Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 03


Karl Georg Tandlop

Der Russische Frieden




Es war in der ersten Augusthälfte, als wir bei Becker in der Redaktion saßen. Da kam die Nachricht, daß Kaiser Franz sein Amt niedergelegt hat. Als Begründung nannte er die Entscheidung mehrerer deutscher Fürstentümer, sich dem von Napoleon gegründeten Rheinbund anzugliedern und damit ihm, dem Kaiser, ihre Gefolgschaft aufzukündigen. Das Deutsche Reich, das tausend Jahre bestanden hatte, war passé.

Becker zeigte sich von dem Schritt des Kaisers wenig überrascht. "Jeder, der Napoleons Aufstieg in den letzten Jahren verfolgt hat, musste damit rechnen. Es geschah keinen Tag zu früh." Nach der Schlacht von Austerlitz und dem Sieg über Österreich und Russland gab es für die große Armee des großen kleinen Franzosen keinen ernstzunehmenden Gegner mehr. Dafür aber jede Menge deutsche Fürsten von Rang und Namen, die sich mit ihm verbünden wollten, und die er dafür auf die ein oder andere Weise belohnte.

"Jetzt wird Napoleon auch nach der deutschen Kaiserkrone greifen", folgerte Becker, "selbst wenn sie mit Dornen umwunden ist." "Da muss er aber erst mit uns fertig werden", entgegnete der Leutnant Gradenecker, der Adjutant des Oberst von Massenbach. Er saß auf einem Stuhl mitten im Raum, ein Arm hing nach hinten über die Lehne, er hatte seine langen Beine übergeschlagen und wippte mit dem Fuß. Er bevorzugte diese halb lässige, halb ungeduldige Haltung, wie wenn er den Rapport eines wachhabenden Unteroffiziers entgegennimmt.

Hinter ihm stand sein Knecht und Diener Viktor, ein gebürtiger Ungar mit buschigen dunklen Augenbrauen und einem buschigen dunklen Schnauzbart. Er schaute aus seinen warmen Augen onkelhaft gütig drein. Er hätte, wenn das nötig gewesen wäre, für seinen Herrn, den Leutnant Walter Gradenecker, sich selbst geopfert, aber er verweigerte jedem anderen den Befehl. Ab und zu ging Viktor vor die Tür, um ein paar Züge aus seiner hakenförmigen Tabakspfeife zu nehmen, denn es war ein fürchterlicher Knaster, den er rauchte und dessen Mief Zacharias Becker in seiner Zeitungsredaktion nicht duldete. Der Leutnant hatte ihn deswegen hinaus geschickt.

Mit "uns" meinte der Leutnant natürlich die preußische Armee unter ihrem Oberbefehlshaber König Friedrich Wilhelm, der ein Nachfahre jenes berühmtesten Feldherrn aller modernen Zeiten, nämlich Friedrichs des Großen war, vor dem selbst ein Napoleon im Geiste sich tief verneigen musste. Ob er das wirklich tat, war allerdings fraglich, denn der frischgebackene Kaiser der Franzosen war nicht gewillt, irgendeinem Menschen anders außer auf seiner eigenen Augenhöhe ins Antlitz zu schauen.

"Wenn Sie das wollen, mein lieber Herr Leutnant, so werden Sie es bekommen. Bei allem Respekt vor Ihrem Patriotismus, den ich übrigens, wie Sie wissen, uneingeschränkt teile: aber Ihre Armee ist nicht mehr dieselbe wie in den Zeiten Friedrichs des Großen. Napoleons Soldaten sind den Preußen haushoch überlegen." "Wir arbeiten daran", versicherte der Leutnant.

Aber der Rittmeister Klett, der, an Beckers Schreibtisch gelehnt, mit einem Briefbeschwerer in Form eines Engelchens herumspielte, gab Becker recht. "Es ist immer dasselbe, seit nunmehr zwölf Jahren: die Preußen rüsten auf und rüsten ab, dann rüsten sie wieder auf, und wenn man sich schlägt, schauen sie untätig zu und verständigen sich mit dem Sieger. Sie sind aus der Übung gekommen. Der Frieden ist eine Hure des Soldaten, man kann sich dabei die Zeit vertreiben. Aber Neutralität ist ein Verräter der Nation. Wer sich zu lange neutral verhält, der verscheißt es sich am Ende mit allen und kommt unter die Räder."

Rittmeister Klett, "der schöne Franz", wie er auch gelegentlich genannt wurde, war ein blonder, lockenköpfiger Mann mit einem bubenhaften Gesicht, Pupillen blau wie Kornblumen und strahlend weißen Zähnen. Er war stets frisch rasiert. Überhaupt schien es, als käme er jeden Morgen vom Barbier, mit akkurat geschnittenem Haar und fein geschliffenen Fingernägeln, mit einem Seidentuch in ständig wechselnder Farbe im Kragen und mit einer verhauchten Wolke eines Eau de Cologne, das noch keine Vertreterin des andern Geschlechts unberührt gelassen hatte, und das auf der Skala der Wohlgerüche diametral zu Viktors Knastermief lag.

Der Rittmeister stammte aus Dresden. Die Liaison mit einer schönen Müllerstochter aus dem Gothaischen Land hatte ihn hier verweilen lassen. Ich muss gestehen, daß ich an dieser Beziehung einigen Anteil hatte, indem ich um diese Zeit mit dem Mädchen und ihrer Schwester freundschaftlichen Umgang pflegte. (Sie wohnten wie ich in Waltershausen, eine gute Stunde von der Residenzstadt entfernt.)

Franz Klett hatte ich in Beckers Haus kennengelernt, und da wir beide etwa gleichaltrig waren und einander nicht eben unsympathisch fanden, unternahmen wir in der warmen Jahreszeit oft gemeinsame Ausflüge. So wurde er mit Barbara, wie die holde Müllerstochter hieß, bekannt, und die beiden verliebten sich ineinander.

Aber unser Freund erkannte sehr bald, daß es im herzoglichen Lande, wie er sich ausdrückte "nur so von hübschen Weibern wimmelt", und der Rittmeister war weit davon entfernt, wegen einer einzigen alle anderen zu verschmähen. Ich will gar nicht darüber reden, welche Anstrengung es mich kostete, die arme Barbara über ihren Liebeskummer hinwegzutrösten, und ich will auch nicht die schrecklichen Flüche und Schimpfwörter wiedergeben, mit denen sie den schönen Franz (in Abwesenheit) überhäufte. Doch niemand konnte ihm wirklich böse sein, und sie versöhnten sich auch wieder, ohne allerdings ihr Techtelmechtel fortzusetzen.

Der Rittmeister war wegen seiner Affären bald bekannt wie ein bunter Hund, und er musste ein paar Mal wirklich aufpassen, daß ihn nicht ein wutentbrannter Vater oder ein eifersüchtiger Gemahl mit einer Klage vors Gericht brachte, oder gar beim Barbier eben mal das Rasiermesser nach der eigenen Regie über seinen Hals zu führen gedachte.

Er schaffte es immer, alle wieder friedlich zu stimmen, nicht zuletzt dadurch, daß er sich im militärischen Dienst für den Herzog einige beachtliche Verdienste erwarb. Als Herzog Ernst im Koalitionskrieg gegen Frankreich ein Kontingent zu stellen hatte, da war es Rittmeister Klett, welcher - man möge mir das Urteil erlauben: dem lahmen Haufen von Bauernburschen das notwendige Rüstzeug eines fähigen Soldaten einbleute, mit dem sie getrost in die Schlacht ziehen konnten, und mit dem sie, was ihm noch mehr gedankt wurde, fast vollzählig wieder nach Hause zurückkehrten. Solche Unternehmungen vollführte der Rittmeister mit der gleichen Mischung aus Leidenschaft und Waghalsigkeit, mit der er sich auch jedesmal in seine Liebesabenteuer stürzte. Und das Glück war ihm bislang immer hold gewesen.

An und für sich waren der Leutnant und der Rittmeister ziemlich verschiedene Charaktere. Der Leutnant hätte sich niemals solche Eskapaden erlaubt, er war, wie es schien, glücklich verheiratet, hatte eine halberwachsene und eine noch kleine Tochter, und er war auch sonst den Vergnügungen und Zerstreuungen eher abgeneigt.

Wenn der Rittmeister von einer seiner illustren Bekanntschaften erzählte, kommentierte der Leutnant das manchmal mit Bemerkungen, die sich wie die Sprüche des Pastors bei der Beichte anhörten. Dennoch war er nicht dabei, den Rittmeister moralisch rügen zu wollen.

Und Klett seinerseits respektierte ihn, auch weil er wusste, welche vertrauenswürdige Stellung Gradenecker bei dem Oberst von Massenbach innehat, der niemals einem Offizier auch nur einen Funken Beachtung schenken würde, der bloß aus Liebedienerei und Karrierismus sich anbiedert. Doch manche Neigungen Gradeneckers konnte der Rittmeister gar nicht begreifen. So zum Beispiel dessen Interesse für Wikingerschiffe.

Der Leutnant, der in Erfurt wohnte, hatte im nahegelegenen Gispersleben, direkt an der Gera, ein Ufergrundstück erworben. Dort baute er seit langem - er wusste selbst nicht mehr, wann er damit angefangen hatte - an einer sogenannten Knorre, einem Boot, das die Wikinger zu Transportzwecken benutzten. Er träumte davon, eines Tages damit die Elbe abwärts in die Nordsee und weiter an der Westküste Norwegens entlang bis zu den Lofoten zu fahren!

"Ich glaube auch", sagte ich, "daß der preußische König einen Fehler begangen hat, als er im letzten Jahr Österreich und Russland seinen Beistand verweigerte. Vielleicht hätte das die schmachvolle Niederlage von Austerlitz verhindert." Becker machte eine abwehrende Handbewegung. "Ach was. Wahrscheinlich ahnte der König ganz gut, daß man mit drei Armeen erst recht nicht das schaffen würde, was schon zweien misslingt."

Auch der Leutnant nahm den König in Schutz. "Das sehe ich genauso. Wer sich mit General Mack einlässt, der ist verloren, da braucht es gar keinen Napoleon als Gegner. Seine ganze Kriegsführung besteht aus seiner Lieblingslosung: 'den Feind umzingeln und festnehmen', als handelte es sich um eine Bande von Hühnerdieben." General Mack hatte auf Seiten der Österreicher kläglich versagt. Wenn diese Schlacht nicht so viele Opfer gekostet hätte, wäre er als Witzfigur verspottet worden. So aber konnte man nur den Kopf schütteln über soviel Unfähigkeit eines Offiziers.

Klett meinte "Ich möchte bloß mal wissen, ob er tatsächlich diesem Schulmeister auf den Leim gegangen ist." Ich sagte "Wir haben da einen Artikel bekommen, in dem die Vorgänge in der Festung Ulm geschildert werden. Demnach war der Schulmeister bis zu Mack vorgedrungen und hat ihm Informationen über den Aufenthaltsort und die Stärke der französischen Truppen gegeben. Und er hat ihm, was den General offenbar noch mehr überzeugte, etwas von einer angeblichen Revolution in Paris vorgeflunkert, die Napoleon gewissermaßen in den Rücken fallen würde." "Eine Revolution!" lachte der Rittmeister. "Wenn irgendein Volk bedingungslos hinter seinem Souverän steht, dann sind es die Franzosen hinter Napoleon, er verschafft ihnen so viel vom europäischen Kuchen, wie sie noch nie gefressen haben."

Mit diesem ominösen Schulmeister war übrigens ein gewisser Karl Schulmeister gemeint, der manchmal wegen seiner Haarfarbe auch Le petit homme rouge genannt wurde und der eines der größten Schlitzohren in der näheren Umgebung Napoleons war. Wahrscheinlich hielt er ihn in Wahrheit für einen Schmieren Komödianten. Aber was seine Spionagekünste anbelangte und seine Fähigkeit, selbst Personen in höchster Stellung hinters Licht zu führen, darin war Schulmeister ein Genie. Er konnte sich sogar perfekt verkleiden und in irgendeine Rolle schlüpfen, um andere zu täuschen; Napoleon hatte ihm viel zu verdanken.

Nach der Schlacht von Austerlitz erschienen in den Zeitungen Bilder von den Kampfhandlungen, vor allem eine Szene wurde häufig kolportiert: die vereinigten österreichisch-russischen Truppen werden, von allen Seiten umzingelt, zu einem See bei dem Ort Satschan gedrängt. Es ist Anfang Dezember und der See ist zugefroren. In ihrer Verzweiflung begeben sich die Soldaten aufs Eis. Napoleon lässt seine Kanonen darauf abfeuern, bis die Eisdecke unter der Wucht der aufschlagenden Geschosse zerbricht. Zwanzigtausend Mann versinken mit Pferden und Geschützen im eiskalten Wasser oder werden zwischen den Eisschollen zerquetscht.

Dieses Motiv wurde in allen möglichen Variationen dargestellt, meistens in der Ferne auf den Höhen mit einem winzigen, aber deutlich erkennbaren Napoleon, der dem grausamen Schauspiel mit stoischer Ruhe zusieht.

Im Pariser "Moniteur" erschien dagegen ein "Augenzeugen Bericht" eines russischen Unteroffiziers, der von General Marbot höchstpersönlich, im Beisein Napoleons, "unter eigener Lebensgefahr" von einer Eisscholle gerettet wurde. Der Generalarzt Doktor Larrey (der natürlich auch anwesend war!) verband den Verwundeten, und der Kaiser schenkte ihm ein paar Goldstücke. Es handelte sich um einen Litauer, der in die Polnische Legion eingetreten war und später Unteroffizier bei den Gardelanciers wurde. Marbot war mit den Worten zitiert: "So oft ich ihn antraf, bezeugte er mir aufs lebhafteste seine Dankbarkeit". Der Artikel wurde von etlichen anderen Zeitungen übernommen.

Leutnant Gradenecker konnte nur vor Verachtung ausspucken angesichts solcher geheuchelter Soldatenehre. Er lachte höhnisch bei der Vorstellung, General Marbot hätte danach ein besonderes Augenmerk auf diesen einen russischen Muschkoten gelegt, "Wo die Franzosen doch einzig und allein Sorge getragen haben, daß die gefürchteten russischen Filzläuse nicht auf sie übergreifen".

Durch den Oberst Massenbach hatte der Leutnant auch davon gehört, daß es Berichte gab, die das Geschehen auf dem See von Satschan als pure Propaganda bezeichneten. Darin hieß es, das Eis wäre viel zu dünn gewesen, als daß sich die zurückgedrängten Soldaten darauf gewagt hätten. Das ganze Spektakel sei eine Erfindung Napoleons und seiner Berichterstatter, um einen zukünftigen Gegner einzuschüchtern und zu zeigen, welch' qualvoller Tod ihm drohte, falls er sich mit den Franzosen anlegen würde.

Wie auch immer, die Schlacht von Austerlitz war verloren. Der russische General Kutusow, der sich auch nicht gerade mit Ruhm bedeckt hatte, war mit seinen Truppen geflüchtet. Leutnant Gradenecker meinte, niemand könne behaupten, die Russen wären feige. Aber sie waren ahnungslos und auch ein bisschen überheblich gewesen. Sie mussten erst einmal lernen, was es heißt, gegen die Grande Armée zu Felde zu ziehen.

Es war noch keine fünf Jahre her, daß Frankreich und Russland sich diplomatisch angenähert hatten. Damals war Paul Petrowitsch der Zar in Petersburg, und England konnte der Kungelei der beiden Großmächte gar nichts Positives abgewinnen. Der englische König befürchtete eine Invasion Napoleons (die er ja auch tatsächlich vorhatte). England hätte womöglich einer Kontinental Armee gegenüber gestanden.

Aber Paul Petrowitsch zeigte immer häufiger seltsame geistige Anwandlungen, die hart an der Grenze zur Unzurechnungsfähigkeit lagen. Auch litt er zunehmend an Verfolgungswahn, der aber vielleicht nicht ganz grundlos war, denn es gab ganz offensichtlich politische Kräfte in seiner eigenen Regierung, die sich seinen Abgang wünschten. Schließlich hatte er sich in das Michailowski Palais eingeschlossen, das eher einer Festung glich, mit Wassergräben und Zugbrücke und mehrfach gesicherten Eingängen.

Ich habe, nachdem die Nachrichten über die dortigen Ereignisse bei uns ankamen, in Beckers Auftrag eine Begegnung mit Schiller in Weimar gehabt. Schillers Schwager, der Baron und Geheimrat von Wolzogen, hatte die besten Verbindungen zum russischen Zarenhof, und Becker meinte, wenn man überhaupt an irgendwelche Informationen über die Hintergründe des Attentats auf den Zaren herankäme, dann über diese Strecke.

Doch ich hatte bei weitem nicht das Kaliber, um mit dem Hofrat Schiller über solche Dinge zu sprechen, er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen. Ich fragte mich sowieso, warum Becker es nicht selbst versucht hatte. Ich fragte ihn, und er gab mir zur Antwort, er könne sich nicht erklären wieso, aber ihn überfiele in Gegenwart dieses Mannes eine solche Beklemmung, daß er kein vernünftiges Gespräch mit ihm führen kann. Ich erwiderte, daß mir das auch ohne Beklemmung nicht gelungen war, aber er behauptete, er habe eigentlich auch nicht mit einem Erfolg gerechnet und er wäre mit einem ersten Kontakt durchaus zufrieden.

Immerhin hatte mir Schiller fünf Minuten seiner Aufmerksamkeit geschenkt, und ich hatte die Karte mit meinem Namen bei ihm hinterlassen können. Ich tröstete mich über seine Ablehnung mit der Tatsache hinweg, daß wenig später Goethe selbst über "Die Palastrevolution gegen Kaiser Paul I." einen Artikel verfasste. Wenn Schiller im Vorhinein davon wusste, war es kein Wunder, daß er diesbezügliche Informationen, wenn er sie denn hatte, nicht an Dritte weitergab, und schon gar nicht an namenlose Zeitungsredakteure wie ich einer war.

Mein Chef Zacharias Becker hatte offenbar wieder die richtige Spürnase gehabt, und er war davon überzeugt, daß man sich am Weimarer Hof die gründlichsten Gedanken machte über die Vorgänge in Petersburg. Angeblich war der Zar Paul an einem Schlaganfall gestorben, so lautete jedenfalls die offizielle Erklärung. Aber man munkelte auch, daß eine Gruppe von Verschwörern um den Grafen von Pahlen bei des Zaren plötzlichem Ableben nachgeholfen hatte, und zwar im buchstäblichen Sinne, indem gleich mehrere ihm zu Leibe rückten.

In der Folge dieses tragischen Endes wurde Pauls Sohn Alexander neuer Kaiser und Zar von Russland, und wie jedermann weiß, heiratete dessen Schwester, die Großfürstin Maria Pawlowna den weimarischen Erbherzog Karl Friedrich. Mein Chef Zacharias Becker gestand mir gegenüber, er hätte schon bei Pauls Tod "so eine Ahnung" gehabt, daß sich da was Großes anbahnt.

Der Leutnant Gradenecker verplapperte sich auch einmal, als er mir beiläufig sagte, Becker habe den Oberst von Massenbach danach gefragt, ob er ihm eventuell einen Zugang zu dem Schiller'schen - Wolzogen'schen Kreis und damit letztlich zu den Petersburgern vermitteln könnte. Ich sprach Becker daraufhin direkt an. "Wollen Sie etwa eine Dependance der Gothaischen Zeitung in Russland eröffnen?" "Es heißt Deutsche Zeitung", erwiderte er, "das heißt, wir sind überregional. Und ja - wenn es so wäre, würden Sie, mein werter Tandlop, als Korrespondent dort arbeiten wollen?"

Ohne eigentlich über die grundsätzliche Frage nachzudenken, antwortete ich "Mein Russisch ist äußerst mangelhaft." "Am Petersburger Hof kann man sich auch mit Französisch verständigen", entgegnete Becker. "Mein Französisch ist noch schlechter." "Guter Gott, Tandlop! Mit Latein kommen Sie heute freilich nicht mehr weit." "Mein Latein will ich gar nicht erwähnen; Salzmann hat darin auch nicht geglänzt." "Na, den lassen wir jetzt mal aus dem Spiel. Im Ernst: würden Sie sich einen solchen Posten zutrauen?" "Wenn Sie ihn mir zutrauen, Herr Becker." "Ich würde Sie sonst kaum fragen. Freilich, das ist alles noch nicht in dem Topf, wo es kocht. Es ist eher so eine erste Überlegung, eine Vision, Sie verstehen." Ich sagte "Der nächste Schritt wäre dann wohl der, daß wir unsere Beziehungen nach Weimar ausbauen."

Ich war ehrlich gewesen, was meine Sprachkenntnisse anbetraf. Ich war (und bin) gut im Deutschen. Ich hatte Luther gelesen, Herder, Wieland, auch Goethe, dessen Prosa ich aber nicht überragend fand. Und Schiller. Vor allem seine historischen Schriften: über Herzog Alba, über die Belagerung von Antwerpen, über den Grafen Egmont, über den Dreißigjährigen Krieg, über die Gesetze von Sparta und Athen - eine präzise und doch sinnliche Sprache, abgeklärt und doch elegant; überall schimmert das Genie durch, ein Mann, der die Geschichte nicht bloß kennt, sondern sie nachvollzieht, sie erlebt, als wäre er mittendrin gewesen.

Oh ja, ich Dummkopf! Ich hätte Schiller nach Herzog Alba fragen sollen, als mein Chef mich zu ihm geschickt hatte. Nach Graf Egmont oder nach den seltsamen Gebräuchen der Spartaner. Namentlich diese Abhandlung über Lykurg und Solon war meine Lieblingslektüre, seit ich sie mit zwölf das erste Mal gelesen hatte, und über die mysteriöse Schwarze Suppe, welche die herrschende Elite von Sparta selbst ihrem siegreichen königlichen Feldherrn Agis und seiner Gemahlin zu essen befahl, machte ich mir lange Zeit Gedanken.

Später, im Schloss Charlottenburg, als ich mich mit dem Kanzler von Müller in Berlin aufhielt und als mir beim Anblick von Watteau's Überfahrt nach Kythera, das dort in einem Gang hing, schlagartig die verschleierte Botschaft dieses Gemäldes klarwurde, da hätte ich viel darum gegeben, Schiller meine Idee mitzuteilen und zu hören, was er davon hält. Aber da war er schon in die elysischen Gefilde abgegangen.

Der Herr Salzmann, den ich vorhin erwähnte, ist der Pädagoge Christoph Gotthilf Salzmann, welcher in unserm beschaulichen Gothaer Land die Erziehungsanstalt Schnepfenthal gründete, auf welcher ich eine Zeitlang das Vergnügen hatte, unterrichtet zu werden. Nur eine Zeitlang deshalb, weil eine Erkrankung mich dann daran hinderte. Ich sage das, um nicht den Verdacht zu erregen, ich wäre dort relegiert worden.

(Während meiner Zeit habe ich es dreimal miterlebt, daß ein Zögling von der Schule geflogen ist. Einer hatte seine Mitschüler bestohlen. Er kam aus einer armen Familie und hatte durch die Fürsprache unserer Herzogin Charlotte ein Stipendium erhalten. Er tat mir wirklich leid. Er war ein dicker, pausbäckiger Junge, der immer halb nach oben schaute, wie wenn er vor einem Kasperle Theater steht. Es waren bloß Süßigkeiten, die er geklaut hatte.

Der zweite hatte Pamphlete der Französischen Revolution verteilt, genauer gesagt waren es Flugschriften aus der sogenannten Mainzer Republik, und er hatte es eigentlich auch nur getan, um damit anzugeben, daß sein Vater ein Freund des berühmten Georg Forster sei, eines der Anführer der Mainzer. Er hatte sie bei seinem Vater entwendet, und sogar der Alte bekam deshalb Schwierigkeiten.

Nur aufgrund der Tatsache, daß sich in der Bibliothek des Herzogs etliche hervorragende Zeichnungen Forsters befanden, die er, vor seiner Mainzer rebellischen Zeit, auf einer Weltumseglung angefertigt hatte, ließ man es auf sich beruhen. Der Sohn aber wurde gefeuert, und der Hausmeister Tetzel verbrannte die Flugschriften hinter der Turnhalle.

Der dritte der Verstoßenen war ein Junge namens Rudolf Franke, ich habe mir seinen Namen gemerkt, weil er ein sympathischer Bursche war. Er handelte mit Tabak, einem Kraut, das Gift für die Gesundheit jedes Mannes ist, für pubertierende Knaben darüberhinaus jedoch eine Verlockung und ihn zu rauchen ein Zeichen von Stärke und Verwegenheit.

Er behauptete, dieser Tabak stammte aus der amerikanischen Kolonie Virginia, deshalb sei er auch so teuer. Die Ladung musste aber unterwegs irgendwie Schaden genommen haben, er schmeckte, als hätte die Katze draufgepisst. Franke sprach von Fermentation und von unverwechselbarem Aroma, und wir ließen es uns nicht anmerken, daß uns dabei kotzübel wurde.

Dann kam er mit einer anderen Sache an. Das waren Abschriften von Geschichten, deren Inhalt dazu angetan war, pubertierende Knaben mit aller Macht von ihrer redlichen Schularbeit abzuhalten und ein sündhaftes Feuer der fleischlichen Lust in ihnen zu entzünden.

Diese Geschichten hatten vielsagende Titel: "Wie drei pfiffige Mönche auf mannigfaltige Weise drei unschuldigen Nonnen das Paradies vorgaukeln", die spielte angeblich im nahegelegenen Kloster Reinhardsbrunn, oder: "Wie die junge Hexe Sibylline von den bösen Folterknechten arg drangsalieret ward", die konnte kaum einer bis zum Ende lesen, oder: "Wie der Schäfer Balduin sich die Zeit mit seinen Lämmchen vertreibt", die war noch am harmlosesten. Von einem der Zöglinge, der sie gelesen hatte, war mit Bleistift darunter ein "Agnus Balduini, qui tollis peccata mundi" geschrieben worden; es grenzte an Blasphemie, aber wir mussten drüber lachen.

Franke hatte alle Geschichten in mehreren Kopien. Er verkaufte sie nicht, sondern verlieh sie gegen Gebühr, und er konnte sicher sein, daß er sie zurückbekam, denn das war die Bedingung dafür, daß man von ihm eine andere erhielt. Irgendwann fiel eine davon dem Rektor Salzmann in die Hände. Es gab reihenweise peinliche Verhöre, niemand von uns hatte je von solchen Schweinereien auch nur gehört.

Irgendeiner denunzierte Franke beim Rektor, und der drohte ihm, seine Eltern wegen Verbreitung von Obszönitäten schwerster Art und wegen Verführung der Jugend zu verklagen, wenn er den Schund nicht rausrückte, so daß Franke schließlich nachgab und einen dicken Stapel Blätter ablieferte, von denen einige ziemliche Gebrauchsspuren zeigten. Ob er wirklich nichts zurückbehielt, blieb unklar. Der Hausmeister Tetzel verbrannte jedenfalls alles hinter der Turnhalle.

Rudolf Franke habe ich später wiedergetroffen, er war Ofensetzer geworden, er sagte, er verdiene jetzt mehr Geld als er je mit einem Abschluss auf Salzmann's Anstalt bekommen würde, und wenn man ihn so sah, gab es keinen Grund, daran zu zweifeln.)

Abgesehen von solchen kleinen Zwischenfällen war die Schnepfenthaler Schule ein hehrer Hort der Tugendlehre. Geduld, Moral und Nächstenliebe - Glaube, Arbeit, Pflichterfüllung - das waren die Grundpfeiler der Salzmann'schen Pädagogik. Mit seinem Turnlehrer Gutsmuths hatte er den rechten Mann, um seine Zöglinge auf Trab zu bringen. Er baute alle möglichen Gerüste, auf denen man klettern, hangeln, balancieren oder sonstwelche zoologischen Verrenkungen aufführen konnte. Er nannte es "Körper Ertüchtigung", und sein Konzept des durch Muskelkraft gestählten Jünglings hätte die Spartaner aus Schillers Geschichtsbuch sicherlich begeistert.

Mein Chef Zacharias Becker kannte Salzmann von früher. (Becker war älter als er aussah; er hätte mein Vater sein können.) Er war mit Salzmann zusammen in Dessau an einer ähnlichen Schule gewesen, wie sie Salzmann dann selber gründete. Becker war von Beruf eigentlich Lehrer. Er hatte auch als Hofmeister gearbeitet, in Erfurt, im Hause von Dacheröden; er hatte dort die junge Caroline unterrichtet, welche dann Humboldts Frau wurde, des älteren Humboldt wohlgemerkt. (Aus seinen Erzählungen konnte man heraushören, daß er in seine Schülerin verschossen war. Durchaus verständlich! Caroline von Humboldt, geborene Dacheröden, war auch jetzt noch eine ungewöhnlich attraktive Frau.)

Jedenfalls war Becker mit Salzmann von Dessau fortgegangen, um die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal ins Leben zu rufen. Aber dann stellte sich schnell heraus, daß es zwischen den beiden nicht mehr stimmte. Salzmann war ja ursprünglich Theologe, er war jahrelang Kanzelprediger gewesen, und erbauliche Geschichten zu erzählen, darin war er ein Meister.

Laut Becker steckte in ihm - wie in jedem Mann des überzeugten Glaubens - das Ideal des Lebens in klösterlicher Abgeschiedenheit, eine Sehnsucht, die leicht von etwas genährt wird, das Becker als "moralische Einsiedelei" bezeichnete, das Bestreben, sich an einen umgrenzten Ort zurückzuziehen, an dem Frieden und Eintracht walten, wo die Menschen einander achten und lieben, und jeder einzelne seinen Beitrag zum Wohle der Allgemeinheit leistet und dafür von ihr anerkannt wird. Becker hielt das für eine schöne, aber einfältige Illusion.

"Hinzu kam", erzählte uns Becker, als wir ein anderes Mal in der Redaktion beisammensaßen, "Salzmanns Aversion gegen alles Städtische. Ich glaube, deshalb war er auch aus Erfurt fort und nach Dessau gegangen, wo die Atmosphäre viel ländlicher war. Er sprach manchmal von Erfurt wie von einer einzigen großen Kloake, mit verdreckten Gassen und schmutzigen Behausungen und überall nur Parasiten, die scheußliche Krankheiten verbreiten. Man konnte annehmen, er käme aus dem Mittelalter. Wir hatten endlose Diskussionen darüber, wo man am besten eine Schule eröffnen sollte. Ich war immer der Meinung, daß in der Stadt und im städtischen Leben die Zukunft liegt, und daß man hier die Kinder bilden und erziehen müsse. Aber Salzmann war völlig entgegengesetzter Ansicht. Er glaubte, in einer geschlossenen Gemeinschaft, wo einer auf den andern angewiesen ist, könnte man von Grund auf ein neues Menschengeschlecht heranzüchten. Das war sein Ziel."

Becker redete über seinen einstigen Weggefährten wie über einen längst Verblichenen, dabei lebte Salzmann damals noch. Ich vermute, Becker selbst hatte sich in der Vergangenheit des öfteren mit Leuten, die meinten, einer höheren Berufung zu folgen, auseinandersetzen müssen und sich dabei genug Ärger eingehandelt. Er war und ist ein friedfertiger Mensch, der lieber nachgibt, als sich streitet. Aber auf Dauer hatte ihn das wohl eher widerspenstig gemacht; das kommt, wenn man alles immer geduldig in sich hineinfrisst. Ich habe mehr als einmal erlebt, wie er über eine dumme Bemerkung eines anderen in Rage geriet und ihn dann geradezu wie einen Feind betrachtete, der ihm ans Leder will.

Salzmann hatte von allen seinen angestellten Lehrern verlangt, daß sie in die "Familie" einheiraten. Für Becker hatte er dafür eine seiner Kusinen vorgesehen. Dieses Ultimatum hatte wohl das Fass zum Überlaufen gebracht, Becker empfand es fast als eine Erniedrigung. "'Sind wir hier in Neapel?' habe ich ihn daraufhin gefragt", erzählte Becker, "willst du eine Schule leiten oder dich als Padrone aufspielen?"

Salzmann habe mit einem verzerrten Lächeln reagiert und - er verfiel manchmal in so eine näselnde Stimme, ganz anders als bei seinen Predigten - dann gesagt "Aber Zacharias! Gibt es einen Grund, sich so darüber aufzuregen? Ich hielt es für ein gutgemeintes Angebot, es wäre töricht von dir, es abzulehnen. Wo willst du sonst eine Frau herkriegen, die zu dir passt?"

"Das hat er gesagt?", lachte der Rittmeister, "eine, die zu dir passt? Dem hätte ich aber was gehustet." "Sie war gar nicht hässlich", räumte Becker ein. "Dann musst du dich extra vorsehen", warnte der Rittmeister, "wenn sich eine so anbietet, dann ist was faul. Sie schickt ihren Bruder ..." "Ihren Vetter." "... ihren Vetter vor, damit er dich anlockt und dich scharf auf sie macht. Wenn sie das wert wäre, was er dir verspricht, dann könnte sie genausogut selbst kommen. Glaube niemals einem Heiratsvermittler! Die sind schlimmer als die Rosstäuscher."

Der Leutnant, einen Arm über der Lehne, die Beine übergeschlagen und mit wippendem Fuß, sagte "Heutzutage kann man die Menschen nicht mehr mit Ideen begeistern, sondern nur noch mit Versprechungen. Und genau betrachtet, war das schon immer so. Die Idee von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist doch nicht neu, sie ist keine Erfindung der Franzosen, sie ist so alt wie die menschliche Gesellschaft. Es gab sie zu Zeiten Moses', aber er versprach stattdessen seinen Zeitgenossen, sie ins gelobte Land zu führen, und sie folgten ihm. Und Christus versprach ihnen das kommende Reich Gottes, er wurde dafür gekreuzigt, aber heute vertraut ihm mindestens die Hälfte der Menschheit. Alexander der Große versprach den Griechen ein Land bis zu den Grenzen der bewohnten Welt und sie folgten ihm bis in den Tod. Luther versprach den Gläubigen eine direkte Beziehung zu Gott, und sie halfen ihm, den Papst zu verdammen. Und wo bleibt die alte Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit? Sie verschwindet hinter all' den Versprechungen, mit denen sich die Menschen zufriedengeben, und alles bleibt beim Alten.

Rittmeister Klett stimmte ihm zu, aber er fand das nicht weiter tragisch, denn auf diese Weise hätten die Menschen immer etwas zu tun gehabt, worauf sie ihren Verstand und ihre ganze Kraft verwenden konnten, und dadurch hätten sie sich schließlich weiterentwickelt.

Becker und ich hielten an der Macht der reinen Ideen fest, wir glaubten beide, daß in ihnen, jedenfalls in den bedeutendsten, eine Kraft zur Veränderung liege, und daß es immer Menschen geben wird, die aus ihrem eigenen Denken und Fühlen heraus sich einer solchen Idee anschließen, auch wenn niemand da ist, der ein Versprechen daraus ableitet, selbst, wenn der Schöpfer dieser Idee nicht mehr lebt oder gar nicht mehr genau auszumachen ist, wie das ja bei den besten, großen Ideen der Fall ist, welche die Menschen im Geiste durch das miteinander verbindet, was man auch Seelenverwandtschaft nennt.

Doch eben diese Seelenverwandtschaft habe Becker im Verhältnis zu Salzmann nicht mehr gespürt, und er war nicht willens, ihren Verlust durch eine faktische Verwandtschaft zu ersetzen, ganz abgesehen davon, daß er eben zu jener Zeit seiner Zukünftigen bereits begegnet war.

Becker hatte die Zusammenarbeit mit Salzmann aufgekündigt. Die beiden konnten sich schwerlich aus dem Wege gehen, also blieben sie auf höflicher Distanz, aber sie waren fortan nicht besonders gut aufeinander zu sprechen. Das war auch der Zeitpunkt, als Becker einen Schlußstrich unter seine bisherige Laufbahn zog und sich als Journalist und Buch- und Zeitungshändler selbständig machte. Er heiratete die Pfarrerstochter aus Elmleben im Schwarzburgischen, und sie haben drei Söhne und drei Töchter, alles prächtige Kinder.

Noch einmal zurück zu meiner Schulzeit in Schnepfenthal. Salzmann gab von Anbeginn eine Zeitschrift heraus, die "Der Bote aus Thüringen" heißt, und die jetzt, da ich dies schreibe, noch existiert, wenn auch, wie ich hörte, nur in einer geringen Auflage. Damals hatte "Der Bote" eine beachtliche Zahl von Abonnenten, er ging bis nach Amsterdam und Königsberg. Man muss feststellen, daß die Schnepfenthaler pädagogische Anstalt weit über die Grenzen des Herzogtums hinaus Interesse fand.

Das lag wohl unbestritten auch an Salzmann's literarischem Talent. Die meisten seiner Theorien hatte er in ebenso unterhaltsame wie lehrreiche "Romane" gekleidet und sie dadurch sicher besser verbreiten können als vom Katheder herab; selbst Analphabeten können sich vorlesen lassen. Gedruckt wurde "Der Bote" in der anstaltseigenen Druckerei, und zu meinem Glück war ich während meiner Zöglingszeit dort als Gehilfe tätig.

Ich lernte etwas über Buchdruck und - was mich noch mehr beschäftigte - über die drucktechnischen Verfahren, mit denen man Abbildungen aufs Papier bekommt, also zum Beispiel Holz- und Kupferstich. Es gab eine kleine Sammlung von Kunstdrucken, worunter mich besonders einige Blätter von Rembrandt faszinierten, die zwar Kopien waren, mir aber außerordentlich "echt" erschienen. Außerdem waren da fünf oder sechs Holzstiche von Lucas Cranach, die ich immer wieder eingehend betrachtete und mich dabei fragte, wie in aller Welt man so feine Zeichnungen mit Strichen, die kaum Haaresbreite hatten, in ein Holzbrett ritzen kann.

Unter den Beiträgen für den "Boten" waren auch welche aus der Naturkunde. Die verfasste überwiegend der Johann Bechstein aus Waltershausen, der ein trefflicher Forstmann war. Von ihm habe ich viel über die "Drei Reiche der Naturgeschichte" erfahren. Ich durfte ihn manchmal in der kleinen Schar seiner ausgewählten Schüler auf seinen "Exkursionen" begleiten, die wir von Waltershausen aus in die Umgebung unternahmen. Er konnte einen auf Schritt und Tritt auf irgendetwas aufmerksam machen, das sich am Wegesrand befand, und wir waren mitunter nach zwei Stunden kaum eine Meile vorangekommen, weil er uns allenthalben einen Vortrag hielt: über den Muschelkalk und seine Fossilien, über das gefleckte Knabenkraut und seine Inhaltsstoffe, über die Weinbergschnecke und ihr ambivalentes Geschlecht, und immer wenn gerade ein Vogel über uns hinwegflog, nannte Bechstein seinen lateinischen Namen und grüßte ihn mit einem Wink, als sei er ein alter Bekannter.

Seine Beiträge befassten sich dementsprechend mit dem Hausmarder, mit Sternschnuppen, mit diversen Aberglauben, mit der Franzosenkrankheit bei Rindern, mit der Elektrizität, mit Kranichen, Hamstern und Giftschlangen oder mit der Verwendung von Feuersteinen für Batterieschloss Gewehre.

Irgendwann hatte ich angefangen, zu seinen Artikeln kleine Skizzen anzufertigen, zuerst nur zum Vergnügen, dann immer mehr mit der Absicht, das Geschriebene mit einer Zeichnung zu veranschaulichen. Es gelang mir immer besser, und dann machte der Drucker beim "Boten" Salzmann persönlich auf meine kleinen Kunstwerke aufmerksam, und Salzmann gab mir tatsächlich den Auftrag, für einzelne Beiträge die Illustrationen als Vorlage zu zeichnen, welche dann in Kupfer gestochen wurden.

Am liebsten hätte ich mich bei der renommierten Mal- und Zeichenschule in Weimar zur Unterweisung beworben, aber Weimar war zu weit, und so vervollkommnete ich meine Fertigkeiten autodidaktisch. Immerhin durfte ich nach meiner Schulzeit weiterhin in der Druckerei aushelfen.

Ich zeichnete auch Bilder zu historischen Ereignissen, ich hatte das Gefühl, Figuren und Bewegungen wären meine Stärke. Ich zeichnete Cäsar, wie er im Senat von Brutus und Cassius ermordet wird, er verdrehte dabei erschröcklich die Augen. König Attila, den Hunnenführer, inmitten des Gemetzels auf den Katalaunischen Feldern (dafür hatte ich extra auf dem Gothaer Krahnberg Geländestudien angefertigt). Die Krönung Karls des Großen. Die Schlacht bei Tannenberg. Die Jungfrau von Orleans nach ihrer Gefangennahme (als Modell überredete ich meine jüngere Schwester Anna, sie verlangte, "nicht gar zu traurig" auszusehen).

Ich war auch viel unterwegs, um Pferde und Leute bei der Arbeit zu skizzieren und alle möglichen Gerätschaften; ich bekam sogar Zutritt zum Zeughaus am Tenneberg, wo allerhand alte Waffen und Rüstungen lagerten. Der greise Knecht war so hilfsbereit, daß er alles herbei- und wieder fortschleppte, und er war stark beeindruckt von meiner Kunst.

Ich erkannte, daß es bei diesen historischen Darstellungen stets einen ganz bestimmten Moment gibt, der das Geschehen sozusagen zusammenfasst und alles, was vorher und danach geschah, auf gleichsam ergänzende Weise miteinschließt. Freilich weiß ich inzwischen, daß diesen Moment Lessing in seinem "Laokoon" ausführlich beschrieben hat. Aber ich war auch selbst daraufgekommen, und ich freute mich ungemein, als ich es bei Lessing wiederfand.

Bei der Salzmann'schen Druckerei war auch ein Buchbinder beschäftigt, und der fertigte regelmäßig gebundene Exemplare von losen Blattsammlungen oder von Dokumenten an, unter anderem auch für die herzogliche Bibliothek im Gothaer Schloss. Ich habe mir ein paar Groschen hinzuverdient, indem ich diese Bücher auslieferte.

Eines Tages hatte ich grade einen solchen Botendienst erledigt, als mich auf dem Gang der Bibliothek ein älterer Herr ansprach. "Junger Mann, können Sie mir zehn Minuten Ihrer Zeit opfern?" Ich sagte, ich sei kein Mitarbeiter der Bibliothek, aber es schmeichelte mir ein wenig, daß er mich so höflich fragte, obwohl ich wie ein gewöhnlicher Laufbursche aussah. "Das ist auch nicht erforderlich", erwiderte er, "Sie möchten nur einmal hier auf die Leiter steigen und mir eine Mappe herunter reichen." Er wies in den Raum, aus dem er gekommen war. Ich sagte "Selbstverständlich, gern", und folgte ihm.

Es war einer der Bibliotheksräume von Herzog Ernst, und er war an den Wänden (außer wo sich die Fenster und Türen befanden) bis an die Decke mit Regalen voller Bücher und besagten Mappen angefüllt, so viel, wie ich noch nie auf einen Haufen gesehen hatte. "Es ist nämlich so: mein rechtes Bein ist durch eine Kriegsverletzung versehrt, und ich bin schon mal von so einer Leiter herunter gepurzelt und habe mir schlimme Blessuren dabei geholt." "Das wollen wir natürlich nicht wiederholen", sagte ich entschlossen, kletterte hoch, und er dirigierte mich an die Mappe, die er meinte. Ich zog sie heraus, aber ich war überrascht, wie schwer sie ist und wäre beinahe selbst herunter gefallen. "Vorsicht!", rief er und streckte die Hände nach mir aus, "wenn Sie fallen und sich den Hals brechen, muss ich Sie hier irgendwo verschwinden lassen." Es war nicht zu erkennen, ob er das ernst meinte.

Wir legten die Mappe auf den Tisch in der Mitte des Raums, und er öffnete sie. "Ach herrje!", murmelte er. Ich sagte "Lassen Sie mich raten: es ist die falsche." "In der Tat." "Macht ja nichts", sagte ich und bugsierte sie wieder hinauf. "Welche nehmen wir jetzt?" Er ließ mich ein paar antippen. "Ja, diese! Das müsste sie sein", versicherte er. "Es ist wirklich ärgerlich. Wie oft habe ich seiner Durchlaucht, dem Herzog, schon gesagt, er soll seine Bestände inventarisieren, aber er behauptet, niemanden zu finden, der dafür geeignet wäre." "Das ist bestimmt auch nicht ganz einfach", sagte ich, während wir die Mappe ablegten. "Wie heißen Sie, junger Mann?" Ich nannte meinen Namen, er sagte "Ich bin Nikolai Davidowitsch Merschkow."

Er löste das Band, klappte den Deckel auf, legte ein Seidenpapier beiseite, und da kam ein Blatt mit einem Kupferstich zum Vorschein, dessen Anblick mir fast die Augen herausfallen ließ. "Was ist das?", fragte ich. "Oh, das ist von einem englischen Künstler namens William Ryland." Ich war überwältigt. Auf dem unteren Rand stand der Titel des Bildes: Lady Gray bittet König Edward IV. um die Rückgabe des Besitzes ihres verstorbenen Mannes:

Rechts hat sich auf einem Knie eine Dame vor einem aufrecht stehenden Mann in einer Art Jagdkleidung mit federgeschmücktem Hut niedergelassen, der ihre Hand hält, als wollte er sie zum Aufstehen bewegen; zwischen ihnen posiert ein lieblicher Knabe. Hinter der Dame, zum rechten Rand hin und ins Innere des Raums sind andere Frauen zu sehen, die offenbar über die Geste der beiden Hauptfiguren tuscheln, während auf der anderen Seite, wo es ins Freie geht, zwei Männer das gleiche tun; vor ihnen beobachten zwei Windhunde den Vorgang. Man spürte förmlich das Atmen, den Puls der Personen, man konnte sie flüstern hören, man erlebte, wie Lady Grey demütig die Augenlider senkt, wie der König wohlwollend ihre Hand nimmt, man sah die Hunde mit dem Schwanz wedeln und auf den Befehl ihres Herrn lauern.

Merschkow hob behutsam das Blatt und legte es neben die Mappe, lüftete ein weiteres Seidenpapier, und darunter lag ein zweiter Druck, der ebenso außergewöhnlich war und wie aus dem ersten durch wunderbare Verwandlung der Szene hervorgegangen schien, als hätten alle Beteiligten ihre Rollen gewechselt.

Eleonore von Kastilien saugt das Gift aus der Wunde ihres Gatten König Edward I. - Edward sitzt, offenbar unmittelbar nach dem Kampf, seiner Rüstung entledigt, halbnackt, nur mit einem Tuch über den Lenden und ohne jegliche Zeichen der Königswürde in einem Zelt, und über seinen ausgestreckten rechten Arm (also links neben ihm) beugt sich Eleonore im langen weißen antiken Gewand, und drückt ihren Mund auf seine Wunde. Noch weiter links stehen zwei Frauen, die halb gebannt und halb entsetzt das Geschehen verfolgen, und ganz am Rand, im Hintergrund, wo das Zelt sich öffnet, drängeln sich Soldaten mit Helm, und einer von ihnen ist offenbar beim Anblick der beherzten Behandlung ohnmächtig geworden.

"So geschehen beim Angriff auf Jerusalem", erläuterte Merschkow lakonisch und fügte hinzu "wahrscheinlich handelte es sich um einen vergifteten Pfeil, der den König am Unterarm verletzt hatte."

Ich kann es nur vage beschreiben. Es war nicht bloß diese vollkommene Komposition, diese Spannung, diese Lebendigkeit, die mich wie mit magischer Kraft hineinzuziehen schien, es war vor allem die unglaubliche Ausgewogenheit im Spiel der Kontraste, ein Zauberwerk von Grautönen, vom dunkelsten Schatten bis zum hellsten Licht, mit einer Schärfe und Tiefe und doch mit einer Weichheit, die etwas Samtiges an sich hatte.

"Wie, sagten Sie, heißt der Künstler?" "William Ryland." "Lebt er noch?" "Nein, er ist seit zwanzig Jahren tot. Er nahm ein unrühmliches Ende." "Inwiefern?" "Er hatte Wertpapiere der Britischen Ostindien Company gefälscht und wurde geschnappt. Er hat versucht, sich die Kehle durchzuschneiden, wurde aber wiederbelebt und dann ordnungsgemäß hingerichtet." "Wieso hatte er das getan? Mit seiner Kunst muss er doch genügend Geld verdient haben?" "Vielleicht nicht genug. Er hatte ein Laster: er war spielsüchtig. Womöglich musste er seine Schulden begleichen. Nun ja", meinte Merschkow, "man sollte nicht glauben, ein großer Künstler wäre automatisch auch ein tugendhafter Mensch. So wie eine schöne Frau nicht zwangsläufig auch liebenswürdig sein muss, nicht wahr? Wir wünschen uns das bloß."

Ich beugte mich wieder über die beiden Blätter. "Was für eine Art von Kupferstich ist das?" "Man nennt es Mezzotinto, es ist sehr aufwändig, es gehört viel Können dazu. Es gibt von diesen Motiven auch Abzüge als Rötelstiche, doch die sind bei weitem nicht so spektakulär wie diese hier. Haben Sie ein Verständnis für solche Dinge, junger Mann?" Ich sagte ihm, daß ich mich im Zeichnen versuche, freilich nur als Dilettant.

"Hm", machte er und deutete auf die Drucke, "lassen Sie sich davon nicht einschüchtern. Es gibt alle fünfzig Jahre vielleicht fünf oder sechs Menschen, die so etwas zustande bringen, Sie werden höchstwahrscheinlich nicht dazu gehören. Aber schließlich sollte jeder Künstler einen anderen haben, dem er nacheifern kann, ohne ihn jemals auch nur annähernd zu erreichen. Nur das ganz große Genie hat direkten Kontakt zu den Musen, alle anderen brauchen Mittelsmänner."

Nikolai Davidowitsch Merschkow kam aus Weimar, er war so etwas wie ein Sachverständiger für Kunst und auch Kunsthändler, der es mit seinen Gutachten und Geschäften zu einigem Vermögen gebracht hatte. Er war wie gesagt nicht mehr der jüngste, er hatte weißes Haar und ausgeprägte Gesichtszüge, er hatte eine vornehme, eine kultivierte Art, ein enormes Wissen und ein untrügliches Urteilsvermögen, das ihn manchmal zum Sarkasmus verleitete.

Er fand immer genau den Punkt, wo, wie er sagte: etwas "nicht stimmig" war, er hatte einen Riecher für Wahrhaftigkeit in der Kunst, und ebenso für jeden Versuch von Stümperei und Scharlatanerie. Er hatte schon einige Fälschungen aufgedeckt und reiche Sammler vor Verlustgeschäften gewarnt. Er sagte, Kunstwerke sind die teuersten Gegenstände der Welt, und jeder, der, wie er, sein Leben damit verbindet, habe die Pflicht, die Kunst bewahren zu helfen und rein zu halten, sie vor der Rohheit des Pöbels zu schützen und vor dem Missbrauch durch jene, die sie zu einer Hure der Gier und des Reichtums machen wollen.

"Für die meisten Menschen", sagte Merschkow, "ist die Kunst wie eine Krankheit, sie fürchten sich davor und sie suchen nach dem Arzt, der die Mittel kennt, sie davon zu erlösen. Sie geben das nicht zu und weisen jede Furcht von sich, die Frauen sagen: 'Oh! Dieses Gemälde bringt in mir etwas zum Schwingen!' Und die Männer sagen daraufhin: 'Ich werde mal schauen, ob ich jemanden finde, der uns das erklären kann.' Sie laufen ins Museum, weil sich dort am Eingang eine Schlange gebildet hat, und sie gehen wieder hinaus, wenn ihr Magen anfängt zu knurren."

Merschkow hatte keine allzu hohe Meinung vom Publikum. Vielleicht war das andererseits der Grund, daß er sich umso mehr über jeden freute, der tiefer in die Geheimnisse der Kunst eindringen wollte oder der, wie er sagte: wenigstens die besseren Fragen stellt. Er hatte mir die Technik des Mezzotinto erklärt, mit denen William Ryland seine Stiche drucken ließ. Aber es war mir nicht ganz klar geworden.

"Wenn man zuerst durch das Aufrauhen der Platte eine gleichmäßige Schwärzung bewirkt, und dann die helleren Partien dadurch erzeugt, daß man die Vertiefungen sozusagen wieder abschleift, damit sie weniger Schwärze aufnehmen, dann sinken doch letztlich die hellsten Stellen am tiefsten ein und die ganze Platte müsste uneben werden und das Papier sich wie auf Wellen darauf legen." "So ist es auch", erwiderte Merschkow, "weshalb es allmählich zu Verformungen kommt. Die sind natürlich bei den ersten Abzügen ganz unscheinbar, aber am Ende wirken sie sich doch aus, und deshalb gibt es von diesen Drucken auch nur geringe Auflagen, was natürlich ihre Rarität erhöht. Man geht auch immer mehr dazu über, die Platte zu ätzen und die hellen Partien mittels eines Harzes von der Ätzflüssigkeit freizuhalten, wodurch die Platte eine gleiche Höhe behält und nur, wie bei der herkömmlichen Radierung, die Vertiefungen verschieden sind. Aber die Ätzung erzeugt eine ganz andere Struktur als die Körnung beim Mezzotinto. Das sind Entscheidungen, die jeder Künstler für sich selbst treffen muss."

Ich schaute noch einmal genau auf die Blätter und sagte "Daher kommt es, daß die hellen Partien ein wenig erhaben sind, das ist raffiniert." Merschkow meinte "Gut beobachtet, junger Mann. Es wirkt wie ein Relief, das gewöhnliche Auge bemerkt den Effekt kaum, aber das Licht, das darauf fällt, ist empfindlich genug, ihm zur Geltung zu verhelfen. Vermutlich hat William Ryland gerade deshalb diese Technik so geschätzt."

Nikolai Davidowitsch lud mich ein, ihn in Weimar zu besuchen, er bezahlte mir die Fahrt. Er bewohnte eine Villa auf halber Strecke nach Belvedere, die er sich im Stil des Petersburger Klassizismus hatte erbauen lassen. Sie war ein bisschen zu groß für ihn, aber er wollte sich das gönnen, er dachte wahrscheinlich, daß dies seine Wohnstatt bis ans Ende des Lebens sein sollte. Und wenn sie auch zu viele Räume hatte, in denen nichts als Stille hauste, so war es doch ein sicherer Ort für einen Mann, der ein bewegtes Leben hinter sich hatte.

Auf dem Grundstück befand sich, hinter dichten, immergrünen Eibensträuchern ein Kornhaus, das über zweihundert Jahre alt und einer der triftigen Gründe war, weshalb Merschkow sich diesen Ort ausgesucht hatte. Hier verwahrte er seine eigene Kunstsammlung. Die große, schwere Eisentür war mit drei Schlössern gesichert, Fenster gab es nur hoch oben an den Außenwänden, und sie glichen eher Schießscharten. Aus einer beiläufigen Bemerkung hatte ich herausgehört, daß es einen unterirdischen Gang zwischen der Villa und dem Kornhaus gebe, aber Merschkow hat ihn mir nie gezeigt.

Das Kornhaus war aus bestem Sandstein erbaut. "Ich habe mir schon so etwas gedacht:", sagte er, "die Leute damals mussten dafür sorgen, daß das Korn nicht schimmelte und daß möglichst beständig eine bestimmte Trockenheit und Temperatur herrschen. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber es gibt ein ausgeklügeltes Belüftungssystem, ich glaube, das haben die Leute damals bei den mährischen Katakomben abgeguckt, wo man die Leichen auf natürliche Weise mumifizierte. Und im Winter kann durch eine Holzfeuerung, die übrigens äußerst sparsam und effektiv ist, die Temperatur konstant hoch gehalten werden."

Man konnte sehen, daß er stolz auf sein "Kornhaus" war, wie er es weiterhin liebevoll (und auch zur Tarnung) nannte. Alle diese technischen Vorkehrungen waren getroffen, damit seine Kunstwerke ja keinen Schaden nähmen. "Denn bei aller Verewigung, die man der Kunst zutraut", sagte Merschkow, "ihre schlimmsten Feinde sind die Jahreszeiten mit ihrem jähen Wechsel von Hitze und Kälte, von Feuchte und Trockenheit, von schwüler und stickiger Luft und mit den Heerscharen von unsichtbaren Organismen, die auf Dauer alles vertilgen, was nicht niet- und nagelfest ist."

Er hatte sich weiträumige Regale einbauen lassen, die man über einfache Holztreppen bis zur Höhe erreichen konnte. Auf jeder Etage gab es Galerien, und durch schlau konstruierte Dachöffnungen, die natürlich gegen Niederschlag geschützt waren, kam ausreichend Licht herein. Irgendwie war Merschkows Kornhaus Kirche, Burg und Tempel in einem. Er lachte beinahe verschmitzt, als ich ihm dies so sagte.

Er hatte beinahe täglich Besuch. Sie hielten sich in seinem riesigen Arbeitszimmer auf, dessen Fensterfront zur Allee zeigte, nur ein paar große Platanen verdeckten die Sicht. Es kamen Bekannte, die auf der Durchreise in Weimar Station machten, Freunde, mit denen er regelmäßig zusammentraf, Geschäftspartner, die selbst Kunsthändler waren, Abgesandte von Fürsten oder Adligen, die deren Sammlungen verwalteten, oder reiche Leute, die sich ihr Heim mit einem Kunstwerk schmücken oder es jemandem zum Geschenk machen wollten. Zeitweise herrschte reger Verkehr in seiner Villa, und ich dachte bei mir, Merschkow würde, trotzdem er den schnöden Mammon verabscheute, glänzende Geschäfte machen.

Einmal waren so viele Kunden da, daß er es kaum schaffte, sie abzufertigen. Er bat mich, im Kornhaus einige Werke herauszusuchen, gab mir einen Zettel mit Nummern, und Dank der klaren Beschriftung an den Regalen konnte ich das Gewünschte rasch finden und brachte es nach vorn.

Am späten Nachmittag, als der Letzte gegangen war, spendierte Merschkow mir einen französischen Cognac. Wir plauderten über dies und das, tranken einen zweiten, dritten, vierten ... Er sprach über seine Zeit, als er für Napoleon gearbeitet hatte. Er erzählte, wie sie Leonardo's Mona Lisa in seinem Schlafzimmer aufgehängt haben und wie Napoleon dann sagte 'Meine Herren, verlassen Sie jetzt den Raum'. Merschkow fragte mich "Können Sie sich vorstellen, Karl, in einem Bett zu liegen mit Blick auf die Mona Lisa?" Ich sagte "Vorstellen schon. Aber ob ich es mir wünschen würde? Ich glaube, ich wäre ihr nicht gewachsen."

Genaugesagt war Merschkow dem Dominique Vivant Denon unterstellt gewesen, dem Generaldirektor des Musée Napoleon, den er schon Ende der siebziger Jahre in Petersburg kennengelernt hatte. "Denon hat für den Kaiser so gut wie alles ausgewählt, was der auf seinen Kriegszügen erbeutet und nach Paris geschafft hat", erklärte Merschkow.

"Er hat ein phänomenales Wissen, was die Kunst betrifft, obwohl er eigentlich Archäologe ist. Wenn Napoleon hier einmarschiert - was bei den gegenwärtigen Entwicklungen in Europa durchaus wahrscheinlich ist - dann sollten wir schnell ein paar Sachen im Keller verschwinden lassen, denn ich vermute, Denon hat sie schon auf seiner schwarzen Liste notiert. Und wenn die Grande Armée erst mal an der Ilm steht, wird es schwierig werden, mit ihm über Preise zu verhandeln."

