarn öffnete seine Grenze zu Österreich. Wenn auch nur für einen Tag, so war es doch, als würde eine völlig andere Zukunft aufleuchten. Hunderte DDR Bürger drängten sich durch ein Loch im Maschendrahtzaun in den Westen, zu Fuß, ohne alle Habe, nur mit den Kleidern auf dem Leib und dem Kind auf dem Arm. Sie weinten und lachten vor Erschütterung, als wären sie einem Vulkanausbruch entronnen, der ihr Haus unter der Asche begraben hat.

Eines Tages kam sein Kollege Gramnich zu ihm, einen Ausreiseantrag in der Hand. "Entschuldige die Störung, Gerd. Es ist mir ein bisschen unangenehm, aber ich halte es für meine Pflicht, dich zuerst zu fragen", sagte er und strich sich dabei mit dem kleinen Finger über die Augenbraue. "Ich habe hier einen Ausreiseantrag von einem gewissen Johannes Fiedler, sagt dir der Name was?" Gerhard verneinte. Gramnich fuhr fort "Da war ein Johannes Fiedler bei deiner ... bei der Trauerfeier deiner ..."

Gerhard war verwirrt. "Wie kommst du darauf?" "Sein Name stand in der Kondolenzliste, dieselbe Unterschrift." "Das ist ..." Er stand auf und schaute auf das Blatt in Gramnichs Hand. "Ich kenne keinen Johannes Fiedler", erklärte er. "Hm", machte Gramnich. "Und deine Tochter?" "Was ist mit ihr?" Gerhards Stimme wurde abweisend. "Vielleicht kennt sie ihn, und du weißt es bloß nicht."

"Was geht dich überhaupt meine Kondolenzliste an?", rief er. "Na, bleib' ruhig. Du kennst mich doch, ich merke mir nahezu jede Unterschrift. Das ist bei mir so eine Macke." Er schaute Gerhard an, als hätte er eine handfeste Lüge aufgetischt und will, daß der andere es merkt. Dann sagte er "Du solltest deine Tochter danach fragen, in deinem eigenen Interesse. Ich lege den Antrag solange beiseite, wenn du willst." "Ja, ist gut." "Ich erwarte dann morgen eine Erklärung." "Was?" "Ich warte bis morgen damit."

Gerhard überlegte so lange hin und her, wie er Kathrin am besten fragen sollte, bis er es nur noch loswerden wollte. "Der Junge, mit dem du da zusammen bist, ist er dein fester Freund?" "Und wenn es so wäre?" "Wie heißt er?" "Johannes." "Und weiter?" "Fiedler. Warum willst du das wissen?" Er musste sich selbst wundern, wie gefasst er blieb.

"Sag' mir bitte eins, Kathrin, willst du etwa mit ihm ..." "Was?", sagte sie schroff und wurde doch rot im Gesicht. "Willst du etwa auch?" "Ach das meinst du? Ob ich auch abhauen will?" "Das heißt nicht abhauen", sagte er in bitterem Ton. "Nein, ihr nennt es anders, bei euch heißt es 'Republikflucht'." "Auch nicht." "Wie denn dann? Ist mir auch egal." "Werd' doch nicht gleich so wütend." "Bin ich nicht."

"Du hättest ihn mir mal vorstellen können, ich war ehrlich ganz schön überrascht, als er zu Mutti's Beerdigung auftauchte." Er versuchte versöhnlich zu wirken, aber es klang unglaubwürdig. "Hast du mich irgendwann mal nach ihm gefragt, ich glaube kaum? Hast du mich überhaupt jemals nach meinen Freunden gefragt?" "Das kann man auch positiv werten, als ein Zeichen von Vertrauen." "Tut mir leid, dann hab' ich es wohl missverstanden, ich habe es als ein Zeichen von Desinteresse aufgefasst. Ist es nicht seltsam, daß du erst von ihm erfährst, jetzt, wo offenbar sein Ausreiseantrag bei euch gelandet ist. Und was wirst du tun?"

Mit einem Schlag wurde Gerhard das ganze Dilemma bewusst. Irgendetwas in seinem Verstand hatte bis jetzt verhindert zu begreifen, was sein Kollege Gramnich eigentlich von ihm gewollt hatte. Mit diesem Ausreiseantrag des Freundes seiner Tochter wäre er geliefert, so oder so. Wenn er dabei bliebe, daß ihm der Name unbekannt sei, würde er sich schuldig machen, und wenn Gramnich die Wahrheit herausfindet (die er wahrscheinlich schon kennt), dann müsste sich Gerhard rechtfertigen, zweifellos würde man ein Verfahren gegen ihn einleiten.

Wenn er Gramnichs Vermutung bestätigt, dann ... ja was dann? Dann würde er seine eigene Tochter ausliefern. Freilich, sie könnte sagen, sie hätte nichts davon gewusst. Aber wer würde das glauben? Abgesehen davon, daß sie ihren Freund wohl kaum verleugnet, so etwas würde Gerhard ihr niemals zutrauen. Er war mit seinem Latein am Ende. "Sag' du mir, was ich tun soll." "Gehorche deinem Gewissen", sagte Kathrin.

Das hatte er nicht erwartet. "Meinem Gewissen?" Beinahe hätte er hinzugefügt 'Erwartest du von mir, daß ich mich von euch bekehren lasse?' "Das ist keine Angelegenheit des Gewissens, sondern des Standpunkts." "Warum fragst du mich dann? Du weißt doch sowieso immer alles besser." "Das habe ich nie behauptet." "Das musstet du auch nicht, weil bei bei euch ja von vornherein immer alles richtig war, was ihr macht." Ihm fiel plötzlich Roland S. ein mit seinem Gerede vom Unfehlbarkeitsanspruch.

"Du kapierst auch jetzt immer noch nicht, was los ist. Dieser ganze Scheißstaat geht gerade den Bach runter." "Hüte deine Zunge, Kathrin!" Sie lachte hell auf. "Merkst du eigentlich noch, mit wem du redest? Wer bin ich denn für dich? Deine Tochter? Oder werde ich jetzt zum Staatsverbrecher, weil ich jemanden kenne, der abhauen will und ihn nicht verpfiffen habe?" Er wollte sie in seine Arme nehmen, aber sie sträubte sich dagegen.

"Warum hast du es mir nicht eher gesagt!" "Und dann?" "Ich weiß nicht, ich hätte vielleicht irgendwie ..." "Ach komm' Papa, du kannst doch gar nichts ausrichten. Genausowenig wie du noch etwas verhindern kannst. Eigentlich ist uns dieser Wisch völlig egal, wir gehen sowieso." "Aber warum?" "Weil uns hier nichts mehr hält." "Aber ich bin doch noch da, ich bin dein Vater!" "Das weiß ich", sagte sie, und er glaubte, etwas Liebevolles in ihren Worten zu vernehmen.

"Papa, es geht hier um mein Leben, um meine Zukunft und auch um Johannes. Ich liebe ihn. Ich muss jetzt eine Entscheidung treffen, ich, verstehst du, ich allein, für mich selbst. Ich lasse mir nicht mehr vorschreiben, was ich zu tun oder zu lassen habe. Ich habe erkannt, daß ich einen eigenen freien Willen besitze, und damit werde ich künftig selbst über mich bestimmen.

Wenn du das akzeptierst, wird mir alles sehr viel leichter fallen. Wenn du mich deswegen verurteilst oder sogar verachtest, dann wird mir das schwer auf dem Herzen liegen, aber ich werde es verkraften müssen. Ich kann nur noch einmal sagen: Folge deinem Gewissen."

Sie schauten sich in die Augen. Er sagte leise "Du bist doch alles, was ich noch habe." Sie presste die Lippen aufeinander, ihr Kinn begann zu beben, sie umarmte ihren Vater und wischte sich dabei die Tränen fort. "Papa, ich möchte mich nicht länger für dich schämen müssen."

* * * * *

Am nächsten Tag fuhr er zum Friedhof. Er sagte bei der Verwaltung, er müsse noch einmal einen Blick in die Kondolenzliste Soundso werfen. "Das ist nicht gestattet", entgegnete der Mann im Büro, ein langer, dünner Bursche in einem dunklen Konfektionsanzug. Seine Augen gingen nervös hin und her, als lauere er darauf, daß sich einer der Toten aus dem Grab erhebt.

Gerhard sagte, es handele sich um die Trauerfeier "auf seinen Namen", und der andere erwiderte nun, das wäre nicht "Usus". "Sie geben mir jetzt sofort die Liste, oder ich sorge dafür, daß Sie Schwierigkeiten bekommen." Er machte dabei ein finsteres Gesicht, und der Mann nahm einen Aktenordner aus dem Regal, klappte den Deckel nach links, suchte in den Registerkarten den Namen und schlug ihn an der Stelle auf. Dann drehte er ihn zu Gerhard hin und sagte voller Anmaßung "Beeilen Sie sich, die Sprechzeit endigt in Kürze".

Es waren drei Blätter. Gerhard fuhr mit dem Finger darüber hinweg, auf dem dritten fand er Johannes' Namen, Kathrin hatte sich darüber eingetragen. Kurzerhand riss er die Seite aus dem Ordner, faltete sie rasch zusammen und steckte sie ein. "Was machen Sie da!", rief der Mann. "Sind Sie von Sinnen!" Gerhard drehte sich um, der andere sprang vor ihn hin und versperrte den Ausgang, Gerhard warf ihn unsanft beiseite, er hörte ihn rufen "Das wird Sie teuer zu stehen kommen! Sie ... Sie Grabräuber!"

Im Auto merkte er, wie seine Hände zitterten. Er fuhr zum Trinitatis Friedhof. Er zeriss das Blatt in kleine Schnipsel, behielt sie in der hohlen Hand, stieg aus, ging auf den Friedhof und warf alles in einen Abfallbehälter. Plötzlich erfasste ihn ein ungeheures Schamgefühl, er musste an Monika denken und er kam sich unsagbar erbärmlich vor.

Er musste sich festhalten und schluchzen, eine Frau trat auf ihn zu und legte ihre Hand auf seinen Arm "Kann ich Ihnen helfen?" "Danke, es geht schon wieder, vielen Dank." "Da vorn ist gerade der Pfarrer Ebeling, wenn Sie mit ihm sprechen wollen, er wird Sie anhören, er ist ein guter Pfarrer, er kann Sie bestimmt trösten." Gerhard schaute die Frau an. Kannte sie ihn?

Dem Kollegen Gramnich gegenüber wiederholte er dasselbe: er kenne diesen Johannes Fiedler nicht. Ob er mit seiner Tochter gesprochen habe? Selbstverständlich. Sie hätte derzeit keinen Freund. "Hm", machte Gramnich, "seltsam." Man konnte ihm ansehen, daß er Arges im Schilde führt.

"Hast du den Antrag schon bearbeitet?", fragte ihn Gerhard. "Nicht ganz. Es gibt da noch gewisse Fragen." "Was für Fragen?" Gramnich zögerte, ob er darüber sprechen sollte, dann sagte er "Dieser Fiedler ist bei der Friedensbewegung in der Lukas Kirche aktiv dabei." 'Das wundert mich nicht', wäre es Gerhard beinahe entschlüpft. Gramnich sagte "Er hat diverse Aufrufe verfasst oder zumindest mitverfasst, er scheint dort so etwas wie ein führender Kopf zu sein."

"Was soll's", versetzte Gerhard unwillkürlich, "es werden jetzt jeden Tag Dutzende Aufrufe verbreitet, willst du dich an jeden einzelnen dranhängen?" Gramnich sah ihn verwundert an, dann sagte er ziemlich ärgerlich "Was heißt denn hier dranhängen? Es ist unsere Pflicht, jedem einzelnen Verdacht nachzugehen! Wo bleibt denn dein Eifer?

Du warst doch bislang derjenige, der sich auf jedes noch so kleine Vorkommnis gestürzt hat wie der Geier auf's Aas. Und jetzt auf einmal schiebst du das mit einer Handbewegung beiseite? Oder hat es vielleicht doch etwas mit diesem Jungen zu tun? Gerd, von Kollege zu Kollege: lass dich da nicht auf krumme Sachen ein! Das könnte böse für dich ausgehen."

'Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren', hätte er erwidern können, aber das stimmte nicht, er hatte alles zu verlieren. Und es schien ihm, daß dieser Gramnich, mit dem er fast zehn Jahre glänzend zusammengearbeitet hatte, mit einem Mal versucht, ihn ins Abseits zu drängen und aus der Bahn zu werfen. 'Wahrscheinlich hat er wie ein Spürhund solange gesucht, bis er etwas gegen mich gefunden hat' dachte Gerhard, und das mit dem Freund seiner Tochter war natürlich die beste Gelegenheit, um ihn bei seinen Vorgesetzten zu denunzieren.

Wenn er sich jetzt davon einschüchtern lässt, dann ist es gleich aus mit ihm, dann könnte er, wenigstens um sein Gesicht zu wahren, die ganze Wahrheit eingestehen, daß nämlich dieser Johannes Fiedler nicht nur der Freund seiner Tochter ist, sondern daß sie, seine eigene und einzige Tochter, für die er siebzehn Jahre lang gesorgt und die er stets im Geiste des real existierenden Sozialismus in diesem Staat erzogen hat, diesem Staat den Rücken kehrt und sich mit diesem Jungen auf und davon macht. Ist das nicht die schmerzlichste Art von Vaterlandsverrat? Wenn man sowohl das Land als auch den Vater im Stich lässt?

'Aber ich werde den Teufel tun', dachte Gerhard, 'und mich vor irgendwem erniedrigen oder mich noch dafür bestrafen lassen, was ich getan oder auch versäumt habe, und vor dem hier schon gar nicht!' "Weißt du, was", sagte er zu Gramnich, "mach' doch, was du willst, aber geh' mir nicht auf den Sack!" Ein solcher Umgangston unter Genossen war in der Stasizentrale in den letzten dreißig Jahren nicht angeschlagen worden.

Gramnich reichte daraufhin eine Beschwerde gegen ihn ein, und es gab eine Aussprache mit Generalmajor B., der jedoch unmissverständlich erkennen ließ, daß man ihn angesichts der gegenwärtigen Situation mit solchen Lappalien verschonen soll; er setzte den drastischen Worten sogar noch eins drauf, als er sagte "Ist mir scheißegal, was ihr da unter euch auskaspert. Reißt euch gefälligst am Riemen und erfüllt euern Gefechtsauftrag! Euern Privatmist könnt ihr hinterher austragen." Damit schickte er beide wieder fort.

Am nächsten Tag berief Generalmajor B. eine Besprechung ein. Er wirkte sehr angespannt. In Warschau, Prag und Budapest hätten DDR Bürger die westdeutschen Botschaften besetzt und forderten ihre ungehinderte Ausreise in die BRD. Besonders die Botschaft in Prag sei bereits von hunderten Menschen besetzt und stündlich versuchen, trotz Gegenmaßnahmen der Polizei, immer weitere, über den Zaun zu klettern, um auf das Botschaftsgelände zu gelangen. "Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal", fügte der Generalmajor hinzu, als hätte ihn das, als Kommandeur, nicht kaltgelassen.

"Dann sollen sie doch dort in ihrem eigenen Dreck ersticken", meinte ein Mitarbeiter. "Die ganze Welt schaut da hin", sagte der Generalmajor, "und alle schauen auf uns. Der Klassenfeind nutzt das aus, um uns an den Pranger zu stellen. Wir dürfen keinen Augenblick Schwäche zeigen. Es laufen Verhandlungen zwischen Berlin und Bonn, um das Problem zu lösen. Aber, Genossen, ihr wisst, daß es jetzt vor allem darauf ankommt, im Vorfeld des Republikgeburtstags rigoros alles zu unterbinden, was dem Ansehen der DDR schaden könnte. Ich weise daher an, daß alle Mitarbeiter ab sofort und bis auf weiteres in unbedingter Präsenz bleiben. Überprüfen Sie außerdem Ihre persönliche Ausrüstung an Ihrem Dienstplatz, damit sie jederzeit verwendungsfähig ist."

Unbedingte Präsenz bedeutete praktisch, zu Hause neben dem Telefon zu sitzen und darauf zu warten, daß man in die Zentrale gerufen wird. Selbst zum Einkaufen bekam man eine bestimmte Zeit zugewiesen. Gerhard hörte die Nachrichten im Deutschlandfunk, auf Mittelwelle, die einzige Möglichkeit, einen Westsender zu empfangen, selbst der RIAS aus Berlin kam nur sehr schlecht in den Dresdner Kessel; nicht umsonst sprach man hier vom "Tal der Ahnungslosen".

In der Zentrale konnte man natürlich alle Sender in bester Qualität abhören (selbst die amerikanischen waren noch zu verstehen), aber danach stand Gerhard jetzt nicht der Sinn, er misstraute seinen Kollegen, er hatte, nicht erst seit Lothar Michailek mit vielsagender Miene gemeint hatte "Nachtigall, ick hör' dir trapsen", das Gefühl, daß längst nicht mehr alle in der Stasizentrale für die gemeinsame Sache kämpfen. Und was aus Berlin vom Minister kam, das deutete schon eher auf eine Verunsicherung hin.

Die Ereignisse überstürzten sich. Keine vierundzwanzig Stunden später kam die nächste Weisung: erhöhte Einsatzbereitschaft. Gleichzeitig mussten alle Akten, Dokumente und Unterlagen aus den Dienstzimmern in die dafür vorgesehenen Archivräume im Keller verbracht werden, die extra gesichert waren und je einen Zugang zum Funkraum sowie zur Waffenkammer hatten.

In den Abendstunden erschienen fünf sowjetische Offiziere bei Generalmajor B., unter ihnen der Chef der Auslandsaufklärung aus dem Gebäude, das ebenfalls auf dem Gelände an der Bautzener Straße lag, von wo sie manchmal den Sekt und den Kaviar besorgt hatten. Auf derlei Delikatessen hatte jetzt aber keiner mehr Appetit. Nur einer hatte eine Aktentasche dabei, sie begaben sich alle zusammen in den Keller.

Dort standen fünf Personalcomputer der Firma IBM, auf denen die Informationen und Daten mit der höchsten Geheimhaltungsstufe gespeichert waren, auch Gerhard Ziegler hatte dafür keine Zugriffsberechtigung. Kurz nach Mitternacht verließen die Sowjets das Haus. Gerhard war gerade in dem Kabuff am Eingang. Einer der Offiziere, der Major K., mit dem er etwas näher bekannt war, seit sie bei einer Silvesterfeier in der sowjetischen Kommandantur bis zum Gehtnichtmehr Brüderschaft getrunken hatten, grüßte ihn im Vorbeigehen. Dann kam er noch einmal zurück, drückte ihm die Hand und sagte "Schelaju stschastja, Gerchard, viel Glück!" (Er benutzte nicht mehr wie sonst das Wort uspecha) Gerhard hat ihn nie wieder gesehen.

Danach wurde der Computerraum unter Aufsicht des Generalmajors zugesperrt, und eine halbe Stunde später gab es einen dumpfen Knall, das ganze Haus bebte, und die Häftlinge im Zellentrakt fingen an, laut zu rufen, was los wäre, und die Wachleute sollten sie beruhigen und sagen, im Raum der Nachrichtenstelle sei eine Hauptsicherung durchgeflogen. Einige freuten sich daraufhin diebisch.

Zu Hause fand Gerhard einen Brief von Kathrin auf dem Küchentisch: "Lieber Papa! Wenn du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr in Dresden und wahrscheinlich auch nicht mehr in diesem Land. Bitte mache dir um mich (und Johannes) keine Sorgen, wir finden unsern Weg. Ich habe dir letztens gesagt, daß es meine eigene Entscheidung ist, also solltest du dir selber keine Schuld daran geben. Aus deiner Sicht hast du bestimmt immer alles richtig gemacht, und ich will gar nicht bestreiten, daß du ein guter Vater warst (und bist) und immer gut für mich und für Mutti gesorgt hast.

Niemand kann aus seiner Haut heraus, und ich rechne damit, daß du mein Handeln nicht begreifen kannst. Ich bitte dich nur darum, uns nichts Schlechtes und Gemeines hinterherzusagen, aufhalten könnt ihr uns sowieso nicht mehr! Johannes sagt, ihr nennt euch die Vorhut der Arbeiterklasse, aber in Wahrheit seid ihr ein Häuflein Verirrte, die der Zeit hinterherhinken.

Er hat mich gebeten, dir das mitzuteilen, ich selbst halte es für überflüssig, dir vorzuwerfen, daß du dich zum Handlanger einer am Ende menschenfeindlichen Ideologie gemacht hast, denn ich weiß, daß du, wenn dir das bewusst wird, selbst am meisten darunter leidest, vielleicht viel mehr und viel länger als alle diejenigen, die du kraft deines Amtes und deiner persönlichen Macht drangsaliert hast.

Ich hoffe nur, daß du dabei nie bis zum Äußersten gegangen bist und ich mich nicht irgendwann vor den Opfern deiner Pflichterfüllung verantworten muss, weil ich unauflösbar mit dir verbunden bin. Denn ich werde mich niemals von dir lossagen oder dich verleumden, wie es der arme Petrus getan hat, als man ihn fragte, ob er den kennt, den man gerade gekreuzigt hat! Und ich wünsche mir, daß du mich auch nicht verleumdest, denn ich werde dich als meinen Vater immer liebhaben. Ich hoffe, daß wir uns bald unter glücklicheren Umständen wiedersehen, deine Kathrin."

Zusammengesunken auf dem Stuhl, den Brief in Händen, starrt er lange darauf und kann das alles in seinem Kopf in keine Ordnung mehr bringen. Dann nimmt er aus dem Kühlschrank die Flasche klaren Schnaps, gießt ein Wasserglas halb voll und kippt ihn hinunter. Wegen der erhöhten Gefechtsbereitschaft muss er damit rechnen, jede Minute in die Zentrale gerufen zu werden. Er nimmt noch einen kleinen hinterher. Zwischendurch bricht er in Tränen aus, aber er beherrscht sich, das kann ihm jetzt bestimmt nicht weiterhelfen.

'Dieser Junge muss einen mächtigen Einfluss auf sie haben', denkt Gerhard. Der Vergleich mit Petrus und Jesus und das alles kann nur von ihm stammen. Überhaupt staunt er sehr über ihre Wortwahl. Kürzlich sprach sie davon, daß es ihr schwer auf dem Herzen liege oder vom freien Willen, den sie besäße, ganz zu schweigen von dem Gewissen, auf das sie pochte, alles Wörter, die bei ihnen zu Hause völlig ungebräuchlich gewesen waren, als gehörten sie in ein altmodisches Wörterbuch.

Vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag verkündet der Außenminister den Flüchtlingen, die dort campieren, noch in der Nacht, daß ihre Ausreise in die BRD bewilligt worden sei. Ungeheurer Jubel bricht aus. Erich Honecker, das Staatsoberhaupt der DDR, will sich des Problems offenbar so schnell wie möglich entledigen.

Aber nicht, ohne die Abtrünnigen zu demütigen, indem sie unter der Bedingung, die Fahrt (in einem geschlossenen Sonderzug) ginge nur über das Territorium der DDR, in den Westen entlassen werden sollen. Es wird gemunkelt, man will ihnen die Personalausweise abnehmen, was gleichbedeutend war mit der Aberkennung der Staatsbürgerschaft.

Und es verbreitet sich noch ein anderes, viel schlimmeres Gerücht. Das lautet, man wolle die Flüchtigen auf das Staatsgebiet locken, um sie hier zu verhaften, was auf dem Botschaftsgelände nach internationalem Recht nicht möglich war. Den verzweifelten Menschen bleibt keine Wahl. Wenn sie in den Westen wollten, müssen sie in diesen Zug steigen.

Der soll über den Hauptbahnhof in Dresden geleitet werden, der ein Kopfbahnhof ist, in den man hinein und wieder heraus fahren muss, was für die Nachtstunden geplant ist, in denen der andere Verkehr weitgehend ruht, in denen aber auch in der Stadt niemand mehr auf den Straßen unterwegs ist. Das soll sich jedoch als fatale Fehleinschätzung erweisen.

In der Stasizentrale wird die erhöhte Gefechtsbereitschaft ausgerufen, alle bekommen ihre Dienstwaffen ausgehändigt und warten auf den nächsten Befehl. Generalmajor B. steht in dauernder Verbindung mit Berlin. In den frühen Abendstunden versammeln sich die ersten Demonstranten am Hauptbahnhof. Man kann zunächst nicht genau erkennen, was sie begehren.

Es werden Einheiten der Volkspolizei, der Transportpolizei (die für alle Bahnobjekte zuständig war) sowie der Kasernierten Polizei hingeschickt. Über Megaphon ruft man die Demonstranten auf, das Gelände zu verlassen und nach Hause zu gehen. Allem Anschein nach folgt dieser Aufforderung niemand. Über der Szene kreisen Hubschrauber, die einen Dialog übertönen. Aber an dem ist sowieso keinem mehr gelegen. Bald ist klar, daß kein Zureden mehr hilft und die Versammlung aufgelöst werden muss, um eine Eskalation zu verhindern, wenn nötig mit Gewalt.

Die Demonstanten besetzen den Bahnhof, es heißt, sie wollen den Sonderzug entern und ebenfalls damit in die Freiheit fahren. Viele setzen sich auf die Gleise, andere versuchen sich zu verbarrikadieren. Der Polizei gelingt es, sie aus dem Bahnhof zu vertreiben, zu zerstreuen und die Eingänge abzusperren. Nach einer Stunde ist der Bahnhof wieder voll, und es sind noch viel mehr. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Reizgas ein, sie prügelt mit Gummiknüppeln wahllos drein. Die Besetzer werfen Flaschen und Steine, die sie aus dem Straßenpflaster herauslösen. Von überall her strömen Menschen herzu, es beginnt eine nächtliche Straßenschlacht.

Die Einheiten der Polizei reichen nicht mehr aus, um der Lage Herr zu werden. Auch sind die Einsatzbefehle unklar und es gibt ein heilloses Durcheinander, in dem jeder versucht, sich selbst zu retten. Von Berlin aus ist der Vize Verteidigungsminister per Hubschrauber unterwegs. In der Bautzener Straße herrscht fieberhafte Geschäftigkeit. Generalmajor B. beharkt sich mit dem Ersten Sekretär der Bezirksleitung wegen der Entscheidungsgewalt, es gibt Bestimmungen, nach denen in solchen Situationen beide für sich beanspruchen können, den Einsatz zu befehligen. Leider konnten sich der Generalmajor und der Bezirkschef auch schon vorher nicht riechen, aber jetzt droht das Chaos.

Da taucht in der Zentrale eine Truppe vermummter Kämpfer auf, schwarzgekleidet, schwerbewaffnet, mit Gesichtsmasken und Spezialhelmen. Der Anführer, ebenfalls mit einer Haube, die aussieht wie eine feuerfeste Skimütze mit drei Löchern für Augen und Mund, spricht mit Generalmajor B. Das ist die Diensteinheit IX der Kriminalpolizei, eine Anti Terror Einheit, von der Gerhard nie zuvor gehört hat. Während die beiden miteinander sprechen, stehen die übrigen auf dem Gang, die Sturmgewehre halb im Anschlag, als könnte die Zentrale jeden Moment überfallen werden.

Der Kommandeur lässt sich über die Lage aufklären, er redet mit dem General ohne ein Anzeichen von Ergebenheit. Dann schneidet er ihm das Wort ab und sagt "Für solchen Quatsch sind wir nicht zuständig." Er dreht sich um, ruft zu seinen Männern: "Abrücken!", und sie verschwinden ebenso schnell und lautlos wie sie gekommen sind. "Idioten!", faucht der General.

Noch einmal schafft es die Polizei, die Demonstranten zu verjagen, aber es ist, als wollte man die Blasen auf kochendem Wasser unterdrücken. Nach kurzer Zeit kehren die Massen zurück, und wieder sind es mehr als vordem. Es werden zwei Kompanien der Offiziersschule Artur Becker in die Schlacht geworfen, darunter befinden sich etliche Neueinberufene, die nicht wissen, wie ihnen geschieht, als sie in die Menge gehetzt werden. Einige verweigern den Befehl. Niemand kümmert sich um die Verletzten.

Gerhard wird angst und bange bei der Vorstellung, daß Kathrin und Johannes in dem Sonderzug sein könnten, der jeden Augenblick hier eintreffen muss. Oder womöglich haben sie es doch nicht geschafft bis nach Prag, denn die Grenze zur Tschechoslowakei ist abgeriegelt worden. Was, wenn sie unter den Demonstranten sind? Er hat natürlich kein Verlangen danach, in dem Hexenkessel mitzumischen. Aber als er hört, daß die Polizei mit äußerster Brutalität vorgeht und es nicht mehr lange dauern kann, bis der Schießbefehl gegeben wird, denkt er, es sei die einzige Chance, etwas für die beiden zu tun, wenn er sich selbst hin begibt und versucht, sie zu finden und da rauszuholen.

Der Generalmajor ist ununterbrochen am Telefonieren, die anderen versuchen sich abzulenken, rauchen, reden, in einem Nebenzimmer spielen welche Karten. Vorhin hat Gerhard gesehen, wie eine Schnapsflasche herumgereicht wurde. Er beschließt, sich unbemerkt zu verdrücken. Er steigt in den Wartburg, der im Hof steht, und der Posten am Eingangstor lässt ihn hindurch. Man könnte ihm daraus eine Anklage wegen unerlaubter Entfernung machen, denkt er, bei erhöhter Gefechtsbereitschaft ist mit solchen Aktionen nicht zu spaßen. Er kurbelt die Scheibe herunter und sagt dem Posten, wenn jemand nach ihm fragt, er wäre am Hauptbahnhof, worauf der Unteroffizier nur kurz die Hand hebt und meint "Viel Vergnügen, Genosse Oberleutnant."

Die Straßen sind dunkel und leer, es hat angefangen zu regnen. Je näher er der Innenstadt kommt, um so mehr Leute sieht er, kleine Gruppen von vier, fünf Personen, die in Richtung Bahnhof unterwegs sind wie zu einem Fußballspiel von Dynamo Dresden. Einmal laufen sie mitten auf der Straße, und erst als er hupt, gehen sie zur Seite, einer haut mit der Faust auf das Autodach.

Ein Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene kommt ihm entgegen, dann überholen ihn einige Mannschaftswagen, im letzten Moment kann er auf den Gehweg ausweichen, er würgt den Motor ab, er springt nicht gleich wieder an. Da klopft plötzlich jemand an die regennasse Scheibe, vor Schreck stockt ihm der Atem. Das Auto ist umringt von Gestalten, die ihre Kapuzen über den Kopf gezogen haben. Der hört nicht auf zu klopfen und ruft "Mach auf!"

Gerhard dreht die Scheibe eine Handbreit herunter. "Kannst du uns mitnehmen?", fragt der andere gar nicht feindselig. "Wohin?" "Wohin, Kumpel? Wohin fährst du denn?" "Steigt ein", sagt Gerhard, und vier zwängen sich auf die Rückbank, zwei Mädchen dabei, einer setzt sich vorn neben ihn, er hält einen prallen Rucksack fest. "Fahr am besten von der Rückseite ran", rät er. "Hatte ich sowieso vor. Wollt ihr mit dem Sonderzug mit?" Der guckt ihn an. "Sonderzug?" Alle lachen. "Ja, Kumpel, wir nehmen den Sonderzug."

Da kommt eine Straßensperre, sie werden unruhig, der Beifahrer legt eine Hand aufs Armaturenbrett. "Scheiße, da stehn die Bullen! Fahr links rum, über die Oschatzer." "Die ist gesperrt", behauptet hinten einer, und ein Mädchen sagt "Können wir mal kurz anhalten, ich muss pinkeln." "Scheiß' auf gesperrt, da müssen wir durch."

Gerhard kurvt durch ein paar Seitenstraßen, in einer muss er scharf bremsen, als ein paar Leute schreiend vors Auto springen, die von Polizisten verfolgt werden. "Nicht anhalten, Kumpel, bloß nicht stehnbleiben!", ruft der Beifahrer und greift ihm ins Lenkrad. "Lass' das, Junge!"

Man kann den Lärm vom Bahnhof her hören, alle lauschen gespannt. "Da, fahr da vorn rechts rein, da gibts einen Durchgang!" "Wo? Hier?" "Ja, hier, fahr' hier rauf!" Gerhard fährt über eine Grünfläche, an einer Häuserzeile entlang, wirft eine Mülltonne um und schrammt an einem Laternenpfahl vorbei. "Hier rein!" Er kurbelt das Lenkrad nach rechts, holpert über einen Hof, wo er irgendwas ein Stück mitschleift, und passt gerade so durch einen Torbogen auf der andern Seite. Vor sich sehen sie das Schlachtfeld, die Menschenmasse wogt im grellen Scheinwerferlicht, weiße Rauchschwaden ziehen darüber hin, Blitze zucken durch den Regen, ein unheimliches Gekreische und Gebrüll erfüllt die Luft.

"Los, raus!", ruft der vorn und reißt die Tür auf, hinten stürzen sie ihm nach, alle rennen in das Höllenspektakel, als wollten sie darin eintauchen wie im Meer. Gerhard steigt aus, gleich erwischt ihn ein Schwaden Reizgas und brennt in den Augen. Er muss husten. Er sieht sich um, dann rangiert er den Wagen so, daß man schnell damit fortkommt. Er nimmt seine Pistole heraus, entsichert sie und steckt sie wieder in das Holster am Gürtel. Er geht hin.

Schwer zu sagen, was da überhaupt vor sich geht. Gerhard versucht, unter den Bahnbrücken hindurch zum Seiteneingang zu kommen, aber alles ist vollgepropft von Menschen, die mal vorwärts drängen, dann wieder zurückweichen. Zwischendurch treiben Polizisten mit Schlagstöcken alle auseinander. Manche rennen vor ihnen davon, Gerhard wird angerempelt und noch bevor er wieder Halt bekommt, kracht jemand voll gegen ihn und reißt ihn zu Boden, er spürt einen Schmerz im Steißbein.

Der andere ist schnell wieder auf, aber ein Polizist, der ihn verfolgt hat, drischt auf Gerhard ein, daß er die Arme vors Gesicht halten muss und sich wegwälzt. Zum Glück für ihn fallen vier, fünf Leute über den Polizisten her und stoßen ihn zurück. Ein zweiter, der ihm helfen will, stolpert über Gerhard und fällt hart aufs Pflaster, während ein halbwüchsiger Junge Gerhard am Arm hochzieht. "Mensch Alter, das ist hier keine Rentnerdisco!" "Ja, ich weiß", sagt er und setzt hinzu "ich suche jemand." Das ist freilich idiotisch, und der Junge ist längst in der Menge verschwunden.

Gerhards Steiß tut höllisch weh. Kaum daß er die Orientierung wiedererlangt hat, erfasst ihn ein Pulk von hinten (es sind welche, die von der Polizei eben von vorn vertrieben wurden), sie rennen mit voller Wucht gegen eine Kette mit einem halben Dutzend Uniformierte, die sich hastig untergehakt haben, ihre Gesichter sind wie vor Todesangst verzerrt. Gerhard wird zwischen sie gequetscht, aber er kann zwei von denen trennen und gewinnt dahinter einige Schritt Raum.

Von der Seite kommen Mannschaftswagen, Polizisten mit Helm und Schild springen herab und stürmen ebenfalls zum Eingang. Indem sie ihn erreichen, bricht aus dem Gebäude ein Haufen schreiender und heulender Jugendlicher heraus, hinter ihnen sieht man, wie zig Arme mit Gummiknüppeln auf sie niedertrommeln. Die Truppe mit den Schilden kann sie nicht aufhalten und wer nicht sofort zur Seite springt, wird selbst mitgerissen.

Gerhard duckt sich, als ein Hagel von Steinen niedergeht, einer trifft ihn an der Schulter. Neben ihm liegt ein Mädchen am Boden, das sich übergeben muss. Er macht einen Satz nach vorn und ein Junge kommt ihm entgegen, der ruft "Jessy! Jessy!" Gerhard zeigt ihm, wo das Mädchen liegt, da stößt ihm irgendetwas in die Seite auf den Pistolengriff, er befürchtet, sie könnte losgehen, aber jetzt ist keine Zeit, sie zu sichern. Er denkt an Kathrin, er muss irgendwie da hinein kommen.

Er versucht es seitwärts. Drinnen schiebt sich die Menge zu den Bahngleisen hin, die Polizisten attackiert sie von zwei Seiten, aber ohne klare Befehle hauen sie nur verzweifelt drauflos. Schreie erfüllen die Luft, Männer brüllen, Frauen kreischen auf, Scheiben zersplittern, Flaschen fliegen über sie hinweg, beißender Rauch verbreitet sich. Gerhard sieht, wie jemand von einem Wandsims springt, von dort kann man vielleicht noch etwas überschauen, denkt er und klettert hinauf.

Da glaubt er, Kathrins roten Anorak mit dem Fellsaum an der Kapuze zu entdecken, in dem er sie zuletzt gesehen hat. Sie wird gerade zu einem der Ausgänge abgedrängt. Er schreit aus Leibeskräften ihren Namen, er meint, daß sie den Kopf wendet. Da zerrt jemand an seinem Hosenbein, er verliert den Halt und stürzt herunter. "Lass uns hier verschwinden!", sagt er zu ihm.

Es ist Lothar Michailek, er hat eine Platzwunde an der Stirn. "Was ist mit dir passiert?" "Nur eine Schramme, von einem Schlagstock. Komm' jetzt, raus hier." Gerhard versteht nicht. "Aber wieso bist du hier, Lothar?" "Häh? Die haben uns doch hergeschickt, damit wir uns druntermischen sollen. Ich dachte, du bist als erster los." "Ich suche nur meine Tochter." "Ach du Scheiße! Mensch Gerd, gleich kommen zwei Hundertschaften von der Panzerdivision, die werden hier aufräumen, das kann böse ausgehen. Siehst du, die machen keinen Unterschied", setzt er hinzu und deutet auf seine Wunde, aus der immer noch Blut über sein Gesicht läuft.

Draußen an der Ostseite stehen mehrere Mannschaftswagen. Wen die Polizisten erwischt haben, der wird hierher geschleift und verladen. Wenn ein Wagen voll ist, braust er ab, dauernd kommen neue heran. Auch die Hubschrauber kreisen wieder, ihre Scheinwerfer streichen über die Menschen hinweg und legen fahles, gespenstisches Licht auf ihre Gesichter. "Wo bringen sie sie hin?", brüllt Gerhard. "In die Kaserne auf der Fischer Allee und raus auf den Heller", brüllt Lothar zurück. Er sagt noch etwas, aber Gerhard hat den roten Anorak wieder erblickt, das Mädchen wird eben auf einen der Wagen gestoßen, zwei Mann haben sie daraufgeschmissen wie ein Stück Vieh.

Er rennt zu seinem Auto. Wie er sich auf den Sitz schwingt, schreit er vor Schmerz auf, wenn dieser verfluchte Steiß mal nicht angeknackst ist! Er rast zur Kaserne der Bereitschaftspolizei, da lassen sie ihn nicht hinein. Er zeigt seinen Dienstausweis. "Ich bin Oberleutnant der Staatssicherheit." Ein Posten mit der Kalaschnikow an der Hüfte entgegnet gereizt "Ist mir unklar, was Sie hier noch sichern wollen, da hättet ihr mal früher anfangen müssen!" An ihnen vorbei rattern die Mannschaftswagen aufs Gelände.

"Wo kommen die hin?" "Was?" "Die Zugeführten, wohin ..." Jemand ruft den Posten aus dem Wachhäuschen ans Telefon. Ein anderer meint "Jetzt machen Sie sich vom Acker, Mann! Wir schaffen das allein." Gerhard will ihn anschnauzen, was er sich untersteht, aber womöglich ist Kathrin gar nicht hier, sondern mit dem andern Transport auf den Heller gebracht worden. In seiner Einbildung klammert er sich an die Hoffnung, sie zu finden, obwohl überhaupt nicht sicher ist, daß sie dabei war.

Er fährt hinaus zur Kaserne auf dem Heller. Der Kontrolldurchlass ist nicht besetzt. Im gelben Licht der Bogenlaternen rennt Gerhard über den regennassen Appellplatz. Drüben fällt heller Lichtschein durch das offene Tor der Wagenhalle. Tatsächlich kommen hier allenthalben die Lastwagen mit Festgenommenen vom Bahnhof an. Die Leute werden heruntergeholt und durch eine Gasse von Polizisten in die Halle gejagt.

Es setzt Schläge auf Rücken und Beine. "Das geht auch schneller!" ist offenbar der Lieblingskommentar der Uniformierten, andere sparen nicht mit übelsten Schimpfwörtern. Die Demonstranten müssen sich drinnen mit dem Gesicht zur Wand aufstellen, mit gespreizten Beinen und Armen, oft wird mit einem Schlag in den Schritt nachgeholfen. Viele zittern wie Espenlaub am ganzen Körper.

Gerhard sieht einen Hauptmann, den er kennt. "Bleiben die hier?", fragt er ihn. "Solange noch welche reinpassen, aber die ersten gehen schon ab nach Bautzen. Ich denke, ihr schreibt die Blitzurteile?", sagt er zu Gerhard. Der zuckt mit den Schultern. "Wenn, dann kommen die vom Militär Staatsanwalt." Der Hauptmann schüttelt den Kopf. "Eine einzige Stümperei ist das."

Gerhard hat das Mädchen mit dem roten Anorak aus den Augen verloren, und allmählich begreift er, daß es zwecklos ist, nach Kathrin zu suchen. Stattdessen redet er sich jetzt ganz fest ein, sie wäre mit ihrem Freund schon längst außer Reichweite. Er beschließt, in die Zentrale zurückzufahren. Dort ist alles soweit ruhig, aber die Luft ist zum Schneiden dick und miefig, offenbar traut sich keiner, ein Fenster zu öffnen.

Der Generalmajor telefoniert immer noch, aber er wirkt erschöpft, er spricht mit gesenktem Kopf und gibt sich dann und wann einen Ruck, richtet sich auf und schaut geradeaus, während er monoton, fast teilnahmslos "Ja" und "Jawohl", "Ist gut" und "Machen wir" brummt. Er hält sich mit starkem Kaffee wach.

Die andern lungern herum wie am frühen Abend, niemand spielt mehr Karten, die Aschenbecher quellen über, keiner mag sie ausleeren. Geschirr mit Essenresten steht auf den Tischen, mancher hat eine Schnapsfahne. Einer kippelt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Stuhl und meint "Das haben wir alles nur den Russen zu verdanken und Gorbatschow mit seiner dämlichen Perestroika, der hat sie alle aufgehetzt. Der hat Honecker die Suppe eingebrockt, und wir dürfen sie auslöffeln."

Gerhard findet Lothar Michailek, er hat sich verarzten lassen. Er nimmt Gerhard am Arm zur Seite und flüstert "Hast du sie gefunden?" Gerhard schüttelt den Kopf. Da muss er ein Schluchzen unterdrücken, und er weiß nicht, ob es wegen Kathrin ist oder wegen Lothars Anteilnahme. Am liebsten würde er jetzt mit ihm in der "Prohliser Mühle" sitzen, sich volllaufen lassen und dann sorglos nach Hause torkeln.

Mehrere hundert Demonstranten wurden in dieser Nacht nach Bautzen in die Haftanstalt gebracht, wo sie nochmal stundenlang stehend ausharren und die unwürdige Behandlung der Polizisten ertragen mussten. Es waren auch Ältere darunter, die die Tortur nicht aushielten und einen Schwächeanfall erlitten, und es gab einige Mädchen, die hinterher davon sprachen, sie seien vergewaltigt worden. Von allen wurden die Personalien aufgenommen, keiner ihrer Angehörigen wurde informiert, manche blieben drei Tage weg. Der Militär Staatsanwalt verhing in Schnellverfahren Ordnungsstrafen. Kein einziger Fall wurde noch in die Bautzener Straße weitergeleitet.

Der Republik Geburtstag geriet zur Farce, niemand feierte vierzig Jahre DDR, sondern man jubelte Michail Gorbatschow zu, der neben Honecker auf der Tribüne stand und kurz zuvor gegenüber den Journalisten den orakelhaften Satz geäußert hatte: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Jeder wusste, wer damit gemeint war, und die eisige Miene Honeckers zeigte nur zu deutlich, daß die ewigwährende Freundschaft mit dem großen Bruder zerbrochen war.

Übrigens waren die Flüchtlinge mit dem Sonderzug aus Prag wohlbehalten im Westen angekommen. Aber die Ausreisewelle hielt unvermindert an. In der Stasizentrale jedoch war kaum noch jemand damit beschäftigt. Generalmajor B. sprach in Andeutungen immer öfter davon, daß man sich darauf vorbereiten müsse, "den ganzen Laden in eine neue Struktur" zu überführen.

Eines Morgens, als Gerhard die Dienststelle betrat, erfährt er, daß in der Nacht die Berliner Grenzübergangsstelle an der Bornholmer Straße geöffnet worden war. Die Grenzsoldaten und der wachhabende Offizier ließen die DDR Bürger ungehindert passieren. Die spazierten in der fröhlichsten Laune sogleich über den Kurfürstendamm, die Sündenmeile der imperialistischen Festung Westberlin.

Was war passiert? Der Genosse Schabowski hatte in einer Presseerklärung der Staatsführung mitgeteilt, daß für einen Besuch der BRD und Westberlins alle bisherigen Bedingungen aufgehoben und kein spezieller Antrag mehr nötig wären und daß mithin vorher auch keinerlei Erlaubnis eingeholt werden müsse. Auf die Nachfrage eines Journalisten, ab wann dieser Erlass in Kraft trete, antwortete Schabowski nach einer kurzen Unschlüssigkeit: "Ab sofort."

Der Vorgang war so beiläufig und banal, daß er nicht einmal für das taugte, was man einen Treppenwitz der Geschichte nennt. Die heroischen Führer der Arbeiterklasse hatten vergessen anzugeben, zu welchem Zeitpunkt der Aufbau des Kommunismus eingestellt werden sollte.

In den folgenden Tagen machten sich Hunderttausende auf in Richtung Westen, an den (nun für immer aufgerichteten) Schlagbäumen der Staatsgrenze stauten sich kilometerlang die Autos, hauptsächlich Trabbis, stinkende Zweitakter, welche die properen Innenstädte der grenznahen Regionen mit Abgasen verpesteten.

Aber im Westen hieß man die Brüder und Schwestern willkommen, ein jeder, ob Greis oder Säugling, bekam einhundert D-Mark Begrüßungsgeld in bar und echten Bohnenkaffee, den freiwillige Helfer auf dem Marktplatz aus der Thermoskanne spendierten. Man bestaunte die Automobile in Schaufenstern! Nach diesem Ausflug kehrten alle nach Hause zurück, erfreuten sich an den Sachen, die sie im Sonderangebot erstanden hatten, debattierten über den Geschmack der unzähligen Sorten Fruchtjoghurt, und die Kinder schrieben am nächsten Tag im Deutschunterricht einen Aufsatz mit dem Thema "Meine erste Reise in den Westen".

In der Stasizentrale in der Bautzener Straße wurden die Untersuchungshäftlinge einzeln entlassen. Ihr Verfahren ist eingestellt worden, wurde ihnen gesagt, ihre Kleidung und die persönlichen Gegenstände wurden ihnen gegen Unterschrift ausgehändigt, und sie selbst vor die Tür gesetzt. Dann begann das große Aufräumen.

Tag und Nacht wurden Akten vernichtet. Zuerst mit einem Schredder, der jedoch schon ein älteres Modell war und bald nach ununterbrochenem Betrieb den Geist aufgab. Man besorgte zwei andere, von denen sich einer festfraß und so heißlief, daß man ihn abstellen musste, und der andere immer langsamer wurde, während Gerhard und seine Kollegen immer neue, immer dickere Stapel von Papier heranschafften.

Parallel dazu warf man die Akten haufenweise in den Ofen des Heizhauses, das immerhin das ganze Objekt einschließlich der Außenanlagen bis hin zur Gärtnerei versorgte. Aber unter der Papierasche erstickte das Feuer selbst, und man musste sie erst herausschaufeln, bevor man es neuerlich anfachen konnte. Es war eine Drecksarbeit, die ganze Überwachung und Bespitzelung der Millionen Staatsbürger über Jahre und Jahrzehnte hinweg mit einem Mal zu vernichten.

Aber als eine aufgebrachte Menge versuchte, die Zentrale zu stürmen und ihr schließlich, unter beschwichtigender Vermittlung des Herrn Superintendenten der Zugang gewährt wurde, da fanden die Leute weiter nichts als leere Zellen, leere Schränke, leere Schreibtische. Die Heizung war kalt, die Wasserhähne röchelten, ein paar Computermonitore lagen nutzlos in der Ecke, und die Telefone waren so tot wie die Fliegen auf dem Fensterbrett.

Kurz vor Weihnachten sprach der Bundeskanzler auf dem Dresdner Neumarkt vor einer unübersehbaren Menschenmenge und einem Meer von schwarzrotgoldnen Fahnen. Er prophezeite Ostdeutschland "blühende Landschaften", und von da an verhandelte er mit den Russen über die deutsche Wiedervereinigung. Im folgenden Frühsommer fanden Wahlen zum Parlament statt, die DDR-Mark wurde zwei zu eins durch die D-Mark ersetzt, und die innerdeutsche Grenze abgerissen. An einem dritten Oktober wurde das Territorium der DDR in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert.

Gerhard Zieglers Chef und Vorgesetzter, der Generalmajor B., hatte sich, kein halbes Jahr nach den Krawallen am Hauptbahnhof, selber das Leben genommen.

* * * * *

Auf einem brachliegenden Gartengrundstück an der Pirnaer Landstraße bot ein Holländer Gebrauchtwagen an. Gerhard kaufte einen Opel Kadett, Baujahr 1978, mit 230 Tausend Kilometern, für 2900 Mark. Seinen Wartburg Tourist, der Eigentum des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen war, hatte er natürlich nicht behalten dürfen. Der Stellvertreter von Generalmajor B., der hauptsächlich durch Abwesenheit geglänzt hatte, weil er ständig krankgeschrieben war, hatte nach der allgemeinen Auflösung die ganze Fahrzeugflotte nach Polen verscherbelt. Der Opel war soweit in Ordnung, wenn man davon absah, daß alle dreihundert Kilometer das Öl nachgefüllt werden musste.

Den Mitarbeitern der Stasi war eine Ausgleichszahlung zugesprochen worden, nachdem sie praktisch ihre Arbeitsstelle verloren hatten. Auf massiven Protest der Bürgerbewegung wurde der ursprüngliche Betrag noch einmal gekürzt. Die Zieglers hatten im Laufe der Jahre etwas Geld auf die hohe Kante gelegt, und nach der Halbierung durch die Währungsreform blieb Gerhard immer noch so viel, daß er damit vielleicht für ein Jahr gut über die Runden käme.

