Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 06


Josefine Harbek

Die Liebe und ihr Feind




  Ah, si tronchi dalla vita
tutto quel che non è amor.
Ach, man entferne aus dem Leben
alles was nicht Liebe ist.
Mozart : La clemenza di Tito


An diesem Tag war auch Martin wieder dabei. Der hatte sich den Fuß gebrochen, also nicht direkt gebrochen, sondern das Fußgelenk angeknackst, wie er jetzt erzählte. Da war er für drei Wochen total außer Gefecht gesetzt.

Hatte sich mit dem Fahrrad am Terrassenufer langgelegt, angeblich weil ihm ein Lieferwagen die Vorfahrt geschnitten hat. Aber die Sache hatte sich anders abgespielt. Es war das Fahrrad von seinem großen Bruder, und da war der Sattel so hoch, weil der Bruder so eine lange Latte war, daß Martin nicht gleichzeitig auf dem Sattel sitzen und mit den Füßen die Pedalen durchtreten konnte.

Und wie er am Terrassenufer langradelt, kommt er auf die Idee, seinen Hintern auf den Sattel zu hieven und die Füße in der Luft baumeln zu lassen, was natürlich vollkommen irre ist.

Das hat er wahrscheinlich nur gemacht, weil die Ina Seybold dabei war, die ist nämlich neben ihm hergefahren, und die beiden gingen schon eine geraume Weile miteinander, das wusste jeder in Johannstadt; praktisch jeder Junge in Johannstadt, der sich nach den Mädchen umschaut, wusste das, und umgekehrt wusste das jedes Mädchen, das sich von Jungs hinterhergucken lässt.

Und die Ina Seybold ist nicht irgendjemand, sondern die Tochter von einem Badeofen Fabrikanten, nicht in Johannstadt, sondern in Striesen, genau gesagt, in Alt Striesen, hinter der Schandauer Straße, das ist ja nun eine ganz andere Gegend. Und seitdem sie mit Martin ging, kam sie dauernd zu uns herüber nach Johannstadt, und da kannten sie bald alle. Weil die zwei auch nichts ausließen, um sich blicken zu lassen.

Erst kam sie immer mit der Straßenbahn, meistens mit der 17 und stieg am Johannesplatz um in die 26 und fuhr bis zum Eliasplatz, und dort wartete Martin dann immer schon auf Ina. Doch mit der Zeit war ihr das anscheinend zu blöd, immer auf irgendeine Straßenbahn angewiesen zu sein.

Ihr Vater baut in seiner Fabrik auch noch allerlei andere Sachen, die alle irgendwas mit Öfen zu tun haben und auf denen stets Seybold Dresden draufsteht, mit einer Flamme darüber. Aber Liese vermutete, daß die Ina deshalb trotzdem nicht so großartig viel mehr Taschengeld kriegt, weil der alte Seybold schon in zweiter Ehe verheiratet ist und für eine Menge andere Kinder zu sorgen hatte außer Ina. Das erzählte man jedenfalls.

Aber eines Tages kam Ina mit einem nagelneuen Rad und sagte, das hätte sie sich von ihrem eigenen Geld gekauft und auch - wie passend dazu - grade erst Rad fahren gelernt, und das wäre gar nicht so schwer, obwohl sie sich gleich mit dem Kleid in der Kette verfitzt hatte! (wollte jemand gesehen haben) Martin hatte aber derzeit keins, weil sie es ihm geklaut hatten, und Ina sagte, das wäre nicht weiter tragisch, dann würde sie ihrs eben nebenher schieben und sie könnten ja immer noch so umherziehen wie sonst auch.

Das war wirklich ein tolles neues Rad, und das sprach sich schnell herum in Johannstadt, daß die Ina Seybold jetzt immer mit Rad unterwegs ist und auch reichlich von der Klingel Gebrauch macht und "Achtung!" und "Vorsicht!" und sowas ruft, um die Blicke auf sich zu lenken. Und man sprach von dem Rad fast genauso wie von Ina selbst, also nur in höchsten Tönen, so kam das Liese vor.

Das konnte nicht lange gutgehen mit diesem ungleichen Paar: sie mit dem fabelhaften Rad, und er daneben wie ein Hündchen - na nicht gerade wie ein Hündchen, danach sah Martin nun wirklich nicht aus - aber wie jemand, der die schöne Ina daran hindert, mit wehendem Haar und Kleid übers Terrassenufer zu sausen, und nichts kann Ina jemals an etwas hindern, das sie tun will. Denn wozu hatte sie denn dieses Fahrrad? Doch nicht zum Schieben!

Da blieb dem Martin nichts anderes übrig, wenn er mithalten wollte, als daß er sich auch wieder eins beschaffte. Und das war der Punkt, wo die Geschichte etwas anders verlaufen ist, als er es uns dann weismachen wollte. Martin hat zwar einen Bruder, das stimmt. Und der ist auch älter und ziemlich viel größer als er, aber der hat selber kein Fahrrad. Und warum nicht?

Weil er auf einem Auge (auf dem linken, wer's genau wissen will) so schlecht sehen kann, daß er praktisch da gar nichts drauf sieht. Das wusste die Resi, der hat er es nämlich mal gesagt, zwar unter der Bedingung, daß sie's niemandem weitersagt, aber da hat er sich wohl in der Resi etwas getäuscht, denn jeder hier in Johannstadt hat ungefähr ein Dutzend Geheimnisse, die er für sich behalten soll und die alle von Teresa Michels stammen.

Der Bruder hatte nicht mal diesen Bleistift Test bestanden, wo man mit gestreckten Armen zwei Bleistifte mit den Spitzen zusammenstoßen lassen muss, was einem nur gelingt, wenn man mit beiden Augen sehen kann. Wenn man aber halbblind ist, zumindest auf einem Auge, dann kann man diesen Test nicht bestehen und auch nicht Rad fahren, jedenfalls wäre es höchst gefährlich, und zwar für alle! Und Martins großer Bruder war so anständig, es zu unterlassen. Bleibt die Frage, woher hatte Martin das Rad?

Als er an dem Unglückstag mit Ina Seybold am Terrassenufer langgebraust ist, kam Ina urplötzlich auf die Idee, vor der Carola Brücke in die Steinstraße abzubiegen. Das war so nicht geplant, und es war auch im Nachhinein betrachtet, völlig unüberlegt. Aber Ina Seybold war unter anderem bekannt dafür, mit solchen spontanen Aktionen Aufmerksamkeit zu erhaschen, sich in Szene zu setzen, wie man so sagt.

Martin wäre niemals so leichtsinnig gewesen, urplötzlich die Richtung zu ändern. Doch er war zu dem Zeitpunkt der Ina Seybold bereits so verfallen, daß er sich zu völlig unüberlegten Handlungen verleiten ließ, nur um an ihr dranzubleiben.

Und wie er über den Bordstein fährt, vergisst er, daß seine Füße keinen Kontakt zu den Pedalen haben und strampelt noch wild ins Leere wie ein Käfer, der vom Boden aufgehoben wird, und jeder, der den Bordstein da am Terrassenufer kennt, und besonders die eine Stelle gegenüber der Zehnten Volksschule, der weiß, daß man in so einer Lage, in der sich Martin befand, bloß noch im hohen Bogen übers Straßenpflaster segelt, nachdem man alle Kontrolle über sein Rad verloren hat.

Lieses ältere Schwester Regina hatte Martin Imhoff einmal einen besonnenen Jungen genannt, als er bei Liese zu Hause war. Regina war da gerade dabei zu heiraten. Einen Burschen namens Edgar, mit Nachnamen Wiegand. Sie hatten geheiratet, als Edgar auf Heimaturlaub in Dresden war. Er war drei Tage hier: Freitag, Samstag, Sonntag. Am Freitag haben sie das Aufgebot gemacht, beim Amtsgericht in Freital. Am Samstag war dann Polterabend, und am Sonntag die Trauung, auch in Freital auf dem Standesamt.

Edgar hatte seine Uniform an, er ist Unteroffizier, genau gesagt Richtkreis Unteroffizier einer Geschützstaffel im Dritten Artillerieregiment der Vierundzwanzigsten Infanteriedivision - so hatte er es Liese erklärt, aber er musste es oft wiederholen, weil sie sich's nicht genau merken konnte; sie wollte aber auch nichts Falsches weitererzählen.

Regina trug ein Hochzeitskleid aus Baumwolle und Seide, mit Spitze und Stickereien und einem kleinen Schleier, der hinten über ihr Haar herabhing. Sie hatte bei Niemeyer in der Prager Straße ein getragenes Kleid preiswert erstanden, und Lieses Mutter hatte ihr's auch noch, das schenkte sie ihr. Regina hatte bei der Mütterschule einen Schneiderinnenkurs mitgemacht (und als Zweitbeste abgeschlossen), und jetzt konnte sie sich ihr Hochzeitskleid selbst nähen. Edgar war stolz auf seine Braut. Sie sah toll aus! Und wenn man genau hinschaute, konnte man an ihrem Bauch auch schon was sehen, behauptete Liese später.

Ungefähr ein Jahr früher hatte das mit Liese und Martin angefangen, was Ernstes zu werden, ein Ausdruck, den sie eigentlich gar nicht mochte. Denn was ist da Ernstes dran, wenn man sich verliebt? Im Gegenteil, da geschehen auf einmal die seltsamsten Dinge, und manches davon ist so unernst, daß man dauernd darüber lachen muss. Eine Pilzvergiftung ist was Ernstes oder ein Loch in der Gasleitung oder wenn der Hamster stirbt. Aber sich zu verlieben ist etwas vollkommen Verrücktes, da denkt man überhaupt nicht dran, daß was Schlimmes passieren könnte. Da denkt man höchstens an Sachen, die noch viel verrückter wären.

Aber mit Martin ging es nicht gleich Knall auf Fall los, oh nein! Da hatte Liese ganz schön zu ackern, bis sie beide soweit waren, daß man sagen konnte, die haben sich verliebt und die gehen jetzt miteinander. Es dauerte seine Zeit, bis es bei ihm überhaupt gefunkt hatte, was sich zwischen ihnen abspielt. Er schien so ahnungslos. Aber ehrlich gesagt, hat das Liese nur noch mehr gereizt, denn wenn Martin mit seiner Ahnungslosigkeit daherkam, sah er so unschuldig aus und war unwiderstehlich, und Liese wäre ihm da schon am liebsten um den Hals gefallen und hätte ihn geküsst, bis ihr die Lippen brannten.

Aber damit hätte sie gleich alles in die Luft gesprengt, was sie erst Steinchen für Steinchen mühsam aufgebaut hatte. Es war auch eine Herausforderung für Liese, sich immer was Neues einfallen zu lassen, um ihn für sich zu gewinnen, und sie bekommt immer noch eine Gänsehaut, wenn sie daran denkt, wie phantastisch es sich anfühlte, als sie ihn so weit hatte, daß er sie nicht mehr loslassen wollte. Ach! Was für eine glückliche Zeit war das.

Und jetzt? Jetzt redete Martin oft ganz anders, so fremd, so unecht, so als will er damit jemanden beeindrucken, als will er sich in Szene setzen, was nun überhaupt nicht seine Art ist. Zum Beispiel erzählte er, daß er sogar einen Gips um seinen Knöchel getragen hat, nachdem er vom Fahrrad geflogen war. Und das kam Liese sehr verdächtig vor. Keiner von denen, die ihn angeblich besucht hatten, widersprach ihm, als er sagte, er hätte einen Gips gehabt. Weder Ina Seybold noch Annegret Auerwald, noch Rainer Przetak, den er bis vor kurzem noch seinen besten Freund genannt hat. Aber es kam auch keiner von sich aus darauf zu sprechen, außer Martin selbst.

Aber nachdem Liese selbst bei ihm war, als er außer Gefecht gesetzt war, konnte sie weder bestätigen, daß er einen Gips hatte, noch konnte sie es bestreiten. Denn er hat sie nicht reingelassen! Er hat, als sie klingelte, oben aus dem Fenster im zweiten Stock nach unten geschaut und gefragt, was sie will.

Nochmal langsam zum Mitschreiben: Martin hat sie gefragt, was sie will, als sie ihn besuchen wollte! Liese hätte beinahe gesagt "Kann ich raufkommen?", ohne in dem Moment daran zu denken, daß eigentlich Teresa Michels diejenige ist, die stets "Kann ich reinkommen?" fragt. Es kam ihr nicht über die Lippen, und zwar nicht weil sie an Teresa Michels dachte und sich möglichst von ihr unterscheiden wollte, sondern weil sie sich verletzt fühlte, obwohl ja Martin der Verletzte war. Aber das waren zwei ganz verschiedene Verletzungen.

"Wie geht es dir?", hat sie dann nach oben gefragt. "Ganz gut. Ich kann dich leider nicht reinlassen, ich kann nämlich nicht zur Tür, weil ich nicht laufen kann, genaugenommen kann ich nicht mal stehen." "Und wie stehst du jetzt grade?" "Ich stütze mich ab." Er hatte also damit gerechnet, daß sie das fragen würde, und dieses "Ich stütze mich ab" klang so, als wäre er nicht unvorbereitet gewesen. Weil Liese ihn jedoch nur ungefähr bis zur Brusthöhe (also, vom Kopf abwärts gemeint) sehen konnte, war es unmöglich, zu überprüfen, ob er nun tatsächlich einen Gips hatte oder nicht.

Ebenso wie es unmöglich war (das fiel Liese unmittelbar danach ein) herauszufinden, ob gerade jemand bei ihm ist. Denn das, so dachte sie, wäre ein anderer Grund gewesen, weshalb er sie nicht reingelassen hatte. Und da ihr dieser andere Grund erst im Nachhinein eingefallen war (wenn auch so kurz danach, daß man annehmen könnte, er sei schon bereit gewesen ihr einzufallen, als sie Martin am Fenster stehen sah), wurde aus ihrem Verletztsein innerhalb von Minuten ein Unglücklichsein, das anschließend in ein Traurigsein überging.

Und je länger das andauerte, umso furchtbarer klang ihr dieses "Ich stütze mich ab" in den Ohren. Denn es konnte nichts anderes sein als eine faule Ausrede. Und mehr noch! Es war eine niederträchtige Täuschung, die Martin gebraucht hatte, um sie von sich fernzuhalten und ihr zugleich zu verstehen zu geben, daß er vollkommen ohne ihre Zuwendung auskommt. Als sie die Tränen mit Erfolg zurückgedrängt und als ihr Traurigsein nachgelassen hatte, fühlte sie sich nur noch abserviert. Die einzige Frage lautete jetzt: Wer war bei ihm?

Natürlich niemand anderes als Ina Seybold! Ihr Fahrrad stand garantiert im Hausflur, wenn nicht im Keller. Und jetzt wurde Liese auch bewusst, weshalb sie draußen geklingelt hatte und nicht gleich bis zur Wohnung der Imhoffs hochgegangen war. Weil sie nämlich Angst davor gehabt hatte, Inas Rad im Hausflur zu erblicken. Jeder kennt dieses Rad, und wo es steht, macht es einen ungeheuren Eindruck. Es ist so etwas wie ein Aushängeschild, wie ein unübersehbares Zeichen ihrer Anwesenheit.

Wenn allerdings, dachte Liese, dieses vermaledeite Rad nicht im Hausflur, sondern im Keller abgestellt gewesen wäre, dann konnte das nicht anders, als auf Martins Bitte hin geschehen sein. Von selbst würde Ina niemals auf die Idee kommen, ihr Rad statt in den Hausflur, wo jeder dran vorbei muss, in den Keller zu verfrachten, wo es niemand sieht. Außerdem hat sie sogar ein Sicherheits Schloss dran, damit es keiner so leicht klauen kann. (Allein schon dieses Schloss war irgendwie verführerisch.)

Wenn es im Keller gestanden hätte, dann nur deshalb, weil Martin gesagt hat "Lass uns dein Rad in den Keller stellen, da ist es sicherer." Und Ina hätte darauf erwidert "Das klaut schon niemand, ich hab' ein Schloss dran." Und er darauf: "Mir ist es aber lieber, wenn's nicht im Hausflur steht." Und sie: "Aber hier stört es doch keinen." Und er: "Nachher kommen die andern von Arbeit, die stellen ihre Räder auch im Hausflur ab, da steht's dann womöglich im Weg."

"Dann bleib' ich eben nicht so lange." "Aber warum denn?", fragt Martin, der natürlich will, daß Ina möglichst lange bleibt, "wenn's im Keller steht, kannst du bleiben, solange du willst, das ist doch gar kein Problem." "Nee, isses nicht. Aber ich weiß außerdem noch gar nicht, wie lange ich bleibe." "Hast du noch was vor?" "Ja, vielleicht."

"Der Blockwart hat festgelegt, daß nur noch die Räder von den Hausbewohnern hier stehen dürfen", sagt Martin und freut sich über seinen Einwand. Und jetzt hätte Ina sagen müssen "Dann fahre ich eben gleich wieder. Wollte sowieso nur mal sehen, wie's dir geht." Und das hätte Martin verhindern wollen, indem er sagt "Ich freu' mich sehr, daß du mich besuchst, und es wäre schön, wenn du noch bleiben würdest."

Nee, das klingt blöd. Besser ist: "Das trifft sich prima, daß du gekommen bist, ich wollte sowieso unbedingt mit dir reden!" Ja, das war es. Martin ist nämlich schlau (mit so einem Dussel hätte sich Liese auch nicht abgegeben). Wenn der merkt, daß gleich irgendwas aus dem Ruder läuft, dann setzt er alles daran, um es noch umzubiegen. Und Ina Seybold ist zwar nicht ganz so schlau, aber dafür eitel, fast so eitel wie Annegret Auerwald, nur auf eine andere Art. (Wie Annegrets Eitelkeit aussieht, dazu vielleicht auch später.)

Inas Eitelkeit besteht hauptsächlich darin, so zu tun, als würde sie etwas nicht verstehen, obwohl sie's ganz genau verstanden hat. Manche sagen auch dazu, daß man sich naiv stellt. Aber Ina Seybold kann sich nicht naiv stellen, weil sie es niemals in Wirklichkeit ist, dafür ist sie viel zu selbstbewusst.

Sie zieht die Augenbrauen zusammen und tut so, als hätte sie etwas nicht verstanden, und jeder nimmt ihr das ab. Sie nimmt es sich ja selber ab. Sie macht das nicht bloß aus Berechnung, sondern infolge ihrer Eitelkeit, die sie dazu treibt wie die Giraffe an die Wasserstelle. Deshalb setzt sie nun, nachdem Martin gesagt hat "Ich will sowieso unbedingt mit dir reden!", ihre typische Das-habe-ich-jetzt-nicht-richtig-verstanden-Miene auf (die sie übrigens noch hübscher macht) und entgegnet "Warum das denn?"

Jemand wie Ina Seybold will immer erst erobert werden, bevor sie Ja sagt. Wenn jemand im "Park Café" oder im "Bogenschützen" sie zum Tanz auffordert, sagt sie "Der eben ist mir mächtig auf den Fuß getreten!" Und wenn sie drei Tage hungern musste und man würde ihr etwas zu essen anbieten, dann würde sie wahrscheinlich sagen "Was gibt es denn? Ich will mir nicht gleich den Magen verderben." Lieber würde sie leer ausgehen, als es jemandem zu leicht zu machen, der was von ihr will. Das Merkwürdige ist nur: sie geht dabei niemals leer aus!

Wenn Martin zu ihr gesagt hat, er will unbedingt über was mit ihr reden, dann zeigt das, wie schlau er sein kann, denn das war genau das, was Ina davon abhielt, gleich wieder davon zu radeln, nachdem sie ihr Gewissen beruhigt und gesehen hatte, daß Martin soweit in Ordnung, jedenfalls nicht völlig gehunfähig oder gar ans Bett gefesselt ist.

Daß er Liese dann vom Fenster herab abserviert hatte, konnte nur auf Inas Anwesenheit zurückzuführen sein, die ihn dazu gezwungen hat! "Wer ist das?", hat sie ihn gefragt, als Liese klingelte und Martin einen Blick aus dem Fenster nach unten warf, was Liese nicht bemerkte, weil sie ja beim Klingeln nicht gleich hochgeguckt hat, sondern erst, als er von oben rief "Was willst du?"

Er muss sie also vorher schon gesehen haben. Und als Ina fragt "Wer ist das?", und er antwortet "Es ist Liese", da setzt sie ihre Das-habe-ich-jetzt-nicht-richtig-verstanden-Miene auf und sagt "Welche Liese?" "Lieselotte Reichelt." "Ach so, die bloß." Und da ist Martin unschlüssig, was er tun soll, denn Ina hat ihm ja zu verstehen gegeben, daß es ihr lieber wäre, wenn er sie nicht erst heraufkommen lässt und sie gleich unten abserviert.

Genaugenommen hat sie gesagt: "Ach so, die bloß. Na ja, dann ..." Und die eigentliche Botschaft lautete dementsprechend: "Schick' sie weg, sonst geh' ich." Und da weiß sich Martin in seiner inneren Zerrissenheit nicht anders zu helfen, als zu ihr hinunter zu rufen "Was willst du?" Denn Ina hatte ihn zu der Zeit fest im Griff, das war Liese völlig klar.

Teresa Michels hat auch nicht widersprochen, als Martin erzählte, er hätte einen Gips gehabt. Liese hatte sie gefragt, ob es stimmt, daß Ina Seybold Martin besucht hat, als er außer Gefecht gesetzt war. Und die Resi hat gemeint "Warum fragst du ihn nicht selbst?" Und als Liese daraufhin schwieg, fragte Resi "Hast du ihn denn besucht?" "Ja", erwiderte Liese, und das entsprach ja auch der Wahrheit. "Und du?" "Kann sein." "Das weißt du nicht mehr?" "Mensch, Liese! Ich bin die ganze Woche bei so 'nem Haufen Leute, da weiß ich doch am Freitag nicht mehr, bei wem ich am Montag war." Das entsprach sicher auch der Wahrheit.

Teresa Michels ist ständig unterwegs, man kann sie unvermutet an den unmöglichsten Stellen in der Stadt treffen, sie kann einem praktisch überall über den Weg laufen, wie eine Katze. Die Zeit, wenn sie in der Schule auf der Bank stillsitzen muss, ist wahrscheinlich unerträglich für sie; sie gab auch schon unverhohlen zu, daß sie die Schule nicht besonders toll findet.

In der Pause ist sie nur in Bewegung, und wenn die Freundinnen, also Liese, Annegret, Bärbel und manchmal noch jemand anderes am Terrassenufer auf der Bank sitzen, um sich zu unterhalten und sich über die vorüber gehenden Leute auszulassen, klettert Resi hinter ihnen auf's Geländer und setzt die Füße auf die untere Stange und wippt mit den Beinen, und sie sitzt auch meistens so, daß ihr Schlüpfer unterm Rock hervorschimmert, der immer blütenweiß ist und sich über ihren kleinen Hügel wölbt wie eine Muschelschale, bemerkte Liese des öfteren.

Teresa Michels ist nicht groß und nicht klein, sondern wohlproportioniert, an ihr ist alles weder zu lang noch zu kurz, weder zu dick noch zu dünn, selbst ihre kastanienbraunen Haare haben genau die richtige Länge und Fülle. Sie trägt mit Vorliebe quergestreifte, bunte Strickpullover, im Sommer mit nicht viel drunter.

Sie war eine der ersten von ihnen, die einen Busen hatte, und die Streifen von ihrem Pullover schlagen ansehnliche Wellen an der Stelle (aber keine Wogen), und wenn sie irgendwas gruselig oder abstoßend findet, macht sie "Buääähhh!" und streckt die Zunge raus und es sieht aus, als würde sie, ohne es zu merken, etwas ungeheuer Schamloses tun.

Aber sie weiß immer ganz genau, was sie tut und wie es auf andere wirkt. Und daß sie als diejenige gilt, die die meisten Geheimnisse (von anderen) kennt, hat seinen Grund in der Tatsache, daß man ihr die meisten Geheimnisse anvertraut, und zwar genau jene Geheimnisse, von denen man möchte, daß sie sich, unter dem Gebot der Verschwiegenheit, verbreiten.

"Ich weiß nur, daß Annegret bei Martin war", sagte Resi. "Annegret?", rief Liese beinahe erschrocken. "Das ist doch nicht möglich!" "Wieso denn nicht? Sie hat ihm angeblich die Hausaufgaben gebracht." "Von sich aus?" "Hat er dich drum gebeten?" "Was meinst du?" "Woran denkt Martin Imhoff wohl zuletzt, wenn er nicht in die Schule muss?" "Woher weißt du's?" "Sag' ich nicht, ist ein Geheimnis. Vertraulich, verstehst du."

Seltsame Dinge waren da vor sich gegangen. Man glaubte, Martin wäre außer Gefecht gesetzt, und dann sickern nach und nach die wahren Umstände durch, daß nämlich alle Welt bei ihm ein- und ausgeht. Ina Seybold war bei ihm (womöglich sogar mehr als einmal), und Annegret Auerwald (mit fadenscheinigem Grund), und Resi war bestimmt auch dort, sonst hätte sie's abgestritten, denn man kann von Resi eine Menge behaupten, nur nicht, daß sie lügt. Die ganze Sache entwickelte sich zu einer Angelegenheit, für die das Wort Zerreißprobe nicht ganz unzutreffend ist. Eine Zerreißprobe für die Beziehung zwischen Martin und Liese, redete sie sich ein.

"Ja, gut", sagte Resi, "ich war auch bei ihm, fällt mir jetzt ein." Liese hätte am liebsten eine ganz spitze Bemerkung gemacht, aber Resi sagte "Ich war aber nur dort, weil Robert da war." Damit war Robert Przetak gemeint.

Bevor jetzt keiner so richtig weiß, wie sein Name ausgeprochen wird, soll das gleich mal geklärt werden, so wie er es beschrieben hat. Man muss nämlich ein P, R, T, Z und SCH auf einmal und fließend aussprechen und hinten dran ein ETAK anhängen, dann klingt sein Name so, wie man ihn da hört, wo er herkommt (der Name): aus Polen, aus Masuren, sagt er, obwohl schon seine Großeltern eingeborene Dresdner waren.

Resi sagt, die polnischen Männer wären wie Edelritter, was eine Verbindung von Ritter und Edelmann ist. Vom Ritter haben sie die Stärke, Kühnheit und den Ernst, wenn es in den Kampf geht, und vom Edelmann die Schönheit, das Galante und die Tüchtigkeit, wenn es ums Geschäftliche geht. "Alles Eigenschaften, die eine Frau schätzt", sagte Resi einmal, als sie am Terrassenufer auf der Bank saßen (Resi im gestreiften Pulli auf dem Geländer) und auf das Thema Männer und Frauen zu sprechen kommen.

"Jede einzelne davon", erklärt Resi weiter, mit einer Überzeugung, als hätte sie's selber erlebt, "könnte einen Mann schon zu was Besonderem machen, wenn sie stark genug ausgeprägt ist. Aber wenn alle zusammenkommen, dann kann ihm keine Frau widerstehen, keine."

"Und du meinst, die Polen wären solche Übermänner?", fragt Liese. "Natürlich nicht alle, aber es gibt sie am ehesten dort, in den polnischen Steppen." "In den Städten?" "In den Steppen! Da ziehen sie, begleitet von einer Handvoll Getreuer, auf ihren Pferden umher. Polnische Wildpferde, eine besonders zähe Rasse", versichert Resi. Sie streckt ihren niedlichen Busen vor und wippt mit den Beinen, und sie blickt in Richtung Elbe aufwärts, als käme dort hinter der Loschwitzer Biegung gleich eine Horde polnische Edelritter auf Pferden hervorgeprescht. "Du spinnst ja", sagt Annegret trocken.

"Wie kommt es dann", fragt Liese, "daß unsere Wehrmacht die Polen so leicht besiegen konnte?" "Weil sie mit ganz andern Mitteln gekämpft hat", erwidert Resi, und alle wundern sich über diese Antwort. "Was für Mittel?", hakt Liese nach. "Moderne Mittel." Und weil sich keine darunter etwas vorstellen kann, fügt Resi hinzu "Überlegt doch mal! Wenn man mit Panzern gegen Reiter kämpft, wer bleibt da wohl übrig?"

"Heißt das, es gibt jetzt keine mehr von deinen Edelrittern?" "Ein paar schon noch. Aber sie haben sich zurückgezogen." "Wenn der Krieg vorbei ist, kannst du dir ja einen suchen", sagt Bärbel Ruminsky, und es klingt ein bisschen höhnisch. "Mach' ich vielleicht auch." "In Polen gibt es überhaupt keine Steppen", sagt Annegret, als habe sie die ganze Zeit nach diesem Einwand gesucht. "Und ob! Dort gibt es sogar noch den Auerochsen." "Davon habe ich auch gehört", stimmt Liese ihr zu. "Ja klar, die besonders zähe Rasse", meint Bärbel Ruminsky und dreht sich zu Teresa um. "Warum sitzt du eigentlich immer so da, daß man dir untern Rock gucken kann?" "Weil's immer welche gibt, die's machen!"

Keins von den andern Mädchen fand, daß Robert Przetak das Ideal des polnischen Edelritters verkörpert, von dem Teresa gesprochen hatte. "Das habe ich auch nicht behauptet", sagte sie, "wenn er euch nicht gefällt, umso besser." Liese konnte ritterliche Tugenden zumindest auf Anhieb nicht an ihm erkennen, und ob er galant wäre (was immer das bedeuten mag), könnte man wahrscheinlich auch erst herausfinden, wenn man ihn auf die Probe stellt. Aber was für eine Probe sollte das sein? Vielleicht eine "Handschuhprobe" wie beim alten Schiller: Ritter Delorges und Fräulein Kunigund! Und Robert stieg hinab in den furchtbaren Zwinger. Das ist ganz schön albern, dachte Liese.

Aber was ist, wenn Robert an Mädchen gar nicht interessiert war? Sie traf ihn mal, als sie nach der Schule Martin besuchte, da war er auch da. Sie unterhielten sich über alles Mögliche, Robert war ein bisschen zurückhaltend, aber was er sagte, war zumindest nicht gewöhnlich. Es war jedenfalls nicht das dümmliche Zeug von manchen Jungs, die glauben, sie müssten jedes Mädchen, das weniger als drei Schritte von ihnen entfernt steht, mit ihrem Gefasel beeindrucken. Es war aber auch nicht gerade aufregend. Und er hatte sie nicht hinter ihrem Rücken gemustert, wie das andere zur Genüge tun, wenn sie einem unbemerkt auf den Po schauen oder sonst auf was.

Jetzt behauptete Resi, daß sie Martin besucht hat, extra weil Robert bei ihm war! Und wenn sie sich bloß was einbildet und ihm ganz umsonst hinterherläuft? Das muss ihr doch zu denken geben, daß Robert immer nur zu Martin geht, immer nur zu Jungs. "War er denn überhaupt da?", fragte sie Resi (unter vier Augen). "Ja." "Und du bist nur wegen ihm zu Martin gegangen?" "Warum interessiert dich das so brennend?" Liese beteuerte "Nur damit das klar ist: ich will nichts von Robert." "Und er nicht von dir."

Für einen Moment ärgerte sich Liese, daß er sie nicht gemustert hatte; vielleicht hatte er es getan, ohne daß sie's merkte! "Von dir aber?" "Schon möglich." "Woher willst du das so genau wissen? Vielleicht irrst du dich ja und er ist gar nicht für Mädchen geschaffen." "Bist du meschugge? Ich will ich dir mal was sagen, Lieselotte Mauerblümchen! So was, wie der hat, das hast du garantiert noch nicht gesehen!"

Fast vierundzwanzig Stunden lang musste Liese über nichts anderes nachdenken als über Resis Worte. Im Unterricht war sie nicht bei der Sache. In Deutsch sollte sie Goethes "Willkommen und Abschied" rezitieren, aber sie kam nur bis zu dem "aufgetürmten Riesen". In Geschichte wurde sie mit der Frage aus ihren Gedanken gerissen, weshalb der Jude von alters her bei seinen Geschäften danach trachtet, die Leute mit Wucherzinsen zu betrügen. "Weil er meschugge ist?", antwortete sie zerstreut und wurde dafür gerügt.

Vor allem wusste sie nicht, worüber sie zuerst nachgrübeln sollte, über das "Mauerblümchen" oder über Robert und das, was er hat. Sie beschloss, Teresa Michels zur Rede zu stellen. "Warum nennst du mich ein Mauerblümchen?" "Jetzt sei' nicht gleich beleidigt, das ist mir bloß so rausgerutscht." "Ich bin nicht beleidigt, ich will nur wissen, wie du darauf kommst." "Das ist gar nicht von mir." "Sondern? Oh nein, sag's nicht!" "Sie hat es bestimmt nur so dahin gesagt. Wirklich, ich wusste ja nicht, daß du darauf so empfindlich reagierst." "Wann hast du sie's sagen hören?" Resi druckste herum. "Los, raus mit der Sprache! Oder ich rede kein Wort mehr mit dir." "Bei Martin." "Oh Gott!", machte Liese und ballte die Fäuste. "Fluchen hilft da nichts", sagte Resi nicht ohne eine Spur von Mitgefühl. "Und du warst dabei, und Robert auch." "Ina hat bloß mir gegenüber die Bemerkung gemacht: 'Lieselotte hat bestimmt nichts dagegen, sie gefällt sich ja sowieso besser in ihrem Mauerblümchen Dasein.' Aber ich bräuchte dir trotzdem nicht unbedingt zu sagen, daß sie bei Martin war." "Das hat sie gesagt?" "Ja."

Liese hätte Resi natürlich fragen können, was genau zwischen Ina und Martin gelaufen ist, aber sie befürchtete, es nicht zu verkraften und vor Resi womöglich mit den Tränen kämpfen zu müssen. Sie konzentrierte daher ihre ganze Grübelei auf Inas Bemerkung. Mag ja sein, daß Liese manchmal dazu neigt, die Dinge komplizierter zu machen, als sie sind. Das hat ihr jedenfalls Bärbel Ruminsky (unter vier Augen) mal gesagt. "Ich glaube, du siehst manchmal schon Gespenster", hatte sie wörtlich gesagt.

Liese war der Meinung, daß allein sie selbst feststellen kann, ob sie Gespenster sieht, und daß Bärbels Bemerkung eine bloße Behauptung sei, die sie nicht beweisen, ja nicht einmal bezeugen kann. Allerdings verwirrte es sie, daß es ausgerechnet Bärbel Ruminsky ist, die so etwas zu ihr sagt. Am ehesten hätte sie es von Annegret erwartet, die kein Blatt vor den Mund nimmt, weil es ihr gar nicht auffällt, wenn sie jemanden kränkt; sie tut das nicht aus Gehässigkeit, sondern weil sie manchmal so furchtbar schmalspurig ist und Dinge geradeheraus sagt, ohne sie vorher abzuwägen und zu überlegen, wie sie beim andern ankommen. Sie denkt keinen Augenblick mal zur Seite. Wenn Annegret Auerwald ein Pferd wäre, käme sie ohne Scheuklappen keinen Schritt vorwärts.

Teresa Michels würde nie sowas wie "Du siehst ja Gespenster!" zu ihr sagen. Sie macht sich wahrscheinlich sowieso nicht viele Gedanken über das Innenleben von anderen. Obwohl sie jede Menge Leute kennt, die ihr dauernd irgendwelche Geheimnisse anvertrauen, bleibt sie doch immer so unbeschwert. Sie konnte unmöglich über all' das nachdenken, was ihr zu Ohren kommt. Sie würde ja nicht mehr ruhig schlafen können. Und Teresa hat mal zu Liese gesagt, da wäre sie wie ein Hund: Augen zu und gute Nacht! Manchmal wünschte sich Liese, sie wäre mehr wie Teresa, und weniger mit sich selbst beschäftigt.

Wenn man zuviel über alles nachgrübelt, dachte Liese, kann es leicht passieren, daß man sich Dinge vorstellt, die nicht unbedingt so sind, wie man sie sich vorstellt. Aber das sind dann noch lange keine Gespenster! Was ist denn überhaupt dabei, wenn man sich in Gedanken ausmalt, wie es sein könnte, wenn es anders wäre. Warum wollte Bärbel Ruminsky das nicht akzeptieren? "Was du Gespenster nennst", hatte Liese ihr entgegnet, "das nenne ich Phantasie!" Jedenfalls hätte sie ihr das entgegnet, wenn es ihr rechtzeitig eingefallen wäre. Aber glücklicherweise ist es ihr überhaupt eingefallen, und sie war sehr zufrieden damit, und mit sich selbst.

Als das mit Martin und Ina und ihren ständigen Treffen voll im Gange war, hatte sie alle zu ihrem Geburtstag zu sich nach Hause in Alt Striesen eingeladen. Das war natürlich die totale Überraschung für die Mädchen, vor allem für Liese, von der man ja wusste, daß sie bis vor kurzem Martins beste Freundin gewesen ist. Ina verteilte keine Einladungskarten, wie das sonst unter ihnen üblich war (und zwar seit der Zeit, als man noch von Mutti begleitet reihum ging und die Einladungen verteilte.)

Kaum vorstellbar, daß es bei Ina Seybold jemals so abgelaufen war, mal abgesehen davon, daß ihre Mutter nicht ihre richtige Mutter ist. Aber es wäre ihr bestimmt peinlich gewesen, einen Anstandswauwau bei sich zu haben, wo sie doch schon sooo! erwachsen ist. (Anstandswauwau ist übrigens ein Wort, das Liese furchtbar dümmlich findet, und es daher auch nur bei solchen Personen verwendet, die selbst dran schuld sind.)

Nein, Ina und Martin sind mit den Rädern von einer zur andern gefahren und Ina hat Bescheid gesagt, wann und wo sie ihren Geburtstag feiert und daß "ich mich freuen würde, wenn du auch kommst." Geburtstagsfeiern sind absolute Höhepunkte, die man nicht verpassen darf. Auch die Einladungen darf man nicht ablehnen, höchstens in begründeten Fällen. (So ist zum Beispiel nie jemand zu Annie Briegleb zum Geburtstag gegangen, weil jeder wusste, daß man von Brieglebs nicht ohne mehrere Sorten Ungeziefer nach Hause kommt.)

Außerdem war das die Zeit, als schon alles knapp wurde und man mit Bezugsscheinen auf alles Mögliche und mit Fleisch- und Brot- und Eiermarken und so weiter auskommen musste. Aber der alte Seybold (der in Wirklichkeit noch gar nicht so alt war) hatte seine Ofenfabrik schon auf Kriegswirtschaft umgestellt und baute statt Heizöfen fürs Badewasser jetzt Behälter für Bomben und so was.

Und er hatte auch etliche Fremdarbeiter aus der Tschechoslowakei, die hinten bei ihm auf dem Werksgelände in Baracken wohnten. Er hatte auch kurz vorher alle Wohnungen von der Baugenossenschaft Dresden West mit Heizöfen ausgestattet, und das war ein Großauftrag gewesen, mit dem er viel Geld verdient hatte. (Liese hätte das freilich alles nicht gewusst, wenn es Ina nicht erzählt hätte.)

Man konnte also erwarten, daß es sich lohnt, zu Inas Geburtstagsfeier zu gehen. Nur Bärbel Ruminsky sagte ab, angeblich hatte sie schon was anderes vor. Kann sein. Bärbel Ruminsky macht öfter mal was anders als die anderen. Alle übrigen versprachen zu kommen. Liese wäre sich selbst untreu geworden, wenn sie nicht etwas auszusetzen gehabt hätte.

Zu Annegret meinte sie (unter vier Augen) "Ich weiß nicht, ich fand es irgendwie herablassend, wie Ina sagte 'wenn du auch kommst', das klingt so wie: 'glaub' nicht, daß du bevorzugt wirst'." Annegret entgegnete darauf "Es gibt ja auch keinen Grund, weshalb du bevorzugt werden solltest." "Nein, ich will ja auch gar nicht bevorzugt werden, bevorzugt ist vielleicht das falsche Wort." "Was stört dich dann an Inas Einladung? Ich finde das sehr nett von ihr. Immerhin hat sie ja eigentlich nur was mit Martin und ist gar nicht auf uns angewiesen. Daß sie uns dennoch einlädt, ist ihr hoch anzurechnen. Manche andere hätte das nicht gemacht."

Oh Gott! Annegret konnte einen manchmal mit ihrer Sturheit regelrecht zermürben. Wer behauptet denn, daß Ina auf uns angewiesen wäre? Und wieso muss man es ihr hoch anrechnen, wenn sie alle gleich behandelt? Das ist ja nun das Mindeste. Vor allem aber dieses "manche andere" hätte bei Liese durchaus in die falsche Kehle geraten können, was nur dadurch verhindert wurde, weil sie Annegret gut genug kennt und weiß, daß sie es nicht auf jemand bestimmtes bezogen hat, sagte sich Liese.

Liese steht pünktlich drei Uhr bei den Seybolds vorm Haus. Es ist ziemlich ansehnlich, mit einem Garten davor und einem noch größeren dahinter, und die Seybold'sche Ofenfabrik befindet sich auf dem angrenzenden Grundstück. Ina öffnet selber die Tür und begrüßt jeden neuen Gast. Liese ist nicht die erste. Es sind auch einige aus Inas Schule eingeladen, es sind auch Jungs da, und Teresa hatte zur Bedingung gemacht, daß Robert auch eingeladen wird, aber das hätte Ina sowieso getan! Nachher fällt Liese auf, wie Ina, Martin, Resi und Robert zusammenstehen und sich offenbar köstlich amüsieren. Weiß der Kuckuck worüber.

Bei der Kaffee- und Kuchentafel haben sich die Eltern wirklich nicht lumpen lassen, es gibt sogar für jeden ein Schoko Törtchen mit einem Marzipan Röschen oben darauf zum Mitnehmen. Ein paar von den Jungs verzichten, und Liese bekommt beim Abschied von einem blonden Jungen namens Frederik seins geschenkt. Er wird dabei puterrot im Gesicht, und sie weiß auch nicht recht, was sie sagen soll, bedankt sich dann aber freundlich und bedauert es ein bisschen, daß er nicht eher auf sie zugekommen ist.

Ein Problem wie immer bei Geburtstagen war die Geschenkefrage gewesen. Die vier Mädchen (also normalerweise mit Bärbel) sprechen sich untereinander stets ab, einmal damit nichts doppelt ist, und zum andern, damit, gemäß einer stillen Übereinkunft, nicht eine irgendwie mit ihrem Geschenk heraussticht. Annegret hat einen Wecker, der wie ein dicker Zirkusclown aussieht, sein Hütchen ist die Glocke. Teresa schenkt ihr ein buntes Seidentuch, das sich Ina gleich um den Hals legt und das ihr wirklich gut steht. Und Liese überreicht ihr eine Schachtel mit hochwertigem Briefpapier und zwanzig gefütterten Kuverts. "Soll ich dir etwa einen Brief schreiben?", fragt Ina, die sich über alle Geschenke freut. "Wenn du willst", sagt Liese unwillkürlich.

Für die Geschenke steht ein extra Tisch bereit, und dort häuft es sich, und Inas jüngere Schwestern (drei, aus der zweiten Ehe) helfen dabei, alles schön zu arrangieren. Beim Kaffee hält Ina eine kleine Dankrede, und Liese muss zugeben, daß sie mit ihrem strahlenden Lächeln wirklich bezaubernd wirkt, sie bekommt sogar Applaus dafür.

Danach stehen ein paar Runden Spiele auf dem Programm, hinterm Haus ist massenhaft Platz, und dort steht auch ein Tisch mit Erfrischungsgetränken. Es sind auf einmal auch noch kleinere Kinder aus der Verwandtschaft aufgetaucht. Man spielt "Der Fuchs geht um ...", "Reise nach Jerusalem" (das neuerdings nur noch "Überfahrt nach Helgoland" heißen darf, aber das nimmt keiner ernst) und "Königskinder", das zwei Mädchen aus Inas Klasse kennen, und bei dem immer ein Pärchen durch die andern davon abgehalten wird, sich bei den Händen zu fassen, aber jeder von beiden, wenn's ihm einfällt, sich auch jemand andern als Partner schnappen kann, wenn einer nicht aufpasst.

Da kommt großes Juchzen auf, besonders, wenn sich ein Junge und ein Mädchen finden. Schließlich fällt jemandem ein, daß die beiden sich eigentlich einen Kuss geben müssen, was den Spaß nochmal verdoppelt. Übrigens sind auch Ina und Liese mal ein Paar, und Ina macht sich anscheinend überhaupt nichts draus, Liese einen Schmatzer auf die Wange zu geben, der dabei ein Schauer über den Bauch läuft, dessen Nachwirkung sie noch am Abend zu spüren glaubt.

Die jüngeren Schwestern von Ina führen einen Reigen auf, und sie sehen aus, als wären sie alle drei auf demselben Baum gewachsen. Sie geben sich viel Mühe, und die eine ist hinterher todunglücklich, weil sie einmal einen falschen Schritt gemacht hat, sogar ein Extra Applaus kann sie kaum trösten. Es folgt eine Tanzparty zu ziemlich flotter Musik von Schallplatten, die ein junger Mann auflegt, der kein Wort spricht. "Wer ist das?", fragt Liese, und Ina sagt "Ein Bekannter."

Später gibt es Erdbeer Bowle und belegte Brötchen, von dem Bäcker, der auch Seybolds Fabrikarbeiter versorgt. Man unterhält sich beim Essen in Grüppchen, und Ina erzählt, daß ihr Vater gerade Auseinandersetzungen mit einem Kommandeur vom Wehrkreis IV habe, der ihm russische Kriegsgefangene in seine Fabrik schicken will, wogegen die Tschechen, die jetzt hier sind, protestieren würden, weil sie befürchten, dann ihre Arbeit zu verlieren. "Manche von denen", sagt Ina und deutet auf die Baracken drüben auf dem Grundstück, "schicken ihren ganzen Lohn nach Hause zu ihrer Familie, die würden sonst wahrscheinlich verhungern."

Es machte keinen geringen Eindruck auf Liese, mit welcher Ernsthaftigkeit Ina darüber sprach, das war irgendwie eine andere Ina als die, welche mit den Jungs herumturtelt und ihre blonde Haarpracht lässig nach hinten wirft. Und doch konnte Liese ihr auch an diesem, ansonsten so vergnüglichen Nachmittag nicht verzeihen, daß sie die meiste Zeit mit Martin zusammen war, einmal waren sie beide sogar für eine Weile ganz verschwunden.

Wie hatte sich das alles nur dahin entwickeln können? Liese erinnert sich bereits an die Zeit, als sie und Martin sich näher kamen, wie an etwas längst Vergangenes. Und dann wieder ist alles so nah und spürbar, als wäre es gestern passiert. In manchen Nächten kann Liese nicht einschlafen und denkt nur daran, wie es wäre, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte.

Liese kannte Martin sogar schon, bevor sie in die Schule kamen, wenn auch nur flüchtig, sie trafen sich immer mal beim Spielen oder auf der Elbewiese, aber da fiel ihr Martin nicht weiter auf. Dann wurden sie gemeinsam eingeschult.

Der Rektor Scheithauer hielt eine Rede (selbstverständlich in seiner Partei Uniform) und sagte, die Einschulung sei für jeden jungen Menschen ein bedeutsames Ereignis. Einschulung - ein Wort, das Liese heute noch schrecklich findet, so ... gefühllos; außerdem ist es bei Liese (sie weiß überhaupt nicht wieso) immer mit dem Wort Stuhlgang verbunden, das ja auch etwas Abstoßendes hat. Gott sei Dank sagten die meisten "Schuleinführung", und es war tatsächlich ein bedeutsames Ereignis, das Liese in ihrem Tagebuch mit vielen bunten und lustigen Zeichnungen (sie konnte ja noch nicht schreiben) festgehalten hat, welche hier leider nicht wiedergegeben werden können.

Lieses erste große Liebe hieß Ansgar Bosse, der in der rechten Reihe zwei Bänke vor ihr saß. Er war ein hübscher Blondschopf (Liese hat schon immer die blonden Jungs gemocht), der meterweit spucken und aus dem Bauch heraus grandiose Rülpser loslassen konnte, was ebenso unanständig wie belustigend war. Sie verabredeten sich beinahe jeden Nachmittag, und Liese blieb nur dann sich selbst überlassen, wenn Ansgar wegen eines Gehörfehlers, den er von Geburt an hatte, zur Behandlung musste, was leider ziemlich oft nötig war, weil die Ärzte irgendwelche neue Behandlungsmethoden an ihm ausprobierten.

Gemeinsam stromerten sie durch die Gegend, meistens an der Elbe entlang bis nach Blasewitz und dann durch die Straßen zurück, wo es immer was zu sehen und zu erleben gab. Wenn die "Vogelwiese" stattfand, waren sie natürlich Tag für Tag dabei, so oft, bis wirklich der letzte Groschen für Karussell und Luftschaukel, für Zuckerwatte und kandierte Früchte ausgegeben war und ihnen auch keine (legale) Möglichkeit mehr einfiel, wie sie zu ein bisschen Geld kommen können.

Manchmal blieben sie auch bei ihr oder bei ihm zuhause und spielten "Mensch ärgere dich nicht" oder Mühle, oder sie fassten sich einfach bei der Hand und saßen still nebeneinander, bis einer wieder eine prima Idee hatte. Sie küssten sich auch, auf den Mund, mit zusammengepressten Lippen, als Schutz vor vermeintlichen Verderbtheiten, mit denen man sich anstecken kann wie mit Ziegenpeter.

Irgendwann spürte Liese, wie die aufregenden Gefühle bei ihr abflauten, und sie hatte nicht mehr das ganz dringende Bedürfnis, mit ihm zusammenzusein. Dagegen hatte sie das Gefühl, sie würde sich, besonders in letzter Zeit, äußerlich und innerlich weiterentwickeln, während Ansgar Bosse irgendwie nicht mithalten konnte. Und dann erlaubte er sich auch eine große Dummheit.

Einmal samstags war er bei Liese zum Mittagessen. Und wie sie da zu viert am Tisch sitzen, wendet sich Ansgar Bosse plötzlich an Lieses Mutter und erklärt in fürchterlich gestelzter Sprache "Frau Reichelt, ich möchte bei Ihnen die Hand Ihrer Tochter halten!" Liese fällt vor Schreck der Suppenlöffel herunter. Was ist denn jetzt in ihn gefahren? "Aha", sagt ihre Mutter, als habe er ihr gerade erzählt, daß er auf der Osterinsel geboren wurde. Dann entgegnet sie vorsichtig "Sie ... ähm du meinst bestimmt, du willst um die Hand unserer Tochter anhalten?" "Ja." "Ansgar!", ruft Liese entrüstet.

"Du willst Liese also heiraten, verstehe ich das recht?" "Ja." "Nun, in dieser Angelegenheit, lieber Ansgar, hat mein Mann die Entscheidungsgewalt." "Mama!", ruft Liese zornig, und Ansgar fragt "Was hat Ihr Mann?" "Er hat das letzte Wort." Lieses Vater hatte, abgesehen von einem Schmunzeln, das über seine Lippen ging, nicht weiter darauf reagiert, aber als Lieses Mutter ihm jetzt die Entscheidungsgewalt überträgt, muss er irgendetwas dazu sagen, also spricht er "Darf man einen Grund erfahren?" "Wie bitte?" "Papa!", ruft Liese und hätte sie am liebsten alle drei in Spiegeleier verwandelt.

"Warum willst du Liese heiraten?" "Weil es sein kann, daß ich bald in den Krieg ziehen muss, und dann möchte ich, daß Liese besorgt ist." "Du meinst versorgt." "Ja." "Das ist ein hehres Motiv." "Wie bitte?" "Fragt mich etwa überhaupt keiner, was ich dazu sage!", ruft Liese und ist nahe daran, mit der Faust auf den Tisch zu hauen, was nur der Vater ein einziges Mal getan hatte, als Max Schmeling den Boxkampf gegen Joe Louis verlor.

Stattdessen springt sie auf und geht in ihr Zimmer, sie ist nicht gewillt, diesen Unsinn weiter zu ertragen. Nach einer Weile kommt Ansgar herein, ohne anzuklopfen! Er verkündet "Ich habe es deinen Eltern gesagt." "Ich hab's gehört!" "Dein Vater hat das letzte Wort." "Wenn du wieder mal so was wegen unserer gemeinsamen Zukunft rauslässt, Ansgar Bosse, dann sagst du mir vorher Bescheid!" "Es sollte eine Überraschung sein." Sie weiß nicht, ob sie lachen oder heulen soll, sie sagt "Geh' jetzt, bitte. Wir sehen uns morgen." "Ja, gut, bis morgen."

Natürlich werde ich seinen Antrag nicht annehmen, denkt Liese. Es ist ja noch nicht mal einer gewesen! Sie hat auch gar nicht die Absicht, jetzt schon zu heiraten. Und selbst wenn, dann nicht Ansgar. Wie konnte er nur so voreilig sein, geradezu unverschämt. Wie lange spukt ihm das schon im Kopf herum? Und er sagt kein Wort zu ihr und behandelt sie wie eine ... wie eine Schildkröte, die er von Papa abkaufen will.

Es war nicht ganz einfach, ihn loszuwerden. Er war sich überhaupt keiner Schuld bewusst, er dachte, alles würde nach seinen Wünschen verlaufen, ja sogar nach ihren. Liese musste ihm irgendwie deutlich machen, daß es aus ist zwischen ihnen. Es ihm direkt ins Gesicht zu sagen, dazu hatte sie nicht den Mut, obwohl sie sich schon die richtigen Worte überlegt hatte.

Sie musste jemanden zu Hilfe nehmen, die es ihm beibringt. Und sie meinte, Teresa Michels wäre die Richtige für diese Mission. Sie sagte ihr, sie bräuchte ihre Hilfe, es ginge um Ansgar Bosse. "Habe gehört, er hat dir einen Heiratsantrag gemacht", sagte Teresa. Liese blieb der Mund offenstehen, aber sie verzichtete darauf zu fragen, woher sie das weiß. Um so besser. "Ja, aber ich nehm' ihn nicht an." "Warum nicht?" "Ähm, vielleicht weil wir noch zu jung sind zum Heiraten?", erwiderte Liese und konnte nicht verstehen, wieso gerade Resi so eine dumme Frage stellt. "Er ist noch ein halbes Kind, und ich darf erst in ein paar Jahren heiraten." "Ja, das stimmt, wirklich keine rosigen Umstände. Und was willst du von mir?"

"Ich muss ihm irgendwie schonend beibringen, daß es Schluss ist mit uns." "Sag' ihm, du kannst keine Kinder kriegen." "Was?" "Warum sollte er dich sonst heiraten wollen?" "Hat dir heute schon jemand gesagt, daß du wieder furchtbar nett bist. Vielleicht liebt er mich ja." "Dann sag', du bist geisteskrank oder wenigstens schwermütig, und du darfst nicht heiraten, der Führer verbietet es." "Ist das wahr?" "Ja, steht im Eheschutzgesetz."

"Aber ich bin nicht schwachsinnig." "Dann eben schwermütig. Du hast manchmal diesen stumpfsinnigen Ausdruck in den Augen." "Das ist mir noch nicht aufgefallen", empörte sich Liese. "Na, du siehst dich ja auch nicht." "Hör' auf! Da denke ich nach. Das hat nichts mit Schwermut zu tun." "Na gut."

"Außerdem, wenn ich solche Gerüchte in die Welt setze, kann es passieren, daß ich zwar Ansgar Bosse los bin, aber alle andern Jungs auch." Resi lachte. "Seit wann legst du denn so großen Wert drauf, was die Jungs über dich denken? Ich dachte, 'n bisschen Händchenhalten und Schmusen genügt dir." "Und du bist wohl bloß auf das Eine aus!" "Was meinst du damit?" Liese war verblüfft über Resis Ahnungslosigkeit, sollte sie sich wirklich so gut verstellen können?

Sie sagte "Tust du mir nun den Gefallen oder nicht?" "Was denn genau?" "Na ja, wenn du Ansgar sagst, also so nebenbei, aus dem Heiraten wird wohl nichts werden, weil ich, also weil die Liese da einen andern Freund hat." "Wer soll das sein?" "Nee, das sagst du so." "Wer soll das sein, fragt er mich dann, der ist doch nicht blöd." "Nee, blöd ist er nicht, nur 'n bisschen grün hinter'n Ohren. Hach, Mensch, was mach' ich bloß. Wenn du nicht mal eine Idee hast, außer mich zum Krüppel zu machen."

Liese ging zu Ansgar hin und sagte ihm direkt ins Gesicht "Das mit dem Heiraten kannst du vergessen! Und zwischen uns beiden ist auch Schluss." Das war zwar genaugenommen nicht das, was sich Liese zurechtgelegt hatte, aber sie dachte, es sei besser, gemein zu sein, als unaufrichtig, sie wählte sozusagen das kleinere Übel.

Ansgar Bosse hatte darauf gar nichts erwidert, sondern sie nur angeschaut, als wäre seine letzte Hoffnung geplatzt. Im Unterricht wurde er immer stiller (er war sonst einer der eifrigsten Schüler gewesen), und einmal meldete sich sein Banknachbar und sagte "Frau Sachse, der Ansgar heult." Liese bekam ein ganz flaues Gefühl im Magen.

Und einen Tag später stand Ansgar vorn vor der Klasse, und Frau Sachse sagte, sie wollen sich heute alle von ihrem geschätzten Mitschüler Ansgar verabschieden, der mit seiner Familie nach Hamburg umzieht. "Alle werden dich sehr vermissen, Ansgar." Und jemand machte den Vorschlag, daß Ansgar noch mal so richtig schön rülpsen soll, damit sie ihn in bester Erinnerung behalten, und alle mussten lachen, und Ansgar musste auch lachen, aber die Tränen liefen ihm übers Gesicht.

Teresa sagte dann zu Liese, sie hätte zuletzt noch mit ihm gesprochen, und da habe er ihr gesagt, mit dem Heiratsantrag hätte er gehofft, daß seine Eltern sich das mit dem Umzug noch mal überlegen, weil er ja nun hier gebunden wäre. "Ich will nicht in dieses doofe Hamburg ziehen, was soll ich denn dort? Da kenne ich überhaupt niemanden", hatte er gesagt.

Liese betrachtete den leeren Platz auf seiner Schulbank ein paar Mal mit nachdenklichem Blick. Ansgar hatte irgendetwas nicht Greifbares aus ihrem Leben oder sogar aus ihrem Innern mitgenommen, und sie spürte für eine Weile die leere Stelle, als hätte jemand die schönen Blumen, die da einst blühten, heraus gerissen, und sie fragte sich, ob dieser kahle, unansehnliche Fleck wohl für immer so bleiben sollte. Aber es dauerte nicht lange, bis alles wieder frisch nachgewachsen war.

Martin Imhoff fiel Liese zuerst auf, weil er unerhört gut singen konnte. Einmal war eine Gedenkfeier und der Reichsjugendführer war zu Besuch. Martin sang das Lied "Siehst du im Osten das Morgenrot". Man erzählte sich, daß der Reichsjugendführer dieses Lied besonders gern mochte, weil er es selbst für das Hitler Jugend Liederbuch bearbeitet habe, das heißt, statt der Zeile "Deutschland erwache! Ende der Not!" hatte er es umgedichtet in "Deutschland erwache! Juda den Tod!" Na ja, eine poetische Meisterleistung war es nicht gerade, dachte Liese, aber es störte auch niemand. Und Martins Gesangsvortrag war wirklich überwältigend.

Man versuchte ihn zu überreden, beim Kreuzchor eine Aufnahmeprüfung zu machen, aber das wollte er nicht. Er hatte ja auch im Jungvolk und dann in der Hitler Jugend viel zu tun. Irgendwann war eine Luftschutz Übung, und alle Klassen mussten geräumt werden und man musste sich auf dem Schulhof einfinden und da wurde dann durchgezählt, ob sich alle "retten" konnten, denn die ganze Schule stand natürlich lichterloh in Flammen durch die Bomben, welche der Feind darauf abgeworfen hatte; das war ganz schön aufregend.

Und aus ihrer Klasse fehlte die Paula Huschek, und niemand hatte sie gesehen. Tja, da war Not am Mann, wie man so sagt. Und Martin Imhoff, in seiner feschen Uniform mit dem silberglänzenden Koppel und dem Lederriemen quer über der Brust und mit den hochgekrempelten Ärmeln erklärte kurzentschlossen, er werde jetzt nochmal in das Gebäude gehen und nach Paula Huschek suchen, denn das sei seine Pflicht als Luftschutzhelfer.

Frau Sachse, die Lehrerin, wollte ihn zurückhalten, aber da war er schon drin. Wohlgemerkt, die ganze Schule brannte und würde gleich einstürzen. In allerletzter Sekunde erschien Martin wieder in der Tür, Paula Huschek unversehrt an der Hand, sie war bei der Evakuierung schnell nochmal aufs Klo verschwunden und hatte dadurch bewirkt, daß Martin Imhoff sein Leben für sie einsetzte. Er war der Held des Tages.

