Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 01


Felix Hofman

Die Ritter von der Schauenburg




Der Esel blieb wieder stehen, zum dritten Mal in einer halben Stunde. Und davor schon unzählige Male, seit sie am frühen Morgen die Herberge in Bodenheim verlassen hatten. Der Esel, auf dem Philipp saß, trug den Namen Brutus. Vielleicht hatte man geglaubt, er sei von römischem Geblüt, und nach seinem altersschwachen Aussehen zu urteilen, mochte er wohl die letzten Tage der Kaiserzeit miterlebt haben.

Zunächst war er noch ganz munter losgezogen, über die Wiesen hinter Bodenheim hinweg und dann den gemächlichen Anstieg zum Wald hinauf, wo seitwärts ein kleiner Bach hinabgluckerte. Offenbar war er froh, seinem Stall entronnen zu sein.

Aber nachdem sie einen sandigen Hohlweg passiert hatten und an dem immer steileren Hang zwischen den Buchen sich hinaufmühten, da schien es Brutus auf einmal zu dämmern, auf was für eine anstrengende Reise man ihn geschickt hatte. Und wie zum Trotz und aus stiller Wut darüber, daß er nicht einfach umkehren konnte - denn Esel kehren bekanntlich niemals um - blieb er denn stehen, wann es ihm gefiel. Und auch mit der Weidenrute konnte man ihm nicht auf die Sprünge helfen. Er hob nur den Schwanz und ließ ein paar trockene Knödelchen aus seinem Hintern fallen.

Es waren vier Personen, die durch den Dunst dieses trüben Novembertages ritten. Der zwölfjährige Phillipp, seine Mutter Regina Sahlmann und zwei Ritter aus dem Gefolge Ludwigs des Bärtigen, den weder Philipp noch seine Mutter zuvor kannten. Sie wussten nur, daß dieser Ludwig der Bärtige mitten in den Thüringischen Wäldern eine Burg baut, die "Schauenburg" heißt. Die beiden Ritter Andreas Beheim und Wolfram von Langenau waren beauftragt worden, Philipp und seine Mutter dorthin zu geleiten.

Philipp fröstelte und er zog die Wolldecke fester um sich. Er trug eine gefütterte Ledermütze auf dem Kopf, die beide Ohren und die Stirn bis fast zur Nase bedeckte. Er hatte eine Wollhose an und darunter eine Unterhose, die bis über die Knie reichte. Die Füße steckten in Lederschuhen, um die seine Mutter feste Lappen gewickelt und mit Strick festgebunden hatte. Aber nach ein paar Stunden spürte er die Kälte in den Zehen. Mit dicken Handschuhen an Händen hielt er anfangs die Leine des Esels, doch er bemerkte irgendwann, daß Brutus mit nichts weniger zu führen war, als mit der Leine, und so ruhten Philipps Hände auf dem Rücken des Tieres und er selbst sank immer mehr in sich zusammen.

Er bekam Fieber und ein kratziger Schmerz im Hals zwang ihn zu husten. Die Reiter und Pferde stießen zerfetzte Fahnen von Atemluft aus, die sogleich in dem Nebel aufgingen, der zwischen den Bäumen waberte. Wolfram von Langenau ritt ein Stück weit voran und rief manchmal den anderen zu, diesen oder jenen Bogen nach links oder rechts zu machen, um Hindernisse oder steinige Stellen zu umgehen. Ihm folgten Philipp, dann Regina, dann zwei Packpferde und zuletzt Andreas Beheim, der aus irgendeinem Grund von Zeit zu Zeit sein Pferd umlenkte und ein Stück zurück ritt. Er blieb stehen und blickte den Weg entlang, als rechne er noch mit nachfolgenden Reitern. Und erst als er die Vorderen beinahe aus den Augen verlor, rückte er im Galopp wieder auf.

"Erwartet Ihr noch jemand?", fragte Regina verwundert. "Das nicht", meinte Beheim, "aber es gibt immer Leute, die sich für Reisende von unserer Art interessieren, und manchmal ist es gut, wenn man sie rechtzeitig bemerkt." Regina hatte ein hübsches rundes Gesicht von angenehmer Farbe, die sogar bei diesem nasskalten Novemberwetter nicht verlorenging. Über ihren sanften, fast gütigen Augen zeichneten sich zwei schwungvolle Brauen ab, die sie lebhaft zu verziehen wusste, mal zu einem mißtrauischen, mal zu einem spöttischen Ausdruck, mal sehnsüchtig oder auch bekümmert, wenn ihr danach war. Doch am besten stand ihr eine heitere, arglose, auch ein wenig verschmitzte Miene, die das Jugendliche in ihr betonte.

Sie hatte das Gefühl, als würde Beheim auch deshalb ständig zurückbleiben, um die Unterhaltung mit ihr zu vermeiden. Mehrmals hatte sie versucht, ein Gespräch mit ihm anzufangen, aber es ging daneben. "Nehmen wir eigentlich den kürzesten Weg? Oder den sichersten." "Wie soll ich diese Frage verstehen?", erwiderte Beheim, "Sie können ja einen andern Weg wählen, wenn Ihnen der hier nicht gefällt." Dann rief er nach vorn "He, Wolfram, Frau Sahlmann fragt, ob du den Weg kennst." "Entschuldigung", versetzte Regina mit leichtem Vorwurf, "es war nur eine Frage. Ich verlasse mich natürlich voll und ganz auf Euch. Es bleibt mir ja auch nichts anderes übrig."

Beheim sah die Frau etwas verunsichert an. Er war von mittelgroßer, doch sehr muskulöser Gestalt. Über dem Lederrock, der in der Hüfte unter einem breiten Gürtel zusammengerafft war, trug er ein Kettenhemd und trotz der zunehmenden Kälte hatte er nur eine Stoffkappe auf, die mit einem Kinnband festgehalten wurde. Er hatte dunkles kurzes, aber besonders dichtes Haar und einen ebensolchen Bart, und er schaute eigentlich gutmütig drein. Aber manchmal war er etwas vorschnell mit seinem Mundwerk und nicht nur direkt, sondern beinahe ungehobelt gegenüber anderen und vor allem gegenüber Frauen, was vielleicht daran lag, daß er mit fünf Schwestern aufgewachsen war, gegen die er sich beständig behaupten musste.

"Ich versichere Ihnen", beeilte er sich, sie zu beruhigen, "Wolfram von Langenau hat die Strecke in den vergangenen anderthalb Jahren an die zwanzig Mal zurückgelegt." Dann zügelte er sein Pferd und blieb wieder etliche Dutzend Schritt hinter den andern zurück. Regina fand das stille Dahinreiten, das nur vom Schnauben der Pferde unterbrochen wurde, bald unerträglich. Philipps Esel hatte sich offenbar mit seinem Schicksal abgefunden und trottete gesenkten Hauptes dahin. Aber sie machte sich Sorgen um den Jungen, der zu einem kläglichen Bündel zusammengefallen war. Mehrmals musste sie ihn bald auf der einen, bald auf der anderen Seite sanft wieder aufrichten, wenn er herunter zu rutschen drohte. Sie hörte ihn nur leise knurren.

In Bodenheim waren sie eine Nacht länger verweilt, weil Philipp sich schon kränklich zeigte. Die Tochter des Wirtes kümmerte sich mit rührender Aufmerksamkeit um ihn. Sie gab ihm mit Honig gesüßten Kräutertee zu trinken und wärmte in einem Topf etwas von der kräftigen Fleischbrühe auf, die für die Winterszeit auf Vorrat gehalten wurde. Münzengroße Fettaugen schwammen darauf und das Hühnerei, das sie aufgeschlagen und untergerührt hatte, war zu dichten weißen Flocken geronnen. Philipp dankte die Fürsorge des Mädchens mit freundlichen Blicken aus seinen blauen Augen. Sie hatten allerdings ihren strahlenden Glanz gegen eine trübe Ermattung eingetauscht.

Wolfram von Langenau sprach mit Philipps Mutter. Sollte der Junge jetzt ernstlich erkranken, dann könnte die Sache eine Woche und länger dauern, und sie müssten solange in der Herberge bleiben. "Ich entnehme Euren Worten", sagte Regina, "daß es besser wäre, die Reise fortzusetzen, solange es gerade noch möglich ist." "Ja", erwiderte von Langenau, "sind wir erst mal auf Schauenburg, kann der Junge in Ruhe seine Krankheit auskurieren." Wolfram von Langenau sprach von der Schauenburg wie von einem Ort, an dem man alle Krankheiten vertreiben kann wie schlechten Geruch aus der Stube. Regina stimmte zu.

Zu allem Verdruss hatte sich Philipps Esel am rechten Hinterlauf verletzt und begann zu lahmen. Sie tauschten ihn beim Bodenheimer Wirt gegen dessen altes Tier, eben jenen Brutus ein, der sich seiner neuen Umgebung erst bewusst wurde, als es zu spät war. Der Wirt machte ein gutes Geschäft, erwähnte zwar die Taubheit, nicht aber das furchtbar störrische Wesen des Esels. Den Reisenden blieb keine andere Wahl, und obwohl Philipp kaum aus dem Schlaf zu holen war, brachen sie am nächsten Morgen auf.

Wolfram von Langenau kannte den Weg sogar sehr gut und er entschied sich, um Zeit zu sparen, für eine Abkürzung zwischen den Rothsteiner Klippen hinauf zur Grauen Leite, obwohl es hier steil und für die Pferde beschwerlich war. Ständig traten sie große Steinbrocken los, die den Hang hinabkollerten, gegen einen Baum prallten und liegenblieben. Andreas als letzter musste aufpassen, nicht in ihre Bahn zu geraten. Gegen Mittag waren sie auf der Höhe angekommen, von hier aus ging es fast eben hin. Doch es war schon der erste Schnee liegen geblieben und man konnte den Boden unter der weißen Decke nicht gut erkennen. Außerdem verdichtete sich der Nebel und raubte die Sicht.

Regina war in Gedanken versunken und dachte über all die Ereignisse nach, in deren Folge es überhaupt dazu gekommen war, daß sie und Philipp sich nun mit den Schauenburgern auf dem Weg nach Thüringen befanden. Ihr Mann und Philipps Vater war Kämmerer im Dienst der Stadt Bamberg gewesen und in diesbezüglichen Angelegenheiten landauf, landab unterwegs. Die Familie bewohnte ein Häuschen in der Stadt. In der Nachbarschaft befand sich eine kleine Töpferei, wo Regina in der Vergangenheit mitunter geholfen und sich dabei einige Kenntnisse im Töpfern angeeignet hatte.

Der Vater, der an sich schon leicht anfällig war, erkrankte auf einer seiner Reisen so schwer, daß er ins Hospital eingeliefert wurde. Vielleicht hatte er sich eine der hier und da verbreiteten Krankheiten eingefangen oder sein schwaches Herz hatte von sich aus den Dienst verweigert. Leider starb er nach vier Tagen fern von zu Hause.

Es dauerte zwei Wochen, bis Regina die Nachricht erhielt; zusammen mit den wenigen Habseligkeiten, die er bei sich gehabt hatte. Die amtlichen Utensilien, allen voran ein Siegel der Stadt, waren verschwunden, und wegen dieses höchst ärgerlichen Umstandes waren die Beamten des Stadtrates auf die unglückliche Witwe so erbost, als wäre sie selbst für den Diebstahl verantwortlich zu machen.

Regina hatte mit großer Liebe und viel Geschick den Haushalt geführt und die beiden Kinder Philipp und Susanna versorgt, doch was die wirtschaftliche Lage ihres Mannes und damit die der ganzen Familie betraf, war sie nicht auf dem Laufenden gewesen. Um so größer das Erschrecken, als sie erfuhr, daß er ihnen nur ein geringes Vermögen und überdies beträchtliche Schulden hinterlassen hatte. Sie besaß das Haus, doch das machte sie nicht satt, und wenn es Winter wird, würden sie nicht mal mehr heizen können. Es fanden sich zwar alsbald Männer ein, die sie zur Frau nehmen wollten, aber Regina verspürte in ihrem Innern zu keinem eine echte Zuneigung.

Da geschah folgendes: Ein Weinbauer im Oberfränkischen hatte einmal mit dem seligen Herrn Sahlmann zu tun gehabt, und dieser war über jene Angelegenheit mit einem gewissen Grafen bekannt geworden, der zu derselben Sippe gehörte wie eben der Ludwig, den sie den Bärtigen nannten und von dem es hieß, er schmiede abenteuerliche Pläne, jenseits von Röhn und Werra im Thüringischen eine Herrschaft zu errichten.

Der Bärtige, so hieß es, brauche einen gebildeten und tüchtigen Schreiber, denn ihm war klar, daß mit seiner Unternehmung das Verfassen von Briefen, Verträgen, Abrechnungen und vielen anderen Schriftstücken verbunden sein würde. So kam er auf den Gedanken, den Sahlmann anzustellen, ohne zu wissen, daß dieser bereits die Feder für immer aus der Hand gelegt hatte. Sein Angebot erreichte Regina gerade in einer besonders trübseligen Stimmung und verstärkte zuerst nur ihre Verzweiflung über die aussichtslose Lage.

Einige Tage später nahm sie das Schreiben wieder zur Hand. "... in Kenntnis seiner hochlöblichen Fertigkeiten und seiner treuen Beflissenheit haben wir uns entschlossen, ihm, Moritz Sahlmann in unserem Gefolge auf Schauenburg den Dienst als Bevollmächtigter Scriba unseres sämtlichen Briefwechsels sowie als Präceptor unserer Liberi das Negotiorum gestio anzutragen ..."

Zu ihrem eigenen Erstaunen hatte Regina keine Schwierigkeiten, zu verstehen, was gemeint war. Außer dem Schreiberamt sollte die Unterweisung der Kinder (worin auch immer) erledigt werden. Zweifellos hätte ihr seliger Gemahl auch diese Aufgabe übernommen. Und ihr selbst schien eine Übersiedlung ins Thüringische überhaupt nicht abwegig. Obwohl sich durch seinen Tod die Umstände gewendet hatten, hielt sie an der Vorstellung fest, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Doch wie sollte sie an ihres Mannes statt dem Angebot folgen?

Zwei Tage und Nächte zerbrach sie sich den Kopf darüber, welche Dienste sie den Schauenburgern ersatzweise bieten könnte, doch es wollte ihr nichts einfallen, bis sie endlich die zugegeben kühne Idee hatte, ihre Fertigkeiten in der Töpferkunst(!) anzupreisen. Sie ging schnurstracks zu dem benachbarten Meister und erklärte ihm ihren Plan. Wie froh war sie, als er sie sogar dazu ermutigte! Er meinte, sie solle ihrem Schreiben ein Geschenk in Form eines irdenen Kruges beigeben, der natürlich so schön sein muss, daß er den Schauenburgern gefällt.

Er zeigte ihr ein paar Entwürfe, die er im Auftrag hiesiger Grafen angefertigt hatte. Regina machte sich sofort an die Arbeit, und mit Bedacht und viel Geschick formte sie auf der Töpferscheibe einen Krug, den sie zum Schluss mit dem Wappen von dem Schauenburger Brief, einem aufrecht stehenden Löwen, der seine Pranken ausstreckt, verzierte. Der Meister brannte das Gefäß, und dann zimmerten sie eine Holzkiste, in der es sicher verpackt nach Thüringen gesandt werden konnte.

Am nächsten Tag kaufte sie einen teuren, leeren Bogen Pergament, und als sie spürte, daß in ihrem Geldbeutel keine Münzen mehr klimperten, bekam sie ein mulmiges Gefühl. Sie beschloss, Ludwig dem Bärtigen ohne Umschweife ihre missliche Lage zu schildern. Schließlich hatte sie dabei nichts zu verlieren, auch wenn sie nicht wusste, was sie erwartet.

Sie überlegte lange, wohl drei Stunden, bevor sie das erste Wort schrieb, denn der Brief konnte schnell verdorben, die Mühe vergebens gewesen sein. Sie lief in der Stube hin und her, beruhigte und versorgte eilig die Kinder, rang mit den Händen und mit der treffenden Wortwahl. Dann setzte sie sich, tauchte den Gänsekiel ins Fässchen und schrieb den Brief fast in einem Zug.

Es kam keine Antwort. Es wurde Herbst und die Stube blieb kalt. Die drei verkrochen sich ins Bett und wärmten einander, aber im Schlaf bibberten sie schon vor Kälte. Der Bote musste mit aller Kraft gegen die Tür pochen, bevor sie ihn hörte. In dem Brief stand, daß Ludwig der Bärtige ihr Ansinnen ungewöhnlich gefunden, er dessenungeachtet gegen ihren Wunsch, auf die Schauenburg zu kommen, nichts einzuwenden habe. Regina brach in Tränen aus. Und sie heulte gleich weiter, als sie entschied, zunächst nur Philipp mitzunehmen und seine Schwester bei entfernten Verwandten solange unterzubringen, bis sie sie nachholen würde. Denn die Kinder hatte sie lieber verschwiegen. Sie verkaufte das Häuschen, beglich die Schulden und freute sich, daß noch etwas Geld übriggeblieben war, mit dem sie einen Neuanfang wagen konnte.

Es war vereinbart, daß zwei Ritter des Grafen, ein gewisser Wolfram von Langenau und ein Andreas Beheim am festesetzten Tag bei ihr ankommen und sie auf der Reise begleiten würden. Sie regelte binnen einer Woche alle Angelegenheiten wegen des Hauses und verpflichtete sich, alle Schulden stückweise zu tilgen. Sie gab Susanna in die fremde Obhut, die das Ganze mit Staunen aufnahm, weil sie nicht verstand, was vorgeht. (Niemand kann nachempfinden, wieviel Schmerz die Mutter ertragen musste, seitdem sie von ihrer Tochter getrennt war.)

Dann erläuterte sie Philipp die Sache, der ebenso überrascht war, dann aber der Mutter zuliebe eifrig beim Packen half. Als die Schauenburger eintrafen, war alles reisefertig. Wolfram von Langenau sah Regina und vor ihr den Jungen. Ihre Hand ruhte auf Philipps Schulter, sie zog die rechte Augenbraue hoch und Wolfram begriff, was sie ohne Worte sagten: 'Wir gehen beide, oder gar nicht.'

Regina wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Wolfram von Langenau sein Pferd anhielt und den anderen ein Zeichen gab, heranzukommen. Er deutete mit der Hand nach vorn. "Ungefähr hundert Meter weiter steht die Bärenklause. Falls noch jemand dort ist, machen wir Rast." Im Nebel erschienen die Umrisse einer Hütte. Nur an einem Fenster neben der schweren Eichentür waren die Läden aufgeklappt und von innen bedeckte ein sackähnlicher Vorhang die Öffnung. Ein großer Holzstapel lagerte an der Außenwand und ein Hackklotz stand verlassen davor. Es war weit und breit kein Lebenszeichen auszumachen. Aber Wolfram bemerkte einen feinen grauen Rauch, der aus dem winzigen Schornstein empor kräuselte und er machte Andreas wortlos darauf aufmerksam. Die beiden Ritter stiegen ab und gingen auf die Hütte zu.

"Bleibt stehen!", hörte man plötzlich eine tiefe Stimme rufen. Im selben Augenblick bewegte sich der Vorhang im Fenster und aus dem dunklen Loch schnellte ein Stein so groß wie eine Walnuss und prallte auf einen dürren Ast an der Rotbuche, der gebrochen zur Erde fiel. Jemand drinnen nieste kräftig. "Tschi!" "Keinen Schritt weiter, oder der nächste Stein trifft eure Stirn." Die beiden blieben stehen. "Wir wollen uns nur einen Moment ausruhen", rief Wolfram. "Tschi!" "Wer seid ihr?", kam es wieder aus dem Fenster, diesmal etwas weniger drohend. "Wolfram von Langenau und Andreas Beheim." Pause. Dann fragte die Stimme "Der Langenau aus dem Gefolge des Sigismund?" "Nein", erwiderte Wolfram, "der von Ludwig dem Bärtigen, dem Franken." "Tschi!"

Die Tür öffnete sich langsam und ein fülliger Mann erschien. Er hielt eine Armbrust vorgestreckt, die zum Verschießen von Steinkugeln umgerüstet worden war. Wolfram deutete auf die anderen. "Das ist Mutter Sahlmann und ihr Sohn. Wir kommen von Bamberg her. Wir sind ziemlich durchgefroren und der Junge kränkelt." "Kommt rein", sagte der Dicke, welcher, wie Wolfram wusste, der Wirt und Besitzer der Bärenklause war. Andreas nahm Philipp mit beiden Armen vom Esel und sie gingen in die Hütte.

Am Tisch saß ein Männlein, spindeldürr, den Oberkörper nur mit einem zerlöcherten Leibchen bekleidet. Er hatte kräftig rotes Haar und spitze Ohren, eine lange spitze Nase, die aber jetzt fürchterlich geschwollen war. Sein Gesicht war mit zahlreichen Sommersprossen bedeckt, aber vom Kinn an bis zur Kehle und den Hals hinab hatte er eine helle, fast weiße Haut. Über der Oberlippe sprießten dünne lange Härchen nach beiden Seiten. Alles gab ihm eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Fuchsgesicht, das er jetzt zu einer teuflischen Grimasse zusammenpresste, den Kopf zurückwarf und wieder nach vorn schleuderte: "Tschi!" Und gleich noch mal: "Tschi!" Es war, als wollte sich ein mittelgroßer Ameisenhaufen durch seine verstopfte Nase Bahn brechen.

"Du hässlicher Bastard!", rief der Wirt, "Hör' auf, solche widerlichen Geräusche zu machen." Der andere schaute die Gäste aus seinen Fuchsäuglein abwartend an. "Sollte er sich nicht besser was überziehen?", meinte Regina mit mütterlicher Sorge. "Alles, was er hat, hängt dort überm Ofen zum Trocknen", sagte der Wirt, "dieser unvergleichliche Trottel hat nichts Besseres zu tun, als in die einzige Stelle im Sumpf zu fallen, die nicht zugefroren ist." "In der Schilfdelle?", fragte Beheim. "Ja, natürlich in der Schilfdelle. Wo sonst haben wir denn hier noch laues Wasser?" "Tschi!"

"Setzt euch", sagte der Wirt. An dem Tisch, an dessen Stirnseite der Rotkopf saß, standen längs zwei Bänke, Wolfram nahm auf der einen, Regina, Philipp und Beheim auf der andern Platz. "Wollt ihr was essen?" Sie schüttelten den Kopf, Wolfram sagte "Wir wollen uns nur aufwärmen. Wie kommt es, daß Ihr noch hier seid?" "Ja, ihr habt Glück", erwiderte der Wirt, "normalerweise habe ich hier schon alles dichtgemacht. Aber in diesem Jahr gab's noch einiges zu tun." "Tschi!"

"Kannst du bitte die Hand vor den Mund halten", sagte Regina. "Welche Hand?", fragte der Rotkopf und starrte sie aus seinen Fuchsaugen an. Der Wirt rief "Deine Hand, du dreimalblöder Ochse!" Der Rotkopf presste die flache Rechte auf seine schmalen Lippen. "Wenn du niesen musst, meine ich." Er starrte sie bloß an. Philipp fragte "Wie weit ist es noch, Mutter?" Seine Augenlider senkten sich schwer herab. Sie legte die Arme um ihn und wiegte ihn sachte. "Nicht mehr weit, mein Junge, nicht mehr weit."

Obwohl die Schauenburger mit dem Wirt der Bärenklause nicht viel zu schaffen hatten, wussten sie doch vom Hörensagen einiges über ihn. Er war nur vom Frühling bis zum Spätherbst hier oben, dann machte er die Hütte winterfest und kam erst im nächsten Jahr wieder herauf. Knapp hundert Schritte weiter östlich führte der Handelsweg über den Kamm, deshalb kam es häufig vor, daß die Fuhrleute hier Rast machen. Der Wirt war sehr auf den guten Ruf der Bärenklause bedacht.

Dennoch gab es Gerüchte, es trieben sich manchmal zwielichte Gestalten bei ihm herum; und es seien hier auch schon Pläne gegen die Schauenburger geschmiedet worden, wie man sie am besten wieder aus der Gegend verjagen, und falls das nicht möglich ist, wie man ihnen ordentlich Schaden zufügen könnte. Deshalb traute man in Wahrheit dem Wirt nicht übern Weg.

"So so", meinte der Wirt, "da bekommen die Schauenburger also Verstärkung", und er deutete mit dem Kopf auf Regina und Philipp. "Na, den Jungen müsst ihr wohl noch ein bisschen füttern, wenn er mit Ludwigs Burschen mithalten soll", fügte er hinzu. Beheim sagte (eher zu Regina gewandt) "Ja, wir werden uns gut um ihn kümmern."

Der Wirt fuhr fort "Der junge Ludwig hat mit seiner Meute wieder mal Jagd im Georgenwald gemacht." "Was ist daran Besonderes, jedermann weiß, welchen Spaß ihm das macht, und es ist sein gutes Recht", entgegnete Wolfram. "Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sie haben einen Hirsch gehetzt und sind dabei durch den Lauchgrund gekommen." Wolfram überlegte. Das musste in den letzten Tagen geschehen sein. Er gab sich gelassen und stellte bloß fest: "Also auf des Rabensteiners Gebiet." "Allerdings", betonte der Wirt, "und das nicht zum ersten Mal. Einer der Hunde ist bei der Sause gestürzt und unter die Hufe gekommen, sie haben es erst viel später bemerkt. Er ist dort liegen geblieben und einer der Rabensteiner Reiter hat ihn gefunden." "Das ist alles?", fragte Beheim. "Na ja", machte der Wirt und schaute Beheim beinahe verächtlich an, "Euch ist vielleicht noch nicht bewusst, daß der Rabensteiner bald mit seiner Geduld am Ende ist."

Wolfram von Langenau stand auf. Er ging zum Herd und hielt die flachen Hände über die heiße Platte. Er hatte den Umhang und die feste, mit silbernen Nieten beschlagene Lederkappe abgelegt. Sein schwarzes Haar fiel bis auf die Schultern, eine einzelne Strähne glänzte. Er war groß und kräftig, er hatte breite Schultern und sein Rücken war wie ein eherner Schild. Seine Bewegungen waren mühelos und sicher. Er wandte sich um. Er hatte ein Gesicht wie aus Holz geschnitzt und edel poliert, Stirn, Wangenknochen und Kinn glänzten matt, er hatte eine kräftige gerade Nase und dunkle Augen. Sein Blick hatte etwas Strenges, beinahe Erbarmungsloses, es war, als seien seine Augen durch ein schreckliches Erlebnis wie im Feuer gestählt worden. Sein Mund, der in seinen Winkeln die Spur einer tiefinneren Schwäche des Gemüts verriet, bildete dazu einen geheimnisvollen Gegensatz.

Der Wirt sagte "Der Rabensteiner ist nicht der einzige, der sich fragt, wie weit der Bärtige eigentlich noch gehen will. Allein in diesem Jahr habt ihr euch außer dem Zeuner Wald auch das ganze Vachische Gehölz bis zum Grauen Tal unter den Nagel gerissen. Ganz zu schweigen von der Langen Wiese." "Wir haben sie gerodet und Ackerland draus gemacht", stellte Beheim fest, "und außerdem bleibt der Boden im Besitz der Engelsbacher." "Ach erzählt mir doch nichts", entgegnete der Wirt schroff, "die Engelsbacher haben es gepachtet, vom Bärtigen, der dafür den Zins kassiert." Beheim schaute Wolfram an, der sagt "Dafür bekommen sie von uns gutes Pfluggerät und Pferde, wenn sie es brauchen." "Ja, und das gegen noch mehr Geld." "Gibst du deinen Gästen für umsonst Speise und Trank?" Der Wirt winkte ab, man konnte sehen, wie er sich beherrschen musste.

"Schau nach, ob dein Zeug trocken ist", befahl er dem Rotkopf. Der hüpfte vom Stuhl, und Regina bekam einen Schreck, als sie sah, daß er gerade so über die Tischkante ragte. Als er in dem Hemdchen, das fast bis zum Boden reichte, zum Herd wackelte, wurde ihr auch klar, warum an der Hose, die dort auf der Leine hing, die Beine kaum eine Elle lang waren. Er stellte sich geschickt auf einen Sims am Herd und prüfte die Wäsche. "Alles trocken", sagte er und nahm sie nacheinander ab.

"Dann zieh dich an und verschwinde!" "Ja", erwiderte der Rotkopf gehorsam. Wolfram wandte sich an die anderen. "Wir wollen weiterreiten. Dann werden wir vor der Dunkelheit ankommen." Regina nickte. Sie bedankte sich beim Wirt, der murmelte "Gern geschehen." Und dann sagte er zu Wolfram "Es wäre vielleicht ganz nützlich, wenn ihr Ritter dem Bärtigen mal ins Gewissen redet, bevor irgend etwas Schlimmes passiert. Ich meine, auf euch hört er doch noch, oder?"

Als sie eine kleine Strecke zurückgelegt hatten, überholten sie den Rotkopf, der mit einem Satz zur Seite sprang. Wolfram ritt vorbei, ohne ihn zu beachten. Regina rief "Ritter von Langenau! Wartet!" Er wendete sich um. "Was ist?" "Läuft der Junge jetzt so durch den Wald?" "Der Zwerg?" Er schaute zum Rotkopf hin. Der starrte die beiden an. "Tschi!" Regina stieg ab, ging zu einem Packpferd und holte eine wollene Decke aus einem der Fellsäcke. "Nimm' die", sagte sie zum Rotkopf. "Danke." "Können wir jetzt weiter?", fragte Wolfram. Als sich Regina noch einmal umdrehte, war der Rotkopf weg.

Dann ritt Andreas Beheim an ihr vorbei und schloss zu Wolfram auf. Die beiden redeten miteinander, aber so leise, daß es Regina nicht verstehen konnte. Beheim sagte "Scheint, daß wir nicht die einzigen waren, die sich beim Bärenklausner Wirt aufgewärmt haben, hast du die Spuren gesehen?" "Ja", antwortete Wolfram, "es war mindestens noch einer da. Und er hat sich nicht mal besondere Mühe gegeben, sie zu verwischen." "Hast du eine Ahnung, wer das sein könnte?" Wolfram verneinte.

Beheim sagte "Die Sache mit dem Zwerg ist genauso merkwürdig: wenn er wirklich in die Schilfdelle gefallen ist, was zum Kuckuck hatte er um diese Zeit dort zu suchen?" Wolfram besann sich. "Hat nicht Ludwig letztens erzählt, daß drüben auf Schmalkalder Seite ein Kaufmann ausgeraubt wurde?" "Ja, am Herrenriegel. Ein Venezianer, muss ein selten dummer Hund gewesen sein, war angeblich nicht mal bewaffnet." "Und was war die Beute?" "Eine Tasche voll Schmuck und Edelsteinen." "Und ist sie irgendwo aufgetaucht?" "Nicht daß ich wüsste. Die Schmalkalder haben danach gesucht, er stand unter ihrem Schutz." Wolfram sagte "Ein Wasserloch, das im Winter nicht zufriert, das wäre doch ein gutes Versteck für so eine Tasche, die schnell verschwinden muss." "Ah, du meinst, sie haben den Zwerg ins Wasser gelassen, damit er sie herausholt." "Wäre immerhin möglich." "Darf man erfahren, was die Herren Ritter zu besprechen haben?", rief Regina, die sich plötzlich ein bisschen alleingelassen fühlte. "Einen Augenblick noch, Frau Sahlmann", rief Beheim zurück, "ich bin gleich wieder bei Ihnen." Wolfram sagte "Ich mache einen kleinen Abstecher zum Ochsenloch. Wir treffen uns an der Kreuzbuche wieder. Reitet einfach weiter, haltet nicht mehr an." Er lenkte sein Pferd nach links und verschwand zwischen den Bäumen.

"Wo will er hin?" "Er muss etwas erledigen." "Ach so", sagte sie schnell. "Oh nein", lachte Beheim, "nicht was Sie denken." Es war das erste Mal, daß sie Beheim lachen sah, und es gefiel ihr. Dann warf er einen Blick auf Philipp, der sich mit letzten Kräften auf dem Esel hielt. "Ich schätze, in einer knappen Stunde haben wir's geschafft. Wird der Junge noch solange durchhalten?" "Das muss er."

Sie ritten eine Weile schweigend, doch Regina schaute den Ritter dann und wann aus den Augenwinkeln an. Schließlich bemerkte er es und sagte "Was ist?" "Darf ich Euch etwas fragen?" "Natürlich." "Was für ein Mensch ist er eigentlich, der Ludwig der Bärtige?" "Ich könnte mir keinen besseren Grafen wünschen", sagte Beheim voller Überzeugung. "Das müsst Ihr sagen, als einer seiner Getreuen." "Ich bitte Sie, Frau Sahlmann. Wenn Sie Wert legen auf mein Urteil, dann müssen sie es mir auch glauben." "Da habt Ihr recht, Beheim. Es war eine dumme Bemerkung."

Nach einer Pause sagte sie "Und der junge Graf Ludwig, wie ist der?" Da zögerte Beheim mit der Antwort, dann meinte er "Er ist anders als sein Vater - und doch auch wieder gar nicht anders. Es ist schwer zu beschreiben. Man könnte ihn für einen Hitzkopf halten, der immer alles auf eigene Faust machen will und sich einen Dreck um die Meinung anderer schert. Aber ich schätze, der Alte war ganz genauso in seiner Jugend." Dann fügte er lachend hinzu: "Eines kann ich Ihnen versprechen: Sie werden es oft genug erleben, daß beim Grafen im Zimmer die Wände wackeln, wenn sich die beiden mal wieder in der Wolle haben."

"Könnt Ihr mir noch etwas versprechen, Beheim?" "Wenn es in meiner Macht liegt." "Damit ich mich am Anfang leichter zurechtfinde, könntet Ihr mir ab und zu mit einem guten Rat zur Seite stehen." "Wann immer Sie wollen, gute Frau", sagte Beheim, und Regina sah, wie es ihm geradezu schmeichelte, ihr Vertrauen gewonnen zu haben.

Das Ochsenloch war die größte von drei Höhlen in den Porphyrfelsen auf der Nordseite neben dem Passweg. Sein Eingang lag gut versteckt im Dickicht. Den Namen hatte es von einem sagenhaften Ochsenschädel, den man einst dort gefunden haben soll. Es rankten sich allerlei Geschichten um diesen Ort; manche reichten bis in die Zeiten der alten Thüringer Stämme zurück, als hier noch Tiere und auch Menschen zu Ehren der alten Götter geopfert wurden. Zuletzt war die Höhle nur Obdach für Wilddiebe und Räuber gewesen. Wegen der steilen Felswände kam man praktisch nur von einer Seite heran, und der Zugang war leicht abzusichern.

Wolfram stieg ab und band sein Pferd am dünnen Stamm einer Buche fest. Er kletterte vorsichtig über die Felsbrocken, die zwischen den hohen Bäumen dicht auf dem Boden verstreut waren. Nebelschwaden zogen an ihm vorbei den Berg hinauf, von den Bäumen fielen kalte Tropfen herab. Er blieb stehen und horchte, vertrocknetes Laub raschelte: es war eine einsame Amsel, die im Boden nach einem Würmchen suchte. Er machte ein paar Schritte und erspähte halbrechts den torförmigen Eingang der Höhle. Ihr vorderer Teil war ungefähr von doppelter Mannshöhe.

Auf dem Boden befand eine runde, mit Steinen gesäumte Feuerstelle. Im Halbkreis standen Baumstücke zum Sitzen und am Rand stapelte sich ein kleiner Haufen Holz. An der Rückwand der Höhle klaffte ein Spalt, durch den ein enger Gang in den Felsen führte. Von den Schauenburgern hatte sich bisher noch keiner dorthinein gewagt. Er prüfte das verkohlte Holz, unter der Asche lagen ein paar noch warme Reste, aber das Feuer konnte schon vor zwei Tagen gewesen sein. Man hatte es offenbar verlassen, als es noch brannte. Dafür sprach auch, daß die beiden Fackeln, die im Boden steckten, völlig erkaltet waren. Wolfram erkannte Fuß und Hufspuren, und plötzlich glaubte er, das Schnauben eines Pferdes vernommen zu haben, das den Waldhang heraufkam.

Eine halbe Stunde später hatte er die anderen an der Kreuzbuche wieder eingeholt. "Was ist?", fragte ihn Beheim. "Eine Handvoll Leute war vor kurzem im Ochsenloch, sie haben Feuer gemacht." "Sonst nichts?" "Ich habe einen Mann gesehen, auf einem weißen Pferd. Er trug einen langen Ledermantel und eine Haube aus Metall. Der Mantelkragen war hochgeschlagen, und vor dem Gesicht war ein dunkler Schal, deswegen konnte ich sein Gesicht nicht erkennen. Über seinem Rücken hing eine gewaltige Armbrust und an dem breiten Gürtel ein langes Schwert."

"Wer kann das gewesen sein?" "Ich weiß es nicht. Niemand den ich kenne." "Was hat er gemacht?" "Er hat die Feuerstelle geprüft und die Spuren gesehen." "Das heißt, er gehört nicht zu denen, die vorher da waren." "Nein, aber sie könnten sich auch verfehlt haben." "Das ist wahr. Wo ist er hin?" "Er ist noch dageblieben, ich dachte, es wäre besser, wenn ich euch nicht warten lasse." "Ja, gut. Dann wollen wir weiter."

Als sie auf der Schauenburg ankamen, brach die Dämmerung herein. Beheim brachte die beiden auf ihre Stube, Wolfram von Langenau begab sich sogleich zum Alten Grafen. Beheim sagte "Wenn Sie noch irgend etwas brauchen, rufen Sie mich, ich bin dort drüben, rechts neben dem Turm", und Regina sagte "Danke, Ritter Beheim." "Es war mir eine Ehre, Sie hierher begleitet zu haben", sagte er und ging schnell hinaus.

In der Stube standen Tisch und Stühle, an der Wand ein Schrank mit Geschirr und allerlei Hausgerät in zwei Schubkästen. Außerdem war da eine große Wäschetruhe. Aus den beiden schmalen Fenstern hatte man den Blick auf den Burghof. An der hinteren Wand war ein kleiner Herd aus Lehm mit einem Kessel darauf, an der Seite lagen ein paar Scheite Brennholz. Es gab eine Kammer mit zwei Betten, auf denen Felle von Schafen und Decken aus Wolle lagen. Auf einem Brett an der Wand standen zwei Tonschalen mit Kerzen.

Regina steckte den Jungen sofort ins Bett und er fiel augenblicklich in tiefen Schlaf. Sie kühlte seine fieberheiße Stirn mit nasskalten Umschlägen. Da klopfte es an der Tür, und als Regina öffnete, erblickte sie ein kleines Mädchen mit zwei dicken strohblonden Zöpfen und blauen Augen. "Ich heiße Helene", sagte sie und ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen, "ich bin gekommen, um Ihnen zu helfen." "Schickt dich Ritter Beheim?" "Ja." "Ich glaube, im Moment habe ich alles."

"Oh nein, wie ich sehe, fehlt es an Holz", sagte sie im Ton einer fleißigen Magd. "Und da! Wie ich sehe, haben sie bloß die ollen Kerzenstumpen." "Ja, was gibt es denn sonst noch?" "Ich bringe Ihnen ein richtiges Öllämpchen." "Das wäre sehr nett von dir." Sie druckste ein bisschen herum, dann fragte sie: "Ist Ihr Sohn auch da?" "Ja, er schläft." "Kann ich ihn sehen?" "Freilich, er schläft hier in der Kammer." Sie ging zu dem Bett und warf einen Blick auf sein Gesicht. "Was hat er?" "Er hat Fieber, die Reise hat ihm nicht gutgetan." "Hm", machte Helene, als überlege sie, wie der Junge schnell wieder auf die Beine käme.

Dann verließ sie die beiden mit den Worten "Ich hole erstmal das Holz, bin gleich wieder da. Kümmern Sie sich inzwischen um den Ofen." "Ist gut." Es dauerte, und Regina rechnete schon nicht mehr damit, aber dann pochte jemand mit dem Fuß unten gegen die Tür, und es war Helene, die einen riesigen Stapel kleingehacktes Holz vor sich auf den Armen hatte, das sie neben dem Herd erleichtert abwarf. Regina hatte das Feuer entfacht, und das Mädchen schob ein halbes Dutzend Scheite hinein. Dann verschwand sie wortlos.

Nach einer Weile brachte sie das Öllämpchen, das flach wie ein Handteller war und die Form einer Seerosenblüte hatte, in deren Mitte ein Docht herausragte. "Kennen Sie sich damit aus?", fragte Helene und erklärte "Das Öl müssen Sie hier in die Öffnung gießen und dieses Schwänzchen anzünden." "Ich denke, das kriege ich hin", sagte Regina und probierte es aus. Sie schaute das Mädchen an. "Ich habe eine Tochter, die ungefähr so alt ist wie du." "Ist sie auch hier?" "Nein. Sie ist noch in Bamberg, sie kommt bald her." "Wie heißt sie?" "Susanna." "Dann ist sie die Schwester von Philipp?" "Ja", sagte Regina, ohne daß ihr auffiel, wie sie seinen Namen nannte.

"Kann ich ihn noch mal anschauen?", fragte sie dann. "Wenn du willst." Regina nahm das Öllämpchen, und die beiden gingen an Philipps Bett. Helene betrachtete sein Gesicht. Dann hob sie ihr Händchen und streichelte ihm sanft die Wange. Sie sagte "Solange Susanna nicht da ist, könnte ich doch seine Schwester sein?" Regina war etwas überrascht von dem Vorschlag, aber dann erwiderte sie "Ja, warum nicht, Philipp hat bestimmt nichts dagegen."

Viele Tage und Nächte lag Philipp krank auf seinem Lager. Die mit getrocknetem Gras gefüllte Matratze war bald durchgelegen und musste gewendet werden. Er verschwand förmlich unter den vielen Decken und schlief und schlief und schwitzte und phantasierte halblaut im Fieber.

Auch tagsüber wurde es nur dämmerig hell im Raum. Fahles Winterlicht fiel herein und überzog alles mit einem kalten Schatten. Wenige Male strahlte die blasse Sonne durch die kahlen Baumkronen, als wollte sie zeigen, daß sie noch nicht ganz verloren gegangen sei, doch der kurze Tag gönnte ihr nur einen flüchtigen Gruß. Glitzerndes Eis klammerte sich am Fensterrahmen fest, drang in die Stube ein und bekämpfte die schwache Wärme, die hilflos aus dem Herd kroch. Das Öl für das Lämpchen wurde zäh wie Knochenleim, und an manchen Stellen der Deckenbalken hingen winzige glasklare Zapfen herab, als wären silberne Nägel durch das Holz getrieben.

Oft fegte Sturm um die Burg, anscheinend von allen Seiten zugleich. Die Schindeln auf dem Dach klapperten und wurden fortgerissen, manche landeten berstend auf dem felsigen Grund. Zwischendurch ließ der Wind nach und feilte schauerlich an den Mauerkanten, als müsse er die scharfen Waffen wetzen für den nächsten Angriff. Nachts rüttelte er an den Fensterläden oder blies mit einem einzigen scharfen Stoß alle Kerzen aus.

Manchmal schreckte Philipp auf und schrie und jammerte, von bösen Träumen gepeinigt. Regina wachte bei ihm, beruhigte ihn und trocknete die Schweißperlen auf seiner Stirn. Dann und wann zog sie ihm das Leinenhemd aus und wusch ihn mit lauwarmem Wasser ab. Er spürte den feuchten Schwamm wie mit Trost über seinen Körper gleiten. Sie wechselte seine Wäsche und das Leinenlaken auf der Matratze.

Peitschender Regen löste den Schnee ab. Alle Flüsse, alle Meere hatten sich in Wolken zusammengeballt und fielen herab mit ohrenbetäubendem Prasseln. Undurchschaubare Vorhänge, vom Himmel zur Erde gespannt, zogen vorüber, von links nach rechts, von rechts nach links, als wollten sie im endlosen Hin und Her die Welt ertränken. Es spritzte ins Zimmer, Pfützen entrollten ihre Ränder auf dem Boden, schmale Rinnsale schlängelten sich bis zur Wand, Wasser verzischte im Ofen. Dann verlangsamte sich der Regen, wurde schwer und schwerer und verwandelte sich abermals in kristallene Splitter, die wie tausend Messerklingen die Luft zerschnitten.

Der schwache Lichtschein zeichnete dunkle Stellen auf Philipps Gesicht, die Augen unter den Lidern zuckten wild hin und her. Im Fieberwahn sah er sich mit Mutter und Schwester fest umklammert in einem winzigen Kahn einen reißenden Fluss hinab treiben, als plötzlich eine riesige schwarze schlammige Welle auf sie niederdonnerte und sie auseinander riss. Im nächsten Moment schwebten sie stumm im grauen Wasser wie leblose durchtränkte Puppen, und nur ihre Blicke kreuzten sich noch eine Zeit lang, bis sie sich aus den Augen verloren und es schien, als sollten sie jeder an einem anderen Ende der Finsternis für ewig aufeinander warten müssen.

Aber da spürte er, wie jemand ein feuchtes Tuch auf seine Stirn legt. Er fühlte weiche kühle Fingerspitzen auf der Haut. Sie zeichneten ein Muster auf sein Gesicht, Punkte, Linien, Kreise, Schleifen, es war angenehm inmitten des leeren Versinkens. Er kam auf Grund. Er schwebte unendlich langsam aufrecht im Wasser über dem Boden - und dann wieder aufwärts! Es wurde heller und wärmer, das Wasser verwandelte sich in Schleier aus Seide, die Seide wurde zu Luft, die Luft wurde zu Atem. Ein zarter Hauch wehte über den Rücken der Hand und über die Wangen und über die Stirn und löste die Schwere auf und zog nach oben davon. Er fühlte sich erleichtert, der Schmerz ließ nach und gab auf, eine geheimnisvolle Kraft entzog ihm den mageren Leib. Er atmete tiefer und ruhiger, dann öffnete er die Augen und sagte leise: "Mama." "Ich bin hier, mein Liebster, ich bin bei dir."

"Ich glaube, es geht ihm besser", flüsterte Helene. Und damit hatte sie recht. Das Fieber ging zurück, Philipp blieb länger wach, er aß und trank und kam allmählich zu Kräften. Helene hatte die ganze Zeit geholfen wo sie nur konnte. Sie hatte Brennholz beschafft und warmes Wasser bereitet, sie hatte einen Jungen namens Matthias eingespannt, der etwa in Philipps Alter war und den Kessel schleppen musste. Sie hatte von ihrer Mutter eine Kräutersalbe besorgt, mit der Regina seine Brust einrieb. Und sie hatte ein kleines geschmiedetes Kreuz gebracht, das hatten sie an die Wand in seiner Kammer gehängt, und dort betete das Mädchen zur Muttergottes um Philipps Heil.

Auch Andreas Beheim kam so oft er konnte zu ihnen. Er brachte zu essen und zu trinken. Er sagte, die anderen Ritter und überhaupt die Leute auf der Burg, die von ihr und Philipp gehört haben, würden sie herzlich grüßen. Man konnte sehen, wie auch Regina geschwächt war von den zurückliegenden Wochen. Ihr ausgezehrtes Gesicht war eine Folge der Anstrengung, aber der scheue Blick, der ihr sonst gar nicht eigen war, verriet ihre Beschämung.

"Wir sind hergekommen, um euch nützlich zu sein", sagte sie zu Beheim, "statt dessen fallen wir euch bloß zur Last." "Nicht doch, gute Frau", erwiderte er, "niemand denkt so von Ihnen." "Aber was sagt Graf Ludwig über uns?", wollte Regina wissen. Beheim antwortete frank und frei. "Der Alte hat ganz andere Sorgen. Wenn es Philipp wieder gut geht, können Sie sich bei ihm vorstellen, ich wette, er glaubt, Sie wären gestern angekommen." Sie lächelte scheu. "Und der junge Ludwig?" "Der ist sowieso meistens nicht hier. Gerade jetzt, wenn der Frühling kommt, ist er ständig unterwegs." "Man sagt, er hat große Pläne?" "Oh ja, die hat er!" "Würdet Ihr mir einmal mehr darüber berichten?", fragte sie ihn. "Natürlich, so bald wie möglich", freute sich Beheim über ihre Bitte.

Und dann kam er eines Nachmittags mit Helene, die einen Korb am Arm trug. Darin waren ein halber Laib Brot, ein Töpfchen mit Schmalz, eines mit Himbeer Marmelade und ein Krug mit Apfelsaft. "Gibt es denn etwas zu feiern?", fragte Regina freudig überrascht. "Allerdings", meinte Beheim, "wir feiern Philipps glückliche Genesung." "Philipp, bedank' dich!" "Danke."

Helene kniete sich auf einen Stuhl, nahm alles aus dem Korb und stellte es auf den Tisch, dann fragte sie Philipp "Möchtest du eine Bemme mit Schmalz oder Marmelade?" "Eine was?" "Eine Bemme." Sie schaute unschlüssig Regina an. "Sie meint wahrscheinlich eine Scheibe Brot", erklärte sie ihm. "Gibt es da etwa kein Brot, wo ihr herkommt?" "Kann ich auch beides haben?" "Freilich."

Im Nu hatte Helene mit einem großen Messer ein paar Scheiben abgeschnitten, und Philipp lief das Wasser im Mund zusammen, als er sah, wie sie das Brot dick mit Schmalz und das andere mit der hellroten Marmelade bestrich. Regina holte vier kleine Becher aus dem Schrank, Beheim schenkte ein. Philipp mampfte munter drauflos, Helene fragte "Schmeckt's?" "Ja. Sehr gut", brummte er mit vollem Mund. "Möchten Sie auch?" "Ja, eine Scheibe mit Schmalz bitte." "Das hätte ich jetzt nicht gedacht", murmelte Helene. Beheim musste lachen.

"Wieso nicht?" "Himbeeren passen viel besser zu Ihnen." "Da hören Sie's." Regina wurde tatsächlich ein bisschen rot im Gesicht. "Und Ihr, Ritter Beheim?" "Danke, ich warte, bis alle satt sind." "Ich bin noch nicht satt." "Philipp!" "Dann müssen wir also was nachlegen", sagte Helene und machte sich noch mal an die Arbeit.

"Ein hübscher Krug ist das", stellte Regina fest und drehte ihn in Händen. Er war von dunklem Ocker, er wurde vom Boden an nach oben bauchiger und verengte sich dann rasch zu einem schmalen, kurzen Hals, dessen Ende von einem kleinen Wulst umfasst war. Er hatte einen sanft geschwungenen Henkel, der aussah, als würde er nur darauf warten, angefasst zu werden.

"Das wollte ich Ihnen mitteilen", sagte Beheim, "Wolfram von Langenau hat mit dem Meister in der Töpferei in Georgental gesprochen, und der wünscht, daß Sie sich einmal bei ihm vorstellen mögen." Regina sprang beinahe auf. "Ist das wahr?" "Auf mein Wort." "Oh, Ritter Beheim, Ihr seid ein Schatz." Helene schaute die beiden abwechselnd an, dann Philipp, der nur sein Brot im Auge hatte.

"Wo liegt dieses Georgental? Ist es weit von hier?" "Nicht weit, eine gute Stunde vielleicht." "Mein Onkel wohnt in Georgental", sagte Helene. "Dein Onkel?", fragte Beheim, "Wie heißt er?" "Joachim Hessler." "Der Hessler ist dein Onkel?" "Wenn ich's sage." "Ist das also der Bruder von deiner Mutter?" "Nein. Seine Frau ist die Schwester von meiner Mutter." Aus irgendeinem Grund kam Beheim aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Die Ursula ist die Schwester von deiner Mutter?"

"Willst du noch was?", wandte sie sich an Philipp, der den letzten Bissen verschlungen hatte. "Nein, danke. Hat gut geschmeckt." "Freut mich. Hast du Lust mit spielen zu kommen." "Wohin denn?" "Na raus, ich will dir was zeigen." "Ja, gut." "Ich räume das nachher auf", sagte sie zu Regina. "Geht nur, ich mach' das schon."

Von Philipps Stube führte eine kurze Treppe nach unten, das Häuschen stand auf einem Steinfundament, das einen Keller umfasste. In diesen Kellern wurden, in Holzkisten oder in aufgehängten Säcken gut gegen Mäuse und andere Schädlinge geschützt, Nahrungsmittel aufbewahrt. Es gab sogar zwei oder drei Eiskeller, wo man im Winter Eis von den Reinhardsbrunner Teichen aufhäufte, das dann im Sommer zur Kühlung von Fleisch und Wurst diente.

"Was willst du mir zeigen?" "Wirst du gleich sehen. Oder auch nicht." Helene war mehr als einen Kopf kleiner als Philipp. Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich fort. "Hier lang." Sie liefen durch das Burgtor, wo zwei Wachleute vor sich hin dämmerten, dann auf einem schmalen Pfad hinter den Hütten und über eine kleine Lichtung mit alten hohen und vertrockneten Disteln vom Vorjahr bis zum Waldrand, wo einige mächtige alte Eichen standen.

"Hier ist es", sagte Helene. Philipp schaute um sich. "Was?" "Sieh' nach oben, hier an dieser Eiche." Er tat es, und wirklich, in einiger Höhe zwischen den Ästen konnte er ein Baumhaus erkennen, das aus Brettern zusammengezimmert und außen von Zweigen mit altem Eichenlaub bedeckt war. "Das ist unser Versteck und außerdem ein hervorragender Ausguck", sagte sie, "niemand weiß davon, außer uns." "Du meinst uns beide?" "Ja", sagte Helene und zählte an den Fingern ab, "du und ich und Matthias und dann noch Henning Groth und der Pichel und Adrian, sechs Leute."

"Aber wie kommt man überhaupt hinauf?" "Gar nicht, wenn man da nichts zu suchen hat. Und für uns gibt es das hier." Helene ging zu der übernächsten Eiche, die offenbar über der Wurzel im Stamm hohl war, und sie holte daraus eine zusammengerollte Leiter aus Hanfseil hervor, die Sprossen aus Buchenholz hatte. An einem Ende war das Seil zu einer Schlinge zusammengebunden. "Das rollen wir jetzt auf und dann ...", sie suchte auf dem Boden nach etwas, "wo ist denn jetzt die ... ah, da liegt sie." Sie hob eine lange Stange auf, die halbverdeckt im Laub lag und eine kleine Astgabel an der Spitze hatte. "Vorsicht!", rief sie, "nicht daß ich dich aus Versehen aufspieße."

Mit der Stange hängte sie die Seilschlinge an einen armdicken Aststumpf, so daß die Leiter gerade bis zum Boden herabhing. "Alles genau durchdacht", sagte sie, als wäre sie ganz allein draufgekommen. Sie deutete mit ausgestrecktem Arm nach oben. "Damit kommst du erstmal auf den Ast und von da auf den nächsten links drüber, siehst du den?" "Ja." "Und dann immer weiter hinauf. Wollen wir?" Philipp zögerte.

"Was ist?" "Ehrlich gesagt, ich kann nicht so gut klettern." "Auweia", machte sie mit gespielter Bestürzung, "keine Angst, ich bin ja bei dir. Ich kletter vor, und dann reich' ich dir meine Hand, wenn es nötig ist." Er wollte einwenden, daß er sie ohne weiteres herunterreißen würde, aber da war sie schon auf halber Höhe und im nächsten Augenblick auf dem ersten Ast. "Jetzt komm' endlich. Stell‘ dir vor, wir müssten uns schnell in Sicherheit bringen."

Er folgte ihr, seine Beine zitterten, er durfte nicht nach unten schauen. Er fand nicht gleich jeden richtigen Ast. Helene war immer ein Stück voraus. Zwei dreimal streckte sie ihr Hand aus, er sagte "Ich schaff‘s allein." Dann waren sie oben angekommen.

Das Baumhaus ruhte auf zwei starken Ästen und man gelangte durch den Boden hinein. Philipp ließ sich auf dem Hintern nieder, bis seine Beine aufhörten zu zittern. Helene konnte gerade so aufrecht drin stehen. Nach drei Seiten gab es handbreite Schlitze, an der Seite, wo es am Stamm anlehnte, waren zwei Gucklöcher durchs Holz gebohrt. In einer Ecke lagen zwei Strohsäcke übereinander, und in der Mitte stand ein eiserner Kessel. "Macht ihr da drin ein Feuerchen?" "Ja, wenn's nötig ist. Dafür ist auch die Luke da im Dach, da kann der Rauch abziehen. Jetzt schau' mal hier raus, man kann die ganze Burg sehen."

Philipp ließ seinen Blick darüber schweifen. Man konnte erkennen, wie das Haupthaus und der Turm auf einem Felsvorsprung gebaut waren, das Ende einer langgezogenen Steinfläche, um die herum ein knappes Dutzend Holzhäuser mit Fundamenten den Burghof begrenzten. "Hinterm Turm geht's ganz schön steil runter", erklärte Helene, "und da bei dem Haus mit der blauen Tür, da dahinter ist letztes Jahr nach dem Regen der Stall mit drei Schweinen abgerutscht, und die sind den ganzen Hang runtergesaust bis in den Schiefergrund."

"Wo wohnst du?" "Ich wohne drüben in einer der Hütten, musst du da rausgucken. Siehst du den Karren mit den großen Rädern?" "Ja." "Das ist unsere Hütte." "Gehört der Karren deinem Vater?" "Nein, meinem Onkel. Der fährt damit den Kohlweg rauf und runter und schafft allerhand Zeug wo hin." "Ist das dein Onkel aus Georgental?" "Nein, 'n anderer. Ich hab' hier schon übernachtet." "Allein?" "Mit Adrian. Man kann die Strickleiter mit hoch nehmen, dann kommt keiner mehr hinterher."

