Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 12


Fabio Paulfeld

Johann Melzer's Reise ans Ende der Welt




Dr. Karl May gewidmet

Die Mutter ist an einem Sonntagvormittag gestorben. Während der Doktor den Totenschein ausfüllt, meint er "Man sagt, es wird Krieg geben." Dann krempelt er die Hemdsärmel wieder herunter und zieht sein Jackett an. "Ja, das habe ich auch gehört", erwidert Johann. Der Doktor sagt "Bei der jetzigen Lage in Europa wäre das keine Überraschung mehr." Die Wanduhr tickt. "Nein, man muss sich darauf einstellen."

"Ich schicke die Leute von der Pietät her." Er nennt den Namen des Bestattungs Unternehmens. "Die erledigen alles zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Melzer, und sie hauen einen nicht übers Ohr, sie wissen, was ich meine." Es klingt, als wäre er an dem Geschäft beteiligt. "Sind Sie damit einverstanden?", fragt er nach, als er sieht, daß Johann nicht bei der Sache ist. Der wirft einen Blick auf die Wanduhr. "Welche Zeit haben Sie eingetragen?" "Zehn Uhr." "Ah ja, gut."

Die Glocken der Marienkirche fangen an zu läuten. "Stimmt", sagt er und meint die Uhrzeit. "Das ist der erste Todesfall in meiner Familie. Obwohl ich nicht mehr der Jüngste bin." Der Doktor nimmt seine Tasche. "Meinen Vater habe ich nie kennengelernt, mag sein, daß er noch lebt, aber es ist doch unwahrscheinlich. Was meinen Sie?"

Der Doktor schaut hinüber zu der Toten auf dem Bett. "Ich schicke die Leute gleich her, dann können Sie Ihre Frau Mutter heute nachmittag photographieren, ich nehme an, daß Sie das tun wollen." Die Glocken der Marienkirche scheinen heute heftiger als sonst zu läuten. "Ja, natürlich", sagt Johann, "ich werde ein Abschiedsphoto machen, ein Erinnerungsphoto sozusagen."

Der Doktor geht hinaus. "Übrigens, meine Nichte hat im nächsten Monat Konfirmation, könnten Sie da ..." "Selbstverständlich." Sie gehen die Treppe hinab. An der Haustürschwelle bleibt er stehen. "Ach so", sagt Johann, "was bekommen Sie jetzt von mir?" "Wie viele Photos machen Sie bei einer Konfirmation gewöhnlich?" "Eins. Ich meine, wenn es gewünscht wird, dann ..." "Sagen wir vier?" "Verschiedene? Ja, natürlich." "Plus Abzüge." Der Doktor schaut zum Himmel.

"Und wann, meinen Sie, wird es Krieg geben?", fragt Johann. "Schätze, sehr bald." "Man sollte sich darauf einstellen." "Bleiben Sie im Haus." "Bitte?" "Ich schicke die Leute von der Pietät gleich her." "Ja, natürlich. Ich bin da." Er reicht dem Doktor die Hand, aber der wendet sich ab und geht, er hält seine Tasche fest in der Hand. Das Geläute von Sankt Marien wird leiser. Johann kann zuletzt die kleine Glocke heraushören, die den Namen Jubilate trägt.

Er geht wieder hinauf. Er betrachtet das Gesicht der toten Mutter. Es hat einen friedvollen Ausdruck, die Augen sind geschlossen, die schmalen Lippen nur ein wenig zusammengepresst, die Wangenknochen stehen hervor, sie war zuletzt sehr abgemagert. Alles in allem friedvoll, denkt er. Man sollte das in die Todesanzeige schreiben: ein friedvolles Leben.

Er ist ihr einziger Sohn, das einzige Kind. Er hat eine Cousine, sie lebt in Hamburg, er hat sie zwei- oder dreimal gesehen, sie ist älter als er. Es ist so gut wie sicher, daß sie nicht zur Beerdigung kommen wird. Dennoch wird er sie benachrichtigen. Er wartet auf die Leute von der Pietät. Dann denkt er: Man könnte jetzt schon eine Photographie von der Mutter machen. Wozu warten, bis ihr Antlitz noch ein bisschen verschönert ist, jetzt ist es natürlich genug. Jetzt ist der Augenblick, da sie noch nahe ist, sich noch nicht so weit entfernt hat. Wenn die Leute kommen, wird ihre Seele diesen Ort schon verlassen haben, jetzt ist sie gerade dabei, ihn zu verlassen, und man kann noch einen Hauch davon auf der Photographie einbehalten.

Trotzdem rührt er sich nicht vom Fleck, und er zuckt zusammen, als unten die Tür geht. Christiane kommt ins Zimmer. Sie hat einen Termin beim Pfarrer vereinbart. Sie geht ans Bett und beugt sich über die Tote. Er will sagen, daß sie friedvoll aussieht, aber stattdessen fragt er "Hat der Pfarrer was gesagt?" "Was soll er gesagt haben?" "Ich meine, weil Mutter keine Kirchgängerin war." "Er kannte sie trotzdem, und sie war getauft." "Richtig, sie war schließlich getauft, da gehört man doch irgendwie ein Leben lang zur Gemeinde."

Christiane hat sich wieder von der Toten abgewendet, sie sagt "Du solltest dich erkenntlich zeigen." "Bitte?" "Dem Pfarrer gegenüber; mit einer Spende für die Gemeinde." "Natürlich, das werde ich tun, das ist das Mindeste was getan werden kann. Wo ist Annemarie?" "Ich habe sie zu Tante Helgard gebracht. Sie kommen am Nachmittag herüber." "Gut. Der Doktor schickt die Männer von der Pietät her, ich warte hier." "Ja. Ich geh' nochmal weg, ich bin in einer Stunde wieder da." "Ja, lass dir Zeit, wir sollten alles in aller Ruhe tun." Plötzlich fällt ihm Christiane um den Hals, sie schluchzt einmal auf und sagt "Ach, Johann, es tut mir so leid." Er streicht mit der Hand über ihren Rücken. "Es ist gut, Christiane. Es war nun vorauszusehen." Wie er das sagt, fällt ihm wieder der Doktor mit dem Krieg ein. "Wir haben uns damit abfinden müssen", fügt er hinzu. Nie zuvor hat er solche Sätze formuliert. Christiane hat sich von ihm gelöst.

Als sie weg ist, kann Johann etwas von ihrem Parfüm an seinem Kragen riechen, ein frischer, beinahe fröhlicher Duft von Veilchen. Er holt die Kamera aus dem Atelier. Vom Bahnhof Reiherstor kann man den Mittagszug hören, die Räder quietschen. Während die Dampflok hält, kommen ein paar dumpfe Stöße aus dem Kessel, dann fährt sie fauchend und mit einem langgezogenen Pfiff wieder an. Etwas später ziehen die Dampfwölkchen am Fenster vorbei.

Johann hat dem Pfarrer die wichtigsten Etappen und Ereignisse aus Mutters Leben mitgeteilt. Die hat er in seine Trauerrede eingeflochten. Es sind etwas mehr als ein Dutzend Leute anwesend. Mutters alte Freundinnen von der früheren Rommérunde, von der nun noch zwei übriggeblieben sind. Johanns und Christianes Nachbarn mit ihrem mongoloiden Sohn, der ganz hinten sitzt und ununterbrochen an seinen Hosenträgern zupft. Der Friseur Ludwig, seit siebzehn Jahren im Ruhestand, zu dem Mutter eine freundschaftliche Beziehung gehabt hat. Eine alte Arbeitskollegin aus der Zeit, als sie in der Näherei beschäftigt gewesen war. Sie erscheint in Begleitung einer hochgewachsenen, hageren Frau mit einer sehr dunklen Brille, die immer wieder den Blick rundherum schweifen lässt, als müsste sie sich davon überzeugen, daß alles ordnungsgemäß abläuft. Aus dem Waisenhaus ist eine Schwester mit drei schweigsamen Mädchen erschienen, die alle drei Zöpfe haben und das gleiche Kleid tragen. Annemarie, die neben Tante Helgard ganz vorn sitzt, dreht sich ein paar mal zu den Mädchen um. Schließlich sind da noch einige vereinzelte Personen, die Mutter möglicherweise gekannt haben oder die vielleicht auch gewohnheitsmäßig zu Beerdigungen gehen. Hernach spricht die Schwester aus dem Waisenhaus Johann ihr Beileid aus, und er erfährt zum erstenmal davon, daß Mutter die Einrichtung mit regelmäßigen Spenden unterstützt hat.

Die Mahlzeit zum Gedenken an die Verstorbene findet anschließend im Hotel am Neuen Teich statt. Irgendetwas an dem Essen schmeckt angebrannt, aber der Pudding, den es zum Nachtisch gibt, ist ausgezeichnet, und gegen Ende der Tafel fangen die drei Waisenmädchen an zu tuscheln. Es ist schönes Wetter, und auf dem Heimweg machen die Hinterbliebenen einen kleinen Spaziergang um den Teich, Christiane und Annemarie Arm in Arm vorneweg, Johann und Helgard hinterdrein.

Johann braucht drei Wochen, um Mutters Sachen zu ordnen. Er scheut sich davor, irgendetwas davon wegzuwerfen, und er ist froh, als er schließlich für die Wäsche einen Abnehmer findet, der ihm sogar mehr dafür bezahlt, als es ein Lumpensammler getan hätte. Das Geld spendet er dem Waisenhaus. Er findet auch ein paar Briefe seines Vaters, die aber lapidar und belanglos sind und denen Johann nichts Näheres über das Schicksal des Vaters entnehmen kann. Er befürchtet auch, daß Mutter sie aufbewahrt hat, weil sie selbst womöglich keine andere greifbare Erinnerung an ihn besaß.

Christiane ist immer öfter und länger außer Haus, und Johann ist es eigentlich ganz recht, daß sie ihm beim notwendigen Umräumen nicht zur Seite steht. Die Mutter hatte in der oberen Etage zwei Zimmer bewohnt und das obere Bad mit Toilette benutzt, das komfortabler war als das untere, in das sich die drei hineinteilen mussten seit Annemaries Geburt, also seit nunmehr elf Jahren. Er denkt zuerst daran, in Mutters Wohnzimmer ein zweites Atelier einzurichten (Christiane hat nichts dagegen), entscheidet sich dann jedoch für eine Art Salon mit ganz neuen Möbeln. Christiane ist verblüfft von seiner Idee, sie lacht sogar kurz auf, wie man über etwas Törichtes lacht, ist dann aber auch damit einverstanden.

Er lässt ein paar starke Männer kommen, und die schleppen Mutters alte Möbel in den Schuppen hinterm Haus. Das leere Zimmer legt er zuerst mit einem neuen Teppich, einem farbenprächtigen Täbris, aus. Er holt aus dem Atelier den großen Lehnstuhl, stellt ihn mitten hinein, öffnet das Fenster und setzt sich hin. Draußen grünt und blüht alles, und die Sonnenstrahlen bringen die Farben auf dem Teppich zum Leuchten. Man sollte es am besten so lassen, denkt er, wenn es nur immer so schön wäre wie zu dieser Jahreszeit!

Ganz in Gedanken versunken bemerkt er gar nicht, daß Annemarie hereingekommen ist. "Papa, ich soll dich abholen, wir gehen alle zusammen mit Meyers essen." Johann reckt sich wie nach einem Schlummer, dann streckt er die Arme aus und sagt "Ah, komm' her, mein Schatz, mein Goldkind, setz' dich zu mir." Annemarie schaut sich um. "Nennst du das einen Salon? Mit einem einzigen Stuhl?" Er zieht sie an sich heran. "Hier, setz' dich auf meine Knie, genieße mit mir die herrliche Aussicht." "Dafür bin ich schon zu groß." Er lacht. "Wofür?" "Um auf deinen Knien zu sitzen." "Ach was, mach's trotzdem, mir zuliebe." Sie setzt sich, legt einen Arm um seinen Hals und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. "Ich soll dich abholen." "Wohin?" "Wir treffen uns mit Meyers zum Mittagessen." "Meyers? Der Apotheker am Schmalen Rain?" "Häh? Die wohnen doch unten am Park." "Ach ja, tatsächlich? Sind sie umgezogen?" "In einem riesengroßen Haus. Mama und ich sind fast jeden Tag dort. Ich habe mich mit Clarissa angefreundet, sie ist ein Jahr älter als ich, also nicht ganz ein Jahr." "So. Wie schön." "Was?" "Ich meine, daß du eine neue Freundin hast." "Kommst du nun endlich mit? Ich muss nämlich wieder los, die warten schon alle." Sie steht auf. Er sagt "Ja. Ach, weißt du was, geht ihr mal essen, ich komme dann nach." "Du weißt doch gar nicht wo." "Ich denke bei Meyers." "Ja, aber essen tun wir im Restorang." "In welchem?" "Weiß nicht, wie das heißt." Vorm Haus hupt ein Auto. "Papa, ich muss jetzt wieder los, der Herr Oskar wartet unten." "Wer?" "Das ist irgendein Verwandter von denen, musst du Mama fragen." "Der hat dich hergefahren?" "Na ja, um dich abzuholen, aber wenn du später kommst, sag' ich's den anderen." "Ja, tu' das." Es hupt wieder, Annemarie springt die Treppe hinunter, und einen Moment später hört Johann, wie der Wagen wegfährt.

Er geht auch nach unten. Die Meyers und das Mittagessen hat er gleich wieder vergessen. Dann kommt ein Ehepaar mit einem Buben, die ein Familienphoto machen lassen wollen, sie haben einen Termin mit Johann vereinbart, und der tut so, als habe er sie erwartet. Aber dann kommt außerdem ein junger Soldat, der sich ein Weilchen gedulden muss. Er setzt sich auf einen Stuhl in der Ecke und zündet sich eine Zigarette an. Johann sagt ihm, daß man hier im Atelier nicht rauchen dürfe, worauf der Soldat verschwindet.

Für derart Familienphotos benutzt er den Lehnstuhl, auf dem der Vater Platz zu nehmen hat und von der Gemahlin auf der einen, dem Nachwuchs auf der anderen Seite flankiert wird. Als er ihn von oben holen will, meint der Vater, sie könnten sich ebensogut hinstellen, "schließlich bin ich noch kein alter Opa", und der Junge muss lachen. Er stellt sich vor seine Eltern, und der Vater legt die Hand auf seine Schulter. Es ist fast noch besser gelungen als mit dem Lehnstuhl.

Als Johann die drei hinausbegleitet, steht der Soldat vor dem Schaufenster und raucht immer noch. "Das ist nicht gut für die Gesundheit, junger Mann", sagt Johann. "Ja, ich weiß", erwidert er. Als das Photo fertig ist, sagt er "Ich möchte Sie darum bitten, das Photo an folgende Adresse zu schicken, würden Sie das tun? Ich bezahle auch das Briefporto." "Wie Sie wünschen." Es ist für eine Frau hier in Seligenbrunn bestimmt. Als der Soldat bezahlt, fragt er "Heben Sie eigentlich alle Photoplatten auf?" "Eine gewisse Zeit lang." Da kann man das Signal des Mittagszuges hören, der sich dem Bahnhof nähert. Der Soldat hat es plötzlich eilig, und Johann bemerkt erst jetzt den Tornister, den er draußen im Flur abgelegt hatte. Wahrscheinlich ist er vollgepackt mit Zigaretten, denkt er, geht nach oben, schließt das Fenster und bringt den Lehnstuhl mit herunter. Es ist schon dunkel, als Christiane nach Hause kommt. Annemarie schläft wieder bei Tante Helgard.

Johann hat den Eindruck, als habe Christiane seit dem Dahinscheiden der Mutter an Frische und Optimismus dazugewonnen. Das hätte ihn einerseits betrüben sollen, muss er sich doch schließlich eingestehen, daß das Verhältnis der beiden Frauen zueinander nicht eben das glücklichste gewesen war. Andererseits ist Christianes Aufblühen für ihn ein Trost und eine Art Beruhigung, was ihm hilft, den Fortgang der lieben Mutter etwas leichter zu verkraften.

Freilich hat niemand eine so innige Beziehung zu diesem Menschen gehabt wie er, was ja auch ganz natürlich ist. Dennoch wirft die Wandlung trotz ihrer positiven Seite einen - wie soll er sagen - nachträglich dunklen Schatten auf die vergangenen Jahre. Sollte Christiane etwa viel mehr unter Mutters Anwesenheit im Haus gelitten haben, als sie es sich hatte anmerken lassen? Sollte er das niemals richtig wahrgenommen oder gar unbewusst ignoriert haben? Wenn ja, dann wäre es jetzt am besten, Christianes zurückgewonnener Lebensfreude freien Lauf zu lassen und auch nicht zuviel Erklärungen oder Begründungen für ihre derzeitigen Stimmungen und Beschäftigungen zu verlangen.

In manchen Augenblicken jedoch wünschte sich Johann ein klärendes Gespräch mit ihr. Und selbst, wenn sie sagen würde, daß sie Mutter gehasst habe, würde er das akzeptieren, denn ihr Tod hatte doch wie durch höhere Gewalt alle Feindseligkeit, die etwa im Hause herrschte, aufgelöst.

Immer häufiger benutzt er das obere Badezimmer und die Toilette dort und überlässt Christiane und Annemarie jenes im Erdgeschoss. So hat bald jeder sein eigenes, und die Putzfrau, die zweimal die Woche kommt, wird angewiesen, Waschlappen, Handtücher etc. entsprechend auf beide Plätze zu verteilen.

Johann bemerkt auch, daß Christianes Migräneanfälle seit einiger Zeit ausbleiben. Als er sie daraufhin anspricht, meint sie bloß, Doktor Rheinländer habe ihr ein neues Medikament verschrieben. Das ist nicht der Arzt, der so viele Jahre für sie da war, wenn sie ihn brauchten, nicht der, welcher Mutters Totenschein ausgestellt hatte, sondern ein anderer, ein neuer, und Johann wundert sich, warum sie darüber kein Wort verloren hat.

Eines Morgens beim Frühstück meint Johann, sie könnten doch alle zusammen eine kleine Urlaubsreise machen, zum Beispiel an die Ostsee. Christiane lacht; es ist wieder dieses Lachen wie über eine Schnapsidee, als habe sie es in der Vergangenheit Dutzende Male erlebt, wie solche kühnen Pläne kläglich endeten. Aber sie sagt "Ja, warum nicht. Es gibt nur ein Problem: Annemarie hat keine Ferien." "Ach was", entgegnet er, "wir lassen sie freistellen für eine Woche." Annemarie ist begeistert, Christiane wiederholt "Wir lassen sie freistellen? Du machst das?" "Ja." "Kennst du denn überhaupt ihren Lehrer?" "Herrn Kleinhempel? Natürlich. Den werde ich schon überzeugen." "Aber Papa, Herr Kleinhempel ist gar nicht mehr an unserer Schule." Christiane nimmt sehr dezent einen Schluck Kaffee aus der Tasse. Dann sagt sie "Ich werde das übernehmen." "Großartig", ruft er, und Annemarie klatscht in die Hände.

"Dann kümmere ich mich um alles andere. Wir müssen eine Liste machen - ich muss eine Liste machen mit allen Sachen, die wir brauchen." Er wirft die Serviette auf den Teller und holt Papier und Stift. Vormittags kommen drei Kunden zum Photopraphieren, und Johann empfindet sie als lästige Störung bei der Erstellung seiner Liste. Sie ist erst am Mittag fertig. Die Hälfte von allem, was er notiert hat, ist wieder durchgestrichen, und mit dieser kritischen Auswahl und der Beschränkung auf das Nötigste, ohne dabei ein gewisses Maß an Komfort zu unterschreiten, ist Johann besonders zufrieden.

Sie nehmen ein Hotelzimmer im Seebad Binz auf der Insel Rügen. Das Doppelbett ist schmal, Annemarie schläft auf einer Art gepolsterter Pritsche. Nachts war Johann aufgewacht und hätte gern mit Annemarie die Plätze getauscht. Das Wetter ist herrlich; die Dünen, der Strand, das Meer, alles ist wie dafür geschaffen, Leiden und Sorgen zu vertreiben und sich nur dem Wohlgefühl und guter Laune zu überlassen.

Sie mieten zwei Strandkörbe und packen jeden Tag einen großen Korb voll Proviant, von dem Annemarie immer einige Weißbrotkrumen an die Möwen verfüttert, die im Flug laut kreischend danach schnappen. Johann genehmigt sich stets eine Flasche Bier, die eine Weile im feuchten Sand eingegraben und gekühlt wird. Es macht ihn so schön schläfrig; und einmal nachmittags wacht er auf, und Annemarie liegt in unmöglicher Positur im anderen Strandkorb und liest. Wo Mama sei, fragt er. Die wäre im Hotel, knurrt Annemarie, hätte Leute kennengelernt. "Und du? Bist nicht dabei?" "Das sind nur so blöde Kerle." Er gähnt. "Na ja, dann bleib' hier bei mir, hier ist es auch schön, nicht wahr?" "Ja, sicher", knurrt sie, und beim Umblättern reißt die Seite ein.

Als sie wieder zu Hause in Seligenbrunn sind, rieselt überall aus den Sachen noch Sand heraus. Johann stellt fest, daß das Fernglas, das er im Koffer gesucht hatte, daheim liegen geblieben war, und Christiane vermisst eine Haarspange.

Dann sind regulär Schulferien; Annemarie präsentiert den Eltern ein hervorragendes Zeugnis und darf sich dafür etwas wünschen. Sie zieht zuerst ein neues Fahrrad in Erwägung, aber da ihre Freundin keins hat, entscheidet sie sich für ein Paar modische Schuhe für junge Damen. Sie bekommt eine dicke Blase am rechten kleinen Zeh, doch als das überstanden ist, läuft sie jeden Tag darin umher. Sie übernachtet häufig bei Tante Helgard und manchmal bei Clarissa, mit der sie ständig zusammen ist.

Wenn Johann keine Aufnahmen macht, überholt er seine Photoausrüstung, es gibt hier und da etwas zu reparieren oder zu erneuern. Mutters Zimmer ist bis auf den schönen Teppich immer noch leer. Die Putzfrau schlägt vor, es zu möblieren und dann zu vermieten, und Johann denkt eine Stunde lang darüber nach, ohne zu einem Entschluss zu kommen.

Christiane erscheint eines Tages in Begleitung eines Herrn, der sich das Zimmer anschaut. Johann trifft die beiden oben an, wie sie mit großzügigen Handbewegungen eine Einrichtung in die Luft zaubern. Sie stellt ihn Johann vor als einen Innenarchitakten, und der Innenarchitekt nimmt von Johann kaum eine Notiz. Christiane meint, sie hätten einen Entwurf, der ihm, Johann, bestimmt auch gefallen wird, und der Innenarchitekt sagt, der Teppich sei viel zu groß und überdies zu "grell", man bevorzuge jetzt allgemein "gemischte" Farben. "So was finden Sie sonst nur noch im Puff", sagt er und schaut das einzige Mal Johann ins Gesicht.

Am Nachmittag - der Innenarchitekt ist längst gegangen - überkommt Johann eine Begierde, die er nicht bändigen kann. Die Hände, mit denen er eine Photoplatte hält, fangen an zu zittern, und zwischen den Beinen zieht es sich zusammen, als würden alle Säfte seines Körpers dorthin angesaugt. Christiane sitzt im Gartenstuhl auf der Veranda. Er geht zu ihr hin, packt sie und zieht sie hinein, sie plumpsen auf's Sofa. Christiane lacht. Er raffelt ihren Rock hoch, und sie lacht noch mehr, und es ist diesmal ein fröhliches Lachen, das ihn antreibt und ihm signalisiert, daß es ihr gefällt. Sie kann sich gar nicht wieder beruhigen, es ist beinahe wie ein Anfall. Er reißt wild an ihrer Wäsche herum, aber bevor er ihren Schlüpfer heruntergezogen hat, ist es bei ihm schon passiert, und er sinkt mit einem Seufzer auf ihren weichen Busen, auf dem er von ihren Lachstößen durchgeschüttelt wird. Später am Abend fragt er nach den Entwürfen für das Zimmer, und Christiane erwidert "Beim nächsten Mal werden wir dich gewiss einweihen."

Aber beim nächsten Mal werden schon die ersten Möbel gebracht. Eine kleine Kommode, ein Schrank mit einer Front aus Glasfensterchen, ein zierlicher Sekretär, dann eine schmale Chaiselongue. Die Schubkästen der Kommode haben kaum Tiefe, und wollte man auf der Schreibplatte des Sekretärs einen Brief schreiben, müsste man das Blatt quer legen. "Das ist auch nur, um die Schroffheit der Wände abzumildern", erklärt Christiane, "damit das Fluidum besser vom Boden hinaufgleiten kann." "Was für ein Fluidum?" Sie erkundigt sich beim Innenarchitekten und antwortet Johann "Das Fluidum, das jeden Raum erfüllt." Er glaubt kein Wort, aber es erheitert ihn plötzlich und er sagt "Dieses Fluidum, kann man das auch eindampfen?" Christiane wird zornig. "Bist du mit deinem Salon auch nur einen Schritt vorangekommen?" Da bemerkt er, daß sie den Teppich entfernt haben, er findet ihn zusammengerollt auf Mutters alten Möbeln im Schuppen. Der Händler, bei dem er ihn kaufte, hatte gesagt "Und noch einen Hinweis, Herr Melzer: Teppiche werden niemals gerollt, sondern zusammengefaltet."

Am nächsten Morgen hat Christiane schon beim Frühstück rotgeweinte Augen. Annemarie umschlingt sie mit den Armen und versucht, sie zu trösten. Johann fragt, was los sei. "Ach", sagt Christiane, und die Tränen kullern über ihre Wangen, "ich weiß doch auch nicht, ob ich das alles richtig mache." "Was meinst du?" Sie weist nach oben. "Mit Mutters Zimmer. Ich will doch nur, daß wir es schön haben im Haus." Johann hat Mitleid mit ihr, und zum erstenmal hat sie "Mutters Zimmer" gesagt. "Es ist schön bei uns zuhause." Er nickt Annemarie zu, die streichelt Christianes Gesicht und sagt "Ja, Mama, mir gefällt es auch hier."

Christianes Lächeln wird von einem Seufzer erstickt. "Ja, aber du sollst das letzte Wort haben, Johann, das ist mir wichtig." "Wobei?" "Papa! Bei der Einrichtung von dem Zimmer natürlich." "Meine liebe, gute Christiane, ich verstehe etwas vom Photographieren, aber für Inneneinrichtungen bin ich wahrscheinlich nicht der richtige Mann." "Warum hast du dann das gestern gesagt?" "Was?" "Das mit dem Eindampfen." "Aber das war doch nur Blödsinn." "Es hat uns verletzt." "Ich bitte dich, das war nur Blödsinn." Sie schweigt. Schließlich sagt er "Möchtest du, daß ich mich dafür entschuldige? Ist dann wieder alles gut?" Sie nickt mit einiger Bestimmtheit. "Es tut mir leid."

Dann frühstücken sie, und Annemarie erzählt von einem Erlebnis mit ihrer Freundin Clarissa. Sie redet wie ein Wasserfall und ihr Blick geht ständig zwischen den Eltern hin und her, und dann bringt sie die beiden zum Lachen. "Jetzt müsst ihr euch einen Kuss geben", fordert sie. Johann erhebt sich, geht zu Christiane hin, küsst sie auf den Mund und streicht dabei über ihr Haar.

Den ganzen Tag hat er im Atelier zu tun, es kommt ein Kunde nach dem anderen. Er ist nicht sehr gesprächig. Gegen Abend geht er zum Schuppen, zerrt den Teppich von den Möbeln herunter, rollt ihn auf dem Rasen aus, faltet ihn dann Hälfte auf Hälfte zusammen und wuchtet das Paket wieder hinein.

Das Zimmer füllt sich noch mit ein paar Möbeln, ebenso klein und unpraktisch wie die ersten. Dann wird ein kolossaler Kronleuchter angeliefert, und der Innenarchitekt heuert einen Elektriker an, der gemeinsam mit zwei Gesellen das Gehänge an der Decke befestigt. Als sie es einschalten, fliegen die Sicherungen raus. Johann ist in der Dunkelkammer und bekommt davon nichts mit.

Irgendwann kommt Christiane mit einem schwarzen Seidenschal zu ihm und sagt feierlich "Es ist soweit." Er muss sich die Augen verbinden lassen und wird die Treppe hinaufgeführt. Christiane löst das Tuch von seinem Kopf, und der Innenarchitekt legt die Nadel vom Grammophon auf die Platte, es erklingt der Triumphmarsch aus Aida. Aus irgendeinem Grund, aber bestimmt nicht, weil er von dem Anblick überwältigt ist, treten Johann die Tränen in die Augen.

In der folgenden Woche regnet es täglich viele Stunden lang. Die Kunden bringen an ihren Schuhen eine Menge Schmutz ins Atelier, und die Putzfrau muss öfter als sonst saubermachen. Johann legt eine alte Matte unter die Garderobenhaken und stellt einen Schirmständer in den Flur. Am Mittwoch, bei strömendem Regen, kommt ein fremder Herr zu ihm. Er hat einen leichten Regenmantel an und einen Hut mit breiter Krempe auf, aber er ist offensichtlich draußen vom Regen nicht im Geringsten nass geworden. Er legt nicht ab, stellt sich nicht einmal vor, sondern holt unterm Arm eine Ledermappe hervor und bittet Johann, einen Blick auf den Inhalt zu werfen.

Sein Gesicht hat eine dunkle Farbe, beinahe wie Bronze, denkt Johann, aber es kann auch vom Schatten unter der Krempe herrühren. Dieser Hut scheint wohl aus Schafwolle gefertigt zu sein, so einen hat Johann einmal in einem Geschäft gesehen, er war sehr dicht gewebt, gut wasserabweisend und ziemlich teuer. "Was ist das?", fragt Johann. "Photographien, die Sie vielleicht interessieren", antwortet der Mann. Er folgt Johann ins Atelier, zieht einen Stapel Photographien auf feinem, weißen Karton aus der Mappe und legt ihn auf den Tisch. Sie stehen sich gegenüber. Auf dem obersten Bild ist eine Steppenlandschaft zu sehen, mit ein paar vereinzelten Rindern, die offenbar an einer Wasserstelle weiden; im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Berge. Es ist keine mitteleuropäische, allenfalls eine südliche Landschaft, vielleicht in Spanien.

Johann will es näher betrachten, aber er zögert. Von dem Stapel geht ein eigenartiger Geruch aus, als wären die Photos parfümiert, doch es ist eher ein herber Duft wie von einem Kraut oder Gewürz. Der Mann spricht kein Wort, und da Johann bereits die Hand ausgestreckt hat, will er nicht unhöflich erscheinen und nimmt das erste Bild auf. Obwohl der Karton eine gewisse Stärke hat, ist er federleicht. Und als wäre ihm das, was darauf zu sehen ist, anscheinend völlig gleichgültig, fragt er "Was für ein Karton ist das?" "Bitte?" "Ein solcher Karton ist mir noch nicht vorgekommen." Es klingt, ungewollt oder nicht, ein bisschen misstrauisch. Geht hier etwas nicht mit rechten Dingen zu?

"Schauen Sie sich die anderen an", sagt der Mann. In Windeseile hebt Johann ein Photo nach dem anderen ab, ohne irgendeins genauer in Augenschein zu nehmen. Nur bei einer Aufnahme hält er einen Moment länger inne, und der Mann murmelt ein paar Worte, die aber Johann überhört, denn er zwingt sich sogleich, dieses eine Bild unter den anderen wieder verschwinden zu lassen.

"Und warum zeigen Sie mir das?", fragt er. "Ich möchte Ihnen die Photos verkaufen." "Verkaufen?" Er schiebt den Stapel ein Stück von sich weg. "Mein Herr, ich verkaufe meine eigenen Photographien." "Diese Aufnahmen sind einmalig, möglicherweise wertvoll." Johann denkt: Warum kommt denn kein anderer Kunde, damit ich diesen Mann rasch wieder los werde. "Ich bestreite gar nicht, daß sie einmalig sind, aber wertvoll? Wem sollten hier diese öden Landschaften oder diese Maultiertreiber gefallen?" Der andere schweigt wie abwartend.

Mit einer etwas ungestümen Bewegung langt Johann abermals nach dem Stapel und blättert ihn noch schneller durch als vorhin. "Allenfalls für diese Gebirgsansichten fände sich vielleicht ein Käufer." "Es sind die Anden", sagt der Mann, "genauer gesagt, die Cordillera de los Andes." "So, so. Aber das hier, ein zusammengestürztes Haus, was bitte soll daran Besonderes sein?" "Das war das Erdbeben in Los Alamos." "Ein Erdbeben?", sagt Johann vorsichtig, und die beiden Männer schauen sich an. Der andere hat dunkle, braune Augen, von einer ungewöhnlichen Tiefe, als würde darin ganz weit nach hinten gerückt all' das, was auf diesen Bildern festgehalten wurde, sich in diesem Moment abspielen. "Wo liegen die Anden? In Peru?" "Diese hier in Argentinien, an der Grenze zu Chile." Johann senkt den Blick, und in seiner Hand hält er wieder das eine Photo, das ihm zuerst aufgefallen war.

Er reicht den Stapel zurück. "Nein, mein Herr, ich habe dafür keine Verwendung. Tut mir leid, vielleicht versuchen Sie es woanders." "Das geht nicht", erwidert der andere ruhig. "Wieso nicht? Es gibt noch andere Photographische Anstalten in der Stadt. Oder wenden Sie sich ans Historische Museum, die besitzen eine photographische Sammlung." Ein mildes Lächeln huscht über das Gesicht des Mannes. "Ich bin nur noch eine Stunde hier", sagt er und es klingt, als würde dann eine bestimmte Frist abgelaufen sein. "Ah, ich verstehe", sagt Johann erleichtert; er würde also Gott sei Dank nicht wiederkommen. "Sehen Sie, wenn Sie sich länger hier aufhielten, dann bestünde die Möglichkeit, daß man die Photos im Schaufenster ausstellt, und wenn jemand Interesse ..." "Danke für Ihre Bemühungen", unterbricht ihn der andere, "wie gesagt, daraus wird nichts." "Nun, dann möchte ich Sie nicht unnötig aufhalten", sagt Johann und geht zur Tür. Der Mann hebt nur leicht die Hand zum Gruß, Johann schaut zum Himmel und meint "Es hat etwas nachgelassen." "Es scheint so." "Hat mich gefreut", sagt Johann und schließt die Tür.

Er geht zurück ins Atelier, auf dem Tisch liegt eine einzelne Photographie aus dem Stapel, mit der Rückseite nach oben. Seine Hand zittert, als er danach greift. Ich werde sie nicht umdrehen, denkt er. Er tut es doch. Es ist der Ausblick auf eine Schlucht, auf deren Grund sich ein silbrig glänzender Fluss schlängelt. Er schnuppert an dem Karton, er riecht nach diesem seltsamen Gewürz. Er eilt zur Tür. Der Mann steht draußen, ohne Hut. Johann fragt ihn, wieviel er für die Photos verlangt. Der Mann nennt den Preis. Es ist so wenig, daß Johann es mit den paar Scheinen, die er stets in seiner Hosentasche hat, bezahlen kann. "Leben Sie wohl", sagt der Mann und verschwindet hinter der nächsten Ecke.

Christiane hat immer häufiger Gäste im Haus. Es fing an mit 5-Uhr Tees, zu denen sie im oberen Zimmer einlud. Es wird jetzt übrigens als "Suite petít" bezeichnet. Dann folgten Soirees und Matinees, und ein paar Mal blieben zwei von ihren Freundinnen auch über Nacht. Johann ist es ein Rätsel, wo und wie sie eigentlich schlafen; er findet sich damit ab, daß ihm Christiane zeitweilig Toilettenverbot für die obere Etage erteilt, er benutzt dann ihre, und es ist ihm lieber, als einer von den Damen in unpassenden Augenblicken zu begegnen.

Nachmittags darf manchmal auch Annemarie mit dabei sein, wenn wieder irgendein lustiges Würfelspiel ausprobiert wird, von denen, so scheint es Johann, drei neue pro Woche herauskommen. Einmal liegt eines der zusammenklappbaren Spielfelder aus Pappe auf dem Tisch herum, und Johann erkennt darauf das alte Fuchs und Gans Spiel, nur sind es neuerdings deutsche und französische Soldaten, die sich gegenseitig an der Nase herumzuführen versuchen. Besonders originell findet er das nicht.

Christiane (und auch manche ihrer Gäste) haben Johann ein paarmal aufgefordert, ihnen Gesellschaft zu leisten, aber er schützt die Arbeit vor, es seien noch jede Menge Photoplatten bis zum nächsten Tag zu entwickeln, und ein Vetter des Apothekers Meyer, der häufig mit von der Partie war, meint "Na, mein lieber Melzer, dann rühren Sie mal ihre Chemikalien zusammen, und wir mischen uns derweil einen Cocktail", womit er die Lacher auf seiner Seite hat.

Überhaupt wird viel getrunken in der Suite petít, und wenn Johann der Putzfrau begegnet, klemmen stets leere Sektflaschen zwischen ihren Fingern. Abends wird zur Musik vom Grammophon getanzt, und wenn Mitternacht ist und jemand hat Geburtstag, gibt es großes Hallo und ein Liedchen wird gegrölt. Einmal ist der Feinkostladenbesitzer Persicke, ein junger Mann, der das Geschäft kürzlich vom Vater übernommen hat, so aufgedreht, daß er das Fenster sperrangelweit aufreißt und mehrere Schüsse aus seinem Revolver in die Nacht hinausfeuert.

Das ist Johann zuviel, er steigt die Treppe hinauf, um das ganze Pack rauszuwerfen. Sie sind alle erschrocken über Persickes Unfug, er selbst hängt sternhagelvoll über dem Sekretär und kotzt in den Sektkühler. Es gelingt Christiane und ihren Gästen, Johann zu beschwichtigen, und ein wenig später löst sich die Gesellschaft in etwas betretener Stimmung von allein auf. Man macht sich bei den folgenden Treffen einen Spaß daraus, den Persicke auf (unerlaubtes) Waffentragen zu visitieren.

Persicke versorgt die Leute immer mit leckeren Salaten, und manchmal findet Johann auf dem Frühstückstisch zwei oder drei halbleere Schüsselchen mit Geflügel- oder Käsesalat, bei dem die Mayonnaise langsam anläuft. Das sei übriggeblieben, erklärt Christiane im Vorbeigehen. "Ihr könnt das alles essen", fügt sie hinzu, "ich hab' genug von dem fetten Zeug." Daraufhin verzichtet Annemarie natürlich auch.

Christiane achtet jetzt sehr auf ihre gute Figur, aber es fällt ihr schwer, und wenn es früher die Migräneanfälle waren, die sie heimsuchten, so ist es jetzt mitunter eine Mischung aus Hysterie und Verzweiflung, die sie aufregt und ihr scharlachrote Flecken auf Hals und Gesicht verpasst. Sie und ihre Freundinnen wetteifern um die meiste Attraktivität, und es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Schönheitscreme, ein Schlankheitsmittel oder ein Pulver ausprobiert wird, welches in einem Glas Wasser aufgelöst und dreimal täglich getrunken dem Haar mehr Fülle und Glanz verleihen soll.

Einmal, als oben wieder munteres Treiben ist, klopft es an Johanns Ateliertür und herein kommt das Fräulein Wabersich, das noch nicht allzu lange "dabei" ist, aber über hervorragende Beziehungen zu allen möglichen Leuten in der Stadt verfügt. "Darf man eintreten?", fragt sie, und Johann kann es ihr schlechterdings nicht verwehren. "Ich bin die Felicitas, wir kennen uns vom Sehen." "Ja, ich erinnere mich", erwidert Johann, nicht ohne eine Spur von Ironie, die sagen soll, daß er sich schon seit einiger Zeit nicht mehr darum kümmert, was in der Suite vor sich geht.

"Ich wollte Sie mal fragen, ob Sie auch Nacktaufnahmen machen." "Nachtaufnahmen?" "Wie bitte?" "Was haben Sie gefragt?" "Ob Sie auch Nacktaufnahmen machen." "Wovon?" "Wovon? Von einer Person zum Beispiel." "Ich dachte, Sie meinten Nachtaufnahmen." Sie muss sehr lachen. "Sie meinen jetzt den Mond, wenn er am Himmel steht." "Ja, oder wenn sich in der Rosengasse im Laternenlicht die langen Schatten übers Straßenpflaster strecken." "Huh, das ist ja ganz schön schaurig", sagt Felicitas, kreuzt die Arme vorm Busen und reibt sich die Schultern. Dann kommt sie näher heran, und als sie sagt "Aber Sie haben mich schon richtig verstanden, Johann", da lässt sie ihren Mund etwas offen, und die Zungenspitze gleitet zwischen ihren feuchten Lippen einmal hin und einmal her.

"Wo machen Sie das? Hier auf dem Sofa?" Da spürt Johann, wie es am Hals zu pochen anfängt. "Ähm, ja, für gewöhnlich." Sie drückt leicht mit der Handfläche auf das Sofapolster, das federnd nachgibt. "Und wie machen Sie's ungewöhnlich?" "Tja, also ...", sagt er und sieht, daß Fräulein Wabersich wie mit einem Zauberstreich ihr Kleid fallen lässt. Das Weiß ihrer Unterwäsche steht im reizenden Kontrast zu den schwarzen Strümpfen, die mit schmalen, elastischen Bändern oben gehalten werden. Sie legt einen Fuß nach hinten aufs Sofa und beginnt, ihr Mieder vorn aufzuschnüren. Johann steht da wie erstarrt. "Wollen Sie nicht schon mal Ihren Apparat aufbauen?", meint sie und legt ihre milchweißen Brüste mit rosigen Nippeln frei.

Doch da ruft von oben jemand hinunter "Felicitas! Wo steckst du denn bloß, wir wollen anfangen." Dann hört man Schritte auf der Treppe. Johann eilt zur Tür, Felicitas zieht rasch ihre Sachen wieder an. "Lassen Sie nur, Johann", flüstert sie und ruft nach oben "Ich komme." Der Rufer kehrt wieder um. "Manchmal könnte man die alle auf den Mond schießen", sagt sie, "mach' mir mal das Kleid hinten zu." Johann tut es, und er ist ganz geschickt dabei. "Danke." Sie gibt ihm einen Klaps auf die Wange. "Dann verschieben wir das aufs nächste Mal, einverstanden?" Und sie schlüpft an ihm vorbei zur Tür hinaus.

Als Annemarie die Masern bekommt, finden keine Vergnügungen in der Suite petít statt, und die Putzfrau hat endlich einmal Zeit, alles gründlich zu säubern. Sie sagt zu Johann "Herr Melzer, da wäre Ihr schöner Teppich aber tüchtig verhunzt worden, wenn der alle die Flecken abgekriegt hätte, die der jetzt hat.

Annemarie liegt im Bett und will vorgelesen bekommen. "Dafür bist du schon zu groß", meint Christiane, liest aber doch ein paar Seiten aus Gullivers Reisen, das die beiden "stinklangweilig" finden. "Mama, warum haben wir keine spannenden Bücher?" Christiane zuckt mit den Schultern. "Keine Ahnung."

Christiane weiß selber nichts mit sich anzufangen. Etliche ihrer Bekannten sind verreist, und Persicke hat einen Wasserrohrbruch im Laden. Dann will sie übers Wochenende mit einer Freundin fort fahren, kommt aber Samstagabend schon wieder zurück; die Freundin hätte sich ganz schlimm den Fuß verstaucht. Ach ja, und falls der Innenarchitekt hier aufkreuzt: sie sei nicht da.

Am Donnerstag kommt Christiane zu Johann ins Atelier, er kann sich nicht entsinnen, wann sie das zuletzt getan hat. Er ist so vertieft, daß er sie nicht bemerkt und erschrickt, als sie ruft "Du liebe Güte, Johann, was hast du denn für einen Hut auf?" "Den hat ein Kunde hier liegengelassen." Sie will ihn von seinem Kopf nehmen, aber er reagiert empfindlich "No, no, Senora, es mio sombrero." "Bist du übergeschnappt?" "Nein. Dieser Herr hat mir ein Bündel Photographien aus Südamerika verkauft." "Und weiter?" "Willst du sie dir mal anschauen?" "Ja, später vielleicht. Ich wollte bloß mal gucken, was du so treibst." Sie wendet sich zum Gehen. "Und setz' um Himmels willen diesen Eierkorb ab." "Ja, gleich."

Johann kennt die Alpen. Als Annemarie noch nicht geboren war, haben sie einen Urlaub in Garmisch Partenkirchen verbracht. Die Berge hier auf den Photos, die der Mann Cordillera des los Andes nannte, sind anders als die Alpen, Johann kann nicht sagen, wie. Aber einmal nachts im Traum hat ihm der Mann noch einmal die Photos verkauft, und dabei gesagt, es wären die einzigen Aufnahmen vom Mondgebirge. "Vom Gebirge auf dem Mond?", will Johann fragen, aber da reißt der Traum ab. Selbst wenn er bloß seiner eigenen Phantasie entsprungen war, so wünschte er sich, der Unbekannte möge ihm wieder erscheinen, damit er ihm weitere Auskunft geben könnte.

Beinahe in jeder freien Minute betrachtet er die Photos, auf dem Tisch liegt nichts anderes als dieser Stapel. Frühmorgens vor dem Frühstück geht er ihn durch, wie wenn er sich vergewissern müsste, daß über Nacht nichts daran verändert wurde. Selbst wenn er Kunden im Atelier hat und mit seiner Technik beschäftigt ist, hat er in Gedanken jene Bilder vor Augen. Beim Entwickeln unterm Rotlicht der Dunkelkammer ist ihm, als tauchten auf den Abzügen immer zuerst die Motive mit den schneebedeckten Bergen auf, die anscheinend noch höher sind als jede Wohnstatt der Götter.

Er verändert die Reihenfolge, legt ähnliche Ansichten zusammen, versucht herauszufinden, ob manche der endlosen Landschaften vom selben Standort aus aufgenommen waren, etwa nach der Art eines Panoramas. Und tatsächlich meint er, auf drei verschiedenen Perspektiven immer denselben Berg zu erkennen. Manchmal nachts wacht er auf, von einer Ungewissheit geweckt, geht ins Atelier, knipst das Licht an und kann doch wieder nicht mit Sicherheit sagen, ob jene hellen Stellen zwischen den schroffen Felsen ein Weg, jene fünf dunklen Punkte Reiter sind, jener Haufen Steine auf der Höhe ein Grab oder einen Orientierungspunkt darstellt?

Auf einem Bild sind zwei Lastwagen zu sehen, der eine mit prallgefüllten Säcken, der andere mit Kisten beladen. Sie stehen auf einer hellen Ebene, die sich im Hintergrund ins weiße Nichts verliert. Die Fahrer sind ausgestiegen, und ganz vorn schaut ein Hund unschlüssig in die Kamera. Auf einem anderen führt eine Brücke über den Fluss, sie ist aus Bandstahl mit dicken Nieten gebaut. Ein anderer Fluss (oder ist es derselbe?) hat heftige Stromschnellen. Eine Allee ist mit turmhohen Pappeln gesäumt, wie klein wirkt der Karren mit Maultier und Mann mitten auf der Straße.

Es gibt ein paar Photos mit Häusern, stattliche Villen inmitten von Gärten mit Palmen, gepflegter Rasen mit Blumenbeeten, Laubengänge mit rankendem Wein. Das Prospekt einer Straße mit Geschäften, dem Hotel "Centenario", der "Casa Troy", das ein Kaufhaus sein muss, wie Johann vermutet. Am Straßenrand stehen offene Pferdekutschen und eine Handvoll Automobile. Dann ein einzelnes flaches Gebäude mit breiter Front, vor dem eine Mädchenklasse mit ihren Lehrerinnen Aufstellung genommen hat. Auf einer Farm treiben Reiter mit großen Hüten schwarze Rinder in einen Pferch - sie verschwinden in Flammen aus Staub. Und irgendwo, weit draußen, an einem Abhang mit Felsgestein und Schotter, auf einem schmalen Sims vor einem Loch im Berg, haben sich vier Männer offenbar überreden lassen, für einen Augenblick aus ihrer Mine herauszukriechen; der eine hält den Arm schützend gegen das blendende Sonnenlicht.

Und dann ist da dieses eine Bildnis, wegen dem er in Wahrheit den ganzen Stapel gekauft hat und das, er spürt es fast schmerzhaft, allmählich seine Sinne verwirrt, seine Gefühle verfälscht und ihm den Verstand raubt. Es ist, als spräche es zu ihm, als fordere es ihn auf, etwas zu tun, woran er sein Lebtag nicht gedacht hat, das ihm nicht einmal im unglaublichsten aller Träume eingefallen wäre.

Die Photographien sollten Johann fortan nicht mehr loslassen. Er sucht sie mit der Lupe ab, damit ihm kein Detail entginge. Es gibt dort eine Bahnstation am Rande einer Stadt, ein Zug mit einer kleinen Dampflok und vier Wagen fährt gerade ein. Auf dem verlängerten Bahnsteig spielt eine Militärkapelle, Herren in vornehmen Anzügen, Damen in hellen Kleidern und mit großen Hüten erwarten die Ankunft. Abseits stehen Gemüsehändler mit ihren Karren. Kinder und Hunde springen umher; auf dem Bahnhofsdach sitzt ein Schwarm Tauben. Auf dem Schild kann Johann den Namen des Ortes erkennen: SAN GABRIEL. Er freut sich wie ein Forscher, der ein neues Element entdeckt hat und ihm hiermit einen Namen gibt. San Gabriel. Mehr braucht er vorläufig nicht zu wissen.

Annemarie ist wieder gesund und sogar ein bisschen fraulicher geworden. Der Innenarchitekt kommt wieder häufiger zu Christiane, die beiden planen, die Tür in der Zwischenwand zu verbreitern und das angrenzende Zimmer zu einem Wintergarten umzugestalten. Dazu soll die Fensterfront verglast werden. Johann fragt erst gar nicht nach den Entwürfen, gibt Christiane aber den Hinweis, daß man vorher die Statik des Hauses prüfen sollte. Sie erkundigt sich beim Innenarchitekten, was Johann damit gemeint haben könnte, und daraufhin zieht sich die Planung etwas in die Länge. Die Partys finden also nach wie vor in der Suite petít statt, und es gibt ein paar neue Gäste.

Eines Sonntags beim Frühstück sagt Johann, er trage sich mit dem Gedanken, für ein halbes oder ein ganzes Jahr nach Südamerika zu gehen, um dort Land und Leute zu photographieren. Er schaut Christiane ins Gesicht, nach einer kleinen Pause sagt sie "Hast du dir das auch gut überlegt." "Mit solchem photographischen Material könnte man danach hier in Deutschland eine Menge Geld machen", sagt er und denkt: ihre Antwort bedeutet: solange für uns gesorgt ist, kannst du unternehmen, was dir gefällt.

Die Mutter hatte Johann eine nennenswerte Summe Geld sowie Schmuck und Wertpapiere vermacht. Er war dadurch kein reicher Mann geworden, aber sie hätten sich ruhigen Gewissens etwas leisten können. Der Schmuck blieb unangetastet. Wegen der Wertpapiere hatte Johann einen Finanzexperten konsultiert, der ihm riet, sie abzustoßen und später in eine Kriegsanleihe zu investieren, die wahrscheinlich in Kürze ausgegeben werde. Johann befolgte es und ließ ihm dafür freie Hand. Abzüglich des üppigen Honorars kam durch den Erlös noch ein fünfstelliger Betrag zum Vermögen hinzu.

Christianes Umgestaltungen im Haus, die Neueinrichtung und letztendlich freilich auch ihre ganzen Vergnügungen waren von Johanns Konto bezahlt worden. Jetzt, da er seine Reise plant, wird für Christiane ein Limit festgelegt, bis zu dem sie davon abheben kann. Der Finanzverwalter findet das Limit zu großzügig, aber Johann besteht darauf. Schließlich stimmt er einer Klausel zu, nach der von Christianes Mitteln Annemarie ein bestimmter monatlicher Betrag zusteht. Alles wird zunächst für ein Jahr vereinbart.

Johann schafft sich einige neue Ausrüstungsgegenstände an. Er verpachtet das Atelier an einen befreundeten Photographen, der dort seinen gerade fertig ausgebildeten Lehrling einsetzt. Dann kümmert er sich nur noch um seine Reise, welche Schiffahrtsgesellschaft, welche Route, welches Datum und so weiter und so fort. Er findet eine Firma, die sich auf Überseereisen dieser Art spezialisiert hat. Vier Männer kommen mit einem Lastwagen, auf dem glattgehobelte, helle Bretter, Holzwolle, große Platten Buchbinderpappe, Leinwand, Ölpapier auf Rollen, meterweise Band, Strick und was noch alles geladen ist, das man zum Verpacken benötigt.

Der Schuppen wird leergeräumt, und die Leute brauchen eine Woche, bis Johanns Gepäck in acht großen Kisten verstaut ist. Eigentlich hätten sieben gereicht, aber Christiane meint, das brächte Unglück, und so darf Annemarie für die achte Kiste Sachen aussuchen, die Johann ihrer Ansicht nach gebrauchen könnte oder die, wie jene handbemalte Sammeltasse mit dem Stadtwappen von Seligenbrunn, ihn stets an zu Hause erinnern sollen. Ob Annemarie wirklich versteht, was jetzt geschieht, darüber ist sich Johann seinerseits nicht ganz sicher. "Du schreibst mir doch mal, Papa", sagt sie, und er verspricht es.

Als Handgepäck nimmt er den Lederkoffer seiner Mutter, aber der Haufen Reisepapiere und persönliche Dokumente machen eine extra Tasche nötig. Immerhin ist darin noch Platz für den Proviant, den ihm Christiane für die Bahnfahrt bis Hamburg mitgibt. Die beiden bringen ihn zum Bahnhof Reiherstor, er steigt ein, und sie winken sich zu. "Wo soll's denn hingehen?", erkundigt sich der Reisende, der Johann gegenüber sitzt. "Nach San Gabriel." "Dann befinden Sie sich auf einer Wallfahrt?" "Nein", sagt er und schaut aus dem Fenster; oben am Wilhelmsberg entschwindet gerade das Schloss aus dem Blick. "Aber was für eine Reise das wird, kann ich Ihnen erst sagen, wenn ich wieder zurück komme."

* * * * *

Als Johann in Hamburg an Bord des Amerika-Dampfers "Oceana" geht, deutet in Europa alles auf einen Krieg hin. Während der Überfahrt ereignet sich in Sarajewo das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Kronprinzen Franz Ferdinand. Daraufhin erklärt Österreich Serbien den Krieg. Als das Schiff in Buenos Aires anlegt, kämpft Deutschland bereits als Verbündeter Österreichs gegen Russland. Aber die Zeitungen in Buenos Aires berichten auf der Titelseite über den Gesundheitszustand des Präsidenten Roque Saenz Pena, und noch bevor Johann die Hauptstadt verlässt, um ins Landesinnere weiterzureisen, ist der Präsident gestorben. Sein Nachfolger heißt Victorino de la Plaza. Alles Namen, die Johann nie gehört hat, aber die Orte an der deutsch-russischen Front waren ihm ebenso unbekannt. Er beschließt, vorerst überhaupt keine Zeitung mehr zu lesen.

Seine Kisten sind zwar ausgeladen und in einem Lagerhaus der Zollbehörde abgestellt worden, aber die Herausgabe verzögert sich um zwei Tage; den Grund dafür kann er nicht in Erfahrung bringen. Der Zollbeamte hatte ihm eine wortreiche Erklärung gegeben und ihn für übermorgen wieder herbestellt.

Johann übernachtet in einem Hotel; das Zimmer ist auf den ersten Blick abstoßend hässlich und äußerst dürftig eingerichtet. Es hat neben dem Bett nur einen Hocker, auf dem eine Schüssel mit einer Wasserkanne steht. Ganz hinten auf dem Gang gibt es eine Toilette, die man von innen nicht verriegeln kann. Dort ist auch ein Wasserhahn. Johann fragt nach einer Möglichkeit, zu Abend zu essen, aber die Frau, die unten an der Tür in einem Kabuff sitzt, versteht nicht, was er will. Er kämpft mit dem Hunger und kann sich, erschöpft wie er ist, doch nicht überwinden, irgendwo in den Straßen nach einem Restaurant zu suchen. Zudem ist es dunkel und er könnte sich verlaufen.

Spät abends klopft es an die Zimmertür. "Quien es?", ruft Johann. Jemand antwortet, er kann das Wort aleman heraushören. Er öffnet. Auf dem Gang steht ein Mann mit einem Holztablett vorm Bauch. "Cocina aleman", sagt er, "deutsch kuche." Er lüftet das Tuch, das darübergedeckt ist, und präsentiert etwas zu essen, das irgendein Zwischending aus belegten Brötchen und gefüllter Teigtasche ist, im fahlen Licht der einzigen Lampe kann man es nicht genau erkennen, aber es duftet ganz appetitlich. Er nimmt zwei davon. Der Mann zieht unter dem Brett ein Stück Papier heraus und wickelt freihändig die Teigtaschen darin ein.

Johann setzt sich auf die Bettkante, breitet das Papier auf den Knien aus und lässt es sich schmecken, sie sind wirklich nicht übel. Als er die zweite verzehrt, sieht er, daß jemand einen Namen und eine Adresse auf eine Ecke vom Papier notiert hat. "Jeder echte Reisende ist abergläubisch", hatte er in Mahlberg's Reisebericht über Südamerika gelesen, mit dem er sich über seine eigene kundig machen wollte. Viel Praktikables hatte er dem Buch nicht entnehmen können. Es sei denn, denkt Johann, daß sich der Wert von Mahlbergs Ratschlägen erst vor Ort erweist. "Jeder echte Reisende ist abergläubisch" - sollte heißen: Man weiß nie, wann eine auf ein Stück Papier gekritzelte Adresse einem nützlich sein kann.

Beim zweiten Mal ist der Zollbeamte in eine hitzige Diskussion mit einem Mann verwickelt, der sich anscheinend über irgendetwas beschwert. Sie wollen beide nicht nachgeben und fallen einander ständig ins Wort. Nach einer Weile merkt Johann, daß keiner von ihnen wirklich wütend ist, im Gegenteil, man kann ab und zu auf ihren Gesichtern ein angedeutetes Lächeln erkennen, als würde es ihnen Spaß machen, sich mit einem endlosen Hickhack die Zeit zu vertreiben.

In dem Raum ist es ziemlich stickig, der Ventilator an der Decke steht still. Johann wartet vor der Tür, die beiden streiten sich unermüdlich weiter. Dann kommt jemand, der auch ins Zollbüro will, er fragt Johann, ob er wartet. Er sagt ja. "Warum gehen Sie nicht rein?" "Wie Sie hören können, ist jemand drin." "Aber wenn Sie nicht reingehen, werden die heute nicht mehr fertig, Sie müssen sich schon bemerkbar machen." "Aha." "Sie sind noch nicht lange hier?" "Seit zwei Tagen." "Hier herrscht das Gesetz der Verdrängung, verstehen Sie, einer verdrängt den andern, und wenn man nicht aufpasst, wird man selbst verdrängt." "Ich verstehe, aber ich will mich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen." "Nun, dann werde ich das für Sie tun, Sie erlauben." Er geht an Johann vorbei, öffnet die Tür zum Büro und verschwindet darin. Dann hört man, wie er die beiden unterbricht und den Zollbeamten etwas fragt, der antwortet kurz und bündig, beinahe kleinlaut. Kurz darauf kommt der andere wieder heraus, er schenkt Johann keine Beachtung mehr. Der geht abermals hinein.

Sei es nun, daß sie durch die Störung den Faden verloren haben, oder daß der Zollbeamte durch den Mann von eben wieder an seine Dienstpflichten erinnert wurde, jedenfalls fertigt er den Streithahn kurzerhand ab, drückt einen großen Stempel auf ein Dokument, setzt sein Signum darunter und händigt es ihm aus. Der bedankt sich mit zufriedener Miene, als habe die Regelung seiner Angelegenheit keine drei Minuten gedauert.

Der Beamte kann sich sehr gut an Johann erinnern. "Senor Melzer, es gibt ein kleines Problem mit ihren Kisten." "Was für ein Problem?" Er nimmt sich vor, seinen Ton etwas zu verschärfen; der Beamte hat dafür ein feines Gehör. "Kommen Sie mal mit", sagt er. Sie gehen nach hinten in den eigentlichen Lagerraum, der über und über mit Frachtgut vollgestopft ist, wie es mit den Schiffen aus aller Herren Länder im Hafen von Buenos Aires ankommt. Johann kann seine Kisten nirgends entdecken.

"Dies hier", erläutert der Beamte, "ist natürlich nur einer von vielen Lagerräumen unserer Behörde, Sie können sich sicher vorstellen, daß bei uns jeden Tag so viel ankommt, wie allein hier hineinpasst. Unglücklicherweise ist eine andere Lagerhalle ... im Umbau, man kann sie vorübergehend nicht abschließen, was natürlich unbedingt nötig ist bei den Werten, die hier herumliegen ... schauen Sie bloß mal dort ..." "Senor", unterbricht ihn Johann, "was ist mit meinen Kisten?" "Das erkläre ich Ihnen ja gerade." "Nein, Sie haben mir erklärt, daß eine Ihrer Lagerhallen nicht genutzt werden kann." "Eben. Und daher ist es unumgänglich, daß wir hier noch zusätzlich Frachtgut unterbringen müssen, deswegen ist es momentan auch so voll. In den letzten zwei Tagen ist allerhand hinzugekommen, dadurch ist der Zugang zu Ihren Kisten vorübergehend versperrt, aber ich versichere Ihnen, Senor Melzer, sie sind alle noch da, und sobald die anderen Sachen abgeholt sind, kommen wir wieder heran."

"Wo stehen sie?" "Da drüben." "Was ist das für Zeug, das davor steht?" "Links das ist von einem Italiener, er hat ein Geschäft in Rosario, er holt seine Waren in spätestens zwei Tagen ab, Sie können sich darauf verlassen." "Und das auf der anderen Seite?" "Die Fässer? Ach, das ist nicht so wichtig, wenn die Sachen von dem Italiener weg sind, dann kommen wir an Ihre Kisten heran, da stören die Fässer gar nicht."