Und Liese, als sie zu Hause alles noch einmal Revue passieren ließ, konnte sich überdeutlich an den Moment erinnern, als Martin von seiner Pflicht sprach und sie - ja wirklich, es gab keinen Zweifel - Liese dabei anblickte wie der Ritter die Prinzessin, wenn er ihr auf der Stelle einen Beweis seiner Ergebenheit verspricht; als wenn Paula Huschek ihre Lieblingsschwester wäre, die er für sie dem Flammentod entreißt. Dieser Blick war keine Einbildung!

Aber bei allen Bemühungen, der Sache auf den Grund zu gehen, musste Liese doch feststellen, daß sich Martins Verhältnis zu ihr nicht erkennbar verändert hatte, und so schien nach einer Weile wieder alles beim Alten.

Einmal war Frau Sachse kurzfristig krank geworden, und sie hatten Vertretung bei Oberstudienrat Haupert, der eigentlich Geschichtslehrer bei den Älteren war. Er kam in die Klasse mit dem "Völkischen Beobachter" unterm Arm, und ohne weitere Vorbemerkung sagte er "Folgende Aufgabe: Die Aussagen des Führers über die allgemeinen Richtlinien der deutschen Außenpolitik in: Mein Kampf, zweiter Band, Kapitel vierzehn, Seite siebenhundert siebenundzwanzig bis siebenhundert sechsunddreißig, in übersichtlich geordneter Form zusammenfassen, Zeit: die ganze Stunde."

Jemand meldet sich zaghaft. "Ja, was gibt's." "Wir haben mit Mein Kampf noch nicht angefangen." "Wie bitte?" "Wir haben das Buch noch gar nicht", sagt Marie Kessler. "Frau Sachse will uns das Buch erst nächste Woche geben." "So", sagt Haupert, und da erst zieht er die Zeitung unterm Arm hervor und legt sie ab. Es meldet sich Sven Gumpelt. "Ja?" "Ich könnte dafür etwas übers Hühnerzüchten erzählen." Alles johlt, Haupert sagt "Du bist wohl hier der Klassenkasper?" "Nee, das ist Achim Rasche", versichert Sven beinahe gekränkt. "Ich dachte nur, weil doch der Reichsführer der SS früher auch mal Hühnerzüchter war, und mein Vater ist das auch."

"So", sagt Haupert, dann besinnt er sich "Das ist richtig. Nennen wir es wissenschaftlich exakter: Geflügelzucht. Also gut, berichte uns etwas darüber, aber nicht länger als fünf Minuten." Sven Gumpelt geht nach vorn und stellt sich neben den Lehrertisch. Er erzählt darüber, wie die Hennen die Eier legen und wie man sie in einer besonderen Vorrichtung ausbrüten kann und wie man die kleinen Kücken großzieht, was für Futter die Hühner fressen und wie man sie am besten rupfen kann. Zum Schluss sagt er, schon die alten Griechen hätten die Hühnereier verehrt, indem sie sagten omnia ex ovo!

"Was heißt das?", will ein Mädchen wissen, und Sven schaut Herrn Haupert an, der sagt "Alles kommt aus dem Ei." "Ist das wirklich so?" Liese meldet sich und sagt "Man muss das im übertragenen Sinn verstehen." "Und dann bedeutet es was?", sagt Haupert. "Vielleicht, daß alles ... in der Natur ... am Anfang ..." Haupert hilft. "Daß die ersten Lebewesen sich durch Ei Befruchtung fortgepflanzt und weiterentwickelt haben, du warst schon auf der richtigen Spur ..." "Lieselotte Reichelt ist mein Name" "Lieselotte. Gut, und du kannst dich wieder setzen, danke", sagt er zu Sven.

Da melden sich plötzlich ein gutes Dutzend andere. Marie Kessler erzählt etwas über Heilpflanzen und wie man aus Ringelblumen eine Creme für trockene und spröde Haut herstellen kann. "Ich nehme die selber", sagt sie und streckt Herrn Haupert ihr Gesicht hin. Jemand anderes berichtet über seine Reise in die ungarische Hortobágy Puszta. Annegret Auerwald will ein paar Tanzschritte aus ihrer Palucca Schule vorführen und meint, dafür müsse aber der Lehrertisch beiseite geschoben werden, worauf Herr Haupert sagt, darauf müssten sie diesmal leider verzichten.

Martin hält einen Vortrag über Luftschutz und wie man sich dabei verhalten soll. Er zählt die wichtigsten Sachen auf, die man bei sich haben muss, wenn man in den Luftschutzkeller geht: Ersatzkleidung, Decken, Wasser, Gasmaske, Streichhölzer, Kerzen, Trinkwasser, Mundvorrat und wenn möglich eine Schutzbrille. Liese fragt ihn, was er gedacht habe, als er wegen Paula Huschek nochmal ins Gebäude musste. Da sagt Achim Rasche von hinten "Lohnt sich das wegen der?" Alles johlt, Paula Huschek dreht sich um und streckt ihm die Zunge raus, Herr Haupert ruft "Ruhe!", und Martin beeilt sich zu sagen "Nein, das ist nicht wahr!" "Und was dann?" Martin zuckt mit den Schultern. "Ich weiß nicht mehr." Liese bereut es, gefragt zu haben.

Sogar Olivia Gabrielli meldet sich zu Wort und erzählt die Sage von der Gründung Roms, und das meiste konnte man verstehen. Herr Haupert fragt nach ihrem Namen und lobt sie. Dann sagt Teresa Michels, Robert Przetak könne genau erklären, wie eine Nähmaschine funktioniert. "Wer ist Robert Przetak?", fragt Herr Haupert, und Robert hebt den Finger. "Na dann, bitte." Robert erklärt, wie eine Nähmaschine funktioniert, und er zeichnet sogar etwas an die Tafel. "Hast du selber schon mal eine gebaut?", fragt ihn jemand. "Ja." "Und hat sie funktioniert?" "Sie tut's immer noch."

Die Stunde neigt sich dem Ende. Herr Haupert klemmt den Völkischen Beobachter untern Arm und sagt "Ich bin beeindruckt, was für Talente in dieser Klasse stecken, ich werde meinen Schülern davon erzählen." Annegret fragt, ob er eventuell nochmal in ihre Klasse käme, dann könnte man den Lehrertisch vorher schon beiseite rücken. Haupert sagt, er wisse es im Moment nicht. Marie Kessler fragt "Herr Haupert? Ist der Viktor Siebert auch in Ihrer Klasse?" "Ja, warum?" "Können Sie ihm erzählen, daß ich das bin, Marie Kessler heiß' ich." Ein Raunen geht durch die Menge. "Ja, gut, Marie, ich werde es ihm ausrichten." "Vielen Dank."

"Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen", sagt Liese hinterher zu Martin. "Mit was?" "Weil ich gefragt habe, an was du gedacht hast." "Ach so. Schon gut." "Das war wirklich interessant, was du erzählt hast." "Ich weiß", erwidert er bloß, anscheinend merkt er nicht mal, daß sie ihm damit schmeichelte.

"Ich würde sogar gern mehr darüber erfahren." "Wir haben nächsten Dienstag wieder eine Schulung, da geht es um den richtigen Gebrauch der Gasmasken." "Ach ja?" Dann fällt ihm ein "Na ja, aber Mädchen sind da nicht dabei." "Ich hab' auch noch keine Gasmaske." Er horcht auf. "Das gibt's doch nicht! Bestimmt hat sie dein Vater irgendwo gelagert." Sie sieht seine besorgte Miene. "Das wollen wir doch hoffen", meint sie und lacht. Aber er ist nicht recht zufrieden.

Sie fragt ihn "Kannst du mir nicht mal mit deiner beibringen, wie man's macht?" "Was macht?" "Na richtig aufsetzen und das alles." "Das haben wir doch letztens alle trainiert, als wir im SA Quartier beim Jägerpark waren." "Ach, stimmt ja. Aber so richtig gut hat's bei mir nicht geklappt." "Das kommt noch, man muss es bloß oft genug wiederholen." 'Oh Gott!', denkt Liese, 'wann kapiert der denn endlich mal, was ich will!' "Am besten", sagt er, "du suchst dir jemand, mit dem du's trainieren kannst, da kann man sich auch gegenseitig die Zeit stoppen." Sprach's und lässt sie stehen.

Drei Tage später beobachtet Liese, wie Martin und Olivia Gabrielli nach der Schule vom Hof spazieren und sich offensichtlich angeregt unterhalten, er lacht sogar, und sie gestikuliert mit den Armen; es sieht nicht nach einer Fachsimpelei über die Volksgasmaske aus! Das darf doch alles nicht wahr sein, denkt Liese.

Olivias Eltern sind Italiener, und daher ist sie auch selber Italienerin. Olivia war erst vor kurzem in die Klasse gekommen, ihr Vater ist ein italienischer Gesandter, wenn Liese das richtig mitgekriegt hatte, denn Olivia sprach anfangs noch ziemlich holprig deutsch.

Sie hatte Liese gefragt, was so ein "Poesie Album" wäre, das fast alle Mädchen in der Klasse haben, und Liese hatte geantwortet "Das ist ein Buch mit leeren Seiten. Man tauscht es untereinander aus, und jeder schreibt ein paar hübsche Verse hinein und darunter seinen Namen. Und wenn man in fünfzig Jahren darin blättert, kann man sich an seine Schulfreundinnen erinnern, falls das Gedächtnis noch mitspielt."

Liese hatte viel zu schnell gesprochen und Olivia nur die Hälfte verstanden. "Was schreiben man hinein?" "Verse." "Eine Ferse?" "Meistens ein paar." "Eine Paar Ferse?" "Ja. Warum guckst du mich so komisch an?" "Il tallone?", vergewisserte sie sich, "Wirklich Ferse?" Sie hob ein Bein und fasste sich hinten an ihren Schuh. "Was? Ach so, nein! Gott, jetzt weiß ich, was du denkst. Nein, Verse mit V! Ein Gedicht. Die Fuß-Ferse wird mit F geschrieben." "Aaaahhh!" machte Olivia und strahlte. "Jetzt ich verstehe: i versi." "Genau", sagte Liese und hatte den Verdacht, Olivia wollte sie nur in ein Gespräch verwickeln.

Es war wohl keine so verlockende Sache für Olivia, denn es kam nie ein Poesie Album von ihr in Umlauf. Dafür hatte sie eine Menge schöne Photos von Italien, von denen sie ab und zu welche herumreichte. Sie ist auch selbst ziemlich schön und ziemlich italienisch, dachte Liese. Und da sie Olivia bereits die Zusammenhänge erklärt hatte, konnte es auch nicht das Thema Poesie Album sein, worüber sich die beiden da so vergnügt unterhielten, zumal Martin nie eins besessen hatte. (Liese übrigens auch nicht.)

Wieder kam sie ins Grübeln. Wenn sich Martin mit Olivia so unterhält, wie sich Liese wünscht, daß sich Martin mit ihr unterhält, er sich aber mit ihr keineswegs so unterhält, wie sie sich das wünscht, und sich stattdessen mit Olivia so unterhält, wie sich Liese das keineswegs wünscht, dann kann man daraus nur die Schlussfolgerung ziehen ... daß Liese etwas falsch gemacht hat.

Als erstes musste sie unbedingt herausbekommen, worüber die beiden geredet haben. Am nächsten Tag passte sie einen Moment ab, in dem Olivia nicht in der Nähe war, und sagte "Ach übrigens, Olivia hat dich gestern nach der Schule gesucht, sie wollte wohl irgendwas von dir wissen wegen eurer nächsten Luftschutzübung." Er fiel voll darauf herein. "Was? Wir haben uns doch gestern gesehen, da hat sie nichts davon gesagt." "Doch!" "Nein." "Was hat sie denn gesagt?" "Wir haben uns über den Zoo unterhalten." "Über'n Zoo?", fragte Liese ungläubig.

"Sie hat mich gefragt, wo hier der Zoo wäre und was für Tiere man da anschauen kann." "Das war alles? Und das fand sie lustig?" "Dann hat sie erzählt, wie sie mal bei sich zu Hause in einem Zoo war, und da ist gerade ein Zebra ausgebrochen und sie haben versucht, es wieder einzufangen." "Wer, Olivia?" "Nee, die Tierwärter." "Ach so. Na, bloß gut, daß es kein Tiger war." "Was?" "Da hab' ich sie wahrscheinlich nicht richtig verstanden." "Hm." Er wollte gehen, und Liese wusste partout nicht, was sie noch sagen soll.

Da drehte sich Martin nochmal um und meinte "Wir haben uns übrigens verabredet, daß wir mal in den Zoo gehen wollen." "Wer?" "Olivia und ich, ich will ihr alles zeigen und so weiter." "Ach ja? Was ist und so weiter?" "Na, das Affenhaus zum Beispiel." "Ja, ja, das Affenhaus." "Wieso redest du denn so komisch?" "Mach' ich nicht." "Willst du vielleicht mitkommen?" Liese lief knallrot an. "Ich?" "Du kannst dich viel besser mit ihr unterhalten, ich versteh' immer bloß die Hälfte."

"Ich verstehe sie eigentlich ganz gut." "Siehst du, da kannst du auch mitkommen. Wenn du nichts anderes vorhast." "Wann soll'en das sein, vielleicht hab' ich schon was vor." Er sagte es ihr. "Nein, da hab' ich noch nichts weiter vor." "Dann treffen wir uns am Eingang." "Ja, gut. Aber ich geh' dann nicht hinterher allein nach Hause." "Was? Nein, wieso denn?"

Vor dem Zoo warten die beiden auf Olivia, sie bleibt aus. "Für wann habt ihr euch verabredet?", fragt Liese nochmal. "Um drei." "Jetzt ist es schon gleich halb vier, wie lange wollen wir noch warten?" Er zuckt mit den Schultern, sie sagt "Wir könnten den Mann im Kassenhäuschen drum bitten, daß er Olivia sagt, wir wären schon reingegangen." "Meinst du, der kennt sie?"

Liese fragt den Pförtner, sie beschreibt ihm das Mädchen, er sagt, wenn sie auftaucht, wird er es ihr ausrichten. Da meint Martin "Wollen wir überhaupt reingehen?" "Was?" "Ich bin gar nicht mehr so scharf drauf." "Was willst du denn machen?" Er zuckt wieder mit den Schultern. Liese denkt, er ist enttäuscht wegen Olivia, und nun will er sie auch loswerden. "Wollen wir nach Hause gehn?", fragt sie, um Klarheit zu bekommen. "Nein." "Was dann?"

"Ich würde gern hinüber zum Carola See, da kann man Kahn fahren." "Und was wird mit mir?" "Hast du keine Lust?" "Doch." Sie geht nochmal zum Pförtner und sagt ihm, sie gehen zum Carola See, und er nickt. Martin ist froh, da wegzukommen. "So'n Rumgestehe kann ich gar nicht leiden", sagt er und läuft im Sturmschritt davon. "Das ist nur wegen Olivia!" "Nein, gegen die hab' ich nichts." "Nein, ich auch nicht", beteuert Liese und hat Mühe, neben ihm zu bleiben.

"Renn' doch nicht so, man könnte denken, du läufst vor was davon." Er geht langsamer. Am Carola See sind alle Kähne auf dem Wasser. "Schon wieder warten", brummt Martin. "Lass uns da rüber zu den Schwänen gehn." "Wenn wir bei den Schwänen sind, kommt garantiert ein Kahn herein." "Da kommt auch noch einer herein. Sei doch nicht so knurrig." "Ich bin nicht knurrig." "Und ob du knurrig bist!" "Weshalb sollte ich knurrig sein?" "Das weiß ich doch nicht, vielleicht wegen Olivia." "Warum fängst du denn immer wieder mit der an." "Ich sag's dir: weil ich wissen will, ob was zwischen euch ist." "Häh?" "Findest du sie nicht hübsch?" "Keine Ahnung. Ja, vielleicht."

Sie sind bei den Schwänen, die haben Junge, und einer von den großen faucht die beiden an. Liese lacht. "Kann der dich nicht leiden?" "Er meint dich!" "Nee, er meint dich, weil du so knurrig bist." Da sie nicht näher kommen, beruhigt sich der Schwan. "Und mich?", fragt Liese. Martin lässt einen flachen Stein übers Wasser springen. "Was hast du gesagt?" "Ob du mich auch hübsch findest?" "Da kommt einer rein! Steht auch grad' niemand an."

Sie rennen zum Steg. Ein Bursche mit einer Hakenstange hilft beim Aus- und Einsteigen, er verlangt das Fahrgeld, Martin guckt Liese verlegen an. "Hast du Geld?" Sie bezahlt. Martin fasst die Riemen und rudert mit kräftigen Schlägen los, im Nu sind sie mitten auf dem See. Liese lehnt sich übers Heck und lässt die Hand im Wasser gleiten. "Ich geb' dir's nachher wieder", sagt Martin. Sie dreht sich zu ihm um. "Was?" "Das Fahrgeld für mich." "Ach das."

Dann fragt sie "Wie wolltest du denn in' Zoo kommen?" Er antwortet nicht gleich, dann sagt er "Verkleidet." Sie lacht. "Als was?" "Als Tierarzt." "Verstehe. Du hättest gesagt, man hätte dich gerufen, weil das Nashorn Bauchweh hat." "Ja, oder Durchfall, und die Leute würden davonlaufen, weil's so stinkt." Sie drehen ein paar Runden. Liese sagt "Fahr' mal da rüber." "Wohin?" "Zu dem Baum mit den großen Wurzeln." "Da isses vielleicht nicht tief genug, dann laufen wir auf Grund." "Ach da kommen wir auch wieder los."

Plötzlich ruft vom Steg der Bursche durch einen Trichter "Das Boot Nummer zwölf wird gebeten, zur Anlegestelle zu kommen!" "Was für'ne Nummer haben wir?" "Weiß nicht. Steht vielleicht hinten dran." Sie schaut nach. "Nichts zu sehen." Der Bursche am Steg ruft nochmals. "Da, auf deinem Brett steht's." "Wie sinnig, wenn man drauf sitzt. Oh, wir sind die zwölf!" "Ich glaube, das ist Olivia, die da steht." "Hm. Kann sein." "Was machen wir?", fragt Martin. Liese überlegt, sie ist uneins mit sich. Olivia winkt mit beiden Armen. "Ruder' zurück", sagt Liese.

Olivia entschuldigt sich bei ihnen, es macht ihr offenbar gar nichts aus, daß Liese auch dabei ist. "Ich mussten warten." "Wir mussten warten", sagt Liese. "Nein, ich mussten auch warten auf meine Mama, sie hat backen Brot für Tiere füttern." Sie zieht aus ihrer Jackentasche eine volle Papiertüte mit Weißbrot Stücken. "Die riechen aber gut", meint Martin, "kann ich mal probieren?" "Wie bitte schön?" "Es heißt entweder 'Wie bitte' oder 'Bitte schön'", sagt Liese freundlich, und Olivia lächelt und meint "Ach, ich wechsel immer noch aller Wörter."

Sie streicht ihre Haare hinters rechte Ohr, und Martin wiederholt seine Frage. Olivia entgegnet "Aber sind für Tiere!" "Ja, ist klar, ich will ja nur wissen, wie das schmeckt." Er angelt sich ein Stück aus der Tüte und stopft es in den Mund. "Hm, lecker!", sagt er. Liese meint "Du bist wahrscheinlich die einzige in der Stadt, die es sich leisten kann, so feines Brot an die Tiere zu verfüttern." "Per favore?", fragt Olivia und deutet auf eine weitere Tüte in der andern Jackentasche. "Ach nichts."

Olivia wendet sich an Martin "Wollen wir jetzt in Zoo gehen?" "Ja, gut", sagt er mit vollem Mund. "Ciao, a presto", sagt sie zu Liese und hebt dabei ein bisschen hochmütig die Hand. Genau das hatte Liese befürchtet. "Martin!" "Was ist? Ich kann sie doch jetzt nicht fortschicken", flüstert er. "Du kommen, Martin?" "Ja." Sie gehen. Liese spürt einen Stich im Herzen. Wie konnte sie nur so dumm sein und sich darauf einlassen! Es geschieht ihr ganz recht, wenn sie jetzt einfach abserviert wird.

Und um ihre Schmach noch zu vergrößern und dadurch gewissermaßen in Selbstmitleid versinken zu können, ruft sie "Martin! Brauchst du Geld?" Er kommt nochmal zurück. "Das wäre klasse, wenn du mir noch was borgen könntest, ich geb' dir's bestimmt wieder." "Schon gut." Und dann sind die beiden verschwunden, und Liese steht da wie ein ausgesetzter Pudel.

"Hat sie ihn dir jetzt einfach weggeschnappt?", fragt der Bursche vom Bootsverleih, der offenbar hinter ihnen, auf seine Hakenlanze gestützt, die Szene mitangesehen hat. "Was? Ach woher! Ich hab' mir's sowieso anders überlegt", sagt sie und merkt gar nicht, wie eine Träne über ihre Wange kullert. "Willst'e 'ne Brause trinken?" "Ja, gern." Er holt zwei Bügelflaschen aus seiner Bude. "Geht auf's Haus." "Danke."

Sie setzen sich auf die Bank außen neben der Tür, man hat die Anlegestelle im Blick und kann über den ganzen Teich schauen. Zwischendurch hilft der Bursche ein paar Leuten aus den Kähnen. Übrigens stehen doch vorn die Nummern dran. "Gehören dir die Boote?", fragt sie ihn. "Nein. Ich mache das bloß aushilfsweise, der Bootsverleih gehört der Stadt."

"Was machst du sonst?", fragt sie und nimmt einen Schluck aus der Flasche. "Was anderes", sagt er ausweichend und macht eine Handbewegung zum Parkweg hin. "Waren das vorhin deine Schulkameraden?" "Ja." "Woher kommt sie?" "Olivia? Aus Italien, ihr Vater ist hier als Botschafter oder so etwas." "Da haben sie vorgestern den Duce verhaftet." "Was?" "In Italien ist der Duce festgenommen worden." "Ach so." "Weißt du überhaupt, wer das ist?"

"Ja, klar. Kann ich mal das Sprechrohr ausprobieren?" "Die Flüstertüte?" Liese lacht. "Heißt das so?" "Ja, Flüstertüte. Von mir aus." Er hat sie an der Seite abgestellt. Liese nimmt sie und geht an den Steg, wo jetzt drei Boote liegen. Sie stellt sich an den Rand, nimmt den Trichter an den Mund und ruft mit Männerstimme "Das Boot mit der Nummer siebzehn! Sie haben die Ausleihzeit überschritten! Sofort hierher rudern und nachzahlen!"

Der Bursche springt auf. "Bist du übergeschnappt! Niemand hat die Ausleihzeit überschritten." "Ach ja? Und woher weißt du das? Du hast ja nicht mal eine Uhr." "Doch! Da drin." "Aber du guckst nie drauf. Du hast nicht einmal draufgeguckt." "Ich hab' das im Gefühl. Jetzt stell' das Ding wieder hin", sagt er verärgert. Sie macht es. Er schaut auf den Teich. "Wo ist Nummer siebzehn überhaupt?" "Liegt da am Steg", sagt sie und setzt sich wieder auf die Bank.

Sie schmollt ein bisschen, weil er sie so angefahren hat. "Kannst du nicht mal 'n Spaß verstehn?" "Doch." Er trinkt einen Schluck. "Bist du öfters so witzig?" "Im Moment kommt mir alles wie ein einziger Witz vor." "Ach, jetzt übertreibst du bestimmt. Ist es wegen den beiden?" "Auch." "Ich kenn' das." "Was?" "Wenn man abserviert wird." Sie schaut ihn groß an. "Das ist genau der richtige Ausdruck!" "Ich weiß. Man fühlt sich plötzlich so klein und nichtig." "Ja, und beschissen." "Ja, das trifft es."

"Wie oft ist dir das schon passiert?" "Sehe ich so mitgenommen aus?" Sie lachen beide. "Eigentlich nicht. Ich meine, was hast du dann gemacht, um damit fertig zu werden?" "Manchmal muss man bloß abwarten und zusehen, wie's weitergeht." "Einfach nichts machen?" "Ja. Sehen, daß man's erträgt und daß man sich wieder erholt. Man hat noch keine Medizin dafür gefunden." Es legen wieder welche am Steg an, und es kommt eine Familie mit zwei Kindern, die hinausrudern wollen.

"Willst du noch 'ne Brause?", fragt er Liese dann. "Hab' noch. Was ist, wenn man's nicht ertragen kann?" "Daß man abserviert wurde?" "Ja. Und mitansehen muss, wie jemand anderes ihren Spaß hat." "Egal. Schau einfach nach vorn, denk' nicht über was nach, das vorbei ist, das bringt gar nichts, du kannst es eh' nicht mehr ändern." "Hast du grade eine Freundin?"

Er lacht und trinkt seine Flasche aus. "Ja, klar." "Ist sie hübsch?" "Ja." "Und treu? Ich meine, guckt sie nicht nach andern Jungs?" "Wenn das ein Mädchen macht, würde man's merken?" "Nee, wahrscheinlich nicht, wenn sie's geschickt anstellt." "Und wenn man's merken soll, ist es sowieso zu spät."

"Und wie ist das bei euch Jungs? Woran merkt man, ob sich einer gar nichts aus einem bestimmten Mädchen macht?" "Das ist doch falsch herum gefragt. Wenn du immer bloß drüber nachdenkst, warum dich keiner beachtet, kriegst du todsicher Minderwertigkeitsgefühle und damit bist du erst recht aus dem Rennen. Du musst erreichen, daß du ihm auffällst." "Und wie am besten? Wie ist dir denn deine Freundin aufgefallen?"

Er überlegt. "Schwer zu sagen, vielleicht weil sie nicht so zickig ist wie andere, und auch nicht so eingebildet. Was hatten die zwei denn vor?" "I'n Zoo gehen. Sie will sich angeblich bloß alles zeigen lassen." "Vielleicht will sie ja wirklich nur das." "Ach ja? Und warum suchst sie sich dafür ausgerechnet Martin aus?" "Warum hast du ihn dir ausgesucht?" Liese konnte nichts darauf erwidern.

"Ich muss jetzt wieder los." "Ja. Hat mich gefreut, dich kennenzulernen." Sie wird rot im Gesicht. "Ja, war nett mit dir zu quatschen." "Gehst du manchmal tanzen?" "Was? Nein, nicht so oft. Warum?" "Ich mache manchmal Musik." "Ach ja? Was spielst du?" "Gitarre. Wir spielen meistens zu dritt, mit Akkordeon und Geige." "Wo?" "Kennst du den 'Bogenschützen'?" Sie schüttelt den Kopf. "Und 'Willy's Weinfass'? Sind Kneipen drüben in der Neustadt, hinterm Albert Platz." "Komm' ich nicht so oft hin." "Na ja, vielleicht irgendwann mal." "Ja, vielleicht."

Als sie schon ein Stück weg ist, hört sie ihn durch den Trichter rufen "Ich heiße Karl, meine Kumpels nennen mich Charlie!" Sie legt die Hände an den Mund und ruft zurück "Ich heiße Lieselotte." "Mach's gut, Lieselotte, und viel Glück mit deinem Freund!" "Ja danke, Charlie! Oh! Sieh nur! Da geht grade ein Boot unter!"

Vielleicht sollte sie das wirklich so machen und einfach an was anderes denken. Hatte er ihr das überhaupt geraten? Jedenfalls hat er nicht so dümmlich dahergequatscht wie viele andere, dachte Liese. Ist hier eigentlich schon berichtet worden, daß Liese eine Vorliebe für vielsagende Wörter und Wendungen hat? Man könnte sie auch Lieblingswörter nennen. Dümmlich ist so eins.

Irgendwann hatte sie angefangen, solche Wörter in ein leeres Heft zu notieren: Wandelstern, Frostbeule, herumdoktern, tollpatschig, Ultramarin, betörend, Katzengold. Sie konnte nicht genau sagen, weshalb ihr gerade diese Wörter gefielen, aber sie meinte, alle haben irgendwie einen eigenen Charakter, sie sind wie Schmetterlinge oder wie Briefmarken in einer Sammlung; manche sind tiefsinnig, andere phantastisch, geheimnisvoll, lustig, altmodisch, unanständig oder einfach nur schön.

Sie sammelte auch ganze Redewendungen: aus dem Ruder laufen; die Flinte ins Korn werfen; die Kuh vom Eis holen, und manchmal solche, deren Bedeutung ihr nicht ganz klar war: mit dem Klammersack gepudert sein; mit der Wurst nach dem Hund werfen; oder (besonders merkwürdig) spitz auf Knopf.

Woher sie die Wörter bekam, war ganz unterschiedlich. Einmal sagte der Vater, als gerade eine Rede von Hermann Göring im Radio lief, "Ich kann dieses abgedroschene Zeug nicht mehr hören!" Liese notierte abgedroschen und dahinter in Klammern (von Papa). Und als die Mutter dann sagte "Erzähl' bloß nicht weiter, was dein Vater hier manchmal vom Stapel lässt", strich sie (von Papa) durch und schrieb (irgendwo aufgeschnappt) hin und darunter etwas vom Stapel lassen (auch irgendwo aufgeschnappt).

Dann stand da: Weitläufiger Saal mit Nebengemächern (aus Goethes Faust), und sie konnte nicht mehr sagen, wann sie das aufgeschrieben hatte, aber in ihrer Vorstellung bot dieser weitläufige Saal einen grandiosen Anblick: Er ist von strahlendem Weiß und von Gold, mit zwei Reihen mächtiger Säulen aus Marmor. Licht flutet durch eine Front mit endlos vielen Fenstern, und Spiegel werfen es auf der anderen Seite zurück. An der Decke sind Gemälde, auf denen Göttinnen und Helden in prunkvollen Kutschen, von geflügelten Pferden gezogen und von nackigen Engelchen begleitet, durch den Wolkenhimmel brausen. Und ganz am Ende steht ein Thron, auf dem die Königin sitzt und gerade ihre sieben kühnsten Krieger empfängt, die von der siegreichen Schlacht gegen die Tartaren heimkehren, um ihr Bericht zu erstatten und den Schatz zu ihren Füßen zu legen. Liese hatte keine Ahnung, ob das bei Goethe auch so ist, aber das war ja nicht wichtig, sie konnte ihrer Phantasie freien Lauf lassen.

Als Dolores Schlierich von ihren Erlebnissen berichtete, trug Liese das Wort Feuersturm ein, das ihre Phantasie nicht weniger beschäftigte, auch dann noch, nachdem Martin ihr wissenschaftlich genau erklärt hatte, worum es sich dabei handelt.

Und bei manchen Wörtern lief ihr geradezu ein Schauer über die Haut, wie zum Beispiel bei dem Wort Orgie, das Teresa Michels einmal beiläufig fallen ließ. Die saß sowieso immer an der Quelle, wenn es um derbe Sachen ging, soll heißen bei den großen Jungs, die solche Ausdrücke gebrauchten wie: da geht dir der Arsch auf Grundeis; einen Neger abseilen; die kalte Pisse kriegen oder (am schlimmsten!) einem Mädchen den Bauchnabel von innen küssen. Die konnten einen bis in die Träume verfolgen.

Das mit dem missglückten Zoobesuch war am Samstag, und am Sonntagvormittag klingelt es bei Reichelts, und Regina macht auf. Da steht ein Junge in Hitler Jugend Uniform und sagt, ohne sie direkt anzusehen, "Ist Liese da?" "Und du bist?" Er hebt erstaunt den Kopf. "Martin." "Ach ja, jetzt erkenne ich dich wieder. Komm' rein. Liese!"

Liese nimmt ihn mit in ihr Zimmer, sie tut so, als würde sie gerade aufräumen, sie trägt Sachen hin und her und öffnet den Schrank und macht ihn wieder zu und zieht eine Schublade aus dem Schreibtisch und wühlt darin herum und schiebt sie wieder zu, und irgendwann sagt Martin, der auf der Stuhlkante sitzt, "Was machst du grade?" "Wonach sieht es denn aus?" Er zuckt mit den Schultern. "Ich räume auf." "Ach so." "Weshalb bist du hergekommen?"

Er murmelt etwas, dann fragt er "Weißt du immer noch nicht, wo deine Gasmaske ist?" Liese fährt herum. "Waaas? Soll das jetzt eine Hausdurchsuchung werden, Pimpf Imhoff?" "Gar nicht." "Meine Gasmaske scheint dich ja wirklich sehr zu beschäftigen." "Du hast doch letztens davon gesprochen. Außerdem: so ein Ding kann dir das Leben retten." Sie plumpst mit hoffnungsloser Miene aufs Bett und lässt sich mit einem Seufzer zurückfallen, dann stützt sie sich auf die Ellenbogen und sagt "Ich werde Papa fragen, wo sie ist, zufrieden?" "Hm."

Er schaut sie an, und sie glaubt, etwas Vertrautes in seinem Blick zu lesen. "Wie war's gestern?" "Im Zoo?" "Nee, auf dem Himalaya!" Er winkt ab. "Ach, nicht besonders, es gab Ärger." Sie richtet sich auf. "Wie, Ärger?" "Na ja, Olivia hatte doch diese Brotstücke, und damit haben wir die Waschbären gefüttert, und da hat sich so eine Frau ganz mächtig drüber aufgeregt." "Wusst' ich's doch. Wenn man Brot nur noch auf Marken kriegt, sollte man so was lieber nicht vor aller Welt machen."

"Und dann kamen zwei Männer von der Schupo auf uns zu ..." "Polizisten?" "... und haben gefragt, wer wir sind und wo wir wohnen. Ich glaube, die dachten, Olivia wäre 'ne Jüdin oder 'ne Zigeunerin." "Ist sie denn eine?" "Was?" "Eine Jüdin?" "Keine Ahnung, woher soll ich das wissen." "Und dann?" "Sie haben uns mit auf die Wache genommen." "Womit?" "Mit dem Auto." "Die waren mit dem Auto da?" "Ja." "Dann waren das doch keine normalen Polizisten." "Kann sein, vielleicht auch Schtapo." "Und dann?"

"Da saßen wir erst mal 'ne Weile rum." "In 'ner Zelle?" "Nein, auf 'ner Bank im Flur." "Hätte'ste doch abhauen können." "Weiß nicht. Hab' ehrlich gesagt, 'n bisschen Bammel gehabt." "Ja, kann ich verstehen, und du hattest ja auch Olivia an der Backe." "Ich konnte sie ja nicht im Stich lassen in der Lage." "Nee, nicht in der Lage. Das war anständig von dir. Und dann?"

"Die haben rumtelephoniert und wollten das überprüfen, was Olivia gesagt hat." "Und deins nicht?" "Es ging hauptsächlich um sie. Sie hat gesagt, wer ihr Vater ist und was der hier macht und wo sie wohnen, und das haben die dann überprüft. Und wir mussten solange da sitzen bleiben." "Hat Olivia auch Bammel gehabt?" "Nö. Sie hat bloß geschimpft, auf Italienisch, das hat keiner verstanden, ich glaub', die hat sogar die Polizisten beschimpft." "Ja, kann ich mir gut vorstellen. Und dann?"

"Dann kam nach 'ner Weile ihr Vater." "Wie sieht der aus?" "Wie soll der aussehen, ganz normal. Er hat gesagt 'Bleibt ruhig sitzen, ich rede mit dem Polizeichef, und dann nehme ich euch mit.'" "Und dann?" "Ist er da ins Büro gegangen und 'ne Weile drin geblieben, und da hab' ich schon gedacht ..." "Warte mal, wie konntest du das denn verstehen, was er gesagt hat?" "Na, das hat er ganz normal auf Deutsch gesagt. Und ich dachte schon: Mäusekacke! Jetzt haben sie ihn auch noch in der Mangel. Aber da kam er dann wieder raus und hat uns mitgenommen, und mich hat er auch nach Hause gefahren."

Liese überlegt, Martin sieht sich im Zimmer um, offenbar ist er froh, daß er seinen Bericht losgeworden ist. Liese denkt: obwohl der Zoobesuch der beiden schiefgelaufen ist, haben sie doch gemeinsam mehr erlebt als sie, abgesehen von diesem Charlie, der ihr eine Brause spendiert hat. Soll sie ihm auch irgendeine Geschichte auftischen, die ihr angeblich widerfahren ist? Aber dann fragt sie "Willst du nochmal mit Olivia in' Zoo gehen?"

"Hm. Weiß nicht." "Hat sie noch was gesagt?" "Weswegen?" "Hat sie was über mich gesagt?" "Nö." "Hast du was über mich gesagt?" "Wonach riecht'n das hier?" "Meine Mutter macht Kohlsuppe zum Mittag." "Riecht gut." Sie schaut ihn an, er merkt es und wird verlegen und sieht sich abermals im Zimmer um. "Ganz schön ordentlich hast du's hier, so ... aufgeräumt." Dann fällt ihm was ein. "Ach so, hier ist dein Geld zurück." Er holt es aus der Hosentasche und gibt es ihr. "Danke nochmal." Er schweigt. Liese fragt "Willst du mit Mittag essen?" "Ja, gerne."

Als sie am Tisch sitzen, sagt Liese "Papa, Martin will unbedingt wissen, ob du eine Gasmaske für mich hast." "Eine Gasmaske?" Er schaut Martin an, der sagt zu ihr "Du selber solltest das wissen." "Hab' ich eine?" "Die liegen in der Besenkammer, ja, ich glaube, da ist für jeden eine." "Glaubst du's oder weißt du's?" "Da sind vier Stück", sagt Regina. "In was für'nem Zustand sind die denn?", fragt Martin besorgt. "Tsss", macht Regina, "ausprobiert habe ich sie nicht. Verstehst du denn etwas davon?" Liese sagt "Klar! Martin ist so was wie'n Luftschutz Experte." "Aha." Martin sagt zu Regina "Wenn Sie wollen, kann ich sie mal überprüfen." "Mich?" "Was?" "Die Gasmasken", sagt Liese, und Regina muss laut lachen.

Als Liese tags darauf Teresa Michels davon erzählte, meinte die, das mit den Gasmasken könnte ja auch ein Vorwand sein, damit Martin sie anquatschen kann. Liese entgegnete darauf, das könnte zwar sein, aber ebensogut hätte man das von ihr behaupten können. "Na, dann verstehe ich nicht, wieso das zwischen euch nicht gefunkt hat", sagte Resi.

"Irgendwie hat das Martin noch nicht gerafft", sagte Liese und erzählte, wie sie nach dem Mittagessen gewartet hatte, bis die andern weg waren, um Martin dann mit in die Besenkammer zu locken, angeblich, damit er die Gummimasken überprüfen kann. "Was hattest du denn vor?" "Ich weiß nicht genau", sagte Liese, "es ist ziemlich eng bei uns in der Besenkammer, ich meine, da kann es doch leicht passieren, daß man aus Versehen mal aneinanderstößt."

Resi lachte, nicht abfällig, aber ein bisschen überheblich. "Und? Seid ihr aneinandergestoßen?" "Ich hab' das Licht ausgehn lassen." "Was hast du?" "Na, ich hab' so mit der Schulter den Schalter umgeknipst, ohne daß es Martin gemerkt hat, und dann hab' ich gerufen 'Oh, Stromausfall!' und hab' so getan, als würde ich über was stolpern und bin an ihn drangefallen, aber er hat nur gesagt: 'Lass' die Tür offen'."

"Du lieber Himmel, das ist ja wie in 'nem Heinz Rühmann Film." "Na, was hättest du denn gemacht?" "Um ihn dazu zu bringen, daß er mich küsst?" "Ja, oder daß er wenigstens mitmacht." "Warum willst du's denn unbedingt im Dunkeln machen?" "Nicht unbedingt, aber es ist mir lieber, ich fühle mich dabei wohler." "Hast du Angst, daß man sieht, wie du rot dabei wirst?" "Vielleicht. Außerdem fang' ich meistens an zu zittern." "Quatsch. Das ist bloß Einbildung. Du hast bloß Angst davor, daß du damit anfängst." "Meinst du?" "Na klar. Was soll denn passieren? Du kannst überhaupt nichts falsch machen."

"Sag' mal, wie küsst'en du immer so?" "Häh?" "Beim ersten Mal, küsst du da gleich mit Zunge?" "Normalerweise nicht, aber das muss jeder selber wissen." "Warum nicht?" "Erstens, damit der nicht gleich denkt, es läuft alles wie geschmiert. Und zweitens heb' ich mir lieber immer noch was für später auf." "Ja, so ähnlich geht mir's auch." "Na ja, aber solche Verrenkungen mit Stromausfall und hinstolpern mach' ich auch nicht." "Das war ja bloß aus der Situation heraus", sagte Liese, und Resi meinte gutmütig "Ach, Liese, du bist 'ne komische Gurke."

Resi hatte Liese auf eine Idee gebracht: sie könnte mit Martin ins Kino gehen. Da war es nicht ganz so dunkel und außerdem weitaus stimmungsvoller als in einer Besenkammer. Sie fragte ihn, und er war auch gleich einverstanden. "Die goldene Stadt", der neue Film mit Kristina Söderbaum, hätte bestimmt die richtige Atmosphäre geliefert; Liese stellte sich vor, wie vorn auf der Leinwand die strahlende Sonne über den Dächern der Stadt (es handelte sich wohl um Prag) emporsteigt, während sie und Martin sich einander zuneigen, und ihre Lippen sich zärtlich finden. Leider war er nur für Erwachsene.

Sie gingen in den Faunpalast zur Wochenschau (Liese konnte es nicht länger aushalten). Da liefen lauter Berichte von der Front, und eine schnarrende Stimme erklärte jeweils das Geschehen: "Eine Kompanie mit voller Ausrüstung überschreitet eine eben fertiggestellte Kriegsbrücke im Eilmarsch." "Innerhalb kürzester Zeit wurde ein leichter Granatwerfertrupp in Stellung gebracht! Schütze zwei ist nun bereit, die erste Wurfgranate einzuführen." "Ein Panzernahkämpfer setzt gerade eine Hafthohlladung an die Panzerwanne eines feindlichen Panzers. Über dem Rohr hängen bereits zwei gebündelte Nebeltöpfe, welche der Panzerbesatzung die Sicht nehmen sollen." Liese konnte gar nicht so schnell erkennen, was gemeint ist, aber Martin schaute interessiert zu. Wie sollte sie ihn da fragen, ob er sie mal küssen will!

Dann gab es im Saxonia ein paar Filme mit Dick und Doof, unter anderen den, wo sie im Sägewerk arbeiten und sich dauernd die Birne an den Brettern einrennen, die die andern vorbeitragen, und wo Doof mit dem Hobel über Dicks Hintern geht und ihm einen Kleisterpinsel ans Kinn klebt, und wo Dick durch das Gebläse gezogen wird, und wo sie mit dem Auto durch die Säge fahren und es danach in zwei Hälften auseinander fällt.

Martin kam aus dem Lachen nicht mehr heraus, es war unmöglich, ihn zum Küssen zu unterbrechen, es hätte genauso wenig dazu gepasst wie zu den "Nebeltöpfen" des Panzersoldaten. Am Schluss fasste sich Liese dennoch ein Herz, und als er die Lachtränen abwischte und das Licht schon wieder anging, sagte sie "Martin!", und wie er sie anschaut, drückt sie ihm ihren Mund auf seinen und kann es überhaupt nicht genießen, weil sie denkt, er wird sie gewaltsam von sich stoßen, aufspringen und rufen 'Igitt! Was machst du da!'

Doch entgegen ihrer Befürchtung ließ Martin es sich gefallen, er wich keineswegs zurück, sondern hielt ihrem Drängen stand und erwiderte es sogar mit leichtem Druck. Liese konnte es nicht fassen, als er ihr dann gestand, er habe eigentlich noch nie vorher richtig geküsst. "Dann bist du darin vielleicht ein Naturtalent", sagte sie. "Im Ernst?", entgegnete er, und Liese hatte schon gleich wieder Angst, er könnte sich was darauf einbilden und sich was Besseres als sie suchen wollen. Dabei gibt es nichts Besseres als sie!

Aber Martin war offenbar auf den Geschmack gekommen, er wollte es andauernd tun. Sie brauchten kein Kino und schon gar keine Besenkammer mehr, sondern nur eine Gelegenheit, wo sie sich unbeobachtet fühlen, und schon klebten sie aneinander, und es wurde immer schöner. Dann fing er auch an, sie zu streicheln und fand schnell heraus, an welchen Stellen sie es am liebsten hatte. Und als er eines Tages bei ihr war, legten sie sich (natürlich ohne Schuhe) auf Lieses Bett und waren lieb zueinander. Aber Liese konnte sich nicht richtig gehenlassen, weil sie befürchtete, die Mutter könnte plötzlich ins Zimmer kommen.

Sie sagte es Martin, und dem fiel etwas ein. Sie ging zur Mutter und sagte "Mama? Wo ist eigentlich der Schlüssel von meinem Zimmer?" "Was für ein Schlüssel?" "Der Schlüssel von der Tür." "Steckt der nicht?" "Nein, er steckt nicht." "Weshalb fragst du überhaupt?" "Ich brauche ihn." "Wozu?" "Das kann ich dir nicht sagen." "Aha." "Ich will abschließen, wenn ich tagsüber nicht da bin", erklärte sie dann. "Aber warum das denn?" Sie wollte sagen, wegen Einbrechern, aber das war ja albern.

"Ach, ich weiß, wozu du ihn brauchst", sagte die Mutter, und Liese wurde gleich wieder rot im Gesicht, "ihr wollt ungestört sein, du und Martin, stimmt's?" "Ja, Mama. Ich liebe ihn!" "Wie schön! Aber ich werde es nicht erlauben, daß ihr euch einschließt." "Aber Mama!" "Kommt nicht in Frage." "Es ist unser Recht!" "Ist es nicht."

"Und warum haben sich Regina und Edgar einschließen dürfen?" "Weil sie tun und lassen können, was sie wollen." "Und ich nicht?" "Nicht, bevor du alt genug bist." "Alt genug wofür?", fragte Liese und es klang beinahe wie eine Drohung. "Alt genug, um die Folgen deines Handelns einschätzen zu können." "Du redest wie ... wie Frau Seifhenner." "Wer ist Frau Seifhenner?" "Das war unsere Jungmädel Führerin im BDM Lager, die hat uns auch immer solche Vorträge gehalten."

"Und?", fragte Martin. "Sie rückt ihn nicht raus." "Macht nichts", sagte er, "ich bau' uns eine Alarmanlage." "Wie soll die funktionieren?" "Mit Stolperdraht und Klingel." Sie musste lachen, und er auch, er hatte es offensichtlich nicht ganz ernst gemeint. Überhaupt amüsierte er sich auch noch darüber, wie sie sich genierte.

Der Frühling war schon ziemlich mild und sonnig gewesen, und dann kam der Sommer und draußen war es warm genug, um sich irgendwo auf die Wiese zu legen, und dann kamen die richtig heißen Tage und die Ferien, und überhaupt war alles in Butter, wie man so sagt, obwohl es richtige Butter nur noch ganz selten gab, und alles auf Kriegswirtschaft umgestellt war, und jede Menge junge, gutaussehende Männer für diesen Krieg eingezogen wurden, der tausende Kilometer weit weg stattfand und hoffentlich bald vorbei sein würde.

Gott sei Dank blieben auch immer noch genug junge Männer da, auch gutaussehende, und Lieses Freunde, die Jungs, waren sowieso noch zu jung dafür, und obwohl es ein paar gab, die sich anscheinend nichts sehnlicher wünschten, als gegen den Feind zu kämpfen wie die Soldaten in der Wochenschau, waren die meisten doch froh, davon verschont zu bleiben, dachte Liese jedenfalls.

Die Truppe war oft mit den Rädern unterwegs, jeder hatte ein Fahrrad, und Martin seins war noch nicht geklaut worden. Annegret hatte eins, und Resi (die hatte sogar öfter mal ein anderes, jeweils von einem ihrer Freunde), und Bärbel Ruminski und Liese natürlich, und die Jungs auch, Martin, Robert und Felix (von dem noch gar nicht die Rede war) und drei vier andere, die so gut wie immer dabei waren.

Und als es so unterträglich heiß war, fuhren sie dauernd zum Baden entweder an den Badesee oder ins Freibad. Anfangs gingen sie in eins der Elbe Bäder zu beiden Seiten der Carola Brücke am Neustädter Ufer. Die waren zwar in nächster Nähe, aber schon ziemlich alt und klein, und das Marienbad war sogar noch nach Jungen und Mädchen getrennt; da konnten ja nur noch solche hingehen, die sich sonst nirgends sehen lassen durften! Nee, diese Buchten waren nichts für die Truppe.

Weiter oben hinterm Blauen Wunder, unterhalb vom Wiesenweg gab es ein paar gute Stellen, da war das Ufer fast strandmäßig, da gab es auch eine "Bade Insel", das war wie so ein großer schwimmender Kasten, von dem man prima reinspringen konnte, natürlich nicht mit Köpfer. Einer von den fremden Jungs hatte mal erzählt, jemand hätte 'nen Köpfer von der Bade Insel gemacht und sich dabei dermaßen den Hals gestaucht, daß er "vollständig gelähmt" war. "Und wie ist er aus'm Wasser raus gekommen?", hatte Resi gefragt, und der andere hat gemeint, sie hätten ihn erst unten am Terrassenufer aufgefangen und rausgefischt.

Und noch ein anderer von denen (die meisten kamen aus Blasewitz herüber) erzählte, wie sie mal hier im Hafenbecken am Körner Haus eine Wasserleiche gefunden haben, die war schon total aufgeweicht "wie 'n Weißbrot im Wasserklosett", und sie hätten erst nach 'ner Woche rausgekriegt, daß das der Wirt vom "Erbgericht" war, der sich da selber ertränkt hat, wegen Geldschulden. "Hat den denn niemand vermisst?", wollte Annegret wissen, und Bärbel meinte trocken "Warum? Wahrscheinlich haben immer alle bei ihm anschreiben lassen."

Bärbel hatte meistens einen roten Badeanzug an, der stand ihr ganz gut, sie hatte auch hübsche Beine, das muss man sagen. Annegret hatte ja diese Tänzerinnen Figur, also wenn die nicht ihr Trickot tragen, dann sehen sie immer ein bisschen unvorteilhaft aus mit ihren Muskelchen wie Heringe und Sehnen wie gespannter Strick. Außerdem trug sie immer eine rosa Badekappe mit Blütenblättchen rundherum, das war für die Jungs nicht gerade eine Lockspeise (übrigens eins aus Lieses Wörtersammlung), aber irgendwie hatte sie doch immer einen, der um sie herum scharwenzelt ist und sich davon nicht abschrecken ließ.

Liese hatte den Badeanzug von Regina bekommen, auf den sie schon immer neidisch gewesen ist und in den Regina jetzt nicht mehr hineinpasste, weil sie rausgewachsen und überdies auch noch schwanger war. Über Teresa Michels kann man wieder nur sagen: keine Ahnung, wie sie das anstellt, aber sie ist ständig von einem Schwarm Jungs umgeben, die alle auf sie scharf sind, das schafft sie schon, wenn sie ihre gestreiften Pullover anhat, aber wenn sie im Badeanzug rumhopst, dann verdreht sie den Jungs Kopf und Sinne, und lacht sie noch aus dabei.

Mit dem Rad war man schnell irgendwo, und nach einiger Zeit fuhren sie weiter hinaus, nach Niedersedlitz oder hinauf in Richtung Weißig. Vorher waren sie mehrmals im Luftbad Mockritz, das lag praktisch hinter der Südhöhe, da war vorzeiten der Kaitzbach zu einem ziemlich großen Teich angestaut worden.

Da gab es bis vor kurzem einen Turm, angeblich über zwanzig Meter hoch, um den herum, wie eine Wendeltreppe, eine Rutschbahn gebaut war. Das war so eine breite Blechrinne, ungefähr so wie die Zinkbadewanne, die bei Reichelts in der Waschküche steht, nur daß sie vorn und hinten weitergeht. So hat sie jedenfalls einer von den großen Jungs beschrieben, die sie da in Mockritz getroffen haben.

Und ein anderer hat erzählt, wie sie die ahnungslosen Bübchen, die aus der Stadt herkamen (sie selber wohnten in Kaitz oder in Klein Pestitz oder in Gostritz oder in einer dieser Kuhbläken und fühlten sich ja sowas von unwiderstehlich) - also wie sie die überredet haben, auf diesen Turm zu klettern und runterzurutschen. Aber ohne ihnen vorher zu sagen, daß man dazu eine von den Kokosmatten untern Hintern legen sollte. Und wenn die dann unten ankamen, war ihnen von der Hitze die Badehose auf den Backen weggesengt. Haben diese Schmalzlocken jedenfalls behauptet.

Ja, die hatten wirklich solche Schmalzlocken vorn über der Stirn, die haben sie sich immer mit irgendwas eingerieben, damit sie gelegen haben wie eine Mohnschnecke, und damit konnten sie ja auch schlecht ins Wasser, weswegen sie nur draußen rumgelungert sind und Liese und die andern mit ihrem dümmlichen Gequatsche beeindrucken wollten. Wo man auch hingeht, es sind immer irgendwelche Jungs da, die ungeheuer angeben müssen.

Da in Mockritz gab es am einen Ende eine Laubenkolonie, und vorne einen breiten Steg mit Eiscafé und Gartentischen unter Sonnenschirmen. Es war echt gemütlich dort, und in so einer Freibad Restauration hat Liese auch mal aushilfsweise als Serviererin gearbeitet, wovon gleich noch berichtet werden soll. Da war in der Mitte auch eine Insel, da standen Bäume und Sträucher drauf, und da musste man rüberschwimmen, wenn man hin wollte. Das war natürlich wie ein Paradiesgarten für solche, die sich ungestört liebhaben wollen.

Aber diese Insel war ziemlich klein, und wenn andere auf dieselbe Idee kamen, war's mit dem Ungestörtsein schnell vorbei. Was Liese überhaupt nicht ausstehen konnte, war, sich dabei beobachtet zu fühlen, das war genauso schlimm, wie wenn Mama plötzlich ins Zimmer gekommen wäre. Martin war da nicht so empfindlich. "Ach komm, warum sollten die uns beobachten, die machen es doch selber", sagte er immer und fing an, sie zu streicheln.

Aber das ging nicht, es ging einfach nicht! Und einmal ist er richtig sauer gewesen deswegen und hat gesagt "Du bist eine Fimose!", was er weiß der Kuckuck wo aufgeschnappt hatte und was wohl eigentlich Mimose heißen sollte und ungefähr so unzutreffend war wie später das Mauerblümchen, als das Ina Seybold sie bezeichnet hatte; aber Martin wusste ja nicht mal, was er meint, und deshalb konnte sie es ihm nicht übelnehmen.

Zwischendurch waren sie natürlich auch im Arnhold Bad neben der Kampfbahn, da waren es zehn Minuten bis hin, und man konnte sich bei der Gluthitze mal schnell abkühlen. Aber es war immer brechend voll da, und es gab ganze Rudel von kleinen Jungs, die nichts anderes im Sinn hatten, als Mädchen zu ärgern. Zum Beispiel tauchten sie ab und betatschten einen dann unter Wasser, die waren schlimmer als die Wasserpest.

Im Arnhold Bad gab es den höchsten Sprungturm in der ganzen Stadt, zehn Meter hoch, und Liese muss gestehen, daß sie sich bis jetzt nicht getraut hatte, von oben zu springen. Martin dafür schon, und Robert auch (der war sogar der erste, der sich getraut hat). Resi hätte beinahe auch springen müssen, als es um eine Wette ging, aber sie hatte gewonnen, und deshalb musste sie nicht.

Manchmal war ein Teil vom Becken abgesperrt, weil die Schwimmer vom Sportclub Dresden trainierten. Mann oh Mann, da waren ganz schöne Athleten dabei, und die wussten auch, wie gut sie aussehen, und ab und zu hat einer einem von den Mädchen zugewinkt, die alles ganz genau mitansehen wollten; du lieber Himmel, manche haben sich geradezu die Augen aus den Höhlen geglotzt.

Angeblich war da auch Bärbels Bruder dabei, aber immer, wenn jemand sagte "Jetzt zeig' ihn uns endlich mal", erwiderte sie, er wäre heute nicht da. Und Martins Zugführer vom Jungvolk war auch einer von den Schwimmern, auf den hielt er ganz große Stücke, er hat ihn fast bewundert und es tat Martin seinetwegen ein bisschen leid, daß er bald zu den Älteren in die Hitlerjugend übertreten müsste.

Aber lange würde sein Zugführer auch nicht mehr da sein, denn er wäre ein Kampfschwimmer, sagte Martin, und nur weil er die Prüfung zur Stufe fünf noch vor sich hat, wäre er noch nicht im Krieg. Diese Prüfung, erzählte Martin, nennen sie auch den "gelben Hai", weil sie so gefährlich ist. Er könne "vier Minuten achtundzwanzig" unter Wasser bleiben ohne Luft zu holen.

Das trainierten sie draußen bei Birkwitz am Baggersee. Bis dahin waren sie auch zwei dreimal geradelt, aber die Kampfschwimmer waren nicht da, und ansonsten war da auch nichts los. Klar, in den andern Schwimmbädern können einem die Jungs auf den Geist gehen mit ihrem dümmlichen Gequatsche oder mit ihren kindischen Neckereien, aber eins muss man auch sagen: es wird nie langweilig.

Birkwitz liegt ja drüben auf der Neustädter Seite, noch hinter Pillnitz. Und auf der andern Seite ist Lockwitz, und da gab's auch ein Freibad und da gab's auch immer irgendwelche seltsame Vereine, die sich da tummelten, die haben manchmal das ganze Bad für sich gemietet. Da stand ein Vereinshaus, und um das Bad herum war eine dichte, hohe Hecke, und man konnte von außen nicht auf das Gelände sehen.

Da war ein unglaublich dicker Bademeister mit Glatze und Schnauzbart, bei dem waren anscheinend alle Haare für den Bart draufgegangen. Liese hat ihn nicht einmal im Wasser gesehen, und von den andern auch niemand; er spazierte bloß am Beckenrand auf und ab, in Badelatschen und Badehose, und sein Bauch hing ihm vorne herunter wie ein nasser Mehlsack. Eigentlich konnte er froh sein, daß nie jemand gerettet werden musste, denn der wäre ja sofort untergegangen.

Über den haben sie immer ihre Späße gemacht, und Felix hat gemeint, er würde nicht untergehen, weil ja Fett immer oben schwimmt, und sie mussten alle lachen. Da standen auch manchmal kleinere Jungs bei ihnen, und Felix hat zu einem gesagt "Hör mal, wenn du rüber zum Bademeister gehst und sagst 'Fett schwimmt oben', kriegste von Resi 'n Küsschen, stimmt's Resi?" "Von mir aus. Das macht der sowieso nicht." Er machte es aber doch, kam wieder, holte sich sein Küsschen ab und meinte "Er hat gesagt, er kommt gleich mal her." "Was? Warum?" "Weiß nicht."

Dann kam er tatsächlich zu ihnen herüber und sagte "Wer von euch Mädels will sich ein paar Mark verdienen?" "Bei was?", fragte Annegret. "Wir haben übermorgen hier eine Vereinsfeier, da brauch' ich noch ein paar als Bedienung." "Was für ein Verein ist das?", wollte Bärbel wissen. "So ein Verein für Körperkultur", sagte er und fügte hinzu "schon mal was davon gehört?" "Sind das die, die auch nackt baden?", fragte Resi. "Ja, manchmal." Resi winkte ab. "Nee danke."

"Und was sollen wir da machen?", fragte Annegret. "Das Essen und die Getränke servieren." "Warum fragen Sie nicht die Jungs?" "Das wollen die so, nur Mädels. Vier Stunden drei Mark, für jede. Überlegt's euch, ich bin drüben."

Als er weg war, fragten sie Resi, wieso sie abgelehnt hätte. "Wisst ihr, was das für welche sind? Lauter so alte Opas und Omas, denen es Spaß macht, wenn sie von jungen Mädchen angeguckt werden." "Wie, angeguckt?" "Na, die halten dir ihre schlaffen ... hier die hier vor die Nase, und die Opas ihre verschrumpelte Bockwurst." "Du spinnst", sagt Annegret. "Du kannst doch hingehen, wenn du willst, vielleicht gefällt's dir ja." Robert meinte "Womöglich sollt ihr auch nackt rumlaufen." Liese lachte hell auf. "Für drei Mark?" Und dann schoss ihr das Blut ins Gesicht und sie wäre am liebsten im Boden versunken. Aber die andern fanden es auch unverschämt.