"Was meintest du vorhin mit in Sicherheit bringen, wovor denn?" "Na überleg' doch mal: wenn der Rabensteiner mit seinen Leuten auf den Gedanken kommt, uns anzugreifen, dann …" "Ist das schon mal passiert?" "Ja." "Was war da?" "Lass' dir das von Ritter Beheim erzählen, der kennt die Leute besser als ich."

"Und dann würdet ihr euch hier verstecken." "Ja. Und von hier aus kann man die andern auch besser bekämpfen." "Mit was denn?" "Zum Beispiel mit einer Armbrust, so, von hier aus, siehst du, da hast du bis dort rüber alles im Blick." "Hast du eine Armbrust?" "Henning hat eine." "Und die andern?" "Matthias hat eine Steinschleuder. Adrian hat sich einen Bogen selber gebaut, aus Eibenholz. Wolfram von Langenau hat gesagt, er wäre gut geworden und daß Adrian vielleicht Aussichten hat, ein Ritter zu werden."

"Und der ... wie heißt der noch mal?" "Pichel? Wie der richtig heißt, weiß ich nicht, wir nennen ihn nur Pichel. Der sammelt meistens für Matthias die Steine, die müssen nämlich am besten eine ganz bestimmte Form haben, das ist gar nicht so einfach mit 'ner Steinschleuder richtig umzugehen." "Und hast du auch was?" "Ich hab' gute Augen. Komm' her, stell' dich neben mich, näher! Siehst du dort neben der großen Tanne die, wo die Spitze abgebrochen ist?" "Ja." "Siehst du die Krähe da drauf sitzen?" "Nein." "Aber ich!"

Philipp wollte etwas entgegnen, da gab ihm Helene ein Küsschen auf die Wange und sagte "So, mein Lieber, das war's für heute. Jetzt machen wir hier wieder alles dicht, und morgen schauen wir mal, wo die andern Jungs stecken."

Was Helene von einem Angriff der Rabensteiner Ritter auf die Schauenburg erzählt hatte, war im letzten Sommer geschehen. In der Nacht, im Schutz der Dunkelheit, waren mehrere Fliegende Fackeln ins Innere des Grafenzimmers geschleudert worden. So nannte man besonders präparierte Lanzen, die eine Eisenspitze hatten und dahinter dicht mit Reisig bepackt waren, das mit Pech getränkt und angezündet wurde. Da meistens mehrere davon zugleich einschlugen, konnte schnell ein bedrohliches Feuer entstehen, das nicht leicht zu löschen war.

Der alte Graf befand sich im Zimmer, bei ihm waren die Ritter Norbert vom Stein, Andreas Beheim, Wenzel Apfelstädt, Rüdiger Habland und Karl von Kahlenberg. Sie waren nicht zufällig anwesend, denn Ludwig der Bärtige hatte sie zu einer Besprechung beordert. Wer immer die Angreifer waren, sie mussten davon Kenntnis haben.

Philipp wollte von Andreas Beheim mehr darüber erfahren, und der schilderte ihm, was vorgefallen war. Wie eine Salve von acht oder neun Fliegenden Fackeln ins Innere flogen. Wie Graf Ludwig glücklicherweise gerade in diesem Moment von seinem Stuhl aufgestanden und ein paar Schritte davon entfernt war, denn eine dieser Feuerlanzen traf genau die Stelle, wo er zu sitzen pflegte. Wie Wenzel Apfelstädt von einer umgerissen wurde und sein Mantel brannte, und wie Norbert vom Stein brennende Holzsplitter ins Gesicht bekam.

Eine der Fackeln blieb im Kronleuchter hängen. "Dieser Kronleuchter besteht aus vier Hirschgeweihen", erklärte Andreas, "die hätten nicht Feuer gefangen, aber die Flammen reichten bis zur Decke, und deren Holz ist richtig trocken. Genauso wie die Vorhänge an den Fenstern und Türen. Wir haben trotzdem versucht, das Feuer damit zu ersticken. Das Fatale war, daß kurz darauf noch eine Salve hereinschoss.

Rüdiger Habland hat sich geistesgegenwärtig seine Lederhandschuhe angezogen, die er sogar im Sommer immer bei sich trägt, und hat angefangen, die Dinger wieder aus dem Fenster hinauszuschleudern. Wir haben dann unsere Hände mit irgendwas umwickelt, was grade greifbar war, und haben es ihm nachgemacht. Inzwischen war die Wache alarmiert und die 'Eiserne Meute' zusammengetrommelt worden. Es hätte natürlich passieren können, daß einer von den Unseren eine brennende Fackel abkriegt, aber es ist alles gutgegangen."

"Und was war mit den Angreifern?", fragte Philipp. "Die sind geflüchtet. Das Unglaubliche daran ist, daß man von dieser Seite nicht mal eben über ein Dutzend von den Fackeln so treffsicher landen kann, von Hand jedenfalls nicht." "Meint Ihr damit, sie sind mit einer Wurfmaschine abgeschossen worden?" Andreas zuckte mit den Schultern. "Ich denke, irgendeine Art Speerschleuder müsste es schon gewesen sein."

"Woher wusstet Ihr eigentlich, daß es die Rabensteiner Ritter waren, es hat sie doch niemand gesehen?" "Das stimmt. An einem der Bäume hing ein Pergament, auf dem stand geschrieben, dies sei ein Denkzettel für uns Schauenburger, die im Land viel Unfrieden gestiftet hätten. Und ein Vorgeschmack auf künftigen Widerstand derer, denen dieses Land seit Urzeiten gehört und die es sich nicht wegnehmen lassen von einer ‘Bande hergelaufener Franken‘, so stand es da. Aber unterzeichnet war das Blatt nicht. Wenn die Rabensteiner offen gegen uns kämpfen wollten, müssten sie uns den Fehdehandschuh hinwerfen, nur dann würden sie sich an die königliche Landfriedensordnung halten. Aber bis jetzt hatten sie dazu nicht den Mut.

Der junge Graf Ludwig, von Langenau, Habland und ich sind zum Rabensteiner Grafen geritten und haben die Sache zur Sprache gebracht. Er hat natürlich jede Beteiligung abgestritten, aber er war auch nicht bereit, über Gebietsansprüche zu verhandeln." Andreas schwieg, dann fügte er hinzu "Dieser Rabensteiner ist eigentlich ein Bauerntölpel, man sagt, er kann nicht mal richtig lesen und schreiben. Aber er ist sehr reich und er ist unberechenbar."

Abends auf seinem Bett dachte Philipp über Beheims Bericht nach. Regina hatte in der Stube drei Kerzen auf dem Tisch stehen und war mit einer Handarbeit beschäftigt. "Schläfst du schon?", fragte sie leise. "Gleich." "Stört dich das Licht?" "Nein Mama." Wie haben die Rabensteiner das nur gemacht mit den Fliegenden Fackeln, grübelte er. Und wer ist eigentlich die Eiserne Meute? Vielleicht würde ihm Helene mehr darüber sagen können.

Kurze Zeit später lernte Philipp die anderen Jungs kennen. Daß Matthias den Wasserkessel herangeschleppt hatte, als Philipp krank darniederlag, das hatte er nicht mitgekriegt. Matthias war etwa so groß wie er, er hatte dunkles Haar und schön geschwungene Augenbrauen. Er war freundlich zu jedermann und er machte sich merkwürdige Gedanken über irgendwelche Dinge. Helene meinte, er führe manchmal Selbstgespräche und das fände sie unheimlich, aber man könne sich immer auf ihn verlassen.

Pichel war der Kleinste von allen. Er hatte ständig neue, mehr oder weniger harmlose Einfälle, von denen er selber so begeistert war, daß er aus dem Grinsen gar nicht mehr herauskam, man konnte immer seine beiden großen Schneidezähne sehen. Aber er pinkelte sich manchmal ein und wurde deswegen verspottet, obwohl er beteuerte, daß es gegen seinen Willen geschehe.

Henning Groth dagegen war um einen Kopf größer als alle anderen. Er hatte helle Haut und rötliche Haare und Sommersprossen und fast weiße Wimpern. Er vertrug das Sonnenlicht schlecht. Aber er blinzelte auch wenn es schattig oder dunkel war. Er blinzelte Philipp an, und der hatte den Eindruck, Henning könne ihn nicht leiden. Er war auch verärgert darüber, daß Helene ihm das Baumhaus gezeigt hatte, ohne ihn vorher zu fragen. Er glaubte anscheinend, er sei ihr Anführer und entscheide, was geschehe. Helene erklärte Philipp, es dauere eine Weile, bis man mit Henning gut zurechtkäme, er fühle sich schon wie ein richtiger Ritter.

Adrian hatte nicht nur seinen Bogen selbst gebaut, sondern auch allerhand andere Sachen, zum Beispiel Fallen für Füchse und Marder, die einer von Helenes Onkeln unten im Dorf verkaufte. Adrian war von schlanker Gestalt, aber nicht sehr groß und ein bisschen dünn. Trotz seiner Schmächtigkeit hatte er genügend Kraft den Bogen zu spannen. Die Haare hingen ihm verwegen ins Gesicht, und wenn er sie beim Zielen nach hinten strich, sah man seine wunderschönen Ohren, die aussahen, als wären sie in Formen gegossen worden. Pichel behauptete, Adrian sei in Helene verliebt, sie aber nicht in ihn, und deswegen werde er manchmal so wütend auf alles.

So ohne weiteres wurde Philipp jedoch nicht in den Kreis der Baumhäusler aufgenommen, obwohl Helene vorschlug, auf eine Mutprobe zu verzichten, und Matthias ihr - mehr aus Gleichgültigkeit - zustimmte. Aber Henning Groth war anderer Meinung und keiner wagte es wirklich, sich ihm zu widersetzen. Immerhin war sich Henning selbst unschlüssig, was für eine Probe es sein sollte, und Helene vermutete gegenüber Philipp, Henning wollte wahrscheinlich die Bedingungen so weit wie möglich abschwächen, aber er müsse nun mal immer den starken Mann spielen.

Dann hatte Pichel den Einfall, in der Schilfdelle Wildenten zu jagen, und bei der Gelegenheit könnte sich Philipp doch bewähren. Wie das genau geschehen solle? Und woher er überhaupt wüsste, daß es an der Schilfdelle wieder Wildenten gäbe, denn die waren seit zwei Jahren ausgeblieben. Pichel sagte "Vom Fuchsgesicht, er hat es meinem Vater erzählt."

Philipp, dem da so eine seltsame Gestalt in Erinnerung geblieben war, fragte "Das Fuchsgesicht, ist das dieser Zwerg mit den roten Haaren?" "Du kennst ihn?", meinte Henning, und Philipp erwähnte die kurze Begegnung in der Bärenklause. "Meine Mutter hat ihm eine Wolldecke gegeben." "Na, die wird sie wohl nie wieder sehen." "Manche sagen aber, das Fuchsgesicht hat irgendwo einen Schatz versteckt", wandte Helene ein, "vielleicht wird er es Regina einmal vergelten." "Wem?" "Philipps Mutter."

Pichel grinste und sagte "Wir könnten Philipp den Auftrag geben, das Fuchsgesicht zu fesseln und so lange zu quälen, bis er verrät, wo er den Schatz versteckt hat, das wäre doch eine gute Mutprobe." "Spinnst du!", rief Helene, und Henning schüttelte den Kopf. "Das ist zu gefährlich. Wenn es stimmt, daß der Zwerg mit der Hexe Moranda verwandt ist, wird sie ihn schützen und Philipp womöglich das Fell über die Ohren ziehen, wenn er sich an ihm vergreift." "Lassen wir den Zwerg doch aus dem Spiel. Wir wollten eigentlich auf Entenjagd gehen", sagte Adrian und Henning befahl "Wir gehen zur Schilfdelle und dort wird entschieden, was Philipp tun muss."

Unter vier Augen fragte ihn Helene, ob er schwimmen kann und er bejahte es. "Das wird sich wahrscheinlich so abspielen: Adrian schießt auf eine Ente, die fällt ins Wasser und du holst sie da raus." "Ist das Wasser dort tief?" "Ach wo, da kann man drin stehen." "Warum müsste ich dann schwimmen können?" "Nur für alle Fälle." "Diese Hexe Moranda, gibt es die wirklich?", wollte er wissen. "Oh ja, ich kenne mindestens fünf Leute, die sie selber schon gesehen haben, darunter mein Onkel Gernot. Sie kann sich auch verwandeln und es ist gut möglich, daß man ihr begegnet, ohne sie zu erkennen."

Am Abend erzählte Philipp die Sache mit dem Fuchsgesicht und der Hexe seiner Mutter, und er erwähnte auch den Schatz, den der Zwerg angeblich versteckt habe. Regina meinte "So wie der aussah, muss er wohl vergessen haben, wo sein Schatz vergraben ist." Dann fragte er sie noch "Mama, kann ich eigentlich schwimmen?" "Aber freilich, erinnerst du dich nicht mehr, wie wir in dem Teich gebadet haben, als wir Großmutter besuchten." "Ja, stimmt." "Obwohl", fügte Regina hinzu, "da konnte man auch drin stehen."

Als die sechs loszogen, war herrliches Wetter. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, Schmetterlinge flatterten herum. Wie sich herausstellte, wusste nur Matthias genau, wie man zur Schilfdelle gelangt. Es gab keinen Weg, und sie mussten mitten durch den Wald, aber die alten Buchen ließen genügend Platz, und das Unterholz war weniger dicht als anderswo. Die Sonnenstrahlen fielen zwischen dem grünen Blätterdach herab und helle gelbe Flecken wanderten gemächlich über die Stämme.

Aber hinter den Buchen und jenseits einer wild wuchernden Wiese war ein breiter Streifen halbwüchsiger Tannen, deren Zweige sich ineinander schoben und durch die man sich nur mit aller Kraft hindurchzwängen konnte. Hier war es dunkel und man musste aufpassen, daß einem die Nadelspitzen nicht übers Auge streichen. Damit sie zusammenblieben, rief Matthias dauernd "Ho he! Ho he!", und die anderen richteten sich nach seinen Rufen.

Dann waren sie endlich durch und vor ihnen lag eine kleine Hochebene, die mit Gräsern, Sträuchern und Büschen bewachsen war und auf der anderen Seite an einen Wald grenzte, der sich über einzelne Felsen einen Hang hinauf erstreckte. Dazwischen aber war eine Senke, und man konnte das Wasser in der Sonne glitzern sehen, das stellenweise von hohem Schilf umgeben war.

Sie blieben stehen und Adrian streckte die Hand aus "Da drüben, seht ihr, da schwimmen welche." Man konnte ungefähr ein Dutzend Wildenten erkennen. Aber wie sie näher herankamen, flog der Schwarm auf und im weiten Bogen davon. "So ein Mist!", schimpfte Pichel und grinste ausnahmsweise mal nicht. "Die kommen wieder", sagte Henning, "wir müssen uns bloß gut verstecken, am besten dort zwischen den Sträuchern."

Sie taten es, und eine Weile verharrten sie still, und nur Helene kitzelte Philipp mit einem langen Grashalm am Nacken. Er dachte jedesmal, es wäre eine Fliege und langte mit der Hand danach. Und dann kamen die Enten tatsächlich zurück. Zuerst ein Pärchen, das im spitzen Winkel einflog und zwei breite Keile in die Wasseroberfläche furchte. Sie schwammen umeinander herum, und wenig später folgten die anderen.

Henning flüsterte "Adrian, bist du soweit?" Adrian hatte bereits einen Pfeil in den Bogen gelegt. (Diese Pfeile waren aus schlanken, geraden Weidentrieben gefertigt, die entrindet und getrocknet wurden. Vorn war ein eiserner, breitgehämmerter Nagel ins Holz gesteckt und der Pfeil dann mit dünnem Flachsfaden umwickelt und das ganze mit Leim bestrichen worden. Das machte Adrian alles selbst.) "Ja", antwortete er. "Philipp, du folgst Adrian", sagte Henning, "wenn er eine getroffen hat, holst du sie aus dem Wasser, verstanden." "Ja." Helene stupste ihn am Arm: "Wie ich's gesagt habe."

Die beiden schlichen sich vorsichtig an die Stelle am Ufer heran, Adrian flüsterte "Warte hier, ich gehe noch ein Stück weiter vor." Philipp sah, wie Adrian sich hinter einem Strauch langsam aufrichtete, den Bogen spannte und zielte. In diesem Moment wurden die Enten von irgend etwas aufgeschreckt, und mit ein paar kräftigen Flügelschlägen erhoben sie sich und flüchteten flach über dem Wasser, diesmal in die andere Richtung. Adrian lenkte seinen Bogen nach rechts und ließ den Pfeil losschnellen. Er traf die vorletzte Ente mitten in den Leib, schleuderte sie aus ihrer Bahn, und mit letzten Flügelschlägen stürzte sie in einiger Entfernung vom Ufer ins Schilf.

"Jetzt bist du dran!", rief er Philipp zu, und der lief zum Wasser, das grün und trübe war. Er überlegte, ob er die Schuhe ausziehen sollte, aber dann dachte er, daß alles rasch trocknen werde. Er watete vorsichtig hinein, der Untergrund war weich und er versank drin, das Wasser reichte ihm bald bis über den Bauch. Er machte sich lang und versuchte zu schwimmen und er kam damit besser voran. Hinter ihm am Ufer waren die anderen herbeigeeilt und er spürte ihre Blicke auf sich gerichtet. "Weiter nach rechts", rief Helene.

Er befolgte es, und nach ein paar kräftigen Stößen erreichte er das Schilf. Er prüfte, ob er stehen kann, aber seine Beine fanden keinen Grund, er kam unter Wasser und patschte wild um sich, um wieder hochzukommen, er musste husten und am liebsten hätte er gerufen: das wird nichts! Aber er wollte unbedingt diese Probe bestehen. Das Schilf stand zu dicht, um weiter zu schwimmen. Er versuchte, sich daran entlang zu hangeln, die rauhen Stengel schnitten ihm in die Hände. Er geriet immer tiefer ins Schilf, das mächtiger war, als es beim ersten Anblick schien.

Die anderen riefen ihm etwas zu, aber gerade da brach sein Halt und er tauchte abermals unter, danach gluckste es nur noch in seinen Ohren. Er hörte ihre Rufe, konnte aber nichts verstehen. Die verfluchte Wildente war nirgends zu entdecken. Er nahm alle Kraft zusammen und kämpfte sich weiter und endlich hatte er wieder Boden unter den Füßen.

Er war schon nahe am Uferrand, und ein Stück weiter begann der Wald. Da sah er links im Schilfdickicht die Ente im Wasser liegen, es war ein Erpel und sein Gefieder schillerte farbig; der Pfeil war zerborsten, der Rest ragte heraus.

Philipp beschloss, vom Ufer aus dorthin zu gelangen. Er war so erschöpft, daß er auf die Knie sank und Atem holen musste. Er ließ das Wasser aus den Ohren laufen. Dann näherte er sich der Stelle, wo sie lag und packte sie mit beiden Händen.

Aber indem er sich umdrehte, wurde er wie vom Schlag getroffen, als er den Bären erblickte, der sich am Ufer vor ihm aufbäumte und mit hocherhobenen Pranken und einem langgezogenen, furchtbar lauten Brüllen drohte und seine spitzen Zähne dabei blitzen ließ. Philipp schrie auf, aber seine Stimme versagte, seine Hände verkrampften sich um den Entenleib. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wie besinnungslos sprang er aus dem Wasser und rannte so schnell er konnte zur Seite weg. Der Boden unter ihm bebte, als ihm der Bär auf allen vieren hinterher sprang.

Philipp erreichte den Waldrand, ein spitzer Ast riss Hose und Haut von seinem Schienbein. Tränen schossen ihm in die Augen. Er versuchte, zwischen den Bäumen zu entkommen, aber der Bär blieb ihm auf den Fersen. Da sah Philipp vor sich eine mächtige Eiche. Die ganze Zeit hatte er die Wildente fest an seine Brust gedrückt, jetzt ließ er sie fallen, und im vollen Lauf sprang er am Stamm der Eiche hoch, fasste einen Ast, schlang den Arm darum und es gelang ihm, sich darauf zu hocken und an der zerfurchten Rinde festzuhalten.

Das Ungeheuer bäumte sich abermals auf und brüllte, daß die Luft zitterte, und Philipp konnte seinen heißen, blutrünstigen Atem spüren. Der Bär schlug seine Krallen in den Stamm und hob schon das Bein, um daran hochzuklettern, als er jäh das Haupt zurückwarf und ein schmerzverzerrter Laut aus seiner Kehle drang.

Er drehte sich wutschnaubend um, und Philipp konnte einen Armbrustbolzen sehen, der in seinem Hinterteil steckte. Und vor ihm, ein paar Schritt entfernt, stand ein schwarzes Pferd wie angewurzelt, und darauf saß ein Reiter, dessen Gesicht mit einer dunklen Stoffmaske bedeckt war, die nur Augen, Mund und Nase frei ließ, und der jetzt, fast mit aller Seelenruhe, seine Armbrust erneut spannte, und der Bolzen die rechte Pranke des Bären durchbohrte und darin steckenblieb. Der brüllte vor Schmerz und humpelte schleunigst davon.

Fast im selben Augenblick kamen die anderen angerannt, seltsamerweise der kleine Pichel vorneweg. "Philipp! Philipp!", riefen sie, und er sah, daß Helene heulte, und auf Henning Groths Gesicht lag ein Ausdruck panischer Angst. Sie halfen ihm vom Baum herunter, alle ihre Hände hielten ihn, er setzte sich auf den Boden, lehnte sich an den Stamm und streckte die Beine aus. Er war noch völlig durchnässt. Helene rief "Matthias, dein Hemd, los her damit." Philipp ließ es geschehen, daß sie seins gegen das andere tauschte, er lächelte. Adrian nahm sein Tuch vom Hals und band es um die Wunde an Philipps Bein.

Der Reiter kam heran, sie machten ihm Platz. "Woher kommt ihr?" Adrian sagte "Von der Schauenburg. Wir wollten Wildenten jagen." Er blickte auf Philipp herab. "Wie ist dein Name?" "Philipp Sahlmann", hauchte er. "Du bist ein mutiger Junge", sagte der Reiter, "du wolltest es mit ihm aufnehmen." Helene streichelte wie zur Bestätigung Philipps Wange. "Dennoch hätte er dich getötet." "Ja." "Wer seid Ihr?", wollte Henning wissen, aber der Reiter achtete nicht auf ihn. "Ich bringe dich zur Burg, kannst du auf meinem Pferd sitzen?" "Ja", sagte Philipp und rappelte sich auf. "Ihr anderen, findet ihr allein zurück?" "Ich kenne die Gegend", sagte Matthias.

Der Reiter legte seine Armbrust vor sich auf den Sattel. Die anderen hoben Philipp hinten aufs Pferd. "Leg' deine Arme fest um mich." Er tat es. Er drehte seinen Kopf zur Seite und legte ihn an den Rücken des Mannes, er spürte den Geruch seines Ledermantels und die Wärme seines Körpers. Er fühlte sich auf einmal so sicher wie ein Adler in den Lüften. Er hatte einen Bären bezwungen!

Bei den Hütten der Vorburg angekommen, winkte der Reiter ein paar Leute heran und übergab ihnen den Jungen, dann wendete er sein Pferd und galoppierte wortlos davon. "Ich danke Euch, edler Herr!", rief ihm Philipp nach. Helenes Mutter, die zufällig dabeistand, legte seinen Arm um ihre Schulter und brachte ihn in seine Wohnung. Regina schlug die Hände vor den Mund, als sie Philipp in seinem jämmerlichen Aufzug sah.

"Um Himmelswillen, wie siehst du denn aus? Was ist mit deinem Bein? Warum sind deine Schuhe ganz aufgeweicht?" "Wir waren auf Wildentenjagd", sagte er, als er sich auf einem Stuhl niederließ. Sie zog ihm die Sachen aus und gab ihm frische. "Wer wir?" "Helene und die anderen Jungs." "Meine Helene?", sagte ihre Mutter, die Regina half, die Wunde zu versorgen. "Ich bin ins Wasser gefallen, auf so einen dummen Ast drauf, aber ich hatte Glück, es ist nichts weiter passiert." "Das reicht ja auch. Tut es schlimm weh?" "Nein."

"Wer war das, der dich hergebracht hat?" "Ich weiß nicht, ein barmherziger Ritter." Regina legte ihre Arme um seinen Kopf und drückte ihn an die Brust. "Ach du, mein kleiner Entenjäger, jagst mir so einen Schreck ein." "Wo sind die anderen abgeblieben?" "Die kommen bestimmt bald." "Ist sonst noch jemandem was widerfahren?" "Nein." "Na, Gott sei Dank."

Philipp musste sich ausruhen. Er lag auf seinem Bett und schloss die Augen und ließ alles noch mal geschehen. Und er spürte, wie ihn dabei das Zittern überkam, jetzt schien alles viel schlimmer zu sein. Sein Herz pochte wie wild, seine Muskeln schmerzten vor Anstrengung, und für einen Moment befürchtete er, ohnmächtig zu werden. Er rief nach seiner Mutter, die ihn besänftigte. Am Abend klopfte es, und es waren Helene und die anderen, die sich nach ihm erkundigten. Er sagte, er mag sie nicht sehen, und Regina schickte sie fort.

Dann setzte sie sich neben ihn und sagte "Was ist los, Philipp? Es bedrückt dich doch irgendwas. Sag' es mir." Er schwieg. Regina schaute ihn unverwandt an. Dann sagte er "Mama, ich bin einem Bären begegnet, er war noch größer als der Schrank." Dann erzählte er ihr alles haarklein, auch daß es eigentlich eine Mutprobe sein sollte und daß er alles richtig gemacht hatte. Regina zwang sich, ruhig zu bleiben, obwohl auch ihr das Herz bis zum Halse schlug.

Philipp dagegen fühlte sich erleichtert, nachdem er alles losgeworden war. Er musste ihr versprechen, sich nie wieder in solche Gefahr zu begeben. "Aber das konnte doch niemand voraussehen", entgegnete er, "und bitte sei nicht böse auf die anderen." Sie strich ihm über die Stirn. "Das muss ich erst mal verkraften."

Er schlief ein. Er schlief den ganzen folgenden Tag und die nächste Nacht, und Regina musste Helene und die anderen dreimal wieder wegschicken und sie erlaubte auch Helene nicht, Philipp zu sehen, die darüber sehr traurig wurde. Als er erwachte, war wieder ein sonniger Tag. Er fühlte sich fast wie neugeboren, die Wunde am Bein sah schon viel besser aus.

Er ging zu den anderen. Helene umarmte ihn und ließ ihn gar nicht mehr los. Die Jungs reichten ihm die Hand, man konnte sehen, wie beeindruckt sie waren. Henning sagte "Das war nicht ganz so gelaufen, wie wir uns das gedacht hatten. Aber wir sind froh, daß du nun zu uns gehörst." "Was ist mit der Wildente? Habt ihr sie mitgenommen?" "Liegt bei Ritter Beheim im Keller", sagte Adrian. "Gerupft und ausgenommen", fügte Pichel hinzu, "wie wär's, wenn wir deiner Mutter einen leckeren Entenbraten schenken." "Das ist ein guter Einfall", sagte Philipp, "übrigens Matthias, dein Hemd bekommst du auch zurück." "Schon gut", sagte er mit der gewohnten Gleichmütigkeit, "ich hab' noch eins."

Regina musste allerdings zum Entenbraten erst überredet werden, denn sie nahm es den anderen übel, daß sie Philipp "allein gelassen" hatten, wie sie sagte. Henning erklärte "Wir haben versucht, ihn zu rufen, wir hatten den Bären gesehen und wollten Philipp warnen, aber er hörte uns nicht." "Ich hatte die Ohren voll Wasser." "Dann sind wir 'rübergerannt, um ihm zu Hilfe zu kommen, aber er und der Bär sind im Wald verschwunden, und dann ..." "Es ist genug", unterbrach ihn Regina, die schon wieder ihre Aufregung spürte, "belassen wir's dabei, es ist nun mal passiert." "Also gibt es den Entenschmaus?", fragte Pichel. "Meinetwegen." "Ja!", machte Pichel und reckte die Faust in die Höhe. "Aber wer soll ihn zubereiten?" "Meine Mutter macht das", sagte Helene, "Sie brauchen gar nichts zu tun."

Andreas Beheim hatte Regina jede Menge über die Pläne des jungen Grafen Ludwig berichtet. Als erstes sollten noch mehr Dörfer im Vorland des Thüringer Waldes unter die Herrschaft der Schauenburger gestellt und damit ihr Territorium vergrößert werden.

Die Dörfer wurden bisher meist von Dorfvögten verwaltet, aber es gab auch Besitzungen von einzelnen hochwohlgeborenen Herren und alteingesessenen Herzögen, auch verkümmerten Adligen, die sich als solche fühlten. Und es gab große Gebiete, die dem Kloster Hersfeld gehörten, das daraus beträchtliche Einkünfte bezog. Jeder Bauer und Viehhalter musste den Zehnten an das Kloster abführen.

Der Boden im Vorland war fruchtbar, aber er war zum größten Teil überhaupt noch nicht urbar gemacht, das meiste davon war Wald, Wiese oder Sumpf. Darauf hatte es Graf Ludwig abgesehen, und es war nötig, die Bauern (und auch die Handwerker) der Dorfgemeinschaften davon zu überzeugen, daß ihre Arbeit durch seine Maßnahmen wirkungsvoller und einträglicher würde und es ihnen dadurch letztlich besser ginge.

"Das ist leichter gesagt als getan", meinte Beheim, "viele Bauern tun sich schwer mit Veränderungen, sie leben und arbeiten nach einem ewigen Kalender. Manche sind auch zu dumm oder zu faul, um etwas anders zu machen, oder sie sind zu geizig und befürchten, die Sache könnte schiefgehen und sie hätten Einbußen. Dazu kommt, daß Graf Ludwig nicht der Mann ist, der die Geduld hätte, mit solchen Dickschädeln endlose Debatten zu führen. Da haut er lieber mal kräftig drauf und schafft klare Verhältnisse. Und wem das nicht passt, der kann ja ein Tänzchen auf der Klinge mit ihm wagen." Beheim lachte in seinen Bart, und Regina verstand, daß ihm der Charakter des Grafen durchaus zusagte.

"Stammt Ihr eigentlich selber von hier?" "Ja, ich bin aus Rothegau. Mein Vater hatte dort einen kleinen Hof mit Hühnern, Schweinen und zwei Rindviechern. Meine Mutter bekam ein Mädchen nach dem andern und mein Vater raufte sich die Haare, wie er das alles schaffen soll, mehr als einen Knecht konnte er sich nicht leisten. Da hat er das Viehzeug verkauft, und weil an unserem Hof ein Bach vorbeifließt, hat er eine Wäscherei draus gemacht, und alle meine Schwestern können dort arbeiten, na ja inzwischen sind es drei, die andern sind woanders."

"Wie viele Schwestern habt Ihr denn?" "Fünf." "Du lieber Himmel, das ist bestimmt nicht einfach für einen Jungen." "Nein. Deshalb sagt man mir auch nach, ich wäre gegenüber Frauen manchmal wenig galant." Er machte eine Pause, dann sagte er "Als wir uns begegnet sind, Frau Sahlmann, war ich wahrscheinlich auch nicht besonders galant." Er schaute sie an. Sie winkte ab. "Ach, was heißt schon galant. Ich bin auch keine Dame von hohem Stand." "Na ja, das vielleicht nicht. Aber Sie … ich finde, Sie verdienten es, so behandelt zu werden." "Meint Ihr das im Ernst?" "Wirklich. Wenn ich nicht bloß ein einfacher Ritter wäre, dessen Vater ein Bauer ist, dann würde ich …" "Was würdet Ihr, Andreas?" "Ach, ich bin darin so ungeschickt, wie Graf Ludwig, der ist auch so ungeschickt bei den Frauen! Deshalb hat er auch noch nicht die Richtige gefunden." Regina lächelte ihn an, er wich ihrem Blick aus.

Sie fragte ihn "Wie seid Ihr zum Ritter geworden?" "Als der Bärtige damit begann, die Schauenburg zu bauen, wurden tüchtige Handlanger gesucht. Da habe ich mich gemeldet und dabei mitgeholfen, natürlich für guten Lohn. Dann wurde die 'Eiserne Meute' gebildet, das ist eine bewaffnete Truppe, die dem Grafen zur Seite steht, wenn Gefahr droht. Es sind meist junge Männer hier aus der Gegend, die dann abwechselnd zu bestimmten Zeiten auf der Burg wohnen. Ich war einer der ersten und ich habe die Eiserne Meute auch eine Weile befehligt, bis ich schließlich zum Ritter geschlagen wurde." "Das war gewiss ein bedeutendes Ereignis für Euch." "Oh ja, das ist unvergesslich. Der Bärtige hat meine Rüstung für mich anfertigen lassen und sie bezahlt, und mein Schwert stammt von einem fränkischen Ritter namens Fredegard, der es den Schauenburgern vermacht hat."

Er unterbrach sich und sagte dann "Aber ich erzähle die ganze Zeit nur von mir. Dabei weiß ich noch so gut wie nichts über Sie und Philipp - außer natürlich das, was ich selbst gesehen habe." Regina berichtete ihm, wie alles gekommen war, und Beheim war ein aufmerksamer Zuhörer, mal zeigte er Mitgefühl, mal schmunzelte er oder lachte sein herzliches Lachen, das Regina ansteckte. Sie fühlte sich immer wohler in seiner Gegenwart, sie meinte, er bestärke sie auch bei ihren Bemühungen, hier in "fremden Landen", wie er scherzhaft sagte, den rechten Platz für sich und ihre Kinder zu finden.

Sie sprachen noch des öfteren miteinander, Beheim klärte sie auch über mancherlei Besonderheiten auf, die man wissen sollte, wenn man im Dienst der Schauenburger steht. Zum Beispiel daß man im Umgang mit den Rittern (und natürlich erst recht mit den gräflichen Herrschaften) eine gewisse Distanz halten sollte. Regina verstand dies als eine Anspielung, sie fragte erstaunt "Habe ich diese Distanz etwa nicht gewahrt, Ritter Beheim?"

Er versuchte, es richtigzustellen und kam dabei ins Rudern. "Oh nein, Frau Sahlmann, das wollte ich damit nicht sagen ... mir fehlen die richtigen Worte ... ich meinte bloß, wenn Sie ... falls Sie sich manchmal fragen, warum ich so schüchtern bin ... und Sie das vielleicht falsch verstehen." "Hm, dann habt Ihr wohl aus Versehen die Perspektive verwechselt", entgegnete sie, "aber dessenungeachtet wäre mir Eure Zurückhaltung lieber, als wenn Ihr Euch wie ein Rüpel benehmt. Im übrigen finde ich Euer Verhalten angemessen."

Er nickte, und man sah, daß er nicht ganz schlau daraus wurde. "Angemessen. Ja richtig, so ist es." Er verabschiedete sich und ging. Abends lächelte Regina im Stillen über die komische Unterhaltung. Erst als Helene sie einmal beiläufig fragte "Frau Sahlmann, wie finden Sie eigentlich Ritter Beheim?", wurde ihr klar, daß man bereits über sie beide redete.

Die Gemahlin des Alten Grafen, Gräfin Cecilia, hatte durch eines ihrer Burgfräulein von der Bärengeschichte der Jungen gehört und davon, wie der Philipp Sahlmann in letzter Minute gerettet wurde, nachdem er die "schiere Todesangst", wie sich das Fräulein ausdrückte, durchleiden musste. Sie wollte die Jungen sehen, und als sie gegenüber dem Grafen den Namen Sahlmann erwähnte, entsann der sich des weiland verstorbenen Schreibers, an dessen statt die Frau aus Bamberg mit ihrem Sohn hergezogen war.

Matthias und Pichel befanden sich unten im Vorland, um ihren Verwandten bei der Landarbeit zu helfen. Und so folgten Henning Groth, Adrian, Helene und Philipp sowie dessen Mutter der Einladung der Gräfin.

Cecilia von Sangerhausen war die zweite Frau Ludwigs des Bärtigen geworden, nachdem die erste, die Mutter des jungen Ludwigs, gestorben war. Die Heirat war ein Exempel der Schauenburger Machtentfaltung, brachte Cecilia doch bedeutende Gebiete im Norden des Thüringischen Landes in die Ehe ein, Gebiete, die an den Herrschaftsbereich des Königs Heinrich grenzten, der über die Expansion alles andere als glücklich war.

Gräfin Cecilia war eine gebildete Frau, sie las den Homer im Original, und ebenso den Vergil, dem sie den Vorzug gab, vor allem seiner hinreißenden Hirtengedichte wegen. Sie war nicht mehr ganz jung und hatte bei einem Unfall in ihrer Kindheit eine Narbe am Kinn davongetragen, die sich leider mit den Jahren immer kräftiger färbte. Sie hatte sehr schönes, üppiges hellblondes Haar, und ihre Burgfräulein gaben sich immer viel Mühe, ihre Frisur mit allerlei Geschmeide herauszuputzen. Dadurch (und auch durch ihre schlanke, große Gestalt) bildete sie einen fast harmonischen Gegensatz zum Grafen mit seinen langen dunklen Haaren, die ihm stramm wie Bast bis auf die Schultern fielen, und mit seinem Bart, der bis dahin reichte, wo ein großes, emailliertes und in Gold gefasstes Medaillon auf seinem dicken Bauch prangte.

Es waren auch Andreas Beheim, Norbert vom Stein und Rüdiger Habland anwesend. Philipp wurde aufgefordert, zu berichten, was geschehen war, und er tat es mit ruhiger Stimme und es schien, als habe er die Sätze vorher in Gedanken geordnet. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, und als die Stelle kam, wo er den Bären am Ufer erblickt, wie er sich übermannsgroß aufbäumt, da konnte man aus Richtung der Burgfräulein sogar vereinzelte Seufzer des Entsetzens vernehmen. Die Gräfin ließ auch die anderen zu Wort kommen, die Philipps Bericht ergänzten.

Die beiden Jungs hatten ihre Waffen dabei, und zwei Knappen des Grafen brachten Hennings Armbrust und Adrians Bogen (mit einem Pfeil) zu dem reichverzierten Eichenstuhl, auf dem er saß, damit er einen Blick darauf werfen konnte. Er äußerte ein anerkennendes Brummen, und besonders Henning Groth platzte fast vor Stolz.

"Und du, meine Kleine", sagte der Bärtige zu Helene, "wie bist du deinen Freunden nützlich?" "Ich kann gut sehen." "Bitte?" "Ich habe gute Augen. Ich kann zum Beispiel dort oben am Fenster die Spinne in ihrem Netz erkennen." Alle Frauen im Raum wandten ihre Köpfe jäh nach der Fensterecke, sogar die Gräfin reckte den Hals.

Der Alte Graf musste laut lachen, das Medaillon hüpfte auf seinem Bauch. "Dann kannst du womöglich bis in die Sterne schauen und mir meine Zukunft verraten?" Helene überhörte den ironischen Unterton. "Ja und nein", erwiderte sie, "in die Sterne kann ich wohl schauen, aber Eure Zukunft, Herr Graf, die kann nur Gott allein sehen." Ein beifälliges Raunen ging durch die Runde. "Tja, so ist das", murmelte der Graf, und die Gräfin lächelte milde.

Rüdiger Habland wollte von den Kindern wissen, wie der Reiter aussah, der Philipp vor dem Bären gerettet hat, jedoch schien jeder etwas anderes an ihm bemerkt haben, und Henning behauptete sogar, er habe unter dem Mantelaufschlag auf der Brust ein Wappen gesehen, das einen Raben auf einem Stein zeigte. Nur daß er eine Maske trug, ausgezeichnet schießen konnte und ein Pferd hatte, das selbst vor einem Bären nicht zurückschreckte, darin waren sich alle einig.

Helenes Onkel (der mit dem großen Karren) hatte aus dem Dorf einen Korb voll frisches Gebäck mit auf die Burg gebracht, und nach der Vorstellung beim Grafen und seiner Gemahlin fanden sich die Kinder und Helenes Mutter bei Regina zusammen und jeder bekam einen kleinen Hefezopf, der mit Pflaumenmus gefüllt war. Man sprach über das Grafenpaar, und Helenes Mutter Pauline erfuhr genau, wer was gesagt und wie Gräfin Cecilia das Abenteuer mit der unglücklichen Entenjagd aufgenommen hatte.

Helene sagte "Mama, die Gräfin hat das grüne Tuch mit den Spitzen getragen." "Wirklich?" "Was ist mit diesem Tuch?", fragte Regina. "Das hat meine Mama gemacht." "Sie können klöppeln?" "Ja, ich habe es schon als Kind gelernt, ich habe mit fünf Jahren damit angefangen." "Und Philipps Mutter kann töpfern." "Oh, das ist auch eine schöne Arbeit." "Ja. Aber so lange mach' ich das noch nicht." Die Kinder gingen nach draußen, nachdem sie ihr Gebäck aufgegessen hatten.

Regina und Pauline plauderten miteinander. "Helene mag Philipp", sagte Pauline. "Ja, sie verstehen sich gut, ich glaube, Helene mag die Jungs alle." Pauline lachte. "Das ist wohl wahr. Das liegt vielleicht daran, daß sie keinen Bruder mehr hat." "Was heißt nicht mehr?" "Ich hatte einen Sohn, er war erheblich älter als Helene, er war fast wie Bruder und Vater zusammen für sie, mein Mann ist … er … na egal. Mein Sohn ist krank geworden und dann gestorben." "Das tut mir leid", sagte Regina.

"Wir haben unten im Vorland gewohnt, in Espenhain, ich hätte mir nie vorstellen können, hier auf die Burg zu ziehen. Aber es kam so. Mein Bruder hat mir sehr geholfen", sie lachte, "Brüder sind manchmal wirklich unersetzlich." "Philipp hat noch eine Schwester." "Ich weiß, Helene hat es mir gesagt. Was haben Sie denn vor? Wollen Sie hier auf der Burg bleiben?" "Ich weiß noch nicht genau. Ich werde demnächst nach Georgental zu einem Töpfermeister gehen und sehen, ob ich da arbeiten kann." "Dann sollten Sie dort auch unterkommen." "Ja, das wäre wohl unumgänglich."

"Glauben Sie mir", gestand Pauline, "es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich nicht nach dem Dorf sehne. Das Dorfleben ist ganz was anderes." "Wir kommen aus Bamberg, ich kenne das Dorfleben nicht, vielleicht gefällt es mir auch." "Bestimmt. Aber man braucht einen Mann." Regina lachte, Pauline sagte "Wenn ich nur noch einen gefunden hätte, ich würde morgen wieder hinunterziehen." "Ist das denn so schwer, ich meine, Sie sind doch ... hübsch anzuschauen." "Ja, danke. Ich bin auch gesund und fleißig und nicht auf den Kopf gefallen. Und trotzdem ... ich und das Mannsvolk, das ist ... wie zum Text die falsche Melodie." "Ich bin mir sicher, Sie finden einen." "Na hoffentlich, bevor es zu spät ist."

Eine Weile, nachdem Pauline gegangen war, kam auch Andreas Beheim "auf eine Fadenlänge" herein. Er lobte die Kinder, die beim Grafenpaar einen guten Eindruck hinterlassen haben. Regina sagte "Schade, daß der junge Graf Ludwig nicht da war." "Er ist mit Wolfram von Langenau auf der Wachsenburg, Wenzel Apfelstädt und Karl von Kahlenberg sind ebenfalls dort." "Gehört die Wachsenburg auch zu Euch?" "Nein, sie gehört dem Kloster Hersfeld, sie ist das bevorzugte Quartier von Abt Ekkehard hier in Thüringen." "Wie geht es Ritter Wolfram?" "Gut. Ich soll Sie von ihm grüßen." "Ach so?", sagte Regina überrascht, "Na, dann vielen Dank und ich erwidere seinen Gruß."

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Beheim "Haben Sie bemerkt, wie stolz die anderen Jungs auf ihre Waffen sind." "Ja, das ist mir aufgefallen." "Es sind nicht wirklich gute Waffen", meinte Beheim, "aber in ihren Augen schon. Deshalb habe ich mich gefragt, ob man Philipp auch mit etwas ausrüsten sollte, was meinen Sie dazu, Frau Sahlmann? Natürlich nur, wenn Sie es ihm erlauben." "An was dachtet Ihr?"

Beheim holte ein Messer hervor, es steckte in einer Lederscheide. Er gab es Regina, sie zog es heraus, die Klinge glänzte wie neu. Der Griff war aus Hirschhorn und hatte eine kleine Schnitzerei, die ein Wildschwein darstellte, das von zwei Hunden gejagt wird. Regina drehte und wendete es in der Hand. "Das ist wunderschön. Woher habt Ihr es?" "Es ist von einem Waffenmeister aus Arnstadt, es hat bis jetzt noch keinem gehört."

Regina sagte "Ich denke, Philipp würde sich riesig darüber freuen." "Dann nehmen Sie es", sagte Beheim, der froh war, daß sein Vorschlag ihre Zustimmung gefunden hatte. Sie schaute ihn an. "Nein, Andreas, das müsst Ihr ihm geben. Es war Eure Idee, und es würde Philipp viel mehr bedeuten, wenn er es aus Eurer Hand, aus der Hand eines Ritters, empfängt." "Sie tun mir damit einen großen Gefallen", sagte er, "ich habe das gleiche gedacht, ich wollte es nur nicht hinter Ihrem Rücken tun."

Sie gab ihm das Messer zurück und sagte "Das ist lieb von Euch. Ich weiß das zu schätzen, daß Ihr Euch Gedanken über uns macht. Und wie es scheint, fällt Euch auch immer etwas Gutes dabei ein." Er lächelte und verbeugte sich, dann wünschte er ihr einen Guten Abend.

In der folgenden Woche machte sich Regina auf den Weg nach Georgental. Beheim hatte ihr ein Pferd besorgt, mit dem sie rasch vertraut wurde. Außerdem gab er ihr ein paar Beinkleider aus geschmeidigem Wildleder, die im Schritt einen derben Aufsatz hatten, und die man oben und an beiden Enden mit dünnen Schnüren zusammenziehen konnte. Er behauptete, sie würden am Bund bequem unter einen Rock und an den Beinen in die Stiefelschäfte passen, was Regina, als sie es dann anprobierte, bestätigt fand.

Aber Beheim hatte Bedenken gehabt, ob sie allein reiten sollte. Leider war er selbst für einige Tage im Auftrag des Grafen unterwegs, und Regina wollte nicht, daß ihretwegen extra jemand verdonnert wird, auf sie aufzupassen.

Beim ersten Mal nahm Helenes Onkel Gernot sie mit, der in Georgental zu tun hatte. Weil sein schwerer Karren nicht für steile Wege geeignet war, mussten sie durchs Graue Tal, wo es schattig und kühl war und ein Bach munter dahinplätscherte. Gernot zeigte ihr, wo man zu Pferde auch abkürzen könnte, aber Regina war sich nicht sicher, ob sie die Stellen wiederfinden würde.

"So lauschig wie jetzt ist es allerdings nicht immer. Ich würde Ihnen abraten, hier allein langzureiten, es lauern zu viele Gefahren", sagte Gernot, und da klang Beheims Stimme durch. "Was meinen Sie damit? Etwa Räuber?" "Ach Räuber hatten wir hier lange keine, aber es gibt Bären und Wölfe, und manche behaupten auch, daß sich hier böse Geister herumtreiben. Da drüben zum Beispiel, da habe ich vor zwei Jahren die Leiche eines Mannes gefunden, der … na, ich möchte Ihnen jetzt nicht beschreiben, wie der ausgesehen hat, jedenfalls muss er ziemlich lange gelitten haben, bevor er tot war." "Kannte man ihn?" "Ja, er kam hier aus der Gegend und man erzählt sich, daß er ... wie soll ich sagen … angeblich stand er mit dem Teufel in Verbindung." Gernot schwieg, und sein Ochse trottete stumpfsinnig dahin, dann sagte er noch "Oh ja, der sah wirklich so was von tot aus."

Der Meister in der Töpferei hieß Oluf Skagen und stammte aus dem Norden. Er wusste Bescheid, worum es sich handelte. Er sagte, er habe zwar genügend Leute, aber es wäre immer mal "Not am Mann", und gerade jetzt, wo sie den Auftrag für die Reinhardsbrunner Mönche haben, gäbe es alle Hände voll zu tun. Allerdings müsste er sich erst davon überzeugen, ob sie überhaupt geeignet wäre. Er habe früher schon durchaus auch mal die ein oder andere Frau in seiner Werkstatt gehabt, und manche hätten einwandfreie Arbeit geleistet, andere dagegen "die konntest du nicht mal zum Aufräumen gebrauchen", wie er sagte.

Regina erwiderte, sie würde sich alle Mühe geben, hätte jedoch in Wirklichkeit nicht viel Erfahrung im Töpfern. "Man lernt ständig dazu, wenn man es nur will", sagte er und rief nach dem Gehilfen Hannes. "Gib' ihr einen Ballen Ton." Und zu Regina sagte er "Wie soll ich Sie anreden?" "Sagt Regina zu mir." "Nehmen Sie sich eine von den Töpferscheiben und machen Sie eine Schale." "Gut."

Hannes führte sie nach hinten, dort saßen zwei Leute bei der Arbeit, sie waren sehr beschäftigt und grüßten nur flüchtig. "Wie viele arbeiten hier?", fragte sie Hannes. Er hielt beide Hände hoch und zeigte ihr sechs Finger, dann deutete er auf sich und zeigte ihr sieben Finger. Er wies auf eine freie Scheibe mit einem Hocker. Sie hatte eine Schürze mitgebracht, die sie sich umband. Hannes brachte einen Ballen roten Ton, etwa so groß wie ein Kohlkopf. Dann holte er einen Holzeimer voll Wasser und stellte ihn in Reichweite. "Danke Hannes", sagte sie, und er schaute sie freundlich an.

Sie fing an, den Ballen zu formen und drehte dabei mit dem Fuß die Scheibe. Sie schöpfte das Wasser und träufelte es über den Ton. Nach und nach wuchs die Schale unter ihren Händen heran, sie achtete genau darauf, daß sie gleichmäßig dick war und nicht von selbst zusammensackte. Mit einem flachen Holzstück kratzte sie die überschüssige Masse ab. Dann glättete sie die Innen- und Außenseite.

Sie arbeitete fast eine Stunde ununterbrochen, sie warf manchmal einen Blick durch die offene Werkstatt Tür nach draußen in den angrenzenden Hof und auf eine freie Grasfläche, wo ein paar Schafe standen. Es war nicht leicht, aber es gefiel ihr. Der Gehilfe Hannes kam zu ihr und schaute auf ihr Werk. Sie war gerade dabei, den Rand zu vollenden.

"Kannst du hören, was ich sage?", fragte sie ihn. Hannes nickte. "Aber du kannst nicht sprechen." Er schüttelte den Kopf. "Wie alt bist du?" Er zeigte es. "Zweiundzwanzig?" Er rümpfte die Nase und schüttelte die Handfläche. Regina lachte. "Also ungefähr." Er nickte, dann verschwand er. Kurz darauf kam er mit Meister Skagen.

Der warf einen Blick auf die Schale und sagte "Das reicht." Es klang nicht sehr begeistert. Mit einem Draht trennte Hannes die Schale von der Scheibe und reichte sie dem Meister. Der drehte sie um und um, und Regina sah, wie seine Augen darüber wanderten, als würden sie eine unleserliche Handschrift entziffern. "Haben Sie auch schon welche mit Muster gemacht?", fragte er. "Ja. Aber nur ganz schlichte." "Die ganz schlichten sind manchmal die besten", sagte er, "wann können Sie wiederkommen?" "Übermorgen", antwortete sie. "Ich gebe Ihnen einen sächsischen Renzel für jedes Gefäß, vierzehn Faller für ein großes. Die Schale können Sie mir berechnen." Er gab sie Hannes und ging wieder nach vorn. Hannes nickte ihr heftig zu und lächelte dabei.

Sie erzählte Helenes Mutter Pauline, wie Meister Skagen sie aufgenommen hatte. Pauline erklärte ihr auch, daß zehn Faller ein Renzel sind, eigentlich nur achteckige Eisenplättchen mit einem Prägestempel drauf und so spröde, daß man sie manchmal "mitten durch brechen kann". Zwanzig Renzel könne man beim Juden gegen einen Viertelkreuzer eintauschen, der aus Kupfer ist. "Sie hätten ruhig mehr verlangen können", sagte Pauline, "aber wenn er Sie anständig behandelt und Sie nicht zur Arbeit antreibt, ist das in Ordnung." Pauline war bereit, Philipp bei sich aufzunehmen, solange Regina beschäftigt ist, Helene würde sich darüber freuen. Die beiden Frauen beschlossen auch, sich künftig zu duzen.

Bevor Andreas Beheim die Burg verließ, hatte er Philipp das Messer überreicht, der dabei große Augen machte und sich unglaublich darüber freute. Er berichtete sofort seiner Mutter davon und präsentierte es ihr, die ihm und Beheim zuliebe ganz überrascht tat. Beheim hatte ihm auch einen Gürtel gegeben, der durch die Messerscheide gezogen werden konnte. Philipp selbst hatte Bedenken, ob er es seinen Freunden zeigen sollte, womöglich würden sie neidisch darauf sein und das wollte er vermeiden. Regina konnte das gut verstehen und riet ihm, das Messer bei passender Gelegenheit einfach zu benutzen und dabei könne er ihnen verraten, woher es stammt.

Bei Meister Skagen fertigte sie in der ersten Zeit nur Schalen, und ein älterer Töpfer namens Wilfried sagte ihr, daß dies Suppenschalen für die Reinhardsbrunner Mönche seien. Deshalb waren sie fast eine Handbreit tief und hatten einen hohen Rand. Dann durfte sie zwischendurch auch mal einen Topf oder einen Krug machen, aber der ein oder andere misslang, und Wilfried zeigte ihr einige Kniffe, wie man mit den Handknöcheln die richtige Form erzielt, wie man die Henkel ansetzt oder den Fußring abdreht und vor allem, wie man sparsam mit dem Ton umgeht. Denn ihre Gefäße waren mitunter noch zu dickwandig, und das konnte sich beim Brennen nachteilig auswirken.

Der Ton stammte aus einer Grube vor dem Dorf, und ein paarmal begleitete Regina den Gehilfen Hannes, der dafür zuständig war, ihn zu holen. Es war eine rötliche Masse, und Wilfried erläuterte ihr, welche Zusammensetzung er hat und auch, welche anderen Mineralien noch zugesetzt werden. Er machte auch Gefäße mit blauer Färbung, die durch die Verwendung von Kobalt entstand. "Kobalt ist sehr selten", sagte er, "wir holen es aus einem Stollen am Aschenberg, der vormals dem König Konrad gehörte. Der hat ihn an die Schauenburger abgetreten. Aber König Heinrich fechtet die Übertragung an, obwohl es eine Urkunde mit königlichem Siegel darüber gibt. Die Mine muss bewacht werden, denn der König schickt immer mal wieder seine Landsknechte her, um sie zu überfallen und auszurauben. Dabei ist sie nicht besonders ergiebig, aber bis jetzt ist anderswo kein weiteres Kobalt gefunden worden. Das wenige, das wir gewinnen, wird an einem geheimen Ort aufbewahrt und ich habe immer nur so viel davon, wie ich gerade benötige."

Regina konnte unmöglich jeden Tag von der Schauenburg nach Georgental und zurück reiten. Deshalb bot ihr Meister Skagen eine Kammer im Hintergebäude zum Übernachten an, die man auch abschließen konnte. Der Gehilfe Hannes schlief ebenfalls hier. Nachdem Regina die Kammer angesehen und festgestellt hatte, daß sie trocken und sauber war, und sogar ein kleines Fenster zum Hinterhof wies, nahm sie das Angebot an, zumal Meister Skagen nichts dafür verlangte. Sie musste es nur mit Pauline absprechen, die sagte "Das ist doch gar kein Problem, mach' du nur deine Arbeit. Und vielleicht musst du mir ja auch irgendwann einen Gefallen tun."

So war Regina fortan drei Tage in der Woche in Georgental, und Hannes stellte ihr frühmorgens nicht nur angewärmtes Wasser bereit, mit dem sie den Schlaf aus den Augen spülen konnte, sondern besorgte auch beim Bäckermeister Holst zwei Scheiben frisches Brot für sie und stellte einen kleinen Kessel mit Kaffee aus Gerstenmalz aufs Feuer, der allerdings manchmal überkochte und auf der Glut zischte. Von den anderen Arbeitern war einer krank geworden, und auch wenn sich Regina aus Anstand nicht eben darüber freute, so verhalf ihr der Umstand doch dazu, daß Meister Skagen ihr für jedes Gefäß drei Faller extra löhnte.

Eines Tages jedoch, als sie ihre Arbeit beendet hatte und sich auf dem Weg zur Schauenburg befand, geschah etwas Schreckliches. Etwa an der Stelle im Grauen Tal, wo der meterhohe Stumpf einer vom Blitz zersplitterten Tanne emporragt, scheute plötzlich ihr Pferd und im selben Augenblick traten ihr zwei übel aussehende Gestalten in den Weg.

Der kleinere hatte eine grüne Filzkappe auf, war dick und dreckig und seine Füße steckten in zerschlissenen Latschen. Der andere trug einen langen speckigen Mantel, sein rechtes Auge war nur eine schwarze Höhle. Beide hielten sie dicke Knüppel in Händen. Aber als Regina sie erblickte, traten sie zwei Schritte auseinander, als wollten sie ihr Platz machen; dabei grinsten sie nur und sprachen kein Wort.