Aber viel bedrückender für ihn war das Nichtstun. Anfangs stand er frühmorgens auf (er stellte sogar den Wecker wie immer) machte sich Frühstück und kleidete sich an, als wollte er zum Dienst gehen. Aber um halb zehn saß er immer noch in der Küche, und halb eins auch noch. Am Nachmittag ging er in die Kaufhalle, holte sich Brötchen, etwas Aufschnitt und zwei Flaschen Bier, ab und zu ein verpacktes Fertiggericht oder ein Glas Wiener Würstchen, das dann meist eine Weile im Vorratsregal stand. Abends setzte er sich vor den Fernseher. Niemand rief ihn an, und er rief niemanden an, der einzige Mensch, mit dem er sprach, war die Kassiererin in der Kaufhalle, die ihm noch einen guten Tag wünschte, was er erwiderte.

Irgendwann blieb er bis zehn oder elf im Bett, schlürfte dann seinen Kaffee aus einem großen Becher mit einem gelben Smiley drauf und starrte vor sich hin. Im Sonderangebot kaufte er sich einen blauen Jogginganzug, der sehr bequem zuhause zu tragen war, manchmal schlief er sogar darin. Für draußen zog er eine Jeans an, die mindestens eine Nummer zu groß und aus einem Stoff war, den Monika "strapazierfähig" genannt hätte, so wie ihn früher die Fidschis verwendeten. Seine alten Sachen, die blassen Hemden, die breiten Krawatten, die Hosen mit Bügelfalte, die grauen Socken, selbst die Herren Taschentücher stopfte er nach und nach in Plastetüten und warf sie in einen Lumpencontainer.

Er wollte anfangen zu lesen. Die Bücher in der Schrankwand waren fast alle Geschenke, etliche auch sogenannte Buchprämien, die er als Auszeichnung erhalten hatte, darunter die zweibändige Biographie von Ernst Thälmann. Tatsächlich schreckte er jetzt davor zurück, sie überhaupt nur anzufassen.

Er ging in die Buchhandlung. "Doktor Schiwago" fiel ihm als erstes ins Auge. Gerhard erinnerte sich, daß der Lehrer Siegfried W. aus Heidenau zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war, weil er in seiner Wohnung vor Freunden und Schülern(!) aus diesem Buch vorgelesen hatte. Er, Oberleutnant Ziegler, hatte die Ermittlungen geführt. Mein Gott, dachte er jetzt, was für ein Bild gäbe ich ab, allein daheim mit "Doktor Schiwago" in der Hand? Und keiner, der auch nur die geringste Notiz davon nimmt! Oh, wie recht hatte Kathrin, als sie ihm voraussagte, er werde viel mehr unter seinen Untaten leiden als jene, denen er ein Leid zugefügt hat.

Auf einem Ein-Blatt-Jahreskalender trug er ein, wann er beim Friseur war oder wann Dynamo Dresden das nächste Heimspiel hat. Aber er ging nicht hin, er hatte, vielleicht eine Folge der Randale damals am Hauptbahnhof, eine panische Angst vor Menschen Ansammlungen. Oder war es die Angst davor, erkannt zu werden? Obwohl er nahe daran zu spüren, wie ihm in seiner Wohnung die Decke auf den Kopf fällt und er die Langeweile und die Untätigkeit so satt hatte, konnte er sich nicht überwinden, zum Arbeitsamt zu gehen, um nach einer neuen Stelle zu suchen. Es war ihm noch fremdartiger als es bisher die Kirche gewesen war.

Wer hätte ihn auch genommen? Einen Oberleutnant der Stasi, der nie etwas anderes im Sinn hatte, als Menschen zu überwachen und zu kontrollieren und ihr Leben zu zerstören, wenn sie nur um Haaresbreite von den allmächtigen, unantastbaren Direktiven der Partei und Staatsführer abwichen.

Aber wenn er gründlicher darüber nachdachte, schien ihm, daß er vor allem deshalb nicht zu dieser bundesdeutschen Behörde gehen wollte, weil er befürchtete, durch die Befragungen und Auskünfte über seine Person, die dort gewiss eingefordert werden, so kläglich und lächerlich erscheinen würde, daß er vor Verlegenheit in Grund und Boden versinken müsste. Er sah jedoch immer noch nicht ein, weshalb er als ein Verlierer dastehen und für etwas büßen sollte, das einmal und zwar für eine recht lange Zeit als Dienst an der höchsten Aufgabe gegolten hatte.

Er machte sich also auf, selbst nach einer Arbeit zu suchen. In Reick hatte er eine neueröffnete Fahrschule entdeckt, wo laut einem Aushang im Fenster Fahrlehrer gebraucht wurden. Er sprach mit dem Geschäftsführer, einem freundlichen Mann, der gut zehn Jahre jünger als Gerhard war und in seiner Erscheinung etwas von einem Sportlehrer an sich hatte.

Er notierte Gerhards Namen, Adresse, Geburtsdatum und Telefonnummer. Er fragte ihn nach seinem Beruf, und Gerhard antwortete, er war in der Verwaltung tätig. Dann fügte er hinzu, er wäre im Innendienst der Armee angestellt gewesen. "Dann sind Sie Offizier?" "Oberleutnant." "Und gab es keine Möglichkeit, Sie zu übernehmen?" "Ich bin auf eigenen Wunsch ausgeschieden." "Warum, wenn ich fragen darf?", sagte der Mann mit einer Spur von persönlichem Interesse. "Ich möchte etwas anderes machen."

"Verstehe", erwiderte er und überlegte einen Moment. "Und warum gerade Fahrlehrer?" "Ich arbeite gern mit jungen Menschen. Ich glaube, ich habe die erforderliche Geduld, ihnen etwas beizubringen." Der andere lächelte. "Ja, die ist manchmal nötig." Dann fragte er ihn nach seiner Fahrpraxis und machte sich eine weitere Notiz. Ob er sich auch vorstellen könnte, als Taxifahrer zu arbeiten? Gerhard war davon nicht eben begeistert, an so etwas hatte er bisher nicht gedacht, aber er sagte "Mit der Perspektive auf eine Fahrlehrerstelle wäre ich dazu auch bereit."

"Hm", machte der andere. "Gut. Dann weiß ich erst mal Bescheid. Ich kann Ihnen jetzt nichts zusagen, es gibt natürlich noch andere Bewerber, aber ich melde mich bei Ihnen, sobald eine Entscheidung getroffen wurde, einverstanden, Herr Ziegler?" Er stand auf und reichte Gerhard die Hand. Erst zu Hause fiel ihm ein, daß er unbedingt nach dem Verdienst hätte fragen sollen.

Nichtsdestotrotz hatte ihm sein erstes Vorstellungsgespräch Auftrieb gegeben. Er fing an, die Stellenanzeigen in der Zeitung zu durchforsten. Er stellte mit Bedauern fest, daß er sich von seinem Ideal einer Arbeit am Büroschreibtisch verabschieden musste. Der Posten, den er sein halbes Leben lang mit so viel Zähigkeit besetzt gehalten hatte, war gefallen (wenngleich nicht eingenommen worden).

Nun musste er sich umstellen, er war kein Kämpfer mehr, kein Soldat, sondern - nun ja, auch kein echter Arbeiter, dafür fühlte er sich überqualifiziert, aber auch kein Manager, wenn es nach den Anforderungen ging, wie sie jetzt hier überall verlangt wurden. Er nahm ein Angebot als Hausmeister, als Wachmann und eins als Chauffeur in die engere Wahl, mit letzterem näherte er sich halbwegs dem Vorschlag des Fahrschule Chefs an. Alle drei gewährten ihm, so meinte er, eine gewisse Unabhängigkeit, die er, nachdem der Apparat, der ihn einst erhalten hatte, aufgelöst worden war, als etwas Positives betrachtete.

Der Chauffeur war bereits vergeben, als Gerhard sich dort meldete. Die Wachmann Stelle hatte flexible Arbeitszeiten, was ihn nicht unbedingt störte, aber sie war schlecht bezahlt und hatte eine Probezeit von sechs Monaten; am meisten missfiel ihm aber, daß man einen Lehrgang, der vorher nötig war, selbst bezahlen musste. Diesmal war er es, der sagte, er meldet sich, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. "Warten Sie nicht zu lange", sagte der Mann, mit dem er das Gespräch führte. Er hatte ihn die ganze Zeit mit "Herr Ziemer" angeredet.

Der Hausmeister war gesucht in einer Schule in Radebeul, die sich jetzt Karl-May-Gymnasium nannte. Er stellte sich bei der Direktorin vor. Sie bot ihm eine Tasse Kaffee an. Er sagte, er habe zwar keine einschlägige Ausbildung dafür, aber er sei "handwerklich technisch" nicht unbegabt. Außerdem könne er gut organisieren, wenn es etwas zu beschaffen gilt. Und er arbeite gern mit Kindern.

Als Hausmeister, entgegnete die Direktorin, hätte er mit den Schülerinnen und Schülern nur peripher zu tun, und wenn, wäre das oft nicht die reinste Freude. "Da muss man manchmal aufpassen, daß man nicht über den Tisch gezogen wird", sagte sie lächelnd. "Und was die Beschaffung angeht, so leben wir Gott sei Dank nicht mehr in der Mangelwirtschaft, das dürfte Ihre Arbeit nicht erschweren." "Umso besser", entfuhr es Gerhard, und er sah, wie sie daraufhin die Brauen hob. Dann sagte sie das gleiche wie der Fahrschule Chef.

Als Gerhard gehen wollte, fragte sie plötzlich "Wie geht es eigentlich der Kathrin?" "Wie bitte?" "Sie war doch auf der Kollwitz Schule, ich war ihre Deutschlehrerin", sagte sie halb fragend, anscheinend konnte sie nicht glauben, daß er sie nicht erkannt hatte. "Ach ja, stimmt, Frau ..." "Engel, seit kurzem Studienrätin." "Oh, gratuliere! Tja, die Kathrin ist jetzt im Westen." "Und wo?" "In Hamburg", sagte er, "sie hat dort eine Stelle in einem Büro, bei der Zeitung." "Prima. Ganz ohne Studium?" "Das ist eine Stelle, wo sie ... wo sie ..." "Eine Stelle als Trainee?" "Ja, so ähnlich. Ich muss jetzt leider gehen, Frau Engel, ich habe noch einen andern Termin." "Ja, natürlich. Und sagen Sie ihr einen schönen Gruß von mir." "Mach' ich ganz bestimmt."

Nach drei weiteren Vorstellungsgesprächen und fünfmal so vielen Bewerbungen, auf die keine Reaktion kamen, entschloss er sich doch, zum Arbeitsamt zu gehen. Er bekam noch mehr Formulare in die Hand gedrückt, als er befürchtet hatte. Er sagte, damit sei er überfordert, und man antwortete ihm, das wäre überhaupt kein Problem, denn er würde an einer dreitätigen Schulung teilnehmen, in der er alles lernt, um die Anträge richtig auszufüllen. Außerdem gebe es auch ein Bewerbertraining mit vielen wichtigen, professionellen Tips.

Gerhard empfand diese Unterweisung als sehr instruktiv, er gab sich Mühe, alles so zu machen, wie es verlangt wurde, und er freute sich, daß der Schulungsleiter mit ihm zufrieden war. Er wies allerdings auch darauf hin, daß es sich hier um ein Trockentraining handele und die Hauptaufgabe für alle erst draußen auf dem freien Arbeitsmarkt auf sie zukäme. Gerhard musste ein Lachen unterdrücken, war doch das Wort Hauptaufgabe seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in einer ganz anderen Bedeutung gebraucht worden.

Übrigens lernte er bei dieser Gelegenheit eine Frau namens Elke kennen, die neben ihm saß. Am zweiten Tag gingen sie zusammen Kaffeetrinken, und am Ende verabredeten sie sich für ein anderes Mal.

Als Gerhard am Nachmittag in der Neustadt etwas zu besorgen hatte, sprach ihn jemand an. "Oberleutnant Ziegler?" Er drehte sich zu ihm um. "Ich bin's, Roland Seyfart, Sie brauchen sich nicht zu verstellen." Da erkannte er ihn wieder, er sah geschniegelt aus, wie einem Modejournal für den modernen Mann entstiegen, selbst sein Haarschnitt war ausstellungsreif.

"Herr Seyfart", sagte Gerhard und lächelte kalt, "warum sollte ich mich verstellen?" "Ich weiß nicht, sagen Sie es mir!" Gerhard wollte unter irgendeinem Vorwand schnell weiter, aber dann dachte er, daß er keineswegs davonlaufen müsse, vor dem schon gar nicht! "Sie sind wieder hier in Dresden?"

Seyfart stieß einen kurzen Lacher aus und bewegte dabei den Kopf, als erinnere er den anderen an eine lange ausstehende Rückzahlung. Dann schien auch er anders fortzufahren. "Und Sie, Genosse Oberleutnant, was machen Sie jetzt? In Ihrem alten Beruf konnten Sie ja wohl nicht weiterarbeiten." Gerhard ignorierte den bissigen Unterton. "Ich arbeite als Dispatcher bei einer Transportfirma." Wieder lachte Seyfart, aber jetzt voller Hohn.

"Genosse Oberleutnant! Ich habe Ihnen damals schon nichts von dem geglaubt, was Sie gesagt haben." "Das ist Ihre Sache!", sagte Gerhard mit Nachdruck. "Sie können schließlich tun und lassen, was Sie wollen." Der Zusatz wäre nicht nötig gewesen, aber er konnte ihn sich nicht verkneifen. "Richtig!", meinte Seyfart. "Genau das, was Sie immer mit aller Kraft verhindern wollten." Auf einmal kam ihm dieser Roland S. genauso vor wie sein alter Kollege Gramnich, als er ihn unter Druck setzen wollte.

"Ja, nun", entgegnete Gerhard gelassen, "meine Kräfte haben wohl nicht ausgereicht." "Was soll's! Machen Sie sich nichts draus. Wie wär's, wenn ich Sie zu einem Kaffee einlade und Ihnen dabei einen Vorschlag unterbreite?" "Was für ein Vorschlag?" "Ein Angebot für eine Arbeitsstelle. Kommen Sie, Genosse Oberleutnant, ich weiß doch genau, daß Sie zur Zeit bloß aufs Amt gehen." "Woher?" "Das sieht man Ihnen an", sagte er grinsend, "so wie man mir ansieht, daß ich nicht von Almosen leben muss."

Es war weniger die Neugier auf Seyfarts Angebot, das Gerhard ohnehin abgelehnt hätte, sondern vielmehr das Bedürfnis, die ganze Angelegenheit mit diesem Mann ein für allemal abzuschließen, was ihn bewog, seiner Einladung zu folgen. Sie setzten sich in ein neues Café, und Seyfart sagte "Bestellen Sie, was Sie mögen, Sie sind mein Gast." Gerhard nahm einen Cappuccino. "Also worum geht es?"

"Ich bin in mehreren Geschäftsfeldern aktiv", sagte Seyfart mit wichtiger Miene, "unter anderem im Immobilienbereich. Verstehen Sie etwas vom Verkauf, Genosse Oberleutnant?" "Hören Sie, Herr Seyfart, wenn Sie mit mir reden wollen, dann lassen Sie bitte diese Anrede weg, der Ton, mit dem Sie sie gebrauchen, gefällt mir nicht!" "Oh ja! Natürlich. Ich vergaß, daß Sie nicht mehr unter Ihresgleichen sind." Gerhard wurde bewusst, daß Seyfart ihn mit der Bestellung festzuhalten versuchte; eigentlich wäre er jetzt einfach aufgestanden und gegangen. Er sagte "Ich bin auch nicht unter Ihresgleichen."

Mit teuflischer Schärfe versetzte der andere "Warum sträuben Sie sich denn so verzweifelt, lieber Herr Ziegler, gegen etwas, das längst Ihr Leben bestimmt!" "Was meinen Sie?" "Sie sagen selbst, daß Ihre Kräfte nicht ausgereicht haben, um Ihr altes, widerwärtiges System vor dem Zusammenbruch zu retten. Nun sollten Sie sich an das neue gewöhnen, haha! Denn ein anderes gibt es nicht. Wenn Sie schon meine kleinen Späße nicht vertragen, was wollen Sie dann tun, wenn die Leute, die Sie nicht einmal kennen, damit beginnen, solche wie Sie aus dem Weg zu räumen, weil sie nicht nur nutzlos sind, sondern auch noch Kosten verursachen. Ihre sozialistische Volksgemeinschaft gibt es nicht mehr, nun herrschen die Gesetze der freien Marktwirtschaft, da heißt es: fressen oder gefressen werden! Und wenn Sie sich da nicht so schnell wie möglich auf die richtige Seite retten, ist es aus mit Ihnen, verstehen Sie? Aber Sie pochen immer noch auf Ihre korrekte Anrede, wie ein kleiner trotziger Junge, dem man das Spielzeug weggenommen hat."

Gerhard versuchte, mit ruhiger Hand einen Schluck aus der Tasse zu nehmen, aber kurz vor dem Mund fing er an zu zittern. "Wenn Sie so großen Wert darauf legen, bitte schön!", sagte Seyfart, erhob sich und rief ins Café "Meine Herrschaften, darf ich einen Augenblick um Ihre Aufmerksamkeit bitten!" Die Gäste drehten die Köpfe zu ihm hin, die Serviererin schaute überrascht her. "Das hier ist der Genosse Oberleutnant Gerhard Ziegler, wohnhaft in Dresden Prohlis. Er war in der glorreichen Täterätä hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit mit Sitz in der Bezirksstelle Bautzener Straße."

Gerhard griff nach dem Portmonee in seiner Tasche und winkte der Serviererin zu, aber sie verschwand in der Pendeltür. Einige der Gäste murrten unbestimmt, einer rief "Pfui! Schande über euch!" Seyfart begann alle die angeblichen Vergehen aufzuzählen, für die man ihn seinerzeit verurteilt hatte, da trat der Cafébesitzer an ihn heran und sagte in schwäbischem Dialekt "Mei Herr, wollense des bitte unterlasse! Mir sei hier e Café un kei Rednertribüne." Hinter ihm stand die Serviererin. Gerhard drückte ihr einen Fünfmarkschein in die Hand. "Ein Cappuccino, stimmt so." Er rannte schnell weg. Die meisten Gäste hatten sich wieder ihrer Unterhaltung zugewendet.

An dem Abend, als Gerhard mit Elke, seiner neuen Bekanntschaft von der Schulung ausging, wurde es spät, und er fuhr mit der Straßenbahn nach Hause. Als er ausstieg, war es dunkel und die Straße war menschenleer. An einer Stelle, wo Müllcontainer aufgestellt waren, kam plötzlich hinter ihm jemand auf den Weg. Ein Laken wurde über seinen Kopf geworfen, er bekam einen heftigen Stoß in den Rücken, der ihn vornüber zu Fall brachte, und als er am Boden lag, wurde er von beiden Seiten mit Fußtritten traktiert, es waren Arbeitsschuhe mit verstärkter Spitze aus Metall. Er schrie um Hilfe und auch vor Schmerzen, aber das Tuch vor seinem Gesicht erstickte seine Rufe. Es schien kein Ende zu nehmen. Schließlich ließen sie ihn halb bewusstlos liegen, und als er merkte, daß es vorbei war, schwanden ihm vollends die Sinne.

Er erwachte im Krankenhaus nach einer Woche künstlichem Koma, in das man ihn versetzt hatte. Sein Unterkiefer und das rechte Jochbein waren gebrochen, ebenso vier Rippen, von denen sich eine in die Lunge gespießt hatte. Die Milz war gerissen, eine Niere verletzt, seine Hoden waren geschwollen, und überall hatte er furchtbare Blutergüsse. Die Schwester regulierte gerade die Infusion. Als er etwas sagen wollte, merkte er, daß ihm zwei Zähne fehlten; jede Bewegung tat weh. "Sie haben großes Glück gehabt, Herr Ziegler", sagte die Schwester, "daß Sie rechtzeitig jemand gefunden hat, sonst wären Sie wahrscheinlich verblutet." Was für ein schäbiger Tod war ihm erspart geblieben, dachte er.

Irgendwann wurde er gefragt, ob er Anzeige erstatten will, und da er ja sagte, kamen Tags darauf zwei Kriminalbeamte, um sie aufzunehmen. "Haben Sie irgendeine Ahnung, wer das gewesen sein könnte?", fragte ihn der eine, und Gerhard antwortete "Sie wissen doch bestimmt, was ich zu DDR Zeiten gewesen bin. Ist es da verwunderlich, wenn sich mancher an mir rächen will?" "Sollen wir das so verstehen, daß Sie mehrere Personen in Verdacht haben?" "Ich habe überhaupt keinen Verdacht. Ich weiß nur, daß es zwei waren." "Vielleicht auch Schläger, die jemand engagiert hat." "Schon möglich, aber ich weiß nicht, ob es Ihre Mühe lohnt, das herauszufinden." "Herr Ziegler, wir sind hergekommen, weil Sie Anzeige erstatten wollten, nicht, um über den Erfolg der Ermittlung zu spekulieren. Sie können natürlich auch Anzeige gegen Unbekannt erstatten." "Ja, dann machen wir es so."

Die Schwester wollte wissen, was mit seiner Kleidung geschehen soll. "Die haben Sie aufgehoben?" "Das müssen wir tun. Aber sie sieht echt schlimm aus, und inzwischen ist alles eingetrocknet und so." "Wenn ich mir hier irgendwas neues besorgen kann, dann werfen Sie sie weg." "Es gibt eine Kollegin, die sich darum kümmert, wenn Sie ihr sagen, was Sie haben wollen. Das wäre natürlich nur für's erste, damit Sie wieder unter Leute gehen können." "Also nichts von diesem Hugo Boss?" Die Schwester lachte, sie war jung und blond und ein bisschen füllig. "Das haben Sie doch vorher auch nicht getragen."

Alle zwei Tage kam ein Assistenzarzt, um ihn zu untersuchen. Nach einer Weile machte er bloß noch ein paar Eintragungen in seiner Akte. "Sie sind von robuster Natur, Herr Ziegler", sagte er, "es sieht so aus, daß alles wieder heil wird." "Was ist mit den zwei Zähnen? Wachsen die auch wieder nach?", fragte Gerhard mit einem Lachen. "Nein, das nicht, aber dafür haben Sie ja zum Glück Ihren Humor behalten", gab der Arzt zurück.

In der dritten Woche ging die Tür auf und Kathrin und Johannes kamen herein. Gerhard traute seinen Augen nicht, dann musste er sich sehr beherrschen, damit ihm nicht die Tränen kommen. Er stellte das Kopfende vom Bett schräg, und Kathrin umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange, die kein Pflaster hatte. Dann trat sie zwei Schritte zurück.

Er wusste nichts anderes zu sagen als "Wie kommt ihr denn hierher?" "Freust du dich nicht, daß dich jemand besucht? Die Schwester hat gesagt, wir wären die ersten." "So? Darf die denn solche vertraulichen Informationen herausgeben?" "Ach, Papa!" Johannes stand daneben, er hielt ein paar Blumen in der Hand. Kathrin fragte "Wie ist das passiert?" Er winkte ab. "Ich hab' nicht aufgepasst." "Manchen ereilt auf Erden die gerechte Strafe", murmelte Johannes. "Sei still!", fuhr sie ihn an.

"Wo bist du denn jetzt?", fragte er seine Tochter. "Wir wohnen in Norderstedt, bei Hamburg." "Lag ich doch gar nicht so verkehrt." "Hm?" "Deine alte Deutschlehrerin, Frau Engel, lässt dich schön grüßen." "Die doofe Kuh." "Und hast du Arbeit?" "Wir arbeiten beide. Johannes auf dem Flughafen, und ich in einem Möbelhaus, es geht uns gut, Papa." "Schön." "Weswegen wir auch gekommen sind: ich wollte ein paar Sachen von mir holen, das ist doch alles noch da, oder?" "Wie du's verlassen hast", sagte er mit brüchiger Stimme. Das war also der Grund ihres Besuchs?

Er gab ihr den Schlüssel, er bat sie, eine Hose, Hemd, Unterwäsche und so weiter für ihn herzubringen. Sie hatte es in einen großen Plastikbeutel von Aldi gepackt. "Ich wollte nicht den alten Koffer nehmen. Hast du gar keine Reisetasche oder so was? Leg' dir mal eine zu, du kannst doch jetzt verreisen soviel du willst." "Was? Kathrin, ich muss mich erst mal um eine neue Arbeit kümmern."

"Unsinn! Das ist doch nebensächlich. Mach' was dir gefällt. So lange hast du geschuftet für nichts und wieder nichts, jetzt könntest du dein Leben genießen, Papa!" "Es ist nett von dir, daß du mir das gönnst. Dein Freund scheint da ja anderer Ansicht zu sein." "Ach, nimm' das nicht persönlich." "Das fällt mir schwer." "Ihr werdet euch sowieso nie wirklich vertragen, also lasst es gut sein." "Vielleicht hast du recht, schließlich musst du ja mit ihm auskommen." "Das tue ich. Ach, Mensch, jetzt haben wir doch die Blumen gar nicht hiergelassen." "Nicht so wild."

"Tja, Papa, wir müssen dann auch wieder los, weißt du. Wir müssen morgen wieder arbeiten." "Seid ihr mit dem Auto da?" "Ja klar." "Ich fahre jetzt einen Opel Kadett." "Das ist cool. Ich sag' doch, unternimm' was." "Na ja. Ich hab' auch jemand kennengelernt." "Phantastisch. Wenn wir dich das nächste Mal besuchen, stellst du sie mir vor." "Und wann könnte das sein?"

"Na, das kann ich jetzt nicht genau sagen, es ist auch so: ich mache vielleicht ein Studium." "Wirklich? Was denn?" "Betriebswirtschaftslehre, so was in der Richtung." "Das finde ich gut. Obwohl ich mir wünschte, du hättest mir das eher gesagt." "Wieso?" "Ich weiß nicht. Einfach, damit wir das besprochen hätten, ich bin schließlich immer noch dein Vater und da ..." "Ja, das bist du, Papa."

Sie gab ihm einen Kuss. "Also dann bis bald, ich hab' dich lieb." "Ja, ich hab' dich auch lieb. Und lass' was von dir hören, ja?" Er hatte so viel vergessen zu fragen, er hatte nicht mal ihre Adresse. Vielleicht sollte er sie auch finanziell unterstützen?

Nach dem langen und am Ende unerträglichen Aufenthalt im Krankenhaus hatte man Gerhard eine Rehabilitations Kur angeboten, in einem Kurort im Thüringer Wald. Er hatte gefragt, ob man dies auch ablehnen könne, worauf ihn die Ärztin ziemlich verblüfft anschaute, dann sagte sie "Sicher. Niemand kann Sie dazu zwingen." In Wahrheit sehnte er sich danach, wieder zuhause zu sein. Ob sie ihm dann wenigstens eine Physiotherapie Behandlung verschreiben solle, fragte die Ärztin, die ihm offenbar etwas Gutes tun wollte. Das nahm er dankend an.

Zweimal in der Woche ging er zur Physiotherapeutin, einer Frau mit einem Oberkörper wie eine Leistungsschwimmerin, die seine Gliedmaßen derartig verrenkte, daß er halb im Ernst sagte "Sie wollen aber nicht, daß ich wieder eingeliefert werde, oder?" "Das müssen Sie schon aushalten, Herr Ziegler, das ist hier ja auch kein Tanzkurs."

Zu Hause war der Briefkasten zum Überquellen vollgestopft mit Reklame und Anzeigeblättern, aber irgendwann hatte nichts mehr reingepasst. Kathrin musste wohl in der Küche aufgeräumt haben, wie er dankbar feststellte. Zwei Topfpflanzen im Wohnzimmer waren eingegangen, und der Staubsauger funktionierte nicht mehr, aber das konnte nicht mit seiner Abwesenheit zusammenhängen.

Unter der wenigen wichtigen Post waren zwei Vorladungen beim Arbeitsamt, mit der Androhung, daß ihm, falls er nicht erscheine, die Leistungen gekürzt werden können. Der letzte der Termine lag drei Wochen zurück. Er ging hin und erläuterte seine Situation. Der Arbeitsvermittler zeigte sich verständnisvoll, dann sei die Sache geklärt und nein, er müsse nichts weiter befürchten. Er gab ihm eine Einladung zu einer Informations Veranstaltung eines Versicherungs Unternehmens, das diverse freie Stellen anbietet. "Vielleicht ist da etwas für Sie dabei."

Als er eines Abends im Dunkeln zwei Straßen von seiner Wohnung entfernt an ein paar Müllcontainern vorbeilief, bekam er plötzlich eine Panik Attacke. Sein Puls raste, kalter Schweiß brach aus, sein Atem ging flach und seine Hände zitterten. Er schleppte sich fort von der Stelle wie ein angeschossener Soldat. Es ging schneller vorüber als befürchtet, aber danach kaufte er sich ein Taschenmesser mit einer Springklinge, das hatte er fortan immer bei sich.

Am Samstagvormittag - Gerhard lag noch im Bett - klingelte es. Er öffnete, und vor der Tür stand ein Vietnamese, der einen Pappkarton in den Armen hielt. "Gudden Tagg, Gehadd." Und als der ihn verständnislos anblickte, sagte er weiter "Ich sein Nguyen Dinh Phong, wir uns kennen. Ihr immer haben kaufen Hosen bei uns, du erinnern?" Gerhard fasst sich an die Stirn. "Ach ja! Dinh Phong! Natürlich." "Ich haben dir mitbringen viel gudd Spezialitäten aus Asia." "Oh! Na, dann komm' rein."

Nguyen Dinh Phong wohnte seinerzeit in dem Wohnblock an der Blasewitzer Straße Ecke Fetscherstraße. Dort wohnten nur Vietnamesen, und sie wurden nur die "Fidschis" genannt. Die Frauen waren ausgezeichnete Näherinnen. Zu DDR Zeiten hatte wahrscheinlich die Hälfte aller Dresdner irgendwann einmal eine Jeans bei den Fidschis gekauft, gewöhnlich gab man sie in Auftrag wie bei einem Schneider. Eine kleine, fleißige Vietnamesin nahm die Maße, schrieb sie auf, und eine Woche später konnte man die fertige Hose abholen, sie passte wie angegossen. Soweit sich Gerhard erinnerte, hatten sie für Kathrin insgesamt drei und für Monika zwei solcher Jeans anfertigen lassen, die dem alles überragenden Vorbild namens Levi's schon erstaunlich ähnlich waren.

Dinh Phong stellte das Paket auf den Küchentisch und packte aus: Nudeln, Kokosnussmilch, Bambusspitzen, roter Bohnenkäse, Currypaste, Seetang, Ginseng, alles in Büchsen, Gläsern, eingeschweißten Plastiktüten, vier oder fünf Viertelliter Flaschen mit dichter, dunkler Flüssigkeit. Eine Packung Khao Shong Erdnüsse mit Wasabi. "Sind viel schaaf! Wasabi brennen wie Feuer, aber nicht auf Zunge, aber in Kehle, ist wie Meeressig." "Meerrettich?" "Ja, wie Meerrettich, ist gudd für die Liebe", sagte er und lächelte verschmitzt.

Gerhard nahm eine der Flaschen und las das Etikett Lee Kum Kee Hoi Sin Sauce stand darauf. "Und wofür ist das?" "Kannst du nehmen für alles, aber immer wenig. Du rauchen?", fragte Dinh Phong und holte zuletzt eine Stange Zigaretten hervor. "Nein, danke." Er legte sie zurück. "Oh ja, rauchen nicht gudd, viel rauchen machen viel krank." "Ich weiß nicht, Dinh Phong, ob ich ... soll ich das alles kaufen?" "Nein, nein, nicht kaufen, Gehadd! Ich dir schenken. Wir alte Freunde!" "Na ja", meinte Gerhard und kratzte sich am Hinterkopf.

Die Vietnamesen waren ursprünglich während der Solidaritäts Kampagnien in die DDR gekommen, als das sozialistische Bruderland noch Krieg gegen die Amerikaner führte. Nach deren Vertreibung stand der Wiederaufbau des Landes auf der Tagesordnung und es kamen tausende junge Vietnamesen zur Berufsausbildung auf Staatskosten her. Der Plan war, daß sie danach in ihre Heimat zurückkehren und unter ihren Landsleuten mobilisierend wirken.

Jetzt nach der Wende sollten sie aus Deutschland abgeschoben werden, aber Vietnam wollte sie nicht so billig zurücknehmen wie eine Ladung unbrauchbare Geräte. Bislang wurden sie hier geduldet. Und weil der Vietnamese von Natur aus ein besonders pfiffiger Händler ist, gab es auf einmal immer mehr Geschäfte mit asiatischen Lebensmitteln und allerlei anderen fernöstlichen Delikatessen, die auf irgendwelchen verschlungenen Wegen geliefert wurden.

Entlang der Straße von Schöna über die Grenze bis nach Decin, der ersten Kleinstadt auf tschechischem Gebiet, entstanden auf provisorischen Parkplätzen jede Menge Märkte mit kunterbunten Ständen, wo man von Addidas Turnschuhen und Lacoste Shirts über Omega Uhren und Prada Handtaschen bis hin zur aktuellen CD von Michael Jackson und Madonna alles kaufen konnte, was das Herz begehrt. Natürlich waren das alles nur Imitate und Raubkopien, aber so echt, daß niemand den Unterschied zum Original erkannt hätte, ausgenommen die Detektive der besagten Markenfirmen, die ständig auf der Jagd nach solcher Ware und den Händlern waren, die sie anbieten, und die hier, auf den Fidschi Märkten ungefähr so gefürchtet waren wie der Fuchs im Hühnerstall.

Gerhard war selber schon zweimal mit seinem Opel Kadett hinüber gefahren, hatte sich einen schicken Nike Jogginganzug, ein Paar Schuhe, einen Jack Wolfskin Rucksack, eine Flasche Johnnie Walker, eine CD mit den Wildecker Herzbuben und noch einiges andere gekauft, alles zusammen für weniger als fünfzig Mark! Selbst wenn er das Benzingeld dazurechnete, war das ein Super Schnäppchen. Es gab mittlerweile in Dresden Reisebüros, oder sollte man besser sagen: Fuhrunternehmen, die jeden Tag mit dem Bus die Kundschaft frühmorgens in die Tschechei zum Einkaufen chauffierten und abends alle wieder zurückbrachten.

(Übrigens säumten seit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus auch noch andere Gewerbetreibende die Strecke von Schöna nach Decin, und zwar ein Heer von Prostituierten, alle hundert Schritt eine nach der andern, die bei Wind und Wetter durch unmissverständliche Gesten den Autofahrer zum Anhalten ermutigten. Gerhard musste zugeben, daß darunter außerordentlich hübsche Mädchen waren, die aussahen wie die jungen Prinzessinnen aus den seinerzeit so beliebten tschechischen Märchenfilmen, nur daß diese hier statt langer Kleider kurze Röcke trugen und bei ihren Freiern nicht annähernd so wählerisch waren.)

Was die vietnamesischen Händler betraf, so hatte er auch davon gehört, daß sie angeblich in Mafia ähnlichen Strukturen organisiert sind, manchmal stand darüber etwas in der Zeitung. Die Vietnamesen waren schon zu DDR Zeiten eine ziemlich abgeschottete Gemeinschaft, die außer jenen sachlichen Abreden wegen der Hosen und dergleichen überhaupt keinen Umgang mit Einheimischen hatten.

Ngyuen Dinh Phong bildete da eine gewisse Ausnahme, er war nicht so wortkarg und misstrauisch wie die andern. Mit ihm konnte man sich unterhalten, aber schon seine Frau war wiederum zurückhaltend und sprach mit Fremden nur das Allernötigste. Gerhard erinnerte sich, daß Dinh Phong sogar einmal mit dabei war, als er mit ein paar Kollegen aus der Zentrale einen Bowling Abend organisiert hatte. Irgendein Abteilungsleiter hatte ihn eingeladen, und Gerhard meinte jetzt, daß damals die Rede davon war, Dinh Phong sei bei seinen vietnamesischen "Brüdern" so etwas wie ein Vertrauensmann.

Er hatte schon als Zwölfjähriger gegen die Amerikaner gekämpft. Gemeinsam mit seinem Vater war er rekrutiert worden, um auf dem berühmten Ho Chi Minh Pfad die Verbindung nach Laos sicherzustellen, die der Feind unterbrechen wollte. Sie bekamen Uniformen von Gefallenen und als Waffen lange Messer. Wenn sie ein Gewehr haben wollen, so sagte ihnen der Kommandeur, müssten sie einen feindlichen Soldaten töten und es ihm abnehmen. Dinh Phong erbeutete auf diese Weise eine amerikanische Remington Schrotflinte (nicht von einem Amerikaner, sondern von einem Kämpfer der Südarmee), sein Vater hatte weniger Glück und wurde bei dem Angriff getötet, er blieb einfach irgendwo im Busch liegen, wo den Leichnam wahrscheinlich wilde Tiere aufgefressen haben.

Ein Jahr später war Dinh Phong dabei, als die Nordarmee die Stadt Quang Tri eroberte. Sie gingen mit äußerster Härte vor, metzelten Männer, Frauen, Kinder nieder, machten keine Gefangenen. Es blieb nicht einmal Zeit, zu plündern, so rasch rückten sie vorwärts, und wie hätten sie das Zeug auch fortschleppen sollen, wo sie nicht einmal ein eigenes Sturmgepäck hatten. Dinh Phong erzählte das alles in kurzen, schnellen Sätzen, ohne erkennbare Gefühlsregung, es klang, als würde er die traditionelle Zubereitung einer vietnamesischen Wildente erklären.

Gerhard bedankte sich jetzt für die Sachen, aber er hatte nicht ernsthaft vor, sie zu probieren. Eine Woche später stand Dinh Phong wieder vor der Tür, diesmal mit zwei Kartons. Gerhard meinte, er solle es nicht übertreiben, doch Dinh Phong entgegnete, das sei kein Geschenk. Er wollte höflich fragen, ob er die beiden Kartons "für zwei, drei Stunden" bei ihm abstellen dürfe. Gerhard hatte nichts dagegen, und dann holte Dinh Phong sie wieder ab. Er gab Gerhard eine Flasche polnischen Wodka für seine Gefälligkeit.

Es sollte nicht die letzte sein. Aus zwei Kartons wurden drei, aus zwei Stunden zwei Tage. Einmal war einer davon beschädigt, und als Gerhard nachschaute, was drin ist, fand er Zigarettenstangen einer bekannten amerikanischen Marke. Die Sache war ihm nicht mehr ganz geheuer, und als er einen Artikel über vietnamesische Zigarettenschmuggler las, die neuerdings ihre Ware sogar bis in die Wohnung lieferten, da schwante ihm, was hier vor sich geht.

Er wollte Dinh Phong sagen, daß er "bei aller Freundschaft" nicht mehr länger seine Kartons hier abstellen kann, aber inzwischen kam er nicht mehr selbst, sondern zwei andere Vietnamesen, die ihn solange beschwatzten und jedesmal versprachen, Dinh Phong Bescheid zu geben, daß er sich nocheinmal überreden ließ. Außerdem bekam er auch immer etwas dafür. Schließlich gewöhnte er sich beinahe an seine Fidschi Freunde, sie waren freundlich, höflich, stets gutgelaunt, und Gerhard fiel es nicht schwer, ihnen einen Gefallen zu tun.

Er versuchte sich sogar an der Verwendung der ominösen Speisen. Nicht an dem Dongwon Seetang, der aussah wie getrocknete Fledermäuse und auch nicht an der Lee Kum Kee Hoi Sin Sauce, nachdem er davon einen Teelöffel voll probiert und wieder ausgespuckt hatte. Aber einige von den andern Sachen waren gar nicht so übel.

Und dann kam er auf die Idee, seine Kaffee Bekanntschaft Elke zu einem selbstgemachten Essen einzuladen. Als er im Krankenhaus lag, war es ihm unangenehm, ihr mitzuteilen, was ihm widerfahren war. Andererseits wollte er sie auch nicht so lange ohne eine Nachricht von ihm lassen. Also dachte er sich eine Erklärung aus und rief sie in der dritten Woche seines Klinikaufenthalts an.

Er entschuldigte sich für das lange Schweigen damit, daß er sich zur Zeit "arbeitsbedingt" in Hannover aufhalte, daß er sich aber, sobald er wieder in Dresden sei, bei ihr melden würde, und daß sie dann beide, wenn es ihr recht wäre, sich wiedermal treffen könnten. Darüber würde sie sich sehr freuen, sagte Elke.

Es traf sich übrigens, daß Gerhard in der Zwischenzeit tatsächlich beruflich "im Westen" gewesen war, wenn auch nur für vier Tage, und auch nicht in Hannover, sondern in einem Ort namens Bad Grundheim, im Fränkischen. Auf Anraten (oder besser gesagt: auf Weisung) des Arbeitsvermittlers war er zu der Informations Veranstaltung der Versicherung gegangen und entgegen seiner Befürchtung hörte sich das, was der Vertreter dort vortrug, durchaus vielversprechend an. Ihm schien, daß der Mann keine übertriebenen Erwartungen weckt und nicht versucht, sie mit der Aussicht auf immensen Verdienst zu ködern.

"Hier können Sie selbst bestimmen, wieviel Sie verdienen wollen", sagte er und rechnete es an einem Beispiel einleuchtend vor. "Aber Sie müssen sich gleichzeitig bewusst sein", fuhr er fort, "daß nicht eine müde Mark in Ihre eigene Tasche fließt, wenn sie nur zu Hause sitzen und darauf warten, bis ein Kunde zu Ihnen kommt. Nein! Sie müssen zu ihm hingehen! Sie müssen auf ihn zugehen, ihn ansprechen, ihn beraten, herausfinden, was er will und welches unserer Angebote am besten für ihn ist."

Dazu kam, daß die Schulung für Beginner auf Unternehmenskosten erfolgte. Gerhard entschloss sich, daran teilzunehmen. Er meinte, die Kombination von selbständiger Tätigkeit und Unterstützung durch ein solides Unternehmen sei am ehesten das, was ihm vorschwebt. Nach einem Einzelgespräch mit dem Filialleiter, der offenbar von Gerhards Persönlichkeit und seiner Willensstärke beeindruckt war und ihn zu seinem Entschluss beglückwünschte, wurde er zu einem Seminar nach Bad Grundheim geschickt.

Es war ein Tagungshotel, und vor dem Eingang flatterten an drei hohen silberglänzenden Stangen im Wind die blauweißen Flaggen mit dem Emblem des Unternehmens. Jeder Teilnehmer bekam ein Einzelzimmer. Im Bad hingen flauschige Handtücher in verschiedenen Größen, in der Minibar sah es aus wie in einem Schnapsladen aus dem Zwergenland, und im Fernseher konnte man auf Extra Rechnung wahlweise Komödien, Action- oder Pornofilme anschauen. Wenn man zur Mittagspause in sein Zimmer kam, war das Bettzeug glattgezogen und die Handtücher hingen wieder akkurat über dem Bügel.

Es gab Essen vom Buffet zur Auswahl und zwischendurch Kaffeepausen. Jeder hatte ein Namensschild auf seinem Platz, und zu Beginn lagen dort ein Schreibblock, ein Kugelschreiber und ein kleiner Taschenrechner, alles mit dem Emblem des Unternehmens auf blauweißem Grund.

Es ging hauptsächlich um eine Art Sterbegeld Versicherung, die im Todesfall an den Begünstigten ausgezahlt und daher etwas pietätvoller Hinterbliebenen Vorsorge genannt wurde. Man konnte sie schmackhaft machen, indem man die erheblichen Kosten einer Bestattung vor Augen führte, die sich schnell auf einige tausend Mark belaufen. Der Preis für die Versicherung berechnete sich nach dem Eintrittsalter, junge Leute bezahlten naturgemäß weniger.

Die Teilnehmer kamen aus allen Ecken der Republik. Es waren auch welche darunter, die vorher bei anderen Versicherungen gearbeitet hatten, sie wussten immer über alles genau Bescheid. Sie sagten, dies hier wäre am besten, weil man Adressen in die Hand bekäme und nicht "Klinken putzen" müsse, womit sie sich offenbar bisher abgeplagt hatten.

Die vier Tage waren ausgefüllt mit Tarifberechnungen anhand von Tabellen, mit Verkaufsgesprächs Trainings und Antrags Aufnahme. Am vorletzten Tag gab es einen geselligen Abend auf der hauseigenen Kegelbahn, wo Gerhard Ziegler sowohl in der Einzel- als auch in der Mannschaftswertung Sieger wurde. Er bekam eine Urkunde und eine Flasche Sekt mit blauweißem Etikett und dem Emblem der Versicherung.

In der darauffolgenden Woche meldete er sich in der Filiale bei seinem Gruppenleiter. Mit ihm klapperte er bis Donnerstag die Adressen ab und ließ sich ein paar gute Ratschläge geben. Am Freitag ging er allein los und machte auf Anhieb drei Abschlüsse, nichts Großes zwar, aber immerhin selbstverdientes Geld. Als am Montag zur Besprechung der Gruppenleiter die Verträge entgegennahm, klopfte er Gerhard auf die Schulter und meinte "Was für ein toller Start, Herr Ziegler! Willkommen im Team!"

Das war auch die Zeit, als Gerhard manchmal zur "Tagesmutti" avancierte. Er hatte nämlich, ganz zufällig, Janette unten im Treppenhaus getroffen, wie sie mit Kinderwagen und vollbepackten Einkaufsbeuteln hereinkam. Der Fahrstuhl wurde gerade repariert. Er fragte, ob er behilflich sein könnte, und Janette nahm es dankend an. "Wenn Sie Mandy mit hochnehmen könnten, das wäre nett." Er nahm die Kleine auf den Arm und sie schaute ihn erstaunt an wie den Bären aus Schneeweißchen und Rosenrot.

Janette fragte, ob sie sich mit einer Tasse Kaffee revanchieren könnte, und er sagte "Danke, gern." Sie setzte Mandy auf die Spieldecke im Wohnzimmer, wo sie begann, ihren kleinen Koffer aus- und einzuräumen. Ab und zu kam sie damit zu den beiden in die Küche. "Du willst wohl auf große Reise gehen?", fragte Gerhard sie, und sie verstand nicht, was er meint. Janette plapperte unaufhörlich über alles Mögliche, als habe ihr die ganze letzte Woche jemand gefehlt, dem sie sich mitteilen kann; und das war wohl auch so.

Irgendwann sprach Gerhard sie wegen der Hinterbliebenen Vorsorge an. "Was ist das?", fragte Janette, während sie sich eine Zigarette anzündete. "Wir alle müssen uns ja mit dem Gedanken vertraut machen, daß wir einmal nicht mehr da sind." "Ach so", sagte Janette, "Sie meinen das mit diesem Jehova und den Letzten Tagen und so." "Aber nein, ich bin nicht von den Zeugen Jehovas." "Von was denn?" "Das ist ..." Er wusste plötzlich nicht mehr weiter.

Janette sagte "Ist das, seitdem Sie Ihre Frau verloren haben?" "Bitte?" In dem Moment kam Mandy wieder anmarschiert, und diesmal legte sie ihm das Köfferchen aufs Knie. "Ähm. Was wissen Sie denn über meine Frau?" "Oh, nichts, entschuldigen Sie, Gerhard, ich wollte nicht unhöflich sein. Nur was die Nachbarn erzählt haben." "ose eise gehn", sagte Mandy. "Was?" "Sie sollen mit ihr auf große Reise gehen." "Ach so, ja." Er lachte, und Mandy zog erschrocken den Koffer weg.

Dann schwenkte er schnell um. "Sie machen hier alles selbst, wie ich sehe, ich meine, im Haushalt." "Na ja, muss ja, mein Freund ist ständig auf Achse, der kann sich nicht auch noch um so was kümmern." "Wussten Sie eigentlich, daß die meisten Unfälle in der eigenen Wohnung passieren?" "Also wirklich, Gerhard, über was Sie sich alles Gedanken machen."

"Haben Sie sich mal überlegt, was mit Mandy werden soll, wenn Sie hier von der Leiter stürzen, sich verletzen und eine Zeitlang nicht mehr laufen können?" "Oh ja, das wäre schrecklich. Wissen Sie, Gerhard, manchmal tun mir so schon alle Knochen weh, ich meine, ich müsste gar nicht erst auf eine Leiter klettern oder so. Außerdem habe ich gar keine."

Er wusste nicht recht, wie es geschah, aber schließlich konnte er Janette eine Unfallversicherung verkaufen, zwar ohne das lukrative Krankenhaus Tagegeld, aber mit einer relativ hohen Summe für Invalidität, und da Janette gerade mal dreiundzwanzig war, sah der monatliche Beitrag sehr moderat aus. Dann sagte sie sogar "Kann man so was auch für Mandy abschließen?" "Für ein Kleinkind?" Er war auf Anhieb überfragt. "Ich werde ich mich in der Geschäftsstelle kundig machen, da gibt es bestimmt was."

"Finde ich toll, daß wir uns mal näher kennengelernt haben, Gerhard. Ich hab' Sie bis jetzt immer für so einen ... ist ja auch wurscht." "Na ja, diese ganze Geschichte ist an mir auch nicht spurlos vorübergegangen." "Ach? Haben Sie grade so eine Beziehung hinter sich?" "Bitte? Oh, nein, ich ..." "Sie haben auch selber mal Kinder gehabt, stimmt's?", fragte sie, als läge das Jahrhunderte zurück. "Ich habe eine Tochter." "Sie sind bestimmt ein guter Vater." "Na ja, wer will das nicht sein." "Oh, da kenne ich aber welche."

Zwei Tage später klingelte sie bei ihm. "Mann oh Mann, Gerhard, da haben Sie was schönes angerichtet. Mandy lässt nicht mehr locker, sie will unbedingt mit Ihnen auf große Reise gehen. Macht es Ihnen was aus, wenn sie für ein, zwei Stunden bei Ihnen spielen kann, ich meine, bei Ihnen im Wohnzimmer, da stört sie doch keinen, oder?" "Ich weiß nicht ... was soll ich denn mit ihr machen?" "Nee, nichts unbedingt, sie hat ihren Koffer dabei, da sind Spielsachen drin, und ich geb' Ihnen den Schlüssel, falls sie irgendwas braucht. Da kann ich nämlich in der Zwischenzeit was erledigen. Geht das?" "Ja, warum nicht. Ich muss sie ja nicht windeln oder so was?" "Mensch, Gerhard, Sie sollen sie doch bloß mal kurz im Auge behalten. Nicht wahr, Mäuschen, bleibst schön bei Onkel Gerhard, Mami kommt gleich wieder."

Gerhard zeigte ihr, wo sie sich im Wohnzimmer auf die Couch setzen kann, er war etwas verunsichert. "Tja, Mandy", sagte er und ließ sich neben ihr nieder, "was machen wir denn da?" Mandy klappte das Köfferchen auf und nahm ein Bilderbuch nach dem andern heraus. Sie stapelte sie auf dem Couchtisch. Sie handelten alle von dem kleinen Hund Romero. "Buch angucken!", sagte sie. Und im Laufe der Zeit lernte Gerhard alle Abenteuer Romeros kennen, bis in die kleinsten Details, auf die ihn Mandy jedesmal mit derselben Nachdrücklichkeit aufmerksam machte.