Liese ist jedenfalls nicht hingegangen, und Resi und Bärbel auch nicht, und Annegret hat gesagt, sie wäre auch nicht hingegangen, aber sogar Resi wusste nicht genau, ob es stimmt. "Bei der weiß man nie", meinte Resi zu Liese. "Die will immer, aber sie kann nicht." "Was kann sie nicht?" Resi schaute Liese wieder mit diesem halb spöttischen, halb mitleidigen Blick an. "Und bei dir ist es umgekehrt: du könntest zwar, aber du willst nicht."

Wenn sie Lust auf eine ganz große Tour hatten, fuhren sie ins Waldbad Klotzsche, das früher mal König Friedrich August Bad hieß und wo man sogar Moorbäder nehmen und in die Sauna gehen konnte, aber die alten Buden waren verfallen und niemand kam da mehr wegen einer medizinischen Behandlung hin.

Das Waldbad war nicht sehr groß, und was Liese besonders gefiel, war im Sommer der harzige Duft von den Kiefern, die in Menge drumherum standen (die Vöglein konnte man nicht hören, weil der Lärm der Badegäste sie übertönte). Aber es gab auch ziemlich viele Fliegen da, und wenn die Sonne hinter den Bäumen verschwand, kamen scharenweise die Mücken.

Bis zum Waldbad musste man durch die halbe Heide fahren, immer an der Prießnitz entlang, die einem "im kühlen Grunde", wie es Annegret mal ausdrückte, entgegenkam. Die entsprang irgendwo mitten in der Heide, machte dann so einen Bogen quer hindurch und mündete bei der Diakonissen Anstalt in die Elbe. Der Prießnitz Grund war zwar nicht steil, aber bis hinaus nach Klotzsche musste man ganz schön strampeln. Dafür gings auf dem Rückweg mit Juchhei bergab, und die Jungs fuhren streckenweise volles Tempo, sogar in die Kurven, obwohl man nicht sehen konnte, ob was entgegenkommt.

Liese ist mit Martin etliche Male in den Prießnitz Grund geradelt, bis zur Küchenbrücke oder bis zur Kellerbrücke, sie fand es wunderschön, wie das Sonnenlicht durch die Blätter fällt und es hier und da auf dem Bach glitzert. An manchen Stellen macht die Prießnitz sanfte Schwünge, und da ist sie ganz seicht und still und klar, und am Ufer geht es einen kleinen Abhang hinauf, der ganz aus feinem, hellem Sand ist, und man konnte da herrlich ausruhen und vor sich hin träumen. Liese war manchmal richtig glücklich, wenn sie mit Martin dort war, und sie wünschte sich, es würde alles immer so bleiben.

Martin fiel es schwer, stillzusitzen, er musste immer irgendetwas tun, meistens schnitzte er an einem Stock herum, oder er schnitzte aus der dicken Kiefernrinde kleine Boote, die gefielen Liese. Er bohrte dann oben ein kleines Loch und steckte ein Hölzchen hinein, an dem ein großes Blatt (von einer Buche oder Eiche) wie ein Segel draufgeschoben war. Die schwammen großartig, und manchmal machte er ein halbes Dutzend davon in einer Stunde.

"Ich bastel auch, wusstest du das?", fragte ihn Liese, die im Sand lag und gegen die Sonnenstrahlen anblinzelte, die durch die Baumkronen herabfielen. "Was denn?" "Pflaumentoffel." "Sind das die Männchen aus alten Pflaumen?", fragte er, ohne seine Schnitzerei zu unterbrechen. "Schornsteinfeger, aus getrockneten Pflaumen." "Aber die gibt's doch nur zu Weihnachten." "Ich mache sie ja auch nur zu Weihnachten." "Und was machst du dann damit?" "Ich verkaufe sie auf dem Weihnachtsmarkt." "Ehrlich? Hast du da 'n richtigen Stand?" "Bei jemandem mit."

"Bist du schon mal welche losgeworden?" Sie setzte sich aufrecht, Sand rieselte von ihr herab. "Welche? Ich habe immer alle verkauft!" "Ehrlich?", sagte er und schaute sie an, dann musste er grinsen. "Was gibt's da zu grinsen? Glaubst du mir etwa nicht?" "Doch, ich glaub's. Es ist nur: da krabbelt grade eine Raupe über deine Haare. Soll ich sie abmachen?" "Ja, aber tu ihr nichts."

Es war eine dicke grüne Raupe, er hielt sie auf seinem Zeigefinger, und sie schauten zu, wie sie auf seinem Arm entlang kroch, sie zog das Hinterteil heran, machte einen Buckel und streckte sich dann nach vorn, das ging so zackig wie bei einem Soldaten im Stechschritt. Sie fanden es lustig. "Wir könnten sie auf das Boot setzen", schlug Martin vor. "Was soll das sein? Eine Raupe auf einer Schiffsreise?" "Warum nicht, da sieht sie was von der Welt."

"Vielleicht ist sie bloß unterwegs nach Hause. Oder sie hat sich verlaufen." "Ja, zu dir auf den Kopf. Da hat sie dann gedacht: wo bin ich denn hier gelandet?" "Da hat sie gedacht: nicht übel, das Mädchen! Ich wünschte, ich würde mich in einen hübschen Jungen verwandeln, anstatt in einen Schmetterling." "Pech gehabt, kleine grüne Raupe", sagte Martin, "die hat nämlich schon einen Freund." Liese fand das süß von ihm. Sie setzten sie auf einen Zweig, und Liese gab Martin einen Kuss und sagte "Das ist unsere Glücksraupe, immer wenn wir an sie denken, wird unsere Liebe neu erweckt. Ja? Du musst aber auch dran glauben!" "Ja, gut", sagte er.

Von der Küchenbrücke ging ein Weg in den Heidewald hinein, der hieß Jungfernsteig. Liese machte mal eine spaßige Bemerkung darüber, aber Martin ging nicht drauf ein, wahrscheinlich war sie ihr nicht gelungen.

Martin hatte eine Wanderkarte von der ganzen Heide, und da gab es die ulkigsten Wegenamen: Kannenhenkel, Kuhschwanz, Hämmerchen, Ringel, Oberringel, Nachtflügel (den nahm Liese in ihre Sammlung auf), Verkehrte Gabel. Aber auch ein bisschen unheimliche wie Sandschluchtweg, Diebssteig und Todweg. Es gab auch ein Saugartenmoor, und Martin erzählte aus Quatsch, dort hätten sie die Patienten versenkt, die die Behandlung im Waldbad nicht überstanden haben.

Er hatte zwar diese Karte, aber wenn man mittendrin war, konnte die einem auch nicht weiterhelfen. Jedesmal, wenn sie in die Heide hinein fuhren, verirrten sie sich. Dauernd kreuzte ein Weg den andern, und wenn man auf dreien davon ein Stück gefahren war, hatte man jede Orientierung verloren. Und bei Liese war es damit ohnehin nicht weit her.

Aber selbst Martin war irgendwann ratlos. Er drehte die Karte 'rum und 'num und streckte dann den Arm aus und sagte "da entlang", aber sie kamen immer an einer andern Stelle heraus. Genauer gesagt, sie kamen erstmal gar nicht wieder heraus. Und einmal war es wirklich soweit, daß Liese dachte, sie würden nie mehr herauskommen, und sie fing schon beinahe an, mit den Tränen zu kämpfen, nachdem Martin bestimmt zehnmal die Karte 'rum und 'num gedreht und immer "da lang" gerufen hatte, aber ihn packte selber zusehends die Angst.

Und es wurde allmählich dämmerig, und wie sie auf einem von diesen Wegen sind, die alle von irgendwoher nach irgendwohin führen, sagt Martin wieder "Ich will mal auf die Karte schauen, ob das auch der richtige Weg ist." Sie steigen von den Rädern ab, und Martin will die Karte aus dem Beutel holen, den er immer quer über der Schulter hat, und Liese schiebt noch ein Stück weiter, da tritt plötzlich von rechts aus dem Walddickicht ein Mann heraus, der aussieht wie der Räuber Habichdich, wenn er seit drei Tagen vergeblich nach fetter Beute sucht.

Nun hatten die beiden zwar weiter nichts Wertvolles bei sich, außer vielleicht die Fahrräder, und da hätte er ja auch nur eins mitnehmen können. Aber unglücklicherweise hatte Annegret kurz vorher von dem "Koffermörder" erzählt, der früher in der Heide sein Unwesen trieb, und der vornehmlich Kinder (und vornehmlich Mädchen!) überfallen und mit einer Axt ... nein, Liese kann das nicht wiedergeben, und schon gar nicht in diesem Moment.

Sie bleibt vor Schreck erstarrt stehen, und es scheint, als wäre der Mann selber überrascht und hätte sie nicht rechtzeitig bemerkt, er steht halb gebeugt und abwartend, lauernd. Liese dreht den Kopf zur Seite und wispert nach hinten "Martin!", und hört ihn sagen "Rühr' dich nicht vom Fleck", was ihr auch unmöglich gewesen wäre, weil ihre Füße wie angewurzelt sind.

Der Mann guckt sie immer noch unverwandt an, er hat keinen Koffer dabei, aber einen großen Rucksack, in den einiges reinpasst! Und Martin ist herangekommen und steht jetzt neben Liese, und sie wird niemals vergessen, wie er im Ton größter Besonnenheit sagt "Guten Abend! Kommt man hier auf den Prießnitzgrund Weg?" Der Mann antwortet nicht sogleich, offenbar geht etwas in seinem Kopf vor, dann richtet er sich mit einem Ruck auf und sagt "Immer geradeaus." Und weil sie stehenbleiben und bloß die Lenker fest umklammern, setzt er hinzu "Na, worauf wartet ihr noch!"

Sie springen auf, er lässt sie vorbeifahren, Martin sagt "Nicht umdrehen!", aber Liese kann nicht widerstehen und dreht sich um. Der Mann ist verschwunden. "Er ist weg!" Sie treten in die Pedalen, was das Zeug hält, und tatsächlich kommen sie auf den Prießnitzgrund Weg und bis zur Kellerbrücke, wo Liese erstmal verschnaufen muss.

"Was für einer war das?", fragt sie Martin. "Vielleicht ein Wilddieb." "Du meinst, er macht Jagd auf Rehe und so was? Aber er hatte doch gar kein Gewehr." "Die haben auch kein Gewehr, das würde man ja knallen hören. Die stellen Fallen, zum Beispiel Drahtschlingen, da hängt sich ein Reh dann drin auf und erstickt." Liese schlägt sich die Hand vor den Mund, und es rollen ihr Tränen übers Gesicht, das berührt sie hundertmal mehr als der Koffermörder.

"Liese!", ruft Martin erschrocken. Sie schluchzt. "Das ist doch furchtbar! Wie kann man nur so herzlos sein!" Er nimmt sie in seine Arme. "Weißt du, wenn ich es genau bedenke, das war kein Wilddieb, sondern ein einfacher Pilzesammler." "Bist du sicher?" "Ja." "Und er hat kein Reh erhängt?" "Nein, er hat nur Pilze gesucht. Als wir vorbeigefahren sind, hab' ich's gerochen, wie frische Pilze. Du nicht?" "Weiß nicht", sagt Liese und wischt sich die Tränen weg, "kann sein, ja, ich hab' auch so was gerochen." "Siehst du, der war ganz harmlos. Und außerdem hat er uns rausgeholfen." "Ja, stimmt, das hat er. Beinahe in letzter Minute."

Seit dem Tag sind sie nicht mehr weit in die Heide hinein gefahren, und im Waldbad waren sie vielleicht noch zwei dreimal, den andern war es eh zu weit. Außerdem waren da ja auch noch Vergnügungen, die man keinesfalls versäumen durfte.

Damals fand das Volksfest auf der Vogelwiese noch jedes Jahr statt, zuletzt fiel es wegen dem Krieg aus, und es hätte wahrscheinlich an den Buden auch nichts mehr von den Leckereien oder von den lustigen Sachen gegeben, die man beim Loseziehen, beim Glücksrad oder beim Schießen gewinnen konnte. Denn eigentlich gab es dann überhaupt nichts mehr, und alle warteten bloß noch darauf, daß der Krieg zu Ende geht und man auch wieder an was anderes denken und was neues machen kann.

Aber zu der Zeit, als Liese mit Martin zusammen war, gab es die Vogelwiese noch, immer auf dem Gelände auf der Elbewiese, das extra dafür hergerichtet war. Auf der Vogelwiese konnte man nicht nur die besten Süßigkeiten naschen (Lieses Favorit waren die Gummischlangen, und zwar die giftgrünen), sondern auch Karussell fahren oder sich in halboffenen Gondeln durch die Luft schleudern lassen, bis einem total schwindlig wurde und man nahe dran war, daß einem "das Mittagessen in den zehnten Stock fährt und dann aussteigt", wie das mal einer von den Jungs bezeichnet hatte.

Auf der Vogelwiese konnte man Stunden verbringen, ohne daß man irgendwas zweimal machen musste. Lieses Eltern erzählten, daß früher auch ganz seltsame Attraktionen dabei waren, ein Schaf mit zwei Köpfen und ein Zwerg, der einen ... na ja, bei dem war das irgendwie anders geformt (der war auch nur für Erwachsene). Und dann gab es auch einen Magier, der Personen hypnotisiert hat, und einen kleinen Jungen, der im Kopf zwei achtstellige Zahlen multiplizieren konnte und dafür weniger als zehn Sekunden brauchte. Lieses Eltern erzählten, daß das ein Jude war, oder jedenfalls der Mann, der ihn vorführte, war einer, und deshalb durfte er dann nicht mehr auftreten. Immer vergaß Liese zu fragen, woher man denn wusste, daß das Ergebnis richtig ist.

Das Schaf und der Zwerg waren auch nicht mehr da. Aber einen Zauberer gab es. Der hat eine beliebige Person auf seine kleine Bühne geholt und ihr dann alles Mögliche aus den Ohren, aus der Nase und aus den Taschen gezogen, und bei sich selber hat er dann auch die Uhr oder die Brieftasche von demjenigen wieder hervorgeholt, es war erstaunlich, wie der alles wieder da auftauchen lassen konnte, wo er wollte, sogar im Publikum.

Es gab auch ein Geisterhaus, mit echten Skeletten und Vampiren und armen Seelen, die schauerlich aus der Unterwelt heraufjaulen. Und irgendwann hatte jemand einem Skelett ein Schild umgehängt, auf dem stand "Spendet Pfunde!", das war einer von den bekannten Sprüchen auf den Winterhilfswerk Plakaten. Daraufhin wurde das Geisterhaus dichtgemacht. Die Leute, die Liese davon erzählen hörte, lachten darüber wie über einen Bubenstreich, aber die meisten meinten, so was gehöre nicht auf die Vogelwiese, weil es ja bloß dazu führt, daß wieder was weniger geboten wird, wie man sieht.

Einmal wollte Liese Martin zu Hause abholen, aber er war nicht da, sondern nur die Haushaltshilfe, die öfter bei Imhoffs die Sachen wäscht und sauber macht. Sie sagte, Martin wäre mit seinem Bruder weg, und sie wüsste nicht, wann die wieder da sind. Liese sagte, wenn er wieder da ist, kann sie ihm bitte sagen, daß sie auf der Vogelwiese ist, und er kann ja auch hinkommen, wenn er will.

Dann ging sie auf die Vogelwiese, aber allein machte es keinen richtigen Spaß. Zufälligerweise lief ihr Robert Przetak über den Weg, der war auch allein da. Sie sagten Hallo, und Liese meinte, sie würde auf Martin warten, und Robert sagte daraufhin, er würde auch auf jemanden warten, aber er wollte offenbar nicht sagen auf wen. Er schlug vor, daß sie zusammen warten, und Liese war einverstanden.

Da waren sie dann an der Schießbude, und Robert fragte sie, ob sie zuerst schießen will, und sie sagte ja gern. Aber neben ihnen stand ein älterer Junge mit seiner Freundin. Und Liese wollte es partout nicht gelingen, den "Türken" umzulegen, sie schoss mehrmals daneben. Während Robert ihr gut zuredete und immer sagte "Jetzt klappt's bestimmt", machte sich der andere über sie lustig.

"Da braucht wohl jemand einen kräftigen Schluck Zielwasser!", rief er und wollte damit vor seiner Freundin zeigen, was für ein toller Kerl er wäre. Das ist genau die Art von Bemerkung, die Liese dümmlich findet, und die meistens darauf schließen lässt, daß die ganze Person dümmlich ist, denn eine echt dümmliche Bemerkung ist niemals ein bloßer Ausrutscher, sondern immer Absicht. Seitdem kann sie das Wort "Zielwasser" überhaupt nicht mehr leiden.

Schließlich überließ sie Robert das Luftgewehr, und der putzte damit die Figürchen der Reihe nach weg und überreichte ihr danach den Preis, ein Stoffbärchen, wofür sie sich bedankte. "Wahrscheinlich hätte ich auch getroffen", sagte sie, "wenn mich dieser Schnösel mit seiner dümmlichen Bemerkung nicht völlig durcheinander gebracht hätte." "Ja, ganz sicher", erwiderte Robert, "das nächste Mal erschießt du ihn einfach vorher."

Abends zu Hause im Bett dachte Liese darüber nach. (Martin war übrigens nicht mehr aufgetaucht.) Was Robert gesagt hatte, das erschien ihr irgendwie so, als hätte er zwar auf ihrer Seite gestanden und diesen Fatzke genauso dümmlich gefunden wie sie, aber wahrscheinlich hätte Robert sich nicht für sie eingesetzt.

Natürlich hatte sie nicht von ihm verlangen können, daß er sich für sie einsetzt oder daß er dem andern womöglich mit was gedroht hätte, zum Beispiel "Halt die Klappe!" oder "Lass' meine Freundin in Ruhe!" zu ihm gesagt hätte. Andererseits muss ein Junge doch was dagegen unternehmen, wenn seine Freundin beleidigt wird. Oder? Der andere konnte ja nicht wissen, daß sie nicht Roberts Freundin ist, er musste es vielmehr annehmen.

Aber Robert hat gesagt "Das nächste Mal erschießt du ihn." Das war zwar witzig, aber eigentlich nicht besonders männlich, geschweige denn heldenhaft, wie Teresa Michels es von ihren polnischen Edelrittern erwartet. Es war ja nicht einmal wirklich das, was man von einem Jungen normalerweise erwartet.

Und trotzdem, dachte Liese, hat Resi was mit Robert, und sie konnte es sich nicht anders erklären, als daß Teresa Michels Robert vor anderen Mädchen absichtlich falsch darstellt. Was sie tut, ist wahrscheinlich genau das, wofür der Ausdruck jemanden abspenstig machen zutrifft, welcher in Lieses Heft steht und über dessen wahre Bedeutung sie bis dahin immer gerätselt hatte. Diese kleine, zufällige Begebenheit, so schien ihr, hat also einen tieferen Sinn gehabt. Sie stand nochmal auf und schrieb in ihr Heft hinter jemanden abspenstig machen in Klammern (siehe Resi und Robert!)

Die ständigen Vogelwiese Besuche gingen ganz schön ins Geld, und Lieses Taschengeld reichte nicht lange, und Martin hatte noch weniger als sie. Und obwohl er mit seinem Luftschutzkram immer genug zu tun hatte, überraschte er doch Liese eines Tages mit der Neuigkeit, daß er eine Hilfsarbeit gefunden hätte, um sich ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Und zwar sammelte er die Bälle ein, auf dem Golfplatz in Bühlau, hinterm Forsthaus am Heiderand. Liese fand das toll.

Er sammelte nicht nur Bälle ein, sondern schleppte für die Spieler auch den Sack mit den Schlägern; die hatten ja nicht nur einen Schläger, sondern manchmal bis zu zehn verschiedene Schläger, wie Martin erzählte. Das war der einzige Golfplatz in der Stadt, und obwohl es den Leuten nicht besonders gut ging wegen dem Krieg, gab es doch noch einige, denen das alles gar nichts ausmachte, und Martin hat erzählt, daß sie da manchmal echten Champagner trinken und Kaviar essen, das hätten die reichen Russen dagelassen, die da oben auf dem Weißen Hirsch gewohnt haben, bis der Oberbürgermeister sie alle fortgejagt hat. Und jetzt gehören die Russen sowieso zum Feind, und das Zeug, das sie zurückgelassen haben, kann man wahrscheinlich als eine Art Kriegsbeute ansehen.

Martin verriet nicht genau, was er da verdiente, aber er hatte immer was übrig, und weil er nicht knausrig ist, spendierte er Liese öfter was. Das war zwar ganz angenehm, aber auf die Dauer hatte Liese das Gefühl, sie wäre bloß eine von denen, die sich immer alles bezahlen lassen und ihrem Freund dafür 'n extra Küsschen schenken, ansonsten aber denken: na kümmer' dich mal, ich lass' mir's inzwischen gut gehn.

Aber so eine ist Liese nie gewesen. Und deswegen hielt sie auch Ausschau nach einer Arbeit. Da im Freibad Lockwitz hatte ja der Bademeister die Mädchen gefragt wegen einer Arbeit als Serviererin. (Übrigens hatte Liese in der Bibliothek von der Gewerbeschule am Sachsenplatz nachgelesen, daß sich diese Vereinsleute Nudisten nennen, und das sind nicht nur alte Opas und Omas, wie Resi behauptet.)

In Bühlau gab's zufälligerweise auch ein Freibad, gar nicht weit vom Golfplatz weg. Die hatten auch eine Restauration, also ein Café, sogar mit Sonnenterrasse. Und da kam Liese auf die Idee, sich dort eine Arbeit als Aushilfs Serviererin zu suchen. Sie ging einfach hin und fragte nach dem Geschäftsführer, und den fragte sie dann wegen so einer Arbeit.

Als erstes wollte der wissen, wie alt sie wäre. "Siebzehn", antwortete Liese, und der schaute sie nicht mal komisch an! Dann sagte er, sie müsste auch in der Küche was machen, zum Beispiel Abwaschen und alles, "was sonst so anfällt". Sie sagte, das wäre gar kein Problem, zu Hause würde sie auch immer alles machen, was sonst so anfällt.

Dann sagte er, wieviel er pro Stunde zahlen würde, und Liese rechnete sich schnell aus, wieviel das in der Woche ist, und das fand sie sehr verlockend. Dann wollte er plötzlich ihre Hände sehen! Sie streckte sie ihm hin, und er schaute wohl nach, ob ihre Fingernägel sauber sind, und da konnte er ganz beruhigt sein.

"Aber ich brauche trotzdem eine Einverständnis Erklärung von deinen Eltern." "Ja. Die bringe ich dann mit." "Gut. Dann kannst du morgen anfangen." Sie hätte beinahe einen Luftsprung gemacht vor Freude. Sie erzählte es gleich Martin, und der freute sich auch für sie. Liese sagte "Was machen wir bloß mit dem vielen Geld?" "Ach", erwiderte er, "da wird dir schon was einfallen."

Sie machte das dreimal in der Woche, jeweils drei Stunden, und manchmal war es ziemlich anstrengend, aber sie erledigte alles so, daß sich keiner beklagen konnte. Und zwischendurch durfte sie auch Pause machen und sich auf die Sonnenterrasse setzen, und dann gab es einen Kaffee oder eine Brause umsonst. Als die Schule wieder losging, arbeitete sie am Wochenende, bis in den Oktober hinein, der war so warm und sonnig, daß das Bad seine Saison noch um zwei Wochen verlängerte. Nach der Erklärung von den Eltern hat übrigens keiner mehr gefragt.

Als es Herbst wurde, sind Liese und Martin öfter zum Bauern Petzoldt nach Nickern geradelt. Den kennt Lieses Vater schon seit Jahren, und der hat Reichelts schon oft was gegeben, was man sonst entweder gar nicht mehr bekommt oder nur noch auf Karte und Marken. Das war für Otto Petzoldt selber nicht ganz ungefährlich, wie Lieses Vater ihr erklärt hat, denn als Bauer hatte er strenge Auflagen und musste sich haargenau an die Bestimmungen vom Wirtschaftsamt halten, wieviel er wovon und an wen abzugeben hat. Er konnte dann sogar nicht mal mehr seine eigenen Schweine großziehen, weil er kein Korn mehr verfüttern durfte, das hat er Liese erzählt.

Er war immer freundlich zu ihr, wenn auch ansonsten ein bisschen griesgrämig. Liese hat ihn nie anders gesehen, als in einer ziemlich speckigen Uniformhose und in Gummistiefeln und mit einem blauen Hemd, an dem alle Knöpfe verschieden waren. Und man fand ihn niemals drinnen im Haus, wahrscheinlich schlief er sogar im Stall oder auf dem Heuboden. Da stand außen eine Leiter, und Liese wäre zu gern einmal auf den Heuboden geklettert, doch sie befürchtete, daß Otto Petzoldt sie fragen würde, was sie da oben will, und das wusste sie selbst nicht so genau.

Denn für so was hatte er kein Verständnis, es musste immer alles seinen Zweck haben, und vor allem durfte man nichts "umkommen" lassen. Damit meinte er, daß man alles bis zum letzten bisschen verwenden müsse. Er schickte Liese zur Magd in die Küche, damit sie ihr zeigt, wie man Kartoffeln richtig schält und wie man ein aufgeschlagenes Ei mit dem Finger ausstreicht, damit ja nichts "umkommt". Äpfel musste man natürlich mitsamt Griebs essen, andernfalls hätte man sich strafbar gemacht. Und der Stiel eignete sich prima zum Ohren säubern.

Von ihm bekam Liese auch die Trockenpflaumen für ihre Pflaumentoffel. Und obwohl diese Toffel ja strenggenommen keinen richtigen Zweck erfüllen, hat Bauer Petzoldt nichts dagegen, daß sie die Pflaumen dafür verwendet. Sie hatte ihm sogar mal einen mitgebracht, und er hat ihn eine Weile in Händen gedreht und betrachtet und dann darüber geschmunzelt, und später hat Liese den Toffel in der Küche auf dem Regal stehen gesehen.

Auf seinem Hof gibt es Schweine und Kühe, Hühner und Kaninchen, und hinten auf der Koppel stehen immer zwei Esel, einer hier, der andere dort, als hätten sie sich schlimm gezankt und wollten nie wieder ein Wort miteinander wechseln. Früher hatte er auch zwei Pferde, aber dann hatte er sich einen Traktor angeschafft und die Pferde verkauft.

Auf dem Hof ist auch ein Knecht namens Hinze, der Liese vom ersten Augenblick an ein bisschen eigenartig vorkam. Er spricht nie, und wenn er spricht, dann versteht man ihn nicht. Wenn man ihn aber sieht, wie er den Mist aufgabelt oder wie er eine vollbeladene Schubkarre vor sich herschiebt, als wäre bloß ein Haufen Zuckerwatte drauf, kann man sich denken, warum der Bauer Petzoldt froh ist, daß er ihn hat und immer sagt "Der Hinze arbeitet für dreie."

Auch wenn man ihn nicht arbeiten sieht, kann es sein, daß er ganz in der Nähe ist, wie Liese des öfteren festgestellt hat. Dann versteckt er sich nämlich hinter einem Bretterzaun oder hinter irgendeiner der Feldmaschinen, die da herumstehen, und beobachtet sie. Und als sie mit Martin dort war, hat er es auch getan, und sie sagte zu Martin "Guck' mal unauffällig da rüber zu dem Stapel mit den Kartoffelkisten, das ist Hinze der Knecht, der beobachtet uns."

Er hat bloß ein Laster, wie ihr die Magd einmal erzählte, und das ist seine Trunksucht. Er besäuft sich in bestimmten Abständen, und zwar macht er das nicht hier in Nickern auf dem Hof oder im Wirtshaus, wo es nicht weiter auffallen würde, sondern mindestens in Laubegast oder auch in Tolkewitz, was beides ja schon zum Stadtgebiet gehört. Und leider bleibt es nicht dabei, daß er sich besäuft, sagte die Magd, sondern er macht auch "Stunk", und einmal ist sogar die Gestapo zum Bauern Petzoldt auf den Hof gekommen, weil Hinze der Knecht im Tolkewitzer Biergarten staatsfeindliche Parolen ausposaunt hat.

Liese sagte "Aber er redet doch nie, und wenn er redet, versteht man ihn nicht." Und die Magd meinte, wenn er aber besoffen ist, kann er reden, und man kann ihn dann auch verstehen, irgendwie würde sich dann wohl bei ihm die Zunge lösen. Aber warum er staatsfeindliche Parolen ausposaunt, wie das eben nicht nur einmal vorgekommen ist, das wüsste sie auch nicht, und der Otto, der's vielleicht wüsste, der verrät nicht, was mit dem Hinze wirklich los ist.

Aber gegenüber der Gestapo hat der Bauer Petzoldt den Knecht nicht nur in Schutz genommen, sondern irgendwie auch verhindern können, daß sie ihm was anhängen oder ihn gleich mitnehmen. Wieso es dem Otto gelungen ist, konnte die Magd auch nicht genau sagen, weil das die Männer unter sich geregelt haben.

Auf jeden Fall könnte man sagen, daß der Otto einen guten Draht zur Polizei hat, obwohl er nicht hundertprozentig dafür garantieren kann, daß der Hinze keine staatsfeindlichen Parolen mehr ausposaunt, wenn er besoffen ist. Aber es ist schon lange nicht mehr passiert. Und der Bauer Petzoldt beliefert auch manchmal die Polizeidirektion oder die Stapo mit Wurst und mit sauer eingelegtem Gemüse und solchen Sachen.

Was Lieses Trockenpflaumen betrifft, so konnte man sagen, daß sie mittlerweile zur Magd eine guten Draht hatte. Eigentlich heißen die Trockenpflaumen Dörrpflaumen, weil sie gedörrt werden. Und die Magd, die übrigens Helene heißt, legt die Pflaumen in die Darre, das ist so eine Art Backofen, nur daß sie nicht gebacken, sondern getrocknet werden.

Das muss man mit Geschick und Umsicht machen, sagte Helene, sonst werden keine richtigen Dörrpflaumen draus und sie verderben später. Liese hatte das schon mal bei Toffeln gesehen, wo die Pflaumen angeschimmelt oder zu weich und schmierig waren, und daher konnte sie gut verstehen, was die Magd ihr erklärte. Sie verwendet die Dörrpflaumen zum Backen im Winter, aber man kann sie natürlich auch so essen; Trockenobst sei sehr gesund in der kalten Jahreszeit, sagte sie.

Liese schien es, daß die Magd sich immer freute, wenn sie kam, weil sie es wahrscheinlich ganz nett fand, sich mit Liese zu unterhalten, wo sie sonst nur den griesgrämigen Otto und den mundfaulen Hinze um sich hat. Und einmal, als sie in der Küche saßen, flüsterte sie Liese zu, ob sie wissen wolle, warum der Hinze so eigenartig ist, und Liese nickte, und die Magd erklärte ihr, daß der Hinze früher in der Burg Hohnstein Aufseher gewesen war.

Was die Burg Hohnstein wäre, fragte Liese. Ein Konzentrationslager, ob sie das nicht wüsste, fragte die Magd, und Liese verneinte. Da hätten sie die Kommunisten und die Sozialisten und auch die von der SA hingebracht, die der Mutschmann loswerden wollte.

Und die haben sie dort gefoltert, und sie hätte gehört, wie sie da einen gefoltert haben, den haben sie splitternackt ausgezogen und dann mit nassen Handtüchern, "die haben sie so zu einer Wurst zusammengedreht", solange geschlagen, bis er bewusstlos geworden ist, und dann haben sie auf seine Hoden solange eingetreten, bis er vor Schmerzen wieder wach geworden ist, und dann haben sie ihm den Rest gegeben. Und einer von den Schlägern wäre der Hinze gewesen, der das dann nicht mehr ausgehalten hat und durchgedreht ist. Und seitdem redet er nicht mehr, und wenn er redet, dann plärrt er solche Parolen, die er von den Politischen dort aufgeschnappt hat.

Liese war davon so schockiert, daß ihr das Herz bis zum Halse schlug, und damit die Magd nicht etwa noch mehr grausige Einzelheiten erzählte, fragte sie "Und wie ist er hierher gekommen?" "Der Otto ist entfernt mit ihm verwandt, und sonst ist keiner weiter dagewesen, der ihn aufgenommen hätte." Sie klopfte sich auf ihre Schürze und sagte "So, jetzt weißt du's. Und sag' keinem, daß ich dir das erzählt habe." "Nein." Und dann füllte ihr die Magd einen Beutel voll mit den besten Dörrpflaumen, die sie hatte.

Als sie das erste Mal mit Martin beim Bauern war, hat sie ihm nichts weiter über den Knecht gesagt, nur daß er sie immer beobachtet wie jetzt gerade auch. Dann fragte sie den Bauern Petzoldt, ob sie Martin die Tiere zeigen kann, und er erlaubte es. Sie bekam diesmal von ihm einen kleinen Sack Kartoffeln, ein paar Äpfel und einen Kringel Wurst, das verstauten sie in ihrem und Martins Rucksack. Martin wollte übrigens nichts davon haben, die Imhoffs hatten selber Beziehungen, und vor allem Martins großer Bruder konnte alles Mögliche besorgen, wie Liese wusste.

Ein andermal hatte Martin sie auf die Südhöhe mitnehmen wollen, wo eine "Flak-Stellung" wäre, die er sich gern ansehen wollte. Er musste ihr erstmal erklären, was das ist, und so richtige Lust hatte sie nicht. Es war ein bisschen windig an dem Tag, und Martin (der oft genug wusste, wie er sie überreden kann) meinte, man könnte da oben auch prima Drachen steigen lassen. "Oh ja", rief sie und dann fiel ihr ein, daß sie gar keinen Drachen mehr hat.

"Wenn du mitkommst, bau' ich dir einen", bot er ihr an. "Jetzt gleich?" "Bis morgen." "Glaubst du, morgen ist noch genug Wind?" "Klar, das ist die ganze Woche so windig." Sie war einverstanden, und Martin baute (wahrscheinlich die halbe Nacht lang) einen richtig guten Drachen aus Holzleisten und ganz dünner Leinwand und einem Gesicht, das er mit roter Farbe darauf gemalt hatte. Na ja, das hätte Liese besser gekonnt, aber immerhin, es war lieb von ihm.

Nach der Schule fuhren sie los, und es war tatsächlich noch ganz schön windig, und vor allem hatten sie Gegenwind, und sie fuhren vom Horst Wessel Platz hinterm Bahngleis die Ackermann Straße und dann die Paradies Straße hinauf, das war tierisch anstrengend, und Liese war froh, daß Martin den Drachen hatte und nicht sie, denn der war auf seinem Rücken ein richtiger Windfänger, und damit wäre sie wahrscheinlich überhaupt nicht vorwärts gekommen. Aber Martin war natürlich viel stärker als sie, und er ließ es sich auch nicht anmerken, wie sehr er sich anstrengen muss, aber Liese merkte es schon.

Das wäre eine große Kanone, mit der man feindliche Flugzeuge abschießen kann, und zwar eine 88 Millimeter Flak, erklärt ihr Martin, obwohl er sie noch gar nicht gesehen hat. "Wie, achtundachtzig Millimeter. Groß?", fragt sie. "Das ist das Kaliber." "Ach so." Sie schieben die Räder bis zu der Stellung, und Martin gibt ihr vorher den Drachen.

Da sind ein paar Soldaten, die haben ein großes, grünes Zelt aufgeschlagen, und daneben haben sie diese 88 Millimeter Kanone halb in die Erde eingegraben, und das Rohr ragt ziemlich steil nach oben. Über der Stellung haben sie ein riesiges Tarnnetz gespannt, auf dem lauter Stoffetzen wie Laub aufgenäht sind.

Liese bleibt hinter ihm stehen, und er sagt zu den Soldaten "Ich wollte mir mal das Geschütz ansehen." Drei von ihnen sitzen an einem Banktisch wie im Biergarten, auf dem eine emaillierte Kaffeekanne, Becher und ein großer Teller mit Kuchen stehen, und sie spielen Karten, einer schreibt was, und der, den Martin angesprochen hat, steht bei der Kanone und hantiert daran herum. "Tritt nur herzu, Kamerad!", sagt er, und die andern werfen einen kurzen Blick auf Martin und einen etwas längeren auf Liese, und sie kommt sich plötzlich ein bisschen kindisch vor, wie sie mit dem Drachen dasteht.

Der Soldat erklärt Martin alles, was er wissen will, und der, welcher am Tisch geschrieben hat, steht schließlich auf und kommt zu ihr herüber und fragt sie, ob sie vielleicht ein Stück Kuchen essen möchte. "Aufpassen, junge Lady!", ruft einer der anderen, "Der will auch gern mal seinen Drachen steigen lassen!" Er macht eine abwehrende Geste zu ihnen hin, und Liese schaut zu Martin, der total vertieft in die Bedienung der Kanone ist. "Ja, gern."

Er gibt ihr ein Stück auf einem Teller, es ist Apfelkuchen mit Zimtzucker. Einer der Kartenspieler sagt "Sie können sich auch setzen." "Ach, danke", entgegnet sie, "wir wollen nicht so lange bleiben." Sie lachen, und Martin schaut herüber, sie winkt mit dem Kuchen in der Hand. Sie beißt davon ab und sagt "Der schmeckt gut." "Den hat meine Verlobte gebacken. Ich habe nämlich heute zufällig Geburtstag." "Herzlichen Glückwunsch." "Ja, das muss wohl ein dummer Zufall gewesen sein", ruft einer der anderen.

"Schlafen Sie auch hier?", will Liese wissen. "Oh ja", meint der eine, "möchten Sie uns vielleicht dabei Gesellschaft leisten?" "Hm?" "Hören Sie nicht auf die", sagt er und erklärt "wir schieben hier vierundzwanzig Stunden Dienst." "Ist es gefährlich?" "I wo." "Sind Sie von hier?" "Ja, aus Coschütz. Andernfalls hätte mir meine Verlobte den Kuchen schlecht herbringen können." "Ach ja, klar." "Und kaum ist sie weg, schon schreibt er ihr einen Brief, frag' ihn mal, was drinsteht. Sie wohnt keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt, und er schreibt ihr jeden Tag einen Brief!"

Er wird etwas verlegen, lächelt sie aber dabei an. "Finden Sie das auch übertrieben?" "Ähm, ich bin eigentlich noch nicht so alt." "Bitte?" "Sie will dir damit sagen, daß du nicht mal dran denken sollst!", ruft einer der anderen. "Hör' schon auf, Edgar!" "Sie heißen Edgar?" "Jupp!" "Mein Schwager heißt auch Edgar." "Na so was." "Er ist Richtkreis Unteroffizier einer Geschützstaffel im Dritten Artillerie Regiment der Vierundzwanzigsten Infanteriedivision." "Wie schön für ihn."

"Ist er an der Ostfront?", fragt der Verlobte, als hätte er es geahnt. "Ja." "Und seine Frau ist hier?" "Ja, sie wohnen in Freital." "Ist bestimmt nicht immer leicht für sie." "Für mich?" "Für seine Frau." "Nein. Aber wenn man bedenkt, daß er - also mein Schwager - dort in Russland kämpfen muss, das ist bestimmt auch nicht immer das rechte Zuckerschlecken", sagt sie und meint, sie würde damit den soldatischen Ton treffen. Er erwidert nichts darauf.

Sie stellt den Teller hin und sagt "Den Drachen hat mir mein Freund gebaut, mal sehen, wie er sich macht." "Er sieht ganz gut aus." "Wer?" "Liese!", ruft Martin, "Kommst du?" "Ja! Danke für den Kuchen. Und Ihnen wünsch' ich noch einen ruhigen Dienst." "Wird schon werden. Beehren Sie uns mal wieder."

"Weißt du jetzt Bescheid?", fragt sie Martin. "Ja, das ist eigentlich keine achtundachtziger, er hat sie aufgebohrt." "Hab' ich gar nicht mitgekriegt." "Nee, jetzt doch nicht. Das ist eine Russenflak, die ein fünfundachtzig Millimeter Rohr hatte." "Ach so, und jetzt ist es ein Stückchen länger." "Das Kaliber ist größer, also das Loch im Rohr ist weiter." "Da könnte man aber auch an was Unanständiges denken." "Was?" "Ach nichts."

Es geht noch genug Wind, und sie schieben die Räder über die Wiese und lassen sie da liegen. Es sind auch noch andere mit Drachen hergekommen, ein paar davon sind ziemlich hoch aufgestiegen. Martin hält den Drachen, Liese die Schnur (er hatte eine dicke, fette Rolle dran fest gemacht), dann rennen sie ein Stück, und Martin wirft ihn hoch in den Wind, und Liese zieht an der Schnur. Ein paar Mal wäre er beinahe hochgegangen, macht dann aber ein paar Schlenker und fällt wieder zu Boden.

Irgendwann klappt es doch, und er steigt höher und höher, und Liese wickelt die Rolle bis weit über die Hälfte ab, und dann spürt sie, wie der Zug immer stärker wird. "Er macht sich gut." "Ja, einigermaßen." "Nein, gut! Wenn man die da drüben anschaut, die waren schon vor uns da und haben ihn immer noch nicht hochgekriegt. Willst du auch mal halten?" "Ja, dann." Sie starren beide auf das kleine Viereck am Himmel.

"Woran denkst du gerade?", fragt sie ihn. "An nichts Bestimmtes." "Vielleicht an was Unbestimmtes." "Was meinst du?" "Warum gehst du eigentlich nicht mit Robert die Kanone anschauen?" "Hm?" "Interessiert der sich nicht auch dafür?" "Weiß nicht, glaube, eher weniger. Der interessiert sich mehr für Feinmechanik." "Ach so. Dann ist er kein so'n Waffennarr." "Ich bin auch kein Waffennarr. Ich wollte mir's bloß mal angucken, es gibt hier in der Nähe nicht so viele Flakstellungen." "Aha."

Sie schweigen, dann sagt Liese "Oder ist das vielleicht, weil Teresa dir Robert abspenstig macht?" "Was soll'n das heißen?" "Daß sie etwas über ihn verbreitet, was dir missfallen könnte." "Weißt du, Liese, manchmal versteh' ich nur Bahnhof, wenn du redest." "Hm", macht sie und sagt dann "Jetzt nimm' du ihn mal, mir tun schon die Hände weh!" "Ja, gib' her."

Martin schlägt vor, den Drachen einzuholen und ihn nochmal aufsteigen zu lassen, und Liese stimmt zu, das ist besser, als dann bloß nach oben zu glotzen und auf blöde Fragen zu kommen. Das machen sie dreimal, und dann kommen ein Junge und ein Mädchen auf Martin zu, und der Junge fragt ihn, ob er ihm und seiner Schwester den Drachen schenkt.

"Ihr habt doch selber einen." "Aber der fliegt nicht, und eurer fliegt andauernd." "Ja, aber der hier gehört Lieselotte", sagt Martin mit einer Kopfbewegung zu ihr, die ein Stück weiter weg steht. "Fragst du sie?", sagt das Mädchen. "Liese!" Sie schaut her. "Die Kinder wollen unseren Drachen haben." "Warum?" "Weil er so gut fliegt. Ich habe gesagt, er gehört dir." "Ja, das stimmt." "Schenkst du ihn uns?", ruft das Mädchen. "Nö."

"Siehst du, hab' ich dir gleich gesagt", meint der Junge zu seiner Schwester und drückt ihr den, den sie haben, unsanft gegen die Brust. Sie fasst ihn und fängt an zu weinen. Martin sagt "Mensch, warum fliegt der denn nicht, er sieht doch gar nicht so übel aus." Und hinüber ruft er "Liese! Kannst du die Schnur nehmen, ich will den beiden mal helfen." "Ja." "Jetzt hör' auf zu flennen", sagt der Bruder.

Martin zeigt ihnen, wie sie es am besten machen müssen, und Liese schaut ihnen zu und sie findet, daß sich Martin richtig Mühe gibt, es ihnen zu erklären, wie wenn er über Luftschutz und all' das Zeug redet, was man dabei beachten muss. Und Liese denkt bei sich, daß er am Anfang mal eine Zeitlang nicht soviel an all' das Zeug gedacht hatte, als er sie ständig küssen und mit ihr schmusen wollte, und jetzt, so scheint es ihr, ist er wieder voll in seinem Element und gar nicht mehr so scharf drauf, sie bei jeder Gelegenheit zu küssen.

Aber Liese hatte eigentlich gerade erst angefangen, sich gewisse Sachen auszumalen, die zwischen ihnen passieren könnten. Und seit kurzem war sie von der Vorstellung davon geradezu ergriffen, sie kann das nicht anders sagen, und jedesmal, wenn sie an so was denkt, bekommt sie Gänsehaut und ein flaues Gefühl im Magen, oder genauergesagt unterhalb vom Magen, und auch nicht ein flaues Gefühl, sondern ein ... 'tja, was für eins ist das?', fragt sie sich jetzt ständig, um sich darüber klar zu werden. Jedenfalls keins, das irgendeinem Gefühl, das sie bis jetzt gehabt hatte, wirklich ähnlich ist.

Sie musste in der folgenden Woche mehrmals an den Soldaten bei der Flakstellung auf der Südhöhe denken, der seiner Verlobten jeden Tag einen Brief schreibt, obwohl sie nur eine paar Straßen entfernt wohnt. Sie wünschte sich, daß Martin ihr auch solche Briefe schriebe, in denen er seine Liebe beteuert. Aber ihn einfach darum zu bitten, das war zu plump. Außerdem hätte er es dann vielleicht nur getan, um sie zufriedenzustellen. Aber sie wollte, daß er es von sich aus tut.

Eine Woche später fragte Martin sie "Sag' mal Liese, hast du mir diesen Brief geschrieben?" "Welchen?" "Ich habe nur einen gekriegt. Er ist mit L Punkt R Punkt unterschrieben und es steht ein Menge unverständliches Zeug drin." "Was genau ist denn da unverständlich?" "Also ist er wirklich von dir?" "Ja. Von wem sonst?" "Ich dachte schon, da wollte mich jemand vergackeiern." "Vergackeiern? Wieso das denn?" "Sich über mich lustig machen." "???"

"Na, da bin ich froh, daß er von dir ist. Aber was hattest du denn damit vor?" "Nichts weiter. Ich dachte, du schreibst mir auch mal." "Aber wir seh'n uns doch fast jeden Tag." "Ja, fast!" (Zu dieser Zeit fiel schon manchmal der Unterricht aus, oder die Jungs wurden für irgendwelche Aktionen eingesetzt, und die Mädchen für andere.)

Liese sagte "Wieso denkst du, ich würde mich über dich lustig machen, wenn ich dir schreibe, daß ich mich nach dir verzehre?" Er musste jetzt noch über den Ausdruck grinsen, und dieses Grinsen gefiel ihr gar nicht. Er sagte "Das klingt irgendwie komisch, wie aus so einer Liebesschnulze."

"Du denkst, das mit uns ist bloß eine Schnulze?" "Aber es ist doch keine Schnulze!" "Du hast aber gerade behauptet, es wäre eine Schnulze." "Nein! Deswegen wusste ich ja erst gar nicht, wer den Quatsch geschrieben hat ..." "Den Quatsch?!" "Nein ... ich meine, ich wusste nicht, was es bedeuten soll. Vielleicht kannst du mir's ja erklären?"

"Ja, könnte ich, aber dann würde alles zerredet werden, und ich will nicht alles zerreden, begreifst du? Ich will, daß du meine Gefühle verstehst und erwiderst." Sie sah ihn eindringlich an, und er sagte "Natürlich tue ich das, aber dazu ist doch nicht so'n Brief nötig."

Sie schwieg, und er bemerkte tatsächlich, wie sie traurig wurde und mit den Tränen kämpfte. Er sagte "Wenn du gern einen Brief haben willst, dann schreib' ich dir eben einen." "Wirklich?" "Hm." "Ja, ich würde liebend gerne einen bekommen." "Aber was soll'n da drin stehen? Ich hab' ja noch nie einen an dich geschrieben, wenn ich's genau überlege, hab' ich überhaupt noch nie einen geschrieben." "Noch nie?"

Er schüttelte den Kopf, dann sagte er "Oder doch! Im Jungvolk Zeltlager in Berggießhübel, da hab' ich mal an meine Mutter geschrieben, daß sie mir mein Taschenmesser schicken soll, das hatte ich zu Hause vergessen." "Ich dachte eher an einen Liebesbrief." "Och nee, das kann ich nicht." "Versuch's, wenigstens einmal, mir zuliebe!" Es fiel ihm sichtlich schwer zu sagen "Mal seh'n."

Ungefähr um diese Zeit tauchte Dolores Schlierich zum ersten Mal auf. Sie war fast einen Kopf kleiner als Liese, aber angeblich genauso alt wie sie. Sie hatte ihre braunen Haare stets zu einem dicken Zopf geflochten, und sie trug eine große Brille, über die ihre dunklen Augenbrauen noch hinwegreichten und die sie von Zeit zu Zeit auf ihrer Nase hochschob; sie hatte immer so einen Gesichtsausdruck, als wüsste sie, daß gleich etwas Unvorhergesehenes geschieht, das nur sie allein vorausahnt.

Und sie lutschte dauernd ein Bonbon, sie musste große Vorräte davon besitzen, obwohl Bonbons bereits so rar waren wie jede andere Süßigkeit. Wenn sie redete, schob sie zwischendurch mit dem Zeigefinger ihre Brille nach oben, die langsam immer wieder herabrutschte, und sie ließ das Bonbon im Mund gegen die Zähne klappern, außer im Unterricht, wo sie ohnehin wenig redete. Aber sonst, sozusagen, wenn sie unbeaufsichtigt war, entpuppte sie sich als richtige Quasselstrippe, und es war nicht immer alles durchdacht, was sie zum Besten gab, meinte Liese des öfteren.

Dolores ist ja an sich ein merkwürdiger Name, aber Schlierich klingt schon beinahe unwahrscheinlich, und Liese vergewisserte sich am Klingelschild, daß er tatsächlich so lautet. Denn Dolores Schlierich war mit ihrer Mutter in dasselbe Haus eingezogen, in dem auch Reichelts wohnen, und zwar in die Wohnung der Herzbergs, die seit einiger Zeit leerstand. Ihre Mutter bekam man gar nicht zu sehen, und Dolores hielt sich offenbar lieber ganz unten im Hausflur auf, in der schummerigen Ecke unter der Treppe, wo es zum Keller geht.

Und wann immer Liese mit Martin da vorbeikam, trat ihnen Dolores in den Weg und fing an, sie mit allem möglichen zu überschütten, das ihr gerade so einfiel und ließ dabei das Bonbon gegen die Zähne klappern und schob die Brille nach oben. Meistens fragte sie auch, wohin sie gehen, und ob sie mitkommen kann. Sie war wie eine Klette.

Und sie war noch schlimmer als Resi, was ihr Herumgeturne betraf. Wo immer ein Gerüst stand oder irgendein Haufen von Zeug, der stabil genug aussah, kletterte sie drauf; jedes Geländer nahm sie der Länge lang mit, und wenn wirklich weit und breit nichts da war, auf das sie hinaufklettern konnte, dann balancierte sie mit ausgebreiteten Armen auf dem Bordstein oder auf jeder halbwegs geraden Linie entlang.

Wohlgemerkt, das tat sie, während sie die beiden begleitete, und es war manchmal richtig peinlich. Liese hatte früher mal das Hündchen von Frau Ellermann ausgeführt, als die krank war, und dieser Hund war unmöglich! Nicht nur, daß er alles und jeden ankläffte und alle paar Meter stehenblieb, um zu pinkeln, obwohl nicht mal mehr drei Tropfen raus kamen, er war auch obendrein so hässlich, daß die Leute über ihn lachten, und wenn er sie dann ankläffte, empörten sie sich über ihn.

Über Dolores lachte oder empörte sich zwar niemand, aber sie kam Liese genauso vor wie Frau Ellermanns Hündchen, nur daß sie nicht an der Leine war (und natürlich auch nicht irgendwo hinpinkelte). Ein paar Mal versuchten sie, Dolores abzuwimmeln, aber irgendwie bemerkte sie es immer rechtzeitig, vielleicht hatte sie ja wirklich die Gabe, es vorauszusehen.

Irgendwann erzählte sie ihre Geschichte. "Ich erzähl' euch jetzt mal meine Geschichte", sagte sie und schob ihre Brille hoch und hörte tatsächlich damit auf, das Bonbon gegen die Zähne klappern zu lassen. Denn es war eine wirklich ernste Geschichte.

Dolores Schlierich kam nämlich aus Hamburg. Und dort hatte sie mit ihren Eltern und zwei Brüdern in einem Viertel gewohnt, das Hammerbrook hieß, und es war eine sehr schöne Wohnung gewesen, sagte sie, und sie habe gern da gewohnt. Und eines Nachts in diesem Juli sind die Bomber der Royal Air Force gekommen und haben ihr Haus und das ganze Viertel und noch etliche weitere Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt.

Martin wusste Bescheid darüber, und Liese hatte auch davon gehört. "Da war der große Feuersturm, stimmt's", sagt Martin, und Dolores erwidert "Ja, da war der Feuersturm. Aber vorher sind die Bomben gefallen. Ich hab' mit meinem großen Bruder grade in der Küche gesessen, und er hat mir bei den Rechenaufgaben geholfen, da kam Fliegeralarm, und schon im nächsten Augenblick gab's einen riesenstarken Donnerknall und lauter Stichflammen, und ich bin durch die Luft geflogen und gegen den Küchenschrank geprallt, und mein Bruder hat geschrien 'Lauf' in den Keller!', und das war das letzte, was ich von meinem Bruder gehört habe." "Und dann?"

"Dann hab' ich meinen Vater rufen hören 'Dolores!' - und ich: 'Ich bin hier, Papa!' Ich bin raus ins Treppenhaus, und da hat mich mein Vater geschnappt und wir sind runter gerannt. 'Wo ist Mama?' hab' ich gefragt, 'und Fritz?' Aber da gab's einen Knall nach dem andern, und man konnte sein eigenes Wort nicht mehr verstehen, und wenn's für zwei Sekunden nicht knallte, hörte man von überallher Menschen schreien.

Da war plötzlich mein Vater nicht mehr da, und ich bin weiter die Treppe runter und in den Luftschutzkeller, da war alles voll, und die Leute haben geheult und gejammert und einer hat immer gebrüllt 'Ruhe! Wir müssen klaren Verstand bewahren!' Das war der Luftschutzwart, und er sagte zu mir 'Dolores Schlierich, deine Mutter ist da hinten', und meine Mutter war wirklich da." "Und was war mit deinem Vater?" "Lass mich mal weitererzählen", sagt Dolores und schiebt die Brille hoch und das Bonbon ganz sachte auf die andere Seite.

"Es fielen immer mehr Bomben, und die Häuser krachten zusammen, und alles fing an, lichterloh zu brennen. Aber da unten im Keller wurde schnell die Luft knapp, und da kippten auch schon die ersten um, die keine Luft mehr kriegten." "Wahrscheinlich auch wegen dem Kohlenmonoxyd, das sich gebildet hat", unterbricht Martin sie. "Da komm' ich ja noch drauf! Jedenfalls war der Durchgang zum Keller im Nachbarhaus offen, und meine Mutter hat gesagt 'Dolores, wir müssen hier raus', und der Luftschutzwart hat das auch gesagt.

Da sind wir hinüber gekrochen, und da war schon alles kaputt und halb verschüttet, und obendrüber war das ganze Haus weg, da hat meine beste Freundin Carla Dietrich drin gewohnt, die hab' ich bis jetzt nicht wieder gesehn. Draußen fiel grade keine Bombe, da hat mich meine Mutter aus einem Loch zur Straße hin rausgeschoben und gerufen 'Lauf' zu Onkel Werner! Bleib' nicht stehen!' 'Mama, Mama!', hab' ich geschrien, ich kann euch sagen, ich hatte viel mehr Angst, daß ich meine Eltern und meine Brüder verliere, als daß mir selbst was passiert." "Und dann?"

Draußen auf der Straße war nur Feuer überall, und die Häuser standen in Flammen, so weit man blicken konnte, und es war höllisch heiß. Ich wusste auf einmal gar nicht mehr, wo was ist. Ich gucke nach rechts: da brennt's; ich gucke nach links: da brennt's. Und von dort kommt plötzlich ein Pferd angerannt, das brannte auch. Habt ihr schon mal 'n brennendes Pferd gesehen?" Die beiden schütteln den Kopf. "Natürlich nicht. Ich sage euch, den Anblick vergisst man nie mehr.

Aber ich dachte 'Wo das herkommt, da brennt's vielleicht noch mehr' und bin ihm hinterher gerannt, aber da kam mir ein furchtbar heißer Wind entgegen, und ich dachte, mir versengt es das Gesicht, und dann ist mir wirklich ein Brillenglas gesprungen, so heiß war das - die hier ist 'ne andere Brille.

Der Wind wurde immer stärker, und dann war es wie ein Sturmwind, und da flog alles mögliche durch die Straße, Bäume und Balken und Fenster und sogar Mauerstücke, die sausten nur so durch die Luft, und alles brannte, und dann kam mir sogar ein ganzer Mensch entgegen geflogen, das sah aus, als würde ihn der Teufel an den Haaren in die Hölle ziehen.

Ich bin in eine Seitenstraße abgebogen, ich hatte keinen Plan mehr, wie ich zu Onkel Werner kommen kann. Da liefen dann auch viele andere Leute um ihr Leben, ich bin einfach mitgelaufen, und wir kamen an ein Fleet -" "An was?", fragt Liese. "Ein Fleet, so nennt man in Hamburg einen Kanal, es gibt bei uns jede Menge davon. Da bin ich reingesprungen, ich wusste überhaupt nicht, wie tief das ist, aber das war mir egal.

Gott sei Dank ging mir das Wasser bloß bis hier. Und da bin ich drin stehen geblieben und hab' erstmal geheult wie ein Schlosshund. Drumherum brannte alles, und es fielen immer noch Bomben, und zwei oder drei fielen auch ins Fleet, aber ich dachte, wenn's dich jetzt trifft, dann kann's auch hier sein, das war ja egal. Nach einer Ewigkeit sind dann die Flieger abgezogen und es kamen keine neuen mehr nach.

Und rechts und links rannten wieder mehr Leute vorbei, da bin ich auch aus'm Wasser gestiegen und hochgekrabbelt und hab' jemand gefragt, wie ich zur Süderstraße komme, der sah aus wie'n Kohlenträger, ganz schwarz im Gesicht und seine Sachen waren völlig zerfetzt. Er hat bloß gesagt 'Komm' mit' und ich bin hinter ihm her gelaufen, ich war klitschnass, aber es war noch so heiß, daß es schnell getrocknet ist.

Wir sind über die Trümmer geklettert und hier lang und da lang, und ich hab' gedacht, ich darf den Mann bloß nicht verlieren. Aber dann konnte ich nicht mehr, und ich hatte wahnsinnig großen Durst. Und das war bei einem kleinen Park, da brannte es wenigstens nicht, und es waren auch eine Menge Leute, die sich da hin gerettet hatten. Da hab' ich mich einfach hingesetzt und bin sitzen geblieben und wollte gar nicht mehr irgendwohin. Jemand hat mir aus einer Milchkanne Wasser zu trinken gegeben, und dann war ich so müde, daß ich einfach umgekippt bin und 'ne Weile geschlafen habe.

Am nächsten Tag waren auch Feuerwehrleute und welche von der Wehrmacht unterwegs, und in dem Park hatten sie auch schon tote Menschen hingelegt, und manche von denen sahen äußerlich noch ganz heil aus, aber sie hatten 'nen knallrotes Gesicht, wie riesige Himbeeren. Ich hab' einen von den Männern gefragt, was mit denen passiert ist, und er hat gesagt 'Die sind erstickt'.

Der hat mich gefragt, wo ich gewohnt habe und dann hat er mich zu jemand anderen geschickt, da waren noch mehr Leute und Kinder, und dann haben sie uns zu einer Sammelstelle gebracht, da gab's was zu trinken und Kekse zu knabbern, und es war ein ganz schönes Durcheinander. Einer von der Wehrmacht mit einer Liste hat mich nochmal gefragt, wo ich gewohnt hätte, ich hab' es ihm gesagt, und er meinte nur 'Da steht nichts mehr'.

Auf einmal hör' ich meinen Namen rufen: 'Dolores! Dolores!' Ich dreh' mich um, und da ist es meine Mama. 'Mama!', ruf' ich und renn' zu ihr hin und wir fallen uns in die Arme. Aber meine beiden Brüder hab' ich bis jetzt nicht wiedergesehen. Ich bin dann mit meiner Mama nach Harburg gekommen in eine andere Sammelstelle, und von dort haben sie uns nach Dresden gebracht."

Sie machte eine Pause und schob ihre Brille hoch (das Bonbon war wohl inzwischen aufgelutscht), dann sagte sie "Und vor ein paar Tagen haben wir eine Karte von meinem Vater erhalten, daß er in Schmalkalden in einem Schloss wohnt und daß es ihm gut geht und daß er hoffentlich bald wieder bei uns ist." "In was für einem Schloss?" "Das Lazarett ist in einem alten Schloss." "Ach so." "Meinst du, daß du deine Brüder wiedersiehst?" "Weiß nicht, kann ich nur hoffen. In Hamburg wissen sie ja bis jetzt noch nicht genau, wer alles davongekommen ist. Vielleicht hatten sie auch Glück."