Reginas Herz schlug heftig, sie spürte ein flaues Gefühl im Magen. Sie wendete auf der Stelle ihr Pferd, doch da stand hinter ihr ein weiterer Bursche. Er war noch jung, und Regina sah, wie es um seinen Mund zuckte. Er hielt einen langen, kahlen Ast quer und machte damit eine Bewegung, als würde er sie vor sich hertreiben wollen.

Sie wendete das Pferd wieder nach vorn und als sie zwischen den beiden Männern war, schnappte sich der kleinere die Zügel, und der andere sagte mit harmlos verstellter Stimme "Habt Ihr, gute Frau, ein kleines Almosen für ein paar armselige Sünder?", und dabei packte er ihren Unterarm, und sie sah auf seinem Handrücken einen Totenkopf in die Haut gezeichnet. "Ich habe nichts bei mir", sagte sie mit bebender Stimme.

"Ach, wie schade", seufzte der Totenkopfmann und sah sie mit seinem einen Auge finster an, "aber vielleicht könnt Ihr auf andere Weise unsere Not lindern." Der mit dem Filzhut lachte. Regina drehte sich um, und der Junge stand jetzt dicht dabei und drohte mit dem Ast. Da zerrte sie der Totenkopf vom Pferd, das schnaubte und wieherte, und der Filzhut ließ die Zügel los. Der Junge gab dem Pferd einen Stoß, daß es davongaloppierte.

Regina lag am Boden, und der Filzhut kniete hinter ihrem Kopf, erfasste sie unter beiden Armen und hielt sie fest. Sie schrie und strampelte mit den Beinen, und der andere stopfte ihr ein Tuch so tief in den Mund, daß es ihren Rachen reizte und sie würgen musste und die Tränen in ihre Augen quollen. Dem Jungen, der zu ihren Füßen stand, schien der Anblick nicht zu behagen, er sagte "Hör' auf, Vater. Du tust ihr weh", aber er lachte nur und fing an, ihren Rock hochzuziehen und die Schnüre an ihrem Beinkleid zu lösen.

"Lasst sie los!", donnerte da eine Stimme. Der Filzhut verdrehte den Kopf, aber da spürte er, wie das Eisen eines Pferdehufs sein rechtes Wadenbein zerstampfte. Er schrie laut auf, ließ Regina los, die dem Einäugigen einen Tritt verpasste, daß er rückwärts taumelte. Der Junge warf den Ast beiseite, fiel auf die Knie und rief "Bitte verschont mich!"

Regina raffte sich auf, riss das Stoffknäuel aus dem Mund, nahm den einen Knüppel in die Hand und hieb dem Jungen eins über den Schädel. Der Reiter war abgesprungen, und noch ehe der Totenkopfmann davonlaufen konnte, versetzte er ihm einen Schlag in den Rücken, daß er zu Boden ging.

Regina sah den Reiter an, am Oberkörper trug er eine Rüstung. Er setzte seinen Helm ab. "Wolfram!", rief sie, "Ihr seid es." "Es tut mir leid, daß ich nicht eher kam." Sie wollte etwas erwidern, aber ihre Stimme stockte, und für einen Moment sahen sie sich in die Augen.

Dann ging Wolfram zu dem Einäugigen, zog ihn an den Haaren hoch und sagte "Ich werde euch jetzt mit meinem Schwert richten und euch den Raben zum Fraß vorwerfen. Ich werde euch nur verschonen, wenn ihr bei dieser Dame Gnade erwirkt." "Ja, ja, ja! Wir bitten um Gnade!", stammelte der andere, "Oh edle Dame, wir sind nur arme Schlucker, wir wollten euch nichts Böses tun, es war nur ein Spaß, wir wollten gerade damit aufhören, bitte, bitte, lasst Gnade walten, wir wollen nicht sterben!"

Regina sah, wie er zitterte vor Angst, sie schaute auf den Jungen, dem Blut übers Gesicht lief, und auf den dritten mit dem zerschmetterten Bein, der nur noch wimmerte. "Ritter von Langenau!", sagte sie, "um meinetwillen lasst sie laufen." Der Einäugige kroch auf allen vieren zu ihren Füßen und sagte "Habt Dank, hochedle Dame, daß Ihr uns das Leben schenkt! Auf ewig werden wir Euch dienen und Euch beschützen!" Wolfram sagte zu dem Jungen "Nehmt den hier mit und schert euch zum Teufel!" Sie hoben den Dicken auf, der vor Schmerzen stöhnte, legten seine Arme um ihre Schultern, und so schleppten sie sich mühsam davon.

Regina erzählte niemandem von dem Zwischenfall. Am Rücken tat ihr eine Stelle weh, sie vermutete da einen großen blauen Fleck, und auch ihr Fußgelenk war wie gestaucht, doch sie dankte Gott, daß sie heil davongekommen war und auch dafür, daß Wolfram von Langenau sie vor Schlimmerem bewahrt hatte. Sie war sich auch sicher, richtig gehandelt zu haben, als sie ihn davon abhielt, die Männer zu töten, was er zweifellos getan hätte. Oder hatte bloß die Furcht davor, es mitansehen zu müssen, sie dazu veranlasst?

Er hatte nichts weiter gesagt, er hatte ihr Pferd zurückgeholt, das nicht weit davon stehengeblieben war. Sie brachte inzwischen ihre Kleidung in Ordnung. Und auch auf dem Weg zur Burg sagte er nur, von denen brauche sie nichts mehr zu befürchten. Er würde ihr dennoch jemanden zur Seite stellen, falls sie dies wünscht. "Vielleicht sollte ich einen anderen Weg nehmen", hatte sie gesagt, und er meinte "Ja, das wäre ratsam. Sprechen Sie mit Ritter Beheim darüber."

Es war offenbar von Langenau selbst, der Beheim davon unterrichtet hatte. Beheim war furchtbar betroffen, er machte sich sofort die größten Vorwürfe, daß er nicht für ihre Sicherheit gesorgt habe. Sie beruhigte ihn und sein Gewissen. Es sei doch weder seine noch ihre Schuld, niemand sei gegen so etwas gefeit und sie habe gewusst, worauf sie sich einlässt, wenn sie dauernd nach Georgental reitet. Aber die Arbeit dort gefiele ihr nun mal und sie wollte das nicht aufgeben wegen so einer hässlichen Begebenheit.

Vielleicht nahm sie es aber auch vorsätzlich auf die leichte Schulter. Zweimal zumindest schreckte sie aus einem bösen Traum auf, in dem alles noch einmal geschah, aber anders verlief und in einer grässlichen Szene endete. Andreas Beheim, der sich immer so viele Gedanken über sie machte, war aufmerksam genug, um zu erkennen, daß sie es noch nicht ganz überwunden hatte. Deshalb kam er auf die Idee, ihr ein wenig Ablenkung und Zerstreuung zu verschaffen und machte den Vorschlag, daß sie alle zusammen, also sie und er, Pauline und die Kinder, nach Reinhardsbrunn reiten, auch deshalb, weil Regina mehr über das Kloster erfahren wollte, an das Meister Skagen seine Ware lieferte.

Der Töpfer Wilfried hatte ihr bereits eine knappe Beschreibung des Klosters gegeben, das in einem flachen Tal lag, an dessen Hängen Eichen und Buchen standen, und durch das sich ein Bach schlängelte, der unterhalb des Gebirgskamms, etwa eine Stunde von der Schauenburg entfernt entsprang und der hier zu fünf größeren Teichen angestaut wurde, in denen die Mönche Fische züchteten, hauptsächlich Karpfen; doch es war ihnen auch gelungen, Forellen zu halten, die normalerweise fließendes Gewässer bevorzugten.

Es gab da einen großen Hof mit Hühnern, Enten und Gänsen, und auf den Wiesen am Talausgang wurden Schafe und Kühe geweidet. Es gab Bienenstöcke und Muschelbecken, es gab eine Obstbaumwiese und einen Kräutergarten. Und es gab große Gemüsebeete, denn die Mönche hatten bestimmte Vorstellungen, was ihre Nahrung betraf, und von vielen Tieren wurde nur das verwendet, was sie zu Lebzeiten und ohne sie ernsthaft zu verletzen lieferten: Milch, Eier, Wolle, Dung; und manche Leute im Dorf behaupteten, die Mönche würden die alten Kühe, wenn sie gestorben sind, ordentlich beerdigen, aber keiner konnte sagen, wo. Alles, was Flossen und Flügel hatte, musste dagegen dran glauben, und die Gänsefedern und Daunen waren so begehrt, daß die Mönche sie verkaufen und damit ihre Klosterkasse aufbessern konnten.

Von Ritter Beheim wusste Regina, daß die Mönche aus einem Kloster im fernen Schwarzwald dem Ruf des Grafen Ludwig nach Reinhardsbrunn gefolgt waren. Sie lebten und wirkten nach den Regeln des heiligen Benedictus, der im noch ferneren Italien einst ein Kloster errichtet hatte. Deshalb hießen sie die Benediktiner, und sie waren dem römischen Papst treu ergeben.

Der alte Graf wollte sie (und nicht etwa die Hersfelder oder die Fuldaer) auch deswegen auf seinem Landstrich ansiedeln, weil bei den Benediktinern ein beträchtlicher Teil der Arbeiten, die im Kloster anfielen, von Laienbrüdern erledigt wurden, die völlig in die klösterliche Wirtschaft eingebunden und lediglich vom innersten geistlichen Lebenswandel der Mönche ausgeschlossen waren. Graf Ludwig hatte scharf erkannt, daß sie sich dadurch nach außen hin öffneten und für die ganze Umgebung förderlich waren, denn es gab unzählige Leute in den Dörfern, die auf irgendeine Weise mit dem Klosterbetrieb in Verbindung standen und ihren Vorteil daraus zogen.

Auch um ihre Nachfolge brauchten sich die Reinhardsbrunner Mönche derzeit keine Sorgen zu machen, es gab genug Anwärter, die in den Orden aufgenommen werden wollten, und ein solcher junger Novize mit Namen Bruno empfing die kleine Gesellschaft an diesem Vormittag an einem hübschen, gepflegten Plätzchen auf dem Gelände des Klosters, wo im Schatten von Ahornbäumen drei steinere Bänke um einen runden Tisch aufgestellt waren.

Pauline, Matthias und Pichel waren frühmorgens auf dem Karren von Helenes Onkel nach Reinhardsbrunn gefahren. Sie hatten auch einen großen Korb mit Proviant dabei, und der Onkel witzelte dauernd, der Duft der Wurst würde ihm schier die Sinne verwirren, er werde sie alle wahrscheinlich an der nächsten Wegebiegung an den Baum binden und sich genüsslich darüber hermachen. "Halt die Klappe!", sagte Pauline, "du wirst schon was davon abkriegen."

Die Schauenburger hatten zwei Pferdesättel, die aus Byzanz stammten und vorher angeblich einem Reitervolk aus den Steppen gehörten, das damit die halbwüchsigen Knaben im Kampf zu Pferde ausbildete. Diese Sättel boten sicheren Halt für zwei Reiter, von denen der eine, und zwar der hintere, das Pferd im Zaum hält, während der andere mit dem Bogen seine Pfeile verschießt. Hier auf der Schauenburg wurde diese Taktik nie erprobt, dagegen benutzte man die beiden Sättel häufig bei Gelegenheiten wie dieser. Auf dem einen Pferd saßen Henning und Philipp, auf dem andern Adrian und Helene.

Beim Kloster angekommen, stärkte man sich, Helenes Onkel musste danach weiter, und Pauline, die bei sich dachte, daß Regina und Ritter Beheim lieber zu zweit sein wollen (obwohl keiner von beiden dies auch nur angedeutet hatte), meinte, sie und die Kinder würden an den Teichen vorbei zum Ammerhof laufen, der zum Dorf Friederode gehörte. Sie kannte die Hofleute und wusste, daß die Kinder dort herumtollen können, wie es ihnen beliebt. Und weg waren sie.

Der Novize Bruno zeigte großen Respekt vor dem Schauenburger Ritter und behandelte Regina fast wie eine Hofdame. Beheim legte die Hand auf seine Schulter und sagte "Du brauchst dich vor uns nicht zu verrenken, Bruder. Wie sind nur hier, um euch ein wenig besser kennenzulernen." Bruno lächelte höflich. "Das ehrt uns, Ritter Beheim. Was immer ihr wissen wollt, ich werde euch darüber Auskunft erteilen, so gut ich kann." Regina sagte ihm, daß sie selber bei Meister Skagen Geschirr für das Kloster gefertigt hat, und Bruno war geradezu begeistert bei der Vorstellung, er würde seine Linsensuppe aus einer ihrer Schalen löffeln.

Er führte die beiden durch den äußeren Teil des Areals, das stellenweise kultiviert, dann wieder halbwild belassen worden und von einer undurchdringlichen Hecke gesäumt war. An einzelnen Bäumen waren Nistkästen für verschiedene Arten von Vögeln angebracht. "Sie danken es uns mit ihrem schönen Gesang", meinte Bruno zufrieden.

Bei einem Flecken mit Haselnuss Sträuchern blieb er stehen und schwärmte davon, wie wertvoll diese Nüsse seien, ein wahrhaftes "Geschenk Gottes an die Natur", das man sich allerdings mit den Eichhörnchen teilen müsse, die es hier in nicht geringer Zahl gebe. Tatsächlich konnte Regina einige davon erspähen. "Wie verwendet Ihr die Nüsse?", wollte Regina wissen. "Wir zermahlen sie, und zusammen mit getrockneten Trauben und allerlei Gewürzen werden sie in Teig zu kleinen Kuchen verbacken, es ist hauptsächlich eine Speise für den Winter."

Er zeigte ihnen die Bohnenbeete, wo Spaliere aufgestellt waren, an denen sich die Pflanzen empor ranken konnten. Er persönlich bevorzuge die "dicken Bohnen", die man "eine Ewigkeit" aufbewahren könne, ohne daß sie verfallen. "Sie schrumpfen zusammen und werden steinhart und nichts regt sich mehr in ihrem Innern, man könnte denken, es sind bloß kleine Kiesel. Aber wenn man sie irgendwann in Wasser legt, quellen sie auf, und wenn man sie warm und feucht hält, fangen sie an zu keimen und es entsteht eine neue Pflanze daraus. Alles das steckt die ganze Zeit in ihnen drin und wartet darauf, sich in Bewegung zu setzen."

Weiter hinten standen einige Bretterschuppen. "Da lagern wir Brennholz, Schwämme und Tannenzapfen", sagte Bruno, "in einem werden die Pilze getrocknet, die von den Leuten gesammelt und zu uns gebracht werden, auch Brennessel, Brombeerblätter und so weiter, die wir für Tee verwenden. In einem anderen liegen Hirschgeweihe, wie man sie im Wald findet. In Friederode gibt es eine Familie, die daraus Knöpfe und Messergriffe macht."

Sie näherten sich der Klosterkapelle, einem schlichten Bau mit vier schlanken Fenstern an den Seiten und einem nicht sehr hohen Glockenturm. Die Kapelle war aus ockerfarbigem Sandstein erbaut und das Dach mit zinnoberroten Ziegeln bedeckt, alles fügte sich sehr schön in die grüne Umgebung ein.

"Diesen Sandstein", sagte Bruno, "hat Graf Ludwig aus dem Bruch bei Seebergen heranschaffen lassen. Der Aufwand war enorm. Nicht nur, daß die Seeberger sehr viel Geld dafür verlangten, es mussten auch auswärtige Ochsengespanne eingesetzt werden, und diese Fuhrleute, wiewohl sie sich als brave Christenmenschen verstehen, sind nicht zimperlich, sich ihre Mühe etwas kosten zu lassen: mal ist der Weg weiter, mal die Fracht schwerer als vereinbart, und sie finden immer einen Grund, mehr zu verlangen."

Als sie die Kapelle betraten, verharrten alle drei für einen Moment im stillen Gebet. Reginas Blick fiel sofort auf den Gekreuzigten über dem Altar. Sein Leib schimmerte in einer sehr hellen, fast weißen Farbe, die wie Milch wirkte. Ein dunkelbraunes Tuch war so sorgfältig um seine Hüften gewunden, als habe ihm damit jemand seine Würde erhalten wollen. Aber unter der Dornenkrone rann das Blut an seinen Schläfen herab, und einige große rote Tropfen waren auf seine Brust gefallen. Sein Kopf war leicht geneigt, die Augen waren geöffnet, und Regina bemerkte, daß der Heiland nicht wie sonst üblich nach oben gen Himmel schaute, sondern zur Seite hin, wie wenn dort eine Person stünde, die er um Verzeihung bitten möchte.

Von einem angrenzenden Raum führte ein Säulengang zu den anderen Gebäuden. Bruno zeigte ihnen, wo der Abt Gunther wohnt, wo die Mönche ihre Mahlzeiten einnehmen, wo sie schlafen und wo sie untergebracht werden, wenn sie krank sind. Es gab eine Bibliothek mit Urkunden und Briefen und einem Exemplar der Bibel des Meisters Wulfila. Es gab eine Sammlung mit allerlei Dingen aus der Natur: Knochen, Vogelfedern, aufgeleimte Schmetterlinge, getrocknete Kröten, ein Herbarium, mehrere Kästen mit Mineralien und versteinerten Schnecken und Muscheln, "die man nun wirklich nicht mehr zum Leben erwecken" könne sowie ein ganzes Regal mit Substanzen in niedlichen Krügen, die fest verschlossen und mit lateinischen Bezeichnungen versehen waren. Dazwischen lagen überall Krümelchen von Mäusekot, und nach einer Weile wurde es Regina von dem Geruch übel und sie gingen wieder nach draußen.

Sie dankten Bruno dafür, daß er ihnen seine Zeit geschenkt hatte. Der faltete die Hände und verbeugte sich vor ihnen, dann sagten sie Adieu und stiegen auf ihre Pferde. Beheim hatte vorgeschlagen, zu der neuen Wassermühle zu reiten, die am Unterlauf des Baches erbaut worden war und kurz vor der Fertigstellung stand. Regina war einverstanden, aber als sie an dem Teich vorbeikamen, auf dem ein Schwanenpaar in majestätischer Gelassenheit seine Bögen zog, wollte sie ein wenig ausruhen, da ihr, wie sie sagte, noch der ganze Kopf schwirre von den vielen Erläuterungen des braven Bruders Bruno.

Beheim war ihr jedesmal beim Absitzen behilflich, und es war dies eine nicht bloß beiläufige Berührung zwischen ihnen gewesen. Nach dem dritten oder vierten Mal spürte sie, wie angenehm sein Händedruck war, wie fest und doch gefühlvoll, und so reichte sie ihm auch jetzt bereitwillig ihre Hand.

Sie setzten sich am Ufer ins Gras und Beheim erzählte, wie er sich schon als kleiner Junge hier "herumgetrieben" und auch allerhand Unfug angestellt habe, und Regina sagte "Das kann ich mir gut vorstellen." Einmal habe er einen Biber erlegt und sich aus dem Fell eine Mütze gemacht. "Habt Ihr diese Mütze noch?" "Oh ja, ich trage sie nur zu besonderen Anlässen", sagte er mit einem Schmunzeln. Er hatte noch ein paar Geschichten auf Lager und brachte Regina damit zum Lachen.

Dann schwiegen sie eine Weile und schauten den Schwänen zu, Beheim kaute auf einem Grashalm. Dann sagte er "Wussten Sie, daß ein Schwan, wenn er den anderen verliert, für den Rest seines Lebens allein bleibt?" "Ja, das sagt man." Er besann sich. "Oh, tut mir leid! Ich wollte Ihnen damit nicht zu nahe treten." "Ist schon gut, Andreas. Ihr seid bestimmt ein guter Schütze, doch Eure Worte verfehlen manchmal ihr Ziel." "Ja. Und können dabei ein Herz verletzen."

"Nicht doch", sagte sie freundlich und legte ihre Hand auf seine, "wir können beide nichts dafür, daß ich zur Witwe wurde. Wenn ich mich nicht bedaure, so solltet Ihr es erst recht nicht tun." "Ich bedaure Sie nicht, Regina. Auch wenn Sie das abermals missverstehen könnten: ich bin sogar froh darüber, daß es das Schicksal gefügt hat, uns jetzt an diesem Ort zusammenzuführen." "Und wer weiß", ergänzte sie und gab ihm einen Klaps auf die Hand, "was es noch für uns bereithält." Sie schaute ihn an, und er versuchte, in ihren Augen zu lesen.

Dann fragte sie ihn "Gibt es unter euch Rittern eigentlich so etwas wie eine Rangordnung? Oder seid ihr alle gleichberechtigt wie bei König Arthur's Tafelrunde." "Wir sind Gleiche unter Gleichen, aber es gibt immer gewisse Unterschiede, zum Beispiel wegen des Alters. Wenzel Apfelstädt hat natürlich viel mehr Erfahrung als ich, und es kommt auch vor, daß der junge Graf Ludwig das Urteil von Ritter Habland am meisten schätzt, weil sich gezeigt hat, daß er fast immer recht behielt." "Und was ist mit Ritter von Langenau?"

"Da liegen die Dinge wieder ein bisschen anders", sagte Beheim, "von Langenau ist ein wackerer Ritter und hochangesehen unter uns und auch in den Augen des Grafen." "Aber?" "Von Langenau ist ein Einzelgänger. Der alte Graf hat ihn angeworben, als er von seinen Taten gehört hatte. Ich bezweifle, ob er von selbst zu uns gekommen wäre." "Und warum ist er dann bei euch? Wegen des Geldes?" "Nie und nimmer. Vielmehr, weil er sich schlechterdings nicht weigern konnte, dem Grafen zu dienen, denn das gehört zu seiner Ehre. Ein Ritter wie er folgt dem Herrn, der ihn beruft. Nur sein Gewissen könnte ihn zu einer anderen Entscheidung nötigen." Beheim machte eine Pause, dann meinte er "Wollen wir weiterreiten?" "Ja, gern", sagte Regina, obwohl ihr noch eine Frage auf der Zunge lag.

Während sie gemächlich dahinritten, sprach Beheim über die Wassermühle, zu der sie unterwegs waren. Ein Baumeister aus dem Harzgebirge, der dort schon drei dieser Art errichtet hatte, war für ihren Bau zuständig gewesen. Graf Ludwig versprach sich viel davon, er war überzeugt, daß die Bauern aus den umliegenden Dörfern ihr Korn hier würden mahlen lassen. Dementsprechend war die Mühle dimensioniert. Graf Ludwig hatte sogar einen Plan mit den Mengen und den erforderlichen Zeiten erstellen lassen und den Bauern günstige Angebote unterbreitet.

Da es nicht weit bis zum Rabensteiner Gebiet war, konnte er damit rechnen, daß auch Bauern von jenseits der Schauenburger Grenzmarken kommen würden. Das war dem Rudolf von Rabenstein natürlich ein Dorn im Auge, entging ihm doch dadurch alles schöne Geld, das die Bauern dafür ausgaben. Und wenn die Schauenburger günstiger wären, würde man sie nicht lange bitten müssen.

Graf Ludwig war nach wie vor fest davon überzeugt, daß das, was dann geschah, von den Rabensteinern ersonnen und ausgeführt worden war. Den Baumeister fand man eines Morgens erhängt an einem Balken. Man begrub ihn bei der Mühle. Graf Ludwig kochte vor Wut, und nur der besonnene Rat seiner Ritter hielt ihn davon ab, mit der Eisernen Meute gegen den Rabensteiner zu ziehen.

Selbstverständlich ließ er sich dadurch von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er fand einen anderen Baumeister, der aus dem Böhmischen stammte und Vaclav Mehelnik hieß. Der brauchte drei Tage, um die halbfertige Mühle und die Baupläne genau in Augenschein zu nehmen und sagte dann, daß die Mühle, wenn man sie nach diesem Plan baut, nicht das leisten würde, was der Graf erwartet.

Er sagte, die Wasserkraft des Baches wäre viel zu schwach, um das Mühlrad anzutreiben und bei einer bestimmten Menge Mahlgut würde die Reibung so stark werden, daß es sich nicht mehr weiter dreht. "Was können wir tun?", hatte Graf Ludwig gefragt, und Meister Mehelnik sagte, man müsse einen weiteren Zufluss schaffen, der oberhalb der Mühle in den Bach mündet, man könne ziemlich genau berechnen, wieviel Wasser zusätzlich benötigt werde.

Die Schauenburger machten sich auf die Suche und fanden glücklicherweise eine Quelle am Berghang, die ergiebig genug war. Ein Graben wurde ausgehoben und das Wasser in den Bach geleitet. Meister Mehelnik hatte noch einige kleine Änderungen im Sinn, aber alles in allem sollte die Wassermühle noch vor Abschluss der Ernte eingeweiht werden.

Als die beiden dort ankamen, staunte Regina nicht schlecht, so groß hatte sie sich das Bauwerk nicht vorgestellt. "Du lieber Himmel, wieviel Bäume stecken allein in dem Mühlrad." "Ja, und schauen Sie nur, die gewaltigen Nägel, die hat der Schmied aus Ruhla gemacht." Während sie alles betrachteten, tauchte oben im Fenster Meister Mehelnik auf. "Ritter Beheim!", rief er, "kommt herauf, es ist schon jemand da."

Sie banden die Pferde an, überquerten auf der Brücke den Bach, der sein Wasser mit großer Wucht auf die Schaufeln stürzen ließ, und betraten auf der Hinterseite die Mühle. Sie stiegen zwei Treppen hinauf und kamen in die geräumige Müllerstube. Über den Tisch mit den Plänen gebeugt, beide Arme aufgestützt, stand ein auffällig gekleideter Mann. Sein Mantel aus hellem Wildleder hatte einen silberfarbigen Fuchsfellkragen, er hatte dunkelrote Stiefel an, deren Schäfte ein Muster aus weißen Schlangenlinien zierte, und auf dem Haar trug er eine blaue Kappe mit einem Ring aus goldgelben Rauten, die fast wie eine Krone auf seinem Haupt wirkte.

Er wandte ihnen den Kopf zu, Andreas Beheim berührte kurz Reginas Arm und verneigte sich gleich vor dem anderen. Regina, die sein Zeichen verstanden hatte, ließ sich auf dem rechten Knie nieder und senkte den Kopf. Beheim sagte "Graf Ludwig, wir grüßen Euch!" Er kam einen Schritt auf sie zu. "Beheim! Wie schön, Euch zu sehen. Habt Ihr Norbert vom Stein ausgerichtet, was ich Euch aufgetragen habe?" "Vor zwei Tagen schon. Graf Ludwig, das ist die Frau Sahlmann, die Mutter des Jungen, der von dem Bären angegriffen wurde." "Ah ja, die Bärenjäger, ich habe davon gehört, Gräfin Cecilia war ganz gerührt von der Geschichte." Er streckte seine Hand aus und Regina küsste sie und sagte "Es ist mir eine Ehre, Graf Ludwig." "Ganz meinerseits, erheben Sie sich."

Graf Ludwig hatte ein hübsches, sehr jugendliches Gesicht mit einem kühnen, beinahe verbissenen Ausdruck (den manche auch jähzornig nannten). Er hatte blaue Augen und sein blondes Haar fiel in welligen Locken bis um den Hals. Er war kaum größer als Regina, einen Kopf kleiner als Beheim, er hatte breite Schultern, aber eine schmale Taille, und er sah aus wie ein Königssohn, der darauf brennt, die Prinzessin aus den Klauen des Drachens zu befreien und sich mit ihr zu vermählen. Wenn er über seine Widersacher redete, kam er leicht in Rage, und seine Augen hatten dann oft einen stählernen Glanz. Er stieß manchmal kurze Lacher aus, nicht aus Belustigung, sondern aus Verächtlichkeit. Die Leute sagten, niemand hätte ihn je weinen sehen.

An der Seite standen zwei Knappen des Grafen, die keine Miene verzogen. Auch Meister Mehelnik begrüßte die beiden Besucher. "Schaut her", sagte Graf Ludwig und deutete auf den Bauplan, "die Mühle ist fast fertig, unser Meister Mehelnik hat gute Arbeit geleistet." Mehelnik nickte zum Dank. "Wie Eure Arbeiter, Herr Graf." "Wir haben gerade beschlossen, in drei Wochen Einweihung zu feiern, mit einem großen Fest und Jahrmarkt in Friederode, mit Händlern und Gauklern, mit Musikanten und Speis und Trank und mit jeder Menge schöner Frauen (er schenkte Regina ein Augenzwinkern, die lächelte zurück) Was haltet Ihr davon, Beheim?" "Ist das nicht zu kurzfristig?" "Ach wo", entgegnete der Graf, und seine Stimme bekam etwas Hinterhältiges, "gerade an dem Tag wollen die Rabensteiner die neue Glocke in der Hebehausener Kirche einweihen, Albert aus Mainz soll dabeisein und von Fulda kommen sie auch. Wir werden ihnen das vermasseln, alle andern werden zu uns kommen, denn bei uns gibt es das bessere Bier und die bessere Wurst. Ha!" Er lüftete seine Kappe, fuhr sich mit der Hand durch's Haar und setzte sie wieder auf.

Beheim sagte "Dann gibt es für uns noch allerhand zu tun." "Ja. Ich habe Wenzel Apfelstädt gesagt, er soll sich mit euch zusammensetzen, der Kahlenberg und der Langenau kommen morgen zurück, ihr habt drei Tage Zeit, am Donnerstag will ich wissen, wie das ablaufen soll. Von mir aus reitet nach Erfurt und holt euch wen und was wir brauchen für ein Spektakel, ich werde nicht knausrig sein, es soll den Leuten gefallen. Habt Ihr verstanden, Beheim." "Ja, Graf Ludwig, wir werden alles vorbereiten." "Gut", sagte Graf Ludwig, "Meister Mehelnik, wir haben alles besprochen?" "Ja, Graf Ludwig." "Dann auf." Er gab seinen Knappen einen Wink, Meister Mehelnik und Beheim verneigten sich, Regina fiel aufs Knie. Graf Ludwig drehte sich nochmal um und machte mit der Hand eine unbestimmte Geste. "Ihr beiden, seid ihr ..." "Zu Pferde hier, ja", sagte Beheim schnell.

Regina war froh, daß Graf Ludwig ihre Anwesenheit so selbstverständlich aufgenommen hatte und sich sogar, wenn auch indirekt, an ihren Jungen erinnerte. Sie war ein wenig überrascht von seinem Äußeren gewesen, wollte sich aber darüber kein Urteil erlauben und sagte zu Andreas nur, er sei offenbar ein Mann, der genau weiß, was er will. "Ja, das ist er", stimmte ihr Beheim zu, "nichts und niemand kann ihn aufhalten, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Und wenn es dabei gefährlich wird, dann sind wir es, seine Ritter, die ihm beistehen und die Bedrohung abwehren, die er heraufbeschwört." "Bei allem Respekt, aber das klingt so, als würde er die Folgen nicht immer abschätzen können?" "So ist es", erwiderte Beheim, "aber ehrlich gesagt ist mir ein Draufgänger immer lieber als ein Zauderer. Und wenn man seinem Feind zuviel Zeit lässt, gerät man schnell ins Hintertreffen. Rücksicht wird nur bestraft."

"Das sind harte Worte aus Eurem Mund, Andreas. Ich dachte, Ihr seid ein gutmütiger Mensch." "Bei Gott, das bin ich auch. Und zwar dann, wenn es um die Meinen geht, um die Menschen, die mir die liebsten sind und die, welche Hilfe von mir erwarten. Aber man darf sich keine Illusionen über die vielen anderen machen, die nur darauf aus sind, einen ins Verderben zu stürzen." "Dann haltet Ihr auch nicht viel von Vergebung?" "Nein. Der Mensch, der von sich aus nach Recht und Gesetz handelt, wird nicht in die Lage geraten, um Vergebung bitten zu müssen. Und der, welcher unrecht tut, wird niemals geläutert werden und er verdient es nicht, daß man ihm vergibt, das ist meine Überzeugung."

Ein Stück bachabwärts von der Mühle entfernt, konnte man die Häuser von Friederode sehen, und Beheim schlug vor, durch den Ort hindurch zu reiten und dann den Weg zurück zur Schauenburg zu nehmen, der bis fast auf die Höhe ebenjener Handelsweg war, der über den Kamm nach Süden führte. Auf dem Friederoder Anger sollte das besagte Fest stattfinden.

Ob er schon ungefähr wisse, wie es dann hier aussehen werde, fragte Regina, und Beheim meinte, es sei zwar nicht das erste Dorffest, das die Schauenburger ausrichten, aber diesmal soll es wohl ein außergewöhnliches sein. Er werde Ludwigs Anweisung folgen und sich in Erfurt nach Leuten umsehen, die für einen Jahrmarkt etwas Besonderes zu bieten haben. Und was das Bier angeht, da wüsste er schon jemand, der seine Fässer gerne heranschafft.

"Wie kommt es, daß Graf Ludwig noch keine Gemahlin hat?" "Da treffen Sie einen wunden Punkt", sagte Andreas lachend, "aber bitte: sprechen das niemals in seiner Gegenwart an, es könnte Sie den Kopf kosten." "Ich werde mich hüten." "Im Ernst, das geht nun schon ins dritte Jahr, daß er auf Brautschau ist. Es gab sogar einige edle Fräulein, die in Frage kamen." "Haben sie ihm nicht gefallen?" "Die ich gesehen habe, waren wunderschön und dazu mit feinen Manieren erzogen, ihre Herkunft war standesgemäß, und vermögend waren sie wahrscheinlich auch, jeder junge Herr hätte ihnen den Hof gemacht."

"Und was hat ihn davon abgehalten?" "Wie bei vielen anderen Dingen auch, hat Graf Ludwig eine genaue Vorstellung von seiner Zukünftigen. Es ist, als hätte er sie irgendwann einmal im Traum gesehen, und nun sucht er in der Wirklichkeit so lange, bis er sie findet. Es ist nur so: wenn man ihn fragt, wie sie denn sein soll, dann bekommt man von ihm nur eine sehr vage Beschreibung, und schließlich sagt er, er würde mit Bestimmtheit sagen können, daß sie es ist, wenn sie vor ihm steht."

Regina sagte "So ist das mit den Traumgestalten, ich kann ihn vollkommen verstehen." "Ja. Ich kann aber auch den alten Grafen verstehen, der ihn immer öfter zu einer Wahl drängt, und der es auch in Kauf nähme, wenn die Braut nicht eben eine schaumgeborene Venus wäre." Regina musste lachen, dann meinte sie "Ihr habt einmal gesagt, Ihr und Graf Ludwig wäret euch ähnlich, was die Frauen betrifft. Würdet Ihr demnach Eure Ansprüche auch herabschrauben, wenn Ihr zu lange vergeblich gesucht habt?"

Beheim überlegte einen Moment, er wollte bloß nichts Falsches sagen. "Da gibt es einen Unterschied zwischen dem Grafen und mir. Graf Ludwig ist des Bärtigen einziger Sohn. Er muss dafür sorgen, daß sich das Geschlecht der Schauenburger fortpflanzt. Das ist eine bedeutende Bürde, die ihm das Schicksal auferlegt hat. Und wenn der Bärtige meint, daß man dafür eine Gelegenheit beim Schopfe packen muss, anstatt noch mehr Zeit verstreichen zu lassen, dann spricht daraus nicht nur Erfahrung, sondern auch Weitsicht."

"Das habt Ihr gut gesagt", meinte Regina bewundernd, "und worin liegt der Unterschied zu Euch?" "Ich bin nur ein gewöhnlicher Ritter, ich bin ein freier Mann und einer, der eine eigene Familie haben möchte, und nur für die trage ich eine Verantwortung, nicht für eine Sippe oder für eine Herrschaft und schon gar nicht für die Ahnen." "Dann ist Euch Eure Liebste auch noch nicht im Traum erschienen?" "Nein. Und Sie können es schade finden, Regina, aber ich halte von derlei Schwärmereien nichts. Ich denke, der Herrgott hat genug Geschöpfe geschaffen, die an Schönheit und Verstand und Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, wir müssen uns keine im Geiste herzaubern."

Regina schwieg und ließ seine Worte nachklingen. Dann fragte Beheim "Wollen wir noch eine Rast machen?" Sie schaute ihn an. Sie überlegte lange. "Woran denken Sie?", fragte er. "Ich denke daran, wie schön dieser Tag war." Beheim lächelte vergnügt und sagte "Auch für mich." Regina fügte hinzu "Ich habe nicht nur das Kloster besser kennengelernt, sondern auch den jungen Grafen. Und Euch, Andreas." Er sagte "Wenn es nur das wäre, was mir davon bliebe, ich würde mich glücklich schätzen."

Kurz bevor sich von dem Handelsweg der Abzweig zur Schauenburg trennte, holten die beiden ein Fuhrwerk ein, auf dem sie alte Bekannte wiedertrafen. Pauline erzählte Matthias gerade Geschichten, und Philipp daneben war eingeschlummert, in der Hand hielt er einen Strauß mit Wiesenblumen. "Der ist für dich", flüsterte Pauline. "Wo sind die anderen?" "Wahrscheinlich schon auf der Burg." "Sollen wir euch abholen?" "Ach wo, das letzte Stückchen laufen wir." "Gut, bis dann."

In ihrer Stube hatte Regina den Blumenstrauß in einen selbstgetöpferten Krug gesteckt und mitten auf den Tisch gestellt. Sie hatte Philipp überschwänglich umarmt und geküsst und ihm eine schöne versteinerte Muschel geschenkt, die ihr Bruder Bruno mitgegeben hatte. Philipp erzählte von den Erlebnissen des Tages und von einem fliegenden Teppich, den Ritter Wolfram aus dem Morgenland mitgebracht hatte.

"Wie bitte?", erkundigte sich Regina erstaunt, "du meinst unsern Ritter Wolfram?" "Ja. Wir haben ihn zufällig getroffen, er war unterwegs zum König und er hatte den Teppich dabei. Er hat ihn aufgerollt und uns gezeigt, er hat vielerlei Farben und Muster, er kann weich wie eine Welle sein und fest wie ein Brett. Ritter Wolfram hat gesagt, man könnte auf ihm durch die Lüfte fliegen." "Bist du sicher, daß du das nicht bloß vorhin auf dem Wagen geträumt hast?" "Nein. Frag' ihn doch selber."

"Hm. Seid ihr denn damit geflogen?" "Leider nicht. Ritter Wolfram hat uns den Zauberspruch nicht verraten, ohne den er nicht fliegt." "Ach so." "Er hat uns erzählt, wie er damit über Jerusalem hinweg geflogen ist. Mama, was ist Jerusalem?" "Eine Heilige Stadt, sehr weit weg von hier." "Sie hat tausend Kirchen, und er sagte, er musste achtgeben, daß er nicht gegen einen der Türme fliegt. Woher weißt du denn, daß wir auf dem Wagen hergefahren sind?" "Wir haben euch auf dem Weg eingeholt. Soll ich dir auch erzählen, was ich erlebt habe?" "Ja. Und was es mit dieser Muschel hier auf sich hat."

Regina war so neugierig geworden, daß sie Pauline fragte, und die lachte und sagte, Ritter Wolfram hatte tatsächlich einen wunderschönen Teppich bei sich, den er zu König Heinrich bringen wollte, der sich gerade auf einer Pfalz in der Nähe aufhält. Er hatte ihn den Kindern gezeigt und dabei die Geschichte vom fliegenden Teppich erfunden. Regina meinte "Philipp zumindest hat es geglaubt." "Die haben es alle geglaubt. Du solltest Ritter Wolfram mal erleben, wenn er so etwas erzählt." Regina schüttelte den Kopf. "Das hätte ich bei ihm gar nicht vermutet." "Ach, bei Ritter Wolfram weiß man nie so genau, woran man ist", sagte Pauline.

Regina hatte herausgefunden, daß man eine gute Strecke auf dem Handelsweg nehmen konnte, wenn man nach Georgental wollte. Das bedeutete zwar, einen Umweg zu machen, aber es war sicherer als durch das Graue Tal und sie fand in der Folgezeit immer wieder eine neue Abkürzung, so daß sie sich bald auf dem Schauenburger Gebiet recht gut auskannte (was ihr später noch von großem Nutzen sein sollte.)

Als Regina nach dem Besuch in Reinhardsbrunn wieder bei Meister Skagen in der Werkstatt war, kam ihr beim Töpfern, wo sie immer so ungestört vor sich hinsinnen konnte, eine Idee. Man könnte doch auf dem Jahrmarkt bei dem Mühlenfest Meister Skagens Töpferwaren auf einem Stand anbieten! Das Geschirr war schön und haltbar, etwas teurer als anderswo, aber auf dem Markt würden die Leute vielleicht ein bisschen tiefer in die Tasche greifen. Sie sprach mit Meister Skagen darüber, der hatte gerade von einem Ausrufer, der durch die Dörfer zog, von dem geplanten Fest erfahren und war Feuer und Flamme für ihren Vorschlag.

Jedoch wusste er niemanden, der zuverlässig genug wäre, sich bei dem Stand hinzustellen und die Ware feilzubieten, außer den Gehilfen Hannes, den er aus naheliegendem Grund nicht als Marktschreier dorthin schicken konnte. "Ich würde das übernehmen", bot sich Regina an, "Hannes mag mir dabei helfen." Ob sie denn auch richtig kalkulieren und mit Geld umgehen kann, wandte er ein. Freilich! Immerhin habe sie als Ehefrau einen Haushalt mit zwei Kindern geführt. (Sie verschwieg wohlweislich, wie mangelhaft sie ihre damaligen Vermögensverhältnisse überschaut hatte.)

Meister Skagen, der ihre Vorgeschichte nicht kannte, sah sie staunend an. "Regina, Sie überraschen mich immer wieder." Sie machten eine Aufstellung, welches Geschirr sie anbieten, dazu eine Preisliste, und Meister Skagen sagte, er kümmere sich um den Transport und den Aufbau des Marktstandes. Regina wollte auch Andreas darüber informieren, aber die Schauenburger waren alle unterwegs. Nur Wenzel Apfelstädt lief ihr über den Weg.

Wenzel Apfelstädt war schon über fünfzig, hatte schlohweißes Haar und sein Gang war ungelenk durch eine angeborene Fehlbildung des linken Fußes, weswegen er in seiner Kindheit manche Hänselei über sich ergehen lassen musste. Sein Glück war, daß aus ihm ein Ritter wurde, denn jeden Kampf, den er ausfocht, hatte er für sich entschieden, und es gab inzwischen niemanden mehr, der ihn wegen seines Fußes ausgelacht hätte.

Manche munkelten sogar, der Leibhaftige selbst führte sein Schwert. Wenzel Apfelstädt lächelte nur darüber, allerdings ohne es abzustreiten. So erbarmungslos und überlegen er im Kampf auch war, so friedfertig und verständnisvoll war er zu jeder andern Zeit, und auch wenn er keine eigene Familie hatte, war er doch für die, die ihn näher kannten, wie ein guter Vater, dem das Wohl der Jüngeren am Herzen lag.

"Ritter Apfelstädt!", rief ihm Regina zu, "kann ich Euch einen Augenblick sprechen." "Was kann ich für Sie tun, Frau Sahlmann?" (Er kannte sie durch ihren Umgang mit Andreas, der sich herumgesprochen hatte.) "Ihr wisst nicht zufällig, wo sich Ritter Beheim aufhält?" "Er ist in Erfurt." "Ich wollte ihm etwas Wichtiges mitteilen."

Wenzel Apfelstädt hob bedeutsam seine silbergrauen Augenbrauen und neigte vertraulich seinen Kopf zu ihr hin, und das machte Regina stutzig, glaubte er, es ginge um ein Geheimnis? Er flüsterte beinahe. "Ich treffe ihn morgen, soll ich ihm etwas ausrichten?" "Ja, das wäre schön." Er kam noch näher heran, als er fragte "Und wie lautet die frohe Botschaft?" "Bitte?" "Was darf ich Ritter Beheim verkünden?" Regina zögerte.

"Ähm, ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, ob Ihr etwas anderes erwartet zu hören ... ich wollte ihm nur sagen, daß ich zum Mühlenfest einen Stand mit Töpferware aufbauen werde, und er in Erfurt keinen solchen Händler zu suchen braucht." Wenzel Apfelstädt brach in Lachen aus. Regina fragte "Was ist? Warum lacht Ihr? Es ist beste Ware aus Meister Skagens Werkstatt." "Ach, meine Gute, ich dachte schon, ich könnte ... ich dürfte Ritter Beheim ..." Er zwang sich ernst zu sein und sprach wie ein Befehlsempfänger: "Ja natürlich werde ich ihm das ausrichten, gar keine Frage. Und falls er schon einen anderen Töpfer verpflichtet haben sollte, werden wir ihn umgehend wieder ausladen." "Danke."

Sie verneigte sich vor ihm, und er nickte höflich mit dem Kopf und wandte sich dann schnell um, weil er abermals lachen musste. Regina blieb das ein Rätsel, bis ihr am Abend schlagartig einfiel, worauf Wenzel Apfelstädt angespielt hatte, und sie wusste in diesem Moment nicht, ob sie darüber wütend oder amüsiert sein sollte.

Auf alle Fälle hatte er Andreas Bescheid gegeben, und als er aus Erfurt zurück war, zeigte er Regina, wie angetan er von ihrem Vorhaben ist. Er bot ihr auch seine Unterstützung an, und Regina meinte, sie würden das schon schaffen, Meister Skagen und der Gehilfe Hannes hätten alles im Griff. Dann sagte sie "Aber ich würde mich freuen, wenn Ihr an unserm Stand vorbeischaut. Ihr werdet doch auch dabei sein?" "Selbstverständlich werde ich kommen", versprach er, "und machen Sie sich schon mal darauf gefasst, daß ich Sie zum Tanz auffordern werde." "Oh", sagte Regina und setzte eine verschmitzte Miene auf, "dann macht Ihr Euch darauf gefasst, daß ich eine sehr gute Tänzerin bin, die sich nicht gern blamiert." Beheim schluckte, lächelte dann und versicherte "Ich gebe immer mein Bestes." Er besann sich und sagte "Da fällt mir ein, daß ich mich noch um die Musikanten kümmern muss, Sie entschuldigen mich, Regina!" "Geht nur", erwiderte sie, und dann rief sie ihm nach "aber kommt beizeiten wieder!"

In den verbleibenden Tagen bis zum Mühlenfest fertigte Regina noch eine Reihe schöner Gefäße, vor allem Krüge, die mit einem Muster verziert waren, das sie sich selbst ausgedacht hatte und das an einen Kranz aus kleinen Blütenblättern erinnerte. Der Töpfer Wilfried machte etliche Schalen mit der blauen Farbe, die er so kunstgerecht auf den Ton aufbringen konnte. Und auch Becher und anderes Geschirr ließ Meister Skagen herstellen; bei allem waren vor dem Brennen auf der Unterseite die Buchstaben OSG eingeritzt, das bedeutete: Oluf Skagen Georgental.

Am Tag des Mühlenfestes fingen Regina, Hannes und Philipp schon am frühen Morgen an, den Stand aufzubauen. Meister Skagen hatte ihnen noch einen Zimmermanns Gesellen vermittelt, der die Stangen und Bretter fachmännisch zusammenhämmerte. Er hatte immer eine Handvoll Nägel zwischen die Lippen geklemmt und gab seine Anweisungen den anderen durch "Hm"-Laute in verschiedenen Tonlagen zu verstehen. Obenauf zogen sie eine breite Bahn Leinwand über das Holzgerüst zum Schutz gegen Regen, der sich aber nicht heranwagte. Kein Wölkchen war am Himmel, und die Sonne lachte über dem emsigen Treiben.

Aus allen Richtungen des Thüringer Landes waren Händler und Fuhrleute gekommen, und viele hatten bereits Gäste mitgebracht, die sich beim Fest vergnügen wollten und kaum erwarten konnten, daß es losgeht. Auch waren jede Menge Männer hergewandert, die auf einen guten Bissen und kühlen Trunk spekulierten und die sich das nötige Kleingeld dafür verdienten, indem sie beim Aufbauen kräftig mit Hand anlegten. Die jungen unter ihnen hielten dabei schon mal Ausschau nach einer Maid, die bestimmt nichts dagegen hätte, ein bisschen herumzuturteln und das ein oder andere Küsschen einzusammeln.

Neben Meister Skagens Stand hatte ein Korbflechter seine Waren ausgebreitet, auf der andern Seite war ein Holz- und Löffelschnitzer. Bei ihm waren dann auch Helene und Adrian kurz zu sehen, denn der Holzschnitzer hatte ein paar von Adrians Marderfallen in sein Sortiment aufgenommen; Adrian erhielt für jede verkaufte Falle einen halben Renzel, und der Mann war schon drei davon losgeworden.

Die Ausrufer, welche die Kunde von dem bevorstehenden Mühlenfest im Schauenburger Land verbreiteten, hatten sich auch auf Rabensteiner Gebiet gewagt, und von dort waren Händler und Handwerker gekommen; und sogar einer der reichsten Bauern aus Hebehausen hatte sich bei Graf Ludwig über die neue Mühle erkundigt und war von ihm persönlich eingeladen worden.

Graf Ludwig hatte mehrere Schweine und drei Ochsen gestiftet, und die besten Schlachter der Gegend entzündeten die Feuer und schürten die Glut, über der das Fleisch an Spießen und Gabeln gebrutzelt und geröstet wurde, und schon verbreitete sich ein unwiderstehlicher Bratenduft. Die Bäckermeister hatten in der Nacht frisches Brot, allerlei leckeres Gebäck und Kuchen mit Obst und Beeren gebacken. Und die Suppenweiber rührten fleißig mit Löffeln so groß wie Paddel in den Kesseln, aus denen Erbsen und Speck dampften.

Nach und nach stellten sich Frauen und Mädchen ein, die das Geschehen mit wachen Augen verfolgten und damit begannen, die Auslagen der Tuch und Schmuckhändler, die Kämme, Bänder und Schuhe, die Taschen, Gürtel und Spiegel und das Angebot des Oleatenhändlers aus Weidebrunn zu inspizieren, der in niedlichen Phiolen unzählige Duft, Haut und Gewürzöle präsentierte, darunter auch solche, die eine verzaubernde Wirkung für gewisse schöne Stunden versprachen.

Für Groß und Klein waren lustige Spiele vorbereitet, bei denen sich jeder gegen jeden in Geschicklichkeit und Stärke messen und einen Preis erringen konnte, wenn er als Sieger triumphierte. Fahrende Sänger erzählten Geschichten von Liebe und Leid, von Mord und Totschlag, von den Taten kühner Helden und dem Schicksal edler Frauen. Feuerschlucker und Tanzbären, Verrenkungskünstler und Schlangenbeschwörer, Magier und Harlekine machten sich bereit, die Menge zu begeistern. Und eine Zigeunertruppe hatte ein Zelt errichtet, in dem eine mit Gold und Edelsteinen gezierte dunkle Schönheit jedermann die Zukunft aus den Karten prophezeite.

Auf dem Dorfanger war der Tanzplatz geschmückt, Birkenbäume mit bunten Bändern, Girlanden und Fähnchen mit den Wappen der Grafschaften und Herrenhäuser säumten das Rund. Musikanten mit Fidel, Leier, Flöte, Laute, mit Brummtopf, Schellen, Trommeln und Geläut betraten die Bühne, und als die Menge anfing, in die Hände zu klatschen, da schlugen sie den Takt an, und mit Krach und Schwung fuhr die Musik in Bauch und Beine und die Paare drehten sich und stampften, schüttelten und wippten, trippelten und sprangen und jauchzten vor Vergnügen.

Meister Skagens Töpferwaren fanden regen Zuspruch, und in kurzer Zeit hatte Regina bereits einen großen Teil davon verkauft, Hannes und Philipp waren tüchtige Helfer. Hannes hatte seine Freundin dabei, ein Mädchen aus Friederode, das ohne Pause redete und ihrem Hannes ab und zu einen schmachtvollen Blick zuwarf.

Sie hatte beinahe in jedem Dorf in der Umgebung jemand, der oder die mit ihr verwandt war (Helene und ihre Onkel waren dagegen wie vom Aussterben bedroht) und so gingen ihr die Neuigkeiten niemals aus und sie musste nur zusehen, daß sie alles erzählt hatte, bevor sich gleich wieder etwas ereignete, das sie Hannes haarklein berichten musste. Hätte man alle Wörter, die aus ihr heraussprudelten, in Sandkörner verwandelt, es wäre ein Hügel entstanden, von dem man im Winter hinab rodeln konnte.

Andreas Beheim erschien zur rechten Zeit. Er trug dunkelgrüne Hosen mit roten Streifen an der Seite und halbhohe Stiefel, ein langes Hemd aus Leder, mit gestrickten Ärmeln aus Schafwolle und einem mit glänzendem, kurzen Fell eingefassten Kragen. Um die Hüfte hatte er einen breiten Gürtel, an dem rechts eine kleine Ledertasche und links ein Dolch hingen. Er hatte sich Haare und Bart schneiden lassen und ein schmales, blaues Stirnband um sein Haupt gelegt.

Regina aber, die freilich damit gerechnet hatte, daß sich Andreas fein herausputzt, stand ihm in keiner Weise nach. Sie hatte ein Kornblumen blaues Kleid mit weitem Rock an, der wie mit federleichten Schwingen ihre Beine umhüllte. Ihre Taille war eng umschnürt, und ein rosafarbener Aufsatz zog sich über ihren Busen bis zum Hals, um den sie ein dunkles Seidentuch gebunden hatte. Über dem Kleid trug sie eine knappe Weste aus hellem Leinen mit zwei winzigen Taschen, aus denen knallrote Spitzen herausschauten. An den Handgelenken hatte sie bunte Armreifen, und in ihrem Haar glänzte ein goldfarbener Schmuck.

Beheim entführte sie zum Tanz, und Philipp, Hannes und seine niemalsstille Freundin hielten die Stellung. Die Musik und der leckere Duft von den Rostbräteln wehten herüber, es kam gerade keine Kundschaft, und Philipp saß auf einer Kiste und zog mit der Schuhspitze Kreise auf der Erde, da sagte eine Mädchenstimme zu ihm "Kannst du mir mal helfen, was abzuladen?"

Er schaute hoch, und die vor ihm stand, war ungefähr so alt wie er und ein bisschen kleiner. Sie hatte Hosen an, die von Lederbändern über beide Schultern gehalten wurden und ein weites Hemd, das schon ein paar Flecken abgekriegt hatte. Sie hatte eine Kappe gegen die Sonne auf, und ihre Haare waren nach hinten zusammengebunden. Aber ihr Gesicht war so schön, daß es Philipp die Sprache verschlug.

"Hallo, bist du noch da?" "Was?", fragte er und erwachte aus seiner Erstarrung. "Kannst du mir helfen, die Bierfässer abzuladen?" "Ähm ... ja ... ich muss bloß ... warte!" Er schaute zu den beiden hin und sagte "Könnt ihr eine Weile ohne mich weitermachen?" Hannes nickte, und Philipp sagte "Ja klar" und folgte ihr. "Schnattert die immer so viel? Die lässt ihn ja gar nicht zu Wort kommen." "Er ist sowieso stumm. Bist du von hier?" Sie antwortete nicht.

Auf dem Wagen waren zwei Lagen Fässer gestapelt, in der Mitte war ein schmaler Zwischenraum, und darüber war ein Gestell mit einem Flaschenzug aufgebaut, an den man ein Fass in zwei Schlaufen hängen, über den Wagenrand schwenken und herablassen konnte. Neben dem Wagen stand ein Mann, den Philipp für ihren Vater hielt.

"Komm' mit hier rauf", sagte sie und kletterte behände auf den Wagen, Philipp hinterher. "Hängst du die Fässer da ein und schiebst sie zu mir rüber, damit ich sie hier runterlassen kann." "Ja, gut." "Hier hast du Handschuhe. Pass auf, daß es nicht rausrutscht, wenn es dir auf den Fuß knallt, ist er Matsch." "Ich pass auf." Sie stand drei Schritt von ihm entfernt.

Er versuchte, das erste Fass in die Schlaufen zu hängen. "Nee, nicht so", sagte sie und zeigte ihm, wie es richtig geht. Er versuchte es wieder, und es klappte. "Jetzt zieh' es hoch, ja, gut so, das reicht. Und jetzt schieb's zu mir rüber, nicht so viel Schwung, bist du wahnsinnig!" "Entschuldigung." "Das haut mich sonst hier voll runter." "Ich mach's langsamer." "Einfach weniger Schwung geben. Ja, so ist gut."

Sie ließ jedes Fass an der Seite herab, und der Mann rollte es zu einem Zelt, wo der Ausschank war. "Ist der Bierbrauer dein Vater?" Sie achtete nur darauf, daß alles glattging. Er musste seine Frage zweimal wiederholen. "Was?" "Ist der Bierbrauer dein Vater?" "Nein." "Dein Onkel?" "Nee, jetzt das obere, sonst rollen die andern weg."

Sie ließ erst wieder zwei Fässer hinab und sagte dann "Ja, der hier ist mein Vater, aber er ist nicht der Bierbrauer, wir sind Bierkutscher. Ja, jetzt das andere." "Seid ihr von hier?" "Aus Radisleben." "Wie heißt du?" "Norah." Sie hoben alle Fässer vom Wagen, Philipp kam ganz schön ins Schwitzen, aber er war froh, daß alles glattgelaufen war. Norah sagte "Danke." "Bitte. Gern geschehen. Ich heiße übrigens Philipp ... Sahlmann." "Gibst du mir die Handschuhe wieder." "Ach so, na klar." Sie sprang herunter und kümmerte sich nicht weiter um ihn.