Gerhards Gelegenheits Freundin Elke war drei oder viermal bei ihm. Beim ersten Mal hatte er selber asiatisch gekocht. Hähnchenbrustfilet gekauft, in Würfel geschnitten und in Öl angebraten, dazu ein Gemüse mit Bohnen- und Bambussprossen und allerlei anderen Zutaten sowie Basmatireis serviert. Er hatte ein paar von Dinh Phongs Gewürzsaucen bereitgestellt, damit man nach Belieben davon nehmen konnte.

Er hatte auf alles Raffinement verzichtet, und erst recht auf Experimente, und es war ihm gelungen. Jedenfalls schmeckte es Elke, und das freute ihn. Sie hielt sowieso viel von der Soja Sauce, sie meinte, Soja sei eines der gesündesten Nahrungsmittel der Menschheit, ungefähr so gesund wie Fisch oder Kartoffeln.

Gerhard erzählte ihr von seinen vietnamesischen Bekannten, obwohl sie seit einiger Zeit nicht mehr bei ihm erschienen waren. "Vielleicht sind sie aufgeflogen", sagte Elke, "die Zollbehörden kennen keine Nachsicht, wenn es um Zigarettenschmuggel und ähnliches geht. Ich weiß das, mein Bruder arbeitet dort, er sagt, die Tabakkonzerne zahlen so was wie Prämien für jede illegale Fuhre, die beschlagnahmt wird."

Sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Bruder. Er war beim Zoll in ein Beamtenverhältnis übernommen worden, aber kurz darauf ging seine Ehe in die Brüche, seine Frau wurde plötzlich psychisch krank (jedenfalls sagte Elke das) und brannte mit einem andern Mann durch. Die beiden Kinder wurden dem Vater zugesprochen, aber der arbeitete im Schichtsystem und konnte sich nicht genügend um sie kümmern.

"Bevor sie ins Heim gekommen wären", sagte Elke, "habe ich sie betreut, ein Junge und ein Mädchen, allerliebste Kinder, überhaupt kein Problem. Mein Bruder hat alles drangesetzt, schnell wieder eine Frau zu finden, und er ist ... na ja, er ist der Typ, auf den Frauen stehen. Und glaub' mir Gerd, eine Frau spürt das, wenn ein Mann vakant ist. Zumindest wenn sie selbst nach Absicherung sucht. Jedenfalls war für uns alle dieses Tal der Bitternis rasch durchschritten, jetzt haben die beiden wieder ein liebe Mutti und er hat eine Gefährtin, die immer für ihn da ist."

"Hat es dir kein bisschen leid getan, daß du die Kinder wieder hergeben ... also daß sie ..." "Aber sie gehören doch dorthin. Freilich, wenn man's genau bedenkt, bin ich ja enger mit ihnen verwandt als jede andere. Aber ich wäre doch immer nur ein Ersatz, und sei ehrlich, damit kann man auf Dauer nicht wirklich zufriedensein."

Gerhard hätte sie gern gefragt, weshalb sie selbst keine Familie habe, aber er befürchtete, damit einen schwachen Nerv bei ihr zu treffen. Sie war attraktiv, gesund, schlau, lebenslustig. Sie war keineswegs aus Not arbeitslos, sie hatte zuletzt selber gekündigt, hatte sogar die Sperrfrist in Kauf genommen, um sich in Ruhe, wie sie sagte, nach etwas Neuem umzusehen. Sie hatte schon in allen möglichen Sparten gearbeitet und immer wieder das Bedürfnis gehabt, sich zu verändern.

Sie schliefen miteinander, gleich beim ersten Mal. (Gerhard hatte eine halbe Packung Khao Shong Erdnüsse mit Wasabi verputzt, Dinh Phong meinte doch, Wasabi sei gut für die Liebe. Aber er wäre auch so begierig genug gewesen.) Er hatte es so lange nicht mehr mit einer Frau getrieben, daß er jetzt alle äußeren Umstände vergessen konnte, um einfach diese eine Sache durchzuziehen und sich dabei gut und stark und frei zu fühlen. Es spielte auch keine Rolle, daß sie es in demselben Bett taten, in dem seine Frau so viele Jahre mit ihm geschlafen hatte; es war irgendein Ort in einer Welt, in der nichts mehr zählte außer die Gegenwart.

Aber das war vielleicht nur Teil einer Wunschvorstellung. Im Schlaf träumte Gerhard, er hält in der dritten Klasse, die seine Frau unterrichtet, einen Vortrag über den heldenhaften Kampf des vietnamesischen Volkes gegen den amerikanischen Aggressor. Er spart nicht mit grausamen Details. Er bemerkt zwar, wie Monika ihm Zeichen gibt, die Kinder nicht mit zuviel blutrünstiger Gewalt zu belasten, aber er beharrt darauf, daß man ihnen nicht früh genug die Wahrheit über den Imperialismus einhämmern muss.

Da steht plötzlich ein kleiner Junge auf und sagt, die Vietnamesen essen Hunde und Katzen und sonntags sogar Ratten. Wutentbrannt schnauzt Gerhard den Bengel an, er habe sich gerade der öffentlichen Herabwürdigung nach Paragraph 221 Strafgesetzbuch schuldig gemacht, und zerrt den Jungen, gegen den verzweifelten Versuch Monikas, ihn davon abzuhalten, aus der Klasse.

Im nächsten Moment steht der Kleine in einer Zelle in der Bautzener Straße, nachts, im grellen Licht einer Deckenlampe, und ist dabei, zum hundertsten Mal den Zungenbrecher "Fischers Fritze fischte frische Fische" aufzusagen, wie es der Oberleutnant Ziegler von ihm verlangt. Aber nach jedem Satz setzt es einen pfeifenden Hieb mit einer Haselnussgerte auf die ausgestreckten Händchen, denn jedes Mal, und so als wollte ihm die Zunge nicht gehorchen, sagt er wieder: "Fischers Fritze fischte frische Fidschis".

Gerhard wachte auf, Elke schlief ruhig neben ihm, sie hatten sich am Abend ganz schön verausgabt. Er ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. 'Wenigstens', dachte er, 'war der Junge nicht auch noch nackt gewesen.'

Zur letzten Verabredung war Elke nicht gekommen, sie hatte unmittelbar davor abgesagt, es sei etwas seitens der Familie ihres Bruders dazwischengekommen. Hoffentlich nichts Schlimmes, wollte Gerhard wissen. Nein, nein, sie müsse bloß kurzfristig einspringen. Ob sie sich dann morgen treffen wollen, fragte Gerhard, und Elke sagte "Weißt du, Gerd, es ist besser, wenn wir uns eine Weile nicht sehen. Ich muss mir über ein paar Dinge klarwerden.

Es klingt vielleicht ein bisschen egoistisch, aber so bin ich nun mal, ich kann nicht anders. Und ich meine, unsere Beziehung war ja bisher auch so, daß man das ohne eine ellenlange Erklärung tolerieren könnte, oder sehe ich das falsch? Gerd? Bist du noch da?" "Ja. Nein. Nein, das ist richtig. Natürlich kann ich das tolerieren, auch wenn es überraschend kommt." "Tja, das Leben steckt voller Überraschungen", sagte sie mit einem warmherzigen Lachen. "Rufst du mich wieder an?", fragte er. "Ja, bald, sobald ich kann, okay?" "Ja." "Also bis dann. Und danke für alles, Gerd, es war schön mit dir zusammenzusein, ehrlich." "Ja, mir hat es auch gefallen."

Er hatte Spaghetti Bolognese machen wollen, und dazu einen Chianti und zum Dessert Tiramisu, von dem Elke geschwärmt hatte. (Es war allerdings fertiges aus der Kaufhalle.) Er trank ein Bier und dann noch eins. Er holte ein Glas Wiener Würstchen aus dem Vorratsregal und machte sich welche davon warm. Er saß am Küchentisch und überlegte, was er als nächstes tun soll. Da erfasste ihn eine große Traurigkeit und die Tränen tropften aus seinen Augen, als liefen sie über.

* * * * *

"Daniela Smerlova", wiederholte die Frau ihren Namen. "Tut mir leid", sagte die Schwester im Johannstädter Krankenhaus, "ich kann Ihnen im Moment nicht weiterhelfen, ich habe hier keine Nachricht auf diesen Namen vorliegen." Die Frau verzog zweifelnd den Mund, legte die Handflächen an die Kante des Tresens und sagte "Ein Polizeibeamter hat mich hergebeten."

Sie war um die dreißig, hatte eine schlanke Figur und dunkles Haar, das hinter den Ohren vom Nacken herauf ganz kurz war, oben aber in einer fülligen Welle zur Seite fiel. Sie hatte ebenso dunkle Augen, eine gerade zierliche Nase und einen kleinen, ovalen Mund mit kräftig dunkelrot geschminkten Lippen. Sie trug fast schwarze Leggings, die in halbhohen, braunen Wildlederschuhen steckten, deren schmale Schäfte nach außen gewendet waren. Über der Hose hatte sie einen enganliegenden blauen Rock und als Oberteil einen grobmaschigen, hellen Pullover mit weitem, schlauchartigen Kragen über einem türkisfarbenen Shirt an. Ihre Fingernägel waren kurzgeschnitten und mit einem hauchdünnen, farblosen Schimmer lackiert, und um den Hals hing eine Kette mit ebenso mattglänzenden Perlen. Quer über der Schulter hatte sie eine ziemlich ausgebeulte Umhängetasche aus Kunstleder.

Neben ihr standen zwei Polizisten, die eben mit dem Streifenwagen gekommen waren. "Wie Sie sehen", sagte die Krankenschwester, "wissen die Herren auch nicht mehr." Einer der beiden, der dickere, sagte "Wenn Sie wenigstens sagen könnten, von welcher Stelle aus man Sie angerufen hat." "Warten Sie", sagte Daniela und kramte aus ihrer Tasche einen Zettel, "der Herr heißt ..."

Da erschienen ein Stationsarzt im weißen Kittel und ein Mann an seiner Seite, der eine kurze Lederjacke über einer karierten Hose trug. "Doktor Fitzmann", sagte die Schwester hinter dem Tresen, "diese Frau hier sagt, sie sei angerufen worden, es ginge um eine Patientin aus der Notaufnahme." "Danke, Schwester Karin", sagte der Arzt, "es ist in Ordnung." Und an Daniela gewandt: "Schön, daß Sie kommen konnten, Frau Smerlova. Das hier ist ..." Der andere stellte sich selbst vor. "Kriminalkommissar Peter Hellwein." Im Unterschied zu dem Arzt gab er ihr die Hand.

Die Schwester war froh, daß sich offenbar alles aufklärte. "Tja, Jungs", sagte sie zu den beiden Polizisten, "umsonst gekommen. Vielleicht habt ihr ja noch Zeit für einen Kaffee." "Gern", sagte der Dicke, und während sich Daniela und die zwei Männer in Richtung Arztzimmer entfernten, sagte er zu seinem Kollegen "Lass das mal von Manfred überprüfen, ob es bei der Kripo einen Kriminalkommissar Hellwein gibt."

In seinem Zimmer bot der Arzt den beiden Platz an, aber sie blieben alle stehen. Er nahm eine Mappe vom Tisch, klappte sie auf und referierte daraus "Das Mädchen ist zirka vierzehn bis sechzehn Jahre alt, geschlechtsreif und leidet an einer unbehandelten Bronchitis. Sie ist gestern Nacht in die Notaufnahme gekommen. Sie hatte ein blaues Auge, Anzeichen von Fixierung an den Handgelenken sowie insgesamt zehn mehr oder weniger starke Hämatome über den Körper verteilt, das größte über dem Bauchnabel, möglich, daß man ihr einen Schlag in die Magengrube versetzt hat. Sie hat vernarbte Verletzungen auf dem Rücken und an der rechten Innenseite des Oberschenkels. In ihrem Blut waren Spuren von Alkohol und Rauschgift." "Hinweise auf Geschlechtsverkehr", sagte der Kriminalkommissar so, als kenne er den Bericht. "Wir fanden Sperma, wahrscheinlich von mehreren verschiedenen Individuen."

"Haben Sie sie vor der Untersuchung um ihr Einverständnis gefragt?" "Bitte?" Er klappte die Mappe zu und behielt sie in der Hand. "Frau Smerlova, wir haben Sie hergebeten, weil das Mädchen offenbar nur tschechisch spricht - wenn es überhaupt spricht. Sie hat uns weder ihren Namen gesagt noch woher sie kommt. Beim Hilfeverein 'Sonnentau' sagte man uns, Sie hätten Erfahrung mit solchen Personen."

Daniela nickte unmerklich, dann fragte sie "Wer hat sie in die Notaufnahme gebracht? Ich nehme an, sie kam nicht von allein." "Ähm", machte der Arzt und schlug die Mappe abermals auf. "Ein Taxifahrer hat sie hergebracht." "Sie kam mit dem Taxi?" Hellwein sagte "Der Fahrer hat sie angeblich an der Straße bei Bad Schandau aufgelesen." "Und ist dann bis hierher gefahren?" "Ja."

Der Arzt sagte "Bei der Aufnahme konnte nicht alles protokolliert werden, wir mussten uns zunächst um das Mädchen kümmern, Sie verstehen." "Inwiefern?" "Wir hatten die Polizei verständigt, aber der Taxifahrer ist inzwischen verschwunden." "Aber Sie haben doch wenigstens seine Personalien aufgenommen?" "Wir haben den Namen und die Betriebsnummer des Taxis." Er suchte in der Mappe nach einem Zettel. "Es ist ein gewisser Gerhard Ziegler aus Dresden Prohlis."

Der Kommissar sagte "Ich schlage vor, Sie sprechen als erstes mit dem Mädchen." "Ja, aber allein." "Natürlich, wie Sie wollen." Sie lag halbaufgerichtet im Bett, den Kopf zur Seite gedreht und schaute aus dem Fenster. Sie streifte Daniela nur mit einem kurzen Blick, aber sie registrierte, daß sie keine Krankenschwester ist. "Hallo. Ich bin Daniela Smerlova, ich bin hergekommen, um mit dir zu reden", sagte sie, nahm einen Stuhl und setzte sich auf die Seite des Bettes, von der aus sie ebenfalls hinausschauen konnte. Die andere antwortete nicht.

Trotz der Prellung am Auge konnte man sehen, daß sie ein hübsches Gesicht hatte. Daniela bemerkte sofort dessen dunklere Tönung und machte sich einen Reim darauf. Sie fragte sie nach ihrem Namen, bekam aber keine Antwort, sie starrte weiter aus dem Fenster. "Wenn ich dir helfen soll, muss ich zumindest wissen, wie du heißt." Manchmal in solchen Fällen reagierten die anderen daraufhin abweisend und sagten 'Ich brauche Ihre Hilfe nicht' oder auch nur 'Leck mich' oder 'Fick dich', aber wenigstens kommunizierten sie. Die hier blieb stumm.

"Woher bist du? Aus der Gegend von Decin? Usti? Teplice? Oder Richtung Ceska Lipa? Ich kenne in Benesov eine Roma Siedlung, bin ein paar Mal dort gewesen, ich kenne da einen Clan Chef namens Witoscha, er hat ..." "Ich muss zu meinem Bruder", sagte sie und drehte den Kopf zu ihr hin. "Okay." Sie schauten sich direkt in die Augen, Daniela wusste, daß man so ihr Vertrauen gewinnen konnte, mit einem offenen, anspruchslosen Blick. "Sie wissen gar nichts", wurde sie angefaucht. Freilich, man konnte sich auf die Blickgeschichte nicht immer verlassen.

"Das stimmt nicht ganz, ich weiß, was sie mit dir gemacht haben." Sie wollte etwas erwidern, bekam aber einen Hustenanfall, es rasselte tief drin in der schmalen Brust wie bei einem alten Kettenraucher. Daniela stand auf und nahm von dem Nachtschränkchen eine Flasche mit Hustensaft. "Willst du davon was haben?" Sie nickte. Daniela gab ihr einen Löffel voll. Sie ließ ihre Oberlippe darübergleiten, wie man einer schnurrenden Katze übers Fell streicht. "Noch einen." Daniela schaute auf das Etikett. "Was ist? Daran werde ich nicht krepieren." "Da hast du wahrscheinlich recht."

Daniela fand Kommissar Hellwein in der Cafeteria. "Haben Sie etwas erfahren können", fragte er. "Nicht viel. Sie heißt Celine." Den Namen hatte sie ihr entlocken können, aber sie bezweifelte, daß es ihr richtiger war. Manche solcher Mädchen gaben sich Phantasienamen, die zu einer Person passten, die mit ihrem wirklichen Leben nichts zu tun hatte.

"Ich habe noch nicht richtig mitbekommen, wer Sie eigentlich sind?" "Kriminalkommissar Hellwein." "Ja, soviel weiß ich schon. Von welcher Behörde kommen Sie? Und warum interessieren Sie sich für eine tschechische minderjährige Prostituierte? Noch dazu ein Zigeunerkind." "Ich arbeite in einer Einheit für Sonderermittlungen." "Klingt für mich nicht viel aufschlussreicher." "Wenn Sie mich vielleicht ausreden lassen." "Bitte, natürlich", sagte Daniela und hob halb entschuldigend, halb bedient die Hände. "Kann es sein, daß Sie gewisse Vorbehalte gegenüber der Polizei haben, Frau Smerlova?"

"Warum sollte ich? Sie tun bestimmt nur Ihre Arbeit." "Ich gebe mir alle Mühe." "Sicher. Es heißt oft: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint." "Wie bitte?" "Ich habe innerhalb des letzten halben Jahres dreizehn Fälle von sexueller Nötigung und schwerer Körperverletzung an Minderjährigen erlebt, alle so in der Größenordnung wie bei diesem Mädchen. Nicht einer davon wurde bis jetzt aufgeklärt, ja, es wird nicht einmal wirklich ermittelt. Es wurden in dieser Zeit jede Menge Zigarettentransporte beschlagnahmt, aber nicht ein einziger Menschenhändler verhaftet."

"Ich weiß." Daniela rang sich ein bitteres Lächeln ab. 'Sie wissen gar nichts' hatte Celine ihr ins Gesicht gesagt; sie könnte das gleiche diesem Kommissar entgegenhalten. Er sagte "Wenn Sie nicht mit uns zusammenarbeiten wollen, können Sie das gern ablehnen, wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen, aber wir können sie natürlich nicht von Ihnen fordern." "Na großartig. Sie wissen genau, daß wir ohne die Polizei machtlos sind. Da können wir diese Kinder auch gleich in die Kirche schicken."

"Also, wenn das so ist", sagte Hellwein ruhig, "sehe ich eigentlich keinen Hinderungsgrund dafür, daß wir uns gegenseitig helfen können, im Interesse der Betroffenen. Außer vielleicht gewisse persönliche Aversionen." Sie schaute ihn an. "Ich habe doch nichts gegen Sie persönlich, ich kenne Sie überhaupt nicht." "Richtig. Ich schlage vor, ich hole uns jetzt einen Kaffee und dann sage ich Ihnen etwas über mich und unsere Arbeit, einverstanden?" Sie nickte deutlich.

Er holte zwei Becher Kaffee. Dann erklärte er ihr, er wäre der Leiter eines kürzlich eingerichteten Sonderkommandos für organisierte Kriminalität im sogenannten Dreiländer Eck Deutschland, Polen, Tschechei. "Welche Erfolge hatten Sie denn bisher zu verzeichnen?", meinte Daniela, eine Frage, auf die sie natürlich keine offene Auskunft erwartete. "Unsere Abteilung ist noch sehr klein", sagte er. "Es gibt auch so schon ähnliche Ermittler, zum Beispiel für Wirtschaftskriminalität oder für Drogenhandel."

"Dann sind Sie nicht gerade willkommen?" Er lächelte matt. "Sie kennen sich wohl aus mit den Kompetenz Streitigkeiten von Ordnungsbehörden?" "Nein. Aber ich weiß, daß immer jeder gern allein gewinnen will." "Oh ja, das klingt wie eine echte Lebensweisheit." "Ich wollte damit nur sagen, daß ich Ihnen nicht mehr zutraue als allen anderen." "Vielen Dank. Ich glaube, wir hatten wirklich einen schlechten Start."

"Einen Start? Für Sie ist das vielleicht der Anfang Ihrer Arbeit hier, für mich nicht. Für mich ist dies ein weiteres Verbrechen, bei dem es - wie bei allen vorangegangenen - ein Kind als Opfer, ein paar hilflose Verfolger und eine unbestimmte Anzahl von Leuten gibt, die davon profitieren. Ich weiß nicht genau, Herr Kommissar, mit welchem Auftrag Sie hier agieren, aber ich befürchte, Sie verkennen die Lage. Das hier ist kein 'Dreiländer Eck' wie Sie es so idyllisch nennen, sondern ein Dschungel, durch den Sie sich mit der Machete den Weg bahnen müssen, wenn Sie an Ihr Ziel gelangen wollen."

"Meine Güte, Frau Smerlova, wenn man Sie reden hört, könnte man denken, wir sind im Kongo und nicht in Mitteleuropa. Kommen Sie mal wieder runter. Ich habe nicht vor, mit der Machete zu agieren, und das ist auch nicht meine erste Ermittlungsarbeit. Schon möglich, daß uns diese Schweinehunde hin und wieder durch die Lappen gehen, aber wir lassen uns bestimmt nicht von ihnen verarschen, und früher oder später schnappen wir sie." "Höchstwahrscheinlich später", sagte Daniela ungerührt. "Ja, höchstwahrscheinlich. Aber immerhin, wenn wir es nicht tun, dann würden sie davonkommen. Und nun verraten Sie mir bitte etwas über Ihre Hilfsorganisation."

"Organisation hört sich bedeutend an. Es ist ein Verein. Wir existieren von einer finanziellen Unterstützung durch das Sozialministerium des Landes Sachsen, durch Mittel aus einem Fond von Unicef und durch Spenden. Wir haben ein Büro in Usti nad Labem, dem früheren Aussig, und eins in Dresden." "Wo in Dresden? Ich habe Ihre Adresse nirgends gefunden." "Sie haben mich doch angerufen." "Das ist der Anschluss einer Anwaltskanzlei." Sie schwieg. Sie schien plötzlich ein bisschen verwirrt. Dann sagte sie "Können Sie mir nochmal Ihren Dienstausweis zeigen?" Er tat es. "So oft Sie wollen."

"Entschuldigung." "Wofür?" "Es ist manchmal nötig, daß wir ... ich meine, es gibt nicht Wenige, die uns lieber heute als morgen ausgeschaltet sehen möchten. Für das, was wir tun, ist nicht nur ein gesundes Misstrauen unverzichtbar, sondern auch so etwas wie Konspiration, Sie verstehen?" "Vollkommen. Ich frage auch nicht nochmal nach der Adresse." "Schön."

"Warum haben Sie eben den Namen Aussig so betont?" "Weil ich annehme, daß Sie nicht von hier sind?" "Das stimmt, aber ich kenne mich ein wenig aus in sächsischer Geschichte." "Das ist bestimmt sehr hilfreich", sagte Daniela wieder ironisch. "Und woher kommen Sie?" "Aus Rheinland Pfalz." "Da sind Sie also ein waschechter Wessi. Fliegen Sie auch jeden Montag mit dem Beamten Bomber in Dresden ein, und freitags zurück nach Hause?" "Nein. Ich wohne hier", sagte er und fügte hinzu "Ich habe keine Familie." "Ach so? Wie kommt das?" "Das interessiert Sie doch nicht wirklich?" Sie lachte. "Nein. Und wahrscheinlich denke ich: 'jetzt versucht er es über die private Schiene'." "Was?" Sie zuckte mit den Schultern.

"Sie haben mir immer noch nicht gesagt, weshalb Sie sich ausgerechnet mit diesem Mädchen befassen." "Wir gehen einem Hinweis nach." "Ich nehme an, mehr können Sie mir im Moment nicht verraten." "Sie sagten, diese Celine sei ein Zigeunerkind?" "Böhmische Mädchen haben nicht so einen dunklen Teint und nicht so schwarzes Haar. Na ja, ich glaube, ich sehe das eben." "Haben Sie Kontakte zu den Roma in der Tschechei?" "Sie meinen, ob man mich dort zu den Familienfeiern einlädt?"

Hellwein hob widerwillig die Brauen. "Nein. Ich meine, ob Sie Geschäfte mit denen machen, Frau Smerlova." "Von den Kindern, mit denen wir es zu tun haben, sind ungefähr ein Viertel bis ein Drittel Roma. Seit dem Krieg in Jugoslawien werden es ständig mehr." "Woher kommen die? Aus dem Kosovo?" "Das lässt sich schwer feststellen, sie haben nämlich keinen Pass bei sich."

Dann sagte sie "Arbeiten Sie eigentlich für Interpol?" "Nein, warum?" "Ich habe mal mit einem Mann von Interpol gesprochen, der hat genau solche Fragen gestellt. Und dann hat sich gezeigt, daß es ihm gar nicht um diese Kinder geht, sondern um Waffengeschäfte." "Wissen Sie noch, wie er hieß?" "Da müsste ich nachsehen, ich merke mir nicht jeden dahergelaufenen Ermittler."

"Ich kann nur noch einmal sagen: wir sind für organisierte Kriminalität zuständig, und dazu gehört unter anderem auch der Menschenhandel." "Demnach müssten Sie ja ein ganzes Bataillon befehligen, Herr Kommissar." "Tue ich auch. Und sie sind alle mit Macheten bewaffnet." Daniela musste lachen, und Hellwein lachte auch.

"Was wollen Sie jetzt machen?", fragte sie ihn. "Ich werde mir den Taxifahrer vorknöpfen." "Gute Idee. Wahrscheinlich macht der öfters solche Fahrten." "Was für Fahrten? Doch nicht missbrauchte Kinder im Spital abliefern?" "Sextouristen über die Grenze fahren." "Hm. Schon möglich", machte Hellwein und überlegte. "Und ich würde Sie bitten, daß Sie versuchen, etwas mehr von dem Mädchen zu erfahren." "Ich werde sie nicht verhören." "Sie können mit ihr reden." "Morgen." "Natürlich. Ich gebe Ihnen meine Nummer." "Ich gebe Ihnen auch noch eine andere." "Und was ist das? Etwa ein Waschsalon?" "Finden Sie's heraus. Übrigens, Ihr Humor ist wirklich umwerfend."

* * * * *

Gerhard Ziegler hatte einen zähen Tag hinter sich, er hatte fünfzehn Adressen bearbeitet. Bei vier davon hatte er niemand angetroffen, bei dreien hatte er bloß viel Zeit vertrödelt, ohne einen einzigen Abschluss zu machen. Einen Handwerker, der nach einem Betriebsunfall arbeitsunfähig geworden war, besuchte er aus Versehen zum zweitenmal, und er erzählte Gerhard seine ganze öde Leidensgeschichte von vorn. Es graute ihm vor den Leuten, die allein waren und es ausnutzten, daß er zu ihnen kam.

In einem Treppenhaus überholte ihn von oben eine Horde wilder Kinder und rempelte ihn so arg an, daß er beinahe hinuntergefallen wäre. "Saubande!", rief er ihnen nach, und sie lachten ihn aus. Drei Versicherungen mit je dreitausend Mark sowie zwei Unfallpolicen, das war die ganze Ausbeute. Er beließ es dabei, weil er das Gefühl hatte, die Quote würde sich nur noch verschlechtern. Zuhause trank er ein Bier und noch eins, machte sich zwei belegte Brote und mummelte sie vor dem Fernseher. Dann legte er sich hin.

Er schlief gut, und am nächsten Tag fühlte er sich wach und gestärkt. Wie immer legte er am Küchentisch seine Route für heute fest und stellte die entsprechenden Adressen zusammen. Die Karten mit den Adressen wurden in der Agentur behandelt wie Wechsel oder sogar wie Blancoschecks. Sein Gruppenleiter pflegte zu sagen "Es gibt keine schlechten oder guten Adressen, jede einzelne ist bares Geld wert. Es kommt allein auf euch an, wieviel ihr herausholt."

Trotzdem ging er beim Verteilen nicht aufs Geradewohl vor, nicht jeder bekam das Gleiche. Wer gut schrieb, also viele Abschlüsse machte, der bekam auch stets vielversprechende Adressen. Mitarbeiter, die durch mangelnden Fleiß auffielen, wurden mit Adressen abgespeist, bei denen von vornherein nicht viel zu holen, mithin nichts zu verderben war, Kunden, von denen man wusste, daß sie finanziell klamm waren oder dafür bekannt, daß sie zwar bereitwillig eine Versicherung abschließen, sie aber ebenso kurzentschlossen wieder kündigten. Manche begriffen gar nicht, worum es dabei eigentlich geht.

Gerhard gehörte zwar nicht zu den Spitzenleuten in der Agentur, aber laut Gruppenleiter immerhin zu den "soliden Verkäufern", die sich nicht hängenließen, auch wenn es mal stockte, die ranklotzen konnten, wenn sie bei der Zielvorgabe (der Planerfüllung, wie man sie scherzhaft nannte) hinterherhinkten, und die - dem Tüchtigen hilft das Glück! - unweigerlich auch immer wieder eine Zeit hatten, wo es lief wie geschmiert.

An diesem Tag war Gerhard auf der Neustädter Seite unterwegs. Als erstes war ein Rentner Ehepaar dran, sie sahen aus, als wären sie beide gerade aufgestanden, der Mann erschien zuerst in Unterwäsche. Sie waren seit ewiger Zeit Mitglieder der "Volkssolidarität", mit der Gerhards Versicherung einen Geschäftsvertrag hatte, über dessen Inhalt im einzelnen Mitarbeiter wie er natürlich nicht Bescheid wussten.

Leider hatten die Leutchen bereits eine ähnliche Sterbevorsorge bei einem andern Anbieter abgeschlossen. Trotzdem waren sie sehr freundlich, sie boten ihm einen Kaffee an, aber Gerhard schützte Zeitmangel vor und lehnte dankend ab; er hatte noch den Anblick der schmuddeligen Unterwäsche vor Augen.

Dann kam er zu einer alleinstehenden Lehrerin, ebenfalls im Ruhestand. Sie reichte Gerhard kaum bis zur Brust und hatte ganz kurzes, weißes Haar. Als er sie fragte, welche Fächer sie unterrichtet habe, meinte sie, der Mann, der unter ihr wohne, habe vor langer Zeit in ihr die Liebe zur Seidenraupenzucht geweckt. Diese seltsame Bemerkung stand in merkwürdigem Kontrast zu dem klaren, fast einleuchtenden Blick aus ihren aufmerksamen Augen.

Sein Gruppenleiter hatte allen Mitarbeitern eingeschärft, sie sollten ja die Finger von Leuten lassen, die irgendwie den Eindruck machen, sie seien nicht ganz richtig im Kopf. Es hatte bei solchen Verträgen schon unangenehme Folgen gegeben. Aber die kleine Lehrerin wollte durchaus eine Versicherung bei ihm abschließen, und Gerhard vergewisserte sich vorher, daß sie jedenfalls noch die alleinige Geschäftsfähigkeit besitzt.

Er fuhr weiter hinaus bis in die Charlottenstraße, wo einige neue Wohnblocks standen. Er hatte die Adresse eines jungen Mannes, der selbst bei der Agentur angerufen und um ein Beratungsgespräch gebeten hatte, was wirklich nur selten geschah. Es zeigte sich, daß es ein Pärchen mit einem knapp einjährigen Sohn war; die Mutter, eine hübsche Frau mit einer Lockenfrisur, öffnete ihm. In der Wohnung war es sehr ordentlich, und alles zwar schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet. Ja, sie wisse Bescheid, allerdings sei ihr Mann gerade nicht da. Sie könne jedoch auch für ihn mitentscheiden.

Gerhard erläuterte ihr, daß bei dieser Art von Vorsorge der Versicherungsnehmer und der Versicherte ein und dieselbe Person sind, sie müssten also jeder für sich selbst abschließen. Dagegen sei es aber möglich, daß der Beitragszahler jemand anderes ist. "Das ist ja kompliziert", sagte sie. Sie hielt die ganze Zeit den Jungen auf dem Arm, der brav an seinem Schnuller nuckelte.

Gerhard passierte es, wie er jedesmal hinterher selbst erkannte, noch zu oft, daß er mit seinem Fachwissen die Kunden verschreckte, anstatt sie zu überzeugen. Er stellte ihr ein paar Fragen, dann meinte er "Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihrem Mann um eine Kapitallebensversicherung." "Genau. Was ist das eigentlich?" Gerhard erklärte es ihr so gut er konnte.

Sie fragte "Muss man sich dafür untersuchen lassen? Ich meine, wegen Krankheiten und so." "Man muss ein paar Fragen beantworten." "Aber es ist kein Arzt dafür nötig?" "Nein. Allerdings sollten die Angaben der Wahrheit entsprechen." "Und Selbstmord?" "Bitte?" "Ich frage nur Interesse halber. Wenn der Betreffende Selbstmord begeht, wird die Versicherung dann trotzdem ausgezahlt?" "Nach einer Frist, ja." "Wie lange ist die Frist?"

Gerhard bekam plötzlich einen trockenen Hals. "Hören Sie, Frau Schäfer, ich möchte nicht indiskret sein, aber ich meine, dieses Thema berührt Sie doch überhaupt nicht. Sie sind so jung und ... ich glaube, ich kann Ihnen mit meinen speziellen Angeboten nicht recht dienlich sein. Sie sollten vielleicht einen Bausparvertrag abschließen oder einen monatlichen Betrag in Vermögenswerten anlegen, verstehen Sie, damit Sie ihre finanzielle Situation schrittweise und langfristig verbessern und damit Ihre Familie auf eine sichere Basis gestellt ist und Sie - ich vermute, daß das Ihren eigenen Vorstellungen entspricht - sich auch vergrößern ... vermehren ... ich meine ... na Sie wissen, was ich sagen will."

Er hatte das Gefühl, als habe er von dem Moment an, als diese Frau mit dem kleinen Jungen die Tür öffnete und er die Wohnung betrat, eine innere Stimme gehört, die ihn davor warnte, dieser Frau, ihrem Kind und ihrem wie unsichtbar anwesenden Mann irgendetwas anzudrehen, das ihnen letztlich nicht von Nutzen ist und das ihrem allem Anschein nach blühenden Leben nur den Makel der Anfälligkeit aufdrücken würde. Sie lächelte ihn an und sagte "Vielen Dank für Ihren Ratschlag."

"Ich lasse Ihnen meine Karte da. Wir haben natürlich in unserer Agentur auch Experten für alle Arten von Geldanlage und so weiter." Er verabschiedete sich, er kniff dem Jungen sanft in die Wange, der sich daraufhin verschämt an ihre Schulter lehnte. In Wahrheit, so fand er, als er im Auto saß, hatte ihn die überraschende Erwähnung des Selbstmords geradezu erschreckt.

Die nächsten drei Besuche waren gemischt, einer wimmelte ihn ab, die zweite, eine Frau mit künstlichem Hüftgelenk, hatte schlechte Erfahrungen mit ihrer Unfallversicherung gemacht, schloss aber trotzdem noch eine weitere ab, weil ihr Gerhard so "vertrauenswürdig" erschien. Bei dem dritten, wiederum einem älteren Ehepaar, sagte ihm die Frau oben an der Wohnungstür, er würde ihren Mann im Keller finden, was auch zutraf. Es roch nach Verdünnung und verschmortem Plastik. Sie standen beide im Dunkeln, und der Mann leuchtete Gerhard mit einer Taschenlampe ins Gesicht.

Er hörte sich alles an, dann schickte er ihn wieder nach oben (in den dritten Stock) zu seiner Frau: sie solle "so ein Ding" abschließen, aber nicht mehr als 3000 Mark! Was ihr Mann eigentlich da unten mache, fragte Gerhard sie, um das Gespräch aufzulockern. Er arbeite an einer "Erfindung". Wahrscheinlich hatte er Gerhard deshalb im Finstern abgefertigt.

Es war Mittagszeit, und Gerhard gönnte sich eine Pause. Er fuhr zum Schloss Albrechtsberg, das auf der Neustädter Elbseite oben auf den Terrassen steht. Zu DDR Zeiten war in dem riesigen Gebäude mit den beiden eckigen Türmen der Pionierpalast untergebracht, das staatlich finanzierte Freizeithaus der sozialistischen Kinder- und Jugendorganisation, die vierzig Jahre bestanden, Millionen von Mitgliedern und sich gleich nach der Wende aufgelöst hatte.

Zu dem Areal gehört ein parkähnlicher Garten mit hohen Bäumen, verschlungenen Wegen, einem kleinen Teich, Bächen und Brücken, und nach der Elbseite hin hat man einen herrlichen Blick auf den Fluss und auf die Stadt gegenüber. Gerhard parkte seinen Opel Kadett vor dem Haupttor. Das Gebäude war geschlossen, überall wurde um- und ausgebaut, draußen prangte das Schild der Baufirma aus Düsseldorf. Das Wetter war mild und trocken. Er machte einen Spaziergang durch den Park, der hier und da ein bisschen verwildert aussah. Aber es war schön ruhig hier, und nur die Vögel zwitscherten munter in den Bäumen.

Er erinnerte sich, wie Monika und er die Tochter hierher geschickt hatten, als sie ungefähr neun war. Sie sollte eigentlich ein Musikinstrument spielen lernen, das war Monikas Wunsch. Sie versuchten es mit Blockflöte, aber es stellte sich heraus, daß Kathrin nicht nur unmusikalisch war, sondern auch keine ausreichende Fingerfertigkeit besaß. Außerdem hatte sie keine große Lust zum Musizieren und erst recht nicht zum Üben. Wenn er ehrlich war, so hatten weder er noch Monika selber irgendwelche nennenswerte musische Begabung, und das bewahrte wahrscheinlich Kathrin davor, zum Instrument Lernen verdonnert zu werden.

Die Blockflötengruppe, zu der sie ein paar Mal ging, traf sich wöchentlich im Pionierpalast und hatte, wie alle Arbeitsgemeinschaften im Haus ein anerkannt hohes Niveau. Man musste bald einsehen, daß Kathrin dem nicht genügte. Durch Zufall geriet sie in eine Gruppe von Gleichaltrigen, die sich mit Malen und Zeichnen und sogar mit plastischem Gestalten beschäftigten.

Der Leiter, ein erfahrender Kunsterzieher mit Rauschebart, gab ihr spontan einen großen, leeren Bogen Papier und eine Handvoll Wachsmalstifte (eine Rarität), erkundigte sich, ob sie schon einmal im Zoo gewesen sei, was sie bejahte, und forderte sie erwartungsvoll auf, ein Tier zu malen, das ihr besonders in Erinnerung geblieben sei. Während Kathrin munter drauflos zeichnete, zeigte der Kunsterzieher ihren Eltern, was so alles in dieser Arbeitsgemeinschaft geschaffen wird, und das konnte sich wirklich sehen lassen.

Die Tochter malte einen großen Elefanten und einen kleinen daneben, überlegte dann, ließ sich einen zweiten Bogen Papier geben, malte einen Löwen im Käfig, der sehr gefährlich und auch majestätisch aussah, und auf ein weiteres Blatt eine Horde Affen auf der Affeninsel, die allerlei Schabernack trieben. Dann ergänzte sie das Elefantenbild um einen Tierpfleger, der den großen mit einem Schrubber bearbeitet, dem Löwen hing sie ein Schild an den Käfig, auf dem eine klitzekleine, aber äußerst exakte Skizze des afrikanischen Kontinents Auskunft über sein Herkunftsland gab, und auf der Insel erschien zusätzlich ein Affe, der mit irgendetwas Seltsamen beschäftigt war.

Sie bedauerte es, als die Zeit für diesen Nachmittag um war, sie hatte sich gerade das Becken mit den Pinguinen vorgenommen. Der Kunsterzieher war von ihren Werken vollauf begeistert, und auch die anderen Kinder zollten ihr geradezu bewundernde Anerkennung. Es war allen klar, daß Kathrin fortan zum Mal- und Zeichenzirkel in den Pionierpalast ging.

Bei allen größeren Ausstellungen war sie mit ihren Arbeiten vertreten, und sogar beim zentralen Wettbewerb auf Bezirksebene gewann Kathrin Ziegler einen zweiten Platz. Nur ein gewisser Ronnie Reinhold aus Kamenz war angeblich besser. Aber sie fand, daß ihm bei seinem Bild, einem Stilleben mit Obstschale, jemand geholfen hat, und sie kannte mindestens fünf Leute, die ihr darin zustimmten.

Ganz in Gedanken versunken stand Gerhard vor dem Albrechts Schloss, als ihn jemand fragte "Ist das Ihr Opel Kadett da vorm Tor?" "Ja." "Da können Sie nicht stehen bleiben, das ist ein Privat Parkplatz." "Privat Parkplatz? Da habe ich immer geparkt!" "Und wenn Sie's weiterhin tun, rufe ich die Polizei und die schleppen Ihren Wagen ratzfatz ab", sagte der Mann in einem Ton, als wäre Gerhard mit seiner Frau fremdgegangen.

Er fuhr weiter hinauf nach Loschwitz zu einem Friseurmeister im Ruhestand, der in einem hübschen Haus in der Nähe des Luisenhofs wohnte, den man bekanntlich den "Balkon von Dresden" nennt. Als er sich von ihm verabschiedete, deutete der Friseur auf das Nachbargrundstück, wo eine prächtige, neuverputzte Villa stand, und meinte "Gehen Sie doch mal da hin, da wohnt seit neuem eine stinkreiche Witwe, da ist bestimmt was zu holen." Dabei rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander und grinste.

Kurzentschlossen folgte Gerhard dem Rat. An dem vergitterten Eingangstor war auf dem Schild in verschnörkelter Schreibschrift lediglich der Name Nauwerk zu lesen. Daneben befand sich ein Klingelknopf mit Wechselsprechanlage. Gerhard machte sich keine Illusion, eingelassen zu werden. Als er auf die Frage "Wer ist da?", sagte, er sei Herr Ziegler und wolle Frau Nauwerk in einer geschäftlichen Angelegenheit sprechen, erwiderte die Frauenstimme "Einen Moment", und nach einer Pause sagte sie tatsächlich "Frau von Nauwerk lässt bitten." Dann schnarrte der Türöffner.

Am Eingang stand ein Dienstmädchen im dunklen Kostüm mit knapper, weißer Schürze und Häubchen und sagte mit freundlicher Miene "Frau von Nauwerk ist im Salon, eine Treppe hoch, Sie können es nicht verfehlen." Er wusste gar nicht, wie ihm geschieht, daß man ihn so ohne weiteres eintreten ließ. Oben stand die große Flügeltür offen, und er sah die Hausherrin, die gerade in einem Buch mit braunem Ledereinband las. Sie trug ein überaus elegantes, dunkelrotes Kleid mit einem Silberfuchs Kragen, Seidenhandschuhe und ein glitzerndes Diadem im sorgfältig hochgesteckten Haar, sie sah aus, als wollte sie zu einem Ball gehen.

Er stellte sich vor, und sie streckte ihm ihre Rechte hin, und zum ersten Mal in seinem Leben gab er einer Dame einen Handkuss, er wusste, daß man dabei den Mund nur bis auf Haaresbreite der Hand nähert. "Es ist mir ein Vergnügen", sagte sie, und Gerhard musste die ganze Zeit annehmen, daß sie ihn für irgendwen anderen hielt; die Szene hatte etwas Unwirkliches.

Sie schwenkte das Buch und fragte ihn "Was halten Sie von Carus und seiner Theorie der menschlichen Psyche, mein lieber Ziegler?" Er wusste zwar, daß Carl Gustav Carus ein Dresdner Maler war, dessen Bilder in der Gemäldegalerie hängen, und daß er außerdem Arzt gewesen war, nach dem die Medizinische Akademie ihren Namen hat, mehr aber auch nicht, von seinen Schriften war ihm nichts bekannt. Dennoch antwortete er "Es ist schon eine Weile her, daß ich ihn gelesen habe, und ehrlich gesagt, mir ist davon nicht viel in Erinnerung geblieben."

Frau von Nauwerk lächelte und sagte nicht ohne Begeisterung "Genau das ist der Punkt: man liest es und man begreift es auch, aber man behält es nicht. Warum ist das so? Wenn es Ihnen offenbar ebenso ergeht, kann es doch nicht an meinem Verstand liegen?" "Vielleicht muss man auf den rechten Zeitpunkt warten, an dem einem dann alles wieder einfällt. Die meisten Bücher, die man irgendwann einmal gelesen hat, trägt man in seinem Kopf mit sich und denkt niemals daran. Aber eines Tages erlebt man eine Situation, wo es Klick macht, und ein bestimmter Satz oder ein Bild daraus kommt einem wieder in den Sinn, so klar und deutlich, als hätte man es eben zum ersten Mal gelesen."

Frau von Nauwerk sah ihn erstaunt an. "Warum sind Sie denn nicht schon früher zu mir gekommen?" Aber in ihrer Stimme und in ihrem Blick lag dabei etwas Sehnsüchtiges, das Gerhard so vorkam, als verspreche sie sich weit mehr von ihm als nur eine Verständnishilfe der Carus'schen Theorie. Ihm wurde bewusst, daß die Frau wohl über siebzig sein dürfte und sich wahrscheinlich und trotz des Personals (sicher hatte sie auch noch eine Köchin und einen Chauffeur) in ihrer großen Villa ziemlich allein fühlt.

Sie legte das Buch beiseite und drückte auf einen roten Knopf an einem Kästchen auf dem Glastisch, es erschien das Dienstmädchen. Frau von Nauwerk bestellte Tee. Gerhard sah sich im Salon um, überall standen wertvolle Möbel und Antiquitäten, Kunstobjekte und Porzellanfiguren, die womöglich aus der Meißner Manufaktur stammten. Sein Blick fiel auf ein Bild, das in kräftigen Farben eine Straßenszene darstellte.

"Das ist ein Kirchner", sagte die Witwe, "ein Motiv aus der Friedrichstadt." "Ernst Ludwig Kirchner?" "Ja. Mein Vater hat es neunzehnhundert siebenunddreißig erworben, gleich nach der Schau über die Entartete Kunst, die die Nazis hier veranstaltet haben. Es hing vorher sogar eine Zeitlang in der Gemäldegalerie, bis es dort unerwünscht war. Dann wurde behauptet, es sei 'bezahlt von den Steuergroschen des deutschen Volkes'. Einfach lächerlich! Damit wollte man die Leute zur Bilderstümerei aufhetzen." "Heute ist es vermutlich ein paar Groschen mehr wert", sagte Gerhard und bereute sogleich seine platte Bemerkung. "Wir hatten auch ein Antiquitäten Geschäft am Neumarkt. Ich komme aus einer Familie, die mit den von Kügelgens verwandt war." "Aha."

Der Tee wurde serviert. Frau von Nauwerk schenkte selber ein. "Mein Mann war Gesellschafter bei der Firma Teekanne." "Ja, die kenne ich." "Also nicht direkt Gesellschafter, denn es ist von jeher ein Familienunternehmen gewesen, aber er war Gläubiger über die Dresdner Bank, dort war er als Volkswirt tätig." "Und dann sind Sie aus Dresden weggezogen?"

Sie nahm einen Schluck aus der Tasse, als würde damit ihr Urteil über die ganze diesjährige Tee Ernte gefällt werden, sie sah ihren Gegenüber unverwandt an. "Weggezogen?", betonte sie dann. "Der Russe hat uns aus Dresden verjagt." Sie schüttelte den Kopf, man konnte sehen, daß sie es niemals verwunden hatte.

"Ausgerechnet der Russe! Wo ein Mann wie der Wilhelm von Kügelgen so viel für Russland getan hat; Petersburg war ja praktisch seine zweite Heimatstadt. Ich weiß, es ist vielleicht nicht ganz frei von Rachegelüsten, aber ich sage, es geschieht ihnen ganz Recht, daß sie jetzt selber so erschüttert werden." "Sie meinen die Russen." Die Witwe schwieg, sie hatte sich deutlich genug ausgedrückt.

"Wohin sind Sie damals gegangen?" "Nach München. Mein ältester Sohn hat ein Haus am Chiemsee, in unmittelbarer Nachbarschaft von Herrn Biedenkopf, der nun seinerseits ein Wahl Dresdner geworden ist." "Ja. Wie die Geschichte so spielt", meinte Gerhard und schaute auf die Uhr. Er stand auf und sagte "Eine herrliche Aussicht haben Sie von hier." Sie traten beide an die breite Fensterfront. "Bei gutem Wetter kann man sogar die Babisnauer Pappel sehen. Als kleines Mädchen war ich einige Male dort." "Ja", lachte Gerhard, "und ich habe es bis heute nicht geschafft."

Da erschienen über der Stadt zwei Ballons, einer mit dem Logo einer Versicherung, der andere in Form einer Teekanne mit dem Logo der Firma Teekanne. Gerhard schaute Frau von Nauwerk von der Seite an, sie starrte hinüber zur Babisnauer Pappel, sie schien von den Ballons keine Notiz zu nehmen. Er wandte sich ab, ging zu dem Glastisch und nahm seinen Aktenkoffer. "Ich danke Ihnen vielmals für den Tee."

Sie trat auf ihn zu und sagte "Wären zweihundert Mark ein angemessener Preis?" Gerhard spürte, wie sich seine Haare am Hinterkopf sträubten. "Ich muss jetzt leider gehen", presste er hervor. Sie streckte die Rechte mit dem Seidenhandschuh nach ihm aus. Er sagte "Danke! Bemühen Sie sich nicht, ich finde allein hinaus", und eilte die Treppe hinab und an dem Dienstmädchen vorbei, das ihm verständnislos nach schaute.

* * * * *

Kommissar Hellwein zeigte Gerhard seinen Dienstausweis, dann sagte er "Darf ich einen Moment hereinkommen, ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen." "Ja natürlich." Sie setzten sich ins Wohnzimmer. "Worum geht es?" "Fahren Sie Taxi?" "Was? Nein, nie. Ich besitze ein Auto." Hellwein tippte sich an die Stirn. "Entschuldigung, das war unglücklich formuliert. Ich meine, ob Sie manchmal, vielleicht auch nur nebenberuflich, Taxi fahren?" "Ich selber? Als Fahrer?" "Ja." "Nein. Wie kommen Sie darauf?" "Was haben Sie denn am - er holte ein Notizbuch aus seiner Jackentasche und blätterte darin - am Freitag den elften gemacht?" "Ich habe gearbeitet."

"Was tun Sie beruflich?" "Ich bin Versicherungsberater." "Sie sind sich sicher, daß Sie an dem Tag unterwegs waren." "Wie jeden Tag in der Woche, ja." "Wo?" "In der Stadt." "Geht es ein bisschen genauer." "Hören Sie, Herr Kommissar, wenn Sie mich vernehmen wollen, dann müssen Sie mir schon sagen, worum es geht." "Sie meinen, dies sei eine Vernehmung?" "Nein. Und deshalb muss ich auch keine weiteren Fragen beantworten", sagte Gerhard. Der Mann entpuppte sich als äußerst unangenehm. (Hellwein war offenbar ein Mensch, den man auf Anhieb schwerlich sympathisch finden konnte.) "Nein, das müssen Sie nicht. Ich gehe davon aus, daß Sie nicht auch nachts arbeiten, oder?" "Nein. Und ich verrate Ihnen auch warum: weil meine Kunden dann schlafen." "Und Sie nicht?" "Und ich auch."