"In zwei Tagen, sagen Sie?" "Ja, zwei oder drei Tage." "Zwei oder drei?", fragt Johann scharf. "Na, ich sagte, in zwei Tagen. Sie sehen doch, was hier los ist." "Ich komme übermorgen wieder." "Gut. Das würde ich Ihnen auch empfehlen, denn wie Sie wissen, erhöhen sich die Lagergebühren mit jedem weiteren Tag um fünf Prozent." "Wie bitte?" "Nun, schauen Sie, Senor Melzer, wenn wir diese Bestimmung nicht hätten, dann würden einige Leute es ausnutzen, hier zu günstigen Konditionen ihre Waren unterzustellen, Sie verstehen, so sicher wie hier beim Zoll sind sie kaum irgendwo, in ganz Buenos Aires nicht."

"Soll das heißen, ich muss für die zwei Tage Lagergebühren bezahlen?" "Für vier Tage. Sie haben doch gewiss die Bestimmungen gelesen, sie stehen auf der Rückseite der Bescheinigung, die Ihnen bei ihrer Ankunft ausgehändigt wurde." Johann spürt, wie er wütend wird, der Beamte sagt "Gedulden Sie sich bis übermorgen, Senor Melzer, ich bin sicher, daß der Italiener pünktlich seine Sachen abholt", und es klingt so, als könne er, falls es Johann in den Sinn käme, sich zu beschweren, auch dafür sorgen, daß die Sachen des Italieners gar nicht so einfach hier herauszuschaffen sind, wie man sich das zuerst dachte.

An diesem Abend kommt der Mann mit den Teigtaschen nicht vorbei, und Johann schläft mit knurrendem Magen ein. Am nächsten Morgen sucht er ein Restaurant in der Nähe, frühstückt dort ausgiebig und läuft den Weg zum Hotel langsam zurück, um ihn sich für abends einzuprägen.

Dann geht er zum Bahnhof, um die Fahrkarte zu lösen und den Transport seines Gepäcks zu organisieren. Er denkt sich, wenn damit alles klar ist, könnte er den Zollbeamten eventuell unter Druck setzen, falls der die Herausgabe seiner Kisten weiter verzögern will.

Am Fahrkartenschalter verlangt er ein Billett nach San Gabriel. "Welches San Gabriel?", fragt der Mann freundlich, "San Gabriels gibt es mehrere. Wir haben eins im Norden, eins am Rio Parana, eins in Patagonien, eins auf der Strecke nach Santa Rosa, eins auch ganz in der Nähe." "Es hat eine Bahnstation", sagt Johann. "Senor, die San Gabriels, die ich meine, haben alle eine Bahnstation. Die, ich weiß nicht, wie vielen anderen, kommen für uns doch gar nicht in Betracht, oder?" "Ja, das ist richtig. Ich habe hier ein Photo, vielleicht können Sie besser als ich erkennen, um welches San Gabriel es sich handelt."

Der Bahnbeamte nimmt ohne ein Zeichen von Verwunderung darüber, daß der andere gar nicht genau weiß, wohin er will, das Photo und schaut es sich an. "Einen Moment, Senor", sagt er dann und geht damit ins Hinterzimmer, wo er zwei Kollegen zu Rate zieht. Es geht reihum und wird aufmerksam begutachtet, und offenbar weiß jeder von ihnen zweifelsfrei, welches San Gabriel darauf zu sehen ist, allerdings meint jeder ein anderes.

Der Bahnbeamte kommt zurück zum Schalter, er fragt Johann, ob er vielleicht noch ein anderes Photo habe. Er gibt ihm eins mit einem markanten Berg in einer Ebene, und diesmal ist sich einer der drei Männer absolut sicher. "Das ist der Cerro Blanco. Mein Bruder ist selbst schon dort gewesen. Das ist das San Gabriel am Rio Altanero." Er weiß es am besten, und die anderen geben ihm recht.

"Wann wollen Sie fahren?", fragt der Bahnbeamte, nachdem er Johann die Photos zurückgegeben hat. "Das kommt darauf an, wie ich mein Gepäck mitnehmen kann." "Wieviel Gepäck haben Sie?" "Acht Kisten." "Wie groß ist eine einzelne Kiste?" Johann nennt Breite und Höhe. "Das ist kein Problem. Allerdings werden die Kisten in einem separaten Güterzug transportiert, der nächste fährt morgen früh."

Johann erklärt ihm, wie es sich mit der Zollbehörde verhält. "Dann übermorgen früh, sechs Uhr dreißig. Sie können die Kisten morgen abend verladen lassen. Sie können dann selbst übermorgen zehn Uhr den Zug nach San Juan nehmen, dort übernachten und am nächsten Tag nach San Gabriel weiterfahren."

"Wie weit ist das von hier?" "Von Buenos Aires nach San Gabriel am Rio Altanero?" Hinter Johann hat sich eine Schlange gebildet. Der Bahnbeamte hat es eine Weile ignoriert, jetzt schaut er über Johanns Schulter hinweg, es scheinen ihm zu viele zu werden. Er ruft einen Kollegen, der seinen Platz übernimmt und sagt zu Johann "Kommen Sie mal herein, gehen Sie dort durch diese Tür."

In dem Büro hängt eine Karte von Argentinien an der Wand, auf der das Eisenbahnnetz des Landes eingezeichnet ist. "Hier ist Buenos Aires." Sein Finger geht über die ganze Breite der Karte hinweg bis fast an die westliche Grenze. "Und dort liegt San Gabriel, das sind etwa tausend Kilometer."

Johann versinkt in die Betrachtung der Karte. Schließlich sagt der Beamte. "Was wollen Sie denn mit Ihren Kisten in San Gabriel am Rio Altanero, wenn ich fragen darf?" "Ich bin Photograph, ich möchte dort ein photographisches Atelier eröffnen." "Das ist eine famose Idee", sagt der andere. "Allerdings könnten Sie das auch hier in Buenos Aires tun; Sie ersparen sich die lange Reise und Sie finden hier gewiss sogar eine bessere Räumlichkeit. Außerdem haben Sie in der Hauptstadt mehr Kunden. Ein Verwandter von mir ist Heiratsvermittler, der kann sich vor Interessenten kaum retten, und jeden Tag kommen mit so vielen Schiffen immer neue Männer an, von denen viele eine Frau zum Heiraten suchen. Überlegen Sie doch mal: die wollen alle ein Hochzeitsphoto haben."

"Ja, das klingt verlockend. Aber ich habe mich nun mal für diesen anderen Ort entschieden." "Sie haben recht, Senor, ein Mann sollte zu seinem Entschluss stehen. Lassen Sie sich nicht von einem alten Eisenbahnangestellten beschwatzen. Im übrigen können Sie ja jederzeit hierher zurückkehren. Dann werde ich Ihnen jetzt die Fahrkarte ausstellen. Den Frachtschein für das Gepäck erhalten Sie, wenn Sie es hier abgeben, ich reserviere schon den Wagen dafür."

"Muchas gracias. Können Sie mir eventuell auch einen Transport von der Zollbehörde zum Bahnhof vermitteln?" "Acht Kisten, sagten Sie?" Er überlegt kurz. "Ich schicke Ihnen einen Kutscher mit einem Gespann dorthin, um welche Uhrzeit?" "Um zwölf. Mein Name ist Johann Melzer." "Ihre persönlichen Angaben brauche ich jetzt sowieso für die Fahrkarte." "Ja, natürlich."

Abends hat das Restaurant, das er sich vorgemerkt hatte, geschlossen, an der Scheibe hängt ein Zettel, auf dem irgendetwas von einer Familienfeier steht, drinnen ist alles dunkel. Zum Glück findet er zwei Straßen weiter ein anderes, das ihm sogar besser gefällt, es ist geräumiger. Es ist ein langgestreckter Saal mit schlanken, marmorierten Säulen im vorderen Bereich, zwischen denen verschnörkelte Ringe mit erleuchteten Glaskugeln herabhängen.

Um runde Tische herum stehen einfache Caféhausstühle; wer es bequemer haben möchte, kann sich auf einem der Sofas zu beiden Seiten niederlassen, die mit tiefrotem Samt überzogen sind und über denen schmale Spiegel mit vergoldeten Rahmen an der Wand hängen. Halbhohe Paravents aus Streifen von hellen Palmblättern geben jeder dieser gemütlichen Nischen etwas Apartes, und das gedämpfte Licht der kleinen Tischlampen mit grünem Schirm lässt manchen Gast im Halbdunkel verschwinden.

Je weiter die Stunde vorrückt, umso munterer und turbulenter wird es draußen auf der Straße, und durch die großen Fensterscheiben, auf denen mit goldener Schrift der Name "Bonafide" steht, kann Johann auf den Strom der Passanten blicken.

Noch vor einer knappen Stunde, als er ins Restaurant gekommen war, saßen drei, vier Gäste an den Tischen, und ein Kellner machte gemächlich seine Runde. Jetzt bietet sich ein ganz anderes Bild. Das Lokal füllt sich, weiter hinten wird Licht gemacht, und der Kellner bedient längst nicht mehr als einziger die Gäste. Eine ganze Truppe mit weißen Hemden und roten Westen ist emsig in Bewegung.

Es wird warm und wärmer hier drin, und Johann hängt sein Jackett über den Stuhl. Von der Küche her durchziehen immer neue Wohlgerüche den Raum, und an der Bar neben der kleinen Tanzfläche sind bereits die meisten Hocker besetzt, und drei Barkeeper mit etwas ernster Miene servieren Cocktails in allen Farben.

Nach dem reichlichen Essen mit zwei Glas rotem Wein hat Johann einen Kaffee bestellt, dann überredet ihn der Kellner, noch einen anderen Wein zu probieren, der auch vorzüglich ist, und Johann hat ein weiteres Glas davon getrunken, als wie aus dem Nichts an seinem Tisch eine Dame auftaucht und sich an seine Seite setzt.

Sie legt eine Hand auf Johanns Unterarm und sagt "Wissen Sie eigentlich, Senor, warum Männer wie Sie immer allein an einem Tisch sitzen?" "Weil sie es genießen?", stellt er die Gegenfrage. Sie lacht, klopft auf seinen Arm und lehnt sich zurück, ihr Lachen klingt ein wenig geringschätzig.

Dann beugt sie sich wieder vor, und Johann überlegt, ob der mit Alkohol angereicherte Atem zwischen ihnen von ihr oder von ihm oder von beiden stammt. "Nein, mein Lieber", sagte sie und fasst seine Krawatte knapp unterm Knoten, "ich sage dir, warum: weil solche Männer keine Aura haben, deswegen ist so viel Platz um sie her." Sie lässt seine Krawatte wieder los und macht eine ausholende Geste. "Männer mit Aura scharen andere Männer um sich." "Und Frauen", ergänzt Johann.

"Und Frauen natürlich. Siehst du den dort, den Fetten mit der Glatze? Siehst du, wie viele Leute um den herumhocken wie um einen Wahrsager? Der hat Aura. Der hat jede Menge Aura." "Vielleicht ist er tatsächlich ein Wahrsager." Sie prustet heftig und schaut Johann ungläubig an. "Kennst du den nicht?" Er schüttelt den Kopf.

"Das ist Fernando Fox, ein Abgeordneter der Ultraliberalen." "Ah, ein Politiker, na gut, dann hat er auch etwas von einem Wahrsager, solange ihm die Leute glauben." Sie lachen, er fragt "Und warum sitzen Sie nicht auch da drüben, sondern bei mir und sagen mir so wenig schmeichelhafte Dinge?" "Ich habe dich schon eine Weile beobachtet", sagt sie und nimmt einen Schluck von seinem Wein.

"Ach ja, wirklich?", erwidert er unbeeindruckt, dann meint er "soll der Kellner noch ein zweites Glas bringen?" "Bis der mal hier vorbeikommt, bin ich längst verdurstet." "Dann trinken Sie weiter aus meinem." "Ja, danke. Ich heiße Carmen." "Johann. Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen." "Don Juan." "Ich fürchte, dafür fehlt mir die nötige Aura." "Ja", lacht sie, "und ich habe auch kein Messer dabei."

Sie blickt hinüber zu dem umlagerten Politiker, und Johann betrachtet sie. Sie ist jung und hübsch, sie hat schwarzes Haar, glatt nach hinten gekämmt und zu einem Knäuel gebunden, es glänzt im Lichtschein wie Tinte. Über ihrem rechten Ohr steckt eine weiße Blüte. "Warum starrst du mich so an?", sagt sie. "Nur so, weil du da bist." Er spürt, wie der Wein anfängt, ihm die Sinne zu verdrehen.

"Gefalle ich dir etwa nicht?", fragt sie, und da erst kommt er auf den Gedanken, sie könnte eine Prostituierte sein. "Nein, ja ... ich meine ... das ist eine dämliche Frage." "Ja, sie ist wirklich dämlich. Ich stelle sie auch nur, um zu erkennen, wie dämlich der ist, der auf sie anspringt." "Ah, dann ist das jetzt so etwas wie ein Intelligenztest?" "Ich habe mich auch schon mit Männern abgegeben, die weniger Grütze im Kopf hatten als du, bilde dir also nicht zuviel darauf ein." "Schade, ich hatte gerade damit angefangen." Sie lacht wieder, es scheint ihr zu gefallen, wie er mit ihren Grobheiten umgeht.

Auf einem Podest neben der Tanzfläche haben ein paar Musiker angefangen zu spielen und locken sogleich einige Paare an, die sich in dem schummerigen Licht dort hinten in sanften Bögen über das abgewetzte Parkett schwingen.

"Wollen wir tanzen?", fragt er Carmen, und sie sagt "Ja gern", aber indem sie sich erheben, kommt ein kleiner, älterer Herr mit einem Spitzbart und einer Brille mit sehr dicken Gläsern heran, blickt zwischen den beiden hindurch und ruft "Carmen, bist du hier? Oh, du Treulose! Du hast dich nicht an unsere Abmachung gehalten, schäm dich, Töchterchen."

Dann bemerkt er Johann. "Wer ist das?", fragt er. Carmen sagt "Das ist ein alter Freund von mir." "Ich heiße Johann Melzer, ich bin aus Deutschland." "Aus Deutschland? Ah, prekrasno! Ich heiße Jewgeni Schavelson, ich bin Russe, sehr erfreut." "Ganz meinerseits." "Du hast mir nie von deinem deutschen Freund erzählt." "Wir hatten uns aus den Augen verloren." "So, dann feiert ihr jetzt schönes Wiedersehen." Während er spricht, starrt er durch seine Brillengläser ins Leere, es sieht aus, als würde er alles hinter sich wahrnehmen.

"Er kennt Lenin", flüstert Carmen. "Wen?", fragt Johann. "Lenin, den Führer der russischen Bolschewiken." "Aha." "Was hast du gesagt?" "Ich habe gesagt, daß du Lenin kennst." "Ja, das stimmt, aber diese Bekanntschaft hat mir schon eine Menge Ärger eingebracht." "Nun übertreibe nicht, Jewgeni. Ohne deine Bolschewiken wärst du niemals bis nach Buenos Aires gekommen."

"Das war auch gar nicht meine Absicht." "Manche behaupten, Jewgeni arbeitet hier für die Kommunistische Internationale", sagt Carmen, als habe er ihnen den Rücken zugekehrt. Aber er blickt immer zwischen ihnen hindurch. "Was hast du gesagt?", fragt Jewgeni; er scheint auch schlecht zu hören. "Hüte deine Zunge, mein Töchterchen, und außerdem bist du mir noch eine Erklärung schuldig." Sie prustet wieder wie vorhin und lacht ihn aus.

Da kommt ein junger blonder Mann und sagt "Jewgeni Andrejewitsch, Sie sind uns noch eine Erklärung schuldig!" Carmen lacht von neuem. "Ist das dein neuer Geliebter?" Der Blonde schaut sie entgeistert an; Jewgeni spricht geradeaus gegen Johanns Brust. "Was habe ich?" Der Blonde sagt etwas vorsichtiger "Jewgeni Andrejewitsch, Sie haben uns noch nicht verraten, weshalb die Bauern sich niemals auf die Sozialdemokraten verlassen dürfen."

Jewgeni hebt den Zeigefinger wie ein kleiner Oberlehrer. "Sie dürfen schon, aber sie sollten nicht. Ah, frag' doch den Senor hier, er ist aus Deutschland, frag' ihn, wie sich die Sozialdemokraten verhalten, wenn es drauf ankommt. Nicht wahr, Senor ..." "Melzer, Johann Melzer." "Senor Melzer, was haben die deutschen Sozialdemokraten getan, um den Krieg zu verhindern?" Der Blonde schaut Johann an, der sagt "Es tut mir leid, aber ich bin vollkommen unpolitisch, ich bin Photograph."

"Photograph?", sagt der Blonde voll Bewunderung, "Was photographieren Sie?" "Alles, was gewünscht wird." "Könnten Sie ein Photo von mir machen?" Es verwirrt Johann. "Ja, warum nicht, allerdings bin ich nicht mehr lange hier und muss noch einige Dinge erledigen." "Dann machen wir es gleich." "Was?" Johann schaut sich um, im Bonafide ist es jetzt wie in einem Hexenkessel. "Wie stellen Sie sich das vor, ich habe gar keine Kamera dabei."

"Worum geht es denn?", fragt Jewgeni dazwischen. "Er klärt ihn über die Sozialdemokratie auf", sagt Carmen und zwirbelt Jewgenis Haare zwischen den Fingern. "Ach, verlorene Mühe", winkt er ab, "die Sozialdemokratie ist für das Proletariat, was die Babylonische Gefangenschaft für die Juden war: man kann damit leben, aber man kann sich nicht davon befreien."

"Ich wollte gerade mit der Senora tanzen", erklärt Johann, aber der andere lässt nicht locker. Er wohne hier ganz in der Nähe. "Jewgeni Andrejewitsch, dürfen wir für eine Stunde Ihr Auto nehmen?" "Sie fahren Auto?", fragt Johann den Russen. Der sagt irgendwas.

Johann hat eine Kamera im Handgepäck, das Hotel ist gleich um die Ecke. Er sieht Carmen an, sie lacht. "Na los doch, in einer Stunde sind wir wieder hier." "Du kommst mit?" "Wir kommen alle mit." Sie hakt Jewgeni unterm Arm ein, und der Blonde verschwindet für einen Moment.

Zwei Minuten später steigen sie in Jewgenis Auto. Am Steuer sitzt ein anderer junger Mann, im Schein der Straßenlaternen kann man sein hübsches Gesicht erkennen. "Hola Carmen, que tal?", sagt er. "Hola José, esta bien." Der Blonde setzt sich auf den Beifahrersitz, Jewgeni klemmt sich hinten zwischen Carmen und Johann. "Ist das mein Wagen?", fragt er.

Johann wird es unterwegs übel. Im Hotel beugt er sich über das Klosettbecken, Carmen und der Blonde stehen hinter ihm. "Welches Zimmer ist es?", fragt sie. "Das mit der blauen Tür", röchelt er. Sie holen seine Kamera. "Das Stativ und das kleine Blitzlicht auch", ruft er. Es geht ihm wieder besser, und dann fahren sie weiter.

Sie halten in einer Seitenstraße, der Blonde stürmt vorneweg und zieht Johann mit sich. José muss die ganze Ausrüstung schleppen, aber das Zeug gefällt ihm. Carmen hat Jewgeni am Arm. Sie durchqueren drei Hinterhöfe und biegen nach links in einen Gang ein, den fahles Licht beleuchtet. "Das hier kenne ich", meint Jewgeni, während er starr vor sich hinglotzt wie ein nachtblindes Tier.

Sie steigen eine Treppe hinauf bis in den dritten Stock. José kommt keuchend oben an. "Wohin jetzt damit?" Carmen tätschelt ihm die Wange. Eine Wohnungstür steht offen, Stimmen und Musik dringen heraus, dann erscheint eine dralle Frau im Unterkleid, sie spricht Jewgeni an. "Wer ist das?", fragt er Carmen; die Frau langt hinab und kneift ihn in den Hintern, daß er meckert wie eine Ziege.

Der Blonde führt alle in ein Zimmer, wo über eine ganze Wandbreite eine bemalte Leinwand hängt wie die Kulisse in einer Oper; sie zeigt eine Landschaft, wie sie Johann von den Photos her kennt, hügelig und steinig, mit kargem Bewuchs und mit einem Tal, das zu schneebedeckten Bergen hin führt.

"Ist das nicht prächtig?", sagt Carmen. "Wir brauchen mehr Licht." "Mehr Licht!", ruft Jewgeni theatralisch, und José muss lachen. Der Blonde schaltet alle Lampen an und sagt "Ich ziehe mich um, ich bin gleich wieder da." Die Frau im Unterrock kommt herein, mit zwei Gaslampen in Händen, Johann nimmt sie ihr ab und platziert sie günstig. Sie geht, Jewgeni ruft "Senora, un momento, por favor", und folgt ihr.

Drei Kinder, zwei Mädchen und ein kleiner Junge tauchen auf und schauen neugierig zu. Indem es heller wird, kommen die Farben auf der Leinwand erst richtig zur Wirkung, es ist eine Landschaft unter sommerlicher Hitze, und der Schnee auf den Gipfeln leuchtet gegen das Blau des Himmels an. Johann ist sprachlos, er steht wie in Andacht vor einem Heiligenbild.

José und Carmen fummeln hinten herum, und als sie sieht, wie ergriffen Johann ist, gebietet sie José Einhalt; die Kinder wundern sich. Plötzlich erscheint von der Seite ein General auf der Szene, und alle treten überrascht einen Schritt zurück.

Es ist der General José de San Martin, er trägt eine dunkelblaue Uniform mit riesigen Epeauletten, die büschelartig über seine Schultern wallen; mit goldenen Knöpfen und einem breiten weißen Gürtel, auf dessen Schloss der goldene flammende Granatapfel prangt. Er trägt einen grazilen Säbel an der Seite, und quer über die Brust und um den Bauch ist eine hellblaue Schärpe gebunden, deren Enden mit langen Quasten herabhängen.

Es ist nicht San Martin, denn der ist seit über sechzig Jahren tot; es ist der Blonde in seiner Gestalt, und er ist sehr darauf bedacht, seinen Auftritt auszukosten, ohne zu übertreiben, was ihm sichtlich schwer fällt. Er möchte kraftvoll, fest entschlossen und bescheiden zugleich erscheinen, aber obwohl ihm die Uniform wie angegossen passt, stolziert er darin umher wie ein verängstigter Hahn, dem sein Vorrang auf dem Hof verlustig ging.

Carmen muss grinsen, und José fährt unbeeindruckt fort, sie zu befummeln. Johann lässt sich nichts anmerken und gibt dem General ein paar routinierte Hinweise, wie er sich hinstellen soll, aber der Jüngling macht nur süßliche Gesten daraus.

Ein schlecht rasierter Mann, der nach Knoblauch riecht, schaut anscheinend nach den Kindern. Dann tritt er an Johann heran und flüstert "Da auf dem Gemälde, das ist der Ort, wo General San Martin gerastet hat, als er über die Anden zog." "Warum?" "Bitte?" "Warum ist er über die Anden gezogen?" "Es war Krieg", erklärt der andere und fügt mit einem Fingerzeig auf den Jüngling bedeutsam hinzu "Dies ist eine von den drei originalen Uniformen des Generals, die noch existieren." "Tatsächlich?" "Ja. Eine ist in Frankreich, die letzte, die er getragen hat, weil er dort gestorben ist; eine hat der argentinische Staat in der Schatzkammer; und diese hier hat Emilio."

Johann macht eine weitere Aufnahme und fragt ebenso leise "Wie ist er dazu gekommen?" "Familienbesitz", deutet der andere an. "Aha." Es wird wohl einen Grund dafür geben, denkt Johann, daß er damit nicht zu irgendeinem Photographen geht.

Man hört José hinten stöhnen und Carmen lachen. Johann wendet sich um und sagt zornig "Also bitte, könnt ihr nicht einen Moment still sein!" Sie hören auf, die Kinder drehen ihre Köpfe wieder nach vorn, Emilio sagt "Eins noch. Es ist ungeheuer warm in dieser Uniform." Tatsächlich läuft ihm der Schweiß über die Stirn, und sein rechtes Bein zittert.

Eine der Gaslampen verlöscht mit einem Zischen; Jewgeni kommt wieder und ruft "Wo steckt ihr denn nur, ich suche euch überall." Der Mann, der so genau Bescheid wusste, scheucht die Kinder vor sich her aus dem Zimmer; Johann packt die Photoplatten ein. "Ich schicke Ihnen die Photos hierher", sagt er freundlich zu Emilio, der sich ganz erschöpft auf einem Stuhl niedergelassen hat. "Ja, ist gut, ich danke Ihnen, gracias Senor ... ich weiß noch nicht Ihren Namen?" "Juan Melzer." Es war mir eine Ehre, Herr General, will er hinzusetzen, aber da bemerkt er, daß dem Jüngling vor Anstrengung die Tränen in den Augen stehen. Er schaut zu Johann hoch und sagt "Vielleicht ging doch alles ein bisschen zu schnell."

Der Abend ist noch lange nicht vorbei, und es scheint sich zu bewahrheiten, was Carmen sagte: daß die Nacht in Buenos Aires doppelt so lang sei wie der Tag. Im Bonafide geht es immer noch hoch her, alle Tische sind besetzt, auf den roten Sofas in den Nischen ist kein Plätzchen mehr frei, und die Kellner laufen hin und her wie Briefträger mit Eilpost.

Johann glaubt, Fernando Fox, den Abgeordneten wiederzuerkennen, umringt von Leuten, die in seiner Aura schwelgen. Gleich daneben haben sich welche gefunden, die ebenfalls über Politik diskutieren, eingehüllt in Tabaksqualm und Weinbukett. Einer ereifert sich über die hohen Exportzölle, die ein "Dolchstoß" für die Konjunktur des Landes seien, gerade jetzt, da Europa sich im Krieg aufreibt, spätestens aber in ein, zwei Jahren, wenn die Nationen dort am Boden liegen, hätte man einen ganzen Kontinent als Absatzmarkt.

"Sehen denn das unsere Herren Präsidenten nicht?", wettert er, "wie können sie so töricht sein und den Exportzoll auf über dreißig Prozent erhöhen! Wenn die Bauern weniger Gewinn haben, werden sie weniger investieren, zumal wenn sie wissen, daß die nächste Ernte wieder ein Verlustgeschäft wird, da fehlt jeder Anreiz, und der Bauer macht, was er immer macht, wenn die Zeiten schlecht sind: er bleibt daheim und guckt aus dem Fenster."

Hinten bei der Tanzfläche ist es etwas beschaulicher, weil auf dem Podest jetzt ein beleibter Herr im feinen Anzug und mit leicht brüchiger Stimme Tangos zum besten gibt, zwei andere begleiten auf Gitarre und Bandoneon seinen Gesang. Die Leute sind hingerissen, und jedesmal nach einem Lied braust der Beifall auf. Aber der Sänger hat anscheinend keine Augen für sein Publikum, sein Blick ist nach innen gerichtet, zurück auf die vergangenen Zeiten, auf die immer unheilvollen Affären, von denen seine Lieder - eines wie das andere - handeln, und Johann wird beim Zuhören rasch klar, daß seine Stimme eben deshalb Gefahr läuft zu brechen, weil das gleiche mit seinem Herzen geschah. Er kann nicht glauben, daß all das diesem Mann widerfahren ist, der aussieht, als würde er zuviel Bier trinken und seinen Lebensunterhalt aus den mageren Gewinnen von Pferdewetten bestreiten.

So plötzlich, wie Johann Carmen und die anderen getroffen hatte, so unversehens waren sie auch alle wieder in der Menge verschwunden. Aber dann hält ihm von hinten jemand die Augen zu, und er erkennt, obwohl er sie bis dahin noch nicht berührt hat, sofort Carmens Hände, sie sind weich und warm, sanft und ein Spur zu trocken, und er fasst sie, streicht damit über sein Gesicht und küsst sie. "Wo bist du gewesen?", fragt er, ohne sich umzudrehen. Er spürt, wie sie ihren Kopf an seinen Rücken lehnt und wie behaglich es ihm zumute ist, als sie sagt "Wollen wir jetzt tanzen?" "Ja gern."

Auf dem Podest hatte die Kapelle vom frühen Abend den Sänger abgelöst, und eine Weile, so scheint es, sind die Paare noch befangen von den schmerzlichen Strophen, die eben verklungen waren, aber nach und nach kehren die Ausgelassenheit und jenes unstillbare Verlangen zurück, das auch den unglücklichsten unter den Liebenden immer wieder ins nächste Abenteuer treibt.

Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist Carmen nicht da, aber ihre Sachen liegen auf dem Boden. Gleich darauf kommt sie mit einem kleinen Tablett in Händen, auf dem zwei Tassen und ein Teller mit Gebäck stehen. Sie ist barfuß und hat Johanns Jackett über dem rosa Unterrock an. "Ich habe die Wirtin überredet, daß sie uns Kaffee kocht. Ich habe ihr etwas Geld gegeben, ist das in Ordnung?" "Ja natürlich", sagt er und versteht, daß sie es aus seiner Brieftasche genommen hat.

Der Kaffee duftet himmlisch, das Gebäck ist ganz frisch. Es ist mit dieser süßen, cremigen Masse gefüllt, die man dulce de leche nennt, einer karamellfarbenen Mischung aus Marmelade und Milch, deren Zubereitung etwas Fingerspitzengefühl verlangt. Sie lassen es sich schmecken. Durch das winzige Fenster kann man sehen, wie die Sonne über der Stadt aufgeht, und in den Straßenschluchten die Schatten ganz langsam hinabkriechen, bis sich die letzten dunklen Flecken am Boden auflösen.

"Ich muss um zwölf am Lagerhaus sein", sagt er. "Ich weiß, du hast es mir gestern Nacht oft genug gesagt." Er lacht. "Damit ich es nicht verschlafe." "Wir haben es nicht verschlafen." "Nein, und ich fühle mich großartig." "Ich fühle mich auch großartig. Und bis um zwölf haben wir noch jede Menge Zeit." "Vielleicht macht die Wirtin nachher noch einen Kaffee für uns?" "Mal sehen", meint Carmen, streift sein Jackett ab, stellt das Tablett mit dem Geschirr auf den Boden und streckt sich auf dem Bett aus. Johann beugt sich über sie, und in dem Sonnenstrahl, der gerade eben die Fensteröffnung getroffen hat, tanzen die Staubkörnchen.

Es war schon angenehm warm am Mittag, obwohl nach dem Kalender noch Winter war. Der Kutscher, der Johanns Kisten zum Bahnhof schaffen sollte, kam erst kurz nach eins, aber der Italiener hatte schon am Vormittag angefangen, seine Sachen zu verladen, dann war allerdings die Achse an seinem Wagen gebrochen, und es dauerte fast drei Stunden, bis er einen Ersatz gefunden hatte.

Johann wäre zwar an seine Kisten herangekommen, aber vor dem Tor hatte nur ein Gespann Platz, genauer gesagt: der Zollbeamte erlaubte dort nur ein Fahrzeug, angeblich der Sicherheit wegen oder zur besseren Übersicht, genau hatte es Johann nicht verstanden. Auf alle Fälle musste er für diesen Tag keine Gebühr bezahlen, wie lange es auch dauern würde, bis seine Kisten freikommen.

Aber als es auf zwei Uhr zugeht und er immer noch warten muss, wird er langsam unruhig, immerhin ist es bis zum Bahnhof ein gutes Stück Weg. Zudem fängt der Kutscher zu murren an, weil er - zumindest behauptet er das - die Zeit bereits für eine andere Fahrt verplant hat. Johann sagt, er wird für den Ausfall aufkommen, er wundert sich dann, mit wie wenig mehr der Kutscher zufrieden ist.

Kurz vor vier geht die Fuhre dann endlich ab, und glücklicherweise kennt sich der Mann in der Stadt bestens aus, so daß sie unterwegs nur einmal halten müssen, um den Pferden Wasser zu geben. Um sechs sind sie am Bahnsteig zum Verladen, und es ist acht Uhr vorbei, als Johann sich auf den Weg zurück zum Hotel macht. Einer der Arbeiter, der ebenfalls Feierabend hat, bringt ihn über etliche Gleise hinweg und Bahnsteige entlang sicher bis auf die Straße.

Die Senora sei dagewesen, sagt die Wirtin unfreundlich wie immer; Johann ist überzeugt, daß sie ihn vom ersten Augenblick an nicht leiden konnte. Carmen hat einen Zettel unter der Tür durchgeschoben. "Konnte nicht länger warten. Bin vielleicht abends im Bonafide, C." Er schaut auf seine Taschenuhr, es ist Viertel vor zehn. Er setzt sich aufs Bett, zieht die Schuhe aus und gähnt.

Er denkt an Carmens schlanke Hände, an ihr schwarzes Haar, an ihren Mund mit den weichen Lippen. Er kippt zur Seite und legt die Beine hoch. Er denkt an ihre Schultern, ihre Hüften, ihre Schenkel, die Augen fallen ihm zu. Er küsst ihren Hals, er leckt an ihrem Ohr, seine Finger gleiten über ihre Brust und über den Nabel hinweg abwärts. Er setzt sich auf die Bettkante. Er beugt sich hinab und angelt seine Schuhe, er ist so müde, daß er den linken nicht mehr vom rechten unterscheiden kann. Er will sich erheben, aber er schwankt und fällt zurück aufs Bett, er denkt: Wer macht das Licht aus?, und schläft ein.

Im nächsten Moment fährt er hoch, von außen wird die Zimmertür aufgeschlossen. Er springt auf, und die Frage, weshalb er den Schlüssel nicht von innen ins Schloss gesteckt habe, beschäftigt ihn so sehr, daß er nicht gleich mitbekommt, wer in der Tür steht. Die Wirtin hat sie geöffnet, und sie sagt "Bitte sehr, Senora, hier ist es. Sie können ganz beruhigt sein, niemand wird sie hören."

Johann erblickt eine Frau im schwarzen Kleid, mit breitem Hut und dünnen Handschuhen, sie sagt "Ach, Johann! Auf dieses Niveau bist du also herabgesunken!" "Christiane! Was machst du hier?" "Ich habe mit dir etwas zu klären." "Wo ist Annemarie?" "Es geht ihr gut." Das klingt beinahe so, als wollte sie hinzufügen: seit du weg bist! "Komm' doch herein", sagt er, sie lacht schrill auf. "Ha! In diese Bude setze ich keinen Fuß!" Er schaut nach der Wirtin, aber sie ist weg. Hat sie ihn verraten? Christiane steckt die Nase ins Zimmer. "Es stinkt nach Hurenparfüm bei dir." "Unsinn."

Mit einer Stimme wie ein Inquisitor fragt sie "Hast du mit ihr geschlafen? Ja oder nein?" Er sagt "Ja." "Wie oft?" "Mehrmals." "Bereust du es?" Er antwortet nicht. "Ich frage dich wieder: bereust du es?" Schweiß tritt auf seine Stirn, sein Herz pocht wild, seine Beine zittern, er antwortet nicht. Sie öffnet ganz ruhig ihre Handtasche und holt einen Revolver heraus, sie richtet ihn auf seine Brust. Sie spannt den Hahn, Johann sieht, wie die messingglänzende Patrone hinter den Lauf rückt.

"Ich frage dich zum dritten Mal: bereust du es? Antworte!" Er will etwas sagen, aber es geht nicht, er bringt nur ein merkwürdiges, schmerzvolles Krächzen hervor, wie einer, bei dem sich der Strick um den Hals zusammenzieht. Er muss husten, er schlägt mit dem Hinterkopf aufs Bettgestell. Er ist wach und schnappt nach Luft, das kleine Licht brennt, er kriecht zur Tür und fühlt den Schlüssel, der im Schloss steckt.

Als es wieder gegen die Tür hämmert, ist es schon hell. "Juan, mach' auf!", ruft es von draußen. Er öffnet, es sind Carmen und José. "Ich denke, dein Zug geht um zehn." "Ja." Er kramt nach seiner Taschenuhr. "Dann solltest du dich auf die Socken machen." Es ist halb neun; nach dem Alptraum hatte er fest geschlafen. "Danke, daß ihr mich geweckt habt", er bringt seinen Anzug in Ordnung, "ihr wisst ja gar nicht, wie froh ich bin, euch zu sehen." "Ich dachte gestern, du kommst ins Bonafide", sagt Carmen. "Ja, ich wollte, aber dann hat mich die Müdigkeit besiegt." "Nicht so schlimm." "Nein", sagt er, und sie lächeln sich beide nochmal an. "Wir fahren dich zum Bahnhof." "Großartig, es muy amable de su parte."

Die Waggons erster Klasse sind innen mit hellem, polierten Holz verkleidet, die Metallbeschläge glänzen golden, die Sitze sind gepolstert und mit blauem Stoff überzogen, und die Fenster haben geblümte Vorhänge. Die Gepäcknetze bieten viel Platz, und am Dach sorgen kleine Ventilatoren für frische Luft.

In den Wagen fürs einfache Volk stehen Holzbänke mit Lehnen, nicht bequem, aber stabil. Das Gepäck, oder besser gesagt, die Sachen, welche die Leute bei sich haben, sind bis in den letzten kleinsten Winkel verstaut, sind untergeschoben, gestapelt, festgebunden, aufgehängt oder werden auf sonst eine Weise gehalten, und nur der Gang darf nicht verstellt werden, damit der Schaffner ungehindert hindurchkommt. Dennoch hat er immer wieder jemanden zurechtzuweisen, dessen Bagage zu weit auf den Steg gerutscht ist. Da gibt es Kisten und Körbe, Säcke und Bündel, es gibt Gerätschaften aller Art, Schaufeln, Äxte, Feldhacken - manches Wanderarbeiters ganze Habe und ganzer Stolz; Küchenstühle und Pferdesättel sind darunter, Kissen, Decken, Tiegel, Töpfe, Kannen, Krüge mit Öl und Gläser mit Marmelade. Bunte Vögel in Käfigen, junge Hunde in Taschen, Hühner in Pappkartons. Die Leute reden, schlafen, essen und trinken, die Kinder spielen so gut es in der Enge geht, und irgendwo dazwischen stillt eine Mutter ihr Baby.

Bei Johann in dem halboffenen Abteil sitzen ein Arzt, eine Nonne in weiß- und taubenblauer Ordenstracht, eine junge Familie mit zwei sehr ordentlichen und artigen Kindern, ein älteres Ehepaar, beide mit viel Schmuck, aber von bäuerischer Art, sodann ein dünner Mann mit Brille, der ab und zu etwas in ein Notizbuch schreibt, und eine Frau mit großem Busen, die ständig einschläft und dann mit offenem Mund schnarcht, aber niemand nimmt daran Anstoß.

Der Uniformierte auf dem Bahnsteig hatte auf seiner Trillerpfeife gepfiffen und die Kelle gehoben, die Lokomotive hatte das Signal erwidert, und mit einem leichten Ruck war der Zug angefahren, aus der Bahnhofshalle hinaus ins Licht des sonnigen Vormittags. Fast eine Stunde lang war die Fahrt durch das Häusermeer von Buenos Aires gegangen, dann durch die Vorstadt und die Randsiedlungen bis hinaus zu den Ortschaften, die dabei waren, immer dichter an die Metropole heranzurücken und eher früher als später von ihr einverleibt zu werden.

Dann weitete sich die Landschaft zu einer endlosen Ebene, in der ab und zu ein Pappelwäldchen, ein paar Häuser neben Weiden, eine schwarze Rinderherde auftauchten, oder ein träger Fluss silbern glänzte, an dem man nicht erkennen konnte, in welche Richtung er fließt. Neben dem Bahndamm sauste alles in Windeseile vorbei, aber je weiter man in die Ferne zum Horizont blickte, um so mehr schien es, als würde man auf der Stelle verharren.

Das Ehepaar redet von nichts anderm, als davon, was in der Stadt in welchem Laden wie teuer oder in einem andern um wieviel billiger gewesen war. Die Frau holt alle halbe Stunde aus dem Koffer putzige Kleinigkeiten hervor, die ihr Zuhause verschönern würden: ein Kerzenhalter aus bunt bemaltem Blech zum an die Wand hängen, aus Porzellan ein Walfisch auf einer Woge, ein Salatbesteck aus Schildpatt.

Der Mann hat große Ringe an seinen dicken Fingern, und als er sich den Walfisch betrachtet, fällt er ihm herunter, glücklicherweise auf seine breiten Schenkel. "Wie gut, daß es kein Frosch ist", sagt der Arzt, "der wäre gleich weggehüpft", und die Nonne muss schmunzeln, aber die beiden schauen ihn verständnislos an.

Mit dem Arzt, der Doktor Vicente heißt, kommt Johann ins Gespräch. Er stammt aus einem kleinen Ort in der Provinz La Rioja, und er ist ihm so verbunden geblieben, daß er einmal im Jahr dorthin fährt, um alle, die es nötig haben, unentgeltlich zu behandeln. Zwar gebe es dort einen Arzt, der sich um die Kranken kümmert, der jedoch nur über grundlegende Kenntnisse und eine hinreichende Erfahrung verfüge, während Doktor Vicente in Buenos Aires studiert hat und überdies ein Spezialist für Kinderheilkunde ist. Er erzählt Johann eine Reihe teils amüsanter, teils ziemlich trauriger Geschichten, und er meint dann, er, Johann, habe gut daran getan, nach San Gabriel am Rio Altanero zu gehen, wo die Verhältnisse, soweit er wisse, für einen Europäer angenehmer seien als in vielen anderen Provinzen des Landes.

In einer ihrer Wachphasen stellt die Frau mit dem dicken Busen den anderen ihre offenbar zahlreiche Familie vor, von der eine Tochter in Los Telares lebt, die zu besuchen sie eben jetzt unterwegs sei. Dann macht sie wieder ein Nickerchen. Ein andermal fragt sie den jungen Mann "Was schreiben Sie da eigentlich auf?" Er sagt "Statistische Berechnungen." "Aha." Sie ist sichtlich unzufrieden mit dieser dürftigen Auskunft und meint "Können Sie einer einfachen Frau wie mir auch erklären, was das bedeutet?"

Er versucht es, aber er gehört zu der Sorte von Experten, die sich nur den Leuten ihres eigenen Fachs richtig verständlich machen können. "Das ist", springt der Doktor ein, "wenn Sie zum Beispiel zählen, an wie vielen Dörfern mit mehr als drei Häusern wir während einer Stunde Fahrt vorbeikommen. Das schreibt man dann auf und wenn Sie das - sagen wir zehn Stunden lang - tun, dann können Sie daraus eine statistische Berechnung über die Bevölkerungsdichte machen, ist das korrekt so?"

Der junge Mann schaut ihn an und wackelt mit dem Stift zwischen den Fingern, dann lacht er bloß wie über einen Witz, den er nicht verstanden hat. Die vollbusige Frau zeigt sogar ein bisschen Scharfsinn, als sie fragt "Warum müssen es mehr als drei Häuser sein?" "Das war doch bloß ein Beispiel", sagt der Doktor, und der junge Mann wirft ihm einen Blick zu, der bedeutet: Da sehen Sie, wohin man mit unbegründeten Annahmen gerät.

Aber der Familienvater, der bis dahin geschwiegen hat, meint "Bei mehr als drei Häusern ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß die Leute nicht schon alle miteinander verwandt sind und daß in nächster Zeit weitere Häuser hinzukommen." "Machen Sie auch solche Berechnungen?", will die Frau wissen. "Nein, ich bin Immobilienmakler."

Daraufhin fragt ihn Johann, was denn so der Quadratmeter Grund und Boden im Westen momentan kosten würde. Der andere erwidert "Senor, wir sind hier in Argentinien, da wird nichts unter einem Hektar gehandelt, und da müssen Sie Glück haben, einen zu finden, der sich solcher Fleckchen annimmt. Wenn Sie es zu etwas bringen wollen, dann sollten Sie zuerst viel Land kaufen, ganz egal, was dann damit geschieht, es gehört jedenfalls Ihnen. Ansonsten murksen Sie so vor sich hin, und es wird doch nichts Gescheites daraus. Cervantes hat nicht umsonst seinem Helden den Beinamen 'de la mancha' gegeben."

Es entbrennt eine Debatte über die Preisentwicklung beim Kauf und Verkauf von Land, an der sich auch der Mann mit den Fingerringen beteiligt, der davon offenbar eine Menge besitzt. Als der Makler sagt "Wer Land hat, der steht am Anfang einer Kette von Unternehmungen, die daraus entstehen. Davon wird er langfristig immer profitieren, es ist wie eine Art umgekehrter Quelle, die in den Boden zurückfließt", da sagt der andere "Ich weiß nicht genau, was Sie damit meinen, aber ich will Ihnen was sagen: ich habe vor fünfundzwanzig Jahren Land gekauft, unten in Chubut, dann drüben im Westen, und später am Rio Parana. Seitdem bin ich mit jedem Jahr vermögender geworden, und heute bin ich so reich, daß es mich gar nicht mehr interessiert, wieviel Geld ich habe." Das war das längste, das Johann ihn auf dieser Fahrt sagen hörte, und er sieht, daß seine Hände mit den breiten Ringen an den Fingern dabei ein wenig zittern.

Zwei Stunden lang durchqueren sie ein Regengebiet unter tiefliegenden Wolken hinweg, aus denen es in Strömen gießt. Dann heitert es sich auf, sie fahren durch eine lange Kurve, und man kann die Lokomotive sehen. Sie machen Halt an einer kleinen Station, um Wasser nachzufüllen und sich die Beine zu vertreten; der Schaffner weist die Passagiere darauf hin, sich nicht zu weit zu entfernen. Es gibt ein paar Händler, die Getränke und einfache Speisen anbieten. Nach einer halben Stunde geht es weiter; über die Hälfte der Strecke bis San Juan liegt hinter ihnen.

"Was willst du tun, wenn du gefunden hast, was du suchst?", hatte Carmen ihn gefragt, nachdem sie die Photographien angeschaut und er ihr erklärt hatte, weshalb er unbedingt zu diesem Ort gelangen müsse. Und da er nicht gleich antwortete, sondern stumm vor sich hinblickte, meinte sie "Du hast deiner Frau gar nicht den wahren Grund genannt, stimmt's?" "Nein", sagte er, "wie hätte ich das tun können." Dann fügte er schnell hinzu "Unsere Beziehung ist nicht mehr dieselbe wie früher."

"Keine Beziehung bleibt so, wie sie am Anfang ist." "Ja, aber ich habe immer mehr das Gefühl, meine Ehe mit Christiane war von Anfang an anders als ich es mir eingebildet habe, sie war vom ersten Moment an eine Lüge und eine Täuschung, und ich frage mich, was sie jetzt noch wert ist, wo sie die ganze Zeit über nur immer erbärmlicher geworden ist."

"Soll ich dir sagen, was ich davon halte?", hatte Carmen gefragt. "Ja, sag es mir." "Mir kommt es vor, als suchtest du nach einer Rechtfertigung für das, was du jetzt tust, und du redest dir ein, du wärst das Opfer, und deine Frau wäre die Schuldige. Aber was ist, wenn du die treibende böse Kraft bist, wenn in Wahrheit du alles kaputtmachst, Leid über die andern bringst und deine Familie zerstörst."

Er lachte laut auf. "Warum lachst du?" "Ist das nicht witzig? Ich habe ein einziges Mal Ehebruch begangen, und zwar gestern Nacht mit dir! Und nun bist ausgerechnet du es, die mich anklagt. Was bist du? Die Verführung und die Rache in einer Person?" Sie blieb ruhig. "Ich klage dich nicht an. Was geschehen soll, geschieht, es liegt nicht in unserer Hand. Vielleicht hätte ich mich nicht mit dir abgegeben, wenn ich die ganze Geschichte gekannt hätte, aber davon wusste ich nichts - du jedoch sehr wohl. Hast du es nicht gerade deshalb getan? Um deine neue Freiheit zu genießen?" "Vielleicht, ja."

"Mich geht es nichts an, mein Lieber, mich betrifft das nicht, für mich bist du nur ein Mann, mit dem ich ein paar angenehme Stunden des Lebens verbracht habe. Aber für dich war es womöglich ein verhängnisvoller Schritt, und vielleicht hast du dir insgeheim schon lange gewünscht, ihn zu tun. Aber dann wäre es besser gewesen, du hättest es daheim getan, denn hier, mein Lieber, bist du allein, hier ist niemand, der dir verzeihen, niemand, der dir vergeben könnte, und schon gar niemand, der aus Nächstenliebe deine Schuld auf sich lädt; und es ist immer schwerer, mit einer Schuld zu leben, als mit einer Strafe."

So hatte Carmen gesprochen, und ihre Worte hatten ihn tief getroffen. Das muss wohl auch die Ursache für jenen Alptraum gewesen sein, denkt Johann, während er aus dem Zugfenster schaut. Ja, das wäre eine Erklärung dafür.

San Juan ist ein Knotenpunkt, von dem aus vier Eisenbahnlinien nach den Himmelsrichtungen abgehen. Es verdankt seine ganze Bedeutung diesem Bahnhof und den großen Obstplantagen mit einigen Fabriken für die Verarbeitung für Trockenobst, die ebenfalls von der günstigen Verkehrslage profitieren.

Der Bürgermeister des Städtchens ist unermüdlich damit beschäftigt, weitere Industrieunternehmen zu überreden, sich hier anzusiedeln, aber wer will schon dreihundert Kilometer von der nächstgrößeren Stadt entfernt ein Werk aufbauen? Große Hoffnung setzt er in die Entwicklung der Eisenbahn, man braucht schnellere Züge, damit sich die Transportzeiten und damit quasi die Wege verkürzen.

Wenn man in San Juan aus dem Zug steigt, bietet sich einem ein trostloses Bild, und es hat den Anschein, als wäre die Zeit, anstatt sich zu verkürzen, eher stehengeblieben. Es gibt, wie seit nunmehr sieben Jahren, immer noch nur ein einziges Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Weiter drin in der Stadt kann der Reisende in schlichten Zimmern übernachten, die von einheimischen Landbesitzern gekauft oder gepachtet worden sind und für deren Betrieb sich eine Gesellschaft gegründet hat, von der es heißt, ihre Teilhaber seien hohe Beamte im Verkehrsministerium.

Man kann sich nicht überall zur selben Zeit um die Instandhaltung der Quartiere kümmern, und so befinden sich etliche davon in desolatem Zustand. Es gibt vier oder fünf Gründe, von denen immer mindestens einer dafür sorgt, daß man in dem Hotel kein freies Zimmer mehr bekommt und daher eine Unterkunft im Ort nehmen muss, wo die Übernachtung merkwürdigerweise doppelt so teuer ist. Sollte man daraus schließen, daß die Hotelzimmer noch miserabler sind?

Ein leichter Einspänner bringt Johann zu einem Häuschen, in dessen Hinterhof ein Schuppen oder Stall zu einem Fremdenzimmer ausgebaut worden ist. (Es hätte vielleicht einen halben Tag gedauert, alles wieder in den vorherigen Zustand zu verwandeln.) Immerhin gibt es einen Abort und fließendes Wasser, das sauber und sehr kalt ist. Das Bett ist mit einer löcherigen Decke bezogen und die Tür hängt so schief in den Angeln, daß oben und unten ein breiter Spalt klafft, wenn sie geschlossen ist.

Es ist nur für ein paar Stunden, denkt sich Johann, und nach dem langen Sitzen im Waggon wird es guttun, sich ausstrecken zu können. Den Kutscher bestellt er für morgen früh wieder her. Johann schien es, als wäre er durch die halbe Stadt gefahren, und es war nicht gerade billig gewesen, aber er hätte allein niemals hierher gefunden und - was noch fataler gewesen wäre - niemals zurück zum Bahnhof.

Das Licht funktioniert nicht, als er es ausprobiert, und so beschließt er, sich vor dem Dunkelwerden hinzulegen. Weil das Rattern des Zuges noch in seinen Gliedern steckt, kann er nicht gleich einschlafen, und als er, die Arme unterm Kopf verschränkt, in die Nacht hinaus horcht, vernimmt er aus dem Nebengebäude ein Jammern und Greinen, als fände dort eine Totenklage statt. Aber zwischendurch hört er schmerzvolles Stöhnen und Schreie eines Mannes. Er dreht sich auf die Seite, aber bei diesen unheimlichen Lauten findet er keine Ruhe.

Er steht auf, um nachzuschauen, woher sie kämen. Nebenan steht die Tür offen, und ein Lichtschein dringt heraus. Er geht hinein, durch eine Küche hindurch. Dort sitzen zwei alte Weiber, die Hände gefaltet, die Köpfe gesenkt. Aus dem angrenzenden Raum kommt ein ekliger Geruch. Auf dem Bett liegt ein Mann mit Hose und Hemd, ohne Schuhe, alles ist blutgetränkt, und das Blut ist stellenweise schon halb getrocknet und dunkel.

Der rechte Ärmel seines Hemdes hängt bis zum Kragen in Fetzen an der Seite, und der Arm, der darin gesteckt hat, ist zu einem Brei aus Fleisch und Knochen zerschlagen. Aus dem Loch in seiner Brust schimmern die Rippen, und am Hals blubbern in Abständen kleine Ladungen Blut aus der offenen Ader, als würden Blasen im Körper des Mannes aufsteigen und an der Wunde zerplatzen.

Um das Bett stehen ein Menge Leute, darunter ein paar Kinder, aber niemand tut etwas. Die Frauen halten sich Taschentücher vors Gesicht und heulen. "Um Himmels willen", ruft Johann, "was ist passiert?" "Ein Unfall", sagt jemand. "Warum habt ihr keinen Arzt geholt?" "Jemand ist auf der Suche nach ihm", sagt ein älterer Mann mit hochgekrempelten Ärmeln und blutverschmierten Händen; offenbar hatte er versucht zu helfen. "Wann ist er los?" "Vor etwa einer Stunde." "Wir müssen die Blutung stoppen." "Ja, aber wie", entgegnet der Mann, "da ist alles aufgerissen."

Der Verletzte stöhnt, und dann schreit er so furchtbar, daß sich die Kinder hinter den andern verstecken. "Im Hotel am Bahnhof ist ein Doktor, er ist mit der Eisenbahn gekommen, ich könnte ihn holen, wenn es nicht so weit wäre." "Bis zum Bahnhof?", fragte der andere, und sie müssen sich abwenden, damit sie beim Schreien des Mannes ihr eigenes Wort verstehen. "Das ist gleich um die Ecke." "Bitte?" "Mario!", ruft er, "Fahr mit dem Senor zum Hotel, da ist ein Arzt."

Sie preschen auf einem Fuhrwerk mit zwei Pferden zum Hotel, Johann weckt den Doktor, der sich eilig ankleidet, seine Tasche schnappt und mit zu dem verletzten Mann fährt. Johann muss auf der Ladefläche sitzen, und Mario treibt die Pferde so heftig an, daß er hinten von einer Ecke in die andere geschleudert wird.

Der Doktor schaut sich die Verletzung an. Der Mann hat aufgehört zu schreien. "Wer sind seine nächsten Angehörigen?", fragt der Doktor dann in die Runde. Eine kleine Frau tritt vor. "Er wird gleich sterben."

Sie geht auf die andere Seite und fasst die Hand ihres Mannes. Einige von den Leuten knien nieder und murmeln ein Gebet. Der Doktor schaut auf den Mann. Dessen Körper ruckt plötzlich, als würde er von unten angepackt und angehoben, dann wird er von einem Krampf geschüttelt, der nur einen Moment dauert. Die Frau muss sich aus der Umklammerung seiner heilen Hand lösen, damit sie nicht drin steckenbleibt, dann sinkt sie bei ihm hin und fängt an zu heulen.

"Er hatte zuviel Blut verloren", sagt der Doktor zu Johann. Der ältere Mann tritt hinzu und fragt den Doktor, was zu tun sei. "Sind Sie mit dem Verstorbenen verwandt?" "Nein. Er hinterlässt seine Frau und vier Kinder." "Haben Sie eine feste Decke, in die man ihn einhüllen kann?" "Ich kann ein großes Stück imprägnierte Leinwand besorgen." "Ja, tun Sie das. Bringen Sie seine Frau erstmal nach nebenan, jemand soll bei ihr bleiben. Machen Sie das Bett sauber, legen Sie ein weißes Tuch auf den Toten, waschen Sie vorher sein Gesicht und kämmen sein Haar, dann können Sie Totenwache halten. Und schaffen Sie die Kinder raus." "Danke, Herr Doktor", sagt der Mann. "Es tut mir leid, ich konnte nicht mehr helfen, Senor."

Der Mann gibt den anderen Anweisungen, er tut es mit tiefem Ernst, als würde davon, was jetzt geschieht, abhängen, welchen weiteren Weg die Seele des Toten nimmt. Der Doktor meint zu Johann "Natürlich wissen die Leute selber, was zu tun ist. Dennoch, es gibt nichts Hilfreicheres in solchen Situationen, als ihnen die Gelegenheit zu geben, dankbar zu sein. Dankbarkeit beschämt den Tod."

Johann hilft mit, den Toten würdig aufzubahren, aber dann hat er das Gefühl, bloß noch im Wege zu stehen und geht zurück in sein Zimmer. Er befürchtet, nach der Aufregung erst recht nicht schlafen zu können, aber kaum daß er liegt, fallen ihm die Augen zu. Er wacht auf, kurz bevor der Kutscher kommt. Auf dem Fußboden vor dem Bett steht eine Flasche Wein und daneben liegt ein zusammengeknotetes Tuch mit Weißbrot. Er hat nicht bemerkt, wie das dahin gekommen ist; auch kann er sich die Absicht nicht erklären.

Er nimmt seine Sachen und geht an der Wohnung vorbei, wo der Mann gestorben ist, die Tür steht offen, er hört von drinnen Gemurmel. Statt des scheußlichen Geruchs in der Nacht hat sich der von Desinfektionsmittel in der Luft verbreitet.

Er will den Kutscher zur Rede stellen, der ihn gestern auf einem unnötigen Umweg hergebracht und dafür abkassiert hat, aber der auf ihn wartet, ist ein anderer. Wahrscheinlich lösen sie sich ab, denkt Johann und sagt ihm, wo entlang es geht.

Der Zug nach San Gabriel steht auf Gleis 5, der Schaffner hat damit angefangen, die Passagiere einsteigen zu lassen, er kontrolliert die Fahrkarten, er wünscht jedem einzelnen eine gute Reise. Wenn sich jemand nach etwas erkundigt, sagt er, er werde nachher zu ihm kommen.

Johann geht noch ein paar Schritte auf dem Bahnsteig hin und her, er würde jetzt wieder stundenlang sitzen müssen. Er spürt auch, daß es ihm letzte Nacht an Schlaf gemangelt hat; die Fahrt ist strapaziöser als er glaubte. Er schließt die Augen und atmet tief durch. "Perdone, Senor", hört er eine Frau sagen. Er dreht sich um. "Sie haben etwas vergessen." Damit reicht sie ihm die Weinflasche und den Brotbeutel, die jemand in seinem Zimmer hinterlassen hatte. "Das gehört mir nicht", entgegnet er. "Doch Senor, das ist für Sie." "Wofür?" "Für die Reise, eine Stärkung." "Ich bin zwar versorgt, aber wenn Sie unbedingt wollen, nehme ich es an", meint er gleichgültig, und mit unverändert freundlicher Miene sagt sie "Gracias Senor, muchas gracias por toto!"

Da erst erkennt Johann sie: es ist die Frau des tödlich verunglückten Mannes, die gestern bei seinem letzten Atemzug die Hand gehalten und ihn beweint hat. Ihre Augen sind noch gerötet und das Gesicht geschwollen, aber ihr Ausdruck ist erstaunlich gefasst und ihre Stimme klar, fast energisch. Jetzt gewahrt Johann auch den Jungen an ihrer Seite, der gestern Zeuge des schrecklichen Todes seines Vaters gewesen ist.

Johann schätzt ihn auf sieben, acht Jahre. Er trägt einen hellen Anzug, der zweifellos nur für besondere Tage vorgesehen ist, und darunter ein weißes Hemd mit einem schwarzen Band um den Kragen. Nur die Schuhe, die gehörten wohl eigentlich jemand anderem, sie sind viel zu groß und schiefgetreten.

Johann nimmt den Brotbeutel, klemmt die Flasche unter den Arm und legt seine Hand auf die Schulter des Jungen, es sollte bedeuten: Du bist ein tapferer Bursche. Aber es wirkt wenig überzeugend; er will mit dieser Sache nicht mehr länger zu tun haben. Er geht zu seinem Gepäck, steckt Wein und Brot in die Tasche und steigt in den Waggon.

Er ist froh zu sitzen, er wartet auf den Pfiff aus der Trillerpfeife und auf das Signal der Lokomotive und darauf, daß der Zug anrollt und auf den kleinen doppelten Taktschlag, wenn die Achsen über die Stelle fahren, wo die Schienen aneinandergefügt sind. Er sinkt in einen Halbschlummer, in dem die Stimmen um ihn her gedämpft, doch nicht ganz ausgeblendet werden.

Dann mischen sich kurze Phantasien in seine Wahrnehmung, und als hinter seinem Rücken die Tür zwischen den Waggons aufgerissen wird und der Schaffner ruft "Bleib' stehen, du Strolch!", da denkt Johann bei sich: 'Aha, das ist der Eierdieb, jetzt haben sie ihn endlich geschnappt.' Und es beruhigt ihn sehr. Von dem, was darauf folgt, bekommt er nichts mehr mit.

"Was ist denn mit dem Jungen?", fragt einer der Reisenden, als er sieht, daß der Schaffner ihn ziemlich hart am Schlafittchen gepackt hat. "Ein blinder Passagier", sagt der Schaffner streng und nicht ohne Genugtuung, ihn erwischt zu haben. "Aber müssen Sie ihn so grob anfassen? Er bekommt ja gar keine Luft mehr", sagt eine Dame. "Oh, er bekommt genug Luft." "Er ist doch noch ein Kind", meint ein anderer. "Dafür kann ich nichts", entgegnet der Schaffner, "er ist offensichtlich groß genug, daß er sich unbemerkt hier einschleichen konnte." "Wohin willst du denn, Kleiner?", fragt ihn jemand, doch der Junge schweigt mit einer Miene, als würde das erste Wort, das über seine Lippen kommt, ihn auf der Stelle tot umfallen lassen.

"Er kann gar nichts sagen, wenn ihm der Hals so zugeschnürt wird", sagt die Dame. Ein Herr hinter ihr meint "Lassen Sie ihn doch mal zu sich kommen, Senor Revisor. Ich stelle mich hier in den Gang, da kann er nicht mehr entwischen." "Wie heißt du?" Keine Antwort.