Er hüpfte vom Wagen und rief ihr zu "Sehen wir uns später noch?" Es dauerte eine Weile, bis sie sich zu ihm umdrehte. "Was?" "Sehen wir uns nachher noch?" Sie zuckte mit den Schultern. "Ich glaub' nicht. Vielleicht." Dann ging sie zum Wagen, stieg zu ihrem Vater auf den Kutschbock und sie fuhren zwischen den Leuten hindurch weg. Der Mann am Ausschank hatte ein Fass angestochen und rief "Frisches Bier aus Radisleben, kann Mut und Manneskraft dir geben!"

Philipp drängelte sich durch die Leute zum Stand zurück. Er dachte daran, dem Bierwagen hinterher zu laufen, wenigstens um zu sehen, wohin sie fahren, aber dann kamen etliche Kunden, und Hannes und er hatten zu tun, und Hannes Freundin musste den Bericht von der Feier zur Taufe ihrer Nichte Elisabeth, genannt Lieschen, unterbrechen, um den beiden zu helfen.

Schließlich kam Regina wieder, sie strahlte vor Vergnügen, aber sie bemerkte sofort Philipps bedrückte Miene. "Was ist denn los, warum schaust du so griesgrämig drein?" "Ach nichts." "Ist es, weil ihr hier allein wart?" "Nein, gar nicht. Es ist alles wunderbar gelaufen, sieh' nur, wie viel wir verkauft haben." "Das ist großartig! Meister Skagen wird staunen." "Mama, kann ich jetzt auch mal gehen?" "Aber freilich! Warte, ich gebe dir Geld, da kannst du dir was zu essen holen." "Ich hab' keinen Hunger." "Dann kaufst du dir was Schönes."

Sie drückte ihm ein paar Münzen in die Hand. "Ist wirklich alles in Ordnung?" "Ja, es ist bloß ... da war vorhin ..." Er wurde von Pauline und Helene unterbrochen, die sich noch vor Lachen schüttelten, weil sie gerade eine Vorstellung des Hanswurst mit dem Titel "Wie Hanswurst dem König den Arsch versohlt" erlebt hatten. Helene hatte einen Blütenkranz auf dem Haar, und mit ihren zwei kunstvoll geflochtenen Zöpfen mit roten Schleifchen an den Enden, und in dem hellblauen Kleid sah sie hübsch aus. "Kommst du mit?", fragte sie Philipp. "Ich wollte grade los." Regina sagte "Hannes! Ihr beide könnt jetzt auch gehen, macht schon, tummelt euch!" Und zu Pauline: "Leistest du mir ein wenig Gesellschaft?" "Ja, gern." Die anderen zogen davon.

"Wo ist Ritter Beheim?", fragte Pauline. "Mit den Rittern beim Grafen im Zelt, sie sprechen mit ein paar Brüdern aus Hersfeld." "Aus dem Kloster?" "Ja, Andreas meinte, es gebe da irgendwelche Schwierigkeiten. Hast du getanzt?" "Ja, mir tun schon die Füße weh." "Oh je, mir auch. Mit wem hast du getanzt?" "Allein." "Was?" "Nein, natürlich nicht. Da ist einer aus Engelsbach ..." Pauline beschrieb ihn, und Regina erzählte ihr auch, wie sich Andreas beim Tanzen gemacht habe und sie tauschten jede Menge Eindrücke und Vermutungen und heimliche Beobachtungen aus, und amüsierten sich dabei köstlich.

"Henning hat beim Ringewerfen einen Preis gewonnen!", sagte Helene, und Philipp fragte "Gegen wen ist er angetreten?" "Gegen welche aus Trebelstedt, zum Schluss waren nur noch er und einer von denen dran, der andere hat fast geheult." "Was für'n Preis ist das?" "Ein Feuerzeug." "Ein Feuerzeug?" "Ja, eins mit Feuerstein und Zunder, lass' es dir zeigen, es geht blitzblatz und schon ist es an. Hast du Adrian irgendwo gesehen?" "Nein, ich war die ganze Zeit am Stand." "Worauf hast du Lust?" "Ich weiß nicht, erst mal gucken." Da wurde ihm bewusst, daß er eigentlich nur nach dieser Norah Ausschau halten wollte, die ihm nicht mehr aus dem Sinn ging.

Er dachte, wenn er sie jetzt nochmal treffen würde, müsste er vorsichtshalber sagen, daß Helene seine Schwester sei, und das würde Helene sicher nicht verstehen und es wäre ihr gegenüber auch nicht richtig von ihm, so zu tun. Aber Norah sollte nicht denken, Helene wäre seine Freundin, er war ja auch um einiges älter. Wenn sich Norah überhaupt dafür interessierte.

Dennoch war er ganz froh, als Helene Adrian entdeckte, der sich an einem Stand mit Eisenwaren die Messer anschaute, die dort auslagen. Adrian sagte, dort drüben sei auch Matthias, da bei dem Kerl, der die ganze Zeit auf dem Nagelbrett sitzt. Helene schaute zu Matthias hinüber und sagte zu Philipp "Der sieht wieder mal so einsam aus, tu' mir einen Gefallen und versuch' ihn ein bisschen aufzumuntern." Philipp nutzte die Gelegenheit, Helene wieder sich selbst zu überlassen.

Er ging zu Matthias, klopfte ihm auf die Schulter und sagte "Na, gefällt's dir hier?" Matthias nickte ihm zu und starrte dann wieder auf den Fakir, der einen riesigen Turban auf dem Kopf hatte und nur mit einem hauchdünnen Tuch um die Lenden bekleidet mit überkreuzten Beinen auf einem dicken Brett saß, aus dem sehr lange und sehr spitze Nägel herausragten. Er hielt die Handflächen aneinandergepresst vor der knöchernen Brust, und Philipp bemerkte auch, daß sich unter dem fadenscheinigen Tuch sein Geschlecht überdeutlich abzeichnete und daß dessen gewaltige Ausmaße wahrscheinlich ebenso viele Zuschauer angelockt hatte wie die Tatsache, daß er anscheinend unempfindlich gegen Schmerzen war.

"Wie lange guckst du dir das schon an?", fragte Philipp und drehte den Kopf in alle Richtungen, um Norah zu erspähen. "Eine ganze Weile", sagte Matthias, und es klang, als wüsste er selbst nicht genau warum. "Wollen wir zusammen herumziehen?" "Von mir aus", sagte Matthias, und sie schoben sich durch die Menge.

Philipp sagte "Ich suche nämlich jemand." "Wen denn?" "Ein Mädchen das Norah heißt." "Wie willst du die finden? Namen sind ja unsichtbar", sagte Matthias. "Ich weiß, wie sie aussieht, sie hat eine blaue Hose an, mit breiten Lederträgern über die Schultern, und sie hat eine hellgrüne, spitze Kappe auf." "Ich kann sie ja mit suchen." "Ja, gut, danke." "Was willst du von ihr?" "Gar nichts weiter, bloß erstmal wiedersehen." "Willst du mit ihr tanzen?" "Vielleicht." "Ich war vorhin bei den Musikanten. Hab' mir überlegt, ob ich auch lerne, auf einem Instrument zu spielen." "Welches denn?" "Die Drehleier gefällt mir. Die macht so komische Töne. Sieht auch eigentlich gar nicht so schwer zu spielen aus."

Sie schlenderten eine Runde über die ganze Festwiese und eine zurück und dann noch eine und Philipp sagte "Lass uns mal zu dem Bierausschank gehen." "Willst du Bier trinken?", fragte Matthias. "Willst du? Ich spendiere dir eins." Matthias zögerte. "Ich hab' mal eins getrunken, das ist mir gar nicht bekommen." Beim Bierausschank war Norah auch nirgends zu entdecken.

Langsam gab Philipp die Hoffnung auf. Allmählich wurde es dämmerig und überall wurden Fackeln entzündet und die Glut von den Holzfeuern verbreitete einen gemütlichen Schein, ab und zu knackte es laut und ein Funkenschwarm stiebte empor. Auf der Tanzfläche vor den Musikanten kehrte noch lange keine Ruhe ein und die übermütigen Rufe der Jungen und das Lachen und Jauchzen der Mädchen nahmen kein Ende. Jetzt konnte man in den dunklen Ecken die Umrisse von Pärchen erahnen, die sich gegenseitig ihre Zärtlichkeiten schenkten. Und irgendwie konnte Philipp diesen Anblick nur schwer ertragen.

Matthias hatte auch genug von dem Trubel, und als Philipp ihn fragte, ob er vielleicht Reginas Stand mit abbauen und die restliche Ware verladen wollte, sagte er "Klar, warum nicht." Am Stand waren Hannes und seine Freundin, die gerade dabei war, ihm an den Fingern aufzuzählen, wie oft und bei welchen Gelegenheiten ihre Base Laura im letzten Vierteljahr den Liebhaber gewechselt hat. Außerdem war ein Bursche hinzu gekommen, den Meister Skagen mit einem Wagen für den Rücktransport hergeschickt hatte.

Dann war auch Regina wieder da, die sagte, Pauline hätte jemand gefunden, der sie und die andern zur Burg mitnehme, und Matthias fragte, ob er dann hier mitfahren könne und Regina sagte "Natürlich. Die Fuhre wird doch nicht gleich zusammenbrechen, oder?" "Das ist noch nie passiert", meinte der Bursche mit dem Wagen, und irgendwie fanden schließlich alle ein Plätzchen. Philipp drehte sich nochmal um und warf einen Blick auf das verblühende Fest, und er musste für einen Moment mit den Tränen kämpfen, als er daran dachte, daß er sie nie wiedersehen würde.

Als Regina zwei Tage später zu Meister Skagen kam und sie gemeinsam die Abrechnung machten, und er sah, wieviel sie verkauft und eingenommen hatten, konnte er nicht umhin, ihr wie einem alten Freund auf die Schulter zu klopfen und zu sagen "Regina, Sie sind wirklich ein Prachtstück!" Auch für sie selbst hatte sich das Geschäft gelohnt, und von dem Geld wollte sie für Philipp und sich neue Kleider kaufen.

Sie sprach darüber mit Pauline, und die meinte, sie sollte zu diesem Zweck nach Gotha oder besser noch nach Langensalza gehen, in welch letzterem Ort es eine Reihe hervorragende Schneider und Tuchhändler gebe, die sich dort angesiedelt haben, weil viele Leute durch die Salzgewinnung zu Geld gekommen sind und sich etwas leisten können.

"Ja, aber so reich bin ich nun auch nicht geworden über Nacht", wandte Regina ein. "Das weiß ich doch. Aber dort findet sich für jeden Geldbeutel etwas, das einem auch gefällt, und ich kenne einen Schneider, der getragene Sachen zurückkauft, sie ausbessert und dann zu günstigem Preis anbietet. Die sehen manchmal aus wie neu."

Allerdings, so meinte Pauline, sei es eine halbe Tagesreise bis nach Langensalza. Man finde zwar leicht ein Fuhrwerk, das einen mitnimmt, aber man müsse schon, um sich dort in Ruhe umschauen zu können, einen Tag länger bleiben. Sie kenne da eine Herberge, wo man für ein paar Faller übernachten könnte.

"Weißt du, Pauline, was ich mir noch überlegt habe?" "Was denn?" "Vielleicht ist es ja auch Unsinn. Aber was wäre, wenn ich in Zukunft öfter Meister Skagens Geschirr verkaufen würde, auf eigene Rechnung." Pauline war begeistert von der Idee. "Ja, natürlich solltest du das machen!"

Und Regina hatte auch schon weiter gedacht. "Am besten wäre es, wenn ich ein kleines Lager in Friederode einrichte, direkt am Handelsweg. Wenn sich Kaufleute finden, die meine Ware mitnehmen, egal ob nach Erfurt oder nach Schmalkalden, dann bräuchte ich noch nicht mal umherzuziehen und mich auf die Märkte zu stellen. Und wenn wir, ich meine Philipp und ich, ganz nach Friederode gehen und dort wohnen, dann kann ich endlich auch Susanna herholen, das wird höchste Zeit." "Mensch, Regina!", sagte Pauline, und gab ihr einen Kuss auf die Wange, "das klingt wunderbar! Und dann heiratest du Ritter Beheim und ihr seid wieder eine richtige Familie."

Regina zierte sich, Pauline sagte "Was denn? Er gefällt dir doch." "Ja." "Aber?" "Er ist viel jünger als ich." "Ach, nicht viel! Und außerdem: ist das so schlimm?" "Ich weiß manchmal gar nicht recht, was er an mir findet." "Jetzt mach' dich mal nicht so klein. Ich möchte nicht wissen, wer hier noch so heimlich ein Auge auf dich geworfen hat." Regina erschrak. "Wen meinst du?" "Nein, ich kann jetzt niemand Bestimmten nennen, aber es würde mich sehr wundern, wenn es nicht so wäre. Vielleicht solltest du eine Entscheidung treffen. Nicht gleich morgen, aber in nächster Zeit." "Wegen Ritter Beheim?" "Damit er weiß, woran er ist, da hat er schließlich ein Recht darauf." "Das ist wahr. Obwohl er eigentlich noch nicht um mich geworben hat, jedenfalls nicht ausdrücklich." "Ja, das müsstest du natürlich erst abwarten. Vielleicht traut er sich auch nicht, vielleicht solltest du ihn dazu ermutigen." "Wie denn?" "Na hör' auf, du wirst doch wissen, wie man einem Mann Zeichen macht!"

Regina musste lachen, dann sagte sie halb entrüstet "Und was ist mit dir? Verteilst fleißig gute Ratschläge und gehst selbst leer aus. Was ist mit dem Engelsbacher vom Mühlenfest?" "Ach, der." "War er doch nicht so gut?" "Na ja, war schon ganz gut, hat jedenfalls Spaß gemacht. Es ist nur ... ich suche einfach was Festes, verstehst du. Ich bin es leid, immer denken zu müssen: ist das jetzt endlich was von Dauer oder auch nur ein weiterer Versuch, der genauso endet wie alle vorher. Weißt du Regina, bis jetzt hatte ich in meinem Leben immer nur ... wie soll ich sagen ... ich hab' immer wie auf einem schmalen Steg überm Wasser gestanden oder wie auf einem gespannten Seil so ganz hoch oben und ich musste immer aufpassen, das ich nicht runterfalle, so hab' ich mich gefühlt. Ich weiß nicht genau, woher das kommt, aber es ist so, seit ich Kind war und eigentlich bis heute. Und was ich mir am meisten wünsche, ist jemand, der mich hält, damit ich nicht runterfalle, jemand, der zu mir sagt: Pauline, ich hab' dir vielleicht nicht viel zu bieten, aber ich werde immer für dich da sein, und wenn dir mal angst und bange ist, dann werde ich dich beschützen und dich trösten und dir wieder Mut machen, bis es vorüber ist." Sie fuhr mit der Hand über ihre Augen und sagte "Großer Gott, ich geh' dir mit meinem Geplapper bestimmt auf die Nerven."

Regina umarmte und drückte sie und sagte "Ich habe mich noch nie mit jemandem so gut unterhalten wie mit dir." "Ehrlich?" "Ganz bestimmt. Und ich möchte das auch nicht mehr missen." Pauline schniefte, holte ein Taschentuch aus ihrem Rock und schneuzte sich ganz vorsichtig. Dann lächelte sie und meinte "Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich dich mehr lieb als alle andern. Mein Helenchen natürlich ausgenommen."

Die Freude über das gelungene Fest war auf seiten der Schauenburger etwas getrübt gewesen, weil Graf Ludwig der Bärtige an der Blase erkrankt war und das Bett hüten musste. Aber Gräfin Cecilia war erschienen, im Kreise der Ritter (weswegen Andreas Beheim zeitweilig nicht bei Regina sein konnte). Cecilia hatte auch eine donatio ad pias causas vorgenommen. Dabei handelte es sich um eine mildtätige Gabe an fünfzehn ausgewählte Kinder beziehungsweise deren Familien, die durch ein Unheil getroffen worden waren. Die Beschenkten kamen alle aus den Dörfern des Schauenburger Gebiets, und das Grafenpaar erntete viel Dankbarkeit und Ehrerbietung mit dieser Geste. Es war nicht die erste dieser Art, doch diesmal hatte sich Cecilia besonders großzügig gezeigt. Natürlich stammte das Geld aus ihrem eigenen Vermögen.

Alle Ritter waren an ihrer Seite, als Cecilia auftrat, und ein Herold vor der Menge die Namen der Kinder verlas. Außer Andreas Beheim waren Norbert vom Stein, Wenzel Apfelstädt, Wolfram von Langenau, Rüdiger Habland und Karl von Kahlenberg anwesend, je drei zu beiden Seiten der Gräfin.

Sie sahen sehr beeindruckend aus, jeder auf seine Weise vornehm gekleidet und zugleich miteinander verbunden durch die sichtbaren Symbole ihrer Ritterlichkeit. Für diesen Augenblick hatten sie Teile ihrer Rüstung angelegt, ihre langen Schwerter umgegürtet, die Handschuhe übergezogen, und jeder hielt sein Schild mit dem eigenen Wappen, vor sich auf den Boden gestellt. Der Herold hatte als erstes der Gräfin die Devotion erwiesen und dann ihre Ritter einzeln benannt, von der Menge jedesmal mit Jubel begleitet.

Auch Regina war unter den Zuschauern, und sie ertappte sich dabei, wie ihr Blick ausgerechnet auf Wolfram von Langenau hängenblieb, als sie die Reihe der Ritter bewunderte. Er hatte sein langes schwarzes Haar nach hinten zusammengebunden, und mit seinem kantigen Gesicht, dem schmalen Mund und den dunklen Augen unter den dünnen, geschwungenen Brauen, mit seinen breiten Schultern, eine Hand auf dem Schwertknauf, die andere auf dem Schild, mit seiner unerschütterlichen Haltung wirkte er sehr sicher, überlegen, furchtlos, und auch sehr männlich, und er hatte wieder diesen eigentümlichen Ausdruck, den Regina seinerzeit in der Bärenklause zum ersten Mal an ihm bemerkt hatte, jene Mischung aus Hingabe und Todesmut, der ihm etwas ungeheuer Anziehendes gab und ihr einen Schauer über die Rücken laufen ließ.

Als sie dann mit Andreas über den Festplatz streifte, trafen sie Wolfram wieder und sie wechselten ein paar Worte, und Regina fragte ihn auch, was es mit dem fliegenden Teppich auf sich habe, über dessen Zauberkraft er offenbar verfüge, und Wolfram lachte und wollte etwas erwidern, doch da kam Norbert vom Stein hinzu und meinte, die Gräfin wünsche ihn zu sprechen, und so musste er sich von ihnen verabschieden.

"Was für ein fliegender Teppich?", hatte Andreas sie daraufhin gefragt, und sie hatte ihm die Begebenheit, so wie sie selbst davon erfahren hatte, erzählt. Beheim schmunzelte darüber und meinte, es sei ein hübsches Märchen, aber dann vergewisserte er sich nochmals "Und von Langenau war damit unterwegs zum König?" "Soviel ich weiß, sagte er das", antwortete Regina und Beheim nahm es nachdenklich zur Kenntnis.

Der alte Graf wollte einen Bericht über das Fest haben. Sicher hatte er mit der Gräfin darüber gesprochen, und auch mit seinem Sohn Ludwig, allein deshalb, weil der ihn natürlich zuvor über seine Pläne hinsichtlich der Mühle ausführlich unterrichtet hatte. Doch der Bärtige wünschte, daß auch die Ritter ihm ihren Eindruck schildern. Das taten sie, und wie es schien, waren sie einhellig von dem erhofften Aufschwung, den die Mühle dem Landbau und den Gewerben, die sich daran anschließen, bringen werde, überzeugt.

Mit einzelnen auswärtigen Bauern waren Vereinbarungen getroffen worden, und etliche Händler und Kaufleute hatten ihre Teilnahme an künftigen Jahrmärkten zugesagt. Im übrigen hatte sich die Schauenburger Dorfbevölkerung durchweg wohlgefällig und dankbar gezeigt. Der alte Graf war zufrieden, als er die Worte seiner Getreuen vernahm, aber nach einer Weile wurde sein Blick starr und leer, die Augen fielen ihm zu und sein Kopf neigte sich zur Seite, er war eingeschlafen.

Es gab auch einen kleinen Zwischenfall, der ihm verschwiegen wurde. Als sich die Gräfin am Rande des Festplatzes in ihrem Zelt aufhielt, stürzte eine Frau herein und warf sich ihr zu Füßen, sie sah sehr verzweifelt aus. Zwei Knappen wollten sie sofort ergreifen und wegführen, aber sie wehrte sich und rief "Hochedle Gräfin Cecilia, hört mich an! Ich bitte Euch!" Die Gräfin gab ein Zeichen, daß man sie losließe und fragte "Was ist dein Begehr?"

Die Frau, auf Knien und mit flehend erhobenen Armen, berichtete, was ihr Schlimmes widerfahren sei. Sie kam aus Gelmershofen, einen Tagesritt von dem Ort entfernt, wo König Heinrich dabei ist, eine weitere Burg zu errichten, die Hahmsburg, noch größer und noch prächtiger als die anderen. Sie lebt in dem Dorf mit Mann und drei Kindern, der große Sohn geht mit dem Vater aufs Feld. Der kleine wird noch gestillt, und die Tochter ist dreizehn.

Am Abend kamen die Häscher des Königs. Sie drangen in ihre Stube ein, schlugen den Vater, fesselten ihn und den Sohn, bedrohten sie mit ihren Schwertern und machten sich über sie und die Tochter her und schändeten sie, daß sie halb besinnungslos liegen blieben. Dann nahmen sie die beiden Männer mit fort.

"Sie werden zur Arbeit beim Burgbau des Königs gepresst", klagte die Frau, "sie sind nicht die einzigen, andere in unserm Ort müssen die gleiche Qual ertragen. Was sollen wir tun? Wir Frauen können nicht allein die Feldarbeit erledigen, uns um das Vieh kümmern, den Haushalt führen. Wir können unsere Männer nicht aus eigener Kraft befreien. Wir werden Hungers sterben! Oh hochedle Gräfin Cecilia! Wir wissen, daß Euer Vaterhaus bei uns steht, daß Euch im Herzen ein heiliges Band an unserer Erde hält, daß Ihr uns nie im Stich lassen werdet! Wir haben von dem Großmut und der Gerechtigkeit gehört, die hier bei Euch blühen, und wir bitten Euch um unser Leids und Elends willen, helft uns, unsere Väter und Söhne wiederzubekommen!"

Sie verneigte ihr Antlitz tief zu Boden und schluchzte, und ihre Tränen fielen wie Regentropfen herab. Gräfin Cecilia winkte den Rittern zu, und Norbert vom Stein und Rüdiger Habland hoben die Frau behutsam auf, und die Gräfin reichte ihr ein Tuch, damit sie ihre Tränen trocknete. Dann sprach sie "Ich werde mich deiner Angelegenheit annehmen", und die Frau ergriff ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Die Ritter zogen sie behutsam zurück, und Cecilia sagte "Begleitet sie hinaus und gebt ihr zu essen und zu trinken."

Der erschütternde Bericht der Frau war nicht der erste über das furchtbare Treiben der königlichen Häscher, der sich im Thüringer Land verbreitete. Der König ließ eine Burg nach der andern erbauen, um sein Reich zu befestigen. Er brauchte dafür zahllose Arbeiter, die die schweren Steine heranschleppten und aufschichteten. Er bezahlte bewaffnete Häscher dafür, daß sie überall Dörfer überfielen und aus den Familien die kräftigen Männer raubten, um sie wie Sklaven beim Burgenbau zu knechten.

Diese Banden waren berüchtigt und gefürchtet wegen ihrer Grausamkeit, häufig waren darunter Räuber und Halsabschneider, die sich bis eben noch in den Wäldern versteckt hielten, oder Verbrecher, die dem Kerker oder sogar dem Henker entkommen waren. Der König gab ihnen gute Waffen und gutes Geld, und im übrigen war es ihm egal, mit welchen Mitteln sie ihre Beute machten.

Die Schauenburger hatten bisher dafür gesorgt, daß auf ihrem Gebiet keine dieser Banden ihr Unwesen treiben konnten. Aber sie zu bekämpfen hieß, sich dem Expansionsdrang des Königs entgegenzustellen und es war nicht leicht zu erkennen, wo die Fronten verliefen, wen man dabei als Verbündeten betrachten könnte, und wen als Feind.

Was die unglückliche Frau angesprochen hatte, war der Umstand, daß Gräfin Cecilias Sangerhausener Stammhaus in unmittelbarer Nähe des königlichen Territoriums lag, und richtig kompliziert wurde die Sache, weil das Sangerhausener und das Schauenburger Land kein zusammenhängendes Gebiet bildeten, sondern sich dazwischen Dörfer, Felder, Auen, Teiche und Wälder befanden, um deren Besitz und Hoheitsrechte trefflich gestritten wurde; jeder konnte sie sich unter den Nagel reißen, der sich traute, sie zu erobern und der stark genug war, sie zu behalten.

Ausnahmsweise beriet sich die Gräfin nur mit ihren Rittern darüber, wie man in der Angelegenheit vorgehen sollte. Genauer gesagt war es überhaupt das erste Mal, daß sie die Entscheidung selbst traf und nicht an den alten Grafen oder eher noch an ihren Sohn Graf Ludwig übergab, wie das sonst üblich war, wenn die Gräfin mit derlei Bittstellungen behelligt wurde. Aber vielleicht war es der Eindruck, unter dem sie nach dem jammervollen Bericht der Frau stand, oder auch die nachwirkende Genugtuung über ihre gelungene mildtätige Gabe, welche so gut von den Leuten aufgenommen worden war, die sie jetzt zu diesem Schritt veranlassten.

Der junge Graf Ludwig war während der ganzen Szene abwesend, mit einigen Bauern bei der Wassermühle, und so befragte Cecilia die Ritter um Rat, denen jedoch auf die Schnelle keine geeignete Maßnahme einfiel. Einig waren sie sich allerdings darin, daß es ein halsbrecherisches Unterfangen wäre, mit einer bewaffneten Truppe gegen die Hahmsburg zu ziehen und die versklavten Männer befreien zu wollen.

Denn erstens wären sie dafür, selbst wenn sie sich durch Freiwillige verstärkten, zu wenige, und sie würden dort kläglich scheitern. Und zweitens, was noch gravierender war: die Schauenburger würden dadurch nur den Zorn des Königs weiter anheizen, und es wäre nicht ausgeschlossen, daß er mit einer weit überlegenen Streitmacht gegen sie zu Felde zieht.

Die Gräfin hörte auf sie, und Karl von Kahlenberg machte daher folgenden Vorschlag: man werde die Frau mit einer großen Fuhre von Mehl, Bohnen, Hafer und anderen Nahrungsmitteln, vielleicht auch mit etwas Geld zurück nach Hause bringen, und die Leute dort würden sehen, daß die Schauenburger nicht blind gegen ihre Notlage sind.

Man könnte zudem der Frau ein Schreiben mitgeben, in welchem "im Geiste der gerechten Fürsten des Thüringer Landes" die einheimische Bevölkerung ermutigt wird, sich gegen die Willkür aufzulehnen, denn sie müssten den Kampf gegen ihre Peiniger selbst in die Hand nehmen. Das sei, so meinte von Kahlenberg, deutlich und doch unverfänglich formuliert, es würde ihrem, der Schauenburger, Ruf nicht schaden, es würde sie bestenfalls sogar neue Gleichgesinnte gewinnen, den König dagegen höchstens darüber fluchen lassen. Aber die Flüche des Königs waren sie ja gewohnt.

Gesagt getan: die Frau wurde wie beschlossen versorgt und wieder nach Hause geschickt. Man verzichtete darauf, ihr einen Begleitschutz zu bieten, welcher eventuell den König erst darauf aufmerksam gemacht und ihn verärgert hätte; schließlich war es, bei aller Liebe zur Gerechtigkeit, nicht ratsam, sich in fremde Zwistigkeiten verwickeln zu lassen.

Regina hatte Meister Skagen ihren Plan wegen der Werkstatt in Friederode unterbreitet. Sie saßen an dem langen Tisch, wo sonst alle seine Leute auch ihr Mittagbrot verzehrten, und Meister Skagen schwieg, als sie fertig war, und dann sagte er "Ich würde Sie natürlich gern hier behalten, Regina, und ich bin ganz offen zu Ihnen: wenn Sie mir Konkurrenz machen wollten, dann müsste ich mir was einfallen lassen, um Ihnen das Geschäft zu verderben. Und das würde mir sehr leid tun." Er schaute nach hinten in die Werkstatt und fuhr fort "Andererseits, es ist so: nachdem wir den Auftrag für die Reinhardsbrunner erfüllt haben ... na, Sie sehen ja selbst ... wir arbeiten zur Zeit mit zwei Mann, und so einträglich wie Ihr Markt auch gewesen ist, aber das Geld reicht vielleicht für ein halbes Jahr."

Regina sagte "Meister, ich kann Euch keine Konkurrenz machen, dafür bin ich nicht gut genug, und ich will es auch gar nicht. Außerdem kann ich mir keinen Brennofen leisten, und diesen Erdbrand wie hier hinten im Garten, den kriege ich auch nicht hin." "Das heißt, Sie wollen die Ware hier brennen lassen?" "Ja. Ich will sie ja in Friederode hauptsächlich verkaufen." "Und was wird aus meinen Abnehmern? Soll ich dann auf meinem Zeug sitzenbleiben?" "Nein. Meinetwegen treffen wir eine Vereinbarung, daß wir uns nicht gegenseitig die Kunden abspenstig machen. Und ich bezahle natürlich für's Brennen. Im Voraus. Sobald ich das Geld beisammen habe. Ich kaufe auch den Ton bei Euch, vielleicht nicht ausschließlich. Ansonsten mache ich alles selbst, und ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich zu tun habe." Skagen war beleidigt. "Habe ich Sie jemals schlecht behandelt?" "Nein, niemals. Ich meine damit auch nur, daß ich selbst über mein Sortiment entscheide." "Was ist mit der Farbe? Können Sie Kobalt kaufen?" "Nein. Und dann bräuchte ich auch jemanden wie Wilfried, aber ich möchte niemanden bei Euch abwerben." "Da bin ich ja beruhigt." "Es gefällt Euch immer noch nicht, stimmt's?" "Es reizt mich nicht grade zu Freudensprüngen." Regina lachte, und Meister Skagen musste schließlich auch lachen. "Haben Sie denn schon was gefunden, wo Sie sich einrichten können?" "Es gibt da eine geräumige Hütte mit einem Stall hinten dran und einem Stück Land, vielleicht dreißig mal zehn Schritt. Es steht leer, es gehört einem Bauern in Gotha, der es verpachtet." "Für wieviel?" "Ähm ..." "Na, geht mich nichts an", sagte Skagen, als er sah, daß Regina zögerte, "jetzt, wo wir keine Partner mehr sind, müssen Sie sowieso allein zurechtkommen." "Das heißt, Ihr seid einverstanden?" "Was soll ich dagegen tun. Aber Sie brauchen jemand, der ihnen hilft, so was kann man nicht allein schaffen." "Ich weiß, ich denke, ich finde jemand." "Hannes bleibt jedenfalls hier." "Ja, leider. Auf ihn muss ich wohl verzichten." "Und wann soll es losgehen?" "Sobald mit dem Pachtvertrag alles klar ist und ich da einziehen kann." "Dann wollen Sie die Burg verlassen?" "Ja." "Was sagt Ritter Beheim dazu?" "Er findet es richtig", versicherte Regina, dabei hatte sie ihm noch nichts davon gesagt.

Ein paar Tage später zog Regina mit Philipp los, um in Gotha den Pachtvertrag zu unterschreiben. Durch Paulines Vermittlung hatte sich ihr Bruder Gernot bereit erklärt, Regina einen bestimmten Geldbetrag zu leihen, genug wie sie hoffte, damit sie den Pachtzins für ein Vierteljahr im Voraus bezahlen und das benötigte Material beschaffen konnte, um die Töpferei in Gang zu bringen.

Von Gotha aus machten sie sich gleich anschließend nach Langensalza auf, um sich bei einem der Schneider, die Pauline empfohlen hatte, einzukleiden. Philipp, der es nicht besonders aufregend fand, wegen solcher Angelegenheiten so weit herumzufahren, meinte, seine Sachen wären doch noch gut genug und vor allem bequem. "Nachher passen mir die neuen nicht und ich kann sie gar nicht tragen." "Dann suchen wir was anderes aus", beharrte Regina.

Überhaupt nörgelte er in einem fort; und auf einem der Fuhrwerke, das sie mitnahm, meinte der Kutscher "Was für eine Laus ist denn Ihrem Jungen über die Leber gelaufen?" "Ach, er kommt jetzt bloß in das Alter, wo man es ihm nie recht machen kann", sagte sie und schaute Philipp spöttisch an, bekam aber nur einen missmutigen Blick zurück.

Zugegeben, es war ziemlich anstrengend, erst für Regina und dann für den Jungen das Richtige zu finden. Überdies sollte Philipp auch noch jedesmal sein Urteil über das Kleid abgeben, das sie grade anprobierte. Sie fand endlich eins, das beiden gefiel, und der Schneider gab ihr auch noch ein großes Tuch aus Wolle dazu, das sie sich, wenn die Tage kühler werden, um die Schultern legen konnte.

Philipp bekam ein paar Stiefel, die zwar nicht neu, aber gründlich ausgebessert waren, und sie passten ihm wie angegossen. Bei einem Kleiderhändler, einem alten, aber fidelen Juden, suchte er sich selber eine Hose und eine feste Jacke aus, die eine Kapuze und zwei große Taschen hatte. Und dann fand er eine spitze grüne Kappe, und Regina sagte "Die ist doch für ein Mädchen." "Na und, ich will sie trotzdem." "Dann aber bitte nicht dieses Grün!" Der Händler sagte, er hätte auch eine rote und kramte sie unter einem Berg von Mützen hervor, als hätte er sie vor einer Stunde dort vergraben. Sie war dunkelrot wie Ziegelstein und Philipp nahm sie. "Willst du sie nicht aufsetzen?", fragte Regina, als sie wieder auf der Straße waren. "Später", murmelte er.

Dann fiel Regina ein, daß sie für Pauline (als kleine Aufmerksamkeit) etwas Garn zum Klöppeln besorgen wollte, und bei der Garnhändlerin stellte sich heraus, daß sie Pauline kannte, und sie erkundigte sich nach ihr und freute sich, als Regina nur Angenehmes zu berichten wusste, und zum Schluss legte sie "mit schönem Gruß" noch ein Knäuel extra obendrauf; sie drückte Regina die Hand und sagte, sie betet dafür, daß sie und Pauline immer unzertrennlich bleiben, und es hörte sich beinahe beschwörend an. "Du liebe Zeit", meinte sie draußen, "das klang ja, als würden wir beide in den Krieg ziehen." "Wer?" "Helenes Mama und ich." Philipp grinste. "Ihr hättet bestimmt jede Menge Friedensangebote."

Als sich der Tag dem Ende neigte, suchten sie die Herberge und fanden, etwas abgelegen, den Gasthof "Zur Goldenen Schelle". In der Dunkelheit machte er keinen sehr einladenden Eindruck. Regina war im Begriff anzuklopfen, als die Tür aufgerissen wurde, eine schwarze Katze, die unsichtbar davor saß, schreiend weg sprang, und zwei zerlumpte Gestalten herauspurzelten, eine mächtige Bierfahne im Gepäck. Drinnen sah man noch den Stiefel unter einem Frauenrock, der dem zweiten grade einen heftigen Tritt in den Hintern verpasst hatte. "Schert euch bloß fort, besoff'nes Pack! Und lasst euch hier nicht wieder blicken!" Die beiden verdrückten sich im Dunkel der Gasse.

Die Frau war jung, kräftig gebaut, mit vollem Busen und blondem Haar, das ein bisschen ungekämmt um den Kopf hing, Zornesfalten zerfurchten ihre Stirn. Als sie die beiden erblickte, glättete sich ihre Miene schlagartig und mit beinahe liebenswürdiger Stimme fragte sie "Suchen Sie noch ein Quartier für die Nacht?" Regina bejahte es. "Sie haben großes Glück, wir haben gerade noch eine Kammer frei." Als Regina zögerte und einen Blick auf die dunkle Gasse warf, fügte sie hinzu "Nun kommen Sie schon rein. Lassen Sie sich von denen nicht abschrecken, die gehören nicht hierher."

Regina und Philipp folgten ihr ins Innere. Aus einem Schankraum zur Seite drang dicke Luft und Stimmengewirr heraus. "Wollen Sie auch noch was essen?" "Eigentlich ..." "Ich hab' Hunger, Mama." Die Frau sagte "Sie müssen sich nicht da rein setzen. Wenn's Ihnen nichts ausmacht, können Sie hinten bei mir in der Küche was essen." "Ja, das wäre sehr nett."

Sie stellten ihre Leinenbeutel mit den gekauften Sachen ab und nahmen an einem Tisch in der Küche Platz. Am Herd hantierten ein Mann und ein Mädchen, er gab ihr ständig kurze Befehle, und sie summte völlig unbeeindruckt ein Lied vor sich hin. "Möchten Sie Rinderbraten oder Huhn?", fragte die Frau. "Huhn." "Rinderbraten." "Was kostet die Übernachtung mit Essen", wollte Regina wissen. Die Frau sagte es ihr.

"Wir möchten auch was trinken." "Wir haben nur Bier." "Ist es stark?" "Nicht stark, es ist helles Bier, es bekommt auch dem Jungen." "Dann trinken wir Bier", sagte Regina, umarmte Philipp und drückte ihn. Das Essen war sehr schmackhaft, und Philipp bekam noch eine zweite Portion. Ab und zu schaute das Mädchen zu ihnen herüber, ihr Lied hatte eine schier endlose Melodie. Die Frau ging zwischendurch nach vorn in den Schankraum.

Als sie wiederkam, fragte sie "Woher kommen Sie?" "Von der Schauenburg." "Direkt von der Burg?" "Ja. Na, ursprünglich kommen wir aus Bamberg." "Wo die Lebkuchen herkommen?" "Nein, das ist Nürnberg." "Und wieso sind Sie jetzt hier?" "Wo?" "Auf der Schauenburg." "Das hat sich so ergeben." Die Frau sah sie komisch an. "Wie jetzt? Man wandert doch nicht eben mal von Bamberg nach Thüringen, wenn's keinen triftigen Grund dafür gibt. Lassen Sie mich raten: es war ein Mann." "Ja, gewissermaßen schon", sagte Regina, "mein Mann ist ziemlich plötzlich verstorben." "Oh! Das konnt' ich jetzt nicht wissen." "Ist die Kammer oben?" "Ja, nach hinten raus, da können Sie ungestört schlafen. Wollen Sie raufgehen? Doris zeigt's Ihnen, ich geb' Ihnen auch den Schlüssel." "Wir würden gern noch ein Weilchen hier sitzen, oder Philipp?" "Von mir aus." Die Frau verschwand nach vorn.

Doris hatte aufgehört zu summen und sich ihnen zugewandt, als ihr Name fiel. Sie hatte braune Haare und grünliche Pupillen, und unten fehlte ihr ein Zahn. "Mein Freund hat gesagt, da oben bei euch gibt's Bären?" Philipp sagte "Ja. Bin sogar mal einem begegnet." "Nicht wahr." "Doch wahr." "Es stimmt, was er sagt", meinte Regina. "Wie groß war der?" Philipp schaute sich um. "Hat bis zu dem Regal da gereicht." "Hat er dich angegriffen?" "Er war hinter mir her." "Was hast du gemacht?" "Bin auf einen Baum geklettert." "Ich denke, die können auch auf Bäume klettern?" "Der nicht." "Ach, da gibt's auch welche, die's nicht können?"

Philipp antwortete nicht gleich, dann sagte er "Mir ist jemand zu Hilfe gekommen, der hat ihn mit der Armbrust angeschossen." Der Mann hatte sich ebenfalls umgedreht und zugehört. Er hatte dicht beharrte Unterarme, lange Bartstoppeln, und aus dem Ausschnitt von seinem Unterhemd kam dunkles Brusthaar zum Vorschein. Er sagte "Junge, da hast du aber verdammtes Glück gehabt." "Das werde ich meinem Freund erzählen", sagte Doris, und Philipp dachte, sie glaubte ihm nicht, aber sie fügte hinzu "der ist nämlich manchmal so ein Angsthase." Philipp meinte "Ich hätte mich vor Angst fast eingeschissen." Die beiden lachten. "Philipp!", ermahnte ihn Regina leise.

Sie tranken noch ein Bier, und der Mann erzählte die Geschichte, wie er bei dem Herrn von Tonna mal bei einer Jagd als Treiber mitgemacht hatte und zwischen eine Rotte Wildschweine geraten war, die "wie die Irren" um ihn herumgewetzt sind. Doris meinte "Wahrscheinlich dachten sie, du gehörst dazu." Da fiel Philipp etwas ein, er fragte sie "Sag' mal, woher kommt euer Bier?" "Wo das herkommt? Weiß ich nicht. Weißt du das?" "Das ist ganz verschieden, mal von hier, mal von da", sagte der Mann.

Die Frau kam wieder, Doris sagte "Frau Zuber, der Junge fragt, wo unser Bier herkommt." "Aus Gotha. Wieso?" "Haben Sie auch welches aus Radisleben?" "Hatten wir auch schon, das ist gut, aber für uns zu teuer." "Wissen Sie, wie der Bierkutscher von dort heißt?" "Nein. Wie?" "Das war meine Frage." "Keine Ahnung, Junge, aber wenn er mal wiederkommt, frag' ich ihn."

Später brachte Doris die beiden auf ihre Kammer. Sie stellte zwei Kerzenlichter auf. "Bitte sehr. Es ist keine 'Kemenate' oder wie das heißt." "Ich bin auch kein Burgfräulein", erwiderte Regina. "Tun die da Dienst bei der Gräfin?", wollte Doris wissen. "Ja, sie sind rund um die Uhr bei ihr." "Müssen die auch saubermachen und so?" "Nein." "Denen geht's bestimmt nicht schlecht." "Ich habe noch keine sich beklagen hören." Doris überlegte, dann meinte sie "Na, jedenfalls wünsch' ich eine Gute Nacht." "Ja, dir auch." Philipp murmelte "Gute Nacht." Im Hinausgehen sagte sie "Übrigens hab' ich heute morgen hier zwei Mäuse geschnappt, jetzt dürfte eigentlich erst mal Ruhe sein."

In der Nacht träumte Regina, sie würde mit Pauline von Langensalza aus in den Krieg ziehen. Sie hatten Rüstungen an und Schwert und Schild dabei, aber keine Helme auf, und Paulines füllige blonde Haare wallten um ihr Haupt und sie sagte "Ich hoffe, ich kann mich so sehen lassen". Und wie sie auf der Gasse am Tor zu einer Hufschmiede vorbeischritten, sah Regina da drinnen im Hof einen Ritter stehen, der sein Pferd beschlagen ließ. Und sie erkannte Wolfram von Langenau, der sie auch sofort bemerkte und auf sie zukam und fragte, wohin sie des Weges ginge? Sie sagte "In den Krieg!", und breitete die Arme aus, um ihm ihre Rüstung vorzuführen, aber da hatte sie ihr neues Kleid an, und alles andere war weg (und Pauline war ebenfalls verschwunden). Wolfram fragte "Wie wollen Sie denn so kämpfen? Der erste, der Sie sieht, macht Sie nieder!" Aber sie holte aus ihrer Rocktasche eine dunkelrote Kappe hervor und erwiderte "Ich habe die hier! Es ist eine Tarnkappe, sie macht mich unsichtbar." Und sie war gerade dabei, sie aufzusetzen, da rief Wolfram "Nein, Regina! Warte!" Da wachte sie auf, es war noch dunkel, und nach einer Weile schlief sie wieder ein.

Am Morgen, nachdem sie die Übernachtung bezahlt und sich ihre Leinenbeutel über die Schultern gehängt hatten, gingen sie auf den Marktplatz, um Ausschau nach einem Fuhrwerk zu halten, das sie in Richtung Friederode mitnähme. Und als sie am Tor einer Hufschmiede vorbeikamen, sah Regina im Hof einen Ritter bei seinem Pferd stehen, und er schaute gleich zu ihr hin, und als er sie erkannte, kam er auf sie zu und sagte "Frau Sahlmann! Wohin des Weges?"

Sie versuchte zu lächeln, aber ihre Miene hatte sich seltsam verzerrt, sie stammelte bloß "Ritter von Langenau ... Ihr ... seid Ihr hier ... um ..." "Ich lasse mein Pferd beschlagen." "Wieso gerade hier?" "Ich wohne hier am Ort." "Wie bitte?" Er legte seine Hand an ihre Schulter, denn sie sah aus, als würde ihr schwindlig werden. "Geht es Ihnen gut?" Philipp sagte "Wir haben gestern abend Bier getrunken." Wolfram lachte. Regina zischte Philipp an und erklärte "Wir waren gestern Sachen einkaufen." "Ah, daher die vollen Beutel, ich dachte schon, Sie wollen ..." "... in den Krieg ziehen?" "Bitte?" "Ach nichts", murmelte sie und schüttelte den Kopf.

Wolfram fragte "Was haben Sie gerade vor?", aber sie war noch in Gedanken. Philipp sagte "Wir wollten uns ein Fuhrwerk für den Rückweg suchen." "Wir wollten uns ein Fuhrwerk für den Rückweg suchen", plapperte sie nach. "Ich habe schon verstanden." Er sah sie an, und seine sonst so strengen Augen hatten einen verlockenden Glanz, und um ihre Unsicherheit zu überspielen, sagte sie "Es ist bestimmt angenehm hier zu wohnen ... ich meine ... mit all' den Schneidern und Schuhmachern ... und einen Hufschmied gibt es auch!"

Er schaute sich kurz nach seinem Pferd um, dann sagte er "Ich würde Sie beide gern einladen, sich meinen Hof anzuschauen, ich werde dafür sorgen, daß Sie heute Nachmittag zur Burg zurückkommen, da brauchen Sie nicht lange zu suchen." "Ähm ..." "Und wie kommen wir bis zu Euerm Hof?", fragte Philipp. "Wartet einen Augenblick", sagte Wolfram und ging hinein in die Schmiede. Regina kämpfte mit sich selber. "Wir können uns doch auch ein Fuhrwerk suchen, oder was meinst du?" "Warum denn?" "Ach, komm', lass uns gehen, wir suchen uns ..." "Mama! Was ist los mit dir? Wir können jetzt nicht einfach weglaufen, das würde Ritter Wolfram beleidigen. Willst du ihn etwa beleidigen?" "Ach, nein. Ich will nur ..."

Wolfram kam wieder nach vorn, er hielt sein Pferd am Zügel, und hinter ihm folgte ein Mann mit einem Maulesel und einem zweirädrigen Karren. "Da ist Platz genug für Sie beide und für Ihr Gepäck." "Das ist doch nicht nötig! Wir können uns ebensogut ..." "Jetzt steig' auf, Mama!" "Na gut. Also vielen Dank, Ritter von Langenau." Er lächelte sie an, und sie wandte sich schnell ab, aber als er ihnen voranritt, konnte sie kaum den Blick von ihm lösen. Wie in aller Welt hatte er es nur geschafft, aus ihrem Traum heraus - oder sollte sie sagen: in ihn hinein zu kommen?

Ritter von Langenau's Hof lag nahe an dem Flüsschen Salza, welches unweit von hier, in den, wie er sagte: "heiligen Fluss der Thüringer", die Unstrut, mündete. Der Hof selbst war auf einem flachen Hügel erbaut. Es gab ein Haupthaus und mehrere Nebengebäude. In der Mitte war ein Brunnen mit einem Dach darüber. An der Seite stand auf langen Pfosten ein großes Taubenhaus. Wolfram sagte, früher hätten sie alle möglichen Taubenarten hier gehabt, jetzt nur noch Schildtauben, die schlank und weiß waren, und wenn sie die Flügel angelegt hatten, ähnelten sie zwei länglichen, dunkelbraunen Schilden. Eins der Stallgebäude war im vorigen Jahr abgebrannt und wieder aufgebaut worden, der helle Lehm zwischen den dicken Balken atmete noch aus. Auf dem flachen Vordach leckte sich eine goldgelbe Katze sorgsam die Pfote.

An den Hof schloss sich ein großes Stück Land an, das aber nicht bewirtschaftet wurde und von Gräsern, Sträuchern und einzelnen Baumgruppen bewachsen war. Überall blühten farbenfrohe Wald und Wiesenblumen, Vögel zwitscherten, Grillen zirpten, und ganz hoch oben drehten zwei Milane ihre Kreise. An einem Abhang ragten einige kleine Kalkfelsen heraus, und auf der grünen freien Fläche, die sich zum Gewässer hin erstreckte, waren mehrere Mäuerchen aus Feldsteinen aufgeschichtet, zwischen denen Schafe und Pferde grasten. Unten am Ufer standen uralte, knorrige Weiden, und das Flüsschen glänzte im Sonnenlicht.

Regina war ganz hingerissen von dem schönen Fleckchen Erde. Philipp hatte sich gleich mit einem Hund angefreundet, der schwarzweiß gescheckt war und munter um die drei herumsprang. "Hat er einen Namen?", fragte er Wolfram, und der sagte "Er heißt Attila. Wirf' einen Stock, und er holt ihn dir zurück."

Sie gingen auf einem schmalen Pfad bis zu zwei mächtigen Lindenbäumen, ein dritter war gefällt worden; aus seinem Stamm hatte man große Stücke herausgeschnitten, auf denen man sich im Schatten niedersetzen konnte. Philipp rannte mit Attila über die Wiese, und weiter unten trafen sie auf zwei andere Kinder, die sich ihnen anschlossen. Regina genoss den Ausblick auf die Landschaft. Wolfram schwieg, er hatte eine Hand unter die Achsel geschoben, mit der andern strich er sich bedächtig übers Kinn.

"Was für ein herrlicher Ort", sagte Regina, "aber Ihr seid hier nicht geboren, oder?" "Nein, ich bin aus der Rheingegend, in der Nähe von Worms." "Ihr seid so etwas wie ein freier Ritter?" "Ja, ich suche mir meine Dienstherren immer selbst aus." "Seid Ihr schon viel herumgekommen?" "Oh, ja. Ich war in Italien und in Konstantinopel. Ich war auch in Britannien." "Etwa bei König Arthur?" "Ich bin Ritter Modred begegnet, er ist ein Neffe des Königs Arthur, der Sohn seiner Schwester Anna." Regina sagte "Als Mädchen habe ich mich oft gefragt, ob Ritter Ywain wirklich einen Löwen bei sich hat." Wolfram erwiderte "Ich kenne ihn auch nur vom Hörensagen. Allerdings habe ich schon Leute getroffen, die sich einen Löwen im Zwinger hielten." "Woher hatten sie den?" "Von den spanischen Mauren, und dorthin waren sie aus Afrika gekommen. Aber so imposant sie auch aussehen, sie fühlen sich im Norden nicht wohl." "Das klingt, als hättet Ihr auch schon mit einem geliebäugelt." Er lachte. "Nein, ich will keinen Löwen im Haus, nicht mal wenn er zahm wäre wie der von Ritter Ywain. Meine Leidenschaft sind Pferde." "Haltet Ihr hier welche?" "Ja, da drüben in dem Stall. Wenn Sie wollen, zeige ich sie Ihnen." "Ja, gern. Wo sind die Kinder hin?" "Ich glaube, die sind da bei der Siederei." "Wo der Dampf aufsteigt? Was ist das?" "Eine kleine Salzsiederei, sie gehört zum Hof." "Ah, jetzt verstehe ich: Ihr seid einer von den reichen Einwohnern Langensalzas, von denen mir Pauline erzählt hat." "Pauline? Die Mutter von Helene?" "Ja. Sie hat gesagt, dieser Ort verdanke seinen Reichtum den Salzquellen." "Das mag wohl stimmen. Aber ich trage wenig dazu bei." "Ach, Ritter von Langenau! Nur keine falsche Bescheidenheit, oder wollt Ihr, daß ich Euch geringschätze?" Er schaute sie an und meinte "Das würde mich grämen." Sie senkte die Augenlider und setzte hinzu "Und mich in Verlegenheit bringen."

"Möchten Sie sich auch die Siederei ansehen?", fragte Wolfram und Regina sagte ja. Sie gingen hinunter, und als sie einen kleinen Graben überqueren mussten, in dem sich ein stilles Rinnsal dahinschlängelte, stellte sich Wolfram auf, fasste ihre Hand und hielt mit der andern ihren Arm, und sie machte einen Satz, rutschte aber drüben ab und fiel in seine Arme, und sie bemerkte den herben Duft, der ihn umgab und ihre Sinne betörte und es ihr schwermachte, sich aus seinem Halt zu lösen. Aber er hob sie mit Leichtigkeit auf die Grabenkante, sie sagte "Entschuldigt, ich bin eigentlich sonst nicht so ungeschickt." "Es war die falsche Stelle", meinte er.

Wolfram fragte sie nach allen möglichen Dingen aus, und sie gab ihm unbefangen Antwort, es war wie eine Erleichterung für sie, sich ihm auf so unbeschwerte Weise mitzuteilen. Sie hatte das Gefühl, nichts verheimlichen, nichts beschönigen, nichts abwägen zu müssen, und die Worte sprudelten ihr aus dem Munde wie klares Wasser aus einer reinen Quelle. Je näher sie der Siederei kamen, umso mehr bedauerte es Regina, daß ihre Unterhaltung beendet würde. Deshalb war sie froh, als sie eigenartige Klänge vernahm.

Sie fragte "Bilde ich mir das nur ein? Oder höre ich da wirklich Glöckchen bimmeln?" "Das kommt von den Ziegen, die dort drüben am Hang grasen." "Können wir dahin gehen?" "Wenn Sie wollen, gern." Wo die kleinen Kalkfelsen waren, hatten sich sechs oder sieben Ziegen zwischen den Sträuchern verteilt und fraßen an allem herum, was auch nur annähernd grün und saftig aussah.

Wolfram sagte "An und für sich braucht man ihnen hier keine Glöckchen umzuhängen, das Gelände ist überschaubar, man muss sie nicht suchen, aber mein Knecht sagt, die Ziegen fühlten sich dadurch gut aufgehoben, und das würde sogar ihren Milchertrag mehren. Mögen Sie Ziegen?" "Ich weiß nicht genau, ich finde, sie haben so seltsame Augen, irgendwie verhext." Wolfram lachte. "Ja, sie haben komische Augen. Aber es sind zutrauliche Tiere. Ich konnte mich als Kind totlachen, wenn sie mich mit ihrer Nase in die Seite gestupst haben. Ich hatte immer das Gefühl, als würden sie sagen: Na los, sing' uns ein Lied!"

Regina erzählte, wie sie als Mädchen einmal ihren Vater zu einem Hofbauern begleitet hat, nachdem der Vater zu Hause wochenlang von Ziegenkäse geschwärmt und ihn in höchsten Tönen gepriesen hatte. Bei dem Bauern haben sie dann ein Stück Käse gekauft, das in die hohle Hand gepasst hätte und ziemlich teuer war. Und zu Hause habe sie davon probiert und es ganz scheußlich gefunden, so schlimm, daß sie es nicht hinunterschlucken konnte, und es hatte sich dann langsam aufgelöst und schließlich hatte sie diesen Brei im Mund und konnte nicht mehr sprechen, aber sie wollte den Vater ja nicht enttäuschen. Doch der sah, wie sich damit quälte, er sagte 'Spuck' es aus', und sie ließ es erleichtert in den Abtritt fallen. Der Vater sagte dann im gestrengen Ton eines unbestechlichen Marktaufsehers: 'Das war kein echter Ziegenkäse!'

"Ich habe seitdem keinen Ziegenkäse mehr gegessen", fügte Regina hinzu, "deshalb weiß ich eigentlich gar nicht, wie er wirklich schmeckt." "Ich werde Ihnen welchen mitgeben, Sie können ganz für sich allein davon kosten." Sie lachte. "Was soll ich Euch dann sagen, wenn er wieder so einen scheußlichen Geschmack hat?" "Dann sagen Sie einfach: Das war auch kein echter Ziegenkäse!"

Regina sprach ihn abermals wegen des ominösen fliegenden Teppichs an, und diesmal klärte Wolfram sie über die Zusammenhänge auf. Er hatte ihn aus Mailand mitgebracht und dem Meister der königlichen Teppichmanufaktur übergeben. "Also war er nicht für den König selbst bestimmt?", fragte Regina. "Der König hielt sich gerade in seiner Pfalz hier in der Nähe auf und ich wusste, daß ein Bekannter von mir ihn begleitete, ihm habe ich den Teppich übergeben. Das war alles."

"Das war alles? Ihr habt unsere Kinder damit in helle Aufregung versetzt!" "Ja, das war ein Spaß", lachte er, "sie wollten unbedingt damit fliegen." "Wundert Euch das, wenn Ihr ihnen erst solche Flausen in den Kopf setzt." Er schaute sie an, um zu sehen, ob sie es ihm ernstlich übelnähme oder ihn bloß necken wollte, ihr Miene sah aus, als erwarte sie eine Rechtfertigung.