"In dieser Nacht vom Freitag zum Samstag wurde im Krankenhaus in der Johannstadt ein Mädchen mit Verletzungen in die Notaufnahme gebracht." "Ja, und?" "Laut einem Vermerk an der Rezeption hat ein Taxifahrer namens Gerhard Ziegler aus Prohlis das Mädchen abgeliefert." "Das kann nur ein Missverständnis sein." "Die Kleine möchte sich bei Ihnen bedanken." "Tut mir leid, ich war das nicht." "Was?" "Der dieses Mädchen dort ... wenn es sich um eine Taxifahrt handelte, dann müssen Sie doch auch die Herkunft des Taxis kennen." "Sie meinen, wo es herkam?"

"Herr Kommissar, Sie brauchen mit mir nicht wie mit einem Hilfsschüler zu reden. Mit Herkunft meine ich natürlich die Identifikation des Taxis, es muss ja wohl eine Registrierung und einen Betreiber dafür geben." "Sie kennen sich ja gut aus. Oh, nein, ich höre schon auf damit", sagte er und hob die Hände.

"Wollen Sie nicht wissen, was dem Mädchen passiert war?" "Was war dem Mädchen passiert?" "Es war in einen Verkehrsunfall verwickelt." Gerhard verzog keine Miene, dann sagte er "Sie sind also extra hierher gekommen, um mir das mitzuteilen." "Es ist meine Arbeit, die Personen zu befragen, deren Name im Zusammenhang mit einem Delikt fällt." "Und ich versichere Ihnen, daß ich nichts damit zu tun habe." "Würden Sie in eine Gegenüberstellung einwilligen?" "Mit diesem Mädchen?" "Und mit der Krankenschwester aus der Notaufnahme." "Ja, warum nicht. Aber ich würde nicht auf eigene Kosten ins Krankenhaus fahren."

"Ich verstehe", sagte Hellwein und steckte sein Notizbuch wieder ein. "Können Sie sich vielleicht erklären, wieso jemand Ihren Namen nennt, ich meine, sich als Sie ausgibt?" "Ich habe keine Ahnung." "Ich frage auch, weil ich natürlich für mich entscheiden muss, ob es sich überhaupt lohnt, das herauszufinden." "Auch da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen." "Gut. Dann will ich Sie nicht länger belästigen." Gerhard winkte ab. "Ich lasse Ihnen meine Karte da." "Wozu?" "Das tue ich immer, solange ich noch nicht am Ende bin, am Ende der Ermittlungen meine ich." "Wie Sie wollen." "Was für ein Auto fahren Sie?" "Einen blauen Opel Kadett." Als Gerhard aus dem Fenster schaute, sah er, wie der Kommissar unten seinen Wagen inspizierte.

Diese Unterredung beschäftigte Gerhard offenbar mehr als ihm lieb war. Er rief den Kriminalkommissar an und sagte, er möchte selber eine Gegenüberstellung, allerdings in unauffälliger Weise. Hellwein überlegte einen Moment, dann sagte er "Sie begleiten mich einfach, und wir sprechen mit dem Mädchen und mit der Krankenschwester, in Ordnung?" "Ja, gut." "Wann soll ich Sie abholen?" "Nicht nötig, ich habe sowieso in Johannstadt zu tun." Sie verabredeten eine Uhrzeit.

Er wollte Frau Smerlova Bescheid geben, damit sie bei eventuellen Verständigungs Problemen vermitteln kann, aber sie war nicht erreichbar. Die Gegenüberstellung brachte im Grunde keine brauchbaren Erkenntnisse, im Gegenteil, eher noch mehr Unklarheiten. Als Daniela tags darauf ins Krankenhaus kam, erlebte sie eine unerfreuliche Überraschung. Das Mädchen sei verschwunden, sagte die Schwester, und man konnte hören, daß sie ziemlich sauer auf die junge Patientin ist.

"Was heißt verschwunden? Hat sie jemand mitgenommen?" "Nein. Sie ist allein losgezogen. Hier sind ihre Sachen, wenn Sie die freundlicherweise mitnehmen würden." Sie gab Daniela einen vollen Plastikbeutel. "Aber ... ist sie etwa im Nachthemd fortgelaufen?" "Sie hat sich bei ihren Zimmergenossinnen bedient. Wir haben jetzt drei Anzeigen wegen Diebstahl am Hals. Dankbarkeit gehört nicht gerade zu den Stärken von denen." "Von welchen?" "Von denen, die es nicht mal registrieren, daß man sich um sie kümmert."

"Sie sind doch versichert gegen solche Vorkommnisse." Die Schwester sah sie beinahe verächtlich an. "Ich möchte nicht weiter darüber sprechen. Wir haben unsere Pflicht getan." "Kann ich mal telefonieren?" "Bitte." Sie rief den Kommissar an. Während sie auf ihn wartete, kramte sie in Celines Sachen; was sollte sie damit anfangen? Aber in der Tasche der lumpigen Jogginghose fand sie etwas, das offenbar nicht ihr gehört.

Als Hellwein eintraf, setzten sich in die Cafeteria. Sie sagte ihm, was geschehen war. Sie hatte fast befürchtet, daß er erleichtert sei, weil sich damit alles von selbst erledigt hatte, aber Hellwein zeigte keine Regung. Dann berichtete er ihr von der Gegenüberstellung. Sie seien beide, er und dieser Gerhard Ziegler an Celines Bett getreten. Er habe sie gefragt, ob sie diesen Mann kennt, und sie habe nein gesagt. "Sie hat mit Ihnen geredet?" "Sie hat nein gesagt. Sie muss mich verstanden haben, meinen Sie nicht?" "Das ist anzunehmen. Hat sie noch was gesagt?"

Hellwein machte eine unklare Geste. "Ziegler hat sie gefragt, wie das passiert wäre mit dem Unfall." "Mit dem Unfall?" "Ich war bei ihm zu Hause und habe ihm ein paar Fragen gestellt. Ich habe gesagt, das Mädchen hätte einen Verkehrsunfall gehabt." "Warum denn das?" "Das gehört zu meinen Tricks, das verstehen Sie nicht." "Nein, wirklich nicht. Und was hat sie geantwortet?" "Sie hat ihn ungefähr so angeguckt wie Sie mich jetzt. Na ja, zugegeben, ich konnte nicht ganz schlau daraus werden, was sich da zwischen den beiden abspielt." "Dann hat Ihr Trick also nicht funktioniert?" "Bei Ihnen klappt sicher immer alles."

"Lassen Sie uns nicht wieder einander angiften, Herr Hellwein." "Ich konnte ja nicht damit rechnen, daß er plötzlich von selber eine Gegenüberstellung verlangt. Er hat Celine erzählt, er hätte selbst mal sechs Wochen im Krankenhaus gelegen, er wüsste, daß das kein angenehmer Ort wäre, und schon gar nicht für ein so junges, hübsches Mädchen wie sie." "Das hat er gesagt? Junges, hübsches Mädchen?" "Wie sie, ja." "Sie hat ein blaues Auge!" "Ich weiß."

Er trank einen Schluck aus dem Kaffeebecher, dann meinte er "Merkwürdig auch die Art, wie er das sagte, so ... so übertrieben väterlich, als wollte er etwas wiedergutmachen." Daniela sagte "So was fällt Ihnen auf?" Er strafte sie mit einem empörten Blick. "Die Aufgabe eines Kriminalisten ist es, sich in eine andere Person hineinversetzen zu können, um dadurch etwas über ihre innere Verfassung zu erfahren, es ist angewandte Psychologie. Man lernt das sogar auf der Polizeischule, aber am besten bringt man es sich selber bei."

"Sie schließen also nicht aus, daß dieser Ziegler das Mädchen kennt?" "Nachdem ich ihn zu Hause befragt hatte, glaubte ich eigentlich nicht, daß er was damit zu tun hat. Aber jetzt ... ich bin mir nicht hundertprozentig sicher." "Was war mit der Krankenschwester? Kennt sie ihn?" "Bei der Notaufnahme hat ein Zivi die Daten aufgenommen, und der ist gerade nicht da. Die Schwester kann sich nicht gut erinnern, sie sagt, er könnte es gewesen sein, aber sie würde das nicht beschwören." "Meine Güte." "Was wollen Sie, Frau Smerlova, das ist ein Krankenhaus und kein Polizeirevier."

"Und das Taxi?", fiel ihr ein. "Gibt es nicht." "Wie bitte?" "Keins mit dieser Nummer." "Hm, na wirklich! Wenn's ein Polizeirevier wäre, dann würden ihnen die Ganoven wahrscheinlich jedes Weihnachten ein Präsent schicken." Hellwein fragte "Also, was schlagen Sie vor, das wir tun?" "Ich hatte ehrlich gesagt erwartet, daß Sie die Sache als erledigt betrachten." "Ja, das wäre eine Option. Und ein ungeklärter Fall von Kindesmissbrauch mehr, der Sie bedrückt." "Machen Sie sich da mal nicht zu viele Sorgen um mich."

"Und wenn doch?", meinte er mit veränderter Stimme. Sie sah ihn verblüfft an, dann sagte sie scharf "Wollen Sie mich anbaggern?" "Ich bin im Dienst. Und wenn Sie eine Kollegin wären, könnte mich das teuer zu stehen kommen." "Ach, sind Ihre Kolleginnen so prüde? Oder können Sie sich nicht beherrschen?" Er lachte, er wollte etwas entgegnen, verkniff es sich aber.

Sie dachte an die Karte, die sie in Celines Hosentasche gefunden hatte. "Was ist, wenn ich mal zu diesem Gerhard Ziegler gehe?" "Mit welcher Begründung? Sie müssen ihm ja irgendwas sagen." "Ich lasse mir was einfallen." "Soll ich mitkommen?" Daniela überlegte. "Ich rufe Sie an, wenn ich Sie brauche." "Nur damit wir uns richtig verstehen: ich bin nicht Ihr Assistent." "Oh, Verzeihung, wenn das jetzt so rüber kam", erwiderte sie mit gespieltem Bedauern.

"Was haben Sie da in dem Beutel? Wollten Sie Celine etwas zum Anziehen mitbringen?" "Nein, das sind ihre Sachen. Sie hat sich was geklaut, bevor sie gegangen ist." "Dann könnten wir nicht mal eine Personenbeschreibung herausgeben." "Hatten Sie das vor?" Er überlegte. "Kann ich das mal sehen?" Sie reichte ihm den Beutel , er warf einen Blick darauf und sah die Blutspuren. "Was wollen Sie damit machen?" "Ich weiß nicht. Ihnen überlassen?" "Gut. Ich nehme das mit, vielleicht lässt sich was herausfinden."

Drei Tage später hatte Gerhard schon am frühen Nachmittag seine Tour beendet und war ins Zentrum gefahren, um einen Ladenbummel zu machen. Auch wollte er einen neuen Anlauf zum Bücherlesen nehmen und sich etwas von einem gewissen Konsalik kaufen, der allenthalben angepriesen wurde.

Wie er in der Passage an den Auslagen entlangschlenderte, stand plötzlich ein Mädchen neben ihm. Sie war auffällig salopp gekleidet und hatte eine riesige Sonnenbrille mit halbgetönten Gläsern auf. Sie hatte schwarzes, wie aufgeplustertes Haar, ihre Lippen waren knallrot geschminkt, und sie lachte ihn an mit strahlend weißen Zähnen. "Hallo", sagte sie. "Wie geht's?" "Ähm, danke gut. Kennen wir uns?" Sie schob die Brille ein Stück hoch, und Gerhard sah den dunklen Ring um ihr linkes Auge.

"Ah, das Mädchen aus dem Krankenhaus!" "Celine." "Haben sie dich schon entlassen, Celine?" "Ja, ist wieder alles in Ordnung. Lädst du mich zum Eisessen ein?" "Was? Ich bin ... ich warte ..." "Ich wette, du hast darauf gewartet, mich wiederzusehen?" "Nein! Ich meine, wieso sollte ich? Wir kennen uns doch gar nicht." "Das sollten wir schnellstens ändern." Sie lächelte ihn an. "Also gut, auf ein Eis." "Da drüben ist ein Eiscafé."

Als sie bestellt hatten, sagte Gerhard "Eins musst du mir zuerst mal erzählen, Celine: woher du kommst?" "Rate mal." "Es klingt ein bisschen wie Rumänien." "Wo ist das?" "Also nicht aus Rumänien. Ich hatte letztens eine Kundin, die war Rumänien Deutsche, die hat so ähnlich ... na ja, oder vielleicht doch anders." "Was hattest du mit der?" "Eine Kundin. Ich bin Versicherungsberater, ich verkaufe Versicherungen." "Wieso? Hast du zuviel davon?" Er lachte. "Wenn man's genau nimmt, können sie mir gar nicht ausgehen." "Was kann man damit machen?"

Die Serviererin brachte das Eis. Celine freute sich, man konnte praktisch durch die getönten Gläser ihre Augen leuchten sehen. "Wow, sieht das toll aus!" "Ist ja auch der größte, den sie haben." "Nein! Der zweitgrößte." "Du bist aber bescheiden." "Was?" "Also woher kommst du?" "Warum bist du so neugierig. Verstehst du mich so schlecht?" "Nein, ich verstehe dich ganz gut."

"Ich darf es niemand verraten. In meiner Heimat ist Krieg. Ich musste mit meinen Eltern und meinen Geschwistern fliehen. Wir mussten alles dalassen. Wir konnten nur nachts fliehen, tagsüber mussten wir uns verstecken. Wir durften niemals anhalten. Meine Eltern wurden beide erschossen." Während sie das sagte, schabte sie mit dem Löffel kunstvolle Spuren in die Eiskugeln. Gerhard wusste nicht, ob sie ihn zum Narren halten will.

"Das ist ja ... furchtbar. Dann bist du aus Jugoslawien?" "Ist da jetzt Krieg? Ja, du hast recht! Aus Bossjen." "Bosnien." "Na, was sag' ich denn. Oder liegt's vielleicht an deinen Ohren." "Und du warst hier zu Besuch, als das mit dem Unfall passierte?" Sie sah ihn bloß an und leckte mit der Zungenspitze den Löffel ab. "Genau", murmelte sie dann.

Nach einer Weile meinte sie "Der da mit dir dabei war, ist das 'n Bulle?" "Ja." "Bist du auch einer?" "Ich habe dir doch gesagt, ich bin Handelsvertreter." "Vorhin hast du was anderes gesagt." "Celine! Das ist die allgemeine Berufsbezeichnung für alle, die bei den Leuten daheim was verkaufen." "Ja, ja, schon kapiert! Musst mich nicht gleich anschnauzen." "Ich habe dich nicht angeschnauzt." "Ich hab's ja kapiert!" "Und wohnst du jetzt hier?" Sie schob die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und lugte über den Rand hinweg in die Runde, als müsste sie herausfinden, wo sie ist. "Wo? Hier?", fragte sie dann. Gerhard stieß unwillkürlich einen Lacher aus, war sie nicht ganz dicht? "Ja! Da drüben in dem Reisebüro vielleicht", rief er aus. Sie musste auch lachen.

"Du willst mich verscheißern!" "Ich würde nie ein verletztes Mädchen verscheißern, das kürzlich seine Eltern im Krieg verloren hat", entgegnete er und konnte sein Lachen kaum beherrschen. "Würde ich mir auch nicht gefallen lassen!" Dann fügte sie hinzu "Bei Freunden." "Bitte?" "Da wohn' ich." Mit dem Trinkhalm holte sie den letzten Rest vom zerlaufenen Eis aus dem großen Glasbecher und ließ es dabei ordentlich röcheln. "Du hast deinen schon geschafft", stellte er fest, um es zu beenden. "Und du brauchst so lange, weil du so viel quatscht."

Sie schaute auf die Karte. "Wo steht da der Kaffee?" Er zeigte mit dem Finger drauf. "Hier, eine ganze Auswahl." "Was heißt'n das?" "Cappuccino." "Und das drunter." "Latte macchiato." "Und das?" "Espresso." "Und wo steht Kaffee?" "Das ist alles Kaffee, mehr oder weniger, das sind besondere Kaffee Zubereitungen. Wie alt bist du?" "Alt genug, daß ich mich von dir nicht verscheißern lasse." Gerhard winkte ab. Sie schob die Brille hoch, beugte sich tief über die Karte und starrte angestrengt darauf. Da erbarmte er sich. "Möchtest du etwas davon?" "Ja. Was mit Kaffee."

Er bestellte einen Latte macchiato. Sie schüttete massenweise Zucker hinein. "Da war vorher schon so eine Tussy da." "Wo?" "Da im Krankenhaus. Die wollte auch wissen, wo ich herkomme. Warum wollen hier immer alle wissen, wo ich herkomme?" "Und was hast du ihr erzählt?" "Nichts. Geht niemand was an. Ich frage die Leute doch auch nicht, wo sie herkommen. Interessiert mich auch 'n Scheiß."

"Bist du in die Schule gegangen, bevor du hergekommen bist?" "Warum frags'ten jetzt so'n Quatsch? Klar bin ich in die Schule gegangen." "Weil du offenbar ziemlich schlecht lesen kannst." "Passt dir was nicht an mir? Klar bin ich in die Schule gegangen! Andauernd!" "Es ist mir bloß aufgefallen, ich weiß nicht, ob mir das nicht passt." "Na dann frag' doch nicht so was, wenn du nicht mal weißt, ob's dir passt oder nicht." Er fuhr auf. "Na gut! Wenn du's genau wissen willst: Ja! Es macht mich stutzig, daß ein Mädchen in deinem Alter nicht mal eine Eiskarte lesen kann."

Sie streckte ihm die Zunge raus. "Na und! Vielleicht ist es ja bloß 'ne Eiskarte, die ich nicht lesen kann! Und alles andre kann ich lesen!" Sie setzte noch eins drauf. "Und wie soll ich den Eisbecher gelesen haben, den ich bestellt habe? Häh?" "Ach hör' doch auf, Celine! Da sind lauter Bilder davon drauf, da hast du dir das größte ausgesucht." "Es war nicht das größte! Wenn du selber richtig lesen könntest, hättest du das gesehen!" Sie schlug mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, daß die Tasse klapperte. "Oh, du kannst so gemein sein!", presste sie hervor. Sie war nahe dran loszuheulen.

Aber stattdessen bekam sie einen schrecklichen Hustenanfall, der ihr die Brust zusammen zu drücken schien. "Ist alles in Ordnung, Celine?" "Nein!" Sie wühlte in der Tasche ihrer Sportjacke und brachte ein kleines, braunes Fläschchen zum Vorschein, schraubte hastig den roten Verschluss ab, warf den Kopf nach hinten und kippte den Inhalt hinunter, aber es war nichts mehr drin. "Mist! Leer." "Was ist das?" "Das muss ich nehmen!"

Ohne mit husten aufzuhören, hielt sie ihm das Fläschchen vor Augen und tippte mit dem Finger drauf. "Davon muss ich jede Stunde einen Löffel nehmen! Öhö, öhö! Zwei, wenn's ein kleiner ist. Der Arzt hat gesagt, wenn ich's nicht jede Stunde nehme, kann ich verrecken! Öhö, öhö, öhö! Du hast doch keine Ahnung, Mann!" "Zeig' mir's mal." Sie riss es an sich. "Nein!", schrie sie.

Gerhard brach der Schweiß aus, sie war wirklich verrückt. Sie schaute sich um. "Kannst du mir eine volle besorgen? Öhö, öhö!" "Ich glaube, da vorn ist eine Apotheke. Hast du das auf Rezept gekriegt?" "Mann, wegen meinen Husten hab' ich das gekriegt, merkst du überhaupt noch was!" "Ja, ja, jetzt beruhige dich." Der Husten ließ nach, sie keuchte, sie umklammerte das Fläschchen so fest, daß ihre Fingerknöchel schneeweiß hervortraten.

"Ich hole dir ein neues." "Versprich mir's!" "Ja." "Schwöre!" "Jetzt hör auf! Gib' mir's, ich will sehen, ob man ein Rezept braucht." "Jede Stunde brauch' ich es." Er schaute demonstrativ auf die Uhr. "Wir haben noch fünfzehn Minuten!" Das wirkte schlagartig. "Ehrlich?" "Ich schwör's, solange kann dir nichts passieren." "Wieviel von 'ner Stunde ist das?" "Eine Viertelstunde, genug Zeit." "Hier", sagte sie und gab ihm zögernd das Fläschchen. Der Husten war weg.

Dann sagte sie "Bist du sauer auf mich?" "Weswegen denn?" "Wegen der blöden Eiskarte." "Was? Nein!" "Ich kann lesen!" "Ich glaub' dir's." "Wieviel Zeit ist noch?" "Jede Menge, über zehn Minuten. Ich werde bezahlen, und dann suchen wir die Apotheke." "Hast du nicht gesagt, da vorn ist eine?" "Ja." "Dann müssen wir doch nicht erst suchen." "Nein. Du hast recht. Wir gehen hin und holen ein volles Fläschchen." "Ja gut. Mann, bin ich froh, daß ich dich getroffen hab' und daß du weißt, wo die Atopeke ist, Mann hab' ich ein Glück!" "Ja, ich bin auch froh."

Sie blickte abermals über den Brillenrand in die Runde. "Hast du vielleicht auch irgendwo ein Telefon entdeckt?" "Ja, dort an der Ecke." "Was meinst du, bleibt noch genug Zeit, damit ich mal telefonieren kann?" "Ich denke schon, wenn es nicht zu lange dauert." "Ich will bloß meinen Freunden Bescheid sagen, wann ich komme." "Ja, gut."

Sie erhob sich, stieg so umständlich über den Stuhl, daß sie die Beine spreizen musste und wandte sich in Richtung Telefon. "Ach so. Hast du zufällig 'n bisschen Kleingeld?" Gerhard gab ihr ein paar Münzen, sie fragte "Reicht das auch?" "Für ein Ortsgespräch ja. Du willst doch nicht nach Bosnien telefonieren, oder?" "Blödmann." Sie steckte das Geld ein und ging hinüber.

Gerhard sah, wie sie den Hörer abnahm und eine Weile ans Ohr hielt. Dann kam sie wieder. "Mist! Meine Freunde sind heute nicht da." Gerhard winkte der Serviererin und zahlte, sie bedankte sich für das Trinkgeld. Sie gingen zur Apotheke und kauften ein Fläschchen Hustensaft, es war nicht genau derselbe, und Celine regte sich auf und meinte, sie brauche unbedingt denselben, der andere würde nichts nützen, aber als Gerhard sagte, den oder gar keinen, willigte sie schließlich ein. Sie steckte das Fläschchen sofort in die Tasche.

"So, das war's dann", sagte Gerhard, und Celine meinte "Kann ich mit zu dir kommen? Meine Freunde sind doch nicht da, und ich soll abends nicht allein draußen rumlaufen." "Nein, das geht nicht. Tut mir leid." "Aber wo soll ich denn hin?" Er zuckte mit den Schultern, sie sagte "Außerdem hab' ich keinen Löffel dabei." "Was?" "Für den Hustensaft! Das hast du natürlich schon wieder total vergessen! Ich bin dir egal, ich hab's immer gewusst!"

"Du bist eine Nervensäge!" Sie musste lachen. "Such' dir was anderes. Bei mir kannst du jedenfalls nicht übernachten." "Bitte! Ich könnte auch was für dich tun." "Was soll das denn heißen? Willst du bei mir abwaschen?" "Ich dachte an was anderes, aber wenn's sein muss." "Hör' auf mit dem Unsinn! Wir trennen uns hier. Und versuche nicht mir nachzulaufen." "Wir können uns nicht trennen! Öhö, öhö! Wenn wir uns trennen, muss ich dir nachlaufen, so ist das bei mir, ich kann nichts dagegen machen. Öhö, öhö, öhö!" "Nimm' was von dem Hustensaft." "Ich hab' keinen Löffel, öhö, öhö!" "Mensch, nimm' einfach einen Schluck." Sie tat es.

Dann hakte sie sich bei ihm ein. "Ich verspreche, morgen früh bin ich weg. Ich bin auch ganz still. Ich brauch' auch nichts zu essen, bin sowieso noch satt vom Eis. Bitte!" Sie gingen ins Parkhaus, wo Gerhards Wagen stand. Draußen war es schon dunkel. Als sie auf der Dohnaer Straße waren, fragte Celine "Kann ich mal fahren?" "Bist du nicht bei Trost!" "Aber ich kann fahren!", sagte sie mit Nachdruck, dann fügte sie hinzu "Sogar besser als lesen."

"Wow", staunte Celine, als sie Gerhards Wohnung betrat, "das ist ja riesig! Wohnst du allein hier?" "Früher hab' ich mit meiner Frau und meiner Tochter hier gewohnt." "Und wo sind die jetzt?" "Meine Frau ist verstorben, und meine Tochter lebt woanders." "Was ist das?" "Das Wohnzimmer." "Und da schläfst du drauf?" "Das ist eine Couch, die ist mehr zum Sitzen." "Mann, ich weiß, wozu eine Kautsch ist." "Das Schlafzimmer ist da." "Wow! Ist ja unglaublich, so'n Riesenbett, ich glaub', da würde ich den ganzen Tag drin liegen bleiben." "Ja, aber bestimmt nicht in dem." "Wieso nicht?"

Er drehte sich um und ging in die Küche, sie kam hinterher. "Ist das der Kühlschrank?" "Ja." "Wow! Da passt ja ..." "Hör' mal, bevor du hier noch vor Staunen ohnmächtig wirst, kannst du dir erstmal im Bad die Hände waschen." "Meine Hände?" "Ich mache uns inzwischen was zum Abendbrot." "Oh ja, ich hab' ziemlich Hunger." "Magst du überbackenen Toast." "Isst du das auch?" "Na ja, freilich." "Ja, mag ich sehr." "Da ist das Bad." "Und 'n Klo?" "Auch."

Sie ging ins Badezimmer, kam aber gleich wieder raus. "Kann ich auch duschen?" "Ja bitte. Warte, ich geb' dir ein Badetuch." Er nahm eins aus dem Schrank. "Wow! Das ist aber sauber. Und so weich." Dann kam sie nochmal raus. "Wie heißt du eigentlich?" "Gerhard. Aber manche nennen mich Gerd." "Okay, Gerd. Willst du mich mal anfassen?" "Was? Nein." "Und angucken? Ich habe 'ne tolle Figur, ich hab' auch ziemlich geile ..." "Halt die Klappe! Dusch dich und komm' wieder her." Sie verschwand. "Mach die Tür zu!" "Nee, krieg' ich Angst."

Er bereitete die überbackenen Toasts in der Mikrowelle. Celine kam zurück, sie hatte ihre schwarzen Haare trockengerubbelt und sich das Badetuch umgehängt. "Soll ich mich wieder anziehen?" "Was fragst du? Natürlich." "Aber meine Sachen sind nicht mehr frisch." Er stellte den Teller unsanft auf den Tisch und sagte "Nervensäge! Komm' mit."

"Wow! Da ist ja noch 'n Zimmer!" "Das ist das von meiner Tochter." "Ich denke, die ist nicht mehr da?" "Na und. Ich muss es ja deswegen nicht zumauern." "Nee." Er suchte im Kleiderschrank nach ein paar übriggebliebenen Sachen. "Hier, schau mal, ob dir das passt." "Das sieht aber scheiße aus." "Das hat meine Tochter getragen. Na ja, zugegeben, das stammt wohl noch aus DDR Zeiten." "Soll das 'n Slip sein? Meine Fresse, da geht man ja drin unter." "Wenn dir's nicht gefällt, kannst du auch gern eine Unterhose von mir anziehen!" "Soll ich?" Er war beinahe soweit, grob zu werden, aber sie lachte und sagte "War nur Spaß. Okay, ich nehm' das und das da, und das." "Und dann mach', daß du in die Küche kommst, bevor wieder alles kalt wird." "Ja, Gerd."

Später lümmelte sich Celine auf die Couch und sah fern. Sie hatte im Nu heraus, wie die Fernbedienung funktioniert und zappte sich durch die Sender bis zum Anschlag und wieder zurück. "Frühstück ist morgen um acht", sagte Gerhard, "danach schmeiß' ich dich raus." "Aber wieso denn?" "Weil ich dann selbst arbeiten gehe." "Kann ich mitkommen?" "Nein!", sagte er so hart, daß sie zusammenzuckte.

Sie war auf der Couch eingeschlafen, Gerhard legte eine Decke auf sie. Später, als er im Bett lag, kam sie ins Schlafzimmer. "Gerd! Gerd, wach auf!" "Was ist?", knurrte er. "Kann ich bei dir schlafen?" Er rappelte sich auf, quälte sich schlaftrunken aus dem Bett und murmelte "Leg' dich hin." "Wow! Ist das riesig!" Er schlief auf der Couch.

Am Morgen war sie nicht wachzukriegen. Er frühstückte, er stellte Teller und Kaffeebecher für sie hin. Dann kam sie angeschlichen, in Kathrins Unterwäsche, sie gähnte und rieb sich die Augen. "Guten Morgen", sagte er. Sie machte kehrt. "Ach, ich wollte ja auf's Klo." "Mach die Tür zu!" "Kann ich duschen?" "Himmelherrgott! Mach, was du willst, aber frag' nicht dauernd."

"Ich muss los", sagte er dann, "du kannst noch in Ruhe frühstücken. Kaffee ist in der Thermoskanne." "Wo drin?" "In der grünen Kanne auf dem Tisch. Du musst den Deckel aufdrehen beim Eingießen." "Ja, hab's kapiert." "Wenn du gehst, zieh' einfach die Tür hinter dir zu, okay!" "Ja, Gerd." "Und wenn du jemand triffst, quatsch nicht mit ihm rum." "Wer soll'n das sein?" "Wenn dich jemand hier im Haus sieht." "Ach so. Du willst nicht, daß dich jemand mit mir sieht." "Nein, das will ich nicht. Und ich will dich auch nicht wiedersehen, verstanden!" Sie nickte. "Öhö, öhö!" "Und wenn das mit deinem Husten nicht besser wird, dann geh' nochmal ins Krankenhaus." Sie nickte.

Er hatte eine lange Tour an diesem Tag. Er dachte an Celine und musste den Kopf schütteln. 'So eine Nervensäge!', dachte er. 'Aber raffiniert ist sie, auch wenn sie so ahnungslos tut. Ein gefährlicher, kleiner Teufel.' Er machte nur einen Abschluss, es lief überhaupt nicht gut, die Leute waren unzugänglich. Er wollte irgendwo etwas zum Mittag essen, aber er hatte so gut wie nichts geschrieben, und er wollte nicht stattdessen Geld ausgeben. Dann hatte er keine Lust mehr; obwohl er sich hätte anstrengen sollen, fehlte ihm der Antrieb. Er dachte sogar daran, sich bald wieder eine andere Arbeit zu suchen.

Als er am Nachmittag heim kam und die Tür aufschloss, stand Celine drei Schritte vor ihm, er war beinahe zu Tode erschrocken, aus ihren Augen traf ihn ein eiskalter, erbarmungsloser Blick. "Nimm' das Ding runter!", sagte er mit trockener Kehle. "Du hast mich angelogen: du bist doch ein Bulle!" "Verdammt! Celine! Nimm' sofort das Ding runter! Ich bin kein Bulle." "Nur Bullen haben 'ne Kanone - und Killer." "Ich erklär' dir's. Nimm' sie runter." Sie ließ die Pistole langsam sinken.

Er trat auf sie zu und nahm sie ihr behutsam aus der Hand, sie schaute an ihm vorbei. Er ließ die Waffe in der Tasche verschwinden. Er ging in die Küche und plumpste auf den Stuhl. "Verdammt! Celine! Warum machst du sowas?" Sie blieb vor ihm stehen, der schaurige Ausdruck war aus ihren Augen gewichen, sie sprach beinahe entschuldigend. "Ich habe gedacht, es wäre ein Einbrecher." "Ein Einbrecher! Na klar! Und wieso bist du überhaupt noch da? Ich habe gesagt, du sollst verschwinden!"

"Ich hab' auf dich gewartet." "Warum?", rief er und zwang sich, wütend zu sein. "Ich hab' den Fernseher kaputtgemacht." "Was?" Sie zerrte ihn ins Wohnzimmer, hielt die Fernbedienung zum Bildschirm hin und drückte darauf herum. "Hier! Kaputt!" "Das gibt's doch nicht, zeig' mal. Ach was! Da kümmer' ich mich später drum." Er spürte, wie ihm der Schreck noch in den Beinen hing, er musste sich wieder hinsetzen. "Warum hast'n du 'ne Kanone, Gerd?"

"Was fällt dir ein, hier herumzuschnüffeln!" "Ich hab' was gesucht. Von mir was." "Du hast hier überhaupt nichts." "Doch! Meine Sonnenbrille." "Wahrscheinlich hast du mich beklaut, du Biest!" Sie hielt den Arm vor die Augen und schluchzte übertrieben. "Du bist so gemein!" Er riss die Arme hoch. "Ja, jetzt fang' noch an, mir was vorzuspielen, du durchtriebenes Miststück!" Er ging in die Küche. Sie folgte ihm auf den Fersen.

"Hau ab!", schrie er sie an. "Ich brauche dich nicht! Geh' dahin zurück, wo du hergekommen bist!" Sie schwieg, sie begann plötzlich, an der Spüle mit dem Geschirr zu hantieren. Er schaute weg. Sie sagte "Ich wollte gerade abwaschen, da ging was an der Tür los." Sie ließ einen Teller scheppernd fallen. "Pass gefälligst auf!", raunzte er sie an. "Ja, Gerd. Ich hab' gedacht, wenn das jetzt 'n Einbrecher ist, dann gute Nacht Celine! Aber dann hab' ich gedacht, zum Glück hat Gerd ja das Ding da, und wenn's jetzt 'n Einbrecher ist - sie drehte sich auf der Stelle um und rief - Peng! Dann knall' ich ihn ab!" Gerhard ließ den Kopf zurückfallen und legte die Hand auf die Stirn. "Oh Gott!", stöhnte er verzweifelt. "Was ist? Dafür hast du doch die Kanone, oder?" Er warf einen Blick auf die Spüle. "Das Wasser läuft über!" "Oh, Scheiße!"

Gerhard schloss sich für eine Weile im Badezimmer ein. Celine hatte tatsächlich das Geschirr gespült, abgetrocknet und im Küchenschrank verstaut. Als er sich wieder blicken ließ, sagte sie "Ich hab' auch was eingekauft. Und jetzt rate mal, was es zum Abendbrot gibt?" "Ist mir egal, mir ist der Appetit vergangen." "Überbackener Tohst, den magst du doch so gern!"

"Warte mal, woher hast du das Geld?" "Von mir! Na ja, den Rest hab' ich aus der Büchse genommen." "Was für eine Büchse?" "Da oben im Schrank. Guck mich nicht so an. Du hast doch selber schon vergessen, daß da 'ne Büchse ist." "Natürlich weiß ich das noch!" "Warum fragst'en dann 'Was für 'ne Büchse?'" Er schaute nach, es waren noch allerhand Scheine drin. "Was ist jetzt? Kommste zum Abendbrot, oder musste erst überall nachschnüffeln?"

"Das ist der falsche Käse", brummte er. "Ist er nicht! Es ist Scheibenkäse." "Ja, aber es ist die falsche Sorte. Für überbackenen Toast muss man Edamer nehmen, oder Gouda, aber keinen Tilsiter. Wenn du lesen könntest, hätte dir das vielleicht geholfen!" Sie schwieg. Sie nahm die Käsepackung und starrte darauf, dann sagte sie "Kannst du mir zeigen, wie man's macht?"

Er bereitete den Toast in der Mikrowelle. Celine holte die Teller, die sie eben in den Schrank gestellt hatte, wieder heraus und deckte den Tisch. "Hast du mir wenigstens ein Bier mitgebracht?" "Nee. Kannst aber was von meiner Cola haben." "Auch gut." Als sie aßen, sagte er "Kannst du am Tisch die Brille nicht abnehmen?" "Nee." "Warum nicht?" "Weil es mich dann blendet." "Unsinn", murmelte Gerhard. Er hatte das Gefühl, sie beobachtet ihn.

Schließlich fragte sie "Hast du immer noch das Ding in der Hose?" "Was?" "Die Kanone, hast du die immer noch einstecken?" "Nein." "Wo hast du sie hin getan?" "Iss deinen Toast." Sie biss davon ab. "Ist auch gut so. Wenn'se losgeht, krieg' ich vielleicht 'ne Kugel in'n Fuß - oder in meine Muschi." "Sei still, Celine. Bitte!", sagte er beinahe erschöpft, "ich habe sie weggelegt, okay?" "Ja, Gerd", erwiderte sie und senkte den Kopf über den Teller.

Es ließ ihr keine Ruhe. "Hast du schon mal jemand getötet?" "Nein." "Ich auch nicht. Und eine Katze? Oder 'n Hund?" "Warum sollte ich einen Hund töten?" "Hunde müssen erschossen werden, wenn sich einer 'n Bein gebrochen hat", sagte sie mit wissender Miene. "Sie können nämlich nicht überleben mit 'nem gebrochenen Bein, und wenn du ihn nicht erschießt, dann bist du ein verdammter Tierquäler und kein bisschen besser." "Gut, ich werde es mir merken. Und falls ich irgendwo einen Hund mit einem gebrochenen Bein finde, werde ich ihn von seinen Qualen erlösen."

Celine nickte, erst nach einer Weile fragte sie "Was wirst du dann mit dem Hund machen?" "Ihn erschießen." "Nein, du hast was anderes gesagt." "Von seinen Qualen erlösen?" "Was bedeutet das?" "Ihn von seinen Schmerzen befreien, dafür sorgen, daß er nicht länger leiden muss, reicht dir das als Erklärung." "Hm. Isst du den noch?" "Nein, kannst du haben." "Manchmal fühl' ich mich auch wie so'n angeschossener Hund." Gerhard lachte. "So ein junges Mädchen wie du, das müsste sich eher fühlen wie ein Fischlein im Bach." "Häh?", machte sie mit vollem Mund. "So ein Quatsch."

"Ich will dir mal was sagen: die Pistole hab ich seit bestimmt zwei Jahren nicht mehr in der Hand gehabt." "Warum nicht?" "Ob du's glaubst oder nicht: weil in der ganzen Zeit kein Einbrecher gekommen ist!" "Aber wenn du kein Bulle bist, dann bist du vielleicht 'n Killer." "Ebensowenig." "Was?" "Ich bin auch kein Killer." "Wenn du einer wärst, würdeste das niemals zugeben." "Dich kann man auch nur schwer davon abbringen, wenn du dir was einbildest, stimmt's."

"Aber du hast mir immer noch nicht gesagt, ob du jemanden töten würdest, wenn's drauf ankommt." "Worauf?" "Zum Beispiel, wenn das jetzt so 'n ganz fieser Typ ist, so richtig gemein, so einer, der ... der mit andern ganz schlimme Sachen macht, und du müsstest jetzt ... also, jemand sagt dir jetzt: erschieß' das Schwein! Würdeste das tun?" "Nein. So wie du das schilderst, gibt es ja jemand, der das selber machen kann, warum sollte ich mich da einmischen."

Celine sah ihn an. "Ich versteh' nicht, was du jetzt quatscht. Wenn ich dich um Hilfe rufen würde, oder wenn ich dich drum bitten würde, töte dieses miese Schwein! Schlag ihm seine dreckige Fresse ein! Knall ihm eine Ladung in seinen scheiß Arsch!" "Hey, Celine! Nicht so ein Ton in meiner Wohnung, verstanden!" Sie hatte richtig angefangen sich zu verkrampfen. "Hör auf, dich in so was reinzusteigern, das ist weder ein Thema für dich noch für mich."

Sie sprang auf und warf den Stuhl um. "Was weißt du denn, wie das abläuft!" "Was meinst du?" "Du kannst mich ja nicht mal richtig beschützen mit deiner scheiß Knarre!" Sie rannte heulend hinaus und ins Badezimmer. Er blieb sitzen. Sollte er sie zurückrufen? Er horchte. Sie tat ein paar Schluchzer. Dann ging die Klospülung und kurz darauf die Dusche. Er ging ins Wohnzimmer und entdeckte, daß beim Fernseher der Stecker aus der Dose gezogen war.

Erst eine Stunde später kam Celine angeschlichen. Sie hatte sich noch andere von Kathrins Sachen genommen. "Weißt du Gerd", sagte sie, als hätten sie gerade über das kommende Schuljahr geredet, "ich brauche auch unbedingt ein paar neue Klamotten. Ich dachte, weil doch noch so viel Geld übrig ist ..." "Welches Geld?" "Na, das aus der Büchse." "Das ist ein Notgroschen." "Aber im Supermarkt haben sie's genommen." "Oh, du blinde Qualle! Das ist was Gespartes, verstehst du, für den Notfall." Sie spannte das völlig ausgewaschene Shirt über ihre spitzen Brüste. "Guck' dir das an! Hälst du das etwa nicht für 'nen Notfall?"

Er schaltete den Fernseher aus. "Lass' uns mal etwas klarstellen, okay?" "Ja, Gerd." "Wie lange gedenkst du eigentlich noch hierzubleiben?" "Willst du mich lossein?" "Allerdings. Ja. Das will ich. Ich will, daß du verschwindest, auf Nimmerwiedersehen." "Mach' ich ja, sobald meine Freunde wieder da sind. Öhö, öhö!" Er hob abwehrend die Hände. "Und bitte, bitte, Celine, nerv' mich nicht länger mit dieser Hustentour!" "Der Hustensaft ist schon wieder alle." "Ist mir scheißegal." "Na gut, wenn's dir auch egal ist, wenn ich krepiere, bitte sehr! Ich hab' gleich gemerkt, daß du so bist." "Ja, toll. Und ich hab' leider nicht gleich gemerkt, was du für eine bist." "Ich hab' dich doch gefragt!", rief sie trotzig. "Mich gefragt?" "Ja. Ein paarmal sogar."

"Wie auch immer. Hör' mir gut zu! Wir machen folgendes: wir gehen morgen zu Karstadt und da kaufen wir für dich ein paar Sachen ..." "Ich brauch' auch ..." "Lass mich ausreden! Du kannst morgen nochmal hier übernachten. Und übermorgen, das ist der Tag, der nach morgen kommt, verschwindest du. Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?" "Ja, Gerd." "Gut. Damit ist das ein für allemal geklärt." "Ich brauch' auch noch sowas für Mädchen." "Das holst du dir allein." "Auch von dem Notgroschen?" "Ja, zum Kuckuck", sagte er und musste ein Lachen verbergen.

Am nächsten Tag gingen sie zu Karstadt. Celine verbrachte an die drei Stunden in allen möglichen Klamotten Läden und bei den Schuhen. Sie verschwand in den Umkleidekabinen wie die sündigen Mädchen im Beichtstuhl, und sie kam jedesmal wie neugeboren heraus. Auch war sie ständig auf der Suche nach dem langen Schuhanzieher, das Ding hatte es ihr besonders angetan. Dann gingen sie Eis essen und Kaffee trinken, und sie setzte nacheinander drei neue Sonnenbrillen auf, eine kesser als die andere. (Der blaue Schatten am Auge war übrigens schon fast verflogen.)

Gerhard konnte sie überreden, mit in eine Buchhandlung zu gehen, er hatte immer noch nichts gefunden. Aber sie langweilte sich tödlich und fing an zu murren. Es stinke hier nach Esel, behauptete sie. Ein Nachbar bei ihr zu Hause in Bosnien hätte einen Esel gehabt, der genauso gestunken hat. "Aber hier ist weit und breit kein Esel", sagte Gerhard. "Ach komm', lass uns gehen, bevor einer auftaucht. Ich kann die Viecher nicht ausstehn!"

"Ich muss noch mein Mädchenkram kaufen", sagte sie vor der Drogerie. "Ich warte hier." "Ja, gut, ich beeil' mich. Kannst du das nehmen." Er wartete ungefähr zwanzig Minuten. Da kam ein Security Mann heraus und fragte ihn "Sind Sie Gerd?" "Ja. Was ist?" "Würden Sie bitte mit ins Büro kommen." Im Büro waren ein anderer Security Mann in Zivil und Celine, die auf einem Stuhl saß und einen Flunsch zog.

"Was ist passiert?", fragte Gerhard. "Er hat mich angemacht!", rief sie. "Ho, ho, immer sachte, junge Dame." Auf dem Tisch lag ein kleiner Plastikbeutel von der Drogerie und daneben eine Packung Tampons und fünf oder sechs Lippenstifte. Außerdem ein Kassenbon. Der Zivile sagte "Diese Kosmetikartikel haben wir in der Tasche Ihrer Tochter gefunden." "Meiner ...?" "Ich hab's bezahlt, es steht da auf dem Zettel." "Ja, das hier", er tippte auf die Tampons, "darum geht es auch gar nicht."

"Was ... können wir jetzt tun?", fragte Gerhard. "Sie haben sicher das Schild gelesen, auf dem steht unübersehbar, daß wir jeden Diebstahl zur Anzeige bringen." "Hast du das gelesen?", fragte Gerhard sie. "Wo bringen Sie das jetzt hin?" "Was?" "Jeder Diebstahl wird bei der Polizei gemeldet, Kleine", sagte der Uniformierte. "Moment mal, das ist nicht Ihre Kleine, sie heißt Celine." Der andere hatte einen Stift genommen. "Celine, und weiter?" "Celine Ziegler." "Und sie ist Ihre Tochter?"

"Können wir das nicht einvernehmlich regeln?" "Er hat mich angemacht, als der andere dich geholt hat." "Pass auf, was du sagst!" "Es stimmt! Er hat mich angemacht. Hier!" Sie streifte den Ärmel ganz hoch, und am Oberarm war ein großer blauer Fleck zu sehen, allerdings war er schon bräunlichgelb. "Das war der! Ich schwör's." "Das sieht aber schon älter aus." "Das sieht genau wie fünf Minuten alt aus!" 'Woher kennt sie denn auf einmal die Uhr?' dachte Gerhard. "Aua!", rief sie, "es tut jetzt noch höllisch weh, wenn man dranstößt."

"Es würde Aussage gegen Aussage stehen", sagte Gerhard vorsichtig. "Was soll das denn heißen?", ereiferte sich der Zivile. "Ich erzähl' das jedem, der's hören will", versicherte sie. Der Mann biss sich auf die Lippen und überlegte, dann sagte er "Andy! Geh' mal mit ihr raus." "Was soll'n das jetzt werden?" "Geh' mit ihm raus, Celine." Als sie allein waren, sagte Gerhard "Ich bezahle die Sachen, und Sie verzichten auf eine Anzeige." "So einfach geht das nicht. Wir müssen unsere Quote erfüllen." "Dann sagen Sie mir, wieviel ein Treffer kostet." Er kritzelte eine Zahl auf das Blatt.

Gerhard zog das Geld aus seinem Portmonee und gab es ihm. "Die Sachen behalten wir natürlich." "Aber die ..." "Die können Sie mitnehmen. Nehmen Sie sich Ihre Tochter nochmal vor und sagen Sie ihr, daß so was nicht rechtens ist." "Ja, das werde ich tun." Als er aus dem Büro trat, hörte er Celine sagen "Die da! Die in der grünen Jacke, haben Sie das gesehen?" Der Security Mann sagte "Nein, das war nichts, sie hat es wieder hingestellt." "Ich war mir arschsicher sie hat's eingesteckt."

Gerhard nahm sie am Arm und sagte zu ihm "Danke und viel Erfolg noch." Der andere tippte mit zwei Fingern an die Stirn. "Und was ist jetzt?", fragte Celine. "Jetzt fahren wir nach Hause und du bekommst den Hintern voll." "Im Ernst? Willst du mich verprügeln?" "Ich glaub' bald, das ist das einzige, was bei dir noch hilft." "Nee, das hat bei mir noch nie geholfen."

"Gerd?", sagte sie im versöhnlichen Ton. "Du brauchst dich gar nicht einzuschmeicheln, was du getan hast, war nicht in Ordnung." "Ich wollte bloß fragen, was wir heute zum Abendbrot essen. Ich meine, hoffentlich nicht schon wieder überbackener Tohst?" "Ach ja? Und was wünschen die Lady zu speisen?", sagte er ironischerweise. Celine klopfte sich vor Lachen auf den Bauch. "Ist das komisch!" Aber er fiel nicht darauf herein.

"Ehrlich, Gerd! Von zuviel Käse kriegt man schlechte Zähne. Wie wär's, wenn wir heute Pitza essen?" "Pizza ist auch mit Käse, du Neunmalkluge!" "Ja, aber das ist anderer Käse. Bitte! Wir holen uns jeder eine Pitza und machen es uns zu Hause gemütlich, okay?"

Eigentlich fand Gerhard die Idee gar nicht übel. Sie fuhren auf der Strießener und Borsberg Straße bis auf die Schandauer, und endlich rief Celine, die nach einer Pizzeria Ausschau halten sollte, "Da drüben ist eine!" Sie nahmen eine große mit Salami und Schinken und eine mit Thunfisch, und Celine hielt beide Kartons auf den Knien fest und konnte nicht oft genug sagen "Wow! Wie das gut riecht! Das wird uns schmecken!"

Die Pistole, mit der Celine beinahe großes Unheil angerichtet hätte, war übrigens eine Makarow und Gerhards Dienstwaffe aus seiner Zeit bei der Stasi. In dem Durcheinander während der Wende waren alle Waffen aus der Zentrale fortgeschafft worden, und als eine Menge aufgebrachter Bürger in das Untersuchungsgefängnis in der Bautzener Straße eindrang, waren die Waffenkammern leergeräumt. Aber wohin die Waffen, darunter auch mehrere Maschinenpistolen, Handgranaten und sogar drei Panzerfäuste gelangt waren, das wusste kaum einer der Mitarbeiter, nur der Generalmajor B. wusste es bestimmt.

Nicht daß Gerhard die Pistole mit Absicht behalten hatte, aber irgendwann nach der überstürzten Räumungsaktion fand er sie in seinem Schreibtisch, und er konnte jetzt nicht mehr sagen, was er sich dabei gedacht hatte, als er sie einsteckte und mit nach Hause nahm, inklusive zweites Magazin und zwei Päckchen Patronen, das waren hundert Schuss Munition. Er hatte sie tatsächlich vergessen, und als Celine sie nun wieder ans Tageslicht gefördert hatte (sie war immer noch geladen gewesen), dachte er, es könnte nicht schaden, sie mal gründlich zu reinigen.

"Was machen wir dann?", fragte Celine, während sie das letzte Stück Pizza verschlang. "Ich werde die Pistole reinigen." Sie war begeistert. "Kann ich zugucken?" "Von mir aus." Er breitete ein weißes Geschirrtuch auf dem Küchentisch aus und erklärte Celine, die gegenüber auf dem Stuhl kniete: "Zuerst muss man sie auseinander nehmen. Mal sehen, ob ich's noch kann." Die ersten Handgriffe saßen, und er legte die Teile ordentlich nebeneinander hin. Celine schaute gespannt zu.