Irgendwann fragte mich Merschkow, ob ich für einzelne Objekte eine kurze Expertise erstellen könnte, die man den potentiellen Kunden offerieren würde. Er hatte ähnliches schon selber verfasst, aber es kostete ihn zuviel Zeit. "Versuchen Sie es einfach mal", sagte er, ohne eigentlich meine Antwort abzuwarten, "ich habe hier fünf Sachen aufgeschrieben, da ist auch ein Cranach dabei: Porträt der Sibylle von Cleve. Die hat, wie Sie sicher wissen, in Gotha auf dem Grimmenstein gelebt." Ich wusste das natürlich nicht, nickte aber beflissentlich.

Eines Tages, als ich im Kornhaus auf der zweiten Galerie nach einem Bild von Wilhelm Tischbein suchte, stand plötzlich ein Mädchen neben mir. "Was machen Sie eigentlich hier?", fragte sie, als wollte sie mich kontrollieren. Sie hatte braune Haare, dunkle Augen und ein hübsches Gesicht. Ich war ihr schon ein paarmal in der Villa begegnet. Sie hieß Delaja. Sie hatte auch einen kleinen Bruder namens Marius. Die beiden waren Merschkows Enkelkinder.

Die Mutter, Merschkows Tochter, kränkelte vor sich hin und befand sich die meiste Zeit in einem der böhmischen Kurbäder. Ich hatte sie einmal hier gesehen und wusste sofort, daß sie nicht dorthin fuhr, um Heilung zu suchen. Ihr Mann (und Vater der beiden) war leitender Ingenieur in einer Tuchfabrik in Apolda, er kam dann und wann vorbei, und der Kleine freute sich riesig, aber ich hatte beobachtet, daß sich Delaja aus dem Staub machte. Merschkows Haushälterin Marianne musste sie suchen, und kurz bevor sich der Vater wieder verabschiedete, tauchte Delaja doch noch auf und nahm - eher gelangweilt - sein kleines Präsent entgegen. Immerhin gab sie ihm einen Schmatz auf die Wange und versprach, beim nächsten Mal die Zeit mit ihm zu verbringen.

Wenn Delaja aus Neugier zu mir kam, um mir zuzuschauen oder mir hochnotpeinliche Fragen zu stellen, und Nikolai Davidowitsch war in der Nähe und sah uns, dann rief er zu uns herüber "Delaja! Täubchen! Lass' den Fremden in Ruhe." "Wieso nennt Sie mein Großvater einen Fremden?", wollte sie wissen. "Vielleicht denkt er, ich wäre jemand, der dich entführen will", gab ich scherzhaft zur Antwort. "Wie bei Mozart?", fragte sie. "Wie bei Mozart?" "Die Entführung aus dem Serail, kennen Sie das nicht?" "Ja, gewiss doch. So in etwa."

Wenig später, als ich mit Merschkow einige Angelegenheiten besprach, sagte er "Wieso haben Sie mich Bassa Selim genannt?" "Bitte?" "Meine Enkelin sagte mir, Sie hätten mich Bassa Selim genannt." "Nein, das war ein Missverständnis ... ich hatte ... sie wollte ..." "Großvater! Kannst du mir den Fächer mit den Pfauenfedern leihen?" Delaja war in der Tür erschienen und hatte mich aus der Verlegenheit geholt, in die sie mich vorher gebracht hatte.

Ihre Lieblingsbeschäftigung war es, sich auf orientalische Art zu verkleiden. Sie erschien im Garten in hauchzarten, himmelblauen Pluderhosen und einem Oberteil, das grade bis zum Bauchnabel reichte. Manchmal trug sie einen Turban: ein gestreiftes Tuch, das sie sich selber kunstvoll um den Kopf gewickelt hatte, oder einen Schleier, der ihr über die Augen fiel, und eine Kette aus Münzen, die sie mit Hammer und Nagel durchlöchert und aufgefädelt hatte.

Am liebsten ging sie barfuß, und auf ihre niedlichen Zehennägel hatte sie Tropfen von Kuvertüre fallen lassen, die sie aus der Küche stibitzte. Wenn es das Protokoll verlangte, hüllte sie sich in ein schleierartiges, halbdurchsichtiges Gewand, schlüpfte in Pantöffelchen mit Bommeln an den Spitzen, und ihre Hände steckten in weißen Seidenhandschuhen. Man konnte die jungen Rundungen an ihrem Körper erahnen, und sie hatte sich vergewissert, daß Nikolai Davidowitsch grade nicht da war. All' die schönen, bunten Tücher und Stoffe hatte sie von ihrem Papa aus der Fabrik bekommen.

Sie hatte einen kleinen Handwagen zur Prunk Karosse der Königin von Saba ausstaffiert. Der alte Hund Nepomuk wurde davor gespannt und musste Dejala durch den Garten zerren, sie schnürte ihm fast den Hals dabei ab. Sie schleppte die Orangen- und Zitronenbäumchen aus dem Wintergarten ins Freie und baute eine "Triumph Allee". Ihr kleiner Bruder Marius musste ihr mit dem langen Fächer aus Pfauenfedern Kühlung verschaffen und dabei auf einer tönernen Wasserpfeife zwitschern; sie ernannte ihn zu ihrem "General Eunuchen", und Gott sei Dank wusste er nicht, was das ist.

Marius fing an, mit dem Fächer Schmetterlinge zu jagen, und als sie am Boden lagen, schlug er so lange darauf herum, bis sie nicht mehr zuckten. Als die Pfauenfedern staubig und zerfranst waren, schaffte Delaja den Fächer heimlich wieder in Merschkows Zimmer. Als es draußen brütendheiß war, erschien Delaja nur im Lendenschurz und einem schmalen Tuch um die Brust und planschte eine Weile in dem Wasserbecken herum, das hinter der Villa zwischen Buchsbaumhecken lag. Sie versuchte, die Goldfische zu fassen und sie kreischte, wenn sie ihr aus den Händen glitschten.

Sie half mir bei der Katalogisierung der Sammlung ihres Großvaters. Sie kam jedesmal in einem neuen Kostüm, eins phantastischer als das andere. Sie war in eine Wolke aus betörenden Düften gehüllt. Sie brachte uns zur Erfrischung kalten schwarzen Tee mit Jasmin Aroma in Gläsern mit Goldrand, und sie sagte "Löschen Sie Ihren Durst, Karl, vor uns liegt noch ein hartes Stück Arbeit."

Delaja war von einem Hauslehrer unterrichtet worden, anscheinend mit wenig Erfolg. Als sie zehn war, konnte sie noch nicht zusammenhängend vorlesen. Merschkow führte mit dem Lehrer mehrere Aussprachen, der behauptete, im Unterricht könne sie fließend lesen, sogar französische Texte. Merschkow erzählte: "Aber hier am Schreibtisch stotterte sie sich mühsam etwas ab. Es war fürchterlich, wir dachten schon, sie wäre geistig zurückgeblieben." Offenbar kam keiner auf die Idee, daß Merschkow einmal dem Unterricht beiwohnte. Sie behauptete, der Lehrer sei Schuld, er könne ihr nichts beibringen. Merschkow musste ihn entlassen.

Fortan ging Delaja in die städtische Schule. Es gefalle ihr dort ganz gut, sagte sie. Marius erzählte mir, wenn der Vater sie besuchte und ihr Zeugnis sehen wollte, sagte sie immer, sie hätte es irgendwo hingelegt und könnte es jetzt nicht finden. Aber sie konnte gut lesen und war auch sonst ein helles Köpfchen, Marius sagte sogar, sie würde heimlich für sich lernen.

Als ich schon eine Weile bei Merschkow war, tauchte Delaja fast täglich bei mir auf. Wir saßen manchmal auf der Balustrade vorn neben der Freitreppe, wo man über die Hecke hinweg einen Blick auf die Allee nach Belvedere werfen und alles beobachten konnte, das vorbeikommt. Merschkow war oft außer Haus. Marianne kam und fragte Delaja, ob sie denn nicht in der Schule sein müsste, und Delaja erwiderte "Aber Marianne, weißt du nicht, daß Herr Tandlop mein neuer Hauslehrer ist! Wir sprechen gerade über Goethe's Metamorphose der Pflanzen, bitte stör' uns nicht."

"Was sollte das denn?", fragte ich sie, als Marianne wieder weg war, "ich bin nicht dein Hauslehrer." "Ja, aber Sie könnten so tun, Karl. Mir zuliebe." "Das werde ich nicht. Ich werde deinen Großvater nicht anlügen." Delaja sagte "Dann werde ich Nikolai Davidowitsch erzählen, daß Sie versucht haben, mich zu küssen." "Bist du noch bei Trost!"

Ich hatte das so scharf gesagt, daß sie zusammenzuckte. Sie schwieg und baumelte missmutig mit den Beinen, dann wischte sie sich mit der Hand schnell über die Augen. Schließlich sagte sie "Und wenn ich älter wäre." Ich zögerte, dann knurrte ich "Ja, wenn du älter wärst, vielleicht. Aber nicht auf die Art! Ich lass' mich doch nicht erpressen." "Ich mach's nicht wieder. Schwamm drüber. In Ordnung?" "In Ordnung. Und du gehst zur Schule."

Delajas Lieblingslektüre waren natürlich die Geschichten aus Tausend und eine Nacht. Sie hatte eine schöne Ausgabe von Antoine Galland, die der Großvater besorgt und der Vater ihr geschenkt hatte, und sie hatte sich eine Liste angefertigt, wo sie für bestimmte unbekannte Wörter kurze Erklärungen notiert hatte. Wo sie die gefunden habe, fragte ich sie. "In der Bibliothek der Herzogin Mutter gibt es ein Wörterbuch." "Wie bist du da reingekommen?" "Durch Beziehungen", sagte sie nicht ohne Stolz. "Hast du dafür die Schule geschwänzt?", fragte ich, und sie entgegnete "Wollen Sie sich über mich lustig machen, Karl?"

Auf der Liste standen Wörter wie Moschee, Karawane, Sultan, Derwisch, Harem, Haschisch, Dschinni, sadsarat ar rumman - der Granatapfelbaum. "Was ist eigentlich ein Asket?", fragte sie. Ich sagte "Jemand, der mit nur ganz wenig zum Leben auskommt." "Und ein Mystiker?" "Einer, der sich unentwegt Gedanken über Gott macht und über Jesus Christus." "Also so etwas wie ein Pastor." "Nein. Pastor ist ein Beruf, ein Pastor hat seine Gemeinde, für die er sorgen muss. Ein Mystiker kümmert sich um gar nichts, außer um die Frage, wie der göttliche Geist zu den Menschen kommt."

"Macht er sich auch Gedanken über die Gottesmutter?" "Über die Jungfrau Maria?" "Nein, ich meine über die Gottesmutter." "Die Gottesmutter ist doch die Jungfrau Maria", sagte ich. "Na wieso heißt sie dann so verschieden?", fragte Delaja beinahe verärgert, ich merkte, daß sie das schon lange beschäftigte. Ich sagte "Jungfrau Maria ist sie sozusagen als Mensch, als Frau, eine Jungfrau mit dem Namen Maria. Und Gottesmutter ist sie dadurch geworden, daß ihr leiblicher Sohn Jesus zugleich der Mensch gewordene Sohn Gottes ist." "Dann ist sie nicht die Mutter von Gott?" "Nein. Aber sie hat etwas Göttliches und etwas Mütterliches." "Und etwas Jungfräuliches", ergänzte Delaja. "Genau."

"Das heißt, sie hatte keinen Beischlaf mit Josef?" "Ähm ... Was verstehst du unter Beischlaf?" "Was verstehen Sie denn darunter?" Ich schaute mich um, ob Marianne eventuell in der Nähe ist, dann sagte ich "Ich denke schon, daß Maria Beischlaf mit ihrem Mann Josef hatte. Das bedeutet, daß sie nachts im Bett gelegen und sich geliebt haben ... also auf eine bestimmte Art und Weise geliebt haben, denn tagsüber haben sie sich natürlich auch geliebt, aber anders, nicht so körperlich. Beischlaf ist eigentlich nur ein anderes Wort für Zeugung, ein Kind zeugen, verstehst du?" "Ja, klar, ich bin ja nicht blöd."

"Das Verzwickte bei dieser Geschichte ist, daß ihr Sohn Jesus ohne Zeugung geboren wurde, darüber zerbrechen sich die Leute seitdem die Köpfe." "Dann ist Josef nicht der Vater von Jesus?" "Jedenfalls nicht der leibliche." Delaja dachte eine Weile nach, dann fragte sie "Hatte Jesus eigentlich noch Geschwister?" "Soviel ich weiß, sind keine bekannt. Warum fragst du das alles?"

Sie sagte "Nikolai Davidowitsch erzählt manchmal über die Gottesmutter von Wladimir, das ist eine sehr alte und wertvolle Ikone, wissen Sie, was eine Ikone ist?" Ich nickte. "Aber er redet immer so ... na ja - sie machte mit dem Arm eine kreisende Bewegung - so waberlaber rhabarber, kein Mensch wird schlau draus." "So kenne ich ihn gar nicht." "Sie kennen ihn ja auch gar nicht. Jedenfalls, und wenn ich ihn dann frage wegen Beischlaf und so, dann sagt er wie der Herr Weinröther: 'Delaja! Dafür bist du noch viel zu jung.'" "Wer ist der Herr Weinröther?" "Das war mein alter Hauslehrer. Der hatte auch keine Ahnung."

Nach unserer Unterhaltung hatte ich ein bisschen die Befürchtung, Delaja könnte Nikolai Davidowitsch davon berichten, aber das tat sie offenbar nicht. Dann kam sie mit Galland's Tausend und eine Nacht und einem Bündel Manuskript Seiten, und sagte "Karl! Übrigens hab' ich hier noch andere Geschichten, die auch dazu gehören, wollen Sie mal sehen?" "Ja, warum nicht", sagte ich, und ich spürte, wie sich meine Nackenhaare sträubten, als ich auf dem handgeschriebenen Blatt den Titel las: "Die Geschichte von der Frau und den drei Männern". Ich dachte schon, mein alter Schulkamerad Rudolf Franke hätte wieder angefangen, verdorbene Schriften unter der Jugend zu verbreiten. Aber dem war nicht so. Und als Beweis will ich hier diese kurze Geschichte wiedergeben:

In Kairo gab es eine Frau, die über alle Maßen schön und lieblich anzuschauen war. Sie ging eines Tages ins Bad. Da begegneten ihr unterwegs drei Männer. Die schauten sie an und sagten zueinander "Bei Gott, die ist anmutig! Mit ihr möchten wir uns vergnügen."

Sie warteten, bis die Schöne aus dem Bad kam und folgten ihr bis an ihre Wohnung. Sie bemerkte die drei Männer, drehte sich um und sagte "Was ist denn mit euch?" Sie antworteten "Schöne Frau, wir haben uns in dich verliebt und wollen uns mit dir vergnügen." "Das kann nicht schaden", erwiderte sie, "kommt nach Sonnenuntergang zu mir, und ihr werdet euern Spaß haben."

In ihrem Haus gab es eine Kammer voll Stroh, die hatte oben ein Fenster. Die Frau ging hinein und begann, das Stroh hoch aufzuhäufen, daß es bis ans Fenster reichte. Unten an der Tür aber war jetzt Platz, daß die drei Männer hineinpassten. Als sie damit fertig war, ging sie hinaus und wartete bis zum Sonnenuntergang.

Die drei Männer kamen, und als sie anklopften, öffnete ihnen die Frau und sagte "Mein Ehemann ist zu Hause. Wartet still in dieser Kammer, bis er sich zum Schlafen niedergelegt hat, dann komme ich zu euch."

Sie gingen in die Kammer, die Frau schloss leise die Tür ab, stieg hinauf an das Fenster, kletterte auf den Berg von Stroh und fing an, die drei damit zuzuschütten und hörte erst auf, bis die Männer darunter begraben waren. Sie wollten entkommen, doch sie fanden keinen Ausweg, und schließlich mussten sie unter der Last ersticken.

So sollte es allen Männern und frechen Burschen ergehen, die ein loses Mundwerk haben und immer wenn sie eine Frau oder ein Mädchen antreffen, gleich schlüpfrige Reden über sie führen und sie belästigen.

Am nächsten Morgen stand die Frau auf, öffnete die Kammer und zog den ersten heraus, schickte nach einem Totengräber und sagte zu ihm "Bei mir liegt ein Mann, der gestorben ist. Nimm' ihn mit und bestatte ihn." Sie gab ihm Geld, das sie den dreien abgenommen hatte, und der Totengräber begrub ihn auf dem Friedhof.

Am andern Tag holte sie den zweiten heraus und schickte nach dem Totengräber. Sie sagte "Der Mann, den du gestern mitgenommen hast, ist zurückgekehrt." Der Totengräber sagte "Wie ist das möglich?", und sie erwiderte "Vielleicht hat ihm das Grab nicht gefallen. Gib' ihm ein neues!" Und der Totengräber begrub den Mann an anderer Stelle.

Mit dem dritten verfuhr sie auf die nämliche Weise. Als aber der Totengräber mit der Leiche durch die Stadt zum Friedhof zog, wurde er von der Wache angehalten, und der Hauptmann fragte, was es mit dem Toten auf sich hätte. Der Mann erzählte alles, wie es sich zugetragen hatte, und der Hauptmann ging zum Haus der Frau und verhaftete sie.

So kam die Frau vor den Richter des Sultans, denn die Familien der drei Verstorbenen führten Klage gegen sie und behaupteten, sie hätte die Männer getötet. Aber die Frau leugnete alles und sprach "Hoher Richter des Sultans! Seht mich an! Mit diesen zarten Händen kann ich gerade mal einen Apfel vom Baum pflücken. Wie sollte ich schwache Frau gleich drei Männer auf einmal umgebracht haben. Ganz sicher sind sie auf natürliche Weise gestorben."

Der Richter sah, daß weder die Behauptung der Anklage noch die Verteidigung der Frau bewiesen werden konnten. Daher forderte er sie auf zu schwören, daß sie die Wahrheit sagt, und nachdem sie den Schwur abgelegt hatte, ließ er sie gehen.

Delaja hatte mir die Geschichte vorgelesen, und sie hatte dabei wirklich einen besonderen Ausdruck in ihre Stimme gelegt. Ich sagte, mir gefiele die Geschichte, und obwohl diese Frau drei Morde begangen hat, könnte man ihr doch schwerlich böse sein. "Das finde ich auch", meinte Delaja, "sie konnte ja auch nichts dafür, daß sie so schön ist und sich die Männer in sie verlieben", und ich musste an Merschkows Bemerkung denken, die er bei unserer ersten Begegnung gemacht hatte; irgendwie waren die beiden wohl auch im Geiste verwandt.

In der Nacht träumte ich, Delaja würde mir noch weitere Geschichten vorlesen wollen, die angeblich aus Tausend und einer Nacht stammen. Sie sagte "Karl! Kommen Sie doch heute abend nach Sonnenuntergang in mein Zimmer, ich erwarte Sie!" Und obwohl ich ein flaues Gefühl im Magen spürte, ging ich hin, und sie hatte Lichtlein und Räucherwerk entzündet und sich in bunte, durchsichtige Tücher gehüllt, und sie sagte "Hier ist die Geschichte von der tugendhaften Gemahlin des Richters von Baghdad, möchten Sie die hören?" Sie sah mich aus ihren dunklen Augen an, und ich wollte etwas erwidern, als die Tür aufging, und da stand der Hund Nepomuk, auf zwei Beinen, groß wie ein Bär und sagte "Karl! Ich habe Geräusche gehört, ich glaube, da sind Einbrecher im Kornhaus!"

Als wir einmal Pause machten und vorn auf der Ballustrate saßen und Jasmin Tee tranken, kam Delaja noch einmal auf die Erzählung zu sprechen, sie sagte "Solche Jungens, die gern dummes Zeug über ein Mädchen reden - da kenne ich auch einen." "So? Wen denn?" "Er heißt Franz Aubrich. Er wohnt in der Schlossgasse. Sein Vater ist im Rathaus ein hohes Tier."

Ich war mir uneins, ob ich Delaja fragen sollte, was dieser Junge über sie gesagt hat, deshalb meinte ich "Mach' dir nichts draus. Solche Jungs gibt es immer, die wollen nur von ihren eigenen Fehlern ablenken." "Ja, ich mach' mir aber was draus", entgegnete sie, "wir waren nämlich immer gut zueinander, und eigentlich dachte ich, er würde mich sogar mögen, aber dann ..." "Was ist denn passiert?"

Delaja schaute mich an, dann strich sie ihre Haare zurück, und man konnte ihr Ohr sehen, das oben eine Kerbe hatte, als wenn eine Ecke herausgeschnitten wäre. "Ich habe ihm das hier gezeigt", sagte sie trotzig, "und seitdem lacht er mich nur noch aus und redet schlecht über mich."

Ich versuchte ihr zu erklären, daß dieser kleine "Schönheitsfehler" unmöglich die Ursache für sein schäbiges Verhalten sein kann. "Was denn sonst?", fragte sie wütend. Ich sagte "Wenn er wirklich was für dich empfunden hätte, dann würde ihn das überhaupt nicht stören. Er würde darüber hinwegsehen und sagen 'Na und, für mich bist du trotzdem die Schönste." "Sie glauben, er hat es von Anfang an nicht ernst mit mir gemeint." "Da bin ich ziemlich sicher. Weißt du, guten Menschen geschieht es oft im Leben, daß sie sich in anderen täuschen oder von ihnen getäuscht werden, weil sie ... ich weiß nicht genau ... vielleicht weil sie selber zu sehr an das Gute im anderen glauben. Aber das hat der liebe Gott bei weitem nicht so reichlich verteilt, wie man sich das wünscht. Dein Großvater denkt da übrigens ganz ähnlich."

"Hm", machte Delaja, "wahrscheinlich haben Sie recht, Karl. Aber ich fand ihn eben toll, und ich kann irgendwie nicht begreifen, daß es mit uns so in die Hose gegangen ist." "Das war eine Erfahrung, Delaja. Auch aus Niederlagen kann man gestärkt hervorgehen. Beim nächsten Mal wirst du klüger sein."

Sie schenkte mir ein Lächeln, dann blickten wir auf die Allee und schlürften unsern Jasmin Tee. Ich sagte "Letztens habe ich geträumt, daß Nepomuk auf zwei Beinen stand und sich wie ein Bär aufgerichtet hat." Delaja lachte. "Unser Nepomuk? Der kann sich ja kaum noch auf allen vieren halten."

Auf dieser Allee war übrigens später auch häufig der Reisewagen der Erbprinzessin Maria Pawlowna zu sehen, wenn sie damit zwischen Schloss Belvedere und Weimar unterwegs war. Es war eine viersitzige Reisekutsche in einem dunklen Olivgrün mit gelb betonten Linien und dem russischen Adlerwappen an beiden Türen. Sie war sehr stabil gebaut, hatte sogenannte Schwanenhälse und einen an starken Lederriemen aufgehängten Wagenkasten. Er hatte zehnfach geblattete Stahlfedern, um auch längere Fahrten auf holprigen Wegen erträglich zu machen.

Man erzählte, daß sich im Innern ein Plumpsklo mit gepolstertem Rand befindet sowie ein Tresor für die Wertsachen. Überhaupt verfügte die Kutsche über jede Menge Stauraum für die Bagage, und wenn sie voll beladen war, hatten vier Pferde genug zu tun, sie voran zu bringen (bei der Ankunft des Prinzenpaars in Weimar waren sechs Rosse vorgespannt).

Wie sich herausstellte, hatten die Verhandlungen wegen einer Heirat des weimarischen Erbprinzen Carl Friedrich mit Maria Pawlowna bereits kurz nach Amtsantritt ihres Bruders Alexander als Zar eingesetzt. (Mein Chef Zacharias Becker hatte also durchaus eine richtige Ahnung gehabt, als er meinte, daß da "irgendwas im Busch" sei, als der Baron von Wolzogen im Auftrag der Weimarer nach Petersburg reiste und Becker mich zum Hofrat Schiller geschickt hatte, um näheres darüber zu erfahren - vergeblich, wie wir bereits gehört haben.)

Die Verhandlungen waren langwierig, man feilte an dem Ehevertrag, doch die Zeit verging wie im Fluge, und nachdem die beiden in Petersburg geheiratet hatten, waren sie (nach fünfwöchiger Reise) unter großem Jubel in Weimar eingezogen. Man hatte schon bei Eckartsberga, also weit vor den Toren der Residenz, angefangen, die Straße zum festlichen Empfang herauszuputzen. Alles wurde mit Girlanden und geflochtenen Kränzen, mit Tannenbäumchen (dem traditionellen Hochzeitssymbol) und mit bunten Blumen geschmückt.

Die Menschen, groß und klein, säumten den Weg und begrüßten das junge Paar. Husaren zu Pferde ritten stolz voran, und alles, was eine Uniform trug: Förster, Postillione, Feuerwehr entboten ihre Ehrenbezeugung. Blaskapellen schmetterten zünftige Marschmusik, Mädchenchöre sangen frohe Lieder, und die Heusdorfer Blockflötengruppe hatte extra eine russische Melodie einstudiert. Maria Pawlowna winkte ihnen mit strahlendem Lächeln zu.

Aus Holz, Gips und Pappmaschee, überzogen mit täuschend echt bemalter Leinwand, hatte man auf dem Schlossplatz einen Triumphbogen errichtet, sechsundvierzig Fuß lang und über zwanzig Fuß hoch, mit acht korinthischen Säulen und einem Fries mit Genien und Adlern, Kollossalfiguren und farbigen Reliefs, mit historischen Wappen und allegorischen Gestalten, und mit einem Willkommensgruß an unübersehbarer Stelle.

Vier Wochen zuvor war ein Tross mit der Aussteuer der Braut in Weimar angelangt: sage und schreibe achtzig vollgepackte Wagen mit Möbeln, Hausrat, Geschirr und Kleidern der Prinzessin. Mit Schränken und Kommoden aus Mahagoni, mit prunkvollen Sesseln, einem hundertteiligen Service aus der Petersburger Porzellanfabrik, Besteck aus Silber, Spiegelwänden und Gobelins, bemalten Tapeten. Kronleuchter aus Kristall. Vasen, Gläser und Schalen mit goldenem Dekor. Atlas-, Samt- und Seidenstoffe. Die komplette Ausstattung der "Russischen Kapelle", die für Maria Pawlowna eingerichtet worden war.

Alles wurde vor dem Eintreffen des Brautpaars zwei Wochen lang in nicht weniger als zehn Zimmern des Schlosses öffentlich (und natürlich gut bewacht) ausgestellt, einschließlich der hoheitlichen blütenweißen Leibwäsche, einer Toilettengarnitur aus zahllosen Accessoires und des Prunkbetts, das zwei geschnitzte und vergoldete Adler an den Ecken des Fußendes zierten. Den neugierigen Besuchern blieb der Mund offen stehen angesichts des Reichtums und des Glanzes, den eine achtzehnjährige Zarentochter in das Weimarer Ländchen mitbrachte.

Natürlich ließ ich es mir nicht entgehen, gleich am Tage der Eröffnung den Brautschatz zu besichtigen, obwohl man dafür mehr als zwei Stunden anstehen musste. Becker hatte mich beauftragt, möglichst viele Skizzen anzufertigen und mir Notizen zu machen, damit wir dann in seiner Zeitung ausführlich über die Ausstellung berichten konnten.

Aber da hatte uns (und allen, die das gleiche planten) der umtriebige Friedrich Bertuch einen Strich durch die Rechnung gemacht, der sich nämlich für sein "Journal des Luxus und der Moden" das Exklusivrecht für die Berichterstattung gesichert hatte. Dazu gehörten auch detaillierte Angaben zu den einzelnen Objekten, die bei vielen für eine korrekte Beschreibung wichtig waren und die sich Bertuch direkt von einem Kammerdiener der Prinzessin besorgt hatte.

Nun war Friedrich Bertuch ja kein Unmensch. Er gewährte eine Erlaubnis zum Nachdruck, das heißt, wir konnten seinen Artikel, wenigstens auszugsweise, in der Deutschen Zeitung veröffentlichen. Aber als Becker sah, welchen Preis Bertuch's Angebot hatte, musste er Zähne knirschend ablehnen.

Er hatte nicht nur die Presse in der Hand, sondern war auch an der Ausgestaltung des Einzugs der Brautleute beteiligt gewesen, viel von dem Baumaterial zum Beispiel für den Triumphbogen wurde von ihm geliefert, und die bunten Blumen, mit denen allerorts geschmückt worden war, kamen aus seiner eigenen Kunstblumen Fabrik; manch' einer witzelte schon, Bertuch selbst habe dafür gesorgt, daß die Ankunft des herzoglichen Paares im Spätherbst lag.

Man hätte wahrscheinlich Friedrich Bertuch in allem, was er leistete, übertreffen können, nur nicht in seiner Geschäftstüchtigkeit. Was er anpackte, das wurde ihm unter den Fingern zu Gold. Er traf immer genau den Geschmack der Zeit, und wusste, was die Leute begehrten, und mit seinem "Journal" hatte er ein Instrument geschaffen, mit dem er auf mehr oder weniger intelligente Weise dem Publikum - und vor allem den Frauen - suggerierte, was man sich unbedingt anschaffen musste, um mit dem Fortschritt im allgemeinen und mit dem Wohlstand im persönlichen mitzuhalten.

Gemeinsam mit seinem Sohn Felix leitete er das "Mitteldeutsche Industrie Comptoir", das im Prinzip ein riesiges Warenlager war für alles, was das Handwerk und Gewerbe im Land benötigte. Von der Stopfnadel bis zur Dampfmaschine, in Bertuch's Industrie Comptoir konnte man alles kaufen. Und noch besser: man konnte es bequem in einem seiner Kataloge aussuchen und dann bei ihm bestellen.

Für viele war es schon das reinste Vergnügen, sich durch die Kataloge zu blättern und sich all' die wunderschönen Dinge anzuschauen, mit denen diese Welt so viel aufregender und unser Leben so viel angenehmer wurde. Ich gestehe, daß ich, noch in meiner Zeit in der Salzmann'schen Druckerei, mir oft Bertuch's Warenkataloge zu Gemüte geführt habe. Allerdings hatte mich eher die makellose Aufmachung begeistert, weniger die unzähligen Dinge des Alltags, die, wenn man es recht betrachtete, seitenweise so entbehrlich waren wie ein Hutständer.

Er besaß auch einen Verlag, in dem unter anderem die "Tafeln der allgemeinen Naturgeschichte nach den drei Reichen" erschienen, womit das Mineral-, das Pflanzen- sowie das Tierreich gemeint waren. Das Werk war außerordentlich erfolgreich, er druckte jedes Jahr eine neue Auflage, und das war auch nötig, weil er erreicht hatte, daß es als Schulbuch im Herzogtum privilegiert worden war.

In der Zeit, als ich meine künstlerischen Fertigkeiten zwar weiter vervollkommnete, mich ansonsten aber mit Gelegenheitsarbeiten begnügen musste und so viel Geld hatte, wie die Katze auf dem Schwanz wegträgt, und noch bevor ich Merschkow begegnete, hatte ich mich entschlossen, mir etwas zu borgen und nach Weimar zu fahren, um mich bei Bertuch vorzustellen und für eine Arbeit als Zeichner zu bewerben.

Der alte Bertuch hatte keine Zeit für mich, aber er schickte mich zu seinem Sohn. Ich fuhr hinaus nach Taubach, wo sie eins ihrer größeren Depots hatten. Es war wie eine Fabrikhalle, nur über und über mit allen möglichen Warengütern jeder Größe und Beschaffenheit und für jeden Zweck angefüllt. Es herrschte ein emsiges Treiben, überall wurde sortiert, bestückt, verpackt, Kisten für den Transport zusammen gezimmert und auf Karren nach draußen befördert, wo sie auf Fuhrwerke geladen wurden.

Ich musste mich von einem zum andern durchfragen, bis ich Felix Bertuch fand. Er mochte wenig älter als ich sein, er war - kaum verwunderlich - sehr modisch gekleidet, und offenbar hatte er viel Zeit und Geld darauf verwendet, sich seine Frisur herrichten zu lassen. Er war freundlich, aber kurzangebunden. Ich trug mein Anliegen vor, er fragte nach Referenzen.

Wir gingen in eine ruhige Ecke, und ich zeigte ihm ein paar Arbeiten, die ich dafür mitgebracht hatte. Er schaute flüchtig darüber, doch an seinen Blicken konnte man sehen, daß er alles rasch und aufmerksam erfasste. Seine Rede und seine Gesten machten den Eindruck, als wäre er als Vertreter des Industrie Comptoirs schon an der Seite Marco Polos nach China gereist. Das ist kein Scherz, denn er konnte tatsächlich einige Brocken Chinesisch, und ich wusste auch, daß sich die Bertuchs neuerdings mit Seidenraupenzucht befassten, allerdings in weit größerem Stil als weiland Goethe es getan hatte.

Er fragte mich "Was wollen Sie?" Ich wiederholte mein Anliegen, doch er unterbrach mich. "Nein, Karl. Ich frage, was Sie wirklich wollen? Eine Arbeit, mit der Sie Geld verdienen, oder etwas, wo Sie ihren Talenten freien Lauf lassen können." Das verwirrte mich ein wenig und ich fand nicht gleich eine Antwort. Zum Glück erklärte er selbst "Ich sage Ihnen was: wir haben gute Zeichner in unserer Firma, und wir nehmen auch immer gute auf. Sie verdienen nicht schlecht, und ich möchte behaupten, sie sind zufrieden. Aber sie arbeiten auch von früh bis spät, sie machen nichts anderes als Zeichnungen für unsere Kataloge und Publikationen zu erstellen. Nichts anderes. Keine Reiter hoch zu Ross und keine Generäle auf dem Schlachtfeld. Und erst recht nicht die Jungfrau von Orleans. Verstehen Sie, was ich sagen will, Karl? Wenn Sie diese Arbeit reizt, können Sie sich gern förmlich bewerben. Wenn Ihnen jedoch in Wahrheit etwas anderes vorschwebt, dann empfehle ich Ihnen, nach Hause zu gehen und noch einmal darüber nachzudenken. Wenn es meine Zeit erlaubt, bin ich gern bereit, Sie wieder zu begrüßen."

Ich fuhr wieder heim. Ich wusste nicht, ob ich die Sache als Misserfolg bewerten oder als einen wirklich guten Ratschlag ansehen sollte, und ich entschied mich schließlich für das letztere. Ich sah mich für einen Moment zwischen all' den anderen Zeichnern, zweifellos alle so gut oder noch besser als ich, und alle stumm und konzentriert über ihre Arbeit gebeugt, und das tagaus, tagein, jede Woche, jeden Monat, Jahre lang, immer das gleiche. Ich sah, daß alles, was ich zeichnen würde, irgendwann nur noch ein Hutständer wäre, und ich erkannte, daß mich Felix Bertuch, nolens volens, davor gewarnt hatte.

An diese Begebenheit musste ich jetzt denken, als mir mein Chef das Angebot über den Nachdruck des Artikels aus Bertuchs "Journal" zeigte. Becker sagte "Dann werden wir unsere Leser leider über die Nachtwäsche der Prinzessin von Sachsen Weimar im unklaren lassen müssen." Ich sagte "Wir könnten etwas über die Gottesmutter von Wladimir schreiben."

Er sah mich an, als hätte ich ihn auf den Arm genommen. "Tandlop! Mein Humor ist ironisch, der ihrige ist hämisch." "Aber nein", verwahrte ich mich, "Maria Pawlowna besitzt eine überaus wertvolle Ikone mit der Gottesmutter von Wladimir, und ich weiß zufällig, daß diese Ikone für die russische Christenheit ungefähr so viel bedeutet wie für uns die Krone Karls des Großen, sie beschützt ihr Volk, sie bewahrt es davor, von welchem Feind auch immer besiegt zu werden."

"Hat Ihnen das Ihr Freund Merschkow erzählt?" "Ja. Und seine Enkeltochter. Da ist was dran, glauben Sie mir." Becker sagte "Wir leben hier in einem durch und durch protestantischen Land. Ich schätze, ein Artikel über eine russische Ikone findet ungefähr so viel Beifall wie einer über tibetanische Gebetsmühlen." "Ach was, Becker!", entgegnete ich, "Muten Sie Ihren Lesern ruhig mal etwas zu." "Na gut", sagte er, "aber höchstens tausend Wörter. Und haben Sie auch eine Zeichnung von dem Mütterchen Russland?" "Ja." "Dann bis morgen."

Da geschah etwas Seltsames. In meinem Skizzenbuch konnte ich die Zeichnung mit der Ikone der Gottesmutter nirgends finden. Hatte ich mich geirrt und nur angenommen, ich hätte sie auf dem Blatt festgehalten? Oder hatte ich mir gar nur eingebildet, sie unter den vielen Exponaten entdeckt zu haben, weil ich Delajas Schilderungen noch im Hinterkopf behalten und sie flugs mit der frommen Zarentochter in Verbindung gebracht hatte? Ich versuchte, mir vorzustellen, wie sie ausgesehen haben könnte, aber es gelang mir nicht.

Zum Glück kam mir wieder meine Unterhaltung mit Delaja in den Sinn und wie ich ihr erklärt hatte, daß Jesus Christus ohne eine vorangegangene geschlechtliche Zeugung geboren wurde. "Nennt man das die unbefleckte Empfängnis?" hatte Delaja gefragt, und ich antwortete "Ja. Und anstatt der Zeugung spricht man von der Verkündigung des Engels Gabriel an Maria." "Wie meinen Sie das: man spricht davon? War es nun so, oder nicht?" "Wie kann ich das genau wissen", gab ich zu bedenken, "wenn ich nicht dabei gewesen bin." "Dann glauben Sie selbst nicht daran, Karl?" "Das ist eine sehr persönliche Frage", wich ich aus. "Auf die ich eine Antwort haben will", beharrte Delaja, "oder haben Sie mir das alles bloß so hingeworfen wie ... wie Vogelfutter. Ihr betet immer nur das her, was man euch selber beigebracht hat, aber wenn euch mal jemand nach der Wahrheit in euerm eigenen Innern fragt, dann stellt ihr euch stur." "Wer wir?", fragte ich betroffen. "Na, ihr Erwachsenen! Ihr seid ja so schlau! Dabei habt ihr solche Angst, daß euch jemand durchschauen könnte."

Ich legte ihr meine Hand auf die Schulter, um sie zu besänftigen, ich sagte "Ja, ich glaube daran. Aber ich muss auch immer wieder darüber nachdenken, seitdem ich diese Geschichte zum ersten Mal gehört habe." "Das ist doch nicht schlecht, oder?" "Nein, aber wenn ich wirklich ein frommer Christenmensch wäre, dürfte ich eben nicht weiter drüber nachdenken, sondern es so hinnehmen, denn es ist eine Offenbarung, und eine Offenbarung ist über jeden Zweifel erhaben." "Das verstehe ich nun wieder nicht so richtig", meinte Delaja, und nach einer Weile sagte sie "und man sagt 'unbefleckt', weil es etwas ganz Reines ist." "Genau. Obwohl ..." "Was obwohl?" "Wenn du mich fragst, wäre das nicht nötig gewesen zu betonen. Denn genaugenommen ist jede Empfängnis eine reine und schöne Sache." "Sie meinen, auch wenn dabei jemand wie Sie herauskommt", lachte Delaja und ließ mich einfach sitzen.

Eine Zeitlang kam sie seltener zu mir, ich vermisste sie bald. Ich fragte Marius, was sie so macht, und er antwortete beinahe geheimnisvoll "Sie studiert". Ich sah sie auch mit ihrem Großvater zusammensitzen, sie unterhielten sich offenbar großartig, Delaja schien endlich von ihm zu erfahren, was sie immer wissen wollte, und ich ertappte mich, wie ich mir wünschte, dabei zu sein. Dann kam sie einmal und sagte "Karl! Soll ich Ihnen noch was über die Gottesmutter von Wladimir erzählen?" "Ja, gern."

Sie hielt mir einen richtigen Vortrag, und ich merkte, daß sie vorher Nikolai Davidowitsch damit gelöchert hatte. Demnach war die Ikone wahrscheinlich zu Beginn des zwölften Jahrhunderts in Konstantinopel gemalt worden, aber es heißt auch, daß ihr Urbild - das sei so eine Art "Urururgottesmutter", erklärte Delaja - noch zu Lebzeiten Marias von dem Evangelisten Lukas geschaffen worden war. Dann kam sie als Geschenk des byzantinischen Kaisers nach Kiew, wo sie der Fürst Bogoljubski geraubt und "gegen ihren Willen in seine Residenz verschleppt" hat. Aber da blieb sie nicht lange, sondern kam nach Wladimir, welches nach der Zerstörung Kiews Metropole des russischen Reichs wurde. "Wenn Sie ein Wort nicht kennen, fragen Sie", sagte Delaja, und ich nickte. Als das Heer des Mongolenherrschers Tamerlan die Stadt Moskau belagerte, brachte man die Ikone der Gottesmutter "auf abenteuerlichen Wegen" in den Moskauer Kreml, und wie durch Zauberhand getrieben, zogen sich die feindlichen Mongolen zurück. Zum Dank restaurierte der berühmte Maler Andrej Rubljow das Antlitz der Gottesmutter, "also, er machte sie wieder jung und schön wie am ersten Tag", und von da an half sie bei vielen weiteren Errettungen vor feindlichen Heeren, so zum Beispiel im Jahre sechzehnhundertzwölf bei der Befreiung Moskaus von der polnischen Fremdherrschaft. Zahlreiche Festtage sind der Gottesmutter von Wladimir gewidmet.

Was ich hier kurz wiedergegeben habe, hatte Delaja ausführlich und mit viel Einfühlung und schöner Gestik erzählt, und am Ende hatte sie einen kräftigroten Schimmer auf den Wangen. Ich spendete ihr Beifall und sie verbeugte sich leicht und verschwand. Am nächsten Tag kam sie mit einer Schale Kirschen, wir setzten uns vorn auf die Ballustrate.

"Waren Sie schon mal in Moskau?", fragte sie mich, und ich verneinte. "Ich ja. Und zwar in der Maria Verkündigung Kirche, die sich bekanntlich im Kreml befindet. Sie ist außen weiß wie Schnee und hat goldene Kuppeln, und innen ist sie über und über mit wundervollen Bildern geschmückt, ich konnte mich gar nicht sattsehen." "Wie alt warst du da?", fragte ich erstaunt. "Das ist schon lange her", sagte sie und fügte hinzu, "ich würde es gern noch einmal sehen." Es klang, als wäre das ihr letzter Wunsch. Sie nahm eine Kirsche nach der andern zwischen die Zähne, zupfte den Stiel ab und spuckte dann die Kerne bis an die Hecke.

Ich sagte "Mach' nicht so eine Matzerei", aber sie erwiderte "Ach was! Da wächst dann ein neuer Kirschbaum." Als die Schale leer war, sprang sie herunter. Ich sagte "Du verkleidest dich ja gar nicht mehr. Wann habe ich dich das letzte Mal in deinem Lendenschurz gesehen?" Sie schaute mich an und fragte "Wollen Sie das denn, Karl?" Ich zögerte, dann meinte ich "Heb' dir das für jemand anderen auf." Sie wandte sich ab und ging. Später wurde mir plötzlich bewusst, wie gemein das war, was ich gesagt hatte.

Als ich jetzt händeringend nach Worten für meinen Artikel suchte, warf ich schließlich den Stift hin und beschloss, ihn ungeschrieben zu lassen. Und warum? Weil ich nicht Delajas anmutigen Vortrag fleddern und auf ihre Kosten glänzen wollte. Und weil sie jetzt nicht hier war, damit ich mir wenigstens ihre Erlaubnis hätte erbitten können, oder besser noch: sie gefragt hätte, ob sie ihn selber schreiben und unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen lassen will.

Am nächsten Tag ging ich in die Redaktion, mir war immer noch keine Ausrede eingefallen. Vor der Tür stand Viktor und paffte aus seiner langen Pfeife. Ich begrüßte ihn und fragte nach seinem Befinden. "Alles bestens", antwortete er, "und bei Ihnen?" "Gut, danke." Drinnen saß der Leutnant Gradenecker in gewohnter Manier auf dem Stuhl, und Becker lehnte am Schreibtisch.

Wie ich erfuhr, war der Leutnant gerade aus Hannover gekommen, wohin er seinen Oberst begleitet hatte. Er brachte die Nachricht mit, daß Napoleon vor zwei Tagen in Paris in der Kirche Notre Dame zum Kaiser gekrönt worden war. Die französische Republik, der Inbegriff von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit seit der Revolution vor nunmehr fünfzehn Jahren, war also wieder zur Monarchie geworden. Papst Pius war zwar dabei gewesen, doch entgegen aller Tradition hatte nicht er, sondern Napoleon sich selbst und der Kaiserin Josephine die Krone aufgesetzt.

Wir besprachen das Ereignis ausgiebig, und mutmaßten über die weitere Entwicklung. Becker entwarf einige Meldungen, er hatte alles Wichtige aus den Mitteilungen des Leutnants notiert, und er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der noch heute in Druck gehen würde. Der Leutnant hatte in Hannover ein paar Tagesblätter aufgeschnappt mit Bildern von der Zeremonie. Becker fragte mich, ob ich daraus eine eigene Zeichnung machen könnte. Ich sagte, das ginge schon, aber Kahlmeyer (das war unser Kupferstecher) bräuchte dafür mindestens drei Stunden. "Dann muss er eben mal etwas länger arbeiten, er kriegt es ja auch bezahlt", sagte Becker. Was meinen Artikel betraf, so sollte ich auch die Frage aufwerfen, wie groß die Gefahr wäre, daß Napoleon gegen England vorrücken will. Becker meinte, das würde die hiesigen Leser interessieren, denn immerhin war König George mit dem Gothaer Herzogshaus verwandt. Eventuell sollte ich zwei Beiträge daraus machen.

Da kam Viktor wieder herein und sagte "Herr Leutnant, ich möchte Sie daran erinnern, daß Sie um zwölf einen Termin bei der Witwe des Majors Wedekind haben." "Ja, richtig", sagte der Leutnant, erhob sich, reichte uns die Hand und wünschte einen Guten Tag. "Übrigens geben meine Frau und ich demnächst eine kleine Matinee in unserm Haus, es würde mich freuen, Sie beide als Gäste begrüßen zu dürfen, ich schicke Ihnen eine Einladung." Wir bedankten uns, und Becker meinte dann zu mir "Bestimmt ist da auch der Humboldt mit seiner Caroline dabei". Ich konnte nicht genau erkennen, ob er sich darauf freute oder befürchtete, er würde sich erneut in sie verknallen.

Die Nachricht aus Paris hatte mich wegen des Artikels über die Ikone der Maria Pawlowna aus meiner Verlegenheit geholt. Kein halbes Jahr später, als ich wieder in Weimar zu tun hatte, war von der Euphorie beim Einzug des Brautpaars nichts mehr zu spüren, alles ging seinen gewohnten Gang. Im Gegenteil. Es hatte schon etwas Absurdes an sich, daß man darüber spekulierte, wann die Erbprinzessin womöglich Weimar wieder, wenn natürlich auch nur vorübergehend, verlassen müsste, falls Napoleon in seinem unersättlichen Eroberungsdrang sich nach Osten wenden würde.

In Weimar war zudem ein großer Verlust zu beklagen: Friedrich Schiller war im April gestorben. Ich stand eine Weile andächtig vor seinem Wohnhaus. Da gesellte sich ein schwarz gekleideter Mann zu mir, der offenbar auch eine Gedenkminute für den Verblichenen einlegte. Dann wandte er sich mir zu und sagte "Wenn man nur wüsste, nach welchem Maß die Musen einem Dichter die Zeit schenken, sein Werk zu schaffen." Und nach einer Pause fügte er hinzu "Und ob man von Vollendung, von Vollkommenheit sprechen kann, angesichts der Tatsache, daß ein Genie wie er mitten aus der Arbeit herausgerissen wird und noch so viele Worte unausgesprochen bleiben, noch so viel Kunst darauf wartet, aus dem Geist und der Seele ihres Schöpfers ans Tageslicht gefördert zu werden." Ich sagte "Das sind gute Fragen, mein Herr. Leider weiß ich darauf auch keine Antwort."

Bei der Ankunft Maria Pawlownas hatte Schiller ein kleines Theaterstück, ein "Vorspiel", mit dem Titel "Huldigung der Künste" der Braut und Zarentochter gewidmet, das im Schauspielhaus aufgeführt wurde und großen Anklang gefunden hatte, natürlich auch bei der Prinzessin. Ich durfte bei der Aufführung dabeisein (Merschkow hatte mir eine Karte besorgt).

Ich erinnere mich, wie ich in der Pause Goethe und Schiller im Gespräch vertieft beobachtet habe: Der Geheimrat im langen Rockmantel, die Hände auf dem Rücken, mit glattem Gesicht und kurzem Haar, den Blick halbgesenkt, als horche er auf Schillers Worte schon aus dessen Brust heraus. Schiller, einen Kopf größer und leicht vornübergebeugt, mit verwegener Mähne und spitzen Fingern, die Figuren in die Luft malten - sie kamen mir vor, wie zwei, die sich wünschten, daß die Zeit stehenbliebe, damit sie bis in alle Ewigkeit ihre Gedanken austauschen könnten.

Apropos Theater. Auch auf die Gefahr hin, daß ich abschweife (der Leser möge die folgenden Seiten übergehen), möchte ich doch eine Begegnung nicht unerwähnt lassen, die mich sehr beeindruckt hat. Dazu eine kurze Vorgeschichte:

Ich hatte Delaja von meinen gelegentlichen Theaterbesuchen und von den Schauspielen erzählt, und irgendwann kam sie auf die Idee, ich könnte sie doch einmal mitnehmen. Ich lachte, beherrschte mich aber sofort, denn ich wusste, daß sie sauer darauf reagiert. Ich sagte "Bei allem Respekt, Delaja, aber man wird dir an der Kasse sagen, daß du zu jung bist." "Ich kann mich älter machen. Bitte, Karl! Begleiten Sie mich." "Ach, jetzt sind die Rollen schon vertauscht?" "Häh?" "Und das soll wohl auch heimlich geschehen?" "Nein. Ich frage Nikolai Davidowitsch um Erlaubnis."

Zum Spaß ging ich darauf ein, und eines Nachmittags rief Delaja aus dem Fenster "Karl! Kommen Sie bitte mal herein, ich möchte meinem Großvater mein Theaterkleid vorführen." Ich traute meinen Augen kaum, sie sah wirklich aus wie eine junge Dame, im blauen Kleid und in gelben Schühchen, einen glitzernden Schmuck im Haar und mit Seidenhandschuhen.

Nikolai Davidowitsch war schon vorinformiert worden, Delaja hatte Marius damit beauftragt. Auch der Großvater war von ihr angetan. Er sagte "Nun, warum nicht. Versucht' es meinetwegen." Und zu mir meinte er dann "Aber nur in die Komödie! Nichts Aufregendes, verstanden." Ich nickte. Ich kaufte zwei Karten für "Der zerbrochene Krug. Lustspiel in drei Aufzügen von Heinrich von Kleist"

Ich besorgte mir das Buch (um sicherzugehen, daß es wirklich harmlos war). Es ist eigentlich nur eine Gerichtsverhandlung, die aufgeführt wird. Der Frau Marthe wurde ein wertvoller Krug zerschlagen, der in der Kammer ihrer Tochter Eve stand. Das geschah, als Ruprecht, Eve's Verlobter nachts in ihre Kammer stürmte, weil er glaubte, ein fremder Liebhaber wäre bei ihr. Tatsächlich flüchtete auch jemand durch das Fenster. Bei der Verhandlung schweigt Eve hartnäckig und verstärkt damit natürlich Ruprechts Verdacht gegen sie. Frau Marthe will ihren Krug ersetzt haben. Nach und nach wird deutlich (was der schlaue Zuschauer schon von Anfang an ahnt), daß der Richter Adam selbst der Schwerenöter ist, der die arme Eve unter Druck gesetzt hat, um sie sich gefügig zu machen. Eine besondere Brisanz ergibt sich dadurch, daß der Gerichtsrat Walter eine Inspektion durchführt und dem Prozess beiwohnt, und daß der Schreiber Licht mehr oder weniger offen versucht, Richter Adam zu stürzen und sich selbst an seine Stelle zu setzen.

An dem besagten Theatertag kam ich in die Villa und traf auf Marius, der mir mitteilte, daß Delaja krank sei und "vielleicht nie wieder nach draußen gehen" könne. Ich fragte ihn, ob ich sie sehen kann, er war sich nicht sicher. Da kam Merschkow hinzu und sagte "Ja, schade Karl. Das kam ein bisschen plötzlich." Ich fragte, was sie hätte. "Ach, nichts Schlimmes, der Doktor war hier, und Marianne kümmert sich um sie. Aber ich glaube, sie will jetzt ihre Ruhe haben." "Ja, natürlich", sagte ich, "dann komme ich bald wieder", und Merschkow nickte wohlwollend "Lassen Sie ihr ein paar Tage Zeit."

Das tat ich, und als ich am Wochenende zu ihr kam, lag sie halbaufgerichtet im Bett, umher verstreut alle möglichen Sachen, mit denen sie sich die Zeit vertrieben hatte. Sie war eigentlich recht munter, doch sie sagte "Schauen Sie mich bloß nicht an, ich sehe bestimmt ganz schrecklich aus." Und wie um mich auf die Probe zu stellen, strich sie auch noch ihre Haare zurück, daß man ihr Ohr mit der Kerbe sah.

Ich sagte, daß ich mich riesig freue, sie zu sehen und hoffe, es gehe ihr wieder besser. Sie winkte ab. "Ja klar, halb so wild. Tut mir bloß leid, daß ich unser Rendezvous vergeigt habe." Ich lachte. "Ach was! Ich habe mir diesen 'Zerbrochenen Krug' in der Buchausgabe besorgt, ich kann ihn dir vorlesen, wenn du willst."

Sie war begeistert. "Aber ich muss dich vorwarnen: die Sprache ... ich meine ... das ist alles in Versform geschrieben; ich habe jedenfalls manches nicht gleich verstanden." Delaja sagte "Wir werden sehen. Setzen Sie sich dort auf den Stuhl, schmeißen Sie das Zeug einfach runter." Sie zog die Beine an und legte die Arme um die Knie, und ich begann vorzulesen.

Ich hatte ein wenig Vorarbeit geleistet und die einzelnen Rollen geprobt, außerdem ließ ich einige Wortwechsel weg, damit es nicht zu lange dauert. Ich war mir nicht sicher, ob es Delaja gefällt. Sie lachte schon bei der ersten Szene. Ich steigerte mich hinein, stand auf, schlüpfte in die verschiedenen Personen (Gott sei Dank waren es nicht so viele), machte Gesten, schnitt Grimassen, erhöhte das Tempo, wo es heftig zuging, las die Monologe wie aus einem Guss, um den Klang der Sprache hervorzuheben. Sie belohnte mich dafür, indem sie sagte "Lesen Sie das nochmal", und ich tat es mit Genuss. Am Ende applaudierte sie und rief "Bravo! Bravo! Und jetzt bitte alle Schauspieler auf die Bühne!" Ich ließ jeden einzeln namentlich auftreten und sich artig verbeugen.

Weder Delaja noch ich konnten begreifen, was die Zeitungen über diesen Theaterabend und über das Stück schrieben. Wenn Heinrich von Kleist selbst da gewesen wäre, man hätte ihn wahrscheinlich mit faulen Eiern beworfen. Die meisten Leute fanden es entsetzlich langweilig. Manche hatten noch ein gutes Wort übrig für den Einfall und die Pointe des Stücks, aber niemand wollte es sich ein zweites Mal zumuten. Dabei hatte Goethe selbst es inszeniert! Und es war mit Schimpf und Schande durchgefallen.

Delaja wollte das Buch haben, und ich schenkte es ihr. Sie las und las darin, blätterte vor und zurück, spielte es nach, erfand Varianten im Ausdruck und Gestus der Figuren und amüsierte sich köstlich dabei. Wir suchten nach einer Erklärung, warum es den Leuten nicht gefallen hatte, und waren uns dann einig, daß es an den Schauspielern gelegen haben musste. Wahrscheinlich hatten sie die handelnden Personen nur als alberne und einfältige Trottel gespielt, als Witzfiguren, wie sich das für ein Lustspiel gehörte.

"Sie müssen sie der Lächerlichkeit preisgegeben haben", war ich überzeugt, "anstatt die Komik aus ihrer Wahrhaftigkeit aufzuspüren." "Wie meinen Sie das?" "Genaugenommen ist doch an keiner der Figuren etwas, worüber man lachen könnte", erklärte ich. "Der Frau Marthe ist der Krug zerschlagen worden, ihr liebstes Stück, an dem sie so gehangen hat. Ist das lustig? Nein. Der Ruprecht glaubt, daß Eve ihn betrogen hat, er ist furchtbar enttäuscht von ihr, dabei wollten die beiden heiraten. Ist das lustig? Nein. Eve kann nicht die Wahrheit sagen, weil sie dann andere ins Unglück stürzen würde ..."

Delaja unterbrach mich und setzte fort "Aber wenn sie schweigt, verliert sie trotzdem ihren Geliebten. Das ist auch nicht lustig." "Und Richter Adam?" "Na ja", meinte Delaja, "er ist ein fetter alter Sack, der es auf Eve abgesehen hat. Er hat's verdient, daß er entlarvt wird. Und was er getan hat und wie er dann auch noch Eve erpresst und Ruprecht Unrecht tut, darüber kann man eigentlich auch nicht lachen. Sie haben recht, Karl, eigentlich müsste man sie alle bedauern."

Ich sagte "Genau. Das ist es auch, was unser Mitleid erregt. In Wahrheit fühlen wir mit ihnen, mit jedem einzelnen, obwohl sie sich untereinander in den Haaren liegen. Was ist es, das sie bedauernswert macht?" "Ich würde sagen: ihre Hilflosigkeit." "Ja, das ist gut, Delaja. Das trifft es. Ihre Hilflosigkeit berührt uns. Und wenn wir über sie lachen, lachen wir sie nicht aus, sondern höchstens über ihre menschlichen Schwächen, die im Grunde unsere eigenen sind, wir würden doch genauso handeln." "Dann lachen wir über uns selbst", sagte Delaja. "Ja. Über unsere eigene Unvollkommenheit."

"Aber ich freue mich auch über das gute Ende", stellte sie zufrieden fest, "das wäre schlimm gewesen, wenn die arme Eve unglücklich geworden wäre, ich schätze, das hätte sie nicht ausgehalten." "Nein", stimmte ich Delaja zu, "dann wäre daraus eine Tragödie geworden."

Der Autor Heinrich von Kleist hatte, nachdem er vom totalen Misserfolg seines Stücks hörte, von Dresden aus, wo er wohnte, fürchterliche verbale Attacken nach Weimar geschickt, insbesondere an Goethe adressiert, dem er vorwarf, sein Werk absichtlich verhunzt zu haben, indem er es in drei Aufzüge "zerstückelte" und eine völlig unnötige Pause einfügte, durch welche der Gang der Handlung "auf brutale Weise abgewürgt" worden sei. Es hieß, Kleist habe den Geheimrat sogar zum Duell herausgefordert, was Goethe allerdings dementierte. (Ich habe später erfahren, daß Kleist mit solchen Forderungen ziemlich leichthändig umging.)