Er sagte "Stellen Sie sich vor, Regina, ich hätte die Kinder wirklich damit fliegen lassen und es wäre dabei ein Unglück geschehen; nicht auszudenken, was für Vorwürfe ich mir hätte machen müssen? Wir würden uns jetzt kaum so vergnügt unterhalten." "Dann war es bloß eine Ausrede, daß Ihr den Zauberspruch angeblich vergessen hattet." "Das habe ich nicht gesagt. Ich habe ihn nur nicht verraten." "Habt ihr ihn dem König verraten?" "Nein. Für den König ist es ein Meisterwerk der Teppichweber Kunst." "Er ist aus Italien, sagtet Ihr." "Er ist aus dem Schatz des Bischofs von Mailand; ursprünglich kommt er aus Persien. Der Mailänder Bischof hat ihn dem König geschenkt, als Dank dafür, daß der ihn zum Bischof gemacht hat. Übrigens sehr zum Ärger von Papst Gregor. Der König macht sich gerade keine Freunde in Rom."

Später zeigte Wolfram ihr einige wertvolle Gegenstände, die er auf seinen Reisen erworben oder auch "erbeutet" hatte, wie er freimütig zugab. Darunter waren ebenfalls Teppiche mit wunderbaren Mustern und Farben, Vasen und Kelche, Schmuck und Waffen. Er zeigte ihr ein Krummschwert, das er einem Seldschuken in Suleimans Heer aus der erstorbenen Hand nahm, nachdem er ihn im Kampf besiegt hatte. "Wo war das?", wollte Regina wissen. "In einer gottverlassenen Gegend in Anatolien", antwortete er, und für einen Moment versank er in tiefes Schweigen.

Dann sagte Regina vorsichtig "Als Ihr mich dort im Grauen Tal von den gemeinen Kerlen befreit habt ... hättet Ihr sie getötet, wenn meine Entscheidung anders ausgefallen wäre?" "Ja, ich musste sie befolgen." "Ich hätte es mitansehen müssen." Wolfram zögerte, dann sagte er "Ich hätte Sie aufgefordert, sich abzuwenden und die Ohren zu verschließen, bis ich Ihnen ein Zeichen gegeben hätte, daß alles vorbei ist." "Das wäre nicht das erste Mal gewesen?" "Nein", antwortete er ohne mit der Wimper zu zucken.

In der Salzsiederei hatten sie Philipp wiedergetroffen, der mit Attila, Hans und Marie, wie die beiden andern Kinder hießen, den Leuten bei der Arbeit zuschaute. Einer davon war Hans' Vater, und er hatte Philipp erklärt, wie das Salz gewonnen wird. Regina erfuhr es von Wolfram, der sagte, es gebe hier am Ort mehrere Quellen, deren Wasser einen hohen Salzgehalt aufweise. Man füllt es in Schalen und erhitzt es, bis es siedet. Das Wasser verdampft schließlich, und übrig bleibt Salz.

Regina sah, daß die Schalen, in denen es gesotten wird, aus gebranntem Ton waren, und hinterher teilte sie Wolfram ihren Plan von der Töpferwerkstatt in Friederode mit und Wolfram erklärte sich bereit, sie dabei zu unterstützen, wenn Sie das wünsche. Auch gebe es hier eine Tongrube, in der, soweit er wüsste, recht guter Ton gewonnen wird. "Ich könnte veranlassen, daß Ihnen eine Ladung nach Friederode gebracht wird." "Ich würde ihn auch selber holen", sagte Regina und Wolfram bestand zumindest darauf, daß er die Kosten übernimmt.

Am frühen Nachmittag machten sich Regina und Philipp bereit für die Heimreise. Eben hatten sie noch Wolframs Pferde bewundert, und Philipp hatte sich von seinen neuen Bekannten und von Attila verabschiedet. Von Langenau's Köchin hatte den beiden einen großen Proviantkorb mitgegeben und Regina gefragt, ob sie lieber den einfachen Ziegenkäse oder den mit Kräutern angereicherten mag, und sie hatte sich für letzteren entschieden. Ritter von Langenau überließ ihnen den Kutscher mit dem Karren aus der Hufschmiede, er bezahlte die Fahrt.

Regina bedankte sich für seine Großzügigkeit und für den angenehmen Aufenthalt. Zwischendurch hatte sie sich fast gewünscht, er möge noch länger dauern, und sie hatte sich sogar vorgestellt, wie es wäre, wenn sie selbst einen solchen Hof bewirtschaften und dann jeden Tag über alles schalten und walten würde. War das nur ein flüchtiger Gedanke gewesen, beflügelt von dem Verlangen nach einem Ort, wo sie und ihre Liebsten frei und ungestört leben könnten? Beim Abschied umarmte Wolfram sie wie einen Freund, und auch wenn sie davon überrascht wurde, so erwiderte sie doch wie selbstverständlich seine herzliche Berührung.

"Weißt du, was ich letzte Nacht geträumt habe", sagte sie unterwegs zu Philipp, "daß diese Kappe, die du dir beim Kleiderhändler gekauft hast, eine Tarnkappe ist, die unsichtbar macht." "Du spinnst", entgegnete Philipp. "Freundchen, sprich nicht so mit deiner Mutter", sagte sie gleichmütig. "Soll ich es etwa überprüfen?" "Wenn du willst. Aber bedenke, daß du dann weg bist und niemand kann mehr etwas für dich tun." Philipp schwieg und überlegte, dann fragte er "Wie würde man wieder sichtbar werden?" "Ich weiß nicht, vielleicht setzt man sie einfach ab." "Ich sage dir Bescheid, wenn ich es ausprobiere."

Nach einer Weile fragte er "Hast du sonst noch so was geträumt?" "Nein. Oder doch. Aber das geht nur mich etwas an." "Mama, hast du Geheimnisse vor mir?" Sie lachte kurz auf, aber es war ein gezwungenes Lachen. "Es ging um Ritter Wolfram und um Pauline", sagte sie dann wahrheitsgemäß, und war doch froh, daß Philipp nicht weiter fragte. Er sagte "Dieses Radisleben, das muss doch irgendwo hier in der Gegend liegen." "Dieses was?" "Radisleben. Wo die Frau in dem Gasthaus das Bier her hat." "Ich dachte, das kam aus Gotha." "Ja, aber das andere Bier." "Frag' doch mal den Kutscher."

Er tat es, und der meinte, Radisleben läge in Richtung Eisenach, hinter Ruhla, es gebe dort auch einen berühmten Schmied namens Thoralf." "Oh ja", rief Regina, "von dem Schmied habe ich auch schon gehört, er hat die riesigen Nägel für das Mühlenrad gemacht." "Ich meinte aber Radisleben und nicht Ruhla." "Warum willst du das denn unbedingt wissen? Willst du dir dort Bier besorgen?", fragte sie belustigt. "Nein", knurrte er unwillig.

Regina schaute ihn von der Seite an. "Hallo, mein großer Sohn! Ich denke, wir haben keine Geheimnisse voreinander?" Philipp sah weg. Aber dann hielt er es nicht länger aus und sagte "Da war auf dem Fest ein Mädchen, das kam von dort." Regina hatte alles erwartet, nur das nicht. Sie war sprachlos. Philipp sagte "Was guckst du mich denn so an?" "Ich ... ich bin ... Ach, jetzt verstehe ich: du willst nach Radisleben wegen diesem Mädchen?" "Wäre doch möglich."

"Ja! Natürlich! Weißt du denn, wie sie heißt?" "Norah." "Oh, was für ein schöner Name. Norah aus Radisleben. Was hatte sie auf dem Fest gemacht?" "Ihr Vater ist Bierkutscher, sie hatten Bierfässer hergebracht." "Ah, jetzt klärt sich alles auf." "Nichts klärt sich auf! Mehr weiß ich überhaupt nicht von ihr." "Na ja, aber doch zumindest so viel, daß du sie wiedersehen willst." "Und wie soll ich das bitteschön anstellen?"

"Hm", machte Regina, "immerhin ist schon mal klar, in welcher Richtung du sie suchen musst. Und dann ... wenn ihr Vater Bierkutscher ist ... macht sie denn dabei mit?" "Es sah jedenfalls so aus, sie wusste genau Bescheid. Ich habe ihr beim Abladen geholfen, sie hat mir gesagt, was ich tun soll." "Oh, dann hat sie dich ja schon voll im Griff." "Was?" "Ha!", rief Regina so laut, daß der Kutscher zusammenzuckte, "ich hab's. Als es um's Bier auf dem Fest ging, hat Ritter Beheim gesagt, er wüsste schon jemand, der es liefern würde. Jetzt stell' dir mal vor, er kennt den Bierkutscher von Radisleben!" "Wenn es genau der ist", wandte Philipp ein. "Da müssen wir jetzt fest dran glauben."

Sie waren schon fast am Ziel, als Philipp sagte "Mal angenommen, ich würde Norah besuchen wollen. Dürfte ich?" "Du willst allein nach Radisleben?" Er zuckte mit den Schultern. "Ich würde es mir zutrauen." Regina überlegte. Sie sagte "Ich sehe das so: vermutlich willst du nicht, daß ich mitkomme, ich meine, ihr Vater ist zwar auch bei ihr, aber das hat seinen Grund, und ich könnte nicht so recht sagen, warum ich dich begleite, außer auf dich aufzupassen, und das wäre dir sicher peinlich." "Da hast du recht." "Andererseits: ich glaube, ich hätte keine ruhige Minute, wenn ich mir vorstelle, daß du da irgendwo umherwanderst und dir weiß Gott was zustoßen könnte. Verstehst du das auch?" "Ja." "Können wir darüber nochmal sprechen, wenn es soweit ist?" "Ja, ist gut", sagte Philipp, und nach einer Weile fügte er hinzu "Mama, ich bin richtig froh, daß wir uns haben. Nur daß Susanna nicht bei uns ist, das macht mich manchmal so traurig." Sie drückte und küsste ihn und sagte "Bald werden wir alle zusammen sein. Ich verspreche es."

Pauline freute sich über das Garn, ihre Vorräte waren schon fast aufgebraucht. Regina richtete ihr die Grüße der Garnhändlerin aus und gab wieder, wie eindringlich sie gesprochen hatte. Pauline lachte. "Ja, das sieht ihr ähnlich. Es wundert mich, daß sie nicht auch noch mit den dicken Socken gekommen ist, das ist nämlich überhaupt das Wichtigste auf der Welt."

Pauline gefiel auch Reginas Kleid und sie lauschte dem Bericht von der Übernachtung in der Herberge, dem seltsamen Traum und der anschließenden Begegnung mit Ritter von Langenau. "Du hast gewusst, daß er dort wohnt", sagte Regina mit einem Augenzwinkern. Pauline setzte eine unschuldige Miene auf. "Hatte ich das nicht erwähnt?" "Gib' zu, du hast es mir verschwiegen." "Ich fand es nicht so wichtig. Du bist doch nicht wegen Ritter von Langenau dort gewesen." "Natürlich nicht", lenkte Regina ein, "aber vielleicht hätte ich mich schneller wieder gefangen, ich war ja wie vor den Kopf gestoßen."

"Ach, vergiss das. Er hat es sicher nicht bemerkt. Und wenn er's bemerkt hat, dann war er galant genug, darüber hinwegzusehen." "Das stimmt. Du scheinst ihn ja gut zu kennen." Pauline machte mit der Hand eine unbestimmte Geste. "Ich habe ein paar Mal dort auf seinem Hof gearbeitet." "Du warst dort?", rief Regina beinahe erschrocken. "Das war, als er ihn gerade gekauft hatte, da waren einige von uns dort und haben sich um alles gekümmert. Er war nicht oft da, ist ja überall umhergereist." "Das hat er mir erzählt, er war sogar in Byzanz." "Ja, kann schon sein." "War da nie eine Frau bei ihm?" "Ob er Liebschaften hatte?", sagte sie kühl. "Ich meine, ob er verheiratet war", verbesserte sich Regina. "Er war es wohl lange davor. Es soll angeblich eine ziemlich tragische Geschichte gegeben haben. Manche sagen, es hätte ihm das Herz gebrochen", sagte Pauline und setzte hinzu "ich finde aber nicht, daß er wie ein Mann mit gebrochenem Herzen wirkt." "Nein, das finde ich auch nicht", bestätigte Regina.

Erst hinterher, als sie über Paulines Worte nachdachte, wurde ihr bewusst, daß ihre Einschätzung weniger von Anerkennung als vielmehr von Zweifel genährt sein konnte. Obwohl Regina nahe daran war, ihr alles zu erzählen, hatte sie jetzt das Gefühl, es lieber für sich zu behalten und so zu tun, als wäre es bloß bei der zufälligen Begegnung auf der Gasse und bei einem kurzen Gespräch geblieben. Aber zugleich bedrückte es sie auch, denn gegenüber Pauline wollte sie nichts weniger als unaufrichtig sein. Und außerdem hatte Pauline sicher den Proviantkorb gesehen und sich womöglich einen Reim darauf gemacht.

Es war wirklich seltsam! Als sie vor der Hufschmiede Wolfram gegenüberstand, hatte sie sich mit aller Kraft einzureden versucht, sie müsse ihm unbedingt widerstehen. Denn ihr schwirrten noch all' die Eindrücke im Kopf herum, die sie bis jetzt von ihm gewonnen hatte, und die waren leider so beschaffen, daß sie ihren Verstand lahmlegten und in ihrem Innern Verwirrung stifteten. Deshalb konnte sie kein Wort herausbringen. Genau betrachtet, war der Traum eine Vorwarnung gewesen, auf die Gefahr, die ihr drohte und die sie doch nur selbst heraufbeschwor.

Aber dann, in seiner Gesellschaft, waren alle Bedenken und Befürchtungen verflogen, und sie hatte, abgesehen von dem kleinen Ausrutscher am Graben, ihre Selbstsicherheit völlig zurückerlangt. Deshalb war dieser Tag so erfolgreich gewesen, weil es ihr gelungen war, sich selbst zu überwinden und Ritter Wolfram endlich ohne Scheu und ohne sich zu verstellen, gegenüberzutreten, wo sie bis jetzt unwillkürlich vor ihm zurückgewichen war.

Regina stürzte sich voller Tatendrang in die Errichtung ihrer kleinen Werkstatt. Die Hütte hatte zwei hintereinander liegende Räume und drei Kammern, von denen eine so eng war, daß man kaum die Arme ausstrecken konnte. Aber es stand eine Leiter darin, die auf einen Oberboden führte, wo mehr Platz war. Auch schien die Zwischendecke fest genug, so daß man etwas abstellen konnte, allerdings musste man es erst einmal hier hoch bekommen, und Regina hatte die Idee, auf der Rückseite eine Öffnung in die Dachschräge einzufügen, die man mit einer Luke verschließen könnte.

Der Raum nach vorn hatte zu beiden Seiten des Eingangs zur Straße hin je ein Fenster und war leer bis auf einen Kamin, einen Tisch mit wackligen Stühlen und einen großen Schrank, der einmal mit Blumenmotiven bemalt gewesen war und in dem ein altes Paar Schuhe stand. Hier an einer Wand sollten, stellte sie sich vor, auf Regalen die fertigen Töpferwaren ihren Platz finden. Außerdem konnte man zum Kamin einen Herd hinzusetzen sowie eine kleine Anrichte mit Spüle. Regina überlegte auch, ob man mittels eines einfachen Vorhangs aus Leinentuch einen extra Bereich abtrennen könnte.

Eine offene Tür führte in den zweiten Raum, den Regina als eigentliche Werkstatt nutzen wollte. Meister Skagen hatte ihr eine gebrauchte Drehscheibe besorgt (die sie ihm abkaufte), die stand jetzt schon in einer Ecke; und an der andern Seite waren auf einem langen, schmalen Tisch die Arbeitsgeräte abgelegt.

Durch den breiten Hinterausgang gelangte man ins Freie auf einen kleinen Hof, der rechts von dem flachen Stallgebäude begrenzt war, dessen Dach an ein paar Stellen Löcher hatte und in dem sich innen alte Schweinekoben aus morschen Holzlatten befanden. Aus irgendeinem Grund hatte der Stall eine Feuerstelle mit einem Schlot, und an der Wand war trockenes Brennholz gestapelt.

Auf dem Hof war eine Grube, die zwar voll mit Sand, Steinen und Ästen war, in der man aber, dachte Regina, den Ton lagern und feucht halten konnte. Es gab auch einen kleinen Brunnen, der glücklicherweise mit einer Steinplatte abgedeckt gewesen und daher sauber geblieben war. Auf einem Haufen lag altes Gerümpel, eine Schubkarre, leere Fässer, ein Joch für Ochsen, allerlei Eisenzeug. Abseits waren etliche Ziegelsteine aufgeschichtet.

Die beiden anderen Kammern waren trocken und die Wände waren auch am Fußboden in gutem Zustand. Es passten jeweils geradeso zwei Betten hinein, mit einem fußbreiten Gang dazwischen. Wie sie allerdings zu dritt hier einigermaßen bequem wohnen sollten, das war Regina jetzt noch völlig unklar.

In der ersten Woche hatte Regina vor, sich selbst an ihr neues Domizil zu gewöhnen. Mit Hilfe von Helenes Onkel hatte sie einige unentbehrliche Gerätschaften mitgebracht, und er half ihr auch, den Brunnen soweit herzurichten, daß sie frisches Wasser daraus schöpfen konnte. In dem Gerümpelhaufen hatte sie einen Kessel gefunden, und aus Ziegelsteinen baute sie direkt am Hinterausgang einen kleinen "Herd", so daß der Rauch nach draußen abziehen konnte; sie machte erst mal nur Wasser warm. (Etwas zu essen hatte sie dabei.)

Mit drei mit Seegras gefüllten Strohsäcken und allerhand Wolldecken bereitete sie sich eine Bettstatt, und als sie sich am Abend niederlegte, war sie so müde, daß sie gleich einschlief. Aber in der Nacht wachte sie auf und hörte, wie die Hintertür knarrte, und auf dem Zwischenboden trappelte es hin und her. Dann scharrte das Pferd, das sie im Stall untergebracht hatte, mit den Hufen, und schließlich rief auf einem Baum ein Käuzchen kläglich in die Dunkelheit. Regina zog sich die Decke über den Kopf und flüsterte das Gebet an den Heiligen Sebastian, das einzige, das sie sicher beherrschte und das lang genug war, damit sie wieder in den Schlaf fiel.

Getreu dem Sprichwort "Frisch gewagt ist halb gewonnen", machte sie sich am nächsten Morgen gleich ans Töpfern. Sie hatte einen Ballen Ton mitgebracht, und die Drehscheibe so zurechtgerückt, daß sie genug Bewegungsfreiheit hatte. Sie begann mit einer Schale, und hatte Mühe, die Masse in die Mitte zu bekommen.

Als sie den Boden halbwegs fertig hatte, schien es, als ob sich ihre Hände weigerten weiterzumachen. Sie unterbrach dauernd ihre Arbeit und ließ ihre Blicke von einem Ende zum andern schweifen und dieser kahle, stumme, fremde Ort wirkte wie lähmend auf sie ein. Sie vermisste Hannes und Wilfried, Meister Skagen und die anderen, sie vermisste sogar ihre alte Drehscheibe, der sie manchmal gut zugeredet hatte wie einem unermüdlichen Diener.

Sie quälte sich über den Tag, schlich verloren herum, suchte in dem Gerümpelhaufen nach - sie wusste nicht was, und am Abend hatte sie alle Gefäße wieder zu einem einzigen Klumpen zermanscht. Die Nacht war schrecklich. Sie träumte von wunderschönen Krügen, die ihr aus den Händen rutschten und auf dem Boden in tausend Stücke zerbrachen, von Schlangen, die aus alten Schuhen hervorkrochen, sich an ihr hochkämpften und ihre Giftzähne, so lang wie die Gräten eines Karpfen, in ihre Wangen schlugen, und schließlich brach die meterdicke Decke einer Kammer über ihr ein und begrub sie bei lebendigem Leibe.

Morgens stieg sie auf ihr Pferd und machte sich auf den Weg zurück zur Burg. Sie ging zu Pauline, um Philipp abzuholen, sie dachte schon daran, mit ihm nach Radisleben zu reiten, nur um von hier wegzukommen. Aber Pauline war nicht da, die Nachbarin wusste, daß er bei Matthias ist. Matthias' Mutter meinte, die Jungen wären doch mit dem Meister Immenberg unterwegs, der neuerdings die Kinder auf der Burg in der Naturkunde unterwies. "Ach so, stimmt ja", murmelte Regina wie abwesend, und Matthias' Mutter sagte "Was haben Sie denn da für Kratzer auf der Wange?" "Bitte? Ach, das ist nichts weiter."

Sie ritt wieder hinunter nach Georgental zu Meister Skagen. Aber der war nicht da und Wilfried auch nicht und Hannes auch nicht, und sie sagte zu der Frau, die gerade in der Werkstatt aufräumte und die sie nie zuvor gesehen hatte, sie möchte doch bitte dem Meister ausrichten, ob sie, Regina, eventuell den Zimmermann, der auf dem Markt den Stand aufgebaut hat ... und Regina sprach nicht weiter, als sie sah, daß die Frau schon beim dritten Wort überfordert war, es sich zu merken.

Sie nahm wieder all' ihren Mut zusammen und kehrte zurück nach Friederode, obwohl ihr zumute war, als wollte sie sich in die Fluten der Unstrut stürzen. Vor dem Häuschen saß ein Kerl in abgetragenen Sachen, unrasiert und mit schmutzigen Händen voller halbverheilter Schrammen, eine speckige Mütze auf dem Kopf; nur seine Schuhe waren gut erhalten. Als er sie sah, rappelte er sich auf, riss die Mütze herunter und sagte "Gute Frau, kann ich Ihren Mann sprechen?"

"Der ist nicht da", versetzte sie barsch. "Wann kann man denn mit seinem Wiedereintreffen rechnen?", fragte er bemüht vornehm. "Demnächst. Was wollen Sie von ihm?" "Oh, nennen Sie mich ruhig Dietmar. Ich möchte ihn fragen, ob ich bei ihm arbeiten kann." "Als was?" "Wie, als was?" "Was können Sie denn?" "Nennen Sie mich ruhig Dietmar. Ich kann so gut wie alles."

Regina war abgestiegen und führte ihr Pferd außen vorbei in den Hof; er folgte ihr, er klammerte sich immer noch an seine Mütze. "So so", machte Regina, "Dietmar. Könnten Sie ... könntest du auch das Dach da ausbessern?" "Sie meinen die Löcher? Krieg' ich hin." "Und da drin die alten Lattenverschläge müssten raus." "Wird erledigt." "Ach so, und diesen Herd da, na ja, so was ähnliches soll vorne neben den Kamin hin." "Mach' ich gerne, gute Frau." "Ich heiße Regina Sahlmann." "Sie sind sehr gütig, Frau Sahlmann." "Hm", machte sie und überlegte, ob sie ihn nicht lieber wieder fortschicken und die ganze Sache nochmal gründlich durchdenken sollte.

"Soll ich dann anfangen?", fragte er schnell. "Was?" "Soll ich dann mit dem Dach anfangen?" "Wieso riecht das hier so nach Branntwein? Ich hab' überhaupt keinen im Haus." "Ich rieche nichts. Vielleicht kommt das von woanders her." "Hm. Wissen Sie ... weißt du ... eigentlich wäre es mir lieber ..." "Ich fang' einfach mal mit dem Dach an. Und wenn Sie meinen, daß was anderes dringender ist, dann mach' ich das erst."

Er nahm die Schubkarre und verschwand damit; er kam nach einer Weile wieder, beladen mit Holzleisten, Brettern, einer Rolle mit Birkenpech beschichteter Leinwand und Werkzeug. Regina sagte "Und wenn du doch erst den Herd machst?" "Wird erledigt", erwiderte er, machte die Schubkarre leer und verschwand damit. Er kam wieder mit einem Holztrog voll Lehm und noch mehr Werkzeug.

Regina fragte verwundert "Wo holst du das alles her?" "Von mir", antwortete Dietmar. "Wo ist das?" "Gleich nebenan. Hier der Zaun, der gehört praktisch zu uns beiden." "Zu wem?" "Zu Ihnen und mir." Regina schaute hinüber auf die völlig verwilderte Brache, und sie konnte zwischen den Sträuchern ein paar halbverfallene Schuppen erkennen." "Da wohnst du?" "Ja, schon immer." Er griff nach dem Trog, verfehlte ihn aber und meinte "Na, dann hol' ich erst mal die Steine." "Warte, ich helf' dir mit dem Trog." "Ja, danke. Gleich rein damit."

Sie schleppten ihn nach vorn. Dann brachte er die Ziegelsteine, einen Eimer Wasser und so etwas wie eine Kelle. Aus dem Gerümpelhaufen hatte er eine Eisenplatte hervorgezogen. "Wie soll das denn genau aussehen?" Regina beschrieb es ihm. "Krieg' ich hin", sagte er und fing an. Als er sich bückte, fiel er hintenüber und landete auf dem Hintern. "Ei, verflucht! Ist der Boden hier schräg?" "Nein, ist er nicht", sagte Regina und zog die Brauen zusammen.

Sie ließ ihn machen und kümmerte sich inzwischen um die alten Schweinekoben im Stall. Als es dämmerte, ging sie wieder nach vorn. Dietmar war nicht mehr da. Sie betrachtete den Herd, den er gemauert hatte. Er war krumm und schief. Sie dachte: 'Wie werde ich den Kerl wieder los?' Sie ging nach hinten und schaute hinüber zu den Schuppen, kein Lebenszeichen war zu sehen. Sie lud sein Zeug auf die Schubkarre und fuhr damit vor sein Tor zur Straßenseite, dort ließ sie die Karre einfach stehen.

Am nächsten Morgen hörte sie Dietmar am Hintereingang rufen "Frau Sahlmann? Sind Sie schon auf?" "Ja, ich komm' gleich", sagte sie und überlegte. "Guten Morgen, Frau Sahlmann." "Guten Morgen, Dietmar. Ich hatte dir doch deine Sachen vor die Tür gestellt, ich habe beschlossen ..." "Wo vor die Tür?" "Vorne, auf der Straße. Bist du nicht dran vorbei?" "Nein, ich bin gleich hier durch den Stall gekommen." "Durch den Stall?" "Da ist auch eine Tür an der Längswand, haben Sie die noch nicht gesehen?" "Nein." "Und wo ist jetzt das ganze Zeug?" "Das hab' ich dir gestern noch vorne ..." "Das stand die ganze Nacht da rum?" "Ich hatte beschlossen ..." "Oh, Frau Sahlmann, das war unklug von Ihnen, wenn wir Pech haben, ist da jetzt bloß noch der blinde Fleck." "Der was?" "Der blinde Fleck, das ist, wo man nichts mehr sieht."

Er ging außen herum nach vorn, und Regina sah, wie er schwankte, und da war auch wieder der Branntwein Geruch. Dann kam er um die Ecke, mit der aufgetürmten Schubkarre, und rief "Nochmal gutgegangen!" Er beugte sich zu weit nach rechts, und die Fuhre kippte um, aber es war ja nichts Zerbrechliches dabei.

Er machte sich ans Dach. Er wusste, daß hinter dem Stall im hohen Gras eine Leiter lag. Er schaffte alles einzeln auf's Dach, er wuchtete die schwere Leinwandrolle hinauf. Regina hatte ihn gefragt, ob sie ihm helfen solle. "Nein danke. Krieg' ich hin." Regina hantierte vorn, sie hörte Dietmar wie wild hämmern. Sie versuchte, sich mit dem Herd anzufreunden, aber er blieb unverändert abstoßend.

Sie war gerade dabei, sich wieder an die Töpferscheibe zu wagen, als es draußen krachte und Dietmar vom Dach gefallen war. Sie sprang auf und rannte hin. Er lag am Boden und wand sich und sagte keinen Mucks. Er hatte wahrscheinlich Glück gehabt, daß er sich an der Leiter festgehalten hatte und daran runtergerasselt war.

"Bist du verletzt?", rief sie aufgeregt und hielt ihre Hände wie schützend über ihn. "Geht schon", presste er mit Mühe hervor. Und tatsächlich stand er gleich wieder auf den Beinen, musste sich aber an der Bretterwand abstützen. "Willst du dich drin hinsetzen?" "Ach was", winkte er ab, "ich muss nur mal kurz ..." Er verschwand hinterm Stall, und als er wiederkam, brachte er eine neue Wolke Branntwein mit.

Regina fand es unmöglich. Sie ging nach vorn. Kurz darauf kam sie zurück. Sie sagte "Hör' mal Dietmar, ich habe beschlossen, daß ich ab sofort auf deine Hilfe verzichte. Ich will dich hier nicht mehr sehen, hast du verstanden!" Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging in die Werkstatt, sie schloss hinter sich die Tür.

Abends schaute sie auf den Hof, von Dietmar und seinem Zeug keine Spur! Die Schubkarre stand wieder am alten Platz, aber auch das Loch im Dach war noch da. Am nächsten Tag versuchte sie es abermals mit dem Töpfern, und es ging zügig voran, bis Mittag schaffte sie zwei Krüge und eine Schale. Aber am Nachmittag schlich sie wieder trübselig herum. Sie stand lange mit verschränkten Armen vor dem krummen Herd. Dann prüfte sie, ob der Lehm schon getrocknet war und man ein Feuer machen könnte. Besser, sie wartete noch damit.

Tags darauf arbeitete sie bis zum frühen Nachmittag, und da merkte sie, daß sie um keinen Preis aufhören wollte, und als sie sah, daß fast kein Ton mehr da war, bekam sie regelrecht Angst davor, untätig und mutterseelenallein an der leeren Töpferscheibe zurückzubleiben und im kalten Nebel der Verlassenheit zu versinken.

Sie ging in den Stall und fand die Tür in der Wand, und von da aus ging ein Trampelpfad durch die Wildnis, und als sie vor dem ersten Schuppen stand, rief sie "Dietmar? Bist du da?", bekam aber keine Antwort. Sie rief noch dreimal, alles blieb still. Sie drehte sich um und ging zurück, da hörte sie Dietmar sagen "Sie haben nach mir gerufen, Frau Sahlmann?"

Sie näherte sich ihm auf drei Schritt und sagte "Ja. Es ist so: Ich habe jetzt auf die Schnelle niemand finden können ... und das Dach vom Stall ... du weißt ... die Löcher. Also, wenn du willst, kannst du morgen weitermachen." Sie erhob den Zeigefinger. "Aber nur unter der Bedingung, daß du dir ein bisschen mehr Mühe gibst und bei der Arbeit nicht so viel trinkst." Dietmar sagte "Das krieg' ich hin!"

Als Regina wieder auf der Burg war, hatte Ritter Beheim sie gefragt, ob er irgendetwas für sie tun könnte, er habe schon mehrfach versucht, sie zu erreichen. "Wie es scheint, sind Sie ja vollauf beschäftigt", fügte er hinzu. "Ja. Nein. Ich meine, ja, ich habe alle Hände voll zu tun. Und vielen Dank, Ritter Beheim für Euer Angebot, aber ich denke, ich schaffe das allein." (Beinahe hätte sie Dietmars Lieblingssatz gebraucht.)

Beheim war feinfühlig genug, um zu spüren, daß in ihren Worten eine gewisse Zurückweisung lag, die er sich nicht erklären konnte. Regina saß am Tisch in ihrer Stube und schrieb und zeichnete auf mehreren Bögen Pergament alle möglichen Berechnungen und Entwürfe für ihre Werkstatt. Und obwohl Beheim Gefahr lief, sie dabei zu stören, setzte er sich ihr gegenüber und schaute ihr eine Weile schweigend zu; sie schien ihn nicht zu beachten.

Dann meinte er "Philipp hat mich nach dem Bierkutscher von Radisleben gefragt." "Bitte?" Er wiederholte es. "Ach ja, der Bierkutscher und seine Tochter", sagte sie, "Philipp hat sich in den Kopf gesetzt, dieses Mädchen zu besuchen." Dann fragte sie Beheim immerhin "Wie weit ist das? Könnte er da allein hinreiten?" "Man braucht etwa drei Stunden. Aber ich glaube, Philipp ist noch nicht sicher genug auf dem Pferd." "Bitte?" "Ich sagte, Philipp kann noch nicht so gut reiten, für eine längere Strecke reichen womöglich seine Kräfte nicht aus." "Hm." Beheim fügte hinzu "Außerdem sind in letzter Zeit mehrere Handelsfuhren überfallen worden, wir vermuten, daß die Rabensteiner dahinterstecken, und der Weg nach Radisleben führt auch durch Rabensteiner Gebiet." Regina hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Sie kritzelte angestrengt auf dem Pergament herum, sie war wohl alles andere als zufrieden mit ihren Ideen.

"Was soll das werden?", fragte er und deutete auf eine Zeichnung. "Was? Das hier? Das ist der Grundriss von dem Stall. Ich habe mir überlegt, daß man ihn ausbauen könnte, das ganze alte Zeug raus und eine neue Einrichtung rein." "Das hört sich gut an. Wer soll das machen?"

Sie schwieg, und Beheim glaubte, sie habe seine Frage überhört, dann murmelte sie "Da ist jemand, der das kann." "Ein Zimmermann?" "Ja, so etwas ähnliches. Er kann eigentlich alles. Sagt er jedenfalls, aber man muss ihm ein bisschen auf die Finger schauen." Beheim lachte. "Ja, das ist bei den Handwerkern in den Dörfern meistens so." "Und außerdem ist er ..." Sie unterbrach sich. "Außerdem ist er was?" "Ach, nichts. Ich kenne ihn ja noch nicht lange."

Es war nur eine Kleinigkeit. Aber es wurmte Beheim, daß sie ihm etwas verschwieg, das er offenbar nicht wissen sollte, zumal es um einen anderen Mann ging. Und so viel verstand er von Frauen: daß sie nämlich alles Neue besonders reizvoll finden. Es löste in ihm die Befürchtung aus, er müsse mitansehen, wie sich Regina allmählich (und vielleicht unbewusst) wieder von ihm abwenden würde, und er könnte nichts dagegen tun, weil es natürlich ihre eigene, freie Entscheidung wäre, die er respektieren müsste.

Er kam sich vor wie einer, der versuchte, einen Wasserlauf umzukehren, und er fing an, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie er sie doch noch für sich gewinnen könnte. Hätte er gewusst, um wen es sich da handelte, er hätte ganz sicher über seine Eifersucht lachen müssen, aber so war es nun mal nicht.

Auch Pauline nutzte die Gelegenheit, mit Regina zu sprechen. Sie sagte, Philipp könne gern noch eine Weile bei ihr und Helene wohnen, und Regina schaute von ihren Unterlagen auf und meinte "Ach, Pauline, ich bin dir so dankbar, ich weiß nicht, wie ich das wieder gutmachen soll." Und zeichnete gleich weiter. Dann fiel ihr noch ein "Ihr könnt ja auch hier bei uns wohnen, wenn ..." "Du meinst, ich soll Philipp und Helene hier schlafen lassen?" "Unsinn. So hab' ich das nicht gemeint. Nur, mir wäre es auch ganz recht, wenn ... ach, ich weiß nicht genau ... das hier wächst mir alles über den Kopf."

Pauline blieb unbeeindruckt. "Aber irgendwann musst du dich auch selber wieder um Philipp kümmern." "Was?" Sie fasste Reginas Hand und hielt sie fest. "Hör' mir zu! Ich glaube, du solltest mal eine Pause machen. Du siehst schon ganz blass aus." "Ja, ich weiß. Aber wenn ich das nicht fertigkriege, dann ist aus der Traum mit meiner Werkstatt." "Ist er nicht! Es dauert bloß etwas länger. Bis jetzt hat doch auch alles geklappt." "Nein! Du weißt genau, daß ich erst Ruhe finde, wenn Susanna hier ist." "Na, dann holen wir sie eben", sagte Pauline wie selbstverständlich. "Ha! Wie stellst du dir das vor, wovon sollen wir denn leben? Meine Ersparnisse sind aufgebraucht. Und Schulden hab' ich obendrein."

"Meine Mutter hat immer gesagt: wo zwei satt werden, da werden auch drei satt. Und außerdem: wir sind auch noch da." Reginas Blick ging ins Leere, sie sah erschöpft aus. Sie sagte "Vielleicht sollte ich doch einfach mit Philipp nach Radisleben, und das hier für ein paar Tage sein lassen." "Das ist eine famose Idee. Er freut sich da schon riesig drauf. Obwohl es Helene gar nicht gefällt." Pauline lachte, und Regina lachte auch.

Sie sagte "Ich glaube, er hat sich wirklich in diese Norah verliebt." "Ja, es sieht so aus. Übrigens, die Jungen haben letztens den Schwarzen Reiter wiedergesehen, der damals Philipp vor dem Bären gerettet hat." "Wirklich? Wo?" "In der Nähe vom Ochsenloch, das ist diese Höhle ..." "Ich weiß, wo das ist. Wieso waren die dort?" "Sie waren mit Meister Immenberg unterwegs, der gibt ihnen doch jetzt manchmal Unterricht, er ist so ein Naturmensch, aber er ist unheimlich klug, und Norbert vom Stein war dabei." "Der hat den Ritter auch gesehen?" "Nicht genau, die sind da alle irgendwie durch den Wald gestromert, und da ist er plötzlich aufgetaucht." "Und hatte er die Maske auf?" "Ja. Als er Norbert gesehen hat, ist er auf und davon. Norbert hat ihm hinterhergerufen, aber er hat sich nicht drum geschert." "Wer ist das bloß?" "Tja, das würden wir auch gern erfahren." "Weiß Ritter Beheim davon?" "Andreas? Ja, Norbert hat es natürlich gleich allen berichtet." "Mein Gott, dann war es ja gut, daß Norbert dabei war." "Das kannst du laut sagen. Wir haben uns überlegt, daß wir ihn zum Essen einladen, mein Bruder brät ein Spanferkel, und wir setzen uns alle mal gemütlich zusammen. Andreas hat auch schon zugesagt. Würdest du da mitmachen?" "Ja, natürlich." "Schön. Da freu' ich mich."

Pauline stand auf und ging um den Tisch herum. "Ach, Regina, ich muss dich mal wieder richtig drücken!" Das tat sie auch, und Regina streichelte ihren Arm und sagte "Oh, wenn ich euch nicht hätte, ich wär' schon lange verloren." "Darauf kannst du einen Frosch zerkrümeln", sagte Pauline und war überglücklich, daß sie Regina wieder ein Stückchen zurückgeholt hatte.

Doch leider, leider war das nicht von Bestand. Nach drei Tagen war Regina wieder in ihrer Werkstatt und sie staunte, was Dietmar in der Zwischenzeit alles geleistet hatte. Nicht nur das Dach war dicht, er hatte auch die alten Lattenverschläge herausgerissen und den Boden im Stall geebnet. Die Grube war geleert. Er hatte den Herd nochmal neu gebaut, mit der Eisenplatte obendrauf, und er hatte einen Topf hingestellt, in dem man kochen konnte. Die fertigen Gefäße standen aufgereiht in einem großen Regal, das er extra dafür zusammengezimmert hatte, und die Stühle knarrten nicht mehr, wenn man sich drauf setzte. Regina war überwältigt, sie hätte beinahe geheult.

Später entdeckte sie auch noch das Bett in der Kammer. "Wann hast du das alles gemacht?", fragte sie ihn. "Ach, das hat nicht lange gedauert, und das Bett, das hatte ich noch." "Hoffentlich musst du jetzt nicht auf dem Boden schlafen." Er lachte. "Nein, nein." Sie bemerkte, wie seine Hände zitterten, und Dietmar versteckte sie schnell hinter seinem Rücken, er sagte "Wie soll das denn nun weitergehen?"

Sie überlegte kurz und meinte dann "Die fertigen Gefäße müssen nach Georgental zum Brennen, aber es sind noch zu wenig. Könntest du die dorthin schaffen? Ich meine, nicht gerade mit der Schubkarre." "Ich könnte einen Wagen besorgen, mit einem Maulesel." Sie schaute ihn an. "Ich verstehe immer noch nicht ganz, wieso du nicht selber viel mehr machst, wo du doch immer alles bei der Hand hast." "Was sollte ich denn machen?" "Du könntest zum Beispiel als Fuhrmann arbeiten." "Ach, ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich brauche immer jemand, der mich in den Hintern tritt ... also, ich meine, der mir sagt, was ich tun soll, außerdem hat man mir so oft gesagt, ich wär' zu nichts nütze, daß ich schon selber davon überzeugt bin." Regina wollte widersprechen, aber dann fiel ihr ein, daß sie genauso gedacht hatte.

"Wenn du schon immer nebenan wohnst, dann weißt du doch sicher auch, wer vorher hier drin war?" "Ja. Meine Eltern." "Bitte?" "Mein Vater hatte den Hof." Dietmar deutete nach hinten. "Da hat auch noch das Stück Land bis zu den Weiden dort dazugehört." "Und du warst auch hier?" "Nein, ich hab' drüben gewohnt." Regina schüttelte den Kopf. "Das verstehe ich nicht." "Was gibt es da nicht zu verstehen, Frau Sahlmann. Meine Eltern wollten mich nicht im Haus haben. Also sollte ich drüben im Schuppen wohnen." "Und deine Eltern ... was ist mit ihnen ..." "Sind beide tot", sagte Dietmar und schaute schnell weg. "Das tut mir leid. Warum bist du nicht wieder hier eingezogen?" "Ach, was soll ich denn hier? Ich hab' doch drüben alles, was ich brauche." "Aber du bist ganz allein da drüben." "Ja und? Hier wäre ich auch allein."

Erst jetzt fiel Regina auf, daß Dietmar eigentlich gar kein hässlicher Bursche war. Er hatte sich sogar rasiert und gekämmt, und die speckige Mütze gegen eine ordentliche getauscht. Er hatte zwar noch diese Branntweinfahne, aber Regina meinte, sie hätte nachgelassen. Abends im Bett bekam sie plötzlich ein mulmiges Gefühl, als sie daran dachte, daß Dietmar seine Eltern womöglich umgebracht hatte, um sich für die schlechte Behandlung zu rächen. Aber dann würde er hier nicht so unbehelligt leben können, und er hätte wahrscheinlich auch gar nicht darüber gesprochen.

"Dann werde ich diese Woche noch ein paar Sachen fertig machen, und du besorgst inzwischen den Wagen und bringst sie nach Georgental", hatte sie zu ihm gesagt, und er hatte erwidert "Wird erledigt, Frau Sahlmann." Als er mit Wagen und Maulesel ankam, war noch jemand bei ihm, Dietmar sagte, das wäre der Schreiber vom Dorfvogt, namens Schmoll, er wollte sie für die Steuer schätzen.

"Was für eine Steuer?", fragte Regina, die der Sache nicht traute. "Die Steuer für das Gewerbe, das Sie in unserm Dorf betreiben wollen", sagte der angebliche Schreiber. "Welches Gewerbe soll das sein?" "Welches Gewerbe? Ich dachte, das sagen Sie mir, Frau Sahlmann." "Ich will hier eine Töpferei einrichten und die Ware verkaufen."

Sie setzten sich vorn an den Tisch, und der Schreiber Schmoll holte ein großes Buch aus seiner Tasche und schlug es auf, es bestand aus einer einzigen langen Liste über viele Seiten hinweg, in der alle nur denkbaren Tätigkeiten und Gewerbe aufgeführt waren, alle mit Nummern und den jeweiligen Steuern versehen. Er blätterte und ging mit dem Finger die Liste durch. "Also ... ah, hier haben wir's: Herstellung und Verkauf von keramischer Ware. Das macht zweieinhalb Groschen." Regina fragte Dietmar "Wieviel Kreuzer sind das?" "Sieben." "Im Jahr", ergänzte Schmoll, "und für dieses Jahr müssen sie den vollen Betrag entrichten." "Soll ich Ihnen das Geld geben?" "Ja." "Wie bestätigen Sie mir die Zahlung?" "Der Herr ist mein Zeuge." "Bitte?" "Der Herr hier ist mein Zeuge, daß ich es in Empfang genommen habe." Er wies auf Dietmar, der lächelte ihr zu.

"Ich bin gleich wieder da", sagte sie, holte das Geld und gab es ihm. Sie sagte "Ich würde gern vorn am Anger ein Schild aufstellen, mit einem Hinweis auf meine Werkstatt. Damit die Kaufleute darauf aufmerksam werden." "Sie meinen die Händler, die das Gebirge passieren." "Ja." "Das können Sie gern tun." Im Hinausgehen fragte er "Wollen Sie auch selbst mit Ihren Waren umherziehen?" "Nur, wenn es nötig ist." "Dann sollten Sie jemanden zur Sicherheit mitnehmen, in letzter Zeit sind einige Fuhren überfallen worden, es wäre doch schade, wenn Ihnen etwas zustößt." "Ich werde dran denken." Abends zog sie die Steuer von ihrem kleinen Guthaben ab und verzweifelte abermals, wie wenig ihr noch blieb.

Es schien, als wäre sie vom Pech verfolgt. Als Dietmar die Gefäße nach Georgental schaffen wollte, geschah genau das, wovor sie der Schreiber Schmoll gewarnt hatte. Eine Truppe vermummter Reiter hatte ihn angehalten, vom Wagen gezerrt und verprügelt. Als einer von ihnen erkannte, daß die Gefäße noch nicht gebrannt waren, schlugen sie alles kurz und klein und verschwanden so schnell wie sie gekommen waren.

Dietmar kam zurück und berichtete unter Tränen, was ihm widerfahren war. Er hatte den Großteil der Scherben zusammengescharrt und wieder mitgebracht. Er hatte etliche Schrammen und Beulen, und Regina musste sich zusammenreißen, als sie ihn notdürftig verarztete - am liebsten hätte sie ihm noch was dazu verpasst. "Ich werde Ihnen den Schaden ersetzen", sagte er kleinlaut. "Halt still!", fuhr sie ihn an, und als sie fertig war, sagte sie bloß "Geh' mir aus den Augen." Er trollte sich hinüber zu seinem Schuppen. Regina betrachtete eine Weile den Haufen Scherben auf dem Wagen, dann seufzte sie tief, und der Maulesel wackelte mit den Ohren, als wollte er sie aufmuntern.

Aber irgendetwas hatte sich in ihrem Innern festgebissen wie ein krankmachender Wurm, der sie auszehrt und zugleich seinen giftigen Schleim in ihre Adern spritzt. Nicht nur, daß sie beinahe zusehen konnte, wie ihre Kräfte und ihre Zuversicht nachließen, sie spürte auch, wie die Menschen, die ihr etwas bedeuteten, ihr immer gleichgültiger wurden, und bald hatte sie nicht einmal mehr das Verlangen, auf die Burg zurückzukehren, obwohl ihre Lage hier unten alles andere als befriedigend war.

Im Grunde wollte sie weder dort noch hier sein, sondern an einem Ort, wo sie ohne Zwang und Vorsicht, ohne die Gebote und Ermahnungen des Verstandes, nur ihren Gefühlen und der Versuchung folgend verweilen konnte. Sie hätte es sogar zugelassen, wenn sie, dort angekommen, ihren eigenen Willen aufgeben und sich einer höheren, namenlosen Macht überlassen würde, die von ihr Besitz ergreift und die bestimmt, was mit ihr geschehen solle.

Sie stieg auf ihr Pferd und ritt nach Langensalza, sie hoffte inständig, daß Wolfram von Langenau da sei. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie auf den Hof kam. Der alte Friedemann, der Verwalter, den Regina bei ihrem ersten Besuch kennengelernt hatte, empfing sie. Sie sagte, sie sei gekommen, um die versprochene Ladung Ton zu holen, und der Verwalter erwiderte, Ritter von Langenau sei zwar gerade nicht im Hause, würde aber bald wiederkommen, und wenn sie wollte, könnte sie im Herrenzimmer auf ihn warten. Sie nahm das Angebot dankend an, und der Verwalter ließ einen Knecht ihr Pferd in den Stall führen.

Dann brachte er sie ins Herrenzimmer und sagte, er werde gleich eine Magd mit einer Erfrischung heraufschicken, und sie bedankte sich abermals. Sie kannte das Herrenzimmer schon, und doch betrachtete sie die Dinge wie etwas, das sie wiederentdeckte. Der Boden war mit einem riesigen Teppich ausgelegt, auf dem ein großer Tisch und Stühle standen, deren Lehnen mit hübschen Schnitzereien verziert waren. Es gab einen Kamin, über dem ein mächtiges Hirschgeweih hing. Die Fenster öffneten sich zur Hofseite, und die Wände waren geschmückt mit den Raritäten, von denen Regina schon einige in Augenschein genommen hatte. An das erste Zimmer schloss sich ein zweites und drittes an, die beide ähnlich eingerichtet waren.

Die Magd kam mit einem Tablett, auf dem ein Krug mit Saft, ein Becher sowie ein Teller mit einem Gebäck waren, und stellte es auf den Tisch, machte eine artige Verbeugung und verschwand wieder. Reginas Puls hatte sich wieder gelegt. Sie hoffte, daß Wolfram jeden Moment eintreten werde. Sie ordnete ihre Kleidung, strich sich übers Haar, glättete ihre Augenbrauen und Wangen.

Sie wusste noch nicht genau, was sie sagen würde, aber genau diese Ungewissheit kam ihr jetzt zugute; so wie beim ersten Mal würden die Worte einfach aus ihr herausströmen wie eine Schar fröhlicher Kinder, die an einem warmen Sommertag aus dem Haus und über die Wiese laufen. Oh, wie befreit fühlte sie sich jetzt schon!

Die ganze Zeit, seitdem sie von hier weggegangen war, hatte sie die Sehnsucht nach diesem Mann gequält, und alle Unruhe und Angst, alle Verbissenheit und Gereiztheit, ja sogar alles Misslingen war nur darauf zurückzuführen, daß sie ihr Verlangen nach ihm nicht stillen konnte. Endlich war es ihr bewusst geworden, endlich hatte sie es sich eingestanden, endlich würde sie es überwinden können.

"Darf ich mich vorstellen?", hörte sie eine Stimme hinter sich und hätte vor Schreck beinahe aufgeschrien. "Mein Name ist Dankwart von Elsen." Der Mann war offenbar aus dem Nebenzimmer gekommen, er hielt die goldgelbe Katze auf dem Arm, die seinerzeit auf dem Vordach gesessen hatte; sie schnurrte zufrieden.

"Ich bin Regina Sahlmann", sagte sie. Der Mann nickte gefällig, verzichtete aber auf jede weitere Höflichkeitsgeste und kraulte der Katze das Fell. Er sagte "Sie sind eine gute Freundin des Hausherrn?", und Regina wusste sofort, daß er über sie im Bilde war. "Ja", erwiderte sie so gelassen wie möglich, aber es schnürte ihr den Hals zu. Er beugte sich über die Katze und flüsterte ihr gerade so laut, daß es Regina hören konnte, ins Ohr "Noch eine mehr, meine liebe Mitka." "Was meinen Sie?", fragte Regina. "Oh, nichts. Sind Sie mit Ritter von Langenau verabredet?" "Warum wollen Sie das wissen?"

Er gab darauf keine Antwort und sagte stattdessen "Falls ja, dann sollten Sie vielleicht mit der Dame dort - er machte eine Kopfbewegung nach hinten - reden, sie wartet nämlich auch schon auf ihn." Er verzog das Gesicht zu einem hässlichen Grinsen. Regina musste sich am Tisch abstützen, in ihrem Magen krampfte es sich zusammen. Womöglich wollte er sie nur täuschen. "Welche Dame, ich sehe niemand?" "Bitte, kommen Sie nur mit, ich mache Sie gern miteinander bekannt."

Er wandte sich nach dem angrenzenden Raum, von dem man nur einen kleinen Teil einsehen konnte. Da hörte man eine Frauenstimme rufen "Dankwart? Ist Wolfram endlich da?" Er schaute Regina an, und sein Grinsen wurde noch breiter und noch widerlicher. Sie sagte "Ich komme später wieder", und stürzte aus dem Zimmer.

Sie lief die Treppe hinab und über den Hof, und in diesem Moment gab es einen mächtigen Donnerschlag aus den dunklen Wolken am Himmel, und große Tropfen fielen herab. Sie flüchtete in den Stall, wo ein Knecht herumhantierte. "Gib' mir mein Pferd", sagte sie, und der Knecht meinte "Wollen Sie jetzt da raus? Es gibt gleich ein Unwetter." "Gib' mir mein Pferd!", schrie sie ihn an, und er gehorchte. Sie stieg auf und galoppierte davon.

Es wurde immer finsterer um sie her, und bald goss es in Strömen. Sie wurde klitschnass, und auf ihrem Gesicht mischte sich der Regen mit ihren Tränen. Es blitzte und donnerte, der Boden wurde schlammig, aber sie trieb ihr Pferd an, sie wollte nur fort, nur fort, und als sie in den Wald kam, ging es ihr ein bisschen besser, obwohl es hier noch dunkler war und es ihr kalt auf der Haut wurde. Sie wusste nicht, wie lange sie geritten war und ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Es dämmerte tatsächlich, da kam sie an eine Wegekreuzung, wo eine Herberge stand.

Sie stieg ab und ging hinein, und der Wirt begrüßte sie und fragte, ob sie noch ganz bei Trost wäre, bei diesem Wetter umher zu reiten, sie würde sich den Tod dabei holen. Und Regina hätte beinahe erwidert, das wäre ihr ganz recht, aber der Wirt rief nach der Magd, und die brachte Regina in eine warme Stube und sagte, sie könnte ihre nassen Sachen ablegen, und sie würde ihr welche von sich geben, solange sie trocknen. Regina tat es und bedankte sich bei der Magd, die ihren verzweifelten Ausdruck bemerkte und sagte, wenn sie wollte, könnte sie hier sitzen bleiben, hier würde sie niemand stören, und wenn sie etwas brauche, könne sie nach ihr rufen.

Und so blieb Regina, nachdem sie sich umgezogen hatte, auf der Bank sitzen, an die Wand gelehnt, die Hände auf dem Schoß und starrte traurig vor sich hin. Sie saß da vielleicht eine Stunde oder länger, als es an die Tür klopfte. Sie sagte "Herein", und die Magd öffnete und sagte "Da ist jemand für Sie", und Regina sah ihn in regennasser Kleidung da stehen und sie rief "Wolfram! Warum in Gottes Namen seid Ihr hier?"

* * * * *

Ein paar Tage zuvor war wieder der Schwarze Reiter gesehen worden. Er hatte sich den Hütten bei der Schauenburg genähert und eine Frau herangerufen, der er ein Päckchen in die Hand drückte und ihr befahl, es dem alten Grafen zu bringen. Er gab ihr auch ein Geldstück für ihren Gefallen und verschwand dann auf die gewohnte Weise.

Sie übergab es Wenzel Apfelstädt, der gerade auf dem Weg zum Grafen war, sie sagte ihm, woher sie es hatte. In seinem Beisein öffnete es der Bärtige und fand darin ein Kuvert aus feinstem Ziegenleder mit dem Wappen des Pfalzgrafen Friedrich von Gosseck, in welchem eine goldene Brosche steckte, zusammen mit einem weißen Taschentuch, das an einer Ecke die aufgestickten Initialen CvS trug.

Der Graf war völlig fassungslos. Er schaute Ritter Apfelstädt fragend an. "Könnt Ihr mir das erklären?" Wenzel Apfelstädt bat den Grafen, er möge Gräfin Cecilia sowie den jungen Grafen Ludwig um ihr Erscheinen ersuchen; er, Apfelstädt, werde inzwischen alle Ritter, die auf der Burg wären, herbeirufen. Das waren Beheim, von Kahlenberg und Rüdiger Habland. Der junge Graf Ludwig war nicht da. Gräfin Cecilia nahm das Tuch und sagte "Ja, das ist meins." Den Schmuck rührte sie nicht an.

Karl von Kahlenberg berichtete dem Grafen von dem Vorfall beim Mühlenfest. Dem Alten stieg die Zornesröte ins Gesicht, er schlug mit der Faust auf die Stuhllehne, daß der Fußboden erschütterte. Er brüllte "Wer hat entschieden, diesem dahergelaufenen Weib zu helfen?" "Das war ich, mein Graf", übernahm von Kahlenberg die Verantwortung. "Die Ritter waren damit einverstanden", fügte Beheim hinzu. Der Graf schaute alle ungläubig an.

Die Gräfin sagte "Nein. Es war meine Idee." Der Alte wandte jäh den Kopf zu ihr hin. "Ich habe veranlasst, daß dieser Frau geholfen wird. Das Tuch gab ich ihr ganz beiläufig, damit sie sich ihre Tränen trocknet." "Und der Schmuck?", fragte er sehr ernst. "Ich schwöre bei Gott", erwiderte Cecilia und schaute ihm dabei in die Augen, "ich habe nicht die leiseste Ahnung, was das bedeuten soll." Der Graf schwieg, seine Zähne knirschten, ihre Blicke blieben noch einen Moment lang aufeinander gerichtet.

Von Kahlenberg sagte "Offenbar ist das ein Versuch, Zwietracht in unserm Haus zu säen." "Und wie kommt dieses Taschentuch in den Besitz des Grafen von Gosseck?" Beheim sagte "Möglicherweise ist die Frau auf dem Rückweg überfallen worden." "Ihr hättet ihrem Geschwätz niemals glauben dürfen." "Ihr wisst selbst", sagte Ritter Habland, "was für Unwesen die Schergen des Königs treiben. Erst gestern haben sie in Espenhain versucht, einen Mann und seine beiden Söhne fortzuschleppen."

"Ja ja, ich weiß", sagte der Graf unwillig; er war sich wohl bewusst, daß Espenhain auf Schauenburger Gebiet lag. Von Kahlenberg ergänzte "Es sieht auch so aus, als würden sich die Königlichen mit dem Rabensteiner verbünden und gemeinsam die Handelsfuhren überfallen." "Gibt es dafür handfeste Beweise?", wandte der Alte ein. "Sollen wir erst unsere Zeit vergeuden, welche zu finden?", traute sich Wenzel Apfelstädt etwas schärfer zu entgegnen.