"Wenn du uns nicht sagst, wie du heißt, geben wir dir einen Namen, der dir vielleicht gar nicht gefällt", ruft einer aus einer Gruppe junger Männer, die sich die Zeit mit Kartenspielen vertreiben. "Ja, wie wäre es mit el zonzo." Jemand empört sich. "Wie können Sie ihn Dummkopf nennen, bloß weil er nicht redet!" "Vielleicht ist er stumm." "Dann heißt er el mudo." "Maultier? Wie kommen Sie denn darauf?" "El mudo sagte ich, nicht el mulo." "Vielleicht ist er auch taub und versteht gar nicht, was wir ihn fragen."

Dem Schaffner wird es zu bunt. "Genug der Fragerei! Es ändert alles nichts an der Tatsache, daß er ein blinder Passagier ist." "Genau! Er ist blind, warum sind wir nicht gleich darauf gekommen", ruft ein anderer von den jungen Männern. "Was geschieht jetzt mit ihm, Senor Revisor?" "Ich werfe ihn beim nächsten Halt hinaus." Alle schweigen. Der Junge hält den Kopf gesenkt und schielt in die Runde.

"Welches ist denn der nächste Halt?", fragt die Dame. Der Schaffner zögert. "Eine Wasserstation an der Salina la Antigua." "An einem Salzsee wollen Sie ein Kind aussetzen?" "Ja und wenn es ein erwachsener Mann wäre, würden Sie sich dann auch so darüber wundern", entfährt des dem Schaffner. "Ist er aber nicht." "So sind nun mal die Vorschriften, ich habe sie nicht gemacht, ich muss sie lediglich befolgen. Hey, wo willst du hin?", ruft er, da der Junge plötzlich versucht, an dem andern Mann vorbeizuschlüpfen.

Er macht ein paar Schritte den Gang entlang und bleibt dann neben einem Fahrgast stehen, dessen Kopf nach hinten auf der Lehne ruht, und der schläft. Der Schaffner und etliche andere, die wissen wollen, wie die Sache ausgeht, sind ihm gefolgt. Der Junge zupft den Mann am Ärmel, und er muss es ein paar Mal und immer kräftiger tun, bis Johann die Augen öffnet und die Leute vor sich stehen sieht.

"Sind wir schon da?", fragt er schlaftrunken. Keiner antwortet, aber der Junge holt aus der Jackentasche seines Anzugs einen zusammengefalteten Zettel heraus und hält ihn Johann hin. "Was ist das?", fragt er, "Ach, bist du nicht der ... was soll ich damit?" Der Junge schaut ihm ins Gesicht, Johann nimmt den Zettel, faltet ihn auseinander, und darauf steht: "Senor, wären Sie bitte so freundlich und würden meinen Sohn bei meiner Schwester in Villa Angela abgeben. Vielen Dank."

Johann blickt abwechselnd auf den Zettel und auf den Jungen. Der Schaffner sagt "Darf ich mal sehen. Laut Vorschrift kann alles, was ein blinder Passagier bei sich trägt, beschlagnahmt werden." "Lesen Sie mal vor, was drauf steht", ruft einer. Der Schaffner tut es, sogar mit einer gewissen Erleichterung.

"Dann gehört der Junge also zu ihnen?", fragt er Johann. "Aber nein, woher denn. Ich kenne ihn überhaupt nicht." "Mir schien eben, Sie hätten ihn wiedererkannt. Sie haben ihn nie vorher gesehen?" "Einmal ja, beim Tod seines Vaters." Bei diesen Worten schaut er den Jungen an, der zeigt keine Rührung. "Also sind Sie mit der Familie bekannt?" "Aber nicht doch! Ich war ganz zufällig dazugekommen."

Der Schaffner sagt "Jedenfalls hat Ihnen die Mutter die Aufsicht über ihn übertragen." "Wie bitte?" "Sie haben im Moment die Verantwortung für ihn, Senor, das geht aus diesem Dokument ganz eindeutig hervor." "Dann wird er nicht am Salzsee ausgesetzt?", fragt die Dame. "Aber was soll ich denn mit ihm anfangen?", sagt Johann, "Ich reise nach San Gabriel, um ein Photoatelier zu eröffnen."

"Nun, in Ihren Händen ist er jedenfalls besser aufgehoben als unter den Bestimmungen der Eisenbahn." "Sie sollen ihn doch bloß bei seiner Tante abliefern. Seien Sie ehrlich, Senor, ist das zu viel verlangt?" "Und wie, bitte schön, soll ich seine Tante finden? Steht da etwa ein Name oder eine Adresse? Und dieses Villa Angela, womöglich gibt es das gar nicht."

"Oh doch, Senor, Villa Angela liegt im Norden, gar nicht so weit von San Gabriel entfernt." Ein anderer meint "Sagten Sie nicht, Sie wären Photograph? Dann ist es doch ganz einfach: Sie machen ein Photo von dem Jungen und hängen es im ayuntamiento von Villa Angela aus. Dann wird es die Tante erfahren." "Ja, wenn die Tante existiert", kommentiert Johann die Idee.

"Wie heißt der Junge?", fragt ihn der Schaffner. "Das weiß ich nicht", sagt Johann etwas unwirsch. "Sie sollen auf ihn aufpassen und kennen nicht mal seinen Namen?", ruft jemand beinahe hysterisch. "Schreien Sie mich nicht so an", gibt Johann zurück. "So kommen wir nicht weiter", beruhigt sie der Schaffner. Eine junge Frau sagt zu ihm "Jetzt, wo er einen Angehörigen hat, brauchen Sie sich doch nicht weiter um ihn zu kümmern." "Noch ist nicht alles geklärt. Er muss wie jeder andere in diesem Zug in die Passagierliste eingetragen werden."

Er wendet sich an den Jungen. "Sagst du jetzt dem Senor (er zeigt auf Johann) deinen Namen." Der Junge hat einen Arm in die Hüfte gestemmt, es soll ihm wohl einen mutigen Zug verleihen. Aber wie er so dasteht, in seinem Gute-Tage-Anzug, mit der widerspenstigen Locke über der Stirn, die jemand mit süßlich duftendem Haarwasser zu glätten versucht hatte, mit seinem verständnislosen und ängstlichen Blick und mit den unmöglichen Galoschen an den Füßen, da hat Johann auf einmal Mitleid mit ihm; niemand kann auch nur ahnen, was in dem Jungen vorgeht, der binnen einer Nacht und eines halben Tages nicht nur den Vater verloren hat, sondern auch von seiner Mutter und den Geschwistern getrennt worden war.

Freilich, Johann wünscht die Mutter zum Teufel, weil sie ihn so dreist überrumpelt hat, aber dafür kann der Junge schließlich auch nichts. "Komm' her", sagt er und streckt den Arm aus. Der Junge macht einen Schritt auf ihn zu. Johann legt das schwarze Band, das unterm groben Griff des Schaffners aufgegangen war, wieder ordentlich um den Kragen. "Sag' mir, wie du heißt. Du kannst es mir zuflüstern."

Der Junge überlegt einen Moment und geht dann darauf ein. Er legt den Arm um Johanns Hals, und sein Mund ist dicht an seinem Ohr. Eine der Frauen schluchzt, die anderen sind so still, als hielten sie den Atem an, und nur das Rattern des Zuges verhindert, daß man verstehen kann, was der Junge sagt: "Ich will zu meiner Mama."

Dann tritt er rasch zurück und schaut Johann unverwandt an, und alle anderen starren ebenfalls auf ihn. Er sagt: "Manuel. Er heißt Manuel." Es hat etwas Absurdes, als nach dieser Verkündung alle, einschließlich des Schaffners, Beifall klatschen. Allein Johann und der Junge blicken sich stumm und regungslos an, keiner von beiden kann begreifen, weshalb sie auf einmal aneinandergebunden sind.

* * * * *

Nur die Tauben sitzen auf dem Dach, und vor dem Bahnhofsgebäude steht ein Händler, aber er hat kein Gemüse, sondern goldgelbe, mit Puderzucker bestreute Teigstücke mit hochgebogenen Ecken wie eine kleine Krone, die nach heißem Fett duften. Es ist keine Militärkapelle da, und auch die Herren im dunklen Anzug und die Damen in weißen Kleidern fehlen. Aber das Schild ist dasselbe wie auf dem Photo: SAN GABRIEL.

Es hat eben einen Regenschauer gegeben, und der Boden ist aufgeweicht und stellenweise schlammig. Eine Kutsche ist in den Straßengraben gerutscht, und die Räder stehen bis zur Nabe im Wasser, mit dem sich der schmale Kanal bis zum Rand gefüllt hat. Es gibt hier kaum ein merkliches Gefälle, dennoch schießt das Wasser dahin, als müsse es rechtzeitig einen andern Ort erreichen, und Johann soll später sehen, daß dieses Kanalsystem die ganze Gegend durchzieht, und das Wasser vom Rio Altanero kommt, dem es etliche Kilometer weiter südlich bei Castro Barros wieder zugeführt wird.

Jetzt aber muss er zusehen, wie er trockenen Fußes über den Bahnhofsvorplatz kommt. Manuel folgt ihm in seiner Spur, er trägt seine Reisetasche. Sie nehmen eine Kutsche, die sie dorthin bringt, wo laut Auskunft des Bahnbeamten Johanns Kisten untergebracht sind.

Es ist ein Schuppen mit Blechdach am Rand einer Brache, wo zwischen Gestrüpp zwei, drei leerstehende Häuser verfallen. Die Tür steht offen und es ist kein Mensch zu sehen. Johann ruft nach jemandem. Dann findet er seine Kisten, sie haben den Transport offenbar unbeschädigt überstanden, aber es sind nur sieben.

Ein Mann erscheint, mit einem Becher mit Mate Tee in der Hand, aus dem ein silbernes Röhrchen herausragt. Er gähnt, dann sagt er "Was hast du hier zu suchen?" Johann nennt seinen Namen und sagt ihm, worum es geht. Der Mann nimmt einen Schluck aus dem Becher, geht an Johann vorbei zu den Kisten und klopft mit der freien Hand aufs Holz. "Diese hier, Senor?" "Ja, aber es fehlt eine."

Der Mann gähnt und kratzt sich am Hinterkopf. "Welche fehlt?", fragt er. "Es waren acht, ich sehe nur sieben." Der andere schaut auf die Kisten und zählt mit ausgestrecktem Finger wie ein Schuljunge nach. "Ja, sieben." "Wo ist die achte?" "Sind Sie sicher, daß es nicht nur sieben waren?" "Bitte?" Johann blickt ihn drohend an, der andere sagt ganz vertraulich "Wenn sie nicht hier ist, kann sie eigentlich nur drüben sein." Johann weiß nicht, ob er sich wichtig oder über ihn lustig machen will.

"Keine Sorge, Senor, wir werden sie bald finden." "Das will ich hoffen." "Haben Sie es eilig?" "Was hat das damit zu tun?" "Eigentlich nichts. Kommen Sie mal mit." "Manuel, du bleibst hier und wartest, bis ich wiederkomme!"

Sie gehen über die Brache, es liegen viele Steine, Mauerreste und Holz herum, die Nässe vom Regen ist verschwunden, zwischen den Wolken zeigt sich manchmal die Sonne. Johann schaut nach rechts, wo hinter einem Zaun aus Latten und Draht eine Behausung steht und ein großer schwarzer Hund zu ihnen herüberkläfft.

Weiter drüben sind Olivenbäume, und dahinter kommt wieder eine ähnliche Hütte aus Lehmziegeln, an die eine Handvoll Bretterverschläge angebaut ist, dort bellt ein anderer Hund. Ein paar hohe Pappeln wispern im Wind, und plötzlich erblickt Johann in der Ferne die Berge, verschwommen im dunstigen Sonnenschein. "Sind das die Anden?", fragt er den Mann, der vorneweg läuft. Der hört nicht.

Im Schatten von großen Weiden steht ein weiterer Schuppen. Im Hineingehen pocht der Mann gegen die Wand und ruft einen Namen als will er jemanden wecken. Es sieht aus wie in einer Schrotthandlung, an den Wänden sind bis zum Dach Blech- und Eisenteile aufgehäuft, manches hat noch farbige Spuren, das meiste ist mit Rost überzogen, und alles scheint so ineinander verkeilt, verhakt und verzahnt, daß man kaum irgendetwas Einzelnes hätte herausholen können, ohne den ganzen Stapel umzureißen.

Da steht tatsächlich die achte Kiste, und auch die ist allem Anschein nach unversehrt. "Na bitte", sagt der Mann, "hier geht nichts verloren, da können Sie sich drauf verlassen." "Ich möchte trotzdem, daß alles zusammenbleibt." "Ja ja, selbstverständlich." Er schaut in die dunklen Ecken des Schuppens und in einem findet er auf dem Boden etwas, das Johann nicht sehen kann. "Hey Pepe! Du gottverdammter Faulpelz!", ruft der Mann und stößt denjenigen, der dort auf der Erde liegt, mit dem Schuh an. "Was ist denn los?", gibt der erschrocken zurück. "Was los ist, du Hurensohn? Jemand hat die Kiste von dem Senor aus Deutschland gestohlen, dafür wirst du bezahlen müssen?" Aber dann kann er bei seinen Worten nicht ernst bleiben und lacht über den schlechten Scherz.

Der andere hat sich aufgerappelt, sein Kopf erscheint hinter dem Gerümpel, er hat ungepflegtes Haar, ist schlecht rasiert, und indem er sich bewegt, kommt eine Wolke von altem Schweiß herüber. Er sieht Johann und die Kiste und stammelt "Bitte um Verzeihung, Senor, habe die ganze Zeit aufgepasst, ich habe nicht geschlafen, nein, nein, denken Sie nicht, Pepe Molina hätte geschlafen, ich habe nur - er weist nach unten auf den Boden - hier etwas gesucht!"

Er bückt sich schnell, dann hält er eine alte Sichel hoch und fuchtelt damit herum. "Ich hörte Stimmen, da habe ich mich hier versteckt." "Ich habe dich gerufen, du Dummkopf!" "Ja, das habe ich gehört, aber woher soll ich wissen, daß Sie es sind, Don Orlando, es hätte ein Dieb sein können, der mit verstellter Stimme spricht, verstehen Sie, jemand, der spricht wie Sie. Und den werten Senor aus Deutschland kenne ich ja nicht, also bin ich ..." "Halt den Mund!" "Ja."

"Dann können Sie die Kiste hinübertragen zu den anderen", sagt Johann. Der Mann schaut ihn missmutig an. "Sagen Sie Ihrem Burschen, er soll herkommen." "Sagen Sie mir nicht, was ich tun soll", erwidert Johann. "Tragen Sie die Kiste 'rüber, bevor ich mich an die Behörden wende." Pepe Molina blickt ungläubig zu dem Mann, und der muss einen Lacher der Verwunderung unterdrücken. "Was bedeutet das jetzt, Don Orlando?", fragt ihn Pepe und lässt die Hand mit der Sichel sinken. Der Mann sieht Johann scharf in die Augen und überlegt einen Moment, dann sagt er "Frag' nicht, du Trottel, fass' an!"

Als sie drüben bei dem andern Schuppen angekommen sind, muss sich Orlando in den Schatten setzen und ausruhen, der Schweiß läuft an seinen Schläfen herab. Er knurrt "Wenn du zu Don Alfredo ein Sterbenswörtchen sagst, daß ich das Ding hier mit geschleppt habe, dann prügel' ich dich windelweich, verstanden!" "Aber natürlich, Don Orlando", sagt Pepe, "ich werde ihm sagen, Don Orlando hat mich die Kiste ganz alleine schleppen lassen." "Hm", knurrt der andere zufrieden.

Pepe tritt an ihn heran und flüstert ihm etwas ins Ohr, wobei er Johann ansieht. "Untersteh' dich, du Bastard!", raunzt ihn Orlando an, wischt sich mit einem Taschentuch übers Gesicht und muss dann doch grinsen. "Manchmal frage ich mich, was in deinem dummen Schädel vorgeht, Pepe Molina!" Und Pepe zuckt mit den Schultern.

Obwohl er keineswegs von der Zuverlässigkeit dieser Leute überzeugt ist, entschließt sich Johann dennoch, seine Sachen so lange in dem Schuppen aufbewahren zu lassen, bis er eine geeignete Räumlichkeit für sein Atelier gefunden hat. Pepe Molina hat ihn seiner Wachsamkeit versichert und gemeint, er, der Senor, habe nun selber gesehen, wie er darauf vorbereitet sei, Diebe, welche hier eindringen wollen, abzuwehren. Johann hält ihn für ziemlich einfältig, aber - im Gegensatz zu diesem Orlando - für einen ehrlichen Kerl. Dem anderen hat er zu verstehen gegeben, daß er sich an diesen Don Alfredo, den die beiden zufälligerweise genannt und vor dem sie offenbar Respekt haben, wenden werde, und Orlando tat so, als würde ihn das wenig beeindrucken.

Drei Tage lang ist Johann auf der Suche nach einer Wohnung, die seinen Ansprüchen genügt, aber er hat keinen Erfolg. Sie übernachten im Hotel "Cruz del Sur" und dort speisen sie auch. Aber Manuel isst am ersten Tag überhaupt nichts und am zweiten auch nicht, und Johann denkt, wenn das so weitergeht, wird der Junge verhungert sein, bevor er ihn in Villa Angela bei seiner Tante abliefern kann. Dann bringt er ihn wenigstens dazu, zum Frühstück etwas Weißbrot und Rührei und einen Apfel zu verzehren, und den nimmt er wahrscheinlich auch nur deshalb, weil Johann ihn in niedliche kleine Boote geschnitten hat.

Er spricht auch sehr wenig und auf Johanns Fragen antwortet er einsilbig. Aber in der Nacht, wenn Johann beim Licht der Leselampe die Photographien betrachtet, hört er Manuel im Schlaf reden, wirres Zeug, das wohl aus der kindlichen Seele emporsteigt, die mit all den Aufregungen nicht fertig wird. Johann schaut auf ihn, wie er sich wehrlos hin- und herwälzt, und er denkt daran, ihn zu wecken und zu besänftigen, aber da hat er sich schon von selbst wieder beruhigt.

Am nächsten Morgen liegt er schweißgebadet im Bett, reagiert kaum, als Johann ihn anspricht und rollt fürchterlich mit den Augen, als hätten sie jeden Halt verloren. Johann lässt den Doktor holen, einen gutaussehenden und forschen Mann, der so jung wirkt, daß Johann fast anzweifelt, ob er seine medizinische Ausbildung bereits absolviert habe.

"Gibst du dem Jungen denn nichts zu essen?", fragt er, nachdem er ihn untersucht hat; Manuel ist wie abwesend und lässt alles mit sich geschehen. Johann versucht sich zu rechtfertigen. Der Doktor gibt Manuel ein Stärkungsmittel und Johann ein Rezept für ein weiteres Medikament. "Kann man ihn hier allein lassen?", fragt er den Arzt. Der zieht fragend die Augenbrauen zusammen. "Ich meine, ich bin gerade auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung für mich ... und für den Jungen." "Er schläft jetzt erst einmal", erwidert der andere, "aber heute Mittag, spätestens am Nachmittag, musst du ihm etwas Ordentliches zu futtern geben, hörst du! Ich rede mit dem Küchenchef des Hauses, daß er euch eine leckere Mahlzeit zaubert." "Ja, das ist gut", meint Johann und freut sich irgendwie darüber, daß der junge Arzt mit ihm spricht, wie mit einem Freund seines Vaters. Dann sagt er noch "Vielleicht hat er ja auch heute Geburtstag." "Wer?" Johann bereut sofort seine idiotische Bemerkung. "Ach nein, das war nur ein Scherz."

"Du bist der neue Photograph?", fragt der Doktor im Hinausgehen. "Ja, woher wissen Sie das?" "In San Gabriel machen alle Neuigkeiten schnell die Runde", sagt er, und es klingt, als wäre diese hier schon wieder von gestern. Johann fragt ihn nach seinem Namen und er findet irgendeinen vagen Ersteindruck bestätigt, als er hört, daß der junge Doktor Turini heißt und italienischer Abstammung ist.

Johann überzeugt sich, daß Manuel tatsächlich schläft und daß er ruhig atmet. Er will an seinem Hals den Puls fühlen, fasst dann aber vorsichtig das Handgelenk und spürt das kleine Pochen wie den Herzschlag eines Vögelchens, das abgestürzt und auf den Boden gefallen ist und nicht wieder auffliegen kann. Er nimmt sich vor, zuerst zur Apotheke zu gehen, um die Arznei zu kaufen.

Wann hat er jemals Gleiches getan, als Annemarie krank war? Er kann sich nicht einmal schwach daran erinnern. In solchen Fällen hat sich Christiane um die Tochter gekümmert. Jetzt meint er, die Kleine habe von jeher eine robuste Gesundheit gehabt und sich stets wie von allein rasch wieder erholt. Aber vielleicht hätte er, so gesteht er sich ein, doch etwas mehr väterliche Fürsorge zeigen sollen, wie dieser junge Arzt, dem gewiss seine eigenen Kinder (falls er schon welche hat) genauso wichtig sind wie Manuel.

Vielleicht hätte er sich überhaupt Annemarie mehr widmen sollen und sich nicht damit begnügen dürfen, daß sich, abgesehen von ein paar Unternehmungen und den obligatorischen Ferienreisen, ihre Beziehung zueinander auf die gemeinsamen Mahlzeiten bei Tisch (die er oft sogar wegen der Arbeit im Atelier versäumte) und den Gute Nacht Kuss (den er allerdings niemals vergaß) reduziert hatte.

Selbst ihre Geburtstage waren Christianes Angelegenheit (allenfalls seine Mutter hatte dazu etwas beizutragen). Er kann sich nicht ein Gesicht, nicht einen Namen der Freundinnen ins Gedächtnis rufen, die dazu eingeladen waren. Lag es nur daran, daß er zu den Eltern ihrer Altersgenossinnen oder Mitschülerinnen keine Verbindung gehabt und auch dies völlig Christiane überlassen hatte?

Oh doch! Einmal waren sie alle drei bei einer Klassenfeier anlässlich irgendeines Jubiläums gewesen. Es war ein schöner Frühsommertag und auf der Wiese hinter dem Schulhof, die zum Grundstück des Fleischermeisters Willbrandt gehörte, hatten der Lehrer und einige Eltern ein buntes Gartenfest Ambiente vorgerichtet; auch Christiane hatte dabei mitgewirkt. Johann war von dem Anblick und der Atmosphäre wirklich überwältigt, und die Fröhlichkeit, mit der sich Annemarie und die andern Mädchen und ihre Geschwister an diesem warmen sonnigen Nachmittag zwischen den hübschen Dekorationen tummelten, sprang auch auf ihn über. Alle waren guter Laune, und sogar als ein Brüderchen von einer bösen Wespe gestochen worden war, wurde das kleine Unglück mit tröstlichem Lachen und ein paar "Heile, heile, Gänschen" Versen in einen drolligen Zwischenfall gewendet.

Alle Eltern hatten für das leibliche Wohl gesorgt, indem jeder etwas mitbrachte, und der Fleischermeister Willbrandt, obwohl er selbst kein Kind in dieser Schule hatte, versorgte die Mannschaft mit heißen Würstchen. Es gab Stände und "Stationen", an denen Groß und Klein in allerlei Geschicklichkeitsspielen und Rätselraten miteinander wetteiferten, und im Schatten des Ahornbaums, der mitten auf der Wiese sein Blätterdach ausbreitete, fand ein kleiner Sangeswettstreit statt. Von der immensen Vorbereitung erfuhr Johann erst in diesem Augenblick, und er spürte die ungeheure Wucht des Gemeinschaftsgefühls, das sich ihm hier darbot.

Er war froh darüber, daß Christiane ihn gebeten hatte, seine Kamera mitzunehmen, damit er ein paar Photos machen kann. Das hatte sie - seine Bereitschaft als selbstverständlich unterstellt - dem Herrn Oberlehrer und den andern Eltern vordem versprochen, und damit konnte Johann jetzt punkten. Es kostete ihn allerdings einige Mühe, die Leute zu einem Bild zu versammeln, da sie, vor allem natürlich die Kinder, wenig geneigt waren, ihre Vergnügungen oder auch nur die Plaudereien seinetwegen zu unterbrechen.

Und dann störte ihn noch etwas, das ihm erst im Nachhinein bewusst wurde: es sprach sich herum, wer von den Eltern welchen Kuchen, welchen Obstsalat, welche Limonade beigesteuert hatte, wer den Einfall mit dem lustigen Katze und Mäuse Spiel gehabt, wer sich die Fragen für das Wissensquiz ausgedacht, wer die Preise beim Ballwerfen auf die leeren Blechbüchsen gestiftet hatte. Aber nicht ein einziges Mal hörte Johann, daß man ihn erwähnte, als denjenigen, der einige Momente dieses wunderschönen Tages zur späteren Erinnerung festgehalten habe. Und als er eine Woche später Annemarie die fertigen Photos mitgab, damit sie der Lehrer verteilen kann, konnte sie sich nicht die Bemerkung verkneifen, daß ihr Schulranzen ohnehin schon bis zum Rand vollgepackt sei.

Johann weiß jetzt noch nicht mal mehr, wie der Lehrer hieß und er grübelt andererseits darüber nach, weshalb er sich den Namen des Fleischermeisters Willbrandt offenbar für alle Zeit gemerkt und sich das Bild eingeprägt hatte, wie dessen schwarzer, glänzender und gezwirbelter Schnurrbart beim Lachen schütterte, als er Christiane mit einem deftigen Kompliment erheiterte.

Am Abend geht es Manuel wieder besser, der Schlaf, die Arznei und ein üppiges Mittagessen haben ihn wieder zu Kräften gebracht. Jedoch heult er alle Augenblicke und will zurück zu seiner Mama. Johann erklärt ihm die Sache mit seiner Tante in Villa Angela. Manuel hört sich das an mit einem Gesichtsausdruck, als würde ihm dieser Mann etwas von den Entdeckungsreisen des Christoph Kolumbus erzählen; dann heult er wieder und will zu seiner Mama.

"Vorläufig", sagt Johann gereizt, "kann ich dich nirgendwo hin schaffen, solange ich noch keine Wohnung gefunden habe." Damit ist er allerdings kein Stück vorangekommen, obwohl er bereits zwei Makler aufgesucht hat. Was er besichtigt hat, ist entweder zu klein oder zu teuer oder völlig marode oder es liegt zu weit außerhalb; zwei, drei Angebote schaut er sich gar nicht mehr an, nachdem man ihm beschrieben hat, wo die Häuser stehen. Die Putzfrau, welche im Hotel saubermacht, warnt ihn: "In dieses Viertel, Senor, kommt man zwar hinein, aber nicht unbedingt wieder heraus."

Schließlich muss er sich auch in die Lage seiner Kunden versetzen: wer sollte bis wer weiß wohin fahren, um eine Photographie bei ihm machen zu lassen? Der Makler meint, er, Johann, könne ja auch selber zu den Leuten kommen, "so ein Photoapparat lässt sich doch mühelos transportieren", er wisse auf Anhieb drei Männer, die ihm das Ding jederzeit überallhin hinterhertragen. Außerdem bräuchte er bei dem Sonnenschein, der hierorts "im Überfluss" vorhanden sei, gar kein Atelier mit künstlicher Beleuchtung. Er redet so, als habe er selber schon darüber spekuliert, als Photograph zu arbeiten.

Johann entgegnet, er sei kein Hausierer, und Porträtaufnahmen mache man nun mal nicht im Freien. Im übrigen sei das, was er sich gestern angesehen habe, gar keine richtige Wohnung gewesen, sondern bloß ein Korridor, ein Durchgang, den überdies die anderen Hausbewohner mitbenutzen. Der Makler wird patzig. "Wenn Sie sich absondern wollen, Senor Melzer, sollten Sie nach Patagonien ziehen."

Und dann geschieht das, was Johann unbewusst befürchtet hat. Als er ins Hotel zurückkommt, wartet dort ein Gendarm auf ihn und fordert ihn auf, mit zur Polizeiwache zu kommen. Dort sitzt Pepe Molina wie ein gefangenes Kaninchen und wird befragt. Er hält sich ein weißes Tuch an den Kopf, das ein paar rote Flecken hat und tut so, als sei er gerade nochmal mit dem Leben davongekommen.

Drei weitere Gendarmen stehen um ihn herum, und der mit dem höchsten Dienstgrad führt die Ermittlung. Als Johann erscheint, fängt die Vernehmung offenbar gerade wieder von vorn an. Pepe erklärt mit weinerlicher Stimme, er sei überfallen und "von hinten" mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen worden. "Warum hast du die Beule dann über der Stirn?", fragt der Gendarm, und die anderen nicken sich zu, was bedeutet: Das ist eine gute Frage!

Pepe erwidert, er sei nach vorn gefallen und dabei mit der Stirn auf die Kante von der Kiste aufgeschlagen. "Eben hast du behauptet, du hättest den Schlag von hinten auf den Kopf erhalten." "Ja", sagt Pepe. "Und?" "Was und?" "Das war eine Frage", herrscht ihn einer der anderen an. "Ach so." Den Stoß, der ihn nach vorn hin warf, habe er in den "hinteren Rücken" erhalten.

Der Vorgesetzte schaut seine Kollegen an, dann meint er zu Pepe "Wenn es sich so zugetragen hat, wie du sagst, müsste man dann nicht sehen, wo dich der Knüppel im Rücken getroffen hat?" Pepe sieht ungläubig zu ihm auf. "Wieso müsste man das nicht sehen?" "Natürlich müsste man das sehen", belehrt ihn der andere Gendarm, "das war eine Frage, du Trottel!" "Zeig' uns die Stelle", fordert der dritte.

Pepe nimmt das Tuch vom Kopf, und eine kleine Platzwunde kommt zum Vorschein. Er zieht sein Hemd hinten bis an den Nacken hinauf und dreht sich auf dem Hocker zu ihnen um. Über dem Gesäß, neben der Wirbelsäule hat er einen Handteller großen Bluterguss, der viel schlimmer aussieht als die Kopfwunde.

Bei dem Anblick fühlt sich Johann bemüßigt zu raten, daß man die Stelle besser von einem Arzt untersuchen lassen sollte, falls der Mann innere Verletzungen erlitten habe, aber dann wird ihm wieder bewusst, weshalb das ganze Theater hier stattfindet, und er fragt den Gendarm, was denn überhaupt passiert sei.

"Er behauptet, er wäre überfallen, niedergeschlagen und bewusstlos geworden, und als er wieder zu sich kam, waren zwei von Ihren Kisten verschwunden." "Welche?" "Senor Melzer, woher sollen wir denn wissen, was für Kisten Sie haben. Uns interessiert nur, daß zwei davon gestohlen wurden." Dann stutzt er kurz und meint "Sie wollen doch Anzeige erstatten, oder?" "Selbstverständlich will ich das." "Kann ich das Hemd wieder runterziehen?" "Dann müssen Sie uns zunächst detailliert beschreiben, was in den Kisten drin war." "Da muss ich die andern öffnen und hineinschauen." "Ich ziehe jetzt mein Hemd wieder runter." "Haben Sie denn keine Inhaltsliste? Bei der Zollbehörde mussten Sie doch eine ausfüllen." "Ja, so eine Liste habe ich", sagt er, und dann fällt ihm ein, daß jede Kiste eine Nummer hat.

"Sehen Sie, das hilft uns doch bei unseren Ermittlungen schon weiter. Holen Sie diese Liste und kommen Sie damit - was ist heute?", fragt er seinen Kollegen, "Donnerstag", antwortet der, "Kommen Sie nächsten Montag zwischen neun und elf wieder her, dann nehmen wir das Protokoll auf." Es scheint, als habe er sich die ganze Zeit innerlich darauf vorbereitet, endlich das Wort Protokoll auszusprechen.

"Warum denn so lange warten?", sagt Johann mit Nachdruck. Der Gendarm schweigt, Pepe Molina entfährt ein schmerzvoller Seufzer, auf einmal geht die Tür auf und zwei Männer betreten die Polizeiwache, der eine im hellen Anzug, eine Zigarre rauchend, der andere in Hauptmann Uniform, eine Reitgerte unterm Arm; sie unterhalten sich lachend.

"Achtung!", brüllt der Gendarm, und seine Kollegen nehmen Haltung an, Pepe, der mit dem Rücken zur Tür sitzt, springt unwillkürlich mit auf. Dann macht der Chef dem Hauptmann Meldung, "... mit der Aufklärung eines Diebstahls befasst", hört ihn Johann sagen und denkt 'Aha, sehr gut! Der Herr Hauptmann wird den Vorgang gewiss etwas beschleunigen helfen.'

Der sagt zum Gendarmen "Felipe, kommen Sie mit nach hinten in Ihr Büro, ich will etwas mit Ihnen besprechen." "Jawohl." Er wendet sich an seinen Kollegen. "Du übernimmst hier das Kommando und machst weiter mit der Untersuchung." Johann will den Hauptmann ansprechen, aber da ruft Pepe "Don Alfredo!"

Der Mann im Anzug schaut ihn widerwillig an. "Don Alfredo, ich bin's, Pepe Molina. Ich bin schwer verletzt worden bei der Ausübung meiner Pflicht. Ich habe mein Leben eingesetzt bei der Bewachung der Kisten von diesem Senor hier, ich konnte verhindern, daß noch mehr gestohlen wurde, ich habe alles gut bewacht. Bitte, Don Alfredo, jagen Sie mich nicht gleich wieder fort."

Don Alfredo nimmt einen Zug aus seiner Zigarre und lacht. "Pepe Molina, du kleiner Unglücksrabe, du machst mir dauernd Scherereien." "Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle", wendet sich Johann an ihn, "ich bin Senor Johann Melzer, Photograph aus Deutschland. Es sind die Kisten mit meiner Ausrüstung, die in Ihrem Lagerschuppen abgestellt sind, zur sicheren Verwahrung, wie ich angenommen hatte, Senor ..." "Alfredo Estevez Gonzales. Herzlich Willkommen in San Gabriel." Er steckt die Zigarre in den Mund und reicht ihm die Hand.

"Leider muss ich nun feststellen", fährt Johann fort, "daß zwei davon gestohlen wurden." "Oh, das tut mir leid", sagt Don Alfredo aus dem Mundwinkel heraus. "Pepe, das war wohl das letzte Mal, daß du es vermasselt hast." Der Hauptmann wendet sich an den Gendarmen "Felipe, was haben Sie unternommen?" "Wir sind an dem Fall dran, Hauptmann Cutico." Johann sagt "Ja, aber mir scheint ..." "Die Aufnahme der Tatumstände ist bereits abgeschlossen", fällt ihm der andere ins Wort, "ich schicke meine Männer dorthin, um die Spuren zu sichern. Der Senor gibt uns eine Liste, anhand derer wir überprüfen, was genau gestohlen wurde." "Das heißt, Sie werden es heute noch tun?", fragt Johann, und Don Alfredo und der Hauptmann schauen den Gendarmen an. "Unverzüglich! Die Angelegenheit duldet keinen Aufschub. Schließlich braucht der Senor aus Deutschland seine Sachen." "Ist Ihnen damit erst einmal geholfen?", meint Don Alfredo.

Johann nickt. "Haben Sie schon irgendeinen Verdacht, wer es gewesen sein könnte?", fragt er den Gendarmen. "Nun, es gibt da ein paar Anhaltspunkte, die ..." "Dann gehen Sie der Sache nach", sagt Hauptmann Cutico, "ich wünsche, daß der Senor seine Kisten schnellstmöglich wieder hat." "Dafür werde ich persönlich sorgen."

Don Alfredo sagt zu Johann "Es würde mich freuen, wenn Sie morgen Abend mein Gast sein wollen." "Mit dem größten Vergnügen." "Sagen wir um zehn. Wo wohnen Sie ... ah ja, im Hotel Cruz del Sur, ich lasse Sie abholen, also bis morgen." "Felipe, kommen Sie", sagt der Hauptmann, und sie verschwinden alle drei im Büro.

"Ich werde die Liste holen und in einer Stunde am Schuppen sein", sagt Johann zu dem Gendarmen, der jetzt das Kommando hat. "Ja, in Ordnung." "Was wird jetzt aus mir?", fragt Pepe kleinlaut. "Hör mal, Pepe", sagt Johann, "du solltest zum Arzt gehen und das untersuchen lassen, ich gebe dir die Adresse von Doktor Turini, sag' ihm, ich habe dich hingeschickt." Pepes Beine zittern, er hält sich am Tisch fest, sein Mund bleibt vor Verwunderung offen stehen. Der Gendarm meint "Senor, das ist gegenüber solchen Leuten nicht üblich." "Wir sehen uns in einer Stunde am Schuppen."

Als der Kutscher am nächsten Abend vor dem Hotel steht, um Johann zu Don Alfredo zu bringen, bekommt Manuel einen Wut- und Trotzanfall. Er krallt sich an Johanns Jackett fest, daß der befürchtet, er werde es zerreißen. Er schreit und schimpft und stampft mit den Füßen auf, und Johann braucht eine Weile, um zu begreifen, daß der Junge nicht allein bleiben will.

Es gibt unten am Hoteleingang einen Nachtwächter, einen schweigsamen, älteren Herrn mit weißem Schnurrbart. Johann schafft es, Manuel zu überreden, "für einen Moment" bei dem Mann zu bleiben, bis er dem Kutscher Bescheid gesagt habe, daß er heute Abend nicht zu Don Alfredo kommen könne. In Wahrheit jedoch hat er die Absicht, schnell in die Kutsche zu steigen und davon zu fahren; der Alte würde schon mit dem Jungen fertig werden oder Manuel trollt sich von allein wieder ins Zimmer, wenn ihn die Müdigkeit überfällt.

Aber damit hat er sich verrechnet, denn Manuel merkt sofort, woher der Wind weht. Er schreit, und der Alte, der ihn noch festhält, ruft "Senor Melzer, ich glaube, irgendwas stimmt mit dem Jungen nicht." Er versucht sogar, dem Alten in die Hand zu beißen, da lässt der los, und Manuel rennt Johann nach, der nun kaum mehr die Möglichkeit hat, heimlich abzuhauen.

Er geht mit ihm zurück, und der Alte meint gutmütig "Sie sollten ihn vielleicht mitnehmen." Johann fasst sich an die Stirn. "Himmel Herrgott! Langsam reicht mir's mit dir. Ihn mitnehmen? So wie er aussieht. Senor Gonzales wird denken, ich habe einen Betteljungen von der Straße aufgelesen." "Aber wieso denn? So ein hübscher Kerl", erwidert der Alte.

Er holt aus einem Schubfach einen Kamm heraus und glättet Manuels zerzaustes Haar so gut es geht. "So. Schon besser. Und hier habe ich auch noch ein schönes Tuch, das binden wird dir um den Kragen, dann siehst du aus wie ein ordentlicher Gauchito, na, was sagen Sie nun!" Johann schaut auf die Uhr. "Also gut, gehen wir, ich will Don Alfredo nicht warten lassen." "Ach Senor Melzer, hierzulande kommt man immer etwas später." Johann packt den Jungen an der Schulter und sagt "Ja, vielen Dank für Ihre Hilfe, wir kommen jetzt allein zurecht."

Don Alfredos Anwesen hat einen Vorgarten mit einem Teich. Es ist schon dunkel, und etliche Fackeln illuminieren den Weg und werfen ihren Lichtschein auf das Wasser und auf die akkurat gestutzten Sträucher ringsherum. Im Hintergrund erheben sich dunkle Bäume im Schatten der Nacht, und dazwischen strahlen die hellerleuchteten Fenster des Hauses. Vor dem Eingang sind drei Stufen und vier Säulen, und das Foyer hat eine Glaskuppel und einen Fußboden mit Parkett aus einem dunklen Holz, das auf den ersten Blick wie Stein aussieht.

Natürlich fällt Don Alfredos Blick sofort auf Manuels dürftiges Äußeres, und Johann sieht sich genötigt, die Umstände zu erklären. Don Alfredo lacht darüber, aber es ist ein gezwungenes und schäbiges Lachen, viel schäbiger als die abgetretenen Schuhe des Jungen. Immerhin lässt er für ihn ein Gedeck auf den Tisch stellen, und so speisen sie, der Hausherr an der Stirn-, die beiden an der Längsseite der Tafel im Licht eines Kronleuchters und zweier langer, weißer Kerzen auf wuchtigen, silbernen Ständern, die so blank geputzt sind, daß sich Manuel einen Spaß daraus macht, darauf sein Gesicht wie in einem Zerrspiegel zu betrachten.

"Ich habe eine gute Nachricht für Sie", sagt Don Alfredo, "Ihre Kisten sind alle wieder da, und ich glaube, es fehlt auch nichts." Johann ist darüber sehr erfreut und so dankbar, daß er Manuel, als er die Suppe laut vom Löffel schlürft, einen Klaps auf den Hinterkopf gibt, um Don Alfredo zu zeigen, daß sie es wert seien, zuvorkommend behandelt zu werden. Don Alfredo lacht. "Ach, verschwenden Sie nicht Ihre Kräfte. Sie werden auch noch begreifen, daß man dieser Art von Zweibeinern keine Manieren beibringen kann." Tatsächlich kann sich Manuel drei Löffel lang beherrschen, dann schlürft er wieder.

"Sollte dennoch etwas abhandengekommen sein, so werde ich selbstverständlich dafür aufkommen." "Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Senor Gonzales." Er winkt gönnerisch ab. "Dafür wird sich früh genug eine Gelegenheit bieten."

Don Alfredo redet fast eine Stunde lang, als hätte er gerade sechs Monate der Einsamkeit in Tierra del Fuego hinter sich. Er spricht von seinen Plantagen mit Obstbäumen, Sojabohnen, Wein, Datteln und Feigen, welche letzteren eine Marotte seiner Frau seien, die arabische Vorfahren zu haben glaubt. Aber die Datteln wären allerdings nicht von der gleichen Sorte wie in Damasco.

Don Alfredo erklärt, wie gut der Boden hier ist, Lösboden, den die Flüsse in Jahrmillionen aus dem Gebirge herangespült und die Winde über die Ebene verbreitet haben. Und wie gut das Wasser ist, reich an Mineralien und klar wie ein "Frühlingsmorgen". Er spricht mit Begeisterung davon, wie unendlich viel Wasser im Schnee und Eis der Cordillera steckt, als würde das alles ihm gehören. "Davon werden meine Urenkel noch im Überfluss haben, Senor Melzer, im wahrsten Sinne des Wortes."

Und wie er alles hier "mit eigenen Händen und im Schweiße meines Angesichts" aufgebaut habe, denn die Leute, die bis dahin hier waren (dabei macht er eine Kopfbewegung zu Manuel hin) hätten nur so dahinvegetiert, ohne Sinn und Verstand und ohne einen Funken Ahnung davon, was für Reichtümer dieses Land seinen Bewohnern bietet. "Man muss sie nur zu Tage fördern. Auch hier wird einem nichts geschenkt. Die Natur ist freigebig auf der einen Seite, aber sie kann ebensogut unbarmherzig sein, und wenn einen das Unglück trifft, kann man über Nacht alles verlieren."

Manuel auf seinem Stuhl rutscht hin und her, gähnt und bohrt in der Nase, er langweilt sich tödlich. Plötzlich geht eine der holzgetäfelten Türen auf, und zwei Hunde, groß wie Kälber, kommen hereingesprungen und stürzen sich sofort auf den Jungen. Er fährt zusammen und schreit auf, als sie mit ihrem Geifer sein Gesicht besabbern. Auch Johann erschrickt, aber Don Alfredo lacht wie über eine Zirkusnummer, und erst als einer der Hunde böse knurrend sich in Manuels Ärmel verbissen hat, gebietet er ihnen Einhalt, sie gehorchen und legen sich zu seinen beiden Seiten nieder.

Manuel wischt sich die Tränen aus den Augen, und Johann meint "Da siehst du, wie es ist, wenn einer an einem herumzerrt", und spielt damit auf sein ungehöriges Betragen im Hotel an. "Was sagten Sie, wohin Sie den Jungen bringen wollen?", fragt Don Alfredo, nachdem er sich eine frische Zigarre angesteckt hat. "Nach Villa Angela, zu seiner Tante."

"Ich habe immer mal in Villa Angela zu tun, ich schicke dann einen meiner Männer dorthin, er kennt sich bestens aus, er könnte den Jungen mitnehmen, da sparen Sie sich die Reise." "Das würden Sie für mich tun?", sagt Johann und überlegt kurz, "Aber nur, wenn es Ihnen wirklich keine Umstände macht." "Überhaupt nicht." "Sie verstehen, daß ich mich im Moment um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern habe." "Eben darum biete ich es Ihnen an. Packen Sie seine Sachen zusammen, und ich lasse ihn in den nächsten Tagen abholen." "Großartig, ich danke Ihnen, Senor Gonzales." "Nennen Sie mich Don Alfredo." "Natürlich, gern, ich heiße Johann." "Juan." Er erhebt sein Weinglas, und sie stoßen an.

"Wie ich höre, Juan, sind Sie auf der Suche nach einer Wohnung", sagt Don Alfredo, "ich denke, ich hätte da etwas für Sie, ein hübsches Häuschen in der Calle Florida, Nummer achtundsechzig, neben dem Frigorifico Montanari. Schauen Sie es sich einfach mal an, wenn es Ihnen gefällt, sagen Sie Bescheid und wir werden uns bestimmt einig über den Preis."

'Was für ein Glück', denkt Johann, 'daß ich Don Alfredo begegnet bin.' Auf einen Schlag sind drei Probleme beseitigt; er ist sich jetzt schon fast sicher, daß er das Haus in der Calle Florida nehmen wird. Er muss darüber schmunzeln, wie Don Alfredo gesagt hat, er solle Manuels Sachen zusammenpacken: die Mutter hatte ihm ja gar nichts mitgegeben; und wiederum kann er über diese Frau nur mit dem Kopf schütteln.

Er erklärt Manuel, daß er nun zu seiner Tante fahren werde und eine Weile dort bleibt, bis er dann so früh wie möglich zu seiner Mutter nach San Juan zurückkehren kann. Er spricht so, als wäre das alles genau geplant und fest vereinbart, und er ist froh, als er sieht, daß Manuel offenbar damit zufrieden ist.

Tags darauf geht er frühmorgens in die Calle Florida Nummer 68, und schon beim Anblick des Hauses hüpft ihm das Herz vor Freude. Es hat einen hellen, ockerfarbenen Putz und dunkelrote Dachziegel, und davor steht ein großer Walnussbaum und dahinter ragt eine Zypresse spitz in die Höhe. Die grüngestrichenen Läden sind geschlossen und die Eingangstür ebenso. Er geht um das Haus herum, und dahinter erstreckt sich auf etwa hundert Meter ein schmaler Garten, an dessen Ende ein paar Olivenbäume die Grenze bilden. Er ist ziemlich verwildert, aber Johann denkt, wenn das hohe Gras und das Gestrüpp beseitigt sind, dann sieht es hier herrlich aus. Auf der rechten Seite steht ein Schuppen, an dessen einer Außenwand allerlei Gerümpel liegt.

Erst als er sich wieder umwendet, bemerkt er den Wintergarten an der Rückseite des Hauses, als wäre er gerade in diesem Augenblick dorthin gezaubert worden. Er ist fast vollständig verglast und auch im Dach sind zwischen den Metallstegen Scheiben eingefügt. Das Glas ist an einigen Stellen gesprungen und das Gitter ist hier und da angerostet, doch das wird man ohne großen Aufwand ausbessern können, meint er. Oh, wie würde Christiane darüber staunen, die sich zu Hause so etwas immer gewünscht hat.

Im Innern stehen ein paar Sessel mit Korbgeflecht und ein kleiner runder Tisch mit einem verschnörkelten Eisengestell; in einem blauen Tonkrug steckt ein verwelkter Blumenstrauß. Am Vordereingang trifft er eine ältere Frau, die ihn fragt, ob er der Senor aus Deutschland sei; Don Alfredo habe sie beauftragt, ihm die Schlüssel zu geben, damit er sich das Haus in aller Ruhe von innen anschauen kann. Es wundert ihn nicht, wie Don Alfredo der Frau über Nacht hatte Bescheid sagen können.

Der Raum, der zum Wintergarten führt, ist das Wohnzimmer, in dem einige alte Möbel stehen. Es ist alles voller Staub und Spinnweben, doch Fußboden, Wände und Decke scheinen auf den ersten Blick in Ordnung zu sein. Ein Tür führt nach nebenan in einen großen, bis auf ein mächtiges Sofa, leeren Raum, der gut als Arbeitszimmer geeignet ist. Johann öffnet überall die Fenster und lässt Licht herein.

Es gibt eine Küche und ein Badezimmer, einen weiteren Raum, der das Atelier werden könnte sowie eine kleine Kammer. Eine Holztreppe führt hinauf, und oben haben, bis auf eins, alle Zimmer eine Dachschräge, und an einer Stelle hat es reingeregnet und die Wand hat Flecken. Eine sehr schmale und steile Stiege geht offenbar bis unter den First, und Johann hört von dort Tauben gurren. Unter der Treppe befindet sich der Abort, das Klosettbecken ist stark verschmutzt und es hat weder Klobrille noch Deckel; man würde es gleich durch ein nagelneues ersetzen.

Er geht nochmal in das Arbeitszimmer, und da sieht er an der Wand eine provisorisch verblendete Tür und ihm war vorhin aufgefallen, daß draußen an dieser Stelle der Boden mit Steinplatten zu einer Terrasse bedeckt ist. Er schaut es sich von außen an, und von hier geht es geradewegs durchs Gras zu dem Schuppen hinüber. Man könnte von der Terrasse bis dorthin einen Laubengang bauen, denkt er und sieht im Geiste schon, wie sich der Wein mit schweren Trauben über die Pergola rankt.

Die Frau sitzt vorn im Schatten und hat geduldig gewartet. Er gibt ihr die Schlüssel zurück, und sie meint, falls er dann hier einziehen will, würde er sie zwei Häuser weiter jederzeit antreffen. Sie lächelt freundlich, er sagt "Ja gut, ich denke, daß ich morgen schon herkommen werde." "Wie schön für Sie, Senor", erwidert sie und geht hinein, um die Fensterläden wieder zu schließen.

Er will sogleich zu Don Alfredo, um alles Vertragliche wegen des Hauses zu regeln, aber der ist nicht da. Ein Bediensteter gibt Johann eine Mitteilung in einem Umschlag, in der Don Alfredo ihn an einen Mitarbeiter verweist, der mit seinen Immobiliengeschäften betraut ist. Es ist heiß an diesem Tag, und Johann ist vom Hin- und Herfahren durstig geworden, er macht eine Pause, geht ins Cafe "Amatista" und bestellt eine Limonade.

Es ist leer, ruhig und einigermaßen kühl im Cafe, drei Tische weiter sitzt eine junge Frau. Sie fällt Johann auf, weil sie sehr blondes lockiges Haar hat, wie man es bei den Frauen an diesem Ort nicht häufig zu sehen bekommt. Sie blickt gedankenversunken in den Raum, aber als der Kellner die Limonade bringt, und Johann das Glas mit dem ersten Schluck bis zur Hälfte leert, bemerkt er, wie sie kurz zu ihm herübersieht.

Er denkt an Carmen, die im Bonafide in Buenos Aires an seinen Tisch gekommen war, weil er so verlassen dagesessen hat. Er muss schmunzeln, und da glaubt er, daß der blonden Dame ebenfalls ein kleines Lächeln um die Mundwinkel spielt, ihre Blicke treffen für eine Sekunde aufeinander. Im Hinausgehen fragt er den Kellner beiläufig, wer diese junge Dame sei, und der flüstert ihm zu "Miss Norma Eastham". Johann wendet sich noch einmal um, aber sie träumt vor sich hin.

Don Alfredos Mitarbeiter ist ein kleiner mürrischer Mann in einem Büro, an dessen Wänden lauter Pläne mit Straßen, Wegen, Grundstücks Flächen und Gebäude Grundrissen hängen. Auf die ursprünglichen Zeichnungen sind jede Menge Korrekturen und veränderte Angaben eingetragen, und jeder Unkundige würde schwerlich daraus schlau werden.

Auf Johanns Frage hin holt der Mann aus einem Stapel auf dem Tisch ein Blatt mit dem betreffenden Haus in der Calle Florida hervor, aber Johann muss es erst ein paarmal drehen, bis er die Lageverhältnisse wiedererkennt. Sie besprechen drei, vier Varianten mit verschiedenen Konditionen, zu welchen er das Objekt übernehmen könnte, und einigen sich schließlich auf einen unbefristeten Mietvertrag mit vierteljährlicher Vorauszahlung und ohne Kündigungsfrist. Den knapp achthundert Quadratmeter großen Garten pachtet er zunächst für ein Jahr, die Pachtsumme ist bei Vertragsschluss zu zahlen. Übrigens ist nicht Don Alfredo selbst der Eigentümer, sondern seine Frau, die kennenzulernen Johann noch keine Gelegenheit gehabt hatte.

Der Mann im Büro sagt, er werde den Vertrag in der erforderlichen Form noch heute, spätestens morgen aufsetzen und ihn dann den Parteien zum Unterschreiben vorlegen. "Sie können das Haus ab sofort jederzeit beziehen", fügt er hinzu, murmelt einen Gruß und widmet sich gleich darauf irgendwelchen anderen Angelegenheiten. Johann geht zum Postamt und gibt ein Telegramm an Christiane auf: "Haus mit Garten gemietet - ganz nach deinem Geschmack - liebe Grüße an Annemarie - Euer Johann"

Als er ins Hotel zurückkommt, ist der Hausmeister ganz aufgelöst, jemand habe den Jungen mitgenommen! "Ich wollte die Polizei rufen, aber der Mann sagte, es wäre mit Ihnen abgesprochen." "Ja, das ist richtig", beruhigt ihn Johann, "man bringt ihn zu seiner Tante." "Das hätten Sie mir sagen können", meint der Alte. "Warum?", entgegnet Johann, dann fügt er hinzu "Ich dachte nicht, daß sie ihn so rasch holen." Der Alte schweigt.

Als Johann die Treppe hinaufgeht, ruft er ihm nach "Er hat seine Schuhe vergessen." "Was?" Er hält ihm Manuels Schuhe hin. "Wie der Mann ihn hier rausschleppen will, hat er geschrien, er will seine Schuhe anhaben, da bin ich hoch in Ihr Zimmer und habe sie geholt, aber wie ich wieder runterkomme, ist der Mann mit ihm weg." "Hm", macht Johann, "da kann ich jetzt auch nichts mehr ändern. Vielleicht kennen Sie ja jemand, der sie gebrauchen kann." Der Alte schaut ihn fassungslos an. "Aber Senor, der Junge läuft jetzt da draußen barfuß umher."

Johann scheint zu überlegen, dann kommt er zurück und nimmt sie ihm ab. "Sie haben recht, ich werde sie ihm nachschicken." "Oder Sie bringen sie ihm selber, da können Sie sehen, ob er auch gut angekommen ist." Johann will etwas Grobes erwidern, ihm missfällt die Art, wie der Alte jedesmal versucht, ihn zu beschwatzen, aber dann lässt er ihn einfach stehen und geht hinauf. Er will die alten Galoschen in den Abfall werfen, dann denkt er, dort würde sie der Alte vielleicht finden, und er ärgert sich fürchterlich, daß er durch ihn gezwungen ist, auf solche Lappalien Rücksicht zu nehmen.

Die folgenden Wochen ist Johann damit beschäftigt, sich in seinem neuen Haus einzurichten. Er bestellt Handwerker. Manche kommen nicht, andere drei Tage später, wieder andere unterbrechen ihre Arbeit, um zwischendurch anderswo hinzugehen, wo sie vielleicht besser bezahlt werden. Er lässt einen Mann kommen, der behauptet, ein Gärtner zu sein. Johann erläutert ihm seine Vorstellung, wie der Garten aussehen soll, der Mann scheint nicht zu begreifen, wovon er redet.

Ein Elektriker installiert ein paar neue Anschlüsse sowie Lampen, die Johann besorgt hat. Er hantiert mit den Stromkabeln wie mit Wäscheleinen, er umwickelt die blanken Enden mit Heftpflaster, damit sie sich nicht kurzschließen. Bei ihm zu Hause, sagt Johann, habe es durch so etwas mal einen Brand gegeben. Der Elektriker erzählt ihm daraufhin eine Geschichte, wie sich sein Bruder beim Holzhacken den Daumen abgeschlagen hat.

Eines Nachts kommt ein Gewitter, und Johann schreckt auf, als ein Blitz anscheinend ganz in der Nähe niedergeht. Am nächsten Morgen stellt er fest, daß auf dem Dach kein Blitzableiter ist. Er lässt einen anbringen, und auf dem Schuppen ebenfalls, und der Mann, der das mit seinem Gehilfen bewerkstelligt, vermittelt Johann einen andern, der etwas vom Mauern und Zimmern versteht. Der Arbeitsraum bekommt wieder die Tür zur Terrasse, und der Schuppen eine stabile Rückwand. Außerdem werden die Pfosten für den Laubengang, wie er Johann vorschwebt, aufgestellt.

Bei Don Alfredo gibt es beinahe jede Woche eine Gesellschaft, und die Leute, die Johann dort kennenlernt, helfen ihm mit nützlichen Ratschlägen weiter. Jemand aus der Montanari Familie ist nach Brasilien gegangen, und die Köchin, die in seinem Haushalt arbeitete, ist überglücklich, bei Johann eine neue Anstellung zu finden.

Es kommen auch schon die ersten Kunden, und Johann ist zwei Tage und Nächte damit beschäftigt, sein Atelier zu verschönern. Der Schuppen, den er beim ersten Mal nur flüchtig inspiziert hatte, war fast leer und er hat einen massiven Fußboden, Strom- und Wasseranschluss, und Johann macht ein richtiges Gartenhäuschen daraus und nimmt dafür die Möbel, die er vorn durch neue ersetzt hat.

Von Christiane kommt ein Brief, in dem auch ein paar Zeilen von Annemarie sind. Sie wiederholt die Worte der Mutter, es gehe ihnen gut und sie würden ihn schon sehr vermissen. Johann macht einige Photos vom Haus, schreibt ein paar Erläuterungen dazu und schickt sie nach Seligenbrunn. Es dauert einen Moment, bis ihm die Postbezirksnummer einfällt.

* * * * *

Eines Nachmittags taucht Pepe Molina bei ihm auf und fragt den Senor, ob er vielleicht Arbeit für ihn habe. Johann sagt "Nach allem, was mit meinen Kisten passiert ist, soll ich dir noch vertrauen?" Pepe macht eine demütige Miene. "Oh Senor Melzer, ich weiß, was ich verbockt habe und daß Ihre Kisten gestohlen wurden, weil ich nicht gut darauf aufgepasst habe, aber denken Sie auch daran, daß ich geholfen habe, sie wiederzufinden." "Was soll das heißen? Soviel ich weiß, hat die Polizei die Diebe aufgespürt. Oder willst du etwa behaupten, Don Alfredo hätte mir etwas Falsches erzählt?" "Oh nein, nein" erwidert Pepe schnell, "nie im Leben würde ich so etwas behaupten. Es ist nur so ... er schaut misstrauisch um sich und meint dann ... Senor Melzer, darf ich einen Augenblick hereinkommen?"

Sie gehen durchs Wohnzimmer hindurch in den Wintergarten. "Wie schön Sie es hier haben, Sie wohnen wie ein Fürst. Aber so ganz allein." "Also, worum geht es, ich habe nicht viel Zeit." "Ach Senor Melzer, ich habe einen großen Fehler gemacht und schwer gesündigt." "Dann geh' in die Kirche und beichte es dem Padre." Er antwortet nicht gleich, sondern schaut Johann an, als habe er mehr Verständnis von ihm erwartet.

"Ich glaube, Sie sind ein guter Mensch, Senor, und ich glaube auch, daß Sie mir nicht wirklich böse sind, wenn ich Ihnen etwas verrate, das ich bis jetzt für mich behalten habe." "Mach' es nicht so spannend, Pepe." "Es ist so: ich kenne die Diebe, die Ihre Kisten gestohlen haben, es sind schlechte Menschen, soviel steht fest." "Ja und? Das weiß ich inzwischen auch."

"Nein, nein, ich meine, ich kannte sie schon vorher." "Ach so", sagt Johann streng, "jetzt geht mir ein Licht auf! Du und dieses Pack, ihr habt gemeinsame Sache gemacht." "Ja, Senor." "Das hast du der Polizei verschwiegen." "Ja, Senor, aber die ..." "Dann hast du dich nur zum Schein niederschlagen lassen." "Ja, Senor." "Und bist gar nicht bewusstlos geworden." "Doch, Senor. Die haben mir eine Beule verpasst, wie es abgemacht war, aber viel stärker, als es abgemacht war, und da bin ich hingefallen, und als ich da lag, da hat mich der eine, Senor, ich will seinen Namen lieber nicht nennen, in den Rücken getreten, was überhaupt nicht abgemacht war."

"Bist du bei Doktor Turini gewesen", unterbricht ihn Johann. "Ja. Der Doktor hat gesagt, es ist irgendwas da drin aufgeplatzt und eine Weile kam Blut beim Pissen ... also wenn ich ... also Sie wissen, was ich meine. Er hat mir auch Arznei gegeben, die ganz scheußlich schmeckt, aber angeblich hilft." "Und um dich zu rächen, hast du beschlossen, deine Kameraden zu verpfeifen." "Es sind nicht meine Kameraden, Senor. Ein Kamerad, das ist was ganz anderes, ich dachte, Sie wissen das besser als ich. Einer, der einen andern schlägt bloß zum Vergnügen, das ist nie und nimmer ein Kamerad."

"Ja ja, da magst du recht haben. Aber mir ist noch nicht ganz klar, warum du mir das alles erzählst." "Warum? Weil es doch die Wahrheit ist, und weil - oh übrigens, der Graben für's Wasser ist nicht frei, es staut sich vorne und es läuft alles zum Nachbarn rüber." Johann wirft einen Blick nach draußen, der größte Teil des Gartens ist noch völlig verwildert.

"Wenn ich zur Polizei gehe und sage, daß du da mit drin gesteckt hast, dann kriegst du eine Strafe." "Ja Senor Melzer." "Dann könnstest du nicht für mich arbeiten." "Nein." "Angenommen, ich würde nicht zur Polizei gehen, dann könntest du dein Vergehen wiedergutmachen, indem du für mich arbeitest." "Entschuldigung, was könnte ich dann?" "Ganz einfach: ich sage nichts, und du arbeitest hier." "Ja, das wäre einfach." "In Ordnung, dann kannst du gleich anfangen, Werkzeug steht drüben im Gartenhaus."