Liese war von Dolores' Bericht stark beeindruckt, aber irgendetwas daran schien ihr unglaubwürdig. Sie ließ sich von Martin erklären, was es mit diesem Feuersturm auf sich habe, und obwohl er selber (Gott sei Dank!) noch keinen erlebt hatte, wusste er genau darüber Bescheid.

Wind, so erklärte Martin, würde normalerweise immer durch Temperatur Unterschiede in der Luft entstehen. "Also, kalte Luft trifft auf warme Luft, und sie gerät dadurch in Bewegung." "Verstehe", sagte Liese und schaute ihn liebevoll an. "Durch die Brandbomben wird ein Feuer verursacht, durch das sich die Luft stark erhitzt." "Also nicht bloß warme Luft, sondern heiße Luft." "Genau. Und wenn es Phosphor Bomben sind, ist alles noch zig mal so heiß."

"Was sind Phosphor Bomben?" "Das erklär' ich dir später, jetzt erstmal Thema Feuersturm." "Ja, gut. Waren wir ja noch nicht fertig." "Die heiße Luft steigt immer nach oben, und durch das Feuer wird sie ungeheuer schnell nach oben gezogen, dadurch entsteht ein sogenannter Sog, und unten, wo sie weggesaugt wird, kann gar nicht so schnell neue Luft nachfließen, so daß ein sogenanntes Vakuum entsteht." "Ein luftleerer Raum." "Ja. Woher weißt du das?" "Ähm, na, hab' ich mir jetzt gedacht."

"Jedenfalls schießt die Hitze nach oben und reißt unten alles weg, und es entsteht so etwas wie eine Windhose, nee, lach' nicht, das heißt wirklich so. Oder auch Tornado, nur eben daß die Luft in diesem Tornado über tausend Grad heiß wird. Und der fegt dann durch die Straßen, und das ganze nennt man einen Feuersturm." "Aha." "Aber das Merkwürdige dran ist, daß die Menschen unten auf der Straße oft nicht verbrennen, sondern ersticken, weil da keine Luft, also kein Sauerstoff ist."

"Und dann laufen sie an wie Himbeeren?" "Was?" "Hat Dolores gesagt: die Leichen hätten so rote Gesichter gehabt." "Ja, das ist durch die Kohlenmonoxyd Vergiftung, da sieht dann die Haut so komisch rot aus." "Ist das jetzt durch die Kohlenmonoxyd Bomben gekommen?" "Nee, solche gibt's nicht. Das entsteht, wenn der ganze Sauerstoff verbrennt. Wenn was verbrennt, ist ja nicht einfach alles weg, sondern es wird eigentlich umgewandelt in was anderes, und in dem Fall entsteht eben Kohlenmonoxyd, und das ist nicht nur giftig, sondern auch heimtückisch, weil man es nicht riechen kann. Man atmet es ein und fällt tot um." "Schrecklich." "Ja." "Heimtückisch ist auch ein schönes Wort." "Was?" "Woher weißt du das alles bloß?" "Von unsern Schulungen, und was hab' ich auch aus Büchern, 'Handbuch des Luftschutzhelfers' zum Beispiel."

"Weißt du, was mir komisch vorkommt?", sagte Liese. "Nein, was?" "Wenn jemand so etwas durchgemacht hat wie Dolores, ich meine, wie sie da durch die brennenden Straßen hinter dem Mann her gelaufen ist, und wie sie über die Trümmer drüber klettern musste, ich kann mir irgendwie nur schwer vorstellen, daß danach noch jemand so große Lust verspürt, auf allem möglichen Zeug rumzuklettern." "Und was willst du damit sagen?" Liese zuckte mit den Schultern.

"Oder noch was anderes: Wenn sie da alles verloren haben, die Wohnung, die Sachen und alles, was sie hatten, woher hat sie dann nur die Unmengen von Bonbons? Wo unsereins nicht mal mehr losen Zucker hat." "Vielleicht haben sie Sonderration gekriegt, soviel ich weiß, erhalten fliegergeschädigte Haushalte bestimmte Bezugskarten." "Aber solche Unmengen?" "Vielleicht für ihre Brüder mit." "Ach, die geben doch keine Karten für Tote aus", entgegnete Liese. "Nein, das glaub' ich allerdings auch nicht", sagte Martin. Aber Liese schämte sich ein bisschen für ihre kaltherzige Bemerkung.

Dolores lauerte ihnen nach wie vor im Hausflur unter der Treppe auf, und Liese hätte es am liebsten vermieden, mit Martin zusammen da vorbeizugehen, aber man konnte sich ja schlecht aus dem Fenster abseilen. Martin half Liese in diesem Jahr bei ihren Pflaumentoffeln, speziell beim Verkauf auf dem Striezelmarkt, er nahm das Geld entgegen und gab das Wechselgeld heraus, er brauchte kein Wort dabei zu sagen, und war trotzdem freundlich zu den Leuten. Es machte ihm Spaß, und Liese freute sich sehr, daß er bei ihr ist.

Sie bastelte jeden Tag neue Toffel und sie verkauften sie am nächsten, sie durften ein Eckchen am Stand eines Händlers mit nutzen, der Weihnachtsschmuck anbot, und er war ganz froh darüber, denn wegen des allgemeinen Mangels hatte sich seine Auslage schon arg gelichtet. Sie konnten sogar alle Einnahmen behalten. Liese wollte mit Martin teilen, aber der sagte "Nein, behalt' alles, es ist ja dein Geschäft, und ich bin auch nicht dein Angestellter." "Nein, das bist du nicht, du bist mein bester Weihnachts Pflaumentoffel Kassenwart." Dann sagte sie "Dafür bekommst du ein tolles Geschenk von mir."

Aber dann konnte Martin dreimal nacheinander nicht mitkommen, und er hatte hinterher nur fadenscheinige Ausreden, wie Liese schien. Sie überlegte und bekam einen Schreck, als sie feststellte, daß auch Dolores um die selbe Zeit nicht im Hausflur gelauert hatte. Und nach Weihnachten und im neuen Jahr passierte das noch ein paar Mal. Immer wenn Martin angeblich keine Zeit und irgendwas zu tun hatte, war auch von Dolores keine Spur zu sehen. Und wenn sie dann wieder auftauchte, wenn Liese zusammen mit ihm vorbeikam, dann warf sie ihm irgendwie seltsame Blicke zu, schien es Liese.

Und als Ostern herankam, fragte Dolores sie ganz scheinheilig "Bemalst du eigentlich auch Ostereier?" "Wie kommst du denn darauf?" "Ich dachte nur, weil ihr zu Weihnachten doch diese Pflaumentoffel gemacht habt." Liese konnte es genau heraushören: sie hatte gefragt 'bemalst du', aber dann gesagt 'ihr habt gemacht'! Sie wusste also genau, daß Martin dabei war! Aber auch, daß Liese zwischendurch allein gewesen war! "Nein, ich bemale keine Ostereier!" hatte sie mit aller Schärfe entgegnet.

Und dann überraschte und verwirrte Dolores sie abermals. "Ich zeige euch jetzt mal meine Verletzung", sagte sie und meinte damit offenbar jene, die sie in der Hamburger Feuersturm Nacht davongetragen hatte. Liese dachte, sie würde den Ärmel hochstreifen und man könnte einen mehr oder weniger großen Brandfleck auf ihrer Haut sehen.

Aber Dolores schob ihr Oberteil hoch, daß man ihren nackten Bauch und auch schon die Hälfte ihrer rechten Brust mit einem rosigen Knubbelchen sehen konnte, und sie zog den Gummibund von ihrem Rock herunter, und zwar ebenfalls genau so weit, daß die obersten gekräuselten Härchen von ihrer Scham herausguckten. Und dazwischen, neben dem Bauchnabel zog sich eine schmale Narbe fast senkrecht hinab.

"Das ist es", sagte Dolores und schaute selbst an sich herunter. "Wovon ist das?", fragte Martin, als müsse er die Verletzung in einer Luftschutzliste einstufen. "Bombensplitter", erwiderte sie bloß, und Liese merkte, wie ihr Daumen den Gummibund vom Rock noch ein Stückchen weiter dehnte.

"Ist ja gut verheilt", stellte Liese nüchtern fest. "Das schon", meinte Dolores und schaute dabei Martin an, als hätte der es gesagt, "aber ich habe Angst, daß mein Körper dadurch entstellt ist." "Ach wo", sagte Martin wirklich aufmunternd, und Liese hätte die beiden am liebsten voneinander getrennt, wie die Esel beim Bauern Petzoldt.

"Deck' es lieber wieder zu, sonst verkühlst du dich noch", sagte Liese, aber Dolores achtete gar nicht auf sie. "Meinst du, die Jungs werden nicht erschrecken, wenn sie das sehen?", fragte sie Martin. "Bestimmt nicht." "Na, da bin ich froh, wenn du das sagst." Sie ließ den Gummibund schnippen und das Oberteil herabfallen, schob die Brille hoch und sagte zu Liese "Ich hab' da nämlich jemand kennengelernt." "Ach so?" "Ja. Aber mehr wird nicht verraten!" "Du machst es aber spannend." "Ja. Du würdest dich wahrscheinlich wundern."

Als Liese mit Martin allein war, fragte sie ihn "Glaubst du wirklich, daß diese Narbe von dem Feuersturm stammt?" "Von einem Bombensplitter? Kann schon sein." "Dann ist das jetzt ungefähr 'n halbes Jahr her, meinst du nicht, daß das schon älter aussah?" "Bei manchen Menschen verheilt so was besser als bei andern."

"Hast du das ernst gemeint?" "Was?" "Als du gesagt hast, die Jungs würden bei dem Anblick nicht erschrecken." "Na freilich nicht." "Also war's nicht ernst gemeint?" "Doch. Ich hab' mich auch nicht erschreckt." "Du bist den Anblick vielleicht schon gewöhnt. Ähm, ich meine, von euern Schulungen." "Quatsch. So was behandeln wir nicht. Und wie eine typische Bombenverletzung sieht's wirklich nicht aus." "Das mein' ich ja!"

"Aber ich glaube, Dolores macht sich da unnötige Sorgen. Ein Junge guckt doch nicht bloß an die eine Stelle." Liese wurde rot und ihr Herz begann zu klopfen. "Sondern?" "Sondern was?" "Wo hast du denn noch hingeguckt?" "Nirgends", versicherte er, aber Liese sah, daß er schwindelte. "Ich finde das nicht in Ordnung." "Was denn?" "Ich reiß' mir doch auch nicht die Wäsche auf und zeig' jedem meine ... nackte Haut." "Du hast auch nicht so 'ne Riesennarbe." "Ach ja? Das würde dir wohl besser gefallen?"

"Liese!", rief Martin wirklich betroffen, "So was darfst du nicht sagen! Ich will nicht, daß dir auch so was passiert!" "Ist das wahr?" "Natürlich ist das wahr. Was denkst du denn?" Sie umarmte und liebkoste ihn. "Ich denke, daß du mich lieb hast, so wie ich bin." "Genauso ist es." "Ach, Martin, ich bin manchmal so schrecklich ... eifersüchtig." "Musst du aber nicht sein." "Ich weiß." "Ich bin's ja auch nicht."

"Ich hab' Martin total lieb", hatte sie Teresa Michels gestanden, und die erwiderte "Ja, das ist nicht zu übersehen, so, wie du ihn anhimmelst." "Aber es ist echt!" "Will ich ja gar nicht bestreiten." "Es ist nicht nur, daß wir uns prima verstehen - ich meine, das ist ja schon allein was wert - es ist so ... (sie suchte nach Worten) ... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, so berauschend! Kennst du das auch?"

Teresa machte eine unbestimmte Geste, Liese sagte "Es ist, wie wenn man im Traum vom Dach springt, oder besser noch von einer Klippe, und man fällt und fällt und möchte am liebsten immer weiter fallen, oder am besten gleich vom Himmel, von einer Wolke, man fällt und fällt und man spürt diese endlose Tiefe unter sich, die einen auffängt und doch nicht aufhört, man fühlt sich so losgelöst von allem, so frei, so ungebunden und gleichzeitig so sicher, so getragen von etwas, das viel viel mächtiger ist als alles, was man bisher erlebt hat."

"Joi, joi, Liese, in dir steckt wahrhaftig ein poetisches Talent." "Findest du?" "Du solltest es aufschreiben." "Findest du wirklich?" "Ja. Soll ich dir noch einen Tip geben?" "Ja." "Bestimmt fällt dir noch mehr dazu ein, wenn du mit ihm geschlafen hast!"

Liese überlegte angestrengt, wie sie Martin dazu überreden könnte, mit ihr zu schlafen. 'Aber das ist ja völliger Unsinn!', dachte sie, 'und leichtsinnig obendrein.' Wenn er es auch will, braucht sie ihn doch nicht zu überreden, dann passiert es sowieso wie von alleine. Und leichtsinnig wäre es, weil sich Martin dadurch vielleicht unter Druck gesetzt fühlt, 'und dann geht bei ihm womöglich die Klappe runter und er macht dicht', dachte sie.

Außerdem: wenn sie jetzt anfängt, Anspielungen zu machen und mit hundert Zaunpfählen zu winken, was sollte damit erreicht werden, außer daß sich zwischen ihnen etwas anstaut? Er würde es vielleicht sogar falsch auffassen und von ihr denken, sie wäre nur auf das Eine aus, so wie sie das von Teresa Michels denkt (überwiegend jedenfalls). Es würde doch ihre schöne Beziehung nur belasten, wenn einer etwas vom andern verlangt, das dieser nicht von selber gibt.

Andererseits: es staut sich auch so etwas an, bei ihr zumindest. Und sie konnte sich nicht vorstellen, daß sich bei Martin gar nichts anstaut; er spricht vielleicht bloß nicht drüber, weil es ihm peinlich ist, oder weil es ihm sein Stolz verbietet. Bei ihr verbietet es die Besorgnis, in seinen Augen an Ansehen zu verlieren, daß sie drüber spricht. 'Du lieber Himmel!', dachte Liese, 'Bin ich die Prinzessin auf der Erbse oder so was!'

Als es draußen wärmer wird, machen sie wieder Ausflüge mit den Rädern. Alles sprießt und grünt und blüht, Bienchen und Hummeln schwirren umher, und Liese findet, daß die Düfte auf der Wiese an der Elbe oder in dem Birkenwäldchen bei Kleinzschachwitz wirklich betörend sind. Ihre Gefühle sind nicht mehr im Zaum zu halten. Sie sagt zu Martin "Wenn ich mit dir zusammen bin, schlagen meine Gefühle Purzelbäume!" Er lacht. Aber das ist genaugenommen nicht die Reaktion, die sie erwartet hatte. Vielleicht sollte sie es nicht mehr länger mit (verunglückten) poetischen Vergleichen versuchen, sondern die Sache direkt anpacken!

Einmal, als sie an der Elbe waren, wo Liese einen wunderschönen Wiesenblumen Strauß gepflückt hat, und Martin bei Liese vorm Haus etwas schwungvoll vom Rad absteigt, platzt mit einem Ratsch am Hintern seine Hosennaht. Sie müssen beide lachen, obwohl es Martin natürlich peinlich ist. "Das macht nichts", sagt sie, "komm' mit hoch, ich nähe das wieder zu." Sie stellen die Räder in den Keller und gehen nach oben.

Es ist keiner da, der Vater ist noch auf Arbeit, und Mama ist wohl bei ihrer Kusine, die seit kurzem in der Wintergarten Straße wohnt. Liese stellt den Strauß in eine Vase. "Soll ich uns einen Malzkaffee machen?" "Habt ihr auch Milch da?" "Milch? Wo lebst du denn!" "Und Zucker?" "Hab' ich was gebunkert." "Kriegt ihr bei euerm Bauern keine Milch?" "Nee." "Wollt ihr welche haben?" "Wie meinst du das?" "Ich könnte euch vielleicht welche besorgen. Das heißt, mein Bruder." "Ach so? Na ja, wäre nicht schlecht. Jetzt zieh' deine Hose aus."

Er tut es und gibt sie ihr. Sie sieht ihn an, er sagt "Ich denke, du willst Kaffee kochen." "Ach ja! Stimmt." Sie legt die Hose aufs Bett, sie gehen in die Küche. Als der Kaffee fertig ist, gehen sie mit ihren Bechern zurück in Lieses Zimmer. Sie holt Nadel und Faden hervor, nimmt seine Hose, setzt sich hin und beginnt zu nähen. Er schaut ihr zu. "Nee, bitte", sagt sie, "wenn du mich dabei beobachtest, stech' ich mir in' Finger." "Ach so, entschuldige."

Er geht im Zimmer umher, er betrachtet die Photos an der Wand und alles, was in ihrem Regal steht. Sie schaut zu ihm hin, sie sieht seinen niedlichen Po in der Unterhose, und als er sich umdreht, streift ihr Blick auch sein Ding. Sie hat auf einmal ungeheure Lust, mit ihm zu schmusen.

"Weißt du was?", sagt sie und wirft die Hose beiseite, "ich muss erst mal eine Pause machen." "So schnell?" Sie zieht ihr Kleid aus, er fragt "Ist dein Kleid auch kaputt?" "Nein, mein Kleid ist in Ordnung." Sie zieht ihn an der Hand heran. "Komm' her, Martin Imhoff." "Was ist?", fragt er ein bisschen unsicher. "Lass' uns liebhaben." "Jetzt?" "Ja, jetzt. Ich hab' so große Lust." "Ja, ich hab' auch Lust", sagt er, aber nur zögerlich.

"Lass' uns hinlegen", sagt sie, zieht ihm das Hemd übern Kopf und schiebt ihn zum Bett. "Vielleicht sollten wir ..." "Was?", flüstert sie und küsst ihn aufs Gesicht. "Wenn deine Mama kommt." "Die kommt nicht. Lass dich gehen." Er küsst sie auch. "Streichel mich", flüstert sie, und er fängt an, sie zu streicheln; es erregt sie, und er lässt nach. "Nicht aufhören, mach weiter." "Ja."

Sie spürt, wie er zittert. Ihre Hand geht über seine Hüfte und außen am Bein entlang und dann wieder hinauf und über sein Ding und sie fühlt, wie sich da was zusammenballt, und er knurrt dabei. Sie flüstert "Lass' uns alles ausziehen, und wir legen uns richtig ins Bett." "Liese", entschuldigt er sich wie jemand, der etwas Wichtiges vergessen hat, "ich kann heute nicht." Sie unterbricht sich. "Was heißt das, du kannst heute nicht?" "Ich bin doch nicht in der richtigen Stimmung." "Aber eben warst du's!" "Ja, dachte ich auch." "Ist es wegen meiner Mama?" "Nein." "Hab' ich was Falsches gemacht?" "Nein, Liese. Ich hab' dich auch unheimlich lieb."

Er krabbelt über sie hinweg und steht vom Bett auf. Er sagt mit dem Rücken zu ihr "Es ist nur ... ich bin jetzt nicht darauf vorbereitet gewesen." "Na und?" "Nee, nicht na und. Bei mir ist das eben so. Wenn ich gewusst hätte, was wir machen wollen ... ich meine ..." Er dreht sich zu ihr um, sie sieht, wie die Unterhose über seinem Glied noch ziemlich gespannt ist. "... können wir es nicht vorher mal absprechen? Dann könnte ich mich mehr drauf freuen."

Sie schweigt, dann sagt sie "Hab' ich dich jetzt damit überfallen?" "Ja. Ein bisschen." "Aber du willst es auch?" "Ja, unbedingt", sagt er, als müsse er dringend aufs Klo. Sie sagt "Weißt du, ich kann nämlich bald nicht mehr länger warten." "Sollst du auch gar nicht. Ich kann auch nicht mehr länger warten. Wir machen es. Nur nicht heute, ja?" Sie steht auf und streckt die Arme aus. "Komm her, Martin Imhoff!" Er umarmt sie auch, und sie küssen sich so heftig, daß ihr vor Hingabe die Knie einknicken und er sie halten muss.

Das ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Natürlich hatten sich die Mädchen auch über das bestimmte Thema unterhalten, über das, was Jungs zu Jungs macht, rein äußerlich betrachtet. Teresa Michels hatte anscheinend auch da schon alles gesehen. (Liese hatte manchmal den Verdacht, Resi wäre in Wahrheit gar nicht die Allwissende in Fragen Liebe und Liebe machen, als die sie sich stets selber darstellt, aber dann ertappte sich Liese bloß bei dem Wunsch, es möge so sein.) Resi ließ durchblicken, daß ihr die anatomischen und physiologischen Eigentümlichkeiten des männlichen Geschlechts vollkommen geläufig sind, aber sie prahlte nicht mit ihrem Wissen, und gerade das machte sie so glaubwürdig.

Bärbel Ruminski hatte wohl auch schon einige Erfahrung, jedenfalls kannte sie eine Stellung beim Liebesakt, die die andern nicht kannten, was nicht zwangsläufig bedeuten muss, daß sie sie selber ausprobiert hat. Liese schüttelte sowieso den Kopf; sie tröstete sich ein bisschen mit der Überzeugung, man würde es ihr abnehmen, wenn sie etwas darüber zu berichten hätte, man traute es ihr wenigstens zu.

Aber man traute es auch Annegret Auerwald zu, die sonst so schmalspurig und prüde schien. Und wenn Resi über Annegret gesagt hatte, daß sie zwar immer will, aber nicht kann, so konnte man das auch dahingehend deuten, daß sie gar nicht so viel kann, wie sie gern will, und es wäre kein Wunder, wenn sie in ihrer Schmalspurigkeit und ihrem Scheuklappentrab alles mitnimmt, was ihr in den Weg kommt. Sie war es auch, die die andern darüber aufklärte, daß jüdische Jungs eine beschnittene Vorhaut haben. (Resi wusste das auch.)

"Wie, beschnitten?", fragte Liese. "Man schneidet ihnen bei der Geburt ganz vorn ein Stück von der Haut weg." "Warum?" Resi sagte "Aus rituellen Gründen", und Annegret ergänzte "Ja, wahrscheinlich, anders kann man es nicht erklären, jedenfalls nicht hygienisch." Bärbel sagte "In alter Zeit war bei den Juden die Vorhaut so was wie der Skalp bei den Indianern." "Ach ja?" "Das kann man im Alten Testament nachlesen, da haben sie den getöteten Feinden massenhaft die Vorhäute abgeschnitten." "Also den Nicht Juden." "Ja, den Arabern."

"Die Araber sind auch beschnitten", versicherte Annegret. "Weißt du's genau?" "Was heißt genau? Was soll ich denn darauf antworten?" Liese sagte "Es gab damals sicher auch Stämme, wo die Männer nicht beschnitten waren. Trotzdem ist das total eklig." "Ein Skalp ist wohl weniger eklig?" "Hab' ich doch nicht gesagt. Ein Skalp ist genauso eklig."

Resi sagte "In Afrika gibt es Stämme, wo sie sogar die Mädchen beschneiden." Liese drehte sich zu ihr um und Resis helle Muschelschale schimmerte unterm Rock hervor. "Waaas?" "Und was bitte schön soll da beschnitten werden?", sagte Bärbel. "Oben ein Stück vom ... von der K-Stelle. Sie ziehen ihn heraus und ..." "Oh, hör' auf, Resi! Das ist ja total eklig!" "Warum sollten die das machen?" "Auch aus rituellen Gründen." "Schon deshalb würde ich immer zum Christentum übertreten", sagte Annegret mit Nachdruck.

Vielleicht um der Sache einen schöneren Abschluss zu geben, schilderte Resi eine Art von Liebe machen, an der angeblich viele Jungs großen Spaß haben. Bärbel kannte das auch. Annegret schwieg dazu. Liese sagte, so was ähnliches hätten sie auch schon mal gemacht, woraufhin Resi sie überrascht ansah und etwas sagen wollte, es sich dann aber verkniff.

Noch etwas, das Liese nicht mehr aus dem Sinn geht! Am liebsten hätte sie alles nacheinander ausprobiert und dann das schönste endlos wiederholt. Ihre Träume werden überschäumend, beinahe unerträglich, sie glaubt, sie habe Fieber oder zumindest Fieberschübe, wie sie es in einem medizinischen Buch gelesen hat.

Die schönen Vorstellungen vom freien Fall verwandeln sich in eine wilde Jagd auf irgendein ungezähmtes und beißwütiges Ungeheuer, das am Ende in ihr selbst Zuflucht findet und sich in irgendwelchen finsteren, feuchten Körperhöhlen verkriecht. Es scheint unmöglich, daß sie sich auf die gleiche Weise wie Martin auf etwas freut, das angeblich hundertmal besser ist als die Bescherung zu Weihnachten.

Vielleicht ist sie wirklich anders? Vielleicht wird sie nur krank davon. Wieso wirklich? Wer hat das denn behauptet? Resi hatte sie durchschaut, na gut. Natürlich hat sie gemerkt, daß Liese noch nicht mit ihm geschlafen hat, deswegen hat sie ihr diesen Tip gegeben. Das sollte ja nur heißen: wir sprechen uns wieder, wenn ihr's gemacht habt. Das war sogar sehr einfühlsam von ihr.

Na ja, nicht gerade einfühlsam, es war schon irgendwie spitz. So redet Teresa Michels nun mal, sie benutzt die Wörter manchmal wie Nadeln, mit denen sie einen piekt. 'Darf ich dir einen Tip geben?' Das heißt: 'Solange du's noch nicht getan hast, können wir uns ebensogut über Doktor Oetker's Wackelpudding unterhalten, das bringt uns nämlich beiden nichts.' Und dabei ist sie auch immer ein bisschen angriffslustig, so als würde sie sich darüber amüsieren, wenn man ein Stück hinterherhinkt, und verhindern wollen, daß man so bald aufholt. Sie nennt es 'einen Tip geben' und meint 'beneide mich!', sie sagt 'Stelldichein' und meint 'Orgie'!

Das schlimmste ist, daß Liese sich genauso sehr über Martin und die Sache den Kopf zerbrechen muss, wie über Teresa Michels und ihr eigenes Verhältnis zu ihr. Und zu allem Überdruss kommt auch mitunter noch Robert ins Spiel, wie eine Figur im Theater, die mitten in einer Szene auf der Bühne erscheint und sagt "Ich suche Lieselotte Reichelt, hat sie jemand gesehen?" So war das jedenfalls gestern in ihrem Traum passiert, nachdem ihr die Eltern abends von ihrem Theaterbesuch erzählt hatten. Dabei gibt es doch nun wirklich keinen Grund, weshalb Robert auf der Suche nach ihr wäre! Oder?

Den Kopf zerbrechen ist ja noch harmlos ausgedrückt. Bei ihr im Kopf geht schon bald gar nichts mehr. Das geschieht jetzt alles viel weiter unten und viel tiefer drin, und der Kopf, also der Verstand, kann dabei nur hilflos zusehen und sich vielleicht noch fragen "Ob das mal wieder normal wird?" Sie beschließt, es wieder so zu "arrangieren", daß keiner daheim ist und sie mit Martin allein ist, und dann gibt es kein Ausweichen mehr und kein Zurück, dann es muss es passieren!

Der Vater ist sowieso auf Arbeit, der kann nicht plötzlich aufkreuzen, außerdem verirrt er sich äußerst selten mal in Lieses Zimmer. Und Mama? Letztens war sie bei ihrer Kusine Helgard, und als sie heimkam, hatte sie von ihr erzählt, aber Liese war in Gedanken noch so mit Martin und der abgebrochenen Bettsache beschäftigt, daß sie nur mit halbem Ohr zuhörte.

"Kennst du meine Kusine Helgard?", hatte Mama sie gefragt. "Was?" "Tante Helgard, kennst du sie eigentlich?" "Ja. Ich meine, nein, nicht so direkt." "Das heißt, ist sie denn überhaupt eine Tante von dir?", überlegte Mama. "Was denn sonst." "Na, wenn sie meine Kusine ist, das heißt, die Tochter von meiner Tante Else, dann ist sie ja für dich ... keine Ahnung, wie man das nennt." "Ja, ich habe auch keine Ahnung." "Hörst du mir überhaupt zu?" "Ja, Mama, ich höre jedes Wort: du hast keine Ahnung."

"Jedenfalls soll ich dich schön grüßen von ihr. - Hörst du!" "Ja. Was ist denn mit Tante Helgard?" "Sie ist von Langebrück hergezogen." "Ach so. Und wo wohnt sie jetzt?" "In der Wintergarten Straße. Die Wohnung ist natürlich viel kleiner als vorher, aber der Hans ist ja jetzt in Frankreich und nur noch auf Urlaub zu Hause." "Sie macht Urlaub hier? Ich denke, sie ist richtig hergezogen?" "Kind! Liese! Du bist so zerstreut! Was ist denn mit dir los?" "Nichts. Gar nichts. Sag' mir's bitte nochmal."

"Der Hans ..." "Was für ein Hans?" "Helgards Sohn!" "Sie hat einen Sohn? Wusste ich gar nicht. Wie heißt er?" "Ach komm', jetzt willst du mich auf den Arm nehmen! Er heißt natürlich auch Berger." Liese klapste sich vor die Stirn. "Ja, klar. Hans Berger. Ist Tante Helgard denn nicht verheiratet, ich meine, hat sie einen Mann?" "Der Kurt ist vor ein paar Jahren gestorben, an Krebs."

"Und wo ist der Hans jetzt?" "In Frankreich." "Was macht er da?" "Na, er ist an der Westfront, in Nordfrankreich, in der Nähe der belgischen Grenze." "Als Soldat?" "Ja. Er ist bloß ein einfacher Gefreiter, er ist ja auch noch so jung, noch keine zwanzig." Liese kam eine Idee. "Mama, wann gehst du Tante Helgard wieder besuchen?" "Willst du mitkommen?" "Ja. Ich meine, nee, nicht deshalb, oder ja vielleicht." "Ich wollte nächste Woche am Donnerstag wieder hingehen, sie hat mich zum Kaffee eingeladen; der Hans hat ihr nämlich ein Päckchen Bohnenkaffee geschickt."

"Toll. Also nächsten Donnerstag?" "Ja. Komm' doch mit, Helgard will dich auch unbedingt mal wiedersehen." "Am Donnerstag kann ich nicht, aber sag' ihr einen schönen Gruß, und ich werde sie bald mal besuchen." "Oh, da wird sie sich freuen. Vielleicht ist ja auch Hans bald wieder mal auf Urlaub hier." "Was hat das denn damit zu tun?" "Nichts. Ich meine ja nur."

'Also am Donnerstag!', dachte Liese und spürte, wie ihre Knie weich werden. Das war am Montag, und sie verzweifelte fast bei dem Gedanken, wie sie noch mehr als eine ganze Woche überstehen soll. Aber sie musste ja Martin auch noch darauf vorbereiten.

Am nächsten Tag sah sie ihn nicht, die Klasse wurde aufgeteilt und sie mussten in kleinen Gruppen Flugblätter aufsammeln, die englische Flieger über der Stadt abgeworfen hatten. Darauf war zu lesen, daß die Ostfront zusammengebrochen sei und "alle Opfer" umsonst waren. Sie mussten die Flugblätter in die Schule schaffen, wo sie der Hausmeister in einer großen Tonne verbrannte.

Am Mittwoch konnte sie Martin endlich sagen, daß er sich den nächsten Donnerstag unbedingt freihalten soll, weil sie da gemeinsam etwas unternehmen wollen. "Ja, gut", sagte er ohne weiter zu fragen. Dann dachte Liese, daß sie ihn damit eigentlich nicht vorbereitet hatte, wie es ihre Absicht war, und sie fügte hinzu "Du kannst dich schon mal auf was Aufregendes einstellen." "Soll ich irgendwas mitbringen?", fragte er. "Ja", erwiderte sie, "viel Lust und Liebe!" "Und Milch auch?" "Dich?" "Milch! Für den Malzkaffee." "Ja, gern."

Das ganze Wochenende über räumte sie ihr Zimmer auf. Sie räumte es sogar um und schob das Bett auf einen anderen Platz und musste deshalb auch einige andere Sachen umstellen. Denn Annegret hatte erzählt, daß die Himmelsrichtung einen Einfluss auf die Intensität beim Liebesakt habe, das hätte sie jedenfalls in einem wissenschaftlichen Buch gelesen. Es war so ähnlich wie in der Kirche, wo der Altar immer in Richtung Osten steht, weil da die Sonne aufgeht, die alles zu neuem Leben erweckt.

Demnach musste, laut Annegret, das Beilager, auf dem die Liebenden den Akt vollziehen, möglichst in West-Ost Richtung stehen, wobei das Kopfende nach Osten zeigt, wohin normalerweise das Gesicht des Mannes gewandt ist, "wenn er oben liegt".

War es wirklich nur Zufall, daß Liese, noch bevor ihr Annegret diese wissenschaftlich fundierten Einsichten in die Liebeslehre vermittelte, Martin zu Weihnachten einen nagelneuen Kompass mit einem rot-weißen Zeiger und einer - wie Martin feststellte - achtfachen(!) Gradeinteilung geschenkt hatte?

Den borgte sie sich jetzt von ihm aus, angeblich um ihn mal dem kleinen Sohn von ihrer Tante Helgard zu zeigen. Martin wollte ihn nur ungern aus der Hand geben, und als er meinte, das würde er dem Jungen auch selber zeigen, wehrte Liese ab und behauptete, der Hans wäre ein bisschen seltsam und er fürchte sich vor Fremden.

Als sie dann in ihrem Zimmer die Himmelsrichtungen zuordnete, musste sie feststellen, daß es unmöglich war, das Bett exakt in der geforderten Achse auszurichten, ohne daß irgendeine Seite von der Wand absteht. Trotzdem nahm sie das in Kauf, und als ihre Mutter, durch die unüberhörbare Rückerei neugierig geworden, in ihr Zimmer kam und sich darüber wunderte, wieso das Bett jetzt "so sinnlos viel Platz wegnimmt", entgegnete Liese "Das verstehst du nicht, Mama! Es hat etwas mit den übersinnlichen Mächten zu tun, denen wir manchmal ausgeliefert sind." Die Mutter musste lachen, dann meinte sie "Hoffentlich strafen sie dich nicht mit Tollheit."

Als sie Martin den Kompass zurückgab (das war am Montag), sagte er "Du, Liese, ich kann am Donnerstag nicht zu dir kommen, mir haben sie mein Fahrrad geklaut." "Ach herrje!", rief sie erschrocken und legte ihre Hand an seine Wange, um ihn zu trösten. Sie schwiegen ein Weile, dann meinte sie zaghaft "Du kannst doch das Stückchen auch laufen." Und indem sie das sagte, spürte sie, wie in ihrem Innern etwas mit ungeheurer Kraft weggerissen wurde, als wäre es in den Sog eines Feuersturms geraten. Was war das?

Er sagte "Mal sehen." Und es war ein anderes "Mal sehen" als das, was er sagte, als sie ihn um einen Liebesbrief gebeten hatte. Dieses hier klang beinahe wie ein "Auf Wiedersehen!", das war deutlich zu hören, und sie konnte es sich - ebensowenig wie den Feuersturm, der gerade für den Bruchteil einer Sekunde durch sie hindurchgefahren war - nicht erklären.

Zu Hause setzte sie sich auf's Bett und saß lange da, und dachte an nichts, und wunderte sich zwischendurch bloß, daß sie noch nicht angefangen hatte, mit den Tränen kämpfen zu müssen. Wahrscheinlich neugierig geworden durch die ungewohnte Stille in ihrem Zimmer, kam die Mutter herein und sagte "Ist alles in Ordnung, Liese?" "Ja, Mama, es ist alles gut." "Hast du nicht Tränen in den Augen?" "Nein. Es ist bloß: Martin haben sie sein Fahrrad geklaut." "Ach herrje!", sagte ihre Mutter, kam zu ihr hin und legte ihre Hand an Lieses Wange. "Das ist ja schlimm. Oh, es gibt so schlechte Menschen, ausgerechnet jetzt, wo alle zusammenhalten müssten." Liese sagte nichts darauf, dann wandte sie den Kopf zum Fenster und schaute hinaus, als wäre sie gerade nach einer langen Fahrt von irgendwoher da draußen heimgekommen. "Hast du deins in den Keller gestellt?" "Was? Ja, Mama, bei mir ist alles in Ordnung."

Es hätte nicht extra jemand bei ihr klingeln müssen, um ihr auszurichten, daß Martin bestimmt nicht kommt, das wusste sie auch so; und deshalb kam auch niemand, und Martin auch nicht. Am Freitag fiel die Schule aus, sie mussten drüben in der Albertstadt am Heiderand Gestrüpp wegräumen, das heraus gerissen wurde, weil man einen Graben ausheben wollte.

Erst am Samstag schob sie das Bett wieder an seinen alten Platz. Am Montag kam Martin gleich zu ihr und sagte, er hätte leider nicht kommen können, obwohl er wollte! "Was war denn?", fragte sie und kniff sich unbemerkt so sehr ins Bein, daß der Schmerz sie ablenkte. "Ich musste meinem Bruder bei was helfen, kann jetzt weiter nichts drüber sagen." "Aha." "Vielleicht klappt's demnächst", sagte er nicht gerade begeistert. "Ja, vielleicht."

Als Liese im Treppenhaus an Dolores vorbeiging, fragte die "Ist irgendwas?" "Nein! Was soll sein?" "Ist irgendwas mit Martin?" "Frag' ihn doch selbst!", fauchte Liese sie an. Sie wusste, daß Dolores nichts damit zu tun hatte, sie wusste es eben, aber sie konnte sie in diesem Moment noch weniger ausstehen als sonst.

Und dann tauchte Ina Seybold das erste Mal auf. Sie saß am Terrassenufer mit Annegret und Bärbel auf der Bank, und hinter ihnen saß Teresa auf dem Geländer. Sie unterhielten sich großartig, das fiel Liese schon von weitem auf, noch bevor sie dort war und Ina ihr freundlich lächelnd, ach was, souverän lächelnd die Hand hinhielt und sagte "Ich bin Ina! Freut mich, dich kennenzulernen."

Vielleicht war sie ja wirklich drauf aus, Bekanntschaft mit ihnen zu schließen, wie Annegret es glaubte, dachte Liese jetzt rückblickend. In diesem Alt-Striesen war ja eh' nichts los, und dann noch mit drei kleinen Schwestern, denen grade reihenweise die Milchzähne ausfallen, was sollte Ina da mit sich und ihrer atemberaubenden Schönheit anfangen?

Annegret war hin und weg, es schien, als hätte sie sich immer schon jemand wie Ina als Freundin gewünscht. Dabei hatten die beiden so gut wie nichts gemeinsam, und es war schwer vorstellbar, daß Ina unter andern Umständen was von Annegret gewollt hätte. Bärbel ließ sich kaum von Inas Äußerem beeindrucken, aber das hätte wahrscheinlich nicht mal Kristina Söderbaum geschafft, wenn sie plötzlich am Terrassenufer langspaziert wäre. Und Resi?

Resi saß hinten auf dem Geländer und wippte mit den Beinen, und Liese schien es, daß immer wenn Ina dabei war, Resi ihren Rock so weit vorzog, daß man nicht drunter gucken konnte; sie war auch immer nett zu ihr, aber in manchen Augenblicken musterte sie Ina wie eine Raubkatze. Es war auch das einzige Mal, meinte Liese, daß Resi von sich aus ein Geheimnis ausplauderte, das heißt, ohne danach gefragt zu werden. "Weißt du eigentlich", fragte sie Liese, "daß Ina Seybold sich mit Martin trifft?"

Liese tat so, als wüsste sie's nicht, und dafür blieb sie erstaunlich gefasst. Aber in Wahrheit hatte sie die beiden schon zusammen gesehen, am Eliasplatz, von der andern Seite aus, deshalb war sie sich nicht ganz sicher gewesen. Aber zumindest so sicher, daß Resis Mitteilung sie jetzt nicht wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf.

Überhaupt wunderte sie sich über sich selbst, daß der ganz große Ausbruch der Verzweiflung noch nicht stattgefunden hatte. Normalerweise müsste sie sich in einem Zustand der Auflösung befinden, in dem nichts mehr in ihrem Leben einen Sinn hat und in dem sie nur noch entscheiden muss, ob sie zuerst Martin und dann sich selbst umbringt, oder gleich sich selbst, und Martin verschont und ihn, in einem letzten Akt der Vergebung, Ina Seybold überlässt.

Aber sie konnte weder Martin dafür hassen, was er jetzt tut und was er ihr damit angetan hat, noch sich selbst die Schuld dafür geben, daß es so weit gekommen war. Denn in Wirklichkeit glaubte sie daran, daß er zu ihr zurückkehrt, und zwar bald, wie einer, der in der Nacht durch ein Irrlicht verführt worden und vom rechten Weg abgekommen ist und schon morgen, wenn die Sonne aufgeht, sich besinnt und beeilt, so schnell wie möglich wieder zu ihr zu gelangen. Und es gab nicht den geringsten Grund daran zu zweifeln, daß Liese ihn mit offenen Armen empfangen würde.

Es war Bärbel Ruminsky (die Liese auch schon mal gesagt hatte, sie sähe Gespenster) die jetzt von ihr behauptete, sie würde bloß nicht wahrhaben wollen, daß Martin und Ina miteinander gehen. Das war eigentlich immer das gleiche Problem: die Unfähigkeit, sich mit den Tatsachen abzufinden!

Allerdings sah es auch lange Zeit nicht danach aus, als wäre zwischen den beiden jetzt plötzlich die große Affäre ausgebrochen wie ein Vulkan um zwei Uhr sechsundreißig, oder als würden sie, wo auch immer, vielleicht bei Seybold's im Ofenlager, wilde Orgien feiern. Da war ja Martin auch nicht der Typ für, dazu hätte ihn nicht mal eine Ina Seybold aufstacheln können. Resi war sich sogar sicher, daß sie es noch nicht miteinander getan haben, aber Liese war sich nicht sicher, ob Resi sie damit bloß trösten will.

Wohingegen Annegret in ihrer schmalspurigen Direktheit ihr empfahl, sie solle sich lieber keine Illusionen machen. "Such' dir einfach einen neuen", sagte sie, und dies aus Annegrets Mund zu hören, die selbst oft genug beinahe krampfhaft den Jungs hinterher läuft, das war schon ein bisschen komisch.

Natürlich war diese Geschichte für keine von ihnen so problematisch wie für Liese, und sie musste sich irgendwie in ihr Schicksal fügen, wenn sie weiterhin dabeisein und dazugehören wollte. Und wenn sie sich stattdessen in ihr Kämmerlein eingeschlossen und nur noch Schwarz getragen und auf die nächsten dreißig Jahre ein Schweigegelübde abgelegt hätte, dann wäre Martin erst recht nicht zu ihr zurückgekommen.

Also ging sie mit zu Inas Geburtstag, wo sie sich sogar ein bisschen amüsierte und wirklich fast einen Jungen näher kennengelernt hätte, wenn er nicht leider erst ganz zum Schluss auf sie zugekommen wäre. Und sie wäre auch liebend gerne mit ins "Park Café" oder in den "Bogenschützen" gegangen, wo selbst in dieser Zeit noch Tanzveranstaltungen stattfanden.

Immerhin war "Totaler Krieg" und Vergnügungen solcher Art mit Rücksicht auf die Soldaten an der Front weitgehend untersagt, zwischendurch eine Zeitlang sogar ganz verboten. Im Theater wurde zwar gespielt, in der Oper geträllert, im Kino lief jeden Monat ein neuer Film an, und der Zirkus Sarrasani hatte ständige Vorstellungen, sogar als der Russe schon in Polen vorrückte.

Aber die echte Tanzmusik, bei der man auch mal richtig abkrachen konnte, wie Resis Freunde es nannten, die gab es nur noch in einigen Gaststätten, hauptsächlich in der Neustadt; Cafés und Kneipen, welche dieselben Freunde auch manchmal anerkennend als Bumslokale bezeichneten, ein Wort, das herrlich anrüchig war und auf die Mädchen einen besonderen Reiz ausübte.

Die durften eigentlich gar nicht da rein, und eine Dolores Schlierich hätte keine Chance gehabt. Aber die andern sahen alle aus, als wären sie alt genug, und Ina Seybold hätten sie sowieso reingelassen, weil jeder halbwegs gutaussehende Junge darauf aus war, sie mal über die Tanzfläche zu schieben und ihr dabei ein paar Komplimente ins Ohr zu flüstern.

Liese wäre mitgegangen, wenn ihre Mutter es ihr nicht verboten hätte. Wahrscheinlich dachte Liese, sie könnte noch in letzter Sekunde verhindern, daß Ina ihr Martin abspenstig macht, oder, wenn das misslang, daß sie versuchte, ihn Ina abspenstig zu machen, obwohl sie ja in der Hinsicht keine Erfahrungen hatte.

Aber Martin war gar nicht dabei. Das hatte Liese aus sicherer Quelle erfahren, und es beruhigte sie natürlich auf der einen Seite. Auf der andern Seite wurmte es sie aber auch, daß sie nichts unternehmen konnte, um ihn zurückzuholen. So weit war er schon weg, daß Liese sich bei anderen nach ihm erkundigen musste! Aber sie dachte immer noch, das alles wäre womöglich eine Art Zerreißprobe für ihre Beziehung mit Martin, obwohl sie in Wirklichkeit schon seit Wochen nicht mehr unter vier Augen mit ihm gesprochen hatte.

Ina war immer nett zu ihr, aber für Liese sah es aus, als gäbe sie ihr zu verstehen, daß Liese keine Konkurrenz für sie wäre. Und leider war das auch so. Aber Liese fand es unmöglich von ihr, daß sie sich in den Bumslokalen nach Herzenslust mit andern Jungs vergnügte, während Martin daheim sitzt. "Er wollte nicht mitkommen", hatte sie angeblich zu Resi gesagt.

Dann trafen sie sich ständig. Ina kam meistens mit der 17 und stieg am Johannesplatz um in die 26 und fuhr bis zum Eliasplatz, und dort wartete Martin dann immer schon auf sie. Nicht, daß Liese den beiden hinterherspioniert hätte, nein! Resi wusste das auch. Na gut, sie hatte es Resi erzählt, aber es war immer bloß zufällig, daß sie die beiden sah, und das zeigt nur, wie oft sie sich trafen.

Und dann kam sie eines Tages mit dem Fahrrad, und nicht lange danach hatte Martin auch wieder eins, angeblich das von seinem Bruder. Mit dem er sich dann am Terrassenufer langgelegt und sich dabei das Fußgelenk angebrochen hat. Oh! Ehrlich gesagt war Liese, als sie davon hörte, für einen Moment nahe dran, sich ein Grinsen zu gönnen. Aber sie hat es sich verkniffen! Ihm zuliebe!

Und der Dank dafür? Jeder, der diese Geschichte von Anfang an gelesen hat, weiß, was passiert ist, als Liese ihn besuchen wollte, als er außer Gefecht gesetzt war. Und hinter allem, da musste sich jeder sicher sein, der den Lauf der Ereignisse auch nur näherungsweise mitverfolgt hatte, steckte niemand anders als I.S. aus A.-Str. Auch wenn sie sich und ihr Fahrrad noch so gut verbergen konnte, Liese wusste, daß sie da ist, und daß sie Martin längst fest im Griff hat und ihm einflüstert, was er zu ihr, seiner ehemals einzigen und liebsten Freundin sagen soll, wenn sie ihn fragt "Wie geht es dir?"

Dieses "Ich stütze mich ab" war so lächerlich gewesen, daß sich Liese nicht bloß abserviert vorkam, sondern auch veralbert, als könnte man ihr so einen Unsinn auftischen und annehmen, sie würde ihn glauben! Na gut, es ließ sich nicht verhindern, daß sie, nachdem sie abserviert und veralbert worden war, zuerst mit Misstrauen erfüllt wurde, während sie nach Hause in die Schumann Straße ging, ein Misstrauen, das jeden erfüllt hätte, der gerade einen solchen Auftritt erlebt hat.

Aber schon auf dem Weg nach Hause wurde das Misstrauen verdrängt von einem innerlichen Verletztsein, das dann, auf ihrem Bett, innerhalb von Minuten in ein Unglücklichsein und anschließend in ein Traurigsein überging, das natürlich den Kampf gegen die Tränen schon nach dem ersten Angriff jämmerlich verlor.

Nach einigen fruchtlosen und, wie es Liese hinterher schien, auch ziemlich verworrenen Mutmaßungen, was sich bei Martin im Zimmer abgespielt haben könnte, als Liese unten bei ihm geklingelt hat, beschloss sie, zum Gegenangriff überzugehen und sich Martin zurückzuerobern. Sie ließ sich nichts anmerken. Und als Martin nach seiner Verletzung wieder dabei war, und sich alle (einschließlich Ina) am Terrassenufer trafen, tat sie ganz unbekümmert.

Und selbst als er anfing zu erzählen, er hätte sogar einen Gips am Fuß gehabt (und dabei - wie Liese genau sehen konnte - Ina einen Blick zuwarf, der Bände sprach), nahm Liese das genauso hin wie die andern, die es vielleicht besser wussten oder auch nicht. Aber dieser Blick verriet ihr, daß er es nur Ina zuliebe erzählte, die ihm wahrscheinlich vorher eingeschärft hatte, er solle sagen, er hätte sogar einen Gips gehabt, das klingt ja viel aufregender!

Wie sehr Liese auch insgeheim darauf lauerte, es wollte sich der rechte Zeitpunkt zum Gegenangriff nicht bieten, und sie musste ihn wieder und wieder verschieben. Und jedesmal, wenn sie ihn aufgeschoben hatte, war auch Martin wie durch Geisterhand geführt ein Stück weiter von ihr abgerückt. (Diese Geisterhand war natürlich Inas Hand, gegen die sie machtlos war.)

Wenn sie auf ihrem Bett lag und darüber nachgrübelte, musste sie sich eingestehen, daß sie entweder zu feige oder zu stolz ist, den Gegenangriff endlich zu starten und Martin zurückzuerobern. Und wahrscheinlich war sie beides, und die Mischung aus Feigheit und Stolz hielt sie zurück und machte, daß sie tatenlos zusah, wie Martin unaufhaltsam in Inas Arme (bildlich und wirklich) getrieben wurde.

Sie unternahm noch einen letzten Versuch und stellte sich mit geschlossenen Augen jene kleine, grüne Raupe vor, die Martin damals (oh, wie lange war das schon her!) von ihrem Haar gezupft und auf seinen Arm gesetzt hatte, und die Liese - nein, sie beide - zu ihrer Glücksraupe erkoren hatten, durch die ihre Liebe neuerweckt würde, wenn sie beide an sie denken.

Das war jedoch der Haken an der Sache: wie sollte sie Martin dazu bringen, an ihre gemeinsame Glücksraupe zu denken? Während er doch mit Ina so beschäftigt war, daß er wahrscheinlich nicht mal mehr an seine Pflichten als Luftschutzhelfer denkt, jedenfalls nicht mit dem gehörigen Eifer!

"Das ist nur deswegen, weil's bei dir nicht gezündet hat", sagte Resi, nachdem Liese ihr ganzes Leid geklagt hatte. "Was hat bei mir nicht gezündet?" "Das Geschoss. Im Rohr." "Um Himmelswillen, Resi, hast du dich etwa schon als Flakhelferin gemeldet?" Resi lachte. "Du weißt schon, was ich meine." "Aber es war doch noch gar kein Geschoss im Rohr." "Aber beinahe." "So beinahe eigentlich auch noch nicht." "Na, ich will's gar nicht so genau wissen. Ich sehe bloß eins: du wartest drauf, daß es bei dir endlich zündet und einen richtigen Knall gibt, der dich von deiner Anspannung befreit, ist es nicht so?" "Vielleicht, ja." "Da würde ich meinen Lieblingspullover darauf verwetten."

"Und was soll ich deiner Meinung nach tun?" "Such' dir jemand, der es mit dir macht." "Das hat Annegret auch gesagt." "Es braucht ja keiner sein, den du erst ewig lange vorher liebhaben musst." "Du meinst, ich nehme mir einfach einen Jungen von der Straße? Ich bin doch kein Flittchen!" "Ich bin auch kein Flittchen, aber den Jungen, an den ich meine Unschuld verloren habe, kannte ich ungefähr seit zwei Stunden. Was ist denn dabei? Es ist sowieso nicht das ganz große Ding, glaub' mir, es muss nun mal passieren, damit der Weg frei ist, und ich sag' dir: am besten, es passiert schnell und du hast es hinter dir. Danach fängt erst die Liebe an."

Das war natürlich leichter gesagt als getan. Teresa Michels brauchte ja auch nie länger als zwei Stunden, um sich einen Jungen aufzugabeln. Aber sie hatte vollkommen recht, in Liese hatte sich etwas so sehr angestaut, daß es ihr unerträglich wurde; als wäre in ihr drin ein Luftballon aufgeblasen worden, der nur darauf wartet, daß ihn jemand mit einem Pieks zum Platzen bringt, "oder besser noch mit einem Schuss aus der Flinte", dachte sie, denn den Knall, von dem Resi gesprochen hatte, den wollte sie dennoch so richtig auskosten.

Am Nachmittag fuhr sie mit der Straßenbahn bis auf den Theaterplatz, und dann schlenderte sie durch die Schloßstraße in die Innenstadt und über den Altmarkt und den Neumarkt und wieder zurück auf den Altmarkt, und die Prager Straße entlang bis zum Bahnhof und die Prager Straße wieder in die andere Richtung bis zum Altmarkt und ... und wie sie vor einem Schaufenster steht und hineinguckt, spricht sie ein Junge an und sagt "Einen schönen guten Tag, Fräulein. Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?"

Sie glaubt im ersten Augenblick, sie würde schon Gespenster sehen, aber der Junge steht leibhaftig da. Er ist groß und hager und bestimmt drei oder vier Jahre älter als sie, wenn nicht gar fünf, und obwohl er ein ziemlich blasses, fast bleiches Gesicht und dunkle Schatten um die Augen hat, wirkt er doch irgendwie anziehend. Und sein Lächeln ist sehr gewinnend, denkt Liese.

"Wann?", fragt sie. "Auf der Stelle", erwidert er, und hört gar nicht mehr auf zu lächeln. Sie schaut sich um. "Ich kenne hier kein gemütliches Café", sagt sie unwillkürlich und denkt sofort 'Oh Gott, hoffentlich hat er das nicht als Aufforderung verstanden, gleich woanders hinzugehen'. "Da drüben ist eins, das wird Ihnen gefallen." "Ja, gut. Und Sie laden mich ein?" "Es ist mir eine Freude."

Sie gehen ins Residenz Café und setzen sich an einen kleinen runden Tisch und bestellen Kaffee (hier gibt es sogar noch echten Bohnenkaffee). "Sie brauchen mich nicht zu siezen", sagt Liese, "ich bin noch nicht so alt." 'Oh Gott, wieder so eine blöde Bemerkung, mit der sie alles verderben könnte!' "Ach so? Wie alt sind ... bist du denn?" "Siebzehn." "Und wie heißt du?" "Teresa ... nein Quatsch ... Annegret." "Annegret ist ein hübscher Name." "Ja, ich weiß." "Ich heiße Ludwig. Eigentlich Ludowik." Sie muss ein Kichern unterdrücken. "Ludwig finde ich besser."

Sie trinken ihren Kaffee. "Wo wohnst du, Ludwig?" "In Friedrichstadt, neben dem Güterbahnhof." "Ist das nicht ziemlich laut? Ich meine, wenn die Schienen quietschen und so." "Nein, es geht da alles sehr reibungslos vonstatten." Er muss lächeln, und Liese muss auch lachen. "Warum lachst du?" "Warum lachst du?" "Das war ein Wortspiel: Schienen quietschen und reibungslos." "Gefällt dir so was?" Er macht eine unbestimmte Geste.

"Ich sammel auch Wörter, die mir gefallen." "Zum Beispiel?" "Zum Beispiel aberwitzig." "Wie bitte?" "Aberwitzig. Na, das ist bloß eins als Beispiel, ist jetzt natürlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen, man müsste ..." "Ich verstehe schon, es hat mich bloß ein wenig überrascht." Sie schaut ihn an, wie er den Kaffee ganz behutsam in Schlückchen trinkt, als wäre es sein letzter.

"Was arbeitest du?", fragt sie ihn. "Ich studiere noch." "Oh, toll! Was?" "Chemie." "Toll! Stimmt es, daß man aus Katzengold richtiges Gold herstellen kann?" Er lacht. "Ja. Aber man braucht dazu den Urin eines nepalesischen Schneehasen." Sie sieht ihn ungläubig an. "Das ist ein Scherz?" Er antwortet nicht. "Und sieht es bei dir zu Hause aus wie in einem Laboratorium?" "Willst du dir's ansehen?" Sie läuft rot an, dann sagt sie "Ja, warum nicht."

Sie fahren zu ihm. Aus seinem Zimmer kann man wirklich den Güterbahnhof überblicken. Aber es ist kein Laboratorium, es sieht eher aus wie in einer Klosterzelle, und das Bett ist wahrscheinlich bretthart. Sie stehen am Fenster, und ihre Arme berühren sich, sie spürt seinen Atem.

Er sagt "Nachts gehen dort auf den Gleisen manchmal seltsame Dinge vor sich." "Was denn?" "Es kommen Züge, und Menschen werden verladen und weggefahren." "Aber ich denke, es ist ein Güterbahnhof? Kann man denn von hier auch irgendwohin fahren?" "Normalerweise nicht, es sind auch keine Personenzüge, sondern Güterwaggons." "Und da steigen Leute ein?" "Ja. Viele." "Kann man das heute nacht auch sehen?" "Vielleicht." Sie schweigt.

Plötzlich legt er seine Hand auf ihre Schulter, ihr Herz beginnt zu klopfen, sie sagt "Wollen wir was spielen?" "Was denn?" "Vielleicht Mühle, hast du ein Mühlespiel?" Er überlegt, dann öffnet er die unteren Türen der Kommode und kniet sich hin. Liese betrachtet ihn von der Seite, sie findet, daß er ein sehr ausgeprägtes Profil hat, mit einer ziemlich männlichen Nase, und er hat schöne Ohren! "Hurra, da ist eins", sagt er ohne jede Begeisterung.

"Kann ich solange hierbleiben?" "Wie lange?" "Bis man die Züge sehen kann." "Klar. Du kannst auch die ganze Nacht hierbleiben." "Ich nehme die weißen." "Bitte? Ach so, ja." Er klappt das Spielfeld aus Pappe auf und legt es mitten auf den Tisch, der nicht einmal ein Tuch hat. Da geht plötzlich die Tür auf und ein Mann und eine Frau stecken die Köpfe herein. Die Frau sagt "Braucht ihr noch was?", und Ludwig erwidert "Nein, Mutter." Die Tür schließt sich wieder.

"Sind das deine Eltern?" "Hm." Sie machen ein paar Züge, er spielt wie in Gedanken versunken. Liese ist es eigentlich ganz angenehm, daß sie sich kein Gespräch abringen müssen. Dann sagt er "Oh, tut mir leid, ich habe dich vorhin einfach so übergangen." "Was meinst du?" "Möchtest du etwas zu trinken? Oder hast du Hunger?" "Nein, danke. Oder doch, vielleicht eine Brause?" Er springt auf, als wäre er froh, das Spiel unterbrechen zu können. "Wird sofort erledigt", sagt er und verschwindet für eine Weile.

Liese steht auf und geht ans Fenster, es wird allmählich dämmerig. Sie wirft einen Blick auf das Bett, dann geht sie hin und drückt mit der Hand drauf, es ist bretthart. Er kommt zurück mit einem kleinen Silbertablett mit einer Flasche und zwei Gläsern drauf. Wie er es auf dem Tisch abstellt, merkt Liese, daß seine Hände zittern.

Sie trinkt einen Schluck. "Hm, schmeckt prima, was ist das für welche?" "Selbstgemachte, aus Zitronen und ein bisschen Aroma." "Was für Aroma?" "Fruchtaroma." "Stimmt. Lecker. Könntest du verkaufen, das Zeug." "Nicht bei den gegenwärtigen Verhältnissen. Die Aromastoffe hab' ich aus dem Labor mitgeh'n lassen, verstehst du." "Uhiii, dann ist es sogar verbotenes Zeug." "Gewissermaßen. Wollen wir weiterspielen? Du bist dran." Sie spielen eine Weile, im Zimmer wird es immer dunkler.