Er zog das Magazin heraus, drückte den Abzugsbügel nach unten, schob den Verschluss nach hinten und hob ihn ab. Er drehte den Sicherungsbügel nach oben und entfernte den Bolzen. "Diese Spitze hier von dem Stift schlägt auf den Patronenboden und zündet sozusagen das Geschoss", erklärte er. "Aha." Er konnte noch fast alle Einzelteile beim Namen nennen. "Jetzt brauchen wir einen Schraubenzieher für den Griff."

Nach ungefähr fünf Minuten verlor Celine das Interesse. Sie richtete sich auf und sagte "Da fällt mir ein, ich muss ja noch meine neuen Sachen anprobieren. Kannst du solange mal warten, Gerd?" "Nein, kann ich nicht!", sagte er verärgert. "Ich versuche, dir was beizubringen." "Ja. Find' ich echt toll. Aber eigentlich ist das doch deine Aufgabe, ich meine, alles was jetzt mit unsrer Beschützung zu tun hat, das ist doch die Aufgabe vom Mann, oder?" "Ach so? Und was bitte schön ist dann deine Aufgabe?" "Daß ich für dich da bin. Und daß ich gut aussehe, das ist wichtig." Sie sprang vom Stuhl wie eine Katze. Er sagte "Ich bringe das hier jedenfalls zu Ende." "Kannst du ja. Ich brauch' sowieso 'ne Weile."

Dann kam sie nur im Shirt, das ihr grade so über die Hüften reichte, wieder. Gerhard warf ihr einen Blick zu und die Magazinfeder, die er zwischen den Fingern hielt, sprang weg und surrte im Bogen durch die Küche. "Hast du nicht irgendwo 'n großen Spiegel hängen?" "In der Tür vom Kleiderschrank im Schlafzimmer", sagte er und konnte die Augen nicht von ihr abwenden. "Ach ja, stimmt, da hab' ich einen gesehen", sagte sie und drehte sich um. Der Anblick ihres kleinen, runden Hinterns ließ ihn erschauern.

Sie wechselte ständig zwischen Badezimmer und Spiegel hin und her. Zwischendurch blieb sie lange im Bad, und dann verdrückte sie sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Gerhard fand auf der Konsole im Bad mehrere Lippenstifte und drei Schminkfläschchen. "Woher hast du das?", fragte er Celine, die aussah wie ein Indianer mit Kriegsbemalung, der in den Regen gekommen war. "Aus dem Geschäft." "Aus der Drogerie? Wir mussten das Zeug doch zurücklassen!" "Aber das nicht. Das haben sie gar nicht gefunden."

Am nächsten Morgen überwachte er Celines Abgang. Er schenkte ihr seinen Jack Wolfskin Rucksack für ihre Sachen, und er schaute ihr aus dem Fenster nach, ob sie auch wirklich fortgeht. Sie hatte zum Abschied ihre Arme um seinen Hals gestreckt, sich auf die Zehenspitzen erhoben und ihm ein Küsschen auf die Wange gegeben. Ansonsten war sie so schweigsam, als bedrückte sie etwas. Gerhard fragte sie xmal, ob sie auch nichts liegengelassen habe, und sie schüttelte wortlos den Kopf.

Als sollte er für sein konsequentes Handeln auch noch bestraft werden, traf Gerhard an diesem Tag ein harter Schlag. Der Filialleiter bat ihn zu sich ins Büro. Er sagte, es fiele ihm schwer das zu tun, was er jetzt tun müsse, denn er, Gerhard, sei ein guter Mitarbeiter gewesen. Umso weniger könne er verstehen, wie es dazu kommen konnte, und umso mehr sei er von ihm enttäuscht. Was denn, in aller Welt, los wäre? fragte Gerhard.

Er habe hier ein Schreiben vom Anwalt der Frau von Nauwerk. Darin steht, daß man gegen ihn, Gerhard Ziegler, Mitarbeiter der soundso Versicherungsgesellschaft, Anzeige wegen unlauterer Geschäftspraktiken erstattet habe. Demnach hätte er Frau von Nauwerk unter Androhung von Gewalt und des Angriffs auf ihr Eigentum zum Abschluss eines Versicherungsvertrages zwingen wollen. "Das ist doch absoluter Schwachsinn!", empörte sich Gerhard. "Der Mann kann nicht einfach leere Behauptungen in den Raum stellen!"

"Es sind keine leeren Behauptungen. Hier steht, daß Sie zu Frau von Nauwerk wörtlich gesagt haben: 'Wenn Sie nicht sofort unterschreiben, werde ich Ihr Gesicht mit dem heißen Tee verbrühen!' und weiter: 'Diesen Kirchner werde ich als Pfand mitnehmen, damit Sie nicht auf die Idee kommen, den Vertrag zu widerrufen'. Großer Gott, Herr Ziegler, was haben Sie sich dabei gedacht? Waren Sie nicht bei Sinnen? Waren Sie betrunken, oder was? Mit heißem Tee verbrühen! Und wer zum Teufel ist dieser Kirchner?" "Ein Bild, das in ihrem Salon hängt." "Ich fass' es nicht! Also stimmt es doch!" "Kein Wort davon stimmt! Ich habe das niemals zu ihr gesagt." "Aber es gibt eine Zeugin, die das bestätigen kann: ein Dienstmädchen, die es selbst mitangehört hat. Hier steht, daß die Zeugin ihre Aussage jederzeit unter Eid bekräftigen würde."

Gerhard wurde kreidebleich und sank auf seinem Stuhl zusammen. "Es tut mir leid, Herr Ziegler, das ist ein sehr ernster Vorfall. Ich muss weiteren Schaden vom Unternehmen abwenden, Frau von Nauwerk hat drei üppige Lebensversicherungen bei unserer Gesellschaft laufen, ich hoffe, Sie verstehen das. Ich muss Sie leider fristlos entlassen, nur unter dieser Bedingung ziehen Frau von Nauwerk und der Anwalt die Anzeige zurück." "Aber das ist doch ... offensichtlich ein Anschlag auf meine Integrität", verteidigte sich Gerhard. "Wie bitte?", versetzte der Chef. "Wollen Sie mir jetzt auch noch unterstellen, ich wollte meine eigenen Mitarbeiter verleumden?" "Nicht Sie! Aber dieser Anwalt. Wer ist das überhaupt?" Der Chef nannte ihm den Namen der Kanzlei, und Gerhard sah diese Männer förmlich vor sich.

"Da stecken doch irgendwelche Wessi Schweine dahinter." "Passen Sie auf, was Sie sagen. Ich habe das jetzt nicht gehört. Aber machen Sie die Sache nicht noch schlimmer als sie ist. Ich müsste das nicht tun, aber ich gebe Ihnen als Abfindung eine Einmalzahlung in Höhe Ihres Durchschnittsverdienstes der letzten drei Monate, wenn Sie diese Erklärung unterschreiben." Er schob ihm das Blatt hin. Darin stand, daß er die getroffene Vereinbarung akzeptiert und von eventuellen rechtlichen Schritten gegen das Unternehmen absieht. Im übrigen muss er alle Unterlagen und geschäftlichen Utensilien umgehend in der Filiale abgeben.

Er fuhr zu dem Anwaltsbüro, er wollte diesen Leuten zumindest seine abgrundtiefe Verachtung entgegenschleudern. Es befand sich in einer renovierten Villa in der Mendelsohn Allee. Er läutete Sturm. Über der Tür war eine Kamera. Man ließ ihn nicht herein. Am liebsten hätte er einen Stein genommen und ein Fenster eingeworfen, aber auf dem gepflegten Rasen war keiner zu finden. Er trat gegen die Tür, sollten sie ihn ruhig vertreiben wollen, er würde sich wehren, er würde es ihnen nicht leicht machen. Plötzlich rief er in die Kamera "Ihr verdammten Wessis! Ich sehe euch, wie ihr um das goldene Kalb tanzt! Ihr sprecht mit falscher Zunge! Ihr versprecht blühende Landschaften! Aber in Wahrheit schafft ihr nur verbrannte Erde!"

Jemand von hinten sagte "Herr Ziegler? Sind Sie jetzt etwa zum Jesuiten geworden?" "Was?" Er drehte sich um. "Herr Seyfart." Er stand in seinem geschniegelten Anzug, mit einer Aktentasche aus dunklem Leder unterm Arm. "Weshalb lärmen Sie hier so herum? Sie waren doch immer so ein Duckmäuser, der niemals aufmuckt." "Ich war kein Duckmäuser, und ich bin auch kein Jesuit geworden. Wenn Sie nur ein bisschen Ahnung hätten, Herr Großmaul, dann wüssten Sie, daß ich ein geborener Sachse bin! Und daß die Sachsen immer schon aufrechte Protestanten waren, die sich von keiner Obrigkeit, nicht einmal von ihrem König haben verraten lassen!"

Er wusste selber nicht, wie ihm diese Worte über die Lippen gekommen waren, aber es schien ihm, als hätten sie irgendwo in seinem Innern in der Reserve gelegen, wie die fünf Liter Sprit in dem grünen Blechkanister, den er immer im Kofferraum seines Wartburg Tourist dabei gehabt hatte.

Seyfart blieb der Mund offenstehen, aber er fand gleich zu seiner Gewandtheit zurück. "Na, da erscheinen wohl einige Ihrer früheren Taten in ganz neuem Lichte?" Gerhard besann sich. "Wie kommt es, daß ich Sie hier treffe?", fragte er ihn und deutete auf das Haus. "Ich bin im Immobilien Geschäft tätig, wussten Sie das nicht?" "Doch, ja. Und es würde mich nicht wundern, wenn Sie Frau von Nauwerk kennen?" "Freilich. Ich habe mich um den Wiederaufbau ihrer Villa drüben in Loschwitz gekümmert."

"Oh ja, ich bin im Bilde! Die Herren Anwälte von Frau Nauwerk haben gerade dafür gesorgt, daß ich meine Arbeit verliere." "Das tut mir leid." "Wirklich?" Seyfart lächelte bissig. "Was haben Sie jetzt vor? Wollen Sie hier eindringen und randalieren?" "Die mögen sich Rechtsanwälte nennen, aber sie tun Unrecht, und das Recht ist auf meiner Seite." "Sie haben nicht die geringste Chance gegen die." "Und wer weiß, vielleicht räche ich mich tatsächlich." "Uhh, Sie jagen mir Angst ein, Herr Oberleutnant." "Hab' ich's doch gewusst, daß Sie dahinter stecken!" Seyfart trat nahe an ihn heran und sagte "Haben Sie geglaubt, Sie würden ungeschoren davonkommen? Ich werde dafür sorgen, daß Sie keinen frohen Tag mehr erleben, Sie mieses kleines Stasi Schwein!"

Gerhard packte ihn am Revers seines Anzugs und drückte seine Fäuste gegeneinander. Da öffnete sich hinter ihm die Tür und jemand rief "Herr Seyfart? Kann ich Ihnen helfen?" "Nein danke, ich komme zurecht." Und zu Gerhard sagte er "Lassen Sie mich sofort los oder Sie haben die nächste Klage am Hals, dort steht der Zeuge." Gerhard ließ die Hände sinken. Seyfart holte Luft und spuckte ihm ins Gesicht. "Gott! Wie lange habe ich auf diesen Moment gewartet!" Dann ging er an ihm vorbei ins Haus, und hinter den beiden Männern schloss sich die Tür.

* * * * *

"Und Sie sind sich sicher, daß sie es ist?", fragte Kommissar Hellwein am Telefon. "Sie trägt neue Sachen, aber sie ist es, zweifellos", sagte Daniela Smerlova. "Hält er sie gefangen?" "Sie geht für ihn einkaufen." "Sie kann die Wohnung verlassen?" "Offenbar ja, aber das heißt nicht, daß er sie laufenlassen würde. Ich kenne genug solche Fälle, wo die Mädchen derart eingeschüchtert sind, daß sie gar nicht ans Weglaufen denken, sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie wieder eingefangen werden."

"Sie haben noch nicht mit ihm gesprochen?" "Nein, ich wollte Ihnen erst Bescheid sagen." "Ja gut. Und mit dem Mädchen?" "Nein, sie hat mich nicht gesehen." "Gut." "Soll ich warten, und wir gehen zusammen zu ihm?" "Tja, ich überlege, wie wir das am besten machen. Ja, ich komme mit." "Da ist noch etwas, das ich Ihnen sagen wollte." Es gab eine kurze Pause, dann sagte Hellwein "Gut, sagen Sie es mir dann." Sie verabredeten sich.

Gerhard Ziegler war nach dem hässlichen Vorfall zum Schillerplatz gefahren, hatte sein Auto in einer Seitenstraße abgestellt und war in ein Café gegangen. Er bestellte einen Kaffee und einen Weinbrand, ging sofort auf die Toilette und spülte sich gründlich das Gesicht ab, er musste vor Ekel würgen und hätte sich beinahe übergeben.

Er kippte den Weinbrand hinunter, er hätte am liebsten noch einen genommen, aber er war zu teuer. Er trank den Kaffee, bezahlte und ging. Er dachte daran, sich eine Flasche zu kaufen und sich unten an die Elbe zu setzen. Aber eigentlich wollte er sich gar nicht betrinken, er wollte nur Abstand gewinnen. Abstand von all' den bösen Wendungen, die bloß noch Kümmernis in sein Leben brachten. Er ging in den Biergarten an der Anlegestelle für die Elbdampfer und setzte sich mit einem großen Glas Bier an einen leeren Tisch.

Er dachte, wenn er Abstand davon gewinnt, könnte er einen klaren Gedanken fassen, wie es weitergehen soll, denn er war nach wie vor davon überzeugt, daß er Kraft und Selbstvertrauen genug besitzt, um die Dinge meistern und alle Schwierigkeiten überwinden zu können, die sich ihm in den Weg stellten. Er war auch weit davon entfernt, sich von irgendwelchen niederträchtigen Leuten Angst einjagen zu lassen, die sich offenbar gegen ihn verschworen hatten.

Das Gefühl, auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden, sich vor jedem neuen Tag zu fürchten, weil er noch trüber als der vorige werden könnte, keine Entscheidungen mehr treffen, sich auf nichts mehr freuen zu können, das war es ja gerade, was jene mit ihren perfiden Anschlägen auf ihn erreichen wollten. Er musste auf der Hut sein! Er musste sich wehren! Er musste, wenn nötig, seinen Feinden einen Denkzettel verpassen, damit sie ihn endlich in Ruhe lassen.

Es war schon Abend, als er nach Hause kam, er hatte lange im Biergarten gesessen, war dann ein Stück an der Elbe entlanggelaufen und war schließlich nochmal auf ein Bier eingekehrt. Er hätte wahrscheinlich nicht mehr fahren dürfen. Er setzte sich an den Küchentisch und füllte das Magazin seiner Pistole, dann versteckte er sie in der Abstellkammer in einem Kasten mit Schuhputzzeug.

Es klingelte. Es war Janette. "Hallo Gerd. Kann ich für'n Moment hereinkommen?" "Bitte." Er konnte sofort sehen, daß sie was auf dem Herzen hatte. "Soll ich auf Mandy aufpassen?" "Nein", sagte sie so schnell, als würde sie das keinesfalls zulassen wollen. "Setz' dich doch." "Ja, danke. Sag' mal, Gerd, das Mädchen, das da bei dir wohnt, wer ist das?" "Ach so, darum geht es." "Weißt du, wie alt sie ist?" "An was denkst du denn?" "An gar nichts, deswegen frage ich dich ja." "Und wenn ich dir sage, daß sie eine Verwandte von mir ist, eine Nichte." "Die ganz plötzlich aufgetaucht ist?" "Warum nicht?"

"Gerd! Ich habe dich immer für einen anständigen Mann gehalten. Das macht mich ganz irre, wenn ich dran denke, daß du heimlich mit kleinen Mädchen rummachst. Ich habe dir meine Tochter anvertraut!" "Ich habe nicht mit ihr rumgemacht!" "Sondern?" "Sie hat ein paar Tage hier gewohnt, weil sie keine Bleibe hatte, und jetzt ist sie wieder weg, das ist alles." "Sag' mir, daß du nichts mit ihr angestellt hast." "Ich sage, wie es ist!" "Du meinst, sie ist wieder weg?" "Sie ist heute früh gegangen, wie wir das vereinbart hatten. Ich hatte nicht vor, sie bei mir zu behalten." Janette sah ihn zweifelnd an. "Was ist? Glaubst du mir nicht?" "Gerd! Sie ist drüben bei mir!"

Celine saß bei Janette auf der Couch und beschäftigte sich mit Mandy, der das außerordentlich gefiel. Gerhard sagte zu ihr "Du hast dich nicht an unsere Abmachung gehalten!" "Ich möchte mal wissen, wie weit du kommst, wenn du mit so 'nen schweren Rucksack laufen sollst." "Jedenfalls weiter als bis zur Nachbarswohnung." Janette flüsterte ihm zu "Du nennst Sie blinde Qualle? Ist das wahr?" "Was?" "Ich hab's Janette erzählt, wie du mich blinde Kwalle genannt hast", sagte Celine und machte mit Mandy Händchenklatschen. "Ja und? Was ist dabei?"

Celine warf Janette einen fragenden Blick zu, die sagte "Was für eine Art Beziehung habt ihr beiden denn nun?" "Jedenfalls keine, für die ich mich schämen müsste", sagte Gerhard. Janette sagte "Das kann man aber auch anders verstehen." "Versteh' es wie du willst." "Das ist jetzt nicht fair, Gerd! Ich bin immerhin sowas wie eine gute Freundin für dich, ich glaube, so viele hast du nicht davon." Celine sagte "Ich hab' dich doch vorhin gefragt, ob du seine Freundin bist? Da hast du nein gesagt!" "Ich bin auf eine bestimmte Art seine Freundin, eigentlich sollte man es eher Kumpel nennen." "Warum nennst du's dann nicht so?"

"Hey, Fräulein! Hab' ich dir was getan? Ich wollte dir bloß helfen." "Bei was?" "Mandy, komm' zu mir!" Die Kleine kletterte von Celines Knien herunter und ging zu Gerhard. "ose eise gehn." "Mandy!" Er musste auf einmal lachen. "Ich finde das nicht witzig!" Celine sagte "Außerdem war der Bulle und die Tussi hier, die wollten zu dir." "Der Kommissar?" "Nee, nur der Bulle und die Tussi." "Die dich im Krankenhaus besucht hat?" "Ja. Die hängen zusammen rum." "Vielleicht sagt mir mal jemand, wovon ihr redet? Sonst könnt ihr auch gern meine Wohnung verlassen", sagte Janette, die Mandy auf den Arm genommen hatte.

"Ich muss mir mal ein Bier holen." "Nee, Gerd, du bleibst schön hier! Ich will nämlich wissen, neben wem ich wohne. Celine, im Kühlschrank ist eine Büchse Bier, hol' die bitte." "Ist da auch 'ne Cola?" "Fanta. Bring' zwei Gläser mit." Sie ging in die Küche. Janette fragte ihn "Ist das alles viel schlimmer als ich dachte? Sag' mir die Wahrheit, Gerd!" "Ich kann dir nur sagen, was ich selber weiß, und ich gebe zu, das ist nicht viel und wahrscheinlich nicht wirklich die Wahrheit."

Celine kam zurück. "Wow! Das ist ja hier alles so ähnlich wie bei uns drüben, Gerd." Er rollte mit den Augen. "Da gibt es überhaupt keine Ähnlichkeit. Ich bin nämlich keine alleinerziehende Mutter mit Kind." "Das war jetzt ziemlich gemein für Janette!" "Ah! Solche Sprüche bin ich schon gewohnt." Celine hatte Gerhard das Bier gegeben und ihnen beiden eingeschenkt. Janette setzte Mandy ab. Er fragte "Woher weißt du, daß die hier waren?" "Mann, ich hab' sie gesehen." "Und mit ihnen gesprochen?" "Bist du doof?" "Also?", machte Janette, "Ich warte immer noch auf eine Erklärung."

Gerhard nahm einen Schluck, dann sagte er "Celine hatte einen Verkehrsunfall und lag im Krankenhaus in der Johannstadt. Da kam auf einmal ein gewisser Kriminalkommissar Hellmann oder Hellwein zu mir und hat gefragt, ob ich sie, in einem Taxi(!), in die Notaufnahme gebracht hätte." Gerhard sah, wie sich Celines Gesichtsausdruck veränderte. "Und hast du?" "Quatsch. Ich hab' sie noch nie vorher gesehen." Celine sagte "Die haben dich gefragt, ob du mich da hingeschafft hast?" "Ja, klar. Das war doch der Sinn davon, als ich bei dir war und dieser Hellwein dich gefragt hat." "Moment! Mal langsam, ich versteh' kein Wort. Wo warst du bei ihr?"

"Der Kommissar hat gefragt, ob ich zu einer Gegenüberstellung bereit wäre, da habe ich zugestimmt und bin mit ins Krankenhaus." "Hat dich denn jemand dahin gefahren?" Celine verschränkte die Arme und presste die Lippen aufeinander. "Celine! Wer hat dich da hin gebracht?" "'n Typ." "Ein Taxifahrer?" "Keine Ahnung." "Was für ein Unfall war das genau?", wollte Janette wissen, und Gerhard dachte bei sich, daß er nicht einmal danach gefragt hatte. "Irgendso'n Unfall." "Und was ist dir passiert?" "Sie hatte ein blaues Auge, sah ziemlich schlimm aus." "Das war alles? Deshalb hast du im Krankenhaus gelegen?" "Mann! Ihr könnt ei'm beide ganz schön auf'n Pisser gehn!", rief Celine, und zu Gerhard gewandt fügte sie hinzu "Ich denke, du freust dich, daß ich wieder da bin?" Ihr standen die Tränen in den Augen.

"Klingelt das bei dir drüben?", meinte Janette. "Mann!", sagte Celine, "können die nicht mal aufhören, ei'm auf den Pisser zu gehen." "Sei still! Ich sehe nach." Er schlich sich an Janettes Tür und öffnete sie vorsichtig einen schmalen Spalt breit. Drüben stand ein Mann mit drei gestapelten Kartons neben sich. "Dinh Phong!" Er zuckte zusammen und wandte sich um, setzte aber sogleich sein Lächeln auf. "Gutten Abend, Gehadd! Ich gerade hier bin und an dich denken!" "Wie schön. Willst du etwa wieder was bei mir abstellen?" "Bis nach übamorgen. Ich haben Flasche polnische Wodka für dich."

Gerhard ließ ihn herein. "Stell' die Kartons erstmal da hin." "Aber hier nicht gudd Platz." "Eigentlich wollte ich nicht mehr, daß du was bei mir deponierst?" "Was ist deponierst?" "Ich will euer Zeug nicht mehr in meiner Wohnung haben." "Holen wir auch wieder ab!" Da stand Janette in der Tür, und hinter ihr lugte Celine hervor, die meinte "Nee, das ist er nicht." Dinh Phong machte gleich eine höfliche Verbeugung vor Janette, aber Celine schaute er einen Moment aufmerksam an. Gerhard sagte "Das ist mein Bekannter Dinh Phong, wir kennen uns seit DDR Zeiten." "Leider ich muss gehen." "Und vergiss nicht, die Kartons wieder abzuholen." Er huschte hinaus wie ein Windzug.

"Was ist'n da drin?", fragte Celine. "Nichts, das dich angeht." Janette war abermals beunruhigt. "Handelst du jetzt auch noch mit Zigaretten?" "Da sind Zigaretten drin? Du rauchst doch gar nicht?" "Nein, ich rauche nicht und ich handel auch nicht damit. Er stellt sie bloß manchmal bei mir ab. Sag' nur, daß du das noch nie bemerkt hast?" "Vielleicht kann ich dich daran erinnern, daß du die Leute ausspioniert hast, und nicht ich. Was geht's mich an!" "Aber jetzt auf einmal schon, ja?" "Allerdings! Ich würde gern wissen, was hier im Haus vor sich geht." "Ihr quatscht und quatscht, und dabei vergesst ihr das Wichtigste." Janette rief "Ha! Mandy!" und rannte hinaus, Celine sagte "Eigentlich meinte ich das Abendbrot."

Gerhard war todmüde. Janette kam nicht nochmal herüber, Celine hatte den Rucksack in Kathrins Zimmer geschafft und wieder ausgepackt. "Mach' dir was zu essen", sagte er, "ich will nichts, ich leg' mich hin." Er schlurfte ins Wohnzimmer und breitete die Decke von der Couch aus. Er gähnte wie ein Löwe, es war ihm jetzt gleichgültig, was um ihn herum passiert, er musste sich erstmal ausruhen.

In der Nacht wurde er wach, weil Celine ihn an der Schulter rüttelte. "Mann, hast du mich erschreckt! Ich hab' gedacht, du bist tot!" "Was ist?", knurrte er. "Gerd! Ich fürchte mich, das Bett ist so groß." "Nimm' die Hälfte", brabbelte er und war schon wieder am Einschlafen. "Häh? Gerd! Ich halt' das nicht aus!" "Was?" "Kannst du nicht rüber zu mir kommen." "Ich schlafe." "Kannst du drüben weiterschlafen? Bitte!" "Oh, du ..."

Als er im Schlafzimmer war, saß sie auf der Bettkannte. Er sagte "Denk' ja nicht, daß jetzt zwischen uns irgendwas läuft!" "Was soll denn zwischen uns laufen?" "Ich weiß nicht. Gar nichts." Er ließ sich fallen, drehte ihr den Rücken zu und zog die Bettdecke über sich. "Gerd?" "Hhhmmm." "Schläfst du schon?" "---" "Mann!", sagte sie und stemmte die Arme auf's Bett. "Was soll ich denn noch machen, damit du mich gern hast!" "Ich hab' dich ja gern", knurrte er ins Kissen. "Wirklich?" "Jedenfalls 'n bisschen." "Gerd?" "Jetzt lass' mich in Ruhe." "Kannst du mir's zeigen?"

Er fuhr hoch. "Was!" "Daß du mich gern hast. Woll'n wir 'n bisschen schmusen?" "Nein", sagte er und sank wieder hin. "Oh, ich wusste es!", rief sie empört, "Du kannst so gemein sein!" "Hhhmmm." "Öhö, öhö!" Er schlug mit der Hand auf die Matratze. "Nicht das noch!" "Öhö, öhö! Kann ich mich wenigstens an dich drankuscheln? Öhö, öhö!" "Meinetwegen, aber hör' mit dem Gehuste auf." "Ja, Gerd." Sie schmiegte sich an seinen Rücken, atmete tief durch und mit einem leichten Seufzer aus, dann sagte sie "Ich gehe erst fort, wenn du mitkommst."

* * * * *

Daniela Smerlova und Kommissar Hellwein besprachen sich erneut, wie sie weiter vorgehen wollen. Von dem kurzzeitigen Ausflug Celines hatten sie nichts mitbekommen. Nach einigem Bedenken hatte Daniela ihm mitteilen wollen, daß sie in Celines Hosentasche die Karte gefunden hatte. Aber Hellwein kam ihr seinerseits mit einer Neuigkeit zuvor. "Ich habe die Kleidung, die Sie mir gegeben haben, von unserer Labormieze untersuchen lassen." "Sprechen Sie immer so abfällig über Ihre Kolleginnen, wenn sie nicht da sind?" "Labormie...? Das ist doch nicht abfällig. Sie ist hervorragend, fachlich meine ich." "Na, gut. Kann sein, daß ich etwas empfindlich bin gegen diese Ausdrucksweise." "In der Tat. Jedenfalls sind da Blutspuren drauf, die von einer andern Person stammen."

"Haben Sie eine Erklärung dafür?" "Alle möglichen. Die für mich wahrscheinlichste ist die, daß das Mädchen sich in nächster Nähe befunden hat, als diese Person verletzt wurde. Die Labor... Spezialistin schließt das aus der Art der Blutspritzer, sie konnte sogar sagen, in welchem Abstand sich die Person befand." "Haben Sie eine DNA Analyse gemacht?" "Ja. Ich weiß, was Sie fragen wollen: ob es mit den Spermaspuren eine Übereinstimmung gibt." "Und?" "Nein. Wer immer derjenige war, er hat offenbar das Mädchen nicht selbst berührt." "Sie vermuten, daß es ein Mann war?" Er sah sie verwundert an. "Das hat die Analyse ergeben." "Ach so, ja, dann war es auch einer."

Dann sagte sie "Wenn wir nur über dieses verdammte Taxi Bescheid wüssten, womöglich fände man da noch weitere Spuren drin." "Ja, das ist möglich, aber ich glaube keine neuen. Das eigentliche Geschehen ... ich meine, wobei das Mädchen beteiligt war, hat sich nicht im Fahrzeug abgespielt. Es ist ja auch nicht einmal sicher, ob der Taxifahrer an diesem Ort gewesen ist, oder ob er das Mädchen irgendwo aufgelesen hat."

"Sie heißt übrigens Celine." "Was habe ich gesagt?" "Bisher immer bloß das Mädchen." "Ja, gut. Celine. Ist das nicht ein untypischer Name für ein Zigeunerkind?" "Wahrscheinlich eine Art Wunschname. Ich bin mir auch nicht mehr ganz sicher, ob sie eine Roma ist. Da tummeln sich mittlerweile alle möglichen Ethnien." "Was?" "Alle möglichen Nationalitäten."

Hellwein kam vom Thema ab. "Ja, wir befinden uns auf dem Weg zu einem Europa ohne Grenzen." "Ein Europa des ungehinderten Warenverkehrs, sogar Menschen werden wie Vieh verfrachtet." "Sieht so aus. Aber es gibt immer noch Gesetze, die den freien Handel vom Verbrechen abgrenzen, und sie dürften in Zukunft noch verschärft werden." "Das ist doch gut für Sie, da haben Sie immer viel zu tun." "Ich muss um meinen Job nicht bangen."

Sie schwieg, er sagte "Oh, ich will nicht frohlocken. Es ist nur: ich bin der festen Überzeugung, daß ich meine Arbeit erledigen kann, ohne von ihr kaputtgemacht zu werden, wenn Sie verstehen. Deshalb klinge ich manchmal ein wenig zu sachlich, vielleicht gefühllos. Ich habe ein dickes Fell, das immer noch dicker wird. Aber darunter habe ich auch noch so etwas wie Moral." "Sie hätten das besser nicht hinzufügen sollen", entgegnete sie.

"Glauben Sie mir nicht? Oder stört es Sie gar?" "Nein." "Was dann, Frau Smerlova?" "Soll ich Ihnen sagen, was ich über Sie denke?" "Nur zu. Ich schreibe es nicht ins Protokoll." "Ich glaube, Sie sind ein einsamer Mensch, eine Art einsamer Wolf, der immer allein auf Jagd geht, weil er mit den anderen Wölfen aus seinem Rudel nur schwer zurechtkommt. Er schafft es nicht bis zum Leitwolf, aber er will sich unter keinen Umständen fügen, lieber geht er allein." Hellwein lachte. "Woher haben Sie Ihre Menschenkenntnis? Aus dem Tierpark?" "Sie wollten wissen, wie ich über Sie denke." "Nein. Sie wollten es mir sagen."

"Und was denken Sie über mich?" Das kam für ihn überraschend, er wehrte ab. "Wollen Sie, daß ich mich in Ihnen so irre wie sie sich in mir?" "Ich bleibe bei meiner Meinung, egal, was für eine Gegendarstellung Sie liefern. Aber wenn Sie nicht auf meine Frage antworten, kann das nur bedeuten ..." "Daß ich Sie nicht kränken will?", fiel er ihr ins Wort. Sie schüttelte den Kopf, als käme ihr etwas schleierhaft vor.

Er sagte "Nach dieser kleinen Plauderei können wir uns wieder ernsthafteren Dingen zuwenden." "Natürlich. Sie haben damit angefangen." "Ich?" "Mit ihrer Bemerkung über die politische Lage in Europa." "Wie auch immer." Dann setzte er hinzu "Von mir aus können wir das ein ander Mal fortsetzen." "Das Gespräch über Politik." "Oder über Wölfe." Sie lächelte, und er fand ihr Lächeln nicht unsympathisch.

"Sie haben mir von Anfang an nicht alles gesagt, nicht wahr?" "Was, alles?" "Was mit diesem Vorfall zusammenhängt: daß eine minderjährige Prostituierte aus der Tschechei mitten in der Nacht in der Notaufnahme eines Dresdner Krankenhauses auftaucht." "Wenn sie da von allein hereinspaziert wäre, hätte ich mich kaum dafür interessiert." "Also doch das Taxi und dessen Fahrer!" "Damit bin ich noch nicht fertig." "Aber wenn Sie wissen, oder zumindest ahnen, daß dieser Ziegler nicht der gesuchte Mann ist, warum haben Sie sich dann mit mir noch weiter darüber abgesprochen?"

Hellwein wandte den Blick ab, eine Spur von Verlegenheit ging über sein Antlitz. Dann sagte er beherrscht "Wegen dem Mädchen natürlich. Sie weiß doch viel mehr, als sie sagt." "Ich bezweifle, daß sie viel mehr sagen wird." "Ja, wenn Sie es schon nicht aus ihr ... herauslocken können." "Dafür haben Sie mich überhaupt gerufen!" "Ja, und? Habe ich mich Ihnen gegenüber irgendwie unredlich verhalten?" "Nein", sagte sie dann.

"Hören Sie, Daniela! Da steckt eine viel schlimmere Geschichte dahinter. Und sie ist um einiges gefahrvoller und verbrecherischer als das, was Sie bis jetzt davon gesehen haben. Ich weiß, daß es Ihnen um das Mädchen geht und darum, die Männer, die es missbraucht haben, zu fassen. Ich weiß auch, daß diese Schweinerei verbrecherisch genug ist, aber ich sage Ihnen dennoch: das andere ist noch um eine Nummer größer! Ich wollte Ihnen helfen und habe es getan, so gut ich konnte. Aber ich will Sie auch um keinen Preis des Erfolgs weiter da mit hineinziehen."

"Sie befürchten, ich würde Ihnen im Wege stehn." "Nein, ich befürchte, Sie könnten etwas übereifrig sein." "Übereifrig?" "Ich kann mich erinnern, wie Sie gesagt haben, man sollte gegen dieses Gesindel mit der Machete vorgehen." "Das halten Sie mir wohl für alle Ewigkeit vor!" "Rohe Gewalt - und sei es auch Gegengewalt - ist nach wie vor nicht die Art und Weise, wie ich das organisierte Verbrechen zu bekämpfen gedenke. Man muss dabei oft ganz vorsichtig sein, sonst ist man schnell wieder im Hintertreffen."

"Heißt das also, Sie wollen unsere Zusammenarbeit aufkündigen?" "Davon kann keine Rede sein; im übrigen ist Zusammenarbeit vielleicht ein bisschen zu hochgegriffen. Wir können die Sache mit Celine weiter gemeinsam verfolgen, aber ich möchte Ihnen klipp und klar sagen, daß meine Hauptermittlungen woanders liegen, und ich kann mich nicht teilen." "Dann geben Sie mir doch einen von Ihren Leuten zur Seite." "Gern, sobald einer verfügbar ist."

Als Dinh Phong seine Kartons bei Gerhard abholte, suchte er eine Gelegenheit, ihn unter vier Augen zu sprechen. "Gehadd! Ich kennen diesen Mädchen du hier hast." "Celine?" "Ich nicht kennen ihren Namen, aber haben schon gesehen bei uns auf Markt drüben in Tschechei." "Tatsächlich? Mir hat sie erzählt, sie käme aus Bosnien, aber ich glaub's sowieso nicht." "Du hast sie gekauft?" "Was? Nein!" "Gestohlen?" "Was redest du da, Dinh Phong! Sie ist freiwillig hier."

Dinh Phong schüttelte heftig den Kopf. "Nein, nein, Gehadd. Diesen Mädchen gehören dem Rukovatz, hat vielen Mädchen und andere Kinder da. Machen alle Sex für Touristen." "Sie sind Prostituierte?" "Sind Mädchen von Rukovatz. Ist gefährlich, wenn du sie hast ohne Erlaubnis von Rukovatz, ist sehr gefährlicher Mann, hat getötet viele Feinde, sogar seine Bruder." "Ist er ihr Vater?" "Nein, ist Chef von Bande, kaufen Kinder von Familie und stellen sie an Straße, hast du noch nie gesehen in Tschechei?" "Doch, ja."

"Hast du Mädchen einfach behalten?" "Ich sage dir doch, sie ist zu mir gekommen." "Kein Mensch dir wird glauben, Gehadd! Rukovatz wird suchen das Mädchen, wird wieder mitnehmen, du sehr aufpassen!" "Ja, ist gut. Danke Dinh Phong, daß du mir das gesagt hast." "Jetzt wieder Platz für neue Kaatong hier?" "Ja, aber nicht so viele." "Ist gudd, Gehadd. Wir gute Freunde bleiben."

Beim Abendbrot sagte er zu Celine "Der Vietnamese, hat gesagt, er kennt dich." "Wer?" "Der Zigarettenhändler, der manchmal her kommt." "Der Fidschi?" "Ja. Er sagt, er hat dich drüben hinter der Grenze auf dem Fidschi Markt gesehen." Celine zeigte keine Reaktion. "Hast du gehört?" "Ja, Mann! Ich hab's gehört, was der Fidschi gesagt hat." "Und?" "Und was?" "Na, stimmt das?" "Wieso fragst du mich, was der gesehen hat?" "Bist du da schon mal gewesen?" "---" Er wiederholte die Frage. Keine Antwort.

Eine Stunde lang redeten sie kein Wort miteinander, Celine kam nicht aus Kathrins Zimmer heraus. Dann ging er hin und fand sie zusammengekauert in der Ecke. So hatte er sie noch nie gesehen, sie sah aus, als bräuchte sie dringend einen tröstlichen Zuspruch. Dennoch sagte er mit Nachdruck "Wenn du mir nicht auf der Stelle die Wahrheit sagst, schaffe ich dich höchstpersönlich rüber in die Tschechei und setz' dich da ab! Ich schwöre, das tue ich!"

Sie sah ihn an, als befürchte sie, er würde sich jeden Moment in ein schreckliches Monster verwandeln, das über sie herfällt. Sie sprang auf und hängte sich an ihn. "Gerd! Gerd!", rief sie, "Tu das nicht! Bitte! Schaff mich nicht rüber!" Er drückte sie von sich weg, er war verblüfft, mit welcher Kraft sie sich an ihn klammerte. Er presste ihre Handgelenke, um ihren Griff zu lockern. Er nahm keine Rücksicht, er musste sich von ihr befreien, sie von sich stoßen. Schließlich gab sie nach und sank vor seinen Füßen auf dem Boden zusammen.

Er ging in die Küche, er hielt seine Hände waagerecht und sah, wie sie zitterten. Dann drückte er sie an die Schläfen, es hämmerte in seinem Kopf, dann rauschte und dröhnte es abwechselnd und endlich hörte er durch eine klare Stille hindurch eine ferne aber deutliche Stimme, die rief "Hilf mir! Bitte, hilf mir!" Es war unverkennbar Monikas Stimme. Er ging ins Bad und hielt den Kopf solange unter die kalte Brause, bis es sich innendrin wie leer anfühlte und er nichts mehr hören konnte.

Erst beim nächsten Treffen rückte Daniela mit dem heraus, das sie dem Kommissar schon letztes Mal hatte sagen wollen. "Ich habe auch etwas bei Celine gefunden?" Sie holte eine Kreditkarte von American Express hervor. "Das hier." "Eine Amex Platin Card. Nicht schlecht. Warum haben Sie mir das verschwiegen?" "Ich sage es Ihnen jetzt." "Besser als gar nicht." Er drehte sie zwei- dreimal zwischen den Fingern. "Sie steckte in ihrer Hosentasche." "Eine Platin Card bekommt man nur ab einem bestimmten Level, die muss man sich richtig verdienen. Da ist er bestimmt mächtig stolz drauf - und mächtig sauer auf die Kleine." "Von wem reden Sie? Kennen Sie den Namen?", fragte Daniela. "Ja." "Woher?"

"Dieser Mann war im DDR Ministerium für Staatssicherheit ein sogenannter OibE, ein Offizier im besonderen Einsatz. Er war in einer Abteilung tätig, die sich Kommerzielle Koordinierung nannte, diese Leute waren dafür zuständig, für die DDR Devisen zu beschaffen, also D-Mark und Dollar. Vermutlich war er Alexander Schalk-Golodkowski, dem Chef Koordinator, direkt unterstellt, aber über die Struktur gibt es wenig Aufschluss und die Spuren sind gut verwischt worden; er hat sich wie alle anderen aus den höheren Rängen unmittelbar vor der Wende abgesetzt. Torsten Kapprath ist, nebenbei gesagt, auch nur ein Wunschname. Er hat noch einige andere."

"Sie ist übrigens gesperrt." "Na klar, das ist ja auch die erste Maßnahme, wenn so ein Ding weg ist." Dann sagte er beinahe belustigt "Sie haben doch nicht etwa versucht, sein Konto zu plündern?" "Nein." "Dazu bräuchte man auch zumindest die Geheimzahl." "Ich kenne jemand, der so was knacken kann." "Ach so? Muss ich das wissen?" "Ich sage nur, daß ich jemand kenne." "Ja, und der weiß hoffentlich auch, daß die Kreditinstitute - jedenfalls bei diesem Kaliber - manchmal sogar Detektive darauf ansetzen, um sie wiederzufinden; es erleichtert denen die Arbeit ungeheuer, wenn die Karte plötzlich bei irgendeiner Transaktion auftaucht, da ist sie im Nu lokalisiert."

Daniela blieb davon unbeeindruckt und fragte "Wie kommt seine Kreditkarte in Celines Hosentasche?" Er zuckte mit den Schultern. "Tja. Jedenfalls hat er sie ihr bestimmt nicht gegeben, damit sie damit shoppen gehen kann." "Ich dachte eigentlich, Sie wären mehr überrascht darüber." "Und ich dachte, Sie wären mehr überrascht über den Besitzer der Karte. Oder wussten Sie das womöglich schon alles?" "Nein, ich konnte über ihn nichts herauskriegen." "Das liegt nicht an Ihnen. Diese Leute sind geborene Dunkelmänner, sie können ihre Identität unglaublich gut verschleiern. Bis zum Ende der DDR haben vielleicht fünfzehn Leute gewusst, wer Alexander Schalk-Golodkowski ist."

"Dann war wohl meine erste Annahme doch richtig: Es dreht sich um Waffengeschäfte, und Sie sind von Interpol." "Selbst wenn ich das doppelte Gehalt bekäme, ginge ich nicht zu Interpol. Jede Bahnhofs Toilette hat einen besseren Ruf als diese Institution. Aber was die Waffengeschäfte betrifft, ja, genau darum geht es." "Und dieser Kapprath ist darin verwickelt?" "Höchstwahrscheinlich." "Was für Geschäfte sind das?"

"Wie Sie sicher wissen, waren zu DDR Zeiten hier in Dresden sowjetische Truppen stationiert. Und natürlich auch jede Menge Waffen und Militärtechnik. Nach der Wende musste das alles zurück in die Sowjetunion geschafft werden. Aber etliche sowjetische Offiziere haben es lieber gleich hier für gutes Geld verscheuert, und zwar an jeden, der es bezahlen konnte. Manches davon wurde auch hier versteckt, ich kann Ihnen natürlich nicht sagen, wo."

"Dürfen Sie nicht oder wissen Sie es selber nicht?" "Beides. Es ist so: zehn Panzer lassen sich nicht so leicht irgendwo unterstellen, ohne daß es jemand mitkriegt, ein paar Kisten Maschinenpistolen schon eher, aber das bringt vergleichsweise wenig ein. Es gibt Hinweise darauf, daß hier auch atomare Sprengköpfe gelagert wurden. Dafür braucht man nicht viel Platz, und die Russen, oder sagen wir, diejenigen, die damit handeln, scheren sich einen Dreck um irgendwelche Sicherheit."

"Und danach suchen Sie?" "Richtig." "Sind Sie schon fündig geworden?" "Bis jetzt haben wir leider nur ein paar Stellen entdeckt, wo das Zeug mal versteckt war." "Mein Gott, das ist ja unglaublich, wenn man bedenkt, in irgendeinem Keller in der Stadt liegen Atomsprengköpfe." "Es gibt dafür keine Beweise. Und es dürfte auch nicht gerade ein Keller mitten in der Stadt sein, eher leerstehende Gebäude außerhalb." "Das beruhigt aber ungemein."

"Wir haben außerdem Informationen, daß Waffentransporte über die Tschechei nach Jugoslawien gehen, wo man derzeit die besten Käufer findet. Der Krieg dort hat erst angefangen, es verspricht also ein glänzendes Geschäft zu werden. Klar, daß sich da jeder ein Stück vom Kuchen abschneiden möchte."

"Wie dieser Kapprath." "Ja, er macht, was er schon in der DDR gemacht hat: er koordiniert den Transfer." "Nur daß er's früher als überzeugter Kommunist getan hat, und jetzt als ... wie soll man solche Leute bezeichnen?" "Als Mensch." "Als Mensch?" "Er tut, was Menschen von jeher getan haben: jede günstige Gelegenheit im Leben für das eigene Wohl zu nutzen. Sie tun es unter dem Deckmantel irgendeiner politischen Überzeugung, die sie wechseln wie die Hemden, wenn es erforderlich ist."

Aus seinem Mund klang das zwar plausibel, doch sie konnte ihm schwerlich zustimmen. Dann fragte sie "Stammen die Blutspritzer auf Celines Sachen also von ihm?" "Das können wir nicht beweisen. Aber ich vermute sehr stark, daß er dabei war." "Wo dabei?" "Als ... als sich diese Horde geiler Männer mit den Mädchen vergnügt hat." "Kann es nicht sein, daß das hier stattgefunden hat?"

"Schon möglich. Aber gewöhnlich werden die Kunden nach drüben gefahren, das ist eine Art Erlebnisausflug als kleine Aufmerksamkeit unter Geschäftspartnern. Die Waffenhändler sind ohnehin dauernd auf Achse, niemand weiß, ob und wo sie ein Zuhause haben. Und Kapprath ist nur ein Mittelsmann, allerdings einer der wichtigsten. Die Zuhälter von dieser Sorte Prostituierte sitzen schließlich auch an der Strecke, das wissen Sie besser als ich. Wozu sollen die sich der Gefahr aussetzen, daß ihnen in Deutschland nachgestellt wird, wenn sie kurz hinter Grenze völlig unbehelligt bleiben."

"Celine hatte zu mir gesagt, sie müsse unbedingt zu ihrem Bruder." "Ach ja? Wo soll der sein?" Sie zuckte mit den Schultern. "Ein älterer oder ein jüngerer Bruder? Was vermuten Sie?" "Diese Mädchen haben selten ältere Brüder, zumindest keine, die für sie da sind. Jüngere Geschwister dagegen schon. Manche gehen ebenfalls auf den Strich." "Jungen?" "Natürlich auch Jungen. Wenn Sie wollen, können Sie es mit Babys machen." Hellwein schüttelte den Kopf. "Mein Gott! Mit Waffen werden bestimmt jeden Tag mehr Kinder vernichtet, als durch Missbrauch. Trotzdem, ich beneide Sie nicht um Ihren Job, Frau Smerlova."

Dann sagte er "Trauen Sie dem Mädchen zu, daß sie sich um ihren Bruder kümmern will?" "Ja." "Dann will sie wieder zurück." "Ja." "Und warum ist sie dann bei diesem Ziegler geblieben? Hält er sie doch fest?" "Es gibt noch eine andere Möglichkeit." "Welche?" "Sie will erreichen, daß er ihr hilft." "Zu ihrem Bruder zu gelangen?" "Ja." "Und wie kann sie das erreichen?" "Entweder, indem sie sich ihm hingibt, oder sein Mitgefühl gewinnt."

"Wie lange kann das dauern?" "Schwer zu sagen. Hinzu kommt, daß sie vielleicht mit sich selber kämpfen muss. Versetzen Sie sich mal in ihre Lage: sie weiß, wenn sie wieder dorthin geht, erwartet sie eine furchtbare Bestrafung, vielleicht wird sie verstümmelt oder wie ein Tier gehalten. Hier dagegen kann sie das alles vergessen, zumindest verdrängen, und ein Mann wie dieser Ziegler, selbst wenn er mit ihr irgendwas macht, ist harmlos im Vergleich zu denen drüben. Aber je länger sie hier bleibt, umso länger muss ihr Bruder leiden. Sie würde nicht zu ihm wollen, wenn es ihm auch nur einigermaßen gut ginge, ich vermute, sie missbrauchen ihn auf die übelste Weise."

Daniela lag mit ihrer Vermutung ganz richtig. Als Gerhard in der Nacht nach Celine schaute, hockte sie noch immer in der Ecke in Kathrins Zimmer, im Dunkeln hatte er sie nicht gleich gefunden. Er sagte "Komm' leg' dich ins Bett." "Nein", sagte sie, und er hörte, daß ihre Nase völlig verstopft war, sie hatte Rotz und Wasser geheult, so sehr, daß ihre Ärmel am Bund vom Abwischen ganz feucht waren.

"Ich möchte, daß du ins Bett kommst, bitte!" Sie schüttelte den Kopf. Er ging, er ließ die Türen offen und legte sich hin. Er lag eine Weile wach. Endlich kam sie. Sie legte sich neben ihn, er nahm sie in den Arm. Sie musste immer noch schluchzen. "Sie machen so schlimme Sachen mit ihm", sagte sie. "Wer? Mit wem?" "Mit mein Bruder Franjo." Wenn ihre Tränen nicht ein untrügliches Zeichen der Wahrheit gewesen wären, hätte er ihr wahrscheinlich wieder nicht geglaubt.

"Er muss immer weinen, und manchmal schreit er, weil es so weh tut, sie stecken so Dinger in ihn rein, und sie drücken ihre Zigaretten an den Stellen aus. Sie lachen dabei. Und sie machen es wieder und wieder und wieder. Und wieder. Und manchmal muss ich was mit ihm machen." Sie wimmerte vor Verzweiflung. "Um Himmels willen, Celine! Du redest ja wie im Fieberwahn." "Gerd", sagte sie und kroch ganz dicht an ihn dran, "ich kann ihn nicht mehr schreien hören. Ich halt's nicht mehr aus. Ich will, daß er aufhört zu schreien. Mach', daß er aufhört zu schreien!" Er streichelte sie sanft übers Haar. "Bleib' ruhig, Celine. Es wird alles gut." "Versprich' mir's." "Ich verspreche es." "Lass' dein Arm um mich."

Am Morgen stand er ganz vorsichtig auf, sie schlief noch fest, und er zog die Bettdecke auf ihren schmächtigen Körper. Er trank einen Kaffee und überlegte dabei, was er tun soll. Er entschloss sich, den Kommissar anzurufen. Er suchte dessen Karte und fand sie. Er sagte, ihm sei noch etwas eingefallen wegen dem Taxi. Er wunderte sich gar nicht, daß Hellwein sofort wusste, worum es geht. "Lassen Sie uns das nicht am Telefon besprechen, Herr Ziegler. Können Sie in mein Büro kommen?" "Ja." Hellwein erklärte ihm, wo er zu finden sei, und sie vereinbarten einen Termin in zwei Stunden.