Es gab einen kleinen Theaterskandal um das Stück, und die Weimarer wiesen alle Vorwürfe von sich. Delaja ärgerte sich darüber. Sie überlegte allen Ernstes, sich mit einem großen Schild auf den Theaterplatz zu stellen, auf dem stehen sollte "Lest mehr Kleist!" Davon konnte ich sie abbringen.

Der Zufall wollte es, daß Merschkow geschäftlich in Dresden zu tun hatte, er wollte zwei Porträtbilder von Anton Raphael Mengs erwerben und andernorts weiterverkaufen. Mengs hatte diese Porträts in einer unvergleichlichen Pastelltechnik geschaffen, und obwohl sie noch gar nicht so alt waren, hatten sie doch schon enorme Preise. Merschkow interessierte sich sehr für Mengs und hatte dessen Lebensweg verfolgt, so wie er jetzt den Weg des Spaniers Francisco Goya verfolgte, der seinerseits mit Mengs in Verbindung gestanden hatte.

Bedauerlicherweise war es Merschkow wegen einer zurückliegenden Angelegenheit, bei der er mit den sächsischen Finanzbehörden aneinandergeraten war, nicht möglich, das Geschäft selbst abzuwickeln. Er sagte mir das und fragte mich, ob ich es für ihn tun würde. Ich erklärte mich bereit. Er sagte, er werde selbstverständlich die Kosten tragen, und wir müssten meine "Mission" auch schriftlich vereinbaren, da er mir einen nicht unbeträchtlichen Geldbetrag mitgeben werde. Ich fand auch das in Ordnung.

Eine Stunde später ging Delaja zu ihm und sagte, sie würde mich gern nach Dresden begleiten, sie wollte sich schon immer mal die schöne Stadt ansehen, den Zwinger und das Brandenburger Tor und das alles. Merschkow sagte "Meine Gute, das Brandenburger Tor steht in Berlin, in Dresden wirst du schwerlich etwas finden, das danach benannt ist." "Na ja, aber wenigstens der Zwinger steht dort."

Ihr Großvater zog die Augenbrauen zusammen, er war von der Idee nicht begeistert. Sie sagte "Sieh' es doch mal so, lieber Opa: wenn Karl ... ich meine, wenn Herr Tandlop mit so viel Geld umher reist, dann ist doch besser, du hast jemanden, der ihn im Auge behält." "Er hat dir davon erzählt?" Das hatte ich in meiner Arglosigkeit allerdings getan, und es gefiel ihm gar nicht. Delaja sagte "Doch nur mir gegenüber. Das ist ja wohl nicht weiter schlimm." "Du vertraust ihm also?" "Ja. Auf mich macht er einen anständigen Eindruck." "Und warum sollte ich ihm dann nicht auch vertrauen, und ihn allein da hinschicken?" Delaja überlegte kurz.

"Was ist, wenn ihm etwas zustößt?" "Was denn?" "Allein mit viel Geld in der Tasche oder mit wertvollen Gemälden im Gepäck, da können die seltsamsten Sachen passieren. Zu zweit ist man immer sicherer, das sagst du selber oft." "Ach so?" "Ja! Du sagst immer: wie gut, daß wir uns haben, so können wir stets zusammenhalten." "Das ist wahr." "Na also. Außerdem wird es langsam Zeit, daß du mich anlernst, Großvater, damit ich einmal dein Geschäft übernehmen kann."

"Ho ho, nicht so hastig, Delaja. Oder findest du, daß ich schon zu alt bin." "Aber nicht doch, Nikolai Davidowitsch! Gott möge dir ..." "Ist ja gut, mein Täubchen, sollst deinen Willen haben. Aber ich beschwöre dich bei der Gottesmutter von Wladimir, daß du keine Dummheiten machst. Du wirst jetzt erwachsen, wie nicht mehr zu übersehen ist, und du bist für dein Handeln selbst verantwortlich." "Ja, Großvater." Sie stand auf, ging zu ihm und küsste ihn auf die Stirn. "Ich habe dich lieb, Großvater." "Ich hab' dich auch lieb, mein Schatz."

Delaja gab mir die Unterhaltung wortwörtlich wieder. Ich fragte, warum sie mir zuerst unlautere Absichten zugetraut hätte. "Hab' ich doch gar nicht. Ich musste Nikolai Davidowitsch ja erstmal auf die möglichen Kalamitäten aufmerksam machen. Glauben Sie, er hätte mich einfach so mit Ihnen mitgehen lassen?" "Warum nicht." "Na, ich sage nur: Mozart! Entführung aus dem Serail. Und dann noch mit einem Packen Geld in der Tasche. Da hätten Sie ihn ja gleich selber fragen können." Ich schüttelte den Kopf. "Du bist manchmal unmöglich, Delaja." "Ja, so bin ich eben." Wir trennten uns. Aber dann kam sie nochmal zurück und fragte mit ernstlich besorgter Miene "Karl! Sie haben doch nichts dagegen, daß ich mitkomme?" "Nein, Delaja, es ist mir recht."

Der Hauptgrund war, wie sie sagte, damit wir den Herrn von Kleist in Dresden besuchen könnten, um ihm zu versichern, daß nicht alle Leute in Weimar so über sein Stück dächten, wie er das vernommen hatte. Ich fand ihre Idee gut. Ich sprach mit ihrem Großvater. Er wunderte sich ein bisschen darüber, was für Gedanken sich Delaja macht. Er nutzte die Gelegenheit, um mich über sie auszufragen, wir genehmigten uns mehrere Gläser Cognac. Er war verständlicherweise sehr auf das Wohlergehen seiner Enkelkinder bedacht.

Indem er mich nach ihr befragte, erfuhr er zugleich, was ich über Delaja dachte. Ich hatte nichts zu verbergen, und ich glaube, er vertraute mir. Dennoch beschwor er mich zuletzt und sagte, falls ich es zuließe, daß Delaja belästigt werde oder ihr jemand zu nahe kommt, würde er das herauskriegen und es mich büßen lassen. Er sagte das so eindringlich, daß ich mich für eine Sekunde im Geiste an einer der oberen Galerien im Kornhaus am Hals baumeln sah. Dann klopfte er mir auf die Schulter und meinte "So Karl! Und nun lassen Sie uns das Geschäftliche regeln."

Delaja kam mit zwei großen Koffern voller Garderobe, es schien, als wollte sie nach Amerika auswandern. Ich sagte "Wir bleiben nur drei Tage dort." Sie bestand darauf. "Ich brauche das zum Wechseln. Und Sie, Karl, sollten vielleicht auch mal was anderes anziehen, immer diese rote Weste! Der Anblick macht mich schon ganz krank." Ich dachte, wenn sie sich die ganze Zeit so aufführt, dann Gute Nacht.

Merschkow besorgte ihr ein Reisedokument auf ihren Namen: Delaja Andrejewna Stieglitz (mit dem Familiennamen von Vaterseite). Ich ließ mir desgleichen auf dem Amt in Gotha ausstellen. Wir fuhren frühmorgens los, wir legten die größte Strecke mit Postwagen zurück, einige Abkürzungen mit Kutschen, für die es an den Stationen noch freie Plätze gab. Wir hatten überall nur kurze Zwischenaufentalte und kamen gegen Abend in Dresden an.

Wir nahmen ein Quartier auf der Neustädter Seite, es hieß "Trachenberger Hof". Der Wirt schaute sich lang und breit unsere Pässe an. "Sie sind nicht verheiratet?" "Nein", sagte ich. "Und auch nicht verwandt?" "Mit wem?", fragte ich leicht ironisch. "Sie sind Russin, mein Fräulein?" "Meine Mutter kommt aus Russland, wieso?" Er kratzte sich am Hinterkopf, er sagte "Wir haben hier eine Situation." "Was ist? Regnet es rein?", fragte ich. Er sah uns scharf an. "Ich meine eine politische Situation. Es wimmelt hier gerade nur so von Spionen: französische, russische, preußische, polnische ... Ich kriege ständig Kontrollen von der Dresdner Polizei, Sie verstehen, man befragt mich nach meinen Gästen." "Ich bin keine russische Spionin", sagte Delaja. "Nein, nein, das habe ich auch nicht behauptet." Ich sagte "Ist es, weil wir zusammen ein Zimmer nehmen?" Er nickte. "Das ist eigentlich nicht erlaubt", und fügte hinzu "aber ich habe keins weiter frei." "Ich mache Ihnen einen Vorschlag, ich bezahle den doppelten Preis, dann sieht es offiziell nach zwei Zimmern aus, in Ordnung?" "Ja, das wäre eine Lösung", sagte er und wurde auf einmal richtig nett. Er trug unser Gepäck hinauf und sagte, ab sieben Uhr gibt es Frühstück, hinten im Wintergarten. "Wir haben sogar eine Folcheere."

Das Zimmer war geräumig, hatte ein breites Bett und ein Sofa, eine Waschkommode mit Spiegel und ein Fenster zum Hof. Ich überließ Delaja das Bett und schlief auf dem Sofa. Beim Waschen ging immer einer von uns vor die Tür. Die Toilette befand sich auf halber Treppe. Innen an der Tür hing ein Schild:

 
............................................Mach' dein Geschäft in aller Ruh'
............................................und schließ' dabei die Türe zu.
............................................Halt' alles sauber, bitte sehr,
............................................sonst zahlst du Strafe hinterher.
 

Am nächsten Tag gingen wir zu dem Kunsthändler. Er hatte mit uns gerechnet. Er zeigte uns die beiden Porträtbilder von Anton Raphael Mengs. Sie stellten die Geschwister Jacques und Julie Legendre dar, von denen sonst nichts weiter bekannt war. "Sie sind wunderschön", sagte Delaja. Mengs Technik war frappierend, er schaffte es, mit Pastellkreide zu malen wie mit Ölfarben, dazu alles mit einem samtigen Effekt. Wir zahlten den veranschlagten Preis, gaben dem Händler die Hälfte und verblieben so, daß wir die Bilder bis zur Rückreise bei ihm hinterlassen können und dann den Rest begleichen. Das war allemal besser, als sie in unserm Zimmer zu haben.

Wir fragten ihn, ob er wüsste, wo der Dichter Heinrich von Kleist wohnt, aber er schüttelte den Kopf. Er gab uns den Rat, aufs Postamt zu gehen und uns nach der Adresse zu erkundigen. Das taten wir, und erfuhren, daß Kleist in der Rampischen Gasse gemeldet ist, das war in der Pirnaischen Vorstadt, wohin wir uns begaben. Delaja drückte die Daumen, daß wir ihn antreffen.

In dem Haus in der Rampischen Gasse wohnte Herr von Kleist nicht nur, sondern hier befand sich auch die Redaktion der Zeitschrift, die von ihm und seinem Mitarbeiter Adam Müller herausgegeben wurde. Genauer gesagt: es war gerade soweit, daß die erste Nummer kurz vor der Auslieferung stand. Die Zeitschrift hieß "Phöbus" (bekanntlich ein anderer Name für den Lichtgott Apollon) "Ein Journal für die Kunst". Ich war natürlich hocherfreut, nicht nur einen Dichter, sondern auch einen Redakteur zu treffen - war ich doch gewissermaßen vom selben Metier.

Kleist empfing uns höflich, es schien, als wäre er schon seit Stunden auf den Beinen, es duftete nach Kaffee und roch nach frisch bedrucktem Papier. Er war noch jung, mittelgroß, schlank, mit dunklen Haaren, die ihm, halblang gestutzt, irgendwie rundherum gleichmäßig herabhingen. Er hatte ein Gesicht wie ein Bauernjunge, der schon als Kind die meiste Zeit im Freien verbrachte. Er war eigentlich recht hübsch, doch er hatte so einen abweisenden Zug um die Augen und den Mund, daß man glaubte, er würde auf einen böse sein, noch bevor man ihn anspricht. Ich merkte, wie Delaja unwillkürlich an meine Seite kam und sogar einen halben Schritt zurück trat; hinterher sagte sie "Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt."

Ich erklärte ihm, woher wir kommen und daß uns geschäftliche Angelegenheiten her geführt haben, und ich schilderte ihm auch mit wenigen Worten, wie wir sein Schauspiel gelesen und uns so darüber amüsiert hätten, daß wir ihm bei dieser Gelegenheit einen Besuch abstatten wollten. (Ich tat so, als wüssten wir nichts von der üblen Aufnahme seines Stücks.)

Er ging nicht darauf ein, aber ich glaubte zu erkennen, daß er kaum darauf erpicht war, noch mit irgendjemand aus Weimar eine Unterhaltung zu führen, und sei es auch nur über das Wetter. Da ging die Tür auf, und ein blonder, lockenköpfiger Junge kam herein. Er zog einen Handwagen, auf dem einige Stapel von Heften waren, die offenbar aus der Druckerei kamen. "Darf ich mal", sagte er, weil wir im Weg standen. Wir gingen zur Seite, und er brachte seine Ladung bis zu einem großen Tisch, auf dem er die Drucke verteilte. Delaja verfolgte ihn mit ihrem Blick.

Ich sagte, ich käme eigentlich aus Gotha und arbeite als Korrespondent bei der Deutschen Zeitung von Zacharias Becker. "Aha", sagte er bloß und gab dem Jungen ein paar Anweisungen. "Ja ja", sagte der, "ich leg' das jetzt erstmal so hin, wie es rausgehn soll. Euer Wohlgeboren!", fügte er mit einem Schmunzeln hinzu, wovon er Delaja noch einen Rest herüberschickte, er hatte sie natürlich bemerkt. Sie kam wieder hinter mir hervor und schaute ein paar Mal zu ihm hin.

Kleist sagte "Aus Gotha, sagen Sie. Sind Sie auch manchmal in Erfurt?" "Ja." "Kennen Sie vielleicht den Oberst von Massenbach?" "Ja", rief ich erfreut, und als sich daraufhin seine Miene etwas aufhellte, schob sich Delaja noch weiter in den Vordergrund, ich sah, wie sie ein Papier in Händen hielt. Ich sagte "Um ehrlich zu sein, kenne ich zumindest den Leutnant Gradenecker, seinen Adjutanten, recht gut."

"Ja, hab' von ihm gehört", sagte Kleist. "Der Oberst ist ein alter Freund von mir, sehr intelligenter Mann, intelligent und anständig - was man nicht von vielen behaupten kann. Er ist übrigens auch mit Schiller bekannt gewesen", sagte er, und es schien, daß er den Dichter als den einzigen Einwohner Weimars ansah, um dessentwillen man die Stadt auch im Nachhinein verschonen sollte.

Delaja sagte "Dann kennen Sie womöglich auch meinen Großvater, Nikolai Davidowitsch Merschkow." Kleist zog die Brauen hoch. "Nicht daß ich wüsste, Fräulein ... wie war noch Ihr werter Name?" "Delaja Andrejewna Stieglitz, Euer Wohlgeboren." "Fräulein Stieglitz. Der Name passt zu Ihnen", sagte er freundlich. Sie reichte ihm einen Umschlag. "Dies ist ein Schreiben meines Großvaters an Sie. Ich glaube, er äußert sich darin sehr anerkennend über Ihr besagtes Schauspiel 'Der zerbrochene Krug', welches bei uns leider so unglücklich ankam. Er gab es mir mit den Worten: 'Herr von Kleist soll sehen, daß es in Weimar viele Bewunderer seiner Kunst gibt."

Kleist nahm den Brief, öffnete ihn und las, ich schwieg. Delaja ging zu dem Jungen. "Wie heißt du?" "Oskar." "Ich heiße Delaja." "Ist mir nicht entgangen." "Was machst du hier eigentlich?" "Ich sortiere die Zeitschriften, je nachdem wohin sie gehen." "Wohin gehen sie denn?" "Je nachdem, wer sie bestellt hat." "Wo geht die hier hin?" "Die? Lass' mal sehen: die geht nach Berlin, steht auf der Adresse da." "Ach ja, jetzt seh' ich's."

Delaja warf zwischendurch ein Blick auf Kleist und auf mich. Ich machte eine fragende Geste, aber sie schüttelte bloß den Kopf, ich wusste nicht, was das bedeuten sollte. Dann fragte sie den Jungen "Aber die bringst du nicht selber dahin?" Er lachte. "Nee, da wär' ich ja Weihnachten noch unterwegs." "Als Weihnachtsmann." Er verstummte. "Was willst du damit sagen?" Sie wurde rot im Gesicht. "Das war jetzt nur'n Scherz. Nicht so richtig gelungen." "Ich bringe alles auf's Postamt, und dann wird es verschickt." "Musst du bestimmt ganz schön aufpassen, daß alles richtig verteilt wird, ich meine, mit den ganzen verschiedenen Adressen und so." "Ja, und die haben ja auch unterschiedliche Preise, je nachdem, auf was für Papier sie gedruckt sind." "Welche sind denn die teuersten?"

"Delaja!", rief ich, da Kleist mit Lesen fertig war und zu ihr hinschaute. Sie kam her. Man sah, daß er von dem Brief beeindruckt war. "Und das hat Ihr Großvater geschrieben?" "Ja. Nikolai Davidowitsch Merschkow." Ich sagte "Er ist Kunsthändler." "Ich möchte mich ganz herzlich dafür bedanken", sagte er, und Delaja verbeugte sich. "War mir eine Ehre, ihn zu überbringen." Kleist sagte "Leider fehlt mir die Zeit zu antworten, Sie sehen selbst, wir haben hier alle Hände voll zu tun und ..." "Die hier sind auf Velinpapier gedruckt", rief der Junge. "Was?" "Holst du dann die anderen von Auermann?" "Ja, sobald ich hier fertig bin." Er deutete auf einen Stapel und schaute zu Delaja. "Weil du eben gefragt hast: die hier sind die teuersten." Sie ging zu ihm.

Ich sagte "Sie haben auch Kupferstiche in Ihrer Zeitschrift." "Sie meinen das Titelblatt? Das ist ein Holzschnitt." "Ach, tatsächlich? Darf ich mal sehen." Es zeigte Phöbus persönlich als wohlgestalten Jüngling, wie er auf seinem Sonnenwagen, von vier Rossen gezogen, und von den Musen flankiert über der Silhouette von Dresden am Himmel thront. Es war ganz ohne Schatten in einem linearen Stil ausgeführt, ich hatte Ähnliches von einem Engländer namens John Flaxman gesehen.

"Darf ich mir mal ein Exemplar ansehen?", fragte ich. "Bitte, gern. Nehmen Sie dieses, stören Sie sich nicht an den Korrekturen. Wenn Sie mich derweil entschuldigen, ich muss noch vor Mittag ein paar Rechnungen schreiben. Er ging in den Nebenraum, blieb aber in Sichtweite. Delaja unterhielt sich angeregt mit dem Jungen. Ich dachte 'Na, da hat sich der Besuch ja schon gelohnt'.

"Was war das mit dem Brief?", fragte ich sie, nachdem wir Kleist verlassen hatten. "Hab' ich abgegeben, wie es vorgesehen war", antwortete Delaja. "Ist er wirklich von deinem Großvater?" "Wollen Sie ihn selber danach fragen, Karl?" Ich biss mir auf die Lippen. Sie sagte "Er guckt manchmal so seltsam, finden Sie nicht? Irgendwie abwesend." "Ja, ist mir auch aufgefallen. Wahrscheinlich muss er grade an so viel denken, wegen diesem Journal." "Was halten Sie davon?" "Ich habe so etwas in der Art noch nicht gesehen. Schillers "Horen" waren anders, und wie Wielands "Merkur" ist es auch nicht. Er will sich vielleicht bewusst davon abgrenzen." "Ja, das wäre ihm zuzutrauen. Wenn ich nur wüsste, was ich heute abend anziehe."

Herr von Kleist hatte uns eingeladen zu einer kleinen geselligen Runde in einem Lokal direkt an der Elbe. Delaja hatte sich vergewissert, daß der Junge Oskar auch mitkommt. Sie entschied sich für ein schlichtes Kleid aus Baumwolle, helle Strumpfhosen und leichte Lederschuhe. Sie nahm ein grob gewebtes Tuch mit, "falls es kühl wird da unten am Fluss".

Kleist beschrieb uns, wo es zu finden sei, aber Oskar sagte, er werde uns abholen, und gegen fünf stand er vor unserer Zimmertür. "Wollen wir zu Fuß gehen?", fragte er, als sei er es gewohnt, "das ist allerdings eine halbe Stunde Weg." Delaja sagte "Das macht nichts, ich liebe es, in die Abenddämmerung hineinzulaufen." (Ich hatte nichts zu sagen.) Er führte uns durch ein paar Seitenstraßen und Gassen, und dann am Ufer entlang, und wir mussten einmal über den Fluss, und auf der anderen Seite über ein ziemlich wildes Gelände, wo es einen Pfad gab, den kein Fremder gefunden hätte.

Unterwegs erzählte Oskar über sich und über seine Arbeit "bei den Herren Müller und von Kleist". Delaja sprach über Weimar, und er wollte wissen, wie die Villa aussieht und ob man in dieser Ilm auch baden kann. Sie sagte, nein, dafür wäre sie zu flach, aber "als Kinder" hätten sie drin rumgeplanscht. Er fragte auch mich aus, und als ich den Wald hinter meinem Heimatort erwähnte, berichtete er, daß sie letzte Woche in der Dresdner Heide einen "kapitalen" Wolf erlegt haben. "Die kommen neuerdings aus Polen herüber", sagte er. "Aber die kommen nicht bis hier in die Stadt, oder?", fragte Delaja mit ein bisschen gespielter Furcht. "Nein, nein, keine Angst, das trauen die sich nicht."

Es handelte sich um einen der zahlreichen kleinen Biergärten, die an der Elbe verstreut lagen, ein Häuschen mit Ausschank, Tische und Stühle und ein paar Lindenbäumchen. Dazwischen an Leinen hingen Lampions mit Kerzen, die leuchteten, wenn es dunkelte. Die anderen waren schon versammelt und hatten Krüge mit Bier vor sich stehen. Kleist machte uns miteinander bekannt.

Adam Müller, sein Geschäftspartner, mit langen Haaren, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, mit Hakennase und einer kleinen Brille vor den hellen, flinken Augen. Er war Professor gewesen, hatte Vorlesungen über Staatsrecht gehalten. Er redete viel und war rhetorisch begabt, ein bisschen selbstverliebt. Kleist und er passten eigentlich überhaupt nicht zusammen. Ich habe später erfahren, daß sie sich mehrmals bis aufs Messer gezankt haben, Kleist warf ihm vor, ihn finanziell zu betrügen, er wollte sich gar mit ihm duellieren. Aber zeitweise waren sie unzertrennlich.

Adolf von Pfuel, ein hagerer, ewig Pfeife rauchender preußischer Leutnant mit literarischen Ambitionen. Er wohnte bei Kleist im Haus. Er hat einmal erzählt, wie Kleist seine "Penthesilea" vollendet hat. Eines Nachmittags kam er aus seiner Stube zu Pfuel, mit Tränen in den Augen und einem Ausdruck, als hätte er alles verloren: "Sie ist tot", sagte er nur und sank schluchzend in die Arme des Freundes.

August Rühle von Lilienstern, ebenfalls mit militärischer Ausbildung, klein, untersetzt, der Typ eines treusorgenden Familienvaters, der eine Abwechslung nicht verschmäht. Er war gebildet und trinkfest. Als wir später an diesem Abend etliche Lagen Bier intus hatten, zitierte er aus Cäsars Gallischem Krieg ohne zu stocken. Es stellte sich heraus, daß er Erzieher des Weimarer Prinzen Bernhard war, er kannte viele der dortigen Prominenten persönlich.

Oskar und ich bestellten uns Bier, Delaja trank Apfelsaft und später nippte sie öfter am Krug des Jungen. Ich muss jetzt, da ich dies aufschreibe, immer noch staunen, wie es diesem Mädchen gelang, die Runde der gestandenen Männer mit der Essenz weiblicher Erhabenheit zu beleben. Als Kleist, sichtlich stolz, von dem "Brief Merschkows" und vom Lob seines Werks sprach, da zitierte Delaja spontan die Worte der Eve bei ihrer Verteidigung, und Kleist setzte als Ruprecht ein, und die beiden gaben eine der schönsten Szenen des Stücks zum Besten.

Nach gut einer Stunde zogen wir weiter, das sei so "Usus", erklärte mir Pfuel. Ziel war die nächste Lokalität, wo es wieder reichlich Bier gab. Außerdem waren dort drei Musikanten am Spielen und man konnte tanzen. Oskar und Delaja vergnügten sich, während Kleist einige Anekdoten aus seiner Militärzeit erzählte. Er hatte es in seiner Laufbahn bis zum Sekondeleutnant geschafft und dann den Dienst quittiert. Er hatte als Fünfzehnjähriger bei der Belagerung der Mainzer Republik teilgenommen, er sagte, er sei immer mutig, aber nie tollkühn gewesen.

Pfuel und Lilienstern waren Anhänger des Generals Scharnhorst, sie hielten ihn für einen der größten Feldherrn der Geschichte. Sie waren überzeugt, daß, wenn Napoleon Preußen überfallen werde, Scharnhorst das Vaterland rettet. Allerdings müsste er dafür vorher in Berlin "ans Ruder kommen", wie Müller richtig feststellte. Müller war kein Soldat, aber er hatte erstaunlich klare Vorstellungen darüber, wie man die preußische Armee reformieren müsse. (Was später als das sogenannte Kremper System realisiert wurde, nämlich eine Reservisten Truppe, die im Kriegsfall mobilisiert wird, dafür hat Adam Müller schon damals im Biergarten an der Elbe plädiert.)

Wir kamen vom Hundertsten ins Tausendste, wir sprachen über die Napoleonische Gesetzgebung, über den Fischbestand in der Elbe, über Schwarzwälder Schinken, Scheintod und über schlechte Angewohnheiten. Über das Kleist-Müller'sche "Journal", und Pfuel meinte, wenn Kleist einen anständigen Verleger hätte und einen guten Lektor, dann wäre er mit seiner Literatur ganz sicher viel erfolgreicher als jetzt. "Aber ich befürchte", setzte er hinzu, "du würdest nicht auf das hören, was er dir sagt." Er lallte schon ein bisschen. "Denn du bist der größte Dickschädel, der mir je begegnet ist!" Müller sagte kategorisch: "Es gibt keinen anständigen Verleger. Sie sind alle Halsabschneider, die keine Juden geworden sind."

Wir zogen abermals weiter. In der dritten Station war das Bier alle, und Lilienstern meinte, es gebe ein paar Schritte elbaufwärts noch ein Lokal. Es war schon dunkel, und ich schätze, wir befanden uns fast gegenüber von Pillnitz. Ich sagte "Wo sind Delaja und Oskar?" Müller schlug vor, am Ufer ein Feuerchen zu machen. Wir suchten Holz und zündeten es an, und dann kamen die beiden jungen Leute tatsächlich wieder dazu, und mir fiel ein Stein vom Herzen. Kleist stimmte ein Lied an, und Pfuel und Lilienstern sangen gleich mit, sogar mehrstimmig. Müller holte - wer weiß, woher - eine Flasche Wein hervor, entkorkte sie "auf alte Soldatenweise" und ließ sie reihum gehen.

Ich hätte nicht davon trinken dürfen. Das letzte, woran ich mich erinnere, war, als ein Kahn am Ufer anlegte, in dem Pfuel und Kleist standen, letzterer mit einer Fackel in der Hand und rief "Alle Mann an Bord!" Wir krabbelten ins Boot, und ich ließ mich auf den Wellen in die Bewusstlosigkeit schaukeln.

Ich erwachte in unserm Zimmer, allein in Delajas Bett! Plötzlich ging die Tür auf und sie kam herein, ich fuhr hoch und rief "Delaja! Wo warst du?" "Ich habe zu Mittag gegessen, wissen Sie eigentlich, wie spät es ist!" "Um Himmels Willen!" "Keine Sorge, Karl. War nur ein Scherz. Ich habe grade gefrühstückt. Wenn Sie sich ein bisschen beeilen, bekommen Sie noch heißen Kaffee." "Wieso liege ich in deinem Bett?" "Weil Sie als erster drin gelegen haben." Ich fragte mit zittriger Stimme "Habe ich irgendwas angestellt?" Sie sagte "Nicht, daß ich wüsste." "Ich meine ..." "Ich weiß schon, was Sie meinen. Nein, Karl."

Ich ließ mich zurückplumpsen. "Großer Gott! Ich hätte nicht so viel trinken dürfen." "Es war doch ganz amüsant", sagte sie. "Sind wir wirklich mit einem Boot zurückgefahren?" "Ja. Es war lustig." "Und du hast mich hierher verfrachtet?" "Oskar hat mir geholfen. Er hatte sowieso zum Schluss das Kommando. So, jetzt muss ich aber los." Ich fuhr abermals hoch. "Wo willst du hin?" "Mit Oskar zusammen die Zeitschriften zum Postamt bringen, erinnern Sie sich an überhaupt nichts mehr?" "War das abgemacht?" "Allerdings." "Und ich?" "Machen Sie sich einen schönen Tag, Karl. Wir sehen uns dann später." Weg war sie. Ich fiel zurück, aber der Gedanke an heißen Kaffee trieb mich auf die Beine.

Ich verbrachte den Vormittag damit, durch die Stadt zu schlendern. Ich stand wohl eine Stunde lang auf der Brühl'schen Terrasse und beobachtete die Kähne auf der Elbe. In einem Lokal mit böhmischen Spezialitäten speiste ich zu Mittag: Hefeknödel mit Sauerbraten und Rotkohl, dazu ein Pilsener Bier; es ging mir gut. Doch ich musste ständig an Delaja denken: was, wenn sich die beiden verlieren und sie sich in der Stadt verlaufen würde? Ich müsste die Polizei verständigen, und Merschkow würde unweigerlich davon erfahren. Ich beschloss, in die Redaktion in der Rampischen Gasse zu gehen.

Adam Müller war allein da, er korrigierte gerade ein Manuskript, das er dicht vor die Augen hielt, offenbar war er kurzsichtig. "Ah, Herr Tandlop", begrüßte er mich, "gut daß Sie kommen: lesen Sie doch bitte mal diesen Satz und sagen mir, was er bedeuten soll."

Er gab mir das Blatt, es war ein Artikel über die "Physiologie des Auges in Bezug auf die Farbenlehre", es ging um die Frage, ob alle Betrachter eines Gemäldes exakt die gleichen Farben sehen oder nicht. Ich versuchte, die Aussage zu interpretieren, Müller sagte "Das heißt, es gibt Leute, die sehen das Blau auf einem Tizian nicht als Blau, sondern als Grün?" "Nach dieser Theorie wäre das möglich." "Ein Wunder, daß sich dabei die allgemeine Verwirrung dennoch in Grenzen hält", sagte Müller, legte das Blatt beiseite und fuhr fort "ich denke, ich stelle diesen Artikel noch einmal zurück und wir nehmen dafür ... tja ... was nehmen wir ... kennen Sie den Freiherrn vom Stein? Ich meine seine Schriften." Ich sagte "Ich habe einmal in Erfurt an der Universität einen Vortrag von ihm gehört, über die öffentliche Verwaltung im Staat." "Aha, sehr interessant", sagte Müller, und ich fügte hinzu "Eigentlich hatte ich mich im Raum geirrt, ich wollte zu einem Vortrag über Rembrandt." Müller lachte. "Da gibt es bestimmt nur wenig Verbindung." "Ja, allerdings. Warum fragen Sie."

"Oh, wir haben hier ein paar Sachen über ihn und von ihm und natürlich auch gegen ihn." "Soviel ich weiß, steht er bei Napoleon auf der Liste der Staatsfeinde ganz oben." "Das ist es, was uns bis jetzt davon abgehalten hat, ihn zu veröffentlichen." Er rückte seine Brille zurecht. "Andererseits, wenn wir auf uns aufmerksam machen wollen, könnte ein Artikel über ihn erheblich dazu beitragen. Na, ich muss das überdenken ... Sie wollten bestimmt zu Heinrich?" "Ja." "Er muss etwas erledigen, ich denke, er ist gegen drei wieder hier." "Kann ich mir bis dahin ein Heft Ihres 'Phöbus' zum Lesen ausleihen? Ich hatte gestern bereits dieses Korrekturexemplar in der Hand." "Das hier? Selbstverständlich. Am besten, Sie nehmen es mit und setzen sich in ein Café, da können Sie es in Ruhe lesen."

Ich befolgte seinen Rat und zwei Stunden später, nachdem ich den "Phöbus" durch hatte, kehrte ich in die Redaktion zurück. Diesmal war Kleist allein da, er sagte "Wie hat Ihnen unser kleiner Ausflug gestern gefallen?" "Sehr gut", erwiderte ich, "ich habe nur etwas zu viel getrunken." "Ja, das passiert. Aber das Dresdner Bier ist nicht zu verachten, genaugenommen das Radeberger." "Ja, es schmeckt ausgezeichnet. Wie kommt es eigentlich, daß Sie gerade hier in Dresden Ihre Zeitschrift herausgeben? Wie ich gestern hörte, stammen Sie aus dem Oderland?" "Aus Preußen, sagen Sie's nur. Ja, ich bin ein Preuße mit Herz und Seele", bekannte er.

"Die geschäftlichen Umstände waren hier günstig, deshalb haben wir uns für Dresden entschieden, das ist eigentlich der Hauptgrund. Sobald unsere Zeitschrift floriert, werden wir eine zweite Redaktion in Berlin eröffnen, ich habe meine Fühler schon dahingehend ausgestreckt", sagte er mit vielsagender Geste.

Überhaupt konnte man an ihm stets eine große Begeisterung erkennen, wenn er von zukünftigen Dingen sprach. Sein Kamerad Pfuel hatte mir gestern, als wir auf dem Weg ein Stück hinter den anderen zurückgeblieben waren, einiges über Kleist erzählt, besser gesagt, ich hatte ihn ausgefragt. Demnach hatte er sich in der Vergangenheit bereits mehrmals in große Projekte gestürzt, jedesmal "felsenfest davon überzeugt", daß er damit seinem Leben nicht nur eine solide Basis, sondern auch einen Sinn, ja, einen "höheren Zweck" geben würde.

"Wissen Sie, Karl", hatte Pfuel gesagt, "unser Freund Kleist ist eigentlich nicht ganz von dieser Welt." "Ist er nicht?" "Nein. Er ist im Grunde wie ein Kind, das zwar in diese Welt hineingeboren wurde, doch die Welt weiß nichts mit ihm anzufangen. Er kann wohl überall dabeisein, aber er gehört nirgends dazu."

Nachdem er aus der Armee ausgeschieden war (und sich anschließend schon einmal als Schriftsteller versucht hatte), wollte er allen Ernstes als Bauer und Landwirt eine Existenz gründen. Wahrscheinlich kam der preußische Junker in ihm durch, dachte ich. Er hatte vor, in der Schweiz(!) ein Stück Land zu erwerben und gemeinsam mit seiner Verlobten zu bewirtschaften. Pfuel sagte "Die Wilhelmine war davon freilich alles andere als begeistert. Sie hat gesagt, sie wäre für ein Leben auf einem Bauernhof nicht geeignet, sie bekäme so leicht einen Sonnenstich!" Pfuel lachte. "Sie ist bestimmt ein liebes Mädel, aber da hat sie ihm was vorgeflunkert, wahrscheinlich hat sie gedacht: spinnt der Heinrich jetzt völlig?"

Als wir uns hier in Dresden in der Redaktion begegneten, waren seine bäuerlichen Ambitionen offensichtlich längst ad acta gelegt. Auch die Verlobung war aufgekündigt. Kleist hatte praktisch keine Familie außer seine Schwester Ulrike, die, wie Pfuel mir versicherte, ein "unglaublich guter Mensch" sei, und ohne die Kleist "niemals bis jetzt überlebt hätte". Sie hielt auch weiterhin zu ihm, nachdem sich der Rest der, eigentlich ziemlich weitläufigen Kleist'schen Sippe, von dem Sonderling abgewandt hatte.

Pfuel war sogar skeptisch, was das aktuelle Unternehmen des "Phöbus" betraf. Er sagte, Kleist und Müller hatten ursprünglich vor, eine Buchhandlung in Dresden zu eröffnen, aber die hiesigen Buchhändler wollten jede Konkurrenz verhindern und hatten bei den Behörden dafür gesorgt, daß die beiden keine Konzession bekommen. "Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, daß sie Erfolg haben, aber es würde bedeuten, den Pleitegeier, der schon sein Leben lang über Kleist schwebt, zu verscheuchen, und ehrlich gesagt, sehe ich keinen Grund, weshalb er weichen sollte, wo er sich doch jedes Mal mit Begierde auf diesen unverbesserlichen Narren stürzen kann."

Ich glaube, Pfuel hatte schon oft versucht, Kleist ins Gewissen ins zu reden und wenigstens zu verhindern, daß er sich neue Schulden aufhalst. Aber Kleist schlug immer alle gutgemeinten Ratschläge in den Wind. Und Pfuel meinte, daß man bei ihm auch deshalb nichts ausrichten würde, "weil er ein großer und wahrhafter Künstler ist, der von etwas gelenkt und getrieben wird, das wir Sterbliche weder begreifen noch beeinflussen können".

Bei meiner Unterhaltung mit Kleist kamen wir auch auf die preußische Königin Luise zu sprechen, und ich bemerkte sofort, daß sie für ihn nicht nur eine Königin, sondern beinahe eine Göttin war, der er gleichsam antike Größe und Würde verlieh. An diesem Punkt übertraf seine Begeisterung noch bei weitem alles, wovon er selbst jemals geträumt hatte.

Sie waren beinahe gleichaltrig, und wenn er von ihr sprach, hatte ich mitunter den Eindruck, sie hätten als Kinder miteinander gespielt. Er wusste erstaunlich gut über sie Bescheid. (Eine eingeheiratete Marie von Kleist war eine Vertraute der Königin und neben seiner Schwester Ulrike die einzige, mit der er noch in Kontakt stand.) Er sagte, Luise sei das beste Geschenk, das König Wilhelm vom Himmel erhalten habe. Dabei war er keineswegs neidisch auf ihn.

Jedermann war damals der Meinung, der preußische König wirke oft kraftlos, wankelmütig und ohne die nötige politische Weitsicht. Aber er war ein vernünftiger, unbescholtener und auch gerechter Mann, und deshalb gönnten ihm seine Untertanen eine Frau an seiner Seite, die ihn bei seinem schwierigen und mühevollen Regieren unterstützt.

"Überall", sagte Kleist, "würde man es als Einmischung eines Weibes in die Amtsgeschäfte des Herrschers betrachten und verurteilen. Stellen Sie sich vor, Josephine würde ihrem Napoleon sagen, was er zu tun habe! Ich glaube, sie wäre längst vergiftet worden. Und was hört man von der Gemahlin des russischen Zaren? Kennen Sie ihren Namen? Schauen Sie sich unsere beiden Monarchen an! Nie in der Geschichte hat ein Volk, ein Vaterland ein edleres Paar auf dem Königsthron gehabt! Oh, mögen die Götter den beiden allzeit ihre Gunst erweisen!"

Das hatte Kleist gesprochen wie ein Held aus einem seiner ernsten Stücke. Ich bin heute noch überzeugt, daß eine Stellung bei Hof, in der Nähe der Königin und stets zu ihren Diensten, in seinen Augen das Höchste gewesen wäre, was er je in seinem irdischen Leben hätte erreichen können. Als ich später Gelegenheit hatte, Königin Luise aus unmittelbarer Nähe zu erleben, fand ich alles, was Kleist über sie gesagt hatte, bestätigt.

"Sie müssen unbedingt einmal nach Berlin fahren", sagte er jetzt zu mir, "und sich im Residenzschloss die Skulptur der beiden Prinzessinnen ansehen, es ist ein Meisterwerk, das es mit jeder antiken Darstellung einer Göttin aufnehmen kann." Er versprach mir, eine Empfehlung der Marie von Kleist zu schicken, mit welcher ich leichter Eintritt ins Schloss hätte.

Darauf wartete ich zwar vergebens, doch als ich später einmal in Berlin war, sah ich, daß an bestimmten Tagen das Schloss für Besucher geöffnet war, eine Tradition, die selbst während der Napoleonischen Besatzung fortgeführt wurde. Der Zufall wollte es, daß ich gerade an einem dieser Tage hier war.

Es war scheußliches Wetter, und es hatte sich höchstens ein Dutzend Leute eingefunden, welche die Möglichkeit der Besichtigung nutzten. Ein junger Mann, Student der Kunstgeschichte, führte uns durch die zugänglichen Räume und erklärte die Sehenswürdigkeiten. Am Ende bedankte er sich für unsere Aufmerksamkeit.

Ich fragte nach dem Prinzessinnen Standbild von Gottfried Schadow. Er war überrascht, daß jemand davon wusste, aber seine Augen leuchteten, als der Name fiel. Ja, diese Skulptur der Prinzessin Luise und ihrer Schwester Friederike befände sich in einem "Séparée" des Schlosses. Ich fragte höflich, ob man einen Blick darauf werfen könne, und die anderen Besucher waren ebenfalls nicht abgeneigt.

Der Student kämpfte mit sich selbst und mit den strengen Bestimmungen, schließlich sagte er, nachdem er sich vergewissert hatte, daß weit und breit niemand zu sehen war, "Ausnahmsweise werde ich Sie hinführen, aber bitte wahren Sie darüber Stillschweigen, sonst verliere ich meine Zulassung." Wir äußerten leise unsere Anerkennung, und er brachte uns an besagten Ort.

Mir lief ein Schauer über den Rücken beim Anblick dieser beiden Figuren, als würde ich in einem Tempel vor einem Heiligtum stehen. Links Luise, zwanzigjährig, im lang und glatt herabfallenden Kleid, die Beine fast lässig über Kreuz, der rechte Arm hängt herab, die Hand befühlt den Stoff, den andern Arm um die Schulter ihrer Schwester gelegt, die ihrerseits ihre Hand fasst. Friederike, ebenso im langen Kleid, aber mit schwungvollen Falten, etwas kleiner als Luise, zwei Jahre jünger, schaut mit besinnlich geneigtem Kopf halb zu Boden, während Luise, allerdings auch ein wenig verträumt, geradeaus wie in die Ferne blickt. Die Zeichen ihrer Weiblichkeit sind unter den Gewändern verborgen, aber nicht versteckt. Ihr Busen ist von jugendlicher Fülle, Hüfte und Bauch Luises wölben sich sachte hervor, über den Schenkeln wird der Stoff fadenscheinig und wirkt wie bloße Haut. Die beiden Frauen stehen da in einem Moment der ewigwährenden Gelassenheit, majestätisch, unverletzbar, süße Frucht der Schöpfung, unverdorben, voll des Glückes und der Freude, die sie jenen spenden, die sie sich erkämpfen können.

Als Kleist in Dresden in der Redaktion von diesem einzigartigen Werk der Bildhauerkunst schwärmte, ahnte ich nicht, daß einmal seine Faszination wie ein zündender Funke auf mich überspringen würde. Aber jetzt mischte sich in seine Worte auch eine Spur von Resignation, da er sich doch bewusst war, er würde niemals über das Können verfügen, seinem Idol mit gleicher Meisterschaft zu huldigen. Ich glaube, darunter hat er mehr gelitten als unter allen materiellen Sorgen und Zwängen, die ihm das Leben schwer machten.

Adam Müller kam herein und riss uns aus unserer beschaulichen Unterhaltung. Ihm nach folgten Delaja und Oskar in bester Laune. Delaja hatte ein anderes Kleid an. "Hast du dich umgezogen?", fragte ich sie. "Ja. Das andere war mir zu warm." "Wo?" "Im Hotel. Wo denn sonst?" "Ihr wart im Hotel?", fragte ich und schaute zu Oskar, der tat nicht dergleichen. Kleist sagte "Nun werde ich Sie für Ihre tatkräftige Hilfe entlohnen müssen, Fräulein Stieglitz." "Ach, das ist nicht nötig", und mit einem scharfen Blick auf mich fügte sie hinzu: "es hat mir Riesenspaß gemacht."

Sie hatte dennoch eine Bitte an ihn. "Euer Wohlgeboren, wenn Sie mir freundlicherweise eine Widmung in meinen 'Zerbrochenen Krug' schreiben würden, das wäre mir Dank und Lohn genug." "Oh, wie könnte ich das einem so bezaubernden Wesen verweigern", sagte Kleist und schrieb etwas auf die zweite Seite.

Nach dieser ergreifenden Geste sagte ich zu Delaja "Wir müssen noch die beiden Bilder abholen." "Na denn", meinte sie, "so heißt es Abschied nehmen." Müller und Kleist umarmten uns, Oskar reichte mir die Hand, Delaja gab ihm einen Schmatzer auf die Wange. Wir bedankten uns. Kleist sagte "Es würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen, Karl." "Unbedingt", versprach ich.

Auf der Rückreise kamen wir nicht so zügig voran. Aber wir hatten jede Menge Gesprächsstoff. Oskar hatte Delaja den Zwinger und die Frauenkirche gezeigt. "Haben Sie gewusst, daß in der Hofkirche ein riesengroßes Altarbild von ebendiesem Anton Raphael Mengs hängt?" "Nein. Hast du es gesehen?" "Natürlich. Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen", antwortete sie wie eine echte Kunstkennerin.

Sie fragte, worüber ich mit Kleist geredet habe, und ich sagte es ihr. "Haben Sie ihn besser kennengelernt?" "Ja, ich denke schon. Er ist ein ungewöhnlicher Mensch." "Oh ja, das scheint mir auch. Wenn man ihn so sieht, würde man niemals vermuten, was in ihm steckt."

Delaja las eine Weile in einer Broschüre über August den Starken und die Gräfin Cosel, Oskar hatte sie ihr geschenkt. Ich wurde müde und schlummerte ein. Als wir auf der Zwischenstation den Wagen gewechselt hatten, kam ich noch einmal auf Kleist und sein Journal zu sprechen.

"Er hat in dieser Ausgabe sein Schauspiel 'Penthesilea' abgedruckt." "Wer ist das?", fragte Delaja. "Eine Amazonen Königin." "Amazonen?" "Das ist ein sagenhaftes Volk von kriegerischen Frauen", sagte ich, und nach einer Pause fügte ich hinzu "die Amazonen haben sich eine Brust abgeschnitten, damit sie den Bogen besser spannen können."

Delaja schrie vor Entsetzen auf. "Igitt! Das ist ja grauenhaft!" Ich bereute sofort, es gesagt zu haben. Es war nur ein Detail, doch offenbar war es hängengeblieben und beschäftigte mich. Delaja konnte sich nicht gleich beruhigen. "Igitt! Ich will mir das gar nicht vorstellen! Aber das machen sie doch nicht wirklich auf der Bühne, oder?" "Ach wo!", versicherte ich ihr, "Es ist eigentlich auch nur symbolisch zu verstehen. Diese Amazonen tun alles dafür, ihre Kampfkraft zu stärken." "Warum sind die denn überhaupt so?" "Es ist eine Sage, ein Mythos. Sie symbolisieren ein Frauengeschlecht, das sich völlig von seiner natürlichen Bestimmung gelöst hat ... ich glaube, ich werde dir lieber später etwas darüber sagen", unterbrach ich mich selbst.

"Ja, ist gut", meinte Delaja und schüttelte sich nochmal. Dann sagte sie "Vielleicht schreibt Herr von Kleist auch wieder was Humorvolles." "Na, da würde ich drauf wetten." Ich war immer noch ein bisschen besorgt. "Ich halte es für besser, wenn du deinem Großvater nichts davon sagst." "Wovon?" "Von dieser Amazonen Sache." Delaja schaute mich an und schob ihre Lippen vor. "Wenn Sie dafür den Brief unerwähnt lassen."

Dann verpassten wir unsern Anschluss und mussten eine Stunde warten. Es war warm und sonnig, und wir gingen ein Stück seitab auf eine Wiese unter Obstbäumen und setzten uns ins Gras. Wir hatten in der Station einen Krug mit Limonade bekommen und erfrischten uns. Die Vögel zwitscherten und die Grillen zirpten.

Delaja fragte mich "Haben Sie eigentlich zu Hause eine Freundin?" "Ja, bis vor kurzem." "Wie hieß sie?" "Verena." "Und mit Nachnamen?" "Draum." "Wie der Traum?" "Ja, bloß mit D." "War sie's auch? Ihre Traumfrau?" "Es gab Momente, da fühlte es sich so an, ja." "Aber Sie sind nicht mehr zusammen?" "Nein. Sie ist weggezogen." "Puh!", machte Delaja, "Da bin ich aber froh." "Wie bitte?" "Ich meine, ich bin froh, daß Sie nicht im Streit auseinander gegangen sind." "Nein. Aber es war trotzdem schmerzlich." "Oh ja, das glaube ich. Und nun müssen Sie erst mal wieder zu sich selber finden, stimmt's." "So ist es. Wie gut du das nachfühlen kannst."

"Und wann wollen Sie heiraten?" "Wen?" "Überhaupt. Haben Sie sich nicht ein bestimmtes Alter gesetzt, bis zu dem Sie heiraten und eine Familie gründen wollen?" "Na ja, wenn es danach ginge, wär's wohl schon soweit, vielleicht sogar schon drüber. Aber ich weiß nicht ... mir gefällt mein Leben so wie es jetzt ist. Es gefällt mir, was ich tue, es gefällt mir, hier mit dir zu sitzen, es gefällt mir sogar, nicht so genau zu wissen, was nächste Woche geschehen wird."

Delaja lachte. Dann sagte sie "Was würden Sie mir raten?" "In Bezug auf was?" "In Bezug auf: wie lange ich damit warten soll?" "Zu heiraten?" "Nein, auf den Mond zu klettern. Ja, natürlich zu heiraten!" "Da kann ich dir leider gar nichts raten. Mag sein, daß man sich eine bestimmte Frist setzen kann, wenn man davon überzeugt ist, man könnte sein Leben vorausplanen wie eine Reise. Aber ich glaube, es kommt dann doch immer anders. Man begegnet Menschen, die man sich vorher gar nicht vorzustellen vermochte."

Delaja wandte ein "Ja, aber man hat doch diese bestimmte Vorstellung, nach der man sich richtet und die einem hilft, Entscheidungen zu treffen oder zumindest seine eigenen Gefühle zu verstehen. Sonst würde man sich ja in jeden verlieben, der einem grade über den Weg läuft, bloß weil er so ... anders ist." Ich sagte "Ich bin mir nicht sicher, ob man in dieser Hinsicht die eigenen Gefühle wirklich verstehen kann. Hast du denn nicht selbst schon erlebt, daß es damit drunter und drüber geht, wenn man sich verliebt?" "Ja, hab' ich." "Ich rede ja nicht von jedem erstbesten", meinte ich, "doch dann triffst du einen, der steht vor dir wie aus heiterm Himmel gefallen, und du verliebst dich auf den ersten Blick, und da ist es Pustekuchen mit 'bestimmter Vorstellung', da denkst du nur noch: der ist es!"

Delaja lachte. "Ein Wahnsinnsgefühl, nicht wahr! Sie haben vielleicht recht, Karl. Man sollte sich da lieber nicht selbst Vorschriften machen, die man dann doch bloß über den Haufen wirft. Man sollte das Leben und die Liebe genießen, wie sie kommen." Sie stand auf, hob die Arme und streckte sich, ich sah ihre schöne Figur, und für einen Moment spürte ich, wie sich in meinem Bauch die Säfte zusammenzogen. Ich sagte vorsichtshalber "Aber man sollte trotzdem nicht den Verstand verlieren und sich nicht auf alles einlassen, das einem reizvoll erscheint." Sie sah mich von oben herab an und meinte "Keine Sorge, Karl, mein Großvater erfährt nichts von unserer Unterhaltung."

Zurück zum Anfang meines Berichts. Nach dem Sieg Napoleons in der Schlacht bei Austerlitz und der Abdankung des deutschen Kaisers musste sich Preußen positionieren. Entweder König Friedrich Wilhelm schloss einen Bündnisvertrag mit Frankreich (das wahrscheinlich einen Beitritt zum Rheinbund fordern würde, was der König niemals akzeptiert hätte), oder - ja, was war die Alternative zu einer Annäherung an Frankreich? Eine engere Verbindung mit Russland und Österreich, die gerade einen Krieg gegen die Franzosen verloren hatten? Was für einen Sinn sollte das machen? Niemals in der Geschichte hat sich jemand mit einem Verlierer eingelassen, denn es bedeutet den politischen Selbstmord.

In Berlin gab es seit geraumer Zeit Kräfte, die eine rigorose Haltung gegenüber Frankreich forderten, man nannte sie die "Kriegspartei", und es war nicht ganz klar, wer wirklich dazugehörte und wer nicht. Für Napoleon waren diese Leute zweifellos bezahlte Agenten der englischen Krone. Er behauptete, sie seien Preußens eigene Feinde mehr noch als jede ausländische Macht. Er beschwor König Friedrich Wilhelm, ihren falschen Ratschlägen nicht zu folgen.

Allerdings war man sich ziemlich sicher, daß auch die Königin Luise zu dieser Fraktion der entschiedenen Napoleon Gegner gehörte. Der Leutnant Gradenecker zählte neben dem Minister Hardenberg auch den Freiherrn vom Stein, General Blücher und vor allem Prinz Louis Ferdinand von Preußen zu diesem Frankreich feindlichen Kreis.

Louis Ferdinand war eine schillernde Persönlichkeit, er wurde der "Neffe des Königs von Preußen" genannt. Wohlgemerkt: damit war nicht der amtierende König, sondern kein geringerer als Friedrich der Große gemeint, der seit zwanzig Jahren tot war. Louis Ferdinands Vater war der sehr viel jüngere Bruder des alten Fritz gewesen, und der Prinz war seinerseits zwei Jahre jünger als sein Großneffe, der jetzige König.

Louis Ferdinand war ein Draufgänger, ein Frauenschwarm, ein sinnenfreudiger Individualist, ein unerschrockener Soldat und in manchen Augenblicken ein schöngeistiger Melancholiker. Ohne selbst je Kommandeur einer nennenswerten Einheit gewesen zu sein, überragte er das Korps der Offiziere und die meisten Generäle allein durch seine legendäre Erscheinung. Selbst Napoleon zollte ihm seine Anerkennung, das war so recht der Gegner von dem Format, das ihm ebenbürtig war.

Der Rittmeister Klett kannte den Prinzen persönlich, und er sprach von ihm wie von einem alten Haudegen und Kameraden, als hätten sie gemeinsam schon die Türken vor Wien in die Flucht geschlagen. Sie waren sich in mancherlei Hinsicht ähnlich, vor allem in ihrer überschwänglichen Zuneigung zu den Frauen. Einen kleinen Unterschied gab es auch: der Rittmeister trank keinen Alkohol, während Louis Ferdinand, wie man sich erzählte, seinen Durst nach berauschenden Getränken, vor allem nach Champagner, immer häufiger über das zuträgliche Maß hinaus stillte.

Übrigens gehörte auch des Prinzen Schwester Sophia zur "Kriegspartei". Sie war so attraktiv wie ihr Bruder, und der Rittmeister schwärmte von ihr und bedauerte nicht nur einmal, daß er gezwungen sei, "die Finger von ihr zu lassen", denn bei aller Kameradschaft: der Bruder hätte ihn ohne mit der Wimper zu zucken niedergestochen, wenn er Sophia auch nur absichtlich berührt hätte.

In dem Dilemma, in dem sich der preußische König befand, hatte ihm seine Gemahlin (und ihre Hintermänner) wohl den letzten entscheidenden Anstoß zum Handeln gegeben. Nur drei Tage, nachdem der deutsche Kaiser abgedankt hatte, wurde in preußischen Landen die allgemeine Mobilmachung ausgerufen, ein Schritt, den Napoleon mit einer Kriegserklärung gleichsetzte.

So verharrten wir in diesen Tagen in gespannter Unruhe und zerbrachen uns den Kopf darüber, wo die französischen und die preußischen Truppen aufmarschieren würden und auf welchen Wegen die napoleonische Armee gegen den Feind vorrücken könnte. Es war klar, daß König Friedrich Wilhelm nicht wartet, bis Napoleon vor den Toren Berlins steht.

Das Königreich Bayern gehörte seit einiger Zeit zum Rheinbund, Napoleon betrachtete es als sein deutsches Territorium. Es grenzte im Osten an Österreich (den Verlierer von Austerlitz), im Norden an Würzburg (das ebenfalls Frankreich ergeben war), an die Thüringischen Staaten sowie an das Kurfürstentum Sachsen, die beide Verbündete von Preußen waren.

Wir waren uns darin einig, daß die Grande Armée durch Thüringen ziehen muss. Ob aber über das Saale Tal zwischen Thüringer Wald und Fichtelgebirge oder durch die Werra Pforte bei Eisenach, darauf wollten wir uns nicht festlegen. Mein Chef Zacharias Becker, der die Entwicklung natürlich mit täglich brandaktuellen Nachrichten begleitete - manchmal gaben wir sogar ein Einzelblatt als Extra Abend Ausgabe heraus - hatte ein paar Gothaer Stifte angeheuert, die als "Kundschafter" auf dem Krahnberg Ausschau nach auffälligen Massenbewegungen, sprich: einem Truppen Vormarsch, halten sollten; er hatte ihnen sogar ein Fernrohr mit zehnfacher Vergrößerung mitgegeben.

Die Würzburger Zeitung berichtete von der Parade mehrerer Regimenter vor dem Residenzschloss, bei der Napoleon seine treuen Kämpfer des Siebten Infanterie Regiments mit besonders markigen Worten auf den bevorstehenden Feldzug einschwor. Mit dabei waren auch der dicke König von Württemberg und seine (einzige) Tochter, die des Kaisers Bruder Jérome heiraten sollte.

Ein paar Tage später wurde in Bamberg die Reindel'sche Buchdruckerei requiriert (die mein Chef Becker recht gut kannte) und Napoleon ließ einen Tagesbefehl drucken, von dem Becker durch seine Beziehungen ein Exemplar in die Hand bekam. Napoleon sagte, in Berlin würden "unter der Maske der Freundschaft und der Bundesgenossenschaft neue Ränke gegen Frankreich" geschmiedet. Er zog eine Parallele zum Koalitionskrieg vor vierzehn Jahren und prophezeite den Preußen das gleiche unrühmliche Schicksal; er sagte, die Feindschaft des französischen Volks sei gefährlicher als alle Stürme der Weltmeere.

Es sah also so aus, als werde er an der Saale entlang nach Norden vordringen. Der Leutnant Gradenecker, der inzwischen mit seinem Oberst in Richtung Sachsen aufgebrochen war, hatte uns zuvor noch gesagt, selbst wenn Napoleon diesen Weg nimmt, sei es dennoch nicht unwahrscheinlich, daß "bei uns" Aufklärer unterwegs wären. Becker ließ daher seine Jungen noch auf ihrem Krahnberger Posten.

Tatsächlich kam ein gewisser Heinrich Bodelang aus Mainz zu Besuch und bemühte sich um Zutritt zu dem kartographischen Kabinett des Herzogs, angeblich sei er ein Geologe von internationalem Rang (er hatte wirklich einige Referenzen dabei) und beabsichtige, die bedeutenden Muschelkalk Formationen des Thüringer Landes näher zu untersuchen.