Er wusste so gut wie die andern Ritter, daß der alte Graf vor einer offenen Auseinandersetzung mit seinen Feinden zurückschreckte, nicht aus Schwäche oder gar aus Feigheit, sondern aus kluger Abwägung der Vor und Nachteile, die ein solcher Schritt bedeutete. Aber dieses "Geschenk" hier war eine Provokation und es verhöhnte ihn zugleich, und daß der Pfalzgraf Friedrich von Gosseck dahintersteckte, das beunruhigte den alten Schauenburger zutiefst.

Friedrich von Gosseck gehörte zum alteingesessenen Adel. Seine Burg lag im Thüringer Land, nicht weit von der Grenze zu Sachsen. Sie war eine der ältesten Pfalzburgen des Königs, schon Heinrichs Vorgänger hatten sich hier einquartiert. Von Gosseck war sehr vermögend, er pflegte respektvollen Umgang mit den sächsischen Fürsten, und er hatte gute Beziehungen zum König. Aber er war, wie sich der junge Graf Ludwig ausdrückte, ein "arrogantes Schwein".

Als die Schauenburger nach Thüringen kamen und dem Pfalzgrafen ihre Aufwartung machen wollten, da ließ er ihnen ausrichten, er könne auf die "Frankenhunde" verzichten, sie balgten sich um jeden morschen Knochen, den man ihnen hinwirft, und wenn es zum Jagen ginge, ziehen sie den Schwanz ein und verkriechen sich unter Weiberröcke. Dabei galt er selbst als Frauenheld, war dreimal verheiratet gewesen und hatte gerade erst eine junge Hofdame des Königs, namens Adelheid, geehelicht, von deren hinreißender Schönheit man landauf landab schwärmte.

Wenn sich der Pfalzgraf die ganze Zeit keinen Deut um die Schauenburger geschert hatte, so war es umso verwunderlicher - oder sollte man sagen - umso bedenklicher, daß er sich jetzt zu einer solchen Niederträchtigkeit hinreißen ließ und das alte Grafenpaar auf so infame Weise beleidigte. Höchstwahrscheinlich hatte ihn jemand dazu überredet oder auch mit einem angemessenen Obolus dafür gewonnen, und er war bereit gewesen, bei dem üblen Spaß mitzumachen, wobei ihm die wahren Absichten seiner falschen Freunde so egal waren wie die Geburtstage seiner verflossenen Frauen.

Wer immer die Sache ausgeheckt hatte, er hatte alles genau berechnet. Als der junge Graf Ludwig davon erfuhr, schleuderte er vor Wut den Krug, aus dem er sich eben einen Becher gefüllt hatte, gegen die Wand, daß er zerbarst, und sich ein Schwall bernsteinfarbenen Bieres auf den Boden ergoss. Der Alte gemahnte zur Ruhe, aber Ludwig wäre am liebsten noch zur selben Stunde losgejagt, um den Pfalzgrafen zur Strecke zu bringen.

In Wahrheit hegte er schon von Anfang an einen unbändigen Groll gegen ihn, fand aber keinen echten Grund zur offenen Fehde. Die Schmähreden, mit denen von Gosseck über die Schauenburger herzog, waren immer knapp unterhalb der Ehrverletzung geblieben, die eine Satisfaktion gerechtfertigt hätte; von Gosseck war schlau wie ein Fuchs gewesen. Doch diesmal war er zu weit gegangen.

Er hatte den alten Grafen zum Gehörnten, die Mutter zur Ehebrecherin machen wollen! Und das fand Ludwig noch unverschämter, als wenn er selbst das Opfer der Verleumdung gewesen wäre. Jeder, der sich der Schauenburger Sippe in irgendeiner Weise zugehörig fühlte, hätte bei Gott dafür gebürgt, daß Gräfin Cecilia und der Bärtige sich nicht einen einzigen Augenblick untreu gewesen sind. Es war eine bodenlose Frechheit, ein Zeichen seiner abgrundtiefen Verachtung, daß der Pfalzgraf gerade auf diesen Punkt abgezielt hatte, als würde er ihnen jede Tugend, in der er sich mit ihnen messen könnte, von vornherein absprechen wollen.

Und wieder rief der alte Graf zur Besonnenheit auf, aber Ludwig ließ sich nicht besänftigen, er lief im Zimmer auf und ab, die eine Hand am Schwert, die andere in die Seite gestemmt und schmiedete seinen Racheplan. Doch er behielt ihn wohlweislich für sich. Der alte Graf konnte sich auch so ausmalen, daß Ludwig den Pfalzgrafen herausfordern würde und er es nicht verhindern könnte.

Er rief deshalb hinter seinem Rücken die Ritter Habland und von Langenau (der inzwischen eingeweiht worden war) zu sich und beschwor sie, darauf zu achten, daß Ludwig nicht zu weit ginge und ihn notfalls davor zu bewahren, etwas zu tun, das ihnen allen schaden könnte. Habland und von Langenau versprachen es.

Graf Ludwig rüstete sich schleunigst zum Marsch gegen Friedrich von Gosseck. Er befahl alle seine sechs getreuen Ritter zu sich. Er sagte, sie würden dem Pfalzgrafen "einen Besuch abstatten", er sagte, er hätte nicht vor, bis zum Äußersten zu gehen, "auch wenn mein Vater glaubt, ich würde mich nicht davor scheuen".

Er wollte den Pfalzgrafen so weit bringen, daß er sich vor ihnen in aller Form entschuldigt, "das heißt, mit Brief und Siegel erklärt, daß diese Botschaft ein Hirngespinst und eine gemeine Lüge war, die er bereue und wiedergutmachen werde." Ludwig verzichtete darauf, weitere Reiter von der Eisernen Meute mitzunehmen, und der Bärtige grübelte darüber, ob er das gutheißen oder ihm lieber einen Trupp hinterher schicken sollte.

Am nächsten Tag in aller Frühe ritten sie los. Bei der Burg Gosseck angekommen, war weit und breit keine Menschenseele zu sehen, auf den Turmspitzen wiegten sich die Fahnen sachte im Wind. Ein Taubenschwarm flatterte in der Runde und ließ sich dann auf dem roten Ziegeldach eines langgestreckten Gebäudes nieder. Die Posten über dem Tor waren anscheinend nicht besetzt, die Zugbrücke war hochgezogen. Aber man hätte genug Zeit gehabt, sich abzuschotten, denn man konnte jedermann schon aus der Ferne kommen sehen.

Andreas Beheim rief "Euer Hochwohlgeboren, Fürst Friedrich von Gosseck! Öffnet das Tor! Graf Ludwig von der Schauenburg begehrt Einlass!" Totenstille. Er versuchte es nochmals. Dann rief Ludwig selbst, er wurde immer lauter, schließlich brüllte er, bis ihm die Stimme versagte und er husten musste. Das brachte ihn noch mehr in Rage. Er sprang vom Pferd, hob einen großen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn gegen die aufrechte Brücke. Dann noch einen und noch einen. Die Ritter taten es ihm gleich, und fast hätten sie im Umkreis keine Steine mehr gefunden, als über dem Tor ein Wachtposten erschien und rief "Habt ihr sie noch alle! Hört auf mit dem Unfug." "Mach' das Tor auf!", schrie Ludwig.

Die Ketten kamen in Bewegung, knarrend senkte sich die Brücke, im Innern war der Wachtposten zu sehen, neben ihm drei, vier andere. Graf Ludwig stürmte auf ihn zu, schlug ihn mit der Faust ins Gesicht, daß das Blut aus seiner Nase spritzte und brüllte "Du verfluchter Scheißkerl, was unterstehst du dich, so mit uns zu reden!" Die andern Wachen zückten ihre Lanzen, aber Ludwigs Ritter hatten ihre Armbrust im Anschlag. "Zurück!", rief Rüdiger Habland, "Oder ihr seid des Todes."

Am Haus jenseits des Hofs öffnete sich ein Fenster und ein Mann - es war der Marschall des Pfalzgrafen - schaute heraus. "Was ist denn da unten los?", fragte er scheinheilig. "Ruf' deine Leute zur Ordnung", erwiderte Ludwig. Der andere gab den Wachen ein Zeichen, die traten zurück. Ludwig rief "Wir wollen deinen Herrn sprechen." "Er hat sich zurückgezogen." "Dann hol' ihn her oder bring' uns zu ihm!", donnerte Ludwig, und der Marschall verschwand.

Kurz danach kam ein Knecht zu ihnen und sagte "Wenn ihr mir folgen wollt." "Dreh' dich um!" "Was?" "Du sollst dich umdrehen." Der Knecht drehte ihm den Rücken zu, Ludwig versetzte ihm einen Tritt in den Hintern, daß er vornüber auf die Pflastersteine fiel. "Sag' dem Marschall, er soll uns höchstpersönlich zu seinem Herrn geleiten." "Jawohl", sagte der Knecht und rannte schnell wieder hinein.

Der Marschall kam, er verbeugte sich tief vor dem Schauenburger und sagte "Graf Ludwig! Bitte verschont unsere Leute." "Dann verschont Ihr uns mit Eurer Arroganz." "Wie Ihr wünscht. Graf Friedrich hat leider nicht mit Euch gerechnet." "Natürlich hat er mit uns gerechnet. Oder warum schließt ihr euch sonst ein?" "Wir halten um diese Stunde Mittagsruhe." "Dann kommen wir gerade rechtzeitig, um ihn zu wecken", sagte Ludwig, schob den anderen beiseite und ging mit seinen Rittern ins Haus. "So wartet doch!"

Sie durchquerten das Erdgeschoss, ein paar Neugierige vom Gesinde wichen zur Seite. Sie betraten das angrenzende Gebäude, gingen eine Treppe hinauf und kamen auf einen Gang mit mehreren Türen. Ludwig stieß jede einzelne mit dem Fuß auf. Der Marschall hinterdrein protestierte laut, drei Bewaffnete begleiteten ihn, aber Ludwigs Ritter hielten sie auf Abstand.

Endlich kamen sie in das Zimmer, wo der Pfalzgraf Friedrich in Gesellschaft eines anderen Mannes am Tisch saß. Sie hatten gerade ihr Mahl beendet, die Reste lagen verstreut auf den Tellern, im Hintergrund standen zwei Diener stramm und stumm. Friedrich trug ein hellblaues Kostüm mit schwarzen und roten Streifen, auf dem Kopf prangte ein Samthut mit breiter Krempe und einer gelben Feder, deren Flaumhärchen in der Luft strömten, er hatte sich zurückgelehnt und hielt ein Weinglas in der Hand, an deren Fingern Ringe mit Steinen so groß wie Haselnüsse funkelten.

Er behielt die Ruhe, aber die gewaltige Dogge, die zu seinen Füßen lag, sprang auf und bellte die anderen an und bleckte ihre schrecklichen Zähne. Beheim hielt ihr sein Schwert entgegen, und er sah, daß sie an der Leine hing. "Hassan aus!", sagte der Pfalzgraf und gab dem einen Diener ein Zeichen. "Bring' ihn nach hinten." Der zerrte den Hund hinweg, der sich heftig dagegen sträubte und seinen Geifer gegen die Eindringlinge verspritzte.

"Nicht eben die feine Art, sich Einlass zu verschaffen", sagte Friedrich zum Grafen gewandt und stellte das Weinglas hin. "Aber - bei allem Respekt, Graf Ludwig - von euch Schauenburgern habe ich nichts anderes erwartet." Der andere Mann grinste breit, er trug die Montur der königstreuen Garde. "Ach ja?", entgegnete Ludwig, "dann wisst Ihr wahrscheinlich auch, weswegen wir hier sind."

Er ging zum Tisch und warf Friedrich das Lederkuvert mit seinem Wappen auf den halbleeren Teller. "Oh Gott", mokierte sich Friedrich und hob die Hände in die Höhe, "was ist das denn?" "Das ist von Euch, wie Ihr sehen könnt." "Tatsächlich?" Er fasste es mit spitzen Fingern an einer Ecke, schob den Teller darunter beiseite und ließ es auf den Tisch fallen. Und ehe er sich's versah, war Ludwigs Handschuh obendrauf gelandet. "Graf Friedrich von Gosseck, Ihr habt mich und meine Familie aufs gröbste beleidigt! Ich fordere Euch auf, Euch mit Brief und Siegel dafür zu entschuldigen."

Ludwig starrte ihm entschlossen in die Augen, doch Friedrich hielt seinem Blick stand. Dann sagte er "Und was, wenn ich mich weigere, das zu tun?" "Dann fordere ich Euch zum Zweikampf heraus. Vor meinen Mannen - und vor dem da, der wie ich annehme, eine Befugnis des Königs besitzt." Friedrich schwieg und schaute ihn unverwandt an, man sah, daß er mit sich rang. Dann lehnte er sich zurück und stützte geziert das Kinn in die Hand.

"Nun gut. So sei es. Ich komme Eurer Forderung nach. Der ersten." Ludwig sagte "Ich diktiere Euch den Wortlaut." "Ach herrje, Ihr seid heute aber wirklich aufdringlich." Er drehte sich zu dem Diener um. "Bring' mir ... ach nein, du weißt wieder nicht, wo das liegt ..." Er stand auf, machte eine leichte Verbeugung vor Ludwig und sagte "Ich hole nur rasch mein Schreibzeug, lauft nicht weg."

Er ging nach nebenan, und der Königstreue sagte "Wie geht es dem Bärtigen, ist er wohlauf?" Ludwig warf ihm einen scheelen Blick zu. Der andere fuhr fort "Ich habe ihn einmal kennengelernt, das war ... oh, ich muss überlegen ... das dürfte in Goslar gewesen sein ... er war dort zusammen mit ..." Ludwig machte drei Schritte zum Nebenzimmer hin und prüfte die Lage, er drehte sich zu seinen Leuten um, seine Augen loderten. "... ja, jetzt fällt mir's wieder ein: er war dort zusammen mit ..."

Ludwig riss sein Schwert aus der Scheide, sprang auf den Mann zu, packte ihn am Kragen und mit weit nach hinten gestrecktem Arm presste er ihm die Schwertspitze an die Kehle. "Was soll das? Seid Ihr von Sinnen!" "Wo ist er hin?", schrie ihn Ludwig an. "Wo ist er hin? Sagt es oder ich schlachte Euch ab wie ein verdammtes Schwein!" "Graf Ludwig!", mahnte Wolfram. "Ich habe keine Ahnung", stammelte der andere, "woher soll ich denn ..."

Da rief Beheim, der am Fenster stand "Seht nur! Der Pfalzgraf macht sich aus dem Staub!" "Ich wusste es!", schnaubte Ludwig und hieb mit dem Schwert einen Kerzenleuchter vom Tisch. Er ärgerte sich maßlos darüber, daß er sich hatte reinlegen lassen. Obwohl es ihm zwecklos erscheinen musste, die Verfolgung aufzunehmen, befahl er seinen Leuten "Los! Ihm nach!", und stürmte voran aus dem Zimmer, der Marschall und seine Knechte wichen zurück.

Ludwig war auf der Hälfte des Gangs, als eine Tür aufging und des Pfalzgrafen Gemahlin Adelheid erschien. Sie stand da wie Helena, die aus ihrem Gemach auf der Burg von Sparta kam, wo sie sich wegen der Sommermittagshitze ein wenig ausgeruht hatte. Ihr langes, dunkles Haar hatte die gleiche Farbe wie ihre mandelbraunen Augen. Ihre Nasenflügel glänzten wie Perlen, die Lippen schmiegten sich aneinander wie zwei Geschwister, die aufeinander aufpassen.

Sie trug ein dünnes Leinenkleid und darüber einen leichten Umhang aus Seide, der von einem Stoffgürtel mit einer blauschillernden Fibel in Form eines Schmetterlings gehalten wurde, und an den Füßen hatte sie Lederschuhe, deren Spitzen mit goldenen Halbmöndchen verziert waren. Ludwig wäre beinahe mit ihr zusammengestoßen. Er war wie vom Blitz getroffen. Ein kühles Lächeln huschte über ihr makelloses Antlitz, mit rosigen Fingern angelte sie eine lockige Strähne aus der Stirn und sagte mit der Unverzagtheit einer Nachtigall "Oh, wir haben Besuch, warum sagt mir das keiner."

Graf Ludwig hatte an diesem Tag den flüchtenden Pfalzgrafen nicht mehr verfolgt. Er war mit seinen Rittern abgezogen. Er war auf dem ganzen Rückweg nicht ansprechbar. Auf der Schauenburg angekommen, schloss er sich in seinen Zimmern ein. Der alte Graf, der darauf brannte zu erfahren, wie es gelaufen war, musste sich damit begnügen, daß ihm Wolfram von Langenau zurief "Er ist uns entwischt; wir berichten Euch morgen alles." Die Ritter zogen sich zurück, keiner war zu einer Unterredung aufgelegt.

Aber was der alte Graf dann erfuhr, stimmte ihn auch nicht froher. Zwar hatte sich Ludwig offenbar beherrschen können (wie er den Königstreuen mit dem Schwert bedroht hatte, verschwiegen ihm die Ritter), doch was ihm Wenzel Apfelstädt da von der plötzlichen Begegnung mit der Gemahlin des Pfalzgrafen, und vor allem über Ludwigs Reaktion darauf erzählte, das klang nicht so, als hätte der junge Graf sich mit den Umständen abgefunden.

Wie er auf einmal in seinem Sturmschritt jäh gebremst ward und vor Adelheid beinahe auf die Knie gegangen wäre; wie er sie dann umständlich - und doch mit sichtlicher Ergriffenheit - begrüßte; wie sie ihm ihre Hand darbot gleich einem Pfand, das er ihr hinterlassen, als er in die Schlacht zog; wie er dieser Hand einen Kuss gab, als würde er damit von aller Schuld gereinigt und zugleich zum Helden erhoben werden. Und wie, als sie ihn, da er kein weiteres Wort hervorbringen konnte, aufforderte, ihr seine getreuen Ritter vorzustellen, er nach einem Moment größter innerer Erregung nur entgegnete "Ein andermal, hochedle Dame" und sie einfach stehenließ, was - wie die Ritter bestätigten - Adelheid mit versteinerter Miene hinnahm. Das alles zeugte davon, daß nicht nur Ludwigs moralischer Feldzug gegen den Pfalzgrafen fehlgeschlagen war, sondern daß sich überdies, wie Apfelstädt sagte: zu seinem Hass nun auch noch Leidenschaft gesellte.

Der alte Graf schürzte die Lippen und kraulte seinen Bart. Er wusste, daß kein anderer als Wenzel Apfelstädt das Geschehen so aufschlussreich beobachtet haben konnte, und der lebenskluge Ritter sofort gesehen hatte, wie der junge Graf der holden Adelheid auf den ersten Blick verfallen war. Wohin sollte das führen? War damit nicht das Unheil vorbestimmt? Blieb da noch eine Möglichkeit, dem Lauf der Dinge in eine glimpfliche Wendung zu geben?

Apfelstädt's Antwort lautete sinngemäß so: Würde man den jungen Grafen jetzt tun lassen, was ihm sein Herz befiehlt, dann würden Blut und Schmerz über das Land kommen. Doch würde man ihn umstimmen, hindern, festhalten wollen, dann wäre er für die große gemeinsame Sache der Schauenburger verloren, weil all' sein Sinnen und Trachten fortan von dem Pfeil in seinem Fleisch zermartert würde. "So oder so, mein Graf", sagte Apfelstädt, "Ihr werdet ihn an dieses Weib hergeben müssen."

"Wo ist er jetzt?", fragte der Alte, und Wolfram sagte "Er hat ein paar Leute zusammengetrommelt und will auf die Jagd gehen." "Wer von euch wird ihn begleiten?" Norbert vom Stein meldete sich als einziger. Der Bärtige schaute in die Runde, dann sagte er "Ihr werdet alle mitgehen! Das ist ein Befehl." Die Ritter quittierten ihn, der Alte fügte hinzu "Und sorgt dafür, daß Ludwig nicht ohne Beute heimkehren muss!"

Dunkle Wolken brauten sich über den Schauenburgern zusammen, und eine bedrückende Stimmung war zu spüren, die sich wie Gewitterschwüle über allem ausbreitete. Als Dietmar bemerkte, daß sich Regina kraftlos von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde schleppte, ohne Lust und Laune ihrer Arbeit nachging und manchmal schon mittags wieder in ihrer Kammer verschwand, kaum ein Wort mit ihm wechselte und das Essen nicht anrührte, das er auf dem kleinen Herd bereitet hatte, da wusste er sich nicht anders zu helfen und beschloss, auf die Burg zu reiten.

Die erste, die ihm dort über den Weg lief, war Helene. "Hör' mal, Kleine", rief er unwirsch, "kannst du mir sagen, wo ich eine gewisse Pauline finde?" "Wer will das wissen?", gab Helene zurück. "Was?" "Ich bin nicht Ihre 'Kleine', ich heiße Helene!" Er besann sich. Er stieg vom Pferd und sagte "Ja, natürlich. Helene, kannst du mir sagen ..." "Warum zittern Sie so mit den Händen? Haben Sie irgendwas Gemeines vor?" "Was? Nein, das ist ..." "Oh! Ich verstehe. Sie sind ein Trunkenbold. Das wird meiner Mutter aber gar nicht gefallen." "???" "Sie ist nämlich zufällig die Pauline, die Sie suchen, und sie hat sehr sehr schlimme Erfahrungen mit solchen wie Ihnen gemacht." "Jetzt halt' mal die Luft an, Klei... Helene." Er gestikulierte wild mit den Armen. "Ja, es stimmt, ich habe heute schon eine halbe Flasche Branntwein weg, aber das ist allein meine Angelegenheit. Und es ist eigentlich auch nur, weil mich diese Frau Sahlmann zur Verzweiflung treibt und ich mit meinem Latein bald am Ende bin!" "Sie meinen Regina?" "Ja." "Kommen Sie mit."

Er klagte Pauline sein Leid, sie sagte "Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren", und zwei Stunden später waren sie in der Werkstatt angelangt, wo Regina am Tisch saß und einen Apfel aß, als wäre es ihr letzter. Dietmar verdrückte sich gleich, er war froh, daß ihn jetzt hoffentlich jemand entlastete. Pauline war auch ein bisschen erleichtert, als sie sah, daß Regina nicht völlig leblos am Boden lag, wie sie das nach Dietmars Beschreibung fast befürchtet hatte.

"Pauline!", rief sie, sprang auf und umarmte die andere. Pauline sagte "Ich bin dir ziemlich böse. Du bist nicht einmal zu unserm kleinen Festessen gekommen, obwohl du es hoch und heilig versprochen hast." "Wann war das?", fragte sie betroffen. "Vorgestern." "Ach, Pauline, es geht mir grade gar nicht gut." "Ja, das hat mir Dietmar erzählt." "Ihr kennt euch?" "Er hat mich hergeholt." "Was?" "Na ja, ich wäre wahrscheinlich irgendwann auch von selbst gekommen, aber ich hab' mich wirklich geärgert über dich, das muss ich dir ehrlich sagen." "Oh, du musst mir verzeihen!"

Pauline deutete auf das halbleere Regal an der Wand. "Wie läuft es mit der Töpferei?" "So leidlich. Es kommen grade nicht so viele Handelsfuhren hier vorbei." "Ja, das liegt wahrscheinlich daran, daß etliche überfallen worden sind." "Hm. Ist mir leider auch passiert." "Im Ernst? Haben sie dir was getan?" "Nein, mir nicht. Dietmar war mit meiner Ware unterwegs, sie haben alles kaputtgeschlagen und ihn haben sie verprügelt." "Der Ärmste. Wo kommt er denn her?" "Er wohnt hier nebenan." "Ich glaube, ich hab' ihn schon mal gesehen. Andreas Beheim lässt dich übrigens wie immer schön grüßen." Regina nickte und lächelte matt.

Pauline sagte "Die Ritter haben es grade auch nicht leicht. Graf Ludwig will gegen den Pfalzgrafen Friedrich zu Felde ziehen, der Alte sieht es gar nicht gern, es könnte eine böse Geschichte für uns alle werden, wenn sich der Pfalzgraf mit den Rabensteinern oder sogar mit dem König zusammentut." "Warum hat er sich mit dem Pfalzgrafen angelegt?" "Wegen dessen Frau, der Gräfin Adelheid." "Der Schwerenöter", lachte Regina gequält und schaute ins Leere. Dann seufzte sie und sagte "Ach, Pauline! Ich weiß nicht, was geschehen ist." "Was meinst du?" Sie antwortete nicht gleich. "Du weißt doch, wie ich in Langensalza war ..." "Ja." "Und Wolfram von Langenau getroffen habe." "Ja, weiß ich. Und?" "Ach, Pauline!" Pauline richtete sich auf, sah ihr in die Augen und fragte eindringlich "Was ist passiert?"

Da klopfte es am Eingang. Regina wurde aus ihren Gedanken gerissen, sie rief "Ja, bitte?" In der Tür stand ein Mädchen in Hosen und mit einer grünen Kappe, sie fragte "Wer von Ihnen ist die Mutter von Philipp Sahlmann?" "Das bin ich." "Ich bin Norah." "Die Tochter vom Bierkutscher?" "Woher wissen Sie das?" "Philipp hat von dir erzählt." "Ach so, na ja." Sie machte eine Handbewegung hinter sich. "Wir sind grade hier mit uns'rer Bierfuhre, da wollte ich mal kurz Guten Tag sagen." "Das ist wirklich nett von dir. Aber Philipp ist oben auf der Schauenburg." Pauline sah sie überrascht an und sagte "Das kann nicht sein. Ich denke, Philipp ist hier. Er hat gesagt, er geht zu dir, nur damit ich Bescheid wüsste." Sie schlug sich die Hände vor den Mund, und Regina wurde leichenblass. "Und wo ist er nun?", fragte Norah.

Regina sprang auf und sagte "Wahrscheinlich ist er unterwegs zu dir." "Zu mir? Meine Güte. Ich hab' aber nicht gesagt, daß er kommen soll", verteidigte sie sich. "Nein, das hat er sich selber ausgedacht. Fahrt ihr zurück nach Radisleben?" "Nein, wir machen erst noch eine Runde bis nach Hebehausen." "Kannst du mir beschreiben, wie man am besten nach Radisleben kommt?" "Ja, kann ich. Aber wer weiß, ob er den Weg über die Dörfer genommen hat, von eurer Burg aus geht's auch durch den Wald. Und Sie sind sicher, daß er zu mir will?" "Wann seid ihr wieder hier?" "In drei Tagen." "Gut. Ich hoffe, daß ich ihn bis dahin gefunden habe."

Norah beschrieb ihr den Weg. Regina packte hastig ein paar Sachen zusammen, da sagte Pauline "Ich komme mit." "Wer kümmert sich um Helene?" "Sie ist bei Adrian." Durch die Aufregung war Dietmar wieder herangekommen. Pauline sagte "Dietmar, können Sie bitte auf die Burg reiten und meiner Helene Bescheid sagen?" "Wird erledigt." Im Nu waren die beiden Frauen fertig, stiegen auf die Pferde und galoppierten davon. Dietmar und Norah schauten ihnen hinterher. "Welches Radisleben ist das?" "Bei Ruhla das." Dann meinte sie "Mensch, ich hatte keine Ahnung, daß der so was anstellt." Dietmar sagte "Tja. Da hat sich wohl einer in dich vergafft."

Die beiden Frauen klapperten die Dörfer ab. Pauline sagte, es gebe immer jemanden, der den ganzen Tag auf dem Dorfanger herumhängt, der gehöre dazu wie der Pranger für die Eierdiebe. Und wirklich fanden sie überall einen, den sie fragen konnten, ob hier ein Junge vorbeigekommen ist, der so und so aussah. Aber keiner konnte ihnen weiterhelfen. Manche waren schwerhörig, andere blind, einer war so betrunken, daß er sie für die Jungfrau Maria hielt. Einmal waren da zwei Frauen, die sich ziemlich ungeniert mit einem Mann vergnügten, und als Regina auf sie zukam, fauchte die eine "Zieht Leine, ihr Schlampen!", und der Mann lachte aus dem zahnlosen Mund.

In einem andern Dorf waren Zigeuner, und als Regina sich erkundigte, schüttelten sie alle den Kopf, und Regina kam das seltsam vor, sie sagte zu Pauline "Und wenn die Philipp nun weggefangen haben? Vielleicht lag er da auf einem von den Planwagen, mit einem Knebel im Mund. Es soll doch schon vorgekommen sein, daß die Zigeuner Kinder verschleppen." "Ja, aber nur ganz kleine", beruhigte Pauline sie, "solche, die sich später nicht mehr daran erinnern können." Das leuchtete Regina ein. Aber von Philipp fanden sie trotzdem nirgends eine Spur.

Sie übernachteten in einem Gasthaus. Sie mussten sich ein Bett teilen. Es war fast Vollmond. Regina wachte in der Nacht auf und sah, wie der Mondschein auf Paulines Gesicht fiel, das sogar im fahlen Licht noch einen rötlichen Schimmer hatte. Aber Regina schien ihren Schlaf gestört zu haben, Pauline öffnete ganz langsam die Augen, wandte sich zu ihr und flüsterte "Was ist?" "Nichts." Dann sagte Pauline noch "Wir werden ihn finden, mach' dir keine Sorgen", drehte sich zur Seite und schlief weiter.

Offenbar war Philipp in Radisleben nicht angekommen, denn dort hatte ihn niemand gesehen. "Was machen wir jetzt?", sagte Regina resigniert. "Wir reiten zurück, aber auf dem anderen Weg." "Durch den Wald?" "Weißt du, wo's da langgeht?" "Nein. Und Philipp kann das auch nicht gewusst haben." Wie sie das sagte, klang es, als wäre er tot, und sie brach in Tränen aus. Pauline tröstete sie. Sie saßen am Wegrand und schauten in die Landschaft, die Pferde grasten, hoch oben zwitscherte unermüdlich eine Lerche.

Da fiel Regina ein, wo sie noch suchen können. "Bei Thoralf dem Schmied! Als wir von Langensalza nach Hause gefahren sind, hat der Kutscher gesagt, der Schmied wäre in der Nähe von Radisleben, und das hat Philipp auch gehört. Vielleicht hat er es als Anhaltspunkt genommen." Sie kehrten nach Radisleben zurück und ließen sich beschreiben, wie sie zum Schmied gelangten.

Er hatte seine Schmiede mitten im Wald, aber es führten tatsächlich Wege dort vorbei. Sie konnten schon von weitem die klingenden Schläge seines Hammers hören. Er war ein Hühne von einem Mann, mit einem Oberkörper wie ein fünfzig Liter Fass und Beinen wie Baumstämme. Er trug nur eine Hose und Stiefel und eine Lederschürze vor dem ganzen Körper, die so groß war, daß man alle zwölf Taten des Herakles hätte daraufmalen können. Pauline konnte die ganze Zeit ihre Augen nicht von seinen gewaltigen Muskelbergen losreißen, und als er sie anlachte, blendeten sie seine wie aus Marmor geschliffenen Zähne.

Ja, so ein Junge sei hier vorbeigekommen, sagte der Schmied. Regina bekam einen Freudenschreck. "Wann war das?" Das konnte er nicht genau sagen. Ein Schmied, der entweder schläft oder nur an seinem Feuer steht, verliert das Gefühl für Tag und Nacht. Jedenfalls sei er in Richtung Radisleben weitergelaufen. "Aber dort ist er nicht angekommen." Der Schmied hämmerte weiter auf das Eisen. Dann unterbrach er und sagte "Wenn ihr von da gekommen seid, hättet ihr ihn finden müssen, falls ihm was zugestoßen wäre."

Er hämmerte weiter, und wieder etwas später meinte er "Ich will euch ja keine Angst machen, aber in letzter Zeit hat sich hier häufig Gesindel herumgetrieben, Häscher des Königs und auch ganz verkommene Banditen, Kopfgeldjäger, die jeden halbwegs kräftigen Mann wegfangen, um ihn an den Erstbesten zu verkaufen, der ihn als Sklaven benutzt. Es sollen auch schon Frauen auf diese Weise verschwunden sein."

Wo man hier dafür Abnehmer finden würde, fragte Pauline, und der Schmied sagte "Also, wenn ich einen Sklaven bräuchte, dann würde ich keinen aus der näheren Umgebung nehmen, der wäre gleich wieder weg. Wenn einer von hier verschleppt wird, dann wacht er wahrscheinlich erst jenseits der Unstrut wieder auf." "Was soll das heißen: er wacht wieder auf?", fragte Regina. "Ich habe gehört, daß sie manch einen mit einem Schlaftrunk betäubt haben; besser ist, wenn er unterwegs nichts mitkriegt", sagte der Schmied und fügte hinzu "Aber sieh' das mal so, gute Frau: das wäre immer noch besser, als wenn sie so lange auf ihn einprügeln, bis er ohnmächtig wird."

Der Schmied sagte, sie könnten hier bei ihm warten, bis jemand käme, der sie mitnehmen würde, das wäre allemal sicherer, als wenn sie allein durch den Wald streifen. Regina erwiderte, sie hätten wenig Zeit, bedankte sich aber trotzdem für seinen Vorschlag. Er fragte sie noch "Wo kommt ihr eigentlich her?" "Von der Schauenburg", sagte Pauline. "Oh! Das sind wackere Leute, eure Franken. Machen sich Gedanken, wie es hier mal in zwanzig oder gar in fünfzig Jahren aussehen könnte. Bis jetzt hatten wir hier nicht viele mit Weitblick. Ich hoffe bloß, sie können sich auch durchsetzen. Die Thüringer sind ein fleißiges Völkchen, aber sie sind wie die Ochsen, nichts und niemand kann sie aus ihren alten Gewohnheiten herausreißen, und sie brauchen immer eine starke Obrigkeit, die ihnen sagt, was sie zu tun haben."

Tief bekümmert machten sich die beiden auf den Rückweg. Es war unmöglich, die ganze Gegend nach Philipp abzusuchen, die nach Meinung des Schmieds in Frage käme. Selbst wenn Regina Andreas um Hilfe bitten, und selbst wenn er dafür eine Truppe zusammenstellen würde, die alles durchkämmt, wo sollten sie anfangen? Wie lange würde es dauern, und mit wem würden sie es dabei aufnehmen müssen? Außerdem, so befürchtete Pauline, würde der Bärtige eben jetzt wahrscheinlich niemanden abkommandieren, wo man doch wegen der Fehde des jungen Ludwig mit dem Pfalzgrafen alle Kräfte beisammenhalten müsse.

Als sie noch eine Rast einlegten, saßen sie bloß schweigend nebeneinander, und Regina bemerkte, daß Pauline sogar aufgehört hatte, sie trösten zu wollen. Dann trafen sich ihre Blicke, und Pauline schaute sie irgendwie verunsichert an. "Was ist denn?", fragte sie. Pauline konnte sich kaum überwinden. "Ich muss dir was sagen, Regina." "Was? Hat es mit Philipp zu tun?" "Ja und nein." "Na los, raus mit der Sprache!" "Philipp hat zu mir gesagt ... also er meinte ... aber das muss ja nicht so sein ..." "Sag' es!" "Er meinte, das schwarze Pferd dieses maskierten Reiters, das hätte bei Ritter Wolfram im Stall gestanden." "In seinem Stall in Langensalza?" "Ja. Er hätte es dort gesehen, als er ... als ihr dort wart. Regina, sag' mir ob das wahr ist."

Regina schluckte, das Blut wich aus ihrem Antlitz, ihre Finger verkrampften sich in das Gras am Boden. Sie sagte "Ich weiß es nicht." Und nach einer Pause weiter: "Ich habe ja den Reiter niemals gesehen." "Aber du warst bei Wolfram von Langenau?" "Ja. Und ja, da war auch ein schwarzes Pferd im Stall ... und Philipp war sich ganz sicher?" "Fast."

Regina sagte "Aber ... warum hat er das nicht mir gesagt?" "Tja, warum nicht. Nehmen wir mal an, er hat es erst festgestellt, als die Kinder den Schwarzen Reiter am Ochsenloch wiedergesehen haben. Und seitdem warst du ja nicht da." Pauline konnte nicht verhindern, daß ihre Worte vorwurfsvoll klangen. Und so musste sie gleich darauf ihre Arme um Regina legen, als sie in Tränen ausbrach und jämmerlich schluchzte.

Als sie sich halbwegs beruhigt hatte, fragte sie "Hat Philipp es noch jemandem erzählt?" "Nein. Ich habe gesagt, er soll es erst mal für sich behalten." "Warum hast du das getan?" "Warum warst du bei Wolfram?" Da wurde Regina bewusst, daß sie es ihr zuliebe nicht weiterverbreitet hatte. "Wir müssen es Andreas sagen", meinte sie, und Pauline stimmte ihr zu "Wenn du es willst, soll es mir recht sein. Willst du allein mit ihm reden?" "Nein. Mir ist es lieber, wenn du dabei bist."

Andreas Beheim ließ sich auf den Stuhl fallen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ihm Regina sagte, daß Philipp verschwunden sei, und sie vergeblich nach ihm gesucht hatten. "Großer Gott! Hat sich denn jetzt alles gegen uns verschworen!" Dann wollte er wissen, was der Schmied gesagt hat. Er schwieg daraufhin und dann wiederholte er ungefähr das, was Pauline unterwegs auch schon eingewandt hatte. In seiner Verzweiflung stand er Regina nicht nach. Er sagte zu ihr "Sie wissen, daß ich noch auf der Stelle losziehen würde, um ihn zu suchen." "Ja", sagte Regina und fuhr fort "aber niemand kann es von Euch verlangen, da Ihr jetzt Graf Ludwig zur Seite stehen müsst. Ich weiß, daß das Vorrang hat, und bitte glaubt mir, Andreas, ich werde Euch deswegen nicht böse sein." "Wir werden eine Lösung finden. Ich verspreche Ihnen, ich lasse mir etwas einfallen." "Ja. Danke. Und da ist noch etwas ..." Pauline sagte "Regina und Philipp waren vor einiger Zeit in Langensalza. Sie haben dort zufällig Ritter von Langenau getroffen ... und waren auch auf seinem Hof." Beheim war aufgestanden, seine Augenbrauen schoben ein paar Falten auf die Stirn. "Und weiter?" Regina teilte ihm Philipps Beobachtung mit. Beheim antwortete nicht gleich, anscheinend musste er in Gedanken erst ein paar Dinge auf die Reihe bringen.

Regina hätte alles erwartet, nur nicht, was er dann sagte. "Ritter von Langenau hat nur ein wirklich schwarzes Pferd in seinem Stall, und das gehört ihm nicht selbst, sondern einem gewissen Dankwart von Elsen, der es bei ihm untergebracht hat. Er gehört zur königstreuen Garde. Er ist vor gut einem Jahr zum ersten Mal bei Ritter Wolfram aufgetaucht und hat ihn in der Folge mehrfach besucht, Ritter Wolfram sagt, er wäre ziemlich aufdringlich gewesen. Wir nehmen an, daß dieser Dankwart ein Spion des Königs ist. Und außerdem - und das macht die ganze Sache richtig bedrohlich - hat ihn Wolfram letztens beim Pfalzgrafen wiedergesehen, und dort schien er Ritter Wolfram nicht zu kennen, jedenfalls hat er nicht dergleichen getan. Es wäre noch zu früh, etwas gegen diesen Mann zu unternehmen, selbst wenn er der Schwarze Reiter ist."

Beheim machte eine Pause. Pauline schaute zu Regina, die war völlig verwirrt. Beheim sagte "Wir haben über all' das Stillschweigen gewahrt, denn man kann nie sicher sein, wer ... ich habe Sie beide jetzt darin eingeweiht, weil ich Ihnen gegenüber, Regina - und das trifft auch auf Sie Pauline zu - immer ehrlich gewesen bin, und das soll so bleiben. Dennoch möchte ich Sie bitten, es niemandem weiterzusagen." "Wir werden es befolgen, Ritter Beheim", sagte Pauline. "Ja", murmelte Regina.

Graf Ludwig hatte seine Ritter auf Abruf gestellt. Er verriet nichts über sein Vorgehen gegen den Pfalzgrafen, aber sein Plan war längst fertig. Man vermutete, daß es auf einen Zweikampf mit seinem Widersacher hinauslaufen werde. Ob die Ritter auch schon unterrichtet waren, konnte niemand erkennen. (Hierüber hatte Beheim sich nichts anmerken lassen.) Jedenfalls mussten sie alle in seiner Nähe bleiben, und Regina hielt es nicht aus, daneben zu stehen und sich in Geduld zu fassen, obwohl ihr auch klar war, daß sie allein gar nichts unternehmen konnte, um Philipp zu suchen.

Sie ging zurück nach Friederode. Pauline bat sie, mitkommen zu dürfen und wenigstens für ein paar Tage bei ihr zu sein, um "sich nützlich zu machen". Regina war einverstanden. Helene wollte nicht allein auf der Burg bleiben, also kam sie auch mit. Adrian sagte, er werde sie besuchen, doch Helene untersagte es ihm, es sei viel zu gefährlich, derzeit in der Gegend herumzureiten, er solle warten, bis sie wieder was von sich hören lässt. Adrian fügte sich.

Die beiden konnten im ehemaligen Stallgebäude wohnen und schlafen, dessen Inneres Dietmar in erstaunlich kurzer Zeit und mit großem Geschick hergerichtet hatte. Er machte Pauline auch auf die verborgene Tür aufmerksam, vor die er einen Schrank gestellt hatte, dessen Rückwand ebenfalls aufgemacht werden konnte. Er sagte, er werde davon selbstverständlich "keinen Gebrauch machen", solange sie anwesend wären, und daran hielt er sich auch.

Alle kümmerten sich rührend um Regina, die ständig die nächste Idee hatte, wie man ihren Jungen ausfindig machen könnte, aber bei näherer Prüfung waren sie alle undurchführbar. Auch musste Regina über Ritter Beheims Worte nachdenken; irgendwie konnte sie sich nicht recht vorstellen, daß jener Dankwart von Elsen, der in Wolframs Herrenzimmer die Katze gekrault hatte, der mysteriöse Schwarze Reiter sein sollte. Im übrigen hofften alle inständig, daß Andreas Beheim rasch wieder da sein möge, um das Richtige für Philipps Rettung zu unternehmen.

Sie hatten leider keine gute Nachricht für Norah, als sie von ihrer Runde zurückkehrte, und man konnte sehen, daß es sie sehr mitnahm. Sie versprach, sobald wie möglich wieder vorbeizukommen, und ihr Vater stiftete ein Fass Radislebener Bier (das er anscheinend extra zurückbehalten hatte), "um den Trübsinn ein bisschen zu lindern", wie er sich ausdrückte. Regina wollte es bezahlen, aber Norah kam ihr zuvor und sagte, sie solle ihnen dafür einen von den Krügen schenken, und sie konnte sich den schönsten aussuchen.

Als sie gingen, sagte Regina "Warte mal. Ich möchte dir noch was mitgeben." Sie holte es aus der Kammer, sie sagte zu Norah "Das ist Philipps Kappe, die er in Langensalza gekauft hat. Ich hab' irgendwie eine Ahnung, er wollte sie dir schenken." Dann fügte sie mit einem traurigen Lächeln hinzu "Ich hab' geträumt, sie macht einen unsichtbar, wenn man sie aufsetzt." "Danke", sagte Norah und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Das Schauenburger Land lag noch im Schlaf, als Graf Ludwig mit seinen Rittern loszog, um sich beim Pfalzgrafen Genugtuung zu verschaffen. An einem lauschigen Plätzchen auf halber Strecke machten sie Rast, stärkten sich und gingen ein letztes Mal die Einzelheiten von Ludwigs Plan durch. Sie blieben unterwegs möglichst unauffällig, damit niemand etwa ihr Kommen ankündigen würde oder sie sich erst noch mit jemandem auseinandersetzen müssten, der sie aufhalten wollte, vor allem nicht mit irgendwelchen königstreuen Abordnungen.

Die Sonne stand fast auf der Höhe, als sie bei der Burg Gosseck ankamen, doch von Osten her wurde der Himmel auf einmal dunkelgrau und eine Unwetterfront schickte ihr dumpfes Grollen voraus, am Horizont zuckten vereinzelte Blitze. Binnen weniger Minuten erfüllte sich die Luft mit drückender Schwüle und trieb den Rittern unter ihren Rüstungen den Schweiß auf die Haut. Sie hatten Mühe zu atmen.

Die Zugbrücke war herabgelassen, das Tor stand weit offen, doch alles war still und niemand zu sehen. Ludwig vorneweg gab ein Zeichen anzuhalten, keiner sagte ein Wort, nur die Pferde schnaubten und stampften mit den Hufen. Da erfasste die Reiter von hinten ein ungeheurer Windstoß, der sie allesamt über die Brücke fegte und mit solcher Wucht in den Burghof hineinschleuderte, daß sie beinahe aus den Sätteln gerissen wurden. Beheim sah, wie sich am Tor eine Kette löste, und ein Fallgitter herabzurasseln drohte, und geistesgegenwärtig rammte er seine Lanze zwischen das Gestänge, daß es nur so knirschte.

Die seltsame Windböe hatte sich gelegt, die Ritter formierten sich. Graf Ludwigs Rufe nach Friedrich von Gosseck schallten im Innenhof wider. Doch es kam keine Antwort. Er stieg ab, zog sein Schwert aus der Scheide, wandte sich zu seinen Leuten und sagte "Ich gehe hinein. Beheim, Ihr kommt mit. Ihr anderen wartet hier, bis ich euch rufe." Ritter Habland sagte "Graf Ludwig, seid Ihr sicher?" "Mann gegen Mann", erwiderte Ludwig, "niemand soll sagen, ich hätte ihn feige überfallen." Beheim zog ebenfalls sein Schwert, und die beiden gingen ins Haus. Es folgten bange Minuten, in denen kein Laut nach draußen drang. Niemand konnte sich erklären, wieso alles wie ausgestorben dalag.

Plötzlich wurde die Stille von Lärm zerrissen, man hörte Gebrüll und Klingenschläge. Ritter Habland hielt es nicht länger, er wollte hinein, die andern verständigten sich mit einem Wimpernschlag und folgten ihm. Aber aus dem Haus kamen Ludwig und Beheim gestürzt, ihre Schwerter waren blutverschmiert, Ludwig schrie "Weg! Sofort weg hier!" Sie sprangen auf die Pferde und preschten über die Brücke hinaus.

Mitten in eine Horde schwerbewaffneter Reiter hinein, von denen sie sofort umzingelt und von allen Seiten angegriffen wurden. Sie wehrten sich tapfer, Wenzel Apfelstädt warf drei der andern vom Pferd. Beheim machte zweien den Garaus, bekam aber einen gezielten Stich in die Seite, dort, wo seine Rüstung einen Spalt hatte. Von Kahlenberg, der mit einer gewaltigen Streitaxt kämpfte, drehte sein Pferd im Kreis und schlug seinen Angreifern den Schädel ein. Ritter Habland gelang es sogar, im Getümmel seine Armbrust zu spannen, seine Bolzen trafen die anderen genau in den Hals. Das Blut spritzte, Knochen zerbarsten, Eisen krachte aufeinander, daß die Funken flogen, Pferd und Reiter stürzten zu Boden.

Wolfram und Norbert schützten den Grafen, aber da brachte ein Hieb Norbert zu Fall, er ging auf die Knie, und drei vier weitere Schläge ließen ihn leblos niedersinken. Wolfram und der Graf wurden überwältigt, und noch ehe die anderen ihnen beistehen konnten, hatte man die beiden mit Stricken gefesselt und auf zwei freie Pferde gepackt, die in Begleitung einer Handvoll Reiter sofort davonjagten. Als sie in sicherer Entfernung waren, gab der Anführer der feindlichen Kämpfer einen Befehl zum Rückzug, sie ließen von den Schauenburgern ab und ritten in entgegengesetzter Richtung weg.

Habland und Beheim kümmerten sich um den am Boden liegenden Norbert vom Stein, aber sie konnten nur noch feststellen, daß er tot war. Sie hoben ihn auf und banden ihn auf seinem Pferd fest. Dann machten sie sich schleunigst von dannen. Erst als sie tief in einem Wald waren, hielten sie an, legten Norberts Leichnam auf das Moos und versorgten gegenseitig ihre Wunden.

Wenzel Apfelstädt war noch einigermaßen heil geblieben, er hatte bloß etliche schmerzhafte Beulen. Habland brummte der Schädel und er blutete am Bein. Von Kahlenberg hatte sich den rechten Arm ausgerenkt, und Beheims Stich war glücklicherweise nur ins Fleisch gegangen. Und doch waren sie alle wie erschlagen. Wo sie saßen, fielen sie um, und es dauerte mehr als eine Stunde, bis sich in dem traurigen Häuflein wieder was regte.

* * * * *

An dem Tag, als Regina und Pauline nach Radisleben unterwegs waren, wachte Philipp frühmorgens auf und hatte nicht den leisesten Schimmer, wo er sich befand. Er lag auf einem dünnen Strohlager, unter einer zerschlissenen Decke. Ein paar Fußtritte in die Rippen hatten ihn aus dem Schlaf gerissen, und als er die Augen öffnete, schaute er in die hässliche Fratze eines Jungen mit struppigen Haaren, der ihn anbrüllte "Los! Hoch mit dir, du Mistkäfer! Die Arbeit ruft!" Er zog ihm die Decke weg und traktierte ihn nochmals mit dem Fuß.

Philipp sagte "Hör' gefälligst auf, mich zu treten." "Dann mach' daß du hochkommst." "Wo bin ich? Und welche Arbeit überhaupt?" "Jetzt hab' ich aber die Schnauze voll von deinem blöden Gequatsche!", sagte der andere wütend, packte Philipp am Kragen, zerrte ihn hoch und knallte ihn gegen die Bretterwand der Hütte. "Hör' mir gut zu, du Mistkäfer! Wenn du nicht willst, daß ich dir gleich am ersten Tag deine Zähne aus der Fresse schlage, dann machst du lieber genau das, was ich sage, und zwar genau dann, wenn ich es sage! Hast du kapiert?" Philipp bekam kaum Luft, er röchelte so etwas wie ein Ja und nickte dabei.

Der Junge war nicht viel größer als er und er schien auch in seinem Alter zu sein. Er war wirklich alles andere als hübsch. Er hatte ein fleckiges Gesicht, einen schiefen Mund, eine krumme Nase, und seine Augäpfel quollen hervor, als wollten sie einen im nächsten Moment anspringen. Aus seinem Mund kam übelriechender Atem, und auf seinen Ohren saß eine dunkelgelbe Kruste. Er war spindeldürr, und Philipp fragte sich, woher er die Kraft genommen hatte, ihn jetzt so gegen die Wand zu werfen.

"Wie heißt du?", fragte er. "Philipp." "Ich werde dich Mücke nennen." "Warum fragst du mich dann erst nach meinem Namen", hielt Philipp dagegen und bekam einen Klatsch auf die Backe. "Schnauze, Mücke!" Von draußen hörte man jemand rufen: "Wasser! Gorotzki, verfluchter Hurensohn, wo bleibst du! Wir brauchen Wasser!" "Jetzt komm'", sagte er zu Philipp, und während sie hinausgingen, drohte er ihm "wenn ich wegen dir auch nur das kleinste bisschen Ärger kriege, dann mach' ich dich im Schlaf kalt!"

Die Hütte, in der Philipp übernachtet hatte, stand am Rande von etwas, das auf den ersten Blick wie ein großer Bauernhof aussah. Aber statt der Ställe waren überall halboffene Schuppen, Werkstätten und Lagerräume zu sehen. Sie überquerten einen kleinen Platz, wo ein zweirädriger Karren mit einem Ochsen stand, der stumpfsinnig vor sich hin glotzte. Nach einer Seite führte der Weg zu einem halbverfallenen Haus, dessen untere Fenster mit Holzbrettern zugenagelt waren. Die Treppe, die außen bis ans obere Stockwerk reichte, war auf halber Höhe eingebrochen. Dahinter erhob sich ein krummer Schlot aus hellen Feldsteinen, auf dem Störche ein Nest gebaut hatten, das aussah, als würde es gleich herunterfallen.

Auf der gegenüberliegenden Seite ging ein Sandweg zwischen den Hütten zu einem Auenwäldchen hin, vor welchem, wie Philipp gleich erfahren sollte, ein breiter Bach vorbei floss. Hühner und Enten liefen umher, Tauben flogen auf, alles war voll mit Kot. Ein paar abgewrackte Hunde dösten im Schatten oder kratzten sich die Flöhe aus dem Fell.

Aus den Schuppen stiegen Qualm und Dampf auf, und über allem verbreitete sich ein aufdringlicher Geruch wie von gesottetem Fleisch, und Philipp dachte schon, er sei auf einem Schlachthof gelandet, doch außer dem Ochsen war von irgendwelchem Vieh nichts zu sehen oder zu hören. "Was ist das hier?", fragte er den Jungen, da standen sie vor einem glatzköpfigen Mann mit bloßem Oberkörper und einer Lederschürze um den Leib, auf der Reste von Blut und Fleisch und Fell klebten.

Er hielt ein langes, breites Messer in der Hand und schwenkte es und rief "Verdammt, Gorotzki! Wo treibst du dich rum!" "Ich hab' den Neuen da erstmal auf Trab gebracht." Der Mann warf einen Blick auf Philipp. "Wie heißt du, Bürschchen?" "Philipp." "Eigentlich heißt er Mücke", sagte Gorotzki. "Quatsch' nicht dumm rum!", fuhr ihn der Mann an, "schaff' endlich Wasser ran! Und zeig' dem Jungen gleich, was er zu tun hat."

Es war übrigens kein normales Messer, es hatte an beiden Enden einen Griff und sah eher wie ein Schabeisen aus; es musste ziemlich schwer sein, denn die Klinge hatte einen fast fingerdicken Rücken. Gorotzki zog Philipp in das Innere des Schuppens und zeigte auf ein paar große Holzbottiche, die mit Eisenringen gefasst waren und geschmiedete Henkel hatten. Er legte ihm einen Holzbügel über die Schulter, fast so groß wie das Joch des Ochsen, der draußen stand, und hängte an jeder Seite einen Bottich dran. Philipp wankte unter der Last und machte ein paar zittrige Schritte, was offenbar komisch aussah, denn im Hintergrund machten sich welche lustig über ihn. Was sollte das erst werden, wenn die Eimer voll Wasser waren?

Inzwischen hatten sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt und er sah, wie der Mann mit dem Schabeisen eine Tierhaut bearbeitete, die auf ein Holzgestell gespannt war. Nie im Leben hatte er sich vorstellen können, daß ein Tier eine so große Haut haben könnte. Die hätte wohl, dachte er, den Eichentisch beim alten Grafen vollständig bedeckt und noch an den Seiten ein Stück herab gehangen. Hier wurde also Leder gemacht!

Er hatte keine Gelegenheit, sich die Sache genauer anzusehen, Gorotzki rief "Vorwärts, Mücke!" Er hatte sich die beiden anderen Bottiche übergehängt, und sie marschierten damit den Sandweg entlang zu den Weiden am Bach. Philipp lief jetzt schon der Schweiß. Am Bach angekommen, waren seine Beine wie Rhabarberstängel, die beim nächsten Schritt zu brechen drohten. Aber Gorotzki trieb ihn erbarmungslos an.

Der Steg war so gebaut, daß man die Eimer ins Wasser eintauchen konnte. Doch was bei Gorotzki so mühelos aussah, wollte Philipp gar nicht gelingen; er schaffte es nicht mal, den vollen Bottich wieder heraus zu heben, oder genauer gesagt, er konnte selber nicht damit aufstehen. "Was soll das denn werden?", fragte Gorotzki höhnisch, "hast wohl noch nie vorher richtig gearbeitet, was?" "Jedenfalls nicht so was", gab Philipp zurück, und meinte dann "hilfst du mir jetzt oder nicht?"

Gorotzki musste einsehen, daß sie anders nicht mit dem benötigten Wasser zurückkamen, er zog mit Schwung die Eimer hoch und zeigte Philipp, wie er sich damit am besten erheben konnte. Philipp befürchtete, er würde unter der Last einknicken. Er wankte, doch er blieb stehen. Er versuchte, damit zu laufen. Er zog seine Füße über den Boden, als wären Mühlsteine dran gebunden, und er musste höllisch aufpassen, daß die Eimer nicht ins Schaukeln kamen und ihn mit ihrem Gewicht umwarfen. Sie hätten viel zu viel Zeit vertrödelt, brummte Gorotzki, und Philipp machte sich darauf gefasst, daß der Messermann schimpfen würde, aber er sagte bloß "Das muss ein bisschen schneller gehen."

Eimer für Eimer, Stunde um Stunde schöpften sie Wasser, nur von einer Mittagspause unterbrochen, in der es einen Kanten trockenes Brot und eine Schüssel Kohlsuppe gab, die eigentlich nur trübes Wasser war, in dem ein paar bleiche Fetzen schwammen. Philipp kam nicht dazu, darüber nachzudenken, wie er hierher geraten war und was er hier sollte, und er nahm sich vor, Gorotzki am Abend darüber zu befragen. Doch als sie an diesem Tag fertig waren, fiel er todmüde auf sein Lager und schlief sofort ein.