"Soll ich Licht machen?", fragt er. "Ich kann noch was sehen." "Ich auch." "Außerdem", sagt sie und macht vier Züge hintereinander, "hab' ich schon gewonnen." "Noch eins?" "Ja." Sie macht eine Handbewegung zum Fenster. "Wann spielt sich das immer so ab? Jetzt schon?" "Unterschiedlich. Ich glaube, die haben keinen richtigen Fahrplan." "Und wer sind die eigentlich?" Er zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung, jedenfalls keine normalen Reisenden." "Vielleicht Soldaten, die an die Front fahren." "Sie haben keine Waffen dabei." "Seltsam." "Ja. Mysteriös."

Seine Hände fangen wieder an zu zittern. "Willst du mal noch was anderes probieren?", fragt er. "Zu trinken?" "Nein, was anderes." "Ich weiß nicht, was soll'n das sein?" Er steht auf und zieht eine Schublade heraus, und aus der hintersten Ecke holt er ein braunes Medizinfläschchen hervor. Er setzt sich hin und schraubt den Verschluss ab. "Was ist das?"

"Weißt du, was Pervitin ist?" Sie schüttelt den Kopf. "Woher denn?" "Das sind Pillen, die die Soldaten bei der Wehrmacht kriegen, im Moment hauptsächlich die drüben an der Wolga. Es ist eine Art Aufputschmittel, chemisch gesehen ein Methamphetamin." "Was passiert da mit einem?" "Man wird euphorisch, weißt du, was das bedeutet?" "Mutig?" "Ja, auch. Man fühlt sich stark und voller Tatendrang, man glaubt, daß man alles erreichen kann und daß es nichts gibt, das einen dabei aufhält." "Alles durch so'ne Pille?"

"Ja. Ein Japaner hat die Substanz vor ein paar Jahren entdeckt, das heißt synthetisiert, inzwischen wird sie überall hergestellt." "Aber man kann das nicht kaufen, oder?" Er lacht. "Nein." "Und das ist das?" "Sowas ähnliches, das hier nennt sich D IX." "Wofür steht das?" "Kann ich nicht so genau sagen, vielleicht für die neun Musen", meint er und grinst dabei. "Hast du das auch mitgeh'n lassen." "Ich arbeite regelmäßig in dem Labor." "Wo ist das?" "Ist nicht so wichtig." "Da hast du dir eine extra Ration besorgt, falls du in'n Krieg musst?" "Bis jetzt hat es mich sogar davor bewahrt, wir forschen an solchen Substanzen und deshalb sind wir unabkömmlich."

Er schüttet ein paar Tabletten auf die Handfläche. "Willst du's probieren?" "Und was passiert dann?" "Hab' ich doch gesagt, man wird euphorisch." "Aber ich will doch nicht gegen wen kämpfen." "Brauchst du auch nicht. Du kriegst Gefühle, die du noch nie gehabt hast." "Ehrlich?" "Ich weiß es." "Du nimmst es auch?" "Ja." "Oft?" "In letzter Zeit." "Wieviel muss man beim ersten Mal nehmen?" "Eine reicht." "Und wenn ich kotzen muss?" "Warum denn? Das geht nur in' Kopf." "Aber meine Gefühle sind nicht im Kopf." "Dann nenn' es Psyche, du hast recht, das trifft es besser."

"Kommen deine Eltern nochmal rein?" "Nein. Wenn du willst, kann ich abschließen." "Und was machen wir dann?" "Wozu du Lust hast." "Wozu hast du Lust?" "Ich richte mich nach dir. Also was jetzt, wie lange soll ich das noch halten? Nimm' eine und fertig, so leicht kriegst du nicht so schnell wieder eine." "Einfach schlucken?" "Ja. Trink was hinterher." Sie macht es.

"Schmeckt nach nichts." "Wir machen keine mit Aroma", sagt er, als hätte sie sich beschwert. "Das geht wohl alles für die Brause drauf. Oh, da fällt mir ein, ich muss meinen Eltern Bescheid sagen." "Weswegen?" "Daß ich später nach Hause komme." "Wenn du meinst." "Habt ihr Telephon?" "Ja, bei meinen Eltern im Wohnzimmer." "Kann ich das mal benutzen?" "Klar." Sie gehen ins Wohnzimmer, die Eltern sitzen in den Sesseln, der Vater liest Zeitung, die Mutter strickt. "Da drüben steht's", sagt Ludwig.

Sie lächelt den beiden zu, während sie hin geht, dann wählt sie. "Herr Kolmar? Entschuldigen Sie die Störung, könnten Sie meiner Mutter ausrichten, daß ich heute ... bei Annegret übernachte ... was? ... ach so, Entschuldigung, hier ist ihre Tochter ... nein, die Tochter von Reichelts ... nein, nicht Regina, die andere ... ja ... könnten Sie meiner Mutter sagen, daß ich bei Auerwalds übernachte ... ja ... danke! ... und entschuldigen Sie nochmal die Störung."

Sie legt auf, die Eltern haben nicht mal zu ihr hingeschaut. Sie gehen zurück in Ludwigs Zimmer, es ist stockfinster. "Soll ich Licht machen?", fragt er. "Vielleicht die kleine Lampe." "Die ist kaputt. Soll ich eine Kerze anzünden." "Ja, warum nicht." "Deine Freundin heißt auch Annegret?" "Was? Ich glaub' ich merk' schon was." "Leg' dich hin." "Wieso?" "Falls dir schwindlig wird." "Ich denke, es wird einem nicht schlecht." "Beim ersten Mal sollte man sich hinlegen." "Hast du eigentlich auch eine genommen?" "Ja." "Legst du dich mit hin?" "Wenn du willst." "Ja." "Dann kann ich die Kerze wieder ausmachen?" "Brauchen wir nich', scheiß Kerze! Hui! Jetzt geht's aber los bei mir!" "Ich schließ' ab." "Ach so, ja, besser isses." Sie setzt sich aufs Bett und streift die Schuhe ab. "Aber bloß hinlegen. Erstmal. Ludwig? Bist du noch da? Ich seh' schon ganz komische Sachen. Ludwig!" "Leg' dich hin", ertönt eine Stimme.

Sie lässt sich aufs Bett fallen und jemand hebt ihre Beine hoch. "Was wird'n das? Hihihi! Ich seh' nur noch so Kringel, alles voll bunte Kringel, was kost'en das Pfund? Hihihi. Oh! Jetzt sin'se weg! Schade. Da sin'se wieder! Und so viele, hihihi. He, was wird'n das! Da geht's aber nich' lang, Herr Doktor. Ich ruf' gleich die Polizei, oh ja! Jetzt hab' ich ... ja! Ja! Das is' gut! Davon zwei Pfund! Dolores! Was machst'n du hier?" Dolores steht vor ihr und lacht wie eine Hexe, man sieht den einzigen Zahn oben in ihrem Kiefer stecken. Ihr Lachen schallt durch's ganze Haus, plötzlich holt sie hinter ihrem Rücken einen Besen hervor, schwingt sich drauf und ruft "Ab! In den Feuerstuuuurm!" und fegt durch einen Flammenregen davon. Die Tür geht auf und zwei Köpfe erscheinen. "Brauchst du noch was, mein Engelchen?" "Ja, ich brauch's jetzt ganz dringend!" "Er hat sie aufgebohrt", sagt Martin fachkundig, und jemand fasst sie von hinten am Nacken. "Na? Wieder bloß 'n Rohrkrepierer?", fragt Resi verständnislos. "Warum stellst du dich auch so blöde an! Brauchst doch bloß ..." "Schön stillhalten", sagt die Stimme. "Oh! Oh! Nicht weiter! Bitte! Oh ja! Weiter! Bitte nicht! Ja, davon noch mehr, noch mehr!" Dolores kommt zurück durch die Luft gesaust, ihre Haare sind völlig verbrannt und rauchen, sie lacht irre und schreit "Ich besorg' dir's!" "Ja!", ruft Liese ihr zu. "Mach' mir's! Mach's!" "Ich besorg' dir's, wenn du mir meine Brüder wiederbringst!" "Ja, ich bring' dir deine Brüder wieder! Aber mach' mir's!" "Erst meine Brüder zurück!" "Dort unten sind sie!" "Wo?" "Dort unten im Zug, auf den Gleisen. Jetzt mach' schon, besorg' mir's!" Unterm bläulich gespenstischen Licht der Lampen stehen Güterzüge auf den Gleisen, und dazwischen marschieren totenstill Kolonnen ununterscheidbarer Menschen, sie verschwinden in den finsteren Öffnungen der Waggons, als würden sie aufgesaugt. "Das sind nicht meine Brüder!", ruft Dolores, auf ihrem Besen über der Szene schwirrend. "Doch! Das sind sie! Jetzt mach' mir's, verfluchte Hexe! Oder ich verbrenn' dich mit Haut und Haar!" "Lass dich nicht verarschen!", ruft Resi von hinten. "Ich lass' mich von dir nicht verarschen!", ruft Dolores von oben. "Erschieß' ihn!", ruft Robert plötzlich dazwischen. "Ich kann nicht!", jammert Liese. "Ich mein' dich!", ruft Resi. "Hau ab!", schreit Dolores. "Verpiss' dich, du Schlampe!" "Dann tu' ich's!", sagt Robert. Er legt an und drückt ab.

Liese schreckt hoch. "Ludwig! Ist jemand hier?" Nichts rührt sich, die Zimmertür ist angelehnt und ein schmaler Lichtspalt ist zu sehen. Sie hat noch alle Sachen an, aber sie sind ziemlich verrutscht, der Saum vom Rock geht über ihren Bauch, der Schlüpfer ist über die Pobacken herabgezogen und spannt sich zwischen ihren Beinen. Sie zieht ihn hoch und will aufstehen, kippt aber sofort wieder nach hinten um. "Ludwig?", ruft sie, nicht mehr so laut. Sie versucht es wieder, setzt sich zuerst, zieht die Schuhe an, steht auf und spürt einen höllischen Kopfschmerz.

Sie geht zur Tür und schaut nach draußen in den Flur, alle Türen sind geschlossen, hinter einer hört sie Wasser rauschen. Sie schleicht sich aus der Wohnung, die Treppe hinab, aus dem Haus. Sie steht auf der nachtdunklen Straße, kein Laut ist zu hören. Wie spät mag es sein? Sie läuft nach rechts, von dort waren sie am Nachmittag hergekommen. Sie läuft immer weiter, rennt ein Stück, kommt an Schienen. Natürlich fährt um die Zeit keine Straßenbahn. Einmal geht sie an einem Haus vorbei, wo hinter einem Fenster im Erdgeschoss Licht brennt, sie überlegt, ob sie anklopfen soll, aber was soll sie dann sagen?

Sie läuft weiter. Obwohl es nachtkühl ist, läuft ihr der Schweiß herab und im Kopf hämmert es immer noch. Hat sie auch nichts liegengelassen? Ludwig könnte versuchen, sie ausfindig zu machen. Was war überhaupt geschehen? Mit ihr. Plötzlich kommt hinter ihr ein Auto gefahren. Sie dreht sich nicht um. Dummerweise geht keine Straße ab, in die sie flüchten könnte. Es kommt näher, dann ist es neben ihr und hält an. Ein Mann ruft heraus "Kann ich Sie mitnehmen?" "Nein, danke! Ich hab's gleich geschafft", sagt sie und geht weiter. Er fährt langsam neben ihr her. "Sind Sie sicher? Ich will Ihnen nur helfen?" "Nein, danke!" "Wie Sie wollen. Dann noch eine gute Nacht!"

Er fährt wieder an. Sie rennt hinterher und ruft "Halt! Warten Sie!" Er hält. "Könnten Sie mich vielleicht doch ein Stück mitnehmen." "Selbstverständlich. Steigen Sie ein." Sie setzt sich auf den Beifahrersitz. "Danke." "Gern. Wohin wollen Sie?" "Wohin fahren Sie?" "Nach Tolkewitz." "Das ist großartig", ruft sie beinahe überschwänglich, "da können Sie mich in Johannstadt absetzen." "Gern. Wo da?" "Am Eliasplatz?" "Wohnen Sie dort?" "Nein. Ja. Eigentlich in der Schumann Straße." "Dann fahre ich da vorbei." "Das wäre großartig."

"Haben Sie gehört", meint der Mann, offenbar um eine Unterhaltung anzufangen, "auf den Führer ist ein Attentat verübt worden." "Nein", erwidert Liese, mit der Müdigkeit kämpfend, "was für eins?" "Ein Bomben Attentat, in der Wolfsschanze." "Du grüne neune." "Er hat es aber überlebt, fast unverletzt, Gott sei Dank." "Ja, da kann man nur gratulieren", murmelt Liese und im nächsten Moment fallen ihr die Augen zu.

Der Mann weckt sie in der Schumann Straße. "Verzeihung, aber Sie wollten hier aussteigen." "Was? Oh ja. Halten Sie hier an." Sie steigt aus. "Vielen Dank!" "Gern." Die Haustür ist abgeschlossen, sie klingelt, oben geht Licht an, dann schaut die Mutter aus dem Fenster. "Mama! Ich bin's." Die Mutter schließt die Tür auf, sie ist im Morgenmantel, sie ruft "Liese! Um Gottes willen! Wo bist du gewesen?" "Ich war bei Annegret, hat euch Herr Kolmar nicht Bescheid gesagt?"

Sie gehen die Treppe hinauf, der Vater ist ebenfalls wach. 'Auch das noch', denkt Liese. Die Mutter sagt "Wir sind da gar nicht draus schlau geworden. Wieso hast du denn ..." Der Vater hat sich aus dem Sessel erhoben und steht unschlüssig da; er hat sie noch niemals wegen irgendwas geschlagen. Die Mutter sagt streng "Liese! Sieh' mich an! Warum hast du so rote Augen?" "Ich weiß nicht." "Hauch' mich mal an!" "Was?" "Bist du betrunken?" "Nein."

Sie dreht den Kopf zum Vater hin, er hebt die Augenbrauen, sie sieht, daß er sich am liebsten verdrücken würde. "Hauch' mich an!" "Jaaa Mama, haaaaachchch!" "Hm." "Und?", murmelt der Vater. "Hm. Weiß nicht." "Mama, ich möchte bloß ins Bett." "Lass' sie doch jetzt, Selma." "Marsch! Ab, ins Bett! Sofort!", sagt die Mutter unter Aufbietung aller Mitleidlosigkeit. "Wir reden morgen darüber."

In der vergangenen Woche war bloß zweimal Unterricht gewesen, dennoch war Liese froh, daß sie an diesem Morgen nicht aufstehen musste, da Samstag ist. Als sie auf den Wecker schaute, ist es gleich halb zwölf. Sie hatte nichts geträumt, der Kopfschmerz war weg. Die Mutter hatte ihr einen Becher Kräutertee hingestellt. Liese setzte sich auf die Bettkante, sie konnte sich nicht erinnern, ihr Nachthemd angezogen zu haben. Ihre Sachen lagen auf dem Stuhl, Mama musste sie dahin gelegt haben.

Liese warf einen Blick darauf, sie untersuchte den Schlüpfer, dann setzte sie sich wieder aufs Bett und schaute sich an. Nach allem, was sie in dem medizinischen Buch in der Bibliothek der Gewerbeschule am Sachsenplatz gelesen hatte, gab es ein paar Anzeichen für das, was dort als Defloration bezeichnet wurde. Sie konnte sie jetzt nirgends erkennen, und sie erinnerte sich auch nicht, daß es bei ihr den besagten Knall gegeben hätte, aber sie war trotzdem nicht richtig erleichtert.

Sie trank von dem Kräutertee, er tat gut. Der erste wirklich klare Gedanke, den sie dafür hielt, war, zu Ludwig nach Friedrichstadt zu fahren und ihm einen ordentlichen Tritt in seine --- zu verpassen. Dann überlegte sie, ob sie ihn anzeigen sollte. Es klopfte. "Liese? Bist du schon wach?" "Ja, Mama, komm' ruhig rein." "Ich hab' dir ..." "Ja, danke. Hast du mich gestern Nacht ausgezogen?" "Du meinst heute Nacht. Kind! Wir haben uns solche Sorgen gemacht!"

"Es tut mir leid, wirklich! Ich weiß auch nicht, wie das passiert ist." "Wie was passiert ist?" "Daß ich ... so lange bei Annegret geblieben bin." "Aber wieso wolltest du dann mitten in der Nacht noch dort weg?" "Wir haben uns gestritten, Annegret kann manchmal unerträglich sein." "Liese!" "Du kennst mich, Mama, ich will mich nicht streiten!" "Ich habe bei Auerwalds angerufen, du warst nicht dort." "Du kennst mich, Mama, Streit macht mich ganz krank!"

Sie trank einen Schluck Tee, ihre Hände zitterten und sie erinnerte sich an Ludwigs zitternde Hände. 'Hoffentlich bin ich nicht schon genauso süchtig nach diesen verfluchten Pillen', dachte sie. Die Mutter sah sie unverwandt an, mit bohrendem Blick, als warte sie immer noch auf eine Erklärung. Liese drehte schnell den Kopf zur Seite. Dann sagte sie "Ich schwöre dir, es ist nichts passiert, wenn du aufhörst, mir Fragen zu stellen."

"Bei wem warst du wirklich?" "Bei einem Jungen." "Wo?" "Ist doch egal!", sagte sie entschiedener, "Ich geh' sowieso nicht nochmal hin." "War er nicht nett zu dir?" "Doch, irgendwie schon. Aber er ist nicht mein Typ." "Das hast du irgendwann mitten in der Nacht plötzlich festgestellt?" "Na und? So lange hat's eben gedauert." "Hm." "Und mach' nicht immer 'Hm', ich weiß schon, was das bedeuten soll." "Ach ja? Was denn, mein Fräulein?" "Daß du mir nicht glaubst! Und daß du mir misstraust." Die Mutter zuckte zusammen. Liese hielt den Teebecher auf ihrem Schoß und rieb mit den Daumen über's glatte Porzellan, mit gesenktem Kopf fügte sie hinzu "Und das tut mir weh."

Die Mutter setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter. "Ich glaube dir, Liese, und natürlich vertraue ich dir, es wäre ja schlimm, wenn es nicht so wäre, schließlich bist du meine Tochter." Liese nickte heftig. "Aber du verlangst hoffentlich nicht von mir, mich dafür zu entschuldigen, daß ich wissen will, was los ist." "Nein. Aber daß du mir eine gewisse Privatsphäre zugestehst." "Privatsphäre? Wir sind eine Familie, wir leben unter einem Dach!" "Ja! Aber manche Dinge spielen sich eben nicht unter diesem Dach ab, und die will ich für mich behalten können. Nicht mal alle, aber wenigstens ein paar."

Die Mutter schwieg, dann atmete sie tief durch und schwieg weiter, schließlich sagte sie "Hm. Ich meine: gut. Dann will ich dich deswegen nicht weiter belästigen. Wenn du mir versprichst, daß du beim nächsten Mal etwas mehr Rücksicht auf uns nimmst und rechtzeitig Bescheid sagst." Liese wandte sich zu ihr hin und sagte "Ja, Mama, ich versprech' es." Die Mutter küsste sie auf die Stirn.

Dann stand sie auf und sagte "Es gibt Steckrübensuppe zum Mittag." "Uähh." "Hilfst du mir beim Zerschneiden." "Ja. Sag' mal, Mama", meinte Liese dann, "glaubst du, es gibt so was wie Schutzengel, die darüber wachen, daß man keine Dummheiten macht?" "Oh ja. Hätten die Menschen sonst so lange daran geglaubt." "Wie meinst du das?" "Na, es muss doch seinen guten Grund haben, wenn man immer noch dran festhält." "Trotzdem noch nie jemand einen gesehen hat?"

"Dann wär's ja auch kein Engel, sondern vielleicht ein Schutzmann." Liese fiel der unbekannte Polizist ein, nach dem sie gestern in ihrem Rauschtraum gerufen hatte. Die Mutter ergänzte "Obwohl er sich wahrscheinlich in jede beliebige Person verwandeln kann, nehme ich an." Aber wer war dann der Doktor, der an ihr rumgefummelt hatte? Die Mutter besann sich und sagte mit Nachdruck "Hast du denn eine Dummheit begangen?" "Mama!" "Ach so, ich wollte ja nicht mehr fragen." "Sagen wir mal so", meinte Liese, "ich glaube, ich hatte einen." "Wie schön."

Im Laufe des Wochenendes kam Liese zu dem Schluss, daß sie ihre Jungfräulichkeit noch nicht verloren hat, und daß diese seltsame Bekanntschaft womöglich dazu gedient hatte, sie auf die Probe zu stellen, wenn auch unmöglich war zu sagen, wer das veranlasst haben könnte und zu welchem Zweck.

Dolores Schlierich war Liese zwar als Hexe erschienen und hatte sich wahrhaftig nicht zu ihrem Vorteil aufgeführt, aber sie konnte ja letztendlich nichts dafür, in was Liese in ihrer verdorbenen Phantasie sie verwandelt hatte. Und ihre Phantasie war auch nur durch äußere Einwirkung verdorben worden, man konnte schon sagen, durch Gewalteinwirkung, auch wenn dieser Ludwig sie nicht gezwungen hatte, die Tablette zu schlucken. Er hatte es mit anderen Mitteln erreicht, die bloß raffinierter waren. Irgendetwas Teuflisches hatte er ohnehin an sich gehabt, und vielleicht war es auch das gewesen, worauf Liese hereingefallen war.

Obwohl sie nicht schlechter als vorher über Dolores dachte, war es ihr eine Zeitlang noch unangenehmer, ihr im Hausflur zu begegnen. (Seitdem Liese nicht mehr mit Martin zusammen war, wollte auch Dolores nicht mehr mit ihr mitkommen, was Liese eigentlich wenig verwunderte.) Ohne es wirklich zu wollen, brachte Liese Dolores immer wieder mit höchst unerfreulichen Dingen, ja, wie im folgenden Fall, mit einem ganz schrecklichen Ereignis in Verbindung; und hier war es vielleicht allein der Umstand, daß Dolores mit ihrer Mutter ausgerechnet in diese Wohnung eingezogen war, wofür sie freilich auch wieder nichts konnte, es sei denn, man gab ihr die Schuld, weil man an den Einfluss böser Dämonen auf die Menschen glaubt.

Lange bevor Dolores Schlierich da einzog, wohnten die Herzbergs in ebendieser Wohnung. Liese konnte sich erinnern, daß die Frau Herzberg ihr, als sie noch ganz klein war, immer mal Schokolade geschenkt hat, mit dem kleinen Mohren mit dem großen Turban und der Fahne drauf, "Soddilade" sagte Liese dazu, was eine Kurzform für Sarotti-Schokolade war.

Der Herr Herzberg war Chef der Herrenabteilung im Textilhaus Reger auf der Grunaer Straße. Er stammte aus Lemberg in Polen (und er ähnelte, ausgenommen vielleicht die Geschäftstüchtigkeit, gar nicht dem Bild des polnischen Edelritters, von dem Teresa Michels geschwärmt hatte).

Seine Frau dagegen war eine stolze Schönheit, und glücklicherweise war ihre äußere Erscheinung vollständig auf das (einzige) Kind, die Tochter Mascha übergegangen. Mascha Herzberg war ungefähr im gleichen Alter wie Lieses Schwester Regina, aber die beiden Mädchen, obwohl sie im selben Haus wohnten, hatten in ihrem Leben bisher vielleicht zehn ganze Sätze miteinander gesprochen. Das soll nicht heißen, sie wären sich feind gewesen, sie grüßten sich freundlich (wenn auch ohne Worte), waren höflich zueinander und so weiter, aber dabei blieb es.

Seltsamerweise hatte Mascha den besten Draht zu Lieses Vater, und für Liese war es, jedenfalls eine Zeit lang, ein gewohntes Bild, wie die beiden in seinem Arbeitszimmer sitzen, er auf seinem Schreibtisch Stuhl, Mascha in dem großen Ledersessel, im dunklen Kostüm, die schlanken Beine in Seidenstrümpfen elegant übereinandergeschlagen, einen rötlich schimmernden, ungeheuer buschigen Fuchspelz um Hals und Kragen und eine dunkelgrüne Kappe auf dem schwarzen, vollen Haar. Sie rauchte ihre Zigarette aus einem langen, elfenbeinernen Röhrchen und blies dabei den Rauch nach oben, als wollte sie ein höheres Wesen damit beschwören.

Lieses Vater rauchte nicht und tat auch sonst nichts, während er Mascha gegenübersaß. Er hatte die Arme auf die Stuhllehnen gelegt und die Hände locker verschränkt, sich ein wenig vorgebeugt und den Blick fest auf die junge Dame gerichtet. Und sie schaute ihn ebenso an, und wenn sie den Rauch ausblies, hob sie unmerklich den Kopf, ohne Walter Reichelt aus den Augen zu lassen.

Wer sich jetzt fragt, was bei den beiden, indem sie, beinahe wie gebannt, ihre Blicke aufeinander hefteten, im Innern vor sich ging, der muss noch wissen, daß dabei immer das Radio lief und fast immer ein englischer Sender eingestellt war, der extra für Deutsche Hörer über all das informierte, was ihnen im eigenen Land an Nachrichten vorenthalten wurde. Mascha und Walter, indem sie sich anstarrten wie die Schlange das Kaninchen und das Kaninchen die Schlange, horchten mit aller Konzentration auf die Stimme aus dem Radio.

Lieses Mutter sah das nicht besonders gern. Das Abhören von Feindsendern war bei Strafe verboten, und später gab es Fälle, wo Leute dafür hingerichtet wurden. (Da kam allerdings Mascha auch längst nicht mehr zu Walter, jedenfalls nicht zum Radiohören.) Auf die Vermutung, daß sie auch früher schon nicht nur deswegen zu ihm gekommen war, wäre Liese wahrscheinlich niemals von selbst verfallen (dafür erschien ihr der Anblick der beiden in Vaters Arbeitszimmer immer viel zu förmlich). Wenn sie da nicht von Zeit zu Zeit eine gewisse Spannung zwischen ihren Eltern bemerkt hätte, deren Ursache sie sich nicht erklären konnte.

Zwei- dreimal hatte Mascha etwas zu Liese gesagt, während sie in ihrer Aufmachung wie ein Modepüppchen dem Vater gegenüber saß und die Zigarette in dem übertrieben langen Mundstück rauchte. Liese hatte immer nur an der Tür gestanden und die beiden angesehen, und der Vater hatte ihr manchmal einen kurzen Blick zugeworfen, ohne seine Aufmerksamkeit von der Stimme im Radio abzuwenden.

"Na, meine kleine Prinzessin", hatte Mascha zu ihr gesagt, "wie geht es uns denn heute?" Und Liese hatte sich nicht direkt angesprochen gefühlt, denn sie hat sich niemals als "kleine Prinzessin" gesehen, und gedacht, Mascha würde ihr irgendwie schmeicheln wollen, damit sie über ihre Besuche in Vaters Arbeitszimmer nicht weiter nachdenkt. Liese zuckte mit den Schultern oder schüttelte den Kopf, und Mascha lächelte sie daraufhin verständnisvoll und fast gütig an und sagte "Oh ja, das Gefühl kenn' ich, wenn man nicht weiß, was um einen herum vor sich geht", und das klang noch rätselhafter.

So ging das über einige Zeit, und den beiden schien es längst zur Gewohnheit geworden, vor dem Radio zu sitzen, und als Mascha einmal nicht gekommen war, und die Mutter zwischendurch das Radio wieder auf den deutschen Sender eingestellt hatte, bekam der Vater beinahe einen Wutanfall, als plötzlich einer von den Führern des Reichs, vielleicht war es der Göring, aus dem Apparat bläkte.

"Ich kann dieses abgedroschene Zeug nicht mehr hören!", rief er, und Liese notierte danach abgedroschen in ihre Wörtersammlung und dahinter in Klammern (von Papa). Und als die Mutter dann sagte "Erzähl' bloß nicht weiter, was dein Vater hier manchmal vom Stapel lässt", strich sie (von Papa) durch und schrieb (irgendwo aufgeschnappt) hin. Und als Mascha dann wieder dabei war, hatte er auf den englischen Sender zurückgeschaltet.

Übrigens fand Liese die Bläkerei der deutschen Führer aus Berlin zwar auch ziemlich aufdringlich, aber was da aus England kam, war dafür schwer verständlich, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte man den Apparat gar nicht erst anschalten müssen. Sie konnte sich nicht erklären, warum der Vater überhaupt so großes Interesse dafür zeigte, wo er doch ansonsten alles andere als ein politischer Mensch ist.

Und daher keimte in ihr der leise Verdacht, er würde das bloß der jungen, schönen Mascha zuliebe tun, und es gäbe zwischen den beiden noch etwas anderes, als sich der Gefahr beim gemeinsamen Feindsender hören auszusetzen. Und wenn Liese bedachte, wie die Mutter währenddessen in der Küche Wäsche plättete, und Liese sah, wie sie dabei mit dem Bügeleisen umging und wie sie das Bettzeug zusammenfaltete, als würde sie Bretter mittendurch brechen wollen, dann bekam sie das Gefühl, es wäre in dieser Beziehung zwischen Walter und Selma und Mascha irgendetwas nicht so wie es sein sollte.

Als in Dresden der Mutschmann zum Gauleiter wurde, fing man an, die Juden zu schikanieren und zu striezen, und man steckte auch die Synagoge vorn an der Brühlschen Terrasse in Brand. Liese wusste gar nicht, daß Mascha eine Jüdin ist, oder es war ihr bis dahin nicht aufgefallen. Aber dann verlor der Herr Herzberg seine Arbeit im Textilhaus Reger (Liese erfuhr, daß der Reger selbst Jude ist, und deshalb hat die SA in seinem Geschäft alles kaputt gemacht und den Reger haben sie fürchterlich verprügelt).

Und eines Tages, oder genauergesagt, eines Nachts, wurde der Herr Herzberg von SS Leuten abgeholt und ist danach nicht mehr nach Hause zurückgekommen. Es hieß, er wäre in eine Stadt gebracht worden, die nur für Juden vorgesehen ist und die Hitler ihnen extra geschenkt hat. Mascha kam nach wie vor zu ihnen hoch, aber sie trug nicht mehr solche schicken Sachen und hielt die Zigarette bloß noch zwischen den Fingern, und sie schminkte sich auch nicht mehr so doll, bemerkte Liese. Und Frau Herzberg war plötzlich alt und grau geworden und auch nicht mehr ganz richtig im Kopf, seitdem ihr Mann weg war.

Und dann zogen Mascha und ihre Mutter auch aus, und Liese sah den Vater fortan allein am Radio und vor Maschas leerem Sessel sitzen, und die Mutter ging auf einmal viel behutsamer mit dem Bügeleisen um. Liese fand, daß der Vater traurig aussieht, und um ihn aufzumuntern, fragte sie ihn, wo die Herzbergs (also Mutter und Tochter) hingezogen wären, und er antwortete "In das Judenhaus in der Caspar David Friedrich Straße." Und das war eigentlich das letzte, was Liese über die Herzbergs hörte.

Aber eines Nachmittag passierte Liese dann ein Missgeschick. Als sie mit der Straßenbahn auf der Hauptstraße Richtung Elbe fuhr, sah sie den Vater draußen vor einem Modegeschäft stehen, und zwar mit dem Rücken zum Schaufenster. Sie winkte ihm zu, aber inmitten der Fahrgäste konnte er sie natürlich nicht erkennen. Sie sprang an der nächsten Haltestelle aus der Bahn und lief das Stück zurück, und um ihn zu überraschen, schlich sie sich im Schutz der Passanten und Nischen in der Häuserzeile an ihn heran.

Aber kurz bevor sie bei ihm war, kam aus dem Geschäft jemand heraus und ging auf ihn zu, das war niemand anderes als Mascha Herzberg! Zwar längst nicht mehr so herausgeputzt wie früher, sondern eher unauffällig, aber trotzdem überaus anmutig. Sie lächelte Walter an, und er lächelte zurück, und dann hakte sie sich bei ihm unter und sie spazierten davon.

Liese, als sie vor ihnen zurückschreckte, rempelte dabei eine Frau an, die rief "Na, pass mal ein bisschen auf, Kleine!", und Liese wollte sich entschuldigen, brachte aber keinen Ton heraus, so war ihr die Kehle plötzlich zugeschnürt. Sie machte kehrt und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon wie vor einer Herde wilder Stiere. Zu Hause ließ sich der Vater nichts anmerken, obwohl Liese ihn so eindringlich musterte, daß er unter ihren Blicken beinahe Brandflecken gekriegt hätte.

Tagelang grübelte Liese über diese Entdeckung nach. Sie überlegte, ob sie sich ihrer Schwester anvertrauen sollte. Aber wenn sie das tun würde, dann hieße das, hinter dem Rücken ihrer Mutter über Dinge zu reden, die in erster Linie gerade sie betreffen. Und wenn der Vater wirklich ein Verhältnis hat, und seine liebe Frau Selma betrügt, so würden die Schwestern ihre Mutter nur auf andere Weise hintergehen, wenn sie heimlich darüber spekulieren.

Liese fühlte sich miserabel. Die ganze Niederträchtigkeit, die in dieser Affäre steckte, glaubte sie auf sich laden zu müssen, um die Familie zu retten. Sie war gewillt, sich selbst zum Sündenbock zu machen, deshalb sprach sie von dem Vorfall als von einem Missgeschick, das ihr passiert war und nicht davon, daß der liebe Gott oder vielleicht auch der Teufel oder ganz einfach der Zufall die Wahrheit ans Licht gebracht hatte. Aber wie sollte sie das machen: für die Sünden des Vaters einstehen? Ohne es der Mutter zu sagen, oder ohne Mascha Herzberg dafür umzubringen, was natürlich völlig ausgeschlossen war. Sollte sie mit ihm sprechen?

Bei aller Vaterliebe und bei aller Selbstaufopferung, aber dazu war sie zu schwach. Endlich kam sie zu dem Schluss, daß es am besten wäre, so zu tun, als wüsste sie von nichts, als wäre sie nie in diesem Moment in der Straßenbahn an ihm vorbeigefahren, oder vielleicht war sie vorbeigefahren, hatte aber den Vater nicht gesehen, oder hatte jemand gesehen, der auf den ersten Blick ihm bloß ein bisschen ähnlich sah. Aber sie war nicht ausgestiegen und sie war nicht hingelaufen und sie hatte nichts erfahren, das sie nicht schon wusste, und alles war weitergegangen wie gehabt.

Vielleicht war Dolores Schlierich, die Überlebende des Feuersturms, dabei wirklich von so etwas wie einem Fluch getroffen worden, den eins der feindlichen Flugzeuge auf sie abgeworfen hatte und der nun bewirkt, daß sie, ohne es zu wollen, den Schaden, den sie selber erlitten hat, an andere weiterreichen muss, dachte Liese, 'eine Art Fluchbombe, deren Inhalt sich auf der Erde immer weiter ausbreitet, nachdem sie explodiert ist'.

Denn als Dolores mit ihrer Mutter in die Herzberg'sche Wohnung eingezogen war, da geschah etwas, das Liese glauben machen musste, dadurch seien die finstern Dämonen, die dort hausten, nachdem sie Mascha und ihre Eltern vertrieben hatten, ihrerseits dazu angestachelt worden, sich zu rächen und ihr böses Werk zu vollenden.

Dabei war es zuerst lächerlich genug, damit es Liese gleich hätte auffallen müssen, daß da etwas nicht stimmt. Als sie (allein, mit dem Fahrrad) zum Bauern Petzoldt gefahren ist, um eventuell etwas frisches Gemüse oder auch ein Stück Fleisch zu ergattern, sah sie, daß nur noch ein Esel da ist. Sie fragte Helene, die Magd, was mit dem andern Esel wäre, und Helene sagte, den hätte die Gestapo mitgenommen.

Liese musste lachen. "Was hat er denn Schlimmes angestellt?" "Der Esel wohl nichts", erwiderte Helene, "der Otto hat ihn der Gestapo überlassen, weil die ihn für irgendwas brauchen." Und Helene schien davon gar nicht belustigt, wollte aber nichts weiter dazu sagen. Liese bekam drei Knollen Kohlrabi, eine Wurst und fünf Eier, bezahlte alles und bedankte sich und brachte alles heim.

Was sie dazu trieb, drei Tage später in die Stadt zu gehen, konnte sie nicht genau sagen, aber hinterher dachte sie, es könnte das aberwitzige Verlangen gewesen sein, nochmal jemanden zu treffen, mit dem es dann natürlich besser liefe, als mit dem blöden L. aus F. Wenn ein solches Verlangen bestanden hatte, dann war das, was sie mitansehen sollte, bestens geeignet, es innerhalb eines Augenblicks zunichte zu machen.

Als sie die Schloßstraße entlang schlenderte, kam ihr eine Menschentraube entgegen, die sich in Richtung Altmarkt bewegte. Es waren hauptsächlich Männer, ein paar Jungen, die wie Strolche aussahen, ein paar Frauen, die lauthals herumgackerten, sowie einige Männer, die man wegen der langen Mäntel und den Hüten, vor allem aber wegen ihrer kalten, steinernen Mienen auf den ersten Blick als Leute von der Gestapo erkannte.

Noch war Liese unklar, was der Sinn dieser Prozession war, aber als sie durch eine Lücke zwischen den Leuten hindurchschlüpfte, konnte sie sehen, worum sich die Menge scharte, und sie bekam einen solchen Schreck, daß plötzlich alles in ihrem Innern nach unten absackte und sie für einen Moment fürchtete, sie müsste sich in die Hose machen.

Sie entdeckte Hinze den Knecht, der mit ausdruckslosem Gesicht Bauer Petzoldts Esel am Strick führte, und darauf saß eine junge Frau, barfuß, in einem zerlumpten Gewand, mit kahlgeschorenem Kopf und auf dem Rücken gefesselten Händen, die wegen der aufgebrachten Weiber, welche sie von beiden Seiten knufften, Mühe hatte, sich auf dem Esel zu halten. Trotz ihres grässlichen Aussehens erkannte Liese sie sofort. Man hatte ihr ein Schild umgehängt, auf dem stand geschrieben "Ich bin eine Judenhure!" und darunter "Ich habe mit dem Feind rumge---" (Für das letzte Wort war dem Schreiber der Platz knapp geworden, deshalb konnte man es nicht richtig lesen.) Maschas Augen starrten nach unten ins Leere, ihre Lippen waren zusammengepresst; unter dem Schild war das schäbige Gewand beinahe ganz über ihre linke Brust gerutscht, und die kleinen Jungs gafften sie von der Seite an und lachten sich dabei ins Fäustchen.

"Was hat sie gemacht?", fragte Liese einen Mann. "Sie hat den Russen erzählt, was an der Ostfront los ist." Sie fragte noch einen und noch einen und erfuhr, daß Mascha offenbar im Judenhaus in der Zeughausstraße untergebracht ist, wo auch russische Gefangene sind, denen sie Informationen über die Kriegslage zukommen ließ. Dafür gibt's die Todesstrafe, meinte der eine Mann, und man hätte wohl "die Ärmste" nur deshalb nicht gleich "aufgehängt", um sie zur Abschreckung nochmal vorzuführen.

Liese blieb stehen, sie blickte dem Zug hinterher, wie er sich auf den Altmarkt zubewegte. Ihr wäre zwar beinahe vor Entsetzen was abgegangen, aber sie hatte nicht mit den Tränen kämpfen müssen. Sie überlegte, was sie tun soll. Sie würde nach Hause fahren und es der Mutter erzählen, und sie beide würden dann warten, bis der Vater heimkommt, und es ihm erzählen, und Liese würde auch jetzt kein Sterbenswort darüber verlieren, wie sie beobachten musste, daß der Vater vor dem Modegeschäft auf Mascha gewartet hatte und sie dann beide zusammen fortgegangen waren.

Auf dem Weg nach Hause verwarf sie ihren Plan und fuhr stattdessen nach Freital zu ihrer Schwester Regina, die gerade damit beschäftigt war, der kleinen Hannelore ein neues Kleidchen anzuprobieren, das Regina selber genäht hatte. Sie freute sich wie immer sehr über Lieses Besuch, sie machte ihr einen Becher Malzkaffee und stellte einen Teller mit drei Keksen hin.

Liese musste erst alles loswerden, sie redete wahrscheinlich ziemlich durcheinander, sie musste auch zweimal zwischendurch auf's Klo, aber Regina hörte sich alles an und fragte anschließend "Was hat das aber mit dieser - wie heißt die?" "Wer? Dolores Schlierich?" "Was hat das denn mit der zu tun?" Liese wiederholte ihre Vermutungen wegen der finsteren Dämonen, die Dolores wahrscheinlich aus Maschas alter Wohnung getrieben hat und die ihr böses Werk an den Herzbergs vollenden wollen.

Regina schüttelte den Kopf. "Schwesterchen, Liebes, jetzt geht wieder mal die Phantasie mit dir durch. Du hast früher schon solche Anfälle gehabt." "Was denn für Anfälle?" "Da warst du noch klein, da mussten Papa und Mama manchmal mit dir zum Doktor Wellershaus." "Was? Da kann ich mich gar nicht dran erinnern." "Na ja, war Gott sei Dank nichts Ernstes." Dann sagte sie, als hätte das der Doktor Wellershaus ebenfalls schon seinerzeit abgeklärt "Da kann man nichts mehr dran ändern wegen der Mascha."

"Aber das ist doch furchtbar, was sie mit ihr gemacht haben!", rief Liese. "Ja freilich, ich finde das auch abscheulich, was mit den Juden gemacht wird, wo die meisten nicht mal was dafür können. Aber ich beteilige mich nicht an so was." "Was soll das denn heißen? Ich bin da auch nur rein zufällig dazugekommen. Ich hab' doch da nicht mitgemacht!" "Nein, das weiß ich doch. Das wollte ich damit auch gar nicht sagen." "Sondern?" "Daß wir keine Judenhasser sind, und daß niemand Papa einen Vorwurf machen kann."

Lieses Herz begann zu klopfen. Sie hatte die Papa - Mascha Geschichte, die sie erlebt hatte, noch gar nicht erwähnt, aber Regina sprach jetzt so, als wüsste sie etwas darüber. "Soll ich dir was erzählen. Ich habe Papa und Mascha mal in der Stadt gesehen, sie sind zusammen ausgegangen!" "Ja, sie haben sich öfter getroffen, nachdem die Herzbergs ausgezogen sind", sagte Regina wieder mit der Doktor Wellershaus Selbstverständlichkeit.

Liese musste sich regelrecht überwinden zu fragen "Hatten die beiden ein Verhältnis miteinander?" "Was? Aber nein! Glaubst du, Papa hätte sich in Mascha verknallt?" "Warum denn nicht." "Na ja, schon möglich, daß er sie hübsch fand, und klug war sie auch." "Du hast doch nie mit ihr geredet." "Nee, meine Wellenlänge war sie nicht, aber deswegen würde ich sie nicht schlechtmachen." "Und was war das nun genau mit den beiden?" "Sie haben immer zusammen Feindsender gehört."

"Das weiß ich ja. Das haben sie bei uns zu Hause gemacht, und Mama hat nebenan gebügelt. Aber warum sind sie zusammen ausgegangen?" "Dazu hat sich Papa bereiterklärt." "Bereiterklärt? Wozu?" "Er hat Mascha begleitet, wenn sie durch die Stadt schlendern wollte, sie haben so getan, daß es aussieht, als wären sie verheiratet, oder jedenfalls Vater und Tochter. Hast du jemals gesehen, daß sie dabei einen Stern dranhatte?" "Ich hab' sie bloß das eine Mal gesehen." "Hatte sie da einen Stern dran? Garantiert nicht." "Nein, ist mir nicht aufgefallen."

"Die Mascha hätte wahrscheinlich auf alles verzichten können, nur nicht auf ihr Modezeug und den ganzen Kosmetikkram. Dabei konnte sie nicht mal nähen. Wenn sie allein, mit dem Stern dran, auf der Prager Straße in einen arischen Laden gegangen wäre, hätten sie sie nicht mehr lebend rausgelassen. Und deshalb hat sie Papa gebeten, daß er sie begleitet, und er hat sich bereiterklärt." "Und das haben sie öfter gemacht?" "Ja. Vielleicht hat sie's auch ausgenutzt, da kam sie wohl nicht gegen ihre Natur an." "Wie oft?" "Schätze, jede Woche."

"Und Mama hat es gewusst?" "Ja. Papa hat ihr gesagt, daß er sich bereiterklärt hat." "Großer Gott! Wieso hab' ich denn davon nichts mitgekriegt?" "Vielleicht solltest du's nicht wissen. Mama hat es auch nicht gefallen, sie hat ja schon immer das Gesicht verzogen, wenn Papa Feindsender hört." "Woher weißt du denn das? Du bist jetzt auch schon ziemlich lange zu Hause raus." "Ja, Schwesterchen, aber ich weiß anscheinend trotzdem besser Bescheid als du. Außerdem kenn' ich Mama und Papa länger."

"Mama hat ihm zuliebe zugestimmt." "Ja." "Die hätten Papa deswegen drankriegen können, nicht wahr?" Regina erwiderte nichts. Liese sagte "Da hat einer gemeint, Mascha hätte den Russen was über die Kriegslage verraten." "Na ja, wenn da so was auf dem Schild stand." "Da stand drauf 'Ich bin eine Judenhure' und 'Ich habe mit dem Feind rumge---', und das konnte man nicht richtig lesen." "Vielleicht 'rumgehurt'. Obwohl ich ihr das nicht zutrauen würde." "Nee, ich auch nicht." "Aber wen die erstmal drangekriegt haben, dem können sie alles mögliche umhängen."

"Kann es sein, daß Papa ihr das von der Kriegslage erzählt hat? Ich meine, als sie kein Radio mehr hören konnten, hat er's ihr vielleicht erzählt." "Schon möglich", erwiderte Regina, und Liese wusste jetzt, was sie vorhin damit meinte, daß niemand Papa einen Vorwurf machen kann.

"Trink doch erstmal was und probier' die Kekse", sagte Regina. "Ja gleich. Soll ich den beiden davon erzählen?" "Ich würd's nicht machen." "Der hat gemeint, die würden die Mascha dafür zum Tode verurteilen." "Ja, das denke ich auch, mit denen machen sie jetzt kurzen Prozess." "Ob Mascha's Mutter auch noch da ist?" Regina zuckte mit den Schultern, dann sagte sie "Jetzt trink' erstmal was und probier' die Kekse."

Liese beherzigte Reginas Rat und erzählte zu Hause nichts von dem, was sie in der Stadt erlebt hatte. Aber es beschäftigte sie natürlich noch einige Zeit, und sie fürchtete auch, sie könnte davon träumen, aber das geschah nicht. Sie dachte darüber nach, was der Vater für Mascha getan hatte, und wie sie selbst darauf kommen konnte, er hätte mit Mascha ein Verhältnis gehabt, und sie kam zu dem Schluss, daß er ein guter Mensch ist, und sie stolz darauf sein kann, daß sie seine Tochter ist, und sie sich selbst auch keinen Vorwurf machen muss, daß sie ihn wegen eines Verhältnisses mit Mascha verdächtigt hatte, denn jeder andere Mann hätte sich auch geschmeichelt gefühlt, wenn ein so hübsches Mädchen ihn um einen Gefallen gebeten hätte.

Und was die Mutter betraf, so konnte Liese gar nicht sagen, wie froh sie ist, daß sie sie nicht hintergehen musste, indem sie Papas Affäre verschwiegen hätte, denn nun hatte es diese Affäre ja nie gegeben und Liese war sozusagen nachträglich davon freigesprochen worden, Mama hintergangen haben zu müssen.

Nur was Mascha betraf, so hätte Liese am liebsten jeden Gedanken an sie ausgeschaltet, denn es bedrückte sie innerlich sehr, was mit ihr geschehen war, nachdem sie mit ihrer Mutter hier ausgezogen war. Und noch mehr bedrückte es sie, daß sie zu keinem Zeitpunkt etwas für Mascha getan hatte, ja nicht einmal daran gedacht hatte, Mascha könnte Hilfe brauchen. Sie konnte aber dafür auch nicht den Eltern die Schuld geben, die bloß verhindern wollten, daß Liese von Papas nicht ganz ungefährlicher Bereiterklärung erfährt.

Vielleicht um ein bisschen (wovon auch immer) wieder gutzumachen, beschloss Liese, zu Dolores zu gehen und mit ihr zu reden, auch wenn sie noch nicht wusste worüber. Dolores lauerte wie gesagt nicht mehr im Hausflur auf sie, und überhaupt begegneten sie sich nur noch selten (sie war schon seit einiger Zeit in die Schule in der Holbein Straße gewechselt, angeblich wären die Lehrer dort besser, sagte sie).

Liese klingelte an ihrer Wohnungstür, und Dolores öffnete, sie sah aus wie immer, die Haare nach hinten zu einem dicken Zopf geflochten, und mit der großen Brille - und mit dem Blick, als würde sie voraussehen, daß gleich was passiert. Aber irgendwas fehlte. "Hallo Dolores." "Hallo Liese." "Kann ich mal reinkommen?" "Ähm, das geht grad schlecht", sagte Dolores.

"Ich wollte ein bisschen mit dir quatschen", beharrte Liese und dachte, Dolores will sie bloß abwimmeln. Sie erwiderte nichts. "Wie läuft es mit deinem Freund?" "Ganz gut." "Habt' ihr noch regelmäßig Unterricht?" "Was?" "In der Schule. Bei uns fällt dauernd was aus." "Ja, bei uns auch." "Ich hab' gehört, die wollen unsere Schule zum Lazarett machen." "Hab' ich nich' gehört."

Da fiel Liese ein, was an ihr anders ist. "Lutscht du gar kein Bonbon?" "Was?" "Sonst hast du immer 'n Bonbon gelutscht." "Sind alle." "Wo hatte'sten die überhaupt immer her?" "Geht's dich was an?", sagte Dolores eher gleichgültig, als grob. "Hat mich bloß gewundert." Dolores sagte nichts, Liese suchte nach einer Frage. "Hast du deinem Freund schon deine Narbe gezeigt?" "Noch nicht." "Machst du's?" "Sag' mal, Liese, was willst'en du eigentlich?" "Bloß mal 'n bisschen mit dir quatschen." "Das ist aber grad schlecht." "Schätze, 'n andermal ist es auch schlecht." "Weiß nicht." "Wollen wir uns mal verabreden?" "Für was denn?" "Keine Ahnung, für ... wir könnten irgendwohin gehn." "Und dann?"

Lieses Geduldsfaden war äußerst gespannt. "Mensch, Dolores! Können wir nicht einfach normal was machen? Mir ist langweilig und dir ist langweilig, und wir wohnen beide im selben Haus, da können wir doch mal was unternehmen." "Mir ist nicht langweilig." "Na toll! Herzlichen Glückwunsch!", rief Liese, drehte sich auf dem Absatz um und ging. Dolores schloss leise die Tür.

Liese zwang sich dazu, auf Dolores nicht sauer zu sein. Aber vorläufig unternahm sie keinen weiteren Annäherungsversuch. Tags darauf fuhr sie wieder zu Regina nach Freital. Die war gerade damit beschäftigt, der kleinen Hannelore ein neues Kleidchen anzupassen, auf dem vorn ein hellbrauner Hase aufgenäht war, über den sie sich mächtig freute. Liese gefiel es auch. "Du machst ihr wohl ein Kleid nach dem andern?", fragte sie, und Regina meinte, sie habe gerade ein paar abgelegte Sachen günstig bekommen, die sie dafür verwendet.

"Wie geht es Edgar?", erkundigte sich Liese. "Der letzte Brief ist schon über sechs Wochen her", sagte Regina, "da waren sie in einem Ort namens Charkow. Ich hab' ihm seitdem schon zweimal geschrieben." "Aber es geht ihm gut?" "Das will ich doch hoffen." "Ach, den haut so schnell nichts um", versicherte Liese ihr. "Na ja, manchmal ist er ein bisschen leichtsinnig."

Liese erinnerte sich, wie Regina am Anfang Edgars Briefe vorgelesen hatte (jedenfalls teilweise), wo er schrieb, daß sie innerhalb nur eines Monats von Polen bis an den Dnepr (einen russischen Fluss) vorgestoßen waren. Dann hatten sie irgendwelche Festungen erobert, mit Betonbunkern, Panzergräben, Minenfallen und all' dem Zeug, und dann schrieb er, sie hätten Stalins stärksten Westwall gestürmt und wären wahrscheinlich in zehn, höchsten vierzehn Tagen in Moskau, sie könnten praktisch durchs Fernglas schon die Türme des Kremels erkennen.

Was der Kremel wäre, fragte Liese, und Regina hatte erklärt, das wäre die alte Kathedrale von Moskau, die Stalin und die Kommunisten zu ihrem Hauptquartier umgebaut hätten; statt dem Kreuz würde jetzt auf den Turmspitzen der rote Stern prangen.

Aber dann erhielt Edgars Einheit einen neuen Befehl, und die nächsten Briefe kamen aus Gegenden weiter südlich (Liese versuchte sogar, die Orte in ihrem Schulatlas ausfindig zu machen). Und er schrieb, daß ihnen der Russe ganz schön einheizen würde, und daß sie sich gegen die russischen T34 (das war wohl eine Art Panzer) nur mit ihren leichten Feldhaubitzen verteidigen können und gegen die Katjuschas(?) schon gar nicht.

"Er soll sich vorsehen, daß er keine militärischen Geheimnisse ausplaudert", sagte Regina einmal. "Ach, das sieht man doch auch in der Wochenschau", meinte Liese. "Ja, aber da ist niemals von Verteidigung die Rede", entgegnete Regina.

Jedenfalls gab es irgendwann eine große "Sommer Offensive, um die Abwehrfront vom Don bis zur Wolga zu verlängern", und dann, so meinte Regina jetzt, kam nur noch dreimal Post, mit langen Pausen dazwischen, und Regina hatte schon angefangen, sich Sorgen zu machen. Denn eine Bekannte von ihr, deren Mann ebenfalls in Russland ist, hatte ihren eigenen Brief an ihn zurückbekommen, auf dem stand: "Unanbringlich. Neue Anschrift abwarten", und Regina erzählte, sie hätte schon geträumt, daß sie ihre Post auch so zurückkriegt.

In der Zeitung standen immer mehr Todesanzeigen mit dem Wehrmachts Kreuz, praktisch jeden Tag mindestens eine halbe Seite voll, aber nirgends stand dabei, wodurch derjenige umgekommen war. Und Liese erinnerte sich an ihr BDM Lager, wo jeden Morgen Fahnenappell war, und wo sie einmal ein Lied sangen, in dem es hieß "Kein schön'rer Tod ist in der Welt / als wie vom Feind erschlagen". Da war auch schon Krieg. Und Liese hatte dabei an Regina und an Edgar gedacht und hinterher Gewissensbisse gehabt, weil sie ihn in Gedanken davon ausgenommen hatte.

Regina hatte auch so ein Blatt mit bunten Bildern, darüber stand: "Verzagte Briefe schreibt man nicht! Die Front erwartet Zuversicht!" Das hatten wohl alle Frauen bekommen, deren Männer an der Front waren. Und auf den Bildern waren alle möglichen alltäglichen Ereignisse dargestellt, die einem irgendwie die gute Laune verderben können, ein Sturz mit dem Fahrrad, Streit mit der Nachbarin, quengelige Kinder, Wasserrohrbruch, oder eins, auf dem eine Frau, offenbar über der gähnenden Leere in ihrer Haushaltskasse, sich verzweifelt die Haare rauft.

Wahrscheinlich dachte Liese mehr darüber nach als Regina, die sagte "Ach, so'n Pupskram! Ich schreib', was mir einfällt, und wenn's mir nicht gut geht, hab' ich sowieso keine Lust dazu." Außerdem traf das alles nicht auf sie zu, und Liese wusste auch, daß Edgars Sold an Regina geschickt wird, und daß ihre Eltern sie auch mit Geld unterstützen, und es nicht nötig ist, daß Liese ihre Schwester fragt, ob sie ihr was von ihrem Gesparten borgen soll.

Das einzige, was Liese wirklich betrübte, wenn sie ihre Schwester über Edgar reden hörte, war die Tatsache, daß sie selbst weder von jemandem einen Brief bekommt, noch an jemanden einen schreibt, und sich daher um all' das keine Gedanken machen musste, was sie jedoch eigentlich gern getan hätte, jedenfalls mit viel Hingabe!

Liese besuchte jetzt noch häufiger als früher ihre Schwester, manchmal übernachtete sie auch dort oder blieb über's Wochenende. Sie spielte mit Hannelore, die natürlich nur Hannchen gerufen wurde, und sie half Regina beim Wäschewaschen und bei allem, "was sonst so anfällt". Es gab aber auch zwischendurch Zeit, wo sie "arbeitslos" waren, und dann setzten sie sich in die Küche, wo Hannchen zu ihren Füßen spielte, und tranken Malzkaffee und quatschten über alles mögliche.

Und Regina hatte auch meistens welche von den leckeren Keksen mit Orangengeschmack und kleinen Stückchen Schokolade drin, die sie von einem englischen Kriegsgefangenen bekam, der zusammen mit einem Dutzend Kameraden nicht weit von ihrer Wohnung im Hydrierwerk der Rhenania Ossag AG arbeitete. Diese Engländer, so erklärte Regina ihr, erhielten regelmäßig Pakete vom Internationalen Roten Kreuz, mit Lebensmitteln, Zigaretten oder eben jenen leckeren Keksen.

Wieso dieser Engländer ihr welche schenkt, wollte Liese wissen, und Regina sagte, wahrscheinlich wegen Hannchen, denn er wäre offenbar sehr kinderlieb, und überhaupt ziemlich nett, fügte sie hinzu, "wie man sich einen Gentlemen vorstellt". Wie er heißt und wann er vielleicht mal wieder vorbeikommt, wollte Liese auch noch wissen.

William hieße er, den Nachnamen wüsste sie nicht, jedenfalls nicht Shakespeare! Und wann er vorbeikommt, wäre ganz ungewiss, "weil er ja auch die rechte Gelegenheit abpassen muss". "Was für eine Gelegenheit?", fragte Liese und wurde tatsächlich rot. "Na, die können ja nicht mal so einfach da fortspazieren, immerhin sind es Gefangene." "Aber sie tun niemandem was, oder?" "Ach wo. Das sind auch bloß Soldaten, die eben für ihr Land gekämpft haben. Auf alle Fälle geht's denen besser als den Russen, die werden ja behandelt wie Vieh. Ich denk' manchmal, was wohl passiert, wenn es andersherum kommt." "Wie meinst du, andersherum?"

Regina sprach unwillkürlich leiser. "Na, gesetzt den Fall, wir gewinnen den Krieg doch nicht und der Russe marschiert bei uns ein, was glaubst du, wie er mit uns umgehen wird? Nach allem, was die Wehrmacht dort angerichtet hat, und erst der Himmler und die SS. Das schreit doch förmlich nach Rache." "Hast du da wirklich Angst davor?" "Ein bisschen schon. Außerdem kann ich kein Wort russisch, ich könnte ja nicht mal was Nettes sagen." "Ja aber, dann ist doch Edgar auch wieder da." "Na hoffentlich. Wenn er nicht auch in Gefangenschaft gerät." "Ach Quatsch, dann flieht er, du kennst ihn doch", war Liese überzeugt, als wäre sowas schon x-mal bei ihm vorgekommen.

Liese dachte über Reginas Worte nach und auch über das, was zuletzt an Nachrichten von Edgar eingetroffen war, und sie meinte, daß noch genügend Zeit wäre, um sich etwas Russisch für den Notfall beizubringen. Sie ging in die Bibliothek der Gewerbeschule am Sachsenplatz und klaubte sich stattdessen aus einem Wörterbuch ein paar Brocken Englisch zusammen, mit denen sie den wohltätigen Kekse Spender erfreuen wollte. Leider kam es zu keiner Begegnung. (Unter ihren Sätzen war auch einer, der lautete: are you married? - und den hätte sie sich wahrscheinlich sowieso nicht getraut zu sagen.)

In Lieses Schule wurde tatsächlich ein Lazarett eingerichtet, zwar nur im Erdgeschoss, aber man war wohl der Ansicht, daß man unter diesen Umständen schlecht im übrigen Gebäude den Unterricht fortsetzen könnte. Sie wurden auf andere Schulen aufgeteilt, Liese musste fortan bis zum Pohlandplatz, sie fuhr mit den Rad, das sie bei einem Bekannten von Papa abstellen konnte, und bei schlechtem Wetter musste sie mit der Straßenbahn fahren.

Blöd war, daß die Klasse auseinandergerissen wurde, und es kamen gerade die ebenfalls in dieselbe Schule, mit denen Liese so gut wie keinen Umgang hatte. Aber auch am Pohlandplatz gab es keinen regulären Unterricht mehr. Stattdessen dauernd Arbeitseinsätze überall in der Stadt, später vor allem in den Nordvierteln, wo dann schließlich im Winter auch der lange Panzergraben ausgehoben wurde. So weit war es aber noch nicht.