Unserer wackerer Herr von Schlotheim, desgleichen ein Experte auf diesem Gebiet, traute aber dem seltsamen Mann nicht, und so musste er wieder abziehen. Er sei, so berichtete Schlotheim, ein Mann von kleiner Gestalt, mit einer merkwürdig "aufgeplusterten" Perücke gewesen, unter der an einer Ecke rötliches Haar herauslugte, und sein Bart "machte auch nicht den Eindruck, als wäre er an seinem Kinn festgewachsen".

Der Rittmeister Klett war sich sicher, daß es ein von Napoleon beauftragter Spion gewesen war, womöglich sogar Karl Schulmeister, der die bekanntermaßen hervorragenden Gothaer Karten entwenden wollte, um sie den französischen Truppen für ihren Aufmarsch zu übergeben.

Was für Kartenmaterial die Franzosen zur Verfügung hatten, weiß ich nicht, allerdings zeigte sich, daß weder die Preußen noch die Thüringer und Sachsen über den Landstrich, auf dem dann die unheilvolle Schlacht stattfand, wirklich Bescheid wussten. Keiner, so schien es, hatte sich über die Beschaffenheiten des Geländes, die für eine militärische Operation relevant sein könnten, vorher informiert, was dazu führte, daß einzelne Abteilungen völlig im unklaren darüber waren, wo sich der Feind befindet, ja sogar nicht einmal genau wussten, wo die verbündeten Truppen sind und in welche Richtung sie sich bewegen.

Als der Rittmeister Klett erfuhr, daß Prinz Louis Ferdinand mit einer kleinen Vorhut nach Saalfeld unterwegs war, um das angeblich dort eingetroffene Dritte Armeekorps des Marschalls Lannes zu attackieren, zögerte er keinen Augenblick, seinem alten Kameraden beizustehen.

In allerletzter Minute hatte ich mich entschlossen, ihn zu begleiten. Ich gebe zu, daß ich bis dahin immer davor zurückgeschreckt war, unmittelbar an einem Kampfgeschehen teilzunehmen, schon gar nicht mit Säbel und Gewehr. Die Bilder von den untergehenden Russen auf dem See bei Satschan hatten mir wiederholt gezeigt, daß man solches Kriegsgeschehen auch ebensogut in der Redaktionsstube aufs Papier bannen kann, wenn man nur einigermaßen blühende Phantasie hat - und die hatte mich bislang noch nie im Stich gelassen.

Der Rittmeister war nicht übermäßig begeistert von meiner Bitte, gab aber in der Eile nach und sagte, ich solle einen dicken Mantel für die Nacht mitnehmen. Den schnürte ich auf einen Tornister, in dem ich Utensilien zum Feuer anmachen, ein Messer und einen Löffel, etwas Verbandsmaterial (das hoffentlich unbenutzt bleiben würde), mein Skizzenbuch und Zeichenstifte sowie einen Kringel Wurst hineinpackte. Außerdem trug ich (als Glücksbringer) an einem Kettchen um den Hals ein kleines silbernes Kreuz, das mir Delaja geschenkt hatte.

Der Rittmeister gab mir eine Pistole, dazu Pulverhütchen, Lunte und eine Handvoll Kugeln. Er sagte, dies sei nur zu meiner Verteidigung, ich sollte mir ja nicht einfallen lassen, auf eigene Faust gegen die Franzosen vorzugehen. Ich versprach es und steckte die Pistole in meinen Gürtel, wo sie beim Reiten bald anfing, gegen meine Lenden zu scheuern.

Er hatte dem Prinzen Ferdinand eine Nachricht zukommen lassen, und zwar nach Mühlhausen, wo er zuletzt Quartier bezogen hatte, aber er war sich nicht sicher, ob sie ihn erreicht hatte. Er war überzeugt, daß die Franzosen am rechten Saale Ufer nordwärts ziehen werden, damit sie den Fluss als Sperre zwischen sich und den Preußen haben, und frühestens bei Saalfeld über die Brücke gehen. Er glaubte, Prinz Ferdinand werde, nachdem er den Feind ausgemacht habe, auf der linken Saale Seite unbemerkt auf gleicher Höhe mithalten und sie dann bei der Brücke abfangen.

Ich dachte bei mir, daß dieser Plan die verbündeten preußischen Truppen völlig außer Acht lässt, die vermutlich ähnliche Operationen im Sinn hatten, sagte aber nichts weiter dazu. (Tatsächlich war das alles nachher ein ganzes großes Durcheinander, wo keiner mehr wusste, was in seiner nächsten Nähe vor sich geht.)

Immerhin kannte sich der Rittmeister in dieser Gegend erstaunlich gut aus. (Ich vermutete, daß er in der Vergangenheit eine Liebschaft in Saalfeld gehabt hatte.) Wir näherten uns durch ein Seitental dem Fluss, und machten Halt in einiger Entfernung vom Ufer. Rechter Hand (also südlich) erhob sich eine Bergkuppe von mäßiger Höhe. Der Rittmeister, der sah, daß sich dort oben ein idealer Ausblick bot, erstieg den Hügel, um nach den Franzosen zu suchen. Ich begleitete ihn; Becker hatte mir sein Fernrohr mit zehnfacher Vergrößerung mitgegeben.

Aber auch damit bekamen wir den Feind nicht in Sicht, nirgends war eine Bewegung zu entdecken. Wir blieben etwa eine Viertelstunde dort und streiften mit unserm Blick hin und her über die Tannenwäldchen und die Niederungen am anderen Ufer, dann stiegen wir wieder hinab. Auch von Prinz Ferdinand und seinen Mannen war nichts zu sehen. Der Rittmeister war sich unschlüssig, ob wir uns noch weiter flussaufwärts wagen sollten.

Wir kamen zu einem Gehöft mit einer Wassermühle. Der Besitzer sagte uns, daß die Franzosen schon gestern nacht an der Saale entlang Richtung Jena gezogen wären, "im Schein von Fackeln", fügte er hinzu, es sei ein gespenstischer Anblick gewesen, "wie ein endloser Leichenzug", und er war heilfroh, daß sie am andern Ufer waren.

Ob der Weg über den Steinberg noch passierbar wäre, wollte der Rittmeister wissen. "Durch den Lichtenhainer Wald?", meinte der Besitzer, "Letztens war er jedenfalls noch frei, das war nach dem Windbruch, ich schätze, man würde durch kommen. Aber da müssten Sie ja auf die andere Seite." "Gibt es eine Furt in der Nähe?" "Wenn Sie nur mit den Pferden hinüber wollen, können Sie es eine halbe Meile weiter unten versuchen, da biegt ein Weg zum Ufer ab, den können Sie kaum verfehlen."

Kurz nachdem wir das Gehöft hinter uns gelassen hatten, tauchte eine Rotte Reiter auf. Vor Aufregung zog ich meine Pistole aus dem Gürtel, aber mein Pferd scheute und drehte sich einmal im Kreis, bei dieser Vorführung wäre ich unversehens abgeknallt worden. Doch die anderen, übrigens ziemlich junge Burschen, waren keine Soldaten, erst recht keine Franzosen. Es waren Abenteurer aus der Umgegend, die "bei der Prügelei ein bisschen mitmischen" wollten, wie sich der Anführer ausdrückte.

Er fragte den Rittmeister, ob sie sich uns anschließen können, und da sie gut bewaffnet waren und auch sonst einen zuverlässigen Eindruck machten, nahm er sie auf, unter der Bedingung, daß sie seinem Kommando gehorchten. Der andere wandte sich zu seinen Kameraden um und sagte "Ihr habt es gehört, Jungs! Ab jetzt dienen wir dem Herrn Hauptmann!" Sie quittierten es mit einem lauten "Hurra!", bei dem mein Pferd sich abermals verängstigt drehen wollte, aber ich bekam es in Griff.

Wir fanden die besagte Furt und stakten durch den Fluss. Drüben entdeckten wir Spuren, aber für ein ganzes Korps wie das von Marschall Lannes waren es zu wenige. Des Rittmeisters Plan war, durch den Weg über den Steinberg den weiten Saale Bogen abzukürzen und so wieder vor die französischen Truppen zu gelangen. "Denn mit ihren schweren Geschützen", meinte er, "brauchen sie mehr Zeit."

Als wir uns wieder dem Fluss näherten, glaubten wir, Kanonendonner zu hören, doch er war weit nördlich gegen Jena zu und außerdem auf der andern Seite. "Verflucht!" raunte der Rittmeister, "Wo stecken die bloß?", und es war nicht ganz klar, ob er die Franzosen, die Preußen oder Prinz Ferdinand, oder vielleicht alle zusammen meinte.

Wir bewegten uns vorsichtig einen Hang hinab und durchquerten ein Auenwäldchen, wo wir in einen Hohlweg kamen, aus dem der Rittmeister schnell wieder heraus wollte, denn in einem solchen Hohlweg hatte er einmal, wie er bemerkte, ein sehr übles Erlebnis gehabt. Plötzlich erbebte die Erde - über uns - muss man sagen, denn wir befanden uns tief unten und die Seiten des Grabens waren zu steil, um rasch mit den Pferden hinauf zu klettern. "Ich hab's geahnt", fluchte der Rittmeister, da zog oben eine Abteilung Preußen vorbei, und der Rittmeister rief erleichtert "Louis! Prinz Ferdinand!" Der Angerufene warf uns seitwärts einen Blick zu und erwiderte "Franz Klett! Altes Haus! Was macht Ihr da unten! Seid Ihr unter die Sappeure gegangen?" (Das war die übliche Bezeichnung für die Soldaten in den Laufgräben und es war durchaus ironisch gemeint.)

Der Prinz hatte dabei seinen Galopp nicht gebremst, und als der Rittmeister sah, daß er gleich wieder von dannen war, gab er seinem Gaul einen Hieb aufs Hinterteil, daß der mit einem weiten Satz voran und davon sprang, um weiter vorn aus dem vermaledeiten Hohlweg herauszukommen. Ich befand mich ungefähr in der Mitte des Zuges, und als die andern Burschen den Rittmeister davon jagen sahen, taten sie es ihm gleich, was zur Folge hatte, daß mein Pferd (es war wirklich kein Schlachtross!) völlig verunsichert auf der Stelle trat und alle bis zum letzten Mann vorbei ließ, so daß ich Mühe hatte, an ihnen dran zu bleiben.

Als ich schließlich oben angelangt war, sah ich, wie dem Prinzen eine Gruppe von französischen Husaren entgegen kam, mit gezückten Waffen und fürchterlichem Geschrei. "Vive la France! Vive l' Empereur!" Der Prinz hielt dagegen und rief "Hoch lebe der König von Preußen!" Der Rittmeister und die Raufbolde hatten ihn fast eingeholt, und ich versuchte alles, mein Pferd vorwärts zu treiben.

Da schlugen vorn die Klingen aneinander, und es fielen auch Schüsse, und trotz des Getümmels sah ich mit aller Deutlichkeit, als wär's auf einem Bild von Ryland, wie einer der Husaren mit ungeheurer Kraft dem Prinzen Ferdinand einen Degen in die Brust direkt beim Herzen stieß und wie der tapfere Preuße leblos vom Pferd fiel. Ich hörte den Rittmeister aufschreien, und unsere Leute schlugen wie wild auf die Gegner ein.

Ich hatte meine Pistole gezogen (die längst vorher geladen war) und mit zittriger Hand zielte ich auf - ja, ich wusste gar nicht, worauf ich schießen sollte, als auf einmal rechts aus dem Gesträuch eine weitere Abteilung französischer Reiter hervorbrach und ebenso todesmutig wie siegessicher auf uns zu raste. Wie mein Pferd das gewahrte, schwenkte es jäh herum und flüchtete, ohne das ich es noch lenken konnte. Ich spürte, wie eine Kugel dicht an meinem linken Ohr vorbeipfiff, und ich glaubte, im nächsten Augenblick getroffen zu Boden zu stürzen.

Glücklicherweise gelangte ich - oder besser gesagt: mein Pferd - bis zu einer Baumgruppe, hinter der ich Deckung fand. Ich hörte, wie sich die anderen schlugen, offenbar hatte mich keiner verfolgt. Ich kämpfte mit mir selbst, ob ich zurück reiten soll, ich wollte kein Feigling sein! Ich kam hinter den Bäumen hervor, und im nächsten Moment sah ich mich einer feindlichen Schwadron gegenüber, die mich mit voller Wucht überrannte. Ich bekam einen Schlag wie mit dem Schmiedehammer gegen die Schulter, flog vom Pferd und durch die Luft, landete schmerzhaft auf dem Boden, überschlug mich mehrmals und purzelte in ein Erdloch, wobei ich mit dem Kopf gegen einen Baum prallte und das Bewusstsein verlor.

Als ich erwachte, lag ich ausgestreckt, gegen eine knorrige Wurzel gelehnt. Es war alles ruhig, nur die Vogel zwitscherten. Drei Schritt entfernt hockte ein Jüngling in den weißen Hosen der Grande Armée - und mit meiner Jacke! Er schaute mich an. Als er bemerkte, daß ich zu mir gekommen war, sagte er keineswegs unfreundlich, eher höflich "Bonjour, Monsieur. Mein Name ist Etienne."

Ich murmelte "Wo sind deine Eltern" (er war wirklich blutjung). "Sie belieben zu scherzen", gab er zurück, "das ist in Ihrer Lage nichts Ungewöhnliches." "Wie bitte?" "Sie haben nichts mehr zu verlieren, Monsieur, und Sie sind gerade dem Tod entronnen." "Gib' mir meine Jacke wieder", sagte ich, "und verschwinde, bevor ich dir eins über den Schädel gebe." "Versuchen Sie es", entgegnete er frech.

Ich wollte mich erheben, aber an meiner Hüfte spürte ich einen heftigen Schmerz. Außerdem richtete der Junge meine Pistole auf mich. "Was ist, willst du mich erschießen?" "Wenn es sein muss." "Um an meine Hosen heranzukommen?", sagte ich höhnisch. Ich dachte, wenn er mich töten wollte, hätte er das längst tun können.

Er ließ die Pistole sinken und sagte "Warum wollen wir nicht Frieden schließen?" "Warst du da drüben dabei?", fragte ich mit einer Kopfbewegung nach dem Kampf Schauplatz hin. "Ich habe mich vorher hier versteckt", gab er zu. "Ah, sieh' an, ein Deserteur!", rief ich, "Dann ist deine Lage noch bedauernswerter als meine." "Ich weiß", sagte er, als habe er grade seine Mutter verloren. Er schien mir irgendwie hilflos.

Ich fragte "Wie lange liege ich schon hier?" "Seit ich her kam, ungefähr eine Stunde." "Wie spät mag es sein?" "Gegen fünf." Ich überlegte. Es musste vier Stunden her sein, seit wir mit den Franzosen zusammengetroffen waren. "Wie sieht es dort aus?" Er sagte "Es liegen ein paar Tote da. Auch Pferde." "Was ist mit unsern Leuten?" "Sind geflohen, glaube ich." "Liegt der Prinz Louis Ferdinand auch dort?" "Ein Offizier?" "Ja." "Nein, es sind nur Soldaten und ein Unteroffizier. Wollen Sie da hin gehen und nachschauen?", fragte er mich. "Nicht unbedingt." "Ich auch nicht. Würden Sie mir freundlicherweise sagen, wie Sie heißen?" "Karl Tandlop." "Darf ich Sie mit Charles anreden?" "Wie du willst." "Darf ich Ihre Jacke anbehalten?"

"Wo ist mein Pferd?" "Da drüben steht ein Brauner, der anscheinend nicht weiß, wo er hingehört." "Wo ist dein Pferd?" "Das muss ich mir noch besorgen." "Und dann?" "Was und dann?" "Was hast du vor, Jungchen?" "Ich hatte Ihnen doch gesagt, daß ich Etienne heiße, Charles!" "Was hast du eigentlich vor, Etienne, hier allein in Feindesland? Willst du einen Baguette Handel eröffnen?" "Ihr Witz ist wirklich flach", sagte er, und ich konnte dennoch darüber lachen.

"Ich würde gern vorläufig bei Ihnen bleiben", sagte er dann ganz ernsthaft. Ich verstand nicht recht. "Soll ich dich als Kriegsgefangenen behandeln?" "Das muss nicht sein." "Mit dieser Uniformhose kommst du hier aber nicht weit", räumte ich ein. "Ich weiß. Da unten liegt auch einer von euch." "Du erwartest nicht im Ernst von mir, daß ich einem meiner Kameraden die Hosen ausziehe, um sie einem Franzosen zu schenken!", empörte ich mich.

Er sagte "Ich würde mich überwinden, es selbst zu tun, wenn Sie solange hier auf mich warten." Ich dachte, das wäre eine Möglichkeit, ihn loszuwerden. Ich sagte "Gib' mir zuerst meine Pistole wieder." Er reichte sie mir ohne Zögern. "Haben Sie auch Hunger, Charles?", fragte er. "Nein, ich ... oder ... na ja ... ein bisschen schon." "Soll ich nachschauen, ob ich etwas finde?" Ich war unschlüssig. "Ich weiß nicht, einem Toten die Wegzehrung stehlen? Ich habe das noch nicht gemacht." "Ich auch nicht", sagte Etienne, "aber es sind schlimme Zeiten", fügte er hinzu und ich musste unwillkürlich nicken.

Obwohl ich mich eigentlich aus dem Staub machen wollte, blieb ich da. Der Gedanke, mich allein hier herumzutreiben, war unangenehmer als jemanden dabei zu haben, zu zweit war es immerhin ein wenig sicherer, auch wenn ich nicht wusste, was ich von diesem Jungen halten sollte.

Er kam zurück mit Hose und Jacke (die glaube ich, von einem der jungen Burschen stammten) sowie mit drei Tornistern; an einem waren große Blutflecken. "Mal sehen, was wir hier haben", sagte er und ließ alles auf den Boden fallen. "Geh' ein bisschen ordentlicher damit um", sagte ich. Er schaute mich an und besann sich. "Sie haben recht, Charles, ich bin das noch nicht gewohnt." Dann meinte er "Ich ziehe mir die Sachen an. Sie könnten ja inzwischen nach was zu futtern ... ich meine, nach einer verwertbaren Hinterlassenschaft dieser tapferen Kameraden suchen."

Ich kramte vorsichtig in den Tornistern, den mit den Blutspuren fasste ich nicht an. Etienne legte mir meine Jacke hin. "Die können Sie jetzt wiederhaben." Als er die Sachen wechselte, sah ich, daß er Strumpfhosen trug. Er bemerkte, wie ich ihn ansah. "Was ist denn?" "Tragt ihr Franzosen alle Frauenwäsche unter der Uniform?" "Sie meinen die Strumpfhosen? Die halten schön warm." Ich fand bloß einen Kanten Brot, der so hart war, daß man ihn auf dem Stein in Stücke brechen musste. Außerdem einen in Zeitungspapier gewickelten Trockenfisch, der aussah wie Kiefernrinde.

Bei dem Anblick hatte Etienne eine Idee. "Wir könnten dort am Fluss ein paar Fische fangen." Mir war das alles zuviel. Ich schwieg und starrte ins Leere. Etienne fragte "Was haben Sie nun vor?" "Ich werde meinen Freund, den Rittmeister suchen, wir waren zusammen unterwegs." "Glauben Sie, daß er davongekommen ist?" Ich sagte "Wenn da drüben nicht der Prinz Louis Ferdinand liegt, wer hat ihn dann fortgeschafft?" "Ich weiß nicht, vielleicht sind die Preußen nochmal zurückgekommen und haben ihn geholt. Vielleicht war er ja auch nur verletzt." Ich sagte, ich hätte genau gesehen, wie er einen Stich ins Herz bekommen hatte.

"Das ist sehr traurig", sagte Etienne und strich mir übers Haar. Ich wich zurück. "Was soll das?" "Ich versuche, Sie zu trösten. Außerdem haben Sie da noch Blut im Gesicht, das sollten Sie abwaschen, bevor Sie wieder unter Leute gehen." Ich befühlte die Beule an meiner Stirn. "Ich habe auch ein Pferd gefunden", sagte er, "sie stehen beide dort an dem Baum." "Dann lass' uns was suchen, wo wir die Nacht verbringen können." "Ja, in Ordnung. Können wir hiervon noch irgendwas gebrauchen?" "Nein."

Wir hielten uns in der Nähe des Ufers und ritten flussabwärts. Glücklicherweise war mein Tornister am Pferd befestigt gewesen und unversehrt. Alles in allem musste ich doch froh sein, daß mein Pferd mich da heil rausgebracht hatte. Wir fanden eine unbewohnte, halbleere Hütte. Den Brotkanten weichte Etienne in Wasser auf, ich schnitt meine Wurst in Stücke, aber nach dem zweiten Bissen war mir der Appetit vergangen. Als ich nach draußen ging, meinte ich, einen Feuerschein zu sehen. Ich fand im Dunkeln eine Leiter und kletterte aufs Dach. Auf der anderen Seite in der Ferne konnte man die Feuerstellen eines Biwaks erkennen.

Am nächsten Morgen kamen wir zu einer Ortschaft, wo eine Brücke über die Saale führte. Es standen französische Posten da. Wir beobachteten eine Weile unauffällig die Lage und sahen, daß normale Zivilisten ohne weiteres passieren konnten. Wir näherten uns den Posten (es waren zwei mit Gewehren) so selbstverständlich wie möglich. Wir waren schon vorbei, da rief einer von ihnen "Monsieurs! Ihr zwei Männer da! Halt!" Er kam auf uns zu. "Sie haben etwas verloren", sagte er und reichte mir eine hölzerne Piccoloflöte hoch. Ich verstand nicht. Etienne rief "Oh, das ist meine, merci beaucoup, mon Soldat." Sie wechselten noch ein paar Worte, die ich nicht verstand.

"Gehört die wirklich dir?", fragte ich ihn, als wir drüben waren. "Ja, sie muss mir aus der Tasche gerutscht sein. Wie geht es weiter, Charles?" "Wir müssen herausfinden, wo unsere Truppen stehen." Es dauerte mehr als eine Stunde, bis wir erfuhren, daß sich angeblich bei Blankenhain ein Hauptquartier der Preußen befand. Unterwegs kamen wir an zwei, drei Stellen vorbei, wo offensichtlich kleine Scharmützel stattgefunden hatten, es lagen auch ein paar Leichen auf dem offenen Feld und im Straßengraben, die bis auf die Unterwäsche entkleidet waren; man konnte nicht erkennen, zu welcher Armee sie gehört hatten; die Raben machten sich schon darüber her.

In Blankenhain begaben wir uns zum Hauptquartier. Ich erkundigte mich nach dem Rittmeister Franz Klett, ich sagte, ich wäre sein Bediensteter und hätte ihn bei Saalfeld verloren. "Sie kommen von Saalfeld?", fragte mich der diensthabende Offizier. Ich sagte ja, ich hätte gesehen, wie Prinz Louis Ferdinand getötet wurde. Das schien ihn davon zu überzeugen, daß ich irgendwie dazugehörte. "Unteroffizier Gessel!", rief er und fragte ihn nach dem Rittmeister. "Franz Klett? Der ist nach Dornburg aufgebrochen, nachdem man ihn hier verarztet hat." "Was war mit ihm passiert?" "Nur eine Stichwunde am Oberarm", sagte der Unteroffizier Gessel, "aber mir schien, er war völlig niedergeschlagen wegen dem Tod des Prinzen. Waren die beiden befreundet?" "Ja. Warum nach Dornburg?", fragte ich. Der Offizier sagte "Napoleon ist von Gera nach Jena gekommen." "Er war schon in Gera?", staunte ich. "Der Fürst zu Hohenlohe empfängt ihn mit seinen Grenadier Bataillons an der Saale." "Wo ist der König?", fragte ich. Der Offizier zuckte mit den Schultern, der andere meinte "Man sagt, der König und der Herzog von Braunschweig stehen mit siebzigtausend Mann bei Kapellendorf." "Wo ist das?" "Nordwestlich von Jena." Ich bedankte mich.

Ich sagte zu Etienne, wir könnten sofort dem Rittmeister hinterher reiten oder aber noch abwarten. Ich hatte den Eindruck, daß in Kürze hier neue Nachrichten eintreffen werden. Endlich fand ich wieder Gelegenheit, meiner eigentlichen Tätigkeit nachzukommen. Ich notierte mir das, was ich soeben erfahren hatte.

"Wozu machen Sie das?", fragte Etienne. "Ich arbeite für die Zeitung." "Für welche?" "Die Deutsche Nationalzeitung." "Klingt bedeutend", sagte Etienne. "Merkwürdig, daß sie hier nicht wissen, wo sich der König befindet", sagte ich, "ich dachte, das wäre das Hauptquartier." Etienne fragte "Haben Sie nach der Division von Marschall Lannes gefragt?" "Nein." "Was ist mit Marschall Bernadotte und dem Großherzog von Berg?" Ich schaute Etienne ungläubig an. "Vielleicht solltest du selbst mal da rein gehen und mit denen sprechen." Er schwieg. Ich fragte "Bei welcher Einheit warst du eigentlich?" "Bei General Savary." "Was sind das? Husaren?" "Artillerie." "Kanonen?" "Was glauben Sie, Charles? Steinschleudern?" "Hast du keine Angst, erwischt zu werden?" "Wo? Hier? Sie sagen doch selbst, daß sie nicht mal wissen, wo ihre eigenen Leute sind." "Und vorhin der Posten auf der Brücke?" "Das war ein Belgier."

Dann sagte er "Wollen wir nicht endlich mal etwas essen?" Ich hatte meinen Hunger so weit unterdrückt, daß sich mein Magen nicht mehr regte, aber Etienne zuliebe, der wirklich schon ein kümmerliches Gesicht machte, stimmte ich zu. Wir suchten uns ein Wirtshaus (es gab eigentlich nur das eine), wo es als "Tagesgericht" Erbspüree mit klein geschnittenem Schinkenspeck gab. Etienne hob beide Hände wie Jesus beim Abendmahl, schaute entgeistert auf den Teller und fragte "Mon Dieu! Was ist das?" Ich erklärte es ihm. "Es sieht aus wie Erbrochenes." "Jetzt hör' auf zu mäkeln", sagte ich und fügte hinzu "vielleicht können wir uns irgendwo eine Flasche Wein besorgen." "Ich trinke keinen Wein." "Dann kann ich dir auch nicht helfen."

Wie ich ihn so ansah, dachte ich auf einmal, daß er eigentlich ganz gut zu Delaja passen würde. Ich fragte ihn "Etienne, wartet zu Hause eine Braut auf dich?" Er antwortete nicht gleich, dann sagte er "Nein."

In dem Wirtshaus stärkten sich auch die Leute aus dem Hauptquartier. Der Unteroffizier Gessel setzte sich an unsern Tisch. Er sagte "Generalleutnant von Rüchel ist gerade in Weimar eingetroffen, es heißt, er will nach Auerstädt. Es heißt, Napoleon hat sich auf dem Landgrafen Berg in Jena in Stellung gebracht." Ich sagte "Was will Rüchel dann in Auerstädt?" Gessel sprach undeutlich mit vollem Mund. "Der Marschall Davout ist mit fünfundzwanzig tausend Mann bei Kösen über die Saale und marschiert Richtung Weimar. Unser Herzog von Braunschweig steht mit über zweihundert Geschützen bei Eckartsberga, um ihn aufzuhalten." Das war nicht die Antwort auf meine Frage.

Etienne schaute verwundert zu, wie der Unteroffizier das Erbspüree in den Mund schaufelte. Ich sagte "Dann wird es zur Schlacht kommen?" "Ja. Ich schätze, morgen früh geht's los. Wer ist der Junge?", fragte Gessel und deutete auf Etienne. Der stellte sich höflich vor und sagte, das Essen in diesem Hauptquartier sei eine Zumutung. Der Unteroffizier schaute ihn komisch an, "Ist er ein Franzmann?", fragte er mich. Ich sagte "Er ist ein Hugenotte aus Berlin." "Welche Einheit ist das?", fragte er Etienne, ich erklärte "Das ist keine Waffengattung, sondern eine Glaubensrichtung". "Ach so", sagte Gessel, "ein Feldpastor. Na, dann wirst du dich ja morgen auf dem Schlachtfeld deinem Herrn von der besten Seite zeigen können."

Es war Nachmittag, als wir beschlossen, uns auf die Suche nach dem Rittmeister zu machen. Ich war nochmal ins Hauptquartier gegangen, um mir ein Dokument ausstellen zu lassen, in welchem stand, daß ich als Korrespondent für die Deutsche Nationalzeitung arbeite, ich dachte, daß wäre unter Umständen nötig, um möglichst nahe an das Kampfgeschehen heranzukommen, obwohl ich mir noch nicht ganz sicher war, ob ich das wagen würde.

Wir hatten eine gute Strecke Weges ohne Zwischenfälle zurückgelegt, als vor uns ein Planwagen auftauchte, der in dieselbe Richtung dahin zuckelte. Als wir näher heran kamen, sagte Etienne "Den Wagen kenne ich." Er rief "Madame Lurie! Florence!" Der Wagen hielt, wir waren gleich bei ihm. Er gehörte einer Marketenderin, die offenbar im Schlepptau der Grande Armée ihr Geschäft betrieb.

"Was wollt ihr zwei einsamen Landstreicher?" Sie war eine kräftige, vollbusige Frau, mit einem Filzhut auf dem blonden lockigen Haar. Auf ihrem Gesicht hatte das Alter bereits seine Zeichen gesetzt, aber sie machte einen unverwüstlichen, resoluten Eindruck. "Madame Lurie, erkennen Sie mich nicht wieder?" "Etienne? Ist deine Uniform in der Wäsche, daß du in Zivilkleidung herumläufst?" "Nein." "Wie, nein? Du bist doch nicht etwa abgehau'n." "Doch." "Sollen deine Musikanten jetzt ohne dich die Marseillaise schmettern, wenn sie durch's Brandenburger Tor marschieren?" "Das werden sie schon hinkriegen." "Was machst du nur für Dummheiten! Dafür werden Sie dich noch erschießen. Und wer ist der da?" Ich stellte mich vor.

Etienne fragte "Warum fahren Sie dem Zug hinterher, Madame Lurie?" "Ich hatte einen Schaden am Wagen, musste ich erst reparieren lassen. Die Deutschen sind geschickte Handwerker, auch wenn sie versucht haben, ein armes Franzosen Weib übers Ohr zu hauen. Außerdem musste ich unterwegs meine Ware aufstocken." "Haben Sie noch ein Glas von der Gänseleber Pastete?" "Extra für dich aufgehoben. Und dazu frisches Weißbrot, und ein Stück Roquefort? Sagen Sie mal, Monsieur, Sie kümmern sich wohl gar nicht um unsern kleinen Tambour?" "Ich tue, was ich kann."

"Er ist in Ordnung", sagte Etienne, "er hat mich mitgenommen." "Und das ist auch nötig", sagte Madame Lurie zu mir gewandt, "wissen Sie, unser guter Junge findet nämlich kaum den Weg von der Haustür auf die Straße." "Ach, kommen Sie, Madame Lurie, sprechen Sie nicht so über mich", sagte Etienne verlegen. "Ist doch so." "Ist schon besser geworden", versicherte er.

Sie fragte "Dann bist du also immer noch auf der Suche nach deinem ... Kameraden?" "Ja. Oberst Branquart's Kürassier Regiment waren mit Marschall Lannes zusammen, aber ich habe sie verloren, als ich ... geflüchtet bin, ich habe mich zu lange still verhalten." "Na, das war richtig", sagte Madame, "du wirst sie schon wiederfinden, alles trifft sich in Berlin." Sie war sich offenbar ziemlich sicher, daß Napoleon den preußischen König besiegen wird.

"Wohin wollen Sie jetzt?", fragte ich. "Dahin, wo es am meisten nach Pulver riecht. Es muss da einen Ort namens Auerbach geben." "Auerstädt." "Oder so. Da soll's morgen hoch hergehen. Ich muss es heute Abend noch schaffen, vor der Schlacht sitzt den Soldaten das Geld besonders locker. Ich hab' extra viel Branntwein eingekauft."

Dann krabbelte sie nach hinten auf ihren Wagen und holte die Pastete, das Brot und den Käse. Man hörte sie in ihren Waren wühlen. "Haben Sie auch eine Flasche Wein für meinen Begleiter?", rief Etienne. "Natürlich. Einen Fourage première, Jahrgang zweiundsiebzig, ein Bombenjahr!" Etienne lächelte mir zu. "Es ist ein einfacher Landwein vom letzten Jahr, er wird Ihnen schmecken." Ich nickte.

Ich wollte bezahlen, Madame sagte "Oh, tut mir leid, Monsieur, aber die Deutschmark steht derzeit schlecht im Kurs." Ich sagte, ich hätte kein anderes Geld, Etienne verzog das Gesicht. Sie drohte "Ihr seid mir die rechten Landstreicher: ein armes Franzosen Weib schamlos ausnutzen. Wenn ihr mir je wieder über den Weg lauft, dann zahlt ihr eure Zeche, oder ich drehe euch den Griff ab. Habt ihr verstanden!" Wir beteuerten es wie die Schuljungen, und Madame reichte uns den Proviant.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, ließen wir die Marketenderin davon fahren, bis sie unserm Blick entschwunden war. Ich sagte "Wenn sie auf diesem Weg zu den Franzosen gelangen will, dann sollten wir uns nach links halten, denn die Preußen stehen westwärts." "Hat dieser Unteroffizier nicht gesagt, Napoloen wäre bei Jena?", erinnerte sich Etienne. "Ja, ich weiß. Womöglich wird es zwei Kampfschauplätze geben." "Oh, dann haben wir ja sogar die Wahl", sagte er bitter. Ich schaute auf meine Notizen und versuchte daraus einen Lageplan zu erkennen.

"Das ergibt alles keinen rechten Sinn", stellte ich missmutig fest und schaute ziellos in die Umgebung. Etienne schien bloß irgendwohin zu wollen, er sagte "Dort drüben ist eine Erhebung, das ist doch Ihre Richtung, Charles. Vielleicht können wir von da aus was sehen." Ich war einverstanden.

Wir durchquerten ein Wäldchen, wo es gespenstisch still war, und ich bekam ein mulmiges Gefühl. Ich flüsterte Etienne zu "Hast du eigentlich eine Waffe?" "Nein, wozu?" "Vielleicht, weil wir uns im Krieg befinden", sagte ich mit einem Anflug von Verständnislosigkeit angesichts seiner Frage. "Aber es ist nicht mein Krieg", entgegnete er kühl.

Wir kamen heil am anderen Ende heraus und überquerten ein Feld, das drüben von Bäumen und Sträuchern gesäumt war. Schon den ganzen Tag war es grau und diesig gewesen, jetzt am späten Nachmittag senkten sich dünne Nebelschwaden herab. Wir hatten den Hügel aus den Augen verloren und hielten an, um uns zu orientieren.

Ich erschrak ziemlich heftig und musste mein Pferd im Zaum halten, als plötzlich eine Gruppe völlig verdreckter und zu Tode verängstigter Soldaten an uns vorbei rannte. Es waren Preußen, und sie hatten alles weggeworfen, das sie noch irgendwie behinderte, keiner trug eine Waffe, keiner Gepäck, selbst die Mützen hatten sie vom Kopf gerissen. Einige schleppten sich nur mit Mühe weiter, weil sie verletzt und verwundet waren; manche wurden von Kameraden gestützt oder besser gesagt: mitgeschleift. Man konnte das schmerzliche Weinen dieser Männer hören, blankes Entsetzen war auf ihren Gesichtern eingebrannt. Ich rief einem zu: "Woher kommt ihr?", aber keiner schaute nach links oder rechts, sie wollten alle nur fort, hin zu einer rettenden Ferne und Weite; sie wirkten wie Tote, die der Hölle entronnen waren.

Wir standen noch eine Zeitlang und versuchten, unserer Erschütterung Herr zu werden. Ich bemerkte, wie sich Etienne Tränen aus den Augen wischte. Ich fragte "Wollen wir umkehren und verschwinden?" Er schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht, Charles. Ich muss da hin." "Gut", sagte ich, obwohl ich nicht verstand, was er meinte. Vielleicht sollte uns dieser Anblick ja nur einigermaßen auf das vorbereiten, was uns erwartet.

Ich vermutete, daß diese armen Soldaten von Jena herkamen, wo ihnen die Franzosen den Garaus gemacht hatten; wie viele mochten es wohl nicht geschafft haben zu entkommen? Wir ritten ein, zwei Stunden ohne viel zu reden, und ich hatte das Gefühl, wir bewegen uns kreuz und quer durch die Gegend. Daß wir von jener Schlacht nicht den leisesten Geschützdonner vernommen hatten, zeigte nur, wie weitläufig das ganze Kampfgebiet sein musste.

Als es dunkel wurde, suchten wir nach einer Lagerstelle für die Nacht. Abermals hatten wir Glück und fanden eine kleine Hütte, die offenbar früher einem Schäfer als Quartier gedient hatte, der Pferch für die Tiere war niedergerissen und von Gestrüpp überwuchert. Das Dach hatte eine offene Stelle, und wir machten genau darunter ein Feuerchen, so daß der Rauch abziehen konnte. Wir verzehrten unsern Proviant, ich trank von dem Wein. Etienne hatte reichlich Holz zusammengetragen, und als wir eine angenehme Wärme spürten, fassten wir wieder Mut.

Ich schaute Etienne an und dachte ich bei mir, was für ein hübscher Bursche er doch ist. Er tat so, als würde er meinen Blick nicht bemerken. Ich fragte ihn "Warum hat dich Madame Lurie einen Tambour genannt?" "Ich war Trommler im Korps von Marschall Lannes." Jetzt wurde mir auch klar, weshalb er keine Waffe hatte. Er sagte "Ich kann auch die Piccoloflöte spielen, die hab' ich behalten." Er holte die kleine Flöte hervor und spielte die Marseillaise, es klang unbeschwert und ergreifend zugleich, ich musste schmunzeln.

"Wann hast du zuletzt auf einer Parade gespielt?", wollte ich wissen. "In Würzburg, als wir beim Kaiser vorbeimarschiert sind." "Davon habe ich gelesen. Napoleon hat patriotische Worte an das Siebente Infanterie Regiment gerichtet." Etienne sagte "Das sind die größten Strolche der Armee. Sie sind alle froh, von zu Hause weg zu sein, die meisten werden wegen irgendeiner Übeltat gesucht, die Armee schützt sie, solange sie dabei sind. Sie schleppen alle eine Henne auf dem Tornister mit sich, und wenn sie keine Eier mehr legt, kommt sie in den Topf. Sie erzählen sich den ganzen Tag Witze und lachen über alles, was ihnen über den Weg läuft, aber sie zögern keinen Augenblick, einer Frau das Kind zu entreißen und abzustechen, bloß damit es nicht schreit, wenn sie vergewaltigt wird. Das sind Napoleons Freunde."

Er nahm wieder seine Flöte zur Hand und spielte eine sanfte Weise. Ich trank einen Schluck aus der Flasche und starrte ins Feuer. Als er aufgehört hatte, fragte ich ihn "Du warst also gar nicht bei den Kanonieren?" "Nein." "Weshalb bist du überhaupt zu Armee gegangen?" Er antwortete nicht gleich, dann sagte er "Weil ich meinen Bruder zurückholen will." "Ist das der Kamerad, von dem Madame Lurie sprach?" Er nickte. "Wie gesagt: mein Bruder", bekräftigte er.

"Wenn ich dich recht verstehe, konntest du nicht verhindern, daß er in den Krieg zieht?" "Nein. Aber er ist nicht freiwillig gegangen, er wurde gepresst." "Angeworben." "Gepresst. Man hat ihn ... nein, ich konnte es nicht verhindern." "Und nun willst du ihn finden." "Ja. Zuletzt war er bei Oberst Branquart, aber manche Einheiten wurden auch schon neu zusammengestellt, vielleicht ist er inzwischen woanders." Ich sagte "Was ist, wenn er ebenfalls versucht hat, zu desertieren?" "Kann ich mir nicht vorstellen. Er ist dafür nicht der Typ, er ist viel zu brav, um etwas Verbotenes zu tun. Aber er gehorcht manchmal nur aus gutem Glauben. Ich bete zu Gott, daß er keinen Menschen töten muss." "Ist er älter als du?" "Zwei Jahre." "Und wenn du ihn findest?" "Dann werden wir zusammen fliehen, wenn es sein muss, bis nach Amerika."

Nach einer Pause sagte ich "In Weimar wohnt ein Mädchen, sie heißt Delaja, ich kenne sie gut, sie ist ein kluges und schönes Mädchen mit vielen Talenten. Wenn ich es recht bedenke, würde sie ganz gut zu dir passen." Etienne sah mich verwundert an, dann musste er lachen. "Charles, Sie wollen mich verkuppeln, mitten im Krieg." "Ich weiß, ich hätte es besser formulieren sollen, aber es lag mir schon eine ganze Weile auf dem Herzen."

"Delaja, sagen Sie. Ist das ein russischer Name?" "Ja. Ihre Mutter und ihr Großvater stammen aus Russland." Etienne sagte unvermittelt "Glauben Sie, Napoleon wird bis nach Russland marschieren?" "Wenn er die Preußen ganz bezwingen will, muss er zumindest bis nach Königsberg, und das liegt bereits an der russischen Grenze. Wenn er sich im Siegesrausch befindet, genügt nur ein kleiner Auslöser, damit er darüber hinweg schreitet."

Etienne sagte "Aber keiner hat Russland bis jetzt erobern können." "Nein", erwiderte ich, "das hat noch keiner geschafft. Trotzdem hat man es immer wieder versucht. Es muss etwas an diesem Reich sein, das die fremden Herrscher immer wieder reizt, es anzugreifen." Etienne fragte "Waren Sie schon mal in Russland?" Ich verneinte. Er sagte "Ein Onkel von mir war als Kaufmann in Sankt Petersburg, er hat davon geschwärmt wie von einem Festmahl." "Ihr könntet ja auch nach Russland gehen", meinte ich. "Wer?" "Dein Bruder und du und Delaja." "Sie lassen nicht locker, was?"

Ich fragte "Gesetzt den Fall, Napoleon würde tatsächlich dort einmarschieren, würdest du ihm folgen?" "Wenn ich Pascal bis dahin nicht gefunden habe, natürlich." Ich wollte einwenden, daß sein Pascal womöglich dann schon lange nicht mehr am Leben sein könnte, aber das verkniff ich mir, er musste ja selbst schon daran gedacht haben.

Frühmorgens wurde ich geweckt von der Kälte, die unter meinen Mantel kroch und mich in die Zehen zwickte. Und von einem dumpfen Grollen, das sich schon seit einer Weile in meinen Schlaf geschlichen hatte. Ich rüttelte Etienne wach und sagte "Horch! Es hat angefangen."

Jetzt orientierten wir uns einfach am Gefechtslärm, der stetig zunahm, was auch darauf hindeutete, daß immer mehr Soldaten und Geschütze zum Einsatz kamen. Immer stärker bebte die Erde. Wir glaubten bald, hinter diesem Wäldchen, jenseits der nächsten Erhebung müsste man das ganze Schlachtfeld vor Augen haben, doch der Weg zog sich in die Länge, und am Himmel waren noch keine Qualmwolken von massenhaftem Gewehrfeuer und Explosionen zu sehen.

Dann ließ der Lärm sogar kurzzeitig nach, um plötzlich an einer Stelle weiter links oder weiter rechts wieder anzuschwellen. Ich sagte "Zum Kuckuck, wir müssten doch längst da sein." Etienne schwieg nur noch, ich sah, wie er die Zähne zusammenbiss und geradeaus starrte. Auf einmal rief er "Achtung, Charles! Da vorn kommen welche." Es waren drei Reiter, die im vollen Galopp auf uns zu steuerten.

Ob es nun daran lag, daß wir keine Uniformen trugen und nicht mit den Waffen herumfuchtelten, oder ob wir ihnen ohnehin völlig egal waren, jedenfalls schienen sie uns gar nicht zu beachten. Aber ich hatte den einen wohl erkannt, ich rief "Leutnant Gradenecker! Warten Sie einen Moment!" Sie hatten Mühe, ihre Pferde anzuhalten. Außer dem Leutnant war natürlich Viktor dabei, der eine riesige Pelzmütze aufhatte und zwei Gewehre überm Rücken trug, sowie einer in Kavallerie Uniform, den ich nicht kannte.

"Karl! Was machen Sie hier?", fragte der Leutnant atemlos. Die Pferde schnaubten und gebärdeten sich wie wild. "Wir wollten nach Auerstädt." Er musterte uns ungläubig. "Wollen Sie sich und Ihren Begleiter in den Tod stürzen?" "Wir wollten das Geschehen verfolgen." "Teufel auch!", sagte der Leutnant, und Viktor schüttelte den Kopf. "Wie sieht es denn aus?", fragte ich. "Wir werden untergehen." "Herr Leutnant", sagte der dritte Mann, "wir sollten uns beeilen."

Der Leutnant fragte mich "Haben Sie unterwegs die Kutsche der Königin gesehen?" "Die Königin?", rief ich erstaunt, "Nein. Ist sie denn hier?" "Kommen Sie mit, Karl", sagte er, "da vorn erwartet euch nur die Katastrophe." Viktor und der andere hatten schon wieder ihre Pferde angetrieben. Wir wendeten und schlossen uns an.

Der Leutnant rief zu mir herüber "Es heißt, Königin Luise wäre von Weimar aus aufgebrochen, um zu ihren Truppen zu eilen." "Um Himmels Willen", sagte ich, "wie kommt sie denn auf so was." "Vielleicht hat sie gedacht wie Sie, Karl", erwiderte er beinahe verächtlich. "Wir müssen sie finden und zur Umkehr bewegen. Der dort ist Hauptmann Fehrsen. Wer ist der Junge?" "Ein Deserteur von Marschall Lannes." Der Leutnant warf einen forschen Blick auf ihn. "Wollen Sie ihn ausliefern?" "Was? Nein. Er fühlt sich nicht wohl allein. Und ich mich auch nicht." Der Leutnant lachte, dann sagte er "Hauptsache, er ist kein Spion."

"Und die Königin ist mit der Kutsche unterwegs?", fragte ich. "So viel ich weiß, ist es die Feldchaise vom Weimarer Herzog." "Wie konnte man sie in Weimar nur weglassen?" "Man hatte ihr davon abgeraten. Aber schließlich ist sie die Königin, ihr Wille ist Befehl." Ich sagte "Wir waren in Blankenhain im Hauptquartier, mir schien, man hatte dort wenig Überblick über die Lage." "Den hat man anderswo auch nicht", erwiderte er, "alles richtet sich nach dem Herzog von Braunschweig (das war der Kommandeur der verbündeten Armeen), aber den hat offenbar das Kriegsglück längst verlassen. Der alte Fritz wird sich im Grabe umdrehen, damit er die Schmach nicht mitansehen muss."

Ich hatte das Gefühl, der Schlachtenlärm würde uns nacheilen, ich sagte "Irre ich mich, oder kommt das immer näher?" "Napoleon wird die Verfolgung aufnehmen, diesmal wird er alles niedermachen, was nicht schneller ist als er. Wenn wir Pech haben, werden uns die Franzosen einholen. Hauptmann Fehrsen!", rief er nach vorn, "Da 'rüber in den Wald!"

Er meinte ein Gebiet mit Buchen und Eichen, kalter Dunst waberte zwischen den Bäumen. Der Leutnant glaubte, die Königin habe die offene Landschaft gemieden. Luise war ein (weiblicher) Oberst des Kalkreuther Dragonerregiments, zwar nur ehrenhalber, aber sie hatte bei einigen Übungen und Manövern an der Seite ihres Gemahls bewiesen, daß sie einen Sinn für militärisches Verhalten besaß, soweit man das einer Frau überhaupt zugestehen konnte.

Der Hauptmann sagte "Verteilen Sie sich, meine Herren, und rufen Sie, wenn Sie etwas entdecken." Etienne blieb an meiner Seite, Madame Lurie hatte wohl recht, als sie meinte, er würde sich allein leicht verirren. Das Wummern der Geschütze drang bis hier in den Waldboden. Da hörten wir Viktors Bärenstimme und folgten seinem Ruf.

Zwischen den Bäumen war die Chaise der Königin mit dem rechten Vorderrad in ein tiefes Loch geraten und die Achse war angeknackst, der Wagen hing schief, eine Tür war aus den Angeln gerissen. Der Kutscher versuchte vergeblich etwas zu richten. Die Königin schaute ihm zu, vornübergebeugt, die Hände auf die Knie gestützt. Sie trug ein fesches Dragoner Kostüm mit hohen Stiefeln und langen Lederhandschuhen und einen Hut mit einem Besatz aus Zobelfell. Sie sah aus wie eine verwegene Räuberbraut, aber in ihren Augen standen die Tränen.

Bei ihr war die Gräfin Voss, ihre Hofdame, die trotz ihres Alters noch sehr rüstig war. Außerdem ein Unteroffizier vom Jägerbataillon, der noch halb unentschlossen seine Pistole hielt, nachdem er Viktor damit bedroht hatte. Hauptmann Fehrsen war vom Pferd gesprungen und hatte der Königin Meldung erstattet und gesagt, er ersuche sie im Namen und Auftrag des Herzogs von Braunschweig, sich unverzüglich aus dem Kampfgebiet zu entfernen und "die Heimreise" anzutreten.

"Wo ist mein Gemahl?", fragte Luise bloß, und ihre Stimme bebte. "Melde gehorsamst, Euer Majestät, ich kenne seinen derzeitigen Aufenthaltsort nicht." Das war gut gesagt, denn es verhieß, daß der König immerhin am Leben ist. Aber es tröstete Luise kaum. Sie unterdrückte ein Schluchzen, der Hauptmann fragte, ob ihr nicht kalt sei, und Viktor nahm sofort einen dicken Mantel vom Pferd. Die Königin legte ihn um ihre Schultern und bedankte sich. Sie sagte "Ich weiß nicht, was ich tun soll." Und wie um ihre Verzweiflung anzufeuern, gab es eine mächtige Explosion, als wäre das Geschoss am Waldrand eingeschlagen.

Der Hauptmann sagte, es sei das Beste, sich sofort in Richtung Erfurt "zurückzuziehen", und als die Königin auf den beschädigten Wagen deutete, meinte der Leutnant, man sollte die Pferde ausspannen und das Fahrzeug hier lassen. Luise nahm seinen Vorschlag an, entgegnete jedoch "Ich zähle nur zwei Pferde, Herr Leutnant, wir sind aber zu dritt." Natürlich wollte sie weder die Gräfin Voss noch den braven Kutscher Bachel hier zurücklassen.

Ich sagte "Eine halbe Meile entfernt ist ein Dorf namens Rietleben, dort könnte man eventuell ein Pferd bekommen." Der Kutscher erklärte sich bereit, dahin zu laufen. Aber die Königin bedachte, daß ihrer Hofdame ein so anstrengender Ritt nur schwerlich zuzumuten wäre, sie sagte "Gräfin Voss, Sie mögen sich auf eins der Pferde setzen und mit Bachel nach diesem Dorf gehen. Versuchen Sie, nach Weimar durchzukommen. Trauen Sie sich das zu?" "Ja", sagten die Voss und Bachel wie aus einem Mund.

Die Pferde wurden ausgespannt. Da meinte Etienne "Euer Majestät, Madame! Nehmen Sie mein Pferd, es ist stark und gehorcht dem kleinsten Befehl." Die Königin nahm dankend an. Als sie aufstieg, fragte sie Etienne "Woher kommst du, junger Freund?" "Aus einfachen Verhältnissen", antwortete er mit einer tiefen Verbeugung. "Wohlan!", rief der Hauptmann, "Nichts wie weg von hier", und wir jagten aus dem Wald hinaus davon.

Am späten Nachmittag, nach wenigen kurzen Pausen, erreichten wir Langensalza. Ein guter Engel schien über der Königin zu schweben, denn in der Stadt trafen wir auf eine Abteilung ihres leibeigenen Dragoner Regiments, angeführt von dem jungen Leutnant Ferdinand von Schill, der kaum seine Fassung behielt, als er die Königin erkannte. Er war durch falsche Informationen seiner übergeordneten Stelle fehlgeleitet worden und hatte sich schon die schlimmsten Vorwürfe gemacht, seine Herrin schuldlos ins Verderben gestürzt zu haben.

Die Königin war natürlich auch froh, doch was ihren Gemahl betraf, so konnte auch der Glücksengel ihr nicht helfen, sie blieb weiter ungewiss über sein Schicksal. Leutnant von Schill übernahm das Kommando. Fehrsen, Gradenecker und Viktor wandten sich zurück nach Weimar, der Unteroffizier vom Jägerbataillon blieb bei ihnen. Königin Luise reichte jedem von uns persönlich die Hand und bedankte sich. Ich werde nie den gütigen und, trotz allem Unheil, hoffnungsvollen Ausdruck auf ihrem Gesicht vergessen.

Ich beschloss, zurück nach Gotha zu reiten, Etienne blieb nichts weiter übrig, als mich zu begleiten, aber mir schien, er brauchte selbst ein bisschen Erholung nach den Wirren der vergangenen Stunden. Erst fünf Tage später erfuhren wir, daß die Königin auf dem Umweg über Braunschweig nach Brandenburg gelangt war und von dort, da Napoleon mit der Grande Armée auf Berlin zumarschierte, weiter nach Schwedt flüchtete, wohin ihre Familie bereits evakuiert worden war. Der Ort an der Oder war nicht der Endpunkt ihrer Odyssee, schließlich strandete sie ganz oben, im östlichsten Winkel Preußens: in Memel, das auf der gleichen nördlichen Breite wie Moskau lag, praktisch nur einen Steinwurf von der russischen Grenze entfernt.

In Brandenburg hatte sie eine Depesche des Generaladjutanten erreicht, in welcher stand, daß der König wohlauf, aber die Schlacht verloren ist. Sie hatte viele tausend Soldaten das Leben gekostet; unzähligen Frauen den Mann, einer jeden Mutter den Sohn, Scharen von Kindern den Vater für immer weggerissen, mit der gleichen besinnungslosen Wut wie das aufgewühlte, tosende Meer, das nach einem Schiffbruch die tapfere Mannschaft mit Haut und Haar verschlingt.

An dem Abend, als ich mit Etienne bei mir zu Hause in der Stube saß, musste ich mich sehr beherrschen, damit ich nicht losheulte, um mir Erleichterung in meiner Seele zu verschaffen. Meine Hände zitterten scheinbar ohne Grund, und in meinem Innern war immer noch das unterirdische Grollen der Erde zu spüren, die von den schweren Einschlägen der Geschosse erschüttert wurde. Etienne hatte seit unserer Verabschiedung von der Königin kein Wort gesprochen. Jetzt fragte er "Charles, ist es Ihnen denn recht, wenn ich hier bleibe?" "Du kannst ja schlecht auf der Straße übernachten", erwiderte ich und glaubte, es wäre das einzige Gute, das ich in den vergangenen Tagen vollbracht hatte, diesen Jungen, der seinen Bruder sucht, zu beherbergen.

"Wo sind wir hier überhaupt?", wollte Etienne wissen, "Ich meine, von Paris aus gesehen?" "Von Paris aus gesehen?" Ich überlegte, dann räumte ich den Tisch frei, holte ein paar alte Weinkorken aus dem Schubfach und platzierte sie an der jeweiligen Stelle. "Nehmen wir an, das hier ist Paris ... also, besser ist, du stellst dich auch hier auf die Seite ... dann sind wir ungefähr hier. Und hier war die Schlacht, hier ist Weimar, hier war das Hauptquartier, von hier unten bist du gekommen. Also die Entfernungen stimmen nicht, nach Paris ist es natürlich viel weiter." "Wo ist Berlin?" Ich stellte einen weiteren Korken hin. "Hier." "Und Moskau?" "Moskau? Da müssten wir einen zweiten Tisch dranstellen. Aber wieso Moskau? Petersburg ist doch die russische Hauptstadt." "Ach ja, stimmt", sagte Etienne.

Am nächsten Tag gingen wir zu Becker in die Redaktion. (Ich stellte Etienne als einen alten Freund vor, den ich unterwegs wiedergetroffen hätte. Ich bezweifelte allerdings, ob Becker mir glaubte, immerhin gab es einen sichtbaren Altersunterschied. Deshalb ging ich nicht weiter darauf ein.)

Becker war unter den Meldungen der letzten Tage fast erstickt, aber er hatte sehr schnell bemerkt, daß das meiste davon pure Gerüchte waren. Er hatte eine "Kriegs Not Ausgabe" seiner Zeitung herausgegeben, von geringerem Umfang und fast ausschließlich mit politischen Artikeln zur aktuellen Lage. Er hatte gehofft, daß die Leute bei aller Aufregung trotzdem schnell auf dem Laufenden gehalten werden wollen, und das hatte sich auch bewahrheitet.

Es zeigten sich jedoch bald neue Schwierigkeiten. Die Stadt Gotha war (wie auch Erfurt) zu einem Etappen Standort der Grande Armée erklärt worden, das bedeutete, hier kamen beträchtliche Tansporte für die französischen Truppen durch, auch einzelne Einheiten von Soldaten selbst, für deren Unterbringung und Verpflegung kraft Anweisung "von oben" gesorgt werden musste. Es gab seit kurzem einen "Gouverneur", das war der Oberst Colette, ein leicht cholerischer Mann, der so klein war, daß sein Säbel mit der Spitze auf dem Boden schleifte, weshalb er immer eine Hand am Griff hatte. Er nahm alles sehr genau, und er hatte drei, vier Mitarbeiter, die alles noch viel genauer nahmen. Becker wunderte sich bisweilen, daß die Franzosen bornierter sein konnten als die deutschen Beamten.

Unser Herzog August (der Sohn des trefflichen Herzog Ernst) war bekanntermaßen ein Franzosen Freund schon seit seiner Jugend, in der er sich für die glorreiche Französische Revolution begeistert hatte. Das machte ihn in den Augen des Oberst Colette und seiner Mannen allerdings noch nicht zu einem Verbündeten. Selbst von der Tatsache, daß der Herzog - wie er immer wieder betonte - den Preußen keine Soldaten "geliefert" hatte (im Unterschied zu Weimar), nahmen die Besatzer keine Notiz, für sie war das ohnehin Geschichte, und nach ihrer Ansicht hätten sie die Preußen auch dann über den Haufen gerannt, wenn es ein paar tausend mehr gewesen wären. Bei aller Arroganz und Siegerpose: sie hatten wahrscheinlich recht.

Mein Chef Zacharias Becker musste sich auf die neue Situation einstellen. Der Gouverneur hatte einen (für die französische Verwaltung typischen) Erlass herausgegeben, wonach alle Druck- und Presse Veröffentlichungen seiner Kontrolle und Genehmigung unterliegen. Beckers Druckerei in der Helenenstraße wurde requiriert und er musste zunächst alle öffentlichen Bekanntmachungen und ab sofort geltenden Gesetze und Verordnungen drucken, und das waren nicht wenige! Er bekam dafür einen lächerlichen Kostenzuschuss gewährt, für den er zudem einen Antrag stellen musste, der erst zur Bearbeitung nach Paris ging.

Im Zuge dieser Maßnahmen wurde auch die Zensur verschärft. Als der Gerichtsrat Audenhoff, der bisher für die Zensur im Herzogtum verantwortlich zeichnete, höchstpersönlich bei Becker in der Redaktion erschien und ihm mitteilte, daß er von "administrativer Stelle" als Zensor weiterhin bestätigt worden sei, da war Becker zuerst erfreut und erleichtert, daß man ihm nicht einen grimmigen Franzosen vor die Nase gesetzt hat.