Als Gerhard aufgelegt hatte, schaute er nach Celine, sie schlief. Er wollte sie nicht wecken. Er nahm einen Zettel und schrieb, daß er in die Stadt gefahren sei und gegen Mittag wieder da wäre. Dann fiel ihm ein, daß sie es wahrscheinlich nicht lesen kann. Er wollte es mit einer Skizze ausdrücken, aber wie? Schließlich zeichnete er ein Zifferblatt mit zwei dicken Zeigern auf ein Uhr und stellte den Wecker daneben.

Unterwegs wurde ihm bewusst, daß der Kommissar womöglich längst nicht mehr mit dem Fall befasst wäre und es sich am Telefon bloß nicht hatte anmerken lassen. Außerdem konnte er nicht wissen, daß sich Celine bei ihm, Gerhard, aufhält. Sollte er es ihm sagen? Wenn er herausfinden will, wo genau Celine herkommt, musste er es preisgeben. Aber bestand dann nicht die Gefahr, daß man ihn belangen könnte? Oder ihm Celine wegnehmen würde, wodurch ihr am wenigsten geholfen wäre.

Hellwein empfing ihn freundlich. Ja, gab er unumwunden zu, er sei noch an dem Fall dran, weil es, wie sich herausgestellt habe, nicht nur ein kleiner Verkehrsunfall gewesen sei. "Sondern?", fragte Gerhard. "Etwas Größeres." "Aber daß Celine mit dem Taxi ins Krankenhaus gebracht wurde, hat sich doch bestätigt, oder?" "Ja", erwiderte Hellwein und zuckte mit keiner Wimper. "Und Sie haben den Fahrer noch nicht ausfindig gemacht?" "Andernfalls hätte ich wahrscheinlich auf Ihr Angebot verzichten können." "Mein Angebot?" "Ich denke, Sie wollten mir etwas mitteilen. Dann lassen Sie mal hören."

Gerhard sagte ihm, welche Vermutung er habe, und Hellwein ließ ihn ausreden und nickte hin und wieder. Dann sagte er unvermittelt "Woher kennen Sie eigentlich ihren Namen?" "Bitte?" "Sie nannten sie vorhin Celine." "Aus dem Krankenhaus, als ich mit Ihnen dort war." "Da fiel ganz sicher nicht ihr Name", sagte Hellwein, ohne ihn zu provozieren.

Gerhard schaute ihn an, dann sagte er "Gut, Herr Kommissar. Ich mache Ihnen ein Angebot: Ich helfe Ihnen, den Taxifahrer zu finden, und Sie helfen mir dabei, Celine zurückzubringen." "Nach dem, was Sie mir eben gesagt haben, brauche ich Ihre Hilfe eigentlich nicht mehr." "Nein, ich sehe ein, das war voreilig." "Dennoch richtig, und ich danke Ihnen, daß Sie hier waren."

"Sie wissen, daß Celine bei mir ist." "Ja." "Sie finden daran nichts ungewöhnliches." "Sollten wir?" "Nein. Sie ist freiwillig bei mir." "Nun ja, sie ist nicht vermisst gemeldet, offenbar gibt es niemand, den es interessiert, wo sie ist." "Doch, den gibt es. Und deshalb habe ich Sie angerufen." "Wer soll das sein?" "Ein gewisser Rukovatz, aus dem tschechischen Grenzgebiet." "Hat Ihnen Celine gesagt, daß sie zu diesem ... Rukovatz will?" "Nein. Den Namen habe ich von einem vietnamesischen Händler erfahren, der ebenfalls dort sein Gewerbe betreibt." "Sie haben Kontakte zu den Vietnamesen?" "Ich kenne diesen einen aus früheren Zeiten, er wohnte damals hier in Dresden." "Ich verstehe. Und was hat Ihnen dieser Händler über Rukovatz erzählt?"

"Sie würden mir also behilflich sein, Celine dorthin zu bringen?" Hellwein lächelte. "Und schon hat sich Ihr Geschick wieder gewendet! Ja, ich denke, wir könnten etwas füreinander tun." "Sagen Sie mir zuerst, Herr Kommissar, ob das tatsächlich ein Verkehrsunfall war." "Nein. Das Mädchen ist misshandelt worden, und der Taxifahrer hat sie wahrscheinlich aus Menschlichkeit oder auch nur aus schlechtem Gewissen ins Krankenhaus gebracht. Hat Ihnen Ihr vietnamesischer Freund nicht gesagt, daß dieser Rukovatz ein Zuhälter ist?" "Doch, ja."

"Dann sagen Sie mir eins: Warum sollte Celine zu ihm zurück wollen?" Gerhard zuckte mit den Schultern. "Ob sie das wirklich will, weiß ich nicht." "Haben Sie nicht mit ihr gesprochen?" "Herr Kommissar, ich bin in diese ganze Sache hineingeraten wie ... in einen Banküberfall. Celine hat mir erzählt, sie käme aus Bosnien und ihre Eltern seien auf der Flucht erschossen worden, ich wusste bald nicht mehr, was ich ihr noch glauben soll."

"Sie haben auch nicht bemerkt, daß sie Verletzungen im Vaginalbereich hatte?" Gerhard schreckte zurück. "Nein! Ich schwöre, ich habe sie nicht angerührt!" Hellwein schwieg und sah ihn eindringlich an, aus irgendeinem Grund fiel es Gerhard schwer, diesem "Verhörblick" standzuhalten; er hatte ihn immer selbst drauf gehabt, aber jetzt saß er auf der andern Seite.

Hellwein sagte "Herr Ziegler, Sie waren hauptamtlicher Mitarbeiter bei der Staatssicherheit der DDR, nicht wahr?" "Was hat das hiermit zu tun!", sagte er ungehalten. "Haben Sie vielleicht auch da noch Verbindungen aus alten Tagen?" "Nein." "Hm", machte der Kommissar und rieb sich das Kinn. "Würden Sie mich in der Taxisache begleiten?" "Das hatte ich mir so gedacht, ja." "Jetzt gleich?" "Ja."

Aus einer Ahnung heraus war Gerhard darauf gekommen, daß der einzige Zusammenhang zwischen ihm und einem Taxi darin bestand, daß er sich einmal bei der Fahrschule Fischer um eine Stelle beworben und der Chef ihn gefragt hatte, ob er vorläufig auch als Taxifahrer anfangen würde. Zwar schien ihm selbst der Gedanke an die Fahrschule ziemlich abwegig, aber Hellwein meinte, man sollte niemals eine Option vorschnell ausschließen. Sie fuhren dorthin und gingen ins Büro. Die Sekretärin fragte, was sie wünschen, dann gab sie Herrn Fischer Bescheid, und er kam aus seinem Zimmer. Er gab beiden die Hand, offenbar erkannte er Gerhard nicht wieder. "Worum geht es?"

Hellwein stellte sich vor und zeigte seinen Dienstausweis, er sagte, er würde eine Angabe eines Zeugen überprüfen wollen. "Sie haben auch einen Taxibetrieb?", fragte er den Chef. "Ja." "Beschäftigen Sie einen Taxifahrer namens Gerhard Ziegler?" "Nein." "Hat einer Ihrer Fahrer vor einiger Zeit ein verletztes Mädchen in die Notaufnahme des Johannstädter Krankenhauses gefahren?" "Das kann ich Ihnen so genau nicht beantworten, wir machen natürlich auch Krankentransporte, also wir befördern Patienten zum Arzt und so weiter. Das sind ganz normale Fahrten, und - entschuldigen Sie - ich kann unmöglich über alle Fahrten meiner Mitarbeiter einen Überblick haben."

"Natürlich nicht. Aber kann man das herausfinden?" "Jedes Fahrzeug hat ein Fahrtenbuch." "Das meine ich." "Da kann aber nicht jeder hineinschauen, das sind immerhin geschäftliche Unterlagen." "Ich könnte mir eine Erlaubnis besorgen, Herr Fischer." "Ja, das glaube ich Ihnen." "Vielleicht geht es ausnahmsweise auch ohne." Der andere machte eine unwillige Miene. "Ich habe zweiundzwanzig Fahrzeuge", sagte er. "Alles PKW?" "Siebzehn davon. Wann soll das denn gewesen sein?" Hellwein nannte ihm das Datum. Er zögerte, dann wandte er sich um und sagte "Christine, können Sie mal unter dem elften fünften nachschauen, ob jemand zum ... was für eine Klinik war es?" "Johannstadt" "Ob jemand eine Fahrt da hin hatte."

Sie tippte auf der Tastatur etwas ein und las aus einer Liste ab. "Nummer acht nullnull sechsundvierzig hatte eine Fahrt in die Fetscherstraße." "Nein, Krankenhaus Johannstadt", sagte Hellwein, und Gerhard erklärte ihm "Das ist in der Fetscherstraße." "Ach so." "Genaugenommen ist das Striesen West", sagte sie. "Sie sind wohl nicht von hier?", fragte Fischer, aber Hellwein sagte zur Sekretärin "Und das haben Sie gleich so parat?" "Wenn ich den Stadtplan nicht im Kopf hätte, wäre ich nicht die Richtige auf diesem Stuhl."

Er lachte. "Ja. Dann sind Sie bestimmt die Richtige und können uns auch sagen, wer das Taxi gefahren hat." "Herr Grassmann." "Um welche Zeit?" "Ähm, wann soll es denn gewesen sein?" "Tja, in der Nacht." "Ja, das kommt hin." "Steht auch da, woher der Herr Grassmann kam?" Sie schaute auf die Liste und meinte "Normalerweise schon, aber ... ach, ich hab's! Elfter fünfter, da war ich noch im Urlaub." "Gab es eine Vertretung?" "Bitte, Herr Kriminalkommissar, ich glaube, das geht zu weit", unterbrach Fischer. Die Sekretärin winkte ab. "Lassen Sie nur, Herr Fischer, das macht mir nichts aus! Also, wenn ich nicht da bin, macht das die Frau Wolf. Das heißt ..." Sie schaute zum Chef. "Hatten Sie die Frau Wolf nicht erst zum fünfzehnten eingestellt?" Er machte eine unbestimmte Geste.

"Wer hat denn vorher die Vertretung gemacht?" "Ich", sagte Fischer, "genügt Ihnen das?" "Ja, Herr Fischer. Das heißt, könnten wir noch mit dem Herrn Grassmann sprechen?" Fischer atmete hörbar genervt aus. "Ist Achim unterwegs?" Sie machte ein paar Mausklicks, dann hatte sie ihn am Funkgerät. "Achim? Wann kommst du voraussichtlich rein?" "In 'ner halben Stunde." Sie warf dem Kommissar einen Blick zu, und er nickte. "Kannst du dann mal ins Büro kommen!" "Mach' ich", hörte man ihn am andern Ende sagen.

Fischer bot ihnen in der Wartezeit einen Kaffee an und nahm sie mit in sein Zimmer, aber es waren quälend lange Minuten, weil keiner etwas sagte. Dann klopfte es endlich und Herr Grassmann kam herein. Er war ein kleiner korpulenter Mann mit Halbglatze und einem lustigen Gesichtsausdruck. "Melde gehorsamst, Sie wollten mich sprechen, Chef?" "Ja, hier ist der ..." Hellwein stand auf und sagte "Kriminalkommissar Peter Hellwein." "Taxifahrer Achim Grassmann." "Und das ist Herr Gerhard Ziegler aus Dresden Prohlis." Augenblicklich wich die Fröhlichkeit aus seinem Gesicht und er musste tatsächlich um Fassung ringen.

Fischer sagte "Ach, das sind Sie? Dann verstehe ich nicht ganz, wieso Sie mich vorhin gefragt haben, ob ich einen Fahrer dieses Namens habe!" "Ich wollte es von Ihnen hören", erwiderte Hellwein. Fischer war sauer. "Mir scheint, Sie stehlen mir allmählich meine kostbare Zeit, Herr Kommissar. Ich muss nämlich auch noch was anderes tun, als auf Leute warten, um mein Geld zu verdienen."

"Wir sind auch schon fast wieder weg. Herr Grassmann, haben Sie im Mai ein etwa vierzehnjähriges Mädchen in die Notaufnahme des Johannstädter Krankenhauses gefahren?" "Nein." "Aber Sie waren in der Fetscherstraße." "Laut Fahrtenspiegel am elften", sagte Fischer zu ihm. "Schon möglich, aber nicht im Krankenhaus; die Fetscherstraße ist lang." Hellwein warf Gerhard einen Blick zu, dann sagte er "Darf ich mir noch kurz Ihr Taxi anschauen." Grassmann sah nach dem Chef, der nickte unmerklich. "Wenn's denn nötig ist, meinetwegen." Als sie gehen wollten, sprang Fischer auf und sagte "Ich komme auch mit. Falls Sie noch irgendwelche Fragen haben."

Hinterher fragte Hellwein "Was halten Sie davon, Herr Ziegler?" "Die wissen, wer ich bin." "Das habe ich ihnen ja auch gesagt." "Nein, vorher schon. Haben Sie nicht gesehen, wie blass der Grassmann geworden ist?" "Ja." "Und das mit der Liste im Computer war auch mehr als nur eine Unregelmäßigkeit. Haben Sie in dem Wagen etwas erkennen können?" "Nein. Wenn wirklich dieser Grassmann das Mädchen in der Notaufnahme abgegeben hat, dann ist mir völlig unklar, wie die Krankenschwester sich bei Ihrem Anblick unschlüssig war, da besteht ja nun überhaupt keine Ähnlichkeit, oder was meinen Sie?"

Bei diesen Worten fiel Gerhard ein, daß Celine zu Hause wartet. "Ich muss jetzt leider los", sagte er. Hellwein schien verstimmt. "Ich wollte noch mit Ihnen über etwas reden." "Ein andermal." Er hatte auf einmal ein ungutes Gefühl, daß Celine allein war. "Warten Sie ...", rief ihm Hellwein nach, aber umsonst. Er fuhr schneller als erlaubt war, er nahm noch jede gelbe Ampel mit, je näher er der Wohnung kam, umso unruhiger wurde er.

Als er die Tür öffnete, hörte er Celines Stimme, sie plapperte wie aufgedreht und kicherte, und Gerhard fiel ein großer Stein vom Herzen, und ein Gefühl der Dankbarkeit erfüllte ihn, dafür, daß sie in sein Leben getreten war. Celine und Janette saßen in der Küche, und Mandy spielte auf dem Boden. Celine sah phantastisch aus, ihr Haar wogte in dichten Wellen nach hinten, und oben hatte sie ein rotes, samtenes Band eingebunden, das sich über ihre Stirn zog. Man konnte ihre Ohren sehen, die wie Muscheln schimmerten und an denen zwei kleine Trauben aus Goldplättchen hingen. Sie hatte lange Wimpern an den Augenlidern, und ihre Augen und Lippen waren geschminkt, ein wenig übertrieben vielleicht, aber bezaubernd, und auf ihren Fingernägeln leuchteten tiefblaue Tropfen.

Sie begrüßten Gerhard mit großem Hallo, und Mandy streckte ihre Händchen nach ihm aus. Es schien ihm, die beiden wären etwas angeheitert. Celine hielt sein Blatt mit der Uhr hoch und tippte darauf und rief "Und wer war nicht da um ..." "Um eins", flüsterte Janette und lachte. "Wer war nicht da um eins?" "Tut mir leid, ich habe mich beeilt." "Tut mir leid, tut mir leid! Ich habe extra Mittagessen gekocht!", sagte sie und schmollte für zwei Sekunden, sie war gegenüber der letzten Nacht wie ausgewechselt.

Er erfuhr, daß Janette sie so herausgeputzt hatte und die drei Damen (einschließlich Mandy) eine kleine Modenschau oder besser gesagt Verkleidungs Revue veranstaltet hatten, überall lagen noch Sachen herum. Zum Mittag gab es Spaghetti, und Gerhard erkannte, daß die roten Flecken um Mandys Mund kein Lippenstift waren, sondern von der Tomatensoße stammen.

"Denk' nicht, wir wären betrunken", sagte Janette, und Celine rief "Das ist nur Orangschensaft!" "Mit einem Schluck Bier." "Buäh!" "Nein, das schmeckt! Glaub's uns." "Ist für mich auch noch ein Bier da?" "Na klar", sagte Celine und holte eine Dose aus dem Kühlschrank. "Und ich mach' dir auch noch welche Schpagetti warm, wenn du magst." "Ja, gern, die sehen wirklich lecker aus." Und wie er in den Topf schaute, gab ihm Celine einen Schmatzer auf die Wange.

"Janette hat mir von ihr'm Freund erzählt." "Ex-Freund!" "Der war schon mal in As-leh-gass!" "Las Vegas!" "Wahnsinn!" "Hat er was gewonnen?", fragte er Janette. "Nee, aber er hat mir was mitgebracht, so fünf so verschiedene Chips vom Roulettespiel." "Ich hab' sie gesehen! Janette hat sie drüben. Die kann sie jederzeit tauschen gegen richtiges Geld, stimmt's Janette?" "Na ja, aber das mach' ich nicht, das ist so was wie ein Andenken." "An ihn?", fragte Gerhard. "Obwohl er ein ganz schöner Arsch sein konnte." Celine meinte "Vielleicht hatte er auch 'n schönen Arsch?" Gerhard sah sie streng an, Janette sagte "In der Hinsicht konnte ich mich nicht beklagen." Celine füllte einen Teller mit Spaghetti und gab zwei Kellen Soße darüber, und Mandy kam angetippelt und Celine meinte "Weißt du, wie bei Mandy Tomatensoße heißt?" "Nein, wie?" "Omahose" Sie wollte sich ausschütten vor Lachen.

Gerade als Gerhard aufgegessen hatte, klingelte das Telefon im Wohnzimmer. Er nahm ab, und der Mann am andern Apparat sagte "Sprech' ich mit Gerhard Ziegler?" "Ja." "Hier ist Achim Grassmann, erinnern Sie sich?" "Natürlich." "Wissen Sie, wo das Mädchen ist?" "Nein. Und Sie?" "Ich will nichts mit der Polizei zu tun haben." "Ich bin kein Polizist." "Was machen Sie?" "Warten Sie einen Moment." Er schloss die Wohnzimmertür und kam zurück. "Ich war bis vor kurzem Versicherungsberater. "Und jetzt?" "Ich suche gerade eine neue Stelle. Sie waren es, der Celine ins Krankenhaus gebracht hat?" "Wen?" "Sie wissen, wen ich meine. Warum haben Sie meinen Namen angegeben? Und woher hatten Sie ihn überhaupt?" "Dazu sag' ich nichts." "Vom Herrn Fischer, stimmt's?" "---"

"Sie haben ihn von unterwegs angerufen und gefragt, was Sie mit dem Mädchen machen sollen." "Ich hab' sie von selber da hin gebracht." "Ja, aber Sie hatten Schiss." "Erlauben Sie mal, Herr Ziegler, wollen Sie mich beschimpfen!" "Und da hat der Herr Fischer gesagt, nennen Sie den und den Namen, wenn Sie gefragt werden." "Ich wusste ja nicht, daß das ein echter Name ist, ich dachte, er hätte ihn sich schnell ausgedacht. Haben Sie denn dem Herrn Fischer irgendwas getan, daß er sich dafür rächen wollte?" "Fragen Sie ihn doch!"

"Hören Sie, Herr Ziegler, wenn Sie jetzt selber arbeitslos sind, dann wissen Sie ja, wie das ist. Ich war's auch mal, und das war keine schöne Zeit. Ich brauche meine Arbeit als Taxifahrer, ich hab' nämlich nichts richtiges gelernt, das ich machen könnte." "Und zu DDR Zeiten?" "Ich war Fahrer bei der Bezirksleitung Dresden. Aber wie die Wende kam, bin ich krank geworden, ich war fast ein Jahr in der ... in der Nervenklinik, ich hab' das alles nicht richtig verkraftet. Der Herr Fischer hat mir eine Chance gegeben, daß ich wieder anfangen konnte." "Aha." "Jetzt bin ich wieder okay. Sie haben mich ja kennengelernt!" "Ja, allerdings."

"Ich wollte Sie bloß drum bitten, daß Sie's nicht dem Kommissar sagen." "Was?" "Daß ich das gewesen bin." "Das mit dem Mädchen?" "Ja. Nein! Um Gottes willen, nicht das!" "Und wer war's dann?" "Das kann ich Ihnen nicht sagen." "Doch, ich glaube, das können Sie." "Ich verlier' meine Arbeit!" "Sie machen öfter solche Fahrten." "Ja. Aber ich fahr' die Leute nur da hin und hol' sie ab, sonst nichts!" "Wo ist das?" "Hinter der Grenze, Richtung Decin." "Und wo genau?" "Wieso wollen Sie das wissen?" "Besser, Sie sagen es mir, als dem Kommissar." Grassmann schwieg, dann sagte er "Ach, Scheiße. Es gibt da eine Ortschaft, die heißt Zakovice, und da gibt es ein Hotel, da wollen die meistens hin." "Wer?" "Das sag' ich nicht, da können Sie sich jetzt auf'n Kopf stellen oder mir drohen, wie sie wollen. Ich sag' überhaupt nichts mehr."

Gerhard schwieg. "Ich hätte Sie gar nicht anrufen müssen, man kann mir nichts anhängen, ich habe nichts Strafbares getan. Ich hab' Sie trotzdem angerufen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe Ihnen gegenüber, ich bin nämlich auch kein Unmensch, aber ich bin Taxifahrer, und da kann ich nicht sagen: den fahre ich, und den fahre ich nicht, ich muss jeden fahren, dafür bin ich nunmal da, verstehen Sie!" "Ja." Er machte wieder eine Pause, dann sagte er "Ich kann nicht verlangen, daß Sie die Sache als erledigt betrachten, ich kann Sie nur drum bitten, Herr Ziegler." "Ja, ist gut. Vergessen wir die Geschichte." "Danke." Grassmann blieb noch einen Moment dran, dann legte er auf.

Gerhard fand, daß dieser Grassmann aufrichtig gesprochen hatte. Tatsächlich konnte er ihm wegen des falschen Namens nicht böse sein, und merkwürdigerweise war er auch auf den Herrn Fischer nicht sonderlich wütend. Sie hatten ihm beide nicht ernsthaft schaden wollen, es hatte ihn durch puren Zufall getroffen. Bestimmt hätte er darüber nicht so gedacht, als der Kommissar zum ersten Mal bei ihm war, und er sich quasi reinwaschen musste.

Aber danach waren Dinge geschehen, die ihn, ohne daß er es gleich bemerkte und obwohl er sich zwischendurch verständlicherweise davon verunsichert fühlte, tief berührten und seine Beziehung zu Celine wandelten. Er hatte sie liebgewonnen und durch sie so etwas wie Verantwortung zurückerlangt, die ihm durch all' die unbegreiflichen und unerbittlichen Ereignisse weggenommen worden war.

Kommissar Hellwein hielt es für angebracht, Daniela Smerlova über den Stand der Ermittlungen zu informieren. Sie war nicht ganz leicht zu erreichen, erst über drei andere Nummern bekam er sie dran. "Wo sind Sie?", fragte er. "Was wollen Sie?", fragte sie zurück, es klang nicht unfreundlich, aber fast ein bisschen so, als fühlte sie sich gestört. "Können wir uns morgen auf einen Kaffee treffen?" Sie schien zu überlegen. "Ich habe Neuigkeiten in der Taxisache", fügte er hinzu und ertappte sich dabei, jemandem mehr zu verraten, als er sonst für nötig hält. (Die Wahrheit war, er wollte sie damit locken.) Sie sagte zu.

Hellwein erzählte ihr, wie der Besuch in der Fahrschule abgelaufen war. Dann sagte er "Wenn wirklich dieser Grassmann das Mädchen in der Notaufnahme abgegeben hat, dann ist mir völlig unklar, wie die Krankenschwester sich beim Anblick des Herrn Ziegler unschlüssig war, da besteht ja nun überhaupt keine Ähnlichkeit." "Warum gehen Sie nicht mit dem Grassmann ins Krankenhaus?" "Bitte?" "Zur Gegenüberstellung." "Ach so. Ja, das ist eine Option, die ich mir noch offenhalte." "Warum zögern Sie?"

"Haben Sie sich mal überlegt, ob der Ziegler nicht doch so ein gewiefter Hund ist, daß er das alles selbst arrangiert hat? Objektiv betrachtet könnte der Taxifahrer tatsächlich mit der Sache nichts zu tun haben, und Ziegler hat mich mit dem Verdacht bloß irreführen wollen." "Sie meinen, er hat Celine misshandelt, sie dann aus Schuldgefühl da hin gebracht und sich als einen Taxifahrer ausgegeben?" "Keiner hat das Taxi mit eigenen Augen gesehen. Und Ziegler kannte das Unternehmen von seinem Vorstellungsgespräch." "Und hat dann behauptet, die haben seinen Namen benutzt." "Ja."

"Halten Sie ihn wirklich für so gerissen?" "Der Mann war zwanzig Jahre bei der Stasi, die haben unentwegt falsche Tatsachen konstruiert, um andere hereinzulegen." "Ja, schon", sagte Daniela und trank einen Schluck aus ihrer Tasse, "sicher, er ist so ein typisches Stasi Schwein, wie es in der DDR Tausende gegeben hat, vielleicht ist er ein bisschen schlimmer als andere, aber ..." "Was aber? Wollen Sie ihn jetzt etwa entschuldigen?"

"Da wäre ich bestimmt die letzte. Es ist nur so ... Ich habe die beiden nun oft gesehen ..." "Sie meinen ihn und Celine?" "Ja. Wahrscheinlich macht er auch wirklich mit ihr rum, und dafür könnte ich ihn ... glauben Sie mir, Herr Kommissar!" Sie nahm wieder einen Schluck Kaffee. "Andererseits ... geht es Celine gar nicht so schlecht." "Letztens haben Sie aber noch ganz anders geredet!", sagte Hellwein verwundert und ein wenig vorwurfsvoll.

"Nein", entgegnete sie, "Sie haben mich vielleicht bloß anders verstanden." "Und was ist mit ihrem Brüderchen? Den lassen Sie auf einmal ganz außer Acht!" Sie schaute ihn an, und er sah den niedergeschlagenen Ausdruck in ihren Augen, eine Mischung aus Hoffnung und Vergeblichkeit. "Herr Kommissar, es fällt mir schwer, darüber zu sprechen." "Das glaube ich Ihnen, Daniela." Sie schüttelte sachte den Kopf. "Nein, wir missverstehen uns. Es fällt mir schwer, über meine eigenen Gefühle zu sprechen."

Er zog die Brauen hoch, er wusste jetzt wirklich nicht, was sie meint. "Wollen Sie jetzt aufgeben?" "Ach was! Es ist meine Aufgabe, diesen Kindern zu helfen." "Und ein wenig auch Ihre Pflicht. Es wäre alles noch viel schlimmer, wenn Sie nicht wären." "Oh, nicht doch! Gleich tropft Ihnen der Honig vom Pinsel." Er musste lachen. Sie sagte "Im Ernst: ich habe den Eindruck, dieser Ziegler ist für Celine eine Art Vater Ersatz, so was kommt häufig vor. Jemand, dem sie vertrauen und sich zugleich unterwerfen kann." "Indem er sie missbraucht?" "Das ist eben manchmal der Preis für eine Beziehung", sagte sie trocken.

"Meine Vorstellung von einer Vater Kind Beziehung sah bisher aber anders aus." "Es ist ja auch keine normale Beziehung, wie sie die meisten von uns kennen. Sie können das nur bedingt mit Ihren gewohnten Maßstäben beurteilen. Ein Haufen kluge Leute haben sich darüber den Kopf zerbrochen, und es ist eine Menge darüber geschrieben worden, wie so eine außergewöhnliche Beziehung funktioniert. Ich glaube, es sind vor allem zwei Dinge, die solche Menschen aneinanderbinden, und zwar gegenseitige Aufmerksamkeit und die Berechenbarkeit des andern." "Und Sie meinen, das bei Celine und dem Ziegler zu erkennen?" "Es ist eine Erklärung für mich, für das, was ich sehe."

Da fragte er "Wie oft beobachten Sie die beiden eigentlich?" "Einige Male", erwiderte Daniela vage, und er sah, daß ihr die Frage unangenehm war, er sagte schnell "Haben Sie selbst auch schon mal über diese Problematik geschrieben? Es gibt doch bestimmt so etwas wie eine Forschung auf dem Gebiet." "Ja, die gibt es. Ich habe mal einen Vortrag gehalten, genau gesagt, dreimal." "Vor wem?" "In der Schule, vor Sozialpädagogen und bei einer Stiftung."

"Arbeiten Sie daran?" "Immer mal, eher sporadisch." "Vielleicht sollten Sie sich dem mehr widmen." "Ja, vielleicht tue ich das demnächst." "Sie könnten über Celines Schicksal schreiben." "Celines Schicksal? Es klingt ein bisschen wie Bettlektüre für Feministinnen, aber mal sehen, ich überleg' mir's. Und danke für Ihre Ermunterung." "Bitte, gern."

"Und was jetzt?" "Wie, was jetzt?" "Was haben Sie vor?" "Ich bin da an etwas dran, das könnte eine ziemlich heiße Spur sein, aber mehr kann ich Ihnen nicht verraten." Sie nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse, dann meinte sie "Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie mich brauchen?" Er lachte. "Wieso lachen Sie?" "Ich weiß nicht." Er kam sich auf einmal ziemlich dämlich vor, er hätte ihre Frage viel mehr schätzen sollen!

* * * * *

Gerhard Ziegler hatte also davon abgesehen, den Kommissar über sein Gespräch mit dem Taxifahrer zu unterrichten. Zudem war Celine auch tags darauf immer noch guter Laune, und er glaubte, ihr schmerzlicher Aufschrei sei eine Art Nerven Zusammenbruch gewesen, den sie aufgrund ihrer Jugendfrische rasch hatte überwinden können. Daß er selbst genaugenommen ihr nicht sofort geholfen und sie erst, nachdem er ihren Anblick nicht mehr ertragen konnte, tröstend in den Arm genommen hatte, wollte er jetzt nicht mehr wahrhaben. Selbst die schrecklichen Dinge, die sie über ihren angeblichen Bruder gesagt hatte, wichen ihm schnell aus dem Sinn. Stattdessen war er froh zu sehen, daß sie sich offenbar bei ihm wohl fühlt.

Kommissar Hellwein jedoch war noch keineswegs "mit ihm fertig", wie er es auszudrücken pflegte. Er rief Gerhard an und sagte, er will eine Gegenüberstellung von Celine und dem Herrn Grassmann, um jeden Zweifel auszuräumen. Da entgegnete ihm Gerhard, dies könne er mit Rücksicht auf Celines Zustand nicht ohne weiteres befürworten. Hellwein war beinahe fassungslos und er musste sofort an Daniela und ihre Vater Theorie denken, die offensichtlich ihre Bestätigung fand.

"Wollen Sie denn nicht, daß wir aufklären, was passiert ist?", fragte er ihn, und Gerhard erwiderte "Haben Sie nicht selbst darauf hingewiesen, daß Celine weder vermisst gemeldet ist, noch daß Sie gegen jemanden ermitteln können, der ihr das angetan hat." "Drehen Sie jetzt den Spieß um? Sie vergessen wohl, daß dieser Rukovatz höchstwahrscheinlich nach ihr sucht." "Ja, und? Wenn wir die Sache mit dem Taxifahrer aufbauschen, kann es sein, daß wir ihn erst darauf aufmerksam machen, und dadurch Celine in Gefahr bringen."

"Wie soll er davon erfahren?" "Sie meinen, weil er irgendwo in Nordböhmen sein Quartier hat und wie ein Waldräuber heißt, wäre er nicht auf dem laufenden, was sich hier in Dresden abspielt? Haben Sie denn übersehen, daß seine finanzkräftigen Kunden von hier kommen?" "Wer sagt das?" "Das ist ja nun allgemein bekannt." "Sie glauben, der Grassmann macht öfter solche Fahrten?" "Herr Kommissar, wir wollen doch nicht in unsere Konversation vom Anfang zurückfallen! Also hören Sie auf, sich ahnungslos zu stellen."

"Sie tun so, als hätten Sie sich mit allem abgefunden. Meinen Sie wirklich, das Mädchen wird ewig bei Ihnen bleiben?" "Nichts ist für immer. Aber jetzt ist sie hier, und allein das zählt." Hellwein hätte ihm am liebsten eine in die Fresse gehauen. Gestern noch ein strammer Stasi Offizier, und heute spielt er den guten Daddy! "Es ist nicht nett, daß Sie mich jetzt im Stich lassen." "Sie werden es schon schaffen."

Hellwein unternahm einen letzten Versuch. "Können Sie mir Celine ans Telefon holen?" "Sie ist nicht da." "Dann komme ich zu Ihnen. Und ich bringe eine Heimeinweisung vom Jugendamt für Celine mit. Sie können dann schon mal ihre Sachen einpacken, da Sie sich so rührend um sie kümmern, Herr Ziegler." Er konnte förmlich hören, wie Gerhard vor Wut mit den Zähnen knirschte.

Gerhard rief Celine her, er legte die Hand auf den Hörer. "Das ist der Kommissar." "Wer?" "Der Bulle, der mit mir im Krankenhaus bei dir war. Er will mit dir sprechen." "Was will er?" "Auf jeden Fall nichts Gutes. Sag' ihm, du weißt gar nichts!" Sie nahm den Hörer. "Ich weiß gar nichts!" "Celine? Bist du das?" "Ich weiß gar nichts!" "Ich bin Peter Hellwein, ich habe dich im Krankenhaus besucht, erinnerst du dich?" "Nein, ich habe keinen Besuch, der so heißt."

"Du hast dort etwas vergessen." "Was denn?" Neben ihr schüttelte Gerhard heftig mit dem Kopf. "Eine Kreditkarte." "Was für'n Ding?" "Eine Geldkarte, mit der man bezahlen kann, sie war in deiner Jogginghose." Celine schwieg. "Was ist?", flüsterte Gerhard. "Celine? Hörst du? Die Polizei meint, daß du sie geklaut hast." "Ich hab' die nicht geklaut!" "Aber sie gehört dir nicht." "---" "Weißt du, wem sie gehört?" "Nein, Mann! Jetzt geh' mir nicht auf'n Pisser!" Und zu Gerhard sagte sie "Der will mich anmachen!" "Celine! Lass' den Unsinn! Ich will dir nur helfen." "Leck mich am Arsch, du blöder Bulle!" Gerhard grinste und nickte.

Er nahm ihr den Hörer aus der Hand und sagte voller Hohn "Entschuldigen Sie ihren rauhen Ton, sie meint es nicht so." Hellwein musste sich sehr beherrschen, damit man sein Schnaufen nicht hörte. "Macht nichts, ich bin das gewohnt. Wie Sie!" "Bitte?" "Na, Sie müssen doch auch einiges ertragen, Herr Ziegler, wenn Sie Ihre Vergangenheit ständig einholt. Ich sage nur: Roland Seyfart!" Gerhard spürte einen Schauer über seinen Hinterkopf rieseln. "Was haben Sie mit diesem Mann zu tun?" "Nichts. Mein Ehrenwort. Aber ich weiß, daß er versucht, Ihnen die Hölle heiß zu machen. Er hält sich wohl für ein Opfer der DDR Diktatur." "Er hält sich für was Besseres!"

"Stimmt es, daß Sie mit seinem Fall betraut waren?" "Ja." "Er war in Untersuchungshaft bei Ihnen in der Zentrale?" "Ja." "Wie lange?" "Drei oder vier Monate. Warum?" "Hatte er Kontakt nach draußen?" "Nein." "Und im Haus?" "Wie, im Haus?" "Zu jemandem von Ihren Leuten." "Wie bitte? Wollen Sie damit sagen, daß jemand von uns mit ihm kollaboriert hat?" "Es war meine Frage." "Ich kenne Ihre Fragen! Also, wer soll das gewesen sein?" "Möglicherweise jemand von der Objektverwaltung." "Objektverwaltung? So was gab's gar nicht. Wollen Sie mir irgendein Märchen auftischen?" "Warum sollte ich. War der Seyfart in Isolationshaft?"

"Das weiß ich nicht mehr so genau, die ersten Tage auf jeden Fall. Warten Sie, jetzt fällt's mir ein, er war eine Zeitlang draußen bei einer Baumaßnahme beteiligt, ich hatte einen Riesenschreck bekommen, als er mal nicht in seiner Zelle war, keiner hatte mir Bescheid gesagt." "Hm, so was", machte Hellwein, als würde er ihm nachfühlen. "Das war nichts ungewöhnliches. Die Leute haben einen Graben ausgehoben oder den Maurern geholfen, da war immer ein Wachtposten dabei." Er machte eine Pause, dann fragte er Hellwein "Haben Sie denn irgendwas gegen ihn in der Hand?"

Mit dieser Frage und mit der Art und Weise, wie sie formuliert war, verriet sich Gerhard, denn Hellwein war aufmerksam genug, um zu spüren, wie bei Ziegler sofort sein alter Stasi Instinkt durchbrach. Wahrscheinlich hatte er kein größeres Verlangen, als diesen Seyfart zum zweitenmal hinter Gitter zu bringen. Daß ihm dies unter den völlig entgegengesetzten politischen Verhältnissen niemals gelingen würde, wollte er in seiner Verblendung natürlich nicht wahrhaben, dachte Hellwein.

Er konnte Gerhard tatsächlich überreden, zu ihm zu kommen, indem er ihm weitere Einzelheiten mitzuteilen versprach. Zunächst fragte er ihn jedoch "Gab es eigentlich für den Gebäudekomplex an der Bautzener Straße einen Plan?" "Nein. Jedenfalls kenne ich keinen." "Nicht einmal für eine eventuelle Evakuierung?"

Gerhard überlegte. Sie hatten ein paar Mal solche Übungen durchgeführt, für den Fall eines Brandes oder einer Explosion; es ging dabei auch um die sichere Verlegung der Häftlinge. Diese Übungen waren äußerst unbeliebt, weshalb sie entsprechend der Verordnung auch nur gerade wie gefordert praktiziert wurden. Allerdings gab es regelmäßige theoretische Schulungen, und dabei wurden auch sogenannte Fluchtpläne verwendet. Gerhard sagte es Hellwein, betonte aber, daß es sich dabei eher um Skizzen handelte, und nicht um exakte Bauzeichnungen.

Hellwein interessierte noch etwas anderes. "Soviel ich weiß, hat man während der Ereignisse im Dezember neunundachtzig behauptet, es gäbe unterirdische Zellen, sogenannte Wasserzellen, die angeblich unter der Elbe liegen." "Das ist völliger Humbug! Da ist den Leuten die Phantasie durchgebrannt." "Ja, offensichtlich." "Es gab unterirdische Gänge, das ist richtig", sagte Gerhard mit einer Betonung, als fühlte er sich in seiner alten Arbeitsstätte gegenwärtig. "Ach, wirklich. Da konnte man sozusagen unter der Erde von einem Gebäude zum andern laufen?"

"Nein, nicht so einfach. Ein Teil stammte noch aus der Zeit, als die Russen dort nach dem Krieg ihre politischen Gefangenen inhaftiert hatten, die Zellen und das alles lag nach Osten hin. Zu unserer Zeit stand das leer, es war auf Deutsch gesagt in einem saumäßigen Zustand, da liefen die Ratten herum, da ist nie jemand hingegangen." "Aber der Zugang war da?" "Ja, es gab eine Eisentür, die dauernd verschlossen war. In den Gängen verliefen auch Heizungsrohre, deshalb musste das zugänglich bleiben."

"Sie sagen, das war ein Teil der Gänge, wo waren die anderen?" "Hinüber zu den Sowjets." "Zur Auslandsaufklärung der Russen?" "Jedenfalls in die Richtung, zur Stadtseite hin. Aber das waren keine direkten Verbindungen, und sie haben sich auch verzweigt. Vielleicht gab es tatsächlich einen Zugang zur Elbe, aber auf alle Fälle keine Wasserzellen! Wozu sollte man die brauchen, wir haben keine Fische gezüchtet." "Sie selbst sind da aber nicht langgelaufen?" "Zu den Sowjets? Nein, da habe ich immer den offiziellen Weg genommen", sagte Gerhard mit einem Schmunzeln, und Hellwein erwiderte es.

Dann fügte Gerhard hinzu "Die Tür nach ihrer Seite haben die Sowjets selber noch zugemauert, bevor sie weg sind." "Würden Sie die Stelle wiederfinden?" "Bitte?" "Wo diese Tür war." "Jetzt sagen Sie mir erstmal, was das alles mit dem Seyfart zu tun hat." "Wir haben Informationen, wonach irgendjemand aus Ihrer Zentrale mehr oder weniger umfassende Objektpläne zu DDR Zeiten in den Westen geschmuggelt hat." "Wie kommen Sie darauf, daß es Seyfart sein könnte?" "Sie haben doch mindestens zwanzig Jahre Erfahrung mit solchen Sachen, vielleicht können Sie's mir erklären."

Gerhard dachte nach, Hellwein war es gelungen, ihn scharf zu machen. Dann begann er, einen Faden zu spinnen. "Irgendwann taucht der Roland S. zum erstenmal bei uns auf und bekommt eine OPK. Wir beobachten ihn, er macht dies, er macht jenes, aber alles im Grunde Bagatellen, für die wir ihn nicht drankriegen können, wir haben ihn zwar am Haken, aber wir können die Schnur nicht einziehen. Dann leistet er sich endlich das große Ding, für das wir ihn verhaften. Er sitzt in U-Haft bis er verurteilt und nach Brandenburg übergeführt wird. Wie soll er denn Kontakt zum Westen aufgenommen haben?" "Als er dort war", sagte Hellwein.

Gerhard schlug sich vor die Stirn. "Natürlich! Die haben ihn drüben angeworben! Verdammte Scheiße! Warum bin ich denn da nicht drauf gekommen. Oh, verflucht! Wie konnte mir das passieren!" Hellwein hätte beinahe gesagt 'Das kann jedem von uns passieren', aber er meinte nur "Es ist nicht zweifelsfrei erwiesen." "Ja, aber wenn Sie jetzt von den Plänen und von Geheimnisverrat sprechen, dann bekommt das alles erst einen tieferen Sinn." "Es wäre eine Option."

"Dafür kann man ihn heute nicht mehr belangen." "Nein. Aber vielleicht hat er ja noch nicht aufgehört, für gewisse Leute seine Dienste zu leisten." "Oh ja, da bin ich mir sicher." "Er ist im Immobiliengeschäft aktiv. Das Objekt Bautzener Straße ist aus dem Staatsvermögen der DDR veräußert und privatisiert worden, es geht natürlich nur um das Grundstück, das ist allerbeste Lage und riesengroß. Klingelts bei Ihnen wieder?" "Ja. Und ich kann Ihnen auch sagen, welche Verwaltungsgesellschaft es betreut, falls Sie's noch nicht wissen." "Nicht nötig."

Gerhard war in Gedanken vollends in den Prozess gegen Roland S. zurückversetzt. Er musste herausfinden, wer es war, der die Pläne geliefert hat! Er hörte Hellwein nur noch mit halbem Ohr zu, der sagte "Es gibt da ein kleines Problem, und zwar eben das Gebäude der ehemaligen Sowjets, es gehört nämlich nach wie vor den Russen, das bedeutet, man kennt den Eigentümer nicht genau; es steht offenbar leer, und man muss einen großen Bogen darum machen." "Was?" "Ich sagte, würden Sie mit mir zusammen Ihrer alten Arbeitsstätte einen kleinen Besuch abstatten?"

Gerhard war einverstanden, erklärte jedoch, daß er weder irgendwelche Schlüssel besitze, noch sich wirklich gut im Untergrund auskennt, und es könnte sogar passieren, daß sie sich verirren und irgendwo steckenbleiben. "Danach steht mir freilich nicht der Sinn", meinte Hellwein, aber Gerhard sagte "Halt, warten Sie, Herr Kommissar, ich habe eine Idee."

"Mensch, Gerd! Das ist ja eine Überraschung", rief Lothar Michailek. "Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, komm' rein." "Und ich hätte dich jetzt beinahe nicht wiedererkannt." "Na, übertreib' nicht." "Wirklich. Die Haarfrisur und dieses fesche Bärtchen, du siehst gut aus, mein Lieber." "Danke. Und dir geht's auch nicht schlecht, zumindest hungerst du nicht, was?" Er tippte Gerhard auf den Bauch. "Na ja, zu wenig Bewegung." "Da gibt es nur ein Gegenmittel: sich mehr bewegen, ha ha."

"Du bist umgezogen." "Ja, meine alte Wohnung hat mir nicht mehr gefallen, und außerdem war sie zu klein." Sie gingen in sein Arbeitszimmer, es war zweckmäßig und doch mit Stil eingerichtet, die meisten Möbel waren wohl von IKEA, die Regale waren voll mit Kartons von elektronischen Kleingeräten, Funkgeräten, Radios, Taschenrechnern und allerhand anderen Dingen. Am Fenster stand ein Sofa und zwei bequeme Sessel um einen Glastisch.

Erst als Lothar ihn vorstellte, sah Gerhard den anderen Mann hinter einem Raumteiler am Schreibtisch mit Computer und allerlei Apparaten sitzen. "Friedrich Leitner, den kennst du doch noch, Gerd? Aus der Nachrichtenzentrale." Gerhard überlegte kurz, der andere stand auf und reichte ihm die Hand. "Freddy", sagte er, und Gerhard meinte "Ja, irgendwie kommen Sie mir bekannt vor." Lothar sagte "Also hör' auf mit dem Sie, wir sind doch alte Kollegen." "Jetzt fällt mir auf, daß ich wohl nicht so viel Zeit bei euch da unten verbracht habe", sagte Gerhard. "Na ja", sagte Lothar, "die wollten auch immer lieber ihre Ruhe haben, die Strippenzieher!" Er boxte Freddy in die Seite.

"Ihr teilt euch hier die Wohnung?" "Nein, wir leben zusammen." Gerhard sah ihn überrascht an, dann fragte er vorsichtig "Ihr seid ein Paar?" "So sieht's aus", lachte Lothar und umfasste Freddys Schulter mit seinem Arm. "Das hätte ich ja nun nicht erwartet. Aber es freut mich für dich, für euch, beide." "Und du? Hast du wieder eine Frau gefunden?" "Leider nicht. Wahrscheinlich bemühe ich mich zu wenig." "Was machst du denn den ganzen Tag lang?" "Im Moment bin ich wieder mal auf Arbeitssuche." "Scheiße." "Ach, ist halb so schlimm."

Er hatte das noch nicht ganz verarbeitet, deshalb fragte er "Wart ihr denn seinerzeit schon miteinander liiert?" "Hast du was bemerkt?" "Nicht die Bohne." "Was meinst du, was andernfalls passiert wäre?" "Lothar! Du kennst mich gut genug, ich hätte es für mich behalten." "Du ja, da bin ich mir sicher, aber einige andere wären garantiert nicht damit klargekommen." "Ja, mag sein, zum Beispiel der Gramnich." "Gramnich hätte uns wahrscheinlich bei Mielke persönlich angeschwärzt, ein fieser Hund war das." "Es gab einige von der Sorte." "Ja, aber Gott sei Dank gab's uns."

"Und was hast du nach der Wende gemacht?" "Umgeschult zum Kommunikations Elektroniker. Ich hab' früher schon immer gern an Radios und Fernsehern rumgebastelt." "Ja, du hast mal mein Telefon repariert." "Genau. Und bei der Gelegenheit eine Wanze eingebaut." "Was?" Lothar lachte. "War nur 'n Scherz." Freddy sagte "Ich mache uns einen Tee. Oder willst du lieber Kaffee, Gerd?" "Nein, Tee ist in Ordnung."

Als sie um den Glastisch herum saßen (Gerhard auf dem Sofa) und Tee tranken, sagte er "Ich bin auch aus einem bestimmten Grund zu dir gekommen, Lothar." "Ja, sprich frei heraus, worum geht es?" In einigen knappen Sätzen schilderte Gerhard ihm die Situation, und Lothar zupfte an seinem Bärtchen und sagte daraufhin "Das ist ja eine ziemlich verwickelte Geschichte. Freddy, was meinst du dazu?"

Freddy sagte "Ich frage mich, warum sich dieser Kommissar für Baupläne interessiert, die zu DDR Zeiten in den Westen geschmuggelt wurden?" "Weil offenbar bis heute keine detaillierten Unterlagen über die Zentrale vorhanden sind. Oder habt ihr je davon gehört?" "Da hat sich keiner von uns Gedanken drüber gemacht." "Nein. Und andererseits kennt sich keiner da unten wirklich aus."

"Ja, aber er arbeitet doch nicht für die Baubehörde und auch nicht für einen Investor? Was für eine Art von Ermittler ist der Mann überhaupt?" Gerhard sagte "Ich vermute, er gehört zu einer Sondereinheit gegen organisierte Kriminalität, ich habe in seinem Büro an der Wandtafel Notizen und Zeitungsausschnitte und auch Fahndungsblätter gesehen, die darauf hindeuten."

"Ich glaube auch nicht, daß es um die Pläne geht", sagte Lothar. "Eher schon um bestimmte Räume, in denen sich irgendwas befindet, wonach er sucht." "Was soll das sein?" "Etwas, womit man jetzt viel Geld machen kann." "Drogen?" "Oder Waffen." "Oder technische Apparaturen, elektronische Bauelemente, Rohstoffe." "Schweres Wasser aus Rossendorf" sagte Freddy und lachte.

Lothar sagte "Du solltest die Finger davon lassen, Gerhard. Selbst wenn der Seyfart was damit zu tun hat, klar, er könnte solche Lagerräume vermitteln und eine horrende Provision dafür kassieren, aber wie willst du ihm da auf die Schliche kommen? Die Zeiten sind nicht mehr wie früher. Du kannst nicht schnell mal zwei, drei IM's auf ihn ansetzen. Vielleicht einen Privatdetektiv, der zweihundert pro Stunde Honorar verlangt. Du kriegst bestenfalls ein paar Fotos von Fahrzeugen mit gefälschten Kennzeichen oder von ein paar dubiosen Gestalten, die dir nächstens die Kehle durchschneiden, wenn sie davon erfahren." "Ich kann das alles dem Kommissar überlassen."

"Ein Grund mehr, daß es dich nichts angeht. Ich kann dich ja in gewisser Hinsicht verstehen: der Seyfart lässt dir keine Ruhe, die alte Geschichte frisst dich von innen auf, aber sieh es doch ein, du kannst es nicht mehr ändern, er ist uns damals durch die Lappen gegangen und er würde es heute wieder schaffen. Er ist es überhaupt nicht wert, daß du dir darüber den Kopf zerbrichst, wie du ihm eins auswischen kannst."