Dann kam ein Schreiben von der Schulverwaltung an die Familie Walter Reichelt, in dem stand, daß laut der Erfassungskartei eine zwölfjährige Tochter in dem Haushalt wohne, und daß dem Vater, Herrn Walter Reichelt, dringend empfohlen wird, das Mädchen zur Kinder Landverschickung anzumelden. Es war sogar schon der Ort bezeichnet: Bodenbach im Vogtland.

"Wen meinen die damit?", fragte die Mutter, und der Vater sagte "Das kann sich nur um Lieselotte handeln, Regina wird ja nicht mehr über unsere Wohnung geführt." "Aber ich bin keine zwölf mehr", wandte Liese ein. "Irgendein Fehler in der Kartei", meinte der Vater. "Ich will auch gar nicht weg." "Es zwingt dich auch niemand dazu", sagte der Vater, und das klang so, als sollte sie es sich gut überlegen.

"Die machen das nicht zum Spaß", erklärte er, "wenn Dresden doch irgendwann von Fliegerangriffen heimgesucht wird, kann es hier ganz schön brenzlig werden. Da wäre es allemal besser, wenn du in Sicherheit bist." "Und wenn wir wüssten, daß du in Sicherheit bist", fügte die Mutter hinzu.

Und als sollten die Eltern in ihrer Meinung bestärkt werden, gab es in der übernächsten Nacht Fliegeralarm, und die Sirenen heulten, und Herr Kolmar, der Hauswart, scheuchte alle Mann in den Keller; aber als sie unten waren, gab es schon Entwarnung, und es war wie ein schlechter Scherz gewesen.

Dann kam am Sonntag Regina mit Hannchen zu Besuch. (Die Mutter beschwatzte Regina jedesmal, sie solle die Kleine doch für ein paar Tage bei ihnen lassen, aber Regina erwiderte darauf stets "Ja Mutti, das machen wir bald mal, aber heute nicht, ich hab' auch gar keine Sachen dabei.") Liese erzählte ihr (unter vier Augen) das mit der drohenden Kinder Landverschickung und daß sie da überhaupt nicht hin will.

Regina sagte beim Mittagessen wie nebenbei zu den Eltern "Habt ihr das gehört von dem Lehrer, der da in dem Lager von der Kinder Landverschickung mehrere Mädchen genötigt hat?" "Was?", rief die Mutter. "Ja. Meine Nachbarin hat es erzählt, deren Schwester hatte ihre Tochter auch dort, Gott sei Dank ist ihr nichts passiert, und sie hat sie sofort heimgeholt. Dieser Lehrer war gar kein echter Lehrer, er hat sich bloß als einer ausgegeben, um an die Mädchen heranzukommen." "Wo war das?" "Weiß nicht mehr genau, irgendwo im ... in Richtung Vogtland." Die Mutter schlug die Hand vor den Mund, und der Vater suchte das Schreiben von der Schulbehörde und schaute es genau an und hielt es sogar gegen das Licht, und die Mutter meinte dann "Womöglich sollte uns die falsche Altersangabe eine Warnung gewesen sein." "Wovon redet ihr denn?", fragte Regina und zwinkerte Liese unbemerkt zu.

Und dann steckte eines Tages ein Brief an Liese im Kasten, der aus einer Ecke kam, von wo sie es nie erwartet hätte, nämlich aus Alt Striesen von Ina Seybold! Es waren nur ein paar Sätze, für die eine Karte ausgereicht hätte, aber Ina hatte ihn auf ebenjenem Briefpapier (mit gefüttertem Umschlag) geschrieben, das Liese ihr seinerzeit zum Geburtstag geschenkt hatte, und das traf Liese tatsächlich mit einer Mischung aus Befriedigung und Rührung.

"Liebe Liese!", schrieb Ina, "Hoffentlich erschrickst du nicht zu sehr, daß du einen Brief von mir bekommst. Wie du siehst, haben wir dich nicht vergessen! Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, und es wäre schön, wenn du auch mal wieder mit zum Tanz gehen würdest???!!! Liebe Grüße von Ina."

Liese war schon drauf und dran sich zusammenzureißen, damit sie nicht anfängt, mit den Tränen kämpfen zu müssen, aber dann merkte sie, wie das ausblieb, und sie freute sich über Inas Nachricht und sie dachte im Nachhinein, daß sie womöglich nicht ohne einen tieferen Grund Ina das Briefpapier geschenkt hatte, das ja eigentlich für sie selbst gedacht gewesen war.

Dann grübelte sie aber doch eine Weile über die Stelle nach, wo es hieß: wir haben dich nicht vergessen. Und sie kam zu dem Schluss, daß in diesem wir natürlich Martin eingeschlossen sein könnte, denn wenn Ina einen neuen Freund hätte, würde der Liese ja nicht kennen, es sei denn, es wäre Robert, was sie aber für unwahrscheinlich hielt. Es könnten auch ebensogut Teresa und Annegret und Bärbel gemeint sein, mit denen sie auch schon eine Ewigkeit nicht mehr zusammengewesen ist, wie ihr jetzt schien. Aber sollten die anderen wirklich Ina damit beauftragt haben, sich bei ihr zu melden?

Sie überlegte, wie sie darauf reagieren soll. Eine Antwort zu schreiben schien ihr zu umständlich. Nach Alt Striesen zu fahren, um Ina zu besuchen, fand sie unangemessen, denn es hätte so ausgesehen, als habe sie auf nichts sehnlicher gewartet als darauf. Erst eine Weile zu warten und dann zu ihr hinzufahren, war albern, und womöglich hätte sich inzwischen schon wieder alles abgekühlt.

Da erst wurde Liese bewusst, wie liebend gern sie Inas Aufforderung nachkommen und mit ihnen mal wieder was unternehmen würde, vor allem seit dem Reinfall mit dem tablettensüchtigen Studenten und weil selbst Dolores sich anscheinend von ihr abgewandt hatte.

Freilich bestand die Gefahr, daß sie Martin begegnet und bei seinem Anblick alte Wunden wieder aufbrechen würden, zumindest bei ihr. Aber es war der einzige Weg, und sie hatte keine Wahl, wenn sie ansonsten sich nicht wieder zurückentwickeln wollte und alles umsonst gewesen wäre, das sie bis jetzt durchgemacht und überstanden hatte!

Sie fuhr mit dem Rad zum "Park Café", um sich zu erkundigen, ob da noch Tanzvergnügen stattfinden, und der Kellner, den sie fragte, sagte ja, das gäbe es einmal die Woche, und er musterte Liese und meinte dann, es wäre aber hauptsächlich für ältere Leute. "Wie alt?", fragte sie. "So ab fuffzich aufwärts." "Oh Gott." "Die wollen auch noch ihren Spaß haben." "Sollen sie ja", sagte Liese und schwang sich wieder aufs Rad.

Im "Bogenschützen" sah die Sache schon besser aus, und die Serviererin, die gerade draußen im Biergarten die Tische abwischte, sagte, samstags wäre immer was los, und es gäbe immer flotte Musik und die Getränke wären auch nicht so teuer wie anderswo, und es wären auch immer jede Menge Jungs da, und dann lächelte sie Liese an und meinte noch "Aber mit dem Rad würde ich nicht herkommen." "Nee, ich wollte mich ja bloß erkundigen." "Dann weißt du jetzt Bescheid." "Ja. Ach, eine Frage hab' ich noch: Wissen Sie zufällig, ob eine gewisse Ina Seybold auch manchmal hier ist."

Die Serviererin überlegte. "Ina heißt sie?" "Ja, so eine hübsche Blonde, die immer viel lacht." "Etwa 'die Flamme'?" "Die Flamme?" "Na, das ist doch die Tochter von dem Ofen Seybold." "Ja genau." "Die heißt hier nur 'die Flamme'; der hat doch immer so eine Flamme auf seinen Öfen drauf, wahrscheinlich deshalb, und weil sich hier schon einige die Finger an der verbrannt haben", sagte sie und lachte.

'Na ja, solange es nur die Finger waren', dachte Liese auf dem Rückweg und musste selber lachen. Und musste nochmal lachen, als sie dachte: 'Es würde mich schon brennend interessieren, ob Ina eigentlich mit Martin geschlafen hat oder nicht?'

Sie suchte ihr schönstes Kleid heraus und die hellen Strümpfe und die schmalen, leichten Lederschuhe und sie machte erstmal Probeanziehen vorm Spiegel und fand, daß sie ziemlich hübsch aussieht. Dann musste sie sich eine Ausrede für die Mutter überlegen. 'Nein', dachte sie in einer Anwandlung von Frömmigkeit, 'damit mach' ich gar nicht erst weiter.'

Sie ging zu ihr hin und sagte "Mama? Ich möchte am Samstag mal ausgehen ... zum Tanz." "Aha. Hat dich jemand eingeladen?" "Ja. Das heißt, so gut wie." "Hm." "Mama! Du wolltest nicht mehr 'Hm' machen!" "Wohin?" "Das kennst du nicht, ist drüben in der Neustadt." "Wie heißt es?" "Der 'Bogenschütze'." "Dieses Bumslokal?" "Du kennst das?" "Da sind wir seinerzeit schon gewesen." "Siehst du, nun folge ich sozusagen auf euern Spuren." "Kommt nicht in Frage."

"Aber wieso denn?" "Weil das einen schlechten Ruf gekriegt hat. Außerdem prügeln sie sich da." "Das ist nicht wahr! Wann sollen sie sich da geprügelt haben?" "Da haben sich immer die von der SA mit den Kommunisten geprügelt." "Aber Mama, das ist doch schon hundert Jahre her!" "Da irrst du dich aber gewaltig. Das ist noch nicht so lange her, und einige haben das auch noch nicht vergessen." "Aber jetzt prügelt sich da niemand mehr, ich hab' mich erkundigt. Es wird nur noch Musik gemacht und getanzt. Ich würde niemals da hingehen, wo man sich prügelt, das weißt du." "Ja, das weiß ich."

Nach einer kurzen Pause sagte sie "Also gut." "Danke Mama!", sagte Liese und strahlte. "Aber Papa bringt dich hin." "Was?" "Und holt dich auch wieder ab." "Nein!" "Doch." "Nein!" "Dann bleibst du daheim." Liese ballte die Fäuste, drückte die Zähne aufeinander, daß es knirschte und presste ein "Rrrrchchch!" hindurch, dann wandte sie sich um und rannte in ihr Zimmer.

Sie bereute zutiefst, es auf die ehrliche Tour versucht zu haben. Für einen Moment dachte sie daran, einfach übers Wochenende zu Regina zu gehen und von dort aus zum Tanz. Aber sie wollte nicht, daß Regina dadurch Schwierigkeiten bekäme, und sei es auch nur, daß die Mutter sich von ihr hintergangen gefühlt hätte. Sie warf sich aufs Bett und drückte das Gesicht ins Kissen.

Dann kam die Mutter herein. "Was ist noch?", fragte Liese mit halberstickter Stimme. "Deine Strumpfhose hat in der Kniekehle ein Loch." "Na und! Ist doch sowieso egal." "Weißt du", hob die Mutter an, "eigentlich bist du alt genug, um allein zum Tanz zu gehen." Liese rappelte sich auf. "Ist das dein Ernst?" "Ja." "Und wieso auf einmal?" "Ich wollte dich nur auf die Probe stellen." "Was?"

"Ich wollte bloß sehen, ob du auch ehrlich zu mir bist und es nicht auf die krumme Tour versuchst." "Komische Art, das herauszufinden." "Mag sein." "Also darf ich geh'n?" "Ja, aber du musst mir versprechen, daß du bis um elf wieder daheim bist ..." "Ja Mama." "... und dich von einem anständigen Jungen nach Hause bringen lässt." "Den werd' ich schon finden ... ich meine, ja Mama." "Und vergiss nicht, das Loch zu stopfen." "Was für'n Loch? Ach so, das hier."

Natürlich hatte sie ziemliches Herzklopfen, als sie den "Bogenschützen" betrat. Irgendwie hatte sie befürchtet, es würden sich sofort alle Augen auf sie richten und man würde sich zuraunen "Wer ist das denn?" Aber es war so voll, daß es überhaupt nicht auffiel, als sie hereinkam. Nur die Serviererin entdeckte sie anscheinend sofort, sie lief mit einem Tablett mit leeren Gläsern durch die Menge. "Hallo, Kleine! Herzlich willkommen im schärfsten Tanzlokal der Neustadt. Amüsier' dich! Wenn du was trinken willst, wende dich vertrauensvoll an mich." "Ja, gut. Danke." "Übrigens, deine Freundin ist da drüben."

Es war ganz schön laut und Tabakqualm hing in der Luft. Liese bahnte sich vorsichtig einen Weg durch die Leute. Die meisten standen in Grüppchen zusammen und unterhielten sich, es wurde viel gelacht. Die Tische an der Seite waren alle besetzt. Weiter vorn war die Tanzfläche, da spielte auch die Musik, und dort tummelten sich die Paare.

Sie zwängte sich weiter hindurch, und noch bevor sie vorn bei den Tänzern war, hatte sie schon jemand aufgefordert, aber sie war so erschrocken, daß sie automatisch ablehnte. Die Musiker konnte sie nicht sehen, es gab offenbar keine richtige Bühne, und als sie vorn angelangt war, entdeckte sie, daß links eine breite offene Tür in einen großen Nebenraum führte, und dort sah sie Teresa Michels, die auf der Tischkante saß und mit den Beinen baumelte, und vier oder fünf ältere Jungs standen bei ihr und übertrumpften sich offensichtlich darin, sie zum Lachen zu bringen. Resi schrie förmlich auf, als sie Liese erblickte, hüpfte von der Kante und kam auf sie zugerannt, und die Jungs guckten allesamt herüber.

"Liese! Alte Gurke! Mensch ist das schön, dich mal wiederzusehen." Sie umarmte sie und knuddelte sie, und Liese sagte "Ja, ich freu' mich auch. Ich hatte gehofft, dich hier anzutreffen." "Mensch, du redest ja immer noch wie so'ne Oberlehrerin." "Was? Nein, gar nicht, jedenfalls fühl' ich mich nicht so. Ich wollte ..." "Ina muss auch hier irgendwo stecken." Sie schaute sich um, aber sie war ja nicht groß genug, um über die Köpfe hinwegblicken zu können. "Und Martin? Ist der auch da?"

Resi wandte sich an die Jungs "Ihr könnt doch sicher mal fünf Minuten ohne mich auskommen." Sie machten tatsächlich unwillige Mienen. "Die können einem ganz schön auf den Keks geh'n." "Ach komm' Resi, dir gefällt das doch." "Ja klar gefällt mir's, aber es ist auch anstrengend." "Gehst du mit einem von denen?" Resi lachte nur.

Da kam Ina aus der Menge geschossen, sie hielt ein halbvolles Weinglas in der rechten Hand. Auch sie fiel Liese um den Hals und rief "Ich hab's gewusst! Ich hab's gewusst!" Und Liese befürchtete, sie würde ihr den Wein auf den Rücken kippen, sie war schon ein bisschen angetütelt. Ina küsste sie auf die Wange, dann hielt sie das Glas hoch und drehte sich um sich selbst, und da tauchte auch Annegret auf, die anscheinend hinter ihr hergelaufen war, und Liese sagte "Hallo Annegret, schön dich zu seh'n." "Hallo Lieselotte, ebenso!" Und Ina rief "Gewonnen! Gewonnen!", und Annegret machte eine betretene Miene.

Resi sagte "Sie haben gewettet, ob du kommst." "Und ich hab' gewonnen!" "Ach ja? Um wieviel ging's?" "Wird nicht verraten", sagte Annegret schnell, und Resi meinte "Da kannst du mal seh'n, was du uns wert bist. Bärbel hat auch nach dir gefragt." "Und Mar...?" "Resi!", riefen die Jungs, "ihr könnt euch auch gern bei uns unterhalten." "Ist kein Jungskram!" Und Ina trank ihr Glas aus und rief hinüber "Wem von euch gehört das?"

Bei der nächsten Aufforderung sagte Liese nicht nein, und sie tanzte ein paar Runden, und es war wirklich ziemlich flotte Musik, aber sie hatte die Musiker immer noch nicht richtig ausmachen können. Der Junge, mit dem sie tanzte, redete ganz angenehm mit ihr, na ja, nichts Großartiges, aber ganz angenehm und so, daß Liese sich nebenbei auch noch umgucken konnte, natürlich so, daß es ihn nicht stört.

Er kam dann auch noch mal auf sie zu, aber sie sagte, sie hätte den nächsten Tanz schon jemand anderes versprochen, und das stimmte sogar, weil schon wieder einer auf sie aufmerksam geworden war. Und Liese gefiel es, daß dauernd jemand auf sie zu kommt, und sie fragte sich wirklich, warum sie nicht schon eher mal wieder zum Tanz gegangen ist, aber das war ja jetzt egal.

Als Resi an ihr vorbeizog, tippte sie ihr auf die Schulter und sagte, sie müsse sie noch was fragen, und Resi sagte, ja, in zehn Minuten wäre sie wieder da, da könnten sie zusammen was trinken und quatschen. Und dann war sie für eine Weile verschwunden, und Liese suchte die Serviererin und bestellte zwei Gläser Limonade bei ihr, und die fragte "Mit Schuss?" "Wie, mit Schuss?" "Na, ich bring' euch was."

Liese wartete dann an der Seite, wo ein paar schmale Tische standen, mit den zwei Gläsern auf Resi, aber bei der dauerte es wohl etwas länger, und Liese wollte die Gläser nicht so stehen lassen; sie hatte ihr's schon halb ausgetrunken und auch gemerkt, was "mit Schuss" gemeint war.

Dann machten die Musiker eine Pause, und die Tanzpaare strömten nach allen Richtungen auseinander, und drüben sah sie Ina und Annegret mit zwei Jungs, und Ina lachte und winkte zu ihr herüber, aber Annegret schien mit dem einen sehr in ein Gespräch vertieft, als ginge es um die höhere Mathematik.

Da kam Resi wieder, und am Arm hatte sie einen Jungen, den hatte Liese schon irgendwo gesehen, und im gleichen Moment fiel es ihr ein. "Charlie! Was machst du denn hier?" "Lieselotte! Ich bin einer von den Musikern, erinnerst du dich nicht, ich spiele Gitarre." "Ach, ihr kennt euch schon?", fragte Resi. "Flüchtig." "Bist du öfter hier?" "Ja, manchmal." "Ich hab' dich noch gar nicht gesehen." "Na, dann will ich euch nicht stören." "Nee, bleib' nur, wobei willst du uns denn stören. Ich hab' eine Limonade für dich mitbestellt." "Oh, danke." "Ich war jetzt öfter woanders." "Wo denn?" "Drüben in ... Friedrichstadt, unter anderm." "In Friedrichstadt? Wo ist'n da was los?" "Wisst ihr was, ich komme gleich wieder", sagte Resi und weg war sie.

"Was ist aus deinem Freund und der Spanierin geworden?" "Sie war aus Italien." "Mein' ich ja." "Mit dem bin ich nicht mehr zusammen." "Verstehe." "Und bei dir?", entfuhr es Liese. "Ähm, nee, bei mir ist im Moment auch eher Flaute." "Ach so? Tut mir leid." "Ach was! Muss es nicht." "Willst du was von der Limo trinken? Du hast mir doch damals auch 'ne Brause spendiert." "Ja, gut, wenn du mir das so nett anbietest." "Ist mit Schuss. Hoffentlich kannst du dann noch richtig in die Saiten greifen." Er lachte, und sie war ganz hingerissen von seinem Lachen.

Da stand plötzlich Ina neben ihnen. "Habt ihr zufällig Resi irgendwo gesehen?" "Nein!", fauchte Liese, aber Charlie meinte "Die ist eben irgendwohin." Ina blieb stehen. Charlie gab Liese das Glas zurück und sagte "Ich muss jetzt wieder arbeiten. War schön, dich mal wiederzusehen." Liese machte eine enttäuschte Miene, dann sagte sie unwillkürlich "Charlie? Kannst du mich nachher nach Hause bringen?" "Was?" "Ach nee! Lass' nur, das war jetzt Quatsch, was ich gesagt habe." "Ähm, ich muss hier noch 'ne ziemliche Weile spielen." "Ja klar, nee, war nur Quatsch, vergiss' es." "Sonst gerne." "Ich kann dich heimbringen", sagte Ina. "Ach so?" "Ja, ich kenn' jemand, der mit Auto hier ist." "Also dann, mach's gut, Lieselotte." "Ja, mach's gut Charlie. Bis bald, vielleicht." "Ja."

Er schlenderte zur Tanzfläche, und kurz darauf fing die Musik wieder an und sofort strömten die Paare zusammen. Ina sagte "Ich wollte dich fragen, ob du mich mal besuchen kommst." "Wie bitte?" "Ich wollte was mit dir bequatschen." Liese schwieg und sah sie an, dann meinte sie "Geht es um Martin?" "Was? Nee, wieso." Nun konnte Liese auch gleich Ina selbst fragen.

"Seid ihr noch zusammen?" "Wie man's nimmt. Es ist mehr eine freundschaftliche Beziehung. Mensch, Liese, das ist doch jetzt schon eine Ewigkeit her", sagte Ina, und Liese konnte nicht verstehen, was sie damit sagen will. "Ja vielleicht, aber es gibt ein paar alte Wunden, die noch nicht ganz verheilt sind, wenn du weißt, was ich meine." "Klar weiß ich, was du damit meinst, aber ..."

In diesem Moment gab es am Rand der Tanzfläche einen Tumult und man hörte laute Männerstimmen und Gläser klirren, und dann kreischte auch eine Frau dazwischen. Die umstehenden Leute wichen sofort zurück, und dann konnte man zwei Männer sehen, die sich prügelten, und die Frau (um die es wohl ging) wankte zur Seite und heulte und hielt sich die Hand vor die Augen.

Die Serviererin kam gleich mit zwei kräftigen Burschen herbei, und die zerrten die Kämpfer auseinander und schoben sie in entgegengesetzte Richtungen davon, und die Frau konnte sich nicht entschließen, wem sie folgen sollte und jammerte noch mal so laut, aber jemand brachte sie an einen Tisch, wo sie sich hinsetzen konnte. Und die freie Stelle auf der Tanzfläche füllte sich wieder und die Musik spielte weiter.

Liese hatte vor Aufregung Inas Arm erfasst, und jetzt mussten sie lachen und waren beide froh, daß der Zwischenfall schnell vorbei war. Aber bevor Liese ihre Hand wegziehen konnte, legte Ina ihre darauf und sagte "Sei mir nicht mehr böse, Liese! Ich wollte dich nicht verletzen." 'Hast du aber!' wollte Liese erwidern, doch sie verspürte einen Widerwillen dagegen, sich von neuem über das alles aufzuregen, was geschehen war. Deswegen war sie ja nun wirklich nicht hergekommen.

Auch sie musste endlich innerlich damit abschließen, und es wäre falsch gewesen, Inas offensichtliche Annäherungsversuche abzublocken. "Ich überleg' mir's", sagte sie. "Toll!", sagte Ina und ließ ihre Hand frei. "Aber überleg' nicht zu lange, sonst verpasst du vielleicht eine Riesenchance. Denk' dran: es gibt immer auch andere, die dasselbe haben wollen wie du."

Sie lachte, sagte "Bis nachher", und schwirrte davon. 'Trotzdem', dachte Liese, 'ich hätte ihr wenigstens einmal eine krachende Ohrfeige verpassen sollen, damit sie nicht denkt, sie käme immer ungeschoren davon.' Drüben landete Ina wieder bei den Jungs, und sie winkte Liese nochmal zu. 'Aber dafür ist es jetzt zu spät', dachte Liese. "Darf ich Sie um einen Tanz bitten?", fragte jemand. "Ja, gern."

Es war vielleicht ganz gut, daß man die Musiker nicht richtig sehen konnte, sonst hätte Liese womöglich für den Rest des Abends bloß nach Charlie geglotzt. Sie vermied es dennoch, zu nahe an sie heranzukommen und drängte ihren Tanzpartner immer behutsam nach hinten. Jetzt war es Resi, die sie anstupste und rief "Ich bin dort drüben in dem andern Saal." "Ja gut, ich komm' gleich." "Wollen Sie noch weitertanzen?", fragte ihr Partner freundlich. "Aber freilich. Die kann warten."

Eigentlich hatte sie Resi nach Martin fragen wollen, aber nach dem kleinen Plausch mit Ina, hatte sie keine Lust, darauf zurückzukommen. Stattdessen erzählte sie ihr von dem Erlebnis mit dem Studenten, und Resi staunte wirklich und sie musste auch sehr darüber lachen, zumal Liese es nur von der komischen Seite her schilderte.

Sie erzählte auch von dem absurden Traum, und Resi lachte und fragte nochmal nach "Und ich hab' gerufen 'Lass dich nicht verarschen?'" "Ja! Und ich dachte erst, du meinst Dolores, aber du hast natürlich mich gemeint." Resi kannte Dolores nicht persönlich, Liese hatte ihr bloß mal das mit dem Feuersturm erzählt, sie fragte "Und Robert hat sie dann abgeknallt?" "Nee, er hat gerufen: 'Erschieß' ihn!', und dann hat er selber angelegt, aber ich hab's nicht mehr knallen hören." "So was Verrücktes!"

Und da fragte Liese unvermittelt "Bist du eigentlich noch mit Robert zusammen?" "Nee, schon lange nicht mehr." "Warum ist es auseinandergegangen?" "Na, wie's halt so kommt nach 'ner Zeit. Außerdem, du kennst mich doch, ich muss immer mal was neues ausprobieren." "Ja, du bist unersättlich. Du bist eine richtige Nymphomanin!" Das hatte Liese in dem medizinischen Buch in der Bibliothek der Gewerbeschule am Sachsenplatz gelesen.

"Was bin ich?" "Eine, die nie genug kriegen kann." "Na und! Ich teil' ja meistens auch ganz schön was aus." Sie mussten beide lachen. "Was treibt Annegret eigentlich so?", wollte Liese wissen. "Die hat da irgendwas laufen, aber es scheint nicht richtig voranzugehen." "Macht sie noch ihre Tänzerei?" "Da fragst du sie am besten selbst, ich interessier' mich nicht so dafür."

"Ina hat mich gefragt, ob ich sie besuchen komme." "Ach ja? Und? Machst du's?" "Mal sehen." "Ina hält 'ne ganze Menge von dir, auch wenn sie's nicht immer gezeigt hat." "Nee, das hat sie wahrhaftig nicht gezeigt." "Ach, na ja", sagte Resi, "wir hauen uns doch alle mal gegenseitig in die Pfanne. Wär' doch sonst auch langweilig, oder?" "jedenfalls könnte man sich hinterher nicht so gut versöhnen."

Dann kam Resi selbst noch auf Martin zu sprechen, und das waren keine guten Neuigkeiten. "Du weißt doch, da mit dem Fahrrad, mit dem er sich langgelegt hatte ..." "Klar weiß ich das noch." "Das Fahrrad war gar nicht von seinem Bruder." Liese machte eine triumphierende Handbewegung. "Hab' ich's doch gewusst!" "Das war geklaut", fuhr Resi fort, "aber nicht von ihm, sondern eben von seinem Bruder." "Wie jetzt?" "Sein Bruder hatte es geklaut. Und nicht nur das Rad, sondern jede Menge anderes Zeug. Die Polizei hat bei ihm alles durchsucht." "Und bei Martin auch?"

"Nee, der Bruder hatte da so einen Schuppen in Tolkewitz, da haben sie alles versteckt." "Er und Martin?" "Nee, Martin hat da nichts mit zu tun. Aber sein Bruder hat sich mit welchen eingelassen, die Zeug verscherbelt haben, auch Sachen, die man nur noch auf Karte kriegt, und jetzt haben sie ihn verhaftet wegen Schleichhandel und er wird wahrscheinlich ... na ja, eben hier so!" Resi machte eine Geste, als wenn ihr der Hals durchgeschnitten wird. "Man hat ihn zum Tode verurteilt?", sagte Liese bestürzt. "So hat's mir jedenfalls jemand erzählt."

Liese schwieg, und Resi sagte "Vielleicht wär's ganz gut, wenn du mal hingehst." "Zu Martin?" "Ja. Ich schätze, du kannst da besser mit ihm drüber reden als Ina." "Ja, schon möglich." "Mach's mal. Ihr seid doch noch Freunde, oder?" "Ja klar, warum denn nicht", sagte Liese immer noch nachdenklich. "Seh'n wir uns dann noch?" "Was?"

Jemand wollte Resi auf die Tanzfläche verführen. "Bist du noch 'ne Weile da?" "Ich weiß nicht, wie spät ist es überhaupt." "Wie spät ist es?", fragte Resi den Jungen, der sagte "Ungefähr kurz nach zehn." "Ja, 'ne halbe Stunde bleib' ich noch." "Auf alle Fälle lass' dich bald wieder sehen", sagte Resi. "Ja, mach' ich, versprochen. War schön heute." "Nächstes Mal quatschen wir länger! Ja, Mann, ich komm' ja schon."

Liese tanzte auch noch ein paar Mal, dann suchte sie Ina, die ja gesagt hatte, sie wüsste jemand, der Liese nach Hause fährt. Sie fand sie endlich auf dem Gang zu den Toiletten, wo sie mit einem großen, dunkelhaarigen Burschen stand, der unglaublich gut aussah und ihr offenbar ein Kompliment nach dem andern ins Ohr flüsterte, über die sich köstlich amüsierte. Liese war es äußerst peinlich, sie anzusprechen.

"Aber klar doch", sagte Ina ohne zu zögern, "wir müssen den bloß finden." Sie gab dem Burschen einen Kuss und vertröstete ihn auf später, und sie machten sich beide auf die Suche nach einem Kerl "mit so einer Lücke in den Augenbrauen", wie Ina sagte. Sie fand ihn ziemlich schnell, und er hatte durch die rechte Augenbraue eine helle Narbe. "Hallo Franz!" "Hallo Ina! Wie geht's." "Gut. Kannst du mir einen Gefallen tun und meine Freundin nach Johannstadt fahren." "Wann?" "Jetzt." "Kommst du auch mit?" "Ähm, ja gut, aber du bringst mich wieder her." "In Ordnung." "Und diesmal keine Umwege." "Schon gut."

Auf der Fahrt in die Schumann Straße redeten die beiden so viel, daß Franz meinte "Wenn ich euch bis nach Laubegast bringe, würdet ihr wahrscheinlich Goethes Gesammelte Werke übertreffen." Sie hörten gar nicht auf ihn. Liese bedankte sich dann bei ihm, und er nickte ihr zu, und Ina sagte "Also bis Mittwoch bei mir, ich freu' mich." "Ja, bis Mittwoch, gute Nacht." 'Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, daß ich heute da hin gegangen bin', dachte Liese, während sie sich leise in ihr Zimmer schlich.

Am Sonntagvormittag klingelte es bei Reichelts, und Liese machte auf, da stand Charlie, mit einer Rose in der Hand, er sagte "Hallo Lieselotte, ich wollte mich entschuldigen, daß ich dich gestern nicht nach Hause bringen konnte, aber ich kam da wirklich nicht weg." "Halb so wild, ich bin trotzdem heil heimgekommen." "Wer ist da?", rief ihre Mutter. "Ist für mich!" "Bei euch riecht's ja lecker." Davon ließ sich Liese nicht mehr ablenken. "Wenn du Kohlsuppe lecker findest." "Stör' ich dich etwa?" "Bei was denn?" Er zuckte mit den Schultern und lächelte gezwungen.

Liese war zwar überrascht, als er vor der Tür stand, aber so überrascht nun auch wieder nicht, irgendetwas hatte ihr gestern schon signalisiert, daß Charlie nicht ganz gleichgültig gewesen war, als er sich mit ihr unterhielt. Und außerdem ist bei ihm sowieso grade Flaute, dachte sie. Aber daß er's so eilig haben könnte, hatte sie nun doch nicht vermutet; und dann noch mit einer Rose! Seltsamerweise war es gerade die Rose, die Liese dabei störte, für so was war sie ja nun gar nicht empfänglich! Und zu Charlie passte das ebensowenig.

Das alles ging ihr binnen drei Sekunden durch den Kopf, aber zuletzt dachte sie, daß bei ihr eigentlich auch grade Flaute ist, und wenn sie sich schon auf was Neues einlassen wollte, warum dann nicht mit Charlie?

"Komm' rein", sagte sie. "Du hast recht, meine Mama kocht die beste Kohlsuppe in der ganzen Stadt, und wenn du dich artig bei ihr vorstellst, kannst du vielleicht einen Teller mitessen." "Ich versuche mein Bestes", sagte er und folgte ihr in die Küche. "Mama, das ist Charlie, der mich gestern abend nach Hause gebracht hat. Wie du siehst, kannst du mir voll vertrauen, wenn ich das nächste Mal weggehe."

Die Mutter wischte sich die Hände an der Schürze ab und begrüßte ihn, er sagte "Lieselotte hat mir von Ihnen erzählt", und er gab ihr die Rose, man konnte sehen, daß er in so etwas keine Übung hatte. Die Mutter lächelte eher gekünstelt, als geschmeichelt, und Liese meinte ungerührt "Wenn ich das meinem Papa sage, wird er dich genau im Auge behalten." "Möchten Sie zum Essen bleiben?" "Ja, gern." "Es dauert noch zwanzig Minuten." "Bis dahin führe ich dich durch unsern Palast", sagte Liese, nahm ihn bei der Hand und zog in ihr Zimmer. "Alle meine Freunde nennen mich übrigens nur Liese."

Er schaute sich in ihrem Zimmer um, er fragte sie manches, um zu erfahren, womit sie sich so beschäftigt, und sie sagte es ihm. Dann fragte er "Hat es dir gestern eigentlich gefallen, Liese?" "Ja sehr. Spielst du immer da?" "Zur Zeit. Aber nächste Woche bin ich hier auf der Seite." "Wo?" "Da gibt es am Wasaplatz eine Kneipe, die haben auch einen Tanzsaal, es ist nicht ganz so groß wie im 'Bogenschützen', aber urgemütlich, und da ist auch immer tolle Stimmung. Hast du Lust, hinzukommen?" "Wegen dir?" "Stimmt ja, du warst die, die immer so direkt fragt", sagte er und lächelte wieder, und diesmal ganz unwiderstehlich.

"Klar würde ich gern hingehen. Aber dann spielst du die ganze Zeit, und ich tanze die ganze Zeit mit andern Jungs, da haben wir beide nicht viel davon." "Nein, da hast du recht. Und wenn wir was ganz anderes machen?" Lieses Herz begann zu klopfen, es konnte doch nicht sein, daß er's so eilig hat! "Was meinst du?" Er zuckte wieder mit den Schultern, sie sagte "Vielleicht Kahnfahren?"

Charlie lachte. "Das mach' ich schon lange nicht mehr." "Sind wohl zu viele abgegluckert?" "Nee, die Bezahlung war zu mies." "Da hätte ich auch aufgehört. Ich hab' letztes Jahr im Freibad in Bühlau als Serviererin ..." "Warte mal, Liese", sagte Charlie, legte seine Hand an ihren Hals und wollte sie küssen. Sie wich ihm aus. "Ich glaube, meine Mama hat zum Essen gerufen."

Der Vater hatte in der Zeitung gelesen, und als er Charlie jetzt sah, sagte er "Nanu, wir haben Besuch." Liese stellte ihn vor. "Gehst du auch in Lieses Schule?", fragte der Vater. "Aber Walter, der junge Herr geht doch nicht mehr in die Schule, oder?", wandte sie sich zu Charlie um. "Nein, ich arbeite im Moment als Musiker." "Na, Liese geht ja auch nicht mehr hin." "Ist das meine Schuld, wenn der Unterricht ausfällt." "Hast du gehört, Walter, er ist Musiker." "Ja. Werden die denn noch gebraucht?" "Papa!" "Nein, eigentlich nicht. Aber ich sage mir, wenn ich sowieso bald gezogen werden, lohnt es sich nicht, was anderes anzufangen, da warte ich lieber bis nach dem Krieg." "Ach so, ja, das leuchtet ein, Mutter, wann gibt es denn nun Mittag?" "Sofort." "Kann ich Ihnen behilflich sein?" "Sie könnten die Terrine hereintragen, schaffen sie das?" "Mühelos."

Beim Essen fragte der Vater Charlie ein paar Dinge, und er antwortete freundlich, aber nicht sehr ausführlich. Die Mutter fing an, von Tante Helgard zu erzählen, und daß der Hans wahrscheinlich demnächst auf Kurzurlaub herkäme, "aber nur über's Wochenende, wenn überhaupt".

Liese beobachtete Charlie, und sie konnte nicht feststellen, ob ihn die Sache vorhin in ihrem Zimmer noch beschäftigte und wenn ja, wie er ihre Reaktion aufgefasst habe. Es war ja nicht so, daß sie erschrocken gewesen war, fast hätte sie so was erwartet. Sie wäre wahrscheinlich auch nicht abgeneigt gewesen, sich von ihm küssen zu lassen. Aber es ging ihr einfach zu schnell, sie wollte die Vorstellung davon schon ein bisschen mehr auskosten.

Die Mutter sagte, Tante Helgard mache sich große Sorgen, weil gemunkelt wird, daß die Alliierten eine Invasion in Europa vorbereiten. "Wo soll das stattfinden?", fragte Charlie, als handele es sich um eine Tanzveranstaltung, auf der er sich ein paar Mark verdienen könnte. Die Mutter schien plötzlich verunsichert, ob sie nicht schon zu viel ausgeplaudert hätte, aber der Vater sagte "Natürlich in Frankreich, was liegt denn näher?"

Dadurch bestärkt sagte sie "Angeblich sind bereits jede Menge Waffen dort abgeworfen worden, sagt Helgard, hätte der Hans erzählt." "Das sind ja nun zwei Paar Schuhe", wandte der Vater ein, während Liese - als wäre das ein Stichwort - unterm Tisch wie zufällig versuchte, an Charlies Fuß zu stoßen; sie wollte ja nicht, daß er denkt, sie hätte ihn ein für allemal abblitzen lassen.

"Wieso?", fragte Charlie den Vater, und der erklärte "Wenn die Alliierten in Frankreich landen, werden sie ihre eigenen Waffen mitbringen." "Aber das sind doch welche für die Resistance", sagte Charlie und fügte abschwächend hinzu "wenn ich das jetzt richtig verstanden habe." Liese gefiel es, wie er das Wort ausgesprochen hatte, so souverän.

"Was ist die Resistongs?" "Die französischen Partisanen", sagte er und schaute sie dabei an. Sie stieß mit dem Fuß an seinen, die Mutter sagte "Liese, kannst du dich nicht gerade hinsetzen, du rutscht ja gleich untern Tisch." "Ja Mama." Charlie fuhr fort "Die machen unsern Truppen dort ganz schön zu schaffen." Er hatte es nicht mitgekriegt.

"Kannst du Französisch?" "Was? Nein. Aber ich war mal in Paris." "Ehrlich?" "Ich wollte unbedingt einen Gitarristen erleben, den ich ziemlich schätze." "Wer ist das?" "Django Reinhardt." "Dschango? Klingt ja spannend." "Er ist Zigeuner, er spielt mit einem französischen Geiger, sie spielen alle die amerikanischen Songs rauf und runter, es ist absolut verrückt, was sie da draus machen. Es hieß, er hat nur drei Finger an der linken Hand, ich konnte nicht glauben, daß er damit so spielen kann, ich wollte es sehen." "Und?" "Er hat wirklich nur drei Finger, er spielt damit wie der Teufel, ich weiß nicht, wie er's macht, aber es ist absolut verrückt." Während er das sagte, leuchteten Charlies Augen vor Begeisterung, und Liese wünschte sich, er würde damit von ihr auch so reden.

Es gab eine Pause, in der wahrscheinlich jeder an etwas anderes dachte, und Charlie sagte schließlich "Ihre Kohlsuppe war köstlich, Frau Reichelt, vielen Dank für die Einladung. Nun muss ich auch schon wieder los." Liese stand noch vor ihm auf, es schien, als wollte sie ihm den Weg versperren. Er verabschiedete sich, sie gingen beide zur Tür. "Sehen wir uns bald?", fragte Liese. Er zögerte einen Moment. "Wenn du willst." "Würde ich sonst fragen?" "Na, ich weiß nicht." "Lass' dich nicht gleich abschrecken." "Nein, wenn du mir das rätst." Und da versuchte er es erneut, und Liese wandte den Kopf zur Seite und bot ihm ihre Wange an, und er gab ihr einen Kuss, den sie sehr zärtlich fand.

"Kann mir kaum vorstellen, daß man jetzt als Musiker überleben kann", sagte die Mutter, während Liese ihr half, den Tisch abzuräumen und der Vater wieder die Zeitung zur Hand genommen hatte. Es klang ein bisschen abfällig. "Mama, deswegen musst du ihn doch nicht gleich madig machen." "Ich habe ihn doch nicht madig gemacht." "Das klang aber so." "Walter, sag' du mir: habe ich Lieses neuen Freund madig gemacht?" "Ich glaube nicht", brummte der Vater.

"Wieso denkst du gleich, er wäre mein Freund." "Ich habe ja gar nichts dagegen." "Dann ist doch gut." "Na, Hauptsache, du findest es gut." "Ja Mama, das ist auch die Hauptsache." "Könnt' ihr nicht in der Küche weiter debattieren", brummte der Vater. "Nein, können wir nicht", sagte die Mutter beinahe gefühlvoll, "wir leben nämlich hier unter einem Dach zusammen, und da geht jeder jeden etwas an." "Jetzt kommt wieder die Dach-Geschichte", entgegnete Liese. "Was willst du mir denn wirklich sagen?" "Ich habe ihn nicht madig gemacht!" "Nein, ist ja gut, ich habe dich falsch verstanden, ich bin froh, daß er dir gefällt." Eine Weile sagten sie nichts.

Dann meinte die Mutter sehr versöhnlich "Wenn der Hans auf Urlaub kommt, würdest du dann trotzdem mal zu Tante Helgard mitkommen?" "Natürlich, Mama. Gern", versprach Liese. Die Mutter fasste Liese bei den Schultern und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Ich will doch nur, daß du glücklich bist, Liese!" "Ja, ich weiß, das will ich auch." "Nicht wahr, Walter!" "Ja."

Ina ist sehr zuvorkommend, als Liese sie besucht, sie bietet ihr richtigen Bohnenkaffee an, und sie setzen sich ins Wohnzimmer der Eltern, sie wirkt wie die Hausherrin. Wo ihre kleinen Schwestern wären, fragt Liese. "In der Kinder Landverschickung, irgendwo in Bayern." Liese erzählt, wie ihre Eltern auch eine Aufforderung erhalten hätten. "Aber dafür bist du doch schon viel zu alt", meint Ina verwundert, und Liese sagt, da hätten sie ihr Alter falsch angegeben. Ina sagt "Meine Schwestern sind inzwischen auch nicht mehr so klein."

"Wie zu deinem Geburtstag", ergänzt Liese. "Ja." "Großer Gott, da haben wir noch 'der Plumpsack geht um' gespielt", lacht Liese, und Ina lacht auch, dann meint sie aber "Ehrlich gesagt, würde ich das jederzeit wieder machen. Was ist denn dabei? Tanzen ist im Grunde auch nichts anderes." "Na ja", wendet Liese ein, "da finde ich tanzen aber doch schon eine Nummer besser. Oder willst du mir erzählen, daß du mit deinen Jungs lieber 'Reise nach Jerusalem' spielen würdest." "Kommt drauf an", entgegnet Ina, "wenn's statt der Stühle ein Bett wäre."

Sie lachen, Liese sagt "Ich kenn' dich inzwischen gut genug, um zu wissen, daß du's nicht auf Teufel komm' raus treibst." "Ach ja?" "Ja. Jemand wie du kann es sich leisten, wählerisch zu sein." "Oh, danke." "Aber manchmal führt das auch dazu, daß man ewig unzufrieden ist, weil man nicht den richtigen findet, glaubt man zumindest."

Ina schweigt, dann sagt sie "Ich hab' immer gewusst, daß du mehr auf dem Kasten hast als manche andere, auch was das Gefühlsleben und so betrifft." "Du hast mich mal Mauerblümchen genannt." "Ich?" "Ja, weiß ich von Teresa, und die lügt normalerweise nicht." "Na ja, kann sein, irgendwann am Anfang. Soll ich mich jetzt etwa dafür entschuldigen?" "Nein." "Es stimmt ja auch gar nicht." "Nein."

Ina sagt "Du hast nicht ganz unrecht, ich bin jetzt schon eine ziemliche Weile auf der Suche nach einem festen Freund, ich befürchte, schon viel zu lange. Und ständig diese kurzen Affären, das ist zwar ganz lustig und, ich meine, manchmal kann man sich ja auch nicht beklagen, was man geboten kriegt." Liese spürt, wie sie rot zu werden droht, sie denkt schnell an ein Blech voll Mohnkuchen mit einer Schicht Neuschnee drauf - das ist seit längerem schon ihre Methode, um die Schamröte im Gesicht abzuwenden, und es klappt hervorragend.

"Aber?" "Na ja, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich denke immer öfter: das kann doch nicht alles sein! Immer bloß umlagert und bezwitschert zu werden und sich haufenweise Komplimente anzuhören, die einem hier rein geh'n und da raus kommen, und dabei genau zu wissen, der will ja doch nur mit dir schlafen." Liese denkt 'Das müssen die Sorgen der Verwöhnten sein.'

Sie sagt "Vielleicht sehen die Jungs in dir auch nichts anderes mehr." "Als was?" "Als eine, die bloß ihren Spaß haben will. Und an der sie am besten ihre Kräfte messen können." "Oh je, das klingt ja wie bei Odysseus; den Krieg jetzt führen sie aber nicht um mich." "Außerdem kann man mit dir am besten angeben." "Ja, aber da hab' ich doch nichts davon!" Liese schweigt, es gibt da immer noch einen Funken Groll in ihr.

"Martin hat dich bestimmt nicht mit Komplimenten überhäuft, und daß er nur mit dir schlafen wollte, kann ich auch nicht glauben", sagt sie. "Ach Liese", entgegnet Ina unvermindert selbstbewusst, "ich weiß ja, daß du mir das bis an mein Lebensende übel nimmst." "Daß du mit ihm geschlafen hast?" (Sie will es unbedingt aus Ina herausquetschen.) "Daß ich ihn dir weggeschnappt habe." "Ich habe dich daraufhin jedenfalls nicht auf die beste Freundinnen Liste gesetzt." "Nein, wahrscheinlich auf die muss sterben Liste." "So eine hab' ich nicht." "Ich weiß."

"Aber ich würde schon ganz gern erfahren, ob du wenigstens ein kleines bisschen schlechtes Gewissen hattest." Ina schaut sie an, als würde sie sich die richtigen Worte überlegen, dann sagt sie dennoch unumwunden "Ja, ein bisschen. Und glaub' mir, ich weiß, wie du dich gefühlt hast." Liese lacht hell auf. "Oh Ina! Wenn ich Resi wäre, würde ich jetzt sagen, ich verwette meinen Lieblingspullover darauf, daß du das garantiert nicht weißt." Ina legt ihre Hand auf Lieses Arm.

"Aber ich bin auf dich zugekommen, Liese! Das hat mich auch Überwindung gekostet. Das musst du mir anrechnen. Ich bin keine, die die andern bloß ausstechen will. Über Resi beklagt sich doch auch niemand, wenn sie die Jungs wegschnappt." "Weil sie ja meistens auch die erste ist. Außerdem beklagt sich niemand über dich. Das ist vielleicht das Unglaubliche daran. Für mich."

"Vielleicht hätte ich die Sache anders angehen sollen", sagt Ina und schenkt nochmal Kaffee ein. "Ach, der ist schon ganz kalt", stellt sie fest, "lass uns in die Küche geh'n, ich koch' ihn auf." Liese nimmt die Tassen und folgt ihr. "Was meinst du damit?", fragt sie. "Es ging mir ja nicht nur um Martin, sondern auch um euch. Ich wollte einfach bei euch dabeisein." "Na, da hast du's aber wirklich dämlich angestellt."

"Ich hab' nicht gleich gemerkt, was Martin für'n süßer Kerl ist, und als ich's gemerkt habe, konnte ich nicht mehr widerstehen; ich war ja auch selber noch ziemlich unerfahren, im Vergleich zu jetzt." "Das hat man dir aber nicht angesehen." "Ja, danke. Man kann eben nie richtig in die Leute reingucken." "Man kann nicht mal 'n bisschen reingucken." "Ja, genau", sagt Ina und schenkt ein. "War das jetzt deine Tasse?" "Glaub' ja, ist doch egal." "Mir auch."

"Und wieso ist es dann mit Martin nicht mehr weitergegangen?" "Das habe ich dir doch schon gesagt." "Nein, hast du nicht." "Nicht? Ich dachte. Na ja, es ist eben irgendwann vorbei damit. Man kann es nicht erklären. Hast du das nicht auch schon erlebt?" "Vielleicht ganz früher, ich hatte einen Freund, der hieß Ansgar ... Mensch, jetzt komm' ich nicht mal mehr auf seinen Nachnamen." "Siehst du." "Was heißt 'siehst du', das war was anderes." "Nämlich?" "---" Liese müsste womöglich zugeben, daß sie sich damals ebenso mies verhalten hatte wie Ina, wenn nicht in diesem Moment die Tür aufgehen und Inas Vater erscheinen würde.

Er trägt einen dunklen Anzug, eine rote Krawatte, und er hat leicht angegrautes Haar. Liese hat ihn anders in Erinnerung, aber jetzt findet sie ihn ziemlich gutaussehend. Er hält zwei oder drei Blatt Papier in der Hand. "Hier bist du, Liebes", sagt er und sein Blick fällt gleich auf Liese. "Wieso sitzt ihr denn in der Küche?" "Ich habe den Kaffee nochmal aufgekocht. Vater, das ist Lieselotte Reichelt, von der ich dir erzählt habe." Liese denkt vorsichtshalber an Mohnkuchen mit Neuschnee. "Ah ja", murmelt er.

Er reicht ihr die Hand, sie springt auf und gibt ihm ihre. "Ich hoffe, Ina hat nur gutes über mich erzählt." Er lächelt kurz und geht nicht darauf ein, stattdessen sagt er "Ina, kannst du bitte mal diese Liste prüfen." "Ja, Vater." Sie nimmt ihm die Blätter ab und legt sie auf den Tisch. "Ich bräuchte sie bis morgen", sagt er, wendet sich um und verlässt die Küche, ohne Liese noch einmal zu beachten. Sie ist ein bisschen enttäuscht.

"Was ist das?", fragt sie Ina, um das Gespräch endlich in eine andere Bahn zu lenken. "Das sind Listen über die Produktion bestimmter Teile." "Und du überprüfst das?" "Ja." "Kann ich mal sehen?" "Klar." Sie gibt sie ihr. Es stehen nur unverständliche Bezeichnungen darauf: PKD-055, SIM-111, 204-EUGEN.

"Kannst du nichts mit anfangen, oder?" "Nein." "Das sind Tarnbezeichnungen für alle möglichen Waffenteile, zeig' mal, DH-900 ist zum Beispiel ein Propeller." "Für Flugzeuge?" "Nee, so ein ganz kleiner Propeller, eigentlich bloß ein Windrad, das gehört, glaub' ich, an eine Bombe vorne dran." "Und was ist TOL-047?" "Das ist eine Klappe für einen Sehschlitz beim Panzer." "Und KLARA-88?" "Willst du mich jetzt abfragen?" "Na?" "KLARA-88? Ach, das ist eine Düse." "So so, eine Düse", lacht Liese und weiß selbst nicht warum. Ina sagt mit Nachdruck "Ja! Eine Düse, die wir früher in einem Gasbadeofen verwendet haben, und die jetzt bei einem Flammenwerfer eingebaut wird." Liese sieht Ina groß an, sie will nicht glauben, wovon sie redet.

"Du weißt über alle diese Teile Bescheid?" "So viele sind es gar nicht", schwächt Ina ab, aber sie genießt Lieses Erstaunen. "Machst du das deinem Vater zuliebe?" "Natürlich, wofür denn sonst?" "Du bist mir immer wieder ein Rätsel, Ina Seybold." "Die Sache ist doch die", erklärt Ina, "mein Vater hat seine ganze Produktion auf den Krieg umgestellt." "Ich weiß. Da sind ja auch tschechische Fremdarbeiter bei euch beschäftigt."

"Inzwischen nicht mehr, die Wirtschaftsabteilung von der Gauverwaltung hat ihm russische Kriegsgefangene in den Betrieb gesetzt. Wenn er dagegen gewesen wäre, hätten sie womöglich die Betriebsleitung übernommen." "Wer?" "Irgendwelche Parteibonzen, die hat er sowieso gefressen." Dann sagt sie eindringlich "Aber das bleibt unter uns, hörst du!" "Ja." "Mein Vater hat seit einiger Zeit gesundheitliche Probleme."

"Was denn?" "Nichts Körperliches, aber mit dem Gedächtnis, er vergisst andauernd was, und er kann sich nicht mehr so gut konzentrieren wie früher, also zum Beispiel beim Rechnen. Und solche Listen - davor graut es ihm inzwischen schon." "Und deshalb machst du das jetzt?" "Ja, schon 'ne ganze Weile. Und nicht nur das. Ich mache auch etliches andere im Betrieb, in der Buchhaltung und so." "Hat er denn keinen richtigen Buchhalter?" "Doch, aber der ist total unfähig. Was der kann, kann ich auch."

"Und dich muss dein Vater nicht bezahlen." "Natürlich bezahlt er mich." "Dann steigst du ganz in das Geschäft ein?" "Wahrscheinlich." "Das ist ja ... ich meine ... ich finde das toll." "Wirklich?" "Zutrauen würde ich dir's auf jeden Fall." "Na, zutrauen würde ich mir's auch allemal. Es ist nur ..." Ina legt abermals ihre Hand auf Lieses Arm. "Was hast du denn eigentlich vor in Zukunft zu tun?" "Was?" "Sag' bloß nicht, du hast noch nie drüber nachgedacht." "Doch schon."

"Überleg' mal: einen richtigen Schulabschluss kriegen wir nicht, gelernt haben wir sowieso nichts, eine Arbeit, die einem gefallen würde, gibt's nicht mehr." "Und einen richtigen Mann kriegen wir vielleicht auch nicht." "Wieso?" "Na, wenn sie alle im Krieg bleiben, oder in Gefangenschaft geraten, ich seh's doch bei meiner Schwester." "Genau. Keine rosigen Umstände, würde Teresa sagen." "Na, die schlägt sich schon alleine durch, da hab' ich keine Sorge." "Nee, um die hab' ich auch keine Sorge, das ist aber auch nicht meine Aufgabe, mir um andere Sorgen zu machen. Jetzt heißt es doch aufpassen, daß wir nicht selber auf der Strecke bleiben, oder?"

"Macht ihr denn eigentlich noch Gewinn?", fragt Liese im geschäftsmäßigen Ton und deutet auf die Liste. "Ja", sagt Ina verhalten. "Aber?" "Die Frage ist doch: Wie lange dauert der Krieg noch? Und die zweite Frage ist: Wie geht er aus? Glaubst du an den Endsieg?" Liese zuckt mit den Schultern. "Und du?"

"Die Wehrmacht baut jetzt so eine Art Wunderwaffe, wir fertigen da auch was dafür. Die soll angeblich die Wende bringen." "Was für eine Wende?" "Die soll den Krieg für uns entscheiden. Sag' mal, verfolgst du denn gar nicht die Nachrichten?" "Doch, meistens." "Ich weiß nicht. Kann natürlich sein, daß diese Wunderwaffe ..." "Das ist so eine Rakete, stimmt's?" "Ein unbemanntes Flugzeug, eigentlich eine fliegende Bombe. Die Dinger haben in England schon ziemlichen Schaden angerichtet. Aber ob man mit einer Waffe den Krieg gewinnen kann, wo tausend andere Waffen dagegen stehen?"

"Das lässt sich bezweifeln", meint Liese ernsthaft. Ina lacht, gibt ihr einen sanften Klaps gegen die Stirn und sagt "Ach Liese, du bist so ein gescheites Mädel, aber manchmal doch so naiv!" "Streite ich gar nicht ab. Hat mir aber auch noch nie wirklich geschadet." "Ja, glaub' ich gern."

Dann sagt Ina "Eigentlich wollte ich dich dazu bewegen, mit mir zusammen zu arbeiten." "Die Wunderwaffe zu bauen?", meint Liese ironisch, aber Ina fährt fort "Falls es doch schlecht für uns ausgeht und wir den Krieg verlieren ... hör' mal, du musst mir schwören, daß du kein Sterbenswörtchen über das alles verlierst, zu niemandem!" "Ja, ich schwör's." "Gib' mir deine Hand drauf." Sie tut es.

"Also, wenn wir den Krieg verlieren, dann sieht's überhaupt nicht so schlecht aus für uns, solange wir nur verhindern, daß der Russe nicht alles klaut und fortschleppt." "Die Zwangsarbeiter?" "Nee, wenn der Russe als erster Dresden erobert." "Und nicht die Alliierten." "Genau." "Sieht das dein Vater genauso?" "Ja. Wir haben lange darüber gesprochen."

Dann stellt Ina die rhetorische Frage "Was braucht denn die Bevölkerung nach dem Krieg?" "Was zu essen", sagt Liese. "Ja klar, und dann?" "Hm." "Wie wär's mit einem neuen Ofen? Der nächste Winter kommt garantiert, dem ist es pupsegal, wer den Krieg gewonnen oder verloren hat. Und als nächstes einen Badeofen oder zumindest etwas, womit man Wasser bequem heiß machen kann." "Denn Freitags wird gebadet, wie früher", ergänzt Liese. "Aber wieso heiratest du nicht einfach jemand, der die Firma von deinem Vater später übernimmt?"

Ina antwortet nicht gleich, dann meint sie "Erstens hast du vorhin selber gesagt, daß nicht so leicht einer zu finden ist, jedenfalls kein geeigneter. Und zweitens, na ja, vielleicht bin ich wirklich durch meine Jugendsünden ein bisschen geschädigt worden. Ich glaub' schon fast nicht mehr daran, daß ein Mann es besser machen könnte als ich - oder als wir ... Frauen. Nicht mal genauso gut." "Siehst du, das ist vielleicht die gerechte Strafe für deine Ausschweifungen", sagt Liese endlich mal wieder triumphierend, "Männer holen sich schlimmstenfalls einen Tripper, aber Frauen verlieren das Vertrauen." Sie müssen beide herzlich lachen.

Nach dem Besuch bei Ina musste Liese noch lange über das nachdenken, was sie beredet hatten, selbstverständlich hielt sie sich an die Abmachung und erzählte niemandem etwas davon. Sie hatte Ina versprochen, sich ihren Vorschlag durch den Kopf gehen zu lassen, aber ehrlich gesagt erschien ihr der Plan ziemlich unausgereift.

Ina mochte sich die Sache gut überlegt haben und offenbar konnte sie von ihrem Vater sogar Rückhalt und Unterstützung dafür erwarten; wahrscheinlich musste er ja mit Ina Vorlieb nehmen, da er keinen Sohn hatte, der den Betrieb weitergeführt hätte. Ina war dafür sicher nicht ungeeignet, gestand Liese zu, wenn sie sich auch nicht erklären konnte, wie sie zu solchen technischen Dingen überhaupt eine Beziehung finden kann.

Jedenfalls konnte sie nicht von ihr verlangen, daß sie sich mit dem Bau von Badeöfen befasst; 'wahrscheinlich hat sie mich eher für's Geschäftliche vorgesehen', dachte sie, obwohl sie da auch nicht so viel Ahnung hat (wenn man mal von dem durchaus erfolgreichen Verkauf von Pflaumentoffeln auf dem Striezelmarkt absieht).

Vielleicht hat sie auch noch was ganz anderes vor, worüber sie jetzt noch nicht sprechen will. Aber alles in allem gab es zu viele Unwägbarkeiten, Ina hatte ja selbst gesagt, daß die Zukunft ungewiss wäre und man im Grunde mit allem rechnen müsse, und das ist auch Lieses Meinung.

Da ertappte sich Liese dabei, daß sie ihre eigene Unschlüssigkeit zu begründen suchte. In Wahrheit fühlte sie sich Ina gegenüber nicht gewachsen, um mit ihr eine solche Unternehmung zu beginnen. Sie befürchtete, daß Ina (vielleicht nicht gleich, aber sicher später) über sie bestimmen könnte, mit der Rechtfertigung, daß sie, Ina, es gewesen ist, die ihr die einmalige Chance geboten hatte, und das würde Liese natürlich nicht ertragen.