Es dauerte nicht lange, bis unser armer Chef erkennen musste, daß der Gerichtsrat Audenhoff offenbar immer davon geträumt hatte, vom großen Weltenlenker Napoleon auf einen solchen Posten berufen zu werden. Becker staunte nicht schlecht, als faktisch jeder seiner Artikel, die zur Zensur vorgelegt werden mussten, mit Durchstreichungen übersät oder überhaupt ganz mit Verbot belegt zurückkamen. Mit politischen Beiträgen musste Becker ab jetzt vorsichtig sein, und nur durch sein Sprachtalent und seine rhetorischen Fähigkeiten gelang es ihm, überhaupt noch auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen.

Als ich ihm einen Erlebnisbericht von der "Rettung" der preußischen Königin lieferte, fand Becker ihn "fesselnd geschrieben" und er interessierte sich auch für meinen persönlichen Eindruck, den ich von Ihrer Majestät gewonnen hatte. Aber nach reiflicher Überlegung meinte er, daß er schwere Zweifel habe, ob dieser Artikel Audenhoffs Zustimmung findet.

Er sagte "Wissen Sie, Tandlop, wenn wir die Königin als eine eingebildete, rachsüchtige, franzosenfeindliche dumme Gans, und diese halsbrecherische Aktion als feige Flucht vor dem Feind darstellen würden, ich bin sicher, wir würden das ohne weiteres durchkriegen. Zur Zeit sind die Monarchen leider nicht gut angesehen. Und ich nehme an, Sie würden sich nicht dafür hergeben, Ihren Bericht umzuformulieren, was ich im übrigen auch nicht erwarte, das möchte ich ausdrücklich betonen."

Ich schrieb etwas über die Zustände im Hauptquartier von Blankenhain und darüber, wie es den Offizieren an fähigen Kundschaftern mangelte, die sie über die genauen Truppenbewegungen in Kenntnis setzten und wie miserabel das Essen dort war. Ich nannte keine Namen, und alles in allem hatte ich niemanden schlecht gemacht. Ich schlug einen humorvollen Ton an, und Becker nahm es gern entgegen, und hernach erhielten wir viel wohlwollenden Zuspruch, sogar der Gerichtsrat Audenhoff hatte angeblich darüber geschmunzelt. Ich schob noch ein paar Artikel nach, unter anderem über das Geschäft der französischen Marketenderinnen und über die Musikkorps der Grande Armée, was beides ziemlich harmlos war und im wesentlichen auf den Erläuterungen Etiennes basierte.

Dann kam der Leutnant Gradenecker und berichtete uns einige Details vom Verlauf der verheerenden Schlacht und daß der General von Schmettau gefallen war, den er gut kannte, daß General Rüchel schwer verwundet wurde und eine Reihe von hohen Offizieren in Gefangenschaft geraten waren.

König Friedrich Wilhelm hatte sich tapfer geschlagen, zweimal wurde ihm das Pferd unterm Sattel totgeschossen, er selbst am Arm verletzt, schließlich musste er den Divisionen von Marschall Davoust weichen und den Rückzug antreten.

Am bedauerlichsten war wohl das Schicksal des Herzogs von Braunschweig, des eigentlichen Kommandeurs der vereinigten Truppen. Er wurde von einem Geschoss am Kopf getroffen, das beide Augen und einen Teil des Schädels weggesprengt hatte. Er musste noch tagelang furchtbare Schmerzen erleiden, bis er starb. Napoleon hatte kein Mitleid mit diesem alten Knochen, er frohlockte über seinen Tod.

Ich erinnerte mich, wie uns in unserer Schulzeit bei einem der ersten Kriege gegen das revolutionäre Frankreich die Worte des Herzogs als eisenharte Parole eingetrichtert wurden: "Wir wollen dieses räuberische Paris erobern und in Schutt und Asche legen!" Vielleicht hatte er sich immer schon ein bisschen überschätzt.

Vom Rittmeister war ein kurzer Gruß eingetroffen, aus einem Ort in der Nähe von Potsdam. Er schrieb, er hoffe, daß es "unserem Karl" gutginge (damit war ich gemeint); er bedauerte immer noch unendlich den Verlust des Prinzen Ferdinand; er sei "wenigstens für die nächsten drei oder vier Wochen" an den hiesigen Aufenthalt "gebunden", werde aber den Franzosen folgen, falls sie weiter nach Osten vordringen. Ich dachte, hoffentlich hat er dort bereits eine reizende Bekanntschaft gemacht, die ihm seine Trauer versüßt.

Als Leutnant Gradenecker in der Redaktion weilte, sagte er mit einem Blick auf Etienne "Wie ich sehe, Karl, ist Ihr kleiner Deserteur immer noch in Ihrer Hand." Becker horchte sofort auf, Etienne verdrückte sich in eine Ecke, als würde er sich da unsichtbar machen. "Was soll das heißen?", fragte mich Becker. Ich wich der Frage aus, doch Becker hatte auch so begriffen, er sagte "Ich bin der letzte, der hier jemanden verscheucht, wenn er Ihr Vertrauen genießt, Tandlop. Aber wenn der Junge wirklich ein französischer Soldat ist, dann mache ich mich eines schweren Verbrechens schuldig, wenn ich seine Anwesenheit in meiner Redaktion dulde. Und Sie bringen sich und uns in Teufelsküche, ist Ihnen das klar?" Ich sagte, ja, das sei mir bewusst, nur wüsste ich nicht, was ich anderes für ihn tun könnte, als ihm vorläufig bei mir Unterschlupf zu gewähren.

"Wieso geht er nicht nach Hause, da wo er hergekommen ist?", fragte Becker. Er schaute ständig zu Etienne hinüber, aber der schwieg mit betretener Miene. Ich sagte "Dort würden sie ihn doch auch nur verhaften. Außerdem ist er auf der Suche nach seinem Bruder, der sich ebenfalls bei der Grande Armée befindet und höchstwahrscheinlich gerade in Berlin ist."

Der Leutnant fragte Etienne "Bei welcher Einheit dient dein Bruder?" "Bei Oberst Branquart und seinem Kürassier Regiment", antwortete Etienne. "Dann gehört er nicht zum einfachen Fußvolk", stellte der Leutnant fest, "hat er eine militärische Ausbildung gehabt?" Etienne schüttelte den Kopf und sagte "Wir haben als Kinder viel mit der Vogelflinte auf Spatzen geschossen ... na ja, anfangs haben wir auf sie geschossen, aber dann haben sie uns leid getan und wir haben nur noch auf Gegenstände geschossen, zum Spaß. Aber wir waren ganz gut. Einmal haben wir auch dem alten Rimeneaud die Kaffeekanne zerschossen, als er im Garten saß, aus Rache dafür, daß er die kleine Amelie geschlagen hatte. Als dann die Soldaten kamen und meinen Bruder zum Dienst gepresst haben, hieß es, er könne doch so gut schießen und es wäre eine Schande, wenn er seine Fähigkeiten nicht zur Verteidigung des Vaterlandes einsetzt."

Becker sagte "Ja, gut und schön. Eine anrührende Geschichte. Aber ich habe keine Lust, wegen eurer Familien Angelegenheiten ins Gefängnis zu wandern." "Das verstehe ich natürlich, Monsieur", sagte Etienne. Der Leutnant meinte "Selbst wenn Oberst Branquart und seine Mannen in Berlin sind, wäre es schier unmöglich, dort deinen Bruder zu finden, du hast keine Ahnung, wie viele Truppen sich jetzt dort tummeln. Sie haben ein riesiges Feldlager aufgeschlagen, das sie 'Napoleonsburg' nennen. Wenn du versuchtest, da rein zu kommen, werden sie dich gleich hopsnehmen." "Und was würden Sie mir raten zu tun, Herr Leutnant?"

Gradenecker sagte "Hier kannst du jedenfalls nicht bleiben, Herr Becker hat recht, wir würden uns alle strafbar machen, selbst wenn du dich mucksmäuschenstill verhälst. Mit scheint, du bist ein guter Kerl, vielleicht ein bisschen naiv." Etienne zuckte mit den Schultern, Gradenecker fuhr fort "Aber man hat sich dadurch schon oft täuschen lassen. Wer sagt uns, daß du nicht ein französischer Spion bist, der uns auf perfide Weise hinters Licht führen will."

Wir schauten alle drei auf Etienne, dessen Gesichtsausdruck eine tiefe Resignation verriet. Er streckte beide Arme vor und legte die Handgelenke über Kreuz, er sagte "Wenn Sie so denken, Monsieur, dann sollten Sie mich sofort dem Gouverneur übergeben, ich werde mich meiner Verhaftung nicht widersetzen." Becker schüttelte den Kopf und murmelte "So ein Dilemma hat mir noch gefehlt."

Der Leutnant bewegte angespannt seine Backenmuskeln. Dann sagte er "Ich habe bei Erfurt ein Grundstück, dort steht auch eine Hütte, nichts Besonderes, aber man kann zur Not darin wohnen. Ich biete dir an, dich dort zu verstecken. Du bist auf dich allein gestellt. Wenn du erwischst wirst, sage ich, du bist da eingebrochen, ich kenne dich nicht." Etienne ging zum Leutnant hin, fasste seine rechte Hand und wollte sie küssen. "Hör auf", zog sie der Leutnant weg, "du hast dir das selber eingebrockt, also wirst du's auch auslöffeln." Becker klatschte in die Hände und sagte "Und jetzt raus hier."

Ich war selbst schon auf dem Grundstück gewesen, das an der Gera gelegen und von hohen Sträuchern und Büschen umgeben war. Der Leutnant besaß es hauptsächlich wegen seinem Wikingerschiff, an dem er seit langem herumwerkelte und das, auf beiden Seiten abgestützt, unter einem Bretterdach stand. Es gab ein paar Obstbäume und einen Brunnen, und in einer hinteren Ecke stand die besagte Hütte, in der sich eine Schlaf- und eine Kochgelegenheit befand.

Leutnant Gradenecker hatte mir die Schlüssel für das Gartentor und die Tür gegeben und ich brachte Etienne hin. Er schaute sich still um und schien vollkommen zufrieden, er stellte keine besonderen Ansprüche und war natürlich heilfroh, daß wir ihn nicht den französischen Behörden überantwortet hatten. Ich bot ihm meine Pistole zum Schutz an, doch er lehnte ab. Wir hatten etwas Proviant mitgebracht, der voraussichtlich für drei oder vier Tage reichte, ich sagte, ich würde dann wieder vorbeikommen.

Ich merkte bald, daß er sich nichts sehnlichster wünschte, als nach Berlin zu gehen und, trotz der abschreckenden Worte des Leutnants, nach seinem Bruder Pascal zu suchen. In völliger Unkenntnis der geographischen Verhältnisse fragte er mich allen Ernstes, ob man "rein theoretisch" mit Gradeneckers Schiff nach Berlin gelangen könnte. Ich entgegnete, erstens wäre das Schiff noch gar nicht see- oder flusstauglich, und zweitens müsste man es auf dem Landweg bis nach Bautzen, im Königreich Sachsen, schaffen, um auf der Spree zu versuchen, nach Berlin zu kommen, wobei ich im übrigen gar nicht wüsste, ob die Spree bei Bautzen tief genug dafür sei.

Etienne gab den Plan rasch auf und meinte "Außerdem würde es mir der Leutnant bestimmt sehr übelnehmen, wenn ich seine Hilfsbereitschaft derart missbrauchte." "Er würde dich ohne weiteres erschießen und in die Gera werfen", sagte ich voller Überzeugung, um ihn von ähnlichen Versuchen abzuhalten. Ich beschloss, Etienne mit nach Weimar zu nehmen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen (und auch, um ihn mit Delaja bekannt zu machen).

In Weimar war während der Tage der napoleonischen Invasion und der grässlichen Schlacht der Teufel los gewesen, und es war noch längst keine Ruhe eingekehrt. Die Erbprinzessin Maria Pawlowna hatte rechtzeitig die Residenz verlassen, niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Es war mit Recht befürchtet worden, daß Napoleon sie womöglich als eine Art Geisel nehmen könnte, immerhin war sie die jüngere Schwester des russischen Zaren, den man auf diese Weise zumindest zum Stillhalten zwingen könnte.

Außerdem war der Weimarer Herzog Carl August, Goethe's lebenslanger Freund und Gönner, seinen Verpflichtungen gegenüber dem preußischen König nachgekommen und hatte sich mit dem Scharfschützen Bataillon (zu dem übrigens auch einige Kämpfer gehörten, die der Rittmeister einmal ausgebildet hatte) an der Schlacht beteiligt. Er war allerdings, durch welchen blödsinnigen Befehl auch immer, in eine vollkommen abseitige Position gedrängt worden, und in seinem Fall wusste nun wirklich niemand, wo er steckt. Tatsächlich kam er später in der Gegend von Havelberg wieder ans Licht.

Als Napoleon in Weimar einmarschierte (was er natürlich angesichts des europäischen Ansehens dieses Musentempels mit großer Wonne tat), war niemand bei Hof zu Hause außer die Herzogin Luise, die dem Kaiser mit ungewöhnlicher Courage entgegentrat und es sogar schaffte, seinen unbändigen Zorn auf den Herzog zu beschwichtigen und ihn, allein durch ihre Sanftmut und Noblesse, dazu brachte, wenigstens in vernünftigem Ton mit ihr zu reden.

Er war so von ihr beeindruckt, daß er sie sogar mehrmals aufsuchte, um sein Herz bei ihr auszuschütten. Dennoch beschimpfte er ihren Gemahl in Abwesenheit auf das heftigste, und es bedurfte aller Überredungskünste der Herzogin, den Kaiser zumindest dazu zu bewegen, die Plünderung Weimars durch seine Soldaten sofort einzustellen.

Natürlich begab ich mich zuerst zu Nikolai Davidowitsch Merschkow, der lauthals seine gegenwärtige Lage beklagte. Es war genauso gekommen, wie er es vorausgesehen hatte: im Schlepptau Napoleons waren die beutegierigen Piraten der französischen Kunst- und Schatzkammern eingefallen, allen voran Monsieur Vivant Denon, der Generaldirektor des Nationalmuseums, der für seinen Herrn (und natürlich für sein Haus) schon die bedeutendsten Werke der Kunst und des Altertums aus halb Europa zusammengeraubt hatte.

Merschkow war raffiniert genug gewesen, das Wertvollste aus seiner eigenen Sammlung verschwinden zu lassen, im Kornhaus waren nur solche Objekte verblieben, auf die es Vivant Denon ohnehin nicht abgesehen hatte. Auch war Merschkow dem herzoglichen Kunstminister Voigt behilflich, die Schätze des Hofs vor den Franzosen in Sicherheit zu bringen. Wo das alles gelagert wurde, wusste wiederum niemand. (Später habe ich aus einer gut unterrichteten Quelle erfahren, daß einiges davon in einem von Friedrich Bertuchs Lagerhäusern hinter und unter allen möglichen harmlosen Warenbeständen versteckt wurde, womit sich der ehrenwerte Herr Bertuch ein weiteres Verdienst zum Wohle seiner Heimatstadt erwarb.)

Es gab zwei Dinge, die Merschkow besonders Kopfzerbrechen bereiteten. "Irgend so ein Hornochse", wetterte er, "hat das Gerücht verbreitet, im Besitz der Prinzessin befände sich die Ikone der Gottesmutter von Wladimir." Ich erschrak bei seinen Worten, wäre ich doch selbst um ein Haar derjenige gewesen, der das publik gemacht hätte. "Ist es wirklich bloß ein Gerücht?" fragte ich. (Noch immer war mir meine fehlende Zeichnung von der Ikone ein Rätsel.) Nikolai Davidowitsch schaute mich seinerseits fragend an. "Wenn es keins wäre, würde Monsieur Vivant Denon dann aufhören, danach zu schnüffeln?", sagte er, und ich wurde nicht schlau daraus.

Das andere Problem, das Merschkow beschäftigte, verkörperte eine Person namens Jakob Lischmann, der sich im Gefolge der französischen Eroberer einen Platz gesichert hatte, und welchen Merschkow fast noch schlimmer fand als den Generaldirektor. "Dieser Schlaumeier schafft es immer wieder, die Leute mit seinen Theorien und angeblichen Weltwundern zu bezirzen und sie dazu zu bringen, sich voller Begeisterung auf das zu stürzen, was er ihnen in den wunderbarsten Farben vor die Augen malt. Kein Zweifel", meinte Merschkow, "dieser Mann hat ein ungeheures Charisma, und er ist selber so überzeugt von dem, was er sagt, daß er nur mit dem Finger zu schnippen braucht, damit ihm die anderen zu Willen sind."

Unter den Zeitschriften, die Merschkow im Haus hatte, befand sich auch eine mit dem Titel "La Décade égyptienne", ein Kunstjournal, das während der Herrschaft Napoleons in Ägypten herausgegeben und in dem über die Ausgrabungen und die "Bewahrung" der Kunstschätze der alten Pharaonen berichtet wurde. Delaja hatte mir seinerzeit manchen Artikel vorgelesen, das heißt, ad hoc aus dem Französischen übersetzt.

Ich erinnerte mich, dabei den Namen Jakob Lischmann gehört zu haben, der offenbar bereits bei Napoleons Ägyptenfeldzug als Archäologe dabei war. Merschkow bestätigte mir dies jetzt und wusste manche Einzelheit über dessen fragwürdige Tätigkeit zu erzählen.

Da fiel mir ein, daß ich, noch während meiner Lehrzeit beim "Thüringer Boten", einmal einen Vortrag unseres trefflichen Herrn von Zach, des berühmten herzoglichen Astronomen und Begründers der Sternwarte auf dem Gothaer Seeberg, besucht hatte, es ging, soweit ich mich entsinne, um die Berechnung von Kometenbahnen. (Ich möchte bei der Gelegenheit darauf hinweisen, daß Herr Xaver von Zach einer der bedeutendsten europäischen Forscher auf dem Gebiet der Himmelskunde ist, der leider, wie so viele andere, unserer Residenzstadt den Rücken gekehrt hat.)

Jedenfalls hatte sich im Anschluss an seinen Vortrag ein Zuhörer gemeldet, der wissen wollte, was der Herr von Zach von der Entdeckung jenes Jakob Lischmann halte, welcher vor kurzem nahe einer thüringischen Ortschaft auf freiem Feld, nein, genau gesagt: auf einem Hügel eine mit goldenen Markierungen versehene Metallscheibe ausgegraben hatte, die angeblich unseren Vorfahren zur astronomischen Berechnung diente und die jetzt unter dem Namen "Die Himmelsscheibe von Niedertraula" zu einiger Berühmtheit gelangt war.

Herr von Zach zog bei dieser Frage die Augenbrauen zusammen und erwiderte, es wäre an und für sich seine Sache nicht, auf solche "Machwerke populär wissenschaftlicher Phantasie", wie er sich ausdrückte, näher einzugehen. Er habe selbst, wenn auch nur kurz, Gelegenheit gehabt, diese sogenannte Himmelsscheibe in Augenschein zu nehmen (er durfte sie nicht einmal anfassen!).

Er meinte, ein paar aufgepunzte Goldplättchen zusammen mit einer Sonne und einem Mond, wie sie ein fünfjähriges Kind besser zeichnen könnte, machen aus diesem Gebilde noch lange kein astronomisches Instrument.

Aber man könne damit den Frühlingspunkt der Sonne am Horizont exakt bestimmen, wandte der Zuhörer ein. Von Zach sagte, man könne auf dem Kreisbogen jeden beliebigen Punkt fixieren, wenn man die Scheibe in entsprechendem Abstand vor die Augen hält. Wer an solchen "breitgetret'nen Quark" glaube, der habe im Geometrie Unterricht statt aufzupassen wahrscheinlich lieber obszöne Wörter in die Bank geritzt.

"Dann glauben Sie", sagte ein anderer Zuhörer, "diese Himmelsscheibe wäre eine Fälschung?" "Ich werde mich hüten", versicherte von Zach, "so etwas zu behaupten. Zumal diese 'Himmelsscheibe', wie ich hörte, von der Akademie der Wissenschaften als besonders wertvoll eingestuft wurde und dem Herrn Lischmann neben der Anerkennung auch eine hübsche Summe beim Verkauf an das Pariser Observatorium eingebracht haben soll. Ich sage abschließend nur soviel dazu: wenn unsere Vorfahren tatsächlich eine derartige Vorstellung vom Kosmos gehabt hätten, dann müssten wir uns heute vermutlich noch fünfhundert Jahre gedulden, bis wir erkennen, daß sich die Sonne nicht um die Erde dreht."

Nikolai Davidowitsch war mit seinem Urteil über Lischmann weniger zurückhaltend, er nannte ihn einen "Oberfälscher erster Güte". Er gestand ihm ein gewisses Gespür für Kunstgegenstände zu, an denen das Publikum Gefallen findet. Aber das war wohlgemerkt kein künstlerischer Sachverstand, sondern lediglich, wie er sagte: ein begnadeter Sinn für profitable Geschäfte.

Lischmann hatte zwar mit einer Dissertation über eine seiner Ausgrabungen den Doktortitel erlangt, aber jemals weder Archäologie noch Kunstgeschichte studiert, sondern war eigentlich zeitlebens ein Kaufmann gewesen, allerdings ein sehr erfolgreicher. Durch seinen Reichtum konnte er sich erst seine spektakulären Ausgrabungen leisten.

Merschkow meinte, irgendein innerer Antrieb (oder auch eine nie überwundene Enttäuschung) hatten diesen Mann immer wieder dazu verführt, die Leute mit einer neuen sensationellen Entdeckung, die er angeblich gemacht hatte, zum Staunen zu bringen und ihnen daraus allerhand einmalige Fundstücke zu präsentieren. "Und dabei", sagte Merschkow, "weiß er immer genau, worauf alle diejenigen hereinfallen, die von wahrer Kunst ungefähr soviel Ahnung haben wie ein Pferd vom Hafer." Laut Merschkow würden die Leute alles glauben, wenn man es ihnen nur einigermaßen gefällig und verständlich übermittelt. Er sagte "Niemand will wirklich wissen, wie etwas in Wahrheit ist. Aber alle wollen wissen, wofür man es hält."

Ich denke nicht, daß Merschkow insgeheim neidisch auf Jakob Lischmann war. Merschkow hatte eine völlig andere Auffassung von der Kunst. Er hatte seine Kunstwerke immer nur an Privatpersonen verkauft, die sie sich leisten konnten. Er hatte nie versäumt, den Käufer über den ideellen Wert aufzuklären, über ihre Herkunft, die Umstände ihrer Entstehung, ihre Geschichte. Er hielt den gebildeten Mäzen oder den leidenschaftlichen Sammler für die Kunst überhaupt unverzichtbar, sie verhalfen ihr letztlich zur Freiheit. Doch am liebsten hätte er ihnen ein Stillschweigen über ihren Besitz auferlegt (und zum Glück konnte er einige von ihnen auch dazu überreden, indem er meinte, wenn sie lauthals ausposaunen, was für ein wertvolles Gemälde bei ihnen im Wohnzimmer hängt, würde das nur den Neid der anderen wecken und möglicherweise auch die Begehrlichkeit von Dieben).

Für ihn war die Betrachtung eines Kunstwerks ein ganz persönliches Erlebnis, dem "fast eine reine Intimität" innewohnt. Es war eine Art Andacht, weshalb er einen Tempel oder eine Kapelle für den geeigneten Ort hielt, es für alle diejenigen zugänglich zu machen, die in dem Anblick Trost und Stärkung für ihre Seele suchen.

Dagegen verabscheute er geradezu das öffentliche zur Schau Stellen von Kunst, er nannte das Museum einen Treffpunkt für wissbegierige Idioten, die davon überzeugt waren, daß sie schon mit dem Kauf einer Eintrittskarte ihren Geist bereichern würden. Und das war genau die Atmosphäre, wo einer wie Jakob Lischmann sein Gewerbe betrieb. Die ganze Welt musste sehen wollen, welche Goldmasken er an den Ufern des Nils aus den Grabkammern der Pharaonen zu Tage gefördert hatte. Welche vorsintflutlichen Schriftrollen er in Baghdad für die Nachwelt gerettet, welches Tafelsilber er aus dem Wüstensand Nubiens freigeschaufelt, welche rätselhaften Runensteine er im hohen Norden Skandinaviens entziffert hatte. Jedesmal gab Lischmann die "Endergebnisse" seiner Expeditionen mit großem Brimborium bekannt, und jedesmal bestimmte die so gewonnene Aufmerksamkeit den Preis, für den er seine Ausbeute verscherbelte.

Natürlich hatte er seinen Spaten auch an einem der magischen Orte der abendländischen Zivilisation in die Erde gestoßen: in Troja, jener Stadt und Festung, deren Belagerung durch das Heer der Griechen der unsterbliche Homer in seiner Illias beschrieben hat.

Merschkow erzählte mir, daß Lischmann sich während des Ägypten Feldzugs Napoleons nach Kleinasien abgesetzt hatte. Das Gebiet um Troja gehörte dem Sultan Selim von Konstantinopel, der über die Ausgrabungen des Deutschen nicht unterrichtet worden war. Lischmann hatte einige Zeit vergeblich nach etwas Brauchbarem gesucht, bis er entnervt aufgab. Doch buchstäblich am letzten Tag fand er eine Kiste mit dem "Goldschatz des Priamos", des Königs von Troja. Und fast wäre es ihm gelungen, ihn außer Landes zu schaffen, doch die türkischen Behörden hatten davon Wind bekommen, und Lischmann musste seine Beute abliefern.

"Damit waren alle seine Investitionen in diese Grabung erst einmal futsch", sagte Merschkow. Als Russland gegen die Türkei Krieg führte, kam das Troja Gold als Beute nach Moskau und verschwand dort in den Schatzkammern des Kreml. Merschkow sagte "Kürzlich war der Sultan zu Besuch bei Napoleon, alles deutet auf eine Annäherung zwischen Frankreich und Konstantinopel hin. Wenn Napoleon tatsächlich Russland überfällt und nach Moskau marschiert, dann wird höchstwahrscheinlich irgendwo in seiner Grande Armée auch unser Jakob Lischmann dabeisein, der sich Genugtuung verschaffen und seinen Schatz zurückholen will."

Ich musste an Etienne denken, der auch von Moskau als Ziel gesprochen hatte. Ich fragte Merschkow "Ist es nicht merkwürdig, daß es Napoleon auf Moskau abgesehen hätte, wo doch der Zar in Petersburg residiert?" "Nein", entgegnete Merschkow, "das liegt daran, daß Moskau das Herz Russlands ist, Petersburg war schon immer bloß das Tor zum Westen. Sie müssen das unter einem größeren Blickwinkel betrachten, Karl. Nach der Spaltung der Christenheit hat sich Moskau als Zentrum der Ostkirche etabliert. Man sprach auch von Moskau als dem dritten Rom, nach Konstantinopel und Rom selbst. Das war nicht bloß eine lokale Verschiebung auf der Landkarte des christlichen Abendlandes. Der christliche Glaube hatte sich ursprünglich von Jerusalem aus nach Westen ausgebreitet, der Apostel Paulus ging nach Rom, wo - ungeachtet seiner Hinrichtung - am Ende die christliche Staatsreligion eingeführt wurde; und damals schon ging die Bewegung über Konstantinopel. Es war nur eine Frage der Zeit, daß die dortige Kirche ihren Anspruch als Glaubens Metropole geltend macht. Aber es gab noch eine andere Bewegung, die sich aus der ungeheuren weltgeschichtlichen Bedeutung der Antike ergab, eine Bedeutung, die man schwerlich überschätzen kann. Wie Sie vielleicht wissen, Karl, entstand ungefähr um die gleiche Zeit, als sich in Jerusalem das Kommen des Gottessohns ankündigte ..." "Sie meinen, mit dem Wirken Johannes des Täufers", sagte ich. "Richtig. Ungefähr um diese Zeit schrieb Vergil seine 'Aeneas'. Und wovon handelt sie?" "Von der Eroberung und der Vernichtung Trojas." "Genau. Und von den Irrfahrten des Helden und der letztendlichen Gründung der Stadt Rom. Halten Sie sich das einmal vor Augen: die christliche Tradition und die antike Tradition treffen sich am selben Ort. Ich erspare mir, Ihnen jetzt einen Vortrag zu halten, welches kunterbunte Durcheinander dieses Zusammentreffens von heidnischen Göttern und christlichen Heiligen bewirkt hat. Auf alle Fälle ist der Geist des Abendlandes in Jerusalem als Ursprungsort des Christentums ebenso verwurzelt wie in Troja als Schicksalsort der Antike. Ich könnte mir vorstellen, daß es keiner großen Überredungskünste bedarf, um Napoleon davon zu überzeugen, so ein unvergleichliches Zeugnis der eigenen Kultur wie es der "Schatz des Priamos" wäre, nach Paris zu holen und unter dem Triumph der siegreichen Armee den Augen der Weltöffentlichkeit zu präsentieren." "Warum tun die Russen dies nicht jetzt schon in Moskau?", fragte ich, und Merschkow antwortete "Weil sie in Wirklichkeit keinen Bezug dazu haben. Die Antike ist nie bis nach Russland gelangt. Iphigenie, des großen Griechen Agamemnon Tochter, wurde nach Taurien entrückt, das schon ganz weit im Norden lag und doch erst an der Südküste des Schwarzen Meeres. Prometheus wurde an die Felsen des Kaukasus geschmiedet, das war wohl in der Vorstellung der Griechen schon außerhalb der bewohnbaren Welt. Und die Fahrt der Argonauten war ein singuläres Unternehmen von wagemutigen Seepiraten, nichts, was in Athen oder in Sparta Aufmerksamkeit erregt hätte."

Merschkow machte eine Pause, dann fragte er mich "Hat Ihnen Delaja von dem heiligen Sergej von Radonesch erzählt?" Ich sagte ja und wunderte mich ein wenig darüber, daß er das wusste. "Delaja hat mir erzählt, wie der heilige Sergej in den Wäldern nördlich von Moskau eine Einsiedelei gründete, die viele Mönche angelockt hat, und wo schließlich das Dreifaltigkeitskloster gebaut wurde." "Und sie hat Ihnen sicher auch das Leben der ersten Mönche geschildert." "Ja. Es war sehr einfach und dem Ideal eines Urchristentums verpflichtet ... also Delaja hat es anders ausgedrückt, sie sagte, der heilige Sergej und seine Leute waren sehr fleißig und haben alle anfallenden Arbeiten selbst verrichtet, und sie haben praktisch 'von der Hand in den Mund' gelebt, aber sie waren sehr zufrieden und durch und durch vom rechten Glauben erfüllt."

Merschkow schmunzelte, dann sagte er "Der heilige Sergej war praktisch der geistige Vater von Moskau, er hat die Stadt die 'Sammlerin des russischen Reiches' genannt. Wenn jemand den Ruf Moskaus als drittes Rom begründet hat, dann war er es. Und ja - es war tatsächlich eine Art Urchristentum, das diesen Mönchen vorschwebte, so frisch und kraftvoll wie an dem Tag, als Christus den Männern in Emmaus begegnete, Sie kennen die Episode, Karl?" "Ja", sagte ich und fügte hinzu "wenn ich Sie recht verstehe, Nikolai Davidowitsch, meinen Sie, daß diesen Leuten die antike Tradition ganz fremd war?" "Völlig fremd", sagte Merschkow, "geradezu unmenschlich fremd. Wenn sie jemals, was man nicht weiß, einen Gedanken an die versunkene antike Welt verschwendet haben, dann war es der einer Befreiung und Überwindung, gepaart mit der Gewissheit, den unumkehrbaren Pfad der Erlösung des Menschen durch den Glauben an die heilige Dreifaltigkeit zu beschreiten. Haben Sie sich je gefragt, weshalb in allen diesen Geschichten und Legenden des russischen Christentums so gut wie keine Frauen auftreten?"

Ich schüttelte den Kopf. Merschkow sagte "Werfen Sie einen Blick auf die römische Kunst, da strotzt es bis heute noch von den antiken Heldinnen und Göttinnen von der Alkestis bis zur Venus. Die Renaissance hat das alles erneuert, und wenn Sie Michelangelos Pietà genau betrachten, dann erkennen Sie die vollkommene Verschmelzung der christlichen mit der antiken Welt. In Russland dagegen, mein Freund, hat es diese Renaissance nie gegeben, und auch keine Geschichten über Zeus, der sich in einen Schwan verwandelt, um die Leda zu begatten, und auch nicht über die schöne Helena, um derentwillen dieser ganze unselige Krieg gegen Troja vom Zaun gebrochen wurde. In Russland hat immer Frieden geherrscht, der russische Frieden, den es sonst nirgends auf der Welt gibt. Ein Frieden, der die Menschen zu einem einfachen und doch guten Leben erzieht, ein Frieden, der allen Verlockungen und Verzückungen der weltlichen Eitelkeit und Genußsucht widerstrebt, ein Frieden, der die Liebe und die Frauen keineswegs verdammt, sondern sie - ebenso wie die Heimat - unter den Schutz einer Frau stellt, die den Namen 'Göttin' verdiente: nämlich der Gottesmutter. Sie allein, Karl, schenkt uns diesen Frieden, wie ihn der Apostel Paulus beschreibt: er sei höher als alle menschliche Vernunft. Sie allein bewahrt unsere Herzen und Sinne in ihrem einzigen Sohn bis ans Ende der irdischen Zeiten."

Ich glaubte zu begreifen, welche Sorge Merschkow umtrieb. Wenn Napoleon und sein Kultur General den Einflüsterungen eines August Lischmann Glauben schenkte, dann wäre zu befürchten, daß der sich nicht bloß seinen Schatz wieder unter den Nagel reißt und an die Franzosen verhökert, sondern daß Napoleon bei der Gelegenheit auch die alte Macht der Russen brechen würde, indem er sie ihres größten Heiligtums beraubt: dem Bildnis der Gottesmutter, der Beschützerin ihres Volkes. Von ihr im Stich gelassen, müsste sich Russland wie ein mutloser Ochse unter das Joch seiner Beherrscher beugen, und der Anblick würde Napoleon zweifellos ergötzen.

Ich half Merschkow beim "Aufräumen". Außerdem hatte er, trotz der widrigen Umstände den Kunsthandel nicht ruhen lassen, er interessierte sich besonders für die Werke der neueren Maler, die gelegentlich auch die "Romantiker" genannt wurden, eine Bezeichnung, die sie aufgrund einer eigentümlich sentimentalen Stimmung in ihren Bildern erhalten halten. Zu ihnen gehörte ein gewisser Caspar David Friedrich, von dem Merschkow einige Landschaften erworben hatte. Er meinte, im Moment seien diese Werke noch nicht begehrt, weil der Stil der Romantiker zu neuartig sei, und "weil noch niemand das Publikum mit der Nase drauf gestoßen" hätte.

Ich begleitete Merschkow auch ein paar Mal, als er in den Weimarer Sammlungen dem Kunstminister Voigt zur Seite stand, der ähnliche Befürchtungen hegte, was Napoleons Forderungen an die besiegten Fürsten anbetraf. Der Gouverneur von Weimar hatte sich, vor allem nach dem resoluten Auftreten der Herzogin, weitgehend rücksichtsvoll verhalten, doch Napoleon selbst grollte dem Herzog immer noch, und der Kanzler Müller musste in Berlin alle diplomatischen Register ziehen, um vor allem die drohenden Kriegs Kontributionen abzuwenden oder wenigstens abzumindern.

Einmal kam der Kanzler Müller selbst in die Galerie des Weimarer Schlosses, um mit dem Minister Voigt etwas zu besprechen, Merschkow und ich waren gerade damit beschäftigt, ein paar Cranach Bilder zu verstauen. Müller bat Voigt auf ein Wort, und die beiden unterhielten sich abseits, man konnte nur wenig verstehen. Als Müller gegangen war und Voigt zu uns zurückkam, sagte er, der Kanzler sei auf dem Sprung nach Berlin, aber sein Sekretär wäre plötzlich krank geworden, und er habe ihn, Voigt, gefragt, ob er jemanden zum kurzfristigen Ersatz wüsste. "Leider konnte ich ihm nicht damit dienen", sagte Voigt und zuckte die Schultern.

Da sagte Merschkow "Geben Sie ihm doch Herrn Tandlop mit", und er zeigte auf mich, meine Verblüffung war groß. Voigt schien zu überlegen, dann fragte er mich "Können Sie denn aus dem Stehgreif Protokoll führen?" Ich sagte, ich sei von Haus aus Zeitungs Korrespondent und gewohnt, mir schnelle Notizen zu machen. "Und Sie würden den Kanzler Müller nach Berlin begleiten?" "Wenn es gewünscht wird, gern."

Voigt überlegte abermals, dann lief er hinaus, um den Kanzler noch einzuholen. Er kam erst ein halbe Stunde später wieder, er sagte "Kanzler Müller ist einverstanden. Ich habe mich für Sie verbürgt, Herr Tandlop, bitte enttäuschen Sie mich nicht." Ich versprach es. Voigt sagte, ich solle mich bei dem Kammerdiener Wenzel melden, er würde mich mit ein paar notwendigen Sachen versorgen.

So kam ich Knall auf Fall nach Berlin, in das derzeitige Hauptquartier Napoleons. Der Kaiser wohnte im Schloss Charlottenburg, in den Gemächern des preußischen Königspaares, das, wie bereits erwähnt, bis nach Memel geflohen war. Napoleon hatte sich gleich nach dem Einzug der Grande Armée in Berlin in das Gewölbe begeben, wo der Sarg mit den Gebeinen Friedrichs des Großen stand. Ich hatte am Anfang meines Berichts darüber spekuliert, ob der Franzose jemals in Ehrfurcht zu dem legendären Feldherrn aufgeschaut hätte?

Ich war in der Gruft nicht dabei und kann daher nicht sagen, ob Napoleon sich vor ihm verneigt oder bloß auf ihn herabgeschaut hat; er war auf jeden Fall dreist genug, dem seligen Preußenkönig den Degen, den Schwarzen Adlerorden, die Standarten der Königlichen Garde, ja sogar dessen Uhr und Tischglocke vom Grab weg zu stehlen. Der "Moniteur", die Pariser offizielle Staatszeitung, berichtete davon wie über Ali Baba, der sich durch List den Zugang zur Räuberhöhle verschaffte, und mir wurde endgültig klar, daß Napoleon, wenn er Moskau erobern sollte, den Kreml bis in den letzten Winkel plündern würde.

Der Kanzler Müller war von mittelgroßer Gestalt, schlank, fast mager, er trug einen Anzug aus feinem Tuch und machte eine Miene wie ein Ingenieur, der im Kopf die Parameter einer Maschine nachrechnet. Er war ein hübscher Mann, und ich hatte ihn einmal im Weimarer Park mit seiner reizenden Familie gesehen, wie sie ganz gelassen und doch vergnügt spazierengingen. Im Dienst war er sehr diszipliniert, er sprach ausschließlich über das, was mit seiner Tätigkeit zusammenhing. Er redete in kurzen, prägnanten Sätzen, und was immer sein Gegenüber sagte, er machte stets eine kleine Pause vor jeder Erwiderung, das gab ihm etwas Vorausschauendes und hatte den Anschein, daß er sich niemals unter Druck setzen ließe.

Während der Fahrt nach Berlin gab er mir alle möglichen Unterlagen, damit ich mich über seine bevorstehenden Treffen informierte. Er hatte eine Liste mit allen Namen der Personen, mit denen er sprechen wollte, aber statt der wirklichen Namen verwendete er Kürzel, die nur er zuordnen konnte. Bei jedem dieser Kürzel hatte er kurze Bemerkungen gemacht, oft nur einzelne Wörter über das, was er zur Sprache bringen wollte.

Meine Aufgabe war es, ihm anhand dieser Übersicht vorher die erforderlichen Stichpunkte mitzuteilen und die Ergebnisse seiner Unterredungen festzuhalten. Er sagte "Es wird nicht möglich sein, daß Sie bei jedem Gespräch mit dabei sind. Ich habe ein gutes Gedächtnis, aber es hält nur eine begrenzte Zeit vor. Ich kann mir den Wortlaut selbst einer längeren Unterredung merken, aber danach werde ich es Ihnen unverzüglich diktieren und Sie müssen mitschreiben." "Ja, ist gut", sagte ich und war schon ein bisschen gespannt auf meine Aufgabe.

Das Ganze sah dann doch etwas anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. In Charlottenburg herrschte das gleiche Tohuwabohu wie während der Schlacht (nur daß hier niemand den Tod fand), was auch darauf zurückzuführen war, daß überall in Preußen noch Kämpfe ausgefochten wurden. Obwohl die Hauptstadt längst in französischer Hand war, wurde zum Beispiel die Festung Magdeburg (die viel weiter westlich lag) noch belagert, und mit manchen großen Städten im Nordosten wie Danzig oder Königsberg verhielt es sich ähnlich.

Müller wollte sich zuerst darum kümmern, daß ihm die Reisepässe ausgestellt werden, die zur Rückkehr des Prinzenpaares Carl Friedrich und Maria Pawlowna nach Weimar erforderlich waren. Er rechnete offenbar jeden Tag damit, daß bekannt werde, wo sie sich aufhalten. Wir brachten in Erfahrung, wo wir den dafür zuständigen Offizier des Generalstabs finden.

Die Gänge im Schloss waren überfüllt von allen möglichen Militärs und Diplomaten, von großen und kleinen Fürsten, die um ihren Besitz besorgt waren, von Angehörigen gefangener Offiziere, die sich nach deren Verbleib erkundigten, von hinterbliebenen Witwen, die Antrag auf Unterstützung stellten, von Junkern, die Entschädigung für die Plünderung ihrer Höfe forderten, von Bittstellern aller Art, von Advokaten, von Korrespondenten (wie ich einer war) oder auch nur von Leuten, die sich irgendeinen Vorteil dadurch erhofften, daß sie in die Nähe des Kaisers kamen. (Ich bemerkte auch etliche sehr schöne und sehr elegant gekleidete Damen, die offenbar keine andere Absicht verfolgten, als gesehen zu werden. Sie winkten manchmal aufgeregt jemandem zu, aber ich konnte niemand entdecken, der zurückwinkte.) Eine Schar von Adjutanten und Unteroffizieren versuchte, dem Gedränge Herr zu werden, und natürlich wurde aufgepasst, daß unter den Besuchern keiner war, der Unruhe stiften oder sonstwelchen Ärger machen wollte.

Müller drängte sich mit bemerkenswertem Geschick durch die Menge, und ich hatte Mühe, an ihm dranzubleiben. Wir fanden den besagten Hauptmann, aber er meinte, er bräuchte dafür eine Weisung seines Vorgesetzten, des Oberst Villemain, und er bezeichnete uns das entsprechende Zimmer.

Auf dem Weg dahin traf Müller einen Herrn, der ihn freudig begrüßte, es war ein gewisser Prinz von Neufchatel (Müller hatte im Laufe seines Dienstes jede Menge prominente Leute kennengelernt). Sie unterhielten sich, aber ich konnte wegen dem Lärm auf dem Gang kaum ein Wort verstehen (ich hatte mein Notizbuch und den Bleistift schon in Anschlag genommen). Danach rief mir Müller ein paar Fakten zu: die Friedensverhandlungen wären weit fortgeschritten, ein Waffenstillstand in Kürze zu erwarten, wegen der Kontributionen den Major Reuchlin ansprechen!

Vor dem Zimmer des Oberst Villemain stand ein bewaffneter Posten in Kürassier Uniform, der sagte, es dürfe immer nur eine Person eintreten. Müller gab mir ein Zeichen zu warten, und während er drin war, kam ich plötzlich auf einen Gedanken. Ich fragte den Kürassier, ob er die Einheit des Oberst Branquart kenne. Er sagte ja, ich fragte, ob er wüsste, wo sie sich befindet. Er sagte, sie wären vor drei Tagen abgerückt "in Richtung polnische Grenze", warum ich das wissen wollte? Ich sagte, ich hätte dort einen Bekannten. "Wie heißt er?", fragte er mich, ich sagte "Pascal". "Und weiter?" "Monavel." Er überlegte, dann sagte er "Ich kenne nur einen Pascal Armand." "Hm."

Müller kam wieder heraus und drückte mir ein Dokument in die Hand, er sagte "Das erledigen Sie nachher, Tandlop. Wir müssen jetzt erst eine Etage nach unten, zu dem Monsieur de Rhoneweger, schauen Sie mal in der Liste nach, bei 'Vesuv'." Ich tat es und sagte "Da steht: Beitritt gegen Scheidung, keine weiteren Forderungen. Was heißt das?", fragte ich ihn, und er erklärte "Herzog de Rhoneweger ist ein hoher Beamter im französischen Außenministerium, ich bin ihm schon begegnet, er schwärmte davon, wie er früher einmal den Vesuv bestiegen hat; damit kann ich ihn mir leichter merken. Beitritt gegen Scheidung bedeutet, daß wir dem Rheinbund beitreten, wozu wir sowieso gezwungen werden, und daß uns die Aufkündigung mit Preußen angerechnet wird, wir werden darüberhinaus keine weiteren Forderungen akzeptieren. Mal sehen, ob wir damit durchkommen", fügte er mit listiger Miene hinzu. Man konnte erkennen, daß Müller hier in seinem Element war.

So ging das den ganzen Tag, Treppe rauf, Treppe runter, Gang vor, Gang zurück, immer durch die Massen hindurch, von einem Zimmer zum nächsten. Einmal verlor ich ihn aus den Augen und fand ihn ganz woanders wieder. Ich entschuldigte mich, er sagte "Keine Ursache." Manchmal durfte ich mit hinein. Müller gab mir jedesmal Stichpunkte, die ich fleißig notierte, aber ich hatte zwischendurch deutliche Schwächeanfälle. Am Nachmittag sagte er "Jetzt machen wir eine Pause."

Er wusste (woher auch immer), daß in einem Raum ein Büfett angerichtet war, wo sich die höheren Angestellten der französischen Verwaltung stärken konnten. Er sagte etwas zu dem Wachtposten an der Tür, und der ließ uns ein. Müller sagte zu mir "Tun Sie so, als gehörten Sie hierher." Er nahm sich flugs einen Teller und bediente sich. Ich tat es ihm gleich. Es war alles sehr lecker.

Andere kamen und gingen, aber es waren nie mehr als ein Dutzend Leute in dem Saal, es herrschte eine wohltuende Ruhe. Selbst hier traf Müller einen Bekannten, und sie unterhielten sich leise. Ich stellte mich an die breite Fensterfront und schaute hinaus in den Park hinter dem Schloss, der einen völligen Gegensatz bildete zu dem chaotischen Treiben im Haus. Ich überlegte, wieso der Kürassier vorhin nur einen Pascal mit anderem Nachnamen kannte; sollte Etienne mich doch angelogen und seinen wahren Namen verschwiegen haben? (Ich hatte keine Gelegenheit gehabt, Etienne Bescheid zu sagen, so rasch war ich mit Müller aufgebrochen. Etienne war in Merschkows Villa, und ich hatte Merschkow gebeten, dies zu tun. Merschkow schien keinerlei Vorbehalte gegen seine Anwesenheit zu haben, nicht einmal hinsichtlich Delaja.)

Nach unserer Pause setzten wir die Arbeit fort, und es war gegen zehn Uhr abends, als wir in unserem Quartier im "Hotel Prag" ankamen. Müller dankte mir und lobte meine Ausdauer, darüber freute ich mich, aber ich war hundemüde. Ich schlief bis zum Morgen durch und fühlte mich munter. Ich korrigierte ein paar Notizen vom Vortag und ordnete die Resümees von Müllers Unterredungen. Er hatte mir gestern noch kurz den Ablauf für den heutigen Tag mitgeteilt, und ich wunderte mich, woher er die Gewissheit nahm, daß sich alles auch so ergeben würde.

Im Schloss herrschte der gleiche Hochbetrieb, als hätten wir es eben verlassen. Wir begaben uns zunächst zu dem Offizier des Generalstabs, der (hoffentlich) die Reisepässe für das Erbprinzen Paar ausgestellt hatte. Indem wir noch mit ihm sprachen, öffnete sich die Tür und ein Hauptmann trat ein, der einen Befehl des Prinzen von Benevent überbrachte, wonach sich der Kanzler Müller sofort bei ihm einzufinden habe. (Benevent war Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Berlin, er hatte offenkundig von unserer Anwesenheit und den Reisepässen erfahren.)

Müller sprach mit ihm, ich durfte dabeisein. Benevent wiederholte mit scharfen Worten die üble Meinung, die Napoleon vom Weimarer Herzog hatte (überhaupt schien er mit dem Auftrag des Kaisers betraut zu sein). Er tadelte insbesondere sein "schäbiges Paktieren" mit dem preußischen König. Müller (nachdem er ihn ausreden ließ und eine winzige Pause zum Atemholen machte) wandte ein, daß der Herzog seit über zwanzig vertraglich den Preußen verpflichtet sei und daß es dem Herzog und seinem Scharfschützen Regiment schlechterdings unmöglich gewesen wäre, aus dem Krieg auszubrechen, ohne damit Fahnenflucht zu begehen.

"Glauben Sie mir, Euer Exzellenz", sagte Müller, "der Herzog würde nichts lieber tun, als die Waffen einzustecken und nach Hause zu seiner Familie und zu seinen Landsleuten zurückzukehren. Sie wissen selbst, daß unser kleines Herzogtum den Krieg nicht angezettelt, ja nicht einmal angeheizt hat. Aber der Herzog muss nun einmal den Befehl des Königs respektieren, und er kann und darf ihn erst verlassen, wenn der König es ihm erlaubt."

Benevent beruhigte sich etwas, er fragte nach der momentanen Lage in Weimar, erkundigte sich nach dem Befinden der Herzogin, der er "den ausdrücklichen Gruß des Kaisers" ausrichten ließ. (Ich notierte mir das mit großer Geste, obwohl mich keiner beachtete.) "Da Sie eben von der herzoglichen Familie sprachen", sagte Benevent, "Sie wissen also, wo sich das Erbprinzen Paar derzeit befindet?" "Nein, Euer Exzellenz." "Aber Sie sind doch hier, um die Reisepässe ausstellen zu lassen?", sagte Benevent mit etwas gespielter Verwunderung.

"Das ist richtig", erwiderte Müller, "wir veranlassen dies, damit, wenn Ihre Hoheiten nach Weimar zurückkehren dürfen, sie nicht durch umständliche Formalitäten länger aufgehalten werden." "Und Sie wollen behaupten, Sie hätten wirklich keine Ahnung, wo sie sind?", fragte Benevent mit Nachdruck.

Müller war sich wohl bewusst, daß er jedes Wort auf die Goldwaage legen musste. Er sagte "Ich habe keine Nachricht darüber erhalten. Wenn mich Euer Exzellenz jedoch nach meiner persönlichen Meinung fragen, so würde ich vermuten, daß sie in Dänemark sind, möglicherweise in Schleswig oder in Eutin."

Der Prinz von Benevent nickte bedächtig und überlegte. Dann meinte er "Wissen Sie, daß England Vorbereitungen trifft, das Königreich Dänemark zu überfallen." "Nein", antwortete Müller. "Dann sage ich es Ihnen jetzt. Unsere Kundschafter haben es zweifelsfrei in Erfahrung gebracht." "Das würde die Situation unserer Hoheiten dramatisch verschlimmern", sagte Müller, und in seiner Stimme lag eine gewisse Bangigkeit, die ich bei ihm bisher noch nicht vernommen hatte.

Benevent gab sich daraufhin großmütig. "Seine Majestät, der Kaiser von Frankreich, hegt eine nicht geringe Sympathie für die geborene Großfürstin Maria Pawlowna." Müller sagte "Das ist mir bekannt, und ich weiß auch, daß diese edle Gesinnung des Kaisers in Weimar sehr geschätzt wird. Übrigens ebenso wie seine - darf ich sagen: Bewunderung - für ihre Schwester, die Großfürstin Katharina." Benevents Miene bekam einen wohlwollenden Zug.

"Nun denn", sagte er, als wäre er mit dem Ausgang dieser Unterhaltung sehr zufrieden, "Sie bekommen Ihre Pässe, ich gebe unverzüglich die Order dazu." Müller verbeugte sich (ich ebenfalls), er sagte "Ich bin Euch zu ewigem Dank verpflichtet, Euer Exzellenz." "Es würde mich freuen", sagte Benevent, als wäre ihm das eben noch eingefallen, "wenn Sie der herzoglichen Familie in Weimar gelegentlich die tiefe Verbundenheit des Kaisers gegenüber der Großfürstin Katharina in Erinnerung bringen könnten." "Das werde ich mit den wärmsten Empfehlungen tun", versprach Müller, und ich bemerkte, wie seine Beine anfingen zu zittern.

Als wir draußen waren, suchte er einen freien Raum, wo wir uns für ein paar Minuten erholen konnten. "Haben Sie das gesehen?", fragte er mich beinahe atemlos und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Ich sagte, ich hätte den Eindruck, Napoleon habe ihn vorgeschickt. "Allerdings", meinte Müller, "und offenbar mit nichts weniger als einer Brautwerbung!" Er konnte sich ein Lachen nicht verkneifen (übrigens das einzige, das ich an ihm miterlebt habe).

Ich fragte "Sie glauben, Napoleon würde sich für die Großfürstin Katharina interessieren?" "Das war doch unmissverständlich. Er versucht, sich ihr über unsere teure Maria Pawlowna anzunähern, was nebenbei bemerkt, ein genialer Schachzug ist. Großer Gott, was für Aussichten sind das! Haben Sie alles mitgeschrieben, Tandlop?" "Ja", sagte ich. "Sehr gut." Er überlegte. "Wir erledigen noch ein paar Kleinigkeiten, holen die Pässe ab, und dann gebe ich Ihnen für den Rest des Tages frei." Ich bedankte mich und freute mich für ihn, daß seine Mission so erfolgreich war.

Als mich Müller von meinen Pflichten entbunden hatte, ließ ich alle Anspannung von mir abfallen und bewegte mich bewusst langsam durch die Gänge des Schlosses, stellte mich an die Seite, um die anderen vorbeizulassen, die es jetzt eiliger hatten als ich. Wie ich so auf die Menge schaute, sprach mich jemand an, den ich, weil er in Uniform war, erst auf den zweiten Blick erkannte: es war der Leutnant von Pfuel, der treue Freund des Herrn von Kleist, der bei unserem Ausflug an der Elbe mit dabei gewesen war. Wir begrüßten uns herzlich und tauschten mit wenigen Worten die Gründe aus, weshalb wir hier waren. Er fragte mich, ob ich einen Moment Zeit hätte, ich bejahte es, und er sagte "Lassen Sie uns dort hinüber gehen, da ist ein kleines Separee, wo wir uns besser unterhalten können."

Wie sich herausstellte, war Pfuel auch an den Kämpfen an der Saale beteiligt gewesen, und zwar auf sächsischer Seite. Er erzählte mir ein paar Anekdoten, mit denen er seinen Fundus an Kriegserlebnissen bereichert hatte. Ich gab ihm meinerseits einen Bericht über die Begegnung mit der preußischen Königin, worüber er sehr staunte. Er war gut informiert, was die gegenwärtige Lage Preußens anbetraf, und mir schien, daß sich seine Kenntnisse nicht bloß auf Gerüchte gründeten. Er sagte, der König würde sich vehement weigern, einer "General Kapitulation" zuzustimmen, weswegen Napoleon gezwungen sei, bis nach Königsberg und Memel vorzustoßen. Derweil würde hier in Berlin die preußische Regierung die Staatsgeschäfte führen, jedoch gebe es da "zu viele divergierende Kräfte", wie er sich ausdrückte, die einen "straffen und vorausschauenden Kurs" verhinderten.

Ich erkundigte mich nach dem Befinden des Herrn von Kleist, und Pfuel machte eine traurige Miene. Sein Unternehmen mit dem Kunstjournal "Phöbus" sei kläglich gescheitert. Kleist musste die letzten Ausgaben noch vor der Auslieferung an einen Dresdner Verleger verkaufen, um sie überhaupt loszuwerden. Das Ganze war natürlich ein Verlustgeschäft.

"Was macht er jetzt?", wollte ich wissen und verspürte sofort das Bedürfnis, dem von Delaja und mir so geschätzten Dichter in seiner bedauernswerten Lage zu helfen. Pfuel sagte "Er schlägt sich so durch. Dank seiner Schwester Ulrike bekommt er immer noch soviel Geld, daß er sich das Nötigste beschaffen kann, aber mehr auch nicht. So weit ich weiß, hat er wieder etwas geschrieben." "Er wohnt noch in Dresden?" "Ja. Wollen Sie ihn etwa besuchen, Karl?" "Glauben Sie, er würde mich sehen wollen?" "Ja selbstverständlich, er würde sich darüber freuen, er sprach öfter von Ihnen und dem Fräulein von Stieglitz." "Ich werde es mir überlegen." "Dann zögern Sie nicht zu lange, ich vermute, er hat schon wieder die Absicht fortzugehen." "Wohin denn?" "Ach, Karl, unser bester Kleist hat immer irgendein Ziel, wo es ihn hintreibt, das ist so bei Menschen, die kein Zuhause haben außer in ihrer eigenen Seele, sie tragen es ein Leben lang mit sich herum wie die Schnecke." Pfuel lachte, um das Mitleid zu verscheuchen.

"Sie sind doch auch so ein Kunstfreund", sagte er dann, "haben Sie sich schon die Gemälde hier im Schloss angesehen?" Ich hörte davon zum ersten Mal. "Nein, wo befinden sie sich?" "Das meiste hat man leider ins Depot verlagert, aber letztens hingen noch einige sehenswerte Sachen im Seitenflügel, der zur Zeit nicht genutzt wird." "Wie kommt man da hin?" Pfuel beschrieb es mir, ich fragte "Ist das gar nicht abgesperrt?" "Die Räume sind verschlossen, aber die meisten Bilder hängen in den Galerien, dafür interessiert sich jetzt kein Mensch, man hat andere Sorgen, und das ganze Personal ist hier vorn im Einsatz."

Nachdem ich mich von dem Leutnant Pfuel verabschiedet hatte (er umarmte mich und wünschte mir viel Glück), suchte ich die Galerie im Seitenflügel, die ich nach einigen Umwegen auch fand. Tatsächlich war hier alles still, als wären die Bewohner mit Sack und Pack auf Sommerreise. Was für ein glücklicher Zufall war es, der mich mit dem Leutnant Pfuel zusammenführte, damit ich jetzt unter den wundervollen Gemälden, die hier an der Wand gegenüber der Fensterfront hingen, jenes einzigartige Bild von Antoine Watteau fand, das den Titel "Überfahrt nach Kythera" hatte und das ich, natürlich in sehr viel kleineren Ausmaßen, als Kupferstich kannte. Es hatte mich vom ersten Anblick an in Gedanken nicht mehr losgelassen.

Kythera - die Insel vor der Küste von Lakonien, der südlichen Spitze des antiken Griechenlands. Sie war von jeher ein Heiligtum der Aphrodite, und der Göttin der Liebe ist offensichtlich auch Watteaus Gemälde gewidmet. Man sieht rechts einen Waldrand, ein paar mächtige belaubte Bäume ragen bis in die Mitte. Ganz rechts steht, hell vor dem Dunkel des Waldes, eine steinere Skulptur Aphrodites, zu ihren Füßen Amor, der seine Hand nach ihr ausstreckt; die beiden wirken sehr lebendig.