Gerhard schwieg. Dann sagte er "Wenn ich dem Kommissar nicht helfe, verliere ich womöglich Celine. Er hat mir schon einmal angedroht, sie in ein Heim stecken zu lassen." "Mit solchem Pillepalle gibt der sich doch gar nicht ab." "Und wenn doch?" Freddy sagte "Es geht dir also eigentlich um das Mädchen?" "Ich weiß ja, daß ich sie ein bisschen wie ein Ersatz für Kathrin ansehe, und mir ist auch bewusst, daß sie niemals meine eigene Tochter sein kann, aber ...", sein Blick wechselte von einem zum andern, "... habe ich nicht ein Recht darauf, mit einem Menschen, den ich gern habe, zusammenzuleben? Darf ich mich nicht behaupten, wenn ich daran gehindert werde, für sie zu sorgen? Zumal sie selbst es von mir erwartet."

Es schien, als wären die beiden beinahe gerührt von seinen Worten. Da meinte Freddy "Wenn er nach Waffen sucht, dann interessiert ihn nicht nur die Zentrale in der Bautzener." Gerhard schreckte aus seinen Gedanken an Celine auf. "Was?" "Dann kommen auch andere Objekte in Frage." "In erster Linie die, wo die Russen waren", ergänzte Lothar.

"Wir hatten kurz vor der Wende ein neues System installiert", erzählte Freddy, "das hatte die Geheimhaltungsstufe fünf, davon habt nicht mal ihr erfahren." Lothar spielte Empörung vor. "Du hast mich nicht eingeweiht, du Frechdachs!" "Was für ein System war das?", fragte Gerhard, der die Neckerei jetzt ein bisschen kindisch fand.

"Es war noch nicht ganz ausgereift, es war eigentlich ein Probelauf. Aber wir mussten es in einem bestimmten Ausmaß ausprobieren und vor allem mit erheblichem Aufwand einrichten, um überhaupt zu sehen, ob es funktioniert. Das Problem dabei war, daß die Russen es nicht wissen durften." "Wir haben die Sowjets überwacht?" "Ich bitte dich, Gerd! Wir haben alles überwacht, was uns unter die Augen gekommen ist." "Wie ging das?"

"Stellt euch vor, im Stabsgebäude bei den Russen oben in der Marienallee geht eine bestimmte Tür auf, also es geht jemand da durch, dann wird ein Funksignal erzeugt und zu uns gesendet. Das ist natürlich nur das Prinzip, eine Art Bewegungsmelder über beliebig große Entfernungen. Es sollte lediglich eine Aktivität registrieren, es gab keine Information, worin diese Aktivität besteht."

"Ihr habt also gezählt, wie oft sich da im Stabsquartier die Tür in den Angeln bewegt hat?" "Das hört sich vielleicht nicht besonders genial an, aber bei bestimmten Objekten kann es nützlich sein zu wissen, wann da etwas vor sich geht. Eben zum Beispiel bei Waffenlagern. Wir konnten erkennen, wie hoch die Frequentierung ist und wie lange der Zugang offen steht." "Und wie habt ihr das angebracht, ohne daß es jemand gemerkt hat?" "Mit allen möglichen Tricks, Leute, da könnte ich euch Stories erzählen!"

"Wie lange lief das System?" "Wie gesagt, das war kurz vor der Wende, und als die Russen abziehen mussten, ich sage euch, da gab es nächtelang ein Dauersignal an manchen Stellen. Nachher hat sich keiner mehr drum gekümmert." "Es ist abgeschaltet worden?" "Ja und nein", sagte Freddy. "Die Anlagen wurden sich selbst überlassen, aber die waren praktisch wartungsfrei und außerdem so unscheinbar, daß man sie übersehen musste.

Von der Systemsoftware habe ich mir die wichtigsten Komponenten auf Disketten gezogen, weiß gar nicht mehr genau, warum, wahrscheinlich weil ich's zu schade fand zum Wegschmeißen. Ist mir sowieso heute noch unfassbar, wie schnell die Leute jegliches Interesse an den Dingen verloren, mit denen sie sich vorher so intensiv beschäftigt haben." "Ja", sagte Lothar, "zum Beispiel am Sozialismus."

"Warum erzähle ich das jetzt alles? Weil theoretisch das System reaktiviert werden könnte, zumindest bei den Objekten, die noch stehen." "Oder leerstehen." "Das meine ich." "Oder wo jetzt etwas gelagert wird." "Und du kannst es reaktivieren?", fragte Gerhard. "Mein Gott! Wie lange hab' ich mich nicht damit beschäftigt!", zierte sich Freddy. Lothar legte die Hand auf seine Schulter. "Komm' schon, Liebling! Das ist doch ein Klacks für dich." Und Gerhard platzte ein Lacher heraus.

"Na gut, überredet. Ich versuch's. Aber unter einer Bedingung: wir machen es nicht für umsonst. Wenn dein Super Ermittler das haben will, dann soll er was dafür springen lassen. Mach' ihm ein Angebot." "Ja, eins das er nicht ablehnen kann!", fügte Lothar hinzu und schlug mit der Faust in die flache Hand. "Und mit dem Geld kannst du dein Mädchen versorgen." Gerhard sagte "Menschenskind! Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, daß es noch echte Freunde gibt."

Glücklicherweise noch bevor Gerhard mit dem Kommissar sprechen wollte, rief ihn Lothar an und sagte, Freddy hätte festgestellt, daß ihm für das Systemprogramm eine wichtige Liste mit Code Nummern fehlt, möglicherweise befinde sie sich noch im Nachrichtenraum in der Bautzener Straße. "Braucht er sie denn unbedingt?", fragte Gerhard. "Ja, um die Objekte zu identifizieren. Er sagt, keiner sonst kann etwas damit anfangen, also liegt sie wahrscheinlich noch in seinem Fach, wo er sie seinerzeit deponiert hat." "Ist das denn nicht alles vernichtet worden?" "Nein, die hatten andere Sorgen." "Also soll ich dem Kommissar unter Vorbehalt sagen, was wir ihm geben können?" "Ich weiß nicht, das sieht auch doof aus. Und du kannst kein Geld dafür verlangen. Freddy ist sich eigentlich ziemlich sicher." "Dann machen wir's wie besprochen." "Gut. Du sagst mir Bescheid, wann und wo wir uns treffen."

"Jetzt werden Sie unverschämt", ereiferte sich der Kommissar, als ihm Gerhard das "Angebot" unterbreitet hatte. "Ich denke, es geht Ihnen um Gerechtigkeit im Dienste einer guten Sache, stattdessen sind Sie darauf aus, Kohle zu machen. Was ist mit diesem Roland Seyfart? Spielt er keine Rolle mehr?" "Er ist mir nicht so wichtig. Ich möchte außerdem, daß Sie für Celine und ihren Bruder Franjo Aufenthalts Genehmigungen besorgen sowie eine Bestätigung, daß sie als Kriegsflüchtlinge gelten." "Ich hör' wohl nicht richtig! Ist mir etwa entgangen, daß in der Tschechei Krieg ist?" "Nein, aber in Bosnien, und da kommen die beiden her, das hat Celine selbst ausgesagt. Glauben Sie ihr etwa nicht?" "Ich habe nie viel von euch Stasi Knechten gehalten, aber daß ihr solche Schlitzohren sein könnt, hätte ich nicht gedacht", presste Hellwein verächtlich hervor. Gerhard blieb gleichgültig.

"Sind diese Informationen das überhaupt wert?" "Sie erleichtern Ihnen bestimmt die Arbeit. Selbst wenn einige tote Objekte darunter sind, fallen die schon mal aus der Liste heraus, und Sie können sich auf die anderen konzentrieren." "Trotzdem will ich mit Ihnen in die Zentrale." "Selbstverständlich. Wir steigen morgen zur Abenddämmerung ein. Nehmen Sie eine Taschenlampe mit." Er konnte sich nicht beherrschen hinzuzufügen "Und vergewissern Sie sich, daß die Batterien noch genug Saft haben!" "Arschloch", murmelte Hellwein.

Gerhard sagte Lothar Bescheid. "Gut. Du und ich begleiten ihn." "Was ist mit Freddy?" "Er muss hier bleiben, an seiner 'Weltraum Orgel'. Er sagt, er kann nur von hier das Programm steuern, ich muss dort im Funkraum einen Decoder in Gang bringen, der über die Hauptantenne dort läuft." "Und das Ding ist auch wirklich dort?", fragte Gerhard, dem das wie eine weitere Ungewissheit vorkam. "Ich nehm's an", erwiderte Lothar sorglos. "Na großartig! Kann man sich noch auf euch verlassen?" "Gerd! Haben wir nicht schon ganz andere Sachen gemeistert?" "Ja, du hast recht. Scheiß' drauf! Wenn das Ding nicht da ist, improvisieren wir einfach."

Dann war er aber doch etwas verwirrt, als Lothar zum verabredeten Treffpunkt mit einer schwarzen Sturmhaube erschien. Er gab dem Kommissar die Hand, nannte aber nicht seinen Namen, sagte, er sei der, der den Faden hätte. "Welchen Faden?", fragte Hellwein. "Den Faden der Ariadne! Gerd sagte mir, Sie wären ein gebildeter Wessi." "Dann spulen Sie mal ab, Genosse Theseus!" Später setzte Lothar die Haube ab, weil er darunter zu sehr schwitzte, und er sagte zu Hellwein "Wagen Sie ja nicht, mein Gesicht anzuleuchten!"

Lothar wusste, daß es außen unter der Rampe ein Fenster gibt, durch das man hineinkommt. Von da gelangte man in das Heizhaus und weiter zu einem Korridor, der zu einer Tür führte, hinter welcher ein Schacht mit einer Feuerleiter über zwei Stockwerke nach oben ging. Auf halber Höhe war beiderseits eine Art Luke, mit einer quadratischen Metallplatte verriegelt. Sie mussten die linke nehmen. Der Hebel klemmte, die Luke war bestimmt seit dreißig Jahren nicht geöffnet worden. Da sich Lothar mit einer Hand an der Sprosse festhalten musste, schaffte er es erst nach mehrmaligen Versuchen, daß sich der Hebel bewegen ließ.

Innen lag die Luke in einer Nische an der Seite eines Gangs, auf dem sich mehrere Dienstzimmer nebeneinander reihten. Von da konnten sie ein Treppenhaus nach unten benutzen. Es stank nach Fäkalien, und auf dem zweiten Absatz lag allerhand Müll im Weg. Endlich waren sie im Keller. Es war stockfinster, aber weiter vorn fiel ein Lichtschein aus einem Raum. Je näher sie kamen, umso deutlicher konnte man eine Männerstimme vernehmen. Lothar machte ein Zeichen, daß sie sich leise heranschleichen sollen.

"Un' der Kerl war mein bester Kumpel", sagte der Mann offenbar zu einem zweiten. "Ich frach' ihn: Haste mit Evelyn geschlafen oder nich? Sach' mir die Wahrheit! Und da isser sooo kleen geword'n, sooo kleen mit Stock un' Hut!" Die drei betraten den Raum, als er zu dem andern sagte "Un' dabei hatt'er mir noch Geld geschuld't, da musst' ich nu' auch drauf pfeif'n. Tach' meine Herrn! Kann' ich Ih'n helfen?"

Er stand da in einem braunen Trainingsanzug der Nationalen Volksarmee, hatte einen weißen Stoppelbart und eine Pudelmütze mit Bommel auf. Der andere war viel jünger und spindeldürr, er saß mit übereinandergeschlagenen Beinen am Tisch und auf seinem T-Shirt stand: LENIN LOVES YOU unter dem stilisierten Profil des großen Revolutionärs. Auf seinen Armen waren Tätowierungen. Er rauchte eine filterlose Zigarette, die schlecht roch, und seine Finger waren gelbbraun wie Starkbier. Sein Blick war auf seine ausgetretenen Turnschuhe gerichtet, er hörte anscheinend zum hundersten Mal nicht zu, und die drei schaute er an wie die zugestiegenen Fahrgäste in der Straßenbahn, dann guckte er weiter auf seine Schuhe.

Der Kommissar fragte den Alten "Was machen Sie hier?" "Ich wohn' hier." Von der Decke hing eine blanke Glühbirne, an der Seite stand ein Feldbett mit schmuddeligen Decken, hinter ihm war ein Brett, auf dem Lebensmittel, ein Wasserkocher, ein Toaster, etwas Geschirr und noch ein paar andere Utensilien standen. An der Seite war ein Spind, beklebt mit Softsex Fotos.

"Ist hier nicht alles abgeschaltet?", erkundigte sich Lothar. "Notstrom", sagte der Mann so bedeutsam, als hätten schon die alten Ägypter darauf zurückgegriffen. "Und wo steht das Aggregat?" "Was für'n Apparat? Ich hab' alles, was ich brauch', 'n Bett, Tisch und Stuhl, ich hab' sogar jemand zum Quatschen." Er wies auf den Burschen, der den letzten Zug aus seiner Papirossa herausholte. "Un'd Kloo hab' ich auch, wollen'ses sehn?" "Nein, danke."

Er machte eine wichtige Miene und wackelte mit dem Daumen. "Wissen'se, wer das ist?" Der andere tat nicht dergleichen. "Pawel Kortschagin! Kenn'se den?" "Nein", sagte der Kommissar. "Passen'se mal auf, ich zeich' Ihnen was: He Pawel!", rief er wie zu einem Hund, der Männchen machen soll. "Kak sakaljalas staal? Hm?" Der Bursche warf ihm einen öden Blick zu. "Kak sakaljalas staal?", wiederholte der Alte, und Gerhard musste lachen. "Was heißt das?", fragte der Kommissar. "Keine Ahnung", lachte Gerhard, aber er wusste es.

"Wie lange wohnen Sie hier schon?" "Wie lange? Ich bin der letzte überlebende Gefangene in dem Bau, das kann ich Ih'n schriftlich zeichen: der letzte überlebende Gefangene! Die haben mich verknackt zu sechs Jahre, un' mein bester Kumpel hat mich mit meiner Frau betrooch'n, wie ich rauskam, un' da bin ich wieder reingegang, weil ich's hier besser hab' als woanders, glauben'ses mir, viel besser, ich hab' hier sogar 'ne Sirene."

"Wohin führt dieser Gang?", fragte ihn Lothar. "Da geht's nich weiter. Wenn'se weiter woll'n, müssen'se umkehr'n." "Da sind noch andere Räume." "Ja, aber da wohnt keiner mehr." "Und Türen?" "Was für Türen?" "Lassen Sie uns das überprüfen", sagte der Kommissar zu seinen Begleitern, dann fragte er noch "Kommen hier auch andere Leute her?" "Nee." "Und dieser junge Mann? Wohnt er bei Ihnen?" "Pawel Kortschagin?" Der Bursche reagierte kurz. "Nee, der ist bloß zu Besuch hier." "Ist er Russe?" Der Alte sah den Kommissar entgeistert an, dann meinte er zu Gerhard "Wo kommt'n der her?" "Lasst uns weitergehen", drängte Lothar, "einen schönen Abend noch den Herren!"

Sie leuchteten in den Gang hinein, Lothar sagte "Das ist das falsche Ende. Die Verbindung zum Gebäude der Auslands Aufklärung muss auf der andern Seite liegen", er streckte den Arm aus, "etwa in der Richtung." Als sie nochmal bei den Männern vorbeikamen, sagte der Alte gerade "Ich frach' ihn: Haste mit Evelyn geschlafen oder nich? ..." "Ist das wirklich ein ehemaliger Häftling von Ihnen?", wollte der Kommissar wissen, und Lothar sagte "Zweifeln Sie an seiner Aussage?"

Lothar probierte einige Türen, sie waren abgeschlossen. Dann erwischten sie eine offene, hinter der ein Raum war, in dem alte Aktenschränke zusammengerückt waren, als würden sie eine stumme Versammlung abhalten, ihre Vorderseiten waren alle zur Mitte gekehrt und mit diesen alten hölzernen Rollos versehen, die beim Aufschließen herunter rattern; während seiner ganzen Dienstzeit hatte Gerhard keinen solchen Büroschrank gehabt.

Der Raum hatte zwei gegenüberliegende Türen. "Welche sollen wir nehmen?", fragte der Kommissar, und Lothar meinte "Hier müssen wir uns aufteilen!" "Was?" "War nur ein Scherz, Herr Kommissar. Sie würden doch niemals allein hier herausfinden." "Hauptsache, Sie finden heraus." "Wir nehmen die."

Es folgten zwei weitere Räume, und Gerhards Taschenlampe streifte unterhalb der Decke ein schmales Band mit Glasblocksteinen. "Gehen die nach draußen?", fragte er. "Kann nicht sein", erwiderte Lothar, und dann sagte er "Still! Hört' ihr das?" In einiger Entfernung war ein Rauschen zu hören. Sie gingen darauf zu, es wurde stärker, schließlich war es genau über ihnen, es klang, als würde ein gewaltiger Regen durch ein noch gewaltigeres Rohr abfließen. "Was ist das?", fragte der Kommissar beinahe andächtig. "Die Elbe."

"Ich würde sagen, sie fließt nach da!", sagte Gerhard. "Scheint so", stimmte Lothar zu und leuchtete alles ab. Es gab eine niedrige Öffnung in der Wand, die den Lichtstrahl nach kaum einem Meter verschluckte, es war die einzige Möglichkeit weiterzukommen. Sie mussten sich sehr bücken, und Gerhard hatte mit einem Anfall von Platzangst zu kämpfen. Dann mussten sie hintereinander auf Knien kriechen, Gerhard ganz hinten. Er sagte "Als Kind hatte ich Alpträume, in denen ich mich durch solche Gänge zwängen musste." "Wie sind sie ausgegangen?", fragte Hellwein. "Ich bin rechtzeitig aufgewacht." Lothar sagte "Jedenfalls können wir ziemlich sicher sein, daß sie hier keine Waffen durchschleusen."

Am Ende gingen ein paar steinerne Stufen hinauf, und oben war ein eisernes Gitter, nicht viel größer als ein Gullydeckel, aber viereckig. Lothar stemmte sich von unten dagegen, und wider Erwarten löste es sich leicht aus seiner Einfassung. Dann konnte er es auf dem Steinfußboden, in den es eingelassen war, beiseite schieben, und sie kletterten hinaus.

"Eine architektonische Meisterleistung", sagte Lothar trocken. Sie befanden sich offenbar in einem Vorratsraum der Sowjets. Ringsum an den vier Wänden standen Kellerregale, eins hatte sich bedrohlich nach vorn geneigt. Aber sie waren fast leer, nur ein paar Konserven und völlig vergammelte Tüten mit Gerstengraupen und Sonnenblumen Kernen lagen noch herum. Er nahm eine der Dosen mit Fisch und meinte "Die kann man mit Sicherheit noch verzehren, russische Konserven sind Jahrzehnte haltbar." Hellwein sagte beinahe in mitleidigem Ton "Wenn wir hier raus sind, lade ich Sie zum Essen ins Hilton ein."

Eins der Regale hatte eine Aussparung, und dort führte eine Tür nach nebenan in einen weiteren Abstellraum. Sie durchquerten ihn und standen endlich auf einem Gang, der immerhin einmal hell getüncht gewesen war. Dort verliefen Rohre an der Seite, die ansonsten lediglich zwei Stellen hatte, wo einmal große Feuerlöscher hingen. Er machte einen Knick nach links, die Rohre verschwanden in der Wand, und vor ihnen war eine zweiflügelige Tür, die einen Spalt offen stand. Dahinter war der Gang mit Linoleum ausgelegt, und an der Decke hingen Leuchtstoffröhren. Neben den Türen waren Lichtschalter.

"Großer Gott", sagte Hellwein, "wie viele Leute haben denn hier gehaust?" Und Lothar meinte "Ich bin mir nicht sicher, ob das von den Sowjets stammt." "Ach so? Glauben Sie, die Chinesen waren auch schon hier?" Und Lothar musste lachen, soviel Humor hätte er dem Kommissar gar nicht zugetraut. "Jedenfalls ist hier nichts, wonach wir suchen", sagte Gerhard. "Nein." "Dann lasst uns wieder hinüber gehen."

Und dann kamen sie genau an die Stelle, wo die Sowjets die Verbindungstür zugemauert hatten, und jetzt war da wieder ein Loch durchs Mauerwerk gebrochen worden, aber nur gerade so groß, daß man durchschlüpfen konnte. "Als hätten sie's für uns gemacht", sagte Gerhard und atmete erleichtert auf, als er wieder wusste, wo sie sind.

Sie gingen in den Nachrichtenraum, und Lothar holte aus seinem Rucksack ein Funkgerät hervor und stellte Kontakt mit Freddy her, der zu Hause an seiner "Weltraum Orgel" saß. "Habt ihr was gefunden?" "Nichts. Außer einem Häftling, der den letzten Zug verpasst hat." "Was?" "Erzähl' ich dir später. Sag' mir, wo die Code Kladde liegt." Lothar gab an, wo genau er steht, und Freddy meinte, rechts von ihm sei ein Regal, in dem Schließfächer sind, und Lothar fand sie, aber sie waren alle aufgebrochen.

"Auf einem müsste mein Name stehen." "Freddy?" "Leitner, du Witzbold." "Ja, hab's." "Ist es leer?" "Nein, liegt allerhand Plunder drin, solltest mal aufräumen, Freundchen!" Lothar wühlte darin herum. "Mich laust der Affe, weißt du, was ich hier habe? Das Parteibuch der SED von einem Friedrich Leitner!" "Bring' das mit", sagte Freddy bestürzt, "wenn die sehen, wie lange ich keinen Beitrag bezahlt habe, krieg' ich Ärger!" "Was suchen Sie denn eigentlich?", fragte der Kommissar etwas ungehalten. "Etwas, das keinesfalls in die Hände des Feindes ... hier ist sie!" "Gut gemacht, Liebling!" Hellwein stutzte.

"Jetzt such' den Decoder!" "Das Lokalisierungs System funktioniert also noch gar nicht?", argwöhnte Hellwein. "Doch! Sobald wir den ... Freddy, wie sieht das Ding aus?" Er beschrieb es ihm, sie suchten alle drei in dem Gerümpel, bis Gerhard etwas fand, das einem Transistor Radio ähnelte. "Das ist es", sagte Freddy. "Zieh' die Antenne aus und schalt' es ein, mal sehen, ob die Batterien noch was hergeben." "Nein, sieht nicht so aus." "Drück' den blauen Schalter auf die andere Seite." "Ja! Das Display leuchtet."

"Gut. Da sind Zifferntasten." "Ja." "Jetzt gib' die Code Nummern aus der Liste ein." "Aber das sind bestimmt an die hundert!" "Ach so, ja. Warte." Freddy unterbrach und ließ eine Weile nichts von sich hören, dann meldete er sich zurück. "Nimm' nur die Codes, die als letzte vier Ziffern eine Zahl größer als eintausend einhundert siebenundachtzig haben, das dürften so knapp zwanzig sein. Versuch's mit dem ersten."

Lothar ging mit dem Finger die Liste durch, während Gerhard und Hellwein ihm leuchteten, dann tippte er den Code ein. Auf dem Display erschien prompt eine fünfstellige Nummer. "Gib' mir die durch", sagte Freddy. Dann gab es wieder eine Pause, bis er sagte "Treffer! Das ist ein Gebäude am Rand vom Flughafen Klotzsche, da hat sich zuletzt Anfang des Monats was getan. Okay, gib' mir die andern." Es waren insgesamt siebzehn Codes. Als sie damit fertig waren, sagte Freddy "Bring' alles mit, und hinterlasst keine Fingerabdrücke!" "Das meint er doch nicht ernst?", sagte Hellwein.

Am nächsten Nachmittag übergab Freddy die Liste dem Kommissar, er war gekommen, um sich den Zahlensalat erklären zu lassen. "Jeder Eintrag ist ein bestimmtes Objekt im Großraum Dresden, das als Waffenlager in Frage käme. Hier habe ich mit fortlaufenden Nummern die Standorte notiert, sozusagen mit Klarnamen." "Und wenn dennoch welche nicht erfasst sind?" "Das ist natürlich nicht völlig ausgeschlossen, aber fünf von den Code Nummern waren sogenannte Bundles, das heißt, sie haben ihrerseits mehrere Objekte registriert, so daß insgesamt mehr als dreißig erfasst wurden. Ich denke, damit ist eine hinreichende Trefferquote gegeben."

"Was bedeuten diese Zahlen?" "Das ist das wichtigste: die hier ist der Wert der Frequentierung, dahinter steht das letzte relevante Datum, ich könnte das auch rückläufig weiter aufdröseln, aber ich denke, das jüngste Datum genügt." "Dieses Objekt hat eine ziemlich hohe Frequentierung, wo ist das?" "Ja, die höchste. Es ist ein Friedhof in der Dresdner Heide." "Ein Friedhof?" "Gewissermaßen eine Außenstelle des sowjetischen Hauptfriedhofs, der sich auch da oben befindet. Diese Außenstelle ist uns früher schon aufgefallen, kann ich mich erinnern. Da wurden definitiv keine Begräbnisse vorgenommen, aber es war zwischenzeitlich immer mal ordentlich was los da, mit Sicherheit keine Trauerfeiern."

"Gut. Ich danke Ihnen für Ihre Mitarbeit, Freddy." "Immer gern, Sie haben doch auch an unsere Abmachung gedacht?" "Ja", sagte Hellwein und gab ihm einen Briefumschlag. "Ich weiß zwar noch nicht, unter welchem Posten ich das abrechnen kann, aber das ist mein Problem." Dann wandte er sich an Gerhard "Mit den Papieren für Celine das dauert noch ein paar Tage, außerdem brauche ich dafür die Angaben für ihren Bruder und eigentlich auch Passbilder." Gerhard sagte, er werde sehen, was er besorgen kann. Er und Lothar kamen überein, daß sie demnächst zusammen ein Bier trinken wollen. "Und mit Freddy natürlich", fügte er hinzu. Für einen Moment dachte er daran, auch den Kommissar zu fragen, unterließ es dann aber.

Ungefähr zur gleichen Zeit geschah auf der Straße vor Gerhards Wohnung etwas, das alles in eine andere Bahn lenken sollte. Celine war auf dem Weg in den Supermarkt, um fürs Abendbrot einzukaufen, als Daniela Smerlova vor ihr auftauchte. Sie sagte "Ich möchte mit dir reden, Celine." "Wer bist du?" "Celine! Benimm' dich nicht wie ein kleines Kind. Du hast mich erkannt." "Ich hab' keine Zeit." "Celine, es ist wichtig." "Ich hab' keine Zeit." "Gehst du einkaufen?" "Nein." "Ich kann warten, bis du wiederkommst, können wir dann reden?" "Das kann dauern." "Das macht mir nichts." "Ja, aber mir! Wenn ich dauernd dran denken muss, daß du wartest, komm' ich durcheinander und kauf' das Falsche ein. Schade um's Geld!" "Dann komme ich mit, okay?" "Ich kann das allein."

In diesem Moment hielt ein dunkler BMW neben ihnen, der Fahrer ließ den Motor laufen, und zwei Männer sprangen aus dem Wagen und gingen schnurstracks auf Celine zu, packten sie an den Armen und wollten sie zum Auto schleppen. Sie schrie auf und wehrte sich, sie versuchte, den einen im Gesicht zu kratzen, aber er wandte es ab, und der andere versetzte ihr einen Fausthieb, daß sofort Blut aus ihrer Nase lief. Auch Daniela schrie die Männer an, erwischte Celine an der Jacke und hielt sie zurück. Sie rief zwei Passanten um Hilfe an, aber die glotzten bloß und gingen langsam weiter.

Daniela krallte sich an Celines Jacke fest und zog daran, so sehr sie konnte, und Celine versuchte den einen in die Hand zu beißen, aber der andere fasste ihren Haarschopf und zerrte sie daran so brutal zum Auto, daß Daniela ihre Qual nicht vergrößern wollte, den Widerstand aufgab und sie losließ. Sie stießen Celine mit Schlägen und Tritten in den Wagen, und dann drehte sich der eine nochmal um, kam auf Daniela zu, rief "Das ist für dich, du Fotze!" und schlug ihr mit dem Handrücken so derb ins Gesicht, daß sie nach hinten stürzte. Noch bevor sie sich aufgerappelt hatte, war der BMW davongefahren.

Als Gerhard nach Hause kam, fand er die Wohnungstür angelehnt. Der Gürtel seines Bademantels war um Klinke und Knauf gewunden und verknotet, um zu verhindern, daß die Tür ins Schloss fällt. Von Celine keine Spur. Er hatte ihr zwar einen Schlüssel gegeben, sie wusste jedoch nicht mehr, wo sie ihn zuletzt hingelegt hatte. Alle ihre Sachen waren da.

Er klingelte bei Janette, doch ohne Erfolg. Er machte den Gürtel ab, ging durch die Wohnung und rätselte darüber, was das zu bedeuten habe. In Kathrins Zimmer beim Anblick des nur mit einer karierten Decke überzogenen Betts fragte er sich zum erstenmal, wieso keiner von beiden, weder er noch Celine hier geschlafen hatte. Nichts deutete darauf hin, daß Celine plötzlich abgehauen war.

Später versuchte er es erneut bei Janette, sie wusste nichts zu berichten. Sie kam zu ihm herüber, beschaute Celines Sachen und war ebenso ratlos wie er. Dann zogen sie verschiedene Möglichkeiten in Betracht, und Janette traute sich kaum zu sagen, es könnte Celine womöglich etwas zugestoßen sein. Ihre Mutmaßung beunruhigte Gerhard noch mehr, obwohl er selber schon daran gedacht hatte. Wenn sie in einen Unfall verwickelt, verletzt und ins Krankenhaus gebracht worden war, würde niemand außer ihr ihm Bescheid geben können, und wenn sie schwer verletzt wäre, würde das dauern.

Als hätte er die ganze Zeit in seinem Unterbewusstsein herumgespukt, kam ihm der Name Rukovatz in den Sinn, und ihm fielen Dinh Phongs Worte ein, der beschworen hatte, daß Rukovatz nach ihr suchen und sie sich zurückholen würde, weil sie ihm gehöre. Er sagte es Janette, und er kam dabei nicht umhin, ihr einiges von dem zu offenbaren, was er ihr bis jetzt verschwiegen hatte. Doch Janette war seltsamerweise wenig darüber erstaunt zu hören, daß Celine eine minderjährige Prostituierte ist. "Ich kann doch noch eins und eins zusammenzählen", sagte sie bloß. "Aber ich habe niemals was mit ihr gemacht", beteuerte er. "Ich glaub' dir's, Gerd. Ich hätte das gespürt."

"Dann haben sie Celine gewaltsam fortgeschleppt", war er sich jetzt sicher. "Und was willst du tun? Die Polizei rufen?" "Was sollen die machen? Das würde nur mich noch obendrein in Schwierigkeiten bringen und verhindern, nach ihr zu suchen." "Und dieser Kommissar?" "Hellwein?" "Vielleicht kann er dir weiterhelfen." Gerhard überlegte hin und her, dann rief er ihn an, aber es nahm keiner ab, und auch beim zweiten und dritten Mal hatte er kein Glück.

"Es hilft nichts", sagte er schließlich, "ich muss mich selbst auf die Socken machen." "Was denkst du denn, wo sie sein könnte?" "Vielleicht in diesem Nest da, in Zakovice. Der Taxifahrer hat gesagt, dort würden die Freier oft hinfahren. Zuerst muss ich mir eine Karte besorgen, ich fahr' gleich zur Tankstelle." "Soll ich mitkommen?" "Zur Tankstelle?" "Nein, da hin." "Um Gottes willen, Janette, du bist eine alleinerziehende Mutter! Das wäre unverantwortlich, wenn ich das zulassen würde."

"Ich will euch ja bloß helfen." "Ich weiß, du bist ein liebes Mädel." "Und Mandy auch." "Mandy auch. Aber bleibt ihr mal schön hier und bewacht unsere ... meine Wohnung. Ich geb' dir den Schlüssel." "Bei mir liegt noch einer." "Ach so? Ja, dann behalte den gleich." "Ich könnte am Telefon bleiben, falls du anrufst." "Ja, klar. Aber doch nicht die ganze Zeit!" "Vielleicht reicht die Schnur bis rüber zu mir." "Glaub' ich kaum, aber wir können's probieren."

Er fuhr zur Tankstelle und kaufte eine Straßenkarte von der Grenzregion nach Nordböhmen. Die Ortschaft Zakovice konnte er nirgends finden, aber er hatte schon eine Idee, was er tun würde. Dann packte er seine Siebensachen in den Jack Wolfskin Rucksack, er wollte gleich in der Frühe losfahren, vollgetankt hatte er. Er setzte sich in die Küche und trank ein Bier, aber es wollte ihm nicht schmecken.

Er dachte darüber nach, wie es gewesen war, als Celine sich alle Mühe gab, das Abendessen zu bereiten und wie sie vergeblich versuchte, die Beschriftung auf den Verpackungen zu studieren, wie sie in eine Decke gehüllt auf der Couch hockte und mit der Fernbedienung den Fernseher traktierte, wie sie morgens verschlafen in die Küche kam und sich demonstrativ vor ihm streckte und reckte, und wie sie jede neue Sonnenbrille und jeden Lippenstift hütete wie einen Schatz, den sie aus der Höhle Ali Babas stibitzt hatte. Er sehnte sich jetzt schon nach ihr. Und was noch schlimmer war: er hatte Angst um sie. Jede Minute, die er hier herumsaß, war für sie womöglich mit Schmerz und Pein beladen, und vielleicht würde sie ihn sogar dafür verdammen, daß er nicht kommt, um sie zu retten.

* * * * *

Nach ihrer Stimme zu urteilen, als sie Hellwein erzählte, was sie erlebt hatte, war sie davon ziemlich mitgenommen. "Versuchen Sie sich zu beruhigen, Daniela. Und dann sagen Sie der Reihe nach, was passiert ist." Sie tat es. "Es ging alles so schnell. Es waren zwei Männer, keine Deutschen. Es war ein dunkler BMW, der Fahrer ist drin geblieben. Sie hatten es nur auf Celine abgesehen, aber ich habe versucht, sie festzuhalten, das war idiotisch." "Wieso denn?" "Sie haben ihr beinahe die Haare ausgerissen."

Sie musste eine Pause machen, sie kämpfte mit den Tränen, dann fasste sie sich wieder. "Was machen wir jetzt, Herr Kommissar?" "Ich denke, wir müssen ihr helfen." "Ja, das denke ich auch." "Wir dürfen keine Zeit verlieren." "Nein, das wäre töricht." "Bitte?" "Ich sagte, das wäre unverzeihlich. Aber ich bin ... es ist, als ob ich mich ständig selber vor den Kopf schlage und rufe: Warum hast du es nicht verhindern können! Ich habe schon ähnliches erlebt, glauben Sie mir, Herr Kommissar, aber nicht so schlimm. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich Celine schon kenne."

"Inwiefern?" "Ich meine, als ich sie im Krankenhaus zum ersten Mal gesehen habe, da ... ich weiß nicht, vielleicht ist ja auch nichts dabei, aber ich habe sie ... gleich so gemocht." "Ja. Ich glaube, das ist verständlich." Er spürte, wie sie sich allmählich beruhigte. "Ich meine, ich komme mit den meisten gut klar, und manche mögen mich mehr als andere, keine Ahnung, woran das liegt, da ist einfach irgendwie eine ..." "... eine andere Beziehung als sonst." "Obwohl im übrigen gar nichts anders ist, ich meine, obwohl man sich noch nie begegnet ist, fühlt man da vom ersten Augenblick an etwas Gemeinsames, etwas Verbindendes."

"Dann verstehe ich allerdings nicht, warum sie nicht mit Ihnen reden wollte." "Über was, Herr Kommissar? Über was?" "Zum Beispiel über die ... nein, warten Sie, Daniela, Sie haben recht, mit manchen Menschen versteht man sich nur ohne Worte." "Und mit anderen redet man nur aneinander vorbei. Was bringt das?" "Nichts. Fühlen Sie sich jetzt wieder besser?" "Nein, noch nicht. Ich muss ununterbrochen an Celine denken."

"Haben Sie mit Ziegler gesprochen?" "Nein." "Aber er weiß, was passiert ist?" "Ähm, woher sollte er?" "Das ist aber nicht gut." Er machte eine Pause. "Oder vielleicht ist es doch vorerst besser so, er könnte sich Hals über Kopf entschließen, sie zu verfolgen." "Wen?" "Celine und die Männer." Jetzt schwieg sie für einen Moment, dann meinte sie "Halten Sie das für wahrscheinlich?" "Dem ist es zuzutrauen." "Vielleicht ist er schon unterwegs." "Nein, das denke ich nun wieder nicht. Ich werde ihn anrufen", sagte er, als wollte er Daniela davon abhalten es zu tun. "Ruhen Sie sich aus."

Sie sagte "Ja, ich mach' jetzt Schluss, Herr Kommissar, ich habe Sie lange genug mit meinem sentimentalen Zeug behelligt. Sie bekommen noch ein ganz falsches Bild von mir." "Aber nicht doch! Es ist ganz natürlich, daß man nach so einem Vorfall mit jemandem darüber reden will." "Ja. Aber es verwirrt mich etwas, daß gerade Sie das sind." "Sie können mir vollkommen vertrauen. Oder befürchten Sie, man könnte einen Blick in Ihr wahres Wesen erhaschen?" Sie lachte, aber es klang, als würde es ihr wehtun. "Erhaschen! Was für komische Wörter Sie benutzen. Ich glaube, manchmal fehlt Ihnen der nötige Ernst." "Oh, bitte! Das lasse ich mir nicht vorwerfen. Oder fühlen Sie sich auf den Arm genommen?"

"Nein, Herr Kommissar. Es ist nur ... ich weiß nicht, es ist immer alles so schwierig, und nie weiß man, wohin das alles noch führt. Und was noch schlimmer ist: nie weiß man, ob es das wirklich wert ist, was man dafür tut." "Anscheinend sind Sie wirklich noch nicht wieder obenauf." "Obenauf? Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal obenauf war." "Soll ich vielleicht nochmal bei Ihnen vorbeikommen?" "Was? Warum das denn?" "Ich weiß nicht, damit Sie mir eine Täterbeschreibung geben." "Sie haben garantiert schon einen Preis für Ihren Sarkasmus gewonnen, Herr Kommissar!" "Ich setze ihn nur da ein, wo ich glaube, daß er aufmunternd wirkt." Sie lachte tatsächlich.

"Wie war eigentlich nochmal Ihr Vorname? Es ist irgendwie albern, wenn ich Sie immer mit Herr Kommissar anrede." "Ich heiße Peter." "Hm." "Sie hatten etwas Großartigeres erwartet." "Schon möglich. Aber, nein, Peter ist in Ordnung." "Danke. Daniela ist übrigens auch nicht schlecht. Ich kannte vorher noch keine Daniela." "Ja, gibt es nicht so häufig." "Gut. Dann sehen wir uns morgen?" "Ja."

Sie schwiegen, keiner verabschiedete sich zuerst. Dann meinte sie "Was Sie vorhin sagten, wie lange gilt das?" "Bis zur Ablehnung." "Hatte ich's schon abgelehnt?" "Nein, ich glaube, Sie waren kurz davor, ja zu sagen." "Oh je", seufzte sie, "dabei habe ich noch Kopfschmerzen von diesem Schlag. Besser, ich nehme eine Tablette und lege mich hin." "Das wäre auch eine Option." "Ach Peter, Sie haben's gut, Sie haben immer Ihre Optionen!" "Ja. Die braucht man, um davonzukommen."

Sie sagte "Jedenfalls freut es mich, daß wir beide ... was soll das heißen? Wer macht sich jetzt davon?" "Ich weiß nicht. Ich meine aber auch, wir haben schon Fortschritte gemacht, wenn ich daran denke, daß Sie mich anfangs einen hergelaufenen Ermittler genannt haben." "Das habe ich nie zu Ihnen gesagt!", verwahrte sie sich. "Oder mich zumindest in denselben Topf geworfen haben." "Das ist nicht weiter schlimm, das passiert mir ständig aus Versehen. Wirklich, ich kann Sie inzwischen ganz gut leiden." "Ich konnte Sie von Anfang an gut leiden."

"Ist das wahr?" "Ich habe nicht oft mit Frauen zu tun, die so selbstbewusst sind." "" "Haben Sie gehört, Daniela?" "Ja. Und leider haben Sie die seltsame Gabe, mich immer auf's neue zu enttäuschen." "Wie bitte?" "Eine selbstbewusste Frau! Peter, wie angestaubt ist denn Ihre Erfahrung mit Frauen? Das ist doch nun wirklich was aus der untersten Mottenkiste." "Ist es das?" "Es liegt da genau neben attraktiv." "Gerade wollte ich Sie so bezeichnen." "Ja, ja."

"Übrigens haben wir eine ganz heiße Spur", wechselte er schnell das Thema. "Soweit waren Sie letztens schon." "Jetzt sind wir noch näher dran. Gut möglich, daß wir dieser Tage einen großen Erfolg gegen das organisierte Verbrechen verbuchen können." "Ich wünsche es Ihnen." "Und dann bin ich wieder voll für Sie da. Ich meine, bei der Suche nach Celine und den Leuten, die sie gekidnappt haben." "Ja, gut, also bis dann."

Daniela saß eine Weile am Telefon. Sie nahm keine Tablette, weil sie überhaupt keine Tabletten besaß, sie hatte das nur so gesagt. Sie kochte sich einen Pfefferminztee mit zwei Beuteln, sie schlürfte ihn aus einem weißen Porzellanbecher, sie blies darüber hinweg, damit er abkühlte. Hellwein hatte zu ihr kommen wollen. Konnte er wissen, wo sie gerade ist? Er hätte es bestimmt herausfinden können, aber die Frage war, ob er das will? Oder ob er sich davor scheuen würde. Ob er befürchtete, daß sie, wenn sie davon erfährt, kein Wort mehr mit ihm spricht. Das würde sie tun, ohne Zweifel, knallhart.

Sie schaute auf das Bild an der Wand, ein Kunstdruck mit Ludwig Richters Überfahrt über die Elbe am Schreckenstein bei Aussig. In Aussig war sie geboren, es hieß Usti nad Labem. Als sie ungefähr acht war, hatte ihr Vater sie nach Dresden zu einem Besuch der Gemäldegalerie mitgenommen, nur Vater und Tochter, die restliche Familie blieb zu Hause, so war es abgemacht.

Er hatte sie unter anderem zu Richters Bild geführt, sie betrachteten es länger als die andern Bilder. Es war anstrengend für sie, da im Museum. Sie war acht, sie spielte noch mit Puppen, sie saß am liebsten auf der Schaukel, auf dem Spielplatz zwischen den Häusern wo sie wohnten, es waren immer auch andere Kinder dort. Wenn sie jemandem von ihren Spielkameraden von dem Museum erzählt hätte, wäre sie verspottet worden.

Und der Vater hatte sich so sehr bemüht, ihr die Kunst nahezubringen, etwas in ihr zu wecken, das zu einem Vergnügen beim Betrachten von Gemälden heranwachsen konnte. Diesen Kunstdruck - sie wusste gar nicht mit Sicherheit, ob er von dem damaligen Besuch stammte - nahm sie überall dahin mit, wo sie sich für längere Zeit aufhielt, er gehörte zu ihrem Hausrat, wenn sie etwas hätte, das man mit Fug und Recht als Hausrat bezeichnen könnte.

Sie mochte dieses Bild sehr. Es bereitete ihr wirklich ein gewisses Vergnügen, die acht Personen zu betrachten, die in dem Kahn die Elbe überqueren. Der alte Mann, der die Harfe spielt, der Knabe, der, über Bord gebeugt, einen Zweig in die Strömung hält, der, welcher, den Arm aufs Knie gestützt, den Kopf in die Hand neigt (er ist wahrscheinlich ein Dichter), der Student, welcher, als einziger stehend, hinauf zur Burg auf dem Felsen blickt, das junge, vielleicht gerade vermählte Paar, das Mädchen hinter den beiden, das sie neugierig und nachdenklich zugleich anschaut, und schließlich der Fährmann mit der Tabakspfeife im Mund und dem Ruder in Händen, der alle sicher ans andere Ufer bringt.

Ihr Vater hatte es "darüber sinnieren" genannt, und obwohl sie ihn danach gefragt hatte wie ein achtjähriges Mädchen nach etwas fragt, das sie nicht verstanden hat, konnte er ihr nicht zufriedenstellend erklären, worin das Sinnieren besteht. Deshalb war sie sich nie ganz sicher, ob es wirklich ein Sinnieren war, wenn sie dieses Bild betrachtete, oder ob sie immer noch, so viele Jahre nach diesem Besuch in dem scheußlichen Museum, ihrem Vater bloß einen Gefallen tun wollte, weil er so sehr gehofft hatte, sie dafür begeistern zu können.

Das war der einzige Ausflug dieser Art, den sie mit ihrem Vater gemacht hatte, der einzige, bevor das Kind erwachsen, aus dem Mädchen eine Frau wurde, und vielleicht war dieses Erlebnis deshalb in ihrer Erinnerung so schwerwiegend geworden. Er ging nach Prag und war maßgeblich am Volksaufstand beteiligt, in dessen Folge er von den Kommunisten verhaftet und zu fast sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Danach war er ein anderer Mensch, aber immer noch derselbe Vater.

Und die Jahre ihres eigenen Lebens, gerade jene, in denen er ihr am meisten bedeutet hätte und in denen sie ihn am wenigsten hätte entbehren können, diese Jahre waren in gewisser Hinsicht verloren für sie. Aber auch für ihn waren sie verloren. So viele Jahre, die er für eine grandiose Idee (die im Grunde nicht einmal die seine war) nicht nur bezahlt, sondern auch eingebüßt hatte. Wer konnte es ihr verdenken, daß sie einen tiefen Hass auf die Leute hegte, die sich großspurig Kommunisten nennen und die keinen Deut besser waren und sind als ihre erklärten Feinde, die Faschisten. Und nicht zuletzt deshalb fiel es ihr so schwer, einem Stasi Mann auch nur irgendetwas Menschenfreundliches abzugewinnen.

Dennoch gelang es ihr, sich selbst zu überwinden. Sie nahm den Hörer ab und rief Gerhard Ziegler an, es klingelte etliche Male. "Entschuldigen Sie, wenn ich Sie geweckt habe, hier ist Daniela Smerlova. Ich bin die, die Celine im Krankenhaus aufgesucht hatte, zusammen mit dem Kommissar Hellwein." Gerhard brauchte einen Augenblick, um sich zu besinnen. "Ja, was gibt es denn? Wissen Sie, wie spät es ist." "Ich kann Ihnen sagen, was mit Celine passiert ist." "Wie bitte?"

"Ich war heute dabei, als man sie bei Ihnen überfallen hat." "Ich verstehe nicht, was ist da passiert?" "Haben Sie vor, nach ihr zu suchen?" "Ja. Wer hat Celine überfallen?" "Wann?" "Ich fahre morgen früh los." "Wohin?" "Ich kann mir denken, wo sie ist. Wieso waren Sie dabei?" "Ich habe die Männer gesehen, die sie in das Auto gestoßen haben. Ich erkenne sie wieder." "Was wollen Sie, Frau Smerlova?" "Mit Ihnen mitkommen."

Er hatte nie zuvor eine weniger erbauliche Fahrt mit einer Frau gehabt, als diese. Von dem Augenblick an, als sie sich die Hand gaben, hatte Gerhard das Gefühl, sie würden voreinander ausweichen. Er wollte wissen, was sich vorm Haus abgespielt hatte, und Daniela sagte "Lassen Sie uns losfahren, ich erzähle Ihnen unterwegs alles."

Das war dann nur das Allernötigste, er musste ihr die Antworten aus der Nase ziehen, aber so sehr war er darauf gar nicht erpicht. Er hatte sich darauf eingestellt, die Sache allein durchzuziehen, und diese Frau kam ihm vor wie eine Anhalterin, die zufällig in die gleiche Richtung wie er wollte.

Eine lange Strecke fuhren sie, ohne ein Wort zu wechseln. Daniela schaute geradeaus oder zur Seite auf die Landschaft, aber kein einziges Mal zu ihm hin. An der Grenze kamen sie zügig durch die Kontrolle, und dann machte er den Vorschlag, in dem Imbiss einen Kaffee zu trinken. "Kann nicht schaden", sagte sie, und es klang wenigstens ein bisschen einvernehmlich, aber sie bestand darauf, für sich selbst zu bezahlen. Sie knabberte zum Kaffee eine krümelige Waffel.

"Sie würden die Männer wiedererkennen?", fragte er sie. "Das habe ich Ihnen doch bereits gesagt." "Hatten Sie sie vorher schon mal gesehen?" "Wie kommen Sie darauf?" Er zuckte mit den Schultern. "Ich weiß ja nicht, wie lange Sie mit Celine zu tun hatten", meinte er, als wäre das schon eine Weile vorbei. "Ich habe vor Celine ähnliche Betroffene betreut." (Sie hatte ihm in zweieinhalb Sätzen gesagt, worin ihre Arbeit besteht.) Bei dieser ansonsten kargen Unterhaltung konnte er sie wenigstens ansehen.

Als sie weiterfuhren, fragte er "Sagt Ihnen der Name Rukovatz etwas?" "Ja, ich habe von ihm gehört." "Ein Gewährsmann von mir hat ihn im Zusammenhang mit Celine genannt." "Sie brauchen mit mir nicht in Ihrem Stasi Deutsch zu reden", sagte sie. 'Ach, das ist es!' dachte Gerhard. "Gewährsmann ist kein Stasi Wort", meinte er, und als sie nichts entgegnete, fügte er hinzu "aber vielleicht ist es wirklich nicht zutreffend." "Und wer ist das?" "Ein vietnamesischer Händler auf dieser Seite der Grenze."

Dann fragte er sie "Hat Ihnen Kommissar Hellwein von dem Taxifahrer erzählt?" Sie bejahte es. "Und der hat angedeutet, Celine wäre in einem Hotel im Ort namens Zakovice gewesen. Ich habe es auf der Karte nicht gefunden, wissen Sie vielleicht, wo das liegt?" "Nein."

Auf dem dritten Fidschi Markt auf einem Parkplatz fanden sie Dinh Phong. Er war sehr beschäftigt. Er begrüßte Gerhard zwar freundlich, es war ihm aber sichtlich nicht daran gelegen, ihn länger aufzuhalten. Gerhard fragte ihn frei heraus, wonach er suche. Er kenne sich hier überhaupt nicht aus, gab ihm Dinh Phong zu verstehen. Wo er diese Mädchen von dem Rakovatz finden könne, fragte Gerhard ihn. "Mädchen von Rakovatz sind gleich hier!" Er deutete auf die Straße. "Musst du fahen Stück weit, stehen gleich erstes Mädchen!" "Gibt es irgendwo ein Hotel?" "Nein, nix Hotel hier. Nächstes Hotel ist halbe Stunde weit." "Wie heißt es?" "Ich mir nicht merken. Kannst du lesen auf Schild."