"Ja", sagt Pepe und bleibt stehen. "Noch was?" "Ja Senor, wieviel Lohn zahlen Sie mir?" "Was? Ich höre wohl nicht richtig! Ich bewahre dich vor dem Gefängnis, und du willst auch noch bezahlt werden." "Ich bin ein großer Sünder, Senor, aber auch ein armer Mann. Meine Strafe könnte ich für umsonst absitzen, aber ich kann nicht für umsonst arbeiten."

Johann schweigt, dann fragt er "Hast du Familie?" "Nein, aber ich habe Schulden." "Woher?" "Darüber möchte ich nicht sprechen." "Hm, wohl bei deinen Kameraden", meint Johann und lacht, aber das Lachen bleibt ihm im Halse stecken und er bekommt einen Hustenanfall. "Wollen Sie etwas von meiner Arznei?", fragt Pepe. Johann winkt ab.

Als er seine Stimme wiederhat, sagt er "Ich gebe dir einen halben Peso die Woche und du bekommst etwas zu essen. Wenn nichts mehr zu tun ist, musst du dir was anderes suchen." "Ja Senor, Gracias Senor Melzer." Er will Johann die Hand küssen. "Lass das, ich bin nicht dein Padron." Pepe macht etliche Verbeugungen und geht dann in den Garten, holt Hacke und Schaufel und macht sich ans Werk.

In der Stadt, neben der Fiambrería Fernandez, steht ein Laden leer, der ein großes Schaufenster hat. Johann bringt in Erfahrung, wer der Besitzer ist, und mietet das Fenster für einen geringen Betrag und so lange, wie kein neues Geschäft dort einzieht. Er hängt seine besten Photographien in die Auslage, Abzüge auf feinem Karton, mit Passepartout. Familienphotos, Porträts, Aufnahmen von Kindern, ein paar Gebäude, einige Gärten sowie ein großes Schild, auf dem steht: Juan Melzer, Fotografo de Alemania.

Es kommen Leute aus besseren Kreisen zu ihm, die sich gern ausgestellt sehen wollen. Ein Abgeordneter der Volksversammlung in der Provinzhauptstadt macht sich mit seinem Konterfei populär. Die Feuerwehr präsentiert ihr neues Löschfahrzeug. Und die Geschwister Sabio, eine berühmte Artistengruppe geben Johann ein Künstlerphoto, das laut beigefügter Notiz in seinem Atelier vergrößert wurde.

Daraufhin lässt die Sängerin Luisa Perez ihr Porträt von ihm kolorieren. Sie bezahlt ihn großzügig, aber Johann ist mit der Arbeit überhaupt nicht zufrieden. Die Farben hat er in Buenos Aires bestellt. (Das Kaufhaus Casa Troy hat einen Bestellservice, und einmal in der Woche kommt ein Zug an, bei dem ein ganzer Waggon für das Casa Troy bestimmt ist.) Aber das bisschen Buntheit, das er mit ihnen zustande gebracht hat, ist nur ein matter Abglanz gegenüber der Farbigkeit, die das Tageslicht an diesem Ort hervorzaubert.

An manchen Tagen macht er Ausflüge durch die Stadt und in die Umgebung, um die Farben und das Wechselspiel von Licht und Schatten zu ergründen, das sich hier auf allen Dingen und selbst auf den Kleidern und Gesichtern der Menschen abzeichnet.

Der Lehrer und Naturkundler Ruben Cía, dem er gelegentlich seine Beobachtungen mitteilt, meint, er hätte vielleicht besser Maler statt Photograph werden sollen, schließlich wäre man dann von der Technik unabhängig und könnte mit den Farben besser modulieren. Über diesen Ausdruck denkt Johann eine Zeitlang nach, bis er glaubt, daß auch die "Modulation", was immer sie tatsächlich bedeutet, nur ein Wort ist, um etwas auszudrücken, das man in Wahrheit nicht in Worte fassen kann.

Es sind der Blick und der Anblick, die man mit den eigenen Augen erlebt, welche eine Verbindung zwischen der Seele und der sichtbaren Welt herstellen, eine zutiefst persönliche Verbindung, die unmöglich auf einen anderen Menschen übertragen, ja ihm nicht einmal mitgeteilt werden kann.

Wenn er stundenlang im Atelier oder gar in der Dunkelkammer gearbeitet hat, geht er hinaus ins Lichte und Freie und atmet die ganze Pracht und Fülle des hellen Tages tief in sich ein. Und irgendwann hat er es sich angewöhnt, am frühen Morgen, gleich nach dem Frühstück, durch den Garten zu streifen, um seine Augen sich laben zu lassen an dem unglaublich strahlenden Blau des Himmels, an den pastellfarbenen Gelb- und Grün- und Rottönen der Gräser, an den blendendweißen Blüten der Obstbäume oder eine Weile später am satt leuchtenden Orange ihrer Früchte.

Ihm fällt ein, wie der Wohnungsmakler gemeint hat, er bräuchte hier ja gar kein künstliches Licht zum Photographieren, und Johann diese Äußerung so lächerlich fand. Die Idee von einem Freilicht Atelier ist vielleicht gar nicht so dumm, aber er ist auch jetzt noch der Meinung, daß ihn die Leute damit für einen Spinner halten würden.

Die größte Entdeckung jedoch ist, als er auf den Dachboden hinaufsteigt und bemerkt, daß man durch die beiden kleinen Luken auf die Berge in der Ferne schauen kann. Er sieht außerdem, daß Montanaris Frigorifico nebenan noch um mindestens ein Stockwerk höher ist, und er weiß, daß hinten an dem Gebäude eine Stahltreppe auf das flache Dach führt.

Er fragt Montanari, ob er etwas dagegen habe, wenn er von Zeit zu Zeit "bei ihm aufs Dach steigen" dürfe, und als dieser begriffen hat, was Johann meint, sagt er "So oft Sie wollen, Juan. Machen Sie sich einen Durchgang in den Zaun, da brauchen Sie nicht immer vorn herum zu laufen."

Johann kauft sich ein Fernrohr mit 15-facher Vergrößerung (das zugegeben ein kleines Vermögen kostet) und verbringt ein um die andere Stunde auf seinem Aussichtspunkt. Am Horizont erheben sich die Gipfel der Cordillera, die zu jeder Tageszeit ein anderes Bild bieten. Mal sind sie wie zum Greifen nah, der ewige Schnee glitzert im reinsten Weiß; mal erscheinen sie wie ein dunkel drohender Höhenzug, der Rücken eines langhingestreckten Riesendrachens. Wenn das Sonnenlicht senkrecht darauf fällt, werden die Spitzen beinahe unsichtbar, und in der Abenddämmerung schimmern die Berge im weichen purpurfarbenen Schatten.

Sogar nachts steigt Johann hinauf und betrachtet den Sternenhimmel. Orion steht auf dem Kopf, und der zunehmende Mond hat, anders als zu Hause, seine helle Hälfte auf der linken Seite. Nur das Kreuz des Südens kann er nicht finden, obwohl es Ruben Cía ihm beschrieben hat.

Wenn tagsüber keine Kunden kommen oder während der Siesta geht er hinüber und schaut auf die Berge. Er hat einen großen Schirm mit aufs Dach genommen, den stellt er auf, wenn die Sonne zu heftig niederbrennt, und meistens weht ein angenehmes Lüftchen hier oben.

Für alle Fälle hat er Pepe Bescheid gesagt, der ihn rufen soll, wenn jemand kommt, und das geschieht auch ein paarmal. Pepe sagt dann "Der Senor sitzt auf dem Dach und guckt durchs Rohr, warten Sie, ich werde ihn holen." Johann merkt nicht, daß die Leute anfangen, über ihn zu reden, und daß seine seltsame Angewohnheit, stundenlang auf Montanaris Frigorifico wie auf einem Feldherrnhügel Ausschau zu halten, wahrscheinlich kurioser ist, als es ein Freilicht Atelier hätte sein können.

Den Lehrer Ruben Cía hat Johann im Cafe Amatista kennengelernt, der dort ein Stammgast ist. Er kennt auch Norma Eastham, nach der sich Johann bei ihm erkundigt. Sie ist die Tochter des englischen Ingenieurs Robert Eastham, der wegen der Eisenbahn nach San Gabriel gekommen und maßgeblich an deren Errichtung beteiligt gewesen ist. "Die gehören zu dem englischen Clan", sagt Ruben mit einem argwöhnischen Unterton. "Wenn Sie da mal eingeladen werden, nehmen Sie genug Geld und ein Kissen mit, und gehen Sie nicht hungrig hin. Das Essen ist dürftig, die Stühle umbequem, und sie veranstalten da dauernd sorteos für irgendwelche Wohltätigkeitszwecke, bei denen man teure Lose kaufen muss und bloß geschmacklose Handarbeiten gewinnen kann. Es wundert mich übrigens", fügt er hinzu, "daß man noch nicht an Sie herangetreten ist, Juan. In diesem Sommer feiern wir nämlich zehnjähriges Jubiläum, da zum ersten Mal ein Zug im Bahnhof von San Gabriel eingefahren ist. Solche Ereignisse werden gewöhnlich für die Nachwelt im Bild festgehalten."

Ruben Cía hat mit seiner Vermutung ganz richtig gelegen. Mitte Dezember, kurz vor Sommeranfang, erhält Johann eine Einladung vom "English Speakers Club" zu einer Party ins "Clearwater House". Johann erfährt, daß es an einer Allee in La Puntilla liegt, einem noblen Stadtbezirk, der sich entlang eines kleinen Flusses erstreckt.

Johann trägt seinen neuen Anzug aus hellem Leinen, den er zwei Wochen zuvor beim Schneider hat anfertigen lassen. Der Beginn ist für einundzwanzig Uhr angegeben, und da ihm die Gegend noch nicht vertraut ist, beschließt er, sich gegen sechs auf den Weg zu machen, nachdem er, eingedenk von Rubens Rat, noch einen Bissen zu sich genommen hat. Er steckt auch etwas Geld ein, aber das Kissen lässt er selbstverständlich zu Hause.

Er nimmt eine Droschke, und der Fahrer sagt, so weit hinaus würde er um diese Zeit nicht mehr fahren, es sei denn, der Senor nehme ihn auch für den Rückweg. Der Preis, den er dafür verlangt, erscheint Johann allerdings übertrieben. Der Mann bringt ihn bis zu einer Kreuzung, von wo aus, nach seinen Worten, andere Kutschen nach La Puntilla verkehren.

Johann findet eine und sagt "Fahren Sie auf der Allee weiter." Aus dem Wagen heraus betrachtet er die Landschaft. Es stehen viele Bäume hier, vor allem Akazien, man meint, durch ein richtiges Wäldchen zu fahren, wo ab und an eine Seitenstraße hineinführt. Die Häuser liegen versteckt und still hinter Sträuchern in üppigen Gärten, und wenn man einen Blick auf sie erhascht, wirken sie ein bisschen verlassen.

Dann sieht er linker Hand durch das Grün den Fluss hindurchschimmern. Er überlegt, ob er anhalten lassen soll, dann fragt er den Kutscher, wie weit es noch bis Clearwater House wäre. Der Kutscher zuckt mit den Schultern, als hätte er nie davon gehört.

"Halten Sie an." Johann zeigt ihm die Einladungskarte, da sagt er auf einmal "Ach, das meinen Sie, das ist nicht mehr weit, nur noch ein Stück, gleich da vorn." "Dann laufe ich bis dorthin." Der Kutscher murrt, fügt sich dann aber, nimmt das Geld und kehrt um.

Johann sucht einen Weg zwischen den Bäumen hindurch zum Fluss, aber da ist nur einer parallel zur Straße, und jenseits eines gepflegten Streifens mit einigen Ziersträuchern ist ein Zaun, hinter dem anscheinend kein bewohntes Grundstück ist.

Zwei halberwachsene Mädchen kommen ihm entgegen, sie schwatzen laut miteinander und sehen aus, als kämen sie von einer Schulstunde. Er fragt sie, wo es zum Fluss geht. "Nirgends", faucht ihn die eine fast böse an, sie bleiben nicht mal stehen.

Es geht auf acht Uhr zu, die Sonne steht schon tief am Himmel, ihr Licht fällt längs in die Flussniederung hinein, er sieht das Wasser glänzen, er will jetzt unbedingt dorthin gehen. An einer Stelle ist ein Baum umgestürzt und hat den Zaun niedergedrückt. Man hat angefangen, den Stamm zu zersägen. Johann klettert darüber hinweg. Auf der andern Straßenseite erscheint ein Mann hinter dem großen Gartentor und beobachtet ihn dabei.

Johann durchquert auf einem Trampelpfad das Auenwäldchen, er entfernt sich immer weiter von der Allee und verliert den Fluss aus den Augen. Er hört Frösche quaken, und oben in den Bäumen scheint ihn ein Vogel mit seinem seltsamen Ruf zu verfolgen. Kleine Tiere huschen vor ihm vorüber, dann erkennt er, daß es Meerschweinchen sind.

Endlich hat er den Waldrand erreicht, vor ihm liegt das Flussbett, es ist ausgetrocknet und über und über mit blanken, rundgescheuerten Kieseln bedeckt, die sich stellenweise zu kleinen Hügeln angesammelt haben, als wäre darunter etwas begraben. Es mögen hier an die dreihundert Meter bis zum andern Ufer sein, und drüben säumt das Flussbett ein schroffer Abhang, der sich im dämmernden Licht der untergehenden Sonne langsam rotbraun färbt, wie wenn die Erde anfängt, die Wärme des Tages wieder auszuatmen.

Johann wendet sich nach rechts, und zwischen den Steinhaufen sieht er Flecken mit Wasser, und ein Stück weiter vermehrt es sich zu größeren Lachen, und schließlich ist da wieder der schmale Fluss, den Johann anfangs erblickt hat. 'Offenbar versickert er streckenweise oder wird abgeleitet', denkt er und schaut auf die Uhr. 'Ich muss zurück auf die Allee, wenn ich rechtzeitig ins Clearwater House kommen will.' Er findet einen Weg zwischen den Bäumen und Büschen, und wenn ihn sein erwiesenermaßen guter Orientierungssinn nicht täuscht, muss er sich jetzt halb rechts halten.

Da kommt urplötzlich aus dem Gebüsch ein schwarzer Hund herausgesprungen. Johann erschrickt, zeigt aber keine Furcht. Der Hund rührt sich nicht und lässt Johann auf sich zukommen, er hält irgendetwas zwischen den Zähnen fest, 'wahrscheinlich eine fette Beute', denkt Johann. Der Hund lässt ihn nicht aus den Augen. Johann redet ihm im Vorbeigehen gut zu, es ist ein schönes, schlankes Tier mit glattem Fell und abgeknickten Ohren. Er wedelt mit dem Schwanz. Als sich Johann ein paar Schritte weiter nach ihm umdreht, ist er verschwunden.

Da taucht er abermals vor ihm auf und verhält sich auf die gleiche Weise. Als Johann näher kommt, lässt er ihm den Brocken aus dem Maul vor die Füße fallen. Bei der hereinbrechenden Dunkelheit kann Johann erst auf den zweiten Blick erkennen, daß es eine Schildkröte ist. Sie liegt auf dem Rücken und strampelt unbeholfen mit den Beinchen. "Na mein Freund, die ist wohl etwas zu hart für dich."

Der Hund stupst sie mit der Nasenspitze zu ihm hin, tritt zwei Schritt zurück und senkt ergeben das Haupt. Johann hebt sie auf, ihr Kopf bewegt sich hin und her, als wäre sie blind. Der Hund bellt zweimal und winselt. "Das ist nett gemeint, aber so etwas kann ich nun gar nicht gebrauchen."

Von hinten kommt im rasanten Tempo ein Automobil. Johann winkt dem Fahrer anzuhalten. Der bremst scharf und ruft "Hola Senor, que pasa?" "Können Sie mich mitnehmen, ich möchte zum Clearwater House." "Of course, genau da hin fahre ich auch. Wollen Sie die turtle dem Koch mitbringen?" "Bitte? Ach so, die hier, die hat mir ..." Er schaut um sich, der Hund ist weg. "Nun kommen Sie schon, wir sind ein bisschen spät dran." "Ja natürlich." Er setzt die Schildkröte am Wegrand ab und steigt ein.

"Ich heiße Johann Melzer, ich bin Photograph aus Deutschland." "Ah, der immer aufs Dach klettert." "Bitte?" "Ich habe schon von Ihnen gehört, die Leute sagen, Sie machen gute Photos. Ich bin Harry Gordon." "Sie gehören zu den Engländern?" "Gehört man dazu?" "Oh, ich meinte ..." "Wollen Sie sich hier ansiedeln, John?" Es klingt, als hätte er für den Fall ein Handbuch mit Überlebensstrategien parat. "Ich weiß nicht." "Es muss doch einen Grund geben, warum Sie hergekommen sind."

"Muss es den geben?", fragt jetzt Johann zurück. Harry lacht, die Offenheit scheint ihm zu gefallen. "No, it ain't necessarily so. But I don't believe, that anyone comes to Argentina, wenn er nicht auf der Suche nach irgendetwas ist. Das war schon so, als Mendoza und seine Leute dieses Land betreten haben, und das ist heute immer noch so. Seien Sie ehrlich, John, wir sind hier unter uns und ich werde es bestimmt für mich behalten." "Also gut", sagt Johann, "ich suche eine Frau."

Harry lacht und klatscht mit den Händen aufs Lenkrad. "Ha ha ha, das hätte ich wahrscheinlich an Ihrer Stelle jetzt auch gesagt." "Wieso?" "Weil es das Harmloseste ist. Und weil Ihnen dabei jedermann behilflich sein wird, es sei denn, Sie haben es gerade auf seine Frau abgesehen." "So vielen habe ich es noch gar nicht gesagt, genau gesagt, sind Sie der zweite." "Sie sind also Ihres Junggesellen Daseins überdrüssig?" "Nein, ich bin verheiratet."

Harry pfeift durch die Zähne. "Du liebe Güte! Eine reicht Ihnen wohl nicht." "Und Sie, Harry? Was suchen Sie hier?" Sie fahren in eine scharfe Rechtskurve, und ein Stück weiter kommen sie auf die Allee. "Ich?", meint Harry und biegt in die Einfahrt zu einer großen Villa ein, "ich suche die günstige Gelegenheit, um wieder von hier fortzukommen."

Sie halten vor einem massiven eisernen Gittertor mit lanzenartigen Spitzen. Jemand öffnet es, Johann blickt auf die breite Vorderfront von Clearwater House. Harry sagt "Im Moment ist in Clearwater House die Stimmung - wie soll ich sagen - ein bisschen verkrampft." "Ich bin schon vorgewarnt worden", meint Johann, und Harry lacht. "John, ich glaube, Sie könnten mir sympathisch werden."

Clearwater House gehört einem englischen Admiral, der über achtzig ist und seit Jahren an einer fortschreitenden Nervenkrankheit leidet, die nicht nur sein Gedächtnis angegriffen, sondern auch seine ganze Persönlichkeit allmählich verändert hat. (Später hört Johann von anderer Seite sagen, er habe die Syphilis.) Er ist sehr vermögend, hat eine große Verwandschaft und einen noch größeren Bekanntenkreis, in dem sich ständig Leute hervortun, die zu den Favoriten des senilen Befehlshabers aufrücken möchten.

Harry erzählt Johann, daß vor etwa einem Jahr ein Fräulein bei ihm aufkreuzte, das frisch aus Europa gekommen war und sich hier in der Colonia Elena aufhält, die vorwiegend von Franzosen bewohnt wird. Die Dame ist sehr jung und sehr hübsch, und sie behauptet, eine Enkelin aus der mütterlichen Linie eines Schwagers des Admirals zu sein, der irgendwann in nachnapoleonischer Ära von England nach Frankreich übergesiedelt war.

Ihre Besuche häufen sich innerhalb kürzester Zeit, und wenngleich sich durch den weitläufigen Verwandtschaftsgrad zu dem Alten ihrer beider Blut so sehr mit fremdem gemischt hat, daß man ihre Beziehung nicht illegitim nennen kann, so ist sie jedenfalls suspekt. Ein Neffe des Admirals, der sein Vermögen verwaltet, konnte leider nicht herausfinden, ob die kleine Geliebte tatsächlich aus der Familie seiner Schwester stammt, aber man konnte es auch nicht sicher ausschließen. "Und was auch immer man dem Alten eintrichtert", meint Harry, "er hat es morgen sowieso wieder vergessen. Kann man es ihm vermiesen, wenn ihm auf seine letzten Tage so ein flotter Feger nochmal die Kanone putzt?"

An diesem Abend ist der Admiral unpässlich, und die Party ist zu einer gemütlichen Runde zusammengeschmolzen. Gott sei Dank ist er fast taub, und man muss unten im Salon keine Rücksicht auf ihn nehmen, aber die kleine Kapelle spielt ohnehin bloß dezent vor sich hin. Die Männer haben sich ins Raucherzimmer zurückgezogen, die Frauen sitzen lange im Laternenschein auf der Terrasse.

Es heißt übrigens "English Speakers Club", weil darunter auch Amerikaner sind, so zum Beispiel ein Bergführer aus den Staaten, der angeblich mit Jack London in Alaska herumgekraxelt ist. Johann hört anfangs seinen Schilderungen mit Interesse zu, er erhofft sich Aufschluss über die Geheimnisse der Bergwelt, die ihn selbst unablässig beschäftigt.

Aber der sonnengebräunte, athletische Mann mit dem breiten Akzent erzählt vom Bergsteigen wie von einer bis ins letzte durchorganisierten Unternehmung. Da geht es nur um den Bau von Basislagern und Mengen Proviant, um die Beschaffenheit von Eispickeln und Karabinerhaken, um Zeltgestänge, Seile und um Atemgeräte mit in Flaschen gepresstem Sauerstoff. Davon spricht er wie von einer Wunderwaffe gegen die Naturgewalten, und überhaupt hat er einen Zug von Unerbittlichkeit an sich, als wäre es sein größter Traum, einmal Hannibals Feldzug über die Alpen an Kühnheit und Entschlossenheit zu übertreffen.

Apropos Krieg: Einige Herren sind verwundert darüber, daß Johann hier in den vergleichsweise unspektakulären argentinischen Gefilden sein Glück machen will, wo doch zur selben Zeit in Europa der Krieg tobt, der erste der Menschheit, in dem das Schlachtengetümmel mittels Photographie, ja sogar mit Kinematographie festgehalten werden kann.

"Als Kriegsberichterstatter" meint einer der Gäste, "könnten Sie mit Ihrem Beruf jetzt Geld scheffeln ohne Ende. Die Leute wollen informiert sein, die Presse erlebt einen ungeheuren Aufschwung, der Krieg kommt jeden Tag mit der Zeitung ins Haus, ohne daß dabei auch nur ein Tropfen Blut fließt. Ich habe gehört, daß der Photograph mit dem Bild von den französischen Giftgasopfern so viel verdient hat, wie sonst in einem ganzen Monat."

Johann versucht, ein paar Gegenargumente vorzubringen, aber in Wahrheit hatte er bis jetzt darüber gar nicht nachgedacht; der Krieg kümmert ihn sowenig wie die Tatsache, daß er hier in Clearwater House eigentlich mit den Feinden verkehrt, und daß die Engländer, während sie ihm hier einen Cocktail reichen, derweil in Europa seine Landsleute mit Granaten beschießen.

Man bittet Johann, zur Jubiläumsfeier der Eisenbahn von San Gabriel am Bahnhof Photos zu machen, ein Sonderzug soll ankommen, und es werden einige wichtige Persönlichkeiten erwartet. Johann nimmt den Auftrag natürlich bereitwillig an.

Norma Eastham und ihren Vater hat er jetzt übrigens nicht getroffen. Er fragt Harry nach ihr, der reagiert ein wenig sonderbar und zieht die Augenbrauen hoch. "Woher kennen Sie denn Norma?" "Aus dem Cafe Amatista", erwidert Johann und sagt ihm, was er über ihren Vater weiß. Ja, meint Harry, ihr Vater sei ein außergewöhnlich fähiger Ingenieur, leider würden das die Bosse von der Eisenbahngesellschaft nur ungenügend würdigen. Noch bevor Johann Näheres von ihm erfahren könnte, wechselt Harry das Thema.

Es geht auf Mitternacht zu, als sich die Gäste nach und nach auf den Heimweg machen. Für Johann steht eine Droschke bereit. Er hatte gehofft, daß jemand ihn im Auto mitnehmen würde, aber keiner hat es ihm angeboten, und Harry bleibt mit drei, vier Gentlemen noch da, offenbar haben sie etwas unter sich zu besprechen. Wenigstens ist die Fahrt zurück in die Stadt bereits bezahlt.

Der kleine Platz vor dem Eingang liegt im Halbdunkel. Ein Diener begleitet ihn hinaus, und draußen fragt er Johann "Gehört dieser Hund zu Ihnen, Sir?" Im Schatten der Droschke steht derselbe schwarze Hund, der ihm unten im Auenwald begegnet war. Er wedelt mit dem Schwanz, senkt ergeben das Haupt, und im Maul hält er einen Brocken, von dem Johann inzwischen weiß, um was es sich handelt.

"Streunende Tiere werden auf unserem Anwesen liquidiert, wenn sie bloß den Versuch machen, es zu betreten", sagt der Diener mit Nachdruck, "und keiner von den anderen Gästen besitzt einen solchen Hund." Johann schaut ihn an, ihm ist, als habe er gehört, was der Diener gesagt hat. "Ja, das ist meiner." "Vielleicht wäre es besser, wenn Sie ihn das nächste Mal zu Hause lassen, Sir. Wir können hier wirklich nicht für seine Obhut garantieren." "Ja, ich werde daran denken." Er macht dem Hund ein Zeichen, der springt in die geöffnete Wagentür, und Johann steigt hinterdrein. Der Diener schließt die Tür und ruft dem Kutscher zu "Abfahrt!"

Pepe Molina findet sofort Gefallen an dem Hund, und Johann verschweigt, daß er ihn eigentlich unterwegs aus dem Wagen schmeißen wollte, mitsamt seiner stupiden Freundin. Pepe gibt ihm mit Einverständnis des Senors den Namen Mango, und Mango bewacht fortan Haus und Garten. Was die Schildkröte betrifft, so ist Johanns Köchin Ines überzeugt, daß sie aus irgendeinem Haushalt fortgelaufen sei, wie das die Eigenart aller Schildkröten wäre. Sie würde ebenso auch von hier wieder ausbüchsen. "Diese Viecher schleppen sich durch die Welt, als täten Sie's dem Herrgott zum Trotz, weil er ihnen bloß so ein paar Zigarrenstummel als Beine gegeben hat." Es wäre jedenfalls überflüssig, sich für die kurze Zeit, die sie hier bleibt, extra einen Namen auszudenken.

Mag sein, daß Ines recht hat, und die namenlose Schildkröte sich sogleich wieder auf- und davon macht, tatsächlich ist sie auch mehrmals für Tage verschwunden, aber jedesmal bringt Mango sie wieder angeschleppt und legt sie mit dem Bauch nach oben auf die Schwelle der Küchentür. Da liegt sie und strampelt, bis sich einer erbarmt und sie auf die Füße setzt, worauf sie mit der Unbeirrbarkeit eines Glücksuchers ihren Weg fortsetzt.

Als Johann eines Nachmittags im Wintergarten sitzt und in einer Illustrierten blättert, klopft Pepe leise an die Scheibe. "Senor, darf ich Sie einmal kurz stören?" "Komm' herein, was gibt's?" Pepe nimmt seine Mütze ab und bleibt vor dem runden Eisentischchen stehen. "Ich frage mich die ganze Zeit, Senor, was ist eigentlich mit dem Jungen passiert, den Sie damals bei sich hatten, wie Sie in den Schuppen gekommen sind, wo Ihre Kisten ..." "Ich weiß schon, wen du meinst, er ist zu seiner Tante nach Villa Angela gefahren." "Ach ja, so so." Er überlegt.

"Nach Villa Angela, sagen Sie?" "Ja. Kennst du das?" "Ich kenne so ein Villa Angela, da gab es letztes Jahr ein ... wie nennt man das, wenn einer den andern anzündet, ansteckt meine ich." "Eine Epidemie." "Ach so? Dios mio, das Wort ist ja schon schlimm genug. Jedenfalls durfte da letztes Jahr kein Besuch nicht mehr rein oder raus. Na, dann ist das wohl ein anderes Villa Angela", fügt er hinzu. "Ja, so dürfte es sich wohl verhalten." "Wie bitte?" "Ich vermute, es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein anderes Villa Angela", sagt Johann und macht sich über Pepes Begriffsstutzigkeit lustig. "Das ist auch wieder wahr", meint Pepe und spricht "so, dann werde ich mich jetzt weiter meiner Arbeit übergeben."

Einen Tag später erhält Johann einen dicken Brief von Christiane, und er bekommt irgendwie ein ungutes Gefühl, das jedoch gleich verschwindet, als er ihn öffnet. Sie schreibt, sie habe nur wenig Zeit und er müsse sich daher mit einigen Zeilen begnügen, wofür ihn die beigefügten Photos "entschädigen" mögen.

Die meisten dieser Photos sind vom Haus, an dem sich offensichtlich einiges verändert hat. Die Front zur Parkseite hin ist völlig umgestaltet worden, oben prangt ein riesiger Balkon und an der Seite führt eine schmale Freitreppe hinab. Das Schaufenster vom Atelier ist jetzt doppelt so breit, und davor ist außen der Erdboden mit hellen Steinplatten belegt. Der Wintergarten befindet sich hinter dem Haus und ist voll von exotischen Pflanzen. Auf einem Bild sitzen Christiane und eine Frau, die er nicht kennt, unterm Sonnensegel auf dem Balkon, und man kann sehen, daß das Dach neu gedeckt wurde.

Die Aufnahmen sind nicht schlecht, und Johann vermutet, daß sie der junge Photograph gemacht hat, dem er das Atelier verpachtet hat. Irgendwie kommt es ihm beinahe mysteriös vor, daß Christiane zu Hause fast das gleiche bewerkstelligt hat, wie er hier bei sich, ja in manchen Dingen wie etwa beim Dach mit den schönen neuen Ziegeln, ist sie ihm sogar voraus.

Sie hat überall Bemerkungen daraufgekritzelt, bei den Wintergartenbildern hat sie sogar die botanischen Namen und die Herkunft(!) der Pflanzen auf die Rückseite geschrieben. Nie im Leben hatte sie sich für so etwas interessiert! Auf einem Photo sind zwei Mädchen in weißen Sommerkleidern, sie halten Strohhüte in den Händen. "Annemarie und ihre Freundin Clarissa" steht darunter. Johann spürt, wie ihm der Schweiß auf den Nacken tritt, als es ihm nicht gelingt, zu sagen, wer von beiden Annemarie ist. Er untersucht ihre Gesichter mit der Lupe und entscheidet sich schließlich für die linke.

Zwischen den beiden steht ein schwarzweißes Hündchen unbestimmter Rasse, und Johann fällt ein, daß sich Annemarie immer sehnlichst einen Hund gewünscht hat und daß dieser hier höchstwahrscheinlich die Belohnung für ihr gutes Schulzeugnis in diesem Jahr ist, wonach er sich nicht einmal erkundigt hatte.

Er holt die Kamera aus dem Atelier und geht damit in den Garten. Pepe arbeitet an den Beerensträuchern, er fragt ihn, wo Mango wäre. "Den habe ich heute noch nicht gesehen, Senor Melzer." Johann knurrt missmutig und geht wieder ins Haus und dann von einem Zimmer ins andere, er betrachtet alles eine Weile, als stünde es vor dem Verkauf. Er legt sich aufs Sofa und starrt an die Decke. Dann kommt ein Kunde, und als Johann ihn abgefertigt hat, geht er in den Garten und sagt "Pepe, dieses 'Senor Melzer' gefällt mir nicht. Es wäre besser, du würdest Juan zu mir sagen, oder meinetwegen Senor Juan." Pepe schiebt seine Mütze in den Nacken und guckt, als habe man ihm gerade ein günstiges Geschäft angeboten, bei dem es vielleicht einen Haken gibt. Dann sagt er "Ja, das wäre besser." "Gut. Sag' mir Bescheid, wenn Mango wieder da ist." "Ja, Senor Juan."

Mango kommt abends zurück. Er hat sich mit andern Hunden gerauft, er humpelt und am Nacken hat er eine tiefe Verletzung. Pepe sagt "Das muss zusammengedrückt werden." "Wir bringen ihn zum Tierarzt", entscheidet Johann. "Das machen wir lieber gleich", entgegnet Pepe. "Ich habe einen Sanitätskasten im Haus." "Was haben Sie?" Johann holt den Kasten. "Da sind Mullbinden drin, hier schau her." "Oh ja, die hier ist gut." Mango liegt auf der Seite und hechelt.

"Halten Sie ihn und heben Sie ihn an." Johann tut es ganz vorsichtig, und Pepe legt mit erstaunlicher Fertigkeit die Binde um Mangos Hals und Nacken. Mango spürt, daß etwas mit ihm geschieht und will sich wehren, aber er ist zu schwach. "Wie ist das passiert?", fragt Johann. "Wird niemand je erfahren", meint Pepe, zieht die Binde fest und verknotet sie. Und Johann denkt daran, wie Pepe von den Dieben zusammengeschlagen wurde.

Mango bleibt eine Weile liegen, dann erhebt er sich und steht mühsam auf wackligen Beinen. Johann kniet vor ihm. "Sagen Sie etwas zu ihm, Senor Juan, Sie sind der einzige Freund, den er hat." Johann streicht ihm über die Ohren, der leckt an seiner Hand. "Alles wird gut, alter Junge."

Am andern Tag findet Pepe die Schildkröte im Gartenhaus. Johann photographiert alle drei auf einem Bild, Pepe streckt die Schildkröte nach vorn und lacht mit seinen schlechten Zähnen. Johann erzählt ihm von Annemarie, und Pepe macht große Augen und sagt "Hoffentlich kommt die Senorita bald her." "Ja", murmelt Johann, dann stutzt er. "Wie meinst du das?" "Damit Sie nicht mehr so allein sind, wo Sie doch den Jungen schon weggeben mussten."

Bei der Jubiläumsfeier am Bahnhof von San Gabriel trifft er Norma Eastham wieder. "Ah, der Mann mit dem großen Durst", sagt sie, als Johann ihr vorgestellt wird. "Und die Dame mit dem verträumten Blick", erwidert er. Sie verzieht keine Miene; niemand schenkt den Anspielungen Beachtung. Er lernt ihren Vater kennen.

Robert Eastham hat auf dem Kopf kaum noch Haare, aber auf beiden Seiten von den Ohren bis unter die Mundwinkel einen dichten, weißen Bart, nur sein Kinn ist frei und glänzt wie die Schale einer Birne in der Herbstsonne. Er ist groß und kräftig und trotz seines fortgeschrittenen Alters sehr geschmeidig in seinen Bewegungen. (Später erfährt Johann, daß Robert Eastham während seines Aufenthalts in China das Schattenboxen erlernt hat.) Er scheint der Typ von Mann zu sein, dem alles gelingt, was er anpackt, der aber am Ende den Kürzeren zieht gegenüber jenen, die skrupelloser sind als er.

Der Bahnhof ist mit Girlanden geschmückt, eine Militärkapelle schmettert martialische Weisen, Johann kennt sie von dem Photo, auf dem er zum erstenmal den Namen San Gabriel gelesen hatte. Auch die Obst- und Gemüsehändler haben ihre Karren aufgestellt. Ein alter Mann macht in einer Zentrifuge über einem Gaskocher Zuckerwatte. Er wickelt sie auf dünne Holzstäbe und steckt sie auf ein Gestell, das schließlich aussieht wie ein Baum mit rosaroten Wölkchen. Von Zeit zu Zeit scharen sich ein paar Kinder um ihn. Auf dem Dachfirst gurren die Tauben, und die Hunde dösen im Schatten vor sich hin. Alles wartet auf die Ankunft des Sonderzuges.

Es kommen immer noch einzelne Droschken und Automobile mit Herrschaften, die eine Sondereinladung bekommen haben oder sich aus irgendeinem anderen guten Grund blicken lassen. Die Zugänge in den Wartesaal des Bahnhofs sind verschlossen; drinnen hat man ein Büfett mit Speisen und Getränken aufgebaut, aber nicht einmal Mister Eastham kann sagen, für wen es eigentlich bestimmt sei.

Ein Mann spricht Johann an und sagt, er würde ihm zeigen, von wo aus er photographieren solle, wenn es soweit ist. Es ist Orlando, der damals zusammen mit Pepe zähneknirschend seine Kisten in den andern Schuppen zurückgeschleppt hat. "Kennen wir uns?", fragt ihn Johann. "Nein", sagt Orlando. Er tut sehr beschäftigt, läuft umher und gibt allen möglichen Leuten Anweisungen.

Norma Eastham sieht sehr hübsch aus. Sie trägt ein weißes Kleid mit langen Ärmeln, die an den Handgelenken eine Spitzenkrause haben. Es umhüllt enganliegend ihre wohlgeformte Taille. Sie hat rote Schuhe an und eine Kette mit kleinen grünen Steinen um den Hals. Ihr blondes lockiges Haar fällt auf die Schultern herab, und ein sommerlicher Hut aus dünnem Geflecht legt einen weichen Schimmer auf ihr Gesicht. Sie wirkt sehr gesund.

Es überrascht Johann ein bisschen, wie gesprächig sie auf einmal ist, sie fragt ihn regelrecht aus. Wie lange er schon hier sei, wo er wohne, ob seine Familie auch da wäre, woher er überhaupt komme, was er mache und wie es ihm gefalle. Bald scheint es ihm, als wollte sie mit ihren Fragen vermeiden, selber etwas über sich sagen zu sollen, aber dann kehrt er den Spieß um und erfährt, daß nach dem plötzlichen Tod der Mutter in England und "nachdem mein Vater sie zu Hause zur ewigen Ruhe gebettet hat" sie ihn hierher begleitet habe, "obwohl ich nie die Absicht hegte, England zu verlassen."

Sie sagt das wie eine alte Lady, die keinen Schritt mehr über die Grenzen ihrer Besitztümer hinaus macht. "Du liebe Güte, Norma", wendet Johann ein, ohne daß ihm der etwas zu persönliche Ton bewusst wird, "Sie sind so jung! Wollen Sie denn nicht die Welt kennenlernen?" Robert spricht gerade irgendwo im Getümmel mit ein paar Leuten, Norma antwortet nicht gleich auf Johanns Frage, sondern hält nach etwas oder jemandem Ausschau.

Dann wendet sie sich plötzlich wieder ihm zu und fragt wie nach der Uhrzeit "Was für eine Welt meinen Sie damit, John?" "Na zum Beispiel ..." "Etwa die Welt, die man in seiner Vorstellung hat? Von der man träumt? Von der man vielleicht als Kind gehört hat in irgendwelchen Märchen oder Abenteuergeschichten? Meinen Sie die Welt, die stets anders ist als die, in der man tatsächlich lebt?" Wieder liefert sie lauter Fragen statt einer einzigen Antwort.

Er sagt "Wenn ich Sie recht verstehe, glauben Sie nicht daran, daß man in der Ferne etwas finden kann, das man zu Hause vergebens sucht." "Das ist eine interessante Frage. Aber was ist, wenn ..." Sie kommt nicht dazu auszureden, ein paar Kinder rennen wild durch die Menge, und Norma wird von einem Jungen angerempelt. Johann will ihm am Schlafittchen packen, aber er entwischt. Norma lacht. "Lassen Sie nur, er hat es ja nicht absichtlich getan."

Im Grunde ist es ihr wohl recht, daß ihr Gespräche unterbrochen wurde. Aber dann holt sie auf einmal tief Luft und sagt "Kennen Sie Jane Austen?" "Die Schriftstellerin? Nein, ich muss gestehen, ich bin ..." "Wissen Sie, bei Jane Austen gibt es auch eine Welt, nein, eigentlich sind es zwei Welten. Am Anfang ist da eine Welt voller Unklarheiten, voller unbestimmbarer Beziehungen, voller Schwankungen, voller Unentschiedenheit. Es ist eine Welt, in der die Personen auf der Suche nach einem Leben voll Glück und Erfüllung sind, aber nicht wissen, wie sie es anstellen sollen, es zu erlangen.

Und je weiter die Geschichte geht, umso mehr geraten sie in eine Welt voller Ahnungen, voller Möglichkeiten, Erwartungen, Verlockungen und Versprechungen. In Wahrheit ist das jedoch keine andere, keine zweite Welt, sondern die erste, dieselbe, die sich um sie herum in demselben Maße wandelt, je unmittelbarer, entschlossener und auch hingebungsvoller - mit einem Wort: je enthusiastischer sie darin leben. Am Ende ist alles ganz anders als am Anfang, und doch konnte es gar nicht anders kommen."

"Also ein gutes Ende", bemerkt Johann, der nun von so vielen Worten beinahe verwirrt ist. "Gut? Nein, besser, es ist verheißungsvoll. Aber was eigentlich das entscheidende ist: Der Anfang ist kein Anfang, und das Ende ist kein Ende. (Normas Vater ist inzwischen wieder zu den beiden hinzugekommen.) Wenn Sie anfangen, nach einer Welt zu suchen, die anscheinend nicht in Ihrer Nähe liegt, wenn Sie anfangen, von etwas zu träumen, das Sie zu Hause so sehr vermissen, daß es Ihnen im Herzen wehtut, dann sind Sie längst in dieser anderen Welt mittendrin."

Sie schaut Johann in die Augen, und ihr Gesicht bekommt plötzlich einen sehr strengen, einen abweisenden Ausdruck, als sie sagt: "John, wie können Sie mir also unterstellen, ich würde die Welt nicht kennenlernen wollen, bloß weil ich an dem Ort sein möchte, wo ich geboren bin!"

Sie beachtet ihn nicht länger, und Robert Eastham, der wohl bemerkt, wie betroffen Johann ist, sagt in gutmütigem Ton "Meine Tochter hängt sehr an ihrer Heimat. Wissen Sie was, John", setzt er rasch hinzu, "wie wär's, wenn wir demnächst einmal einen Ausflug in die Sierra Gorda und ins Valle del Toro unternehmen, ich denke, dort gibt es einige interessante Motive zum Photographieren für Sie. Was meinst du, Norma?" Sie sagt über die Schulter hinweg "Ja, Papa, das ist eine prima Idee."

Aus der Ferne ertönt das Signal einer Dampflok, in die Menge kommt Bewegung. Robert Eastham sagt "Sie entschuldigen mich, ich muss die Gäste empfangen." Norma ist auch weg. Orlando fasst Johann von hinten an der Schulter als wollte er ihn verhaften. "Kommen Sie, Senor Melzer." Er führt ihn auf den gegenüber liegenden Bahnsteig an die Stelle, von wo aus er photographieren soll. "Wo haben Sie denn Ihre Kamera? Doch nicht etwa vergessen?" "Die hole ich sofort." "Joder! Dann aber ein bisschen pronto, wenn ich bitten darf", sagt Orlando verärgert. Johann kann diesen Kerl nicht ausstehen.

Der Zug fährt im Schritttempo ein. Irgendwo vor der Stadt hat man vorn an die Lokomotive einen Blumenschmuck und ein Schild mit einer goldenen 10 gehängt. Die Leute jubeln, alles winkt, Männer werfen ihre Hüte hoch. Aus den Waggonfenstern winken die Ankömmlinge zurück. Ein Hund schleicht unbeeindruckt vor der Lok übers Gleis. Die Militärkapelle fängt an zu spielen, die Tauben flattern vom Bahnhof auf. Die Bremsen quietschen, die Lok stößt ein paar kurze Puffer aus dem Kessel.

Aus dem zweiten Wagen steigt ein Dutzend Herren in dunklen Anzügen mit Zylinder und goldenen Uhrketten. Die Kapelle verstummt, und ein Mädchenchor fängt an zu singen. Für einen Moment ist es still drumherum und alles lauscht den feinen, hohen Stimmchen. Johann kann von seinem Platz aus alles gut überblicken. Als der letzte Ton verklungen ist, brüllt plötzlich ein Mann "Freie Fahrt nach El Mirasol!" Drei, vier andere wiederholen den Ruf. Jemand gibt der Kapelle ein Zeichen und sie übertönt alles mit einem scheppernden Marsch.

Auf dem Bahnsteig ist eine kleine Tribüne, einer der Herren aus dem Zug hält eine Ansprache. Danach donnert ein Kanonenschuss durch die Luft, zwei, drei Babys fangen an zu schreien. Ein zweiter Herr redet von der Tribüne herab, dann ein dritter, er sucht nach seinem Zettel zum Ablesen. Am Rand zerstreuen sich bereits die Leute, um sich zu vergnügen. Hinter dem Gebäude gibt es etliche Stände, der Duft von geröstetem Fleisch und Gitarrenklänge verbreiten sich.

Ein kleiner Junge zupft Johann am Hosenbein. "Senor, ich trage Ihre Sachen." "Ja, Moment ... ich habe ..." Er schaut nach Orlando, der ist drüben bei den Gästen. Auch Robert Eastham ist dabei. Norma kann er nirgends sehen. "Gut. Nimm' den Koffer, dort hinüber, wo die Droschken stehen." Da ertönt wieder ein Pfiff aus einer Lokomotive, ein weiterer Zug fährt auf einem Nebengleis ein. "Warte mal", ruft er den Jungen zurück, "da kommt noch einer." "Aber Senor, das sind doch nur die Bauern." "Was für Bauern?" "Die aus dem Norden. Ich will auch mal Photograph werden."

"Wie schön", sagt Johann und beobachtet, wie die Leute aus dem andern Zug aussteigen. Es sind ganze Familien mit Kind und Kegel, kleine, dunkelhäutige Menschen in ärmlicher, doch bunt verzierter Kleidung, viele haben dicke, farbige Bänder um den Kopf. Sie schleppen Bündel, Säcke, Körbe; die Frauen halten Säuglinge auf dem Arm, die Kinder sind barfuß. Sie klettern aus den Waggons, die einfache Güterwagen sind, mit Schiebetüren und Schlitzen für Licht und Luft. Niemand vom Bahnhofspersonal ist zu sehen, es scheint, als wäre der Zug selbst führerlos gewesen.

In kleinen Gruppen marschieren sie wortlos zu einem Platz hinter dem Bahnhof, wo Eisenbahnschwellen und Ölfässer gestapelt sind. Johann sagt zu dem Jungen "Komm' mit, ich will von den Bauern noch ein paar Photos machen." "Aber das kostet extra", sagt er und hat Mühe, den Koffer nicht auf dem Boden schleifen zu lassen. Die meisten beachten ihn nicht, als er photographiert. Ein Mann ruft ihm etwas zu, das er nicht versteht, aber es klingt unfreundlich. Von irgendwoher kommt ein Stein geflogen. Ein paar Kinder bedrängen ihn, daß er befürchtet, sie wollen ihn bestehlen, und der Junge, der seinen Koffer getragen hat, stellt sich dicht neben ihn, aber dann pfeift sie jemand zurück und sie laufen davon.

Im Atelier entwickelt er zuerst die Bilder von den Bauern, und er findet sie gut gelungen. Dann macht er sich an die Aufnahmen von der Eisenbahn, sie sind auch nicht schlecht, aber für wen sind sie eigentlich bestimmt? Die Leute vom Englischen Club hatten ihm zwar ein Honorar im voraus gezahlt, aber weder Robert Eastham noch Orlando haben ihm gesagt, wem er sie geben soll.

Tags darauf legt er alle Photos auf der Terrasse unterm Sonnendach aus, und während er sich daran erfreut und sie betrachtet wie eine Ausbeute, sagt ihm Ines, daß ein Mann ihn zu sprechen wünscht. Für einen Augenblick schießt es Johann durch den Kopf, es könnte jener Mann sein, der in Seligenbrunn zu ihm gekommen war mit den Photos, mit denen alles angefangen hat.

Es ist der Chefredakteur der örtlichen Zeitung, die erst vor knapp zwei Jahren gegründet oder genauer gesagt wiedergegründet worden ist, nachdem ihre Vorgängerin pleite gegangen war. Das neue Blatt etabliert sich allmählich. Der Chefredakteur meint, er sei laufend an guten Photos interessiert. Johann sagt, wenn er einen Beitrag über das Eisenbahnjubiläum bringen will, kann er sich von diesen hier welche aussuchen. Der andere schaut sich alle an. "Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?", fragt Johann. "Ja gern." Ines bringt zwei Gläser mit Zitronenlimonade.

"Ich würde die drei nehmen und dieses Photo mit den Bauern." "Ja, das finde ich auch am besten." Der Chefredakteur holt ein Bündel Geldscheine aus der Hosentasche und zieht welche daraus hervor, er ist nicht knausrig. Johann denkt, wenn er jede Woche ein paar Bilder an ihn verkauft, wird das seine Kasse merklich aufbessern.

Der andere sagt "Ich brauche vor allem Photos von Tagesereignissen. Die Leute wollen wissen, was passiert ist, aber viele hier können nicht lesen, also muss man Ihnen Bilder zum Angucken bieten." "Ich verstehe." "Haben Sie keine Vorbehalte, was die Bedeutsamkeit betrifft. Wenn an irgendeiner Straßenkreuzung zwei Automobile zusammengestoßen sind und es ist wenigstens eine Scheibe dabei zu Bruch gegangen, dann ist das schon eine Meldung wert. Besser natürlich, die Fahrer haben auch was abgekriegt. Überhaupt am besten sind Photos von jeder Art Unglück: Brände, Hagelschäden, Ertrunkene Frauen. Und Verbrechen. Einbrüche, Überfälle, vergiftetes Vieh, Bandenkämpfe - Sie sollten ein bisschen mobil sein und möglichst der erste am Ort des Geschehens, dann haben Sie in mir immer einen Abnehmer." "Einverstanden", sagt Johann, und zur Bekräftigung ihrer Abmachung schütteln sie sich die Hände.

Als Johann dabei ist, die Photos von der Terrasse aufzulesen, kommt Pepe angeschlichen. Er hat seine Mütze abgenommen und verbirgt irgendetwas hinterm Rücken. Johann kennt bereits diese demütige Haltung an ihm und ahnt, daß er ihm etwas beichten will. "Mach' nicht langes Theater, sag' was passiert ist." "Passiert ist nichts. Ich wollte bloß, jetzt, wo die Senorita Melzer herkommt, ich meine, ich habe hier ...", er holt einen buntbedruckten Karton hervor, "... ein Spiel, das ..."

Johann nimmt es ihm aus der Hand, es ist ein Roulettespiel im Miniaturformat. Er lacht. "Das ist ja lustig. Annemarie hatte genau so eins gehabt." Er merkt nicht, daß er davon spricht, als wäre es eine Ewigkeit her. "Woher hast du das?" "Ähm, es gehört Ihnen, Senor Juan." "Wie bitte?" "Ich habe es nur an mich genommen, damit es nicht gestohlen wird." "Was für einen Unsinn redest du! Es kann gar nicht in den Kisten gewesen sein, die gestohlen wurden." "Ja, aber das wusste ich vorher nicht, und wie dann diese gemeinen Diebe ..." "Hör' auf, mich schon wieder anzulügen, Pepe!" "Ja, Senor." "Gib' zu, du wolltest es dir selber unter den Nagel reißen." "Wenn Sie damit meinen, daß ich es behalten wollte, so kann ich getrost sagen: nein." "Wahrscheinlich wolltest du's verhökern." "Oh, Senor, ich weiß zufällig genau, was verhökern heißt, und deshalb kann ich abermals getrost sagen: nein."

"Du gottverdammter, einfältiger Trottel, was wolltest du dann damit anfangen?" Pepe setzt seine unschuldige Kaninchenmiene auf und sagt "Ich wollte damit spielen." Johann muss lachen. Er schwenkt den Kasten in der Hand und meint "Das ist ein Spiel für Kinder." "Oh nein, Senor Juan, diesmal irren Sie sich. Dieses Spiel spielt man hier im Casino und da dürfen gar keine Kinder nicht rein." "Ja freilich, aber dort ist es ein richtiges, großes Roulette." "Genau, Rulett, so heißt es. Ach Senor Juan, ich wäre Ihnen so dankbar, wenn Sie mir beibringen könnten, wie man es spielt." "Dafür, daß du mir's geklaut hast?" "Nein, dafür, daß ich's wiederbeschafft habe."

"Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich immer wieder mit dir abgebe." "Weil Sie ein guter und kluger Mensch sind. Und ich bin ein armer, sündiger Mensch. Und weil es in dieser Welt nun mal so bestellt ist, daß die guten Menschen den armen Sündern helfen." Es wäre geradezu gotteslästerlich, würde Johann dem widersprechen. Und außerdem, denkt er, hatte es ihm Annemarie mitgegeben, damit er es gemeinsam mit anderen spielen könne und nicht, damit es Neid in ihnen weckt.

Er legt den Kasten auf den Tisch, nimmt den Deckel ab und breitet das ganze Zubehör aus. Pepe schaut darauf wie auf einen Schatz von Gold und Edelsteinen, von dem er sogleich Besitz ergreifen wird. Johann meint "Mal sehen, ob ich überhaupt noch zusammenkriege, wie das geht. Dieses Ding hier heißt Kessel." "Da rollt immer die Kugel drin rum", ergänzt Pepe wissend. "Genau."

Er faltet das grüne Tuch mit den Sektoren auseinander. "Das ist das Tableau. Die bunten Münzen sind die Jetons, auf denen ihr jeweiliger Wert draufsteht." "Ähm, Senor Juan, können Sie mir das nochmal erklären?" "Also angenommen, du hast hundert Pesos und kaufst dafür Jetons, dann bekommst du ..." "Aber warum soll ich denn meine hundert Pesos gegen diese falschen Münzen tauschen?" "Weil man beim Roulette nicht das Geld selbst aufs Tableau setzt, sondern die Jetons, die entsprechen doch dem Geld." "Und was krieg' ich, wenn ich gewinne?" "Auch Jetons. Die kannst du dann wieder gegen bares Geld umtauschen." "Dann krieg' ich meine hundert Pesos zurück." "Nicht unbedingt. Du bekommst genau das Geld, das wertmäßig den Jetons entspricht, die du gewonnen hast."

Auf Pepes Stirn bilden sich Schweißtropfen, er fragt vorsichtig "Senor Juan, muss man das wirklich alles so genau wissen, wenn man es spielen will?" "Das sind die Regeln. Man kann bei einem Spiel nur mitmachen, wenn man die Regeln kennt." "Ja, gut, das werde ich mir merken."

"Also, du kaufst dir zuerst einen Jeton für hundert Pesos. Den setzt du auf ein Feld, sagen wir, auf die Sieben." "Oh, nicht auf die Sieben, die Sieben ist immer meine Unglückszahl." "Gut, wohin dann?" "Auf die Acht." "Auf die Acht, bitte schön." Pepe lacht. "Jetzt ist gesetzt, der Croupier sagt: rien ne vaplus" "Was?" "Rien ne vaplus! Nichts geht mehr."

Johann lässt die Kugel rollen, Pepe lacht. Sie bleibt auf der 23 liegen. "Verloren! War es schlau, alles auf die Acht zu setzen?", fragt Johann belehrend. "Immer noch besser als auf die Sieben." "Das meine ich nicht. Du hättest nicht alles auf ein Feld setzen sollen, sondern gleichzeitig auch auf alle roten oder auf alle ungeraden Felder, das erhöht deine Gewinnschancen und minimiert den Verlust." "Dacht' ich mir's doch! Es ist nur so, Senor Juan, Sie haben übersehen, daß ich bloß einen Schetong habe." "Du hättest dir für deine hundert Pesos nicht einen Hunderter, sondern lauter Zehner Jetons kaufen sollen, die kannst du besser verteilen." "Davon haben Sie aber nichts gesagt." "Ich sage dir's jetzt." "Wieviel Zehner kriegt man für einen Hunderter?" "Mein Gott, Pepe! Soll ich dir erst noch Rechnen beibringen." "Ja, das wäre gut, das kann man immer mal gebrauchen."

Sie spielen, bis es dunkel wird. Zwischendurch verzweifelt Pepe mehrmals, springt auf und läuft davon; nach einer Weile kommt er zurück. Als ihm Johann die Setzungen erklärt und die dazugehörigen Gewinnquoten aus der Spielanleitung vorliest, kommen Pepe die Tränen und er rauft sich die Haare. Johann versucht, Eselsbrücken zu bauen. "Ein Carré ist wie ein Haus mit vier Zimmern. Ein Dutzend Leute sind zwölf Mann. Eine Kolonne sind genauso viele, aber die laufen alle hintereinander. Rouge ist die rote Schminke, die sich die Damen auf die Wangen tupfen."

Für die Endziffern aller geraden Zahlen macht Johann einen Reim: "Null, zwei, vier, sechs, acht stehen gerade auf der Wacht." Pepe sagt "Null, zwei, vier, sechs, acht haben mir viel Glück gebracht. Das gefällt mir besser." "Ja, aber da steht nicht das Wörtchen gerade drin, auf das es ankommt." "Nein, das muss man sich dazu denken", erwidert Pepe.

Am Ende verkündet er "Wenn die Senora und die Senorita Melzer kommt, werden wir alle zusammen Rulett spielen!" Das bringt Johann zurück in die Wirklichkeit. "Das werden wir", murmelt er. Pepe packt das Spiel wieder ordentlich in den Karton und schiebt ihn zu Johann hin. Der sagt "Behalt' es, Pepe, vielleicht ist es sowieso für dich bestimmt."

* * * * *

Norma Eastham hat im Cafe Amatista eine Nachricht für Johann hinterlassen, auf der steht, daß sie und ihr Vater ihn zu einer Exkursion in die Sierra Gorda einladen, sie würden ihn am Samstag gegen elf abholen. Pünktlich auf die Minute steht Robert Eastham mit seinem Automobil vor Johanns Tür. Er ist gekleidet wie ein Forschungsreisender, seine Weste aus derbem Stoff hat jede Menge aufgesetzte Taschen, und er trägt Reiterstiefel aus dunklem Leder.

Er macht ein komisches Gesicht, als er Johann in seinem hellen, leichten Anzug sieht. "Hat Ihnen Norma nicht gesagt, daß wir zu Pferd ins Valle del Toro reiten werden?" Johann verneint, er hätte es sich denken können. "Okay John, das ist nicht weiter tragisch, aber ziehen Sie sich wenigstens etwas anderes an."

Er tut es und erscheint in einer Baumwollhose und einem karierten Hemd mit langen Ärmeln. "Schon besser", meint Robert, "der Hut steht Ihnen übrigens ausgezeichnet." (Es ist jener Hut, den der Unbekannte, dem er die Photographien abgekauft hatte, in seinem Atelier zurückließ.) "Ich denke, wir werden bei meinem Freund auf der Finca auch ein paar Stiefel für Sie finden." "Ja", meint Johann, "allerdings muss ich gestehen, ich kann gar nicht reiten." "Dann hätten Sie nicht herkommen dürfen", erwidert Robert trocken und fährt los.

"Von all' dem Kram, den die Europäer zu den Ureinwohnern auf diesen Kontinent gebracht haben, gibt es nur zwei wirklich gute Sachen: das Evangelium und die Pferde. Man würde sogar eine ganze Weile nur mit Pferden auskommen." "Was ist mit der Eisenbahn?", fragt Johann. "Ach, die Eisenbahn, John. Sie glauben wohl, ich würde ein Loblied darauf anstimmen."

"Man sagt, Sie wären einer der besten Ingenieure auf Ihrem Gebiet." "Ja, auf meinem Gebiet, das mag schon stimmen. Aber was heißt das? Auf seinem Gebiet, in seinem Fach, in seiner Profession? Was heißt das, wenn man in ein Land kommt, wo die einen nicht mal genau wissen, was das bedeutet: einen Beruf zu haben oder gar eine Berufung! Und die andern mit krummen Geschäften zu Reichtum kommen, für die man ebensogut Analphabet sein kann.

In meinem Wohnzimmer zu Hause in Sheffield hängt die Wand hinter meinem Schreibtisch voll mit allen möglichen Diplomen und Patenten und Auszeichnungen. Wenn ich mir die hier hinhängen würde, müsste ich mich jeden Morgen bei ihrem Anblick totlachen. Bevor die Spanier hierherkamen, war dieser Landstrich von den Mapuche bewohnt, die kannten noch nicht mal das Rad. Was glauben Sie, wie lange es ohne uns gedauert hätte, bis sie auf die Idee mit der Eisenbahn gekommen wären?"

Johann ist nicht ganz klar, was Robert eigentlich beklagt. "Wenn die Menschen hier schon vorher eine Idee von der Eisenbahn gehabt hätten, dann wären Sie und Ihre Kollegen wahrscheinlich weit weniger vonnöten gewesen", sagt er. Robert lacht. "Wir waren auch so nicht vonnöten, wie Sie es formulieren. John, was für eine Vorstellung haben Sie denn von diesem Land? Niemand hat hier jemals auf die Europäer gewartet, man hat nicht einmal mit ihnen gerechnet.

Die Indios leben hier seit zehntausend Jahren und es gab ganz bestimmt nicht einen einzigen Tag, an dem sie so etwas wie eine Eisenbahn vermisst hätten. Vergessen Sie nicht, John, daß Sie sich hier ständig mit Ihresgleichen unterhalten, mit Leuten, die der gleichen Zivilisation und Kultur entstammen wie Sie selbst. Das erleichtert zwar das Leben hier, aber es führt auch dazu, daß Sie bald davon abkommen, irgendetwas Großes vollbringen zu wollen, und Sie beschränken sich auf das Allernötigste, das zu tun ist, um einigermaßen zufrieden leben zu können. Die Eisenbahn ist eine Erfindung für Europa, hier begnügt man sich mit der Hängematte."

"Vielleicht ist das bloß eine Art Anpassung an die Lebensweise der Ureinwohner, sozusagen eine umgekehrte Kolonisierung", sagt Johann und staunt über seinen Gedanken, doch Robert überhört es. "Das ist auch der Grund, weshalb ich meiner Tochter abgeraten habe, nach dem Tod meiner Frau mit hierher zu gehen. Aber sie war in Sorge um mich, und wie hätte ich es ihr verbieten können?