Und es schien ihm, daß er im nächsten Moment schon wieder geweckt wurde und kaum eine Minute Ruhe gefunden hatte. Tatsächlich strahlte die Morgensonne, die gerade eine Handbreit über dem Horizont aufgestiegen war, durch die Fensterluke, und zum ersten Mal in seinem Leben verfluchte er sie und hätte sie am liebsten ausgelöscht. Gorotzki war schon auf den Beinen.

Philipp wollte seinen Rippenstößen zuvorkommen und aufstehen, aber er kam nicht hoch. Er fühlte, daß seine Knochen alle lose auf einem Haufen lagen, der einmal sein Körper gewesen war, und er wusste nicht mehr, wie man das rechte Bein anzieht oder die linke Hand im Gelenk dreht. "Gorotzki", hauchte er bloß. "Was ist, Mücke?" "Du musst mir aufhelfen." "Verflucht noch mal! Was für ein Schwächling du bist. Kein Wunder, daß dich dein Vater loswerden wollte." Damit griff er Philipp unter die Achseln und stellte ihn auf die Füße, als wäre er eine Strohpuppe. Vorsichtshalber lehnte er ihn an die Wand. Philipp spürte das Blut in seinen Adern, doch es spielte verrückt und ihm wurde schwindlig und er brauchte eine Weile, bis er aufrecht stehen konnte.

So wie er frühmorgens die Sonne in ihrem unaufhaltsamen Gang gehasst hatte, so hasste er bald darauf den Bach, der mit immer neuem Wasser herbei eilte. Er schien sich einen Spaß daraus zu machen, zuzusehen, wie er andere damit quälen konnte, und Philipp wurde bewusst, daß er bis an sein Lebensende Wasser aus ihm schöpfen würde, wenn ihn niemand davon erlöste.

Seine Schultern waren schon nach dem ersten Tag wund gescheuert; Gorotzki hatte ihm ein breites Lederband gegeben, das er unterlegen konnte. Irgendwann wurde er unempfindlich gegen die brennenden Schmerzen, die sich kaum noch steigern ließen. Auf dem Sandweg gab es keinen Schatten, und über die Mittagszeit warf die Sonne unbarmherzig ihre Hitze herab. Wozu brauchte man überhaupt solche Unmengen Wasser? In dem Lagerschuppen, in dem die Männer arbeiteten, staute sich stickige Luft, und es schien, als wollten die gefledderten Tiere sich nachträglich rächen durch den Gestank, den ihre Häute verbreiteten.

In einer anderen Hütte lagen die frisch abgezogen Felle der Kühe, Kälber, Ochsen, Schweine, Pferde und Ziegen und was sonst zu Leder gemacht werden konnte. Den größten Teil davon hatte der Besitzer der Lederwerkstatt aufgekauft, ein geringerer Teil wurde von den Bauern zur Verarbeitung hergebracht. Vereinzelt gab es auch Felle von Hirschen und Bären, Sonderaufträge eines Grafen oder Herrn, Bestellungen reicher Leute.

Alles war nach seiner Herkunft oder Bestimmung gesondert gelagert. Aber mit dem Leder, aus dem Schuhe und Handschuhe, Kappen, Gürtel, Westen, Taschen bestanden; mit dem Leder, aus dem die Sättel und das Riemenzeug der Reiter waren, mit diesem Leder hatten die Berge grünlichweißer Häute wenig Ähnlichkeit.

Auf der Oberseite standen noch Haare und Borsten fest verwurzelt, auf der Unterseite hafteten Fleischreste und eingetrocknetes Blut. Schwärme von Schmeißfliegen fanden reichlich Nahrung, und es war Eile geboten, die stinkenden Bälge zu säubern, bevor sie anfingen zu faulen.

Mehrere Wasserbecken, jedes an die fünf Schritt lang, lagen nebeneinander. Dort hinein wurden die Häute geschichtet, und vier oder fünf Leute waren damit beschäftigt, Dreck und Mist abzulösen. Die Becken hatten Abflüsse und aus ihnen wurde der Abfall in eine breite Rinne geleitet, die irgendwo weiter unten wieder in den Bach mündete. Gleichzeitig wurde der Unrat mit Kellen abgeschöpft und landete ebenfalls in der Rinne, jedenfalls das meiste davon. So verloren die Becken ständig Wasser, das zudem immer schmutziger wurde und durch frisches ersetzt werden musste.

Die Häute fingen an, im Wasser aufzuquellen, und es wurde eng. Außer den Steinbecken gab es noch Holzfässer, mehr als einen Meter im Durchmesser und so tief, daß ein Junge wie Philipp bis zum Hals darin hätte verschwinden können. In einigen lagen bis zum Rand Häute in einer Brühe, die mindestens alle zwei Tage abgelassen werden musste. Manchmal schaffte man das aus Zeitnot nicht und was dann nach einer Weile in diesen Fässern herumstand, konnte selbst einem abgebrühten Ledergerber den Appetit verderben.

Die "grünen" Häute, wie man sie vielleicht wegen ihrer Farbe oder auch wegen ihres unbehandelten Zustandes nannte, wurden auf Holzböcke gespannt und von den Leuten wie dem Messermann, der übrigens Michel Bunzlau hieß, von den gröbsten Fleischresten gesäubert. Das Messer war kein gewöhnliches Messer, sondern ein Scherdegen und wirklich so schwer, wie es den Anschein hatte. Michel Bunzlau hatte Philipp eines ausprobieren lassen, was er nur ausnahmsweise tat, weil er sein Werkzeug ungern aus der Hand gab. Es trug auch seine Initialen und bedeutete für ihn etwa das gleiche wie für einen Ritter dessen Waffen. Michel Bunzlau und zwei andere Männer, von denen der eine in einer Sprache redete, die Philipp nicht verstand, bereiteten die Häute für die nächstfolgende Behandlung vor.

Nachdem sie zwischendurch getrocknet worden waren, wurden sie aufgeschichtet, wobei dazwischen immer eine Schicht Salz kam, das ihnen das Wasser entziehen sollte. Philipp kamen die Arbeitsschritte umständlich vor, dieser Wechsel von Wässern und Trocknen, Quellen und Schrumpfen, fest und weich machen, aber das hatte wohl seinen Sinn.

Auch bemerkte er, daß es neben den frischen Häuten solche gab, die bereits eine langwierige Prozedur hinter sich hatten, und in der ganzen Werkstatt wurden eigentlich immer gleichzeitig alle Arbeiten erledigt, die aus dem rohen Fell das schönste Leder entstehen ließen, was insgesamt viele Wochen, ja sogar mehrere Jahre dauern konnte. Und nur, weil vor langer Zeit schon mit der Herstellung begonnen worden war, gab es überhaupt auch fertiges Leder, das an einem besonders geschützten und gesicherten Ort gelagert wurde, wo es auf Abholung wartete.

Auf der anderen Seite des Hofes hinter den Schuppen war eine Fläche auf der Wiese abgegrenzt, die eine niedrige Mauer umgab. Dort waren Gruben ausgehoben, manche über zwei Meter tief, in denen die Häute geäschert wurden. So nannte man das Ablösen der Fellhaare, Wolle und Borsten, was dadurch erreicht wurde, daß die Häute wochenlang in einer Kalkbrühe schwammen. Auf Lattenrosten und an Stricken versenkte man die Stapel und deckte die Grube mit Brettern ab.

Die Aufsicht über das Äschern hatte ein kleiner alter Mann, dessen Äußeres vom jahrelangen Umgang mit dem Kalk geprägt war: weiße, trockene Haut, schlohweißes Haar, das in wenigen langen Strähnen um sein Haupt wehte, weiße Augäpfel, die ungeheuerlich in den Höhlen lagen. Wenn er sprach, sah man auf seiner Zunge einen weißen Belag, der aber kein Zeichen von Krankheit war, denn trotz seines Alters und der eher schmächtigen Statur galt er als robust und unverwüstlich.

Er hieß Adam Wintervogel und wusste über alles genau Bescheid. Er hatte jeden einzelnen Arbeitsgang, der sich täglich hier abspielte, im Kopf, er hatte den Über- und Durchblick. Es schien, als würde er sich jedes Fell, das durchs Tor angeliefert wurde, merken, und stammte es auch von einem krepierten Esel, der irgendwo am Wegesrand gefunden worden war. Er begleitete es in Gedanken auf seinem Gang durch die Schuppen, Lager, Werkstätten, Bottiche, Gruben, Fässer, über die Schabebäume, Schlichtrahmen und Falzböcke, was wie gesagt, Monate und Jahre dauern konnte, und er hätte, wenn das Leder am Ende zum Verkauf bereit lag, mit seinen knochenweißen Händen darüber hinweg streichen und sagen können: "Das war dieser Esel, der vor sechs Jahren hereinkam."

Allerdings wurde auf eine Eselshaut nicht so langwierige Arbeit verwendet, doch es hieß, Wintervogel habe eine kostbare Sammlung edler und seltener Lederproben, die er wie einen Schatz hütete. Er führte nicht nur die Aufsicht über das Äschern, sondern auch über das Gerben, und über alle Vorgänge, für deren Gelingen ein besonderes Wissen und viel Erfahrung nötig waren.

Neben den Kalkgruben hatte er kleine Tafeln angebracht, auf denen vermerkt war, wann die Häute hinein gelegt worden waren. Denn auch das gehörte zu den Arbeitsweisen, die Philipp zunächst ziemlich schleierhaft blieben. Nach einiger Zeit holte man den Stapel aus einer Grube heraus und versenkte ihn in eine andere, und die Häute aus dieser Grube wechselten ebenfalls in eine frei gewordene.

Es war ein undurchschaubarer Plätzetausch, in dessen Verlauf jede Haut einmal in jeder Grube zu liegen kam, und welchen Adam Wintervogel mit Zeichen auf den Tafeln genauestens festhielt. Es hatte irgendetwas damit zu tun, wieviel Kalk in der Brühe war, und im Laufe der Zeit, in der Philipp bei vielen kleinen Gelegenheiten einen Blick auf die merkwürdigen Aktionen werfen konnte, fand er heraus, daß die Häute sozusagen in zwei gegenläufigen Richtungen die Gruben durchwanderten. Das Herablassen und Hochziehen der Lattenroste besorgten die Männer, es war nun doch für die Jungen eine Nummer zu schwer.

Eines Tages glaubte Philipp, bei dem Wechsel einen Fehler bemerkt zu haben und er machte Wintervogel darauf aufmerksam. Der studierte daraufhin seine Tafeln, und tatsächlich wäre beinahe ein Stapel in der falschen Grube gelandet. Wintervogel war ebenso erfreut wie beeindruckt von dem Hinweis des Jungen, berichtigte seine Notizen und fragte ihn sogar, wie er heiße. "Philipp", erwiderte er, "aber sie nennen mich Mücke". "Du scheinst ein schlaues Bürschchen zu sein", meinte Adam Wintervogel. Philipp war darauf ein bisschen stolz, aber Gorotzki, der es mitbekam, ließ ihn danach seine besondere Verachtung spüren und meinte "Bilde dir bloß nichts darauf ein".

Für das Äschern brauchte man weniger Wasser, jedenfalls nicht so oft neues. Nicht alle Häute wurden auf diese Weise enthaart. Andere wurden in einem Schuppen über Holzstangen gehängt und Wasserdampf ausgesetzt. Es war sehr mühselig, das Wasser über einem großflächigen Holzfeuer zu erhitzen und den Dampf in den Schuppen zu leiten, der extra dicke und sogar hohle Wände hatte, um die Hitze zu halten. Bei den sommerlichen Temperaturen konnte man es dort kaum aushalten, und Philipp hoffte bloß, niemals in diese Schwitzkammer abkommandiert zu werden. Wenn die Häute weich und mürbe genug waren, wurden sie abermals sorgfältig abgeschabt, und jetzt hatten sie schon eine gewisse Ähnlichkeit mit einem sauberen, glatten Lederbalg.

Aber nun kam wieder das Wässern und Spülen an die Reihe, um den Kalk herauszuwaschen. Hier half nicht Wasser allein. Philipp bekam einen Eimer und so etwas ähnliches wie eine Handschaufel in die Hand gedrückt und sollte auf dem Hof den Hunde und Taubenkot einsammeln. Davon gab es freilich genug. Die Hunde waren durchweg irgendwelche Mischungen und hatten sich untereinander gekreuzt und beinahe ungehemmt vermehrt. Diese Bastarde seien die besten, sagte man, "ihre Scheiße ist unverwüstlich".

Ihr einziger Lebenszweck schien darin zu bestehen, sich auf dem Hof herumzutreiben, ihn voll zu kacken und Nachwuchs zu machen. Man warf ihnen Fleisch hin, das von den angelieferten Tierhäuten abfiel, manchmal auch einen Kadaver. Es gab allerdings jemanden, der darauf achtete, daß ihre Anzahl nicht überhand nahm, und so kam es vor, daß manche abgemurkst und ihren eigenen Artgenossen zum Fraß vorgeworfen wurden. Ein wenig dienten sie auch zum Schutz der Werkstatt, und vor allem nachts streunten sie um die Schuppen und Hütten herum und stimmten manchmal ein schauerliches Gebell und Geheul an. Diese Hunde waren alle auf ihre Weise irre und unberechenbar, und Philipp musste aufpassen, daß sie nicht jede Gelegenheit ausnutzten, ihn zu beißen oder mit anderen Widerwärtigkeiten zu traktieren. Deshalb hatte er sich alsbald zusätzlich mit einem großen Knüppel ausgerüstet, der ihm den gehörigen Respekt verschaffte, nachdem drei oder vier der lausigen Kreaturen Prügel bezogen hatten.

Zuerst dachte er, diese Arbeit soll den Hof sauber halten und dafür sorgen, daß man nicht auf Schritt und Tritt in einen der Kothaufen latschte. Aber das war nur ein nützlicher Nebeneffekt. In Wirklichkeit benötigte man den Kot - wie konnte es anders sein - für die Lederherstellung. Es steckte irgendein Stoff darin, der bewirkte, daß die geäscherten Häute den überschüssigen Kalk wieder los wurden, mit dem zuvor ihre Haare entfernt worden waren. Und eben zu diesem Zweck wurden sie mit Hunde und Taubenkot eingeschmiert und eine Weile so liegen gelassen. Eine ganze Menge konnte Philipp von der Erde aufheben, und bald hatte er auch ein paar Stellen gefunden, wo die Köter vorzugsweise ihr Geschäft erledigten und die Ausbeute größer war.

Bei den Tauben war das nicht so einfach, und er musste darauf achten, nicht zuviel Dreck und Sand mit einzuschaufeln. Eine Menge Tauben hausten in dem halbverfallenen Haus, wo oben unterm Dach einst ein richtiger Taubenschlag war, um dessen Erhalt sich aber niemand gekümmert hatte, weil den Tauben sowieso keine Wahl blieb, wenn sie Wert legten auf ein Plätzchen, wo sie brüten konnten.

Auch wenn es nicht ungefährlich war, auf den morschen Dachboden zu steigen, dessen Gebälk völlig von Würmern zerfressen war, hatte es Philipp dennoch gewagt, mittels einer Leiter hinauf zu klettern, um seinen Eimer zu füllen. Manche behaupteten, der Taubenkot sei hochwertiger, was Philipp aber ziemlich egal war. Dessenungeachtet war er da oben immer reichlich vorhanden, wurde nicht vom Regen fortgespült und konnte leichter vom Holz abgekratzt werden. Zweimal in der Woche zog er mit Eimer und Schäufelchen los, und nachdem er den anfänglichen Ekel beherrschen gelernt und auch bemerkt hatte, daß ihn niemand, aus welchem Grund auch immer, bei dieser Arbeit antrieb oder ständig nach ihm rief, nutzte er die Zeit, um sich ein wenig auszuruhen vom Wasserschleppen, Kalk schaufeln, Rinden zerhacken oder sonst einer nicht enden wollenden Tortur.

Auf dem Taubenboden hatte er sich einen kleinen Platz geschaffen, wo er sitzen konnte und über den er ein paar alte zerschlissene Säcke gehängt hatte, um von den Tauben unbehelligt zu sein. Durch eine Öffnung im Dach hatte er freien Blick auf das Land, über den Hof hinweg, die Weiden am Bach, die Wiesen, bis zum Horizont. Erst hier oben hatte er Muse gehabt, über seine Lage nachzudenken.

Er hatte herausgefunden, daß man ihn an den Besitzer der Ledergeberei regelrecht verkauft hatte. Wer das gewesen war, darüber konnte er nur mutmaßen. Nachdem er den Schmied verlassen hatte, war er vor Radisleben in eine Schänke eingekehrt, um sich nach dem Bierkutscher zu erkundigen, und dort hatten sich zwei Männer zu ihm gesetzt, die angeblich fremd hier waren und ihn um Auskunft baten.

Er konnte ihnen nicht weiterhelfen, doch sie waren sehr freundlich und bedankten sich trotzdem und spendierten ihm einen kühlen Trunk Apfelsaft. Kurz darauf wurde er plötzlich so müde, daß er auf der Stelle umfallen wollte, und das letzte, was er noch vor sich gesehen hatte, war ein Planwagen, der bei der Schänke stand. Dann schwanden ihm die Sinne und er fiel um.

Er bereute es, seine Mutter und Pauline getäuscht zu haben, aber er wünschte sich so sehr, Norah wiederzusehen. Und Regina war mit der Werkstatt beschäftigt und hätte ihm womöglich nicht erlaubt, nach Radisleben zu gehen, weil sie ihn nicht begleiten und auch so schnell niemanden dafür finden konnte. Anstatt Norah zu treffen, war ihm dieses Unheil widerfahren. Zuhause konnten sie nicht wissen, wo er abgeblieben ist, und selbst wenn es sich Regina denken konnte, wäre es doch unmöglich gewesen, seine Spur zu verfolgen. Er hatte ja selber keine Ahnung, wo genau er hier war.

Die Gerberei war weit und breit der einzige Hof. Die Gegend war flach, von Wäldern und Wiesen bedeckt, wohin man sich auch wendete, überall sah es gleich aus. Aber von seinem Ausguck auf dem Dachboden konnte er in einiger Entfernung die Dächer eines Dorfes erkennen, und wenn gute Sicht war, zeichnete sich am Horizont tatsächlich das Gebirge ab. An manchen Tagen herrschte hier reger Verkehr, und es kamen Fuhrwerke mit allem, was benötigt wurde, aber es war vor allem Gorotzki, der mit seinen Glotzaugen darüber wachte, daß Philipp mit niemandem von draußen auch nur ein Wort wechseln konnte. Und einer aus Michel Bunzlaus Schuppen hatte ihm erzählt, was mit denen geschieht, die versuchen, von hier abzuhauen, daß sie nämlich halbnackt auf einen der Lattenroste gebunden und dann ... nein, das mochte sich Philipp gar nicht nochmal vorstellen.

Er dachte an Regina, die vor Sorge und Traurigkeit wahrscheinlich weinte, und an Ritter Beheim und an Matthias, Helene und die anderen, die sich vergebens fragten, was mit ihm passiert sei. Wenn er ihnen wenigstens eine Nachricht hätte zukommen lassen können, daß er lebe und daß er die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, sie wiederzusehen.

Und dann ertappte er sich doch dabei, wie er darüber nachdachte, daß der Bach, der ihnen das Wasser lieferte, unzweifelhaft aus den Bergen kommen musste, und man, wenn man von hier fliehen würde, seinem Lauf aufwärts folgen könnte. Aber wahrscheinlich war es nötig, sich zunächst zu verstecken, um dann im Schutz der Dunkelheit seinen Weg fortzusetzen. Er musste sich also mit der Umgebung ein bisschen besser vertraut machen.

Bald darauf bot sich dafür eine Gelegenheit. Für das Gerben des Leders benötigte man die Rinde von Eichen und Fichten, die in dem Wald gebrochen wurde, der sich hinter dem Hof erstreckte. Gemeinsam mit einem Mann, den sie nur den "Hauer" nannten, wurden Gorotzki und Philipp losgeschickt, Rinde zu sammeln. Ein wackliger Karren mit einem altersschwachen Gaul brachte sie in den Wald.

Sie durften die Rinde nicht beliebig von den Bäumen schälen, der Vogt, der im Namen irgendeines Grafen den Wald überwachte, hatte ihnen die Stämme zugewiesen. Zum Teil waren es umgestürzte und vom Sturm gefällte Fichten oder Buchen, die jedoch schon morsch oder halbverfault waren. Der Hauer wusste, welche Sorte von Rinde von welchen Bäumen sich am besten eignete, und er nahm es nicht so genau mit den Anweisungen des Vogts, der sich ohnehin nie hier blicken ließ. So musste manche junge, saftige Eiche ihr Borkenkleid hergeben und manche schlanke Fichte folgte ihrem Beispiel.

Man benutzte dafür große, schwere Messer, und man musste erst lernen, damit umzugehen. Der Hauer, der sonst nicht viel redete, zeigte ihm, wie es geht, und Philipp hatte den Bogen schnell raus und warf alles in Weidenkörbe, die anschließend auf dem Karren ausgeschüttet wurden. Aber Gorotzki sagte "Haben sie dir'n Blasebalg in den Arsch gesteckt! Mach' mal 'n bisschen langsamer, ich hab' keine Lust, so schnell wieder reinzukommen."

Der Hauer hatte es ebenfalls nicht eilig. Nachdem er den Jungen gezeigt hatte, wie man die Bäume entrindet, überließ er ihnen die Arbeit. Er hatte das Pferd ausgespannt und es musste die an Seilen befestigten Stämme aus dem Dickicht ziehen und freilegen. Der Wald war sehr verwildert und es war dunkel und warm und an einigen feuchten Stellen war die Luft schwül und schwer.

Fliegen, Mücken und andere lästige Insekten schwirrten umher und Philipp war bald so zerstochen und gebissen, daß es ihm überall juckte und er sich blutig kratzte, was aber nur noch mehr von dem summenden Geschmeiß anlockte. Immerhin machten sie eine lange Mittagspause, in der Philipp auf eine der hohen Eichen kletterte. Erstens war die Luft oben frischer und zweitens konnte er die Gegend überschauen.

Der Wald zog sich weit hin durch eine Ebene und dann an flachen Berghängen wieder hinauf, und erst weit in der Ferne konnte Philipp im bläulichen Schimmer ein Gebirge erkennen. Natürlich ging kein Weg durch den Wald, und es wäre schwierig gewesen, ihn zu Fuß zu durchqueren. Abgesehen davon, daß er jede Orientierung verloren hätte, wimmelte es hier von wilden Tieren, die man sich vom Leib halten musste. Er sah auch, daß der Wald an vielen Stellen Lichtungen hatte, wo man in klarer Nacht wenigstens einen Blick auf den Nordstern haben würde. Vielleicht konnte er auf diese Weise vorwärts kommen. Hoch droben zogen zwei Bussarde seelenruhig ihre Kreise. Ja, man müsste wie ein Vogel fliegen können, dann brauchte man sich keine Gedanken machen über das, was einem am Boden den Weg versperrte.

Er musste sich auf jeden Fall ein Messer besorgen oder irgendetwas, womit man sich verteidigen konnte. Als er nach Radisleben unterwegs war, trug er das Messer bei sich, das ihm Andreas Beheim geschenkt hatte, doch als er hier wieder zu sich gekommen war, hatte er gar nichts mehr, kein Messer, kein Geld und auch nicht mehr den Beutel mit Proviant. Übrigens wäre er beinahe umgekehrt, als er bemerkte, daß er die rote Kappe vergessen hatte, die er Norah schenken wollte. Aber er war schon zu weit weg von zuhause.

Die drei blieben über Nacht im Wald und machten es sich abends am Feuer bequem. Der Hauer hatte zwischendurch Pilze gesammelt, die in einer eisernen Pfanne geschmort wurden. "So lässt es sich aushalten, nicht wahr, Mücke?", sagte Gorotzki, als wäre das alles seine Idee gewesen. "Besser als Wasser schleppen", erwiderte Philipp und fragte dann unvorsichtigerweise "Welcher Ort liegt hier eigentlich in der Nähe?" "Was weiß ich, der nächste eben." "Kelfenheim", sagte der Hauer, "früher war da eine Furt durch die Unstrut, aber dann ist der Boden abgesackt und jetzt kommt man nicht mehr durch." "Na, da gibt's sicher eine andere Stelle, irgendwo müssen die Leute ja über's Wasser kommen", meinte Gorotzki. Aber dann schien ihm was zu dämmern "He, Mücke, warum willst du das eigentlich wissen? Da denkt doch nicht etwa jemand ans Ausreißen?" Philipp bemühte sich, so gleichgültig wie möglich zu bleiben. "Ausreißen? Wie kommst du darauf. Ich wüsste ja gar nicht, in welche Richtung ich laufen sollte."

Gorotzki stocherte mit einem Stock im Feuer herum und sagte dann "Ich glaube auch kaum, daß man in der Gerberei auf dich verzichten könnte." "Du wahrscheinlich am allerwenigsten", gab Philipp zurück. "Wo denkst du denn hin, du bist mir scheißegal", behauptete Gorotzki, "und wenn du aus Versehen in eine der Äschergruben fällst, würde mich das überhaupt nicht kümmern." "Na na", wandte der Hauer ein, "so redet man nicht über seinen Kameraden."

Gorotzki wurde zornig. "Was erzählst du da von Kamerad, Alter. Ich bin von niemandem der Kamerad, und will's auch gar nicht sein, am wenigsten von dem da, diesem geliebten Söhnchen." Philipp stutzte. "Was meinst du damit?" "Was ich damit meine? Ich sehe noch deinen Vater, als er dich hergebracht hat, wie er mit weinerlicher Stimme sagte 'Es bricht mir das Herz, daß ich meinen Sohn hergeben muss, aber ich kann nicht mehr für ihn sorgen, Gott weiß, daß ich recht tue, wenn ich ihn in Lohn und Brot gebe. Gott wird mir helfen, daß ich ihn eines Tages wieder holen kann.' Fast gewimmert hat er dabei wie ein Weib, aber seine Augen haben geleuchtet, als er das Geld kassiert hat."

Was wusste Gorotzki von den Leuten, die Philipp hergebracht hatten? "Du glaubst, das war mein Vater?", fragte er, aber Gorotzki überhörte es. "Ich sag' dir was", fuhr er fort, "auf diesen Tag kannst du lange warten, solche Väter kenn' ich, die denken nur daran, wie sie dich am besten loswerden auf nimmer Wiedersehen." Um seinen Mund zuckte es wild und seine Augen starrten ins Feuer. Er warf einen kurzen Blick auf den Hauer, der sich inzwischen hingelegt hatte, und sagte dann zu Philipp "Denkst du etwa, mir gefällt das hier? Diese Knochenarbeit, diese endlose Quälerei, jeder Hund, von dem du die Scheiße aufkratzt, hat ein besseres Leben."

Er machte eine Pause, dann sagte er "Ich wollte auch mal weg von hier." Philipp fragte "Und? Was ist passiert?" Gorotzki berichtete, wie er geflohen war und es tatsächlich bis nach Hause geschafft hatte. "Mein Vater hat mich empfangen", sagte er, und statt weiterzureden, drehte er ihm den Rücken zu und raffte sein Hemd bis zu den Schultern hoch. Im Feuerschein erkannte Philipp einige wulstige Narben wie Striemen, die sich kreuzweise über die Haut zogen. "Er hat dich ..." "Wieder hierher zurückgebracht, ja. Er hat sich tausendmal bei dem Herrn entschuldigt und ihm eine Entschädigung gezahlt. Er hat gesagt, wenn ich es noch mal versuchen sollte, könnten sie mich totschlagen." Er schluckte und fügte hinzu "Am besten, du vergisst deine Familie. Je eher, desto besser." "Das wird nie und nimmer geschehen", entgegnete Philipp und wollte Gorotzki erklären, wie lieb er seine Mutter und seine Schwester habe, und seinen Vater stets in bester Erinnerung bewahre, da drehte sich der Hauer zu ihnen um und brummte "Könnt ihr jetzt mal das Maul halten und schlafen."

Die beiden legten sich hin. Im Feuer knisterten noch ein paar halbverkohlte Hölzer. Finstere Nacht brach herein. Philipp schloss die Augen und dachte 'Ich muss vorsichtig sein. Wenn Gorotzkis eigene Flucht so kläglich gescheitert war, dann würde er Philipp wahrscheinlich bei der kleinsten Andeutung verraten und womöglich dafür sorgen, daß man ihn streng im Auge behielt.'

* * * * *

Was hatte sich inzwischen bei den Schauenburgern ereignet? Die Ritter waren mit dem Leichnam Norberts vom Stein auf der Burg angelangt. Als der alte Graf vernommen hatte, was beim Pfalzgrafen passiert war und daß Norbert tot, Ritter Wolfram und sein geliebter Sohn Ludwig in Gefangenschaft geraten waren, bekam er einen Schwächeanfall. Er fasste sich an die Brust, wo sein Herz von einem heftigen Stich getroffen war, er rang nach Atem, und die Gräfin wollte, daß er sich sofort zur Ruhe begebe und kein weiteres Wort von dem schrecklichen Vorfall erfahren müsse. Doch er erholte sich nochmal und verfügte, daß sie sich am späten Abend in seinem Zimmer treffen und über die Lage beraten wollten.

Dann erschien er gekleidet, als würde er in den Kampf ziehen wollen, mit Schwert und Harnisch, der sich vor seinem mächtigen Oberkörper wölbte, mit den festen Lederhandschuhen, die bis zum Ellenbogen reichten und mit Eisenschuppen geschützt waren, und mit dem Helm unterm Arm, der von etlichen Streichen aus früheren Tagen zerkratzt war.

"Was habt Ihr vor?", fragte Ritter von Kahlenberg. "Was ich vorhabe?", erwiderte der Bärtige, "ich werde meine Burg und alle, die hier leben, bis zum letzten Blutstropfen verteidigen. Oder glaubt ihr etwa, sie werden uns in Ruhe lassen? Jetzt, wo sie Ludwig nicht mehr fürchten müssen, werden sie uns angreifen und vernichten wollen, da bin ich mir vollkommen sicher." "Meint Ihr, sie werden ihn umbringen?", fragte ihn Ritter Habland.

Der Alte sagte "Wenn das stimmt, was Ihr berichtet habt, Beheim - und ich zweifle nicht an Euren Worten - dann könnte ich mir vorstellen, daß sie Ludwig als Geisel benutzen, um uns zu erpressen. Aber wir wissen ja nicht, wer wirklich dahinter steckt. Vielleicht der Rabensteiner, vielleicht auch der König selbst, oder beide oder irgendjemand, der Unfrieden im Thüringer Land stiften will. Zumindest der Rabensteiner wird die Gelegenheit nutzen und uns überfallen, darauf müssen wir gefasst sein. Er wird zuschlagen, wo er nur kann. Er wird alles zerstören und rückgängig machen wollen, was wir uns bis jetzt aufgebaut haben. Und wenn er Unterstützung vom König erhält, umso besser für ihn - und umso schlimmer für uns."

Der alte Graf ließ sich zum wiederholten Male den Hergang schildern, und sie spekulierten auch darüber, wohin Graf Ludwig und Wolfram gebracht worden seien und ob es ihnen womöglich sogar gelingen könnte, sich zu befreien. Dann legten sie verschiedene Maßnahmen fest, um gegen Angriffe und Überfälle gewappnet zu sein, und sie nahmen eine Aufstellung der Eisernen Meute vor, mit deren Hilfe sie sich verteidigen würden. Auch musste alles zum Schutz der Burgbewohner, vor allem natürlich der Frauen und Kinder getan sowie ein Plan entworfen werden, wie sie sich eine Zeitlang hier oben verschanzen und versorgen können, falls sie belagert werden.

In der folgenden Nacht wurde Norbert vom Stein feierlich im Schein von Fackeln auf dem eigens dafür vorgesehen Platz im Wald zu Grabe getragen. Er war aufgebahrt im schlichten, aber edlen Gewand, mit seinem Schwert, dessen Griff seine Hände fest umschlossen hielten und mit einem stolzen und über alle Gewalt erhabenen Ausdruck auf seinem Gesicht.

Und obwohl er keine Familie hatte, waren doch jetzt so viele bei ihm, die weinten und schluchzten und sich kaum über seinen Verlust hinwegtrösten ließen. Gräfin Cecilia, die ihren Ritter so liebgewonnen hatte, gab ihm eine prächtige weiße Rose mit ins Grab, die ihn, aus ihrer Blüte heraus strahlend, dahin geleiten würde, wo alle tapferen Ritter in Frieden und in Seligkeit aufgehoben sind. Auch der alte Graf konnte seine Erschütterung nur schwer beherrschen, und die anderen erfuhren am nächsten Tag, daß er abermals von einem Schwächeanfall heimgesucht worden war.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis der erste Anschlag auf die Schauenburger verübt wurde. In der Nacht hatte jemand in einem der Schuppen, in denen Kleinholz und Stroh gelagert wurde, ein Feuer gelegt. Der Schaden hielt sich noch in Grenzen; es sollte vielmehr ein Zeichen sein, daß man ihnen bereits ganz nahe gekommen war, denn auf einem Stück Stoff hatte man, nicht besonders geschmackvoll, das Schauenburger Wappen gezeichnet und mit frischem Schweineblut beschmiert, was unzweideutig als Drohung und Ankündigung gemeint war.

Die Überfälle auf die Handelsfuhren häuften sich; die Schauenburger konnten bald nicht mehr für ihre Sicherheit sorgen, denn sie waren zu wenige, um überall dort eingreifen zu können, wo sie gebraucht wurden. Es kam vor, daß die Ritter und die Eiserne Meute irgendwo zu Hilfe gerufen wurden und sich dann herausstellte, daß es nur eine Ablenkung war, um sie von einem andern Ort wegzulocken, wo ein reicher Bauer auf seinem Hof von einer Bande halbtot geschlagen, seine Frau und seine Töchter vergewaltigt, sein Vieh abgeschlachtet wurde. Bewaffnete und vermummte Reiter zogen marodierend durch die Gegend. Leute wurden entführt und nur gegen Lösegeld wieder freigelassen. Äcker wurden verwüstet, Scheunen in Brand gesteckt, verfaultes Fleisch wurde in Brunnen geworfen.

Eines Tages kam eine Abordnung der Rabensteiner auf die Burg und übergab ein Dokument mit einer unverblümten Forderung des Rudolf von Rabenstein. Darin stand, daß es jetzt, "wo die Franken ihrer Führung beraubt" wären, an der Zeit sei, ihm, dem Grafen von Rabenstein, die Herrschaft über das Schauenburger Land zu übertragen, bevor es dem Untergang geweiht wäre. Er ließ sein Pamphlet überall in den Dörfern verkünden, natürlich mit dem Hintergedanken, daß die Leute, bevor sie noch mehr zu erleiden hätten, sich lieber dem Bezwinger unterwarfen.

Die Ritter hatten Andreas Beheim zu ihrem Anführer bestimmt, was ihn mit Stolz erfüllte, ihm jedoch zugleich viel Scharfsinn und große Entschlossenheit abverlangte. Als sie über ihr weiteres Handeln beratschlagten, stand auf einmal Wolfram von Langenau in der Tür zum Grafenzimmer. Er sah ziemlich mitgenommen aus. Seine Kleider waren zerfetzt, er hatte keine Waffen bei sich, sein Gesicht war vom Bart überwuchert, seine Stirn von einer Schnittwunde geteilt, er musste sich abstützen, um nicht zusammenzubrechen. Sie hielten ihn und schoben ihm einen Stuhl unter. Er sank darauf nieder, und mit stockender Stimme berichtete er, was ihm und Graf Ludwig widerfahren war.

Demnach war Ludwig auf die Festung Giebichstein in Halle gebracht worden, die auf einem steilen Felsen hoch über der Saale erbaut war und im ganzen Reich als uneinnehmbar galt. Dennoch sagte Wolfram fast beschwörend "Wir müssen ihn dort 'rausholen! Koste es, was es wolle." "Wie stellst du dir das vor?", fragte Rüdiger Habland.

Wolfram schien genau zu wissen, wie sie vorgehen müssen. "Wir schleichen uns nachts heran, nur wir sechs. Es gibt dort an der Südseite eine Stelle am Felsen, wo man ohne große Mühe zirka zwanzig Schritt hinauf klettern kann. Ein Stück weiter links ist eine Öffnung, eine Art Lüftungsfenster für einen der unterirdischen Keller. Da dürfte man gerade so hindurchpassen. Das Problem ist: die Keller sind unglaublich weitläufig, niemand kennt die genauen Lageverhältnisse, aber eines ist sicher: alle Verbindungsgänge führen irgendwo nach oben, und also auch auf die Ebene, wo sich die Kerker befinden. Wo ist eigentlich Norbert? Und wo sind der Bärtige und die Gräfin?", unterbrach Wolfram seine Rede.

Die anderen schwiegen. Wenzel Apfelstädt sagte "Wir konnten Norbert nur tot nach Hause bringen." "Das tut mir leid. Und der alte Graf?" Beheim sagte "Er ist gestern früh gestorben." Wolfram fuhr von seinem Stuhl hoch. "Der Alte ist tot?" "Es war zu viel für ihn, sein Herz hat es nicht mehr ausgehalten. Wir haben seinen Leichnam nach Reinhardsbrunn geschafft, wir haben noch nichts darüber verlauten lassen. Besser, der Rabensteiner erfährt es erst später." "Und die Gräfin?" "Sie ist in Sangerhausen." "Also in Sicherheit?" "Ja. Wir haben zehn unserer besten Leute dort." "Reicht das?", fragte Wolfram, und Habland gestand ein "Wir haben nicht mehr zur Verfügung."

Wolframs Plan zur Befreiung des Grafen klang vielversprechend, dennoch zögerten die anderen. Immerhin musste erwogen werden, was passierte, wenn es schiefging. Wer sollte dann hier auf der Burg die Entscheidungen treffen? Wie wäre die Herrschaft der Schauenburger dann überhaupt noch zu halten? Man sah, daß die Zukunft mehr denn je von Graf Ludwig abhing, und Wolfram von Langenau hatte das allen noch einmal deutlich gemacht.

Er berichtete ihnen, wie es ihm gelungen war zu fliehen und wie er sich vorher so weit wie möglich über das innere Regime und über die äußerlichen Gegebenheiten auf der Festung an der Saale unterrichtet hatte. Er wusste sogar, welcher Hauptmann für die Bewachung Ludwigs verantwortlich war, und wie die Zeiten für die Wachwechsel geregelt waren. Aber er hielt nichts von Hablands Vorschlag, eine spezielle Truppe aus fähigen Männern der Eisernen Meute zusammenzustellen, die unter seinem Kommando die Befreiung durchführt. Sein Einwand war durchaus verständlich: mit ihnen, den Rittern, habe er schon andere Herausforderungen gemeistert, weil jeder hier wüsste, was er im Ernstfall zu tun habe, wogegen sich bei einer solchen Truppe erst jeder auf jeden einstellen müsste. "Und Beheim hat eben selbst gesagt, daß uns die Zeit davonläuft", fügte Wolfram hinzu.

Trotzdem gelang es ihm anscheinend nicht, die anderen für sich zu gewinnen. Da sagte er "Wenn ihr mir nicht helft, Ludwig zu befreien, dann habt ihr es zu verantworten, daß er hingerichtet wird." "Steht das denn schon fest?", fragte Beheim, und Wolfram sah ihn beinahe fassungslos an. "Ob das feststeht? Er hat den Pfalzgrafen ermordet! Du selbst warst dabei und hast ihm geholfen." Ein grimmiges Lächeln spielte um seinen Mund; es bedeutete soviel wie: 'Wenn du nicht aufpasst, wird man dich auch dafür hängen'.

Die Unterredung nahm eine seltsame Wendung. Immer deutlicher wurde der Zwist zwischen Beheim und von Langenau, während die anderen offenbar unentschlossen waren, auf wessen Seite sie sich stellen sollten. Vielleicht erwarteten sie auch, daß die beiden Rivalen ihren Streit selbst schlichten, so oder so: entweder einvernehmlich oder indem sich einer dem andern fügt.

Wolfram überraschte sie, als er sagte "Ich habe meinen Treue Eid gegenüber Graf Ludwig dem Bärtigen geschworen. Da er nun nicht mehr unter den Lebenden weilt, bin auch ich davon entbunden. Wenn ihr bei eurer zögerlichen Haltung bleibt, dann dürft ihr nicht länger mit mir rechnen. Falls ihr es euch aber anders überlegt, wisst ihr, wo ihr mich findet." Er verbeugte sich tief vor seinen Kampfgefährten und ging weg.

Obwohl die Gefahr bestand, einer der Rabensteiner Banden in die Quere zu kommen, ritt Andreas Beheim am übernächsten Tag allein nach Friederode. Fast zur selben Zeit hatte Regina beschlossen, auf die Burg zu reiten. Dietmar und Pauline wollten sie davon abhalten, es sei viel zu gefährlich. Aber Regina meinte, sie kennt ein paar Schleichwege, auf denen die Rabensteiner Schergen bestimmt nicht unterwegs wären. Schließlich ließen sie Regina ziehen, und Pauline bat sie noch, ihr einige Sachen von sich mitzubringen.

Als Regina im Wald war, machte ihr Pferd merkwürdige Anstalten, es drängte ständig nach rechts, als wären dort Haferkörner gestreut, und sie musste es unablässig am Zügel zurechtweisen. Schließlich tat ihr vom Gezerre der Arm weh, sie ließ das Pferd gehen, und es wandte sich seitab ins Dickicht, und als sie es durchquert hatten, kamen sie auf eine Lichtung, wo eine mächtige alte Eiche stand, und an der Eiche schwenkte der Gaul plötzlich nach links und trabte dann zwischen dichten Büschen hindurch und da waren sie auf einem Weg, und im selben Augenblick stand das Fuchsgesicht, der kleinwüchsige Rotkopf, vor ihr und grinste sie an.

Sie sagte "Was machst du denn hier?" "Nichts", antwortete er und drehte seinen Fuchskopf in die andere Richtung, und dort in der Wegbiegung erschien ein Reiter - Regina erkannte Ritter Beheim. Als er bei ihnen war, fragte er "Was macht ihr denn hier?" "Ich wollte zu Euch", sagte Regina. "Und ich wollte zu Ihnen." Sie schauten beide auf den Rotkopf, der grinste und sagte "Ich weiß, wer in der Bärenklause war."

Der Rotkopf berichtete Beheim alles, was er beobachtet hatte. Beheim fragte Regina, ob sie mit ihm zur Bärenklause reitet, und sie sagte "Selbstverständlich." "Nehmen Sie mich mit auf Ihrem Pferd", verlangte der Rotkopf von ihr. "Du kannst bei mir aufsitzen." "Nein, ist schon in Ordnung." Sie beugte sich herab und reichte ihm ihre Hand, er kletterte hinter ihr aufs Pferd und schlang seine dünnen Ärmchen um ihren Leib, sie musste kichern.

"Ich warte hier draußen, wenn es Euch recht ist", sagte Regina vor der Bärenklause, "da drin ist es so stickig." Beheim nickte. Sie setzte sich auf die Bank, der Rotkopf ging woanders hin. "Ja, das habe ich befürchtet", brummte der Wirt, als er Beheim erblickte, ließ ihn aber ohne weiteres herein. Beheim fragte ihn "Stimmt es, daß sich der Rabensteiner hier mit dem Schwarzen Reiter getroffen hat?" "Ja. Meine Klause steht jedem Gast offen, der sich anständig benimmt und seine Zeche zahlt." "Verrätst du mir, was sie verhandelt haben?" "Der Rabensteiner will beim nächsten Vollmond die Schauenburg besetzen und sich zum Grafen über euer Land machen." "Mit seinen eigenen Leuten?" "Ja." "Weshalb hat er das dem Schwarzen Reiter mitgeteilt?" "Damit der Bescheid weiß." "Das leuchtet mir nicht ein." "Dafür kann ich nichts", erwiderte der Wirt und Beheim sah, daß er über alles weitere schweigen möchte.

Aber er fügte doch noch etwas hinzu. "Ihr wisst, Beheim, daß ich immer ein gespaltenes Verhältnis zu den Franken hatte. Aber so, wie es jetzt hier im Lande ist, kann es nicht bleiben." "Du meinst, mit dem Rabensteiner wird es besser werden?" "Nein, ich meine genau das Gegenteil. Ich möchte, daß seine Brandschatzerei und Plünderei aufhören und daß wir hier wieder in Frieden und Eintracht leben können. Das ist meine Heimat, und die liegt mir sehr am Herzen."

"Warum bist du nicht zu uns gekommen?" "Sollte ich für euch meinen Kopf riskieren? Wer will das von mir verlangen." "Du hast recht. Ich muss dir danken." Der Wirt winkte ab, Beheim sagte "Wenn das alles vorbei ist, werden wir bei dir eine große Zeche machen." "Oh", entgegnete er, "seid vorsichtig mit solchen Versprechungen, wer sagt Euch, daß es nicht Euer Fell ist, das versoffen wird."

Draußen war der Rotkopf wieder erschienen, er hatte eine ordentlich zusammengefaltete Wolldecke auf den Armen. "Die gehört Ihnen", sagte er und reichte sie Regina. "Bitte?" "Die haben Sie mir damals im Winter gegeben, als Sie hier waren." "Ah, ja, jetzt fällt's mir wieder ein. Eigentlich hatte ich sie dir geschenkt." "Ich kann sie behalten?" "Ja, gern." Der Rotkopf schaute auf die Decke, dann auf Regina, er sagte "Sie waren beim Schmied." "Ich war wo?", fragte sie überrascht. "Bei Thoralf dem Schmied." "Ja ... woher weißt du ..." "Ich bin manchmal bei ihm." "Wirklich?" "Er konnte Ihnen nicht helfen." "Nein, leider ..." "Ich habe meine Mutter deswegen gefragt." "Ich versteh' nicht ganz, wovon du redest." "Meine Mutter kann Dinge sehen." Regina starrte ihn an, dann fragte sie langsam "Und was hat deine Mutter gesehen?" "Einen großen Hof, in der Gegend von Neuensee, es könnte eine Gerberei sein, wo sie Leder aus Tierhäuten machen." Regina schlug das Herz bis zum Hals. Sie fasste den Rotkopf an der Schulter. "Ist mein Junge dort?" "Meine Mutter hat sich noch nie verguckt."

* * * * *

Ach! Hätte Regina das Fuchsgesicht doch eher wiedergetroffen! Dann wäre Philipp manches Leiden erspart geblieben. Durch die schwere Arbeit und die kärgliche Kost (manchmal konnte er die Kohlsuppe vor Ekel nicht mehr schlucken) war er völlig abgemagert. Nachts wurde er oft von Alpträumen geplagt, und tagsüber hatte er manchmal ein seltsames Flimmern vor Augen und ein Sausen in den Ohren, und überhaupt war alles so unerträglich, daß er am liebsten laut losgeheult hätte, um in einem Meer von Tränen unterzutauchen und fort, weit weit fort zu schwimmen.

Aber seit dem Morgen, als er zum ersten Mal wie zerschlagen aufgewacht war und diesen Ort verfluchte, hatte er sich, seiner Mutter zuliebe (und sogar Norah zuliebe, obwohl er nicht sicher war, ob sie sich an ihn erinnerte) geschworen, nicht zu weinen, und diesen Schwur zu halten bis zu der Stunde, da er hier heraus käme.

Diese Stunde schien mit jedem Tag weiter weg zu rücken, und er war es schon leid, sich in immer neuen Varianten seine Flucht auszumalen und sich am Ende doch in diesem endlosen, eintönigen Trott wiederzufinden. Zwar war Adam Wintervogel auf ihn aufmerksam geworden und hatte dafür gesorgt, daß Philipp vorübergehend zu ihm abkommandiert wurde, was immerhin eine gewisse Abwechslung bedeutete.

Doch Gorotzki, bei dem das nur Neid und Missgunst weckte, sorgte - meistens durch irgendeinen fadenscheinigen Vorwand - dafür, daß Philipp stets wieder zu den niedersten und unliebsamsten Arbeiten verdonnert wurde. Denn Gorotzki hatte schnell erkannt, wie er Philipp ausnutzen musste, um sich zu schonen und selbst etwas kürzertreten zu können.

In einem abgelegenen Teil des Hofs wurden die Körper toter Tiere aus dem Fell geschlagen, Tiere, die verendet oder auf sonst eine mehr oder weniger natürliche Weise umgekommen waren. Manche waren auch elend krepiert. Doch wenn ihre äußerliche Hülle dadurch nicht erheblich verunstaltet worden war, fanden sie auch hier noch Verwendung. Niemand ging freiwillig an diesen Platz, geschweige denn wollte dort arbeiten.

Wenn der Wind ungünstig stand, zog ein widerlicher Gestank herüber, und manchmal musste den Tieren erst noch der Gnadenstoß gegeben werden und man konnte ihre letzten Schreie hören. Es gab ein separates Tor, und wer dort arbeitete, kam selten nach vorn, wo das Leder gemacht wurde. Philipp war zwei oder dreimal da hinten, Gott sei Dank bloß, um Werkzeug hinzuschaffen, darunter ein schweres Beil, mit dem das Fell vom Kadaver gelöst wurde.

Es standen da ein paar Schuppen, und es gab mehrere Haufen von gehäuteten Tieren in jedem nur möglichen Zustand der Verwesung. Dann und wann wurde alles verbrannt und die Asche verladen und verkauft, weil sie angeblich gut für den Ackerbau war. Und wenn dann der Wind ungünstig stand, kam nicht nur der teuflische Gestank, sondern auch ein beißender Qualm herüber, und man musste sich den Ärmel vor den Mund halten, um nicht daran zu ersticken.

Die Männer, die dort arbeiteten, waren alle nicht normal, und Philipp hatte schon die unglaublichsten Geschichten über sie gehört, über ihre Rohheit und Bosheit und über die abartigen Gelüste, mit denen manche die toten oder halbtoten Tiere drangsalierten. Was davon der Wahrheit entsprach, konnte man nicht immer genau sagen, aber niemand hatte das Verlangen, es mit eigenen Augen zu überprüfen.

Als sie einmal vom Rindensammeln zurückkamen, sagte Michel Bunzlau zu Gorotzki, daß er ab morgen zum Enthäuten eingeteilt werde, weil dort jemand "abgekratzt" sei. Gorotzki hätte beinahe laut aufgeschrien, als habe man ihm sein Todesurteil verkündet, und dann konnte man sehen, wie ihm die Tränen in den Augen standen und wie es um seinen Mund zuckte, als wäre er fest entschlossen, dieses Schicksal von sich abzuwenden.

Und am nächsten Morgen, noch ehe Philipp richtig wach war, hatte Gorotzki ihm ein blutverschmiertes Messer in die Hand gedrückt, ihn mit der Linken am Schlafittchen gepackt und hinter sich her bis zu Michel Bunzlau's Schuppen geschleift und gerufen "Er wollte sich aus dem Staub machen! Ich konnte ihn gerade noch aufhalten. Seht nur, was er mir angetan hat!"

Er hob seine andere Hand hoch, an der das Blut herabtropfte. Michel Bunzlau fragte Philipp im strengen Ton "Ist das wahr?", aber er stammelte nur irgendwas, und Gorotzki erklärte "Gestern im Wald hat er den Hauer gefragt, wie man von hier am besten nach Kelfenheim kommt. Und dann ist er auf den Baum geklettert und hat Ausschau gehalten und zu mir hat er gesagt: heute Nacht verschwinde ich von hier und wenn du versuchst, mich aufzuhalten, mach' ich dich kalt'."

Er gab Philipp einen Stoß, daß er auf den Knien landete und hielt sich seine Hand, die er offenbar selbst zuvor mit dem Messer bearbeitet hatte. Einer von den Arbeitern gab ihm ein Tuch, mit dem er die Wunde verbinden konnte. Michel Bunzlau sagte "Steh' auf!" Philipp erhob sich. "Zur Strafe wirst du mit dem Nesselbesen gekehrt und du wirst anstelle von Gorotzki zum Enthäuten geschickt." "Oh, tut das weh!", jammerte Gorotzki, während er seine Hand umwickelte.

"Mit dem Nesselbesen gekehrt werden" - das ging folgendermaßen: Man wurde, mit freiem Oberkörper, mit dem Gesicht an einen der großen Torflügel gestellt, die Hände wurden mit einem Strick zusammengebunden, der über die Kante geworfen und auf der andern Seite straff gezogen wurde, so daß man die Arme in die Höhe strecken musste. Dann schlug einem jemand mit einem dicken Bündel von langen Brennesseln solange auf den nackten Rücken, bis er feuerrot und völlig mit Pusteln übersät war.

Gorotzki selbst durfte die Strafe an Philipp vollziehen. Der hing an der Wand und biss die Zähne zusammen und hämmerte sich ein: 'Nicht weinen! Nicht weinen! Nicht weinen!' Gorotzki nahm sich Zeit, kostete jeden Moment als Peiniger aus. Er hatte seine heile Hand mit einem Lederhandschuh vor den Brennesseln geschützt, die er selbst abgeschnitten hatte, schön lang, mit vielen schönen Blättern mit tausenden Nesselhärchen, von denen jedes einzelne sein Gift wie mit einer Nadel in die Haut stach.

Die versammelte Mannschaft stand drumherum. Michel Bunzlau sagte "Jetzt fang' an! Wir haben nicht den ganzen Tag dafür Zeit." Und Gorotzki drosch mit dem Bündel auf ihn ein, bis es völlig zerfetzt war und Philipps Rücken aussah, als hätte man ihn dicht mit Himbeeren bedeckt. Er wimmerte nur noch, und sein heldenhafter Vorsatz war schon nach dem neunten oder zehnten Streich flötengegangen; er hatte geheult wie ein Schlosshund.

Michel Bunzlau hatte irgendwann gesagt "Das reicht. Schaff' ihn 'rüber." Und Gorotzki hatte Philipp, der am ganzen Leib zitterte, sein Hemd zugeworfen, ihn unterm Arm gepackt und an den von jedermann gefürchteten und gemiedenen Platz gebracht. "Bloß Scheiße", hatte er geknurrt, "daß ich jetzt deine Arbeit mitmachen muss. Aber dafür werde ich mich bestimmt noch bei dir rächen, Mücke!"

Philipps Rücken brannte lichterloh, und nachts konnte er nur auf dem Bauch liegen, aber niemand schien auf ihn Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil, man machte sich noch lustig darüber, nannte ihn "Feuerwanze" oder (weil das besser zu seiner Figur passte) "Feuersalamander" und fragte scheinheilig, ob er zum Mittag als Vorspeise vielleicht eine Brennesselsuppe möchte.

Es dauerte eine Woche, bis die Qualen einigermaßen nachgelassen hatten. Eine Woche, in der kein Tag verging, an dem sich Philipp nicht mehrmals übergeben musste angesichts der scheußlichen Blut, Fleisch und Knochenmassen und dem entsetzlichen Gestank. Die anderen waren so abgebrüht und abgestumpft, daß sie ihre Arbeit mit der größten Teilnahmslosigkeit verrichteten, und abends hockten sie meistens zusammen und betranken sich mit Branntwein, den es reichlich gab, oder mit Bier, von dem ab und zu mal ein Fass hier landete. Man hatte Philipp aufgefordert mitzutrinken und ihm Branntwein eingeflößt, den er aber sofort wieder ausspuckte. Er verdrückte sich in eine Ecke, wo auch sein Nachtlager war, und er fing an, darüber nachzugrübeln, wie er diesem ganzen Schrecken möglichst schnell ein Ende machen könnte.

Alle zwei Wochen wurden die abgezogenen Felle und Häute auf einen zweirädrigen Karren geladen und hinüber in die eigentliche Gerberei geschafft. Früher war dafür auch ein Esel vorhanden gewesen, doch der hatte irgendwann das Zeitliche gesegnet, und seine Haut war wohl zuletzt selbst mit auf den Karren gekommen. Keiner von den Arbeitern hatte Lust, sich drüben blicken zu lassen, denn dort wurden sie bloß gehänselt und als "Ochsenf-----" bezeichnet, was von der Sache her zwar widersinnig war, aber durchaus ihrer beschränkten Auffassungsgabe entsprach.

Also sollte Philipp sich vor den Karren spannen und die Ladung hinüber bringen, was umso schwieriger war, als er sich mit aller Kraft ins Zeug legen musste, um auf dem Sandweg vorwärts zu kommen. Gorotzki, der Mistkerl, sah ihn schon von weitem und rief "Bist du das, Mücke? Ich dachte eben schon, ihr hättet einen neuen Esel."

Er ließ Philipp natürlich alles allein abladen, und als Michel Bunzlau sagte "Gorotzki! Nimm' den Karren und geh' vorn ans Tor, da sind ein paar Rinderhäute angekommen", gab er Philipp bloß ein Zeichen, das bedeutete: 'Du hast's gehört. Marsch! Ab nach vorn mit dem Karren!' Und mit verschränkten Armen trottete er gemächlich hinterher, blieb aber in einiger Entfernung vom Tor stehen, um ja nicht mit zupacken zu müssen.

An diesem Tag waren etliche Lieferungen gekommen, und die Fuhrwerke stauten sich regelrecht am großen Eingangstor. Es waren auch welche dabei, die Mehl und Öl und Salz und so weiter brachten, oder Bretter und Stangen für neue Gestelle. Es war auch ein Kleiderhändler da, der zugleich alte Lumpen zurücknahm, und außerdem bot ein Quacksalber allerlei Arzneien an und machte speziell mit einem Mittel gegen Läuse gutes Geschäft.

Es herrschte ein ziemliches Durcheinander, und Philipp hatte Mühe, mit dem Karren an die Rinderhäute dranzukommen. Gorotzki rief ihm zu "Bleib' da stehen und trag' sie rüber!" Ja, das hätte er gern, daß sich Philipp auch noch damit abschleppen sollte. Aber es war nicht zu vermeiden.