Entweder sie hatten es übersehen, oder da war kein Schild. Sie fuhren kreuz und quer durch die Gegend, sogar auf einem Waldweg. Sie kamen durch mehrere Dörfer, und da es schon auf den Abend zuging, fragte er Daniela, was sie davon halte, wenn sie sich hier irgendwo ein einfaches Quartier nehmen und die Suche morgen früh fortsetzen. Sie war einverstanden, und er froh, daß er sie nicht erst überreden musste. Sie fanden einen Gasthof, wo man übernachten konnte. Sie nahmen ein Zimmer mit zwei Betten, die nicht nebeneinander standen. Zum Abendessen gab es Knödel mit Sauerbraten und Weißkohl.

Er sagte "Ich frage mich die ganze Zeit, wie diese Männer Celine gefunden haben, woher wussten die, wo sie ist?" "Gehen Sie mal ihre Liste durch, wer davon wusste, woher sie kommt." Es fielen ihm nur der Taxifahrer, Dinh Phong und der Kommissar ein, und keinen von ihnen hielt er für so niederträchtig, Celine verraten zu haben.

Daniela fragte ihn, was er mit Celine vorhätte, falls er sie findet. Da wurde ihm erst richtig bewusst, daß sie beide etwas anderes wollen. Und da er zögerte zu antworten, sagte Daniela in einem Ton, als würde sie dafür bis zum äußersten gehen "Ich werde sie Ihnen nicht überlassen!" "Gut. Da weiß ich wenigstens Bescheid. Was ist, wenn Celine darüber selbst entscheiden will?" Sie schwieg, und innerlich triumphierte er schon über sie.

Beim Frühstück (Daniela kam eine halbe Stunde später, sie hatte seine Abwesenheit für ihre Morgentoilette genutzt, und sie sah sehr charmant aus) sagte er ihr, er könne sich denken, was es mit diesem Zakovice auf sich habe. Es sei möglicherweise eine Art Code Wort für Sextouristen, wenn sie spezielle Angebote suchen. Daniela war nicht ganz unbeeindruckt von seinem Scharfsinn, aber dann dachte sie, daß er das vielleicht doch aus eigener Erfahrung wusste und jetzt so tat, als wäre es ihm gerade eingefallen. Sie überlegte sogar, ob er nicht mit Absicht einen halben Tag mit ihr herumkutschiert ist, um den Ahnungslosen zu markieren.

Sie erkundigten sich beim Wirt nach einem Hotel in dieser Gegend. (Daniela sprach fließend Tschechisch mit ihm.) Gerhard sah, wie er mit dem Arm eine Richtung andeutete. "Was hat er gesagt?" "Es gibt ein modernes Hotel etwa zwanzig Kilometer von hier. Eine Art Ferien- und Erlebnisanlage von einer belgischen Hotelgruppe." Sie fanden es. Es lag nicht weit von der Hauptstraße entfernt am Rand eines Ortes, der ansonsten aussah, als wären das letzte Mal bei Kriegsende die Glocken geläutet worden.

Das Hotel war vom Feinsten. Vor dem Eingang ragten Fahnenstangen empor, an denen diverse Firmen Flaggen wehten, ganz so, wie es Gerhard in dem Seminarhotel im Fränkischen erlebt hatte. Kaum daß sie ausgestiegen waren, sagte Daniela "Das ist er." "Was?" "Das ist der BMW, in dem sie Celine entführt haben." "Sind Sie sicher." "Absolut", beharrte sie und spürte bei dem Anblick, wie ihre Beine zitterten. Und dann entdeckte sie einen weiteren Wagen.

Sie gingen hinein. Alles war mit poliertem Stein und Holz verkleidet und hell erleuchtet, Musik dudelte dezent aus verborgenen Lautsprechern, und in der Mitte prangte ein kunstvoller Springbrunnen. An der Rezeption sagte Gerhard zu dem Concierge, er möchte nach Zakovice. Der junge Mann mit dem Bürstenhaarschnitt musterte ihn und Daniela zwei Sekunden lang und sagte dann "Wenn Sie bitte in unserer Tagesbar Platz nehmen wollen, es wird sich gleich jemand um Sie kümmern."

Sie setzten sich in die Bar, wo die Dekoration knallig war, und eine andere Musik dudelte. Eine sehr hübsche Serviererin in einer Art Akrobaten Kostüm mit Röckchen nahm die Bestellung entgegen. Es gab Frucht Cocktails ohne Alkohol (das Hotel hatte komfortable Fitness Anlagen und sogar einen Golfplatz). Sie nahmen zwei von diesen Drinks, und kaum hatte Daniela daran genippt, als ein Herr an ihren Tisch trat und sagte "Sie entschuldigen bitte, darf ich Ihnen einen Moment Gesellschaft leisten." Und da setzte er sich auch schon hin.

Er stellte sein Glas mit Whisky und Eis ab und fragte Daniela "Woher kommen Sie?" "Aus Prag." "Sind Sie Schauspielerin?" "Bitte?" "Sie sehen so zauberhaft aus, da hielt ich Sie für eine Schaupielerin." "Ja, ich spiele manchmal kleinere Rollen, in Werbefilmen und solchen Sachen." "Ich verstehe." Dann schwenkte er den Zeigefinger zwischen ihnen hin und her. "Sie sind ein Paar?" "Oh nein", rief sie, "Garry ist ein guter Bekannter." "Ich beneide Sie, Garry, um diese Bekanntschaft." Gerhard lächelte gequält.

Er fragte Daniela dreist "Haben Sie heute abend schon etwas vor?", und Gerhard sagte "Wir wollen nach Zakovice." Der Mann pfiff leise durch die Zähne. "Aha. Haben Sie schon an der Rezeption Bescheid gesagt?" "Ja. Ich nahm an, Sie sind derjenige, der sich um uns kümmert." Er lachte. "Oh, nein. Ich bin auch nur ein Gast. Und Sie wollen zu zweit da hin? Mögen Sie es so?" "Manchmal", sagte Daniela und nahm den letzten Schluck aus ihrem Glas. "Darf ich Ihnen noch etwas spendieren?" "Nicht nötig, wir wollen erst einmal speisen."

Daniela hatte durch die Glasfront einen Blick hinüber ins Foyer geworfen und irgendetwas entdeckt. "Sie entschuldigen mich kurz! Garry, ich bin gleich zurück." Der Mann schaute ihr nach, dann meinte er zu Gerhard "Ein heißer Feger ist das!" "Ja, sie ist ... heiß." "Was machen Sie so, Garry?" "Ich verkaufe Sicherheitsanlagen, vom Türschloss bis zur Gebäude Überwachung." "Sicher ein florierendes Geschäft." "Ich kann nicht klagen. Und Sie, was machen Sie?" "Ich bin in der Speditionsbranche, internationale Transporte." "Aha."

Daniela war zu der Auslage mit den Zeitungen und Journalen gegangen, wo ein Mann in einer Zeitschrift blätterte. Sie stellte sich zwei Schritte neben ihn und sagte wie zu sich selbst "Ich habe Ihren Wagen draußen gesehen." Er schaute nicht von seiner Zeitschrift auf. "Ich habe befürchtet, daß Sie auch hier aufkreuzen." "Sie wollten mich davon abhalten, stimmt's, Peter?"

"Nicht wirklich. Aber ich sage Ihnen nur eins, Daniela: verderben Sie mir nicht unsere Aktion. Wenn Sie mir da hineinpfuschen, ist es aus zwischen uns." Sie lächelte gekünstelt, aber sie nahm ihn ernst. "Was zwischen uns?" Er antwortete nicht gleich, dann sagte er "Unsere Zusammenarbeit." "Die war genaugenommen nicht besonders ergiebig." "Dann setzen Sie eben dies Wenige aufs Spiel."

An Gerhards Tisch war ein anderer Mann gekommen, die beiden kannten sich offenbar, deshalb sprach er gleich ihn an "Sie wollen einen Ausflug nach Zakovice machen?" "Ja." Der Spediteur sagte "Für zwei Personen, nicht wahr?" "Zwei Personen?" "Ja. Das heißt, nein, nur für eine Person", sagte Gerhard, und zu dem anderen gewandt "Ich denke, sie wird lieber mit Ihnen ausgehen." Der Spediteur lachte, prostete Gerhard mit seinem Whisky Glas zu und meinte "Okay."

"Was ist die Aktion?", fragte Daniela den Kommissar. "Zum Teufel, Daniela! Sie erwarten doch jetzt nicht von mir, daß ich Ihnen das sage! Ist Ziegler auch hier?", fragte er noch. "Wir sitzen gerade drüben in der Bar." Hellwein drehte sich um und ließ seinen Blick über die Glasfront schweifen. Dann legte er die Zeitschrift zurück.

"Also einmal für Sie", sagte der Mann. Gerhard nahm alle seine Beherrschung zusammen und sagte "Ich möchte ein junges Mädchen mit dunklen Haaren. Und vielleicht haben Sie auch einen Jungen." "Holla!", sagte der Spediteur, "Sie wissen ja genau, was Spaß macht. Tomas, geben Sie ihm doch die kleine Zigeunerin und ihren Bruder." "Das Mädchen ist noch nicht ganz einsatzfähig", gab der andere zu bedenken. "Ach was! Die soll anschaffen, die kleine Roma Sau, die hat lange genug gefaulenzt." "Das wird Herrn Rukovatz nicht gefallen." "Herr Rukovatz braucht es nicht zu erfahren. Die Kleine schuldet mir noch was, sie gehört mir! Das weißt du. Ich möchte Sie diesem netten Herrn überlassen, im Gegenzug für seine hübsche Freundin."

Drüben sagte Hellwein "Soll ich Ihnen noch verraten, wer das ist, der da an Ihrem Tisch sitzt?" "Wer?" "Torsten Kapprath." Sie war nicht wenig erschrocken. "Er ist also wohlauf?" "Offensichtlich." "Und das Blut auf Celines Sachen?" "Stammt jedenfalls nicht von ihm." "Hat er unter diesem Namen hier eingecheckt?" "Ja. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe und kommen Sie mir hier nicht mehr zu nahe!"

Der Mann gab nach. "Also gut, Sie kriegen das Mädchen und den Jungen, aber seien Sie nicht zu hart mit ihr, sie ist noch nicht wieder ganz bei Kräften." "Geben Sie ihr ordentlich was zu schlucken, das wird ihr wieder aufhelfen", sagte Kapprath und lachte hässlich. "Wann?", fragte der andere. Gerhard schaute auf die Uhr. "Gegen drei." "Warten Sie an der Rezeption auf mich."

Daniela kam zurück, Gerhard stand auf und ging ihr entgegen. "Lass' uns etwas essen." Kapprath wandte sich um und rief "Wir sehen uns später, meine Liebe?" "Ich finde Sie." Er hob sein Glas in die Höhe. "Oh ja, ich bin hier. Ich muss auf meine alten Genossen warten!"

"Mir ist ehrlich gesagt der Appetit vergangen", meinte Gerhard, als sie allein waren. "Reißen Sie sich zusammen! Tun Sie als ob." "So ein widerliches Schwein!" "Wer war der andere?" "Der, der mich nach Zakovice bringt." "Uns!" "Ich dachte, Sie gehen mit dem Whisky Trinker aus." "Ja klar, damit Sie mit Celine verschwinden können. Sind Sie überhaupt sicher, daß sie dort ist?" "Ich habe nach einem Mädchen und einem Jungen verlangt, ich hoffe, das sind sie. Frau Smerlova, Sie müssen bei diesem Kerl bleiben, ich habe Sie ihm ... er hat mir Celine nur deshalb versprochen." "Sie Idiot!", zischte sie. "Wenn ich könnte, würde ich Ihnen jetzt dermaßen eine verpassen, daß ..." "Bleiben Sie ruhig! Meinen Sie, ich mache das zum Spaß! Mir kommt jeden Moment das Kotzen, wenn ich mit diesen Leuten rede. Denken Sie von mir, was Sie wollen, aber Ihre Empfindlichkeiten sind mir so was von egal!"

Er ließ sie stehen und ging hinaus ins Freie. Er überlegte, wie er es anstellen soll, Celine und Franjo herauszuholen. Er kam zu dem Schluss, daß es für ihn allein schwierig werden könnte, es war daher unklug, auf die Unterstützung der Smerlova zu verzichten. Andererseits könnte es sein, daß sie bloß im Wege steht oder womöglich verletzt wird, denn daß man Celine und ihren Bruder dort im Bordell nicht freiwillig gehen lässt, war ihm vollkommen klar.

Er sprach mit ihr und erklärte, wie sein Plan aussehe. Sie stimmte ohne Einwand zu. Er fragte sie, ob sie Angst davor hätte, und sie schüttelte den Kopf. "Also gut, bringen wir's hinter uns." Um drei ging Gerhard zur Rezeption. Der Mann aus der Bar bat ihn zur Seite, wo hinter dem Sichtschutz üppiger Grünpflanzen eine Sitzecke war, dort nahm er das Geld entgegen und sagte, ein Chauffeur werde ihn nach Zakovice bringen und ihn dort auch wieder abholen. "Ich fahre mit meinem eigenen Wagen", sagte Gerhard. Es schien dem anderen nicht zu behagen, aber er entgegnete bloß "Dann fahren Sie ihm nach."

Draußen stand ein tschechisches Taxi. Er machte dem Fahrer klar, daß er ihm mit seinem blauen Opel Kadett folgen werde. Der nickte und wartete, bis Gerhards Wagen da war, dann fuhren sie los. "Geht es Ihnen gut, Frau Smerlova?", fragte er nach hinten, wo sich Daniela in den Spalt vor der Rückbank gezwängt hatte. "Kann ich hochkommen?" "Aber nicht ganz. Der Taxifahrer könnte Sie im Rückspiegel sehen." Sie legte sich aufs Polster. "Sie können übrigens Daniela zu mir sagen." "Ich heiße Gerhard." "Wie weit ist das?" "Ich weiß es nicht. Versuchen Sie, sich den Weg einzuprägen." "Ist gut."

Sie kamen durch ein Dorf, und am Ende ging eine einspurige, asphaltierte Straße nach links ab, und man konnte ein großes, freistehendes Gehöft an einem Abhang sehen. Daniela setzte sich aufrecht und wagte einen Blick. "Das muss es sein." Da rief er "Runter!" Sie duckte sich blitzschnell. "Was ist?" "Der BMW verfolgt uns!" "Scheiße! Was machen wir jetzt?" "Weiß nicht." "Und wenn sie mich im Hotel gesehen haben?" "Bleiben Sie ruhig, Daniela. Wir machen alles wie besprochen, Sie bleiben hier drin, ich werde sehen, was das zu bedeuten hat."

Das Gebäude war mit einem hohen Eisenzaun umgeben. Als das Taxi vor dem Tor hielt, wurde es von einem Mann in schwarzer Uniform mit Springerstiefeln und Basecap geöffnet. Dahinter ging eine kurze Auffahrt im Bogen hinauf bis zum Eingang. Da parkten vier oder fünf Wagen. Gerhard stieg aus. Das Taxi fuhr gleich wieder ab. Die zwei Männer im BMW blieben sitzen, sie schauten unbeteiligt geradeaus. Am Eingang stand ein weiterer Security Mann in Schwarz, er trug einen Revolver an der Seite, Gerhard konnte natürlich nicht erkennen, ob es eine scharfe Waffe ist. Wortlos drückte er die Tür auf und ließ ihn durch. Bei dem BMW tat sich nichts.

Drinnen war ein kleines Foyer, in schummriges Licht getaucht. Rechter Hand konnte er eine Nische erkennen, in der jemand wie ein Portier hinter einem schmalen, niedrigen Tresen saß, an der Wand hing ein Schlüsselbord. Er sah Gerhard prüfend an und sagte "Zimmer drei, neben Treppe." Gerhard schaute auf die Schlüssel, der andere fügte hinzu "Ist offen, Sie werden erwarten."

Als er in das Zimmer trat, saß dort niemand anderes als Kapprath und grinste ihn an. "Willkommen, mein Lieber", rief er, "ich bin hier zwar auch nur ein Gast meines Freundes Rukovatz, aber im Moment bin ich der Herr des Hauses." "Ich dachte, Sie wären im Hotel." "Ja, das wäre ich vielleicht auch, wenn Sie sich an unsere Abmachung gehalten hätten." "Wie bitte?"

"Ich habe Sie für einen Geschäftsmann gehalten, und nun muss ich sehen, daß Sie mich bescheißen wollten." "Ich habe mit Ihnen kein Geschäft gemacht." "Ach? Gilt denn das Wort eines Mannes gar nichts mehr? Sie haben mir Ihre kleine, hübsche Freundin versprochen." "Habe ich nicht!" "Nicht?" Kapprath fasste sich an die Stirn. "Sollte ich das wirklich so falsch verstanden haben?"

"Es scheint so, und jetzt entschuldigen Sie mich." "Wo wollen Sie hin?" "Zu dem Mädchen, für das ich bezahlt habe. Das war nämlich ein Geschäft!" "Sie können es gar nicht erwarten, Ihren Schwanz in die kleine Zigeuner Fotze zu stecken, was?" Gerhard ignorierte die Frage und wollte gehen. "Oder sind Sie in Wahrheit gar nicht zum Vögeln hergekommen?" "Wie meinen Sie das?"

Da ging die Tür auf, und die beiden Männer aus dem BMW kamen herein, zwischen sich hielten sie Daniela fest an den Armen. "Da ist die Schlampe", sagte der eine. "Aber bitte", meinte Kapprath süffisant, "doch nicht dieser Ton!" Und an Daniela gewandt erklärte er "Diese Kerle haben kein Benehmen, sie können nur draufhauen. Aber das können sie wirklich gut!" "Sagen Sie ihnen, sie sollen mich loslassen." Er gab den Männern ein Zeichen, dann sagte er "Wenn Sie eine Schlampe wären, würde ich mich dann überhaupt mit Ihnen abgeben?"

"Was wollen Sie?" "Und doch!", fuhr Kapprath fort, "Sie haben sich kaum besser benommen als eine Schlampe, leider muss ich das so sagen. Haben Sie wirklich gedacht, Rukovatz' Leute hätten Sie nicht wiedererkannt? Und Sie, mein Lieber", sagte er zu Gerhard, "was für eine Rolle spielen Sie hier? War unsere kleine Ausreißerin etwa bei Ihnen untergetaucht?" Gerhard dachte 'Wenn er so fragt, weiß er womöglich nichts davon' und sagte "Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden?"

"Ihr seid ein wunderbares Gespann!" "Ich will mit Rukovatz sprechen", forderte Daniela. "Tut mir leid, er ist gerade nicht da, Sie müssen schon mit mir Vorlieb nehmen." "Fick' dich!" Sein Gesicht verfärbte sich vor Zorn, er trat auf sie zu und schlug ihr ins Gesicht. Gerhard wollte eingreifen, aber der eine Mann zückte ein Messer und hielt es ihm entgegen.

Kapprath rief wutentbrannt "Wisst ihr, was ich jetzt mit euch machen werde? Häh?" Aber mit der jähen Verwandlung eines Psychopathen zwang er sich zur Beherrschung und sagte zu Gerhard "Da fällt mir ein: du hast ja für die Zigeuner Hure bezahlt. Also hast du auch ein Recht darauf, sie zu vögeln, bitte sehr, ich kann dich nicht davon abhalten."

Er wandte sich zu Daniela. "Und du, meine kleine Pussy, du wirst mit mir ins Hotel zurückfahren und zu dem Rendezvous, das du mir schuldig bist, auf mein Zimmer kommen. Und wenn dann alles nach vereinbarter Weise geregelt ist, werde ich euch meinem Freund Rukovatz überlassen, oder besser gesagt, seinen Männern, und ich denke, die wissen auch schon, was sie mit euch machen werden. Ist das gut? Na? Ist das akzeptabel?"

Er rief durch die offene Tür nach draußen "Zoltan!" Es erschien ein Muskelprotz mit massigen Oberarmen und einem fettglänzenden Gesicht. Kapprath deutete auf einen der Männer neben Daniela und sagte zu Zoltan "Gib' ihm die Handschellen, er soll sie ihr anlegen." Und zu Daniela: "Das ist nur ein Spielzeug! Damit kannst du dich schon mal beschäftigen, für nachher." Dann warf er dem anderen die Autoschlüssel zu. "Schafft sie in meinen Wagen. Und bitte seid höflich zu ihr! Ach, und eins noch", meinte er zu Gerhard und Daniela, "sollte einer von euch versuchen abzuhauen, dann wird der andere dafür büßen, habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?"

Die zwei Männer nahmen Daniela mit hinaus, Kapprath sagte "Zoltan, bring' diesen Gast auf Zimmer vierzehn, er soll sein Vergnügen haben. Und dann sorge dafür, daß er nicht weglaufen kann." "Jawohl!" Gerhard blieb mit Zoltan allein zurück. Der führte ihn die Treppe hinauf bis zum Zimmer vierzehn und ging dann tatsächlich wieder nach unten. Gerhard zögerte einen Augenblick, dann öffnete er die Tür und trat ein.

Durch das Fenster fiel das Licht des späten Nachmittags ins Zimmer. Es standen lediglich ein Bett, zwei Stühle und ein kleiner Tisch mit Deckchen darin. An der Wand hing ein Bild mit einem Blumenstrauß. Celine lag, im Shirt und Slip, auf dem Bett und schlief. Am Fußende saß der Junge, bloß mit einem Unterhemd bekleidet, er mochte fünf oder sechs Jahre alt sein. Er war sehr mager und hatte dünne Arme und Beine, seine Haare waren liederlich geschnitten, er bewegte unablässig die Finger, als würde er etwas abzählen.

"Celine!", sagte Gerhard. Sie wandte den Kopf nach ihm. "Ich bin's, Gerd." "Gerd?", sagte sie. "Bist du okay?" Sie schaute ihn bloß an. Dann setzte sie sich aufrecht, zog die Beine heran und legte die Arme um die Knie. Er sah, daß ihre beiden Wangen von Schlägen gerötet und geschwollen waren, ihr linker Unterarm hatte Verbrennungen. "Sie haben dich verprügelt?" Sie drehte das Gesicht weg und sagte leise "Das hat bei mir noch nie geholfen."

"Das ist Franjo?", fragte er mit einem Wink auf den Jungen. "Warum bist du hier?", fragte sie. Er legte den Finger an die Lippen. "Pssst." Er ging zur Tür, machte sie vorsichtig auf und warf einen Blick auf den Gang, dann schloss er sie wieder und kam zurück. "Ich will euch holen." Franjo schaute ihn zum erstenmal an. "Wann?", fragte sie. "Jetzt." "Warum?" "Warum? Weil ich euch bei mir haben will, euch beide." "Wieso haben sie dich dann reingelassen?" "Ich habe gesagt, daß ich ... zum Schein ..." "Zu was?" "Celine! Ist doch jetzt egal, wie ich reingekommen bin. Viel wichtiger ist, wie wir hier rauskommen." "Sie lassen uns nicht raus."

"Ich weiß. Wir gehen trotzdem." "Bist du bescheuert! Die murksen dich ab, wenn du mit so was anfängst." "Niemand murkst mich ab. Wir müssen es nur schlau anstellen." "Du bist total bescheuert! Hier kommen die Leute zum Ficken her, und nich' zum Rausholen." "Ich weiß. Ich bin nicht bescheuert. Ich könnte ein bisschen mehr Unterstützung gebrauchen." "Was?" "Draußen steht mein Auto ... das heißt ..." Er ging zum Fenster. "Ist das hier die ... ah, gut. Also da unten steht mein Auto, der blaue Opel." "Ja, Mann, ich hab's kapiert", sagte sie und rutschte vom Bett.

"Na also!", sagte er. "Gott, sieht das schlimm aus!" "Finger weg! Das ist nicht schlimm! Du bist bescheuert, das ist viel schlimmer." "Ja, gut. Also ... ist mit Franjo eigentlich alles in Ordnung?" Sie schaute zu ihrem Bruder. "Ja, der ist okay. Er hat nichts abgekriegt." "Gut. Also hör' zu ..." Auf einmal trommelte sie mit ihren Fäusten auf ihn ein und rief "Du bescheuertes Arschloch! Du hast mich vergessen! Du hast mich vergessen, du mieses Schwein!"

Er versuchte, ihre Handgelenke zu fassen. "Celine! Hör' auf damit, hör' auf! Ich hab' dich nie vergessen, niemals, ich schwöre es!" Sie schluchzte, Franjo hatte sich zu ihnen umgedreht. "Ist wieder gut?", fragte Gerhard, und sie schüttelte den Kopf. Er legte seine Hände sanft an ihre Schläfen und küsste sie auf das Haar. "Es wird wieder gut", murmelte er, "wir müssen jetzt zusammenhalten, okay?" Er schaute ihr fragend in die Augen. Sie nickte. "Und jetzt sollten wir schleunigst mal was unternehmen."

"Was soll ich tun?", fragte sie und wischte die Tränen ab. "Habt ihr was zum Anziehen?" "Haben sie uns alles weggenommen." "Hm. Ich hab' im Rucksack ein paar Sachen von dir." "Dann hol' sie." "Ach so? Das würde ja auch überhaupt nicht auffallen. Ich mach' jetzt folgendes: ..." "Hast du mir auch meine Sonnenbrille mitgebracht?" "Was? Ja, hab' ich dabei." Er legte seine Jacke auf den Stuhl. "Also, ich zieh' mich jetzt aus." "Willst du erst noch ficken?" "Red' keinen Unsinn! Ich zieh' die Hose aus, und dann geh' ich runter ... lass mich ausreden! Ich geh' runter und tue so, als hätte ich ... verdammt, was hab' ich denn ..."

"Du hast überhaupt keinen Plan, du Blödmann!" "Und du hörst jetzt auf, mich zu beschimpfen!" Sie schwieg trotzig, dann fiel ihr etwas ein und sie rief "Hast du deine Kanone mit?" "Ja. Nein. Sie ist im Auto." "Dann hol' sie, Mann!" "Freilich! Ich geh' runter und sage dem Stiernacken 'Ich geh' bloß mal meine Kanone holen', ja?" "Wen?" "Diesem Zoltan, oder wie er heißt." "An den kommt keiner vorbei." "Jetzt weiß ich's. Hast du ein Messer da? Oder eine Schere?" "Was willst'en damit?" "Hast du?" "Nee."

Sie zögerte, dann ging sie zum Bett, sagte "Steh' mal auf" zu Franjo, hob die Matratze hoch und holte einen Schlagstock darunter hervor. "Ich hab' nur das." Er nahm ihn. "Woher?" "Hat mal'n Bulle vergessen." Er ließ ihn sachte auf die flache Hand treffen. "Also. Du rufst jetzt Zoltan hoch. Ruf' laut runter: 'Zoltan! Der Gast hat sich verletzt!'" "Das ist doch total bescheuert!" "Oder: 'Der Deutsche hat sich was getan!' Ist das besser." "Und dann?" "Dann kommt er hoch, macht die Tür auf und ich hau' ihm eins übern Schädel." "Okay. Aber wenn der mitkriegt, daß ich das Ding hier habe, geht's mir dreckig, damit du's weißt."

"Jetzt mach! Ruf' ihn! Tu so, als wärst du aufgeregt." "Ja, Mann, ich hab's kapiert. Ich kann das." Sie ging zur Tür. Er schob Franjo zum Bett. "Setz' dich wieder hin." Sie holte tief Luft und rief so laut sie konnte etwas nach unten, es klang wahrhaftig, wie wenn Feuer ausgebrochen wäre, sie hörte gar nicht mehr auf. Er zog sie herein. "Das reicht, es reicht! Stell' dich da hin." Er lehnte die Tür an und fasste den Schlagstock mit beiden Händen.

Zoltan kam, stieß die Tür auf, Celine wich noch weiter zurück, er trat auf sie zu und fast gleichzeitig drehte er sich um. Gerhard schlug ihm mit voller Wucht auf die Birne, Zoltan glotzte ihn groß an, irgendetwas geschah hinter seinen Augen. Dann hob er langsam die Arme, und Gerhard sah, wie die Muskeln daran zum Zerplatzen anschwellen, er hieb ein zweites Mal auf ihn ein, und da sank er endlich zusammen. Gerhard fing ihn halbwegs ab, und es wummste weniger heftig.

Als er da lag, trat Celine ihn mit bloßen Füßen in den Bauch, Gerhard drängte sie ab. "Schnell jetzt, wir haben nicht viel Zeit." Er zog Schuhe und Hose aus. "Mach' den Bezug vom Kissen ab!" Sie tat es. "Gib' her." Er stopfte seine Sachen hinein. "Das nimmst du! Im Auto zieh' ich's wieder an." Sie drückte es Franjo in die Arme, der die ganze Zeit unerschütterlich alles beobachtet hatte. "Halt' das vor dein Schwanz."

Gerhard nahm das Bild von der Wand, schlug das Glas auf der Stuhllehne entzwei, nahm eine Scherbe und ritzte sich in die Hand. "Ich gehe jetzt runter und sage, du hättest mich gebissen, ich bräuchte was zum Verbinden." "Nimm' doch den Fetzen vom Tisch." "Nein, das sage ich zu dem unten!" "Okay." "Ihr kommt mit und bleibt hinter mir, er darf euch nicht sehen, ich geb' dir dann ein Zeichen, verstanden?" "Ja, Gerd!" "Also dann." "Gerd!" "Was ist?" "Du hast mich nicht vergessen, stimmt's?" "Nein, niemals, Celine."

In Hemd und Socken lief er voraus die Treppe hinab. "Das Miststück hat mich gebissen!", sagte er zu dem Mann am Schlüsselbord und hielt die andere Hand auf die Wunde, Blut lief durch die Finger. "Zoltan sagt, Sie hätten was zum Verbinden." Er hatte nicht alles verstanden, Gerhard deutete auf einen Erste Hilfe Kasten, der in der Ecke stand. Der Mann griff danach, im selben Moment zog Gerhard den Schlagstock aus dem Hemdsärmel und ließ ihn auf den andern niedersausen. Aber es ging daneben, und der Mann erhob sich und griff an seine Seite, wo eine Waffe hing. Gerhard holte erneut aus und streckte ihn nieder. Er zog die Waffe aus dem Holster.

Durch den Lärm war der Security Mann an der Tür aufmerksam geworden, er kam mit vorgehaltenem Revolver herein, und Gerhard schoss ihm ins Bein, er brach zusammen, der Revolver fiel auf den Boden, Gerhard machte einen Satz hin und hob ihn auf. Er rief nach Celine und Franjo, die auf dem Treppenabsatz kauerten. Sie rannten zum Auto, Franjo lief in die falsche Richtung, Celine schnappte ihn am Unterhemd und zog ihn mit. Zum Glück war der Wagen noch auf.

"Hinten rein!" Sie krochen auf den Rücksitz, er schob sich hinters Lenkrad, er warf beide Waffen neben sich. "Oh, Scheiße!" "Was ist?" "Der Zündschlüssel ist in der Hose!" Celine entriss Franjo das Bündel, da fielen vom Haus her Schüsse. Sie kreischte auf. "Such' ihn, los, such' ihn!" Sie wühlte in seinen Sachen, fand den Schlüssel und gab ihn nach vorn, ihre Hand zitterte wie verrückt.

Die Reifen quietschten, als er losfuhr. Auf halber Höhe der Auffahrt hielt er und sagte "Komm' nach vorn, Celine. Mach' schon." Sie stieg aus und vorn ein, er fuhr weiter. "Nimm' eine von den Pistolen und halt' sie auf den Mann am Tor. Sag', er soll aufmachen, schrei' ihn an. Aber um Himmels willen, drück' nicht ab, versprich' mir's! Du musst ihn nur einschüchtern." "Ja, Gerd."

Sie zog den Revolver unterm Hintern hervor, drehte die Scheibe herunter, und Gerhard fuhr langsam an den Wachmann heran. Urplötzlich streckte sie den Revolver vor und schrie ihn an, was ihre Stimme hergab. Er hob die Hände und wich zurück, er ging zum Tor, sie beugte sich aus dem Fenster und hielt unbeirrt die Waffe auf ihn, er öffnete das Tor, sie fuhren durch, sie schoss nach hinten, sie versuchte vergeblich, den Hahn nochmal zu spannen. "Zum Teufel! Hör' auf damit!" Sie ließ sich auf den Sitz zurückfallen. "Hab' nur in die Luft geschossen. Ehrlich." Franjo saß stumm auf dem Rücksitz und presste sich das Bündel auf den Schoß.

"Was machen wir jetzt?" "Erst mal weg von hier. Und eine Tankstelle finden, ich muss was trinken, mir klebt schon die Zunge am Gaumen." "Ja, ich muss auch was trinken, mir klebt auch schon die Zunge am Daumen." "Leg' die Waffen ins Handschuhfach und wickel' mir das Tuch da um die Hand." Sie machte es. Da sagte Franjo plötzlich etwas, und das waren die einzigen gesprochenen Worte, die Gerhard je von ihm hörte, er staunte über sein feines Stimmchen. "Was hat er gesagt?" "Er hat sich eingepinkelt." "Kein Wunder", meinte Gerhard, "ich hätte mich auch fast eingemacht." "Ja, fast hätte ich mich auch eingemacht", sagte Celine.

Sie fanden eine Tankstelle an der Hauptstraße. Gerhard hielt etwas abseits, holte den Rucksack aus dem Kofferraum und sagte "Zieh' deine Sachen an." Sie warf den Rucksack nach hinten, kletterte hinterher und holte die Klamotten heraus. "Wo ist meine Sonnenbrille?" "Kann sein, ich habe sie doch liegengelassen." Sie grollte ihm, dann sagte sie aber "Nicht so schlimm." Er fuhr an den Eingang. "In der Außentasche steckt Geld. Gehst du rein." "Ja. Aber wartet hier."

In der Tankstelle ging Celine an den Regalen entlang. Dann nahm sie mehrere Flaschen und Dosen aus der Getränkebox, es wurde zuviel und sie suchte nach einem Korb oder etwas ähnlichem. "Sind da drüben", rief ihr der Junge an der Kasse zu, während er gerade jemanden abfertigte. Sie holte sich einen von den roten Plastikkörben und tat alles hinein. Dann ging sie nochmal an den Regalen entlang. Schließlich kam sie an die Kasse, es war niemand weiter im Laden.

Der Junge tippte eins nach dem andern ein, nach jedem Posten drückte er die große Taste, er war sehr flink mit den Fingern. Sie schaute ihm zu. Er hatte wunderschöne Augen. Er sah überhaupt gut aus. "Wie heißt du?", fragte er sie. "Celine." "Hab' dich noch nie hier gesehen." "Bin erst seit kurzen hier." "Wo wohnst du?" "Weiter da unten." Er ging mit dem Blick über ihre Wangen. "Wie ist das passiert?" "Bin an was drangestoßen." "Die würde ich nicht nehmen." "Was?" "Die Limo, die schmeckt wie Eselpisse." Sie lachte. "Oh nein, ich kann die Viecher nicht ausstehn!" Er stellte sie beiseite.

"Willst du was anderes?" "Ja. Oder nein, mein Vater wartet draußen, wir müssen nach Hause." "Verstehe." "Na ja, er ist nicht mein richtiger Vater." "Kenn' ich." "Und wie heißt du?" "Tomas." "Bist du öfter hier?" "Ja." Er drückte die Summentaste. Sie bezahlte. Er packte alles in einen Beutel. "Okay", sagte sie. "Mach's gut." "Ja, du auch." Sie war schon an der Tür, als sie umkehrte und zurückkam. "Ach, hätte ich fast vergessen, das hier nehm' ich auch noch." "Schenk' ich dir", sagte er.

Sie stieg ein und hielt den vollen Beutel auf den Knien. "Ich hab' auch ein Bier für dich." "Das trinke ich später in Ruhe." "Wo fahren wir jetzt hin?" "Wir suchen uns was für die Nacht. Morgen kaufen wir für Franjo was zum Anziehen. Und dann muss ich noch jemanden abholen." "Wen?" "Diese Daniela Smerlova, die dich im Krankenhaus besucht hat." "Die Tussy von dem Bullen?" "Sie ist mit hergekommen, sie wollte mir helfen dich rauszuholen." "Und warum hat sie's nicht gemacht?" "Sie konnte nicht. Celine! Ich will dir das jetzt nicht alles erzählen, bitte! Ich bin ganz schön fertig." "Na ich erst", sagte sie und nahm einen Schluck aus ihrer Fanta Dose.

Während Celine in der Tankstelle war, hatte Gerhard die Karte studiert. Da musste eine kleine Ortschaft sein, vielleicht fänden sie dort eine Bleibe über Nacht. Er fuhr auf einer Seitenstraße in diese Richtung, es war schon fast dunkel. Es ging in ein Tal hinab, und dann stand da ein einzelnes Haus mit einigen Schuppen oder Ställen daneben, es sah zwar nicht verfallen, aber unbewohnt aus. Die schmale Straße führte bis zu einem Vorplatz, auf dem allerlei Gerümpel, Holzstapel, Blechtonnen und sogar ein schrottreifer Traktor abgestellt waren, und dann machte sie einen Bogen um das Gebäude herum, den man erst auf den zweiten Blick entdeckte, und auf der Rückseite ging es über eine Steinbrücke drüben durch einen Wald wieder hinauf.

Sie fuhren um das Haus herum und über den kleinen Fluss und waren schon ein Stück davon weg, als Gerhard sagte "Eigentlich können wir gleich hier bleiben." Er wendete und stellte den Wagen auf der Hausseite der Brücke ab. Sie stiegen aus, jetzt konnte er endlich seine Hose wieder anziehen. Sie hatte einen großen nassen Fleck, und er nahm es hin. Sie gingen zur Vorderseite, die Tür war nicht abgeschlossen, und sie traten ein. Gerhard rief "Hallo! Ist jemand da?" Und Celine rief etwas auf Tschechisch, aber niemand antwortete.

Da war eine Küche mit ein paar Gerätschaften, und nebenan war ein Zimmer mit zwei Stahlbetten und Matratzen darauf, und als Gerhard sie prüfte, fand er, daß sie trocken waren und auch nicht unangenehm rochen. Er hatte im Kofferraum zwei Decken, und eine dritte lag noch auf dem Rücksitz, unter der hatte sich Daniela beim Hotel versteckt. Sie verbrachten da die Nacht, und als Gerhard einmal aufwachte, hörte er das Wasser vom Flüsschen gluckern.

Am Morgen fuhren sie abermals über die Brücke und durch das Wäldchen und kamen weiter oben wieder in eine offene Landschaft. Man konnte nicht weit entfernt einen größeren Ort sehen. In einem Laden kauften sie für Franjo Sachen und Turnschuhe, und Celine zog sie ihm hinten im Auto an; bis auf die unmögliche Haarfrisur sah er jetzt ganz ordentlich aus.

Sie waren nun soweit, daß sie in das Hotel fahren konnten, um Daniela aus den Klauen des gemeinen Spediteurs zu befreien. Durch seine Flucht mit den beiden Kindern, über die jener natürlich längst unterrichtet sein musste, hatte Gerhard zwar die Gefahr heraufbeschworen, daß Daniela etwas Schlimmes widerfahren könnte, aber er hatte sich in seiner Bedrängnis für Celine und Franjo entscheiden müssen und deshalb (und weil die Operation geglückt war) hatte er ein reines Gewissen.

Da bemerkte er, daß die Decken fehlten, die sie für die Nacht aus dem Auto genommen hatten. "Celine, ich hatte dir doch gesagt, du sollst sie in den Kofferraum zurücklegen!" Sie gab vor, sie hätte es in der Eile vergessen, dann meinte sie "Weißt du, Gerd, wenn wir sowieso nochmal da zu dem Haus müssen, könnten wir doch was zum Mittag einkaufen und dort in der Küche essen." Und das taten sie, sie besorgten sich alles Nötige und fuhren zum Haus zurück; aus irgendeiner unbewussten Entscheidung heraus stellte Gerhard den Wagen auf der Rückseite ab.

Im Küchenschrank waren Töpfe und Geschirr, in einer Schublade Besteck. Es gab eine Spüle mit fließendem Wasser. Gerhard entdeckte, daß der Herd mit Propangas funktioniert und in dem Behälter auch noch was drin ist, so daß sie eine richtige warme Mahlzeit bereiten konnten. Celine half dabei, und Franjo saß am Tisch und schaute den beiden zu, während er unermüdlich seine Finger abzählte. Nach dem Essen säuberte Celine das Geschirr und räumte alles wieder auf, aber sie ging dabei sehr umständlich zu Werke und nahm sich viel Zeit.

Gerhard hatte sich zum Mittag ein Bier gegönnt, wodurch er danach müde wurde, und er sagte, er wolle sich ein halbes Stündchen ausruhen, und Celine schien sogar erfreut darüber, daß sie noch nicht so schnell von hier verschwinden. Sie ging mit Franjo an das Flüsschen und sie zerstreuten sich mit allerlei Spielereien, sie balancierten auf den frei liegenden Steinen übers Wasser, kletterten drüben den Hang hinauf, rupften Blätter von Sträuchern und rannten mit Karacho den Weg zur Brücke hinunter. Dann verloren sich die beiden aus den Augen, und Celine setzte sich eine Weile auf einen umgestürzten Baumstamm, stocherte im morschen Holz herum und dachte an was.

Sie ging durch die Hintertür ins Haus, Gerd kam ihr entgegen, er schaffte die Decken ins Auto. "Wir fahren dann los", sagte er. "Ja, gut. Ich muss bloß noch Franjo suchen." Sie ging bis nach vorn, und durch den offenen Eingang konnte sie Franjo draußen auf dem Vorplatz sehen, wie er auf dem alten Traktor herumturnt. Da näherte sich plötzlich auf der Straße ein vollbesetzter, dunkler BMW dem Haus. Celine erkannte ihn sofort wieder. Sie stand im Schatten der Eingangstür.

Sie rief nach hinten "Gerd! Gerd!" und nach vorn "Franjo, komm' her!" Der hörte nicht gleich und bemerkte den Wagen erst, als er nur wenige Schritte entfernt von ihm hielt. Die Männer dagegen hatten den Jungen längst entdeckt. Sie stellten das Fahrzeug quer auf die Straße, um sie zu versperren, obwohl Gerhards Auto nirgends zu sehen war. Der Beifahrer (es war derselbe, der Daniela ins Gesicht geschlagen hatte) stieg aus und rief dem Jungen wie ein alter Bekannter zu "Hey, Franjo! Sind Ronja und der Deutsche auch da?" Franjo blickte ihn nur stumm an.

Gerhard war nach vorn geeilt und zog, als er die Situation augenblicklich erfasst hatte, Celine vom Eingang weg hinter die schützende Wand. Dann ging er ins angrenzende Zimmer, wo der Rucksack stand, holte in Windeseile seine Makarow heraus und steckte das zweite Magazin ein. Er lud sie durch und trat aus dem Haus ins Freie. Celine war nicht mehr da. Er hielt die Waffe mit beiden Händen auf den Mann gerichtet, der die Arme auf halbe Höhe hob. Er machte ein paar Schritte vorwärts und sagte, ohne den Blick von seinem Gegenüber zu lösen, "Franjo! Komm' ins Haus".

Der Junge sprang vom Traktor und lief auf Gerhard zu. "Er gehört uns!", sagte der Mann, "Und das Mädchen auch." "Verschwindet oder fahrt zur Hölle!", entgegnete Gerhard. "Geh' ins Haus! Schnell!" Franjo rannte zum Eingang. Gerhard ging langsam rückwärts. Aber da stolperte der Junge und fiel hin, und Gerhard drehte für eine Sekunde den Kopf zur Seite. Das nutzte der Mann aus und zog seine Waffe, aber es half ihm nichts mehr, er krachte gegen das Fahrzeug und rutschte daran leblos zu Boden, Celine hatte die Revolver aus dem Handschuhfach geholt und ihn mit einem davon abgeknallt.

Gerhard rollte sich zur Seite und fand Deckung hinter einem Stapel von Holzpaletten. Er schoss in die Reifen, und der BMW sackte ab, die drei Insassen schlüpften auf der andern Seite raus und hielten dahinter still. Franjo lag immer noch am Boden, er wagte nicht, sich zu erheben. Gerhard konnte nur hoffen, daß Celine ihm Feuerschutz gibt, als er jetzt seine Deckung verließ, Franjo am Bauch umfasste und mit ihm ins Haus rannte. Tatsächlich hielt Celine mit mehreren Schüssen die Männer nieder, aber kurz vor der Tür erwischte eine Kugel Gerhard an der linken Seite, er hielt Franjo dennoch fest und schleppte sich mit ihm bis ins Haus, dort stürzten sie beide zu Boden.

"Franjo! Verschwinde in die Küche!", rief Celine und wollte abermals schießen, aber die Trommel war leer. Sie griff nach dem anderen Revolver, und Gerhard schob sich zur Seite hinter den Türrahmen, eine Menge Blut kam aus seiner Wunde und machte sich auf dem Fußboden breit. Die Männer hatten es geschafft, sich vor dem Haus zu verteilen und lauerten irgendwo hinter dem alten Zeug.

Celine hockte in der Tür zum Nebenraum. "Celine", sagte er, und seine Stimme klang ziemlich matt, "du musst mit Franjo mit dem Auto weg fahren." "Nein! Ich kann nicht fahren!" "Du kannst fahren! Du hast zu mir gesagt, du kannst es." Er musste sich unterbrechen, weil der Schmerz zu groß war, dann sagte er mit verzerrtem Lächeln "Wenn du mich angelogen hast, kriegst du zu Hause eine Woche Stubenarrest!" "Was krieg' ich?"

"Hör' mir zu, Celine! Und dann tust du genau das, was ich dir sage! In Ordnung?" "Ja, Gerd. Aber wenn's mit fahren ist ..." "Halt die Klappe!", sagte er so laut er noch konnte. "Du machst das! Und damit basta!" "Ja, Gerd! Ich mach's genau so. Du wirst sehen, es klappt bestimmt." Sie fing an zu zittern.

Er sagte "Geh' an meinen Rucksack, hol' meine Brieftasche heraus." Sie tat es. "Nimm' das Geld raus und steck' es ein." Sie hielt ihm das Bündel Scheine hin. "Alles?" "Ja, alles, steck' es ein und verlier' es nicht!" "Ja, Gerd." Sie stopfte es tief in die Hosentasche und klopfte mit der Hand drauf. "Hier drin hab' ich's." "Gut. Jetzt hol' die Karte aus dem Rucksack." "Was für'ne Karte?" "Die Landkarte, die man auseinan ... ah! ... auseinanderfalten kann." "Okay." "Mach sie auf." "Okay." "Nein, dreh' sie um." "Da ist nichts drauf." "Nein! Die Vorderseite, andersherum. Gib' her." Er machte oben einen Riss hinein. "Der Riss muss immer oben sein, hast du verstanden!" "Ja. Und was dann?" "Kannst du was damit anfangen?" "Ja." Sein Atem ging schnell und immer flacher.

Er sank noch tiefer zusammen und seufzte "Du weißt nicht, wie man eine Karte liest, oder?" "Nein, Gerd. Zeig's mir!" "Jetzt nicht", flüsterte er und schloss wieder die Augen. Wie im Halbschlaf sagte er "Wenn wir zu Hause sind, schicken wir dich und Franjo zu Monika in die Schule." "Zu wen?" "Zu meiner Frau in die Klasse, da werdet ihr lesen lernen, verstanden! Ihr werdet jeden Tag in die Schule gehen, bis ihr's beherrscht!" "Ja, Gerd. Ich freu' mich schon drauf. Aber ich kann ..." "Halt die Klappe! Steck' die Karte ein, nimm' den ganzen verdammten Rucksack mit."

Er schob sich mühsam ein Stück hoch und holte aus seiner Tasche den Zündschlüssel. "Hier, damit startest du den Wagen. Reinstecken, nach rechts drehen und Gas geben. Kupplung treten, Gang einlegen ..." Er fiel zurück und sein Kopf neigte sich zur Seite. "Gerd!" Er schreckte nochmal auf. "... Kullpung ... Kupplung kommenlassen ... Gas hebeln ... Celine!" "Ja, hier bin ich." "Franjo?" "Ist auch noch hier." "Jetzt los! Haut ab! Fahrt bis zur Grenze, fragt unterwegs die Leute: nach Bad Schandau ... nein, sag' nach Dresden. Wenn du an der Grenze bist, such' ein Telefon, ruf' den ... ruf' den ..." "Wen, Gerd? Wen soll ich anrufen?"

Da brüllte draußen einer "Ronja! Du Hure! Komm' raus!" "Meint der dich? Ist dein wirklicher Name Ronja?" "Nein, Gerd! Ich heiße Celine, schon immer." "Ja. Natürlich. Ich weiß." Er feuerte nach draußen und rief "Verrecken sollt ihr, verfluchte Rattenfresser!" Er wandte den Kopf zu ihr. "Jetzt haut' ab! Los! Beeilt euch. Ich komme nach." "Ehrlich! Versprich' mir's." "Ich komme nach. Sobald das hier vorbei ist." Tränen liefen über sein Gesicht. Celine kniete sich neben ihn. "Guck' mich an, Gerd", bat sie. Er tat es, sie küsste ihn auf den Mund und flüsterte "Ich hab' dich lieb." Er schloss die Augen.

Celine und Franjo verließen das Haus durch die Hintertür. Kurz danach hörte er, wie sie den Wagen startete. Draußen der brüllte wieder was. Celine würgte den Motor ab und versuchte es erneut, dreimal, viermal. "Komm' schon! Komm' schon!", flehte er wie im Gebet. "Du kannst es!" Sie drückte das Gaspedal voll durch und der Motor heulte auf, Gerhard schoss ziellos nach draußen, um es zu übertönen.

Er wechselte das Magazin und er hörte, wie sich der Opel Kadett entfernte und hinter der Brücke im Wald verschwand. Er hielt die Pistole in Richtung der Männer und ballerte sie leer. Sie schossen zurück. Er spürte wieder einen fürchterlichen Schmerz in der Seite und dann erfüllte einen Atemzug lang ein eisiges Brennen seinen ganzen Körper und hinterließ eine endlose Leere.

Etwa eine halbe Stunde, nachdem Gerhard Ziegler sein Leben ausgehaucht hatte, fuhr Celine an der Tankstelle vor und brachte den Opel Kadett eine Handbreit vor der ersten Zapfsäule zum Stehen. Sie sagte zu Franjo, der immer noch damit beschäftigt war, seine Finger zu zählen, "Ich komme gleich wieder", und stieg aus. Sie ging hinein und geradewegs auf die Kasse zu, hinter welcher der Junge mit den schönen Augen stand und sie anlächelte. Sie fragte "Kannst du mir bei was helfen?"


ENDE



Namen, Orte und die Bezeichnung von natürlichen, historischen oder künstlerischen Objekten und Ereignissen, der Inhalt von Theorien oder religiösen Anschauungen, die Wiedergabe von Meinungen, die Benennung und Beschreibung von Personen, Bauwerken, Landschaften etc. sind, soweit nicht historisch verbürgt oder allgemein gebräuchlich, ebenso wie die Handlung entweder frei erfunden oder literarisch abgewandelt und erheben keinen Anspruch auf formale oder inhaltliche Richtigkeit. Jede Veränderung am Inhalt oder an der Form sowie jede kommerzielle Verwendung oder Verbreitung sind verboten.

alle Rechte bei Alexander Fuchs
99867 Gotha, Germany

Seitenanfang |