Wir ähneln uns sehr im Wesen, und ich möchte verhindern, daß sie in die gleiche Resignation verfällt wie ihr Vater. Sie wissen vielleicht, daß bei einem Engländer die Resignation immer Ironie ist, und Frauen verabscheuen Ironie nun einmal, sie haben keine natürliche Veranlagung dafür. Ein Mann kann auch in der Resignation noch stark sein und kämpfen, wenn er zwischendurch ein paar Augenblicke hat, wo er sich besinnen kann. Eine Frau, die in Resignation verfällt, versteht die Welt nicht mehr."

Johann denkt daran, wie Norma über Jane Austen referiert hat, und er vermutet, daß sie mit ihren Ansichten davon womöglich genau dieser Gefahr zu entgehen sucht, von der Robert jetzt spricht.

Sie fahren auf einer sehr staubigen Straße, biegen einmal scharf links, dann wieder rechts ab; zu beiden Seiten stehen hohe Pappeln, und dahinter sind grüne Flächen mit reichlich Sträuchern und kleinen Bäumen zu sehen, ab und zu ragen einzelne Palmen in die Höhe. Dann kommen einige Häuser und Hütten, aus großen, groben Steinen gebaut, sie sehen armselig aus und drumherum liegt jede Menge Müll und Unrat. Abgemagerte Hunde streunen umher.

Robert fährt schneller und versucht, die Vertiefungen auf der Straße zu umfahren, aber mehrmals holpern sie über die Unebenheiten hinweg und am Wagen kracht es bedrohlich. "Warum fahren Sie nicht ein bisschen langsamer", meint Johann, "Ihr Automobil wird es Ihnen danken."

Robert konzentriert sich auf den Weg, dann sagt er "Es ist ratsam, hier nicht langsam zu fahren und vor allem nicht anzuhalten, selbst wenn ein halbnacktes Kind leblos mitten auf der Straße liegt, an dem ein Hund herumknabbert. Es kann Ihnen dann nämlich leicht passieren, daß plötzlich ein paar Männer auftauchen, und irgendwo fragen sie sich, warum kommt er denn nicht?"

Johann schaut zur Seite und versucht, irgendeinen jener Wegelagerer zu entdecken, die Robert Eastham fürchtet, aber alles Lebendige scheint sich vor der Mittagshitze verkrochen zu haben. "Gott sei Dank ist dieses Gesindel zu faul, sich allzu weit von seinen Hütten zu entfernen", sagt Robert und fährt endlich wieder gemächlicher. Am Tor zur Finca stehen zwei schwerbewaffnete Reiter, sie grüßen Robert und lassen ihn passieren.

Der Weg führt an einem breiten Weinfeld entlang, auf dem die Reben in schnurgeraden Reihen stehen, auf manchen Pfählen sitzen Habichte in stoischer Ruhe, hier und da ist ein Trupp von Arbeitern am Werk. Dann kommen ein paar Gebäude in Sicht und Robert hält vor einem weißen Haus mit zwei Stockwerken und einem Dach aus Schilfrohr.

Der Hausherr begrüßt sie freundlich und serviert ihnen Gläser mit wohltemperiertem roten Wein. Sie unterhalten sich eine Weile. Dann erscheint Norma, auch sie ganz sportlich gekleidet und ihr Haar zu einem Zopf geflochten, sie wirkt noch jünger als sonst. Sie fragt Johann, wie es ihm geht und ob die Photos von der Eisenbahn etwas geworden wären, und er berichtet ihr von dem Chefredakteur und seiner Zeitung. "Wie schön für Sie, John", sagt sie und berührt dabei mit zwei Fingern seine Hand, die das Glas hält, so als wollte sie sagen: 'Ein Glück, daß es jetzt mit Ihnen vorangeht.'

Ihr Vater meint "Du hast ihm vergessen zu sagen, daß wir ins Valle del Toro reiten werden." "Ist das ein Problem für Sie?" "Nein, für mich nicht, aber es kann sein, daß ich Sie aufhalte." "Du kannst ihn an die Leine nehmen", sagt Robert nicht gerade bewundernd, die andern lachen, aber Johann würde ihn am liebsten ohrfeigen. "Sie können eins von den Maultieren nehmen", sagt der Hausherr, "die sind sehr fügsam." Aber Norma findet "Wenn schon, dann sollte er es gleich richtig lernen, nicht wahr, John?"

Man gibt ihm ein Paar Stiefel, die wie angegossen passen, und er bekommt ein schönes dunkelbraunes Pferd, das ihn mit seinem Blick aus den großen Augen ermutigt. Einer von den Gauchos begleitet sie. Er führt Johanns Pferd eine Weile an einem extra Zügel, und Johann schaut auf die klobige Flinte, die er auf dem Rücken trägt.

Nach und nach lässt er den Zügel locker und tut so, als wäre er nicht mehr nötig. Johann fragt ihn nach seinem Namen. "Ich heiße Maximo. Mein Großvater stammt auch aus Deutschland." "Aus welchem Ort?" Er überlegt, dann sagt er "Aus den Bergen." "Ah, das ist eine schöne Gegend." "Ja, mir gefällt es hier jeden Tag von neuem."

Robert Eastham reitet voraus, Norma ist nochmal umgekehrt, weil sie etwas vergessen hat, dann überholt sie die beiden und galoppiert nach vorn. Sie trägt Hosen aus feinem Wildleder, das sich wie eine zweite Haut über ihren Hintern spannt. Maximo sagt "Was meinen Sie Juan, können Sie allein reiten?" "Ich dachte, das mache ich schon die ganze Zeit." Der andere lacht und wirft ihm den Zügel zu, aber als Johann ihn auffängt, rutscht er beinahe aus dem Sattel.

Maximo lässt sich ein Stück zurückfallen, und Johann dreht sich um und ruft "Lassen Sie mich als letzter reiten." "Natürlich, wie Sie wollen. Salzburg." "Bitte?" "Da stammt mein Großvater her." "Ah ja, herrliche Gegend." Maximo macht einen Schwenk nach rechts, und dann kann man nur noch seinen Oberkörper über den Sträuchern sehen. Johann gibt dem Pferd ein paar Befehle, die ihm Norma vorhin auf die schnelle beigebracht hat, es reagiert sehr verständnisvoll, und bald hat Johann das Gefühl, sie hätten sich aneinander gewöhnt.

Auf einer kleinen Anhöhe bleiben Robert und Norma stehen und winken ihm zu. Als er dort ist, zeigt Robert hinüber zu einer Plantage. "Sehen Sie das Feld da drüben? Es gibt eine deutsche Firma, die hier neuartige Düngemittel erprobt und auch schon anbietet. Es heißt, sie wären ziemlich wirkungsvoll, aber bei der Größe der Ländereien natürlich auch ziemlich teuer. Man muss hier immer sehr vorsichtig sein, was Investitionen betrifft, meistens ist der Fortschritt gar keiner, sondern nur rausgeschmissnes Geld.

Das Problem ist, man hat hier für nichts empirische Daten. Es gibt weder geologische Karten noch Wetterbeobachtungen, es gibt nicht mal ein paar zuverlässige Bauernregeln. Die Indios hatten keine Ahnung davon, daß man Pflanzen züchten kann, es ist wohl ihrer Auffassung von Schöpfung als etwas Endgültigem geschuldet. Jeder Eingriff wäre eine Sünde. Sie haben gelernt, die Widrigkeiten der Natur zu erdulden, das ist ihre Stärke. Sie haben ihren kümmerlichen Acker immer von einem Tag auf den andern bestellt und sie haben einige praktikable Techniken der Haltbarmachung entwickelt, aber sie betreiben höchstens eine primitive Reproduktion, keine vernünftige Landwirtschaft.

Alle reden hier von der Fruchtbarkeit des Bodens, vom Wasserreichtum, vom guten Wetter, aber keiner kann Ihnen auch nur sagen, woher gerade der Wind weht. Noch fataler ist es allerdings, daß die Konquistadoren sich dieses Land mit einer Überheblichkeit und Ignoranz zu eigen gemacht haben, daß man sich darüber nur wundern kann. Jeder, der sich in Europa über Unfähigkeit, Korruption oder Postenschacherei mokiert, der sollte sich einmal die hiesigen Zustände ansehen, dann würde er wahrscheinlich schweigen.

Die einzigen, die man davon ausnehmen kann, sind die Jesuiten gewesen, die eine erstaunliche Vorstellung davon hatten, was man der Natur abgewinnen kann, ohne sie blindlings zu missbrauchen, und wie man sie veredeln kann, indem man sich ihr annähert. Es ist ein Jammer, John, daß die Jesuiten beinahe vollständig vertilgt wurden. Heutzutage sterben die Menschen aus, nicht weil sie auf die falsche Weise leben, sondern weil sie der Missgunst, der Gier, dem Raub und der Ausbeutung abgeschworen haben. Sie sterben mit einem großen Irrtum, aber auch mit einer großen Vision."

Maximo macht sich mit einem Pfiff bemerkbar und schwenkt den Hut. "Hier entlang!", ruft er. Die Landschaft wird hügeliger; sie erreichen ein Tal, wo ihnen ein Bach entgegenkommt, der zu einem schmalen Rinnsal zusammengeschrumpft ist, am trockenen Rand haben die Pferde festen Tritt. Weiter oben wachsen riesige, kugelrunde, gelbgrüne Grasbüschel, und in einer Senke stehen Agaven, die mit ihren meterlangen spitzen Armen aussehen wie Krieger einer außerirdischen Armee, die auf einen Befehl warten. Sträucher mit leuchtend roten Blüten werden von emsigen Kolibris umschwirrt, und im Geäst eines abgestorbenen Baums kommt lautes Summen aus einem Bienenstock.

Maximo weist hinauf zu einem langgestreckten, steinernen Kamm, dessen Zacken im grellen Sonnenlicht schwarze Schatten werfen. "Wir müssen da hoch", sagt er und führt sie auf einem Pfad, der am Steilhang mit sanfter Steigung hin und her verläuft, bis auf die Höhe. Jenseits des Felsens ist ein Plateau, und Johann stockt beinahe der Atem bei dem Anblick, der sich ihm darbietet.

Nach der einen Seite kann man weit in die Ebene schauen, über Wälder, grüne und kahle Flächen, Flussläufe, Täler und Siedlungen hinweg. Die Wolken, die vorm blauen Himmel darüber hinwegziehen, sind nach unten wie mit der Schere abgeschnitten, aber nach oben wuchern sie zu bauschigen Massen. Auf der andern Seite sind die zerklüfteten Felsen der Sierra Gorda zu sehen, und dahinter, wie in einen Zustand dauernder Ruhe und Wandellosigkeit entrückt, erheben sich noch mächtigere Berge, überragt ein Gipfel den andern, bis sich die Konturen der letzten auflösen und in schwindelerregenden Höhen aus der irdischen Sphäre zu entfliehen scheinen, nichts zurücklassend außer Unerreichbarkeit.

Johann hört nicht mehr die Stimmen der anderen, und Norma muss ihn erst anstupsen, um ihn aus der Faszination zu wecken, die ihn verzaubert hat wie ein Elixier, das durch die Adern strömend seinen Körper auf einen Schlag beherrscht. "Hola John, sind Sie noch bei uns?", ruft sie. Er starrt sie an, als habe sie in einer Sprache geredet, die er nicht versteht. "Was sagten Sie?" "Sie sollten einen Schluck Wasser trinken, bei der Hitze kann man oft ganz überraschend einen Schwäche Anfall bekommen, glauben Sie mir, dieses Klima hat etwas Tückisches." Er befolgt ihren Rat, und Robert meint "Dann können wir ja weiter reiten."

Sie überqueren ein Gelände, voll mit Ginstersträuchern, die gerade am Verblühen sind, und eine halbe Stunde später öffnet sich vor ihnen ein breiter Graben, ein Seitental, das zum Valle del Toro führt, wie Maximo erklärt. Robert sagt "Wenn man über die Ebene blickt, glaubt man, es wäre eine geschlossene Fläche bis hinüber nach Mascasin und zu den Vorkordilleren. Dabei zieht sich da ein tiefer Canon quer hindurch, den man aber nicht sieht. Übrigens, dort drüben die Plantagen gehören Don Alfredo Gonzales, ich glaube, den kennen Sie auch."

Johann bestätigt es und meint dann, er habe gedacht, dessen Besitzungen wären noch größer. "Das ist auch bei weitem nicht alles" erwidert Robert. "Dies hier ist das Land, das er vor Jahren gekauft hat und das jetzt Gefahr läuft auszutrocknen." "Warum?", will Johann wissen. "Der Rio Los Patos, ein kleiner aber ergiebiger Fluss, der die Bewässerung besorgt, hat auf einmal seinen Lauf geändert, wahrscheinlich verursacht durch einen Erdrutsch weiter oben in den Bergen.

Es dauert immer eine Weile, bis sich so etwas bemerkbar macht, aber jetzt hat sich die Wassermenge spürbar verringert. Ich denke, Don Alfredo wird sich beeilen müssen, die Plantage zu verkaufen, solange sie noch grün ist." "Wer sollte sie unter diesen Umständen noch kaufen?" "Es findet sich immer ein Dummer, der wie dafür geboren ist, bei einem schlechten Geschäft betrogen zu werden."

Dann fügt er hinzu "Falls Don Alfredo das Land nicht mehr loswird, dürfte ihn der Verlust auch nicht sehr schmerzen, er hat oben in El Mirasol vierzigtausend Hektar erworben, nicht ganz auf die rechte Weise, wie man munkelt. Da gehört eine riesige Aprikosenplantage dazu, die dieses Jahr eine Rekordernte verspricht. Er kann angeblich gar nicht genug Leute bekommen. Man sagt auch, daß er haufenweise Kinder zur Arbeit presst."

"El Mirasol?", sagt Johann und ihm fällt ein, daß bei der Jubiläumsfeier am Bahnhof ein Mann aus der Menge gerufen hatte: 'Freie Fahrt nach El Mirasol!' Was es damit auf sich habe, fragt er Robert. "Das wünschen sich viele der hiesigen Tagelöhner und besitzlosen Bauern, die bei der Ernte helfen. El Mirasol ist eine fruchtbare Gegend, da finden die Männer von hier für mehr als die Hälfte des Jahres Arbeit und können ihre Familie ernähren."

"Und was hat das mit der Eisenbahn zu tun?" "Im vergangenen Jahr haben wir mit dem Bau der Strecke San Gabriel - Cordoba angefangen. Sie führt über El Mirasol. Es wäre für die Einheimischen eine Erleichterung, mit der Bahn dorthin zu gelangen. Leider gab es ein paar schlimme Zwischenfälle, auch Überfälle auf die Bautrupps mit Toten und Verletzten. Da ist kein Geld zu holen, und für das Material gibt es keine andere Verwendung. Also müssen Leute dahinterstecken, denen es nicht in den Kram passt, daß die Arbeiter aus San Gabriel nach El Mirasol kommen."

Robert macht eine abfällige Handbewegung. "Und überhaupt, diese Strecke liegt anscheinend unter keinem guten Stern. Wir haben mit der Konkurrenz zu kämpfen, der Gouverneur der Provinz hat Aufträge, die er uns versprochen hat, kurzerhand an die Franzosen abgegeben. Haben Sie in Clearwater House die kleine Geliebte des Admirals kennengelernt?" "Nein, leider nicht." "Es heißt, die Franzosen hätten sie auf ihn angesetzt, weil der Admiral einer der größten Geldgeber bei dem Bauprojekt ist." "Aber er ist doch Engländer, und etwa kein Patriot?" "Sein Patriotismus schwindet mit seinem Gedächtnis, und seine Geilheit lässt ihn den Rest auch noch vergessen."

Während ihrer Unterhaltung sind die beiden ein Stück zurückgeblieben, und Norma, die mit Maximo vorausgeritten ist, ruft ihnen zu, sie sollten sich ein bisschen sputen. "Sie hat recht, wir könnten einen Zahn zulegen. Wie geht's mit dem Pferd, John?" "Ausgezeichnet." "Dann wollen wir mal sehen, wer schneller ist", ruft er und prescht davon. Johann nimmt die Herausforderung an und im Nu hat er ihn eingeholt. Sie ziehen an Norma und Maximo vorbei und hinterlassen eine Staubfahne. Sie sind gleichauf, aber dann muss Johann einsehen, daß Roberts Pferd noch ungeahnte Reserven hat und der Abstand wird immer größer. Robert wartet weiter vorn auf die andern. Er deutet nach links, wo zwischen den Sträuchern auf einem Hügel Rauch aufsteigt. "Da ist Harry, er ist heute für unser Dinner zuständig."

Harry Gordon ist auf einem anderen Weg hergekommen, der um einiges länger, dafür aber mit dem Automobil befahrbar ist. Damit hat er auch das Essen, Getränke und alle Gerätschaften transportiert. Er hat mit Steinen eine Feuerstelle aufgebaut und einen Rost darübergelegt, auf dem schon das Fleisch brutzelt. Er hat eine weite Schürze umgebunden und Cowboyhandschuhe an. Maximo führt die Pferde in den Schatten unter ein paar Bäumen und kümmert sich um sie.

Freilich ist Johann überrascht, Harry hier zu sehen, aber so sehr nun auch wieder nicht, und als er sieht, wie er und Norma sich einen Kuss geben, wird ihm vollends klar, was er unbewusst schon vermutet hat. Harry sagt "Habe ich nicht ein herrliches Fleckchen ausgesucht? Etwas geschützt, mit einer leichten Brise, und dort drüben ist sogar eine kleine Quelle. Ihr kommt gerade recht!" Er wendet die Rindersteaks ein letztes Mal.

"Was gibt es denn sonst noch zu trinken, Darling, außer Wasser?", fragt Norma. "Wie wär's mit einem hellen, kühlen Wein?" "Ja, das tut gut." "John, einen Scotch auf unser Wiedersehen?" "Gern." Harry's Automobil steht bei einigen halbhohen Akazien, vom Dach weg hat er eine Plane gespannt und darunter einen Tisch mit Stühlen aufgestellt, es handelt sich um Mobiliar, wie es beim Militär fürs Feld gebraucht wird. "Machen Sie es sich bequem, John. Diese hübsche Einrichtung war schon in Afrika", sagt Harry und legt Schürze und Handschuhe ab. Johann sieht, daß er einen schweren Revolver am Gürtel trägt.

"Was haben Sie in Afrika gemacht?", fragt er ihn. "Auch irgendwas", sagt er und grinst dabei. Es scheint nicht besonders bedeutungsvoll für ihn gewesen zu sein. Aber Norma meint "Erzähl' John die Geschichte von der Safari mit den Amerikanern. Harry hat dort mitten in der Wüste den Präsidenten Wilson getroffen", erklärt sie Johann. "Es war Präsident Roosevelt, und es war nicht die Wüste, sondern die Savanne." "Wenn ich alles so genau wüsste, könnte ich's auch selber erzählen." "Du hast es schon hundertmal gehört." "Na und, es ist immer wieder lustig."

Er wendet sich an Johann: "Es ist immer ein erhebendes Gefühl, wenn man hinterher mit seinem Erlebnisbericht jemanden erfreuen kann, erst recht, wenn man ihn noch selbst vorzutragen vermag." Robert sagt "Das klingt ja gerade so, als wärst du nochmal mit heiler Haut davongekommen." "Mit viel Glück, allerdings. Ich habe niemandem alles erzählt, auch euch nicht." "Die unschönen Sachen wollen wir auch gar nicht hören", sagt Norma, aber Harry schaut für einen Moment nachdenklich drein, dann leert er sein Glas.

Die Steaks sind ihm wirklich gut gelungen, das Fleisch ist rosig und zart, und dazu gibt es Kartoffelsalat aus einer großen Schüssel. Auch Maximo hat sich zu ihnen gesellt, aber er isst nur wenig und dann sucht er sich abseits zur Siesta eine schattige Stelle. Harry schenkt sich zwischendurch drei oder vier Scotch ein, er hat mehr als eine Flasche dabei. Norma trinkt Wein, mit Wasser verdünnt. Sie wird dabei immer geschwätziger. Dann erzählt sie Harry's Safari Abenteuer tatsächlich selbst, bringt aber alles durcheinander, und Harry sitzt mit übergeschlagenen Beinen, das Whiskyglas in der Hand und lächelt mit diesem Ausdruck, wie ein Maler, der sich darüber wundert, daß sein Bild allen Leuten gefällt, obwohl er es selbst misslungen findet.

Robert spricht über die Landschaft, was offenbar eines seiner Lieblingsthemen ist, aber er weiß auch erstaunlich gut Bescheid. Er erwähnt übrigens, daß nicht weit von hier im Valle del Toro die Figur einer Madonna steht, die früher häufig das Ziel von Wallfahrten gewesen sei. Heute würden die meisten Leute allerdings zur Virgen de la nieve pilgern, "die hat ihr inzwischen den Rang abgelaufen."

Norma sagt "Ist es nicht seltsam, daß sich die Muttergottes immer an so entlegenen Orten und zu ganz beliebigen Zeiten zeigt? Ich meine, zum Beispiel damals, als sie diesem Mädchen in Frankreich erschienen ist." "Der kleinen Bernadette." "Genau, die mein' ich. Sie erscheint irgendeinem Bauernmädchen, das in irgendeinem Kaff an einer Quelle Wasser holt." "Sie hatte Feuerholz gesammelt", meint Harry und leert sein Glas. "Feuerholz oder Wasser, was für eine Rolle spielt das." "Eben, gar keine", sagt Johann zu Harry mit einer Kopfbewegung zu ihr hin, "das bestätigt ihre Theorie."

"Welche Theorie?" "Die von der Zufälligkeit der göttlichen Erscheinungen." "Ich würde nicht soweit gehen und es eine Theorie nennen, ich frage mich bloß, warum sie nicht an Orten erscheint, wo man sie dringender benötigt, zum Beispiel jetzt im Krieg in Europa, in den Schützengräben, warum kommt sie nicht zu den Soldaten, um ihnen beizustehen?" Harry sagt "Vielleicht ist sie unschlüssig, auf welcher Seite sie's tun soll." "Unsinn."

"Vielleicht geschieht es ja auch", sagt Robert, "es wird nur keine Legende daraus, wie sie sich um die kleine Bernadette rankt." "Soviel ich weiß, hatte sie Asthma", sagt Harry. "Wer?" "Diese Bernadette." "Ja, aber entschuldige, was ist ein bisschen Asthma gegen den hundertfachen Tod, den die Soldaten erleiden." "Vielleicht war es ein Fall von schwerem Asthma." "Willst du jetzt besonders puritanisch sein?" Harry lacht. "Darling, ich weiß doch auch nicht, was die Muttergottes umtreibt, ich bin nicht ihr Sekretär, der ihren Dienstplan kennt." "Du bist unmöglich", schimpft Norma und muss auch lachen. Johann sagt "Und wenn Sie's wären, müssten Sie sicherlich Stillschweigen wahren." "Und aufhören zu trinken", ergänzt Normas Vater. "Ja, und das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich mich um diesen Posten niemals reißen würde."

Johann fällt ein, wie in Seligenbrunn der Reisende im Zug gefragt hat, ob er sich auf einer Wallfahrt befände, als er den Namen San Gabriel nannte. Er erzählt es den anderen und Norma ruft beinahe begeistert "Aber natürlich ist es das, John! Das ist doch der wahre Grund dafür, daß Sie hergekommen sind." Sie springt auf und streckt die Hand aus. "Kommen Sie, wir gehen jetzt zur Madonna von Valle del Toro! Daddy, wie weit ist das von hier?" "Etwa zwei, drei Meilen." "Los! Auf! Wir reiten hin." "Aber ohne mich", sagt Robert, "ich werde mich ein bisschen ausruhen." "Darling, weißt du, wo diese Madonna steht?" "Ja. Wenn sie nicht inzwischen ihren Einsatzort gewechselt hat."

Sie brauchen eine gute halbe Stunde bis zu der Stelle. Die Madonna ist eine kleine Figur aus Marmor, sie steht in einer Nische, die aus dem Felsen herausgeschlagen worden ist, man kann über ein paar Steinstufen hinaufklettern. Vielleicht hat Harry zuviel getrunken, jedenfalls stolpert er und stürzt. Norma ist näher bei ihm und hilft ihm wieder auf die Beine. Er sagt "Danke Darling", und Johann sieht zu, wie sie sich küssen. Es wirkt auf ihn, als hätten es die beiden inszeniert, um sich ihre Liebe zu zeigen.

Plötzlich fällt ein Schuss und das Echo hallt zwischen den Felsen wider, dann folgt noch einer und noch einer. Harry sagt "Lasst uns zurückreiten", er ist offenbar beunruhigt. Oben beim Biwak sind Maximo und Robert Eastham ebenfalls aufgeschreckt. Als die andern zurückkommen, fragt er sie, ob sie etwas gesehen haben? "Nein", meint Harry, "schwer zu sagen, woher das kam."

Da tauchen zwischen den Akazien drei Reiter auf. Die Männer sehen aus, als wären sie seit Tagen unterwegs, ihre Sachen sind staubig, ihre Gesichter unrasiert, die Pferde machen einen erschöpften Eindruck. Sie sind mit Gewehren bewaffnet und jeder hat einen Patronengurt quer über der Schulter. Sie ziehen wortlos an Harrys Wagen vorbei, und der Anführer schaut hinein, als wolle er überprüfen, ob noch jemand drinsitzt. Dann bleiben sie vor den andern stehen.

Harry stemmt die Arme in die Seiten und schiebt dabei seine Jacke zurück, man kann seinen Revolver sehen. "Hola Caballeros", sagt er, "wie geht's?" Der Mann in der Mitte lässt seinen Blick umherschweifen, und seine rabenschwarzen Pupillen registrieren jede Kleinigkeit. Dann schaut er Harry an, kaut ein paarmal auf einem Stück Tabak im Mund, spuckt den braunen Saft zur Seite hin aus und sagt "Ihr habt nicht zufällig einen Jungen gesehen, der hier lang gekommen ist?"

"Was für ein Junge soll das sein?", fragt Robert Eastham. "Ich will bloß wissen, ob hier einer vorbeigelaufen ist?" "Nein." Der andere schaut abermals aufmerksam in die Runde, dann meint er etwas höflicher "Also, falls ihr ihn seht, sagt ihm, er soll schleunigst zurückkehren." "Wohin?", fragt Norma. "Das weiß er schon selber, Senorita." Dann wendet er sich an Harry: "Gibt es hier Wasser?" "Da drüben ist eine Quelle." Wie auf ein Zeichen schwenken die drei Pferde nach links und traben so langsam davon, wie sie gekommen sind.

Norma meint, es wäre besser, wenn auf dem Rückweg einer von den Männern mit Harry mitfährt, und Johann erklärt sich sofort bereit; Maximo führt sein Pferd mit zurück. Unterwegs fragt Johann "Was für Leute waren das?" Harry sagt "Es gibt ein paar Gangs, die hier für Ordnung sorgen." "Kann man ihnen trauen?" Harry sieht ihn von der Seite an. "Hier kann man nur jemandem trauen, der einem schon mal das Leben gerettet hat, aber wer kann es darauf ankommen lassen?" "Nicht viele." "Sehen Sie, John."

Dann setzt er hinzu "Allerdings haben diese Burschen manchmal ihre eigene Vorstellung von Ordnung." "Wovon leben die?" "Sie stehen im Dienst irgendwelcher Männer, die sich nicht selber die Hände schmutzig machen, aber keiner kann herauskriegen, wer das ist. Die Polizei kümmert sich nur um das, was in der Stadt passiert. Ich kenne einen Polizisten, der im Dienst San Gabriel noch nicht einmal verlassen hat.

Und mit der Armee ist das so: die Soldaten hocken in der Garnison herum und putzen ihre Gewehre oder dressieren Hunde, und manchmal ziehen sie zu einem Manöver aus, wo sie im Freien übernachten und sich Suppe überm Feuer kochen. Die Provinzgouverneure lassen sich aber auch von niemandem Weisungen erteilen. Soldaten, die nicht zugleich Marodeure sind, kosten bloß Geld. Aber die Gouverneure führen keine Kriege, wozu brauchen sie dann Soldaten?

Die Großgrundbesitzer, die Fabrikanten, die ihre Werke draußen an der Eisenbahnstrecke haben, die Sägewerksbesitzer und Minenbosse und all jene, die ihre Anlagen über Nacht nicht einfach einschließen können, die brauchen furchtlose und bewaffnete Männer, um ihr Eigentum zu schützen. Wissen Sie John, all das Gerede vom guten Klima hier und vom fruchtbaren Boden, all dieses Segen der Erde Gefasel, das ist doch nicht der Grund, warum es hier prosperiert. Der Hauptgrund ist immer das Eigentum jedes einzelnen Individuums und sein unbezwingbarer Wunsch, es zu vermehren.

Und wenn Sie zwanzig-, dreißig- oder fünfzigtausend Hektar Land irgendwo zwischen Mascasin und dem Rio Altanero besitzen, und wenn Sie etliche hundert Leute da für sich arbeiten lassen, dann müssen Sie praktisch Tag und Nacht auf der Hut sein, daß Ihnen keiner über den Zaun klettert und alles fortschleppt, was nicht niet- und nagelfest ist. Diebstahl und Hehlerei rangieren hier als Einnahmequelle noch vor der Prostitution und dem Warenhandel, und natürlich weit vor der Lohnarbeit."

"Aber was sollte so ein Junge fortschaffen können?" "Bitte?" "Ich meine, dieser Junge, nach dem die Männer gesucht haben." "Keine Ahnung, was er angestellt hat." Johann schweigt eine Weile, dann fragt er "Tragen Sie eigentlich immer einen Revolver bei sich?" "Seit dem Tag, als ich mitansehen musste, wie ein Freund ermordet wurde und ich konnte nichts dagegen tun." "Wo war das?" "Bitte?" "Wo ist das geschehen?" "In ... ähm ... verflucht!"

Harry verzieht vor Anstrengung das Gesicht, dann schaut er Johann an und sagt mit einem gequälten Lächeln "Da sehen Sie, John, was dieses gottverdammte Land aus einem macht: man kann sich bald nicht mehr erinnern. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, John: fahren Sie nach Hause, bevor es zu spät ist. Man verliert hier nur alles noch einmal, was man vorher schon verloren zu haben glaubte."

Die Häuser von San Gabriel kommen in Sicht. "Warum haben Sie eigentlich Ihren Photoapparat nicht dabei gehabt?", fragt Harry. "Ich weiß nicht, ich habe wohl nicht daran gedacht. Aber ich habe ohnehin vor, demnächst eine Exkursion in die Gegend zu machen." "Ja, tun Sie das. Engagieren Sie jemanden, der sich hier gut auskennt."

Er bringt Johann bis vor sein Haus. "Wollen Sie noch auf einen Drink mit hereinkommen." "Ein andermal gern." "Bueno. Hasta luego, Harry." Aus dem Auto heraus ruft Harry noch "Übrigens John, Sie sagten letztens, daß Sie eine Frau suchen." "Ja, warum?" "Ich hoffe, Sie haben es nicht auf Norma abgesehen." Johann ist für einen Augenblick perplex, dann sagt er "Nein, bestimmt nicht." "Wie schön, dann bleibt zwischen uns alles beim Alten." "Auf alle Fälle."

* * * * *

Seit der Vereinbarung mit dem Chefredakteur sitzt Johann mehrmals in der Woche im Café Amatista, in Erwartung, daß die Nachricht von irgendeinem Ereignis in der Stadt bis hierher gelangt und Johann mit seiner Kamera schnell zum Ort des Geschehens eilen kann. Tatsächlich passiert beinahe täglich etwas, das eine Meldung wert ist, und er kann laufend Bilder an die Zeitung verkaufen. Im Atelier arbeitet er nur noch auf Termin.

Er genießt die Zeit im Amatista, wo ihm Ruben Cía Gesellschaft leistet. Auch Norma Eastham ist manchmal da, aber merkwürdigerweise nie allein wie früher, sondern stets mit irgendeiner Freundin; sie trinken Kaffee, essen Eis und unterhalten sich die ganze Zeit. Johann wechselt mit ihr ein paar Worte, und er hat das Gefühl, als wollte Norma länger mit ihm reden, aber dann bricht sie das Gespräch meist unter einem Vorwand ab, als würde sie es sich selbst verbieten.

Eines Tages fliegt die Tür auf und Don Alfredo kommt hereingepoltert, er stellt sich an die Bar und verlangt ein Glas Branntwein. Johann ruft ihm zu, Don Alfredo dreht sich kurz zu ihm hin, erwidert aber den Gruß nicht. Er kippt den Schnaps hinunter, und der Barkeeper füllt nochmal das Glas. Wieder geht die Tür auf und herein kommen zwei Männer, ein dicker und einer mit einem kantigen Gesicht. "Don Alfredo!", beschwört ihn der Dicke, "was bringt denn das, wenn Sie davonlaufen! Kommen Sie wieder mit rein, wir werden uns mit diesen Leuten schon einig."

Don Alfredo knallt das Glas auf den Tresen und wendet sich zu ihnen um: "Ich rede kein Wort mehr mit diesem Stallburschen", ruft er aufgebracht. "Was bildet sich das Gesindel eigentlich ein! Fünf Prozent mehr Lohn, geregelte Arbeitszeiten, Erleichterung für die Kinder, was glauben die, wo sie sind! Wenn ich die nicht beschäftigen würde, dann müssten sie in Sackleinen herumlaufen und Lehmfladen fressen." "Don Alfredo, bitte beherrschen Sie sich, wir sollten sachlich bleiben, es sind nur noch ein paar Punkte, über die wir verhandeln müssen, das meiste ist schon geschafft."

"Schon geschafft? Was soll das heißen? Dieses verfluchte Syndikat treibt mich in den Ruin. Ich bin für die Leute nicht verantwortlich, was ich tue, tue ich aus reiner Gefälligkeit." Er scheucht mit der Hand etwas von sich weg. "Sollen sie doch hingehen und sich ihr eigenes Land kaufen, ich zwinge niemanden, bei mir zu arbeiten. Dann können sie mit ihren idiotischen Forderungen nach geregelten Arbeitszeiten bei sich selbst anfangen."

Der mit dem kantigen Gesicht sagt "Don Alfredo, ich verstehe nicht, wieso du dich jetzt noch aufregst, nachdem wir den Fonds eingerichtet haben, aus dem wir das alles bestreiten können, da hättest du früher protestieren sollen." "Was!", schreit er mit hochrotem Kopf, "ich war von Anfang an dagegen, ihr habt mich erpresst, du Ignacio und dein Schwager, dieser Weichling, allen voran." Der andere entgegnet "Aber du hast unterschrieben und du hast eingezahlt und damit bist du letztlich einverstanden gewesen." "Ja eingezahlt, und nicht zu knapp. Ihr habt mich geschröpft wie die Blutegel, und nun lasst ihr es auch noch zu, daß ich mein Hab und Gut an diese verlausten Gewerkschafter verliere." "Wenn wir uns jetzt gegenseitig beschimpfen, dann können wir freilich gleich nach Hause gehen", meint der Dicke.

Da steckt jemand den Kopf zur Tür herein und sagt "Der Jefe lässt ausrichten, er wartet noch zehn Minuten und keine Sekunde länger." Der Dicke sagt fast flehentlich "Bitte Don Alfredo, kommen Sie wieder mit rüber." "Ich komme in fünf Minuten." "Wir verlassen uns darauf." Die beiden gehen, Don Alfredo hält dem Barkeeper das Glas hin.

Dann schaut er auf einmal zu Johann und Ruben Cía hinüber, welche die ganze Szene mitverfolgt haben. "Vielen Dank auch für das hübsche Photo", sagt er sarkastisch. "Wie bitte?", fragt Johann überrascht. "Sie wissen schon, was ich meine, Juan. Das Photo von den Bauern aus dem Norden. Damit haben Sie diesen Schmierfinken von der Zeitung sicher einen großen Gefallen getan." "Ich habe bloß ein Photo verkauft, ich bin schließlich Photograph."

"Ja, claro. Und es passt hervorragend zu dem Artikel." "Was für ein Artikel?" "Was für ein Artikel?", sagt Don Alfredo, als hätte Johann ihn schwer beleidigt, "Der Artikel, in dem man die Männer, die hier hart und unermüdlich arbeiten, diffamiert. Und die Faulpelze, die glauben, sie könnten auf Kosten anderer leben, noch dafür in Schutz nimmt." "Ich habe das nicht geschrieben und nicht einmal gelesen." "Ach nein? Dann sollten Sie sich künftig genauer überlegen, wem und wofür Sie Ihre Dienste anbieten, Juan!" Sagt es, kippt den Schnaps hinunter und verlässt das Lokal.

Johann gesteht Ruben, daß er nicht recht weiß, worüber sich Don Alfredo so aufregt. "Dann waren Sie aber wirklich ein bisschen naiv", meint Ruben zu ihm. "Was ist denn so schlimm an einem Photo von ein paar Bauern?" "Don Alfredo und die anderen Großgrundbesitzer haben immer massiver mit den Landarbeitern zu kämpfen, die sich gewerkschaftlich organisieren. Sie fordern bestimmte Rechte, die man ihnen nicht gern zugestehen möchte, und sie verlangen mehr Lohn, wie Sie eben selbst gehört haben." "Und weiter?"

"Die Großgrundbesitzer hassen die organisierten Arbeiter wie die Pest und sie nutzen jede Gelegenheit und jeden Vorwand aus, um sie zu entlassen. Aber sie brauchen natürlich auch Arbeiter auf ihren Plantagen, und deshalb holen sie haufenweise Wanderarbeiter aus dem Norden, besitzlose Bauern, die von ihrem Fleckchen Acker keine Familie ernähren können. Sie gehören meist irgendwelchen indigenen Volksgruppen an und haben mit den hiesigen Verhältnissen nicht das geringste zu tun.

Aber sie sprechen Castellano, sie sind arbeitsam und lehnen sich nicht auf. Im Gegenteil, sie sind es gewohnt, entweder wie Sklaven gehalten zu werden oder, wenn es ihnen gelingt emporzukommen, selber ihre Landsleute wie Sklaven zu behandeln. Sie sind jedoch illegal hier im Land, denn sie zahlen keine Steuern und niemand zahlt für sie Steuern.

In manchen Orten haben es die Gewerkschaften durchgesetzt, daß der Grundbesitzer ein Bußgeld zahlen muss für jeden Fremdarbeiter, der einen einheimischen ersetzen soll. Was natürlich wiederum dazu führt, daß mache Leute eine Menge Geld dafür kassieren, diese Bauern einzuschleusen. Es kann also durchaus unangenehme Folgen haben, wenn das auf Photos dokumentiert wird. Jedenfalls ist es ein gefundenes Fressen für die Gewerkschafter und für die linken Politiker. Das wusste sicher auch der Chef der Zeitung und hat einen schmissigen Artikel dazu verfasst. Nur Sie, Juan, hatten leider keine Ahnung, worauf sie sich einließen."

Johann schweigt und überlegt, dann fragt er "Auf den Platagen arbeiten auch Kinder, nicht wahr?" "Ja freilich, das sind die billigsten Arbeitskräfte. Sie gehen den Eltern zur Hand, die sonst ihren Soll kaum schaffen würden. Kinder sind jung und können sehr tüchtig sein, und wenn sie keine Eltern mehr haben, umso besser, dann können sie bis aufs Blut ausgebeutet werden, ohne daß es irgend jemanden stört."

Ruben macht eine Pause, und Johann merkt, wie schwer es ihm fällt, darüber zu reden. "Ich hatte eine Klasse mit elf Kindern, die aus allen möglichen Gründen keine Familie und kein Zuhause mehr hatten. Sie lungerten auf der Straße herum, die Jungs lebten vom Diebstahl, die Mädchen von Prostitution, selbst die sieben- und achtjährigen. Ich hatte einen Schuppen gemietet, wo ich ihnen Lesen und Schreiben beibrachte. Es waren nie alle da, manche ließen sich tagelang nicht blicken, aber sie kamen immer wieder, und sie gaben sich die größte Mühe. Juan, Sie machen sich kaum einen Begriff davon, mit welchem Eifer und mit welcher Kraft bettelarme Kinder, die in der Gosse leben, dafür kämpfen können, aus ihren erbärmlichen Verhältnissen herauszukommen."

Er schweigt wieder, dann spricht er wie zu einem Beichtvater: "Ich habe einen großen Fehler gemacht, als ich diesen Kindern versprach, das, was ich ihnen hier beibringe, würde ihnen helfen." "Wieso war das ein Fehler?" "Ich habe anonyme Drohungen erhalten. Falls ich den Kindern weiterhin Unterricht erteile, würde das böse Folgen für mich haben. Ich ließ mich nicht abschrecken. Dann wurde ich einmal abends in der Dunkelheit zusammengeschlagen. Als ich am nächsten Tag mit einem dicken blauen Auge in den Schuppen kam, haben die Kinder über mich gelacht, weil es so komisch aussah, und das war gut, ich musste mitlachen.

Eine Woche später flog eine Brandflasche durchs Fenster herein. Ich konnte das Feuer löschen, aber es stank danach fürchterlich. Die Kinder kamen trotzdem, denn ich hatte ihnen versprochen, daß alles besser wird. Es wurde jedoch immer schlimmer. Ich bekam einen Bescheid von der Baubehörde, daß der Schuppen wegen seiner Baufälligkeit eine Gefahr für die Kinder ist und nicht mehr betreten werden darf. Es gibt hier natürlich überhaupt keine Baubehörde, und niemanden außer vielleicht den Bewohner interessiert es, ob ein Haus gleich zusammenfällt oder noch eine Weile stehen bleibt. Ich war auch gar nicht der Eigentümer, der viel eher dafür verantwortlich gewesen wäre.

Aber dann kamen ein paar finstere Gestalten mit einem Gendarmen, der mir einen 'Vollstreckungsbefehl' vor die Nase hielt: ich sollte eine Strafe zahlen. Ich sagte, ich habe kein Geld. Dann müsse ich für zehn Tage ins Gefängnis. Zehn Tage sind zu überstehen, dachte ich.

Als ich wieder herauskam, war der Schuppen abgerissen. Da kam einer von den Jungen angehumpelt, ein kleiner, ganz lieber, der leider ein bisschen missgestaltet auf die Welt gekommen ist. Ich fragte ihn, wo die andern sind. Er sagte, Don Alfredo hat sie auf seine Plantage mitgenommen und da verdienen sie jetzt richtiges Geld. Und ich konnte sehen, daß Francisco, so heißt der Junge, auch gern dort wäre, aber Don Alfredo kann einen kleinen Krüppel wie ihn nicht gebrauchen."

Ruben Cía schluckt und fügt dann hinzu "Wissen Sie Juan, in solchen Situationen kommen mir immer die Tränen. 'Aber Senor Ruben', sagt der Kleine, 'warum weinen Sie denn? Jetzt geht es den andern doch besser, genau, wie Sie gesagt haben.'"

Johann geht eine Weile nicht mehr ins Amatista. Er weiß nicht genau, was er von diesen Geschichten halten soll. Schon möglich, daß Don Alfredo manchmal in krumme Geschäfte verwickelt ist, aber was ginge ihn das an? Und im Grunde hatte er sogar Recht mit dem Photo für die Zeitung. Johann hatte es nicht gemacht, um sich damit in irgendwelche fremde Angelegenheiten einzumischen, sondern weil es in seinen Augen ein interessantes Motiv gewesen war (und zudem ganz unspektakulär). Der Chefredakteur hatte ihn über die Hintergründe nicht aufgeklärt und er war damit mindestens ebenso unredlich wie Don Alfredo, der die Sache wenigstens offen angesprochen hat.

Johann schickt immer seltener Photos an die Zeitung, er schützt die aufwendige Arbeit im Atelier vor. Doch in Wahrheit hat er kaum noch Lust, mit der Kamera durch die Stadt zu hasten, um irgendwo gleichzeitig mit der Polizei bei einem Raubüberfall einzutreffen oder der Feuerwehr zu einer Gasexplosion in einem Restaurant hinterherzufahren. Er sitzt wieder am liebsten auf dem Dach von Montanaris Frigorifico und betrachtet die Berge.

Er spürt dabei, wie er ihnen in seinem Innern mit jedem Tag ein Stück näherkommt und sich jedesmal um ein Stück weiter von hier entfernt. Abends spielt er manchmal mit Pepe eine Stunde lang Roulette, und Pepe traut sich sogar, die Bank zu übernehmen, obwohl er dabei nur Unfug treibt. Er erteilt Johann Hausverbot, nachdem dieser ihm erklärt hat, was das ist. Die Granatäpfel im Garten werden allmählich rot, und die Oliven werden schwarz. Der Wein am Laubengang hat kleine, helle Trauben. Die Schildkröte verschwindet ständig für ein paar Tage und Mango bringt sie immer wieder zurück.

Von Christiane kommt ein Brief mit sage und schreibe 17 Seiten und mit einer Zeichnung, die angeblich von Annemarie stammt. Es ist ein rotes Segelboot auf blauen Wellen unter einer gelben Sonne, es sieht aus, als hätte es ein fünfjähriges Kind gemalt. Johann schickt einen Antwortbrief mit ein paar Photos, er schreibt, daß er demnächst zu einer größeren Exkursion in die Berge aufbrechen will.

Dann merkt er, daß es hier in San Gabriel niemanden gibt, dem er seinen Plan mitgeteilt hat, außer Harry, der ihm zu einem fähigen Führer geraten hat, und Pepe, der daraufhin fragt, ob er dann solange für ihn "fotopolieren" soll. Einen Tag lang denkt er darüber nach, das Gartenhaus zu vergrößern, ohne daß ihm recht klar wird, zu welchem Zweck.

Er macht ein Schild mit der Aufschrift "CERRADO - geschlossen", und oft hängt er es schon mittags an die Tür und nimmt es erst am nächsten Vormittag wieder weg. Manche Kunden müssen mehrmals kommen, bis ihre Bilder endlich fertig sind, bei anderen verwechselt er die Photos; der Junge, der sie für ein paar Centavos zu der betreffenden Adresse bringt, muss sie wieder mitnehmen, und irgendwann hat er die Nase voll und sagt "Senor Melzer, suchen Sie sich einen andern, den sie umher scheuchen können."

Norma überrascht ihn und Pepe beim Roulettespielen. Sie ist mit einer Freundin gekommen. Sie spielen zu viert und haben einen Mordsspaß. Johann spendiert eine Flasche Sekt. Er fragt sie nach Harry, sie sagt, daß ihn eigentlich nur die Geschäfte zwingen, noch hierzubleiben und daß sie sobald wie möglich zurück nach Europa gehen. Sie spricht von "wir" und "uns" und Johann will fragen, ob ihr Vater auch das Land verlässt, aber da gewinnt er gerade einen Haufen Jetons und muss sie neu setzen.

Die beiden Frauen kommen mehrmals. Irgendwann trifft er Norma im Amatista und sie fragt "Was halten Sie von Lilian?" "Bitte?" "John! Sie war jetzt bestimmt schon dreimal bei Ihnen und Sie haben sich noch nicht mal ihren Namen gemerkt." "Ah, Ihre Freundin Lilian, ja, sie ist ... sie ist ... attraktiv." "Sie hat mich nach Ihnen ausgefragt." "So? Und was haben Sie ihr erzählt?" "Alles was ich weiß, und das ist, wie ich merkte, ziemlich wenig." "Das könnte ich von Ihnen auch sagen." "Ja. Eigentlich schade, daß wir uns nicht früher begegnet sind." "Was hätte das geändert?", erwidert er und sieht, daß Norma mit dieser Antwort nicht gerechnet hat. Sie verzerrt den Mund zu einem krampfhaften Lächeln und ihre Lippen zittern, als sie sagt "Nein, es ist gut so. Wenn wir uns eher kennengelernt hätten, dann könnte ich Sie jetzt wahrscheinlich längst nicht mehr ausstehen."

Ein Laufbursche von der Zeitung kommt frühmorgens ins Atelier und sagt, der Chefredakteur ließe ihm mitteilen, auf der Estancia Las Plumas habe es ein Feuergefecht zwischen den Bauern und einigen Banditen gegeben, welche die Estancia überfallen hatten. Jemand habe die Aktion an die Bauern verraten und sie haben die Angreifer in einen Hinterhalt gelockt und einige von ihnen getötet, so der Laufbursche, den der Chefredakteur offenbar ordentlich instruiert hat. Er bitte Johann darum, die toten Banditen zu photographieren.

"Wozu?", fragt er den jungen Mann, und der meint: erstens habe der Chef einen guten Bekannten dort auf der Estancia und zweitens solle man sehen, daß sich die Landarbeiter wehren können. Wer soll das sehen? will Johann fragen, aber dann überlegt er einen Moment. Verhohlene Absichten hin oder her: ihn reizt das Motiv, erschossene Banditen sieht man nicht alle Tage. "Der Chef hat ein Automobil für Sie besorgt, es steht vor der Tür, der Fahrer bringt Sie hin", sagt der Bursche und reicht ihm außerdem einen Briefumschlag, dem Johann anfühlt, daß etliche Scheine als Honorar drinstecken. "Fragen Sie dort nach Augustin Santos, er weiß Bescheid." "Wem gehört die Estancia?" Der Bursche zuckt mit den Schultern, mehr könne er ihm auch nicht ausrichten.

Johann fährt zur Estancia, sie liegt ein paar Meilen westlich vor der Stadt, die Gegend ist grün und es gibt zahlreiche Plantagen. Für die Bewässerung sorgt ein Nebenfluss des Rio Altanero. Sie fahren durch ein Tor, wo Männer stehen. Johann sagt, er will zu Augustin Santos. Sie wollen seine Kamera sehen. Er steigt aus und holt sie aus dem Fonds des Wagens. Daraufhin beschreibt ihm einer, wo er Santos findet.

Aber dort ist er nicht, die Hütte ist leer und weit und breit ist kein Mensch zu sehen, und Johann meint, irgendetwas stimmt nicht. Der Fahrer sagt "Senor, mein Wagen braucht Wasser, ich fahre mal schnell dort hinüber, ich glaube, da ist ein Brunnen, ich bin in einer halben Stunde zurück." "Ich komme mit", sagt Johann, dem es hier auf einmal nicht ganz geheuer ist.

Der Fahrer zögert, dann beugt er sich hinten unter das Auto und ruft wie überrascht "Oh Senor! Ich glaube, die Hinterachse hat was abgekriegt, das muss erst repariert werden, bevor ich weiter jemanden mitnehmen kann, wegen dem Gewicht, verstehen Sie. Nehmen Sie lieber Ihr Zeug raus!" "Moment mal, Sie können mich hier nicht einfach absetzen." "Tut mir leid, Senor, das mit der Achse muss dringend gemacht werden." Johann kann gar nicht so schnell gucken, wie er seine Ausrüstung auslädt und auf den Boden legt. Und schon fährt er in einer Staubwolke davon.

Johann ruft "Hola! Senor Santos! Hey, ist hier jemand!" Dann trägt er seine Sachen in den Schatten unter das Vordach der Hütte. Vor ihm sind lange Reihen Aprikosenbäume, weiter hinten stehen Oliven, und in der Ferne an einem Hügel erkennt er die grünen Streifen von Weinreben. Dann meint er, weiter weg Stimmen gehört zu haben. Er hängt sich die schwere Tasche mit der Ausrüstung auf die Schulter, nimmt die Kamera mit dem Stativ und entscheidet sich spontan für den Weg, der zwischen zwei anderen von der Hütte wegführt. Der Schweiß läuft an ihm herunter, er ruft wieder, er kommt an eine Kreuzung und wendet sich nach rechts, kehrt nach ein paar Schritten um und geht in die entgegengesetzte Richtung, er hat keine Ahnung, wo er ist.

Da kommt zwischen den Bäumen ein zweirädriger Karren mit großen Rädern, gezogen von einem Maultier hervor. Obenauf sitzt ein Mann, der aussieht wie ein Buchhalter. Er hält an, als er Johann erblickt und ruft "Sind Sie der Photograph? Wo stecken Sie denn?" "Man hat mich zu einer Hütte geschickt." "Unsinn. Steigen Sie auf. Warten Sie, ich helfe Ihnen mit Ihren Sachen." "So allein, mitten in einer riesigen Plantage, das ist nicht sehr behaglich", sagt Johann, der heilfroh ist, daß doch noch jemand aufgetaucht ist. "Niemand ist zur Erholung hier", murmelt der andere. "Außerdem hat mich mein Fahrer im Stich gelassen." "So so."

Sie klettern auf den Karren und fahren mal links, mal rechts durch schnurgerade Reihen von niedrigen, dichtbelaubten Obstbäumen. Dann stehen da drei offene Schuppen, unter deren Dach Holzkisten und allerlei Gerätschaften gestapelt sind. Davor ist ein freier Platz, ein paar Männer halten sich im Schatten auf. Am Rand ist ein Brunnen, eine Frau sitzt da und bietet Maisfladen an. Auf der andern Seite sieht Johann die Leichen der Banditen nebeneinander im Sand liegen.

Augustin Santos kommt auf Johann zu und sagt "Höchste Zeit, daß Sie kommen." "Ihre Männer haben mich erst woanders hingeschickt." Santos interessiert es nicht. Sein Gesicht hat einen intelligenten Zug, aber auch etwas Brutales, und es scheint, als würde er beides zu seinem Vorteil vereinigen können.

Sie gehen hinüber zu den Toten. Es sind vier, sie liegen alle auf dem Rücken. In der Hitze verbreiten ihre Körper einen ekligen Geruch. Man sieht die Einschusslöcher, zwei haben verschmiertes Blut im Gesicht, schillernde Fliegen machen sich über sie her. Man hat den Männern die Hosen heruntergezerrt, und ihre entblößten Glieder wirken wie die Idole ihrer leblosen Besitzer. Johann findet es abstoßend. Er sagt "Ich photographiere sie nur, wenn ihre Scham bedeckt ist." Santos sieht ihn an mit einem Blick, als würde er ihn am liebsten gleich dazulegen, dann macht er eine abfällige Geste und schickt jemanden weg. Der kommt mit ein paar leeren Säcken wieder, die sie notdürftig über die Geschlechtsteile werfen.

Johann stellt die Kamera auf. Er sagt, man solle etwas unter ihre Köpfe legen, damit ihre Gesichter besser zu erkennen sind. "Soll ich vielleicht auch noch einen Barbier rufen", faucht Augustin Santos. "Das ist nicht nötig", erwidert Johann ruhig, "Sie wollen doch, daß man sieht, wen Sie erledigt haben, oder?" Zähneknirschend gibt Santos ein Zeichen, und sie tun, was Johann verlangt.

Einer der Toten, der zweite von links, ist offensichtlich der Älteste, er scheint der Anführer gewesen zu sein. Seine Augen sind geschlossen, er hat einen dichten Schnurrbart, aber man sieht seinen Mund zu einem höhnischen Grinsen verzogen, mit dem er seine Feinde anscheinend noch aus dem Jenseits verflucht. Die links und rechts neben ihm könnten Brüder sein, und der jüngste hat die Augen weit aufgerissen, erstaunt darüber, daß es ihn so unerwartet erwischt hat.

"Wie ist das passiert?", fragt Johann. Als wäre es unter der Würde von Augustin Santos, sich weiter mit einem Photographen, noch dazu mit einem Fremden zu unterhalten, sagt einer seiner Begleiter "Senor Santos wollte hier zu den Landarbeitern über ihren Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen sprechen. Nach den Plänen dieser Schurken sollte es seine letzte Rede sein." "Sie haben vorher von diesem Überfall gewusst?" "Wir waren darauf vorbereitet", sagt der andere nicht ohne Genugtuung in der Stimme und fügt hinzu "und wir können mit Waffen genauso gut umgehen wie dieses Pack." Da erst sieht Johann abseits die Gewehre, Revolver und Patronengurte der Toten liegen.

"Auf Ihrer Seite gab es keine Opfer?" "Nein", sagt der andere schnell. Sie wenden alle ihre Köpfe zum Brunnen, wo die Frau sich plötzlich lautstark mit einem Mann zankt. Dann sagt Santos "Sie sorgen dafür, daß die Photos noch in dieser Woche in der Zeitung erscheinen, sagen Sie mir, was Sie dafür verlangen." Geistes gegenwärtig nennt Johann einen Betrag, und auf Santos' Zeichen hin, holt einer der Männer ein dickes Bündel Scheine hervor, leckt einmal am Daumen und blättert Johann das Geld in die Hand.

"Und wie komme ich zurück in die Stadt?", fragt Johann. Als wäre das sein Stichwort gewesen, tritt der Kutscher des Maultierkarrens an ihn heran und meint "Ich fahre sowieso da hin, ich kann Sie mitnehmen, wenn Sie wollen." Er hilft wieder beim Aufladen. "Wie heißen Sie?", fragt ihn Johann. "Horacio Alejandro" "Der Name passt zu Ihnen", meint Johann, dieser Mann ist ihm von allen hier Anwesenden noch am ehesten sympathisch. "Wie bitte?"

"Mir ist, als hätte ich Ihren Namen schon mal gehört." "Kann sein", sagt Horacio, "Sie sind ein Freund von Don Alfredo Gonzales?" "Wir kennen uns, ja." "Ich habe für ihn gearbeitet." "Gehört diese Estancia auch ihm?" "Letzten Endes ja. Der Verwalter ist jemand, dessen Familie Don Alfredo sich verpflichtet fühlt, ich betone, seiner Familie, nicht ihm selbst, denn dieser Mann ist ein Taugenichts und ein Trunkenbold. Er hat ihn dennoch als Verwalter eingesetzt, und das war vielleicht ein Fehler, denn Sie sehen ja selbst, was hier vorgeht." "Wie meinen Sie das?" "Eine Estancia ist ein Ort, wo Menschen mit ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen und dabei außerdem ein gottgefälliges Werk tun. Aber das hier ist ein Ort für Mord und Totschlag geworden."

"Wissen Sie etwas über diese Banditen?" "Nur das, was jeder hier weiß. Ihr Anführer heißt Omar Tapia, aber es heißt auch, er stehe unter dem schlechten Einfluss der Gebrüder Rojas, die sehr gewalttätig und verdorben sind." "Wo leben diese Männer? Etwa in der Stadt?" "Es gibt in der Stadt Leute, die dem Omar Tapia nahestehen und möglicherweise auch von ihm für den ein oder andern Gefallen bezahlt werden. Die Bande lebt in den Bergen, niemand weiß genau wo. Manche sagen auch, die hätten sich in einem Dorf breitgemacht, das eigentlich den Perhueles gehört."

"Wer sind die Perhueles?" "Indios, die diese Gegend seit Urzeiten bewohnen." "Also Mapuche?" "Oh nein. Wenn Sie einen von den Perhueles als Mapuche bezeichnen, kann es sein, daß er Ihnen an die Kehle springt. Sie fühlen sich völlig eigenständig, sie sprechen auch ihre eigene Sprache, sie halten sich für was besonderes. Wenn sie noch ein paar mehr wären und einen einzigen Gott hätten, würden sie sich wahrscheinlich für ein auserwähltes Volk halten, ich meine so ein Volk wie die Juden, die ja auch davon überzeugt sind, Gott hätte ihnen ein Auftrag gegeben, allen anderen überlegen zu sein."

"Die Vorstellung scheint Ihnen zu missfallen, Horacio." "Das tut sie allerdings. Was ein Mensch an guten Eigenschaften besitzt, das verdankt er doch wohl am wenigsten seiner Abstammung. Wie vielen, die in miserablen Verhältnissen geboren werden, wäre es dann verwehrt, ein tugendhaftes und frommes Leben zu führen? Man muss die Menschen zum rechten Glauben an unsern Herrn und Heiland bekehren, anstatt sich über sie zu erheben. Aber die Juden glauben nur an einen Gott und das ist Mammon, der Gott des Geldes. Wenn es nach mir ginge, müsste man alle Juden in die Wüste schicken, da würden sie sehen, was sie ohne den Rest der Menschheit wären, den sie so verachten. Soll ich Ihnen mal eine Geschichte erzählen? Es gibt in San Gabriel einen Juden, der heißt Aaron Espinola, der hat ..."

"Erzählen Sie mir lieber noch etwas von den Perhueles", fällt ihm Johann ins Wort. "Weiß ich nichts weiter", knurrt Horacio ein bisschen beleidigt, aber nach einer Pause sagt er "Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mal persönlich einen von der Tapia Bande zu der Station am Punto del Agua gefahren. Er war in San Gabriel beim Photographen gewesen und hatte sich dort photographieren lassen, mit seiner Braut, ein Hochzeitsphoto gewissermaßen, sie war blutjung, fast noch ein Kind, aber sehr schön, das muss man sagen, ein sehr schönes Mädchen, aber keine Räuberbraut, wenn Sie verstehen, was ich meine. Jedenfalls war sie eine Perhuele."

"Woher wissen Sie das?" "Das sieht man. Und bei einer Braut sieht man es erst recht. Hinterher haben manche gemeint, der Bräutigam wäre Omar Tapia selbst gewesen." "Wieso wollten sie zu der Station am Punto del Agua?" "Von dort ging seinerzeit eine Strecke in die Berge bis zu einem Ort namens Monte Oscuro, das heißt, so lange ist das noch gar nicht her. Manche sagen, von dort geht es weiter zum Lager der Banditen, na ja, es wird wohl keine Hochzeitsreise gewesen sein, was die beiden vorhatten."

Er macht wieder eine Pause und Johann fragt "Warum arbeiten Sie nicht mehr für Don Alfredo?" "Das tue ich ja noch, nur nicht mehr so oft. Früher bin ich immer nach Villa Angela gefahren, um dort Don Alfredos Geschäfte zu erledigen, aber nach dem Unglück in der Stadt war das nicht mehr möglich." Johann fällt ein, was Pepe einmal erwähnt hatte. "Sie meinen die Epidemie?"

"Ja, eine schreckliche Geschichte. Das kommt davon, wenn die Menschen nicht auf Sauberkeit acht geben. Villa Angela hat mehr als dreitausend Einwohner, aber nur ein Dutzend Straßen hat eine Kloake, und das ist natürlich das Viertel, wo die Reichen wohnen. Alle wollten nach Villa Angela, als man dort in der Nähe Schwefel entdeckt hatte, aber keiner hat sich um die hygienischen Verhältnisse gekümmert. Es heißt auch, daß einer von den reichen Juden ..."