Auch wenn sie beide, wie es aussieht, das Kriegsbeil begraben haben, und Liese das Gefühl hatte, Ina habe sich (allein schon durch ihr vertrauliches Gespräch) in gewisser Weise bei Liese dafür entschuldigt, was sie ihr angetan hatte - also auch wenn jetzt zwischen ihnen alles in Butter ist, dachte Liese, so vernahm sie dennoch eine innere Stimme, die sie davor warnte, sich mit Vereinbarungen an Ina zu binden, deren Folgen sie nicht abschätzen konnte, und die sich - das war keineswegs für immer und ewig ausgeschlossen - irgendwann für Liese zum Nachteil, wenn nicht gar zum Schaden entwickeln können.

Ina als gute Freundin - dagegen ließ sich jetzt nichts mehr einwenden; aber von ihr in irgendeiner Weise abhängig zu sein, und sei es auch nur, indem Liese es nicht ungern hörte, wenn Ina ihr sagte, sie habe mehr auf dem Kasten als viele andere - nein, davon würde sich Liese niemals überrumpeln lassen! Und wer weiß! Vielleicht ist Ina Seybold ja doch die raffinierte Schlange, die versucht, auf diese Weise Liese vollends auf ihre Seite zu ziehen und sich ergeben zu machen, wie sie es mit Martin getan hatte.

Oh, Liese fiel es so schwer, eine Entscheidung zu treffen, um welche Ina sie zum Schluss gebeten hatte. Und wie um davon loszukommen, stürzte sie sich in ihre neue Beziehung zu Charlie, der ja offenbar nur darauf wartet.

Sie ging mit ihm zum Tanz in die Gaststätte am Wasaplatz, es gefiel ihr gut, und Charlie machte viele Pausen, er hatte extra jemanden mitgebracht, der solange für ihn spielt. Allerdings nicht so perfekt wie Charlie, den sie anscheinend alle bewunderten. Liese ging jedesmal an seinem Arm mit nach vorn und sie bemerkte, wie die anderen zu ihnen herschauten.

Dann stellte sie sich an die Seite, trank etwas, hörte der Musik zu und wartete auf ihn. "Du kannst ruhig mit jemand anderem tanzen", sagte Charlie, "das macht mir nichts aus." "Mir aber." Sie achtete auch darauf, daß er nichts mit anderen Mädchen anfängt, sie sah jeden Blickkontakt, jedes Lächeln, jeden Wink, die ihm zugeworfen wurden, und sie staunte darüber, wie beliebt er ist. Aber das bedeutete für sie harte Arbeit, wenn sie ihn für sich allein haben will, dachte Liese.

Zwischendurch verdrückten sie sich in einen halbdunklen Winkel (Charlie wusste, durch welche Tür man in den Hinterhof kommt) und dort küssten sie sich, und er ließ eine Hand über ihren Körper gleiten, und mit der andern streichelte er die Stelle am Nacken unterm Haar, was ihr wohlige Schauer verursachte. Überhaupt war er dabei so geschickt und einfühlsam wie beim Gitarre spielen, und Liese war überzeugt, daß er gerade erst angefangen hatte, sie mit seinen Kunststücken zu überraschen.

Er erklärte ihr auch, daß viele Gitarristen in dem Instrument den Körper einer Frau erblicken, die sie liebkosen möchten. Liese wollte eine Bemerkung über die Saiten machen, die so straff vor das Loch gespannt sind, aber dann fand sie das kindisch und verkniff es sich und fragte ihn stattdessen, ob er schon mal jemand so richtig geliebt habe.

"Was verstehst du darunter?", fragte er zurück. "Na, so richtig mit Haut und Haar, ich meine, mit allen Fasern, wenn der Verstand vollständig ausgeschaltet ist, wenn du nur mit den Sinnen liebst." "Wenn du völlig in den andern übergehst, dich in ihm auflöst?" "Ja genau! Wenn du glaubst, du würdest mit ihm ..." "Verschmelzen." "Verschmelzen! Hast du das schon erlebt?" "Hast du?", stellte er die Gegenfrage.

"Ähm, vielleicht nicht bis zu dem Punkt. Und du?" "Ich glaub', ich war schon mal nahe dran." "Ja, nahe dran war ich glaube auch, aber ..." "Man meint, es geht noch ein Stück weiter." "Noch lange kein Ende in Sicht." "Und da willst du hin?", fragte Charlie und schaute ihr tief in die Augen. "Ja, so weit es geht." "Hast du kein bisschen Angst davor?" "Nicht, wenn du mitkommst."

Sie gingen spazieren, sie gingen tanzen, einmal an einem milden Abend lagerten sie sich ans Ufer der Elbe, gegenüber den Schlössern, sie tranken Wein aus der Flasche und legten sich auf eine Decke (Charlie hatte für alles gesorgt), es kam ziemlich weit beim Liebesspiel, aber dann wurde ihr ein bisschen übel vom Wein, und sie musste plötzlich an die verfluchte Pille denken, die ihr der Student gegeben hatte, und sie bekam so etwas wie eine Blockade.

Und ein andermal, als sie draußen ein Fleckchen gefunden hatten, und Liese diesmal wohlweislich auf alles andere verzichtete, wurden sie von einer Polizeistreife überrascht, die sie mit der Taschenlampe anleuchtete. Sie hatten auch einen Schäferhund dabei. Der eine Polizist wollte ihre Namen wissen, und Charlie sagte "Joachim Luck", und daraufhin sagte Liese "Carla Selling". "Sie dürfen um diese Zeit nicht hier draußen biwaken", sagte der Polizist, und der Hund hechelte. "Was dürfen wir nicht?", fragte Liese. "Er weist uns darauf hin, daß wir uns eine schlechte Stelle ausgesucht haben", erklärt ihr Charlie. "Dann geh'n wir besser woanders hin." "Tun Sie das. Am besten nach Hause, möglich, daß heute noch Fliegeralarm ist." "Danke für den Hinweis", sagte Charlie und nahm Liese bei der Hand. Die meinte dann "Die waren wenigstens nicht so grantig wie manche andere." "Ach ja? Hast du schon so viel Erfahrung mit der Polizei gehabt?", entgegnete Charlie etwas gereizt.

Er teilte sich ein Zimmer mit einem Kumpel, im Dachgeschoss eines Hauses in der Alaunstraße. Der Kumpel lebte von der Wohlfahrt, er hatte irgendein Gebrechen, mit dem er weder arbeiten noch gezogen werden konnte, aber er besaß genügend Geld, um die Miete für das Zimmer zu bezahlen, und Charlie wohnte dort praktisch umsonst.

Das erzählte er Liese nebenbei und eigentlich auch nur, um ihr zu erklären, warum sie sich nicht einfach ungestört bei ihm ins Bett legen und lieben können, denn dieser Mitbewohner ging so gut wie nie aus, und Charlie besorgte für ihn sogar Brot und Bier und was er so haben wollte, und darüber war Charlie natürlich gar nicht erfreut. Liese konnte den Typen überhaupt nicht ausstehen, deswegen fiel Charlies "Wohnung" weg.

Und bei ihr zuhause scheute sie die peinlichen Unterredungen mit ihrer Mutter. Vielleicht wären sie ja gar nicht peinlich gewesen, aber allein der Gedanke, daß Liese irgendetwas erklären sollte, was niemanden außer sie selbst (und allenfalls Charlie) angeht, war ihr zuwider. Sie hätte nie geglaubt, daß sie erst ihr halbes Leben lang nach einem Ort suchen muss, wo sie ihre Jungfräulichkeit loswerden kann.

Sie hatte zunehmend die Befürchtung, Charlie würde das Interesse an ihr verlieren, je länger sie es hinausschieben. Denn daß er sie nicht nur mochte, weil sie ein nettes und nicht dummes Mädel ist, das war ihr eigentlich von Anfang an klar. Charlie hatte wahrscheinlich eine Menge Freundinnen vor ihr gehabt, und trotz aller Anstrengung, darüber zu wachen, konnte Liese nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, ob er ausschließlich mit ihr zusammen ist.

Er ist zweifellos ungeheuer lustfixiert, dachte Liese, und all' seine romantischen Sprüche von der Gitarre als einem Frauenkörper und so weiter, das war natürlich auch seine Masche. Aber andererseits ist sie selber momentan ungeheuer lustfixiert, dachte Liese, und deshalb zieht seine Masche auch so gut bei ihr, ob sie das nun durchschaut oder nicht. 'Mag er meinetwegen leicht durchschaubar sein', dachte sie, 'das ändert aber nichts daran, daß er ein großartiger Liebhaber ist.' Und dann passierte etwas ganz Unvorhergesehenes.

Erst verlief alles normal. An diesem Tag musste Liese zu einer Veranstaltung auf der Elgen Kampfbahn, dem Sportstadion am Großen Garten. Die Mädchen aus ihrer Schule sollten bei der feierlichen Vereidigung der Soldaten im Block strammstehen und im rechten Augenblick jubeln.

Sie musste dafür sogar ihre BDM Uniform aus dem Schrank hervorkramen und anziehen, wenigstens passte sie noch; 'so schlecht sah ich da drin gar nicht aus', dachte sie vorm Spiegel und erinnerte sich an ihr BDM Lager, wo jeden Morgen Fahnenappell war und Schnitzeljagden veranstaltet wurden und Frau Seifhenner sie mit belehrenden Vorträgen quälte, und wo sie sich abends auf ihren Pritschen darüber unterhielten, ob man sich durch Küssen mit was anstecken kann, und bei diesen Erinnerungen entfuhr ihr jetzt ein Lacher.

Für den Nachmittag hatte sie sich mit Charlie verabredet, und obwohl sie jetzt in ihrer Uniform eine ganz nette Figur machte, würde sie ihn damit wohl kaum begeistern, und die Strumpfhose, na die lässt sich auch nicht so ohne weiteres aus dem Weg räumen. Also müsste sie sich dann erst schnell zu Hause umziehen, bevor sie zu ihm geht.

Zufällig traf sie an der Ilgen Kampfbahn Bärbel Ruminsky, sie begrüßten sich. (Bärbel hätte sich nie so an den Hals geworfen wie beispielsweise Ina, sie war immer freundlich, aber auch ein bisschen unzugänglich gewesen.) Sie tauschten ein paar Neuigkeiten aus, und Liese fiel ein, daß Bärbels Bruder sich seinerzeit auch auf seinen Kampfeinsatz vorbereitet hatte. Wo er denn jetzt wäre, wollte sie wissen, aber Bärbel konnte weiter nichts darüber berichten, außer daß er "irgendwo in der Nordsee" stationiert sei.

Dann mussten sie Aufstellung nehmen (ein Offizier versuchte, sie zusammenzuhalten) und marschierten "in Formation" ins Stadion. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis alles an seinem Platz war und die Lautsprecher funktionierten, und dann wartete man, wie es hieß, auf den Gauleiter und den Stadtkommandanten, ohne die es nicht losgehen würde.

Dann klappte alles wie am Schnürchen, der Gauleiter hielt eine kurze Ansprache, sie jubelten im richtigen Moment, es erklang eine Musik und die Soldaten wurden feierlich vereidigt, das Mädchen rechts neben Liese musste sogar heulen. Dann marschierten sie ab. Als Liese nach der Uhrzeit sah, bekam sie einen Schreck, durch die Einweisung am Anfang und die Warterei auf die Oberen hatte sich alles verzögert, sie musste sich beeilen, wenn Charlie nicht ungeduldig werden sollte, was er, wie sie weiß, gar nicht verknusen kann.

Sie ist schneller, wenn sie rennt, statt erst auf die Straßenbahn zu warten, denkt sie, und sie kommt ganz schön außer Puste. Und als sie auf der Canaletto Straße ist und an der Häuserfront entlang spurtet, kommt aus einem Durchgang jemand heraus und sie krachen voll aneinander. Liese wäre beinahe zu Boden gegangen, aber der andere hält sie geistesgegenwärtig am Arm fest. "Hoppla, Liese!" Da sieht sie erst, wer es ist.

"Robert!" "Ist alles in Ordnung?", fragt er. "Ja, geht schon, Mann hast du 'ne harte Schale." Er lacht. "Nein, das war meine Werkzeugtasche, da bist du wohl dagegen gestoßen. Ist wirklich alles klar? Du hast so'n roten Kopf." "Ich bin die ganze Zeit gerannt", sagt sie und schöpft Atem. "Ach so. Ich hätte dich jetzt beinahe nicht erkannt, in der Kluft." "Na ja, hab' ich auch nur heute an, aus feierlichem Anlass sozusagen."

Anstatt sich zu verabschieden und schnell weiterzukommen, rührt sie sich nicht von der Stelle und sagt "Mit dir hätte ich jetzt am allerwenigsten gerechnet. Was machst du hier überhaupt?" "Hab' hier bei jemandem eine Nähmaschine repariert." "Ach so, da bist du ja ein Experte drin", sagt sie und schaut ihn an, und er schaut sie an, und auf einmal gibt es einen Riesendonner und es fängt an zu regnen, obwohl es doch gar nicht bewölkt war, und es prasselt regelrecht auf sie nieder, und Robert sagt "Komm' mit hier rein, da können wir uns unterstellen."

Und im nächsten Moment stehen sie in dem Durchgang, und Robert drückt sie gegen die Wand und sie pressen ihre Lippen aufeinander und schieben ihre Zungen einer dem andern in den Mund. Draußen hasten die Leute im strömenden Regen vorbei, und die beiden wälzen sich an der Hauswand entlang nach hinten in den Hof, und vor Erregung beißt sie ihn in die Unterlippe und Robert schreit: Au! und sie stammelt: Verzeihung! Verzeihung! und saugt das Blut davon ab.

Sie rammeln gegen die Tür von einem Fahrradschuppen und Robert stößt sie auf und sie drängeln sich hinein und ohne aufzuhören, an Liese herumzufummeln, gibt er der Tür einen Tritt, daß sie zuknallt und die ganze Bude wackelt.

Da steht ein alter Küchentisch, da hievt er sie drauf, und sie fängt an zu keuchen, und er macht seine Hose auf und lässt sie halb runter rutschen und Liese, breitbeinig, greift nach seinem Glied und erschrickt und es schießt ihr durch den Kopf 'Du lieber Himmel, das überleb' ich nicht!' und Robert kommt immer näher heran mit seinem harten Schwengel, und es wird allerhöchste Eisenbahn, daß sie die Strumpfhose los wird. Sie stützt sich mit den Armen nach hinten ab, hebt das Becken an und ruft "Zieh' sie mir aus! Los! Mach! Zieh! Mach!"

Aber genau in dieser Minute beginnt die süße Rache der BDM Strumpfhose, dafür, daß sie so lange in der tiefen Finsternis von Lieses Schrank darben musste, ungeachtet des treuen Dienstes, den sie Liese einst im Lager geleistet hatte, als es nachts im Zelt so kalt war.

Robert zerrt an dem Ding, das jetzt ungefähr so elastisch ist wie Ziegenleder (mit einem Eisenring als Bund) und nur mit aller Kraft kriegt er sie über ihren Po und hinab bis zu den Waden (der Schlüpfer folgt ihr aus alter Verbundenheit). Robert packt ihre Beine und drückt sie nach oben, und Liese beugt sich rückwärts, und sein Glied ist schon fast an ihrer Schatulle und sie spürt es da pulsieren wie ein aufgeregtes Vogelherz.

Aber die unbarmherzige Strumpfhose zwischen ihren hochgestreckten Beinen spannt sich quer über Roberts Gurgel und drückt ihm schier die Luft ab, und während er unten mit seinem Stemmeisen vorrückt, muss er oben aus Atemnot zurückweichen, und er hört Liese stöhnen vor Verlangen, und indem sein Schwengel ihre Spalte bloß streift, verspritzt er sein Elixier in mehreren fetten Portionen auf ihren Unterleib.

Sie weiß nicht genau, was los ist, er tritt zurück und sie senkt ihre Beine herab und dann zieht sie ihn fest an sich und drückt, den Hintern auf der Kante des Tisches, ihre Scham gegen das, was gerade noch ungeheuer groß und hart war und jetzt unversehens in sich zusammenfällt, als würde alles innendrin die Flucht ergreifen.

Er senkt den Kopf, und sie vergräbt ihre Finger in seine Haare, und sie verharren einen Moment so, dann löst er sich und schaut zu dem Fensterchen und nach draußen und sagt "Ich glaube, es hat aufgehört." Sie nimmt ihre Hände weg und sagt "Ja, scheint so." Er zieht seine Hose hoch, und sie bringt ihre Uniform in Ordnung. Sie gehen über den Hof und durch den Torbogen auf die Straße. Sie sagt "Ich muss da lang." "Ja, dann ... bis bald." "Ja, bis bald mal." Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange und dreht sich um und läuft weg.

Sie ging nach Hause und verdrückte sich in ihr Zimmer, sie setzte sich aufs Bett und dachte eine Weile an gar nichts. Dann klopfte ihre Mutter an. "Liese? Bist du da?" "Ja, was ist?" Sie kam nicht herein. "Ich wollte dir bloß sagen, daß ich morgen zu Tante Helgard gehe, falls du mitkommen willst." "Ich überleg' mir's noch, ja?" "Ja gut." "Ist sonst noch was?" "Nein. Bei dir?" "Nein Mama, ich bin ein bisschen müde, wir hatten heute so einen Aufmarsch auf der Elgen Kampfbahn." "Du hast dich hoffentlich nicht erkältet?" "Nein, glaube nicht."

Die Mutter war weg, Liese ließ sich seitwärts aufs Bett fallen, sie schob beide Hände unter den Kopf und zog die Beine an. Als sie aufwachte, war es schon dunkel. Sie hörte Vater und Mutter reden. Sie stand auf, zog die Sachen aus und streifte das Nachthemd über, dann schlüpfte sie unter die Bettdecke. Sie fühlte sich nicht gut. Sie fühlte sich aber auch nicht schlecht.

Am nächsten Tag, es war Samstag, schlief sie bis Mittag, stand dann auf, machte sich einen Kräutertee, ging damit zurück in ihr Zimmer, setzte sich mit angezogenen Beinen auf den Sessel und beschloss, sich zu sammeln. 'Ich muss mich sammeln', dachte sie. Als sie den Becher halb geleert hatte, stand sie auf, nahm aus den Sachen, die sie achtlos über den Stuhl geworfen hatte, die Strumpfhose, schlang sie zu einem Knäuel zusammen und ging in die Küche. Die Mutter war mit dem Mittagessen beschäftigt.

Liese passte einen Moment ab, in dem sie unbemerkt die Strumpfhose in das Feuerloch des Herds stopfen konnte. Sie schloss die Klappe und atmete erleichtert auf. Dann ging sie zurück ins Zimmer. Nach fünf Minuten rief die Mutter: "Walter! Walter! Mit dem Herd stimmt was nicht."

Der Vater, der im Wohnzimmer Zeitung gelesen hatte, kam in die Küche, und Liese kam auch herzu, und aus allen Ritzen des Herds und aus dem Ofenrohr kam ein beißender Qualm hervor und verbreitete einen fürchterlichen Gestank. "Was ist das?", rief die Mutter. "Ich hab' grad was reingesteckt", gab Liese zu. "Um Gottes willen, was denn?" "'ne alte Strumpfhose."

Der Vater öffnete die Klappe, und eine dicke graue Wolke schlug ihm entgegen. "Schnell, einen Wassereimer!" "Mit Wasser?" "Willst du's löschen?" "Halbvoll." "Liese!" Sie füllte ihn halbvoll mit Wasser, und der Vater holte mit dem Schürhaken das rauchende Knäuel heraus und ließ es in den Eimer plumpsen. "Das ist eine von deinen Strumpfhosen?", fragte die Mutter ungläubig. "Ja, 'ne uralte." Beim Anblick des angesengten, hässlichen, fleischfarbenen Klumpens wurde Liese übel, sie rannte zum Klo und musste sich übergeben.

Später wickelte sie das Drecksding in eine Zeitung ein (wobei sie sich angeekelt abwendete) und warf es in den Müll. Die Stadtreinigung arbeitete nur noch eingeschränkt, und bei der allgemeinen desolaten Lage der öffentlichen Dienste war es gut möglich, daß die BDM Strumpfhose auch diese Tortur überstand.

Es dauerte drei Tage, bis sich in der Küche der Gestank verzogen hatte. Der Vater war verärgert, daß Liese seine Zeitung mit weggeworfen hatte, die war zwar vom vorletzten Monat, aber es erschienen jetzt keine neuen mehr. Die Mutter fragte sie "Willst du noch mehr von deinen Sachen verbrennen?" "Nein, das war erstmal alles." Dann saß Liese wieder gedankenversunken auf der Bettkante.

Eine Zeitlang heulten fast jeden Abend die Sirenen wegen Fliegeralarm, und alle Hausbewohner mussten in den Luftschutzkeller. Der Vater hatte immer eine Tasche griffbereit, in der die Gasmasken und ein paar andere nützliche Dinge waren. Außerdem hatte er alle wichtigen Familiendokumente sowie ein paar Photos in eine Ledermappe gesteckt, die war auch immer dabei.

Er hatte Liese und der Mutter eingeschärft, daß sie bei einem Bombenangriff immer versuchen müssen zusammenzubleiben, "aber nicht um jeden Preis", hatte er hinzugefügt. Und falls sie getrennt werden, sollte jeder, sobald sich die Lage entschärft habe, wieder hierher zurückkehren, und dann mit einem Stück Kreide an eine freie Stelle an der Hauswand ein Lebenszeichen schreiben, zum Beispiel: "Walter, ich lebe, Liese" oder entsprechend mit ihren Namen. Liese lief bei seinen Erklärungen ein Schauer über den Rücken, er hatte sich schon alles genau überlegt; das mit den Lebenszeichen hatte er von dem Angriff auf Hamburg erfahren.

"Aber woher sollen wir die Kreide nehmen?", fragte Liese, und er holte aus der Notfall Tasche ein Tuch heraus, in das drei weiße Kreidesteine eingewickelt waren. "Das war der Stein, den ich mitgebracht habe, als wir alle vor zehn Jahren auf Rügen waren." "So lange ist das schon wieder her?", sagte die Mutter. "Den hast du zerklopft?" "Ja." "Und Regina?", fragte Liese. "Hat auch einen."

Im Keller war es jedesmal rappelvoll, und nach kurzer Zeit wurde es stickig, und das fahle Licht war unerträglich. Herr Kolmar, der Luftschutzwart, versucht, Ruhe und Ordnung durchzusetzen, er weist jedem seinen Platz zu, aber manche ignorieren seine Anweisungen. Es sind auch ein paar kleine Kinder im Haus, die nicht stillsitzen können, und zwei oder drei Säuglinge, die manchmal unentwegt bläken. Der Durchgang zum Nachbarkeller ist bereits geöffnet worden, aber dort ist es genauso.

Meistens herrschte betretenes Schweigen im Keller, aber wenn man redete, dann ging es nach ein paar Sätzen um die Kriegslage, und Liese schien es, daß alle eine bestimmte Meinung davon hatten, aber offenbar jeder eine andere. In Wahrheit wusste niemand, wie es wirklich außerhalb der Stadt aussieht, und die es vielleicht besser wussten, redeten nicht darüber oder wichen aus, wie zum Beispiel der Herr Weigand, der immer bloß sagte "Na, da brate mir doch einer 'nen Storch!"

Der Vater hatte ihr und der Mutter auch eingeschärft, sie sollten niemals etwas schlechtes über die Wehrmacht oder über die Partei sagen, am besten gar nichts, weil man nicht wissen kann, wer das mitanhört und sie dann denunzieren würde. "Denn", so fügte er hinzu, "schon im Evangelium heißt es: 'Die Feinde des Menschen werden seine eigenen Hausgenossen sein!'" Das war übrigens das einzige Mal, daß Liese ihn etwas aus der Bibel hatte zitieren hören.

Liese hielt Ausschau nach Dolores, und einmal ging Dolores an ihr vorbei und bemerkte sie, tat aber nicht dergleichen. Beim nächsten Mal saß sie ihr gegenüber auf der schmalen Bank an der anderen Wand, direkt unter dem Kellerfenster. Sie sagte nichts und schaute vor sich hin, sie hatte immer noch den dicken Zopf und die große Brille, und sie hielt ihre Gasmaske auf den Knien fest, und manchmal glaubte Liese zu erkennen, wie sie zittert.

Drei oder vier Mal trafen sich ihre Blicke, aber Liese konnte nichts herauslesen, das für sie bestimmt sein könnte. Sie dachte über Dolores nach, die angeblich das alles schon einmal mitgemacht hat. Sie weiß, was passieren wird, sie hat auch immer noch diesen Ausdruck in den Augen. Aber wahrscheinlich weiß sie nicht, was diesmal mit ihr passieren wird, und deshalb zittert sie und fingert nervös an ihrer Gasmaske herum.

Wahrscheinlich hat sie gar keinen Freund, dachte Liese. Sie hatte sich das bloß ausgedacht, um Liese damit zu beeindrucken, und Martin natürlich. Wahrscheinlich hat sie sich so sehr einen gewünscht, daß sie ein Phantasiegebilde daraus gemacht hat, das sie dann in die Wirklichkeit verpflanzt hat. Aber in Wahrheit ist sie noch niemals von einem Jungen auch nur geküsst worden. Die einzigen Jungs in ihrem Leben waren ihre beiden Brüder, ihr Ein und Alles, das ihr der Feind entrissen hatte. 'Großer Gott!', erschrak Liese, 'was für ein Schwachsinn braut sich in meinem Kopf zusammen! Das muss an der üblen Luft liegen, die verdirbt einen vollends.' Und sie nahm sich vor, nie mehr schlecht über Dolores zu denken.

Natürlich waren alle froh, als Entwarnung gegeben wurde und sie in ihre Wohnungen zurück durften. Aber niemand konnte übersehen, daß sich die Aufenthalte im Keller häuften. Einmal meinte jemand, sie hätten Glück, daß es in Dresden keine bedeutenden Industrieanlagen gebe, die der Feind bombardieren will, und das, was "von strategischer Bedeutung" wäre, läge nicht hier in der Johannstadt, wie beispielsweise die Kasernen in der Albertstadt oder der Friedrichstädter Verschiebebahnhof. (Den hatte Liese in zweifelhafter Erinnerung.)

Sie musste auch an das Mädchen denken, das bei der Vereidigung neben ihr geheult hatte, und ihr fiel ein, daß womöglich ihr Freund bei den Soldaten dabei gewesen war, die eingezogen wurden. Was für ein Glück hatte Liese dagegen, daß sie nicht um einen Liebsten weinen musste, der vielleicht auf Nimmerwiedersehen in den Krieg zieht, jetzt noch, wo alle Welt schon an danach denkt.

Aber was bedeuteten ihr dann die Freunde, die sie bis jetzt gehabt hatte? Von Geliebten wollte sie ja gar nicht sprechen! Warum waren sie hiergeblieben? Warum waren sie mit Liese zusammen gewesen, hatten sie geküsst, sie gestreichelt, ihr Komplimente ins Ohr geflüstert, beinahe mit ihr geschlafen! Was für einen Sinn hatte das gehabt?

Und was wäre jetzt anders, wenn sie nicht mit Martin oder mit Charlie oder Robert zusammengewesen wäre. Und das mit Robert konnte man auch nicht ein Zusammensein nennen. Obwohl sie letztlich gerade aus der Geschichte mit Robert die Lehre ziehen könnte, daß sich manche Beziehungen zwischen Junge und Mädchen vollkommen unsichtbar im Verborgenen entwickeln und dann irgendwann mit geballter Wucht ausbrechen. Na ja, vielleicht stimmte das auch nicht ganz. Und außerdem wollte sie gar keine Lehren aus etwas ziehen, das offensichtlich dann doch schiefgegangen ist.

Sie musste unbedingt eine grundsätzliche Entscheidung treffen, denn so konnte sie nicht weitermachen. Es gab für sie nur einen gangbaren Weg: sie würde sich mit keinem Jungen mehr einlassen, bis sie dem richtigen begegnet! Das war zwar ein guter Vorsatz, aber ihn in die Tat umzusetzen, dabei kamen ihr gleich wieder Bedenken. Denn woher sollte sie auf Anhieb wissen, daß es der richtige ist?

Gibt es wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick? Bei allen ihren bisherigen Freunden hatte es das nicht gegeben, dachte Liese. Aber das beweist im Grunde gar nichts! Im Gegenteil, es gab ihr die Gewissheit, daß sie es erkennen würde, wenn es der Fall ist, weil es anders wäre als bisher. Und es gab ihr, trotz aller Enttäuschungen, das nötige Selbstvertrauen, um noch einmal ihr Glück zu versuchen.

Charlie hatte sich nicht gemeldet, und Liese war darüber sogar froh, denn es erleichterte ihr den Neuanfang. Robert würde ihr wahrscheinlich so bald nicht wieder über den Weg laufen, sie wusste das. Und wenn doch, dann würden sie beide so tun, als wären sie bloß die alten Freunde, die mal zusammen auf der Vogelwiese auf jemand andern gewartet hatten. Charlie würde sie auch nicht wiedersehen, denn in ihrem neuen Leben ist leider kein Platz mehr für Tanzvergnügen, bei denen man bloß auf Jungenfang aus ist.

Sie beschloss, zu Ina zu fahren, um mit ihr über die "geplante Sache" zu sprechen. Eigentlich hatte Liese noch keine Entscheidung getroffen (es waren ja immer diese dummen Geschichten dazwischengekommen), aber sie würde so tun, als bräuchte sie noch mehr Einzelheiten, um sich ein klares Bild davon machen zu können; und so ist es ja auch, dachte Liese.

Als sie in die Straßenbahn nach Alt Striesen einsteigen wollte, konnte man in der Ferne die Sirenen heulen hören, und jemand sagte, Freital wäre bombardiert worden. Ohne erst nach Hause zu eilen und der Mutter Bescheid zu sagen, fuhr Liese nach Freital, um zu sehen, ob mit Regina und Hannchen alles in Ordnung ist. Unterwegs hatte sie schon die schrecklichsten Vorstellungen.

Die Bahn fuhr nicht bis zur regulären Haltestelle, weil dort angeblich "die Schienen herausgesprengt" worden waren. Liese lief zu Fuß weiter. In der Nähe von Reginas Wohnung roch es nach Brand, und es war jede Menge Feuerwehr unterwegs, aber die Straße und der Gehweg waren unbeschädigt. Dann sah sie drüben auf der andern Seite ein Haus, das offenbar von einer Bombe getroffen worden war, man hatte das Feuer bereits gelöscht, und im zweiten Stock war ein Wohnzimmer aufgerissen worden und man konnte die ganze Einrichtung sehen.

Nach allem, was sie mitbekam, hatten es die Bomber auf das Hydrierwerk abgesehen, und das stand immerhin in der Nähe von Reginas Wohnung. Liese konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie ihre Schwester und Hannchen unversehrt und wohlbehalten vorfand. Regina umarmte sie und musste auch weinen, aber nur ganz kurz, dann versicherte sie mit aller Unerschütterlichkeit, die sie aufbringen konnte: "Es kann uns nicht treffen, Liese! Es kann uns nicht treffen."

Aber es war haarscharf daneben gegangen. Drei Häuser in der Nachbarschaft hatte es schwer erwischt, und man war noch dabei, in den Trümmern das Feuer zu löschen und auch nach einigen Bewohnern zu suchen, die bislang vermisst wurden. Zahlreiche Neugierige verfolgten das Geschehen, Liese ging auch hin, und Regina ließ sich überreden mitzukommen, sie trug Hannchen auf dem Arm, sie wollte die Kleine natürlich keinen Moment mehr aus den Augen lassen. Und beim Anblick der Verwüstung sagte Regina immer wieder zu ihr "Nicht hingucken, Mäuselchen! Nicht hingucken."

Tatsächlich war das Hydrierwerk stark zerstört worden, und in den folgenden Tagen sprach man von über zweihundert Todesopfern. Regina bat Liese, rasch nach Hause zu fahren und den Eltern Bescheid zu geben, daß sie beide wohlauf seien, und Liese machte sich gleich auf die Socken, und als sie an einer weiteren Trümmerstelle vorbeikam, sah sie da jemanden bei den Helfern, und wie sie genauer hinschaute, erkannte sie ihn und rief "Martin!"

Er drehte sich zu ihr um, und sie rief nochmal, und er winkte ihr zu, und sie machte ihm ein Zeichen, dann kam er von dem Haufen Schutt heruntergeklettert und redete kurz mit ihr. "Hallo Liese." "Mensch Martin!", rief sie und war ein bisschen verunsichert über seine karge Begrüßung. Denn sie freute sich riesig über das Wiedersehen und sagte "Lass dich mal drücken!", aber er knurrte "Ich bin im Dienst, Liese." "Ja ja, ich weiß, ich bin ja auch ganz inoffiziell hier. Du siehst toll aus!"

Er hatte eine schwarze Uniform an und er gehörte, wie er erklärte, zu den Hilfskräften der Feuerschutzpolizei. "Da wolltest du doch immer schon hin", sagte sie. "Na ja, eigentlich zur Technischen Nothilfe. Aber jetzt gibt es hier für alle was zu tun." Da fiel ihr etwas ein. "Das mit deinem Bruder tut mir furchtbar leid." "Ach, der rappelt sich schon wieder auf", sagte Martin. "Wie bitte? Ich denke, man hat ihn hingerichtet?" "Nee, den andern, den haben sie zum Tode verurteilt, wegen Schleichhandel. Mein Bruder hat Zuchthaus gekriegt und dann haben sie die Strafe in Frontbewährung umgewandelt und jetzt ist er an der Ostfront."

"Aber ich dachte, er ist gar nicht tauglich wegen seinen Augen, er hat doch auch diesen Bleistifttest nicht bestanden." Martin lachte. "Ach was, Bleistifttest, das war bloß Quatsch, so was konnte mein Bruder schon immer prima vortäuschen, er ist eben auch ein ganz schönes Schlitzohr."

"Mann, da bin ich aber heilfroh. Ach, komm' ich muss dich nochmal knuddeln!" "Nee, Liese, jetzt nicht, ich muss weitermachen, da sind wahrscheinlich noch welche verschüttet." "Ja gut, ich will dich nicht aufhalten. Aber melde dich doch mal." Er war schon wieder beim Hinaufklettern. "Ja, mach' ich." "Wo ist dein Bruder denn jetzt?", wollte sie noch wissen. "An der Weichsel", rief er zurück.

Obwohl Liese zu Hause mehrmals versicherte, daß es den beiden in Freital gut geht, brach die Mutter in Tränen aus und sank auf einen Stuhl in der Küche zusammen. "Mama, es geht ihnen gut! Ich habe es mit eigenen Augen gesehn, sie haben nicht mal einen Kratzer abbekommen."

Der Vater hatte auf der Arbeit von dem Angriff gehört, und die Mutter fragte ihn beinahe vorwurfsvoll, weshalb er nicht gleich hergekommen wäre. "Ich kann doch nicht einfach alles hinschmeißen und wegrennen, Selma! Und außerdem, was sollte ich denn hier unternehmen?" Liese konnte ihm ansehen, wie nahe dran er war, ihnen klarzumachen, daß dies fortan zum Alltag werden könnte, aber die Mutter schluchzte immer noch, und Liese legte die Hand auf ihr Haar und sagte, indem sie dem Vater dabei zunickte "Die haben sich bestimmt nur verflogen, Mama. Das sagen die Leute in Freital auch."

Der Vater schüttelte unmerklich den Kopf und ging ins Wohnzimmer. Und später sprach Liese mit ihm, und er meinte, das könnte ebensogut bloß eine Zielübung zur Aufklärung gewesen sein, um den Angriff auf die Stadt vorzubereiten, "aber das will offenbar keiner wahrhaben". Und Liese entgegnete ihm, selbst wenn es so wäre, könnte man es ja nicht verhindern.

Die Mutter packte eine Tasche mit Sachen zusammen und wollte abends noch hin fahren, aber Liese behauptete, Regina hätte ausdrücklich gesagt, sie sollten sich keine Sorgen machen und sie wollte nur, daß sie, Liese, morgen zu ihr käme, um ein bisschen im Haushalt zu helfen und Hannchen abzulenken. Und immer wenn von der Kleinen die Rede war, kamen der Mutter wieder die Tränen, und Liese sagte, sie werde Regina überreden, am Wochenende herzukommen und Hannchen für ein paar Tage hier zu lassen.

Als Liese wieder bei der Schwester war, kam es ihr vor, als hätte sich ihre Stimmung noch weiter verdüstert; vielleicht hatte sie nach dem Angriff alle ihre Kräfte zusammengenommen, um nicht zu verzweifeln. Jetzt saß sie da wie ein Häufchen Elend, und Hannchen wirkte auch irgendwie verstört, und Liese dachte, wenn nun auch noch die Mutter hier wäre, könnten sie alle um die Wette heulen.

'Aber ohne mich', sagte sie zu sich selbst. Denn jetzt ist Zuversicht angesagt! Reginas Durchhänger rührte natürlich vor allem daher, daß sie seit Monaten keine Nachricht von Edgar erhalten hatte, und die Tatsache, daß auch die schlimmste aller Nachrichten bis jetzt ausgeblieben war, konnte sie immer weniger trösten, ja, es machte sie, wie sie selber sagte "noch ganz verrückt im Koppe", jeden Tag damit rechnen zu müssen.

Liese wäre auch in der folgenden Woche zu Regina gefahren, aber sie wurde, zusammen mit den anderen aus ihrer Schule, zum Arbeitseinsatz verdonnert, und der war im Vergleich zu den vorangegangenen wahrlich die reinste Schinderei. Es musste ein Panzergraben ausgehoben werden, und zwar auf der rechts elbischen Seite, ziemlich nahe am Heiderand entlang. Man rechnete offenbar damit, daß die russischen Panzer aus dieser Richtung angreifen würden. Aber keiner wagte es auszusprechen, und das war schon beinahe unheimlich.

Sie mussten sogar eigenes Arbeitsgerät mitbringen, hauptsächlich Schaufeln und Hacken; die meisten Mädchen hatten noch nie mit einer Spitzhacke gearbeitet (auch Liese nicht, aber zum Glück hatten sie zu Hause keine), und am ersten Tag mussten noch zwei Stunden an den Feierabend drangehängt werden, weil jede mit einem dicken fetten Bleistift ihren Namen auf den Stiel kritzeln sollte, damit es am nächsten Tag keine Verwechslung und keinen Streit gäbe. Es war schon längst dunkel, als Liese heimkam und sie fiel todmüde ins Bett und schlief wie eine Bärenmutter im Winter.

Am nächsten Tag dauerte es wieder fast eine Stunde, bis alle ihr Arbeitsgerät aus dem kleinen Schuppen herausgeholt hatten, und jede brachte den Haufen erneut durcheinander. Und an den folgenden Tagen wurde es kalt und feucht, und dann fiel der erste Schnee und dann immer mehr, und sie mussten frühmorgens erst den Schnee aus dem Graben schaufeln, und die Erde war steinhart, und irgendein Offizier, der die Sache leitete, hatte den Einfall, die Erde mit einem Flammenwerfer aufzutauen, was wieder Stunden dauerte, in denen die Mädchen herumstanden und sich was abfroren.

Jeden Tag fehlten welche, die krank geworden waren, und Liese hatte Glück, daß sie in der zweiten Woche in ein Verpflegungszelt abkommandiert wurde, wo es heißen Tee gab und wo ein Kanonenofen drin stand, an dem man sich wenigstens ein bisschen aufwärmen konnte.

Dann traf sie Annegret, die zu einem Trupp gehörte, der bei einem andern Grabenabschnitt angefangen hatte. Sie waren beide überglücklich, in dem Schlamassel eine Bekannte gefunden zu haben, und Liese gab sogar ihre Zeltanstellung auf (die auch irgendwie eintönig war) und ließ sich, bewaffnet mit ihrer Schaufel, zu Annegrets Einheit versetzen.

Und als hätte sie das durch irgendwelche guten Beziehungen bewirkt, bekam gerade dieser Abschnitt am nächsten Tag ein halbes Dutzend russische Kriegsgefangene zugeteilt, die offenbar aus der Tundra stammten und sich mit gefrorenem Boden bestens auskannten.

Man durfte sich zwar nicht mit ihnen unterhalten, aber wenn keiner da war, der das überwachte, ergab es sich doch, daß man ein paar Worte wechselte, und die Russen fragten ständig nach "Papyrossi", und zwei von den Mädchen brachten ihnen tatsächlich mal Zigaretten mit und bekamen dafür einen Rubel Schein, den sie überall herumzeigten und der aussah, als wäre er zwanzigmal mit durch die Wäsche gegangen.

Annegret erzählte, daß sie bis nach Mickten in die Schule fahren musste, was sie auf die Dauer nicht ertragen und sich beim Arzt ein Attest geholt habe, mit dem sie für fast ein halbes Jahr vom Unterricht befreit gewesen sei. "Da gehe ich nichts ahnend wieder hin", regte sie sich auf, "und gleich geht's ab zu dieser Sträflingsarbeit!"

Sie war wirklich dafür nicht geeignet, sie hatte ja diese Tänzerinnen Statur. Sie hatte bei der berühmten Frau Palucca Tanzstunden genommen, und als diese dann ihre Schule in Dresden schließen musste, wurde sie von einer der Lehrerinnen noch weiter geschult, "privat, bei ihr in der Wohnung", wie sie erzählte. Diese Einzelheiten erfuhr Liese auch erst jetzt.

Eines Nachmittag, als sie "in Anerkennung ihrer Einsatzbereitschaft" zwei Stunden eher gehen durften (außer natürlich die Russen) fragte Annegret, ob sie mit zu ihr kommen möchte, um gemütlich einen Kaffee zu trinken, und um den schlechten Nachgeschmack von "diesem Heuaufguss hier" loszuwerden. Liese nahm das Angebot gern an, und bei Auerwalds zu Hause konnte sie sich in der Badewanne sogar erstmal warm abbrausen, was bei dem scheußlichen Winterwetter eine Wohltat war.

Dann setzten sie sich in Annegrets Zimmer aufs Sofa (es war zwar behaglich, aber ein bisschen altmodisch eingerichtet, es gab sogar einen Kamin und an der Decke einen Kristalleuchter). Liese betrachtete zuerst die Photos, die an der Wand hingen und auf dem Kaminsims standen, die meisten waren mit Annegret selbst drauf. "Wer ist das?", fragte Liese bei einem Kind, das irgendwie seltsam aussah. "Das ist meine Schwester."

"Du hast eine Schwester?" "Hatte." Liese schwieg betroffen, aber Annegret sagte. "Sie hatte kein leichtes Schicksal." Liese spürte, wie Annegret damit rang, ob sie mehr dazu sagen sollte, dann fügte sie hinzu "Wegen ihr haben sich meine Eltern letztlich auch getrennt." "Und du lebst jetzt bei wem von beiden?" "Natürlich bei meinem Vater." "Allein?", fragte Liese vorsichtig. "Und mit meiner Stiefmutter." "Kommt ihr gut miteinander zurecht?" "Wieso denn nicht." "Klar, du bist ja auch leicht verträglich", sagte Liese lachend, um die dumme Frage zu übertünchen, dabei glaubte sie das selber nicht.

"Sie war sehr krank", sagte Annegret dann, und Liese verstand sofort, daß sie ihre Schwester meinte. "Willst du mir sagen, was sie hatte?" "Ist ja kein Geheimnis; sie war nervenkrank. Manche sagen debil dazu." "Und man konnte das nicht behandeln?" "Behandeln schon, aber nicht heilen. Sie war in Pirna Sonnenstein." "Was ist das?" "Eine Art Spezialklinik. Für Schwachsinnige." Liese wollte das Thema wechseln, aber Annegret sagte "Meinen Vater trifft keine Schuld bei der ganzen Sache." "Wie meinst du das?" "Daß er sich von seiner Frau getrennt hat, nachdem sie die Wahrheit gestanden hat." "Hm."

Dann tranken sie endlich in Ruhe Kaffee und Liese erzählte von dem Bombenangriff auf Freital und von Regina, und da dachte sie plötzlich, daß dies vielleicht in zu starkem Gegensatz zu dem steht, was Annegret über ihre Schwester erzählt hatte, aber sie nahm es sehr interessiert auf, und vorsichtshalber erzählte Liese gleich weiter von Martin als Feuerschutz Polizist und von Ina, und da musste sie geschickt abbrechen, weil sie beinahe etwas über deren Vorhaben ausgeplaudert hätte.

"Ich wollte dich um einen Gefallen bitten", sagte Annegret, und Liese wurde auf einmal klar, daß sie sie nur deshalb eingeladen hatte, aber sie ließ es sich nicht anmerken, und immerhin hatte sie dafür ausgiebig ihre warme Brause benutzt. "Nur raus mit der Sprache", scherzte sie. "Da oben in dem Lager ..." "Na, etwas genauer bitte." "Dort, wo wir diesen Graben bauen, da ist in der Nähe ein Lager mit solchen Hütten für die ... na genau weiß ich auch nicht, was für Leute das sind - ist auch nicht so wichtig, jedenfalls ist da jemand als Lagerleiter, der ... den ..." "Den du mal näher kennenlernen willst?"

"Ja. Aber ich trau' mich nicht so richtig." "Warum nicht?" "Weil, ich weiß nicht, er ist bei der SS." "Ist doch egal, wenn er dir gefällt." "Nee, das stört mich auch nicht, aber ... erstens weiß ich nicht, ob er vielleicht verheiratet ist oder jedenfalls verlobt." "Und zweitens?" "Und zweitens hab' ich hin und her überlegt, mit welcher Ausrede ich da überhaupt hingehen soll, um an ihn ranzukommen. Und da dachte ich, du könntest mir was sagen." "Oh! Hab' ich den Ruf, mir gute Ausreden einfallen zu lassen?"

"Nein, Liese! Ich hätte auch Teresa fragen können, oder sogar Ina, aber nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, daß ich zu dir das beste Verhältnis habe." Liese wusste in dem Moment ganz sicher, daß Annegret die beiden anderen schon gefragt hatte, aber offenbar waren deren Ratschläge nicht so gut angekommen.

"Woher kennst du den denn?" "Ist doch egal." "Wir könnten unsere Schaufeln auf die Schulter nehmen und hingehen und sagen, wir sollen uns hier melden." "Und dann?" "Dann sagt er: Ich weiß von nichts, aber wenn ihr einmal da seid, könnt ihr auch ..." "Na, was?" "Ist vielleicht doch nicht so gut." "Ein bisschen vorteilhafter möchte ich da schon erscheinen." 'Dann tu's doch', dachte Liese.

"Was für'n Lager ist das?" "Weiß ich nicht genau. Bis vor kurzem waren da glaub' ich Juden drin, die im Zeiss Ikon Werk gearbeitet haben, und Zigeuner und so was." "Ich dachte, Zigeuner gäb's gar nicht mehr." "Jetzt lenkst du ab." "Nee, ich such' bloß nach einem Anhaltspunkt." "Ja, nach dem hab' ich auch schon gesucht." "Was macht'n dein Vater eigentlich?" "Was?" "Beruflich." "Er ist in der Parteileitung." "Von der Stadt?" "Ja."

"Dann geh' hin und sage, dein Vater hätte ..." "Nein, der bleibt aus dem Spiel!" "Hm. Ja, du hast recht. Dann ... bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als einfach hinzugehen und zu sagen, wer du bist und daß du ..." "Ihn heiraten will?", lachte Annegret beinahe hysterisch auf. "Jeh, du hast aber schon ziemlich genaue Vorstellungen." "Ich habe keine Zeit zu verlieren", sagte sie mit Nachdruck. "Aber du kannst noch gar nicht heiraten."

"Im nächsten Jahr schon. Und ein bisschen Zeit zur Vorbereitung brauche ich schließlich auch." "Na ja, wenn es wirklich so dringend ist, dann kannst du das ganze Theater auch weglassen." "Ich möchte mich aber auch nicht anbiedern." "Du meinst, es soll nicht billig aussehen." "Schließlich muss er mir den Antrag machen." "Aber du erwartest nicht, daß er das gleich macht, oder?" "Nein, natürlich nicht." "Bist du eigentlich noch Jungfrau?", platzte es aus Liese heraus.

"Was? Nein, natürlich nicht." Liese schwieg und diesmal hatte sie verpasst, an den Mohnkuchen zu denken." "Warum wirst du denn auf einmal ganz rot?", fragte Annegret. "Ach das ist nichts." Dann fragte sie "Und der Junge, mit dem es passiert ist, ich meine ... was ..." "Der war nicht von hier", sagte Annegret, als handele es sich um das Jahreszeugnis der fünften Klasse.

Liese wollte fragen, wie's gewesen war, aber dann hätte sie früher oder später anfangen müssen zu schwindeln, denn die Sache mit Robert im Fahrradschuppen, über die hätte Annegret bloß lachen können, und wer weiß: mit ihrem Scheuklappen Ernst hätte sie sich vielleicht sogar über Liese empört, und das hatte sie nicht verdient. "Wir gehen einfach mal hin", sagte sie. "Und dann?" "Dann sehen wir weiter." "Aber du kommst mit." "Na klar komm' ich mit." Annegret umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange, und Liese war überrascht, wie kalt ihre Lippen sind.

Das Wetter wurde besser, und der Panzergraben länger und länger, und einmal kam eine Inspektion mit dem Gauleiter Mutschmann höchstpersönlich und einem Haufen hoher Offiziere, und sie zeigten sich sehr zufrieden. Aber inzwischen war bestimmt die Hälfte der Mädchen nicht mehr erschienen, nachdem sich die Eltern massenhaft beschwert hatten, daß ihre Kinder für so schwere Arbeit eingesetzt wurden, anstatt in die Schule zu gehen.

An einem Nachmittag machen sich Annegret und Liese auf zur Bräutigamwerbung in das besagte Lager, das sich hinter dem Sankt Pauli Friedhof befindet, schon fast bei der großen Sandgrube in der Heide. (Gott sei Dank gibt es da die Bussverbindung von Trachenberge her, sonst müsste Liese womöglich auch noch dort übernachten, denkt sie.)

Was Annegret Hütten genannt hatte, sind einige flache, lange Baracken aus Stein, mit Holzdächern. Es gibt einen Zaun mit Stacheldraht um das Gelände, aber das breite Tor steht offen, und die Leute drinnen laufen frei herum und machen nicht den Eindruck von Gefangenen. Auf dem Platz stehen gerade ein Mann in SS Uniform und zwei Frauen und reden miteinander, und als die beiden durchs Tor gehen, sagt Annegret ein bisschen aufgeregt "Das ist er!" "Wie heißt er überhaupt?" "Henry Fliege, ich glaube, er ist Hauptscharführer. Jetzt renn' nicht so!" "Wollen wir erst einen Rundgang machen?", fragt Liese spöttisch.

Die Frauen gehen weg, und er sieht die beiden auf sich zukommen und lächelt tatsächlich, und dann sagt er "Na, meine Damen, womit kann ich Ihnen dienen?" Liese sagt "Wir haben eigentlich den Auftrag, uns bei dem Panzergraben zu melden, der hier irgendwo gebaut wird." "Bei welchem Abschnitt denn?" "Ähm, beim Abschnitt fünf?" "Den gibt es nicht, soviel ich weiß." "Mist. Können Sie uns vielleicht weiterhelfen." "Ja, aber wie?"

"Wir haben auch leider unsere Arbeitsgeräte vergessen", sagt Annegret, "hätten Sie eventuell eine Schaufel oder so etwas ähnliches für uns, Herr Fliege?" "Kennen wir uns?" "Ja, schon möglich. Ich bin Annegret Auerwald." Er überlegt, Liese sagt "Ihr Vater ist bei der Parteileitung, vielleicht daher." "Sie sind doch der Hauptscharführer Fliege, nicht wahr?", fragt Annegret. "Unterscharführer", sagt er, nicht ohne eine gewisse Befriedigung über die Verwechslung. "Ja genau." Liese kann bemerken, wie er sich Annegret zuwendet.

"Leider haben wir hier keine Arbeitswerkzeuge für Schanzarbeiten." "Schade, dann müssen wir jetzt mit leeren Händen von dannen ziehen", sagt Annegret und lächelt ihn an. "Ich würde Ihnen wirklich gern helfen." "Wie denn?" "Was sollen Sie dort überhaupt tun?" "Ähm ..." In diesem Moment kommt ein Uniformierter auf einem Fahrrad durchs Tor, stellt es an einem Stromleitungsmast ab und kommt herüber. Er ist ziemlich jung, und Liese schaut ihn an, aber er scheint sie nicht zu beachten.

"Unterscharführer Fliege?", fragt er den andern. "Ja, was gibt es, Obergefreiter?" "Ich komme vom Wirtschaftsamt, genauergesagt von Hauptsturmführer Umbreit, es gibt da eine Unregelmäßigkeit, die wir bei der Revision festgestellt haben." "Fassen Sie sich kurz." "Gern", erwidert der Obergefreite und holt aus seiner Ledertasche eine Mappe mit ein paar Blättern hervor.

"Sie haben am vierundzwanzigsten zehnten eine Lieferung über acht Kilogramm Brot und drei Pfund Butter sowie über zweiundzwanzig Büchsen Fleisch erhalten." "Ja und?" "Diese Lieferung ist nicht nur bis gestern noch nicht bezahlt, sondern, wie wir gesehen haben, auch unrechtmäßig angefordert worden." "Was soll das heißen, unrechtmäßig?"

"Die Personen, für die diese Lieferung laut ihrer Anforderung bestimmt waren, sind bereits am einunddreißigsten neunten aus Ihrem Lager abgegangen, uns liegt eine Kopie der Transportliste vor." "Und warum behelligen Sie mich damit?" "Ich bin von Hauptsturmführer Umbreit beauftragt, Sie davon in Kenntnis zu setzen, was ich hiermit getan habe, und Sie zugleich aufzufordern, beim Wirtschaftamt vorstellig zu werden, um den Sachverhalt zu klären."

"Hören Sie, Obergefreiter!", sagt Fliege mit aller Schärfe, "ich bin dafür verantwortlich, daß in diesem Lager alles reibungslos funktioniert, und das hat es bis jetzt! Ich lasse mir vom Wirtschaftsamt keine Vorschriften machen, ich bin ausschließlich dem Judenreferat von Obersturmbannführer Schindhelm rechenschaftspflichtig." "Da irren Sie sich." "Da irre ich mich?", schreit Fliege. "Passen Sie auf, was Sie sagen! Sie vergeuden meine kostbare Zeit, Obergefreiter! Schwingen Sie Ihren Arsch auf Ihren Drahtesel und verschwinden Sie augenblicklich von diesem Gelände!"

Der Obergefreite packt die Mappe in die Ledertasche, macht einen zackigen Hitler Gruß, dreht sich auf den Hacken um und geht zu seinem Fahrrad, er steigt auf und radelt davon. "Alle Achtung", sagt Annegret, "dem haben Sie's aber ordentlich gezeigt, Herr Fliege!" Er versucht sich zu beruhigen. "Tut mir leid, meine Damen, wenn mir dabei ein Kraftausdruck rausgerutscht ist." "Ach was", meint Annegret anerkennend, "manche Leute verstehen nur diese Sprache." "Allerdings."

Leider kommt das vorherige Gespräch nicht wieder in Gang, und beinahe droht eine quälende Pause. Aber Annegret scheint das Glück hold zu sein und schickt ihr einen kleinen Jungen, der angelaufen kommt und sagt "Unterscharführer Fliege! Ich kann ..."

Fliege unterbricht ihn sofort, indem er sein linkes Ohr zwischen Daumen und Zeigefinger klemmt und damit eine Vierteldrehung macht, man kann sehen, daß der Junge vor Schmerz aufschreien will. "Aber Goldmännchen", sagt der Unterscharführer in einem übertrieben milden Ton, der seinen Wutausbruch von eben vergessen machen soll, "siehst du nicht, daß wir Damenbesuch haben! Du weißt doch ganz genau, wie du dich zu melden hast."

"Unterscharführer Fliege", presst der Junge zwischen den Zähnen hervor, "Jude David Goldmann bittet gehorsamst, sprechen zu dürfen!" "Na also, geht doch", sagt Fliege und lässt ihn los, sein Ohr ist rotglühend und Tränen stehen in seinen Augen. "Antrag abgelehnt", sagt Fliege. "Wegtreten!" Annegret muss kichern. Da fragt Liese den Jungen "Was willst du denn?" Der Unterscharführer wirft ihr einen vernichtenden Blick zu, kann sich aber beherrschen und sagt mit einem verzerrten Lächeln "Also, was willst du?"

"Der Max ist nicht da, und ich kann den Wassereimer nicht allein aus dem Becken heben." "Wo ist der Max, der Drückeberger?" "Der ist was besorgen gegangen." "Dann warte eben, bis er wieder da ist." "Wenn du willst, helfe ich dir", sagt Liese, "mit Ihrer Erlaubnis", fügt sie an Fliege gewandt hinzu, und Annegret sagt schnell "Ich müsste mal für kleine Mädchen." "Was?" "Darf ich Ihre Toilette benutzen?" "Ähm, ja natürlich, aber nehmen Sie die Personaltoilette." "Können Sie mir zeigen, wo die ist?" "Ich geh' kurz mit dem Jungen mit und komme dann wieder her", sagt Liese, und der Unterscharführer macht eine Handbewegung und sagt "Na gut, ausnahmsweise, aber lassen Sie sich nicht von dem Bengel ausnutzen." Er begleitet Annegret zur Personalbaracke.

Liese geht mit dem Jungen in den Waschraum. Dort sind zwei Reihen von langen Steintrögen mit Wasserleitungen darüber. "Warum hast du ihn so voll gemacht?", sagt sie und hebt den Eimer heraus. "Weil ich sonst zweimal gehen müsste." "Wohnst du hier?" "Ja, aber nur noch bis Freitag." "Und dann?" "Werden wir alle nach Weimar gebracht." "Nach Weimar? Das kenn' ich, da war ich mal im BDM Lager." "Was für'n Lager?" "BDM - Bund Deutscher Mädel. Wie alt bist'n du?" "Neun, in zwei Monaten." "Und du hast noch nie was vom BDM gehört?" "Ich bin kein Mädchen!" "Und die Hitler Jugend?" "Durft' ich nicht rein." "Ach so, ja klar, hab' ich jetzt nicht dran gedacht."

"Dann ist das auch nicht dasselbe Lager, wo du warst, oder?" "Das war nicht direkt in Weimar, sondern in der Nähe. Aber kann schon sein, daß sie es inzwischen umfunktioniert haben." "Wie, umfunktioniert?" "In eins für euch." Er schweigt. Sie fragt "Freust du dich nicht drauf? Hier ist es doch nicht besonders." "Nee, hier ist es langweilig, und außerdem gibt's Flöhe." "Ach so?" "Gab's bei dir dort auch Flöhe?" "Nein, nur Ohrenkriecher." "Na, Ohrenkriecher machen ja nichts, ich hab' noch nie von 'nem Ohrenkriecher gehört, der einem ins Ohr gekrochen ist." "Vielleicht, weil dein Ohr davon verstopft ist." "Was?" "War nur 'n Scherz. Jetzt schnapp' deinen Eimer und marschier' ab."

"Hast du nachher noch Zeit?", fragt er sie. "Was? Wozu denn?" "Dachte, wir quatschen noch 'n bisschen und du erzählst mir noch was von dem Lager da." "Tut mir leid, ich muss dann weg." "Schade." "Ja. Außerdem hab' ich für heute genug Gefallen getan. Warte mal", fällt ihr dann noch ein, "wo hast du gewohnt, bevor du hierher gekommen bist?" "Im Judenhaus in Blasewitz und dann in der Zeughausstraße." "Kennst du da eine Mascha Herzberg?" "Nee, nie gehört." Er nimmt den Eimer und schleppt ihn mühsam weg, er bedankt sich nicht mal.

Liese geht langsam über den Platz und dann zur Personalbaracke, dort hängt ein Schild dran, auf dem steht "Zutritt für Juden verboten!" Sie wartet noch einen Moment, klopft dann an und geht hinein, es gibt mehrere Räume, und hinten im Gang hört sie Annegret kichern. Sie will sie nicht überraschen, deshalb ruft sie nach ihr. Das Lachen bricht ab, dann hört sie Annegret sagen "Also dann bis Sonntag, Herr Unterscharführer!" Sie betont die Anrede, als wäre es ein Pfand, das sie bis dahin sicher verwahrt. "Ja, Fräulein Auerwald, bis Sonntag." Dann erscheint sie auf dem Gang. "Hier bin ich, Liese!" "Ach da bist du. Willst du noch bleiben?" "Nein, wir könnten gehen."