Angefangen am Sockel des Denkmals zieht sich in einer Auf- und Abwelle ein Zug von Männern und Frauen bis zum linken Rand, durchaus vornehm, aber nicht protzig gekleidet, wie Besucher im Park von Versailles. Links ragt der Mast des Schiffes empor, das die Gesellschaft nach Kythera bringen soll. Einige sind schon eingestiegen, und die Konturen des Nachen verschwimmen im Hintergrund, wo unscharf über dem Meeresspiegel in der Ferne eine Küste zu erkennen ist.

Über die ganze Szene verteilt, insbesondere aber in einem furiosen Reigen über dem Schiff tummeln sich neckische, nackige Engelchen, putzige Knäblein mit prallen Hintern und Flügelchen, die sich selber haschen oder die Menschen an den Kleidern zupfen.

Wenn man eine Weile hinschaut, stellt man fest, daß es lauter Paare von Mann und Frau sind, die nach Kythera wollen. Auf der rechten Seite zählt man fünf Paare, die sich deutlich voneinander abheben, zum Schiff hin hat sich ein halbes Dutzend weitere eingefunden.

Ich habe lange die Haltung und die Gesten dieser Personen studiert und war zu dem (vorläufigen) Schluss gekommen, daß alle Männer sich gebärden, als würden sie die Frauen mehr oder weniger nachdrücklich zu dieser Schiffspartie überreden wollen (oder müssen). Die Frauen dagegen zögern, eine muss gar vom Boden hochgehoben werden, eine andere blickt fast sehnsüchtig zurück, überhaupt schaut niemand nach der Insel hin, nicht einmal zum Schiff.

Wahrscheinlich war ich nicht der erste, dem das aufgefallen war, denn es gab die Auffassung zu diesem Bild, die besagte, daß nicht die Fahrt hin zur Insel, sondern vielmehr die Abfahrt von Kythera dargestellt wäre. Dann wäre das Hinhalten der Frauen zu verstehen, denen die Rückkehr schwerfällt. Und die Männer würden sie eher trösten und sie vielleicht ihrer fortdauernden Liebe auch an anderem Ort versichern. Das Ganze wäre wie der Ausgang eines Sommernachts Traums, und diese Deutung gefiel mir sogar besser.

Doch jetzt, als ich vor dem Original stand und es in seiner ganzen Symbolkraft und Bedeutung zu erfassen glaubte, da kam ich auf den Gedanken, daß Watteau noch etwas anderes im Sinn hatte. Mir fiel Schillers Abhandlung über die Gesetze und Bräuche der Spartaner ein. Kythera liegt unmittelbar vor der Küste Lakoniens, Sparta ist die Hauptstadt des Landes, dazwischen kann man sich keinen größeren Gegensatz im Geiste denken.

Was hatten sich die Spartaner nicht alles ausgedacht, um ihr eigenes Leben und Streben einer allmächtigen, allgegenwärtigen Zucht und Ordnung zu unterwerfen. Alles, wirklich alles, wurde nach dem Reglement des Staates organisiert, selbst die Nahrungsaufnahme fand bei öffentlichen Mahlzeiten statt, jeweils fünfzehn Leute saßen an einem Tisch, alle aßen das gleiche. Die Ausbildung der Knaben hatte keinen anderen Zweck als die Vorbereitung auf den Krieg. (Die Übungen auf Guthsmuts' Turngeräten in Schnepfenthal waren dagegen das reinste Tanzvergnügen.) Die Mädchen wurden ebenfalls abgehärtet, um starke und gesunde Kinder zu gebären, die, noch bevor sie das Licht der Welt erblickten, dem Staat überantwortet wurden. Schwächliche oder kranke Neugeborene warf man in die Grube. Ich konnte aus dem Kopf wörtlich wiederholen, was Schiller geschrieben hatte: "In Sparta gab es keine eheliche Liebe, keine Mutterliebe, keine kindliche Liebe, keine Freundschaft - es gab nichts als Bürger, nichts als bürgerliche Tugend. Lange Zeit hat man jene spartanische Mutter bewundert, die ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn aus dem Haus jagte und zum Tempel eilte, um den Göttern für seinen Bruder zu danken, der fürs Vaterland gefallen war."

Ich erkannte, daß die Versammlung von Kythera, die Watteau gemalt hatte, das genaue Gegenbild zu jener makabren und unmenschlichen Gesellschaft auf dem Festland war: voller Sehnsucht nach dem freien Leben, voller Ausgelassenheit, voller Liebe und Leidenschaft, voll von Lust und Zerstreuung, von Sinnenfreude und Trunkenheit.

Entzogen den strengen und strafenden Blicken des Staats, geflüchtet auf die entlegene und unberührte Insel, verherrlichen diese Männer und Frauen ein Zusammenleben, wie es der Natur entspringt, wie es jedem noch so mächtigen Staat, ja, jeder wohlfeilen Theorie des menschlichen Verhaltens trotzt, wie es die Fesseln jeder Willkür und jedes Zwangs, zumindest in der Kunst, zerreißt und sich im Gefühl der Glückseligkeit entfaltet.

Aus Berlin zurückgekehrt, brachte ich Müllers Dokumente in die gewünschte Form und übergab ihm die Mappe. Er entlohnte mich für meine Mitarbeit, und ich konnte sehr zufrieden damit sein. Meine bessere Kleidung musste ich allerdings wieder abgeben und gegen die alte tauschen. Ich beschloss, nicht erst nach Gotha zu fahren, sondern gleich nach Dresden, um Herrn von Kleist aufzusuchen und ihn eventuell mit dem gerade verdienten Geld auszuhelfen.

In der Redaktion in der Rampischen Gasse war lediglich ein älterer Mann da, der in Abwesenheit der "Herrschaften" das Haus hütete. Er war, nachdem ich mich vorgestellt hatte, sehr freundlich und offenbar erfreut darüber, daß überhaupt noch jemand hierher kam, der ihn nicht mit irgendwelchen Forderungen von Gläubigern überhäufte, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Anscheinend waren sowohl Kleist als auch Adam Müller gerade deshalb für eine Weile verschwunden.

Er wollte mir allerdings nicht sagen, wo sich Kleist aufhält, er zuckte nur mit den Schultern und meinte "Tut mir leid, mein Herr, es handelt sich hierbei um ein 'Betriebsgeheimnis', das preiszugeben mir meine unbedingte Loyalität verbietet." Er nutzte die Gelegenheit gleich aus, um sich wichtig zu machen.

Ich sah auf dem Tisch ein schmales Buch liegen mit dem Titel "Amphitryon. Lustspiel von Heinrich von Kleist" Ich fragte den Alten, ob man es kaufen könnte, und er wurde gleich nochmal so groß angesichts der Tatsache, daß er für neue Einnahmen in die klamme Kasse sorgte, auch wenn sie wahrscheinlich gleich in die Konkursmasse fielen.

Ich sagte "Wissen Sie was, guter Mann, es wäre doch schön, wenn Herr von Kleist erfährt, mit welchem Engagement Sie hier in seiner Abwesenheit die Geschäfte führen, das würde ihn bestimmt ungemein beruhigen. Ich könnte es ihm übermitteln." Er sah mich bedeutungsvoll an, ich konnte erkennen, wie er innerlich mit sich rang, dann sagte er "Ich würde Herrn von Kleist gern selbst davon unterrichten, aber leider ist es mir schier unmöglich, meinen Posten hier zu verlassen und nach Falkenheide zu reisen, wohin sich Herr von Kleist zwecks einer Familienfeier begeben hat." "Ach so", sagte ich, "wie schade. Dieses Falkenheide ist wohl weit weg von hier?" "Es liegt an dem Ort, wo die Neiße in die Oder mündet, ein lauschiges Plätzchen gerade um diese Jahreszeit."

Obwohl ich nun Bescheid wusste, schlug ich vor, er möge doch eine Mitteilung an Kleist schicken, dergestalt, daß ich ihn besuchen wollte, aber nicht angetroffen habe, ungeachtet dessen von dem rührigen Herrn ??? empfangen worden und auf das Zuvorkommenste behandelt worden sei, daß ich auf sein neuestes Werk aufmerksam geworden und ..." Er unterbrach mich und entgegnete "Das ist viel zu viel, mein Herr! Um das alles aufs Papier zu bringen, bräuchte ich einen Monat." "Nun denn, so bleibt uns keine andere Wahl, als daß ich es ihm persönlich sage."

Ja, meinte er, das wäre wohl das beste, und ich solle nicht vergessen, Herrn von Kleist zu versichern, daß hier in der Redaktion alles in Ordnung wäre und er auch schon Vorkehrungen getroffen habe zu verhindern, daß die Einrichtung gepfändet und weggeschafft werde. Dabei zeigte er mir einen Besen, an den er oben ein Küchenmesser befestigt hatte. Ich sagte, ich werde das alles ausrichten, steckte den "Amphitryon" ein und verabschiedete mich.

Auf der Dresdner zentralen Poststation brachte ich in Erfahrung, wie man in dieses Falkenheide gelangen kann. Leider hatte ich in der Eile ganz vergessen, mir einen Reisepass zu besorgen. (Zwar hatte ich die vorigen meistens gar nicht gebraucht, wusste aber, daß empfindliche Geldbußen drohten, wenn man kontrolliert und ohne gültigen Ausweis erwischt wird.) Ich fand heraus, daß man von Moritzburg, vor den Toren der Stadt, auf einer Nebenstrecke bis an die Oder kam, und so nahm ich diesen Weg in der Hoffnung, unbehelligt zu bleiben und dennoch schnell und günstig nach Falkenheide zu kommen.

Auf der Fahrt lernte ich einen englischen Geschäftsreisenden kennen, der sich als Mister Hardy vorstellte und angeblich aus Edinburgh stammte. Anfangs waren wir gegenseitig sehr zurückhaltend, ich würde sagen, wir vermuteten beide im andern einen Spion. Ich las in meinem "Amphitryon". Er fragte, ob er erfahren dürfe, wovon dieses Buch handelt. Ich sagte, es sei ein Stoff aus der Antike, im Grunde eine Verwechslungsgeschichte, in der Zeus in Gestalt des Feldherrn Amphitryon sich dessen Gemahlin Alkmene nähert, um sie zu verführen.

"Ah, eins von diesen delikaten Liebesabenteuern des Obergottes", sagte Hardy. Das Schweigen war gebrochen. Er fragte mich, wohin ich will, und ich sagte es ihm. Er wiederum wollte nach Danzig an der Ostseeküste, ich sagte, das soll eine sehr schöne Stadt sein.

"Wundern Sie sich gar nicht, daß ich diese Bummelkutsche nehme?", fragte er. Ich erwiderte, er werde dafür sicher seine Gründe haben, ich würde sie ja auch nehmen. Mister Hardy lachte, und es war, als wenn wir uns verstünden. Daraufhin wurde er gesprächiger.

Er klagte sein Leid über die neuerlichen Gesetze, die Napoleon für die eroberten Gebiete erlassen hatte und die unter dem Namen "Kontinentalsperre" Furore machten. Es handelte sich um nichts weniger als die Schließung aller europäischen Häfen für englische Schiffe und das vollständige Verbot des Handels mit englischen Waren, das Napoleon für den ganzen Kontinent verfügt hatte. Alle Postsendungen von und nach England wurden beschlagnahmt. Und was das schlimmste war: jeder Engländer, gleich welches Standes, der auf "besetztem Gebiet" angetroffen wurde, galt als Feind und wurde gefangengenommen.

Mister Hardy sagte "Ich hoffe, Sie sind kein Kopfgeldjäger, der es auf reisende Engländer abgesehen hat." Ich sagte, meine Eltern hätten mir von diesem Beruf dringend abgeraten, weil ich mich zu leicht hinters Licht führen lasse, und Hardy lachte wieder. Ich fragte ihn, ob er in Danzig nicht auch befürchten müsse, verhaftet zu werden.

"Danzig ist immer noch freie Reichsstadt", erklärte er, "Napoleons Gesetze gelten dort nicht." "Womit handeln Sie?" "Hauptsächlich mit Tee aus den englischen Kolonien, zum Teil auch aus China." Ich sagte ihm, daß ich mit meiner Freundin Delaja Andrejewna oft Tee mit Jasmin Aroma getrunken habe, worauf mich Mister Hardy mit einem Vortrag über diverse Teesorten belehrte. Er hielt den Jasmin Tee jedenfalls für eine gute Wahl.

"Delaja Andrejewna, sagten Sie? Ist die Dame eine Russin?" "Sie hat russische Wurzeln und sie ist noch ein junges Fräulein." "Russische Wurzeln, das ist gut gesagt", meinte Hardy, "der Russe trägt seine Heimat immer im Herzen." "Tun wir das nicht alle mehr oder weniger?" "Möglicherweise", sagte Hardy, "aber für manche ist es eine Last oder auch ein Stachel, der sie zu ungewollten Handlungen treibt. Für einen Russen dagegen ist die Verbundenheit mit seiner Heimat wie ein Heilpflaster, das man ihm bei der Geburt auf die Seele gelegt hat und dessen Wirkung ein Leben lang anhält."

Ich sagte, man könnte meinen, daß er sich mit dem Gedanken trage, selber nach Russland zu gehen, um dort seine Geschäfte zu betreiben. "So ist es auch", bestätigte er meine Vermutung, "falls Napoleon auch die letzten Handelsplätze erobert und unter die Kontinentalsperre zwingt, wird mir gar nichts anderes übrig bleiben, als nach Petersburg zu gehen. Vielleicht war das ja schon immer mein Ziel", fügte er hinzu. "Ich weiß nicht genau", fuhr er fort, "warum ich so einen Narren an der russischen Mentalität gefressen habe." Ich sagte "Meine Freundin Delaja Andrejewna und ihr Großvater haben es mir überaus leichtgemacht, mich in diese Mentalität einzufühlen." (zu verlieben, hätte ich beinahe gesagt)

"Wir Engländer", sagte Mister Hardy und gab mir einen Überblick über die europäischen Charaktere, "sind gefühlskalt wie ein Fisch, aber wir sind der geborene homo oeconomicus. Der Franzose ist dumm, aber keiner kann wie er das Leben genießen. Der Österreicher ist melancholisch bis zum Stumpfsinn. Der Deutsche konnte sich nur wegen einer einzigen Eigenschaft so lange behaupten: seiner Unerbittlichkeit in allem, was er tut. Der Italiener hat es den Frauen zu verdanken, daß es ihn überhaupt gibt. Der Grieche ist als Krümel von der Tafel der Götter gefallen - und das will schon etwas heißen! Der Spanier ist nur ein Symbol des Katholizismus, aber seine Sünden sind leibhaftig. Der Muselmane verbringt seine Zeit damit, in den Schriften nach Antworten auf Fragen zu suchen, die niemand gestellt hat. Der Jude verbringt seine Zeit damit, in den Schriften nach Fragen zu suchen, auf die niemand eine Antwort geben kann. Der Christ sucht in den Schriften unablässig nach etwas, das man verbieten kann. Aber der Russe", sagte Mister Hardy und hob die rechte Hand, als würde er einer verklungenen Melodie nachwinken, "der Russe schaut auf den Kalender, um zu sehen, welchem Heiligen er heute ein Licht entzünden muss, das ihn durch die Finsternis der Ewigkeit geleitet."

Er holte aus seiner Reisetasche eine Flasche schottischen Whisky hervor, von dem er mir welchen anbot, ich lehnte dankend ab. Er sagte "Nun, vielleicht treffen wir uns noch einmal wieder, dann können wir das nachholen." "Ja", erwiderte ich, "es wäre mir eine Freude, und vielleicht können wir dann auf das Ende der Kontinentalsperre anstoßen." "Oh, das wäre natürlich ein grandioser Anlass."

Falkenheide war ein kleiner Ort, eher ein größeres Dorf in einer flachen Landschaft, umgeben von Obstbaum Plantagen (hauptsächlich Äpfeln, darunter die einheimische Sorte "Imperial") und einigen ausgedehnten Auenwäldchen, die aber zum Teil von Sümpfen durchzogen waren. So jedenfalls erklärte es mir der Mann an der Poststation, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, fremden Besuchern den natürlichen Reiz dieses Fleckens Erde nahezubringen. Er wusste auch über die Familienfeierlichkeit derer von Kleist Bescheid, bei der es sich um den neunzigsten Geburtstag eines ihrer "bedeutenden Abkömmlinge" handelte, einen - wie konnte es anders sein - Offizier der preußischen Armee, der sich in den Schlesischen Kriegen Friedrichs des Großen seine Lorbeeren erkämpft hatte.

Ich kam in dem "Gasthaus zum Löwen" an, als das Mittagsmahl beendet und die Gäste eben dabei waren, die letzten Portionen ihrer Desserts zu verzehren. Es war eine ziemlich große Tafel in einem angrenzenden Saal, dessen eine Seitenfront auf der ganzen Breite zum Garten hin geöffnet werden konnte, und wo die hereinströmenden Lüfte sich mit den Düften der Speisen angenehm vermischt hatten.

Eine bunte Gesellschaft hatte sich eingefunden, viele Uniformierte darunter, Herren vom Typ des Staatsbeamten, die jüngeren Männer sehr korrekt und aufmerksam, und natürlich jede Menge Frauen und Fräulein, hübsch aufgeputzt und durchweg mit einem aparten Lächeln auf dem Antlitz. Dazwischen Kinder jedes Alters, die von einer Erzieherin und ihrer Gehilfin betreut und auch in angemessener Lautstärke gehalten wurden; nachher gingen sie alle nach draußen zum Spielen.

Ich blieb zunächst vorn im Gastraum und verfolgte die Feier wie einige andere Neugierige auch, ich versuchte, Herrn von Kleist zu erspähen, hatte aber kein Glück und befürchtete schon, mein Weg wäre umsonst gewesen. Drinnen besprach man gerade in nahezu lähmender Ausführlichkeit die Verletzung des Jubilars, welche er sich im vorigen Jahr zugezogen hatte - er war in seinem Garten über eine "unsinnigerweise" herumliegende Bürste gestolpert, dabei eingeknickt, und hatte einen Muskelriss am linken Oberschenkel erlitten, welcher von dem namhaften Chirurgen Professor Gehrens, der auch hier war, operativ behandelt werden musste. Dank der Heilkunst des Doktors war das Bein des alten Recken fast wieder voll beweglich. Doch der Doktor übte sich in Bescheidenheit und meinte, es wäre vor allem der "Zähigkeit und Unverwüstlichkeit" des ehrenhaften Herrn von Kleist selbst zu verdanken, daß er wieder in alter, gewohnter Weise gehen und stehen könne.

Der Hergang des Unfalls wurde quasi im Sekundentakt nachvollzogen, und ich muss gestehen, niemals sonst eine so heroische Schilderung über eine gerissene Muskelfaser am Bein eines alten Mannes gehört zu haben, wie dort im "Gasthaus zum Löwen", und während ich die Leute beobachtete und ihre gewiss ehrliche, aber doch sehr beschränkte Art von Empathie zu erfassen glaubte, da bekam ich eine Ahnung, wie schwer es der gute Heinrich von Kleist haben musste, mit seiner bisweilen befremdlichen Darstellung auch nur gelegentlich die Aufmerksamkeit, geschweige denn die Achtung seiner Bluts- und Wahlverwandten zu gewinnen.

Ich fragte einen der jungen Männer, der sich für einen Moment aus der Gästerunde entfernt hatte, ob denn auch der Dichter Heinrich von Kleist anwesend sei, worauf er kurz überlegte und dann sagte "Ach, Sie meinen den Bruder von Ulrike?" "Ja." Er schaute zu den anderen. "Beim Mittag waren sie noch ... jetzt kann ich sie nirgends sehen, vielleicht haben sie sich nach draußen begeben." "Ja, gut, danke. Ich werde mal nachschauen", sagte ich und ging über den Hof des Gasthauses und durch den Garten, der sich zu einer Wiese hin erweiterte.

Im wonnigen Schatten eines Apfelbaums sah ich die beiden im Gras sitzen, tatsächlich wie die Geschwister aus dem Märchen. Als sie mich kommen sahen, winkte ich ihnen zu, aber sie fühlten sich nicht angesprochen. Ich trat höflich an sie heran und begrüßte sie.

Herr von Kleist hatte sich seit unserer letzten Begegnung kaum verändert, nur schmaler im Gesicht war er geworden; ich glaube, er trug denselben Anzug wie damals. Seine Schwester Ulrike sah ihm wenig ähnlich, sie war recht üppig gebaut, mit reizvollen Partien an den richtigen Stellen. Sie hatte rosige Wangen, muntere Augen und blonde Haare, die sie in zwei Zöpfen locker um den Scheitel gewunden hatte, was ihr ein unbekümmertes und erfrischendes Aussehen gab. Sie wirkte wie ein gutes und fleißiges Hausmädchen, und ich sah auf den ersten Blick, daß jedes Wort stimmen musste, das ich über ihre Fürsorge für den Bruder gehört hatte.

"Herr Tandlop! Karl! Was für eine Überraschung", rief Heinrich, als er mich erkannte, "was in aller Welt führt Sie denn hierher?" Ich sagte, daß ich in Dresden war, aber zuerst stellte ich mich dem Fräulein vor. Heinrich sagte "Oh ja, natürlich, entschuldigt! Das ist Herr Tandlop aus Gotha, meine Schwester Ulrike, mein liebster Schatz und guter Engel." "Bleiben Sie nur sitzen", sagte ich und gab ihr die Hand. Ich sah, daß sie barfuß war. Sie lächelte freundlich und fragte "Wie gefällt Ihnen Falkenheide?" Ich sagte, es sei ein netter Ort und sicher hervorragend geeignet für eine große Familienfeier. "Ja, man kann sich hier so richtig austoben", sagte Ulrike, als hätte sie heute schon dreimal ihre Schuhe dabei verloren.

"Wir ruhen uns gerade ein wenig von dem Trubel drinnen aus", fügte Heinrich hinzu, "setzen Sie sich zu uns, Karl. Sie wollten mich also in Dresden besuchen?" Ich berichtete, wie ich den Leutnant von Pfuel in Berlin getroffen hatte und er mir von - ich kam gleich in Verlegenheit, da ich die Misere mit seiner Zeitschrift nicht ansprechen wollte - also sagte ich, daß ich nach der Begegnung mit Pfuel Lust bekommen habe, auch ihn, Kleist wiederzusehen und ich ohnehin in Dresden zu tun hatte.

Heinrich sagte "Das tut mir sehr leid, daß Sie dort vor verschlossener Tür standen." Ich entgegnete, daß mir der Dienstmann Auskunft gegeben hat. "Der alte Riedel? Hält er die Stellung?" Ich sagte, soweit ich das beurteilen konnte, sei alles in Ordnung, und ich erwähnte auch den "Amphitryon", und wie ich mich freute, wieder etwas Neues von ihm zu lesen.

"Gefällt Ihnen das, was mein Bruder schreibt?", wollte Ulrike wissen. "Ja", sagte ich, "es ist ... wie soll ich sagen ..." "Gewöhnungsbedürftig?" "Nein, das meine ich nicht, im Gegenteil, mir gefällt gerade das Ungewohnte daran. Es verhilft einem dazu, sich länger damit zu beschäftigen." Heinrich sah Ulrike an und sagte "Siehst du, Schwesterchen, das sind die wenigen Glücklichen, für die ich schreibe."

Daraufhin fragte sie mich "Stimmt das? Sind Sie ein glücklicher Mensch, Herr Tandlop?" Ich war etwas verblüfft, es klang, als würde sie mich fragen, ob die Braut, die ich heiraten wollte, wirklich die richtige für mich wäre. Ich sagte "Ich verstehe Ihren Bruder so: daß er mit seiner Kunst andere Menschen ein bisschen glücklicher machen will." Sie sagte "Vielen Menschen ist das ganz gleichgültig." Heinrich fragte sie "Was? Was ist denen gleichgültig?" "Na, ob sie von solchen Theaterstücken womöglich angeregt werden, über sich und die Welt nachzudenken, und nicht bloß den einen blöden Witz in Erinnerung behalten, über den sie sich halbtot gelacht haben." "In meinen Stücken gibt es keine blöden Witze." "Das weiß ich doch, Heinrich. Ich meine damit solche Stellen, die ... die eben allen gefallen und wo man dann sagen kann: 'Oh, wie dieser Edelmann sich gegen das arme Waisenmädchen betragen hat, das war wirklich herzergreifend'."

"Was haben Sie gegen solche Szenen einzuwenden, Fräulein von Kleist? Muss man im Theater nicht auch die Erwartungen des Publikums bedienen?" Heinrich sagte "Da gebe ich Karl recht, Ulrike. Theater ist keine Erziehungsanstalt, auch wenn der werte Herr Schiller sich das gewünscht hätte. Dann würde nämlich freiwillig keiner mehr hingehen, weil er befürchtet, mit dem moralischen Rohrstock traktiert zu werden."

Ulrike sagte "Dann wundert es mich aber, daß du nicht viel mehr solche Stücke schreibst wie der Herr Lessing oder wie die Franzosen, wo die Leute in Scharen hinrennen und ihr Vergnügen haben, und mit denen die Lessings und Konsorten Beifall und Ruhm ernten und von ihrer Arbeit auch leben können." Sie hatte das keineswegs vorwurfsvoll gesagt, aber doch mit einem kritischen Unterton, und ich überlegte, ob Ulrike von dem Reinfall seiner Weimarer Aufführung erfahren hatte. Vielleicht waren sie auch, als ich hinzukam, gerade in eine derartige Debatte geraten.

"Ich habe ein solches Stück verfasst", entgegnete Heinrich mit Nachdruck, "und zwar das 'Käthchen von Heilbronn', das, wie ich dir geschrieben habe, am Theater in Wien mit einigem Erfolg aufgeführt wurde und das demnächst wohl in Berlin gegeben wird." "Ja, Heinrich, ich weiß. Ich möchte auch bloß, daß du dich weiterhin anstrengst!" Sie fasste seinen Haarschopf, zog ihn zu sich heran und gab ihm überm Ohr einen Kuß. "Man muss meinen kleinen Bruder nämlich immer erst ein bisschen reizen, damit er in Fahrt kommt", sagte sie dann zu mir.

Sie kraulte ihn noch immer am Hinterkopf, sie sagte "Woher kennt ihr Jungs euch eigentlich?" Ich sagte, von einem feuchtfröhlichen Ausflug durch die Dresdner Elbe Biergärten. "Ach, wohl mit dem Adam Müller zusammen", meinte sie, und ich merkte, daß sie nicht gut auf ihn zu sprechen war. "Rühle und Pfuel waren auch dabei", brummte Heinrich. "Na, gegen die hab' ich nichts. Aber der Müller, der Schweine Igel ..." "Ulrike!" "Ist doch wahr! Haben Sie eine Ahnung, Herr Tandlop, wie der seine besten Freunde behumpst." "Nicht doch", sagte er. "Ja doch. Oder hat er etwa nicht euern 'Phöbus' hinter deinem Rücken verhökert." "Er musste eine Entscheidung treffen, als ich grade nicht da war." "Ja, und dann hat er entschieden, daß er das Geld für sich behält und damit verduftet." "Der kommt wieder, ganz bestimmt." "Freilich, wenn er neues Geld braucht", fauchte sie, schaute weg und machte eine böse Geste. Jetzt war es der Bruder, der sie in den Arm nahm und sagte "Rikchen, komm', sei lieb, lass' dir nicht die gute Laune verderben." Sie gab ihm einen Kuss, diesmal auf den Mund und streichelte seine Wange. "Mach' ich ja nicht. Tschuldigung, Herr Tandlop, ich bin eigentlich der reinste Gemütsmensch."

Ich sagte, daran hätte ich keinen Moment gezweifelt, und als ich sie beide vorhin so im Grase sitzen sah, wären sie mir vorgekommen wie Brüderchen und Schwesterchen aus dem Märchen. Ulrike lachte. "So komm' ich mir auch manchmal vor, ständig muss ich ihn vor dem Unheil warnen: 'Trink' nicht aus dieser Quelle! Sonst wirst du verwünscht.'" Heinrich sah mich an, machte eine Kopfbewegung zu ihr hin und musste auch lachen. "Ich bin das kleine Rehlein, das immer raus in den Wald will." Ich sagte "Wenn das so weitergeht, wird es ein gutes Ende nehmen." Ulrike rief "Oh ja, das muss es."

"Wie finden Sie denn meinen 'Amphitryon'?" Ich sagte, den Anfang finde ich großartig, wie der Diener Sosias auf dem Weg in dunkler Nacht den Bericht von der Schlacht probt, den ihm sein Herr Amphitryon aufgetragen hat, seiner Gemahlin Alkmene zu überbringen. "Das finde ich auch lustig", sagte Ulrike, "wie er seine Laterne auf einen Stein stellt und als Alkmene anredet." "Und weiter?", fragte Heinrich, und wir wussten jetzt nicht, wer ihm antworten sollte. Ulrike war schneller und sagte "Es ist mir offen gestanden ein bisschen zu viel Verwechslung, und manchmal ist es mir schwergefallen, die Gedanken noch zu verfolgen." Ich sagte "Auf der Bühne könnte man das vielleicht leichter auseinanderhalten." "Es ist nicht nur das", wandte sie ein, "sondern auch der Wandel in den Personen selber. Gerade bei dem Zeus ... ich meine, als Zuschauer hätte ich Mühe, seine Worte so schnell zu begreifen." "Du meinst die fünfte Szene im zweiten Akt." "Na ja, weiß ich doch jetzt nicht so genau, jedenfalls wo sich Zeus und Alkmene unterhalten."

Ich sagte, mir sei es ähnlich gegangen, aber schließlich wäre ich darauf gekommen, daß hier eine ziemlich schwerwiegende Sache dramatisiert wird. "Nämlich?" "Nichts weniger als das, was wir den heiligen Bund der Ehe nennen." Ulrike sagte "So hoch würde ich das ja nun auch nicht gleich hängen", aber Heinrich stimmte mir zu, "Es ist nicht zu leugnen, daß dies zu Grunde liegt."

"Ach komm' Heinrich! Da drüber haben wir doch nun schon oft gestritten, deine Vorstellungen von der Ehe sind ... also du glaubst doch nicht im Ernst, daß die Frauen aus den Berliner Salons sich das zu Herzen nehmen. Und ihre Männer werden ihnen verbieten, es sich anzusehen." "Das befürchte ich allerdings auch", sagte ich, "übrigens wie bei der 'Penthesilea'. Wenn ich es jetzt recht bedenke, ist das eine Art Gegenstück hierzu, alles könnte unter der großen Überschrift 'Kampf der Geschlechter' laufen." Ulrike prustete vor Lachen, und ich bereute, es gesagt und damit Kleist womöglich beleidigt zu haben, schließlich wollte ich auf keinen Fall, daß er mich zum Duell herausfordert.

Doch merkwürdigerweise sagte er "Mein lieber Karl, ich glaube, Sie werden zu meinem besten Kritiker. Sie besitzen immerhin den Scharfsinn, zu erkennen, worum ich bei diesen Stücken in der tiefsten Seele gerungen habe." Ulrike fragte ihn "Ist das wahr? Ging es dir wirklich darum?" "Vielleicht nicht nur, aber zum großen Teil. Sieh' doch mal: Penthesilea ist nicht einfach die Anführerin der Amazonen, sie verkörpert einen bestimmten Typ von Frau, ein Prinzip weiblichen Verhaltens. Und ihr gegenüber steht ein Held, der eines der ältesten und mächtigsten Prinzipien der Männlichkeit symbolisiert, nämlich Achilleus." "Ja aber sie wollen sich doch gegenseitig zerfleischen! Ich bitte dich: wie kann man das zum Gegenstand einer Ehe machen?" "Sie wollen sich zerfleischen, nachdem sie mit ihrer Liebe gescheitert sind, das ist ihre Tragik." "Oh Gott", seufzte Ulrike und klopfte sich mit den Händen auf ihren Rock, "ich glaube, ich muss das erst nochmal lesen, bevor wir weiter drüber diskutieren."

Ich schlug vor, einen Spaziergang zu machen. Sie sagte "Eine famose Idee." Sie sprang auf und ich sah, daß sie wirklich eine schöne dralle Figur hatte, mit einer schwungvollen Taille und breiten Hüften. Gegen sie war Kleist fast eine Storchengestalt. Sie sagte "Weißt du, wo ich meine Schuhe gelassen habe?" "Nein. Vielleicht in der Laube." Sie streckte sich, hielt die Hand gegen die Sonne und blickte zur Seite hinüber. "Ja, das kann sein." Ich bemerkte, daß an ihrem Kleid hinten eine Schleife offen war und sagte es ihr. "Auch das noch", meinte sie, "können Sie das mal bitte zu machen, Karl?" "Gern." Sie gab Heinrich einen Klaps und sagte "Du liederlicher Mensch." Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.

Sie sagte, sie ginge bloß schnell ins Gasthaus, um zu fragen, wann die Kaffeetafel anberaumt ist. "Ich bin gleich wieder da." Wir schauten ihr nach. Kleist sagte "Waren Sie eigentlich schon drinnen?" Ich sagte ja, ich hätte den Vortrag von der Verletzung des Jubilars mitangehört. Er lachte. "Da haben Sie einen vollständigen Eindruck von meiner Familie bekommen." "Ja", erwiderte ich, "aber Ihre Schwester gehört auch dazu." "Gott sei Dank."

Ich fand die Gelegenheit passend, ihn nach dem "Phöbus" Projekt zu fragen. "Das haben wir zu Ende gebracht", sagte er, als sei alles planmäßig verlaufen. (Ulrike verriet mir dann, daß Kleist nur deshalb hier erschienen war, um sich Geld zu verschaffen, damit er seine Schulden zurückzahlen kann. Ich hatte das Gefühl, sie wollte jemandem ihren Verdruss angesichts seines notorischen Leichtsinns mitteilen.)

Während wir dann alle drei die Wiese hinunter zur Flussaue spazierten, erzählte ich mein Erlebnis mit der Königin Luise, um das mich Kleist regelrecht beneidete. Ich musste es ihm haarklein wiedergeben. "Ach, unsere gute Königin!", sagte er ein ums andere Mal. Auch Ulrike wollte vor allem wissen, wie sie gekleidet war, und als ich sagte, sie trug eine Dragoner Uniform, die extra für sie zurechtgeschneidert war, meinte sie "Hat man so etwas schon jemals gesehen?"

Ulrike selbst war der Königin einmal begegnet, und zwar in Berlin, wo sie "direkt an mir vorbei geschlendert ist", in Begleitung eines hohen Offiziers und einiger Herren. "Sie scheut sich nicht, auf dem Boulevard entlang zu gehen wie eine gewöhnliche Frau", sagte Ulrike, und Heinrich fügte hinzu "Sie hat von jeher großen Wert darauf gelegt, ihren Untertanen nahe zu sein." Dann meinte Ulrike zu ihm "Du hättest bei deiner Tante Marie stärker antichambrieren sollen, damit sie dir eine Stellung bei Hof verschafft." "Meine Tante Marie! Es ist ebensogut deine Tante." "Ja, aber dich kann sie besser leiden."

Dann sagte sie zu mir "Unser kleiner Bruder hat nämlich noch ganz andere Qualitäten als nur seine Dichterei." "Wirklich?" "Lass' das jetzt." "Nein. Ich bin darum stolz auf dich. Zum Beispiel hat er mal ein Tauchboot erfunden." "Was?" "Ein Tauchboot, womit man unter Wasser tauchen kann, ohne zu ertrinken." "Ich habe die Zeichnung dafür entworfen", schwächte Heinrich ab, Ulrike sagte "Es hätte einwandfrei funktioniert, das ging schon aus der Zeichnung klar hervor. Aber das Ministerium hat sich dagegen entschieden."

Ich wollte nicht fragen warum, doch sie sagte "Niemand hat im Ministerium genügend Verstand, um den Nutzen zu erkennen." Heinrich meinte "Das liegt daran, daß wir eine so schwach entwickelte Kriegsflotte haben. Wenn die erst mal forciert wird, dann werden auch solche Projekte realisiert." "Ja", sagte sie enttäuscht, "dann haben aber andere deinen Plan schon kopiert. Solche wie der Müller." "Gott, Rike! Hör' doch mal auf mit dem Müller." "Den hab' ich gefressen."

Ich fragte Kleist, ob er noch musiziere. (Ich wusste, daß er in Dresden mit seinen Kameraden in einem Quartett die Klarinette spielte.) "Ja, dann und wann", sagte er, und Ulrike rief "Noch so etwas, das er kann! Aber es nicht recht zur Geltung bringt." "Soll ich etwa als Straßenmusikant auftreten? Wäre dir das lieber, mich an der Ecke stehen zu sehen, mit einem umgedrehten Hut zu Füßen?", entgegnete er hörbar verärgert. Ulrike schwieg, ich bemerkte, wie sie mit den Tränen kämpfte. Ich sagte, ich für meinen Teil wäre jedenfalls froh darüber, daß er die Zeit lieber damit verbracht habe, seine Theaterstücke zu schreiben. Ulrike sagte "Darf ich mich bei Ihnen unterhaken, Karl?" "Bitte, sehr gern."

"Wie geht es eigentlich dem Fräulein Stieglitz?", fragte er mich, und Ulrike sagte "Wer ist das?" Ich gab auf beides Antwort. "Haben Sie ein Verhältnis mit ihr?" Ich lachte, aber es klang töricht. "Nein. Sie ist viel zu jung für mich." "Du liebe Zeit. Mögen Sie keine jungen Frauen?" "Ulrike", mahnte Kleist, "das sind sehr persönliche Fragen." "Du hast doch damit angefangen. Ist sie hübsch?" "Ja, sehr." "Aha! Also haben Sie selbst schon darüber nachgedacht." "Jetzt ist aber gut!" Während sie sprach, drückte sich Ulrike enger an meinen Arm, und ich fragte mich für einen Augenblick, ob sie Heinrich etwa eifersüchtig machen wollte.

Der war in Gedanken immer noch bei der Königin, er sagte "In Berlin werden sie jetzt versuchen, das Tuch von der königlichen Tafel zu zerreißen, jeder wird ein Stück davon haben wollen." "Glauben Sie, daß der Minister Hardenberg die Interessen Preußens durchsetzen kann?" Kleist erwiderte "Ich kenne Hardenberg, ich habe eine Zeit lang bei ihm gearbeitet - Ulrike machte mir eine bedeutsame Geste - Er hat sich viele Verdienste um das Vaterland erworben, aber das war alles, als ihm noch kein Napoleon im Nacken saß. Ich glaube, der einzige, der dem Imperator auf der politischen Bühne entgegentreten kann, ist der Freiherr vom Stein, der lässt sich von keinem unterkriegen. Die Königin hält große Stücke auf ihn. Das Problem ist, daß er so unsäglich schroff gegen seine Mitmenschen ist." "So wie du manchmal", warf Ulrike ein. "Ja, aber ich bin ein Künstler, der es gewohnt ist, für sich allein zu arbeiten. Ein Minister muss mit seinen Kollegen zurechtkommen, und der Freiherr vom Stein würde sie alle am liebsten zum Teufel jagen. Er hat den Verstand eines Machiavelli, aber die Mentalität eines Ulrich von Hutten." Dann fügte er unvermittelt hinzu "Er hat übrigens zwei reizende Töchter." Ulrike meinte "Du könntest dich ja um eine davon bemühen." Kleist lachte. "Die sind auch beide zu jung für mich." "Euch sollte man kein Wort glauben", regte sich Ulrike auf.

Wir sprachen auch über einen absehbaren Frieden mit Russland (der ja formell noch nicht geschlossen war), und Kleist machte das abhängig von dem Verhalten Englands, das nach wie vor versuche, die europäischen Mächte gegeneinander auszuspielen. "Aber vorher wird Napoleon mit Preußen abrechnen, und das wird teuer für uns werden", war er überzeugt.

Ich erzählte den beiden von meinem "französischen Kriegsgefangenen" Etienne und seiner Suche nach seinem Bruder. "Der Ärmste", sagte Ulrike mitfühlend, "ist das nicht ganz vergebens?" Kleist meinte "Im Krieg gibt es nur zwei Dinge, auf die man sich verlassen kann: auf gutes Schuhwerk und auf den dummen Zufall. Selbst wenn seine Chance eins zu hunderttausend steht, ist es nicht ausgeschlossen, daß er ihn findet."

Kleist verriet uns etwas über sein nächstes Werk, es sollte eine Sammlung von Erzählungen sein, acht oder neun an der Zahl, darunter eine, die während des verheerenden Erdbebens in Santiago de Chile handelt, ein Sujet, wie er sagte, das ihm schon lange "im Kopf herumgeistert". Sie soll beschreiben, wie das Verhalten der Menschen bei einer solchen Katastrophe von jähen Schwankungen gleichsam miterschüttert wird und sich bald ins eine, bald ins andere Extrem wendet.

"Lass' aber diesmal nicht gar so viel Blut fließen", bat Ulrike, und Heinrich meinte, sollte es sich nicht vermeiden lassen, so werde er ein anderes Stück gänzlich trocken halten. "Ich verspreche es dir, Liebste." Erst als wir zurückgingen, stellte ich überrascht fest, daß sich Ulrike wie unbemerkt an den Arm des Bruder geschmiegt hatte.

Ich wurde eingeladen, an der Kaffeetafel mit Platz zu nehmen, ich saß zwischen Ulrike und einem jungen Offizier, der ein begeisterter Segler war und regelmäßig auf den Brandenburger Seen kreuzte. Ich erzählte ihm von dem Wikingerschiff des Leutnants Gradenecker, und er hätte es am liebsten gleich besichtigt. (Ich dachte an Etienne, der jetzt wahrscheinlich einsam in der Hütte saß und ziemlich sauer auf mich war.)

Ich unterhielt mich mit Ulrike über einiges, das ihren Bruder betraf. Ich fragte sie auch vorsichtig, ob ich ihm mit etwas Geld aushelfen sollte. Sie meinte, es könnte passieren, daß er es in seinem Stolz zurückweisen würde, und ich damit weder ihm noch mir selbst einen Gefallen täte, aber sie würde mein Angebot als eine "sehr edelmütige Tat" zu schätzen wissen. Manchmal flüsterte sie mir direkt ins Ohr und ich konnte ihren warmen, durchaus aufregenden Atem spüren.

Am späten Nachmittag verabschiedete ich mich, ich sah, daß Kleist ebenso wie ich ein paar Tränen in den Augen hatte. Ulrike umarmte mich herzlich und sagte "Lassen Sie sich ja bald wieder blicken." Sie standen da am Gartentor des Gasthauses, und wir winkten uns noch eine Weile zu. Unterwegs bemerkte ich mit Schrecken, daß ich bei der Kaffeetafel den "Amphitryon" liegen gelassen hatte, und ich hoffte inständig, daß die Geschwister mir dies verzeihen mögen.

Zuhause erwartete mich eine böse Überraschung: Etienne war nicht mehr da. Er hatte mir eine Nachricht hinterlassen. "Lieber Charles! Ich habe mich allein nach Berlin aufgemacht. Ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich getan haben. Leben Sie wohl! Etienne." Er hatte die Schlüssel von innen stecken lassen; weder seinen Aufenthalt noch seinen Weggang schien irgendjemand bemerkt zu haben. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn sitzenließ, aber ich redete mir ein, daß er unüberlegt handelte und selbst daran schuld wäre, wenn man ihn als Deserteur entlarvte. Dennoch musste ich ständig an ihn denken.

Mein Chef Zacharias Becker empfing mich mit geteilter Miene. "Wo haben Sie denn gesteckt, Tandlop?", rief er, als ich die Redaktion betrat. Ich sagte es ihm, er meinte "Ich hätte Sie hier dringender gebraucht. Aber gut, daß Sie endlich da sind." Er teilte mir mit, die Königsberger Zeitung (die "fest in preußischer Hand" war) hatte meinen ersten Artikel über die Königin Luise abgedruckt, sogar angereichert mit ein paar schmückenden Beiworten über ihren Wagemut und ihre Entschlossenheit, Napoleon die Stirn zu bieten.

"Der dortige Chefredakteur hat mich gefragt, ob Sie bereit wären, nach Königsberg zu kommen, um über die Vorgänge im Umfeld des Königs zu berichten." "Warum nehmen die nicht jemanden von sich?" "Anscheinend haben sie keinen, der die Königin je persönlich kennengelernt hat." "Mit mir hat sie drei Sätze gewechselt, ich bezweifel, ob sie sich an mich erinnert." "Das lässt sich doch rasch auffrischen, haben Sie nicht gesagt, Sie hätten noch einen Handschuh von ihr?" (Ich hatte tatsächlich dort im Wald bei der beschädigten Kutsche einen Handschuh aufgehoben, aber der konnte auch ihrer Hofdame, der Gräfin Voss gehört haben, ich hatte ihn eingesteckt und hernach vergessen.)

"Außerdem", sagte Becker, "warum fragen Sie nach dem Grund? Freuen Sie sich doch über das Angebot! Herr Krasnitsch, das ist der Chef, hat sogar einen Vorschuss geschickt, Tandlop, den würde ich ungern wieder retournieren. Von mir bekommen Sie natürlich auch ein Honorar und Geld für Spesen, ich hoffe, Sie verprassen es nicht. Alles was Sie schreiben, schicken Sie mir in Kopie, so haben wir es abgesprochen. Nehmen Sie meinetwegen Ihren kleinen Franzosen mit; wenn die Napoleonen dort aufkreuzen, kann er Ihnen vielleicht nützlich sein."

Ich sagte ihm nichts von Etiennes Nachricht. Ich dachte, Becker habe womöglich seine Pläne, in Ostpreußen oder gar in Petersburg eine Dependance der Nationalzeitung zu eröffen, wieder neubelebt. (Wie sonst wäre mein Artikel nach Königsberg gelangt?) Ich wollte mich dabei natürlich nicht querstellen. Außerdem hoffte ich wirklich, Etienne wiederzufinden, was zwar äußerst unwahrscheinlich, aber - mit meinem Freund Kleist gesprochen - nicht gänzlich ausgeschlossen war.

Also packte ich ein paar Sachen zusammen (Becker hatte sogar schon die Reisedokumente besorgt, die er mir in einer Ledermappe überreichte), steckte ein nagelneues Notizbuch ein und nahm vorsichtshalber auch meine Pistole mit, obwohl ich wusste, daß mir das Scherereien machen könnte, wenn man sie bei einer Durchsuchung findet. Aber ich hatte mir inzwischen, was den Umgang mit Polizeikontrollen betraf, eine gewisse Arglosigkeit zugelegt, die mir wenigstens dazu verhalf, mich ganz unverdächtig zu bewegen.

Ich war schon zwei Tage unterwegs, und je weiter ich nach Osten kam, umso schlechter wurden die Wege. Es fing an zu regnen und der Boden weichte auf. Einen ganzen Tag und eine Nacht verbrachte ich in einem Dorf, das wie ausgestorben wirkte, dennoch stand meine Wirtin dauernd am Fenster und starrte auf die Straße. Ich fand, daß es hier nachts dunkler und stiller war als sonst irgendwo auf der Welt. Kein Hund bellte, kein Hahn krähte, die Katzen schlichen teilnahmslos herum.

An einer anderen Station herrschte reges Treiben, doch ich empfand es als aufdringlich und ich hatte wirklich Sorge, man würde mir mein Gepäck stehlen. Das Gerumpel und Geholper zermürbte mich; vorsichtshalber hatte ich meine Pistole vollständig entladen, damit sie nicht von allein losging. Auf einmal überfiel mich großes Heimweh, und ich überlegte ernsthaft, ob ich umkehren sollte.

Dann sah ich französische Soldaten, die seltsam gutgelaunt vorbei zogen. Ein paar Kinder liefen neben ihnen her. Ich rief einen Jungen heran und fragte, wohin die Franzosen marschieren, er antwortete mit einer Art Schlachtruf, den ich nicht verstand. Mein Kutscher erklärte, er habe den General Kósciuszko hoch leben lassen, jenen polnischen Nationalhelden, der vor Jahren den Aufstand gegen die Russen (den Moskowiter Erzfeind, wie er genannt wurde) angeführt hatte. Auf der Fahrt durch die preußisch polnischen Gebiete begegnete ich allenthalben solchen patriotischen Bekundungen, es schien, als würden die Franzosen als Befreier eines geknechteten Polens begeistert empfangen.

(Ich hatte schon in Berlin, als ich mit dem Kanzler Müller dort war, eine Deputation von polnischen Aristokraten gesehen, die um eine Audienz beim Kaiser ersuchten. Sie sahen sehr beeindruckend aus, Männer von herrlicher Gestalt, selbstbewusst wie die Dogen von Venedig, mit angenehmen und doch wie zu allem entschlossenen Gesichtszügen, gewandt und doch absolut beherrscht in ihren Bewegungen, sie sprachen nicht viel und nur leise miteinander, es war, als ob sie draußen eine unbesiegbare Armee stehen hätten. Als ich Müller meine Eindrücke wiedergab, meinte er "Ja, so scheint es, aber die polnische Armee existiert nur in der Aura dieser Männer, in Wirklichkeit sind sie wie Ritter aus dem Mittelalter.")

Irgendwann auf meiner Fahrt verlor ich die Orientierung, und ich dachte, wenn es mir genauso erginge wie Etienne, dann müssten wir uns bald treffen. Aber dazu kam es nicht. Ich stieg in einem Gasthaus ab und erkundigte mich, wo ich wäre. Man sagte es mir, und ich rechnete mir aus, wie weit weg ich noch von Königsberg war. Ich teilte das Zimmer mit einem beleibten, sehr ordentlich gekleideten, gebildet wirkenden Herrn, der, als ich eintrat, gerade etwas schrieb, das Blatt sofort wegsteckte und mir die Hand reichte, er hieß Olmarek.

Spätabends, wir hatten uns beide bereits zur Ruhe gelegt, klopfte der Wirt an die Zimmertür, kam ohne abzuwarten herein und sagte, er müsse uns leider bitten, das Zimmer zu räumen, er werde uns so schnell es geht, ein "Ausweichquartier in unmittelbarer Nähe" verschaffen. Von unten hörte man ein lautes Stimmengewirr von aufgebrachten jungen Frauen. Ich wollte mich schon beschweren, doch Olmarek machte mir ein Zeichen und sagte "Warten Sie erst mal ab."

Wir kleideten uns wieder an, gingen nach unten in die Gaststube, und Olmarek wies in eine Ecke, wo wir vorerst verharrten und die Gesellschaft betrachteten, die gerade angekommen war, offenbar hatte eine ihrer Kutschen einen Unfall gehabt.

Nie in meinem Leben habe ich schönere Frauen auf einem Haufen gesehen, eine hübscher als die andere, jede in einem Kleid aus kostbarem Stoff von anderen Farben und Mustern, jede mit anderer Frisur, in einen ätherischen Duftschleier gehüllt, jede mit einem eigenen verführerischen Ausdruck in den Augen, der einen nach Luft schnappen machte und mit einem einzigen flüchtigen Blick zu ihren Füßen hinfallen, mit verzehrender Begierde nach ihrem Rocksaum greifen ließ, wie ein Pilger nach dem Gewand des heiligen Jakobus.

Sie quasselten alle durcheinander, kreischten, lachten, schimpften, niesten vor Entrüstung über den erzwungenen Zwischenhalt niedliche Zischlaute in ihre blütenweißen Taschentücher. Der Wirt hatte sofort alles verfügbare Personal mobilisiert, man räumte zwei Tische leer, stellte sie aneinander, brachte Stühle heran, und endlich konnten die zartbesaiteten Wesen sich mit theatralischer Geste seufzend niederlassen. Aber eine, welche unzweifelhaft die erste unter ihnen war und die alle noch mit ihrer Anmut und Unwiderstehlichkeit übertraf, scheuchte den Wirt hin und her wie ein Kaninchen und befahl ihm, ihr und ihren lieblichen Freundinnen unverzüglich aufzutischen, was sie begehrten.

Olmarek und ich hatten alles aufmerksam verfolgt, und Olmarek flüsterte mir zu "Wissen Sie, wer die in dem blauen Kleid ist?" Ich verneinte, und er erklärte "Das ist die Gräfin Marie Walewska, eine der schönsten Frauen in ganz Polen, und eines der raffiniertesten Weibsstücke obendrein." "Sie ist noch sehr jung", stellte ich fest. "Keine zwanzig", sagte Olmarek, "verheiratet mit dem Graf Anastasius Walewski, der fünfzig Jahre älter ist."

Ich sagte "Sie meinen fünfzehn Jahre?" "Nein. Er ist an die siebzig. Sein jüngstes Enkelkind ist fast zehn Jahre älter als diese Gräfin." "Woher kennen Sie sie?" "Ich kenne den Grafen. Ich habe auch schon mit ihr gesprochen." "Aber sie erinnert sich anscheinend nicht an Sie." "Das kommt daher, daß sie die Männer, die nicht zu ihr gehören, so wenig wahrnimmt wie das Leuchtfeuer von Helgoland. Oder haben Sie das Gefühl, Sie hätten auch nur einen Funken von Aufmerksamkeit von ihr erhascht?" Ich musste ihm recht geben.

Der Wirt sah sich außerstande, die Wünsche der Damen zu erfüllen. Aber er hatte einen rettenden Einfall, er schickte nach dem Juden Chaim Feynstaub, der mit Waren aller Art, unter anderem auch mit Delikatessen handelte. Als Chaim Feynstaub erschien, im langen Kaftan, dürr wie eine Vogelscheuche, mit gekringelten schwarzen Haaren und einem steifen Hut, und gefragt wurde, ob er aushelfen könne, sagte er "Nu freylich ich kinnen Eych besorjen olles wos jewinscht!"

Und kaum eine Viertelstunde später, währenddessen der Wirt die Tafel eingedeckt und die Frauen nebenbei auch noch mit allerlei albernen Geschichten zu unterhalten versucht hatte, kam Chaim Feynstaub mit russischem Sekt und Fisch in Aspik, mit Tokajer und Leberpastete, mit fünf Sorten Brot und dänischer Butter, mit Karlsbader Likör und Laugenbrezeln, mit Nürnberger Lebkuchen und englischen Karamellen, mit Lübecker Marzipan und türkischem Honiggebäck mit Pistazienkernen.

Ich sagte zu meinem Zimmergenossen "Es scheint, daß ihr Graf Walewski hier in hohem Ansehen steht." "Ach was", erwiderte Olmarek, "um den geht es doch gar nicht. Es heißt, daß die Marie Walewska sich letztens aus der jubelnden Menge hervorgeschoben habe, als Napoleon auf dem Zug nach Warschau die Pferde wechselte. Marschall Duroc hat sie gleich entdeckt und dem Kaiser mit den Worten vorgestellt: 'Sir, diese Dame hat allen Gefahren des Gedränges getrotzt, um Sie zu sehen!' Keiner von Napoleons Todfeinden hätte es je geschafft, ihm so leicht so nahe zu kommen", setzte Olmarek hinzu und schmunzelte dabei.

"Eine hübsche Anekdote, nicht wahr? So recht passend für die wunderschöne Verehrerin des großen Franzosen. Es heißt, es habe sie bloß einen artigen Knicks und einen Wimpernschlag gekostet, um den Kaiser an den Haken zu kriegen, wo er jetzt zappelt wie ein liebestoller Lachs. In Warschau fragen sie sich mittlerweile, wo zum Henker er abgeblieben ist, dabei verbringt er die Nächte mit seinem süßen Engelchen, das ihm zuliebe die Flügel spreizt." "Diese Nacht wohl nicht mehr", wandte ich ein. "Na, Sie sehen ja, wie gelassen sie das nimmt. Sie weiß genau, daß es nicht schadet, ihren Liebhaber zu zwingen, sich ein Weilchen in Gedanken an sie mit sich selbst zu beschäftigen."

Bei der Gräfin Walewska und ihren Gespielinnen ging es noch hoch her an diesem Abend. Chaim Feynstaub hatte sogar ein paar Musikanten aufgegabelt, die allerlei beschwingte Weisen aus ihren schiefen Instrumenten hervorzauberten. Die Damen machten sich einen Spaß daraus, miteinander zu tanzen und zu tändeln und sich dabei ungeniert zu liebkosen.

Olmarek holte uns einen Krug Bier und zwei Becher, später revanchierte ich mich. Wir unterhielten uns gut am Rande der frivolen Feier, bis mir mein Kopf schwer wurde und ich auf der Stelle einschlafen wollte. Irgendwann in der Nacht trat Ruhe ein, und am nächsten Morgen erwachte ich auf der Sitzbank in der hintersten Ecke des Gastraums. Mein Gepäck stand unberührt daneben, von den Gästen wie auch von Olmarek war nichts zu sehen, nur eine Magd räumte die Überreste des gestrigen Gelages auf.

Mit Hilfe eines Bauern mit seinem Fuhrwerk konnte ich meine Reise fortsetzen. Er war nicht sehr gesprächig, und so sann ich noch über das nach , was mir Olmarek gestern erzählt hatte. Er hielt es für möglich, daß die junge Gräfin von "gewissen Schattenmännern" auf den Kaiser angesetzt worden war, damit sie ihn von sich abhängig machte und Einfluss auf ihn gewinnt. Auf meine Frage, wer das sein könne, meinte Olmarek, es gebe sicher mehrere, die danach streben, er sagte "Es könnten polnische Aristokraten dahinterstecken. Bei allem Jubel über die Wiedergeburt des Vaterlandes, aber Polen ist nichts weniger als eine Nation. Die Regionalfürsten respektieren einander, aber natürlich denkt jeder zuerst an sich. Selbst wenn Napoleon ihnen hilft, sich gegen Preußen und Russen zu behaupten, wissen sie doch, daß er das nicht für umsonst tut. Kein Herrscher dieser Welt marschiert mit seiner Armee in ein anderes Land ein, um die Menschen dort zu ermutigen. Auch ein Nationalgefühl kostet die Untertanen Geld und eine sogenannte Befreiungsarmee erst recht. Mit den Russen hat die schöne Marie bestimmt nichts am Hut, polnische Frauen sind in Russland nicht gut gelitten. Aber den Preußen kommt es zupass, wenn Napoleon in Warschau aufgehalten wird, je länger, desto besser."

"Sie meinen, dadurch haben die Preußen mehr Zeit, sich neu zu formieren?" Olmarek zog die Stirn in Falten. "Nun ja, vielleicht das, was von ihnen noch übrig ist, die preußische Armee bräuchte viel mehr Zeit sich zu erholen, als sie Napoleons Affäre verschaffen könnte. Wenigstens sind die großen Städte im Norden noch unter preußischer Verwaltung. Aber ohne Russland wird Preußen sang- und klanglos aufgeben müssen. Das dumme ist, daß die beiden immer nur halbherzige Bündnisse schließen und daß ihre Armeen völlig unkoordiniert handeln."

"Würde Napoleon es nicht rauskriegen, wenn die Gräfin Walewska ein doppeltes Spiel spielt?", fragte ich. "Ja, das würde er, und sie wäre verloren. Keiner kann ihr Schicksal voraussehen, auch sie selbst nicht. Aber Frauen von ihrem Schlag wissen genau, was sie tun und was sie unterlassen müssen, um in dieser von selbstherrlichen und rücksichtslosen Männern dominierten Welt bestehen zu können, sie handeln aus einem angeborenen Instinkt heraus. Sie verfolgen nur einen einzigen Lebenszweck, nämlich möglichst lange und möglichst genussvoll an der Seite und im Schutz eines starken und mächtigen Mannes zu vegetieren und alle, die ihm dienen wie Dreck und Abschaum zu behandeln. Die Natur macht solche Frauen kraft ihrer Schönheit zu Auserwählten, aber die Natur kennt weder Moral noch Vernunft, und ohne dies geht die menschliche Gesellschaft zugrunde."