"Haben Sie mal einen Jungen nach Villa Angela mitgenommen?" "Ist das Ihre Art, einen dauernd zu unterbrechen!" "Entschuldigung, aber mir ist das wichtig zu wissen." "Was für ein Junge?" "Ungefähr acht oder neun Jahre alt." "Wie heißt er?" "Das weiß ich nicht. Er war barfuß. Haben Sie ihn im Hotel Cruz del Sur abgeholt?" "Was für ein ungereimtes Zeug reden Sie da zusammen, Senor. Ich kenne keinen solchen Jungen."

"Kann es sein, daß ihn jemand anderes dorthin gebracht hat?" "Woher soll ich das wissen. Außer mir ist jedenfalls niemand für Don Alfredo nach Villa Angela gefahren, damit hat er immer nur mich beauftragt und ich kann mit Fug und Recht sagen, ich habe seine Aufträge immer zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigt. Dann hatte Don Alfredo keine Aufträge mehr für mich, er sagte: 'Horacio, Sie waren immer ein tüchtiger und zuverlässiger Mann für mich gewesen, aber ich kann Sie nicht mehr bezahlen.' Er sagte, die Geschäfte gingen schlecht und er hätte große Verluste zu verbuchen. Stellen Sie sich vor: er hat mir noch hundert Pesos gegeben! Das hätte er nicht tun müssen, er hat so viele Leute einfach vor die Tür gesetzt, wenn er sie nicht mehr brauchte, sogar Leute, die weit wichtiger waren als ich. Aber mir hat er ..." "Man sagt, daß für Don Alfredo auch Kinder arbeiten, stimmt das?"

Horacio schweigt und schaut zur andern Seite in die Landschaft. Nach einer Weile sagt er "Wenn hier Erntezeit ist, wird jede Hand gebraucht." "Ja sicher. Aber diese Kinder arbeiten das ganze Jahr für Don Alfredo, ist Ihnen das nicht aufgefallen, Horacio?" "Nein. Hören Sie, Senor, worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Don Alfredo ist ein anständiger und ein frommer Mensch. Er hat viel für San Gabriel getan, mehr als mancher hergelaufene Einwanderer. Nichts gegen Sie, Senor, aber was weiß ein Europäer denn wirklich von den Verhältnissen hier? Ich kenne ein paar Siedler, das sind - wie heißen die? - Schwalben?" "Schwaben?" "Ja, Schwaben, auch aus Deutschland, die haben sich seinerzeit am Rio Diamante angesiedelt, die sind hergekommen, weil man ihnen zu Hause weisgemacht hat, was für ein paradiesisches Land das hier ist. Die kannten vielleicht das ganze Buch Jeremias auswendig und die Psalmen dazu, aber sie wussten noch nicht mal, wie man einen Baum fällt; sie haben den Stamm ringsum mit der Axt eingeschlagen, und dann mussten sie abwarten, wohin er fällt."

"Ja, mag sein, daß sich solche Leute anfangs dämlich angestellt haben, aber sie hatten immerhin einen Traum von einem zukünftigen Leben." Horacio zieht beinahe verächtlich die Brauen hoch. "Ich bitte Sie, Senor, den haben wir doch alle, das ist kein Verdienst. Am Ende zählt nicht das, was einer für sich selbst schafft, sondern das, was er für die Gemeinschaft tut, und danach sollte man ihn beurteilen."

"Da bin ich ganz Ihrer Meinung", pflichtet ihm Johann bei und setzt hinzu "Das ist es ja auch, was man den Juden oft vorwirft, diesen Mangel an Gemeinschaftssinn." "Und nicht ohne Grund", sagt Horacio nachdrücklich. Dann sagt Johann "Wussten Sie eigentlich, daß die Juden den Eltern die kleinen Kinder wegnehmen und in ein Erziehungslager stecken?" "Die Kinder von den andern Stämmen." "Nein, die Kinder ihres eigenen Volkes." "Ach was? Und die Eltern lassen das zu?" "Sie werden gezwungen. Man reißt die Familie auseinander wie man ein Salatherz zerpflückt", sagt Johann und bereut den dummen Vergleich.

Aber Horacio springt darauf an und meint empört "So etwas gibt nur böses Blut und sät bei den Kindern Hass auf die Erwachsenen. Ein Kind gehört zu seiner Familie und nicht unter die Fuchtel von Predigern, die es mit irgendwelchen Heilslehren füttern." "Ja", sagt Johann, "deshalb hat Jesus Christus auch keine Kinder aufgefordert, ihm zu folgen." "Das ist wahr", stimmt Horacio zu, "so habe ich das noch gar nicht betrachtet."

Er schweigt eine Weile, dann sagt er "Dieser Junge, von dem Sie gesprochen haben, soll der etwa bei Don Alfredo arbeiten?" "Don Alfredo hatte mir versprochen, ihn nach Villa Angela zu seiner Tante zu bringen, aber inzwischen habe ich Zweifel, ob er dort angekommen ist." "Don Alfredo würde niemals sein Wort brechen." "Das habe ich auch nicht behauptet. Aber gesetzt den Fall, er ist nicht nach Villa Angela gefahren, wo ja auch niemand mehr hereingelassen wird, und er ist auch nicht zu mir zurückgekommen, wo ist er dann?"

"Hm", macht Horacio. "Jetzt verstehe ich erstmal, was Sie meinen: Sie wollen diesen Jungen wiederfinden." "Und ich glaube, Sie könnten mir dabei helfen, Horacio." "Ich? Wie denn das?" "Sie sind doch ständig hier unterwegs, und ich nehme an, nicht nur auf dieser Plantage." "Das ist richtig." "Da könnten Sie doch ein Auge offen halten." "Keine einfache Sache. Sie wissen nicht, wie er heißt, und ich weiß nicht, wie er aussieht, und Jungs, die barfuß rumlaufen, gibt es jede Menge. Außerdem würde es Don Alfredo nicht gefallen, wenn ich hinter seinem Rücken herumspioniere."

'Er muss es ja nicht erfahren', will Johann entgegnen, aber er sagt "Sie meinen also, es wäre besser, wenn ich Don Alfredo selbst danach frage?" Horacio antwortet nicht gleich, dann sagt er "Also gut, ich werde mich mal umhören. Aber das bleibt unter uns, Senor, das müssen Sie mir versprechen." "Ja, das tue ich. Und danke, Horacio." "Danken Sie Gott, wenn er diesen Jungen zu Ihnen geschickt hat."

Das Herumirren in der prallen Sonne auf der Plantage muss Johann geschadet haben, denn noch am Abend bekommt er Schüttelfrost und Fieber. Er begeht den Fehler, zwei Gläser Rum zu trinken. In der Nacht wacht er auf, ihm ist kotzübel und er weiß nicht, wo er sich befindet. Am nächsten Tag quält er sich aus dem Bett. Die Terrasse liegt im schönsten Sonnenschein, aber das Licht blendet ihn und verursacht einen stechenden Schmerz hinter den Augen.

Als hätte sie von seiner Lage erfahren, besucht ihn Norma und kümmert sich mit rührender Anteilnahme um ihn, als wäre er ihr Bruder. Sie legt ihm ein feuchtes, kühles Tuch auf die Stirn. Sie findet in seiner Hausapotheke Tabletten gegen das Fieber und löst zwei davon in einem Glas Wasser auf; sie hält es ihm im Sitzen an den Mund, und er trinkt es in kleinen Schlucken. Dabei redet sie ununterbrochen, sie versucht sogar, ihn mit ein paar Limericks aufzuheitern, aber es passt nicht zu ihr. Johann legt sich hin, und im nächsten Moment schläft er. Als er wieder aufwacht, ist Norma verschwunden, es ist später Nachmittag. Er schließt für eine Weile die Augen, und dann ist sie wieder da.

"Ich habe eine Lektüre geholt." "Was haben Sie?", fragt er matt. "Etwas zu lesen." "Vielen Dank, aber ich möchte jetzt nichts lesen." "Natürlich nicht", sagt sie, "ich werde Ihnen etwas vorlesen, das vertreibt die bösen Gedanken." "Ich habe keine bösen Gedanken, höchstens einen Sonnenstich." "Alles hat seine Ursache", sagt Norma und rückt einen Stuhl an sein Bett. Sie trägt ein hellgrünes Kleid, und ihr blondes Haar hält ein rotes Band zusammen.

Er schaut sie an, wie sie in dem Buch blättert und nach einer Stelle sucht. Er sagt "Sie sehen aus wie ... wie meine Frau." "Sind Sie soweit?" "Was für ein Buch ist es? Nein, warten Sie, lassen Sie mich raten, ich tippe auf Jane Austen." Sie schaut den blanken Einband an, als sei sie überrascht, wie er es erkannt haben könnte. "Woher wissen Sie das, John?" "Sie haben einmal von ihr geschwärmt." "War ich überzeugend?" "Ja, sehr. Ich war sprachlos." Norma lacht beinahe triumphierend.

"Wie heißt es?" "Persuasion. Wenn ihre Romane nicht alle perfekt wären, würde ich sagen, das ist ihr bester." "Haben Sie nichts wichtigeres zu tun als mir vorzulesen?" "Nein. Können Sie jetzt die Klappe halten." "Ja." Er wirft noch einen Blick auf sie und findet sie bildschön, und der Vergleich mit Christiane war völlig daneben. Er schließt wieder die Augen und lauscht ihrer Stimme, sie klingt verändert, ihm scheint, als würde Jane Austen selbst vorlesen, er spürt eine wohltuende Erregung in seinem Körper, die tatsächlich die Schmerzen vertreibt.

* * * * *

Als Johann am nächsten Tag die Photos von den getöteten Banditen entwickelt, kommt Orlando in Begleitung zweier Gendarmen zu ihm ins Atelier. Wieder tut er so, als hätte er mit Johann vorher nie etwas zu schaffen gehabt. Er verlangt, daß ihm Johann die Photos aushändigt. "Aus welchem Grund?" "Sie sind auf Don Alfredo Gonzales' Grund und Boden gemacht worden, und zwar ohne seine Erlaubnis, sie gehören ihm." "Es gibt eine gesetzliche Verfügung darüber", ergänzt der eine Gendarm.

"Was geschieht, wenn ich sie nicht hergebe?" Die andern sind für einen Moment unschlüssig, Orlando wechselt einen Blick mit seinen Begleitern, dann sagt er "Die Polizei ist berechtigt, Ihr Geschäft zu durchsuchen." Das scheint ihm selbst viel zu aufwändig, deshalb fügt er hinzu "Aber wir können es auch kurzerhand dichtmachen, wenn Ihnen das lieber ist."

Johann glaubt nicht, daß sie so einfache Handhabe gegen ihn hätten, selbst wenn die Polizei dabei ist, im Grunde hat er nichts Strafbares getan. Dennoch sagt er einfach "Ich habe die Photos nicht mehr, sie sind bereits bei der Zeitung." "Das war ein großer Fehler", zischt Orlando und schaut ihn an wie jemanden, der gerade ein Geständnis abgelegt hat. "Und nun verschwinden Sie aus meinem Haus!" "Wir kommen wieder." "Tun Sie, was Sie wollen", entgegnet Johann und dann platzt es aus ihm heraus: "Wenn Sie das nächste Mal nur einen Fuß über meine Schwelle setzen, werde ich auf Sie schießen."

Einer der Gendarmen fasst unwillkürlich an seine Waffe, Orlando beschwichtigt ihn und sagt zu Johann "Senor Melzer, mit solchen Drohungen machen Sie sich nur noch unbeliebter als Sie es ohnehin schon sind." "Es liegt nicht in meiner Absicht, mich bei bei Leuten wie Sie beliebt zu machen." Orlando lacht hässlich auf. "Wenn Sie glauben, Sie könnten hier ohne die Hilfe anderer überleben, bitte sehr, wir werden sehen, wie weit Sie kommen."

Der Zwischenfall bringt Johann völlig durcheinander, er fragt sich, warum er fast die Beherrschung verloren hat, warum er so aufgebraust ist gegenüber diesem widerlichen Kerl, der ihm von Anfang an ständig über den Weg läuft, sich aufspielt wie ein Wichtigtuer, der dabei Angst hat, daß man ihm auf die Schliche kommt. Seine Rage lässt gar nicht nach, er beschließt, sich ein Gewehr zu kaufen. Er hat keine Ahnung, was für eins. Er findet ein Waffengeschäft und nimmt eine doppelläufige Schrotflinte und dreißig Patronen, die aussehen wie rote Kerzen für den Weihnachtsbaum.

Er mietet ein Maultier, reitet vor die Stadt und schießt auf eine leere Blechbüchse. Er verringert die Distanz schließlich bis auf zehn Schritt und trifft immer noch nicht. Auf die Ballerei hin kommt ein alter Gaucho angeritten. Er rät Johann, die Läufe zu verkürzen, dann "streut" die Waffe mehr. Ein Schmied stutzt sie auf die halbe Länge. Johann bezahlt, wickelt das Gewehr in ein Tuch und läuft damit durch die Stadt nach Hause, jeder, der genauer hinschaut, sieht, was er da unterm Arm trägt.

Das Merkwürdige ist: er fühlt sich besser als mit jeder Photokamera. Er hat sogar den verrückten Einfall, ins Amatista zu gehen. Ruben Cía ist nicht da, aber Norma und Lilian und Harry! Die Frauen sind gerade im Begriff zu gehen. "Wann spielen wir wieder eine Runde Roulette, Juan?", fragt Lilian. "Wann immer Sie wollen", erwidert er und versteckt das Gewehr hinterm Rücken. Aber das Tuch verrutscht und Harry ruft "Um Himmels willen, John, wollen Sie die Bank überfallen?" "Hilfe", sagt Lilian lachend, "komm' Norma, nichts wie weg hier, sonst werden wir noch unliebsame Zeugen."

Johann setzt sich und bestellt zwei Scotch, Harry begutachtet die Waffe. "Ich habe den Verdacht, irgendjemand treibt sich nachts auf meinem Grundstück herum, kann sein, es ist ein Dieb, der auf die günstige Gelegenheit wartet", erklärt Johann. "Ja klar", meint Harry, "und überhaupt ist es gut, so was im Haus zu haben." Er wickelt das Gewehr wieder ins Tuch und gibt es ihm zurück. Sie trinken den Whisky und Harry bestellt zwei neue.

"Wie steht die Sache mit der Frau, John? Schon eine gefunden?" "Nein." "Sie kümmern sich zu wenig darum, geben Sie's zu. Oder wollen Sie sich jetzt mit Waffengewalt eins von den Indianerweibern holen?" "Ja, das wär's", lacht Johann. "Davon rate ich Ihnen ab. Diese Frauen sind unberechenbar. Deren Begriff von Ehe hat mit unserem europäischen soviel gemeinsam wie ihr Regengott mit der Dreifaltigkeit. Selbst mit den einheimischen Frauen bekommen Sie nur Scherereien. Sie sind zwar schön und ich muss zugeben, ich habe nirgends so gut gebaute Frauen gesehen wie in Argentinien, aber erstens ist diese Schönheit nicht von Dauer und zweitens - ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was für Vorstellungen alle diese schönen Frauen von sich selbst haben." "Warum fragen Sie sie nicht einfach danach." "Habe ich, und jedesmal wurde ich mit einem bösen Blick gestraft, als hätte ich sie abgrundtief beleidigt."

"Wo sollte ich dann Ihrer Meinung nach suchen?" "Bleiben Sie bei ihrem Leisten, will sagen, schauen Sie sich unter Ihren Landsleuten um, die deutschen Mädchen stehen übrigens hier hoch im Kurs." Er macht eine Pause und trinkt, dann ruft er aus "Ach nein, das geht ja auch nicht, Sie Ärmster, man würde schnell herauskriegen, daß Sie ein Heiratsschwindler sind und das kann Ihnen teuer zu stehen kommen, ha ha ha." Er lacht wie über einen gelungenen Lausbubenstreich aus seiner Kindheit.

Zu Hause legt Johann das Gewehr unters Bett, aber dann träumt er im Halbschlaf davon, wie sich ein Schuss löst, und er stellt es in die Ecke neben den Büroschrank, wo gerade noch eine Handbreit Platz ist.

Er macht die Abzüge von den Photos und bringt sie zur Zeitung. Er staunt nicht schlecht, als der Chefredakteur nichts von dem Burschen weiß, der angeblich mit dem Auftrag zu Johann gekommen war, er habe niemanden zu ihm geschickt. Johann verschweigt den Umschlag mit dem Geld und die andern Einzelheiten; möglicherweise verleugnet der Chefredakteur auf einmal alles.

Aber die Photos will er unbedingt haben, und Johann kassiert zum dritten Mal dafür. "Könnten Sie auch einen kurzen Bericht dazu schreiben? Nur so etwas wie eine Beschreibung der Situation, wie Sie das Ganze gesehen haben. Sie können sich jedes persönlichen Kommentars enthalten." "Ich bin nicht sicher, ob ich das alles verstehe." "Das macht nichts, aber Sie waren nun mal sozusagen der einzige Reporter dort, und die Leute wissen es zu schätzen, wenn die Informationen authentisch sind." "Gut, ich werde es versuchen." "Ich brauche den Artikel bis heute abend." "Das schaffe ich nicht." "Juan, ich gebe Ihnen dafür noch mal zehn Prozent vom Honorar obendrauf." Da wird Johann klar, wieviel er an den Photos verdient hat, ihm fällt die Bemerkung des Mannes im Clearwater House ein, der sich darüber wunderte, daß Johann nicht Kriegsreporter geworden ist, obwohl das so lukrativ wäre. Und er fühlt sich für einen Moment wie jemand, der solche Dummschwätzer auslachen könnte, weil ihm das, was er tut, viel mehr einbringt.

Und der Erfolg bleibt ihm treu. Er bekommt einen Auftrag von einem Hacienda Besitzer in Liucura, dessen Mutter ihren achtzigsten Geburtstag feiert. Es ist eine große Familienfeier, und der Mann mit Namen Raul Moreno verspricht Johann ein üppiges Honorar. Allerdings sind es bis Liucura fast fünfzig Meilen und Johann muss für die Reise und die Arbeit drei Tage veranschlagen. Die Hacienda liegt in einem weitläufigen grünen Tal auf einer Anhöhe, um die sich ein kleiner Fluss herumschlängelt.

Raul Moreno, ein schlanker Mann mit einem schmalen Gesicht und einem um so breiteren Schnurrbart, nimmt sich eine Viertelstunde Zeit, um von den vier Seiten des Hauses aus Johann die Gegend zu zeigen. Er verabschiedet sich mit einem kräftigen Händedruck und überlässt ihn einem Angestellten, der ebenfalls Raul heißt und der ihm, wie nach einer präzisen Liste, die er im Kopf hat, genau sagt, welche von den an die hundert anwesenden Personen er photographieren soll.

Etwa um die Mittagsstunde herum bittet Raul Johann, die Arbeit zu unterbrechen und ihm zu folgen. In einem sehr komfortabel eingerichteten Zimmer im ersten Stock sitzt Senora Moreno in einem wulstigen Everett Sessel mit grün und braun gemustertem Polster. Sie blickt aus wässrigen Augen geradeaus, und Johann bemerkt sofort, daß sie nichts mehr sehen kann. Er spricht ein paar freundliche Worte, und sie nickt und lächelt, ohne ihn anzuschauen.

Er sagt zu Raul, man müsse, um die Senora ins rechte Licht zu rücken, den Sessel um einen Viertelkreis herumdrehen, und Raul erwidert daraufhin "Das ist ganz unmöglich, Senor Melzer, Sie müssen das so hinkriegen." "Ist hinter diesem Vorhang ein Fenster?" "Ja." "Kann man ihn für einen Moment zur Seite ziehen?" "Tut mir leid, aber dieser Vorhang ist immer geschlossen." Da sagt die Senora "Raul, tun Sie, was der Herr verlangt, wo er von so weit her gekommen ist." "Selbstverständlich, Senora Moreno." Und Johann weiß nicht, ob sie San Gabriel oder gar Deutschland meint.

Raul gibt ihm das Geld. In einem kleinen Zimmer im Erdgeschoss hat er sein Büro, offenbar ist er eine Art Buchhalter für die Morenos. Er nimmt die Scheine aus einer schwarzen Geldkassette, und Johann stellt fest, daß er genau die gleiche besitzt. "Geben Sie bitte telegraphisch Bescheid, wenn die Photos fertig sind, ich schicke dann einen Boten zu Ihnen." "Gestatten Sie mir die Frage, wie Sie von mir erfahren haben?" "Die Herrschaften haben früher schon ihre Photos in San Gabriel machen lassen. Die Senora war erfreut, als sie hörte, daß jetzt ein neuer Photograph in der Stadt ist. Übrigens haben wir Ihren Artikel in der Zeitung gelesen, mit den Bildern von den toten Banditen." "Oh, eine unangenehme Geschichte ist das." "Wie bitte?" "Ich meine, sie hat viel Staub aufgewirbelt." "Natürlich, das glaube ich. Aber es ist gut zu sehen, daß Recht und Ordnung die Oberhand behalten." "Ich befürchte, die Streitigkeiten sind damit noch nicht beendet." Raul stößt einen kleinen skeptischen Lacher aus. "Nein, garantiert nicht. Zumal einer von den Toten Guillermo Rojas war." Das macht Johann stutzig, er will Raul fragen, was er Näheres darüber weiß, doch jemand ruft ihn nach draußen, seine Hilfe wird benötigt. Er verabschiedet sich, wünscht Johann viel Erfolg für die Zukunft und entlässt ihn.

Als er spätnachmittags zu Hause ankommt, steht die Tür sperrangelweit offen. Im Wohnzimmer sitzen Orlando und die beiden Gendarmen. Orlando raucht eine Zigarre in der Manier Don Alfredos. "Buenos tardes, Senor Melzer, wie gut, daß Sie endlich zurück sind." "Was ist los?", fragt Johann und sieht die Verwüstung im Atelier. "Offenbar ist bei Ihnen eingebrochen worden."

Johann schaut sich im Zimmer um, zwei Kameras sind zertrümmert, die Schränke aufgerissen und ausgeräumt, alles liegt auf dem Boden. Ein paar Flaschen mit Chemikalien sind zerbrochen, es gibt einen beißenden Geruch. "Wir haben die Fenster geöffnet, mit Verlaub", ruft Orlando aus dem Wohnzimmer, "da drinnen hält es ja keiner aus." In Johann kommt die Wut zum Kochen. Er greift nach dem Gewehr, das noch in der Ecke steht, und geht damit auf die anderen zu. "Ho ho ho", sagt Orlando, als würde er die Gäule zügeln, "wollen Sie sich gleich auf die Verfolgungsjagd machen? Wir könnten Sie vielleicht dabei unterstützen, wenn Sie das wünschen."

"Wer hat Sie alarmiert?" "Niemand." Johann schaut ihn verständnislos an und hebt unwillkürlich den Lauf in seine Richtung. Orlando bleibt ruhig. "Wir sind hier, um ein gewisses Subjekt festzunehmen, das sich nach unseren Erkenntnissen auf Ihrem Grundstück aufhält." "Pepe Molina?" "Das ist doch sehr aufschlussreich, daß Sie gleich darauf kommen, wer gemeint sein könnte", sagt Orlando und grinst. "Warum sollte Pepe in mein Atelier einbrechen, wo er sowieso hier ein und ausgeht?" "Habe ich gesagt, daß er es war?" "Reden Sie nicht in diesem albernen Ton mit mir, Sie Hanswurst." Der eine Gendarm verkneift sich ein Lachen, Orlando läuft vor Zorn rot an. Er springt auf und will etwas sagen, die beiden anderen tun desgleichen, dann gibt er dem einen ein Zeichen, der sagt "Im Namen des Gesetzes verhaften wir Pepe Molina wegen des Verdachts des unerlaubten Glückspiels und der Bereicherung."

Orlando hat seine Stimme wiedergefunden und fügt hinzu, als wäre dies das größere Vergehen: "Sollten Sie der gesuchten Person in Ihrem Haus oder auf Ihrem Grundstück Unterschlupf gewähren, dann machen Sie sich strafbar. Und hören Sie gefälligst auf, mit der Flinte herumzufuchteln, sie ist sowieso nicht geladen." Johann knickt den Lauf herunter, es stecken keine Patronen drin; er ist sich ganz sicher, daß er welche eingelegt hatte. "Widerstand gegen die Staatsgewalt ist ebenfalls ein Delikt", sagt Orlando und nimmt einen Zug aus der Zigarre, aber seine Hand zittert dabei. "Gehört das Ihnen?", fragt der Gendarm und hält ein kariertes Hemd hoch, Johann sieht auf dem Sofa auch Pepes Hose liegen. Wieso hat er seine Sachen ausgezogen? "Das gehört ihm." Orlando sagt "Ich nehme an, er ist noch hier. Also dann, würden Sie uns behilflich sein, ihn zu finden." Die drei verlassen das Haus durch den Wintergarten, Johann folgt ihnen, ohne zu ahnen, wo Pepe stecken könnte.

Sie gehen hinüber in Richtung Montanaris Frigorifico, Johann trägt immer noch das leere Gewehr, er sagt, man sollte im Gartenhaus nachsehen, die anderen hören nicht hin. Sie schlüpfen durch die Öffnung im Zaun, dann klettern alle die Leiter zum Dach hoch. Johann läuft ein Schauer über den Rücken, als er sich selbst oben im Sonnenstuhl sitzen sieht, im hellen Anzug, mit dem Hut aus Schafswolle auf dem Kopf. Orlando ruft "Dir werde ich helfen, du Sohn einer dreckigen Hure, dem Senor das Zeug aus dem Schrank klauen und den vornehmen Herrn spielen!" Noch ehe Pepe aufstehen kann, hat ihm Orlando zwei schallende Ohrfeigen verpasst, daß sein Gesicht von einer Seite zur andern fliegt. Johann ist sprachlos. Pepe versucht, ihm mit seinem Blick eine Erklärung zu geben, aber Johann wendet sich ab. "Dann nehmen Sie ihn mit und verschwinden jetzt", sagt er. "Das werden wir auch tun", meint Orlando zufrieden.

Pepe stolpert die Treppe hinunter und im Wohnzimmer muss er seine Klamotten wieder anziehen, umständlich legt er den Leinenanzug zurück. Johann sieht seinen mageren Leib und die dürren Beine, die in einer schmutzigen langen Unterhose stecken, er riecht nach Schweiß; die Gendarmen machen sich über ihn lustig. Im Hinausgehen sagt Orlando, als wäre er der Polizeichef "Falls Sie wegen dem Einbruch eine Anzeige erstatten wollen, kommen Sie aufs Revier, Juan."

Es klang eher abweisend, aber gerade deshalb geht Johann zur Gendarmerie. Aus Erfahrung vom letzten Mal legt er eine Liste vor mit allem, was kaputtgegangen ist. "Dann handelt es sich also nicht um einen Einbruchdiebstahl, sondern um einen Fall von Vandalismus", stellt der Gendarm fest, als habe er gerade eben den betreffenden Paragraphen im Gesetzbuch gelesen. "Ja und?", meint Johann. "Es erschwert die Ermittlungen, weil wir von den Tätern nichts in der Hand haben, ich meine, weil die Täter nichts von Ihnen in der Hand haben, was uns auf ihre Spur bringen könnte." "Tun Sie, was Ihre Pflicht ist." "Daran müssen Sie mich nicht erinnern. Vielleicht sollten Sie aber Ihr Eigentum besser schützen, ein so schlecht gesichertes Haus ist ja geradezu eine Einladung für jeden Dieb."

Eine Tür geht auf und ein Offizier erscheint, Johann erkennt ihn nicht sofort wieder. "Buenos dias, Senor Melzer, wie geht es Ihnen?" Es ist der Hauptmann Cutico, der ihm schon bei seinem ersten Ungemach mit der Polizei geholfen hatte. "Haben Sie einen Moment Zeit und kommen mit in nach hinten ins Büro", sagt Cutico. Sie gehen durch einen Korridor, wo an den Seiten kleine Zellen mit Gittern sind, in denen die Gefangenen sitzen. Im Vorbeigehen glaubt Johann, Pepe zu erkennen.

"Ich bin Offizier", beginnt der Hauptmann, "also kein Freund von vielen Worten. Es geht um die Photos, die Sie oben auf der Hacienda gemacht haben. Ich weiß, daß Ihre Ambitionen rein beruflich sind und niemand kann Ihnen verbieten, solche Photos, von wem auch immer, zu verbreiten oder damit Geld zu machen." "Nein. Das würde ich mir auch nicht verbieten lassen." Cuticos Kaumuskeln unter den Ohren spannen sich an, er überlegt einen Moment, dann fährt er fort: "Es ist nur so: für diese Männer sind solche Photos eine große Schmach. Es mögen Banditen sein, dumme und rohe Kreaturen, die keine Moral haben. Aber sie haben ein Gefühl, das alles, was ihnen sonst fehlt, ersetzt, nämlich ihr Stolz. Das ist nicht der Stolz, den Sie aus Ihrer Heimat kennen, Senor Melzer, nicht der Stolz von reichen Fabrikanten oder eingebildeten Frauenzimmern. Dieser Stolz entpringt eher einer animalischen Seele als einer menschlichen." Er macht eine Pause, er scheint es nicht gewohnt zu sein, so viel zu reden. Dennoch merkt man, wie ernst es ihm damit ist und daß ihm irgendetwas wirklich Sorgen bereitet.

"Sie wollen diese Leute doch nicht in Schutz nehmen?", fragt Johann. "Und Sie wollen nicht aus meinen Worten heraushören, was ich nicht gemeint habe, oder?", erwidert Cutico scharf. "Ich habe die Aufgabe, hier dafür zu sorgen, daß die Gesetze eingehalten werden und zwar dort, wo die Macht der Polizei nicht ausreicht. Dazu gehört auch, jede Eskalation zu verhindern." "Die Situation war offensichtlich schon eskaliert. Warum haben Ihre Soldaten die Landarbeiter nicht geschützt?" "Dafür bestand keine Veranlassung, und im übrigen, Senor Melzer, glauben Sie nicht, daß ich mich provozieren lasse." Johann lenkt ein und fragt "Was gedenken Sie zu tun, Hauptmann?" Cutico antwortet nicht sofort, dann sagt er "Mit dem Tod der Banditen ist eine gewisse Grenze überschritten worden, es ist zu befürchten, daß sie zu einem Gegenschlag ausholen. Wir sind darauf vorbereitet." "Das ist gut zu wissen. Und was könnte ich dafür tun?" "Nichts. Sie würden sich als ein guter Zivilist erweisen, wenn Sie die Angelegenheit allein uns überlassen, übrigens auch zu Ihrer eigenen Sicherheit."

"Das kann ich nicht", entgegnet Johann, und plötzlich schießt ihm ein Gedanke durch den Kopf. "Wie bitte?" "Hören Sie, Hauptmann, es gibt da eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt." Cutico zieht die Brauen zusammen, Johann fährt fort "Ich bin auf der Suche nach einem Jungen, der mir von seiner Familie anvertraut wurde ... und den ich auf unglückliche Weise aus meiner Obhut verloren habe. Gewisse Gründe berechtigen mich zu der Annahme, daß dieser Junge auf einer der Haciendas zum Arbeiter gepresst worden ist; ich will ihn unbedingt wiederfinden und dort herausholen." "Es kommt vor, daß auch Kinder auf den Haciendas arbeiten, das ist für unsere Verhältnisse nicht ungewöhnlich", sagt Cutico, als wollte er Johann daran erinnern, daß er aus einem ganz anderen Land kommt. "Ja, das ist nicht mein Problem. Ich will diesen Jungen lediglich wieder bei mir haben. Gesetzt den Fall, ich würde herausfinden, wo er steckt, gäbe es dann die Möglichkeit, ihn loszukaufen?" Hauptmann Cutico antwortet: "Es ist Kindern nicht verboten, auf den Feldern zu arbeiten, Senor Melzer, aber Menschenhandel steht unter Strafe. Sie können nicht einfach jemanden kaufen wie ein Pferd oder einen Ochsen." "Ah ja, ich verstehe", sagt Johann und denkt: natürlich muss er diese Möglichkeit ausschließen, ansonsten würde er ja zugeben, daß dieser Menschenhandel stattfindet.

"Auf welcher Hacienda vermuten Sie ihn denn?" "Auf einer von Don Alfredo Gonzales' Ländereien." "Dann fragen Sie ihn doch selbst. Wozu diese Geheimnistuerei?" Johann entfährt ein bitteres Lächeln. "Oh ja, natürlich, warum bin ich nicht darauf gekommen", sagt er sarkastisch. "Ich dachte, Sie wären Freunde." "Und Sie? Sind Sie auch einer von Don Alfredos Freunden?" Der Hauptmann ändert seinen Ton. "Wissen Sie, Senor Melzer, ich persönlich habe Sie bisher für einen umgänglichen Mann gehalten, ein Deutscher, nun gut, die waren hier, Gott weiß warum, schon immer ein bisschen, wie soll ich sagen, vielleicht ehrgeiziger als andere. Aber das ist ja nichts schlechtes und uns, ich meine unserem Land, hat das eher genützt, ich kenne eine ganz Reihe solcher Leute. Bei aller Eigentümlichkeit haben sie sich dennoch immer mit den Verhältnissen hier, wie sie nun einmal sind, arrangiert. Sie wissen, was ich meine." "Ja, und ich weiß auch, was Sie damit andeuten wollen, Sie sind nicht der erste, der mir dergleichen Rat erteilt." "Nun, dann sollten Sie ihn sich endlich zu Herzen nehmen. Es ist vielleicht auch so", fügt er hinzu, "daß Sie hier während Ihres Aufenthalts wichtige und wertvolle Erfahrungen für Ihr Leben gesammelt haben, aber dabei zu dem Schluss kommen, dies sei nicht der Ort, auf Dauer zu bleiben. Nicht wenige kehren uns nach einer Weile den Rücken, daran ist für niemanden etwas Anrüchiges." Für einen Moment denkt Johann an Harry Gordon, der angeblich nichts wie weg will.

Dann sagt er "Was ist nun mit dem Jungen?" Cutico verzieht den Mundwinkel zu einem Lächeln, und Johann fällt auf einmal auf, wie kultiviert dieser Mensch erscheint und er glaubt zu verstehen, daß der Stand eines erfolgreichen Offiziers für ihn das höchste erreichbare Ziel des Lebens und das Glück eines Mannes sein muss. "Starrköpfigkeit ist eine Eigenschaft, die man klug einsetzen sollte, ich weiß, wovon ich spreche. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann, Juan, wenn Sie sich dafür im Gegenzug zurückhalten, wäre das ein Angebot?" "Ich danke Ihnen, Hauptmann." "Kommen Sie in einer Woche zu mir, nicht hierher, das Polizeibüro ist natürlich nicht meine Dienststelle, kommen Sie in die Kaserne des siebenten Kavallerieregiments und fragen Sie dort nach mir." "Gut." "Es war mir ein Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten." "Ganz meinerseits."

Als er das Büro verlässt und auf dem Gang an den Arrestzellen vorbeikommt, entdeckt er tatsächlich Pepe Molina hinter den Gitterstäben auf einer Pritsche sitzen. "Senor Melzer", ruft er und springt auf, "warten Sie." Johann ist fest entschlossen, sich nicht für ihn einzusetzen. "Sie tun ganz recht, wenn Sie schlecht von mir denken", sagt Pepe, "ich habe mich sehr ungehörig benommen." "Was willst du?" "Ich wollte Ihnen das bloß sagen. Ich bin ein unverbesserlicher Dummkopf. Sie haben sich so große Mühe gegeben, mir etwas Nützliches beizubringen, sozusagen einen anständigen Menschen aus mir zu machen, erinnern Sie sich, wie Sie ..." "Du hast mich unsäglich blamiert." "Oh ja, das habe ich, 'unsäglich', das ist das richtige Wort, Sie finden immer die richtigen Wörter, Senor Melzer, die mir immer fehlen. Oh ich wünschte, ich könnte ..." "Ich muss weiter." "Oh nein, wie kann ich so unverschämt sein und mir so etwas wünschen. Sehen Sie nur, wohin ich gekommen bin mit meinen dummen Wünschen, ich glaube fast, ich habe das so verdient." "Das befürchte ich auch, leb' wohl, Pepe." "Oh, danke Senor Melzer, danke, daß Sie so freundlich sind, das zeigt mir, daß Sie mich vielleicht doch noch nicht so sehr verachten, wie es eigentlich ..." Seine Worte erreichen Johann nicht mehr. Der fragt sich auf der Straße, ob ihn Pepe womöglich auch noch zum Narren halten will mit seiner scheinheiligen Reumütigkeit.

Nach einer Woche bemerkt Johann, daß der Hund Mango verschwunden ist, und die Schildkröte hat anscheinend auch endgültig das Weite gesucht. Sie dürfte froh sein, nicht mehr von seiner Spürnase verfolgt zu werden. Und Mango? Hat er sich an Pepes Fersen gehängt? Johann steht in der Terrassentür, schaut in den Garten, der rasch verwildert und ertappt sich dabei, wie er schon eine ganze Weile darüber nachdenkt, obwohl es ihm völlig gleichgültig ist. Es ist ziemlich still im Haus. Die Köchin hat ihren Dienst gekündigt, da sie sich um eine kranke Verwandte kümmern muss, die in irgendeinem entfernten Nest bei Palo Negro wohnt. Wenn nicht ab und zu Kunden zu ihm kämen, die Photos machen lassen, würde es fast wie ausgestorben wirken. Johann entdeckt schon überall eine Staubschicht, Spinnweben, tote Fliegen und trübe Fensterscheiben. Manchmal, wenn er bei Einbruch der Nacht von einem Zimmer ins andere geht, kommt er sich selber unheimlich vor.

Er plaudert im Amatista mit Ruben Cía darüber, aber der, anstatt ihn aufzumuntern, will auf einmal angeblich von mysteriösen Vorgängen wissen, die sich in diesem Haus abgespielt haben, weshalb es auch so lange leer stand. Er nennt es "Don Alfredos Haus", was ja stimmt, da es ihm gehört, aber für Johann klingt das erst recht bedrückend, weil er inzwischen ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu diesem Mann hat, beinahe schon ein feindseliges.

Dann kündigen Harry, Norma und Lilian ihren Besuch an, sie wollen die vergnüglichen Rouletteabende wieder aufleben lassen. Johann freut sich direkt. Er besorgt Champagner und Scotch. Die Nachbarin (die ihm am Anfang den Schlüssel gab) hat einen Sohn, der sich bereiterklärt, ein zünftiges Asado in Johanns Garten zuzubereiten, mit Steaks groß und dick wie Stiefelsohlen, mit breitgedrückten ganzen Hähnchen und Fleisch von einer jungen Ziege. Aber dann kommt Harry allein, die Frauen hätten irgendetwas Wichtiges zu tun, und Johann kann seine Verärgerung kaum verbergen. Er fühlt sich geradezu veralbert und zwar vor allem von Norma. Natürlich sagt er das Harry nicht.

Der hat dafür zwei Leute aus dem englischen Club mitgebracht und - worüber Johann den ganzen Abend rätselt - jenes ominöse bildschöne Mädchen namens Michelle, von dem es hieß, es habe sich in ziemlich eindeutiger Absicht an den alten Admiral im "Clearwater House" rangeschmissen. Sie ist bezaubernd, keine Frage, niemand kann ihr widerstehen, und Johann spürt, wie es sich bei ihm regt. Sie ist eine richtige Quasselstrippe, aber egal was sie sagt, es klingt immer, als würde sie einen auf bestimmte Qualitäten hin abschätzen. Die beiden Männer sind offenbar schwul, und Michelle plappert und lacht zwischen ihnen und fuchtelt dabei mit den Armen und schickt Johann in wohldosierten Abständen einen unmissverständlichen Blick herüber. Aber er kann sich beim besten Willen nicht erklären, weshalb sie scharf auf ihn sein sollte.

Er unterhält sich mit Harry und sie leeren dabei die Flasche Scotch. Es dauert nicht lange und Harry kommt wieder auf das alte Thema: die Frau für Johann, die sich leider immer noch nicht gefunden hat. Johann bringt einen Einwand nach dem anderen und schließlich beginnt er, von Christiane zu schwärmen und Harry ist wirklich verblüfft. "Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt, John", meint er, "ich reiße mir für Sie die Hacken auf und dabei haben Sie ganz andere Pläne. Wenn ich recht verstehe, wollen Sie, daß Ihre Familie auch hierher kommt." "Ja, ich ziehe das ernsthaft in Erwägung." "Aber warum haben Sie dann gesagt, Sie suchen eine Frau?" "Habe ich das?" "Freilich, bei unserer allerersten Begegnung." "Ich weiß nicht, vielleicht war ich mal auf dem Standpunkt." "Auf dem Standpunkt? Ist das die deutsche Umschreibung für Promiskuität?" "Nein. Als ich herkam, war ich sicher in einer anderen Verfassung. Ich gebe zu, daß es da ein Motiv gab, von zu Hause fortzugehen, das - na wie soll ich sagen - das mit meiner Beziehung zu Christiane zusammenhing, in einer Weise, die man durchaus als Überdruss bezeichnen kann." Harry lacht und Johann muss auch lachen, und die kleine Michelle schaut wieder aufmerksam zu ihnen herüber.

"Aber jetzt bin ich nun schon eine ganze Weile hier, es ist viel passiert und ich hatte Zeit, über alles nachzudenken und was das schönste ist, ich glaube, ich habe während der Trennung zu Christiane zurückgefunden, halten Sie das für möglich?" "Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Aber als Ihr Freund will ich ehrlich sein, John. Ich kenne Sie inzwischen ein bisschen und da muss ich sagen, daß Sie ein ziemlich wankelmütiger Mensch sind." "Ist das die englische Umschreibung für Waschlappen?" "Bitte? Oh nein!" Sie lachen und trinken und Harry gießt wieder beide Gläser voll. "Allerdings wundert es mich manchmal, daß Sie es überhaupt bis hierher geschafft haben, Sie sind nämlich nicht gerade der Abenteurertyp." "Ach nein?" "Nein, und wenn Sie in eine außergewöhnliche Lage geraten, dann eher auf die Weise, wie Robinson Crusoe." "Sie meinen durch eine Katastrophe." "Na ja, zumindest unwillkürlich."

"Von der Seite habe ich es noch gar nicht betrachtet." "Von welcher Seite?" "Ich meine so von außen." "Ach kommen Sie, John, jeder hier, der Sie kennt, wundert sich darüber, daß Sie hier sind, wo Sie doch überhaupt nichts hier verloren haben." Harry merkt, wie das Johann betroffen macht, und er fügt schnell hinzu "Aber man darf als Mann nicht zu viel auf die Meinung anderer geben, eigentlich gar nichts, das ist am besten, es sollte Ihnen scheißegal sein, was man über Sie sagt." Es gibt eine Pause und dann will Johann noch einmal ansetzen und über Christiane reden, aber seine Zunge wird schwer und Harry macht eine Kopfbewegung und fragt "Wie finden Sie die Kleine?" Er beugt sich vor und flüstert "Die kann einem das Mark aus den Knochen ficken."

Johann konnte nicht ahnen, wie der Besuch bei Hauptmann Cutico in der Garnison des Siebenten Kavallerieregiments seinem Schicksal eine neue Wendung geben würde. Der Wachhabende am Tor telephoniert kurz mit seinem Vorgesetzten, dann lässt er Johann durch. Er beschreibt ihm den Weg zu Cuticos Dienstzimmer, aber dort findet er ihn nicht und es stellt sich heraus, daß der Hauptmann in einem anderen Trakt der Kaserne ist. Johann geht über den großen Hof, wo in der prallen Sonne eine Gruppe Soldaten exerziert. Der Kommandeur ist ein junger Leutnant, und im Vorbeigehen werfen sich die beiden einen kurzen Blick zu, Johann hat das Gefühl, als würden sie sich kennen. Er ist schon ein paar Schritte weiter, als der Leutnant ihm nachruft "Senor Melzer?" Er dreht sich um.

"Juan? Ich bin's, Emilio, erinnern Sie sich?" Johann fasst sich an die Stirn. "Aber natürlich, jetzt weiß ich wieder, wo ich Sie hinstecken muss." Es ist Emilio, der damals in Buenos Aires zu der kleinen Clique gehörte, die im Cafe Bonafide aufgetaucht war. Emilio gönnt seinen Soldaten eine kurze Pause und begrüßt Johann. Er umarmt ihn mit einer Mischung aus militärischer Haltung und herzlicher Geste, und dabei fällt Johann wieder ein, wie er Emilio in der vermeintlichen Uniform des Generals San Martin photographiert hatte. Er findet, daß ihm die Leutnantsuniform besser steht, und überhaupt wirkt Emilio reifer und männlicher. "Was zum Teufel treibt Sie hierher, Emilio?" Der schaut zu seiner Mannschaft, fasst Johann an die Schulter und führt ihn ein Stück zur Seite. "Soll ich Sie besser mit Leutnant anreden ... aber ich weiß nicht mal Ihren Nachnamen." Emilio lächelt.

"Nennen Sie mich einfach Leutnant Aldave. Ich habe mich hierher versetzen lassen, nachdem ich meine Ausbildung absolviert hatte. Ich war erst in Mina Pirquitas oben an der Grenze, aber dort ist es ziemlich öde und ein elendes Klima, ich bin da ein bisschen empfindlich." "Ja", lacht Johann und weiß selbst nicht warum. "Dann habe ich von einer Spezialeinheit in San Gabriel gehört und habe mich um diesen Posten beworben. Schauen Sie, das ist meine Truppe, sie ist klein, keine ganze Kompanie, aber wir haben uns hier schon einen Namen gemacht ... Augustín, niemand hat etwas von Helmabsetzen gesagt", ruft er hinüber.

"Jetzt trainieren wir für einen Spezialeinsatz, darüber kann ich natürlich weiter nichts sagen, die Sache ist geheim." "Alle Achtung, Emilio, ich meine, Leutnant Aldave, da haben Sie's bereits zu was gebracht." "Das ist freilich erst der Anfang." "Ja, natürlich, ich wette, Sie werden noch nach ganz oben aufsteigen." Emilio lächelt wieder, und Johann spürt, wie gut er seinen gesunden Ehrgeiz im Zaum halten kann. Nichts mehr von den Gefühlsausbrüchen, die ihn überkamen, als er noch in fremder Montur posierte.

"Und Sie arbeiten hier als Photograph?" "Ja", erwidert Johann und fügt hinzu, "und zwar mit einigem Erfolg." "Das freut mich für Sie." "Was ist aus den anderen geworden?" "Aus Carmen?", fragt Emilio, und Johann denkt, daß alle damals ihre kleine Affäre mitgekriegt hatten. "Sie lebt mit einem stinkreichen Unternehmer zusammen, aber ich glaube, er passt zu ihr." "Wie schön. Und der Russe?" "Jewgeni Andrejewitsch? Er ist nach Petersburg gegangen, stellen Sie sich vor, mitten im Krieg, wo andere verzweifelt versuchen, rauszukommen, da ist er illegal eingereist, und dazu noch halbblind." "Ein merkwürdiger Mensch", sagt Johann und denkt: natürlich, es ist ja noch Krieg in Europa, das hatte ich völlig vergessen.

Emilio sagt "Aber es sieht so aus, daß die Tage des russischen Zaren gezählt sind und die Bolschewiky die Macht übernehmen. Und Lenin ist ein alter Freund von Jewgeni, da wird er einen guten Posten bekommen." "Ja, das wäre ihm zu wünschen, nachdem er sich so lange in der Fremde herumtreiben musste." "Na, Argentinien hat ihm jedenfalls nicht geschadet, er hatte hier ziemlich lukrative Geschäfte gemacht." "So? Das wusste ich nicht." Emilio lacht "Da werde ich Ihnen mal was erzählen. So, jetzt muss ich mich aber wieder um meine Truppe kümmern. Und Sie wohnen in Ihrem Atelier?" "Ja, in der Calle Florida." "Oh, keine schlechte Gegend. Na, ich bin vorläufig noch in der Garnison, aber ich habe da schon was ins Auge gefasst." "Wenn Sie möchten, Emilio ... ich meine Herr Leutnant, besuchen Sie mich, ich freue mich ehrlich, Sie wiedergetroffen zu haben." "Ganz meinerseits, Juan, und hasta pronto. Fernando, hoch mit dem Hintern, José, Ihr dritter Uniformknopf ist offen, es geht weiter."

Johann gelangt zum Zimmer von Hauptmann Cutico. Die Tür ist angelehnt. Er will hineingehen, aber gerade laufen zwei Soldaten vorbei, deshalb klopft er zuerst an. Niemand antwortet. Die Soldaten sind weg, Johann geht hinein. Es ist ein Vorraum mit Schreibtisch, Aktenschränken und Karten an den Wänden. An einer prangt das Porträt von General San Martin, flankiert von Photos und Auszeichnungen des Regiments. Auf dem Tisch liegen Papiere, aber es ist keiner im Raum. An der Decke eiert träge ein Ventilator. Auch die Tür zum Nebenzimmer ist einen Spalt weit offen. Er hört Stimmen, der Ventilator surrt. Er will nach Cutico rufen, da erkennt er Don Alfredo, der sagt "Sie haben mit ihm gesprochen?" Der Hauptmann antwortet "Ja, vor einer Woche, wir haben uns für gestern hier verabredet, aber er war nicht da." Plötzlich durchschießt es Johann: er hat sich im Tag geirrt! Eigentlich sollte er schon gestern herkommen. Er geht leise zu der Tür, um sie besser zu verstehen.

"Der Mann ist mir allmählich zuwider", sagt Don Alfredo, "ich weiß nicht, was er vorhat. Er tut immer so, als würde ihn alles nichts angehen und mischt sich doch überall ein." "Sie übertreiben. Er ist ein einfacher Photograph und vielleicht ein bisschen neugierig." "Ein bisschen zu neugierig." "Er hat doch keine Ahnung, was hier vorgeht. Wir sollten uns nicht zu sehr mit ihm befassen, wir haben jetzt wirklich Wichtigeres zu tun." "Na, ich weiß nicht, Hauptmann. Mir reicht's schon, daß er ständig auftaucht wie ein böser Geist." Cutico lacht. "Vielleicht kommt das daher, weil Sie ihm dieses Haus vermietet haben, sein Vorgänger war ja noch viel schlimmer." "Unsinn."

Johann hört Stiefelschritte auf dem Gang. Jemand fasst an die Klinke und bewegt die Tür, durch die er hereingekommen ist. Sein Herz schlägt ihm auf einmal bis zum Hals. Der draußen wechselt ein paar Worte mit einem anderen. Ohne zu überlegen, versteckt sich Johann hinter dem massiven Schreibtisch. Der Mann tritt ein, Johann denkt: jetzt geht er an seinen Platz und wird mich entdecken. Er senkt den Kopf, als würde man ihn dadurch nicht erkennen. Da hört er ihn im Nebenzimmer sagen "Herr Hauptmann, hier sind die Unterlagen über die Ereignisse in Liucura." "Danke. Bleiben Sie noch einen Moment da." Johann schaut auf, die zweite Tür steht jetzt ganz offen. Wenn er versuchte, sich wegzustehlen, würden sie ihn sehen.

"Was ist das?", fragt Don Alfredo, und seine Stimme klingt plötzlich ziemlich hart. Der Hauptmann sagt "Don Alfredo, wir sollten darüber reden. So geht es nicht mehr weiter. Unsere Strategie hat sich geändert." "Unsere Strategie? Sie meinen, Ihre Strategie." "Ja. Ich halte es für angebracht, Sie darüber zu informieren - soweit ich dazu befugt bin. Und ich tue das lediglich aus Freundschaft zu Ihnen, ich bin nicht dazu verpflichtet." "Was soll das?", braust Don Alfredo auf, "ich erwarte von Ihnen, daß Sie sich an die Abmachungen halten."

Cutico entgegnet ruhig "Abmachung ist nicht das richtige Wort, es gibt keine Abmachung, schon gar keine, die uns zu einem eigenmächtigen Handeln berechtigen würde. Sie waren selbst dabei, als wir mit den Leuten des Gouverneurs geredet haben." "Man hat uns freie Hand gelassen, gegen die aufständischen Bauern vorzugehen." "Nein, Don Alfredo. Wenn Sie das so verstanden haben, dann ist das ihre Sache. Niemand hat von aufständischen Bauern gesprochen."

"Dann paktieren Sie neuerdings mit Augustin Santos? Ich kann mich aber genau erinnern, daß Luiz Hausman ihn einen Gangster genannt hat." "Ich habe mit Santos nichts zu tun, jedenfalls nicht persönlich." "Was heißt das? Lassen Sie das Ihre Leute erledigen, wie diesen jungen Leutnant, der Ihre Spezialeinheit befehligt?" "Nein. Und ich bin nicht willens, auf Ihre Unterstellungen zu reagieren. Claudio, klären Sie Don Alfredo darüber auf, was in Liucura vorgefallen ist."

Johann vernimmt, wie der Offizier, der hinzugekommen war, etwas von einem Überfall auf die Hacienda eines gewissen Raul Moreno berichtet, bei dem es zu Mord und Brandschatzung gekommen ist. "Ich habe davon gehört", murmelt Don Alfredo, "aber weshalb bringen Sie das mit Omar Tapia in Verbindung?" "Weil er sich dazu bekannt hat", erwidert Hauptmann Cutico. "Die ganze Aktion scheint nur dafür inszeniert worden zu sein, um zu zeigen, wozu Tapia fähig ist und daß er künftig hier das Sagen haben wird. Er gibt sich gerade besondere Mühe, Schrecken zu verbreiten."

"Dann geht der Überfall auf die Eisenbahn unten in Susques auch auf sein Konto?" "Höchstwahrscheinlich. Claudio, Sie können gehen, danke." Johann duckt sich schnell, der Offizier geht am Schreibtisch vorbei und verlässt das Zimmer. Aber jetzt ist die Tür zu den beiden nur noch angelehnt und ihre Stimmen dringen kaum hinaus. Johann überlegt, ob er gehen soll. Er könnte auch anklopfen und so tun, als käme er gerade herein. " ... mit dem Gouverneur verwandt ...", hört er Cutico sagen und Don Alfredo meint irgendwas von "nicht wieder vorkommen".

Dann sagt Cutico "Schauen Sie sich das an." Johann kriecht unterm Schreibtisch hervor und beschließt, sich bemerkbar zu machen, aber an der Tür zögert er. "Erkennen Sie das?" "Ja, das ist die alte Station an der Strecke nach Guandacol." "Hier sind noch ein paar Photos. Sieht aus, als wollte sich da jemand Klarheit über die örtlichen Verhältnisse verschaffen." "Woher haben Sie die?" "Wir haben Sie bei einem von Tapias Männern gefunden, der bei dem Überfall in Liucura getötet wurde."

Johann hebt die Hand und will anklopfen, da sagt Don Alfredo zum Hauptmann "Wissen Sie auch, daß Juan Melzer diese Photos gemacht hat." Der Hauptmann schweigt, anscheinend ist er daraufhin sprachlos. "Ich habe sie schon einmal gesehen, bei Melzer im Atelier, aber da kam mir noch kein Verdacht." "In seinem Atelier? Sie haben den Einbruch selber inszeniert, nicht wahr?" "Nein", erwidert Don Alfredo ohne zu zögern, "keine Ahnung, wer das war, aber dieser Pepe Molina hat uns geholfen bei der Untersuchung, ich meine bei der Frage, worauf es die Einbrecher abgesehen hatten." "Dann aber doch nicht auf diese Photos, wenn sie noch da waren."

"Wohl nicht. Aber bedenken Sie, Hauptmann: wenn sie jetzt hier sind, ich meine, wenn Tapias Mann sie hatte, dann muss Juan Melzer sie denen ja selbst gegeben haben." "Und wenn es ein Auftrag war?" Johann hört wieder Schritte auf dem Gang; natürlich kann er jetzt nicht mehr zu den beiden hineingehen. Er schleicht sich hinaus, ein Offizier kommt ihm entgegen und grüßt ihn, er verschwindet in Cuticos Zimmer. Johann beschleunigt seine Schritte. Auf dem Hof schaut er nach Emilio, aber die Truppe ist weg, und Johann ist eigentlich froh darüber, denn er muss zunächst in Ruhe darüber nachdenken, was sich nun bei dem Hauptmann und Don Alfredo abspielt.

Der einzige, der ihm womöglich weiterhelfen kann, ist Pepe, dieser verfluchte Tunichtgut. Aber wer würde ihm glauben, wo ihm Johann selbst nicht glaubt. Und er sieht auch nicht ein, weshalb er für ihn eventuell eine Kaution bezahlen sollte, zumal das sofort den Anschein erwecken könnte, er wollte Pepe in die Hand bekommen. Zum ersten Mal schließt sich Johann am Abend in seinem Haus ein und lässt kein Licht nach außen scheinen. Spätabends überprüft er nochmal alle Türen und er bedauert, daß Mango nicht da ist, er hatte jedenfalls immer angeschlagen. Er lädt seinen Stutzen und legt ihn vor sich auf den leeren Tisch in der Küche. Es wird dunkel. Er zündet nicht mal eine Kerze an. Er sitzt und grübelt, der Schein des zunehmenden Mondes fällt durchs Fenster.

Am nächsten Tag frühmorgens hat er eine Idee. Er wird zu Hauptmann Cutico gehen und sagen, daß er schon einmal hier war, ihn aber nicht angetroffen habe. In der Garnison hält er Ausschau nach Emilio. Der Hauptmann ist überrascht von seinem Besuch, er tut so, als habe er die Sache bereits vergessen. Sie wechseln ein paar Worte und Johann scheint es, der Hauptmann will ihn schnell wieder loswerden. Da kommt der Offizier herein, der ihm auf dem Gang begegnet war, wieder grüßt er ihn freundlich, doch dann kommt es Johann so vor, er gäbe Cutico ein lautloses Zeichen, als würde er etwas bestätigen.

Dann sagt der Offizier "Mister Gordon ist nicht zu erreichen, wahrscheinlich ist er in der Mine und ..." Cutico schneidet ihm das Wort ab. Johann hält es für besser zu gehen. "Ja, bis demnächst, Senor Melzer. Dann habe ich bestimmt auch mehr Zeit für Sie, tut mir leid für diesmal." "Keine Ursache." Er findet es hinterher töricht, daß er sich nach Emilio erkundigt. "Sie meinen Leutnant Aldave?", fragt Cutico und zieht die Brauen hoch, "Sie kennen ihn?" Johann zögert. "Von früher her, genauergesagt aus Buenos Aires." "Aha", macht der andere und bleibt eine Auskunft schuldig. "Also dann." "Ja, Adios, Herr Hauptmann", sagt Johann und nickt auch dem Offizier flüchtig zu.

Wieso taucht plötzlich Harry Gordon auf, wenn auch nur mittelbar? Hat er irgendetwas damit zu tun? Aber womit? Oder interessiert sich der Hauptmann dafür, weil Johann mit ihm befreundet ist? Unsinn! Er kümmert sich um die Tapia Bande und um diese Brüder namens Rojas. (Wie viele sind das überhaupt? Einer ist ja schon tot.) Wahrscheinlich hat der Hauptmann wirklich keine Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen, obwohl er ja wegen der ominösen Photos eine zweifelhafte Meinung über ihn hegen muss. Hatte der Offizier nicht irgendetwas von einer Mine gesagt? Soweit er sich erinnern kann, hatte Harry Gordon nie etwas derartiges erwähnt. Aber über Harrys Aktivitäten wusste Johann eigentlich so gut wie nichts und es würde ihn nicht wundern, wenn er auch da irgendwie mitmischt.

Wer könnte wohl besser darüber Bescheid wissen als Ruben Cía, den Johann daher im Amatista aufsucht. Es gebe, meint Ruben Cía, in den Bergen jede Menge Minen, die aus früherer Zeit stammen. "Dieses Gebiet um San Gabriel ist vergleichsweise gut erforscht, und es hat sich herausgestellt, daß hier keine großen Schätze in der Erde verborgen sind. Man hat ein bisschen Eisenerz und Kupfer gefunden, und eine Zeit lang auch abgebaut, aber es lohnt sich nicht. Die nächsten größeren Vorkommen liegen dreihundert Meilen weiter in der Provinz San Juan.

Dennoch passiert es ab und zu, daß so eine alte stillgelegte Mine wieder das Interesse irgendeiner obskuren Gesellschaft weckt, und daß man bisher so wenig fündig geworden ist bedeutet nicht, daß immer mal Erkundungen durchgeführt werden." "An der Strecke, die bei Guandacol vorbeiführt, liegt dort auch so eine alte Mine?" "Woher soll ich das wissen, ich bin schließlich kein Bergbauingenieur. Guandacol sagen Sie? Das könnte schon sein. Wenn Sie wollen, kann ich mich ja mal erkundigen." "Ja, danke, das wäre nett."

Dann denkt Johann daran, zu Harry selbst zu gehen und ihm die Sache mit den Photos zu berichten (obwohl er es Ruben Cía gegenüber verschwiegen hat). Aber Harry ist nicht da. Johann unterhält sich eine Weile mit Norma. Sie sagt, sie fühle sich im Moment ein wenig unwohl, und da glaubt Johann, es ihrem Gesicht anzusehen; außerdem fällt ihm plötzlich der Geruch nach Arznei und altem Schweiß auf, der im Zimmer hängt. Sie ist mit einem rosa Morgenrock bekleidet, obwohl es nach Mittag ist. Auf die Frage, wo Harry wäre, sagt sie, er sei unterwegs, sie wisse nicht genau wo. "Vielleicht in Guandacol?" Was dort wäre, fragt sie Johann. "Na, die Bergwerksmine, ich meine, Harry hat mir davon erzählt." "Ja, das kann sein."

Sie zieht den Gürtel von ihrem Morgenrock ein Stückchen fester. "Wissen Sie was, John, kommen Sie doch morgen wieder, da bin ich besser drauf." "Ja, natürlich, entschuldigen Sie Norma." "Schon gut, Sie finden allein hinaus?" "Ja, klar." Aber dann kommt von der Seite ein Hund gesprungen und kläfft ihn an. "Norma erscheint noch mal und ruft "Oh, das ist River, er ist neu bei uns, er kennt Sie noch nicht, still, River, das ist ein guter Freund." River knurrt und schnuppert an Johanns Hosenbeinen. "Adios." "Bye. Und bis morgen, John", sagt Norma und wirkt schon ein bisschen frischer. "Dann können wir mal so richtig über alles reden", fügt lächelnd sie hinzu.