Als sie das Tor hinter sich haben, fragt Liese "Und? Wie war's?" "Voller Erfolg!", sagt Annegret mit Begeisterung, und Liese muss sich unwillkürlich für sie mitfreuen. "Wie findest du ihn?", fragt sie Liese. "Nicht schlecht, aber ist er nicht ein bisschen zu alt." "Unsinn! Er ist grade richtig. Was soll ich mit einem Grünschnabel, der in nichts Erfahrung hat." "Und er ist nicht verlobt?" "Nein! Ich hab's mit ein paar Fangfragen rausgekriegt." "Und was nun weiter?" "Wir haben uns verabredet." "Wirklich?" "Ja. Es ging schneller als ich dachte. Ach, ich wusste, daß er anbeißt, ich wusste es!" "Hast du mitgekriegt, wer der Bursche mit dem Fahrrad war?" "Wer?" "Der da mit dem Fahrrad dazwischen kam." "Ach der. Na das war ja vielleicht 'n komischer Kauz, kommt auf seinem klapprigen Fahrrad angeradelt und will andern Vorschriften machen." "Ja? War das klapprig?" "Interessiert mich doch nicht, ob das klapprig war."

Liese hatte überlegt, ob sie von Annegret, sozusagen als Gegenleistung, verlangen sollte, daß sie ihr in diesem Jahr beim Pflaumentoffel Verkauf auf dem Weihnachtsmarkt Gesellschaft leistet, aber dann dachte sie, Annegret würde ihr wahrscheinlich die Laune verderben, wenn sie es als Zumutung empfände.

Weihnachten war in diesem Jahr noch bedrückender und noch ärmer an allem, was die Stimmung aufhellen könnte. Christstollen und Lebkuchen gab es nicht mehr, und welche selber machen ging auch nicht, weil alle Zutaten fehlten, mal abgesehen davon, daß nicht jedermann einen Stollen einfach zu Hause im Herd backen kann. An Gänsebraten war überhaupt nicht zu denken, oder andersherum gesagt, man musste sich mit dem Gedanken daran begnügen.

Es lag zwar Schnee, aber es war nicht so kalt. Gott sei Dank, musste man sagen, denn mit Brennstoff sah es ebenfalls mau aus. Öffentliche Festbeleuchtung war verboten (und hätte wegen Stromsparen ohnehin nicht stattgefunden). Auf dem Weihnachtsmarkt durften die Lichter an den Buden und Ständen "nicht nach außen strahlen", und ab neunzehn Uhr war es zappenduster. All' das hielt die Leute nicht davon ab herbeizuströmen, und besonders der Stand mit Glühwein (aus Obstsaft) war dicht umlagert.

Liese hatte beim Bauern Petzoldt einen Beutel voll Dörrpflaumen bekommen, auch erst, nachdem Helene ihn beschwatzt hatte. Ihre Pflaumentoffel waren etwas kleiner geraten als sonst, damit die Pflaumen für mehr reichten. Der Händler, bei dem sie immer mit verkaufte, gab ihr diesmal fast die Hälfte von seinem Ladentisch ab.

Er bot selber nur noch Restposten an, die er irgendwo aufgetrieben hatte, hauptsächlich Strohsterne (nicht einmal die Fröbelsterne, die er sonst von den Kindergärten aufgekauft hatte, konnte er beschaffen, weil überall das Papier knapp war). Er hatte auch ein paar Räuchermännchen, aber ohne Räucherkegel. Außerdem Kerzen und Zimtstangen, die aber, wie er den Leuten offen gestand, "älteren Datums" und daher nicht mehr "aromafrisch" wären. Man nahm sie ihm trotzdem ab.

Dann hatte er eine "stattliche Anzahl" von kleinen Holzfiguren (genau gesagt zwei Schuhkartons voll), die den Sammelfiguren vom Winterhilfswerk zum Verwechseln ähnlich sahen, von denen er aber behauptete, sie wären damit "nicht identisch". Liese hatten diese Figürchen schon immer gefallen; sie hatte ein paar Mal bei einer Spendenaktion fürs WHW mitgemacht. Die andern Sachen, zum Beispiel das Kohlenklau-Quartett, die Sammelkarten oder die Soldaten fand sie dümmlich.

Diese sechs Figuren: ein Ritter, ein Jäger, ein Krokodil, ein Waldschrat, ein Schutzmann und ein Schneemann waren nicht nur witzig, sondern auch hübsch gemacht. Alle, abgesehen vom Schneemann, standen auf zwei Beinen, sogar das Krokodil, sie hatten dicke Bäuche, dicke Arme und große Köpfe und sie waren, abgesehen vom Schneemann, bunt bemalt.

Das Krokodil war natürlich überwiegend grün (aber ein anderes Grün als beim Jäger) und es hatte schreckliche weiße Zackenzähne in seinem blutroten Maul. Aber es sah ansonsten sehr friedfertig aus, und der Händler meinte, es schaue einen so "vielsagend" an. Liese kaufte ihm zum Schluss eins ab, er wollte es ihr schenken, aber sie bestand darauf, es zu bezahlen (sie war alle ihre Pflaumentoffel losgeworden).

"Wer weiß", sagte er mit einen wehmütigen Seufzer, "ob wir uns im nächsten Jahr wiedersehen, Fräulein Liese." "Aber natürlich, Herr Kellner, was denken Sie denn! Und dann werde ich mich wieder bloß mit einem Eckchen auf ihrem Tisch begnügen müssen, damit sie alles aufstellen können", sagte sie lachend, und er umarmte sie spontan, er reichte ihr gerade mal bis ans Kinn.

Entgegen aller Befürchtung wurde der Heiligabend dann doch zu einem Freudenfest, und zwar durch eine Nachricht, mit der Regina kurz vorher herausrückte (sie wusste es schon seit drei Tagen): von Edgar war ein Lebenszeichen angekommen! Ein Brief, zwar schon vom Sommer, aber immerhin. Regina musste sehr mit den Tränen kämpfen, als sie ihn vorlas, und die Mutter auch, und Liese auch, und der Vater täuschte einen Hustenanfall vor und ging in die Küche, um angeblich ein Schluck Wasser zu trinken.

Er schrieb, es gehe ihm soweit gut, jedenfalls habe er bislang alles unverletzt überstanden, von einem gequetschten Daumen abgesehen. Die Lage werde immer verwickelter, und er könne nicht sagen, was in einem halben Jahr sein wird. Aber was immer geschehen werde, so schrieb er, er würde seine Regina und sein Hannchen über alles lieben und ununterbrochen an sie denken, und sie sollten auf ihn warten und niemals die Hoffnung aufgeben, daß er bald zurückkäme. Er grüßte auch Liese und die Eltern, und dann musste er schnell zum Ende kommen, "weil der Russe schon wieder anfängt Rabatz zu machen".

Der Vater sagte, mit dem Wort "verwickelt" habe er wohl andeuten wollen, daß sich das Blatt gewendet hat. "Wohin gewendet?", fragte Liese vorschnell, und Regina sagte fest "Die lassen sich nicht so schnell unterkriegen - unsere." Da sagte Liese "Der Martin hat gesagt, sein Bruder wäre an der Weichsel." "Ja, und?" "Na, der ist an der Front!" "Ich denke, den haben sie zum Tode verurteilt", sagte die Mutter.

"Den haben sie an die Ostfront geschickt, zur Bewährung." Keiner sagte etwas. Liese rief "Rede ich hier gegen 'ne Wand! Überlegt doch mal: wenn die Ostfront an der Weichsel ist, und wenn wir hier einen riesenbreiten Panzergraben ausheben, dann kann es doch sein, daß Edgar auch inzwischen schon dort ist." Der Vater sagte "Da ist was dran." "Sag' ich doch. Und wo liegt die Weichsel?", fragte Liese ihn. "In Polen." "Dann ist er also vielleicht schon in Polen!"

Regina sagte "Mach' mir jetzt keine falschen Hoffnungen, Schwesterchen." "Mach' ich nicht, aber Papa sagt auch: da ist was dran." Regina schwieg, dann fragte sie den Vater "Wie weit ist das ungefähr weg?" "Schauen wir doch mal nach", sagte er und stand auf, um Stielers Schulatlas zu holen. Und dann saßen sie fast eine Stunde lang über den Karten gebeugt und mutmaßten, wo sich Edgar befinden könnte, und erst als Hannchen auf dem Sofa anfing zu schnarchen, schreckten sie auf und mussten lachen.

Die Mutter hatte übrigens heiße Zitrone gemacht, mit viel Zucker. Und Vater bekam ein Fläschchen Rum, das für einen "steifen Grog" reichte, und den übrigen trank er pur, und die Mutter scherzte dann "Walter, du hast eine richtige Fahne!", und er kniff sie daraufhin in den Po, daß sie aufjuchzte.

Mit Fliegeralarm blieben sie am Heiligabend verschont, obwohl Herr Kolmar gemeint hatte, der Feind würde darauf keine Rücksicht nehmen, im Gegenteil, er könnte die "Stunde christlicher Besinnung" ausnutzen und einen Überraschungsangriff wagen. Dafür saßen sie an den Tagen bis Jahresende mehrmals im Keller, und zu Silvester gab es kein Feuerwerk, und Liese schien es, daß man noch nie leichter darauf hatte verzichten können.

Aber am Neujahrstag fuhr Liese förmlich hoch, und zwar infolge einer Art Geistesblitz, der ihr durch den Kopf schoss. Sie sprang aus dem Bett, ging zur Mutter, die schon wieder in der Küche hantierte, und fragte "Mama, was hast du letztens erzählt, als du von Tante Helgard wiedergekommen bist?" "Was soll ich erzählt haben?" "Von ihrem Sohn Hans." "Daß er verwundet wurde und mehrere Wochen im Lazarett gelegen hat und jetzt wieder da ist. Warum interessiert dich das auf einmal." "Und was macht er jetzt?" "Er ist beim Wirtschaftsamt der Stadt. Von ihm haben wir auch die Zitronen bekommen, aber das bleibt unter uns." "Ja, ja."

Sie ging in ihr Zimmer. Drei Minuten später kam sie zurück. "Wann gehst du eigentlich wieder zu Tante Helgard?" "Am Samstag. Warum?" "Da komme ich mit." "Oh, da werden sich die zwei aber freuen." "Ja, ja."

Und sie kam nochmal wieder. "Backst du einen Kuchen, den wir mitnehmen können?" "Würde ich schon gern, aber wir haben weder Eier noch Butter." "Es gibt doch auch Rezepte ohne Eier." "Ja freilich, es gibt auch Rezepte ohne Eier und Butter, aber wem macht so ein Kuchen noch Freude?"

"Und wenn ich zum Bauern Petzoldt gehe und welche besorge?" "Bei dem Wetter?" "So schlecht ist es gar nicht." "Aber es liegt Schnee und in Nickern liegt bestimmt dreimal so viel." Sie ließ sich nicht abhalten, sie konnte ein Stück mit dem Bus fahren, musste dann aber ziemlich weit durch den Schnee stapfen. 'Wenn er mir nichts gibt, klau' ich es', dachte sie ohne Skrupel, während sie spürte, wie die Kälte sie in die Zehen zwickte.

Der Bauer war nicht da, aber Helene, die Magd. Liese wünschte ihr ein frohes neues Jahr, und Helene freute sich und erwiderte es, obwohl sie natürlich gleich merkte, weshalb Liese gekommen ist. Helene tat sich schwer, etwas herauszurücken. "Es gibt doch auch Kuchenrezepte ohne Eier und Butter", erklärte sie. "Ja", erwiderte Liese, "aber dafür hätte ich nicht den weiten Weg hierher gemacht."

Sie bekam drei Eier und ein winziges Stück Butter, und dann rief Helene sie nochmal zurück und gab ihr eine Flasche Milch, und Liese bedankte sich ganz lieb und steckte alles in ihren Rucksack (die Eier in dicke Wollsocken verpackt), und als sie über den Hof ging, winkte sie dem Knecht Hinze zu, der sie durchs Stallfenster beobachtete und dann schnell den Kopf wegzog.

Am Freitagabend sagte Liese plötzlich "Weißt du was, Mama, ich glaube, ich kann morgen doch nicht mitkommen." "Aber wieso denn nicht?" "Ach, ich weiß nicht, was soll denn der Hans von mir denken, wenn ich da so aus heiterem Himmel aufkreuze." "Was soll er denn von dir denken, wenn ich verrate, daß du nicht mitkommen wolltest!" "Das würdest du tun?" "Ohne mit der Wimper zu zucken." "Oh, du bist so ... kategorisch, Mama, du zwingst mich also mitzugehen." "Wenn du meinst." "Also gut. Aber dann misch' dich wenigstens nicht ein, wenn ich mich mit ihm unterhalte."

Sie hätte nie gedacht, daß sie in ihrem Leben nochmal so aufgeregt sein könnte wie in dem Augenblick, als sie bei Tante Helgard vor der Tür stehen und die Mutter klingelt. Hans öffnet, und Liese erkennt ihn sofort wieder, und hatte auch nichts anderes erwartet, aber ihr Herz klopft ihr bis zum Hals und als er ihr die Hand gibt und sie freundlich anlächelt, befürchtet sie, völlig zu versagen und einen Eindruck zu hinterlassen, über den die anderen noch in Jahren den Kopf schütteln und sagen werden 'Erinnert ihr euch an die Liese damals, wie die sich blamiert hat!' 'Na klar, wie könnte man so was vergessen!'

Und dann fällt ihr auch nichts Blöderes ein als zu sagen "Mama hat mich gebeten mitzukommen - um den Kuchen zu tragen." Und Helgard sagt daraufhin "Ach, das wäre doch nicht nötig gewesen!" Und sie meint bestimmt den Kuchen, aber man hätte auch annehmen können, sie meint Liese, und sie schaut schnell zu Hans und sagt "Aber Mama hat mir schon so viel von Ihnen erzählt und da wollte ich Sie sowieso mal kennenlernen."

"Ihr werdet doch jetzt nicht anfangen, euch zu siezen", ruft Helgard, "ihr seid doch gewissermaßen miteinander verwandt." Lieses Mutter wendet ein "Na ja, kann man das denn noch Verwandtschaft nennen?" Helgard sieht sie groß an. "Aber Selma! Sind wir dir plötzlich nicht mehr gut genug?" "Unsinn", verwahrt sie sich, "ich meine nur, da sind doch schon so viele Ecken dazwischen, daß man ..." "Ja, aber wir haben irgendwo alle einen gemeinsamen Vorfahren, auch wenn jetzt keiner von uns genau sagen kann, wer das war und wie er hieß." "... daß man nicht mehr von Blutsverwandtschaft sprechen kann, das wollte ich sagen." "Aber Mama, ist denn das so wichtig?" "Manchmal schon." "Na, jedenfalls müsst ihr euch erstmal kennenlernen", sagt Helgard, "so und jetzt bitte ich alle zum Kaffee."

Sie setzen sich, Lieses Mutter an der Stirnseite, Liese allein an der einen, Hans und Helgard gegenüber an der Längsseite. Helgard schenkt ein, Liese schneidet den Rührkuchen auf und legt jedem eine Scheibe auf den Teller. Dann setzt sie sich wieder, und während Helgard mit irgendeinem Ereignis aus der Nachbarschaft anfängt zu plaudern, schaut Liese ab und zu verstohlen zu Hans hinüber, bis sich ihre Blicke endlich treffen.

"Schmeckt prima, euer Kuchen", sagt er. Lieses Mutter hat nur darauf gewartet, daß einer von beiden etwas sagt. "Liese, gib' Hans noch ein Stück." "Er hat doch noch." "Ich hab' noch, danke, ich esse langsam." "Der ist wirklich gelungen", sagt Helgard, "hast du den gebacken, Selma?" "Liese hat geholfen." "Hm", macht Hans mit vollem Mund und nickt dabei. "Ist dir zu trocken", sagt Liese, die sieht, wie er sich damit abmüht. "Nein!" sagt er und ein paar Krümel fallen ihm aus dem Mund. "Der ist doch nicht trocken", sagt Helgard, "der hat sogar Schliff." Hans atmet auf, als sein Mund leer ist.

Mit einem Schlag verliert Liese all ihre Befangenheit. "Mama hat gesagt, du kannst uns mit Zitronen beliefern." "Liese!" "Beliefern ist übertrieben." "Aber du kannst welche besorgen." "Manchmal, ein paar. Nein danke, ich esse nachher noch ein Stück." "Wo kommen die jetzt überhaupt her?" "Was?" "Die Zitronen, um diese Jahreszeit?" "Aus Italien, von ganz unten." "Wie, von ganz unten?" "Aus Süditalien." Helgard sagt "Da sind jetzt schon die Alliierten." "Schon eine ganze Weile", meint Hans.

"Wir hatten auch mal eine Italienerin bei uns in der Klasse." "Ach ja? Warst du mit ihr befreundet?", fragt er, und sie ist auf die Frage gar nicht vorbereitet. "Ja, kann man sagen. Ich habe ihr erklärt, was ein Poesiealbum ist, das kennen die nicht. Und dann bin ich mal mit ihr in den Zoo gegangen, damit sie sich besser zurechtfindet." "Kannst du denn Italienisch?", will Hans wissen. "Nur so'n paar Brocken, Buon giorno und grazie und prego und natürlich Spaghetti, das merkt ja schon keiner mehr richtig, daß das Italienisch ist." Er lacht.

"Kannst du denn Französisch? Du warst doch dort." "Bin ich nicht dazu gekommen." "Ich würde gern mal nach Italien fahren. Meine Freundin hat mir von Rom erzählt, muss 'ne tolle Stadt sein. Riesig. Und alle naselang steht ein berühmtes Bauwerk, das kann man sich gar nicht alles auf einmal anschauen, da bräuchte man mindestens zwei Wochen für alles, oder allein für die Hälfte davon."

"Vielleicht ist es bald möglich, daß du hin fährst", sagt er. "Meinst du?" "Natürlich. Rom ist jetzt schon befreit, ich meine ..." "Ja, ich versteh' schon, der Tutsche ist nicht mehr da." Liese schweigt, und Hans sagt auch erst mal nichts mehr. Die beiden Mütter quasseln ohne Pause.

Dann sagt Helgard "Du kannst Liese doch mal dein Zimmer zeigen." "Hm." "Ich hab' alles so gelassen", sagt sie zu Lieses Mutter, "ich hab' immer gewusst, daß er bald wiederkommt. Ich hab' sogar neue Vorhänge genäht." "Interessiert dich das?" "Warum nicht, neue Vorhänge sind immer einen Blick wert." Er lacht wieder, Helgard sagt "Siehst du, Liese kann das wenigstens schätzen." "Ich schätze das auch, Mama." Sie gehen in sein Zimmer.

"Du sagst auch Mama zu deiner Mutter, wie ich." "Früher hab' ich immer Mumi gesagt." Sie lacht. "Und zu deinem Vater? Oh entschuldige, ich wollte dich nicht ..." "Was denn? Mich an ihn erinnern? Kann doch keiner was dafür, daß er nicht mehr da ist, du am allerwenigsten." "Das stimmt. Es ist schön in deinem Zimmer." "Du hast noch nicht auf die Vorhänge geguckt." "Ach so, ja, die Vorhänge, na, die sind die reine Pracht!" "Ja, man kann sie bloß nicht zuziehen, dafür hat der Stoff nicht gereicht." "Ist doch nicht schlimm, außerdem wollen wir sie ja auch gar nicht zuziehen."

Dann sagt sie "Wir haben uns übrigens schon mal gesehen." "Ja? Wo denn?" "Da oben auf dem Heller, in dem Barackenlager." "Weiß jetzt nicht genau ..." "Du bist mit dem Fahrrad gekommen und wolltest was von dem Unterscharführer, ich glaub' wegen irgend'ner Zuteilung." "Ach ja, jetzt weiß ich's wieder." "Der war äußerst unfeundlich zu dir." "Der Arsch! Solche wie der können mich mal kreuzweise." Dann fragte er "Was hattest du denn da verloren?" "Ich habe bloß eine Freundin begleitet, die wollte was von dem." "Ach so."

"Ich hab' übrigens was, das ich dir schenken möchte." "Wie komm' ich denn zu der Ehre?" "Ist bloß so eine Angewohnheit von mir, manchmal was zu verschenken." "Aha." "Aber denk' nicht, ich will mich damit beliebt machen." "Bei mir?" "Überhaupt." Sie holt etwas aus ihrer Rocktasche, er fragt "Was ist das?" "Na, wofür hältst du's denn?" "Ein Krokodil." "Zehn Punkte!" "Es ist niedlich. Woher hast du das?" "Da her, wo es Krokodile gibt." "Das sieht ein bisschen so aus wie die vom Winterhilfswerk." "Das ist aber nicht vom Winterhilfswerk! Ich hab's beschafft!" "Und jetzt weicht es dir nicht mehr von der Seite?" "Es ist ein Glücksbringer." "Den du mir schenken willst?" "Ja." "Ich hatte schon ziemlich viel Glück." "Kann man davon genug kriegen?"

"Nein, da hast du recht, kann man nicht. Aber was ist dann mit dir?" Sie zuckt übertrieben mit den Schultern. "Ach, ich komm' schon zurecht." "Du könntest es dir abholen, wenn Pech droht." "Ja, aber dann stör' ich dich vielleicht grade, wenn du beschäftigt bist." "Ja, das kann sein, dann lass' ich dich erstmal draußen warten." "Ich würde mich vielleicht nicht benehmen können." "Inwiefern?"

"Ich würde anfangen kläglich zu miauen wie eine Katze und mit den Fingernägeln an der Tür kratzen." Er lacht. "Ich wusste bis jetzt nicht, daß ich so eine lustige Verwandte habe." "Aber wir sind nicht verwandt, hast du doch gehört." "Ja, schade eigentlich." "Jedenfalls nicht derartig verwandt." "Also vielen Dank", sagt er und schwenkt das kleine Krokodil. "Willst du mich schon verabschieden?" "Was? Nein, ich ... habe bloß ..." Da sagt sie unwillkürlich "Kannst du mir mal zeigen, wo du verwundet wurdest?" "Auf der Karte?" "Was?" "Was?" Sie müssen beide lachen.

"Nee, ich meine am Bauch oder wo, ich weiß doch nicht, man sieht ja nichts." Ohne zu zögern zieht er sein Hemd aus der Hose und mit beiden Händen bis zum Nacken hoch, dabei dreht er sich um, und Liese sieht seitlich am Rücken eine große Narbe. "Hat das schlimm wehgetan?" "Ziemlich, ja." "Aber das war kein Schuss, oder?" "Nein, eine ordinäre Granate."

Sie zieht vorsichtig sein Hemd wieder herunter, er stopft es hinter den Gürtel, die ganze Zeit hält er das Krokodil fest. "Hast du jetzt immer noch Schmerzen?" "Manchmal. Es steckt noch was drin." "Es steckt noch was drin? Kannst du da dran sterben?" "Nein, aber es kann sich vielleicht entzünden, dann muss ich nochmal unters Messer." "Dann bist du alles los." "Ja. Aber ich warte damit, bis es soweit kommt."

Sie schauen sich in die Augen. "Was ist?", fragt sie. "Nichts, ich habe nur grade festgestellt, daß du blaue Augen hast." "Ja und?" "Ich aber braune. Das heißt vielleicht, daß wir doch nicht so eng miteinander verwandt sind." "Und weiter?" "Nichts weiter. Oder was weiter?" "Ich weiß nicht, was weiter." Sie zögert noch einen Augenblick, dann sagt sie "Ich glaube, ich hab' jetzt erstmal genug gesehen." "Von meinem Zimmer?" "Ja, wovon denn sonst." "Keine Ahnung, wofür du dich interessierst."

"Willst du das Krokodil nicht hier irgendwo hinstellen?" "Ach so, ja freilich, das lässt einen wirklich nicht los." Er schaut sich um. "Ist nur die Frage: wo steht's am besten? Ich will's ja auch sehen können." Für einen Moment fühlt sich Liese so, als wäre sie das kleine Krokodil. "Ja, es will dich auch sehen können."

Er stellt es auf's Regal, ins zweitoberste Fach. "Von da kann's alles überblicken, und wenn ich am Tisch sitze oder da im Sessel, können wir uns sehn." "Und vom Bett aus könnt ihr euch auch sehn." "Ja. Schlafen Krokodile eigentlich mit geschlossenen Augen?", fragt er. "Nein, niemals, sie könnten ja was verpassen." "Na, bei mir eher nicht." "Weiß man's?"

Den ganzen folgenden Sonntag über hätte sich Liese am liebsten in ihrem Zimmer eingeschlossen und den Schlüssel aus dem Fenster geworfen, damit es ihr unmöglich wäre, hinaus und geradewegs in die Wintergarten Straße zu rennen, um unter irgendeinem Vorwand Hans zu besuchen. Aber erstens hatte sie immer noch keinen Schlüssel für ihr Zimmer, und zweitens ... es gab kein zweitens! Und auch das erstens war ja kein echter Hinderungsgrund, im Gegenteil, es war vielleicht ein Wink des Schicksals, dafür, daß der Weg frei ist!

Aber was für einen Grund sollte sie nennen, der einigermaßen glaubwürdig wäre? Wenn sie wenigstens irgendetwas bei Helgard liegengelassen hätte, das sie jetzt holen könnte. Warum hatte sie nicht schnell genug geschaltet? Und jetzt schon auf das Krokodil zurückzugreifen, das war allzu kindisch. Schließlich fand sie, daß es am besten sei, wenigstens diesen einen Tag verstreichen zu lassen und sich nicht gleich die Blöße zu geben, obwohl es in ihren Augen nichts mit Blöße geben an sich hatte, sondern nur mit Ungeduld, die ihr beinahe das Herz auffressen wollte.

"Ich hatte grade was hier zu tun", sagte sie am Montag zu Helgard, als sie bei ihr klingelte. "Da hast du aber Glück, ich bin eben reingekommen." Sie plauderten ein bisschen, dann fragte Liese wie nebenbei, ob Hans denn nicht da wäre? "Na hör' mal, Liese, es ist grade eins durch, er arbeitet doch bis vier und dann, na vor fünf ist der nie zu Hause. Soll ich ihm was ausrichten?" "Nein! Ja. Oder vielleicht ... Kann man ihn denn da auch besuchen?" "Im Wirtschaftsamt?" "Ja."

"Man kann da vorsprechen." "Für was?" "Wenn man irgendetwas will. Aber es geht da zur Zeit ziemlich rabiat zu, kein Vergnügen, der Hans hat manchmal schon richtig schlechte Laune, wenn er von der Arbeit kommt." "Ach, wie schade. Wo er doch eigentlich so ein fröhlicher Kerl ist." "Oh ja, das ist er! Schon immer gewesen. Aber er kann auch ein ganz schöner Lausbube sein, immer noch." Liese lachte.

Und dann fragte sie Helgard über ihn aus, und Helgard erzählte alle möglichen Geschichten, und Liese konnte nicht genug davon hören und es schien ihr auf einmal, als hätte sie selber schon als Kind mit ihm gespielt. Dann ging es auf drei zu, und Liese hätte am liebsten die Zeit vorgedreht, aber sie verabschiedete sich von Helgard und sagte, sie würde bestimmt bald wieder vorbeikommen. "Hans hat da doch nichts dagegen, oder?" "Wenn du uns besuchst? Aber woher denn! Du gehörst doch sozusagen zur Familie." "Hm." "Und ich bin ja froh, daß wir wieder alle so zusammen sind!"

In Lieses Schule am Pohlandplatz wurden Unterkünfte für deutsche Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland eingerichtet, und sie musste beim Umräumen mithelfen. Das war auf alle Fälle besser als da oben in der Kälte Erde zu schaufeln, obwohl die Heizung auch schon heruntergefahren war. Es musste ziemlich schlimm aussehen dort im Osten, daß die Leute es auf sich nahmen, hier in solchen ungemütlichen Notquartieren Zuflucht zu suchen.

Und am nächsten Nachmittag (es war schon dämmerig) sagte Liese zur Mutter, sie müsse schnell nochmal zu Tante Helgard, sie hätte da letztens was liegengelassen. Und in der Wintergarten Straße sagte Helgard, der Hans sei eben fort und wollte zu ihr, ob sie sich denn nicht begegnet wären. Liese machte kehrt und rannte zurück, und am Trinitatis Friedhof rutschte sie auf einer glatten Stelle aus und landete auf dem Hintern, kam aber schnell wieder auf die Beine.

Und zu Hause sagte die Mutter, ob sie Hans denn nicht getroffen hätte, der wäre gleich wieder los, als er hörte, daß sie zu ihm wollte; und er hatte ihnen auch eine Büchse Schmalzfleisch gebracht. Und obwohl es schon dunkel war, wollte Liese gleich nochmal hin, aber da heulten die Sirenen auf und es gab Fliegeralarm und sie mussten alle in den Keller. Und als Liese auf der harten Bank saß, tat ihr der Hintern weh, aber sie dachte nur 'Hoffentlich ist Hans noch rechtzeitig heimgekommen'.

Da steht plötzlich ein Soldat neben ihr und sagt "Na endlich erwisch' ich dich, Liese!" Es ist Hans in seiner Obergefreiten Uniform (er hatte sich nach der Arbeit nicht umgezogen), und Liese ruft "Mensch, und ich hatte solche Angst, daß du noch auf dem Weg bist!" "Bin gleich umgekehrt." "Das war schlau."

Sie rückt ein Stück zur Seite und macht ihm Platz, und er setzt sich. Und obwohl sie beide in diesem schrecklichen Keller sitzen müssen, fühlt sich Liese unsagbar wohl an seiner Seite, und sie schmiegt sich zaghaft an ihn und sagt "Mir ist bloß ein bisschen kalt", und er zieht seine Jacke aus und hängt sie ihr um. "Besser?" "Ja. Danke. Ich bin so froh, daß du da bist." "Ich bin gern da."

Am nächsten Tag trifft sie Dolores im Treppenhaus, und die fragt "Ist das dein neuer Freund?" "Wer?" "Mit dem du gestern im Keller zusammen warst." "Schon möglich. Warum?" "Ich wünsch' dir viel Glück mit ihm." Liese war für einen Moment sprachlos, dann sagte sie "Danke, Dolores. Und wie sieht's bei dir aus?" "Unverändert", erwidert sie und schiebt ein Bonbon durch den Mund und lässt es an die Zähne klappern.

"Du hast wieder Bonbons?" "Ja. Willst du eins?" "Gerne." Sie holt eins aus ihrer Rocktasche, es ist in grünes Papier eingewickelt. "Das ist mit Pfefferminze." "Oh, die lieb' ich." Sie wickelt es aus und steckt es in den Mund. "Was ist das für Schrift da drauf, sieht ja beinahe aus wie ..." "Da steht, daß es mit Pfefferminze ist." "Ja, aber woher kommen die?" Dolores zuckt mit den Schultern, dann nimmt sie Liese das Papier weg und sagt "Werde mal sehen, ob ich's herausfinden kann", und lässt es verschwinden.

Dann ist Liese wieder bei Tante Helgard in der Wintergarten Straße, und Hans repariert gerade den Radioapparat, er stochert mit dem Schraubenzieher darin herum, aber das Ding will nicht recht, und Hans wird schon ganz ungeduldig, daß es ihm nicht gelingt, und Liese sagt "Vielleicht ist es, weil ich zugucke, da werde ich auch immer ganz nervös, wenn mir jemand bei was zuguckt."

Er hält einen Moment inne und lächelt sie an, und dann gibt er ihr einen kleinen Kuss auf die Wange und sagt "Nein, Liese, das schadet nichts", und stochert weiter drin herum. Aber Liese ist ein bisschen verwirrt und sie hüpft vom Stuhl und sagt "Ich muss mal schnell wohin", und sie geht zu Helgard, die in der Küche ist (wie Mama!), und Helgard fragt "Willst du irgendwas, Liese?" "Nein, nein, wunschlos glücklich." Aber sie setzt sich hin und überlegt.

Dann steht sie auf, atmet tief durch und geht wieder in Hans' Zimmer und schließt die Tür hinter sich und sagt "Kannst du den Kasten jetzt mal sein lassen und mich lieber nochmal küssen?" Er schaut sie an (für einen Moment ist es ihr, als würde er sie auch mustern), dann legt er den Schraubenzieher hin und steht auf und kommt auf sie zu und legt seine Hand an ihren Hals, und dort beginnt es heftig zu pochen, und dann kommt er nah und näher, und dann berühren sich ihre Lippen ... und ab da hat Liese ihren Verstand ausgeschaltet.

Natürlich haben sie sich an diesem Abend nur geküsst. Aber ziemlich oft und lange, und beim Abendbrot hat Tante Helgard zu Liese gesagt "Du kannst in der Dunkelheit nicht mehr nach Hause laufen, bleib' über Nacht hier." "Ja, gern, aber ich müsste Mama irgendwie Bescheid geben." "Das mach' ich", sagt Hans. "Du musst Herrn Kolmar anrufen, der ist der einzige bei uns, der Telephon hat." "Das ist der Luftschutzwart?" "Ja." "Den kenn' ich schon."

"Der schickt dann immer seine mittelste Tochter zu den Leuten, die macht das gern", sagt Liese. "Aber einmal sollte sie beim Herrn Mehlert was ausrichten, und da kam sie dann erst nach zwei Stunden wieder runter", fügt Liese hinzu und lacht, aber Helgard braucht eine Weile, bis sie's kapiert. "Wie kam das raus?" "Der Kolmar hat im Keller den Mehlert vor versammelter Mannschaft bloßgestellt." "Wie peinlich." "Ja, aber für wen?"

Dann gab es eine kleine Debatte darüber, wer auf dem Sofa schläft. Hans hatte Liese sein Bett angeboten, und Helgard war auch dafür (sie wollte sogar extra frische Bettwäsche aufziehen; "Die kannst du beim nächsten Mal wieder benutzen.") Aber Liese bestand darauf, das Sofa zu nehmen, weil sie ja viel kleiner wäre als Hans und deshalb da besser draufpasse. Sie schlief wunderbar.

Und ein andermal war es umgekehrt, da war Hans bei Liese, und es gab Fliegeralarm und sie mussten in den Keller, und danach wollte sie ihn nicht allein nach Hause gehen lassen; "da würde ich Todesängste ausstehen müssen", sagte sie, und er blieb über Nacht.

Liese sagte, er könne in ihrem Bett schlafen (die Vorstellung gefiel ihr), aber dann erzählten Hans und ihr Vater vom Krieg, Hans von diesem, der Vater vom vorigen, und Liese wurde hundemüde und sagte, sie legt sich schon mal hin, "und wenn du dann ins Bett willst, weckst du mich."

Sie ließ die Türen offen, und vom Bett aus hörte sie die beiden Männer palavern, und die Mutter kam dann auch noch dazu und staunte bloß darüber, was Hans alles erlebt hatte (das meiste von Vater kannte sie schon), und Liese horchte auch nur auf Hans, und sie dachte, ganz sicher ist er nur verwundet worden, damit er nach Hause kommt und sie beide sich begegnen. Oh, was für eine Fügung des Schicksals! Und wie gut, daß sie so lange ausgehalten hatte.

Liese hatte ein paar Schlittschuhe, die waren zwar schon alt, und sie hatte sie im letzten Winter nicht benutzt, aber Hans sagte, die sind noch in Ordnung und er schleift sie bloß mal ab, dann kann sie sie benutzen. Ob er denn auch welche hätte? Nein, aber er könnte sich welche besorgen. "Das wäre toll", sagte Liese. Und er besorgte sich welche, praktisch von einem Tag auf den andern.

Dann gingen sie zum Carolasee, der zugefroren war, und liefen Schlittschuh, und sie konnte es besser als er, aber das machte ihm nichts aus, und Liese auch nicht, und sie zeigte ihm ein paar Tricks, und dann war er bald genauso gut wie sie. Sie ließ sich zwischendurch auch ein paar Mal fallen, und wenn er ihr aufhalf, küssten sie sich und sie sagte "Na ja, so perfekt läuft's bei mir auch noch nicht."

Leider kam dann Tauwetter, und das Eis war nicht mehr dick genug. Und als es dann wieder kälter wurde, kam der Befehl, daß Dresden zur Festung erklärt wird, und da durfte man im Freien gar nichts mehr machen. Der Vater meinte, jetzt ginge es ihnen so wie Breslau, das sie im letzten Jahr schon zur Festung erklärt hatten.

Und Liese fragte, ob Edgar, wenn er womöglich bald hier ist, dann überhaupt hereingelassen wird, aber Hans beruhigte sie und meinte, natürlich kommen die eigenen Truppen jederzeit herein. Liese fuhr zu Regina (die Bahnen verkehrten nur noch alle paar Stunden) und blieb dort und sie freute sich über Hannchen, die immer gute Laune hatte und anscheinend von allem Elend nichts mitbekam, und das war ja auch besser so.

Eigentlich wartete man nur noch darauf, daß der Krieg zu Ende geht, aber das war ja auch schon seit längerem so, und niemand mochte ausschließen, daß es nicht doch ein Ende mit Schrecken werden könnte. Die Alliierten hatten sämtliche bedeutenden Industrieanlagen in Sachsen bombardiert, und Leipzig und Chemnitz hatten auch ganz schön was abgekriegt, aber die andern Städte waren weitgehend verschont geblieben, vielleicht gab sich der Feind damit zufrieden? Wo man sich doch sowieso nicht mehr wehren konnte.

Zum Fasching lassen sich die Kinder nicht davon abhalten, in lustigen Klamotten durch die Straßen zu ziehen und hier und da in einem Laden etwas zu ergattern, obwohl die Ausbeute äußerst dürftig ist. Auch die Vergnügungen halten sich in engen Grenzen, finden aber noch statt (man muss nur wissen wo), und beim Zirkus Sarrasani gibt es sogar eine Nachmittags- und eine Abendvorstellung. Aber danach steht dem jungen Pärchen nicht der Sinn.

Liese hat erfahren, daß in der Neustadt in einer Kneipe eine Faschingsveranstaltung sein soll; sie kennt die Kneipe nicht, aber es kam in letzter Zeit immer mal vor, daß irgendwo eine dichtgemacht hat und unter anderem Namen in einer anderen Lokalität weitergeführt wurde. Gut möglich, daß das Publikum aus dem "Bogenschützen" oder dem "Park Café" auch da hin umgezogen ist.

Am späten Nachmittag machen sie sich auf, Hans holt sie ab, er hat einen Rucksack dabei. Was er damit vorhabe? "Nichts", sagt er, und Liese fällt ein, daß sie zwei Hütchen aus Pappe und zwei rote Clownsnasen besorgt hat, die kann er ja einstweilen hineintun.

Sie suchen und suchen, aber sie finden die besagte Kneipe nicht. Da kommen ihnen ein paar andere entgegen, die sind schon leicht betütert. Hans fragt einen, ob er wüsste, wo diese Kneipe wäre, und der sagt "Ja, klar", und dann drückt er ihm eine Flasche Wein in die Hand und sagt "Halt' mal" und rennt den andern nach und ruft "Wartet auf mich!"

Hans und Liese stehen da, und er hält die Flasche hoch, und sie sehen sich an und müssen lachen, die Truppe ist schon in eine Seitenstraße eingebogen. "Am besten, wir bewahren sie solange für ihn auf", sagt Liese, und Hans sagt "Genau, dafür haben wir ja den Rucksack mit." Sie beschließen, hinüber in die Altstadt zu laufen, da wüsste er, wo was los sein könnte, meint Hans, und Liese ist bloß froh, daß er nicht sauer geworden ist wegen der Sucherei.

Und dort finden sie tatsächlich was, und es ist auch schon gute Stimmung da, und der Wirt hat sogar mit Luftballons und Papiergirlanden geschmückt; "Altbestände" wie er versichert, und für jeden Ballon, den jemand, egal wodurch, platzen lässt, muss er eine Runde ausgeben.

Die Musik ist auch ganz annehmbar, na ja, klingt ein bisschen schief, meint Liese, aber Hauptsache, man kann tanzen, und sie tanzen und tanzen, bis ihr die Sohlen brennen, und dann trinken sie was und sie küssen sich andauernd, und irgendwie hat Liese das Gefühl, als würden sie sich in dieser Fastnacht lieben bis zum Morgengrauen. "Hast du auch so eine Ahnung, daß wir uns heute Nacht noch lieben werden?", flüstert sie ihm ins Ohr, und er nickt und sagt "Schon die ganze Zeit."

Da kommt plötzlich eine Streife herein, ein SS Offizier (ein Obersturmführer, wie Hans ihr hinterher erklärt), ein Unteroffizier und noch zwei in Uniform, sie sind alle bewaffnet. Sie verlangen den Wirt zu sprechen, sie fordern, daß die Musikanten leiser spielen sollen; "Kein Mensch kann bei dem Lärm die Sirene hören!" Der Wirt sagt, er werde dafür sorgen, und sie ziehen ab.

Eine Viertelstunde später kommen sie wieder. Der Obersturmführer schreitet nach vorn zu den Musikanten, befiehlt ihnen aufzuhören, stellt sich in Front zum Publikum und ruft mit donnernder Stimme "Die Veranstaltung ist aufgelöst! Verlassen Sie sofort das Lokal!" Einige murren, manche lachen, einer ruft "Helau! Hoch leben die Narren!" und eine Frau jammert "Karli, wo sind meine Schuhe?" Alle zerstreuen sich.

"Wohin geh'n wir jetzt?", fragt Liese. Hans überlegt einen Moment, dann fasst er ihre Hand und sagt "Komm' mit." Sie laufen durch dunkle Straßen, nur hier und da hört man ein paar feuchtfröhliche Stimmen aus den Häusern, aber nirgends ein Licht. "Wo sind wir hier?", fragt Liese nach einer Weile. "In der Nähe vom Ferdinandplatz, komm' hier entlang."

Sie biegen ab, in eine noch dunklere Gasse, und plötzlich bleibt Hans vor einem Hauseingang stehen. Die Tür ist nicht abgeschlossen, sie macht einen Quietscher. Im Hausflur ist es finster, Hans holt seine Dynamo Taschenlampe aus dem Rucksack, er geht voran, Liese folgt ihm und fasst seine andere Hand. Die Taschenlampe surrt und stößt in kurzen Zügen einen schwachen Lichtschein aus.

Sie steigen die Treppe hinauf bis zum zweiten Stock, es sind vier oder fünf Wohnungstüren, aus einer dringt verhalten vergnügter Lärm. Hans geht bis zur hintersten Tür und legt das Ohr an. "Wer wohnt hier?", flüstert Liese und zittert ein wenig vor Kälte und auch vor Angst. "Jemand, den ich kenne", murmelt er, holt einen Schlüssel aus der Tasche und schließt vorsichtig auf. "Komm!" "Aber wer wohnt hier?" "Sag' ich dir gleich." Sie gehen hinein. Hans kennt sich aus, er zieht Liese hinter sich her in ein Zimmer. "Warte."

Er geht zum Fenster (es sind zwei) und vergewissert sich, daß hinter den Vorhängen die Rollos heruntergezogen sind. Dann knipst er den Schalter an einer Wandleuchte an. Im Zimmer stehen ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein Schrank, eine niedrige Kommode, ein breites Bett mit ordentlich zusammengelegten Decken, auf dem Boden ein Teppich, neben der Tür ein Sessel, auf dem Hans seinen Rucksack abgelegt hat, von der Decke hängt eine Lampe mit fünf geschwungenen Armen ohne Glühbirnen herab. Auf der rechten Seite steht ein Kanonenofen mit einem Ablageblech davor und einem Kohlenkasten daneben, eine Menge Holzscheite sind darin gestapelt.

Liese fröstelt, sie reibt sich mit den Händen über die Arme. "Ich mach' ein Feuer an, es wird gleich warm werden." "Jetzt sag' mir erst, wer hier wohnt und warum keiner da ist. Oder ist jemand da?" "Nein. Die Wohnung steht leer." "Und wieso hast du einen Schlüssel?" Hans macht sich am Ofen zu schaffen, da liegt eine alte Zeitung und ein paar dünne Späne, er stopft was davon ins Feuerloch und zündet es mit einem Streichholz an, es prasselt gleich los.

"Den hat mir der Besitzer gegeben, damit ich aufpassen soll, solange er weg ist", sagt er mit einer halben Kopfdrehung zu ihr, dann legt er drei kleinere Holzscheite auf, und das Feuer macht sich gierig darüber her, er schließt die Klappe und schiebt die Lüftung auf. "Wer ist der Besitzer?" "Kennst du nicht. Wir können heute Nacht hierbleiben. Wenn du willst." Sie sagt nichts. Sie weiß auf einmal ganz sicher, daß sie es hier mit Hans tun wird.

"Ja, gern. Es ist gemütlich hier", sagt sie und schaut sich um. Über der Kommode hängt ein Photo. Hans sagt "Es wird gleich noch viel gemütlicher." Sie betrachtet es, darauf sind ein Mann und eine Frau mit vier Kindern zu sehen, drei Jungen und ein Mädchen, offenbar die Älteste. "Sind das die Besitzer?" "Ja. Wie wär's, wenn wir ..." "Warte!" ruft sie. "Dreh dich um!" Er gehorcht.

Liese geht zu seinem Rucksack und holt etwas heraus. "Warte! Jetzt!" Er dreht sich um und muss lachen. Sie hat sich die rote Clownsnase und das gelbe Hütchen mit dem Kleeblatt aufgesetzt. "Es ist doch noch Fasching!" "Ja. Ich muss meins auch aufsetzen", sagt er und macht es. "Wir haben auch noch das hier." Er hält die Weinflasche hoch, dann stellt er sie auf den Tisch. "Den können wir jetzt trinken." "Ja, aber erst musst du mich küssen."

"Mit Vergügen, meine Faschingsmaus." Er umarmt sie und versucht sie zu küssen, aber Liese drückt ihr rotes Nasenbällchen gegen seins, und er schafft es nicht mit seinem Mund bis zu ihrem. Sie lacht. "Na, was denn nun?" "Ich komm' nicht ran!" "Ich denk' du willst mich küssen!" Er kneift sie in den Po, sie juchzt auf und wirft den Kopf zurück, und er neigt seinen zur Seite und drückt sanft seine Lippen auf ihre.

Ihr Atem geht schneller, seine Hand fährt über ihre Brust und dann über den Bauch hinab, und als sie unten ankommt, schreckt Liese unmerklich zurück und er lässt ab, und sie schauen sich an, und sie sagt "Ich liebe dich", und er sagt "Ich liebe dich auch." "Leg' noch was von dem Holz nach, damit es schön warm wird." "Ja, sofort."

Er macht sich am Ofen zu schaffen, und Liese denkt daran, ob sie ihr Kleid ausziehen soll, bevor er sich wieder umdreht. Aber da sagt er "Draußen eine Tür weiter ist übrigens eine Toilette, da kann man sich auch die Hände waschen." "Muss ich nicht." "Ja, aber ich", sagt er, als er etliche dicke Holzscheite verstaut und was vom Ruß abbekommen hat. "Wollen wir uns dann da hinlegen?", fragt sie. "Ja, gut. Ich dachte, wir trinken vorher einen Schluck Wein, zum Fasching." "Ja, gut. Wasch' dir erstmal die Hände."

Als er weg ist, würde sie ihm am liebsten gleich nachlaufen, sie kann keinen Augenblick mehr ohne ihn sein. Gott sei Dank hört sie nebenan das Wasser rauschen. Sie geht zu dem Bett und breitet die Decken aus, sie sind schön weich, und der Bezug ist auch hell und sauber, und es liegt ein großes Federkissen da, das reicht für beide. Sie stellt es sich schon vor.

Er kommt wieder, und sie wirft sich ihm an den Hals und küsst ihn, sie haben immer noch beide die Nasen und die Hütchen auf. "Ach Hans", sagt sie, "ich liebe dich so sehr, daß ich gar nichts anderes mehr machen kann." "Musst du auch nicht." "Und du darfst auch nichts anderes mehr machen, als mich liebhaben!" "Ja, gut. Aber wer macht dann die Weinflasche auf?" "In Ordnung, du darfst noch einmal was anderes machen." "Danke."

"Aber beeil dich, damit du mich gleich wieder liebhaben kannst." Er sucht beim Holz ein Spänchen und drückt damit den Korken in die Flasche. "Das muss jetzt mal so gehen." "So geht das." "Ich probier' mal, ob's geht." Er setzt die Flasche an, aber der Korken liegt gleich vorm Hals. "Geht's?" "Nicht so richtig. Wenn wir 'n Glas hätten." "Was ist damit?", sagt Liese und zeigt auf die kleine Blumenvase mit ein paar künstlichen Veilchen auf der Kommode." "Perfekt", sagt er, "ich spül' sie bloß schnell aus." "Nee! Lass mich das machen, bleib' du hier, ich muss sowieso mal."

Dann setzen sie sich an den Tisch gegenüber, und Hans schenkt ein, er hält in der einen Hand die Flasche und schiebt mit dem Span in der andern den Korken zurück. Die Vase ist kaum größer als eine Birne und aus geschliffenem Glas, und der rote Wein schimmert hell und dunkel hindurch. Hans ist sehr konzentriert und Liese schaut ihm zu.

Da reißt plötzlich das Gummiband unter seinem Kinn und das Hütchen springt ihm vom Kopf, und Liese kriegt so einen Lachanfall, daß der Tisch wackelt. "Meine Fresse!", ruft er entgeistert, "Ich wusste ja nicht, daß da 'n Knallfrosch drunter steckt." Dann reicht er ihr den Wein und sagt "Prost, auf uns!" "Ja, auf uns!" Sie trinkt. "Hm, schmeckt. Jetzt du, auf uns!" "Prost!" "Schenk' mir nochmal ein." Er macht es, sie sagt "Der geht gleich in'n Kopf, merkst du?" "Ja, der ist gut."

"Weißt du, was schön wäre?" "Was? Prinzessin." "Wenn du mir 'n Brief schreiben würdest." "Wie? Jetzt?" "Ja. Wo du mir hoch und heilig drin schwörst, daß du mich immer liebhaben wirst." "Ja. Und soll ich ihn mit meinem Blut unterzeichnen?" "Oh ja! Mit drei Tropfen Blut, einer für mich, einer für dich und einer für uns beide." "Ich dachte, für Vater, Sohn und Heiligen Geist." "Du machst dich drüber lustig!", ruft sie empört und trinkt die Vase aus. "Hui! Der macht mich richtig hitzig!"

"Ja, man sieht's an deinen roten Wangen." "Ehrlich?" "Du siehst hübsch aus." "Wollen wir uns hinlegen?" "Ja." "Wir ziehen uns aus." "Ja, das wäre gut." "Du zuerst." "Willst du mich nackt sehen?" "Ich zieh' mich auch aus." "Wir können uns gegenseitig ..." Da geht die Tür auf, und die beiden fahren hoch, und Liese schreit und schlägt die Hände vor den Mund.

"Verzeihung, die Herrschaften", sagt ein Mann, der aussieht wie ein Bettler. Sein Gesicht ist eingefallen und gelblich, er trägt einen schäbigen langen Mantel, und seine Füße stecken in klobigen Schuhen, die mit Strick und Draht zusammengehalten werden. Er hat den Hut abgenommen und verbeugt sich demütig. "Ich will Sie nicht belästigen." Trotz seines elenden Äußeren glaubt Liese ihn zu erkennen. "Sind Sie der Besitzer?" "Wie bitte, mein Fräulein?" "Gehört Ihnen die Wohnung hier?" "Nein, nicht mehr." Sie schaut Hans an, der sagt "Wir haben nur mal nach dem Rechten gesehen."

Der Mann muss fürchterlich husten. "Geht es Ihnen gut?", fragt Liese. Er klopft sich stumm mit der Faust auf die Brust und starrt zu Boden, als würde er abwarten, bis ein böser Geist an ihm vorübergezogen ist. Dann richtet er sich plötzlich auf und lächelt sie beide an. Liese sagt erleichtert "Heiliger Strohsack! Sie haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt!" "Tut mir leid, kommt nicht wieder vor." "Möchten Sie einen Schluck Wein?" "Nein vielen Dank." "Sollen wir gehen?" "Wie bitte?" "Möchten Sie, daß wir gehn?"

"Aber nicht doch, Kinder! Bleibt solange ihr wollt. Ich will nur ..." Er geht hinüber zu der Kommode und mit zittrigen Fingern nimmt er das Photo ab. Liese fragt "Ist das ... Ihre Familie?" Er schaut auf das Photo und streichelt es. "Ja", sagt er und seine Stimme versagt. "Es sind hübsche Jungs, Ihre Tochter ist auch sehr hübsch. Und Ihre Frau natürlich auch." "Ja, das sind sie." Alle schweigen, als würden sie ihrer gedenken, dann sagt er "So, und nun gehe ich wieder." "Wohin?"

"Drüben ist eine Kammer, wenn ihr nichts dagegen habt, bleibe ich dort noch ein Stündchen." "Ja, natürlich. Sie können auch hier ..." "Aber bitte, mein Fräulein, ich weiß doch, daß ihr allein sein wollt." "Ja, das stimmt, wir hatten uns darauf eingerichtet." "Nur zu, nur zu", sagt er und kichert auf einmal wie ein Großvater.

Da ruft draußen im Treppenhaus von unten eine Männerstimme "Achtung! Achtung! Hausbewohner! Für heute Nacht ist Fliegeralarm angekündigt! Luftschutzgepäck griffbereit halten! Bei Alarm sofort in den Keller!" Er steigt die Treppe hoch und wiederholt es auf jeder Etage. Der Mann wendet sich zur Tür. Liese sagt "Haben Sie vielleicht ein Blatt Papier und einen Stift da?" "Wie bitte?" "Ich möchte, daß mir mein Freund was aufschreibt." "Liese!" "Doch, das war mein Ernst."

Der Mann geht zum Tisch und legt die Photographie hin. Dann greift er in die linke innere Manteltasche, nimmt eine Walther Pistole heraus und legt sie daneben. Liese zwingt sich zur Ruhe, Hans macht einen Schritt auf ihn zu. Der Mann greift abermals in den Mantel und holt ein zusammengefaltetes Blatt Papier heraus, und zuletzt einen Bleistiftstummel. "Würde dir das etwas nützen, Kindchen?" "Ähm, ja, ich meine, wenn Sie es entbehren könnten?" "Nun ja", erwidert er, "mir fehlen jetzt sowieso die richtigen Worte." "Danke." "Gern geschehen", murmelt er und steckt die Pistole in die eine, die Photographie in die andere Manteltasche.

Draußen der Rufer ist verstummt. "Lebt wohl", sagt der Mann und ermahnt sie: "denkt dran, rechtzeitig in den Keller zu gehen!" "Ja, machen wir, und danke nochmal, daß wir hier bleiben dürfen." "Gern geschehen." Er schließt hinter sich die Tür. Liese lässt sich auf den Stuhl fallen.

"Puuuhhh! Das war ja eine tolle Unterbrechung. Jetzt brauch' ich einen Schluck Wein, ist noch was drin?" "Noch halb voll, ich glaub' ich brauch' auch einen Schluck", sagt Hans und schenkt ein. Sie trinkt, dann gibt sie ihm die Vase. "Möchte mal wissen, wo der jetzt herkam, und dann auch noch bewaffnet", sagt sie, ohne daran zu denken, daß Hans ihn angeblich kennt. "Er hat nach Mist gerochen." "Ja, ein bisschen." "Ein bisschen sehr."

Er faltet das Blatt auseinander und sieht, daß innen schon was draufsteht, die Schrift ist unleserlich, die Tinte verlaufen. "Was ist das?" "Irgendeine Liste mit Namen und Nummern, sieht aus wie aus einer Herberge." Hans versucht etwas zu entziffern. "Hier steht Außenlager Birkenau, vielleicht ein Schulungsheim von der Arbeitsfront." "Wo liegt Birkenau?" "Gleich hinter Weidenau", sagt er und lacht. Sie wendet das Blatt um. "Dann schreibst du hier drauf, los!" "Ich mache es ja, aber du musst mir sagen, was ich schreiben soll." "In Ordnung."

Sie schaut nach oben und überlegt. Hans sagt "Oder nee, ich weiß, was ich dir schreibe, aber unter der Bedingung, daß du's erst morgen früh liest." "Oh ja!", ruft sie begeistert und klatscht in die Hände. "Aber das Blut lass' ich weg." "Kommt nicht in Frage! Blut muss sein, ich geb' mich mit einem Tropfen zufrieden." "Du bist unersättlich." "Ja, das bin ich! Und du wirst gleich erleben, daß ich noch viel unersättlicher sein kann."

Er schreibt, Liese fängt an sich auszuziehen. "Was machst du?" "Ich zieh' mich aus. Schreib! Und wehe, wenn es nicht das ist, was ich hören will." Sie steht im Unterrock vor ihm, er schaut sie an. "Schreib!" "Mach' ich ja ... Fertig!" "Zeig her!" Er reißt das Blatt in die Höhe. "Das war nicht abgemacht!" Sie lacht, dann fasst sie ihren Unterrock am Saum und streift ihn wie eine zweite Haut von unten nach oben ab. Sie ist nackt, Hans schluckt.

"Jetzt das Blut", sagt sie gedehnt. Er holt ein Taschenmesser hervor, klappt es auf und piekst sich in den Daumen, dann drückt er ihn aufs Papier. Liese ist zufrieden. Sie springt ins Bett unter die Decken und sagt "Komm' her, beeil' dich, ich will, daß du mich liebst!" "Als wenn ich dein Lakai wäre!" "Ach was, sei nicht so empfindlich, Hans Berger. Los, lieb mich!" Er zieht sich aus, löscht das Licht und legt sich neben sie.

Sie küssen sich, ihre Hände streichen über ihre Körper, seine Lippen gleiten über ihre Haut, sie seufzt auf und fängt an zu stöhnen, erst zaghaft, dann kräftiger, schließlich in langen, befreienden Stößen, als würde sie sich aus einem engen Gehäuse heraus winden, und Hans atmet auch immer heftiger, und sie spürt, wie sein Glied sich groß und prall an ihren Schenkel drückt, und sie sagt "Lieb' mich ganz doll! So doll es geht!" Er ist kurz davor, sich in ihr zu verlieren, da hält er plötzlich inne. "Was ist?", flüstert sie. "Hörst du das?" "Nein. Was?" "Pssst!" Sie lauschen beide ins Dunkel.

Aus der rabenschwarzen Nacht kommt von ferne ein dumpfes Brummen. Hans steht auf und geht ans Fenster, er lugt durch einen Spalt an der Seite hinaus. "Was ist?", fragt sie, und das Brummen wird stärker, und Hans sagt "Ich glaube, da ist was im Anflug." "Was denn?" "Ich weiß nicht, aber es klingt gewaltig." Im Dunkeln greift er nach seinen Sachen. "Was machst du?" "Ich zieh' mir was an." "Aber wieso denn? Vielleicht ist es gleich vorbei."

Er reicht ihr den Unterrock, Kleid und Strümpfe. "Besser, du ziehst dich auch an." "Bist du sicher?" "Ja. Wenn's vorbei geht, können wir uns wieder hinlegen." "Ich war grade so doll in Fahrt." "Ja, ich auch." "Ich weiß", sagt sie, während sie das Kleid zuknöpft, "wenn's vorbei ist, fangen wir nochmal von vorn an, ja?" "Ja, auf jeden Fall, dann soll uns nichts mehr stören." Hans schaut aus dem Fenster, Liese stellt sich neben ihn und umfasst seinen Arm. Und da spürt sie, wie etwas in ihrem Körper in das Dröhnen vom Himmel einstimmt und nicht mehr loslässt.

Von unten brüllt der Hauswart "Alarm! Fliegeralarm!" Es klopft an die Tür, und der Mann von vorhin steckt seinen Kopf herein und sagt "Seid ihr noch da?" "Ja, wir sind hier." "Besser, wenn ihr jetzt runter in den Keller geht, es ist zu gefährlich hier oben." "Und Sie?", fragt Liese, aber er ist schon wieder weg.

"Schau' nur!" ruft Hans. "Oh! Das ist ja phantastisch!" Vom Himmel schweben lauter strahlend helle Lichtkugeln herab, als wäre ein Stern in tausend Stücke zersprungen und würde in einem Meer aus Luft schwerelos versinken. Da erst hören sie das Heulen der Sirenen, aber der ungeheure Lärm von oben übertönt alles. "Lass' uns runter gehen", sagt er.

Sie ziehen die Schuhe und die Mäntel an, Hans wirft den Rucksack über die Schulter, nimmt Liese an die Hand und leuchtet mit der Taschenlampe ins stockfinstere Treppenhaus. Sie stolpern hinab, Liese ruft "Der Brief!" "Den kannst du nachher noch lesen." Als sie unten im Hausflur sind, schlägt die erste Bombe ein.


ENDE



Namen, Orte und die Bezeichnung von natürlichen, historischen oder künstlerischen Objekten und Ereignissen, der Inhalt von Theorien oder religiösen Anschauungen, die Wiedergabe von Meinungen, die Benennung und Beschreibung von Personen, Bauwerken, Landschaften etc. sind, soweit nicht historisch verbürgt oder allgemein gebräuchlich, ebenso wie die Handlung entweder frei erfunden oder literarisch abgewandelt und erheben keinen Anspruch auf formale oder inhaltliche Richtigkeit. Jede Veränderung am Inhalt oder an der Form sowie jede kommerzielle Verwendung oder Verbreitung sind verboten.

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99867 Gotha, Germany

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