Als er fast alle Häute auf den Karren geworfen hatte, sagte hinter ihm jemand "Kannst du mir mal beim Aufladen helfen?" Philipp fuhr herum und glaubte schon, er hätte den Verstand verloren, aber da sah er sie leibhaftig vor sich stehen, in den weiten Hosen, mit dem Leinenhemd und der hellgrünen Kappe. Sie hatte ihre Haare nach hinten zusammengebunden, und sie war noch schöner als in seiner Erinnerung. Sie legte flüchtig den Finger über die Lippen und flüsterte "Lass' dir nichts anmerken. Steig' auf unsern Wagen und versteck' dich hinter den Fässern." Gorotzki hatte ihn scharf beobachtet, er machte ein paar Schritte und rief "Was ist denn los, Mücke!"

"Mücke?", meinte Norah und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Er nennt mich so, der Idiot", erklärte Philipp schnell. Sie sagte "Sieh' zu, daß wir ihn loswerden." Philipp schaute sich um, und sein Blick fiel auf ein Kantholz, das von irgendwo heruntergefallen war. Er nahm es fest in die Hand, rannte zu Gorotzki und schlug es ihm kurzerhand auf den Schädel. Gorotzki sackte zusammen, Philipp war im Nu zurück, Norah stand auf dem Bierwagen und half ihm aufzuspringen.

Er hatte wohl nicht kräftig genug zugeschlagen, denn Gorotzki kam gleich wieder zu sich, rappelte sich auf und rief "Verfluchter Sauhund!" Zwei Männer aus Michel Bunzlau's Schuppen kamen gerade vorbei, die hielt er an und sagte "Der Kerl will abhauen!" Norah sagte "Los! Kriech' hier drunter!", und hob eine Plane hoch. "Mach' dich klein! Und setz' die hier auf!" Sie hielt ihm die rote Kappe hin. Philipp sagte "Wo hast du die her?" "Jetzt quatsch' nicht und mach' es!" "He!", rief einer der Männer, "Ja du! Was habt ihr da hinten drauf?" Er kam näher. "Bierfässer, siehst du doch", gab Norah zurück. "Und unter der Plane?" "Unter welcher Plane?" "Unter der da." "Nix weiter." "Der steckt da drunter", sagte Gorotzki und rieb sich noch den Schädel, "ich hab' genau gesehen, wie er drunter gekrochen ist." "Los, heb' sie hoch", forderte der Mann. "Heb' sie doch selber hoch", sagte Norah. Gorotzki drängte sich dazwischen, packte einen Zipfel der Plane und deckte sie auf. Alle starrten hin. Norah sagte "Und? Genug geglotzt? Jetzt macht euch vom Acker, wir haben noch mehr zu tun." Sie kletterte nach vorn auf den Kutschbock, ihr Vater ließ die Peitsche knallen und sie fuhren durch das Tor davon.

* * * * *

Zwei Nächte zuvor war Vollmond gewesen, und Rudolf von Rabenstein hatte mit seinen Leuten die Schauenburg besetzt. Am Nachmittag war Andreas Beheim noch bei Regina in Friederode. "Wie lange ist Norah weg?", wollte er wissen. "Sie sind vorgestern losgefahren. Norah meinte, in der Gegend wären sie vorher noch nicht gewesen." "Dann müssen sie diese Gerberei erst suchen, aber ich bin sicher, sie finden sie." "Ja, das hoffe ich auch. Und dann ist freilich auch noch die Frage, wie sie Philipp da heil herausholen." "Na, nach allem, was ich von Norah gehört habe, ist sie nicht auf den Kopf gefallen", meinte Beheim. "Nein, das ist sie wahrlich nicht. Aber mit den Leuten dort ist bestimmt nicht zu spaßen, und mit Gewalt können die beiden nichts erreichen. Ach, ich wäre so gern mitgegangen!" Beheim nahm sie in die Arme. "Sie werden es schaffen. Sie werden es schlau anstellen, und Philipp wird sofort sehen, was er tun muss. Bald wird er hier sein." "Ja. Danke, daß Ihr das sagt."

Dann besann sie sich und meinte "Übermorgen ist Vollmond! Was habt ihr vor?" "Wir Ritter verlassen die Burg. Wenn der Rabensteiner eintrifft, wird er niemanden finden, der sich ihm entgegenstellt." "Und die Eiserne Meute?" "Die Männer haben alle Waffen versteckt, wir wären sowieso in der Unterzahl. Falls die Rabensteiner aus Wut anfangen, unsere Leute anzugreifen, werden sie sich verteidigen, aber wir glauben eher, daß sie verblüfft sein werden und nicht recht wissen, was sie tun sollen." "Wo werdet ihr sein?" "In der Nähe der Burg."

Er machte eine Pause, dann sagte er vorsichtig "Ich habe eine Bitte, Regina." "Sprecht." "Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir Ritter uns hier in der Werkstatt treffen, um uns zu beraten." "Das würde mich freuen, wenn ich euch helfen kann, ich meine, wenn wir euch helfen können", sagte sie. "Danke. Es ist nur solange wie wir uns verstecken müssen." "Und dann?" "Was, und dann?" "Werdet Ihr dann auch noch herkommen, Andreas?", fragte sie mit einem leicht verschmitzten Lächeln. Nur sein Bart konnte verbergen, daß er tatsächlich rot anlief. "Natürlich, wenn Sie das wünschen." "Wenn Ihr es wünscht", ergänzte sie. Er sagte "Jederzeit." "Na ja", wandte sie spitzbübisch ein, "jederzeit heißt nicht: um jede Zeit." Beheim lachte, und es war dieses Lachen, das ihr von Anfang an gefallen hatte.

Als er sich verabschiedete, sagte sie "Dann können wir uns darauf einrichten, daß ihr zu fünft herkommt, ich meine bloß, damit wir euch auch etwas vorsetzen können." "Ach, das ist nicht nötig", winkte er ab, "im übrigen sind wir nur noch vier, Wolfram von Langenau hat seinen Dienst als Ritter aufgekündigt." Regina fuhr zusammen, Beheim bemerkte es, er sagte "Wir waren uns nicht mehr einig. Aber wir sind nicht im Streit auseinandergegangen. Er will mit Herzog Robert nach Jerusalem ziehen." "Hat er Euch das gesagt?" "Er war ja schon mal dort in der Gegend", antwortete Beheim ausweichend, dann fügte er hinzu "Ich soll Sie von ihm grüßen, Entschuldigung, ich hatte es jetzt in dem Durcheinander ganz vergessen." Das war das einzige Mal, daß Andreas sie anschwindelte. Sie sagte "Ist schon gut. Ich konnte mich ja nicht mal von ihm verabschieden."

Als Beheim weg war, musste sich Regina setzen und einen Moment über Wolfram nachdenken. Sie würde sich besser fühlen, wenn er ihr mitgeteilt hätte, was er vorhat, dachte sie. Womöglich wollte er es tun, war dann aber verhindert gewesen, vielleicht musste er eilig aufbrechen. Er hätte wenigstens einen Boten zu ihr schicken können, um sie sozusagen fast persönlich über seine Abreise zu unterrichten. War es ihm wirklich egal, wie sie es aufnahm, was sie darüber dachte, was sie für ihn hoffte? Und dann erschrak Regina bei der Vorstellung, Wolfram könnte sich wegen ihr entschlossen haben, das Land zu verlassen!

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Dietmar, Pauline und Helene mit dem Planwagen in den Hof fuhren. Sie hatten etliche von Reginas Gefäßen nach Georgental zum Brennen geschafft und im Gegenzug die fertigen mitgebracht. Helene sagte "Wir haben Ritter Beheim getroffen - aber Pst! - es darf keiner wissen, wo er ist." Pauline meinte "Andreas hat gesagt, er habe dir alles weitere mitgeteilt, wir sollen dich danach fragen." "Ja. Lasst uns erst die Sachen abladen, dann essen wir was und besprechen alles." Dietmar fragte "Noch nichts Neues von Norah und ihrem Vater?", und Helene belehrte ihn "Aber Dietmar! Die sind doch auch mit Geheimauftrag unterwegs." Pauline sagte "Jedenfalls haben wir Andreas schon mal 'Viel Glück' gewünscht - ganz unauffällig natürlich", und Regina fiel ein, daß sie das vergessen hatte, weil sie an Wolfram denken musste, und sie ärgerte sich über sich selbst.

Kurz nach Mitternacht drangen die Rabensteiner in die Schauenburg ein. Sie waren schwer bewaffnet und gut ausgerüstet, sie hatten sogar eine Steinschleuder und einen Rammbock auf den Berg geschafft, mit dem sie das Tor öffnen wollten. Aber es war gar nicht verschlossen. Bei den Hütten der Vorburg herrschte nächtliche Stille, kein Lichtschein war zu sehen, einzig zwei Hunde kläfften sich gegenseitig an.

Im Innern der Burg sah es genauso aus. Nur das Grafenzimmer war erleuchtet. Rudolf von Rabenstein, mit gezücktem Schwert und begleitet von einem halben Dutzend Bewaffneter, eilte die Treppe hoch und stieß die Tür mit dem Stiefel auf. "Himmelherrgott nochmal!", rief die Magd Brunhilde, eine kräftige, vollbusige Schönheit, mit Armen so dick wie die Welse im Hammerteich und Händen so breit wie Kornscheffel, "Müsst ihr ein Weib so erschrecken!"

Sie war gerade dabei, den Fußboden mit einem Scheuerlappen zu wischen. Als der Rabensteiner zwei Schritte in die Stube machte, wurde sie fuchtig. "Halt mal und stillgestanden! Mit den Dreckstiefeln kommt ihr mir hier nicht rein. Da könnt' ich ja gleich alles nochmal wischen." Graf Rudolf schaute auf seine Stiefel, an denen Erde klebte.

"Wo sind die Schauenburger?", fragte er sie. "Was weiß denn ich", entgegnete Brunhilde und wrang den Lappen im Wassereimer aus, "wo sind eure guten Manieren, könnt' ich genauso fragen. Mitten in der Nacht hier reinzuplatzen und alles dreckig zu machen. Wo jeder weiß, daß um die Zeit sauber gemacht wird. Überall. Überall da wo die Herrschaften zuhause sind." "Wir bleiben hier", befahl Graf Rudolf seinen Männern. Brunhilde richtete sich abermals auf. "Aber nur, wenn ihr eure Stiefel auszieht!"

"Was erlaubst du dir eigentlich!", fuhr der Graf sie an. "Was ich mir erlaube?", fragte sie zurück und streckte ihm ihren mächtigen Busen entgegen. "Junger Mann! Bist du bei den Wölfen aufgewachsen? Hast du etwa keine Magd gehabt, die dich mit ihrer eigenen Milch großgezogen hat? Warst du zu der auch so grob? Ich sag' dir jetzt was: Wenn du nicht willst, daß ich dir vor deinen Leuten dafür diesen Lappen auf die Nase werfe, dann benimm' dich gefälligst wie ein Edelmann und nicht wie ein Banause! Und jetzt zieht eure Stiefel aus! Ich lache auch nicht über die Löcher in euern Socken."

Sie gehorchten. Dann setzten sie sich an den Tisch, Graf Rudolf auf des Bärtigen Eichenstuhl. Er schaute sich um. Es schien ihm hier zu gefallen. Brunhilde war fertig. Sie sagte "Habt ihr Hunger?" Die Männer riefen "Ja." Der Rabensteiner sagte "Wenn ihr uns vergiften wollt, wird das übel für euch enden." "Unsinn", sagte Brunhilde, "wir essen das jeden Tag, und es ist noch keinem schlecht davon geworden."

Als hätten sie mit dem späten Besuch gerechnet, brachten die Mägde aus der Küche kalten Braten und Brot, Hühnerkeulen und Eierspeise, Schweinesülze und Beerenpudding, und die Rabensteiner ließen es sich schmecken. Dann verlangte Graf Rudolf Bier und Wein, und beides wurde ausgeschenkt. Da niemand von den Herrschaften oder von den Rittern zu finden war, befahl Graf Rudolf, die Magd Brunhilde möge erscheinen.

Brunhilde kam, und Rudolf fragte sie nach der Urkunde über die Schenkung von König Konrad an die Schauenburger. (Denn obwohl es hieß, der Rabensteiner sei nicht der hellste Kopf, so wusste er wohl - oder man hatte es ihm gesagt - daß dieses Dokument wichtig sei, wenn er Anspruch auf Land und Herrschaft erheben wollte.) Brunhilde zuckte mit den Schultern: Wie das denn aussehen sollte, wollte sie wissen. Ein Pergament, eine Rolle höchstwahrscheinlich, mit viel Schrift und einem großen roten Siegel darauf.

Solche Sachen verwahre Graf Ludwig meistens in dem Schrank da, sagte Brunhilde. Im übrigen habe sie sich nur um die Ordnung und die Sauberkeit zu kümmern und nicht um irgendwelche Urkunden, zumal sie sowieso "des Lesens und Schreibens unkundig" sei, wie sie zugab. Bei diesen Worten lächelte und nickte Graf Rudolf ihr sogar verständnisvoll zu, fand dann aber gleich zu seiner grimmigen Miene zurück und gab zweien seiner Männer ein Zeichen, den besagten Schrank zu durchsuchen. Sie fanden die Rolle, Graf Rudolf vergewisserte sich mit einem einzigen Blick darauf, daß es das gewünschte Dokument war, und nahm es an sich. "Aber daß ihr mir sorgsam damit umgeht", ermahnte Brunhilde die Rabensteiner.

Graf Rudolf nächtigte in des Bärtigen Bett, das Brunhilde extra frisch für ihn bezogen hatte. Und am nächsten Tag inspizierte er mit seinen Leuten die Burg, die er jetzt schon so gut wie sein Eigentum betrachtete. Alle waren ihm gegenüber freundlich, wenngleich etwas wortkarg. Im Grunde war er froh, daß sie ihm keine Schwierigkeiten machten, und er sich rühmen konnte, die Eroberung ganz ohne eigene Verluste bewerkstelligt zu haben.

Er rief seinen Sohn Robert zu sich, einen starken und hübschen, aber überheblichen und einfältigen Jüngling. Und er fragte Brunhilde, ob ein Schreiber hier auf der Burg wäre, und Brunhilde sagte, sie hätten sogar einen Gelehrten, den Meister Immenberg. Der soll kommen, befahl der Graf.

Er diktierte ihm ein Schreiben an König Heinrich, in dem festgehalten wurde, daß die Schauenburger in Anbetracht der Tatsache, daß Graf Ludwig wegen seiner Mord- und Freveltat verurteilt und aller Rechte enteignet wurde, und in Fürsorge um die Zukunft des Landes, an ihren "langjährigen, wohlwollenden und zuverlässigen Nachbarn", den Grafen Rudolf von Rabenstein, aus freiem Willen die Herrschaft über das gesamte Gebiet, alle seine Bewohner und Reichtümer, übertragen und dies mit der Aushändigung der Besitzurkunde bestätigt haben.

In Vertretung der fürstlichen Hohen Herren unterzeichneten diesen Vertrag deren Bevollmächtigte Isidor von Immenberg und Brunhilde von Bärenbach; Schauenburg, zum soundsovielten Vollmond im Jahre Domini. Er überflog das Schriftstück. Was für eine Zahl das wäre, die er nicht diktiert habe? Meister Immenberg sagte, dies wäre der gegenwärtige Wert aller Liegenschaften des Schauenburger Landes, er habe kürzlich eine Auflistung erstellt. "Was sind das? Taler?" "Ja, Silbertaler." Graf Rudolf pfiff durch die Zähne. "Nicht schlecht", murmelte er. Dann drückt er Brunhilde die Gänsefeder in die Hand und sagte, sie solle "so einen Kringel wie eine Brezel" darunter zeichnen. Er tat das gleiche. Er freute sich diebisch über sein gelungenes Kunststück.

Seinen Sohn Robert schickte er mit einem Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Reiter los, dem König Heinrich das frische Dokument auf die Hahmsburg zu bringen, damit er es kraft seiner Reichshoheit beglaubigt. Den Rest des Tages verbrachte Rudolf von Rabenstein damit, die Enden der Hirschgeweihe zu zählen, die in des Bärtigen Zimmern hingen, um sie mit seinen eigenen zu Hause zu messen.

Aber in der Nacht gab es noch einmal Bewegung auf der Schauenburg, als, offenbar von niemandem auf dem Weg hierher bemerkt, der Schwarze Reiter eintraf und mit dem Rabensteiner eine Unterredung hatte. Sie dauerte etwa eine Stunde, und als er die Burg verließ, meinte er, es sei damit zu rechnen, daß die Schauenburger Ritter im Wald auf der Lauer liegen, weswegen Graf Rudolf sofort die Wachen verstärkte und sie zu höchster Obacht ermahnte.

Auch Andreas Beheim war, worüber gleich berichtet wird, in Friederode gesehen worden. Als Regina den anderen von den Absichten der Ritter erzählt hatte, kreisten ihre Gedanken natürlich um die Vorgänge auf der Schauenburg, aber ebenso dachten sie unentwegt an Norah und ihren Vater, die so mutig waren, Philipp aus der Sklaverei zu befreien, wenn sie ihn gefunden hatten. Der Ausgang dieser Unternehmung war jedoch keineswegs gewiss, und so fieberten sie in einem Wechselbad der Gefühle ihrer Rückkehr entgegen.

Regina spürte es in den Adern, wie der Bierwagen am Anger um die Ecke bog und sich der Werkstatt näherte. Sie ließ alles stehen und liegen und lief auf die Straße. Und sie schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus, als sie die drei auf dem Kutschbock erblickte. Philipp sprang ab und rannte auf sie zu, und sie umarmten sich und weinten hemmungslos und überglücklich, sich wiedergefunden zu haben.

Philipp wollte sich dafür entschuldigen, daß er sie getäuscht hatte und heimlich weggegangen war, doch Regina legte ihm den Finger auf die Lippen und flüsterte "Still, still, mein Großer, wichtig ist allein, daß du wieder da bist." Er sagte "Ich habe die ganze Zeit nur durchgehalten, weil ich immer an dich und an die andern gedacht habe. Und an Norah."

Er drehte sich zu ihr um und winkte sie und ihren Vater heran, und Regina dankte ihnen tausendmal, sie sagte, Norah sei nicht nur ein schönes, sondern auch ein gutes und kluges Mädchen, und zu ihrem Vater meinte sie, er könne stolz sein, so eine Tochter zu haben. Er lächelte und nickte in aller Bescheidenheit.

Regina sagte, sie könnte sich kaum so sehr erkenntlich zeigen, wie es die beiden angesichts ihrer Mühe und ihrer Hilfe verdient hätten, aber das Mindeste wäre, sie zu dem kleinen Fest einzuladen, das sie noch heute zu Philipps glücklicher Rettung hier veranstalten werden. Norah und ihr Vater nahmen die Einladung gern an.

Dietmar und Helene liefen gleich los, um beim Metzger und beim Bäcker einige Leckereien zu besorgen. Aber der Metzger sagte, die Rabensteiner hätten ihm seine letzten beiden Schweine genommen, er hatte nichts als ein paar Schwarten Speck. Beim Bäcker sah es nicht viel besser aus. Er schlug ihnen vor, sie sollten "Stockbrot" am Feuer backen, das sei nicht aufwändig, und den Teig dafür könnte er ihnen gern zubereiten. Helene sagte zu Dietmar "Ich kenne das, es schmeckt lecker und es macht Spaß." Dietmar erwiderte "Ich kenne das auch, aber das ist schon eine Weile her." Und er bekam so einen Ausdruck in den Augen, daß Helene fragte "Dietmar? Ist irgendwas?" "Nein, nichts. Ich habe mich bloß grade an was erinnert."

Der Bäcker wollte wissen, wieviel sie brauchen, und Dietmar sagte es ihm und fragte auch, ob er es in Reginas Werkstatt bringen könnte. "Zu der Beheim'schen?" "Was?" Helene sagte "In die Töpferei." "Ja, die mein' ich doch." Auf dem Rückweg sagte sie vorsichtig zu Dietmar "Ist jetzt vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt: aber ich wollte dich schon längst mal fragen, ob du und Regina ... ich meine, ob ihr beide ... was miteinander habt?" Dietmar blieb stehen, schaute sie an und sagte mit Nachdruck "Nein!" "Dann ist ja gut."

Sie fing an zu hüpfen, sie freute sich schon auf das Stockbrot und auf das Feuer dafür und darauf, das Philipp und Norah alles haarklein erzählen, was geschehen ist. Aber da war noch etwas, was sie wissen wollte, sie fragte Dietmar "Wie findest du eigentlich meine Mutter?" Und Dietmar erwiderte "Es ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt das zu fragen." "Schon gut, verschieben wir's auf später", murmelte sie und hüpfte ihm voraus.

Bei Regina war die Unterhaltung schon im vollen Gange, und Helene wurde gleich ein bisschen wütend, daß sie nicht gewartet hätten, aber Pauline beruhigte sie und sagte "Von der Hauptgeschichte wurde noch kein Wort verraten." Regina war enttäuscht, daß Dietmar mit leeren Händen zurückkam, es war ihr peinlich gegenüber Norah und ihrem Vater. Aber als Norah von dem Stockbrot hörte, war sie genauso begeistert wie Helene, und ihr Vater lachte und meinte "Das ist das beste für die Kinder", womit er sich einen scharfen Blick seitens seiner Tochter einhandelte.

Philipp hatte sich gründlich gewaschen (in Dietmars neuem "Badehaus", das er hinten auf dem Hof gebaut hatte), und Regina hatte ihm saubere und frische Sachen gegeben (die alte Kluft aus der Gerberei wurde gleich weggeschafft). Dann kam der Bäcker mit einer jungen Magd, sie brachten zwei große Tröge mit dem Teig. Dietmar hatte in der Zwischenzeit drüben von seinen Sträuchern lange Stöcke geschnitten. Der Bäcker erklärte ihnen, wie man es machen müsse, aber er geriet in Streit mit Helene, die das anders kannte, und man einigte sich darauf, es auf zweierlei Art zu backen. Regina meinte, dann müsse er auch solange bleiben und davon probieren, und die beiden gesellten sich dazu. Pauline hatte Becher verteilt, und aus Reginas Krügen wurden Saft und Most eingeschenkt.

Und dann kam endlich der Moment, wo Philipp und Norah begannen, das große Abenteuer zu erzählen. Und Philipp erwähnte auch jene erste Begegnung mit Norah auf dem Fest, und Norah wurde ein bisschen verlegen, und Helene wollte wissen "War das nur Zufall, daß du gerade Philipp gefragt hast, ob er dir helfen kann?" Norah zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es wirklich nicht." "Aber du hast hinterher an ihn gedacht, oder?" "Ja. Irgendwie hab' ich ihn mir gemerkt", meinte sie und schaute Philipp an, der sagte "Genau wie ich."

Dann erzählte Norah, wie sie ihn hier besuchen wollte, und daß Regina da erst mitkriegte, daß er weg war, und wie Regina dann nochmal nach Radisleben kam, um ihr zu berichten, was sie von diesem Fuchsgesicht erfahren hatte, und Helene sagte "Seine Mutter, das ist die Hexe Moranda, stimmt's?" "Ja, das sagt man", meinte Dietmar. Regina sagte, daß sie Norah nicht lange bitten musste, und daß sie sofort die Idee hatte mit dem Bierwagen. "Na ja, das war das Naheliegendste", erklärte Norah, "und einem Ochsen die Haut abziehen und damit dort aufkreuzen, das hätte komisch ausgesehen."

Regina berichtete, was ihnen der Schmied Thoralf erzählt hatte, und Philipp sagte, daß es bei ihm genauso abgelaufen sei, und wie er dort wieder aufgewacht war und all' die scheußlichen Arbeiten verrichten musste. Er erzählte auch von Gorotzki und wie der ihn schikaniert hatte, aber die Auspeitschung mit den Brennesseln verschwieg er. Helene fragte ihn, ob er nochmal da hin gehen würde, um den Gorotzki ordentlich zu verprügeln, und Philipp antwortete "Das hätte er bestimmt verdient. Aber ich möchte mein Lebtag nicht wieder an diesen Ort."

Er gestand auch ein, daß er zum Schluss fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, jemals wieder da weg zu kommen, und daß genau in dem Moment, als er sich am schlimmsten gefühlt hatte und am Boden zerstört lag, Norah aufgetaucht war und "wie ein Engel" ihn aufgehoben und weggeführt hatte.

Und dann wollten natürlich alle wissen, ob es nun wirklich an der roten Kappe gelegen hatte, daß Philipp unter der Plane nicht zu sehen war. Da holte er die Kappe hervor, hielt sie in die Runde und sagte "Wer möchte, kann sie gern mal aufsetzen." Helene wollte schon zugreifen, da sagte Norah "Aber denk' dran: wenn du weg bist, kann dich keiner mehr sehen. Und keiner weiß, wie man dich wieder zurückbringt." "Oh, das ist gemein", sagte Helene, "Philipp hast du auch wieder zurückgeholt." "Na, Gott sei Dank", sagte Regina.

Philipp schaute Norah an, und die beiden nickten sich unmerklich zu. Norah fasste ebenfalls an die Kappe, und im nächsten Augenblick lag sie im Feuer, wo sie mit einem seltsamen Knall im Nichts verschwand. Alle wichen erschrocken zurück, aber gleich darauf mussten sie lachen, Dietmar sagte anerkennend: "So werden Geheimnisse gehütet", und Norah und Philipp bekamen einen herzlichen Beifall.

Es war noch hell, als der Bäcker sagte, er müsse sich jetzt leider verabschieden, und er sei von der Geschichte so ergriffen gewesen, daß er ihnen den Teig gern spendieren würde. Das Bäckermädchen sagte, sie würde lieber noch bleiben, und er erlaubte es ihr. Kaum war er weg, als ein anderer erschien.

"Bruder Bruno", rief Regina und begrüßte ihn, "was führt Sie denn her?" "Eigentlich hoffte ich, einen von den Rittern hier zu finden." "Die sind leider nicht da. Ritter Beheim kann aber jederzeit hier auftauchen. Was wollen Sie von ihnen." Bruno druckste herum. "Das darf ich nur mit den Rittern persönlich besprechen." "Ja, verstehe. Bleiben Sie doch und setzen sich zu uns, vielleicht kommen die Schauenburger noch her." "Ja, danke. Das duftet aber lecker bei Ihnen." "Das ist Stockbrot, kosten Sie! Helene macht Ihnen gern etwas davon zurecht." "Oh, danke, sehr freundlich."

Der Reinhardsbrunner war kaum eine Viertelstunde da, als noch jemand den Hof betrat. Es war ein Mann, wie ein Ritter gekleidet, den niemand zuvor gesehen hatte. Er führte sein weißes Pferd am Zügel, und er sah so vornehm und zugleich selbstbewusst aus, daß sich alle anderen wie auf ein Zeichen erhoben und sich ihm zuwandten. Die Männer verneigten sich, die Frauen beugten die Knie. Regina sagte "Mein Herr, was kann ich für Euch tun?" "Mein Name ist Ulrich von Nossen, ich bin ein Gesandter des Herzogs von Sachsen. Man hat mir gesagt, daß ich hier Ritter Beheim von der Schauenburg finde."

Bruder Bruno machte einen Schritt auf ihn zu, blieb dann aber stehen. Regina war noch ganz geblendet von seiner würdigen Erscheinung. Nur Dietmar traute sich zu sagen "Edler Herr, könnt Ihr Euch legitimieren?" Zwar schauten ihn die anderen überrascht an, doch Herr Ulrich sagte "Sie haben recht, danach zu fragen." Er öffnete zwei Knöpfe seiner Jacke und holte ein in Gold und Edelstein gefasstes Medaillon hervor, auf dem das Wappen der sächsischen Fürsten prangte. Alle waren beeindruckt, das Bäckermädchen hätte es am liebsten mal berührt.

Dietmar sagte "Ihr müsst meine Bitte entschuldigen: wir haben unruhige Zeiten und wir müssen vorsichtig sein. Ihr könnt' mich übrigens Dietmar nennen." Als Pauline sah, wie aufgeregt er war, hatte sie ihre Hand auf seinen Arm gelegt. Regina sagte "Wir stehen Euch zu Diensten. Wundert Euch nicht über unser bescheidenes Heim; es stimmt, daß die Schauenburger Ritter sich hier versammeln wollen, aber bis jetzt sind sie noch nicht eingetroffen. Mein Name ist Regina Sahlmann." Sie stellte ihm auch die andern vor.

Helene und Norah holten von drinnen einen Stuhl, Helene sagte "Bitte sehr, Herr Ulrich, setzt Euch. Möchtet Ihr ein Stockbrot essen?" "Wenn es keine Umstände macht, gern." "Das macht überhaupt keine Umstände. Dietmar, gibst du mir einen Stock." Sie wickelte sorgfältig den Teig darum, als wollte sie dem Gast ein Geschenk machen.

Ulrich wandte sich an Regina, er bemerkte, daß sie hier das Sagen hatte. "Wo halten sich die Ritter derzeit auf?" "In der Nähe der Burg. Die Lage ist so: ..." "Soll ich lieber gehen?", fragte das Bäckermädchen. Regina sah sie an und schüttelte den Kopf, dann fuhr sie fort "Unser Nachbar ist Graf Rudolf von Rabenstein, er hat ..." "Ich kenne ihn." "Ihr kennt ihn?", fragte Bruno. Ulrich sagte "Ich möchte mich nicht rühmen, aber ich kenne beinahe alle Grafen und Herren des Thüringer Landes. Das bedeutet jedoch nicht, daß ich auch mit ihnen bekannt bin. Ich bin über eure Situation unterrichtet, soweit man das von außen beurteilen kann."

Regina sagte "Der Rabensteiner hat unsere Burg besetzt, aber wie es jetzt genau dort aussieht, wissen wir nicht. Die Ritter wollten sich hier beraten, doch bis jetzt haben sie sich noch nicht sehen lassen." Da meldete sich Bruno zu Wort. "Wie Ihr gehört habt, bin ich Bruder Bruno aus dem Kloster Reinhardsbrunn. Ich bin hier, um Ritter Beheim etwas Wichtiges mitzuteilen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich einen Fehler mache, aber ich glaube, es ist das Richtige, wenn ich es Euch sage: Graf Ludwig der Bärtige schickt mich."

"Der Bärtige ist in Reinhardsbrunn?", rief Pauline, und Norah flüsterte Philipp zu "Wer ist der Bärtige?", er sagte es ihr ins Ohr. Bruno sagte "Die Ritter haben ihn überredet, zu uns zu kommen, hier ist er in Sicherheit." "Und die Gräfin?" "Ist in Sangerhausen." "Was sollen Sie den Rittern ausrichten, Bruder Bruno?" "Meister Immenberg, der Schulmeister, ist von der Burg geflohen und hat dem Bärtigen berichtet, daß Rudolf von Rabenstein seinen Sohn zum König geschickt hat, mit einer Urkunde über die angebliche Übertragung der Schauenburger Herrschaft an die Rabensteiner. Der König soll dies bestätigen." "Dann sitzt der Rabensteiner jetzt tatsächlich oben im Grafenzimmer", sagte Pauline. "Ja."

Norah sagte "Entschuldigung, daß ich mich einmische: mit welcher Absicht, Herr Ulrich, seid Ihr nun eigentlich hierher gekommen?" "Der Pfalzgraf Friedrich von Gosseck ist ein ... war ein guter Freund von Herzog Georg von Sachsen, meinem Herrn. Als wir von dem Streit mit den Schauenburgern gehört haben, wollten wir ihm Beistand leisten - gegen euch, wie ich zugeben muss. Allerdings hatte sich der Pfalzgraf für eine unschöne Geste benutzen lassen, das war sicher nicht klug von ihm. Wie auch immer. Als dann die Nachricht von seiner Ermordung kam, war Herzog Georg drauf und dran, gegen die Schauenburger zu Felde zu ziehen und den jungen Graf Ludwig gefangenzunehmen." "Dann wart ihr es, die ihm vor der Burg Gosseck aufgelauert und Norbert vom Stein getötet habt?", fragte Regina. "Nein", entgegnete Ulrich, "wie wäre das möglich gewesen?" Dietmar sagte "Das stimmt, ihr konntet ja noch nicht davon gewusst haben."

Ulrich sagte "Der Marschall des Pfalzgrafen war gar nicht gut auf Graf Ludwig zu sprechen, aber er ist ein Ehrenmann und er war dem Pfalzgrafen treu ergeben. Er kam zu uns und hat ausgesagt, daß Graf Ludwig seinen Herrn nicht ermordet hat!" Ein Raunen ging durch die Runde. Regina fragte "Wer war es dann?" "Kurz vor dem Eintreffen der Schauenburger haben bewaffnete und vermummte Männer den Pfalzgrafen beim Bade überfallen und ihm feige mit einer Lanze das Herz durchbohrt. Sie haben den Marschall und übrigens auch die Gräfin Adelheid eingesperrt. Dann war Graf Ludwig mit seinen Mannen gekommen, und sie wurden in ein Gefecht verwickelt, bei dem Graf Ludwig und Wolfram von Langenau gefangen und verschleppt wurden. Herzog Georg von Sachsen hat beim König interveniert und die Freilassung Graf Ludwigs sowie eine Untersuchung des Falls gefordert."

"Soll das heißen: Graf Ludwig ist frei?", rief Regina. Ulrich erwiderte "Es gibt da ein kleines Problem: Graf Ludwig ist geflohen." "Von der Festung Giebichstein?", fragte Dietmar, "Es heißt, das sei unmöglich." "Ja, aber offenbar nicht für Graf Ludwig. Es ist ihm, womit auch immer, gelungen, die Gitterstäbe seiner Zelle auseinander zu brechen, und dann ist er von oben in die Saale gesprungen. Die Leute dort nennen ihn nur noch 'Ludwig der Springer'." "Ein Teufelskerl, unser Graf!", rief Dietmar und klopfte vor Begeisterung Pauline aufs Knie. Bruno sagte "Aber er ist nicht hier." "Das scheint mir auch so."

Philipp sagte "Dann war es also der Rabensteiner, der dahinter steckte?" "Das wäre möglich. Aber ehrlich gesagt gibt es jede Menge gesetzloses Pack, das so einen Anschlag, zu wessen Nutzen auch immer, ausführen würde." Regina sagte "Auf jeden Fall hätten wir doch die Unterstützung des Königs, um die Rabensteiner aus dem Schauenburger Land zu jagen." "König Heinrich hat sich noch nicht offiziell dazu geäußert, und es ist in diesem Zusammenhang wichtig zu wissen, was Bruder Bruno mir eben mitgeteilt hat. Ich kann immerhin mit einiger Gewissheit sagen, daß der König auf eurer Seite ist." Helene klatschte in die Hände. "Das ist großartig!" Das Bäckermädchen sagte "Dann können wir bald wieder in Frieden unserer Arbeit nachgehen?" "Das würde ich euch wünschen."

Dietmar gab zu bedenken "Allerdings müssen wir zuerst den Grafen ausfindig machen." "Und wir müssen Andreas und den anderen Bescheid geben", drängte Regina. "Sollten wir heute noch versuchen, sie auf der Burg zu benachrichtigen?", fragte sie Ulrich. Philipp wandte ein "Mama, mir wäre es lieber, wenn du hier bleibst." Sie ging zu ihm und drückte ihn. "Aber natürlich, mein Lieber."

Dietmar sagte "Ich kann mit Euch gehen." Pauline meinte "Bist du sicher? Es könnte gefährlich werden." "Hm." Ulrich sagte "Ich schlage vor, wir warten bis zum Morgengrauen und schleichen uns dann an." Auch Bruder Bruno erklärte sich bereit, den sächsischen Herrn zu begleiten. Da sagte Philipp "Ich kann mir denken, wo ihr Ritter Beheim findet." Er sah Helene an, und die rief "Ja, natürlich! Im Baumhaus! Ihr müsst Henning Groth fragen, er wird euch hinführen."

Der nächste Tag brachte die Entscheidung. Graf Rudolf von Rabenstein saß eben im Herrenzimmer am Tisch und frühstückte, als die Tür aufgerissen wurde und Graf Ludwig hereinstürmte. Er sah aus, als hätte er drei Nächte im Wald geschlafen, und er roch auch so, aber in seinen Augen blitzte wilde Entschlossenheit. Er stürzte sich auf den Rabensteiner und wollte ihn mit dem Schwert erledigen, doch der andere rief "Graf Ludwig! Beim Leben der schönen Adelheid! Wartet!" Ludwig hielt inne. "Was soll das heißen?", fuhr er ihn an und versetzte ihm einen Schlag ins Gesicht. "Aua!", rief Rudolf empört, "so wird das schon gar nichts!" "Rede, du Fettwanst! Was ist mit Gräfin Adelheid?" "Sie ist in Gewahrsam. Ihre Bewacher hören nur auf mein Wort. Wenn Ihr mir auch nur ein Haar krümmt, wird sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden." "Was willst du?" "Ich schlage Euch einen Handel vor. Ich lasse Adelheid frei, und Ihr lasst mich gehen." "Du bist das mieseste Stück Scheiße, das mir je unter die Augen gekommen ist." "Bin ich nicht." "Bist du doch." "Bin ich nicht. Und jetzt nehmt endlich Euer Schwert von meinem Hals." Ludwig zögerte, dann ließ er von ihm ab.

Rudolf erhob sich sofort vom Stuhl und ging zur Tür, er sagte "Dann sind wir uns also einig." "Wo ist sie?" "Ich lasse sie herbringen, mein Ehrenwort, heute noch." Als er an der Tür war, rief er nach draußen "Ranzer! Zum Teufel, wo steckt ihr Blödhammel! Sofort zu mir!" Er hatte sein Schwert gezogen und streckte es Ludwig entgegen, er hoffte, daß seine Leute sogleich hinter ihm erscheinen. "Na los, kommt, Graf Ludwig! Habt Ihr geglaubt, ich würde mich so leicht geschlagen geben?"

Ludwig brüllte vor Zorn, mit beiden Händen schwang er das Schwert über seinem Haupt und sprang auf den Rabensteiner zu. Aber der wurde zur Seite gerissen und umgeworfen von einem, der im letzten Moment die Treppe heraufgekommen war. Die beiden wälzten sich auf dem Boden, den Brunhilde just mit Bienenwachs poliert hatte. Ludwig rief "Habland! Was soll der Unfug?" Ritter Habland hatte den Rabensteiner seines Schwerts entledigt, er saß rittlings auf ihm und versuchte, seine Handgelenke festzuhalten, und herein kamen die anderen von Ludwigs Getreuen, in ihrer Mitte Ulrich von Nossen, und ganz zuletzt Bruder Bruno und Dietmar, dem der Schweiß auf der Stirn und der Sinn nach einem kräftigen Schluck Branntwein stand.

Seine Ritter drängten Ludwig zurück und wollten ihn besänftigen. Habland ließ den Rabensteiner aufstehen, hielt ihn aber fest am Arm umklammert. Er spuckte gegen Ludwig aus, der daraufhin zurück spuckte. (Gott sei Dank war Brunhilde nicht anwesend.) Ulrich stellte sich ihm vor, und Ludwig sagte "Ja, ich weiß, wer Ihr seid, ich habe Euch schon mal gesehen. Was will der Herzog Georg von uns?"

Ulrich erklärte mit knappen Worten das gleiche, was er Regina und den anderen mitgeteilt hatte. Graf Ludwig meinte bloß "Soll ich Euch mal was sagen: das war mir längst bekannt! Ich habe nämlich den Pfalzgrafen mit eigenen Augen erstochen in der Wanne liegen sehen, und Ritter Beheim kann das bezeugen." Beheim nickte. Ulrich fragte ihn "Warum habt Ihr Euch damit nicht gleich an den König gewandt?" "Wir beschlossen, es vorläufig für uns zu behalten, damit sich der wahre Mörder selber verrät." Graf Ludwig sagte "Und das ist wohl kein anderer als dieser da!" Er zeigte auf den Rabensteiner, der entgegnete "Das müsst Ihr erst einmal beweisen."

Ulrich wandte sich wieder an Graf Ludwig "Er hat recht. Eure Unschuld bedeutet nicht zwangsläufig seine Schuld." "Da habt Ihr's! Und jetzt lasst mich gehen." Damit schüttelte er Habland ab. "Er hat Gräfin Adelheid als Geisel genommen", sagte Ludwig. "Unsinn", sagte Rudolf und lachte höhnisch, "die kleine Venus sitzt in ihrer Falle und heult ganz jämmerlich, weil niemand hineintappt." "Sprecht nicht in diesem Ton über die Witwe des Pfalzgrafen", wies ihn Ulrich zurecht, "er war unser Freund, und sie steht unter unserm Schutz." "Oh, bitte vielmalst um Entschuldigung, Herr von Nossen."

Da betrat plötzlich sein Sohn Robert den Raum. Bei ihm war ein königlicher Gesandter. Rudolf rief erleichtert "Ah! Da ist er! Darf ich vorstellen, mein Sohn Robert von Rabenstein. Er kommt geradewegs vom König, wo er den Vertrag zwischen unserem Hause und Graf Ludwig beglaubigen ließ." "Was für ein Vertrag?", sagte Ludwig, "Wir haben keinen Vertrag unterzeichnet." "Nein, Ihr wart ja so ungeheuer schlau, Euch zu verleugnen und die Hoheit über die Burg einem Weib mit einem Scheuerlappen zu überlassen." "Von wem redet er?" "Von Brunhilde", sagte Wenzel Apfelstädt, "wir haben sie hier postiert."

Der Rabensteiner lachte. "Postiert! Großartig! Da habt ihr aber einen klitzekleinen Umstand außer acht gelassen: nach königlichem Landrecht kann Eure Zustimmung, Graf Ludwig, derjenige geben, der sich zum Zeitpunkt der Vertragsschließung am herrschaftlichen Sitz aufhält - und das ist, wenn mich nicht alles täuscht, hier dieses Zimmer." Er wandte sich an den königlichen Gesandten "Ist das korrekt?" "Ja", erwiderte der Gesandte und trat einen Schritt vor. "Graf Ludwig von Schauenburg, dieser Vertrag ist rechtskräftig von König Heinrich beglaubigt und bestätigt worden." Graf Rudolf schlug vor Zufriedenheit mit der Faust ein Loch in die Luft.

"Lasst sehen", sagte Ludwig zerknirscht, und der Gesandte reichte ihm die Rolle. Ludwig öffnete sie und las, seine Ritter reckten die Köpfe, auf ihren Gesichtern zeichnete sich nach und nach ein Lächeln ab. Der Rabensteiner sagte "Oh, ihr findet das wohl auch noch lustig?", aber seine Stimme klang unsicher.

Graf Ludwig sagte zu dem Gesandten "Hier steht, daß Graf Rudolf von Rabenstein aus freiem Willen und im Angesicht Gottes und des Königs schwört, jegliche Angriffe auf das Schauenburger Land und ihre Bewohner zu unterlassen, daß er sich bereiterklärt, zur Wiedergutmachung des verursachten Schadens die Summe von 10000 Silbertalern zu zahlen und darüberhinaus am Aufbau der zerstörten Höfe, Hütten, Brücken etc. durch Entsendung von Hilfskräften mitwirken wird. Schauenburg, zum soundsovielten Vollmond im Jahre Domini."

Graf Rudolf wurde leichenblass. Er warf einen entsetzten Blick auf seinen Sohn, der stammelte "Aber Vater, ich konnte ja nicht wissen, was da drin steht!" "Und das ist also vom König bestätigt?", sagte Ludwig zum Gesandten. "So ist es." Dann fügte er, halb an Graf Rudolf gerichtet, hinzu "Zur Überwachung der vereinbarten Verpflichtungen wird bis auf weiteres eine königliche Schutztruppe bei Rothegau stationiert. Für deren Unterbringung und Versorgung allerdings seid Ihr, Graf Ludwig, verantwortlich." "Es wird sofort alles Nötige in die Wege geleitet", erwiderte Ludwig. Dann umarmte er seine Ritter und schüttelte ihnen die Hände, und jeder wollte der erste sein, der ihm berichtet, wie sich alles zugetragen hatte. Rudolf von Rabenstein aber schlich mit seinem Tross niedergeschlagen davon.

So kehrten Frieden und Eintracht in das Schauenburger Land zurück. Allerorts machten sich die Leute ans Werk, die brachliegenden Felder neu zu bestellen, ihre Hütten und Ställe instand zu setzen, die Werkstätten wieder in Betrieb zu bringen und dafür zu sorgen, daß immer mehr Händler von überall her ihre Waren feilboten. Der Metzger von Friederode veranstaltete ein Schlachtfest. Und der Bäckermeister ersann ein besonderes Rezept für das "Friederoder Stockbrot", das an jene denkwürdige Zusammenkunft erinnern sollte, obwohl Helene meinte, das sei eigentlich ihr Rezept gewesen. Die Hilfsarbeiter, die der Rabensteiner abstellen musste, waren über ihren Einsatz vor Ort gar nicht betrübt, denn es ging ihnen nicht schlecht, sie wurden gut behandelt, und manch' einer von den jungen Männern fand hier sogar seinen neuen Schwarm.

Philipp war natürlich traurig gewesen, als er Abschied von Norah nehmen musste, weil sie und ihr Vater nicht länger bleiben konnten. Doch sie verabredeten sich gleich für's nächste Mal, und sie versprachen sich auch, bis dahin jeden Tag mindestens dreimal aneinander zu denken, und was Philipp betraf, so dachte er von früh bis spät an Norah, und nachts kam sie in seine Träume und nichts konnte die beiden stören.

Der alte Graf fühlte sich wohl in Reinhardsbrunn, und so wurde für ihn und für Gräfin Cecilia eine Wohnung eingerichtet, die allerdings, bei aller Gemütlichkeit, etwas beengt war, so daß das Grafenpaar abwechselnd jeweils für einige Wochen nach Sangerhausen zog. Aber die Tage des Bärtigen waren gezählt, und er traf schon alle nötigen Vorbereitungen, um die Herrschaft vollends in die Hände seines Sohnes zu legen und selbst mit Seelenfrieden ins ewige Reich der Ritter überzusiedeln.

An einem sonnigen Tag hatte Andreas Beheim zwei wackere Jünglinge der Eisernen Meute nach Friederode zu Regina gesandt, die ihr seine Einladung zu einem vergnüglichen Stelldichein auf der Burg überbrachten, und Regina hatte sofort eingewilligt, sich dafür hübsch herausgeputzt und mit ihren Begleitern auf den Weg gemacht. Helene sagte "Wir könnten doch auch mitkommen", aber Pauline erwiderte "Nein, meine Süße. Wir bleiben hier und machen was anderes." Und dann hatte Dietmar die Idee, sie könnten alle: er und Philipp, Pauline und Helene nach Georgental fahren, wo die Zigeuner grade ihr Lager aufgeschlagen haben und allerlei lustige Vorstellungen zum Besten gaben.

Bald darauf sollte Susanna nachhause geholt werden. Regina hatte ihren Verwandten einen Brief geschrieben, und nachdem die Antwort eingetroffen war, zogen Regina, Andreas und Dietmar mit einem Packpferd und einem weiteren für Susanna los.

Regina hatte sich natürlich in Gedanken ein Bild von ihr bewahrt, dennoch war sie schrecklich aufgeregt vor dem Wiedersehen. Und dem Mädchen ging es wohl ähnlich, denn als sie sich gegenüber standen, wussten sie beide im ersten Moment nicht recht, wie sie sich begrüßen sollten. Dann fielen sie sich einfach in die Arme und ließen ihren Freudentränen freien Lauf.

Du lieber Gott! War sie groß geworden! Und schön. So schön, daß Regina ihr ein uns andere Mal über Haar und Wangen strich und sie bewunderte wie eine Prinzessin. Sie luden Susannas Sachen auf, und Regina bedankte sich ganz herzlich bei ihren Verwandten und gab ihnen den Rest des vereinbarten Geldes und noch etwas mehr, und sie verabschiedeten sich.

Sie machten Rast in der gleichen Herberge in Bodenheim, wo sie damals auch mit Philipp waren. Der alte Wirt war inzwischen gestorben, aber seine Tochter konnte sich noch daran erinnern, wie sie den Jungen mit Fleischbrühe "aufgepäppelt" hatte. Sie bestellte ihm sogar einen schönen Gruß.

Am nächsten Morgen verließen sie in aller Frühe den Ort und gelangten immer weiter ins Gebirge. Die Wege wurden steiler, der Wald dichter und schattiger. Andreas schaute aufmerksam voraus, und Regina konnte sehen, daß er auf jeden ungewöhnlichen Laut achtete, und deshalb redete sie jetzt nicht mehr mit ihm, um ihn nicht abzulenken. Dietmar ritt als letzter, und auch er drehte sich öfter um und vergewisserte sich, daß ihnen niemand folgte.

Und da kam es wie es kommen musste. Als sie schon auf der Höhe waren, auf einer Lichtung am Rand eines Buchenwaldes, stand dort zwischen den Bäumen plötzlich, und als wäre er aus dem Nichts erschienen, der Schwarze Reiter, hoch zu Ross und mit der Maske vorm Gesicht. Sein langes Schwert glänzte. Sein Pferd stampfte mit dem Huf auf den Boden, aber er selbst sprach kein Wort und schickte nur einen finsteren Blick auf die anderen herüber. "Wer ist das?", fragte Susanna, und Regina flüsterte "Niemand. Bleib' ganz ruhig."

Andreas, ohne den Reiter aus den Augen zu lassen, gab den andern die Anweisung "Reitet hinter mir vorbei, reitet weiter ... ich komme nach." Dietmar wollte etwas erwidern, und Regina streckte die Hand nach Andreas aus, aber der sagte mit Nachdruck "Entfernt euch! Bringt euch in Sicherheit." Sie taten es so, wie er es verlangte. Regina sagte "Reite immer weiter, Susanna, dreh' dich nicht um." Dietmar wollte beinahe verzweifeln, daß er Andreas nicht beistehen konnte.

Andreas Beheim wusste, daß er jetzt eine Entscheidung herbeiführen musste, sonst würde der Schwarze Reiter ihnen immer wieder auflauern und ihnen Schaden zufügen wollen. Außerdem war er es, der in Wahrheit Norbert vom Stein auf dem Gewissen und so viele Leute gegeneinander aufgehetzt hatte, ohne daß er dafür bestraft worden war. Wenn es ihm, dem Ersten Ritter unter den Schauenburgern bestimmt war, Leid und Tod zu rächen, dann sollte das jetzt und hier geschehen!

Als die anderen außer Sicht waren, rief er "Lasst uns kämpfen! Mann gegen Mann, mit dem Schwert." Er wartete ab, was der SSchwarze Reiter tun würde, und als er sah, daß er seinen rechten Fuß aus dem Steigbügel löste, stieg er vom Pferd. Langsam, Schritt für Schritt, gingen sie aufeinander zu, und beinahe gleichzeitig zogen sie ihre Schwerter.

Die drei, die hinter der Wegebiegung stehengeblieben waren, hörten, wie der Stahl schleifte, dann war es still, bedrückend still, sogar die Vögel waren verstummt. Regina hörte ihr Herz pochen. Dietmar hatte Susannas Pferd am Zügel erfasst, um es, wenn nötig, schnell fortzureißen.

Da schlugen die Klingen aufeinander, es war, als würde eine ganze Truppe sich bis aufs Blut schinden. Man konnte Andreas' Zornesschreie hören und das stoßweise Atmen des anderen. Regina presste die Hand vor den Mund, Tränen schossen ihr in die Augen. Dietmar sagte zu Susanna "Halt' dir die Ohren zu", aber sie war wie gelähmt.

Und dann, nach einem Schwerthieb, so heftig, als hätte ein Blitz einen Felsen gespalten, war wieder für einen Augenblick Ruhe, und kurz darauf erscholl plötzlich das mächtige Gebrüll eines Bären, und man hörte Schreie, und Dietmar sagte "Los! Weg hier!" Regina wandte ihr Pferd um, doch sie zögerte, sie blickte zurück, und das Brüllen nahm kein Ende, und die Schreie auch nicht, aber schließlich wurden sie schwächer, und endlich, endlich kam Andreas auf dem Weg herangaloppiert!

"Bist du verletzt?", rief Regina. Er schüttelte den Kopf. "Ist er tot?", fragte Dietmar. Andreas musste erst Luft holen, dann sagte er "Ich hatte ihn mit einem Streich zu Boden geworfen, da sprang hinter ihm aus dem Wald der Bär hervor und stürzte sich auf ihn, es war fast so, als hätte er ihn erkannt, er beachtete mich gar nicht." "Hat er ihn getötet?", fragte Susanna mit zitternder Stimme. "Ja. Es ging sehr schnell, er musste nicht lange leiden." "Er war ein böser Mensch", sagte Dietmar, "er hat es verdient."

"Hast du sein Gesicht gesehen?", fragte Regina. Andreas senkte den Kopf, seine Nasenflügel blähten sich, er presste die Lippen aufeinander, als müsste er einen Schmerz in seiner Brust unterdrücken, dann sagte er "Nein." So endeten das Leben und die Übeltaten des Schwarzen Reiters.

* * * * *

Was bleibt noch zu erzählen? Graf Ludwig war, als sich das Schauenburger Land zu neuer Blüte entfaltete, mit einer stattlichen Abordnung zur Burg Gosseck gezogen und hatte dort um die Hand der verwitweten Gräfin Adelheid angehalten. Sie gewährte ihm seine Bitte, und nach Abschluss aller Verhandlungen und Formalitäten, welche eine so bedeutende Verbindung erforderlich macht, wurde die Hochzeit, nach alter Tradition am Wohnsitz der Braut, gefeiert. In der Grafschaft Schauenburg wurde die Gemahlin mit großer, beinahe grenzenloser Begeisterung empfangen, und man war sich einig, daß Ludwig die beste Wahl getroffen hatte.

Mit dem Rabensteiner war, nach Abgeltung von dessen Schuld, ein Vertrag über die zukünftige gedeihliche Zusammenarbeit geschlossen worden. (Graf Rudolf hatte dazu vorsichtshalber einen Schreiber mitgebracht.) Graf Ludwig versuchte, ein sicheres Umfeld zu schaffen. Er war in diesen Tagen oft auf der Jagd. Die ihn besser kannten, sahen, daß er dabei in Wirklichkeit auf der Suche nach einem geeigneten Platz war, um eine große und prächtige Burg zu errichten. (Bald sollte er ihn finden, dort die Wartburg erbauen und sich zum Thüringer Landgrafen erheben.)

Und unsere Helden? Henning Groth wurde bei der Eisernen Meute aufgenommen und erhielt seine Ausbildung. Ebenso der Pichel, der es zwar an Körpergröße mit den anderen nicht aufnehmen konnte, dafür aber die besten Einfälle hatte, wenn es darum ging, dem Gegner ein Schnippchen zu schlagen. Matthias, der bekanntlich ein nachdenklicher Junge war, wurde ein fleißiger Gehilfe von Meister Immenberg. Und Adrian ging in die Lehre bei einem Waffenmeister in Arnstadt. Aber wenn er Zeit hatte, besuchte er Helene in Friederode.

Sie wohnte mit Pauline und Dietmar in Reginas ehemaliger Werkstatt (und auf Dietmars benachbartem "Anwesen"). Regina hatte ihnen alles überlassen und zusammen mit Dietmar beim Besitzer in Gotha die Verhältnisse geregelt. Daß er Pauline und Helene gefunden hatte, das war, so beteuerte Dietmar ohne Unterlass, das größte Glück, das ihm im Leben zuteil geworden war.

Andreas Beheim, nachdem ihm Regina das Jawort gab, hatte einen Hof in Georgental erworben, mit zwei Haupt- und mehreren Nebengebäuden sowie einem Stück Land. Nach und nach wurde Regina eine richtige Hofbäuerin. Aber vorerst arbeitete sie noch bei Meister Skagen in der Töpferei, und ihre Gefäße wurden bei Pauline im Laden verkauft, die daneben auch ihre Spitzentücher anbot, für die sie, vor allem bei den reichen Damen aus Erfurt und anderen Städten, dankbare Abnehmerinnen fand.

Helene und Susanna wurden unzertrennliche Freundinnen, und mal war Helene eine Zeitlang in Georgental bei Susanna, und dann wieder umgekehrt, was auch davon abhing, welche hübschen Jungs gerade nicht zuhause mithelfen mussten und daher jede Menge Gelegenheit suchten, sich die Langeweile zu vertreiben.

Philipp hatte irgendwann einmal Norah und ihren Vater auf ihrem Bierwagen begleitet, und natürlich kräftig beim Ab- und Aufladen geholfen. Danach war er immer öfter mit ihnen unterwegs, und schließlich hatte Norah's Vater (wahrscheinlich auf ihren Vorschlag hin) ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, richtig ins Geschäft einzusteigen, und Philipp brauchte keinen Augenblick Bedenkzeit, und Norah gab ihm einen Kuss und meinte "Dann können wir ja mal anfangen, Pläne für die Zukunft zu schmieden."

Dann und wann wollte jemand oben in den Bergen das Pferd des Schwarzen Reiters erblickt haben, das sich auf irgendeine Weise von seinem Zaumzeug und Sattel befreit hatte und von den Nüstern bis zum Schweif tiefschwarz und mit "feurigen Augen wie glühende Kastanien" durch den Wald irrte. So lieferte es den Stoff für manche Sage und Legende um die Schauenburg.

Übrigens hat Regina nie jemandem verraten, was in jener Nacht in der Herberge zwischen ihr und Wolfram von Langenau wirklich geschehen war.


ENDE



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