Ich sagte "Wenn die Gräfin Walewska Napoleons Mätresse wird, hat sie jedenfalls ihr Ziel erreicht." "Ja. Wenn sie ein Kind von ihm bekommt, ist sie erst mal auf der sicheren Seite, und sie ist schlau genug, es nicht zu vermasseln. Aber Napoleon wäre damit keinen Schritt weiter." "Inwiefern?" Olmarek sagte "Ist Ihnen etwa entgangen, daß die Kaiserin Josephine ihm noch keinen Thronfolger geschenkt hat? Und das in einer Erbmonarchie, zu der die glorreiche Republik sich inzwischen wieder verwandelt hat."

Bei Olmareks Worten wurde mir auf einmal klar, was es mit jener Unterredung, die der Kanzler Müller in Berlin mit dem Minister Benevent führte, auf sich hatte. Ich sagte "Dann stimmt es also, daß Napoleon bereits nach einer anderen Frau Ausschau hält?" "Das pfeifen die Spatzen von den Dächern", erwiderte Olmarek, "sobald er eine neue gefunden hat, kommt die gute Josephine aufs Altenteil. Aber die Suche gestaltet sich offenbar schwierig, und eine Gräfin Walewska wäre bei aller Schönheit von zu geringer Herkunft. Ein Bastard aus dieser Beziehung hätte kaum Anspruch, Kaiser eines Weltreichs zu werden."

Olmarek machte eine Pause und sagte dann "Im Grunde ist er ein armseliger Mann, dieser kleine große Korse. Er hat ja selber keine edle Abstammung, nicht einmal eine bedeutende Familie. Er muss halb Europa auf dem Pferd durchqueren, um sich eine Frau zu suchen, mit der er sich fortpflanzen kann. Und dann gerät er an so ein junges Ding, das ihn anzapft und auslaugt und seine Manneskraft vergeudet wie Kerzenlicht zur Mittagsstunde. Das haben ihm die anderen Monarchen voraus: eine treue Gattin und prächtige Kinder, und das ist es, was ihn neidisch, jähzornig und unberechenbar macht und ihm früher oder später zum Verhängnis wird. Er fürchtet keinen Feind, keine Armeen, keine Revolutionen, keine Krankheiten und keine bösen Geister. Er fürchtet am meisten, daß er einsam stirbt und nichts hinterlässt außer tote, verhungerte, verstümmelte oder verwaiste Menschen, und daß man sich bekreuzigen wird, wenn man seinen Namen ausspricht."

Olmarek hatte mir geraten, welchen Weg nach Königsberg ich am besten einschlagen sollte, aber es war nicht einfach, durch preußisch Polen zu fahren. Einen Postdienst, den ich hätte nutzen können, gab es hier nicht, und die meisten Fuhrwerke wurden für irgendwelche militärische Zwecke verpflichtet. Übriggeblieben waren alte und schlechte Kutschen mit ebensolchen Pferden, und ich hatte nicht so viel Zeit, um lange zu suchen. Ich kam oft nur über kurze Distanzen vorwärts.

Wie aus dem Nichts tauchten hier und da französische Soldaten in kleineren Abteilungen auf, anscheinend hatten sie längere Zeit keinen Feindkontakt mehr gehabt, aber die Zutraulichkeit der einheimischen Bevölkerung war ihnen auch nicht geheuer. Einmal meinte der Kutscher zu mir, man könne es den Franzosen ansehen, daß Napoleons Kriegskassen leer seien, sie würden herumlaufen wie "ausgesetzte junge Hunde".

Dann begegnete ich in einer Ortschaft zum ersten Mal russischen Soldaten, die angeblich zu einem Regiment des Generals Kutusow gehörten, und mir blieb vor Verwunderung die Spucke weg. Auf dem Hauptplatz war Markttag. Zwischen den Gemüseweibern hatten sich die Russen breitgemacht und verscherbelten alles, was sie unterwegs aus den Herrenhäusern der Landjunker geplündert hatten.

Einige von den Einwohnern behaupteten, es seien Baschkiren, andere sagten, es wären Kalmücken, wieder andere nannten sie Kosaken, keiner wollte sich danach erkundigen. Sie sahen sehr fremdartig und furchterregend aus. Sie hatten alle ihre eigenen Uniformen, sie strotzten vor Waffen und allerlei Werkzeugen, mit denen man einen Gegner erledigen konnte. Sie waren schmutzig, betrunken und streitsüchtig. Sie waren unrasiert und hatten verfilzte Haare. Sie rauchten aus ihren Pfeifen einen Knaster, bei dem selbst der wackere Viktor das Husten bekommen hätte.

Der Anblick hatte etwas Groteskes, wie diese grobschlächtigen Gesellen auf Pferdedecken ihre "Waren" vor sich ausbreiteten, Gegenstände, welche die meisten von ihnen höchstwahrscheinlich nie zuvor im Leben in Händen gehalten hatten: bemalte Vasen aus Porzellan, silbern glänzendes Besteck, vielarmige Tischleuchter, Zinnkrüge mit und ohne Deckel, Küchengeräte, Türglocken, Daunenkissen, Nachttöpfe, Spiegel, Waschbretter, sogar Musikinstrumente und Bücher; einer hatte einen Schaukasten mit exotischen Schmetterlingen erbeutet, ein anderer bot ein Schachspiel an, bei dem die Hälfte der Figuren fehlte.

Der Absatz hielt sich in Grenzen. Es schien, daß einige der Käufer die Bestohlenen selbst waren, die sich ihre Sachen zurückholten; die Russen hatten nicht die geringste Vorstellung vom Wert und Preis, und ein Tauschgeschäft gegen eine Axt oder eine Sichel, die man als Waffe benutzen konnte, war ihnen lieber als ein läppischer Geldschein, den sie dafür einhandelten. Am liebsten jedoch nahmen sie Branntwein als Zahlungsmittel an.

Ich fragte ein paar Einheimische, die sich am Rande des Geschehens unterhielten, wohin die Russen unterwegs wären, und sie meinten, daß sie sich bloß die Zeit vertrieben, bis General Kutusow den Befehl zum Angriff gebe. "Den Angriff auf wen?", wollte ich wissen. Eben das würde ihnen der General sagen. Ich fragte, wie weit weg die Franzosen seien und erfuhr, daß sie vor drei Tagen hier durchmarschiert waren. "Dann ist dies hier schon Hinterland?", fragte ich, und einer entgegnete "Mein Herr, sehen Sie dort auf dem Turmdach die Wetterfahne? Sie zeigt Ihnen genau an, wo hinten und vorn ist."

Ich brauchte fast noch einen ganzen Tag, um nach Königsberg zu gelangen, mir taten alle Knochen weh, ich sehnte mich nach einem heißen Bad und einer ordentlichen Mahlzeit. Der Chefredakteur der Königsberger Zeitung, Herr Krasnitsch, empfing mich sehr freundlich, er rümpfte die Nase und sah sofort, was mir nötig tat. Er sagte "Ich gebe Ihnen meinen Laufburschen mit, er zeigt Ihnen, wo Sie untergebracht sind. Erholen Sie sich ein wenig, morgen reden wir miteinander. Ich freue mich, daß Sie gekommen sind."

Der Laufbursche hieß Friedel, hatte rotblondes Haar und Sommersprossen, er rieb beim Gehen und Sprechen unablässig die Hände ineinander, als müsste er sie damit unter Kontrolle halten. Auf dem Weg zu meinem Quartier erzählte er, daß er aus einem kleinen Fischerdorf nördlich von Memel stammt, wo der Herr Krasnitsch ein Sommerhäuschen habe, "mit einer finnischen Sauna". "Es gibt dort sogar Elche. Ich durfte schon einmal das Wasser aufgießen", sagte Friedel stolz, und meinte, vielleicht werde Herr Krasnitsch mich auch dorthin einladen. "Mein Vater besitzt eine bedeutende Bernstein Sammlung", fuhr er ohne Überleitung fort, "darunter befindet sich ein Stein, in den eine große Stechmücke eingeschlossen ist, als wäre sie im Fluge erstarrt. Meiner kleinen Schwester haben sie bald nach der Geburt ein Bernsteinkettchen um den Hals gelegt, weil das angeblich beim Zähnekriegen hilft." "Bei dir nicht?", fragte ich ihn. "Bei mir war das nicht nötig. Allerdings - einen Nachteil hat die Lage: es gibt dort im Sommer jede Menge Mücken." Ich sagte "Es sind also noch welche dem Bernstein entkommen." "Und da sind wir auch schon!", sagte er und verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung.

Mein Quartier war ein Zimmer im Obergeschoss eines schmalen Hauses in einer ziemlich belebten und sauberen Straße. Meine Wirtin kümmerte sich rührend um mich, ich hatte das Gefühl, ich erinnerte sie an einen nahen Verwandten. Im Hinterhof gab es eine Waschküche, und in einem großen Trog auf einem Schemel sitzend nahm ich ein wohltuendes Bad, in das sie mir ein paar aromatische getrocknete Kräuter eingestreut hatte. Ich kam mir vor wie Trajan in Britannien.

Sie brachte mir das Abendessen aufs Zimmer, mit einer großen Flasche "Königsberger Goldbräu", das schimmerte wie der Bernstein, von dem Friedel gesprochen hatte. Aus dem Fenster hatte ich einen herrlichen Blick die Straße entlang und über die Dächer hinüber zu den Türmen von Kirche und Schloss. Es gefiel mir hier auf Anhieb, ich verschmerzte schnell die Strapazen der Reise und dankte meinem Chef Zacharias Becker, daß er mich hierher vermittelt hatte.

Anderntags erzählte ich Krasnitsch von den Russen auf dem Markt, und er meinte, Kosaken können das nicht gewesen sein, denn die würden sehr auf ihre äußere Erscheinung achten und fühlten sich den "Steppen Barbaren" weit überlegen. Und zu dem General Kutusow dürften diese Kerle auch nicht gehört haben, denn der lässt solches "Grobzeug" in seinen Reihen nicht zu. Ich zweifelte bald, ob es überhaupt Russen gewesen waren.

Er schlug vor, daß ich mich ein paar Tage in der Redaktion eingewöhnte, um dann nach Memel zu reisen, "wohin es den preußischen König und seine Getreuen nach schweren Gefechten verschlagen hat. Aber glauben Sie nicht", beschwor er, "daß unsere Majestäten (natürlich schloss er die Königin mit ein) dort nur untätig herumsitzen und mit dem Schicksal hadern. Sie sinnen unentwegt darauf, wie sie das Vaterland aus den Klauen des Tyrannen zurückerobern können." Krasnitsch war ein großer Verehrer Schillers, seine Ausdrucksweise hatte er vor allem dessen Balladen entlehnt. Er schrieb selbst jede Woche ein patriotisches Gedicht für seine Zeitung, und er war ein Franzosenhasser ohnegleichen, alle seine Gedichte endeten stets mit dem Ausruf: "Nieder in den Staub mit unsern Feinden!"

Was sein Verhältnis zu Russland betraf, so würdigte Krasnitsch das russische Wesen, allerdings nur das der "kulturellen Elite". Er schätzte das tiefe und unverbrüchliche Vertrauen, das der Russe einem entgegenbringt, das man jedoch erst schwer erringen muss. Er sprach von der "Unverwundbarkeit der russischen Seele", aber auch von dem mitunter "an Bitterkeit grenzenden Ernst" dieser Menschen. Er war, wie ich später erfuhr, mit einer hübschen Russin verheiratet. Sie hatte ihm bereits vier Kinder geschenkt, und er behütete sie wie einen Schatz, so von ihr besessen, daß er es sogar vermied, sich in der Öffentlichkeit mit ihr zu zeigen.

Einige Tage darauf begab ich mich nach Memel, einer kleinen Hafenstadt an der Ostsee. Über das Wasser des kurischen Haffs konnte man etwas weiter südlich die Mündung des Njemen erreichen und von da aus flussaufwärts Tilsit, welches später noch Schauplatz der Ereignisse werden sollte.

Das Königspaar mit seinem Hofstaat (wenn diese Bezeichnung überhaupt angemessen war) hauste unter einfachsten Umständen in einem vorzeiten zu einem Landschlösschen erweiterten Gutshof, mit dem auch nicht mehr alles zum Besten stand. Immerhin gab es einen sehr aufmerksamen und zuverlässigen Verwalter, der mit einer Besatzung fleißiger Bediensteter den hochherrschaftlichen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen suchte. (Krasnitsch hatte in der Königsberger Zeitung mehrere Beiträge gebracht, in denen vom Leben der Monarchen in Memel mit rührender Volkstümlichkeit erzählt wurde, sogar das Hündchen "Baschka" wurde darin erwähnt, das angeblich unter den Kindern regelmäßig für Aufregung sorgte. Ich konnte dieses Hündchen allerdings nirgends entdecken.)

Außer der königlichen Familie und ihrem Personal befanden sich etwa ein Dutzend Staatsbeamte in Memel, die, wiederum mit ihren Sekretären, in zwei oder drei Stadthäusern ihren Dienst versahen. (Viele der für die Amtsgeschäfte benötigten Dokumente und Utensilien waren von Berlin und Frankfurt Oder aus über Stettin und die Ostsee hierher geschafft worden, und es gab derzeit einen kleinen, und manchmal wohl auch geheimen Seeverkehr zum preußischen Kernland. Ich habe selbst mit dem Kapitän eines solchen "Korallenkutters", wie sie aus irgendeinem Grund auch genannt wurden, gesprochen, konnte ihm aber nicht viel entlocken.)

Ich hatte mich entschlossen, die Sache offen und direkt anzugehen und um einen Termin bei Ihrer Majestät gebeten. Ich sagte, daß ich Korrespondent der Deutschen Nationalzeitung sowie der Königsberger Zeitung sei und die deutsche Öffentlichkeit über die gegenwärtige politische Lage informieren wollte. (Ich hatte Empfehlungsschreiben von Becker und von Krasnitsch vorzuweisen.) Der König Friedrich Wilhelm wäre nicht da, sondern "mit seinem Regiment" unterwegs, wurde mir mitgeteilt, was ich offenbar als abschlägigen Bescheid auffassen sollte.

Ich ließ mich nicht abschrecken und versuchte es erneut, ich erwähnte meine Begegnung mit der Königin am Rande der Schlacht an der Saale. Ich sagte, ich hätte etwas, das ich den hoheitlichen Herrschaften zurückgeben wollte. Daraufhin gewährte mir die Erste Hofdame, jene Gräfin Voss, die damals die Königin Luise begleitete, eine Unterredung.

Die Gräfin Voss war eine Dame in den Sechzigern, sie kannte Luise (und ihre Schwester Friederike) schon als kleine Mädchen. Sie war seitdem an ihrer Seite, es hieß, sie wäre in ihrem Leben nicht einen einzigen Tag krank oder auch nur anderswo gewesen, und sie sah wirklich noch blendend aus, wenn man ihr auch anmerkte, daß ihr dieses sehr eingeschränkte Dasein in dem abgeschiedenen Memel gar nicht behagte. Sie ließ mich denn auch gleich eine gewisse Gereiztheit spüren, die sie vordergründig auf den Herrn Krasnitsch bezog.

Der hatte nämlich (was ich natürlich nicht wissen konnte) in einem seiner patriotischen Gedichte einen Vergleich der Königin mit der antiken Göttin Artemis, der Schwester des Lichtgottes Apollon, den er kurzerhand zum König machte, gezogen und dabei, wie die Gräfin Voss sich ausdrückte, "den rechten Ton verfehlt" und mit einigen "lasziven Anspielungen" die Königin in eine "ebenso abwegige wie peinliche Pose" gesetzt. (Ich fand dann heraus, daß Krasnitsch sich auf einen Hymnus eines antiken Dichters gestützt hatte, in welchem Artemis mit einigen Attributen versehen war, denen man durchaus eine erotische Ausstrahlung beimessen konnte, was aber angesichts der vielen scheußlich zugerichteten Opfer des Krieges nur Anstoß erregt hatte.)

Ich erwiderte, daß ich mir über die Auslassungen des Herrn Krasnitsch kein Urteil erlauben könne, daß ich aber über Ihre Majestät ebensoviel Gutes wie Schönes gehört, gelesen und auch geschaut habe, daß sie mir, um bei dem Bezug zur Antike zu bleiben, als das Ideal jener Vereinigung von vortrefflichen Eigenschaften erscheint, das die Griechen ihren Göttinnen zuschrieben. "Grundgütiger! Herr Tandlop! Bleiben Sie auf dem Teppich", entgegnete die Gräfin Voss kühl, "wir sind alle nur Menschen. Es ging mir lediglich darum, daß man nicht immer alles abdrucken sollte, was einem so zwischen beiden Ohren herumgärt." "Da bin ich mit Ihnen völlig einer Meinung."

Dann fragte sie, was es sei, das ich der Königin geben wollte, und ich holte den Handschuh heraus, welchen ich, wie ich ihr erklärte, in jenem Wald vom Boden aufgehoben und dann allerdings aus dem Sinn verloren hatte. Sie nahm und untersuchte ihn und meinte, ja, das sei durchaus möglich, daß er "uns" gehört, und ob ich jetzt eine Belohnung erwarte.

Ich meinte, über die Forderung, die ich in Anbetracht des weiten Weges stellen müsste, wäre sie mit Sicherheit entsetzt, und die Gräfin Voss verstand zum Glück meinen Humor und lächelte darüber. "Alles, was ich mir wünsche", fügte ich hinzu, "ist ein Gespräch mit Ihrer Majestät über die gegenwärtige Situation." "Mit dem König oder mit der Königin?", fragte die Voss. Ich konnte schlechterdings nicht sagen: am besten mit beiden; ich konnte aber auch nicht sagen, daß mir das gleich wäre. Also formulierte ich es so: "Hätte ich die Wahl, würde ich diese Entscheidung ergebenst Ihrer Majestät überlassen."

"Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann", sagte sie und ich durfte gehen. Drei Tage später erhielt ich eine Einladung. "Die Königin habe", sagte die Gräfin Voss, "mein Anliegen entgegengenommen, sie hat jedoch entschieden, solange keine offiziellen Verlautbarungen zu machen, bis ihr Gemahl, der König, aus dem Feldlager heimgekehrt sei. Ich hoffe, Herr Tandlop, Sie haben dafür Verständnis." Ich nahm es natürlich ohne Murren entgegen, bedankte mich trotzdem und wollte mich verabschieden. Sie sagte "Ich könnte Ihnen Kontakt zu dem Herrn Mellendorf verschaffen, er leitet den internen Nachrichtendienst hier in der Außenstelle. Sprechen Sie mit ihm, vielleicht fällt dabei etwas für Sie ab." Ich sagte, das wäre großartig und bedankte mich nochmals. "Schon gut", sagte die Voss, "ich wünsche Ihnen viel Erfolg, und was die Königin betrifft, so ergibt sich vielleicht demnächst doch die Gelegenheit zu einer Audienz."

Der Herr Mellendorf war ein bedächtiger Mann im weißen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und mit breiten Hosenträgern. Was ihm an Höhe fehlte, machte er durch Breite wett. Er hatte nur noch wenige Haare auf dem Kopf, aber einen schönen Backenbart, er rauchte pausenlos an einer dicken Zigarre und war mehr als zehn Stunden am Tag damit beschäftigt, die Meldungen zu bearbeiten, die ihm von den preußischen Kurieren zugetragen wurden.

Er hatte offenbar ein sehr gutes Verhältnis zur Gräfin Voss, er sagte ganz offen zu mir, daß er normalerweise solchen Typen wie mir einen Tritt in den Hintern verpasst, wenn sie versuchen, hier herumzuschnüffeln. "Aber wenn die werte Frau Gräfin Sie hergeschickt hat (sie hatte mir ein Briefchen mitgegeben), dann wird sie ihren guten Grund gehabt haben und ich werde eine kleine Ausnahme machen. Also, was wollen Sie wissen?"

In dem Büro waren vier oder fünf weitere Mitarbeiter beschäftigt. Man hatte Mellendorf und seine Leute aus der Berliner Stabsstelle des Heeres hierher versetzt. Er selbst war kein Offizier, sondern "Postobermeister", er hatte als einfacher Postbote beim Unternehmen der Fürsten Thurn und Taxis angefangen, und war, als sie im Zuge der Reichsauflösung ihr Privileg verloren, nach Berlin gegangen. (Außer der Liebe zur Post hatte er ein Faible für Waffen, und einmal zeigte er mir eine Pistole aus der russischen Fabrik bei Tula, die einen ganz neuen Zündmechanismus hatte, der allerdings so kompliziert war, daß wir darüber ins Fachsimpeln kamen, als er ihn mir erklären wollte.)

An den Wänden hingen große Karten von fast allen Teilen Europas, besonders viele von Preußen und den Grenzstaaten, auf denen an zahllosen Orten winzige verschiedenfarbige Fähnchen aufgesteckt waren. Sein Nachrichtensystem hatte eine enorme Ausdehnung, es hatte allerdings auch eine große Schwäche: es war im Grunde aus allen möglichen Diensten zusammengewürfelt, die in irgendeiner Weise darüber Bericht erstatteten, was sich in ihrem Bereich ereignete. Ein zentraler Befehl aus dem Heereshauptamt verpflichtete sie dazu, die Meldungen nach Memel zu schicken, aber dieser Befehl wurde nicht immer so umgesetzt, wie sich Mellendorf und seine Leute das wünschten, und zum Teil war er auch noch gar nicht überall angekommen. Es war außerordentlich mühselig, aus den Nachrichten das Wichtigste und Dringendste herauszufiltern und in einer Depeche für den König und die Memeler Kommandatur zu formulieren, die bei strategischen Entscheidungen herangezogen werden konnte.

Auf den Chefredakteur Krasnitsch war Mellendorf übrigens ebenfalls nicht gut zu sprechen. Er hatte in einem Artikel über ein preußisch russisches Manöver "ein paar zu viele militärisch relevante Details" ausgeplaudert, die ein gewiefter französischer Spion bestimmt dankbar zur Kenntnis nehmen konnte. (Ich hatte bald das Gefühl, als hätte Krasnitsch mich engagiert, weil er es mit manchen seiner guten Beziehungen verspielt hatte.)

"Was ich Ihnen sage", schärfte mir Mellendorf ein, "und was Sie hier sehen, das bleibt unter uns, verstanden! Bei aller Freundschaft zu der Gräfin Voss, aber wenn Sie irgendetwas drucken, das nicht von mir vorher abgesegnet wurde, dann bringe ich Sie wegen Geheimnisverrats vors Kriegsgericht." Dabei machte er einen Zug von der Zigarre und blies den Rauch nach oben, als wäre es meine klägliche Seele, die nach der Erschießung gen Himmel entschwindet.

Ich durfte gleichsam die Brosamen, die in Mellendorfs Büro über den Rand fielen, aufheben und in meinen Artikeln verarbeiten; immerhin war das mehr, als ich mir selbst hätte zusammentragen müssen, und ich ließ keine Gelegenheit aus, um ihm meinerseits behilflich zu sein, sei es, wenn etwas abgeschrieben oder korrigiert werden sollte, sei es, wenn etwas so schnell wie möglich dem Hauptquartier zugestellt werden musste, welches sich in einem Gebäude am Stadtrand von Memel befand, das normalerweise der Fischerei diente (und wo die "Korallenkutter" anlegten).

Meine Beiträge schickte ich per Express an Becker nach Gotha und an Krasnitsch, dem ich sie zwischendurch auch selbst vorbeibrachte. Ich legte sie vorher jedesmal Mellendorf vor, und da ich nach der Devise schrieb: besser kurz und mehr davon, hielt ich ihn damit auch nicht unnötig von seiner Arbeit ab. Einmal sagte er "Wissen Sie, Tandlop, ich verstehe nichts von journalistischem Stil, aber mir scheint, das hier ist Ihnen gelungen." Irgendwann brauchte ich ihm bloß noch mitzuteilen, über was ich geschrieben habe, und nur ein paar Mal untersagte er es mir mit den Worten "Tut mir leid für Sie, aber das wandert in den Papierkorb." Ich befolgte selbstverständlich seine Weisung, meist vor seinen Augen, und wie um mich dafür zu entschädigen, schob er mir ein andermal eine exklusive Nachricht zu.

Er hatte auch einen guten Draht zur Königin (womöglich über die Gräfin Voss). Er wusste zum Beispiel, daß sie dem König dringend von einer Kapitulation abgeraten hatte, als Napoleon sie ihm mehr oder weniger deutlich anbot. Der hatte es natürlich nur getan, um Preußen noch im letzten Moment auf seine Seite zu ziehen, bevor er sich vollends gegen Russland wenden würde. Jeder hier kannte die Sympathie, welche Königin Luise schon seit Jahren für den russischen Zaren Alexander hegte.

(Napoleon hatte, als er Berlin eroberte, in den Gemächern der Königin Briefe gefunden, die sich die beiden geschrieben hatten und die sehr persönliche Empfindungen enthielten. Napoleon hatte in seiner erbärmlichen Gesinnung nichts Eiligeres zu tun, als sie im Pariser "Moniteur" zu veröffentlichen und die beiden Monarchen, und natürlich zugleich den preußischen König, damit zu kompromittieren. Die Gräfin Voss bezeichnete das mir gegenüber einmal als die "größte Unflätigkeit", die Napoleon je begangen hat, ich konnte sehen, daß sie den Tränen nahe war; das war allerdings noch vor den Ereignissen von Tilsit, die ihr dann wirklich beinahe das Herz gebrochen haben. Napoleon schien die Königin regelrecht zu hassen, weil es ihm nicht gelang, sie zu verachten, und weil er wusste, daß er niemals eine solche Frau sein eigen nennen könnte.)

Aber was Alexander im Schilde führte, war nicht leicht zu erkennen, und warum Preußen und Russland nicht endlich einen echten Pakt gegen Frankreich schlossen, das blieb vielen ein Rätsel. Mellendorf lieferte übrigens auch Informationen an die Russen, aber, wie er sagte, nur an bestimmte Stellen, von denen man annehmen konnte, daß sie im Interesse Preußens handelten.

Er wusste nämlich auch (sogar wortwörtlich), was die Königin über den russischen General Bennigsen geäußert hatte, der sich mit seinen Truppen offenbar eigenmächtig auf preußischem Territorium herumtrieb, sich zwar hier und da ein Scharmützel mit den Franzosen lieferte, der aber auf die Bitte hin, er möge sich dem preußischen Oberkommando unterordnen, gesagt haben soll: "Scheiß' auf diese bezopften Rübenhacker!"

Die Königin hatte sich über ihn empört, ihm verantwortungsloses Taktieren und Gewinnsucht auf Kosten Preußens vorgeworfen. Sie konnte jedoch den Zaren nicht dazu bewegen, seinen General zurückzupfeifen. Es sprach vieles dafür, daß Bennigsen - oder genauer gesagt: seine unterlassene Hilfeleistung schuld daran war, daß die Festung Danzig, wie zuvor schon Kolberg, vor der Grande Armée in die Knie gehen musste.

Mellendorf fand das Verhalten Bennigsens auch "ärgerlich". "Aber wir können es uns derzeit nicht erlauben, den Russen Vorschriften zu machen", sagte er, "wir haben bis jetzt schon so viele Opfer gebracht, und es hat uns vor nichts bewahrt. Ich will nicht sagen, daß ich meine letzte Hoffnung auf den Zaren und auf das innige Verhältnis zwischen ihm und unserer Königin setze, aber wenn uns Russland im Stich lässt, dann Gnade uns Gott."

Der König war nach Memel zurückgekehrt, er machte einen sehr geschwächten Eindruck. Dennoch gab es in der Stadt eine kleine Parade mit der königlichen Garde und mit der Familie mit ihrem bescheidenen Hofstaat. Die Memeler machten ein buntes Fest daraus, mit Blasmusik und Heringssalat, mit Spiel für die Kleinen und Vergnügung für die Großen. Als das Königspaar auf dem Umzug die Runde machte, jubelte ihm die Menge zu.

Ich stand an der Seite in vorderer Linie, und indem die Königin mich sah, kam sie auf mich zu, drückte mir die Hand und sagte, sie freue sich, mich wiederzusehen. Sie bat mich, die anderen zu grüßen - sie hatte sich alle Namen gemerkt! - "und auch den Jungen, der mir sein Pferd überlassen hat". Ich war so überrascht, daß ich ganz verdattert ausgesehen haben muss, denn die Leute neben mir lachten über mich. Die Königin sprang zurück zu ihrem Gemahl und ich hätte beinahe losgeschluchzt. Aber hinterher wurde mir bewusst, daß es auch wegen Etienne war, den sie in Gedanken behalten, ich dagegen sich selbst überlassen hatte.

Eine Woche nach dieser Parade traf die Nachricht von der Schlacht bei Preußisch Eylau ein. Als ich morgens in Mellendorfs Büro kam, war er schon seit vier Uhr auf den Beinen, und seine Leute waren unermüdlich damit beschäftigt, die eingehenden Meldungen auszuwerten. Als ich ihn ansprach, winkte er ab und sagte bloß "Jetzt nicht!" Er las eine Nachricht nach der andern, zog zwischendurch an seiner Zigarre. Er wirkte sehr konzentriert, aber auch angespannt, wie ich ihn vorher nicht erlebt hatte. Manchmal schüttelte er sachte den Kopf oder kratzte sich mit bedenklicher Miene an der Stirn. Nach einer Weile sagte er wie zu sich selbst "Das sieht gar nicht gut aus."

In den folgenden Tagen steigerte sich die Betriebsamkeit fortwährend. Es ging bald zu wie im Taubenschlag, ständig kamen neue Boten. Einige davon kannte ich und hatte schon öfter mit ihnen gesprochen, aber jetzt tauchten jede Menge neue Gesichter auf, auch etliche Unteroffiziere darunter, die von ihren Kommandeuren als Kuriere eingesetzt waren. Mellendorf hatte in einem Nebenraum zu essen und zu trinken für sie bereitgestellt, viele von ihnen waren Raucher, und Mellendorfs üblicher Zigarrenqualm vermengte sich mit allem möglichen anderen Kraut. Es war manchmal so laut und stickig, daß ich vor die Tür ging, um frische Luft zu schnappen. Selbst in der Nacht blieb das Büro besetzt. Ich half wo ich konnte, ich brachte etliche Depechen ins Hauptquartier im Fischereigebäude, wo es fast genauso hektisch zuging.

Die Kämpfe bei Eylau übertrafen an Härte und Grausamkeit alles, was ich von den bisherigen Kriegsereignissen gehört hatte. Die Berichte waren so erschütternd, die Einzelheiten so grässlich, daß ich sie nicht wiedergeben konnte, ohne sie abzuschwächen, aber in meinem Kopf blieben sie in aller Deutlichkeit hängen und waren mir auf Schritt und Tritt gegenwärtig.

Bei manchen der schriftlichen Meldungen klebte noch das Blut am Papier, und ich erlebte, wie einer der Kuriere, ein junger Fähnrich, einen Nervenzusammenbruch erlitt, nachdem er uns geschildert hatte, wie seine Kameraden neben ihm von einer Kartätsche zerfetzt wurden. Er selbst fand sich wieder mit den blutigen, stinkenden Eingeweiden eines anderen auf dem Leib; der Anblick seiner notdürftig gesäuberten Uniform bekräftigte auf abstoßende Weise seine Worte. Mellendorf ließ ihn sofort ins nahegelegene Lazarett schaffen, wo er behandelt wurde.

Die Russen feierten die Schlacht bei Eylau als Sieg, und in meinen Artikeln für die Zeitung schloss ich mich dieser Darstellung natürlich an. Doch die Franzosen nahmen das gleiche für sich in Anspruch, und in Wahrheit waren die Verluste auf beiden Seiten so gewaltig, daß keiner sich eine erkennbare Überlegenheit erkämpft hatte, alle Toten und Verwundeten, die zu beklagen waren, hatten sich geopfert für nichts und wieder nichts.

Die Russen wichen nach Osten aus, und es gab bei den Franzosen hohe Offiziere (Mellendorf nannte mir Berthier, Valmont und sogar Murat), die Napoleon zu überreden suchten, sich wenigstens bis zur Weichsel zurückzuziehen. Aber er ging nicht darauf ein. Er schickte seinen Adjutanten nach Memel, um dem preußischen König ein letztes Verhandlungsangebot zu machen. In den Stunden, als der Adjutant bei Friedrich Wilhelm war, verharrten wir in gespannter Unruhe im Büro. Es sah ziemlich wüst hier aus, und es sollte leider auch nur eine kurze Verschnaufpause sein. Als der König das Angebot Napoleons ablehnte, war klar, daß es bis zum bitteren Ende weitergehen würde.

Zwar konnten die Russen bei Heilsberg noch ein Gefecht für sich entscheiden (wobei der geschmähte General Bennigsen sich in Höchstform zeigte), doch wenige Tage später wurden sie bei Friedland vernichtend geschlagen. Zar Alexander wandte sich vom preußischen König ab und verhandelte mit Napoleon über einen Waffenstillstand. Damit war ihm auch Preußen ausgeliefert.

Die Verhandlungen sollten in Tilsit stattfinden, der Termin wurde zwischen Napoleon und Alexander vereinbart. Das preußische Königspaar (wie auch die Regierung) hatten sich praktisch eingeschlossen und waren für niemanden zu sprechen. Aber das Gerücht, sie hätten die Stadt mit einem der "Korallenkutter" verlassen, wurde mit ihrer eigenhändig unterzeichneten Erklärung dementiert.

Ich besuchte die Gräfin Voss, sie war in Tränen aufgelöst. Sie sagte mit halberstickter Stimme, sie würde lieber vorher sterben, als mitansehen zu müssen, wie der "gallische Wüterich" das Königspaar demütigen werde. Ich versuchte, sie zu trösten, ich sagte, selbst wenn es zu einer solchen schmerzvollen Szene käme, wäre ich felsenfest davon überzeugt, daß unsere Monarchen den moralischen Triumph davontragen werden. Die Gräfin lächelte matt. "Ach, Tandlop", seufzte sie, "Sie haben es gut, Sie haben immer Ihre erbaulichen Sprüche. Aber etwas zu erleben und etwas zu erleiden, das sind zwei verschiedene Sachen, und ich fürchte, ich bin dieser Schmach nicht mehr gewachsen."

Der Fluss Njemen, an dem Tilsit lag, war zur Demarkationslinie erklärt worden. Die Friedensverhandlungen zwischen Napoleon und Alexander, dem großen N und dem großen A, die dann überall symbolisch in den Adlerwappen prangten, sollten mitten auf dem Fluss geführt werden. Dazu wurde ein komfortables Floß gebaut. Ich begab mich nach Tilsit, um die Vorgänge zu beobachten. Ich fing auch wieder an, alles was ich sah, im Bild festzuhalten. (Krasnitsch hatte mir ein schönes Skizzenbuch geschenkt.) Ich habe von diesem berühmten Floß mehrere Ansichten gezeichnet, von denen insbesondere eine dann (als kolorierter Stich) in etlichen anderen Zeitungen nachgedruckt wurde, womit ich meinem Chef Zacharias Becker einiges an Lizenz Einnahmen verschaffte.

Auf dem Floß war das stabile Holzgerüst einer Halle errichtet worden, die mit Leinwand verkleidet war, auf welche man Dach und Fassaden in leuchtenden Farben aufgemalt hatte. Außerdem hingen rundherum Girlanden, und um die Halle führte eine Ballustrade, die nur an den beiden gegenüberliegenden Seiten unterbrochen war. Diese Eingänge, die wie ein geraffter Vorhang geöffnet waren, wiesen zu den beiden Ufern hin. Alles war sehr akkurat und stilvoll ausgeführt und eingerichtet. An genau abgezirkelten Stellen befanden sich die bereits erwähnten Wappen und Symbole der beiden Kaiser.

Auf zwei Booten näherten sich die Oberhäupter gleichzeitig dem Verhandlungsort. Aber Napoleons Marinegardisten waren die besseren Ruderer, und daher kam er als erster an. Er betrat die Halle, setzte seinen Hut ab, ging auf die andere Seite und nahm den Zaren in Empfang. Sie begrüßten sich sehr herzlich, niemand hätte bei dem Anblick vermutet, daß noch kurz zuvor ihre Soldaten sich im eigenen Blut gewälzt hatten.

Am Ufer standen die Generäle beider Armeen und hunderte Schaulustige, die den historischen Moment nicht verpassen wollten. Auch der preußische König wartete dort, still, abgemagert, mit in sich gekehrtem Blick; er wurde behandelt wie der Kapitän, der sein Schiff aus Dummheit hatte untergehen lassen.

Sie redeten wohl zwei Stunden miteinander, reichten sich danach für alle sichtbar die Hände und kehrten zum Ufer zurück. Französische und russische Hurra- und Jubelrufe erfüllten den Himmel über dem Njemen. Es folgten gemeinsame Unternehmungen, an denen die engsten Vertrauten der Herrscher teilnahmen. Der Prinz Murat, Napoleons genialer Feldherr, unterhielt sich aufs angenehmste mit dem Großfürsten Konstantin, dem Bruder des Zaren. König Friedrich Wilhelm wurde geduldet, doch man konnte deutlich sehen, daß Napoleon und Alexander lieber unter sich bleiben wollten. Ein kurzweiliges Manöver der französischen Gardejäger und der russischen Dragoner untermalte die neue Freundschaft; zum Schluss tauschten sie zum Zeichen der Verbrüderung ihre Mützen aus.

Währenddessen saß Königin Luise in Memel und musste zusehen, wie das preußische Vaterland in den Abgrund zu stürzen drohte. Mellendorf sagte mir, sie stünde mit dem König im "laufenden Kontakt" (es soll Kuriere gegeben haben, welche die Strecke in drei Stunden schafften). Die Gräfin Voss meinte, die Königin sei von ihrer Haltung gegenüber dem Zaren Alexander keinen Deut abgewichen, aber ihre Verachtung für Napoleon sei nur noch größer geworden, sie habe ihn "ein aus dem Kot aufgestiegenes höllisches Wesen" genannt.

Preußen verlor alle Gebiete westlich der Elbe, ebenso die Festung Magdeburg, das strategische Bollwerk zum Schutz von Berlin. Es musste fast zwei Drittel des ehemals polnischen Territoriums abtreten, wovon Russland (als Gnadengeschenk) einen Bezirk an seiner Westgrenze erhielt. Den größeren Teil vermachte Napoleon als "Großherzogtum Warschau" den Polen, die ihn so begeistert aufgenommen, sich aber wahrscheinlich noch mehr erhofft hatten; er setzte ihnen den Kurfürsten von Sachsen vor die Nase, den er vorher schon, als er sich von Preußen losgesagt hatte, zum König erhoben hatte. Er brummte Preußen unverschämt hohe Kontributionen auf, nachdem es bereits immense Summen für die Versorgung der Grande Armée aufwenden musste.

Es war vorauszusehen, daß Napoleon seinen Triumph über König Friedrich Wilhelm, der wie ein Versager dastand, genüsslich auskostete. Und nichts konnte ihm dieses Schauspiel noch süffisanter machen, als dessen Gemahlin, die Königin, deren Einflüsterungen der König so lange gehorchte, wie eine Beute vorzuführen, wie eine schöne Sklavin, die für alle seine erlittene Pein zugleich büßen und ihn entschädigen würde. Es genügte ihm nicht, Preußen um Land, Geld und seine Soldaten gebracht zu haben, er tat das, was die Sieger einer Schlacht schon seit Urzeiten denen angetan haben, die vor ihnen ihr Haupt beugen mussten: sich zuletzt auch noch ihrer Frauen zu bemächtigen und sie zu zwingen, ihnen willig zu sein.

Wahrscheinlich hätte sich Königin Luise niemals freiwillig in die Nähe Napoleons begeben, geschweige denn sich zu einer Begegnung bereiterklärt. Aber es schien im Umfeld des Königs Leute zu geben, die darin einen klugen Schritt sahen und der Meinung waren, die Königin könnte bei den Verhandlungen von Tilsit ihre ganze Attitüde gegen Napoleon in die Waagschale werfen, wenn schon ihr Gemahl nichts mehr zu sagen hatte.

Die Gräfin Voss jedoch, ohne daß sie Namen genannt hätte, glaubte, daß jene Männer bereit waren, Luise dem Kaiser "wie Luder dem Wolf" hin zu werfen, um ihn sein Mütchen daran kühlen zu lassen und die anderen dafür zu verschonen. König Friedrich Wilhelm schien in diesen schweren Stunden vollkommen paralysiert, er ließ sich tatsächlich dazu überreden, die Königin zu einem Treffen mit Napoleon zu beordern.

So kam es zu dem deprimierenden Auftritt, bei der Napoleon die Hand der Königin ergreift wie ein gehässiger Bräutigam, der die ungehörige Braut zum Altar zieht, während ihr wirklicher Gemahl, der König von Preußen, und ihr guter Freund, der Kaiser von Russland mit versteinerten Mienen daneben standen und dem widerwärtigen Akt tatenlos zuschauten.

Ich habe, wie viele andere, das Ereignis aus nächster Nähe verfolgt, aber ich versuchte, mich hinter den andern zu verbergen. Ich hätte, so sehr ich es wollte, nichts dagegen unternehmen können. Ich habe auch, ebenfalls wie etliche andere Korrespondenten, den entscheidenden Moment in einer Skizze festgehalten, und man kennt vor allem das Bild von einem französischen Journalisten, das (natürlich) im "Moniteur" erschien. Selbst darauf ist der endlose Schmerz im Antlitz Luises zu erkennen.

Ich konnte mich nicht dazu durchringen, meine Darstellung an Becker oder Krasnitsch zu schicken. Ich hatte mir die größte Mühe gegeben, die Königin mit ihrer unverletzbaren menschlichen Würde zu zeichnen, mit der sie die Misshandlung über sich ergehen ließ. Und dennoch schien mir, daß, selbst wenn es gelungen war, dieser Ausdruck nicht geeignet sei, einem Publikum überlassen zu werden, weil ich überzeugt war, sie hätte sich nichts mehr gewünscht, als diesen Augenblick aus ihrem Leben zu tilgen.

Zar Alexander ging danach zurück nach Petersburg. Seine Truppen blieben an der Westgrenze stationiert; General Kutusow wurde zum Oberbefehlshaber ernannt. Napoleon hatte verlangt, daß Russland sich unter die Kontinentalsperre verfügt. Doch Alexander erlaubte es englischen Handelsschiffen, unter neutraler Flagge russische Häfen anzulaufen. Außerdem erschwerte er die Einfuhr französischer Waren mit hohen Zöllen, was ihm die französischen Geschäftsleute übelnahmen. Im übrigen unternahm Alexander alles, um deutlich zu machen, daß Russland sich keineswegs unter napoleonische Aufsicht begeben habe. Es war nur eine Entscheidung am Rande, doch sie verfehlte nicht ihre Wirkung: als die Großfürstin Katharina Napoleons Heiratsantrag ablehnte.

Napoleon selbst eilte nach Paris, ließ sich wie die römischen Cäsaren als Imperator feiern und ging sofort daran, die Grande Armée, die in den aufreibenden Kämpfen sehr gelitten hatte, wieder auf Vordermann zu bringen und zigtausende neue Rekruten einzuberufen. Mir schien, er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Verstand verloren. In jenen Tagen war am Himmel der berühmte Halley'sche Komet zu sehen, und Napoleon glaubte, dieser "Stern" leuchte nur für ihn. Wahrscheinlich war er nicht der einzige mit derlei Wahnvorstellungen, aber er war der einzige, der sie in die Zeitung setzen ließ und den sie dazu trieben, fremde Länder zu verwüsten und ihre Bewohner auszurotten.

Das preußische Königspaar kehrte nach Berlin zurück. Friedrich Wilhelm hatte einsehen müssen, daß die preußische Armee auf dem Stand der Zeiten seines Großonkels keinen Blumentopf mehr gewinnen konnte. Er galt seit jeher als Uniform Fetischist. Die Gräfin Voss verriet mir, daß er, nach der schmählichen Niederlage, sich selbst seinen Zopf, das unantastbare Zeichen des wahren preußischen Soldatentums, abgeschnitten und seiner Gemahlin übergeben hatte, damit sie es vernichtet. Es war nur ein symbolischer Akt, doch die Gräfin Voss sah darin die "wiedergeborene Entschlossenheit" des Königs, sich selbst, seine Familie, sein Volk und sein Vaterland zu neuem Ansehen zu verhelfen.

Als die operative Regierung in Memel ihre Arbeit einstellte, wurde auch Mellendorfs Nachrichtendienst neu strukturiert. Seine Mitarbeiter wurden an andere Orte versetzt, die meisten nach Berlin. Er selbst blieb, er hatte bei den übergeordneten Stellen erreicht, daß sein Büro für eine bestimmte Frist noch bestehen blieb, er begründete seine Forderung damit, daß er für die Räumung Zeit bräuchte. In Wirklichkeit glaubte er, in wenigen Monaten würden sie ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Er sagte "Ich werde den Teufel tun, hier reine Bude zu machen, um mir nachher alles wieder mühsam zusammenzusuchen. Diesen Bürokraten da oben darf man kein Wort glauben, vor allem nicht, wenn sie von Reorganisation und Umstrukturierung sprechen. Da haben sie bloß Schiss, daß ihnen selbst der Stuhl weggezogen wird. Ich bleibe hier auf meinem Posten, solange die Sache nicht zu Ende ist." Und daß dieses Ende noch bevorstünde, davon war Mellendorf fest überzeugt.

Er ging davon aus, Napoleon habe sich nur Zeit verschafft, um seine Armee neu zu formieren. "Dieser Mann", sagte er, "hat sein Lebtag nichts anderes gemacht als Krieg zu führen und Schlachten zu schlagen, er ist eine blutrünstige Bestie, der es niemals in den Sinn kommt, sich mit jemandem auf Dauer zu vertragen." Ich sagte "Sie meinen, dieser Frieden hat keinen Bestand?" "Dieser Frieden, Tandlop", erwiderte er, "ist ein russischer Frieden, und den schließt man, wenn man nicht stark genug ist, einen Krieg zu gewinnen, aber auch nicht willens, ihn aufzugeben. Das ist eine Atempause, ein Schwebezustand, ein politischer status quo, den Napoleon nutzen wird, um alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, damit er im richtigen Augenblick losschlagen kann."

Er machte einen Zug von seiner Zigarre und fügte hinzu "Ich mache das hier jetzt schon eine ganze Weile, und ohne mich zu rühmen, kann ich doch sagen, daß ich gute Arbeit geleistet habe. Mein Stolz und mein gesunder Ehrgeiz verbieten es mir, alles Bisherige einfach in die Rinne zu kehren und mich mit einer hübschen Stelle im Ministerium abzufinden. Ich möchte es noch erleben, wie dieser Schweinehund seine schwarze Seele aushaucht."

Ich verfasste ein paar Artikel über die Rückführung der Regierung nach Berlin. Krasnitsch hatte unter dem französischen Gouverneur einige Repressionen zu erdulden, aber er war auf die Entwicklung nicht ganz unvorbereitet gewesen und er hatte in Königsberg noch genug gute Beziehungen, um seine Zeitung auch durch schwieriges Fahrwasser zu steuern. Auf seine patriotischen Pamphlete musste er allerdings vorläufig verzichten.

Ich verbesserte meine Russisch Kenntnisse. Am Anfang hatte mir Delaja ein paar Wörter und Sätze beigebracht, und mir gefiel die Sprache, ich fand sie klar im Ausdruck und geschmeidig im Klang. Seit den Ereignissen von Tilsit fand ich beinahe täglich Gelegenheit, mich darin zu üben. Bei Mellendorf verkehrten auch russische Kuriere, und besonders mit einem von ihnen führte ich manchmal eine Unterhaltung auf russisch, freilich nur über einfache Dinge.

An manchen Tagen ging ich zum ehemaligen Fischereigebäude, um dort einfach dazusitzen und aufs Meer zu schauen. Auch hier hatte man merkwürdigerweise den gewohnten Betrieb noch nicht wieder aufgenommen, als wäre man sich nicht ganz sicher, ob es bald wieder zum Hauptquartier umfunktioniert würde. Alles verharrte in der seltsamen, abwartenden Stimmung, die Mellendorf beschrieben hatte, und auch ich selbst war mir uneins, was ich weiterhin tun sollte.

Mellendorf präsentierte mir seine Waffensammlung (in einer Sandgrube probierten wir einige Modelle aus). Er fand meine alte Pistole so "herrlich altmodisch", daß er sie haben wollte und mir eine schöne neue dafür überließ. Ansonsten war er keineswegs untätig, es kamen ab und zu Kuriere zu ihm ins Büro, und er fing schon wieder an, Depechen zu schreiben und zu verschicken, aber er wollte mir nicht sagen, wohin.

Russland hatte Verbindung zu Schweden aufgenommen und an Frankreich die Forderung gestellt, es solle das Territorium von Schwedisch Pommern (und sogar die preußischen Gebiete) sofort verlassen. Mellendorf wusste auch, daß der treffliche General Scharnhorst sich in Petersburg aufhält, und daß Napoleon mit der allgemeinen Mobilmachung in den Rheinbundstaaten begonnen hatte.

Anscheinend war Mellendorf froh, jemanden bei sich zu haben, mit dem er sich unterhalten konnte, denn irgendwann verriet er mir sogar, Tschernitschew, der russische Botschafter in Paris, habe geheime Dokumente aus dem französischen Kriegsministerium beschaffen können, aus denen der Aufmarschplan Napoleons für einen Feldzug gegen Russland hervorging. (Gut möglich, daß diese Informationen über sein Büro weitergeleitet wurden.) Übrigens wurde der französische Beamte, der dies verraten hatte, kurz darauf wegen Landesverrat hingerichtet.

Schließlich war es soweit und in Mellendorfs Büro trafen zwei seiner Mitarbeiter aus früheren Tagen ein, die sich sogleich an die Arbeit machten. Sie hatten detaillierte Karten vom westlichen Teil Russlands mitgebracht, die an den Wänden befestigt wurden, und man war sich bald einig darüber, auf welchem Weg die Grande Armée nach Moskau marschieren würde. Denn so viel stand inzwischen zweifelsfrei fest: Napoleon hatte es auf die alte und ehrwürdige russische Metropole abgesehen, er wollte den Kreml erobern und Russland mitten ins Herz treffen.

Da geschah das Unfassbare. Aus Berlin kam die Nachricht, daß die Königin Luise während eines Aufenthalts im elterlichen Herrenhaus von Hohenzieritz infolge einer Lungenentzündung gestorben war. Ich ging zum alten Fischereigebäude, setzte mich auf einen Stein und musste mich ausweinen.

Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, kamen vorbei, das Mädchen fragte mich "Onkel, warum weinen Sie?" Ich sagte, ich hätte gerade erfahren, daß ein ganz lieber Mensch gestorben ist. "Das ist sehr traurig", sagte das Mädchen und streichelte meine Hand. Der Junge sagte "Schauen Sie mal: dieses Hündchen haben wir eben gefunden." Er hatte den kleinen Hund auf dem Arm, es war eine ziemlich bunte Mischung. Er setzte ihn auf den Boden, das Mädchen meinte "Wir wissen bloß nicht, wie er heißt." Ich sagte "Ich glaube, ich kenne diesen Hund, er heißt Baschka." Der Junge rief "Hast du gesehen, er hat auf den Namen gehört!" Der Hund wedelte mit dem Schwanz. Die beiden freuten sich. "Dürfen wir ihn behalten?", fragte das Mädchen, und ich wischte mir die letzten Tränen weg und erwiderte "Ja, wenn ihr gut auf ihn aufpasst."

Ich schrieb einen Brief an Herrn von Kleist, und zwar an die Adresse, die er mir gegeben hatte. Seiner Antwort war zu entnehmen, daß er sich mittlerweile in Berlin aufhielt, wo er eine Zeitung herausgab. Er lud mich ein, ihn zu besuchen, und ich folgte der Aufforderung. Beim Wiedersehen fielen wir uns in die Arme und gedachten unter Tränen der seligen Königin. Kleist hatte ihr noch kürzlich zu ihrem vierunddreißigsten Geburtstag ein Gedicht gewidmet. Er machte mir den Vorschlag, einen Ausflug nach dem Palais in Hohenzieritz zu machen, das an einem der Mecklenburgischen Seen lag, in jener Gegend, aus der Luise gebürtig war.

Das Haus machte einen verlassenen, aber unendlich friedlichen Eindruck. Es lag, abseits einer kleinen Siedlung in einem Park, der von zwei, drei Wiesenflächen, einigen Wäldchen und Hügeln sowie einem Bach durchzogen war. Die sterbliche Hülle der Königin war längst nach Berlin gebracht worden, und die Angehörigen hatten nicht länger an diesem bedrückenden Ort verweilen wollen. So kam es, daß jetzt lediglich ein alter, treuer Hausmeister mit ein paar Knechten und Mägden das Anwesen hüteten.

Die Leutchen waren sehr freundlich, und als Kleist sich als Dichter zu erkennen gab, sagte die Frau des Hausmeisters, daß sie die Königin seinen Namen habe nennen hören, was Kleist überwältigte und ihn spontan dazu bewegte, die gute Frau zu umarmen. Sie führte uns durch das Haus, und aus dem Obergeschoss hatte man einen herrlichen Ausblick über die sanfte Landschaft mit den Feldern, Wäldern und kleinen Dörfern, deren Kirchturmspitzen weithin zu sehen waren.

Wir wandelten wohl zwei Stunden im Park und gedachten all' der Verdienste, welche sich die Königin zum Wohle ihres Vaterlands errungen hatte. Wir lauschten andächtig einem munteren Vögelchen, das hoch in der Baumkrone sein Lied zwitscherte, als wäre es seine tägliche Pflicht, die Königin oben in ihrem Gemach damit zu erfreuen.

Wir besichtigten auch Luises Sterbezimmer, und es schien, als wäre noch immer ein Hauch ihrer Aura zugegen. Wir standen still, und ich sah, daß Kleist lautlos ein Gebet für sie sprach. (Mir kam der Anblick jener grandiosen Skulptur der beiden Prinzessinnen vor Augen, die ich einmal bewundern durfte.) Auf dem Boden lag eine weiße Rose vom Trauerschmuck, sie war schon verwelkt, hatte aber ihre Blüte behalten, die nun wie mit einem lichten, samtenen Schimmer überzogen war. Kleist hob sie vorsichtig auf und nahm sie behutsam an sich.

(Ich habe Herrn von Kleist später nur noch einmal wiedergesehen, als ich von Memel nach Thüringen zurück fuhr und in Berlin einen kurzen Zwischenaufenthalt machte. Seine Zeitung, die "Berliner Abendblätter" waren mit viel Erfolg gestartet, angeblich standen die Leser vor der Redaktion Schlange, um eine Ausgabe zu ergattern. Das lag zum großen Teil auch an den Polizeiberichten, die Kleist aus erster Hand bekam und quasi exklusiv veröffentlichen konnte. Leider hatte ihm sein eigentümliches störrisches und unduldsames Wesen abermals einen Streich gespielt. Er geriet mit dem Polizeipräsidenten in Streit, der ihm daraufhin die täglichen Rapporte versagte, worauf das Interesse des Publikums rapide nachließ, die Zeitung eingestellt wurde und Kleist auf einem Schuldenberg sitzenblieb, der ihn zu einem Offenbarungseid zwang. Ich hatte das alles nur hinter seinem Rücken erfahren, er selbst verlor kein Wort mehr darüber. Überhaupt war ihm anzusehen, daß er mit seiner Vergangenheit innerlich abgeschlossen hatte, und ich kann bis heute nicht genau sagen, ob mich dieser Anblick erschüttern oder beseligen sollte. Er hatte eine gleichaltrige Frau namens Henriette Vogel kennengelernt, mit der gemeinsam er vierhändig auf dem Klavier spielte, das war am Ende offenbar die einzige Beschäftigung, die ihm noch etwas bedeutete. Ich habe einem solchen Konzert im Hause Vogel beigewohnt, die beiden waren dermaßen der Welt entrückt, daß ich es sinnlos fand, Kleist auch nur mit einem stummen Blick meine Anwesenheit zu vermitteln. Auf dem Klavier stand in einer Vase aus Kristall die weiße Rose der Königin. Ich verließ die kleine Gesellschaft, ohne mich zu verabschieden. Ich kaufte in der Buchhandlung Reimer die zwei Bände mit Erzählungen, von denen Kleist seinerzeit in Falkenheide gesprochen hatte, und mir wurde klar, daß dies das künstlerische Vermächtnis des Heinrich von Kleist an die Nachwelt war.)

In Memel kam Mellendorfs Büro zusehends in Schwung, die alte Besatzung war fast wieder vollzählig. Napoleon war mit seiner neuen Grande Armée in einem ungeheuren Eilmarsch bis an die russische Grenze vorgerückt. Ohne formelle Kriegserklärung überschritt er den Njemen, jenen Fluss, auf dem der "russische Frieden" geschlossen und nun über Nacht gebrochen worden war, wie Mellendorf es vorausgesehen hatte. Er bot mir an, für ihn zu arbeiten, sein Honorar war verlockend. Ich war unschlüssig und überlegte, ich verspürte das heftige Verlangen, in meine gute alte Heimat zurückzukehren, und Mellendorf hatte dafür Verständnis.

Doch zu Hause wartete abermals ein schlimmes Unglück auf mich. Delaja hatte versucht, sich mit einem Rasiermesser ihres Großvaters die Pulsader aufzuschneiden, um ihr Leben zu beenden. Als ich in Merschkows Villa kam, lag sie halbaufgerichtet auf ihrem Bett, mit einem dicken Verband am linken Unterarm und dunklen Schatten unter den rotgeweinten Augen.

Ihre Mutter war bei ihr. Delaja begrüßte mich mit einem gezwungenen Lächeln und versuchte, ihre Qualen zu unterdrücken. Ihre Mutter sah sehr attraktiv aus, sie duftete unwiderstehlich, sie gestikulierte wild mit ihren entzückenden, elfenbeinfarbenen Händen mit den dezent bemalten Fingernägeln, doch sie war von der Situation völlig überfordert.

Sie rief "Ach, Herr Tandlop, was soll ich nur tun! Delaja will nicht mit uns gehen. Sie kann doch unmöglich hier bleiben, Sie sehen ja, was geschieht, wenn keiner auf sie aufpasst. Delaja! Täubchen! Mein Schatz! Komm' mit uns!" Delaja schaute geradeaus ins Leere. Sie schneuzte sich in ihr Taschentuch und seufzte und schwieg, die Tränen wollten nicht versiegen.

Ich fragte "Was ist passiert?" "Erzähl' es ihm", sagte die Mutter, und Delaja schüttelte trotzig den Kopf. Da meinte die Mutter "Ich lass' euch einen Augenblick allein." Und zu mir: "In Gottes Namen! Überreden Sie mein Engelchen, mit uns zu gehen! Ich bitte Sie!" Sie verschwand auf Feensohlen. Ich setzte mich auf die Bettkante, Delaja zog die Beine heran. Aus irgendeinem Grund hatte ich eine Ahnung.