Ruben Cía hat erfahren, daß es im Tal des Rio Chico eine alte Mine gibt, er sagt "Aber das liegt ziemlich weit weg von Guandacol, das muss oberhalb des Lago Fontana sein, am Monte Oscuro. Ich entsinne mich, daß sie vor einiger Zeit mal im Gespräch war, aber dann hat man nichts mehr davon gehört, oder vielleicht nichts hören sollen." "Was wird da gefördert?" "Wolfram." "Wolfram? Das Metall? Wofür braucht man das?" "Ja, das hab' ich mich auch gefragt. Es ist ziemlich selten, es kommt auch kaum in reiner Form vor. Es hat eine sehr hohe Schmelztemperatur, ich glaube, die höchste überhaupt." "Ja, und welchen Nutzen hat es?" "Man sagt, diese Mine wird von einer nordamerikanischen Company betrieben. Sie liefert das Wolfram an einen Elektro Konzern, von Imperial Electric ist die Rede." "Was machen die damit?" Ruben Cía zuckt mit den Schultern.

Dann meint er "Ehrlich gesagt, interessiert's mich auch. Man müsste nach Buenos Aires telegraphieren und sich erkundigen, was für technische Neuerungen es gerade gibt, Erfindungen, Patente und so was ähnliches. Für irgend so etwas Neuartiges muss man es benötigen, anders kann ich mir's nicht erklären." "Gibt es nicht hier auch jemanden, der darüber Bescheid weiß?" "Schon möglich, aber der wird Ihnen wahrscheinlich stattdessen erzählen, wie die Fische in dieser Saison beißen." Dann hat Ruben eine Idee. "Sprechen Sie doch mal mit dem Chefredakteur von der Zeitung, sagen Sie, Sie hätten da womöglich eine heiße Story - und wahrscheinlich wäre sie das sogar wirklich."

Das findet Johann großartig, denn irgendwie sieht er darin eine Möglichkeit, sich Don Alfredo und dem Hauptmann zu widersetzen, auch wenn er sie im Grunde gar nicht zu fürchten hat. Wenn er länger darüber nachgedacht hätte, wäre er wohl selber zu dem Schluss gekommen, daß das keine so gute Idee war. Ruben Cía ist sicher ein intelligenter Mann und er hat vielleicht auch einen guten Charakter, aber sein letzter Vorschlag hatte Johann auch eine Menge Ärger eingebracht.

Der Chefredakteur fragt Johann, was daran Besonderes wäre: eine Mine in den Bergen, ein Erz, das kein Schwein kennt, ein Geschäft, von dem, wie es scheint, niemand profitiert. Da verrät ihm Johann das mit den Photos, die Omar Tapias Mann bei sich hatte und die jetzt in den Akten des Hauptmanns stecken. Der Chefredakteur wird hellhörig. "Und was glauben Sie, wozu die Tapia Bande das braucht?" "Das Wolfram?" "Die Photos." "Vielleicht um an das Wolfram ranzukommen." "Ach Juan, das klingt abstrus. Sie sagen selbst, Sie wüssten nicht, wofür man es verwendet, glauben Sie, diese Banditos sind eigentlich verkappte Techniker, die an irgendeinem Super Apparat herumtüfteln?" "Nein. Aber Tapia und seine Leute haben bis jetzt immer im Auftrag von irgendwem gehandelt, oder etwa nicht?"

"Na ja, das stimmt schon. Was wollen Sie denn nun von mir? Soll ich jetzt die Katze im Sack von Ihnen abkaufen? Oder brauchen Sie einen Vorschuss oder was?" "Ruben Cía kennt in Buenos Aires ein paar Experten, die uns weiterhelfen können, was dieses Wolfram betrifft. Es wäre einfach, wenn ich von hier aus telegraphieren könnte, Sie haben doch so eine gute Verbindung zum 'Diario'." "Kein Problem. Wenn es eine amerikanische Company ist, wie Sie sagen, dann rufen Sie doch gleich beim 'Buenos Aires Herald' an." "Ja, das geht natürlich auch", sagt Johann und denkt auf einmal: Was zum Teufel ist denn nun wieder in mich gefahren, daß ich mich da reinhänge.

Abends im Bett wird ihm bewusst, was ihn die ganze Zeit unterschwellig in seinem Kopf beschäftigt: er hatte gehört, wie Hauptmann Cutico sagte, die Tapia-Bande habe die Hacienda in Liucura überfallen, und es fiel auch der Name Raul Moreno. Das war die Hacienda, wo Johann die Photos bei der Familienfeier gemacht hatte - er war bloß nicht gleich darauf gekommen. Es sollte ihm wirklich leid tun, wenn Moreno und seiner Familie etwas zugestoßen ist. Für einen Moment erwägt er, zu Hauptmann Cutico zu gehen und ihn deswegen zu fragen und ihn überhaupt wegen der Sache mit den Photos aufzuklären, denn er hält Cutico immer noch für einen vernünftigen Mann, der sich nicht leicht täuschen lässt.

Am nächsten Tag besucht ihn Emilio; er trägt eine schicke Uniform und reitet auf einem herrlichen Pferd. Er sagt, daß ihm beides nicht gehört, als müsste er sich dafür entschuldigen, aber in Wirklichkeit ist er sehr stolz darauf. Er lässt sich Johanns Atelier zeigen und einige seiner Apparate erklären und dann vergafft er sich in das Fernrohr, das Johann gekauft hatte, um die Berge zu betrachten. "Von wo aus machen Sie das?", fragt Emilio. "Vom Dach des Kühlhauses, gleich nebenan." "Dann lassen Sie uns jetzt hinaufsteigen, ich möchte es unbedingt mal ausprobieren", meint Emilio, der das Fernrohr nicht mehr aus der Hand legt.

Sie klettern die Treppenleiter an Montanaris Frigorifico hinauf und Emilio ist ebenso überwältigt von der Aussicht auf die Berge wie es Johann damals war. Auch jetzt ist er sofort wieder daran, in jenen seltsamen Zustand von Entrücktheit zu verfallen, der ihn nichts anderes mehr denken und fühlen lässt, als fern dieser Welt, völlig für sich und für immer dort auf den Höhen oder in den Tälern unterwegs zu sein, und nur mit Rücksicht auf den anderen beherrscht sich Johann und überlässt sich nicht dem Gefühl unbändiger Sehnsucht und dem Entschluss, sofort dahin aufzubrechen.

"Grandios", sagt Emilio mit echter Begeisterung, "diese Ansicht von Osten!" Ganz langsam lässt er den Blick durchs Fernrohr über die Bergkette mit den schneebedeckten Gipfeln schweifen. Manchmal hält er inne, als habe er eine Stelle entdeckt, die ihm bekannt ist. "Das ist doch ... ist das nicht ...?", murmelt er, "ja, das muss ..." Er spricht zu sich selbst, erwartet keine Antwort, und Johann ist froh, daß er sich ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann.

Sie sind wohl fast eine Stunde lang dort oben. Emilio geht auf dem breiten Dach hin und her, weil einige Baumspitzen die Sicht verdecken, und Johann fragt sich verwundert, ob die letztens auch schon so hoch waren und wie lange das eigentlich her ist. Auch der Liegestuhl steht noch da, auf dem sich zuletzt Pepe Molina breitgemacht hatte, bevor sie ihn abgeführt und eingesperrt haben. Alles ist zeitlos hier.

Als sie wieder im Haus sind, trinken sie Kaffee, und Johann öffnet eine Flasche Cognac, den er eigentlich für Harry Gordon besorgt hatte, weil dem angeblich der Whisky nicht mehr schmeckt. "Waren Sie schon einmal da in den Bergen?", fragt Emilio. "In dem Vorgebirge. Das ist auch schon ganz imposant, aber im Vergleich zu den Cordillera ist es winzig, von hier aus gesehen verschwimmt es völlig vor den mächtigen Erhebungen." Emilio lacht. "Ja, es ist alles so riesig. Es ist mir unvorstellbar, wie San Martin drüber hinweg gezogen ist, noch dazu mit Mann und Maus, als handelte es sich um eine ganz normale Übung." "Er ist immer noch Ihr großes Vorbild?" "Ja, das ist er, auch wenn ich ihm nicht mehr - wie soll ich sagen - nicht mehr blindlings nachfolge."

"Die Zeiten sind auch andere", sagt Johann verständnisvoll, doch Emilio entgegnet "Die Zeiten sind vielleicht gar nicht so verschieden, was sind hundert oder hundertfünfzig Jahre in einem Land, das noch nicht einmal zu zehn Prozent besiedelt, geschweige denn kultiviert ist." "Da haben Sie auch wieder recht. Um so wichtiger ist es, nicht dieselben Fehler zu machen wie im Abendland." Emilio sieht ihn fragend an. "Was meinen Sie mit Fehlern?" "Nun, politische Fehler, die zum Schaden der Nation gereichen." "Ich glaube nicht, daß es das überhaupt gibt, solche Fehler, wie Sie es nennen. Ich meine, in der Politik passieren gute und schlechte Dinge, weil sie von Menschen gemacht wird."

"Aber manchmal gibt es auch Ereignisse, die dem Willen der Menschen völlig zuwiderlaufen, als hätte keiner, der daran beteiligt war, etwas dafür oder dagegen tun können." "Ja, das kommt vor, und es schützt manche Menschen auch davor, die Verantwortung zu übernehmen." "Sehen Sie, Sie sprechen von Verantwortung. Das meine ich damit, wenn ich sage, man sollte Fehler vermeiden, oder man sollte zumindest klug aus ihnen werden. Ein Mensch lernt doch ständig dazu, und wenn er etwas erreichen will, für das er nach seiner festen Überzeugung geschaffen ist, dann muss er auch aus seiner Vergangenheit lernen." "Wenn man dabei nicht zu sehr rückwärts schaut. Ich weiß, daß es für viele Menschen ein Antrieb zum Handeln ist, wenn sie sich von etwas abstoßen, von dem sie glauben, es würde sie gefangenhalten oder zumindest hemmen. Aber, ich frage Sie, Juan, wohin führt das außer zu Egoismus und Selbstmitleid."

"Es führt einen vielleicht dahin zurück, wo man hergekommen ist." Emilio lacht aus vollem Hals. "Juan, jetzt drehen Sie sich aber ganz schön im Kreis." "Nein, warten Sie", beharrt er, "es führt zum Anfang zurück, ja. Vielleicht war der Mensch ja früher einmal in diesem Zustand der ... der absoluten Glückseligkeit und ist dann, sagen wir, durch den Sündenfall, auf den falschen Weg abgekommen." "Dann sind Sie also ein Vertreter der Jammertaltheorie?" "Der was?" "Wir befinden uns alle in einem irdischen Jammertal und unser ganzes Leben und Streben ist darauf ausgerichtet, einen Weg hinaus aus diesem Jammertal zu finden." "Ich selbst bestimmt nicht; ich bin wahrscheinlich sowieso ein schlechtes Beispiel für irgendeine Verallgemeinerung von Lebensweise, und ein Beweis schon gar nicht." Emilio sieht ihn freundlich an, und Johann meint für sich, daß dies eine der wenigen treffenden Aussagen war, die aus seinem tiefsten Herzen kamen.

"Nehmen Sie doch", fährt Johann fort, "Ihren Freund Jewgeni Andrejewitsch, ich meine, er kämpft für die Bolschewiken, für die russische Revolution. Aber was ist die russische Revolution anderes als ein Kreuzzug für die Befreiung der Proleten von der Ausbeutung; es gab auch viel früher schon Sklavenaufstände, die im Grunde das gleiche Ziel hatten." "Na ja, aber Kreuzzug würde ich es nicht nennen, die Bolschewiky stürmen doch gerade die Kirchen und Klöster und brechen die Kreuze von den Kuppeln." "Hm", macht Johann, der auf einmal merkt, daß er überhaupt keine Ader für derlei Diskussionen hat.

"Sie haben sich wohl viel mit Politik beschäftigt", fragt er Emilio und nun klingt es so, als müsse er sich dafür entschuldigen, dies selbst versäumt zu haben. "Politik bedeutet für mich die Natur des Menschen", erwidert Emilio lächelnd. "Ich habe allerdings bemerkt, daß ich nicht der Typ für einen Politiker bin und ich bedaure diese Einsicht keineswegs, im Gegenteil, sie hat mich bestärkt in dem Wunsch, in die Armee einzutreten. So kann ich meinem Vaterland am besten dienen und gleichzeitig mein persönliches Glück finden." "Ich schätze, das ist das Klügste für einen jungen Menschen", sagt Johann und Emilio fügt hinzu "Aber Sie, Juan, haben sich doch auch auf die Suche gemacht, sonst wären Sie wahrscheinlich nicht hier." Johann schaut den Leutnant an und plötzlich treten ihm Tränen in die Augen.

Und dann geschieht etwas Seltsames. Er steht auf und streicht Emilio ganz sanft übers Haar. Emilio zuckt zusammen, will etwas sagen, aber es bleibt ihm im Halse stecken. Johann sagt "Ach, ich wünschte, ich wäre noch mal so jung." Emilio lächelt und die Spannung löst sich. "Juan, Sie haben so viel Energie in sich, das reicht noch für zehn Jahre, oder sogar noch länger." Johann lacht und schenkt beiden einen Cognac ein. Emilio sagt "Damals in Buenos Aires, da waren wir uns alle gleich sicher, daß Sie ein Mann sind, der gerade die Herausforderungen eines Landes wie dieses hier braucht, um sich behaupten zu können."

"Jetzt übertreiben Sie aber maßlos." "Ehrlich! Und im Vertrauen: Carmen hat mir gesagt, es sei ihr sehr schwergefallen, daß sie nicht mit Ihnen fortgegangen ist, und sie hat den Abschied wirklich lange nicht verwunden, glauben Sie mir, wir haben das alle bemerkt." Johann ist fassungslos, aber dann, wie ein schlechter Scherz, rutscht ihm heraus: "Ich sollte mich doch endlich mal scheiden lassen." Emilio errötet tatsächlich, dann stammelt er: "Ich dachte, Sie wären allein." Und nach einer Pause: "Hat Carmen das gewusst?" "Nein, ich habe es ihr verheimlicht", erwidert Johann schnell.

Eine Antwort auf die Anfrage wegen der Wolfram Mine lässt auf sich warten; dafür bekommt Johann Post von Christiane. (Seitdem er mit Harry über seine Ehe sprach - als die kleine Französin da war - hat Johann keinen Gedanken mehr an sie verschwendet; und was er gesagt hatte, war natürlich auch nur Unsinn gewesen. Hatte Harry das überhaupt gemerkt?) Es sind zwei Briefe, die Christiane zusammengesteckt hat, einer von ihr selbst und einer von seinem Vermögens Verwalter, Dr. Meininger.

Der schreibt, daß durch eine Reihe unglücklicher Umstände (unter denen die Tatsache, daß Deutschland unausweichlich den Krieg verlieren wird, der gravierendste ist) Johanns Kriegsanleihen "in einer prekären Verfassung" sind, wie er sich ausdrückt. Er vertröstet Johann auf ein nächstes Schreiben mit einer genaueren Bilanzierung, und Johann denkt, dieses hier soll wohl eine Art schonende Vorbereitung sein. Aber er weiß natürlich selbst nicht mehr, wieviel Geld er angelegt hatte.

Christiane kennt die Lage, denn sie muss diese Mitteilung Dr. Meiningers ebenfalls zur Kenntnis genommen haben. In ihrem (wie sonst auch) lapidar gehaltenen Schreiben geht sie mit zwei Sätzen darauf ein und meint, sie stünde also nun vor der "verantwortungsvollen" Aufgabe, die Verhältnisse neu zu regeln und sie fühle sich dabei "wie zwischen Skylla und Charybdis". Alles klingt wie ein Vorwurf gegen ihn. Sie habe "mit Hilfe eines guten Freundes" es bewerkstelligt, die obere Etage zu vermieten und dadurch eine kleine Zusatzeinnahme gewonnen; sie müssten sich nun eben "mit Kargheit schmücken", wohl einer jener Ausdrücke, wie sie Christiane stets von ihren "Freunden" übernimmt, denkt Johann.

Annemarie hat einen Gruß auf einem Extrablatt beigefügt. Jedenfalls muss es wohl von ihr stammen. Johann erinnert sich an etwas, das er vor langer Zeit von ihr erhalten und das ihn wegen der Infantilität einigermaßen befremdet hatte. Dieses hier kommt ihm auf andere Weise seltsam vor. Ihre Handschrift ist auf einmal sehr ausdrucksvoll geworden, wie bei einem Fräulein, das in die erste große Blüte ihres Lebens eintritt. Aber er erkennt deutlich, wie es überall noch gewollt und gekünstelt ist und als wäre sie selbst damit nicht recht zufrieden. Es ist übrigens keine echte Nachricht, sondern ein Gedicht von einer gewissen Else Lasker-Schüler, das ihm wirklich sehr schwermütig erscheint. Er findet gar keinen Bezug zu sich oder zu ihr. Für einen Moment sinnt er darüber nach, was daran ein vierzehnjähriges Mädchen begeistern könnte.

Er liest Christianes Brief zu Ende und dort formuliert sie ziemlich ultimativ die Frage, wie lange er beabsichtige, noch in Brasilien zu bleiben. Ihm fällt natürlich kein Zeitpunkt ein, den er, wenn auch nur in Gedanken, nennen könnte, dafür aber mindestens drei Gründe, die er ihr gegenüber angeben würde, um seinen Aufenthalt verlängern zu müssen. Und wieso überhaupt "Brasilien"? Hat sie das im Ernst verwechselt? Oder soll es viel eher so etwas wie eine versteckte Beleidigung, zumindest Verachtung sein? Er überfliegt noch einmal Christianes Brief, wendet das Blatt um und versinkt in Gedanken, dann fällt sein Blick auf seine Fingernägel und er denkt: 'Wie ungleich lang sie sind, hoffentlich hat das noch niemand bemerkt'.

Tief in der Nacht schreckt Johann aus einem fürchterlichen Alptraum auf. Er ist schweißgebadet. Unter der Decke fühlt er mit Händen seinen Körper ab, er zittert, sein Glied ist noch steif, er ist von seiner eigenen Stimme aus dem Traum gerissen worden. Was hatte er gerufen? Um Hilfe? Hatte er sich nicht gewehrt? Um Himmels willen, wer war das Mädchen? Er steht mühsam auf, es ist, als wäre er gefoltert oder bei einem schlimmen Unfall verletzt worden. Sein Glied erschlafft endlich. Er schleppt sich ins Badezimmer, er braust sich schlotternd mit kaltem Wasser ab, das Bild des Mädchens verschwindet nicht. Er lässt den Wasserstrahl über sein Haupt fließen, aber es ist zu schmerzhaft. Er sieht sie bloß von hinten, als würde er sich ihr unbemerkt nähern oder als habe sie sich gerade abgewendet.

Was war geschehen, was hatte er getan? Was hatte er mit ihr getan? Ihre langen blonden Haare, ihre glänzenden Schultern, ihr Rücken - sie ist nackt. Er sieht, wie sie wegrennt, sie hat sich von ihm befreit, aus seiner Umklammerung, er muss sie festgehalten haben. Er streckt seine Hände nach ihr aus, er ruft nach ihr, aber er kann den Namen nicht richtig verstehen, er sieht das Blut an seinen Händen, er sieht Blut an ihren Schenkeln, das nach hinten zum Po hin verschmiert ist. Es ist kein kurzer Name, ein schwungvoller Name, er wiederholt ihn, er schallt von allen Seiten wie ein Echo, das nicht nachlässt, er bringt sein Glied zum Vibrieren. Der Wasserstrahl trifft kalt wie Eis und hart wie Stein auf seinen Schädel, er ruft 'Sieh' doch, ich bin es, ich bin es!' Da wendet das Mädchen den Kopf zu ihm hin und mit einem Schrei erwacht er.

Als die Morgensonne die obersten aufrechten Wedel der Palme hinten im Garten bescheint, findet sich Johann in eine Decke eingehüllt im Liegestuhl auf der Terrasse. Ihn fröstelt ein wenig. Er geht in die Küche und macht sich Kaffee, er ist stark und heiß und sehr süß. Johann hüllt die Decke um sich und beobachtet, wie die Sonnenstrahlen über die Büsche hinweg in den Garten fallen und wie ihre Schatten sich mit weichen Farben aufhellen. Er spürt große Lust zu photographieren, aber er rührt sich nicht vom Fleck, er schlürft den Kaffee aus dem blauen, blechernen Becher.

Dann zieht er sich um und klettert auf das Dach von Montanaris Frigorifico. Vielleicht hatte Emilios Besuch Johanns Aufmerksamkeit wieder auf die phantastische Landschaft gelenkt. Jetzt wird ihm bewusst, was eigentlich der Hauptgrund seiner Reise gewesen ist. Er überlegt, ob er in den restlichen Wochen der warmen Jahreszeit ausschließlich Exkursionen und Aufnahmen machen soll und danach - ja und danach wieder zurück nach Deutschland gehen wird, nach Hause zu Christiane und Annemarie. Er braucht jemanden, der ihm sagt, daß dies ein guter Entschluss ist. Aber wiederum ist niemand da, und er wünscht sich beinahe schon Pepe Molina her, der ihm bestimmt in seiner Einfältigkeit das Richtige raten würde.

Der Chefredakteur schickt Johann ein Schreiben aus Buenos Aires. Tatsächlich beschäftigt sich ein Journalist vom "Herald" seit einiger Zeit mit dem Engagement eines nordamerikanischen Elektrikkonzerns hier im Land, und dieser Mann ist seinerseits hocherfreut über die Information, daß sich in der Nähe von San Gabriel eine Wolfram Mine befindet. Offenbar hat er bisher vergeblich nach Standorten gesucht.

Was die Hintergründe des Abbaus betrifft, hält er sich eher bedeckt, er wüsste nur soviel, daß dieses Unternehmen kürzlich ein Patent für eine elektrische Glühlampe angemeldet hat, die mit einem neuartigen Glühfaden funktioniert, der nicht nur eine stärkere Leuchtkraft hat, sondern auch eine viel längere Betriebsdauer als alle herkömmlichen Materialien. Dieser Glühfaden besteht eben aus Wolfram. Der Journalist fügt dann doch noch hinzu, daß sich angesichts der verhältnismäßig geringen Mengen, die man für die Herstellung benötigt, jede Förderung lohne, daß es aber bei der Beschaffenheit, sprich Güte des Erzes große Unterschiede gebe und die Aufbereitung in der Regel sehr Kosten intensiv sei.

Er zeigt das Schreiben Ruben Cía, der es sehr aufmerksam liest. Er weiß auch noch mehr über die Gewinnung: das Wolframerz muss zuerst geschmolzen und das Konzentrat anschließend in wässriger Natronlauge behandelt werden. "Es ist nicht ganz einfach, brauchbares Metall zu bekommen, und vor allem kann ich mir nicht vorstellen, daß man alles vor Ort macht. Bis man dort so ein Werk errichtet hat, wie man es benötigt, vergehen mindestens zwei Jahre. Andererseits habe ich auch noch nicht von Erztransporten mit der Eisenbahn gehört."

"Es müsste bei Punto del Agua verladen werden?", fragt Johann, der inzwischen einige, allerdings dürftige, Karten studiert hat. "Das wäre die naheliegendste Station." "Wem gehört diese Strecke?" "Es gab da mal Streitigkeiten zwischen der staatlichen Eisenbahngesellschaft und der Provinzregierung, das Stück über Punto del Agua ist ja eigentlich eine Nebenstrecke." "Ach so?" "Ja. Und soviel ich weiß auch noch mit einer eigenen Spurbreite."

"Wie ist überhaupt die Gegend da oben?" "Am Monte Oscuro?" "Ja." "Es gibt Leute, die nennen sie einzigartig. Es gibt dort einen See zwischen den Gipfeln, den Lago Fontana. Er ist schmal, aber langgestreckt, er zieht sich bis hinüber nach Chile, er liegt auf etwa zweieinhalbtausend Metern Höhe. Auf der Südwestseite sind die Berge ziemlich schroff, auch eine Menge Gletscher da. Nach Nordosten hin gibt es herrliche Hochtäler und Ebenen, das meiste hat noch keines Menschen Fuß betreten." "Gibt es Indianer?" "Ein paar sicher, manche von den hohen Lagen haben ganz guten Boden, nur das Wetter ist recht rauh."

"Ich habe mir überlegt, noch eine größere Exkursion zu machen, bevor ich wieder nach Deutschland gehe." "Oh ja, Juan, ich kann mich entsinnen, daß Sie das schon lange vorhaben. Das Leben hier unten ist sowieso nicht besonders reizvoll. Wenn ich könnte, würde ich auch so was machen." "Aber wieso machen Sie's denn nicht?" "Wieso nicht? Damit?", fragt er und streckt sein linkes Bein unterm Tisch hervor; er zieht die Hose hoch und Johann sieht seine Holzprothese. "Mein Gott, Ruben, das wusste ich gar nicht", sagt Johann und ihm wird bewusst, daß er Ruben Cía nie anders als an diesem Tisch im Café gesehen hat. "War das ein Unfall?" "Nein", erwidert Ruben und schweigt, und Johann fragt nicht weiter nach.

In der folgenden Nacht träumt Johann wieder, diesmal von Carmen. Sie waren beide in einer Schule, Carmen war offenbar Lehrerin und er vielleicht auch, oder er war der Schulleiter. Es war eine Schule in irgendeinem kahlen Andendorf, ein Dutzend Kinder waren in dem einzigen kleinen Klassenraum, sie waren ärmlich aber sauber gekleidet, die meisten waren barfuß, die Mädchen hatten Schleifen im Haar und den Jungen Schrammen im Gesicht. An der Tafel waren mit Kreide Sätze in Spanisch geschrieben. Der Raum hatte eine Front mit drei Fenstern, und wenn man hinausschaute, konnte man die glänzend weiße Statue der Heiligen Jungfrau sehen, die hoch auf einem Hügel stand und ihre Arme über den Ort ausbreitete. Nach dem Aufwachen fühlt Johann noch etwas von ihrem Erbarmen in seinem Innern.

Er besinnt sich darauf, daß Emilio von einer Spezialeinheit gesprochen hat, welche er befehligt. Warum ist ihm, Johann, nicht eingefallen, Emilio letztens nach den Banditen zu fragen, möglicherweise hat ja sein Einsatz etwas damit zu tun. Johann beschließt, Emilio in der Garnison aufzusuchen.

Der diensthabende Unteroffizier am Tor schnappt sich Johanns Papiere und sagt, er solle hier warten. Er überlässt ihn einem streng dreinblickenden Soldaten, der einen Karabiner über der Schulter trägt. Nach einer Weile kommt der andere zurück und fordert Johann auf, ihm bis zu Emilios Dienstzimmer zu folgen. "Was kann ich für Sie tun, Juan?", fragt Emilio und macht einen ziemlich beschäftigten Eindruck. Johann kommt gleich zur Sache. Emilio ist tatsächlich gut informiert, aber Johann scheint, daß seine militärische Verschwiegenheit ihm gebietet, sich bedeckt zu halten.

Ja, die Rojas Brüder hätten schon lange oben am Monte Oscuro ihren Unterschlupf. In der Nähe einer Erzmine? Ja, gut möglich. Nein, kein Silber, sondern "etwas Exotisches, von dem sich offenbar einige Leute enormen Profit versprechen." Dann meint er "Im Moment scheint es zwischen den Banden Streit zu geben, das bedeutet, sie versuchen sich gegenseitig zu schaden und auch, sich die Pfründe wegzunehmen." "Das heißt, sie durchkreuzen ihre Raubzüge?" "Ja, es ist wirklich eine verworrene Situation da oben."

"Was ist da in Liucura geschehen?", unterbricht ihn Johann. "Wie bitte?" "In Liucura, auf dem Anwesen von Raul Moreno." "Wer hat Ihnen denn davon berichtet?", fragt Emilio. "Ich war vor einiger Zeit dort, um Photos von einer Gesellschaft zu machen." "Und woher wissen Sie von dem Überfall?" "Hauptmann Cutico hat davon gesprochen." "Hauptmann Cutico?", wundert sich Emilio. "Waren das die Rojas Brüder?" "Nein. Das war nicht ihre Handschrift." "Ich will ehrlich sein", sagt Johann und behauptet: "Hauptmann Cutico hat gesagt, es könnte Omar Tapia gewesen sein." "Das hat er gesagt?"

"Wenn Sie wissen, daß die Bande oben am Monte Oscuro haust, warum hat man sie dort nicht schon festgenommen?" "Es ist schwierig, mit einer Truppe dorthin zu gelangen, die man bräuchte, um sie zu überwältigen. Es gibt praktisch nur schmale Pfade, die da hin führen, und wenn fünfzig Soldaten hintereinander her marschieren, könnte der Feind aus der Deckung heraus einen nach dem andern abknallen, das wäre militärischer Selbstmord."

"Ja natürlich. Wie viele von den Rojas Brüdern gibt es eigentlich?" "Soviel ich weiß, sind es drei. Einer davon ist bei einem Überfall auf eine Estancia getötet worden. Wir können davon ausgehen, daß die anderen Rache üben." Da fällt Johann ein: "Aber man könnte doch auf dem Weg, der zur Mine führt, da hin kommen?" "Das wäre denkbar. Aber meinen Sie nicht, daß die Banditen ihre Späher haben, die es rechtzeitig bemerken? Andernfalls wären sie ziemlich dumm, oder?"

"Hm", machte Johann, dann fragte er "Emilio, Sie sind nicht dem Hauptmann unterstellt, richtig?" "Nein, ich bin einer militärischen Sonderkommission unterstellt." "Also direkt dem Ministerium?" "Ja. Mehr kann ich darüber nicht sagen." "Ich verstehe. Entschuldigen Sie, Emilio, daß ich so neugierig bin." "Keine Sorge, ich weiß schon, was ich Ihnen verraten darf", sagt er und lächelt wieder sein unerschrockenes, jugendliches Lächeln.

Vielleicht, denkt Johann hinterher, hätte er Emilio sagen sollen, daß es Don Alfredo war, der dem Hauptmann weismachen wollte, er, Johann hätte die Photos von der Station in Guandacol gemacht. Aber warum sollte er Emilio gegen die beiden anderen ausspielen und sein Vertrauen ihm gegenüber missbrauchen? Hatte er nicht eben schon beinahe versucht, Emilio hinters Licht zu führen? Dabei ist es gerade dieser junge Mann, der Johanns Respekt verdient. Doch wie sehr er auch darum bemüht ist, Johann spürt, daß er im Grunde seines Herzens sich niemandem mehr verbunden fühlt.

Obwohl Norma Eastham nicht locker lässt, Johann mit Lilian zu verkuppeln! Und die scheint - obwohl sie es von ihrer Erscheinung her überhaupt nicht nötig hat - auf Normas Hilfe angewiesen zu sein. Auf ihre Art unterscheidet sie sich deutlich von Norma, auch äußerlich. Lilian hat dunkles Haar, dunkelbraune Augen mit einem tiefen Glanz, der Johann allerdings sofort aufgefallen ist. Sie ist irgendwie unkompliziert, wohingegen Norma stets zur Sentimentalität neigt. Auch das findet Johann an Lilian angenehm, während er bei Norma immer glaubt achtgeben zu müssen, sie nicht zu verletzen mit dem was er sagt.

Er kann sich auch nicht recht vorstellen, weshalb Lilian unter mangelndem Selbstwertgefühl leiden sollte, und irgendwann dachte er auch schon, es sei eigentlich Norma, die Lilian unter dem Vorwand, sie wäre schüchtern, nicht von der Hand lässt, um sich dadurch selbst sicherer zu fühlen. Aber sicherer wovor? Fragt er sich. Hätte er es denn auf sie abgesehen? (Und hätten Harrys Drohungen ihn davon abgehalten?)

Hat es Norma ihrerseits auf ihn abgesehen? Trotz - oder gerade mit ihrer manchmal abweisenden Art? Dann wäre sie ziemlich töricht, ihm unablässig Lilian zu präsentieren, es sei denn, sie wüsste genau, daß ihr die andere nicht in die Quere kommt. Bis jetzt hat Norma immer nur behauptet, Lilian fände ihn sympathisch, ja nicht einmal das, sondern ihn nur mit vagen Andeutungen auf sie aufmerksam machen wollen. Vielleicht ist Norma, denkt Johann, viel raffinierter und durchtriebener als sie tut. Vielleicht ist sie bloß ein kleines, gutaussehendes Miststück! Denkt er und erschrickt über seine eigene Verachtung.

Und dann taucht Lilian auf einmal allein bei ihm auf. Er sitzt gerade auf dem Dach von Montanaris Frigorifico und lässt den Blick über das Panorama der Berge schweifen, als er sie im Garten rufen hört. "John! Sind Sie da? John! Wo stecken Sie denn?" In diesem Moment hat ihre Stimme etwas Betörendes, und Johann hält es unwillkürlich für ratsam, sich vor ihr zu verstecken. Aber mit ebenso großer Versuchung fühlt er sich von ihr angezogen.

"Ich bin hier oben!" "Wo? Ach da. Um Himmels willen, John, was machen Sie denn auf dem Dach?" "Warten Sie, ich komme herunter." "Das wäre gut, ich klettere nämlich nicht da hinauf." Unten angekommen begrüßt er sie mit einem Handkuss. "Was verschafft mir die Ehre?" "Ich habe Ihnen ein paar Empanadas vorbeigebracht, die essen Sie doch so gern." "Oh, das ist großartig, danke."

"Wo ist eigentlich Ihre Köchin?" "Sie ist in Palo Negro bei Verwandten." "Und wie versorgen Sie sich?" "Ich rechne damit, daß sich eine gute Freundin um mich kümmert." Lilian lacht, sie hat strahlend weiße Zähne, die im Sonnenlicht glänzen. "Im Ernst, John", sagt sie dann, "Sie können doch nicht so verlottern." Das trifft ihn, obwohl es sicher nicht so ernst gemeint war. "Mache ich auf Sie so einen erbärmlichen Eindruck?" "Nicht doch, ich finde bloß, daß ein Mann ordentlich essen muss. Also kommen Sie, die Empanadas sind hoffentlich noch warm."

Sie gehen in die Küche, auf dem Tisch steht ein Henkelkorb. "Geben Sie mir mal einen großen Teller. Die hier sind mit Huhn und diese mit Rindfleisch." "Sie duften köstlich." "Ja, das ist Pierre Arnaud", sagt sie lachend und ein bisschen schelmisch. "Bitte?" "Ein Bekannter in der Colonia Elena handelt mit Parfum, von dem hab' ich es." Johann kapiert. "Oh. Eine gute Wahl. Es passt zu Ihnen." "Ich mache ein paar Tropfen auf die Handgelenke, und mit jedem Pulsschlag löst sich eine winzige Dosis in Luft auf, so funktioniert das. Ich sollte es Ihnen vielleicht gar nicht verraten." "Ich sage es nicht weiter."

"Wollen wir draußen auf der Terrasse essen oder hier?" "Ich weiß nicht, hier drinnen ist es angenehm kühl." "Ja gut, aber wir lassen die Tür auf." "Möchten Sie ein Glas Wein dazu trinken?" "Ja gern." Er holt die Flasche und zwei Gläser und schenkt ein. "Auf Ihr Wohl, Lilian." "Nun langen Sie zu, John." Er ist überwältigt.

"Very delicious! Haben Sie die selbst zubereitet?" "Ja." "Vielleicht sollte ich Sie als Köchin engagieren." Lilian zieht die Augenbrauen hoch. "Ich wusste gar nicht, daß Sie so erbärmliche Komplimente machen, John." Er stockt, und eine leichte Röte überzieht sein Gesicht, dann sagt er "Gott sei Dank hat es sich noch nicht herumgesprochen."

Lilian lacht, dann fragt sie: "Kommt denn wenigstens noch dieser Pepe Molina zu Ihnen?" "Nein, ich habe es ihm verboten, er ist ein Lump." "Ich fand ihn eigentlich ganz in Ordnung. Freilich, ein armer Teufel, aber doch ein guter Kerl." "Da täuschen Sie sich aber gewaltig. Der tut immer nur so scheinheilig, dabei nutzt er jede Gelegenheit, einen zu hintergehen." "Na gut, ich kenne ihn zu wenig."

Da fragt Johann "Wie kommt es, daß Sie heute allein sind, ich meine, ohne Norma?" Lilian scheint verblüfft über die Frage. "Können Sie nicht auch mal ohne Norma auskommen?", fragt sie mit einer Spur von Entrüstung. Später sollte Johann heilfroh darüber sein, daß er in diesem Moment nicht so taktlos war zu entgegnen: 'Können Sie denn ohne Norma auskommen?'

"Sie haben recht, vielleicht ist es besser, wenn Norma heute nicht dabei ist." "Zum Kuckuck John, was ist denn heute in Sie gefahren? Warum sollte das jetzt besser sein?" "Ich meine, dann müssten wir diese köstlichen Empanadas durch drei teilen." "Ich glaube, das haben Sie nicht gemeint." Er schweigt und schaut sie an, Lilian begegnet seinem Blick, wendet sich dann aber schnell ab.

Sie fragt "Wie läuft es eigentlich mit Ihrer Arbeit?" "Ganz gut. Obwohl ich in letzter Zeit ein bisschen faul geworden bin." "Das liegt wahrscheinlich am hiesigen Klima, da lässt mit der Zeit der Drang zur Arbeit nach. Man genießt dafür das Leben und die Ruhe, man entwickelt ein gutes Gefühl für den Müßiggang." "Das trifft es. Ein Mitteleuropäer - und erst recht ein Deutscher - verspürt die Pflicht, jeden Tag ein bestimmtes Pensum an Arbeit zu erledigen. Meistens kommt dabei gar nichts Bedeutendes heraus." "Nein", stimmt ihm Lilian zu, "nicht einmal etwas Bleibendes."

"Genau. Hier dagegen relativiert sich das alles, es ist nicht mehr so wichtig, etwas zu schaffen, ja, es ist sogar offensichtlich unsinnig, seine Zeit mit Sachen zu vertreiben, die man gleich darauf wieder vergessen kann. Ich bewundere zum Beispiel Harry Gordon - na ja bewundern ist vielleicht übertrieben - aber es beeindruckt mich, wie leicht und lässig er das alles nimmt. Es scheint, daß er seine Arbeit hier von einem Tag auf den andern hinschmeißen könnte und dann irgendetwas neues macht, das ihn begeistert."

"Oh, jetzt täuschen Sie sich aber", sagt Lilian. "Harry ist bei weitem nicht so gleichgültig gegenüber seiner Arbeit wie er tut." "Ach nein?" "Harry ist ein knallharter Bursche, wenn es ums Geschäftliche geht." "Da habe ich ihn noch nicht erlebt." "Seien Sie froh, er würde Sie fertigmachen." "Das klingt nicht sehr anerkennend." "Für wen? Männer wie er werden hier immer gebraucht und es wird sie immer geben." "Und sicher auch Frauen, die sich an sie dranhängen." "Sie beschäftigen sich in Gedanken wohl viel mit Norma?", fragt Lilian. "Nein", erwidert Johann, "ich musste Harry sogar versprechen, ihr nicht zu nahe zu kommen."

Lilian lacht aus vollem Halse. "Was für ein Typ von Mann lässt sich denn so ein Versprechen abnehmen?" Dennoch hat Johann nicht das Gefühl, Lilian würde ihn auslachen. Sie lenkt schnell ein und fragt anscheinend interessiert: "Wenn Sie Ihre Zeit nicht mit unnützer Arbeit vergeuden, John, wie kommt es dann, daß Sie stattdessen auf dem Dach eines Kühlhauses sitzen und in die Gegend starren?"

"Der Anblick der Berge übt auf mich etwas Magisches aus, dem ich nicht widerstehen kann." Bei diesen Worten bekommen seine Augen einen tiefen Glanz, und Lilian schaut ihn an, als gefiele ihr das. Er fügt hinzu "Ehrlich gesagt, sind diese Berge das Hauptmotiv für mich gewesen, weshalb ich überhaupt hierher gekommen bin, seit dem Augenblick, als ich Photographien davon gesehen habe, von den Bergen und von ..." "Warum machen Sie jetzt nicht die Berge zum Hauptmotiv Ihrer Photos?" "Das werde ich bald tun, so bald wie möglich."

Sie schweigen und zwei, dreimal treffen sich ihre Blicke. Lilian sitzt mit übergeschlagenen Beinen und wippt mit dem Fuß, der sich unterm Saum ihres Kleides hervor wagt, sie hat die Arme aufgestützt und knabbert an einem winzigen Stück Empanada herum. "Möchten Sie noch etwas Wein?", fragt Johann. "Nein danke. Zeigen Sie mir Ihr Atelier?" "Selbstverständlich, gern."

Sie gehen hinüber und Johann zeigt und erklärt ihr alles. Lilian wechselt zu seinen Seiten hin und her und hüllt ihn dabei ein mit ihrem Parfümduft. Sie macht originelle Bemerkungen zu seinen Photos, sie streicht von Zeit zu Zeit ihr Haar hinters Ohr, und manchmal berühren ihre Finger wie zufällig Johanns Hand. "Das ist alles sehr faszinierend", meint sie mit ehrlicher Anerkennung, und Johann bedankt sich.

Und dann sagt sie mit samtweicher Stimme, die ihm einen Schauer über den Rücken jagt "Würden Sie mir jetzt bitte noch ein Glas Wein holen?" Er geht langsam durch das Atelier in Richtung Küche, fast ohne den Blick von ihr abzuwenden, und plötzlich hat er das Bild vor Augen, wie sich das Fräulein Wabersich damals in seinem Atelier in Seligenbrunn nach Nacktaufnahmen erkundigt und sich schnurstracks ihrer Wäsche entledigt hat.

Als er in die Küche tritt, steht da ein junges Mädchen mit langen, lockigen Haaren und einem Engelsgesicht. Unter dem hellen Kleid zeichnen sich ihre kleinen, niedlichen Brüste ab. Sie muss durch die offene Tür hereingekommen sein. "Ist meine Mam' da?" Johann ist so verdutzt, daß er nur ein "Was?" herausbringt. "Sind Sie John?", fragt sie und starrt ihn beinahe drohend an. "Was?"

Da erscheint Lilian hinter ihm. "Julia, Liebes", sagt sie, geht an Johann vorbei und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. "Man kann ihn fragen, was man will, er sagt immer nur 'was?'", sagt das Mädchen und hört nicht auf ihn anzustarren. "Das ist John, der Photograph, von dem ich erzählt habe. John, das ist meine Tochter Julia." Er bringt immer noch kein Wort hervor. "Hab' ich euch bei irgendwas gestört?", sagt Julia ungerührt. "Unsinn", meint Lilian und lächelt, "wie war dein Unterricht?"

Endlich wendet Julia den Blick von Johann und sagt zu ihr: "Senor Franck lässt mich bei der Matinee am Sonntag spielen." "Oh, das ist wunderbar, oh wie ich mich freue", sagt Lilian und gibt ihr noch einen Kuss. "Was wirst du spielen?" "Scarlatti." "Oh, ich liebe Scarlatti." "Krieg' dich wieder ein, Mam." "Wollen wir John auch einladen?" "Von mir aus." Julia schaut ihn wieder an und sagt "Es würde mich freuen, wenn Sie am Sonntag zur Matinee der Veteranen in die Casa Rosa kommen, um meinem Konzert zu lauschen." "Sehr gern", erwidert er artig. Lilian sagt "Also dann, John, Adios und hasta luego." "Hasta luego." Julia dreht sich wortlos um und zieht Lilian mit sich, die ihm noch kurz zuwinkt. Er sieht Lilians Henkelkorb auf dem Tisch, er überlegt, ob er ihnen nachlaufen soll, tut es dann aber doch nicht.

In den nächsten Tagen geht Johann jeden Tag ins Amatista, um die beiden Damen dort zu treffen, aber er hat kein Glück, nicht mal Norma allein lässt sich sehen. Dafür hat Ruben Cía einige Informationen betreffs der Wolfram Mine für ihn. Es handelt sich demnach tatsächlich um Rohmaterial, woraus Glühfäden für eine elektrische Lampe mit enormer Leistung gemacht werden; das Erz dieser Mine sei sehr hochwertig und daher sehr wertvoll. Der nordamerikanische Konzern Imperial Electric hat das Patent auf diese Lampe, aber offenbar nicht die Besitzrechte an der Mine.

"Wem genau sie gehört, das konnte ich nicht herausfinden", sagt Ruben, "aber anscheinend interessieren sich auch die Engländer dafür und es sieht ganz danach aus, daß Ihr Freund Harry Gordon dabei mit im Spiel ist, er muss wohl für irgendein britisches Unternehmen arbeiten, jedenfalls für ein nichtamerikanisches." Johann überlegt, ob das der Grund ist, weshalb Harry noch hier ist.

Ruben fährt fort: "Es gibt zwei, drei Leute, die auch wissen wollen, daß der Rio Los Platos in Wirklichkeit seinen Lauf deshalb geändert hat, weil er da oben angestaut oder jedenfalls umgeleitet worden ist, um die Fabrikanlagen der Mine mit Wasserkraft zu versorgen." "Der Rio Los Platos?", fragt Johann. "Der Name kommt mir bekannt vor." "Vielleicht haben Sie davon gehört, daß Don Alfredo Gonzales deswegen eine Plantage verloren hat, die seitdem nicht mehr bewässert werden kann." "Genau, das war's."

"Er verlangt dafür eine Entschädigung, er weiß natürlich, daß die Mine sehr lukrativ ist und will die Bosse bluten lassen, aber bis jetzt hat er wohl noch keinen Erfolg gehabt." Johann meint "Don Alfredo ist nicht der Mann, der sich lange vertrösten lässt." "Nein, bestimmt nicht", erwidert Ruben, "deshalb hat er angeblich auch irgendwelche Banditen angeheuert, die ein paar Anschläge verüben sollen. Aber letztens ist einer vereitelt worden, offenbar gab es einen Verräter bei den Banditen." "Wie damals auf der Estancia." "Ja. Na ja, diese Leute gehorchen auch nur solange ihrem Anführer, bis sie einen finden, der ihnen eine noch größere Beute verspricht."

"Man muss doch in San Gabriel mitkriegen, wenn dort eine Fabrikanlage gebaut wird?", mutmaßt Johann. "Vielleicht geschah es im Zusammenhang mit der Eisenbahnstrecke, die dann plötzlich gesperrt worden ist, nachdem sie fertig war." "Das ist die Strecke, an der auch die Station Punto del Agua liegt, nicht wahr." "Ja. Die ist auch stillgelegt. Aber das heißt nicht, daß dort niemand mehr zugange ist." "Inwiefern?" "Soviel ich weiß, gibt es zumindest noch eine funktionierende Telegraphenstation dort. Und einen Brunnen. Man könnte sich da für eine Weile einrichten, wenn das nötig wäre."

Als Johann wieder zu Hause ist, befällt ihn eine seltsame Unruhe, die er fortan nicht mehr los wird. Er beginnt Pläne zu schmieden für die Exkursion in die Berge, die er nun unbedingt unternehmen will. Er macht eine Liste von all den Sachen, die er mitnehmen will, seine Photoausrüstung zuerst, dann die Dinge, die er braucht, um in der Wildnis überleben zu können, und nach seinen Berechnungen kommt eine Bagage zustande, für die er mindestens vier Maultiere zum Transport benötigt.

Ein Feldwebel und ein Soldat mit dem Gewehr über der Schulter kommen zu Johann und der Feldwebel fordert ihn auf, sie in die Garnison zu begleiten, wo Hauptmann Cutico ihn erwartet. Worum es ginge, fragt Johann. Der andere wiederholt bloß seinen Auftrag. Widerwillig, fast zornig, geht Johann mit.

In Hauptmann Cuticos Dienstzimmer ist außer ihm auch Don Alfredo anwesend, der in einem Ledersessel neben dem Schreibtisch sitzt und eine Zigarre raucht. Cutico begrüßt Johann mit Handschlag, Don Alfredo macht eine flüchtige Geste. "Warum haben Sie mich hergebeten?", fragt Johann.

Cutico sagt "Ich habe gehört, Sie wollen zum Monte Oscuro reiten. Zu welchem Zweck?" Johann könnte es abstreiten, doch er antwortet "Ich möchte einige Aufnahmen machen." Don Alfredo meint "Warum so weit draußen? Es gibt auch in der Umgebung von San Gabriel einige reizvolle Plätzchen, ich würde Ihnen ein Fahrzeug zur Verfügung stellen." "Vielen Dank. Ich möchte zum Lago Fontana, ich habe gehört, dort soll es unvergleichlich schön sein."

Don Alfredo prustet verächtlich, der Hauptmann sagt "Unter 'schön' verstehen wir etwas anderes. Die Gegend ist nicht nur äußerst unwirtlich, sondern auch gefährlich für einen Fremden. Ich weiß nicht, wer Ihnen davon erzählt hat, aber es kann nicht die Wahrheit gewesen sein. Senor Melzer, dort gibt es weder Weg noch Steg und das Wetter ist unberechenbar. Wenn Sie sich schützen wollen, müssen Sie sich in eine Höhle verkriechen, und dort leben alle möglichen wilden Bestien, die höchsterfreut sind, wenn sich jemand da hinein verirrt." "Ich hatte auch erwartet, daß Sie mir eine brauchbare Karte geben können", sagt Johann unbeeindruckt.

"Ich glaube, Sie begreifen nicht ganz, was ich gesagt habe: ich fühle mich für Ihre Sicherheit verantwortlich, ich kann es nicht zulassen, daß Sie sich in Lebensgefahr begeben." "Heißt das, Sie wollen es mir verbieten?" "Wenn es sein muss, ja, ich tue es ungern." "Wie? Wollen Sie mich festhalten?" "Hauptmann Cutico könnte Sie unter Aufsicht stellen", sagt Don Alfredo, "ehrlich Juan, wir sollten uns derlei Affentheater ersparen." "Gut, ich werde es mir überlegen." "Nein, Sie werden unsere Weisung akzeptieren oder ich entziehe Ihnen jegliche Unterstützung."

"Worin besteht Ihre Unterstützung, Don Alfredo?" "Oh, jetzt werden Sie bitte nicht ungerecht. Denken Sie daran, wie Sie hier angekommen sind. Wer hat Ihnen da geholfen?" "Und noch etwas", sagt Johann, "ich verlange, daß der Junge, den ich Ihnen überlassen habe, damit Sie ihn nach Villa Angela bringen, zu mir zurückkommt." Don Alfredo steigt der Zorn ins Gesicht. "Zum Teufel, Juan! Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden." "Ich weiß genau, daß dieser Junge bei Ihnen auf der Plantage zur Arbeit gepresst wird", ruft Johann und seine Stimme wird laut.

Hauptmann Cutico sagt "Senor Melzer, unterstehen Sie sich, in diesem Ton zu Don Alfredo zu sprechen. Es sind nichts als leere Behauptungen, die Sie da verbreiten. Das kann sich ganz schnell zu Ihrem eigenen Schaden wenden." "Ach ja? Wollen Sie mir jetzt auch noch etwas anhängen?" "Wir wissen, daß Sie für die Photos der Banditen von gewissen Leuten Geld kassiert haben; das waren Leute, nach denen wir suchen", sagt Cutico und Don Alfredo fügt hinzu "Und Geld, das ihnen nicht gehört hat."

Johann erinnert sich, wie er von dem Burschen, der angeblich vom Chefredakteur der Zeitung geschickt worden war, einen Umschlag mit Geld erhalten hatte. "Vorsicht, Herr Hauptmann! Das ist jetzt eine Unterstellung Ihrerseits", verwahrt sich Johann, aber Don Alfredo sagt "Sie glauben doch wohl nicht, daß Hauptmann Cutico nicht genau wüsste, wovon er spricht, wenn er so etwas Schwerwiegendes gegen Sie vorbringt, Juan. Sie können sich da nicht rausreden, es gibt nämlich einen Zeugen, der gesehen hat, wie Sie das Geld angenommen haben."

Johann ist sich ganz sicher, daß niemand anderes dabei war. "Das ist ja lachhaft. Wer bitteschön soll das gewesen sein?" "Pepe Molina", sagt Don Alfredo und Cutico ergänzt "Er hat es auf der Polizeiwache zu Protokoll gegeben, als man ihn vernommen hat." "Pepe Molina!", ruft Johann und versucht, sich darüber zu amüsieren, aber das Lachen bleibt ihm im Halse stecken. "Jetzt auf einmal ist Pepe für Sie also ein ernstzunehmender Mensch?" "War er es denn für Sie nicht?" "Pepe Molina ist ein erbärmlicher Taugenichts und ein Lügner, und Sie wissen das genau!" "Tut mir leid", entgegnet Don Alfredo jetzt wieder seelenruhig, "ich kann keinen Grund sehen, an seiner Aussage zu zweifeln."

Johann schaut ihn an und sagt dann zum Hauptmann "Ich habe keine Zeit, mich länger hier zum Narren halten zu lassen, ich gehe jetzt." "Natürlich, ich will Sie nicht aufhalten, Senor Melzer, und ich denke, wir haben uns verstanden." Johann wendet sich zum Gehen. Don Alfredo sagt "Übrigens hofft Pepe Molina, daß Sie für ihn die Kaution bezahlen, damit er aus dem Gewahrsam entlassen wird, lumpige dreißig Pesos." Für einen Moment denkt Johann daran, Don Alfredo am Kragen aus dem Sessel zu zerren und zu Boden zu werfen, aber er kann sich beherrschen und verlässt wortlos den Raum.

Schon fast draußen, kehrt er um, geht in Cuticos Dienstzimmer zurück und sagt "Nur damit Sie sehen, daß ich mich weder vor Pepes noch vor irgend jemandes haltlosem Geschwätz fürchte, bezahle ich die Kaution, unter der Bedingung, daß Sie ihm ausrichten, er soll sich nie wieder bei mir blicken lassen!" "Wie Sie wünschen", sagt Cutico.

Johann holt aus seiner Jackentasche ein paar Scheine und stellt fest, daß er zuwenig Geld dabei hat. "Dreißig Pesos sagten Sie? Ich habe leider nur zwanzig." Als hätte Don Alfredo bis zuletzt auf diesen peinlichen Moment gewartet, meint er gönnerhaft "So etwas kann passieren. Lassen Sie mich den Rest beisteuern." Er nimmt Johann das Geld aus der Hand und legt es zusammen mit seinem Zehn Pesos Schein auf Hauptmann Cuticos Schreibtisch. "Womöglich habe ich Pepe in der Vergangenheit auch gelegentlich etwas von oben herab behandelt. Sie haben ganz recht, Juan, wir sollten uns vielleicht mehr um unsere Mitmenschen kümmern."

Zuhause überarbeitet Johann seine Planung der Exkursion. Nach der unerfreulichen Unterredung mit dem Hauptmann und Don Alfredo ist er mehr denn je dazu entschlossen. Immer noch ist er mit seiner Liste bezüglich der Ausrüstung unzufrieden. Er will sein Vorhaben mit Ruben Cía besprechen, aber auf dem Weg zum Amatista wird er plötzlich von so starkem Misstrauen gegen ihn ergriffen, daß er umkehrt. Er bildet sich ein, Ruben könnte seinen Plan verraten, an wen, das weiß er nicht genau, aber es würde jedenfalls seine ganze Unternehmung zunichte machen. Nachts schreckt Johann aus seltsamen Träumen auf. Er macht Licht und schaut sich im Spiegel ins Gesicht, irgendetwas stimmt nicht mit ihm.

Er nimmt auch seine Schießübungen an einer stillgelegten Sandgrube vor der Stadt wieder auf, aber er hat ein Pferd gemietet, das sich erschrickt und beim ersten Knall das Weite sucht. Er braucht eine Stunde, um es wiederzufinden und abends fällt er todmüde ins Bett.

Er streicht seine Liste auf das Allernötigste zusammen, er könnte mit zwei zusätzlichen Maultieren auskommen. Er überlegt lange wegen eines ortskundigen Führers, er würde liebend gern auf ihn verzichten. Er hat ein Fernrohr und einen Kompass und sogar einen kleinen Sextanten, mit dem er einigermaßen hantieren kann, aber er braucht zumindest noch eine gute Karte.

Am Sonntagmorgen beschließt er, zu dem Konzert in die Casa Rosa zu gehen, hauptsächlich, um Lilian dort zu treffen, sie ist ihm keineswegs mehr so gleichgültig wie am Anfang. Ihr Besuch bei ihm hat ihn irgendwie innerlich aufgewühlt, er möchte sich Klarheit verschaffen, worum es ihm und ihr geht, wenn überhaupt sich irgendeine Beziehung zwischen ihnen anbahnt. Er ist entschlossen, Lilian, mit aller gebotenen Zurückhaltung, daraufhin zu anzusprechen.

Als er das Haus verlässt, verdunkelt sich plötzlich der Himmel und ein Wolkenbruch geht hernieder. Es schüttet wie aus Eimern, und sofort bilden sich an den Straßenrändern Rinnsale, die gleich darauf zu ordentlichen Bächen anschwellen. Johann stellt sich unter, der Regen hört auf, aber die Wassermassen können nicht so schnell abfließen, und man kann unmöglich die Straße überqueren, ohne bis zu den Knöcheln darin zu versinken. Er muss einen weiten Umweg machen, und doch patscht er zwei, dreimal ins Tiefe.

Er verspätet sich, die Veranstaltung ist im vollen Gange, auf der kleinen Bühne spielt Julia eine Scarlatti Sonate auf einem Flügel, dem ein Bein fehlt und dafür zwei Holzklötze untergeschoben sind. Johann konnte sich noch nie für Musik begeistern, dafür fehlt ihm der Sinn, und wenn Kinder sie machen, erst recht, es wirkt angestrengt und unnatürlich. Was in aller Welt hat ein zwölfjähriges Mädchen an einem lädierten Flügel zu schaffen?

Mit dem Blick sucht er in den Zuschauerreihen nach Lilian und findet sie - neben Harry Gordon! Automatisch hält er nach Norma Ausschau, aber sie ist nirgends zu sehen. Die Leute spenden Julia immensen Beifall, sie verbeugt sich, ihre Wangen sind rosarot, sie bleibt ernst. Harry und Lilian sehen ihn, aber nur Harry kommt auf ihn zu; hatte Lilian ihm wenigstens zugenickt?

"Was ist denn mit Ihnen passiert?", fragt Harry lachend und deutet auf Johanns Hosenbeine, an denen unten das Wasser hochgestiegen ist. "Vielleicht haben Sie's nicht mitgekriegt, aber es hat geregnet", gibt Johann bissig zurück. "Oh ja, das kommt vor", sagt Harry gelassen. "Hat es Ihnen gefallen? Die Kleine ist entzückend, nicht wahr?" "Ja, ganz schön. Ist Norma auch hier?" "Nein. Wollten Sie mit ihr sprechen? Soll ich ihr etwas ausrichten?" "Nein, ich ..."

Da kommt Julia hinzu und sagt ohne Johann zu beachten "Harry, kommen Sie?" "Ja, Sweetheart, ich folge dir überallhin. Adios John, bis ein andermal." "Adios Harry." Er wollte Harry unbedingt wegen der Wolfram Mine fragen, aber das hat er jetzt verpasst. Er ist wütend auf sich selbst. Auf dem Rückweg läuft er geradewegs durch die Schlammpfützen, die der Regen hinterlassen hat. Zuhause fängt er an zu packen.

Zwei Tage später besucht ihn Norma. Sie hat ein Buch dabei. "Wollen Sie mir wieder vorlesen?", fragt Johann. "Warum sind Sie so grob?", fragt sie zurück, und Johann entschuldigt sich sofort. "Es war nur spaßig gemeint." "Vielleicht gibt es ja Menschen, die darüber lachen können." "Seien Sie ehrlich, Norma, findet sich bei Jane Austen auch nur die kleinste wirklich lustige Stelle? Nach dem, was ich bisher von ihr gehört habe, würde ich das bezweifeln. Und doch", fügt er hinzu, "ist es sehr schön und ergreifend." "Ich verstehe nicht, was Sie damit sagen wollen. Aber ich glaube auch nicht, daß ich Ihre Meinung teilen würde, denn dafür kennen Sie diese Frau viel zuwenig. Und deshalb habe ich Ihnen "Stolz und Vorurteil" mitgebracht."

Sie legt das Buch mit dem violetten Einband auf den Tisch. "Lesen Sie es und wir werden uns wieder sprechen." "Das ist lieb von Ihnen, aber bleiben Sie doch." "Ich wollte auch noch gar nicht gehen." "Darf ich Ihnen etwas anbieten? Ein Glas Wein vielleicht." "Ein Glas Wasser." Er stellt zwei Gläser und eine Karaffe voll Wasser auf den Tisch.

"Es sieht aus, als wollten Sie verreisen, John?" Er kann es nicht leugnen. "Ich werde meine längst geplante Exkursion unternehmen." Norma fragt nicht 'wohin', sondern "Allein?" "Das steht noch nicht fest." "Ziehen Sie bloß nicht allein los, das wäre Wahnsinn, Sie würden sich unweigerlich verlaufen." Er lacht, es klang, als würde er vom Schulweg abkommen.

Aber Norma fügt hinzu "Versprechen Sie mir, daß Sie nicht allein losziehen." "Würde es Ihnen denn etwas ausmachen, wenn ich verloren ginge?" "Oh John, ich werde mich nie an Ihre schroffe Art gewöhnen können. Natürlich würde es uns etwas ausmachen. Man stellt seinen Freunden nicht solche Fragen." "Wahrscheinlich werde ich einen Führer engagieren." "Das ist gut. Aber seien Sie trotzdem vorsichtig. Man kann hier nicht allen trauen." Dann fragt sie "Ist das alles nicht ganz schön teuer? Wie lange wollen Sie denn wegbleiben?"

Er hat keine Lust, weder auf die eine noch auf die andere Frage einzugehen, er zuckt stattdessen mit den Schultern. "Wie geht es Ihrem Vater?" "Ganz gut." "Arbeitet er momentan an einem Projekt?" "Nicht direkt. Man hat ihn, wie soll ich sagen, aufs Nebengleis gesetzt. Aber er bekommt sein volles Gehalt, er hat eigentlich nichts auszustehen, und dennoch wurmt es ihn ein bisschen, daß er nicht mehr richtig dabei ist."

"Dann könnten Sie nach England zurückkehren." "Ja." "Liegt es an Harry, daß Sie es nicht tun?" "Wieso denn das?" "Weil ihn seine Geschäfte hier unentbehrlich machen." "Was wissen Sie denn von Harry's Geschäften?", sagt Norma ein bisschen von oben herab. "Nicht viel. Er ist in der Hinsicht ja auch nicht sehr gesprächig. Aber man sagt, er wäre bei den Spekulationen um die Wolfram Mine am Monte Oscuro mit dabei." "Bei was?"