Ich fragte "Hat dir jemand das Herz gebrochen?" Sie schwieg, dann schneuzte sie sich. Sie nickte. "Wer war es?" "Frnzaubch", nuschelte sie. "Wer?" "Franz Aubrich, wenn Sie's genau wissen wollen." "Franz Aubrich? Etwa der, der dich schon einmal ...?" "Schreien Sie nicht so!" "Du hättest dir lieber in dein anderes Ohr auch eine Kerbe schneiden sollen", sagte ich aufgebracht, "das hätte ihn vielleicht abgehalten und dir weniger geschadet." Sie ließ einen schmerzlichen Lacher los, und gleich kamen neue Tränen nach. Sie sagte "Ich war selbst dran schuld, ich habe mich benommen wie ein Idiot." "Du wolltest ihn zurückholen?" "Ja." "Und er hat so getan, als würde er dich doch mögen." "Es lief alles so gut", schluchzte sie, "wir haben uns geküsst und ... ich war so glücklich und ... haben Sie vielleicht ein Taschentuch?" Ich gab es ihr, sie schneuzte sich gründlich, dann sagte sie "Ist das eins von mir?" "Ja, das hast du mir irgendwann mal gegeben." "Schleppen Sie das immer mit sich rum?" "Ja, in der Fremde. Ich kam noch nicht dazu, es herauszunehmen. Soll ich mir den Kerl mal vorknöpfen?" "Bloß nicht!", rief sie, "Sie würden sich unglücklich machen, und ich wäre auch noch da dran schuld. Außerdem ist es der Mistkerl nicht wert." "Nein, das ist er wahrhaftig nicht."

"Sie hätten nicht einfach weggehen dürfen, Karl! Warum sind Sie einfach weggegangen!" "Ich hatte ..." "Und Etienne haben Sie auch einfach zurückgelassen! Wir sind doch keine verdammten Koffer, die man irgendwo stehenlässt" "Ich ..." "Ja Sie! Sie! Sie denken immer nur an sich!" Sie schneuzte sich wieder. "Ich hätte Sie so dringend gebraucht. Und Etienne hat gesagt, ohne Sie wird er wahrscheinlich den Franzosen direkt in die Arme laufen, aber er wollte ja nun mal zu seinem ... seinem Bruder." Sie schüttelte die Faust mit dem zerknüllten Taschentuch gegen mich. "Sie haben hier ein gewaltiges Unheil hinterlassen, Karl, das muss ich Ihnen mal ganz deutlich sagen! Und jetzt ist auch noch mein Großvater weg."

"Wie, dein Großvater ist weg?" "Na, haben Sie ihn etwa hier gesehen?" "Jetzt hör' auf zu schimpfen und sag' mir was los ist." "Sprechen Sie mit Papa." "Wo ist er?" "Draußen." Ich erhob mich und wollte ihn suchen, Delaja sagte "Haben Sie auch noch das Kreuz, das ich Ihnen geschenkt habe?" "Ja, hab' ich. Hat mir Glück gebracht." "Dann ist bei Ihnen ja alles in Butter", sagte sie sarkastisch und wischte sich die Tränen weg.

Ich fand ihren Vater hinten beim Kornhaus. "Man hat hier eingebrochen", sagte er fast ohne mich zu begrüßen. "Fehlt etwas?", fragte ich und merkte gleich, wie töricht das war. "Woher soll ich das wissen. Ich denke, Sie haben für Nikolai Davidowitsch gearbeitet." "Zeitweise." Wir gingen hinein und sahen uns um. Ich fragte "Was ist mit ihm geschehen?" "Er ist weg." "Seit wann?" "Seit einer Woche." "Wie ist das mit Delaja passiert?" "Sie hat sich den Arm aufgeschnitten, aus Liebeskummer, Gott sei Dank hat sie die Schlagader nur gestreift." "War sie allein?" "Delaja hat so laut geheult, daß Marianne es gehört hat. Sie hat sie gleich verarztet und Marius zum Doktor geschickt. Der hat die Wunde desinfiziert und ihr ein Beruhigungsmittel gegeben."

"Da war ihr Großvater schon nicht mehr da?" "Seit zwei Tagen oder so, aber sie haben ... wir haben uns nicht gleich Sorgen gemacht, er war ja manchmal unterwegs. Was meinen Sie, es sieht ganz schön leer aus hier?" "Er hatte schon vieles weggeschafft." "Wohin?" "Das hat er auch mir nicht verraten." "Hm. Hauptsache, er weiß es selbst noch." "Was vermuten Sie, wo er sein könnte?" "Ich habe keine Ahnung. Er hatte vor Jahren mal ziemlich hohe Schulden, da hatte er sich verspekuliert, da war er auch für eine Weile abgetaucht. Aber in letzter Zeit ging es ihm doch gut?"

Ich hatte das alles noch nicht ganz verarbeitet, ich fragte "Zu was will Ihre Frau Delaja überreden?" "Daß sie mit uns mitkommt, nach Apolda. Ihr Bruder Marius ist schon dort, wir haben extra ein Hausmädchen eingestellt und für Delaja einen Lehrer, zumindest für die nächste Zeit, bis sie wieder obenauf ist." "Es scheint, daß sie hierbleiben will." "Sie kann doch nicht hierbleiben! Was soll sie denn allein hier in dem Riesenhaus. Da kommt sie bloß auf dumme Gedanken, niemand könnte das verantworten. Es ist so schon schlimm genug." "Ja, da haben Sie recht."

"Haben Sie mit ihr gesprochen?" "Ja, kurz." "Mit meiner Frau auch?" "Ja. Wenn Sie wollen, kann ich nochmal mit Delaja reden." "Ja, wenn sie immer noch bockig ist." Er schien zu überlegen, dann sagte er "Ich weiß nicht, wie er sich das vorgestellt hat. Sollen wir jetzt die Polizei nach ihm suchen lassen? Und uns um die Kinder kümmern. Und vielleicht auch noch hier alles bewachen? Oh, mein lieber Schwiegervater, der lebt manchmal in einer anderen Welt. Da in seinen Bildern, da geht alles nur bis zum Rahmen. Aber in der Wirklichkeit, da geht es bis wer weiß wohin."

Ich sagte (und es war sicher vorschnell, aber ich konnte es nicht zurückhalten) "Würde es Ihnen helfen, wenn ich versuche, etwas herauszubekommen?" Er schaute mich an, ich konnte sehen, daß ihm das alles wirklich schwer zu schaffen machte. "Das wäre sehr nobel von Ihnen. Aber was würden Sie als Gegenleistung dafür verlangen?" "Nichts. Ich würde Ihrer Familie einen Gefallen tun." "Oh ja. Delaja hat immer von Ihnen geschwärmt", sagte er. Ich entgegnete "Ich habe vielleicht nicht genug getan, um dieses ... Unglück zu verhindern, das könnte ich wiedergutmachen." "Und wie verbleiben wir hiermit?" "Lassen Sie ein neues Schloss anbringen. Soweit ich das überblicke, ist hier nichts Wertvolles mehr zu holen." "In Ordnung."

Wir gingen nach vorn. Delajas Mutter hatte sie so weit gebracht, daß sie ein paar Sachen von sich einpackte, die sie mitnehmen würde, aber dann war sie in Merschkows Arbeitszimmer verschwunden. Sie saß, hineingerutscht, in seinem großen Stuhl, die Arme auf den Lehnen. Sie hatte sich umgezogen, sie trug ein schönes rosafarbenes Kleid, das ihren ganzen Ausdruck aufzuhellen schien. Aber ihre Miene war sehr besorgt.

"Was hat Papa gesagt?", fragte sie mich. "Er möchte, daß du mit deinen Eltern mitgehst. Ich glaube auch, das ist das Beste für dich." "Was denken Sie, wo mein Großvater ist?" Ich schüttelte den Kopf. Ich fragte sie "Hast du gar nichts mitgekriegt?" "Nein. Ich hatte selbst genug Probleme." "Ja. Ist es wieder besser geworden?" "Ein bisschen."

Ich fasste ihre Hand und war sehr froh, daß sie es geschehen ließ. Ich sagte "Delaja, kannst du mir versprechen, daß du nie wieder so etwas tun willst?" "Was meinen Sie?" "Uns alle so verlassen zu wollen." Sie schaute mich an. "Wenn Sie mir auch was versprechen." "Was?" "Daß Sie mir meinen Großvater zurückbringen." "Ich habe mit deinem Vater schon darüber gesprochen." "Und?" Ich schwieg und dachte einen Moment nach. "Es muss mit irgendwas wegen diesem ... diesem französischen Kunsträuber zusammenhängen." "Da waren mal Leute hier, die haben sich nicht gerade nett mit ihm unterhalten." "Franzosen?" "Ja, unter anderen." "Und zu dir hat er nichts gesagt?" "Wollte er nicht." "Das heißt, du hast ihn angesprochen." "Mensch, Karl! Kann ich was dafür, wenn er alles für sich behält."

Ich merkte, daß sie Merschkows Verhalten innerlich verletzt hatte, sie fühlte sich auch noch von ihm zurückgewiesen. Ich sagte, das habe er ganz bestimmt nur getan, um sie nicht in Gefahr zu bringen, im Grunde hatte er sich schützend vor sie gestellt. Sie schwieg. Dann richtete sie sich in Merschkows Lehnstuhl auf und sagte "Er hat da was hinter die Bücher gesteckt, einen Umschlag." "Hinter welche?" "Dort, nee, eins weiter oben." "Hier, hinter die Enzyklopädie? Ja, da ist was. Soll ich es herausnehmen?" "Sie können auch erst ein Lied singen", brauste sie auf.

Es war ein brauner Umschlag von der Größe eines Briefkuverts, aber viel dicker. Ich legte ihn vor ihr auf den Schreibtisch. "Öffne du ihn." "Rufen Sie Papa." Ich tat es. Wir sagten ihm, wo es versteckt war. Er fragte seine Tochter "Und woher weißt du das?" "Er hat es mir gesagt." "Warum hast du nicht ..." "Wir sollten ihn einfach mal aufmachen", schlug ich vor. "Ja, natürlich", sagte er und öffnete mit leicht zitternden Fingern längs eine Kante.

Es befand sich ein Bündel Geldscheine darin. Er blätterte sie durch, es war eine ziemlich große Summe. "Er hat gesagt, das wäre für Marius und für mich, falls er ... falls er mal nicht mehr ..." Sie war wieder den Tränen nahe. Ihr Vater legte das Geld beiseite und versuchte sie zu beruhigen. "Ist schon gut, mein Liebes, alles wird gut." Da wurde mir klar, daß nicht nur der gemeine Franz Aubrich der Auslöser für ihre Verzweiflungstat gewesen war.

Sie sagte "Was machen wir jetzt damit?" Ihr Vater meinte zu mir "Herr Tandlop, wenn Sie dafür Geld benötigen, so könnten wir das hier nehmen." "Wenn Sie wofür Geld benötigen?", fragte sie. "Er will deinen Großvater wiederfinden, mein Liebes." "Dann ist das abgemacht?" Ich sagte "Ja, ich werde es versuchen." Delaja schob den Lehnstuhl zurück und stand auf. Sie umarmte mich und gab mir einen Kuss auf die Wange, den ich noch lange spüren konnte.

Ich fuhr nach Hause. Meines Erachtens gab es zwei Möglichkeiten, was mit Merschkow passiert sein konnte: entweder der Kunsträuber Dominique Vivant Denon (der Merschkow ja von früher her kannte) hatte ihn gezwungen, ihn nach Moskau zu begleiten, um sich seiner einschlägigen Kenntnisse zu bedienen. (Ich hatte längst die Vermutung, Merschkow kenne sich in den Schatzkammern des Kremls bestens aus, einige beiläufige Bemerkungen hatten mir das mehrmals verdeutlicht.)

Oder Merschkow war nach Moskau unterwegs, um ebenjene Schätze vor dem Zugriff der Franzosen schützen zu helfen. Womöglich ging es auch um die heilige Ikone der Gottesmutter aus dem Besitz der Großfürstin Maria Pawlowna; es war nicht auszuschließen, daß Merschkow den Auftrag bekommen hatte, sie nach Moskau zu bringen, damit sie den Moskowitern im Kampf gegen den Feind beistehen werde. Deshalb hatte er wohl auch zu niemandem ein Sterbenswörtchen gesagt.

Ich wünschte, der Leutnant Gradenecker wäre da gewesen, um mir einen Rat zu geben, wie ich vorgehen sollte. Mein Chef Zacharias Becker sagte, es wäre nutzlos, den Franzosen "hinterher zu reisen", ich müsste vielmehr zusehen, daß ich vor ihnen in Moskau ankomme. Bei dem Gedanken, mich auf eine so lange Fahrt zu begeben, ohne zu wissen, wie ich es eigentlich anstellen sollte, Merschkow zu finden, ja nicht einmal zu wissen, wo ich ihn suchen müsste, sank meine Entschlossenheit auf den Nullpunkt. Doch ich hatte es Delaja versprochen! Würde ich mich jetzt heimlich aus dem Staub machen, könnte ich ihr niemals mehr gegenübertreten, womöglich wäre ich daran schuld, wenn sie noch einmal versuchte, sich umzubringen.

Becker fragte mich, ob ich Geld bräuchte, ich erwiderte, Delajas Vater hätte mich mit genügend Mitteln ausgestattet. "Dann sollten Sie aufbrechen", sagte er und legte die Hand auf meine Schulter, "Ihre Freunde verlassen sich auf Sie. Und ich weiß, daß Sie es schaffen werden. Nur, seien Sie vorsichtig! Spielen Sie nicht den Helden. Ich möchte Sie wiedersehen!"

Ich packte meine Ausrüstung zusammen, die nach den Erfahrungen, die ich damit gemacht hatte, auf ein Minimum beschränkt war, ich brachte alles in einem großen Seesack unter, den ich am Riemen über der Schulter tragen konnte. Ich machte nicht wie beim ersten Mal den Fehler, mich durch die polnische Einöde zu kämpfen, sondern fuhr auf direktem Weg bis zur Oder, fand einen Frachtkahn, der mich bis an die Mündung mitnahm und überlegte schon, ob ich auf der See bis an den Njemen gelangen sollte, aber die Straßen an der Küste waren gut und wurden bevorzugt, wodurch ich zügig vorankam und in dem Verkehr nicht weiter auffiel. (Dagegen wurden die Häfen wegen der Kontinentalsperre streng kontrolliert.) Um die großen Städte machte ich allerdings einen Bogen.

Als ich nach Wilna kam, erfuhr ich, daß die Grande Armée vor einer Woche durchmarschiert war. Ich folgte ihr auf den Fersen bis Witebsk, ohne ihren Vorsprung zu verkürzen. In Witebsk begann die große Sommerhitze, und ich war bereits so erschöpft, daß ich kaum mehr Kraft hatte, mit meinem Gepäck auf dem Buckel weiterzulaufen. Napoleon hatte sich durch nichts aufhalten lassen, ja, er hatte dabei sogar die Russen vor sich hergetrieben wie eine Schafherde. Einige kleine Scharmützel konnten seinen Truppen ihm nichts anhaben.

Auf dem Weg nach Smolensk brach ich vor Durst und Schwäche zusammen. Ich konnte mich gerade noch bis zu einem Dorf schleppen, wo mich ein barmherziges Großmütterchen buchstäblich vom Wegesrand auflas und ihrem Enkelsohn, einem kräftigen Burschen namens Wanja befahl, mich in ihr Häuschen zu tragen. Ich versuchte, mich mit meinem dürftigen Russisch mitzuteilen, sagte, wer ich sei und wohin ich wollte, und Großmütterchen nickte gütig und murmelte etwas in einem unverständlichen Singsang.

Hinter dem Häuschen war ein Schuppen und dahinter ein Stall, und irgendwo dazwischen gab es eine Kammer mit einer Bettstatt, wo ich wie leblos niedersank. Die Hühner wackelten um mich her, und Wanja stand draußen auf dem Hof und gabelte Mist auf einen Karren. Ich bekam Fieber und fiel in Schlaf, der wohl einige Stunden dauerte.

Als ich zwischendurch aufwachte, sah ich Wanja draußen auf dem Hof, wie er mit einem Mann sprach, der eine Uniform trug, die so seltsam anmutete, daß ich das Ganze für einen Traum hielt. Am nächsten (oder übernächsten?) Tag kam Großmütterchen mit einer Schale mit Sauermilch und Schwarzbrotstücken, und das war so erfrischend, daß ich mich gleich besser fühlte. Ich kam rasch wieder zu Kräften und schaffte es bis Smolensk, wo die Franzosen ein Hauptquartier eingerichtet hatten, um von hier den entscheidenden Angriff auf Moskau zu organisieren.

Ich schaute mir das Treiben um das Hauptquartier herum eine Weile an und versuchte herauszufinden, ob auch die französischen Kunsträuber bei dem Zug dabei waren und sich eventuell hier aufhielten, doch das war von außen schwer einzuschätzen. Ich beschloss, in die Höhle des Löwen zu gehen und mich ganz unverfänglich danach zu erkundigen. Ich dachte, wenn ich einen gewissen Namen nennen würde, könnte ich zumindest an ihrer Reaktion erkennen, ob ich hier richtig lag.

In dem Moment, als ich hineingehen wollte, zupfte mich ein barfüßiger Junge am Ärmel und hielt mir einen Zettel hin, auf dem etwas in Russisch geschrieben stand. "Was ist das?", fragte ich ihn, und er machte mir daraufhin begreiflich, es sei von großer Wichtigkeit. Ich musste annehmen, daß er es ernst meinte, denn warum sollte er mir einen Streich spielen wollen? Doch ich konnte die Botschaft nicht entziffern.

Da fiel mir ein, daß mich mein Gepäck im Hauptquartier nur behindern würde, womöglich wollte man es auch durchsuchen, und da mir der Junge einen vertrauenswürdigen Eindruck machte, versprach ich ihm einen Rubel Lohn, wenn er auf meinen Seesack aufpasste. Er verstand sofort, und ich verwies ihn an eine Stelle auf der anderen Seite des kleinen Platzes, er schleppte den Sack hinüber und gab mir ein Zeichen, daß er da auf mich wartete.

Ich fand einen Sekretär, der offenkundig im Namen des Gouverneurs für alle möglichen Bittsteller als Amtsperson fungierte. Mein Französisch war mittlerweile ganz passabel, aber er hörte sofort heraus, daß ich Deutscher war. "Woher kommen Sie, Monsieur?", fragte er mich. "Aus Weimar", sagte ich in der Annahme, er würde es kennen und fügte hinzu "seine Majestät, le Empereur, hatte dort mit der Herzogin von Sachsen Weimar eine Unterredung." Er sah mich wenig beeindruckt an. "Und nun?" "Und nun was?" "Was wollen Sie mir damit sagen?"

"Nichts weiter. Ich habe lediglich Ihre Frage beantwortet. Im übrigen", sagte ich schnell, "würde ich gern wissen, ob sich der Monsieur Vivant Denon hier aufhält." "Monsieur Dominique Vivant Denon?" "Ja, der Generaldirektor des Musée Napoleon." "Was wollen Sie von ihm?" "Ich möchte ihm eine Nachricht von Nikolai Davidowitsch Merschkow überbringen." Er sah mich prüfend an. "Ich denke, es ist dringend", betonte ich. "Warten Sie hier", sagte er, "Emile, behalten Sie den Herrn im Auge." Er verschwand hinter einer Tür, und eine Weile später kam er zurück in Begleitung eines Mannes im dunklen Anzug mit sehr kultiviertem Äußeren.

Ich muss gestehen, daß ich augenblicklich nicht wusste, was ich sagen sollte, ich spürte, wie mir das Herz in die Hosen rutschte. "Worum geht es?", fragte er mich, ohne sich vorzustellen. Ganz mechanisch zog ich den Zettel, den mir der Junge anvertraut hatte, hervor und gab ihm dem Mann, der auf den zweiten Blick eine gewisse Nervosität offenbarte. Er schaute darauf, und um seine Augen zuckte es, er sagte "Was steht da? Ich kann kein Russisch."

Er war kein Franzose, soviel stand fest, er war ein Deutscher. Auch auf die Gefahr hin, daß ich mir damit selbst schadete, sagte ich "Bei allem Respekt, diese Nachricht ist für Monsieur Vivant Denon bestimmt, nicht für Sie, Herr Lischmann." Ich konnte deutlich sehen, wie ihm ein "Woher wissen Sie, wer ich bin?" auf der Zunge lag, doch er beherrschte sich mit scheinbar gleichgültiger Miene. "Ich werde es ihm geben."

Ich entgegnete "Nikolai Davidowitsch Merschkow meinte, ich sollte mich persönlich davon überzeugen, daß der Monsieur es bekommt." Lischmann sah mich fast drohend an. "So? Möchte er das? Und wo ist er überhaupt?" "Das kann ich bedauerlicherweise nicht preisgeben." Er wurde zornig, er bemerkte wohl mein falsches Spiel, dennoch hatten ihn meine Worte beunruhigt.

Er behielt den Zettel und gab dem Wachtposten den Befehl "Emile, führen Sie diesen Herrn in das 'Café Nuit'!" "Was ist dort?", fragte ich und ahnte nichts Gutes. "Das werden Sie schon sehen", erwiderte Lischmann, und Emile kam auf mich zu. Ich sprang zur Seite und wollte durch die Tür entkommen, aber Emile war äußerst reaktionsschnell, versetzte mir einen Stoß mit dem Gewehrkolben und einen Schlag auf den Schädel, von dem ich betäubt zusammensackte.

Als ich zu mir kam, glaubte ich, in eine Räuber Operette geraten zu sein. Ich saß in einem engen Kellerraum, hinter einer massiven Gittertür und sah jenseits davon im Fackelschein zwei Soldaten, die auf wackligen Klappstühlen an einem provisorischen Tischchen saßen und Karten spielten, ihre Gewehre lehnten zwischen den Knien. Ich rief ihnen etwas zu, doch sie würdigten mich keines Blickes.

Ich strengte mich an, damit mir alle französischen Schimpfwörter wieder einfielen, die ich gelernt hatte, und überhäufte sie damit, bis einer von ihnen aufstand, an das Gitter kam und sagte "Sacré cochon d'Allemagne! Wenn du was zu futtern kriegen willst, dann halt' die Fresse!" "Ich will nichts zu futtern, ich will 'raus hier", rief ich ihm entgegen.

Sie spielten stundenlang Karten. Irgendwann war Wachwechsel und zwei andere kamen, die unverzüglich das liegen gebliebene Blatt aufnahmen und weiterspielten. Dann merkte ich, was er gemeint hatte: mein Magen fing an zu knurren und ich verspürte bald einen schier schmerzhaften Hunger. (In der Dunkelheit des Kellers verlor ich allmählich mein Zeitgefühl.)

Ich stellte fest, daß um die Ecken nach beiden Seiten weitere Kerkerzellen waren, in einigen schienen ebenfalls Gefangene zu sitzen, ich konnte sie hören, als sie laut fluchten. Ich hörte auch, wie die Gittertüren auf- und zugeschlossen wurde. Ich verlangte nach etwas zu essen und zu trinken, aber die Wachleute ließen sich damit Zeit, wahrscheinlich hatte ich sie schwer beleidigt.

Ich war am Verhungern. Schließlich flehte ich sie an, und nach einiger Zeit kam ein Bursche, der mir eine Schüssel mit Suppe aus Gerstengraupen brachte, über die ich mich gierig hermachte. Erst viele Stunden später kam er wieder. (Meine Notdurft musste ich in einen Eimer in der Ecke machen.) Es gab die gleiche Graupensuppe. Der Soldat stand daneben und hielt das Gewehr im Hüftanschlag, er redete mit seinem Kameraden.

Der Bursche steckte mir einen Kanten Brot zu, er flüsterte "Sind Sie Karl Tandlop?" Ich verstand nicht. "Was?" "Pssst! Sind Sie Karl Tandlop?" Ich nickte und antwortete leise ja. "Was gibt's da zu quatschen!", rief der Soldat. "Nichts. Er sagt, an der Suppe fehlt das Gewürz." Der Soldat lachte höhnisch. "Soll er sich's von den Füßen schaben!"

Dreimal wechselte die Wache, ohne daß der Bursche mit Suppe kam, aber nebenan schienen die Gefangenen versorgt zu werden. Trotz des Hungers wurde ich schläfrig, ich glaubte, allmählich meinen Geist aufzugeben. Da schreckte ich hoch, als bei der Wache etwas vorging. Ich traute kaum meinen Augen. Ich sah, wie zwei Männer die Soldaten überwältigten, einer davon war jener komisch Uniformierte, den ich bei Großmütterchen auf dem Hof gesehen hatte, der andere war jünger und schmächtiger, er sah aus wie ein Schusterjunge.

Durch ihren Überraschungsangriff machten sie die beiden Wachtposten schnell fertig, sie lagen am Boden und streckten alle viere von sich. Der Junge schnappte sich die Schlüssel, kam an das Gitter und machte es auf. Ein Schauer durchfuhr mich, als ich sein Gesicht sah, ich rief "Delaja! Was zum Teufel ..." "Reden Sie nicht, Karl! Kommen Sie raus da!"

Ich war nicht mehr gut auf den Beinen, der andere stützte mich bei den ersten Schritten. "Geht schon", sagte ich, "wie habt ihr mich gefunden?" "Später", sagte Delaja, und ich hörte fast ihr Herz vor Aufregung pochen. Ich konnte es nicht fassen. Der andere sagte etwas auf russisch zu Delaja, und sie antwortete. Ich fragte sie "Wer ist das?" "Das ist Hauptmann Nikitin von der Sechsten Russischen Widerstandsarmee." "Wahnsinn!", rief ich, und Delaja warf mir einen Blick zu, ob mit mir alles stimmte.

Wir schafften es die Treppe hoch, raus aus dem Keller und dem Gebäude, ohne auf Wachen zu stoßen. Draußen dämmerte der Morgen. Der Hauptmann zerrte mich um die Ecke, und wir rannten eine Gasse entlang, bogen nach links ein, nach rechts ein, immer Delaja nach, die vorneweg lief. Endlich schlüpften wir in einen Hauseingang, durch einen Flur bis zum Hinterhof, und dort standen drei Pferde, und unter einem Vordach saß der Junge mit meinem Seesack. Da war eine Bank, und wir ließen uns alle drei nieder, um Atem zu schöpfen.

Ich war noch so bedeppert, daß ich Delaja fragte "Hast du zu Hause Bescheid gesagt?" "Vielleicht bedanken Sie sich erstmal bei Hauptmann Nikitin", erwiderte sie, "ohne ihn wären Sie in dem Loch verschmachtet." Ich stand auf und ging zu ihm, und er stand auch auf, und wir umarmten uns, und ich sagte danke, und wir klopften uns unzählige Male auf den Rücken.

Delaja berichtete, wie sie in Smolensk beim Hauptquartier nach mir Ausschau gehalten, und wie der Hauptmann sie dabei bemerkt und angesprochen hatte. Ich sagte, ich hätte den Hauptmann bei Großmütterchen auf dem Hof gesehen, dachte aber, es wäre Einbildung. "Sie haben wohl im Schlaf einen Haufen Zeug geredet", sagte Delaja, "wie Sie Moskau vor Napoleon retten wollen und all' das. Offenbar auch von mir. Großmütterchen hat den Hauptmann herbeigeholt, der dort gerade den Widerstand gegen die Franzosen organisierte." "Dann war der Zettel von ihm?" "Ja. Und er hatte gesehen, daß man Sie in den Keller brachte."

Hauptmann Nikitin sagte etwas. "Er meint, wir sollten uns aufmachen." "Wohin?" "Richtung Galinkovo. Der Hauptmann hat eine Karte." "Jetzt sag' mir erst, ob sie zu Hause wissen, daß du ..." Sie erhob sich, sie hatte richtige Schusterjungen Sachen an, mit derben Hosen und festen Schuhen und einem Hemd mit Weste drüber, und sie hatte eine Ballonmütze auf dem Kopf, die sie ganz tief in die Stirn ziehen konnte. Sie sagte "Wenn wir meinen Großvater gefunden haben, erzähl' ich Ihnen alles, was Sie wissen wollen, Karl! Jetzt haben wir keine Zeit dafür. Kommen Sie!"

Ich gab dem Jungen fünf Rubel, und er war drauf und dran, mir die Hand zu küssen. Die anderen hatten ihr Gepäck schon auf den Pferden, ich lud meins auf. Wir ritten auf der Rückseite des Hofs hinaus, und nachdem wir an ein paar Häuschen und Hütten vorbei waren, erreichten wir offenes Gelände. Die Sonne stand bereits über dem Horizont, und Hauptmann Nikitin hatte es sehr eilig, nach Galinkovo zu kommen.

Natürlich war ich heilfroh, aus dem Keller heraus zu sein, aber jetzt musste ich auf Delaja aufpassen. Ich hätte schwören können, daß sie auf eigene Faust losgezogen war, und zu Hause würden sie vor Kummer und Sorge schier verzweifeln. Wenn mit ihr etwas passierte oder wenn wir Merschkow nicht finden würden, wäre ich gezwungen, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen.

Ich dachte: zum Glück haben wir den Hauptmann dabei, der anscheinend wusste, was zu tun sei. Delaja übersetzte, wenn ich etwas nicht verstand. Er wollte tatsächlich die Franzosen in einen Hinterhalt locken und niedermachen. Ich fragte ihn, ob dies nicht angesichts ihrer Überlegenheit an Soldaten und Waffen ein aussichtsloses Unterfangen sei, doch er wischte meine Bedenken mit entschiedener Geste hinweg: der "glutäugige Koloss namens Napoleon", sagte er mit einem Ausdruck der Vorsehung in seinem Blick, werde spätestens in den "heilignüchternen Fluten der Moskwa" zerspringen "wie ein erhitzter Topf im kalten Wasser". Der Hauptmann fühlte sich als würdiger Nachfolger des ruhmreichen Alexander Newski, der ebenfalls einen bestens ausgerüsteten Gegner bezwungen hatte.

Als wir in einem Wäldchen Rast machten, und er seine "Generalskarte" ausbreitete, wurde mir ganz mulmig zumute, als ich sah, worauf wir uns da einließen. Diese Karte ähnelte eher einem Plan für ein Würfelspiel, als für eine militärische Operation. Ein Netz von verschlungenen Bahnen überzog das Areal, mit vielsagenden Zeichen und Markierungen versehen, die auf wichtige Geländeobjekte hindeuteten. Bäume und Sträucher, Brücken, Gräben, ein alter Bauernhof, sogar einige prächtige Fliegenpilze in einem Birkenhain waren teils mit großer Akribie eingezeichnet. An vielen Stellen tummelten sich Strichmännchen, welche stellvertretend die französischen Einheiten verkörperten, und sie waren mit einer schier unerschöpflichen Vielfalt von Todesarten versehen, die am Kartenrand in einer Legende genauer erläutert wurden.

Der Hauptmann deutete auf ein Sumpfgebiet (in dem halb eingetauchte Figürchen schreiend die Arme hochreißen) und erklärte, dahinein würden wir die Franzosen durch ein "vorheriges Scheingefecht" locken und sie darin untergehen lassen wie eine "vollgesoffene Wasserratte". Er hatte sogar Angaben zur Ausdehnung, zur Tiefe und zum Fassungsvermögen daneben geschrieben, als hätte er die Stelle wochenlang vorher eingehend erkundet. Er war überzeugt, daß in diesem Sumpf bei Galinkovo der Feldzug Napoleons durch Europa für immer beendet würde.

Ich nahm Delaja beiseite und meinte, sie glaube doch nicht allen Ernstes, daß wir mit diesem Plan Erfolg hätten, und überhaupt: wo wäre denn eigentlich der Rest der sogenannten Sechsten Russischen Widerstandsarmee des Hauptmanns abgeblieben? Sie reagierte ziemlich ungehalten auf meine Einwände, sie sagte etwas zu Nikitin, und er behauptete, "ein Teil der Truppe" hätte bereits die "angewiesenen Stellungen" bezogen und warte auf weitere Befehle.

Delaja sagte "Und wo sind Sie mit Ihrem Plan gelandet, Karl? Im Kerker! Ich habe Hauptmann Nikitin mein Wort gegeben, daß wir ihm helfen, als er uns geholfen hat, und dieses Wort müssen wir halten." Da wurde mir klar, daß Nikitin uns beide bloß aufgegabelt hatte, weil er in Wahrheit ganz allein war und sich in seiner grellen Phantasie Uniform zum Kommandeur einer Untergrundarmee ernannt hatte, die nur in seinem Geist existierte.

Ich versuchte, Delaja begreiflich zu machen, in welche Gefahr uns dieser Mann bringen würde, doch sie war wie taub gegen meine Argumente. Aber ich sah ihre eigene Ratlosigkeit in ihren Augen. Natürlich hatte sie nicht wahrhaben wollen, wie schwierig es sein würde, ihren Großvater zu finden, und daher klammerte sie sich (nachdem ich unterwegs schon versagt hatte) an den Hauptmann.

Als wir die besagte Gegend bei Galinkovo erreicht hatten, sprach Nikitin nur noch im Flüsterton und machte mit den Händen unverständliche Zeichen. Wir hielten uns an einem Feldrand (in der Ferne war ein Gehöft zu sehen), kamen an einen Bach und überquerten ihn auf einer Brücke. Ich fragte, aus welcher Richtung die Franzosen angreifen würden, und Nikitin deutete nach links, und ich versuchte irgendetwas zu entdecken, das darauf hindeutete, ich rätselte sogar über die Wolkenbildung am Horizont. Dann durchstreiften wir ein Wäldchen, und auf einmal sah ich seitab die Fliegenpilze stehen, genau wie sie auf der Karte eingezeichnet waren.

Der Hauptmann hatte befohlen abzusteigen. Wir ließen die Pferde stehen und folgten ihm zu Fuß, er wollte "die Stellung überprüfen", ich hatte das Gefühl, wir liefen im Kreis, selbst Delaja sagte schließlich "Hauptmann Nikitin, ich muss mich kurz ausruhen." Ich sagte zu ihm "Ich bleibe bei ihr, wir warten hier auf Sie." Der Hauptmann nickte und verschwand zwischen den Bäumen. Delaja sprach kein Wort, und ich wusste auch nicht mehr, wie ich sie aufmuntern sollte, sie tat mir auf einmal fürchterlich leid. Ich seufzte "Ach Delaja! Warum bist du nicht einfach zu Hause geblieben." "Ich konnte Sie nicht allein lassen, Karl", erwiderte sie.

Der Hauptmann kam wieder und meinte, wir müssten uns ungefähr hundert Schritt weiter "verschanzen". "Wo sind Ihre Kameraden?", wollte ich wissen. Er sagte etwas, ich schaute Delaja an, die sagte "Der Plan hat sich geändert, seine Leute haben sich bei Snjamenka in Stellung gebracht." "Was für eine Überraschung! Und sicher ist auch der Sumpf verlegt worden." Ich war nahe dran, dem Hauptmann an die Gurgel zu gehen, Delaja sah meinen Zorn, sie sagte "Bleiben Sie ruhig, Karl. Würden Sie hier wieder rausfinden?" "Wahrscheinlich nicht." "Also tun wir, was er sagt und hoffen, daß es richtig ist."

Wir holten die Pferde, und Nikitin suchte eine Stelle aus, wo sich wie ein kleiner Wall erstreckte, hinter dem man gut in Deckung gehen konnte, aber ich war mir keineswegs sicher, ob die Franzosen nicht ebensogut in unserm Rücken auftauchen könnten. Wenigstens gab es dort eine Quelle, und wir konnten uns erfrischen. Delaja hatte noch Proviant dabei und wollte etwas essen, aber Nikitin sagte, daß wir erst die Verteidigungslinie befestigen müssen.

Er hatte auf seinem Pferd eine große Tasche mit Feuerwerksknallern, auf denen chinesische Schriftzeichen geschrieben standen. Er sagte, die habe er sich extra aus Fernost besorgt, für den Tag, an dem er damit Napoleon "eins auf den Wanst brennen" würde (je länger es dauerte, umso wütender wurde er auf die Franzosen). Ich fragte ihn, wie lange er die Knaller schon aufbewahrte, und er verstand, worauf ich hinauswollte und sagte "Das sind original zweihundertfünfziger Donnerschläge der Marke 'Feuerdrachen', die sind unverwüstlich." Wir steckten sie in einer Linie an Stöcken in die Erde, und Niktin machte ein Feuerchen, damit wir sie sofort anzünden konnten, wenn es soweit war.

Ich holte meine Pistole aus dem Seesack (zum Glück hatte ich bis jetzt alles bei mir behalten können), und Delaja hatte auch eine Waffe, angeblich aus dem Schrank ihres Großvaters. Nikitin hatte ihr noch in Smolensk beigebracht, wie man damit umgeht. Er selbst hatte zwei Pistolen, eine mit langem Lauf für größere Entfernung und eine mit größerem Kaliber für den Nahkampf, wie er uns erklärte. Er war sehr stolz auf seine Waffen, er behandelte sie wie Erinnerungsstücke an eine Geliebte.

Wir saßen auf einem schattigen Fleck und mummelten unser Brot, und Delaja hatte sogar ein Glas mit Leberpastete, und ich erzählte, wie ich mit Etienne auf Madame Lurie's Planwagen gestoßen war und sie uns mit dergleichen Leckereien versorgte. Delaja fragte "Wollten Sie mich eigentlich mit Etienne verkuppeln?" Ich wurde ganz verlegen und stammelte etwas, und Delaja fügte hinzu "Sie sind ein kluger Mensch, Karl. Aber manchmal fehlt Ihnen ein bisschen der Durchblick." Ich schwieg und schaute sie an, sie war so schön wie an dem Tag, als sie zum ersten Mal in Merschkows Kornhaus neben mir stand und mich fragte, was ich hier mache.

Wir dösten eine Weile vor uns hin, ich glaubte, der Hauptmann wäre eingeschlafen. Plötzlich spürte ich, wie der Boden unter meinem Hintern anfing zu beben, erst ganz sachte, dann immer stärker, als würde sich ein unterirdisches Gewitter auf uns zu bewegen. Schließlich konnte man das Grollen von Geschützen hören. Der Hauptmann sprang auf und horchte, während er uns mit der flachen Hand gebot, uns nicht zu mucksen, aber wir hielten selber die Luft an. "Das sind sie", sagte er, und ich dachte 'Das darf doch nicht wahr sein! Sollte es tatsächlich stimmen, was er uns weisgemacht hatte?'

Der Gefechtslärm kam immer näher, man konnte einzelne Gewehrsalven und Explosionen unterscheiden, man konnte die Soldaten schreien und die Pferde wiehern hören, und Delaja kam zu mir herüber gesprungen, und ich dachte, sie wollte Schutz suchen, aber sie sagte "Nehmen Sie den rechten, ich nehm' den linken, damit wir nicht auf denselben schießen." (Keine Ahnung, mit wie vielen sie rechnete.)

Nikitin hielt einen trockenen Zweig in die Glut und entfachte ein Flämmchen daran, zur Sicherheit nahm er einen zweiten, aber er zögerte noch, das Feuerwerk anzuzünden. Der Wind trug bereits Wolken von Pulverqualm herüber, aber Sträucher und Bäume verwehrten uns die Sicht. Nikitin rief "Sie schwenken nach links!" (Das bedeutete: rechts von uns und nicht gut für seinen Plan.) Ich sagte "Dann lassen Sie's krachen, Hauptmann, vielleicht fallen sie drauf 'rein!"

Das war natürlich das Schlimmste, was ich ihm raten konnte, aber - ich weiß nicht - vielleicht wollte ich die verdammten Knaller endlich loswerden. Der Hauptmann lief die Linie entlang und hielt das Feuer an die Lunte, und im nächsten Augenblick zischten die Geschosse eins nach dem andern nach vorne weg. Es gab ungeheure Donnerschläge wie bei zerberstenden Granaten, und ich musste mir die Ohren zu halten, damit das Trommelfell nicht platzt.

Da sah ich, wie vor uns auf dem flachen Wall eine Kartätsche einschlug und eine gewaltige Menge Erde aufgeschleudert wurde. Dreck und Steine fielen auf uns herab, und Niktin rief "Delaja! Ich brauche Feuerschutz! Kommen Sie hierher!" Sie rannte zu ihm hin, und im nächsten Moment sah ich sie im hohen Bogen durch die Luft fliegen, ich fasste das Kreuz an meiner Halskette und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, und Delaja krachte auf den Boden und blieb regungslos liegen, und auf dem Wall erschienen ein paar Franzosen mit gezücktem Bajonett auf den Gewehrläufen.

Nikitin feuerte seine Pistolen ab und streckte zweie nieder, ich traf den nächsten und gab dem Hauptmann Gelegenheit, nachzuladen. Aber wir waren beide nicht schnell genug, um den Angriff abzuwehren. Der Hauptmann schoss abermals und traf, er schrie irgendwelche infernalischen Flüche gegen den Feind. Ich zielte auf einen und drückte ab, und er knickte ein wie ein morscher Stuhl, aber das Blut, das dabei aus seinem Hals spritzte, ließ mich erschauern, und es waren genau diese drei Sekunden, die einem anderen genügten, um bis auf Haaresbreite an mich heranzukommen.

Ich fühlte bereits, wie die Spitze seines Bajonetts meine Brust berührte, als er mit einem grässlichen Schrei nach hinten umkippte und eine Handvoll weiche Masse gegen meine Stirn klatschte. Hinter den Franzosen waren etliche Reiter erschienen. Einer rief "Feiert ihr Pappnasen hier chinesisches Neujahr!" Als sich der Pulverrauch verzogen hatte, sah ich ihn, und es war der Rittmeister.

"Franz Klett!" "Karl! Was hab' ich dir gesagt! Du sollst dich hüten, was allein zu unternehmen. Der Kerl hätte dich glatt aufgespießt." "Ich weiß." Seine Leute hatten die Franzosen in die Flucht geschlagen, es war offenbar ein Trupp russische Husaren, die er anführte. Der Rittmeister fragte "Wer sind die beiden? Boris und Gleb?" Ich sagte "Warte mal" und lief zu Delaja. Nikitin war schon bei ihr. Sie war am Leben. Ihre Mütze war fortgeflogen und ihre Sachen waren am Ärmel und Bein aufgerissen, aber sie hatte den Sturz offenbar unverletzt überstanden. Sie richtete sich auf und sagte mit engelsgleicher Stimme "Verfluchte Scheiße, Karl, ich will auf keinen Fall hier sterben." Der Rittmeister war abgestiegen und herangekommen, er sagte "Heiliger Strohsack! Ist das nicht die Kleine aus Weimar? Alle Achtung, Fräulein, das war eine famose Landung."

Nikitins Knaller hatten eine kleine Schwandron der Franzosen zu uns gelenkt, das Hauptheer war an unserer rechten Seite vorbeigezogen. Der Rittmeister sagte, ein paar wären in einem Sumpf steckengeblieben, und als Nikitin das hörte, streckte er die Faust siegessicher in die Höhe. "Hat der seine Uniform aus dem Kostümverleih?", fragte der Rittmeister und musste sich ein Lachen verkneifen.

Er sagte, die Russen würden sich nach Moskau zurückziehen, er selbst attackierte mit seinen Husaren die Franzosen in der Flanke, aber natürlich konnte er sie nicht aufhalten. Ich fragte ihn, wie wir auf einem sicheren Weg schnellstens nach Moskau kämen, und er winkte einen der Husaren heran, der es Delaja erklärte. Nikitin holte daraufhin seine Karte hervor, doch Delaja sagte zu ihm "Ab jetzt handeln wir nach unserm Plan, in Ordnung!", und der Hauptmann gab klein bei. Ich glaube, er war mit seiner Aktion zufrieden. "Dann sehen wir uns im Kreml", sagte der Rittmeister, "habe die Ehre", fügte er hinzu und gab Delaja einen Handkuss.

Wir kamen gerade noch so vor den Franzosen nach Moskau, ihre Spitzen hatten bereits die Smolensker Vorstadt und einige Außenviertel erobert. Wir trafen auf eine kleine russische Abteilung, die von einem Leutnant befehligt wurde. Delaja redete mit ihm, und er erklärte sich bereit, uns durch die Seitenstraßen zum Kreml zu führen. Sie hatte ihm gesagt, daß wir zu dem Trupp gehörten, der die Ikone der Gottesmutter von Wladimir zu General Kutusow bringen soll.

Aber auch in den Seitenstraßen drangen die Franzosen rasch weiter vor. Sie schienen nur auf geringe Gegenwehr zu stoßen, und der Leutnant meinte, daß sich Kutusow angeblich bis nach Tarutino zurückziehen wollte, um Napoleon von dort aus in den Rücken zu fallen. Dadurch sollte Moskau zugleich von schweren Kämpfen verschont bleiben. Doch es brachen schon vereinzelte Brände aus, und nach kurzer Zeit hingen dunkle und beißende Rauchschwaden über der Stadt.

Bei einem kleinen Park wurde die Abteilung des Leutnants in ein Gefecht mit französischen Kürassieren verwickelt, wir suchten Deckung und entwischten über einige Häusertore und Hinterhöfe, aber wir verloren dadurch den Leutnant aus den Augen und mussten uns allein weiter durchschlagen. Das Feuer griff rasendschnell um sich, und wir mussten einige Male umkehren, weil vor uns alles in Flammen stand.

Überall kreuzten Soldaten den Weg, dauernd wurde irgendwo geschossen, aber der Vormarsch der Franzosen hatte sich offensichtlich im Straßengewirr zerstreut. Unzählige Menschen suchten ihr Heil in der Flucht, die Arbat Straße war voll von Fuhrwerken, und auf der Konstantin Brücke rannten die Leute um ihr Leben. Man musste höllisch aufpassen, damit man beim Rückzug der Russen nicht unter die Räder kam.

Es gelang uns trotzdem, immer näher an den Kreml heranzukommen. Offenbar hatte sich das Feuer noch nicht bis dahin ausgebreitet, aber der Leutnant hatte gemeint, daß die Franzosen den Kreml in die Luft sprengen wollen, und sie würden wahrscheinlich mit den Kirchen anfangen. Mir schlug ein Schwaden aus Rauch und Ruß ins Gesicht und ich musste fürchterlich husten. Wir versteckten uns (mitsamt der Pferde) in einem Hauseingang und blieben dort, bis mein Anfall vorüber war. Delaja drängte zur Eile, irgendetwas sagte ihr, daß ihr Großvater sich im Kreml befand und dringend Hilfe benötigte. Da hörten wir von dort auch schon die erste Explosion, und die Glocken begannen Sturm zu läuten.

Unmittelbar vor dem Kreml waren Barrikaden errichtet, aber manche davon schienen bereits verlassen. Einzelne versprengte Grüppchen rannten vorüber und schossen dabei wild um sich, es waren Franzosen und Russen und irgendwelche bewaffnete Zivilisten. Ich sah auch etliche Plünderer, die fortschafften, was nicht niet- und nagelfest war, und haufenweise schwerverletzte und zurückgelassene Pferde, die auf der Straße in den letzten Zuckungen lagen. Ein ekelhafter Geruch erfüllte die Luft.

Wir mussten uns einen Weg um die Hindernisse herum suchen, und Delaja verzweifelte fast, als wir gezwungen waren, ein paar Straßen zurück zu reiten, sie rief an jeder Ecke "Wir versuchen's hier lang!", aber man konnte schon sehen, daß da kein Durchkommen war. Wir gelangten weiter südlich wieder an den Kreml, und da waren auch weniger Leute, die uns gefährlich werden konnten.

Da sah ich plötzlich einen Planwagen vor uns. Ich rief "Himmelherrgott! Wenn das nicht Madame Lurie ist!" Wir kamen heran, und sie zügelte ihre beiden Pferde, die von all' dem Kampfgetümmel anscheinend völlig unbeeindruckt waren. Als sie mich erkannte, rief sie "Monsieur, Sie schulden mir noch zwölf Francs!" "Ja, Madame, die kriegen sie, sobald wir aus dem Kreml wieder 'raus sind." "Was haben Sie denn vor? Etwa die Staatskasse rauben?" Ich sagte es ihr in wenigen Worten, sie erwiderte "Dann nehmen Sie am besten den Jungen auch mit." "Welchen Jungen?" Sie wandte sich um und rief in den Wagen hinein "Komm' mal 'raus, du kleiner Krieger!"

Die Plane wurde zur Seite gezogen, und da erschien Etienne, Delaja machte einen Freudenschrei, ich war völlig sprachlos. Aber warum hatte er sich nicht gleich gezeigt? "Ich dachte, Sie wären böse auf mich", gestand er. "Unsinn. Ich denke, wir haben uns gegenseitig nichts vorzuwerfen." "Und das wäre jetzt auch nicht die Zeit dafür", mahnte uns Madame Lurie. Ich sagte "Wir haben vorhin französische Kürassiere gesehen, vielleicht ist Pascal dabei", und Etienne meinte, der sei inzwischen bei einem Sprengkommando und höchstwahrscheinlich auch auf dem Weg in den Kreml. "Dann nichts wie hin", sagte Delaja, und Madame Lurie schlug vor, das letzte Stück sollten wir zu Fuß laufen, sie würde unsere Pferde an die Leine nehmen und hinterher kommen. Wir schnappten unsere Waffen (Etienne hatte endlich auch eine) und eilten hinüber zum Kreml.

Delaja meinte, wir sollten es zuerst in der alten Rüstkammer versuchen, da würden die Kunstschätze aufbewahrt. Aber der Eingang war fest verrammelt, und als wir uns nach einer andern Möglichkeit 'reinzukommen umschauten, wurden wir von irgendwoher unter Beschuss genommen, und wir mussten schnell von da weg. Wir fanden einen Einschlupf in einem langestreckten Nebengebäude, und drinnen war alles wie ausgestorben und man hörte nur den Lärm wie von fern durch die Mauern dringen.

Wir jagten durch allerhand Gänge und über Treppen, und der Hauptmann sagte, es gebe bestimmt unterirdische Verbindungen. Er hatte recht, und wir kamen im Innern der Rüstkammer wieder heraus. Wir durchquerten einen Saal, dessen Einrichtung stark gelitten hatte und wo alles durcheinander lag, aber in der Mitte war Platz, und wir liefen bis zur Rückseite, als dort die Tür aufgestoßen wurde und uns ein paar Leute entgegen kamen. Delaja erkannte ihren Großvater zuerst und brach in Tränen aus, und Nikolai Davidowitsch rief "Beim heiligen Sergej von Radonesch! Delaja, was machst du für Sachen!" "Und du erst!", entgegnete sie mit einer Mischung aus Zorn und Erleichterung.

Ich bemerkte sofort Jakob Lischmann und zwei weitere Männer, die offenbar zu ihm gehörten. Ich hielt ihm meine Pistole entgegen, und als der Hauptmann und die andern das sahen, taten sie es mir gleich. Doch Merschkow sagte "Lassen Sie ihn in Ruhe, Tandlop! Wir sind uns einig geworden, Herr Lischmann nimmt seinen Schatz des Priamos und überlässt uns die Ikone der Gottesmutter." "So ist es", sagte Lischmann, "und nun nehmt die verdammten Waffen 'runter." "Tut, was er sagt", meinte Merschkow gepresst, denn Delaja drückte ihm fast die Luft ab.

Da gab es einen ungeheuren Knall, daß wir alle sofort in Deckung gingen, und an dem Eingang, vor dem wir draußen gestanden hatten, war jetzt ein riesiges Loch zu sehen, und die Trümmer von Holz und Steinen flogen bis zu uns herein, und kurz darauf erschien im Gegenlicht die Gestalt eines Soldaten, der mit vorgestrecktem Gewehr auf uns zu kam. Aber er hatte uns noch nicht erspäht. Seine Kameraden riefen ihm vom Eingang etwas zu, er antwortete ihnen, und sie verschwanden, doch der Franzose kam immer näher.

Ich sah, wie der Hauptmann seine Pistole mit dem großen Kaliber hob und zielte und wartete, bis der andere nahe genug heran war, doch indem er abdrücken wollte, sprang Etienne plötzlich auf und rief "Halt! Nicht schießen!" Der Hauptmann zögerte, der Franzose hob das Gewehr in Anschlag, Etienne rief "Pascal! Ich bin's, Etienne!" Der andere verharrte und fragte unsicher "Etienne?" Er ließ das Gewehr sinken, der Hauptmann entspannte seine Pistole, Etienne lief nach vorn. "Pascal! Oh, mein lieber Pascal!" Pascal's Gewehr fiel zu Boden, "Etienne!" Sie lagen sich in den Armen, Etienne sagte unter Schluchzen "Ich hab' dich so lange gesucht." "Und ich habe auf dich gewartet", erwiderte Pascal, und seine Stimme klang, als wäre er gerade wiedergeboren worden.

Wir krabbelten hinter dem Gerümpel hervor, Etienne sagte zu ihm "Die gehören alle zu mir ... das heißt, bis auf ..." Lischmann fragte "Ist draußen die Luft rein?" "Bitte?" "Er fragt, wohin deine Kameraden sind." "Hinüber zum Palast. Es sind nicht meine Kameraden." "Na schön", sagte Lischmann, den die Wiedersehensfreude kalt ließ, "dann machen wir uns jetzt aus dem Staub." Er nickte Merschkow flüchtig zu und lief mit seinen zwei Leuten und dem Bündel auf dem Rücken davon.

Etienne erklärte Pascal kurzerhand, weshalb wir hier waren und was wir jetzt zu tun gedachten. Delaja meinte, Pascal solle sich irgendwas überwerfen, damit ihn die andern nicht erkennen, und er schleuderte seine Mütze fort, riss sich die Jacke vom Leib und zog eine unscheinbare Kluft über, die Delaja an der Seite gefunden hatte. "Dann lasst uns auch hier verschwinden", sagte Merschkow, und als wir hinaus gingen, sagte ich zu Delaja, ich wüsste gar nicht, worüber ich mich nun mehr freuen sollte: daß ihr Großvater unversehrt war, oder daß Etienne seinen Bruder wiedergefunden hatte, und Delaja lachte und erwiderte "Ach Karl, das ist doch gar nicht sein Bruder." "Was?", rief ich bestürzt. "Wann begreifen Sie das endlich: Pascal ist sein Geliebter!"

Draußen wurde immer noch geschossen. Ich entdeckte auf der andern Seite Madame Lurie's Planwagen mit unsern Pferden. Wir liefen hin, und auf halbem Weg kam von links der Rittmeister herangeprescht und rief "Bei euch alles in Ordnung, Karl?" "Ja, alles bestens." Er sagte "Wir machen bloß noch Napoleon kalt, dann sind wir auch soweit", und weg war er, seine Husaren hinterdrein.

Auf einmal blieb Delaja stehen und schaute hinüber zur Maria Verkündigung Kirche. "Komm' weiter!", sagte ich, aber sie starrte da hin, als würde sie etwas sehen, das uns verborgen blieb. Merschkow sagte "Delaja, Täubchen, in der Kirche ist nichts mehr, sie haben alles mit Brettern vernagelt." "Aber sieh' doch, Großvater, die Tür steht offen." "Ja, da sind bloß ... das heißt ...", besann er sich, "da ist wahrscheinlich noch der ..." Delaja ließ sich nicht halten, sie rannte zum Eingang, Merschkow ihr nach, und wir ebenfalls.

Wir traten ein, und in der Mitte stand, uns zugewandt, ein sehr alter Mönch im schwarzen Gewand mit langem Haar und noch längerem Bart, auf seiner Brust prangte ein silbernes Kreuz. Seine Augen waren geschlossen, doch seine Lippen bewegten sich, als würde er ein endloses Gebet murmeln, aber vielleicht wackelte auch nur sein Unterkiefer vor Altersschwäche.

Neben ihm war ein Junge, ungefähr so alt wie Delaja, in einem schlichten Bauernkittel mit einem Strick als Gürtel. Er hatte blondes Haar, das ihm mit seidigem Glanz in die Stirn und über beide Ohren fiel, und er hatte ein atemberaubend schönes Antlitz. Er fiel vor uns auf die Knie, und während der Alte unerschütterlich dastand, sagte der Junge "Das ist der Starez Feofan, der Wächter dieses Ortes. Mein Name ist Laurenz. Möge der heilige Geist eure Sinne erhellen und die Gnade des Herrn eure Herzen erfüllen." Delaja ging auf ihn zu und hieß ihn aufzustehen. Er erhob sich und lächelte sie sanft an. Sie fragte "Bist du von ihm der Enkelsohn?" "Nein", erwiderte der Junge, "ich bin ein Waisenknabe."

Delaja wollte etwas sagen, da stürmte ein halbes Dutzend Franzosen in die Kapelle und feuerte was das Zeug hielt. Wir warfen uns zur Seite und suchten Schutz, wo wir ihn auf die schnelle fanden, nur der ehrwürdige Starez blieb wie angewurzelt stehen, und die Kugeln pfiffen ihm links und rechts um die Ohren. Ich bemerkte, wie neben mir der Junge aufstand und ihn aus der Schusslinie holen wollte, ich hielt ihn am Arm fest, und Delaja hinter uns fasste einen Zipfel seines Bauernkittels. Ich sagte "Bleib! Ich mach' das."

Ich schlich zu dem Starez, und ich weiß nicht, welche höhere Macht mich vor den Geschossen bewahrte. Ich packte den Alten, der steif war wie ein Holzgötze, legte ihn über die Schulter und rannte zurück, während die anderen die Franzosen im Kugelhagel niederhielten. Etienne und der Hauptmann nahmen mir den Alten ab, Laurenz deutete auf eine Hintertür und sagte "Kommt! Hier durch!", und er öffnete die massive Tür mit dem mächtigen Schloss, das bestimmt nicht leicht aufzubrechen war, dachte ich noch.

Ich war der letzte und ich beging einen großen Fehler, als ich mich umwandte und in Richtung der Franzosen schoss. Ein steinhartes Etwas schlug in meinen Unterleib ein, ich merkte nur noch, wie Pascal mich nach hinten zog, und die Tür zukrachte. Dann fühlte ich das Blut in mir absacken und mir schwanden die Sinne.

Als ich wieder aufwachte, musste einige Zeit vergangen sein. Ich lag auf einer Decke auf einem langen Tisch, Delaja zur rechten, Laurenz, der Junge im Bauernkittel, zur linken Seite. Ich wollte sprechen, aber ich fühlte einen stechenden Schmerz im Bauch. Delaja sagte "Nicht bewegen, Karl! Bleiben Sie ganz ruhig liegen, Pascal und Etienne suchen einen Arzt, er wird Ihnen die Kugel rausholen, und alles wird gut." Ich sagte "Wo sind die anderen?" "Mein Großvater ist mit dem Rittmeister zu General Kutusow unterwegs, sie bringen ihm die Gottesmutter." "Und Nikitin?" "Ist mit Madame Lurie in der Vorratskammer des Zarenpalastes, sie laden alles auf ihren Wagen."

Ich schloss die Augen, Delaja sagte "Nicht wieder einschlafen, Karl! Bleiben Sie bei uns." "Schon gut", sagte ich und schaute die beiden an, sie waren ein schönes Paar. Delaja sagte "Karl, ich möchte Ihnen danken." "Wofür?" "Für alles, und vor allem dafür, daß Sie mich bis hierher geführt haben." "Das war ich nicht, das war dein Großvater." "Ja. Aber wenn Sie sich nicht auf die Suche nach ihm begeben hätten, wäre ich Ihnen niemals gefolgt. Und ich wäre niemals Laurenz begegnet. Verstehen Sie, es war alles Ihre Schuld, und dafür danke ich Ihnen."

Ich schaute sie an, und dann den Jungen, dann sagte ich zu ihr "Hast du ihm dein Ohr gezeigt?" Sie sagte "Ja, hab' ich." "Und?", fragte ich. "Sehen Sie nur selbst!" Sie sagte etwas zu dem Jungen. Der strich seine blonden Haare hinter sein rechtes Ohr, und ich musste so sehr lachen, daß ich darüber den Schmerz von meiner Wunde vergaß.


ENDE



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