Johann schaut sie an, ihm ist klar, daß er nichts weiter über Harry erfahren kann. Vielleicht weiß Norma auch wirklich nichts. Sie streicht mit den Fingern über das Buch. "Sie sollten es sehr behutsam lesen. Und lassen Sie sich nicht vom ersten Eindruck täuschen, den Ihnen eine Person vermittelt."

"Warum haben Sie mir eigentlich verschwiegen, daß Lilian verheiratet ist?" "Lilian ist nicht verheiratet." "Aber sie hat doch eine Tochter." "Ihr Mann ist verstorben." Johann schluckt, dann meint er "Das hätten Sie mir auch sagen können." "Ich ... wie sagt man im Deutschen, wenn man hinter ihrem Rücken über andere Leute redet?" "Tratschen?" "Tratschen? Gott, was für ein vulgäres Wort. Ja, also, ich tratsche nicht über andere."

"Wie lange ist das her?" "Ungefähr drei Jahre." "War er krank?" "Es war ein Jagdunfall." "Hier?" "Ja." "Und nun glauben Sie, Lilian einen neuen Mann verschaffen zu müssen?" "Sie sind ein Arschloch, John! Ich hoffe bloß, Sie haben Lilian nicht genauso schäbig behandelt wie Sie es jetzt offenbar bei mir versuchen." "Hat sie Ihnen nichts gesagt?" "Wovon denn?" "Von ihrem letzten Besuch bei mir."

"Sie war hier?", fragt Norma und schaut ihn an, und nach einer Pause setzt sie hinzu: "Sind Sie intim geworden?" "Was?" Johann muss lachen. "Julia war dabei." Norma wird rot im Gesicht. "Hören Sie auf!" "Sie hat mich eingeladen zu dem Konzert in der Casa Rosa." "Was für ein Konzert?" "Fragen Sie doch Harry, der war auch dort." Sie schweigt und sieht Johann an mit einem Ausdruck von Entsetzen und Verachtung.

Da springt er auf und stürzt sich über den Tisch hinweg auf sie. Die Gläser und die Karaffe fliegen auf den Boden, Norma wehrt sich nicht. Er zerrt sie auf den Tisch und reißt ihr Kleid über ihre Hüften hinauf, sie fängt heftig zu atmen an, sie lässt sich alles gefallen. Er streift seine Hose ab und im nächsten Moment stößt sein Glied in ihre Scheide. Sie beißt sich auf die Hand und unterdrückt ungewöhnliche Laute. Er keucht, er rammelt wie ein Wilder auf ihr herum. Plötzlich drückt sie ihn mit ungeheurer Kraft weg und dreht ihm den Hintern zu. Sofort versucht sein Glied wieder in ihr Loch einzudringen, aber Norma holt es zwischen ihren Beinen mit einer Hand heraus, es schnippt nach oben und presst sich längs in ihre Arschkimme. Er senkt es wieder hinab und spürt, wie sie es an der Stelle platziert, wo eine Zange aus Gummi seine Eichel packt und zusammenpresst. Er hält dagegen und als er den Schließmuskel überwunden hat, schiebt er sein Glied bis zum Anschlag in den finsteren Kanal, und Norma fängt an "Hhhnnnggg! Hhhnnnggg! Hhhnnnggg!" zu machen, was er noch nie bei einem weiblichen Wesen vernommen hat. Noch bevor sein Sperma in ihren Leib schießt, kippt Norma nach vorn, und sein Glied flutscht raus und alles ergießt sich auf Jane Austens "Stolz und Vorurteil". Norma poltert vom Tisch, schleppt sich halb auf allen vieren in die Küche, während Johanns Glied noch immer zuckt und gar nicht mehr erschlaffen will. Und dann ist Norma zurück und hält ihm ein großes Küchenmesser vors Gesicht und schreit mit hysterischer Stimme: "Tun Sie das nie wieder! Tun Sie das niemals wieder! Ich schwöre bei Gott, ich bringe Sie um!" Er spürt einen Stich im Herzen, aber der kommt von innen, und als er wieder aufschaut, ist sie weg, und wie aus Verärgerung zieht sich sein Glied in sich zurück.

* * * * *

Ein scheußliches Gefühl quält ihn in den folgenden Tagen. Er kommt sich vor wie ein Verbrecher, fast wie ein Mörder, der bis an sein Ende mit der unerträglichen Gewissheit leben muss, seine Tat nicht ungeschehen machen zu können. Wie konnte es passieren, daß er sich mit der Gewalt einer Bestie über sie hermacht?

Voller Schuld und Ekel nimmt er das Buch in die Hand, mit den Spermaflecken auf dem violetten Einband. Das Messer hat tatsächlich Blutspuren. Dann sieht er, daß die Wasserkaraffe zerbrochen war und Norma sich an den Scherben verletzt haben muss, als sie in die Küche kroch.

Vergeblich versucht er, den Hergang aus seinem Gedächtnis zu löschen. Doch je öfter sich alles wiederholt, umso mehr kommt er zu der Überzeugung, daß Norma selbst das Ungeheuerliche provoziert, daß sie ihm ihren Arsch mit Absicht entgegengestreckt und sein Glied zur Penetration gezwungen habe. Zumindest hat sie es zugelassen, soviel steht fest!

Ein Postbote bringt ihm eine Benachrichtigung, wonach er sich zu dem und dem Termin auf dem Postamt einzufinden habe, um einen Brief an ihn in Empfang zu nehmen. Obwohl er pünktlich ist, muss er fast zwei Stunden warten. Ein Postbeamter händigt ihm gegen Unterschrift einen dicken Brief aus, penibel trägt er die Sache in ein großes Buch ein, er kommt Johann vor wie ein Sekretär im hundertsten Vorzimmer des Kaisers von China. Schließlich fordert er auch noch eine Gebühr für die Benachrichtigung.

Auf dem Rückweg kommt Johann an der Casa Troy vorbei. Er denkt daran, für Lilian ein Geschenk zu kaufen, etwas, über das sie sich freuen würde und das dennoch nicht aufdringlich gemeint wäre. Er möchte jemandem etwas Gutes tun, ohne damit sein Gewissen reinigen zu müssen. Er denkt an ihr Parfüm, aber ihm fällt die Marke nicht ein; wahrscheinlich würde sie jede andere ablehnen.

Auf dem Marktplatz sind Straßenhändler. Ein altes Weib in Indiotracht bietet Schmuck an, sie hat alles auf einem handgewebten Tuch ausgelegt. Ihr Gesicht ist grau und zerfurcht wie die Rinde einer alten Akazie, aber aus ihren Augen blitzt es unheimlich. Johann findet ein silbernes Amulett, nicht viel größer als eine zwanzig Pesos Münze, mit einem raffiniert verschlungenen Ornament, an einer dünnen Kette ebenfalls aus Silber.

Er kauft es, ohne über den Preis zu handeln. Aber als ihm die Alte den Schmuck gibt, berührt sie seine Hand, und Johann durchfährt ein schmerzhafter Schauer und ihm ist, als würde er plötzlich an einen anderen Ort versetzt. Er zuckt zurück, aber die Alte hält für einen Moment seine Hand fest und flüstert ihm etwas zu, das wie eine Beschwörung klingt. Dann lässt sie ihn los und macht tatsächlich ein Zeichen, daß er verschwinden soll.

Als er nach Hause kommt, ist die Terrassentür offen und in das Zimmer, dessen Fensterläden wie gewöhnlich geschlossen sind, fällt ein mattes Licht. Johann erschrickt, als er jemanden am Tisch sitzend erblickt, vor ihm liegt Johanns abgesägte Schrotflinte. Es ist Robert Eastham. Er sagt: "Lange nicht geseh'n, John." "Was wollen Sie?" "Sie haben mich schwer enttäuscht." "Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, Robert." "Ich dachte, wir wären Freunde. In Europa schlagen sich unsere Landsleute gegenseitig die Köpfe ein. Wie schön wäre es da, wenn wir uns hier in der Fremde vertrauen könnten." "In der Fremde hat man keine Freunde", sagt Johann. "Sie vielleicht nicht. Und nun wundert mich das auch gar nicht mehr. Sie sind ein grenzenloser Egoist", sagt Robert mit einem ironischen Lächeln, "und Sie gönnen den anderen nicht ihr Glück!"

"Was soll das Gewehr da?" "Oh, das habe ich neben Ihrem Bett gefunden. Sie sollten besser darauf achtgeben, wenn Sie sich damit schützen wollen." "Es ist nicht meine einzige Waffe." "Ha ha! Was haben Sie denn sonst noch so herumliegen? Ein paar Küchenmesser?" Wie kommt er gerade darauf, fragt sich Johann. Er macht einen Schritt auf Robert zu, der greift nach dem Gewehr und richtet es auf ihn. "Bleiben Sie stehen!"

"Wollen Sie mich jetzt erschießen?" "Ich habe noch nie jemanden erschossen und ich bin mir nicht sicher, ob es mir auf Anhieb gelingt. Wenn Sie sich bewegen, könnte es passieren, daß ich Sie nur an einer sehr empfindlichen Stelle treffe und Sie mit großen Schmerzen hier liegen lasse - mit Ihren großen Schmerzen meine ich." Johann rührt sich nicht vom Fleck und hebt beide Hände, um Robert zu beschwichtigen. Dann fragt er "Was hat Ihnen Norma erzählt?" "Was könnte Sie denn erzählt haben?", fragt Robert kaltschnäuzig zurück. Johann ist sich weiß Gott nicht sicher, aber es kann doch unmöglich sein, daß eine Tochter ihrem Vater solche Obszönitäten anvertraut! Allerdings war er auch von ihren seltsamen Lauten überrascht gewesen.

"Warum ist Norma nicht selbst zu mir gekommen und hat Sie stattdessen hergeschickt?" "Sie verdammter Dreckskerl!", ruft Robert, "Norma hat mich nicht hergeschickt. Aber im Gegensatz zu Ihnen bin ich jemand, der andere Menschen liebt und der es niemals zulässt, daß ihnen etwas Schlimmes passiert." "Oh, ich bin gerührt", erwidert Johann höhnisch, "ich nehme an, Sie meinen damit Norma und ihren ach so treuen Geliebten Harry."

Obwohl es auf die kurze Distanz unnötig scheint, nimmt Robert das Gewehr in Anschlag und drückt ab. Johann wirft sich auf den Boden, und als der Schuss kracht, hört man draußen eine Frau aufschreien und rufen "Nicht schießen!" Es ist Lilian. Johann rappelt sich auf, Robert fährt vom Stuhl hoch, er lässt die Flinte, die aus dem Lauf raucht, auf den Tisch fallen, seine Hände zittern. Lilian tritt durch die Terrassentür, sie ist nicht besonders eingeschüchtert.

"Was ist denn hier los? Duelliert ihr euch etwa?" Johann versagt beinahe die Stimme. "Ach was. Nicht doch", bringt er mühsam hervor, "wir albern bloß ein bisschen herum." "Ist das wahr, Robert?" Robert ist ebenso sprachlos. "Ja ja, so ist es, und nun muss ich leider auch schon gehen. John. Lilian. Bis bald." Er verschwindet durch den Garten. "Ihr habt euch gestritten", stellt Lilian fest. "Aber nein. Worum denn?" "Ich weiß nicht, aber ich erkenne, wenn Männer sich gestritten haben. Wahrscheinlich ging es um Norma."

Johann zwingt sich ruhig zu erscheinen. "Hat sie mit Ihnen gesprochen?", will er wissen. "Warum sollte sie nicht, wir sind schließlich gute Freundinnen." ('Meine Güte, warum legen sie alle so großen Wert auf die Freundschaft!') "Und hat Norma auch über mich gesprochen?" "Oh John, Sie haben einen bösen Fehler begangen!", sagt Lilian und schaut ihn eindringlich an. "Was?" Auf einmal erregt ihn der Gedanke, den Vorfall aus Lilians Mund zu hören, es würde ihn amüsieren, welche Wörter sie verwendet. Aber Lilian sagt "Sie haben ihr Heiligstes verunglimpft." "Wie bitte?"

"Sie haben Norma's Heiligtum entweiht. Ich weiß nicht genau, was Sie angestellt haben, aber jedenfalls haben Sie's gründlich versaut." Johann muss lachen. "Sie meinen doch nicht etwa Jane Austen?" "Oh ja. Und was noch schlimmer ist: Sie können es nicht wieder gutmachen." "Ich werde mich bei Norma entschuldigen." "Dafür ist es zu spät." Johann erschrickt, sein Herz pocht bis zum Hals. Hat Norma sich etwa selbst etwas angetan? War das der Grund, weshalb ihr Vater ihn töten wollte?

"Was ist mit ihr? Sagen Sie schon, Lilian, was ist mit Norma?" "Sie ist sehr sehr böse auf Sie." "Hat sie sich was angetan?" "Was?" "Hat sie etwa versucht, sich ..." "Sich umzubringen?" "..." "Oh John, was für ein Trottel sind Sie nur! Sie haben nicht den leisesten Schimmer, wie Norma wirklich ist." "Nein, tut mir leid." "Und doch haben Sie ihr sehr wehgetan." "Ich schwöre, ich wollte es nicht." "Wie auch immer. Es ist Ihnen zum Verhängnis geworden." "Ja, beinahe. Sie haben mich sozusagen gerettet, Lilian", sagt Johann und meint Roberts misslungenen Anschlag.

"Ich? Nein. Ich kann da gar nichts dagegen tun." "Wogegen?" "Gegen Normas Mittel, mit denen sie Sie vernichten wird." "Ihre Mittel? Was soll das bedeuten?" "Hat Ihnen Norma nie von ihrem Hang zu Zauberflüchen erzählt?" Wieder muss Johann lachen. "Ach kommen Sie, Lilian, was soll denn der Unsinn! Zauberflüche! Ist sie vielleicht auch noch eine verkappte Hexe? Die Hüterin des Jane Austen Grals." Lilian schweigt und sieht ihn an wie ein Arzt, dessen Diagnose er eben verlacht hat. Ihr Blick macht ihm schon ein bisschen Angst.

Glücklicherweise fällt ihm das Schmuckstück ein, das er Lilian schenken will. Beinahe freudig ruft er "Lassen wir das alberne Thema! Ich habe etwas für Sie, Lilian." Sie löst sich auch von ihrer ernsten Miene und meint "Na dann lassen Sie mal sehen." Er holt es. "Ich wollte es noch schön einpacken, aber jetzt kann ich es nicht abwarten, es Ihnen zu geben."

Sie schaut das Medaillon aufmerksam an, lächelt und streckt ihre rechte Hand danach aus, aber sie zögert, es zu berühren. "Gefällt es Ihnen?" "Oh ja, es ist sehr schön ... nur ... ich habe leider schon so ein ganz ähnliches." Er sieht sie beinahe beleidigt an. Sie sagt "Das konnten Sie ja nicht wissen. Es ist sehr lieb von Ihnen, John. Übrigens, ich bin eigentlich bloß gekommen, um meinen Korb abzuholen, den ich letztens hier vergessen habe."

Abends im Bett denkt er über alles nach. Er ist davon überzeugt, daß Norma ihren Vater nicht zu ihm geschickt hat, schon gar nicht mit dem Auftrag, ihn zu töten. Ein bisschen tut ihm der Alte sogar leid, er würde wahrscheinlich am liebsten sofort nach England zurückkehren, aber Harry hat sie alle im Griff, er bestimmt, was gemacht wird. Lilian hatte Recht, als sie meinte, Harry sei ein eiskalter Hund (wie sie jedenfalls sinngemäß gesagt hat) und er tue bloß so, als würde ihn dieses ganze Treiben hier anöden.

Was Lilian betrifft, so ist er sich im unklaren, ob sie das Medaillon nicht angenommen hat, weil sie wirklich schon eins hat oder um ihn, Johann, ein weiteres Mal hinzuhalten; vielleicht erwartet sie etwas mehr von ihm als irgendeine indianische Handarbeit, vielleicht sind ihr solche Dinge auch egal. Wenn Lilian mit Harry ein Verhältnis hätte, würde ihn das nicht stören, im Gegenteil, er fühlt sich dadurch nur noch mehr herausgefordert. Aber all diese Gedanken regen ihn nicht sonderlich auf, und selbst die Schweinerei mit Norma findet er fast schon zum Lachen.

Aber am Morgen wacht er auf und fühlt sich wie gerädert. Er spürt einen bohrenden Kopfschmerz, dennoch kocht er sich einen starken Kaffee, und der hilft tatsächlich. Er beschließt, ins Amatista zu gehen, um dort vielleicht Lilian zu treffen und sich mit ihr zu verabreden. Er hat ihre abschlägige Reaktion von gestern nicht verwunden. In Wahrheit rechnet er kaum damit, daß sie gerade heute um diese Zeit im Cafe ist, aber wenigstens Ruben Cía wird da sein, mit dem er schon lange nicht gesprochen hat. Wie könnte Johann ahnen, daß sich an diesem Tag sein Schicksal zu erfüllen beginnt.

Wie erwartet sitzt Ruben Cía an seinem Stammtisch und trinkt einen Kaffee, während er Zeitung liest. Er begrüßt Johann freundlich, ohne aufzustehen (was wegen seiner Beinprothese nicht verwunderlich ist). Von den Damen ist keine da. Ruben erwähnt einige Neuigkeiten aus der Zeitung, ganz so, als hätte er das einzige Exemplar weit und breit. Johann hört nur mit halbem Ohr zu, er ist mit den Gedanken anderswo, und plötzlich fällt sein Blick auf eine Reihe kleiner Bilderrahmen an der Wand.

Ruben bemerkt, daß er an ihm vorbeischaut und meint. "Oh, Juan, sehen Sie nur, das wird Sie interessieren, Senor Edgardo (das ist der Cafehausbesitzer) hat ein paar Photographien herausgekramt und aufgehängt. Sind sie nicht herrlich!" Johann geht hin, um sie aus der Nähe zu betrachten. Es sind wirklich schöne Photos aus der Umgebung von San Gabriel, zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten aufgenommen. Es ist ziemlich genau das, was Johann sich vorgenommen hat selber zu schaffen. "Wer hat die gemacht?", fragt er Ruben. Der erwidert "Da müssen Sie Edgardo fragen."

Aber der Kellner, der am Tresen steht und Gläser poliert, sagt "Die sind von Senor Ruffalo, das war einmal der beste Photograph in dieser Stadt." "Was ist aus ihm geworden?" Der Kellner zuckt mit den Schultern. "Ich glaube, er musste sein Atelier schließen, weil er krank geworden ist." "Lebt er denn noch hier?" "Keine Ahnung. Warten Sie mal." Der Kellner stellt das Glas ins Regal, wirft das Tuch über die Schulter, geht zu der Pendeltür, die in die Küche führt und ruft hinein "Marietta! Lebt der Senor Ruffalo noch?" "Wer?" hört man Marietta zurückrufen. "Senor Ruffalo, der Photograph, lebt der noch hier in der Stadt." "Woher soll ich das wissen." "Hätte ja sein können."

Er wendet sich wieder Johann zu. "Nein, Senor Melzer, der lebt nicht mehr hier." Da schwingt die Pendeltür auf und Marietta, die kleine, dicke Küchenmamsell erscheint. "Also, jedenfalls, wenn er noch lebt, dann wohnt er im Camino La Fuente bei seiner Tochter. Es sei denn, sie ist in sein Haus gezogen, das war in der Miraflores, ich weiß nicht, was aus Senor Ruffalo geworden ist."

Johann geht schnurstracks in die Miraflores, die am nächsten liegt. Er erkundigt sich bei einem Mann, der vor der Tür steht, nach Senor Ruffalo, dem Photographen oder dessen Tochter, und der Mann überlegt einen Moment, dann beschreibt er Johann, wo der Photograph wohnt. An dem besagten Haus steht außen dran: "Antonin Ruffalo - Fotografo", aber das Schaufenster ist leer und die Tür verschlossen. Eine Nachbarin erzählt, was die Marietta bereits vermutet hat, daß der Senor zu seiner Tochter gezogen sei, nachdem er das Geschäft hier aufgegeben habe.

Der Camino La Fuente liegt in Richtung Casa Madeira, dem alten Fort der Spanier, das jetzt als Lager für die Obstplantagen dient, die sich dahinter erstrecken. Johann nimmt eine Kutsche dorthin. Das Haus liegt an einer staubigen Straße, aber im Garten grünt und blüht es. Das Tor steht sperrangelweit offen, und Johann wird von einer Horde Kinder begrüßt, die ihn neugierig anglotzen. Sie sind speckig und dreckig, aber offenbar fühlen sie sich wohl.

Am Haus sitzen zwei Männer, ein junger und ein alter und trinken Mate. Der junge ist vielleicht Mitte dreißig, er hat ein braungebranntes, sehr männliches Gesicht, er lächelt Johann freundlich an. Der sagt, er suche einen Photographen namens Antonin Ruffalo, und der Mann weist auf den Alten. Der ist klein, mit weißen wirren Haaren und trüben Augen hinter einer Brille. Ungeachtet der Wärme hat er eine Decke über die Beine gelegt, die bis über den Bauch reicht, und darauf liegen seine Hände, als warteten sie nur darauf, etwas anzufassen.

"Toni!", sagt der junge Mann zu ihm, "hier ist ein Senor, der dich besucht." "Mein Name ist Johann Melzer, ich bin Photograph aus Deutschland, ich habe seit einiger Zeit in der Stadt ein Atelier." Der Alte hebt kaum den Kopf, aber seine rechte Hand deutet einen Gruß an. "Ich habe Ihre Photographien im Cafe Amatista gesehen, sie sind großartig." "Wo?", fragt Ruffalo. "Im Cafe Amatista, der Cafehausbesitzer hat sie dort ausgestellt." "Edgardo?" "Ja, Edgardo hat sie dort ausgehängt, sie wirken sehr gut in dem Cafe an der sauberen weißen Wand. Ich wünschte, ich hätte so gute Photos gemacht." "Wieso?" "Er ist auch Photograph", erklärt der andere, "er versteht etwas davon, er weiß deine Arbeiten zu schätzen."

Die Kinder, welche sehen wollten, was der fremde Besucher will, haben sich gleich wieder zerstreut. Aus der Tür tritt eine Frau, die unschwer als Ruffalos Tochter zu erkennen ist. Johann stellt sich vor, und sie reicht ihm die Hand. Aus welcher Gegend Deutschlands er komme, möchte sie wissen, "von der Küste oder aus den Bergen?" "Weder noch", sagt er, "aus dem Mittelgebirge." "Was ist das denn?", fragt der Mann. "So ähnlich wie die Abruzzen, Tomaso", sagt die Frau und fügt hinzu "meine Familie stammt aus Italien, Tomaso und ich haben vor zwei Jahren eine Reise dorthin gemacht." "Welche Bilder hat Edgardo ausgehängt?", fragt Ruffalo. "Oh, Verzeihung, das vergaß ich zu erwähnen."

Dann zählt Johann die Motive auf, und wie er jedes mit einem treffenden Wort in seiner Originalität beschreibt, das scheint dem Alten sichtlich zu gefallen. "Möchten Sie einen Tee mit uns trinken?", fragt ihn die Frau. Johann nimmt dankend an. Von der Kindertruppe ist ein kleines Mädchen dageblieben, das auf den Fingern herumkaut, während es den Fremden nicht aus den Augen lässt. Als sich Johann auf einem der Korbstühle niederlässt, klettert die Kleine auf seinen Schoß. Die Frau lacht. "Manjita! Sei nicht so aufdringlich." "Oh, lassen Sie nur, ich habe nicht oft das Vergnügen."

"Sie leben allein hier?", fragt Tomaso. "Ja. Ich wollte nur eine Zeitlang hierbleiben, um zu photographieren und dann wieder nach Deutschland zurückzukehren." "Gibt es bei Ihnen nicht ebenso schöne Landschaften?" "Doch, natürlich. Wie soll ich es erklären. Irgendetwas hat mich hierhergelockt." "Das kann ich gut verstehen", sagt Tomaso, "meine Frau hat auch etwas hergelockt, nicht wahr Claudia?" Er lacht. Claudia macht eine hochmütige Geste. "Was soll das gewesen sein? Du etwa?" "Por supuesto! Natürlich ich, haha."

"Diese Aufnahmen habe ich vor zehn Jahren gemacht", meldet sich plötzlich Ruffalo wieder zu Wort. Johann sagt "Sie sehen aus wie neu, sie haben eine ungewönliche Frische." "Mein Vater hatte vor einem Jahr einen schweren Unfall, er kann seitdem nicht mehr arbeiten wie früher." "Das tut mir leid." "Was meinen Sie mit Frische? Was meint er mit Frische?" "Ich weiß nicht genau, Papa. Was bedeutet das?" "Er meint, deine Photographien sind wie lebendig", erklärt Tomaso. Johann nickt dem Alten zu. "Lebendig", murmelt der nach einer Weile.

Sie trinken den Mate, Claudia hat etwas Gebäck gebracht, das kleine Mädchen klettert von Johanns Schoß, nimmt zwei Stück vom Teller und bummelt davon. "Und was haben Sie inzwischen photographiert?", fragt Claudia. "Oh, nichts Großartiges, hauptsächlich Porträtaufnahmen, Auftragsarbeiten. Mein Plan war - nein, er ist es noch, die Berge zu photographieren." "Aha." "Ich weiß, das hört sich ein wenig naiv an bei den gewaltigen Dimensionen. Was könnte ich davon schon festhalten. Aber die Faszination, die sie auf mich ausüben, ist unwiderstehlich."

Es gibt eine kleine Pause, und Johann glaubt, Ruffalo würde ihn schweigend bedauern, deshalb sagt er "Ach ja! Ich hatte sogar einmal das zweifelhafte Vergnügen, ein paar getötete Banditen zu photographieren." "Tatsächlich?" "Ja, aber es hat mir eine Menge Ärger eingebracht." "Papa! Der Senor hat auch die Banditen photographiert." Der Alte horcht auf. "Wen?" "Banditen", sagt Johann. Da sagt Ruffalo beinahe empört "Hatten sie denn keine Namen?" Johann verschluckt sich am Mate.

"Doch, sicher. Es ging alles ziemlich chaotisch zu, dort auf der Estancia Las Plumas, und es war das erste Mal, daß mir so etwas begegnete, da habe ich nicht nach Namen gefragt." "Verständlich", sagt Tomaso und Claudia fügt hinzu "Mein Vater hatte gute Beziehungen zu diesen Leuten." "Claudia! Ich bitte dich. Das klingt ja, als hätte er mit denen zusammengearbeitet." "Nein, geschäftliche Beziehungen." "Ich verstehe." "Er hat sie mehrmals photographiert, das meine ich. Sonst nichts." "Er hat Omar Tapia mit seiner Braut photographiert, wie hätte er das ablehnen können!" "Sie haben Omar Tapia photographiert? Den Anführer?"

Ruffalo wendet den Kopf zu Johann hin und schaut ihn prüfend an, dann sagt er, als habe er sich überwunden "Wollen Sie ihn sehen?" "Wie bitte?" "Die Bilder, wollen Sie sie sehen?" "Sehr gern." "Aber vergessen Sie nie, daß es auf Ihren Wunsch geschah." Johann weiß nicht, wen er meint. Ruffalo erhebt sich mühsam, die Tochter hilft ihm. "Es geht schon. Kommen Sie mit in mein Atelier."

Drinnen ist es ziemlich dunkel, und Johanns Augen müssen sich erst umstellen, dann sieht er, daß Ruffalos Atelier an einer Seite vollgestellt ist mit diversen Kameras, zum Teil mächtige Apparate, darunter eine Estrella G-100, ein Modell mit fünfzehn Zoll Platten, das in Russland gebaut wurde und ein phänomenales Objektiv hat. Johann hatte auf einer Messe in Frankfurt am Main vor etlichen Jahren eine solche Kamera gesehen und damit geliebäugelt, aber sie war sündhaft teuer. "Sie haben eine erstaunliche Ausrüstung." "Ja, im Laufe der Jahre habe ich mir einiges angeschafft. Leider nützt es mir jetzt nichts mehr." "Sie könnten es verkaufen, manches ist ein Vermögen wert." "Das würde ich niemals tun, lieber vergrabe ich es. Kommen Sie hier herüber."

Er führt Johann an ein Fenster und zieht die Jalousie hoch. Dann holt er aus einem Schrank mit flachen Schubkästen eine Mappe und legt sie auf einen kleinen Tisch. Auf der Vorderseite steht geschrieben: "Omar Tapia und Consuela de Saltamontes" "Ist das der Name der Braut?" "Bitte?" "Consuela de Saltamontes, ist das seine Braut?" "Ja."

Er öffnet die Mappe und obenauf liegt ein Photo mit einem mittelgroßen, kräftigen Mann in unmodischer aber sehr ordentlicher Kleidung. Er hat eine schwarze, dichte Haarmähne und man sieht, daß er sich zwingt, ein freundliches Gesicht zu machen, das dadurch eher schmerzvoll wirkt. Er hat die rechte Hand auf die Schulter der Braut gelegt, die auf einem Stuhl sitzt, der von ihrem weißen Kleid verdeckt wird. Ihr Haar ist streng zusammengebunden und mit einer Blüte geschmückt, und in Händen auf ihrem Schoß hält sie ein Blumensträußchen. Und noch ehe er ihr Antlitz erkennt, fühlt Johann, wie ihm das Herz bis zum Hals schlägt und die Sinne zu schwinden drohen. Er taumelt und muss sich festhalten, während Ruffalo, der es nicht zu bemerken scheint, sagt "Etwas unterbelichtet. Diese hier ist besser."

Und wie nicht anders zu erwarten, taucht als fünftes oder sechstes Bild das Porträt des Mädchens auf. Johann nimmt es und starrt lange stumm darauf, der Alte murmelt "Sie ist sehr schön, sehr sehr schön, fast könnte man sagen: lebensgefährlich schön." "Ich kenne diese Frau." "Ach wirklich? Das wundert mich, denn es heißt, Omar Tapia hält sie eingesperrt, niemand hat sie seitdem gesehen, und diese Aufnahmen sind sozusagen das letzte Lebenszeichen von ihr." "Haben Sie Abzüge davon weiterverkauft?" "An wen?" "Eins dieser Photos ist in meinem Atelier aufgetaucht." "Hier in San Gabriel? Einmal ist bei mir eingebrochen worden, da ..." "Nein, zu Hause, in meiner Heimat."

Ruffalo muss unwillkürlich lachen. "Vielleicht etwas ähnliches, ich will nicht ausschließen, daß es auch noch andere Schönheiten gibt außer Consuela de Saltamontes." Johann will sagen, daß es zweifellos ihr Porträt war, das jener Unbekannte ihm seinerzeit zum Kauf angeboten und mit dem alles begonnen hatte, aber er will sich nicht streiten, er sagt "Warum dieser Name? Saltamontes heißt doch Heuschrecke." "Den hat er ihr gegeben." "Er hat seiner Braut so einen unmöglichen Namen verpasst?" "Omar Tapia ist ein sehr sonderbarer Mensch. Er ist sehr grausam, aber wie alle grausamen Menschen ist er auch sehr gläubig, man könnte sagen fromm, allzumal in einem Land wie diesem, in dem sich von Anbeginn immer alle Unternehmungen des göttlichen Beistandes versichert haben, so blutrünstig sie auch gewesen sind. Aber womit ist Grausamkeit und Gläubigkeit immer verbunden?" "Ich weiß nicht." "Mit Ängstlichkeit, nicht Angst, Senor. Angst haben auch Menschen mit einem reinen Gewissen. Aber ängstlich sind nur solche mit einem schlechten Gewissen, sie haben ständig Angst, das zu verlieren, was sie erobert, geraubt, erbeutet haben. Wie könnte das jemals in Gottes Augen rechtmäßig sein? Deshalb verfallen sie auf eine List: sie schätzen ihren Besitz anscheinend gering, ja sie machen sich darüber lustig wie über ein verlorenes Spiel. Er hat sie Heuschrecke genannt, um zu zeigen, wie wenig es ihm bedeutet, sich an eine Frau zu binden. Denn als Anführer seiner Guerrilleros würde er jedes Ansehen verlieren, wenn er einem Weib verfiele." "Und sie muss es sich gefallen lassen." "Was soll sie tun? Weglaufen? Er fängt sie doch wieder ein. Sie ist eine Perhuele, eine Indianerin. Wo sollte sie hingehen, außer zu ihrem Stamm. Aber die Perhueles sind längst nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Ihre Gemeinschaft ist dabei, sich aufzulösen und zu Grunde zu gehen. Und für ein Leben in der Stadt ist eine solche Frau nicht geschaffen."

"Warum vermuten Sie, daß sie überhaupt fliehen will?" "Nach allem, was ich gehört habe, gibt es ein großes Problem für die beiden: Consuela kann keine Kinder bekommen. Jedenfalls ist noch keins da." "Vielleicht weigert sie sich auch." Der Alte lacht wieder, es ist ein abgeklärtes, hoffnungsloses Lachen. "Wenn sie das tut, dann sei die Muttergottes mit ihr. Haben Sie auch nur die leiseste Ahnung, was einer Frau widerfährt, die sich ihrem Mann verweigert? Und wenn der Mann Omar Tapia heißt, dann dürfte es die Hölle für sie sein."

Er nimmt das Photo mit dem Brautpaar zur Hand und lässt das Sonnenlicht, das durchs Fenster hereinfällt, darüberwandern. "Diese Heirat, das ist, als ob sich der Teufel einen Engel zum Weib genommen hat." "Stimmt es, daß die Guerrilleros oben am Monte Oscuro ihr Quartier haben?" "Das sagt man." "Und was meinen Sie?" "Ich denke, die Gegend ist am ehesten für eine Siedlung geeignet, es gibt dort Wasser und einen natürlichen Schutz gegen Eindringliche. Zudem haben sie mit Hilfe von ein paar Bauern aus Bolivien etwas Boden urbar gemacht. Sie halten sich selbst natürlich nicht für Banditen, sondern für "Gerechte der Heimat" wie sie sich nennen. Wir würden sie als Anarchisten bezeichnen, wenn man voraussetzt, daß sie in einem Staat leben, in dem es eine Regierung gibt. Aber für diese Leute gibt es keinen Staat und keine Regierung. Für sie gibt es nur den Grundsatz, daß das Land, auf dem sie leben, ihnen gehört, weil ihre Vorfahren es als erste erobert haben. Natürlich ist das eine völlig veraltete Auffassung von Zivilisation und Gemeinwesen, und es bleibt ihnen längst nichts anderes mehr übrig, als sich durch Gewalt und Verbrechen zu behaupten. Von dem Verfall ihrer Sitten ganz zu schweigen."

Obwohl Johann glaubt, daß es ihm Ruffalo abschlagen wird, fragt er, ob er ihm eins der Photos verkaufen würde. Zu seiner Überraschung sagt er "Bitte sehr, welches möchten Sie haben?" Johann wählt eins aus, dann noch eins und noch eins. Ruffalo öffnet ein anderes Schubfach und nimmt daraus einen festen Umschlag aus Karton, und indem er das tut, spürt Johann genau denselben eigenartigen herben Duft, der damals von dem Karton in seinem Atelier ausging. "Was bekommen Sie dafür?" Ruffalo nennt den Preis.

"Waren Sie eigentlich selbst mal dort?", fragt Johann. "Nein." "Können Sie mir den Weg dahin beschreiben?" "Nein. Senor ..." "Melzer." "Senor Melzer, ich möchte Sie nicht länger aufhalten. Sicher haben Sie noch etwas anderes zu tun, als mit einem alten Photographen zu schwätzen." "Ja, natürlich. Ich danke Ihnen." "Bitte sehr. Leben Sie wohl."

Johann verabschiedet sich von Tomaso und Claudia. Als er durch das Tor auf die Straße tritt, hört er Claudia rufen "Senor, warten Sie!" Sie kommt auf ihn zu und gibt ihm einen zusammengefalteten Bogen Papier. "Mein Vater möchte Ihnen das noch mitgeben." Johann hebt eine Ecke an und sieht, daß es eine Karte ist. Er winkt damit zum Haus hin, wo Ruffalo wieder in seinem Lehnstuhl sitzt und nicht darauf reagiert.

An diesem Abend fasst Johann den geradezu märchenhaften Entschluss, Consuela de Saltamontes aus den Klauen des Banditen Omar Tapia zu befreien. Er nimmt das sorgsam in seinem Schreibtisch aufbewahrte Bild zur Hand, das ihm der Mann in seinem Atelier in Seligenbrunn verkauft hatte und vergleicht es mit Ruffalos Aufnahmen - kein Zweifel: es ist dieselbe Consuela de Saltamontes, die jetzt womöglich unvorstellbare Qualen zu erleiden hat und nur darauf wartet, von ihrem Peiniger erlöst zu werden. Wer anderer als er, Johann Melzer, sollte dies vollbringen! Endlich ergibt alles einen Sinn. Der Fremde, die Bilder, das Fernweh, die Reise, das Ziel - alles lief darauf hinaus, das zu tun, was er jetzt tun muss.

Er holt die Notizen hervor, die er sich bereits zur Vorbereitung seiner Exkursion gemacht hat, und er fühlt sich bestätigt bei dem Eindruck, daß er dabei schon insgeheim geahnt haben muss, wohin es gehen wird. Eine Stunde lang überarbeitet er die Liste, betrachtet ein ums andere Mal die Karten von der Gegend um den Monte Oscuro, und entwirft mehrere Varianten für den besten Weg. Aber dann hält er plötzlich inne, steht auf und geht im Zimmer hin und her.

Die Hauptfrage ist doch: Wie soll er es eigentlich anstellen, sie dort herauszuholen und natürlich unversehrt wegzuführen? Wenn Omar Tapia sie tatsächlich gefangenhält, wird es zunächst schwierig sein, an sie heranzukommen. Es wird schwierig sein, überhaupt in das Nest der Banditen zu gelangen ohne Gefahr zu laufen, selbst erwischt zu werden. Er würde einige Zeit, möglicherweise zwei oder drei Tage brauchen, um alles aus sicherer Entfernung beobachten und sich einen Lageplan machen zu können, um dann in geeigneter Weise zu ihr vordringen zu können. Er braucht ein gutes Pferd für sie, also zwei gute Pferde, und wenn man bedenkt, daß sein Pferd von der Anstrengung bis dorthin geschwächt sein wird, bräuchte man noch ein Ersatzpferd! Andererseits könnte man die Pferde von den Banditen nehmen. Es wäre sowieso unbedingt nötig, die Banditen an einer Verfolgung zu hindern.

Johann bleibt stehen und besinnt sich. Höchstwahrscheinlich wird es nötig sein, Waffengewalt anzuwenden! Mit seiner abgesägten Flinte wird er da nicht viel erreichen können. Er muss sich zumindest noch einen guten Revolver besorgen. Er geht in die Küche und schenkt sich ein großes Glas Whisky ein.

Dann hat er einen genialen Einfall. Warum sollte er sich nicht Zugang verschaffen als der, der er wirklich ist: ein Photograph auf einer Exkursion! Keiner von den Banditen würde an seiner Unternehmung zweifeln und niemand würde Verdacht schöpfen. Er könnte sich in aller Ruhe umsehen und unauffällig alles auskundschaften, bis er die günstige Gelegenheit ergreifen kann. So könnte er auch Consuela behutsam in den Plan einweihen und dafür sorgen, daß sie nicht durch eine Unbedachtsamkeit oder einen Irrtum die Aktion vereitelt.

Selbst wenn die Banditen es ablehnten, photographiert zu werden oder ihm Einblick in ihr Treiben zu gewähren, könnte er sich unter dem Vorwand Zutritt verschaffen, er sei unterwegs vom Wege abgekommen oder verunglückt, habe sich den Fuß verstaucht und bitte darum, sich bei ihnen solange erholen zu dürfen, bis er seine Reise fortsetzen kann. Was bliebe diesen Schurken anderes übrig, als ihm seine Bitte zu gewähren, wenn anders sie befürchten müssten, er könnte heimlich zurückkehren und bei ihnen Schaden anrichten, wenn sie ihn fortschicken. Ein ausgezeichneter Plan!

Einen Revolver muss er sich dennoch besorgen, den er unter seinem Mantel verbergen und mit dem er im Notfall das Theater abbrechen und sich mit Consuela de Saltamontes aus dem Staube machen kann. In der Nacht träumt Johann, wie er als Schuljunge in Lederhose mit den andern Kindern aus der Nachbarschaft Räuber und Gendarm spielt und wie er vor Marianne Deubner damit prahlt, daß er mit seinem Erbsengewehr, das einen Federmechanismus zum Schießen besitzt, dem Wilhelm Kunitz "eine auf den Hintern brennen kann", wenn der mal wieder was Gemeines zu ihr sagt.

Am Morgen fällt ihm der dicke Briefumschlag wieder in die Hände, den er auf dem Postamt abgeholt, aber noch nicht geöffnet hat. Womöglich hatte er bei einem flüchtigen Blick darauf wahrgenommen, daß er von Christiane kommt. Es ist ihre Handschrift, doch der Absender lautet: "Dr. H. Meininger im Auftrag von Frau Christiane Melzer".

Doktor Meininger, Johanns Vermögensverwalter, teilt in dem Schreiben mit, daß die Kriegsanleihe, die er gezeichnet habe, nun "wie vorauszusehen war" wertlos geworden und mithin das Kapital bis auf einen geringfügigen Betrag, der für die Formalitäten "draufgeht", verloren ist.

Es tue ihm leid, Johann keine bessere Nachricht geben zu können und er fordere ihn zugleich auf, die beiliegende unvermeidliche Verfügung zu unterzeichnen und umgehend zurück zu schicken, da sich seine (Johanns) Familie in einer "äußerst unrühmlichen finanziellen Situation" befinde und es wohl in seinem Interesse und auch seine "Pflicht" sei, die bedrückenden Umstände schleunigst zu "entschärfen". Die vorgefertigte Verfügung umfasst immerhin fünf Seiten und ganz schlau wird Johann daraus nicht.

Es scheint, daß er damit Christiane das volle Entscheidungsrecht über sein Vermögen überträgt, wenngleich mit mehreren ausdrücklichen Klauseln, die es ihm jederzeit wieder zurückgeben. Allerdings, soviel kann Johann erkennen, gibt es mindestens eine weitere Klausel, die diese Rückgabe verhindern könnte. Johann, der in Gedanken ganz woanders ist und der in Wahrheit schon lange vorher nicht mehr gewillt war, sich mit diesen verdrießlichen Angelegenheiten herumzuplagen, beschließt, die Verfügung zu unterschreiben. Zumal es an seiner gegenwärtigen Lage nicht das Geringste ändert, ja ihn sogar von einer alten lästigen Verpflichtung befreit.

Die Verfügung muss notariell beglaubigt werden, weshalb er sich auf das Bürgermeisteramt begibt, wo ihm (nach einer Wartezeit von anderthalb Stunden und dreihundert Pesos Bearbeitungsgebühr) ein Beamter per Stempel bestätigt, daß Johann tatsächlich die betreffende Person ist. Er bringt den Brief gleich darauf zur Post. Auf dem Rückweg will er Ruben Cía im Amatista aufsuchen, um mit ihm über einen geeigneten Revolver zu sprechen, aber Ruben ist nicht da.

Zu Hause überrascht ihn abermals jemand, der in der offenen Terrassentür erscheint. (Die Tür an der Vorderseite, die zum Atelier führt, ist ständig verschlossen, seitdem keine Kunden mehr zu Johann kommen.) "Was wollen Sie?", fragt Johann unwirsch. "Erkennen Sie mich nicht, Senor Melzer?" Der Mann steht mit dem Rücken zum Sonnenlicht, das Johann blendet.

"Ich bin es, Horacio Alejandro." "Ah ja, Horacio." "Ich habe Sie seinerzeit von Don Alfredos Estancia zurück in die Stadt gefahren, Sie hatten dort die toten Banditen ..." "Ja, ich erinnere mich." "Darf ich eintreten?" "Ja ja, natürlich. Entschuldigen Sie, es ist im Moment etwas unordentlich hier, ich bin sehr beschäftigt." Horacio setzt sich auf einen Stuhl, er hält seinen Hut mit der Rechten auf dem Knie, er sagt "Sie hatten mich auch darum gebeten, daß ich mich nach dem Jungen erkundige, der ihnen damals am Herzen lag."

Er schweigt, und Johann kommt es so vor, als will Horacio zuerst über die Bezahlung verhandeln, bevor er weiterspricht. "Was verlangen Sie?" "Wie bitte?" "Ich denke, Sie würden nicht herkommen, wenn Sie nicht etwas herausgefunden hätten. Und nun wollen Sie wahrscheinlich für Ihre Mühe entlohnt werden." "Aber Senor Melzer, Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch. Ich dachte, es ginge Ihnen um eine menschliche Angelegenheit, und nun dreht es sich bloß ums Geld?" "Nein, Sie missverstehen mich, Horacio! Ich nahm an, daß ich in Ihrer Schuld stehe." "Wieso denn das? Wenn wir etwas schuldig sind, dann doch nur dem Herrn, oder? Und nur der Herr könnte uns entlohnen."

Johann würde ihm fast ins Gesicht sagen, er sei genauso seltsam, aber er fragt "Also, was können Sie mir über den Jungen berichten?" Horacio zögert. "Sorgen Sie sich denn immer noch um ihn?" "Hören Sie, Horacio! Wenn Sie mir ins Gewissen reden wollen, dann ist heute ein denkbar schlechter Tag dafür, und es wäre besser, wenn Sie wieder gehen." "Er war tatsächlich bei Don Alfredo beschäftigt", beeilt sich Horacio plötzlich, "allerdings nicht auf jener Estancia, sondern auf einer anderen." "Und weiter?" "Aber es gibt keinen Grund zu behaupten, Don Alfredo hätte den Jungen zur Arbeit gezwungen." "Habe ich das behauptet?" "Na ja", sagt Horacio und schwenkt seinen Hut, "es hieß ja, er sollte nach Villa Angela gebracht werden, zu seiner Tante, nicht wahr?" "Jedermann wusste, daß in Villa Angela keiner hereingelassen wird", sagt Johann beinahe versöhnlich.

"Richtig. Und deshalb vermute ich, was heißt: vermuten - ich bin sicher, Don Alfredo hat ihn nur deshalb noch länger hierbehalten, zu seinem eigenen Schutz sozusagen." "Wo ist er jetzt?", fragt Johann, und es klingt nicht gerade so, als wollte er gleich aufbrechen, um ihn abzuholen. "Ähm, er ist nicht mehr bei Don Alfredo, wie Sie vielleicht vermuten." "Sondern?" "Er hat ihn verlassen." "Soll das heißen, er ist abgehauen?" "Oh nein, können Sie sich das denn vorstellen?" "Ich weiß nicht, dazu kenne ich ihn zu wenig." "Ja und ich erst, ich kenne ihn ja eigentlich überhaupt nicht." "Was meinen Sie dann mit: verlassen?" "Daß der Junge freiwillig fortgegangen ist, das hat man mir versichert. Er ist freiwillig mitgegangen, hat man gesagt."

"Wer hat das gesagt?" "Die Leute, die ich gefragt habe." "Wohin ist er gegangen? Und mit wem?" Horacio zögert wieder. "Wie Sie sehen, Senor, gibt es bei uns Leute, die sich um solche unglücklichen Geschöpfe wie diesen Jungen kümmern, Don Alfredo zum Beispiel. Und es gibt andere Leute, die sich auch um solche unglücklichen ..." "Horacio, bitte tun Sie mir den Gefallen und fassen sich etwas kürzer!" "Er hat sich einer Gruppe bestimmter Leute angeschlossen, die in den Bergen leben."

"Was für Leute?" "Die für ihn sorgen." "Sie flunkern mir etwas vor, Horacio. Die Banditen haben ihn mitgenommen, stimmt's!" "Sie tun das meistens nur zum Vorteil dieser Kinder. Sehen Sie, Senor, wie sollte so ein Junge sich aus eigener Kraft ernähren, außer durch Diebstahl. Dadurch gerät er zwangsläufig auf die schiefe Bahn. Diese Leute geben ihm ein Obdach, Kleidung und Essen, das muss man sich immer vor Augen halten." "Ja, aber sie tun es nicht aus Barmherzigkeit. Was verlangen sie dafür? Wissen Sie das auch, Horacio?"

"Nun ja, Kinder sind in manchen Dingen geschickter als Erwachsene, und auch bei diesen Leuten fällt jede Menge Arbeit an; schließlich - der Herrgott hat uns die Arbeit nicht zum Geschenk gemacht, sondern zur Aufgabe. Nur die Juden verabscheuen die Arbeit und versuchen ..." "Ich kenne Ihre Meinung über die Juden." Horacio schweigt beleidigt. Johann überlegt. Dann sagt er "Warum sind Sie nun eigentlich zu mir gekommen, wenn mit dem Jungen alles in Ordnung ist?" "Sie wollten doch, daß ich mich erkundige." "Wo genau befindet er sich denn?" "Das weiß ich nicht."

"Ist es die Bande von Omar Tapia?" "Möglich." "Würden Sie es mir sagen, wenn es so ist?" Horacio windet sich. "Wissen Sie, Senor, wenn man irgendetwas über diesen Omar Tapia verbreitet, sollte man sich vorsehen, daß man ihm nicht Unrecht tut. Man könnte es schnell bereuen." Johann reibt sich die Schläfen. Die Sache mit dem Jungen hält ihn jetzt bloß unnötig auf. Am liebsten würde er Horacio fortschicken und ihn vergessen. Aber ein hartnäckiger Funken Moral zwingt ihn, vor dem anderen Anstand zu wahren.

Und dann bemerkt er, wie Horacio ihm sogar noch nützlich sein kann. "Nehmen wir mal an, es handelt sich um Omar Tapia und seine Bande. Dann wäre er doch am ehesten am Monte Oscuro zu suchen, oder?" "Wer? Der Junge?" "Stimmt es, daß man am besten von der Station Punto del Agua dorthin gelangt?" "Wollen Sie etwa ganz allein dorthin?", fragt Horacio, und Johann sagt halb ironisch "Ich dachte, Sie begleiten mich." Horacio bekreuzigt sich schnell. "Gott bewahre mich vor einer solchen Torheit! Und Sie auch, Senor Melzer. Wissen Sie, was Omar Tapia mit einem Verräter macht? Er fesselt ihn auf einen Stuhl und schneidet ihm vor versammelter Mannschaft die Kehle durch."

"Ach ja? Aber den Jungen finden Sie dort gut aufgehoben?" "Das ist etwas anderes, ihm wird nichts passieren, solange er gehorcht; so ein Junge kommt nicht auf dumme Gedanken." "Können Sie mir drei gute Pferde besorgen?" "Ich bin kein Pferdehändler. Wieso gleich drei?" "Darüber sollten Sie sich nicht den Kopf zerbrechen. Also können Sie?" "Nun ja, ich kenne da jemand. Was für Pferde sollen das sein?" "Mit denen man bis zum Monte Oscuro kommt."

Horacio schüttelt den Kopf. "Herr im Himmel! Ich sollte Sie darin nicht unterstützen! Das wird uns beiden das Genick brechen." "Niemand außer uns wird je von Ihrer Gefälligkeit erfahren. Ich möchte nur nicht übers Ohr gehauen werden. Auf wen anderes als auf Sie sollte ich mich da verlassen?" "Sie meinen, ich soll die Pferde für Sie kaufen?" "Wenigstens für mich aussuchen, ist das zuviel verlangt?" "Senor Melzer, ich habe schon eine Menge für Sie getan." "Ich würde mich erkenntlich zeigen." Horacio braust auf. "Warum denken Sie immer, ich würde alles nur wegen der Bezahlung tun?" "Nein, ich weiß natürlich, daß Sie es als Christenpflicht verstehen, anderen zu helfen."

Es klingt nicht sehr einfühlsam, aber offenbar genügt es Horacio. Er verspricht Johann, sich wegen der Pferde umzusehen. Es müsse rasch geschehen, sagt Johann, noch in dieser Woche. "Ja, ja", brummt Horacio unwillig und will jetzt nur raus hier, kaum daß er sich richtig verabschiedet. Aber er hält Wort, und zwei Tage später ist er an Johanns Seite, als dieser bei einem Händler zwei Pferde und ein Maultier kauft; und für ein paar Pesos mehr kann er sie dort stehenlassen, bis er sie braucht.

Nun muss er sich nur noch einen Revolver beschaffen. Könnte ihm Ruben Cía dabei behilflich sein? Aber der ist in seiner Resignation versunken, denkt Johann, und wenn er es ihm wohl auch nicht abschlagen würde, so müsste Johann einen Vortrag über die Vergeblichkeit aller Gegenwehr über sich ergehen lassen. Außerdem ist Ruben kein Mann, der wirklich eine Vorstellung davon hätte, warum sich Johann wegen einer Frau in Todesgefahr begibt. Harry Gordon, der würde das verstehen, denkt Johann und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Aber wenn er zu ihm ginge, müsste er wahrscheinlich eher einen Revolver mitnehmen.

Da kommt ihm eine Idee. Er geht in die Stadt, sucht sich einen Boten und schickt ihn mit einer Nachricht in die Garnison des Siebenten Kavallerieregiments. Am übernächsten Tag erscheint bei ihm tatsächlich Emilio, zu Pferde, von einem feschen Adjutanten begleitet. Die beiden jungen Männer sehen aus, als gehörten sie zur Leibgarde von San Martin persönlich.

"Leutnant Aldave, es freut mich sehr, daß Sie meiner Bitte gefolgt sind", sagt Johann und drückt den beiden herzlich die Hände. "Ich bin Ihnen stets in alter Freundschaft verbunden, Juan, auch wenn es diesmal beinahe nicht geklappt hätte, wir treffen gerade die Vorbereitungen für eine große Operation." "Ach wirklich. Natürlich dürfen Sie mir nichts Näheres darüber verraten." Emilio lächelt höflich.

Sie nehmen auf der Terrasse Platz, Johann bewirtet sie mit Kaffee. "Klettern Sie immer noch auf das Kühlhaus?", fragt Emilio und deutet hinüber zu Montanaris Grundstück. "Oh nein, da war ich lange nicht oben." "Sie wohnen wirklich recht hübsch hier", sagt der andere Offizier, der sich als Leutnant Gomez vorgestellt hatte. "Ja, ich bin zufrieden, auch wenn ich mir manchmal etwas mehr Gesellschaft wünschte."

"Hatten Sie sich denn nicht mit den Engländern aus Clearwater House angefreundet?", fragt Emilio und Johann stutzt. "Sie meinen, mit Robert Eastham?" "Ja, und mit diesem Harry ... wie heißt er noch gleich?" "Harry Gordon?" "Ja richtig", sagt Emilio, und Johann bemerkt, daß er den Namen wusste. "Wir haben uns schon länger nicht mehr gesehen." Emilio sagt halb im Scherz "Sie halten nicht mehr Ausschau auf dem Dach, Sie treffen sich nicht mehr mit den Engländern, Sie haben sogar Ihr Atelier geschlossen! Was zum Teufel treiben Sie, Juan?"

"Das täuscht, Leutnant Aldave. Ich unternehme einiges, nur sind es mehr persönliche Angelegenheiten." Emilio lacht herzhaft, und auch Leutnant Gomez lacht und meint "Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber das klingt nach Frauengeschichten." Johann lacht mit und macht eine unbestimmte Geste. "Ich will gar nicht bestreiten, daß man es so nennen könnte." "Haben Sie mich deshalb herbestellt?"

"Nicht doch, nein." "Sie sagten etwas von einem Rat, den ich Ihnen geben könnte." "Ja, es ist ... ich habe mir vor einiger Zeit ein Gewehr angeschafft und damit trainiert." "Wozu? Wollen Sie auf die Jagd gehen?" "Vielleicht ja. Ich bin aber nicht zufrieden damit. Und daher wollte ich Ihren militärischen Rat sozusagen, ich möchte mir lieber einen Revolver zulegen." Leutnant Gomez zieht die Brauen in Falten. "Für die Jagd?" "Und auch zur Sicherheit. Diese Wohngegend ist zwar sehr schön, aber auch ziemlich weitläufig, es treibt sich oft Gesindel hier herum."

"Hm", macht Emilio, "ich bin kein Waffenexperte und Leutnant Gomez ..." "Ich dachte, es gibt manchmal einzelne ausrangierte Stücke aus Ihrem Arsenal." "Nein", sagt Emilio etwas verwundert. "Es muss keine neue Waffe sein", beharrt Johann, "nur gerade keine Taschenpistole, ein etwas größeres Kaliber meine ich." Emilio schaut ihn prüfend aus den Augenwinkeln an. "Juan, wofür brauchen Sie die Waffe wirklich?" Johann antwortet nicht gleich, dann sagt er "Also gut, ich will euch die Wahrheit sagen ..."

Da tritt plötzlich ein Mann in gebückter Haltung, mit der Mütze in Händen, hinter der Hausecke hervor. Die beiden Offiziere mustern ihn, und Johann dreht sich um. "Pepe, Gottverdammt! Habe ich dir nicht eingehämmert, du sollst dich hier nie wieder blicken lassen!" Pepe krümmt sich noch ein Stück mehr und stammelt "Ich komme auch gar nicht zu Ihnen, Senor, denn wir sind ja praktisch gar nicht miteinander bekannt." "Dann verschwinde gefälligst." "Das würde ich viel lieber tun, aber ich habe den Auftrag, den Herren Offizieren eine wichtige Meldung zu machen." Und wie er das ausgesprochen hat, richtet er sich auf und steht stramm wie ein Soldat, die Hände an den Seiten und den Blick starr geradeaus gerichtet.

"Was ist los?", fragt Emilio, und Pepe plärrt: "Melde gehorsamst, Don Alfredo Estevez Gonzales schickt mich, ich soll den Herren Offizieren sagen, sie sollen bitteschön zu ihm kommen und weil bei ihm ist auch der Hauptmann Ku ... Ku ..." "Hauptmann Cutico?" "Jawohl." "In Ordnung. Steh' bequem." "Ich stehe bequem", ruft Pepe und rührt sich kein bisschen. "Tut mir leid, Juan, die Pflicht ruft. Ich dachte, die Jungs würden mal für eine Stunde ohne mich auskommen." "Kann man nichts machen", erwidert Johann. Sie verabschieden sich. "Danke, wir finden allein hinaus."

Pepe marschiert hinter ihnen her. Draußen fragt ihn Emilio "Du kennst Senor Melzer?" "Ja, von früher." "Sag mal, steckt er in irgendwelchen Schwierigkeiten?" Pepe entgegnet im Brustton der Überzeugung. "Der Senor ist ein ganz feiner Mensch, Herr Leutnant." "Obwohl er dich davonjagt." "Das ist alles meine Schuld." "So so." "Kannst du mir erklären, wofür der Senor einen Revolver braucht?" "Der Senor würde niemals etwas Böses tun."

"Hm." Die beiden steigen auf ihre Pferde. "Bin ich jetzt entlassen, Herr Leutnant?" "Ja", sagt Emilio und fügt hinzu "Hab' ein Auge auf den Senor." "Was soll ich haben?" "Pass' ein bisschen auf ihn auf, aber ohne daß er es merkt, verstanden?" "Jawohl, niemand wird es merken."

Johann vermutet, daß Emilio über seine Beziehung zu Harry Gordon Bescheid weiß, aber offenbar glaubt, die beiden verstünden sich gut. Vielleicht denkt er sogar, sie würden zusammenarbeiten, was sich zweifellos auch auf die Aktivitäten in der Wolfram Mine bezieht. Harrys geschäftliche Angelegenheiten gehen Emilio nichts an. Das gilt jedoch nur, solange diese Angelegenheiten sauber sind, und das sind sie keineswegs.

Was, wenn sich Emilio für Harry interessiert wegen dessen krummen Geschäften, die gegen die Gesetze des Landes verstoßen? Was, wenn Leutnant Aldave's Truppe den Auftrag hat, diese ganze Kanaille, die beim Abbau und der Verschiebung des Wolframs mitmischt, unter Kontrolle zu bringen? Hat er nicht selbst angedeutet, daß er eine Sondereinheit befehligt, die allein der Regierung unterstellt ist und nicht dem Hauptmann Cutico. Und hatte er nicht letztens von einem Einsatz gegen die Banditen gesprochen? Was war daraus geworden?

Womöglich will er jetzt gegen die Banditen vorgehen, wenn es stimmt, daß sie in den Erzabbau oder zumindest in den Transport verwickelt sind. So ein Erztransport muss bewacht werden, hatte Ruben Cía Johann erklärt, zumal wenn er verschlungene Wege nimmt. Und hatte damit gemeint, daß es nicht ganz leicht zu organisieren sei, das Wolfram außer Landes zu bringen wie gewöhnliche Schmugglerware.

Sollte Johann Emilio direkt daraufhin ansprechen? Sollte er ihm sagen, was er vorhat und daß er ihm durchaus eine Hilfe sein könnte, denn ein Mann allein kann sich den Banditen leichter nähern als eine ganze militärische Truppe. Er könnte ihnen sozusagen den Weg bahnen ins Lager des Feindes. Warum wollte ihm Emilio keine Waffe aus dem Armeebestand geben? Doch nur, weil er über seine, Johanns, Pläne ungenau informiert ist (und womöglich auch wegen der Anwesenheit dieses Leutnants Gomez).

Er geht zur Bank, um das Geld, das er für seine Unternehmung braucht, von seinem Konto abzuheben. Er denkt für einen Moment daran, das Konto ganz aufzulösen. Der Bankbeamte fragt Johann diskret, was er vorhabe. Johann spricht von einer photographischen Expedition. Der Bankbeamte macht eine bedenkliche Miene. "Eine nicht ganz ungefährliche Sache" sagt er. "Ich habe einen guten Schutzengel", erwidert Johann allen Ernstes. Die Miene des anderen verzieht sich noch mehr.

"Das ist gut", sagt er, "aber Sie sollten sich dennoch absichern, falls Ihnen etwas zustößt. Sie könnten bei uns einen bestimmten Betrag dafür hinterlegen." "Aber ich habe doch schon mein Konto bei Ihnen." "Das Konto verwaltet Ihr Bargeld Vermögen, Senor Melzer. Mit diesem Extrabetrag würden wir uns verpflichten, alles Nötige zu Ihrer Rettung zu unternehmen. Oder haben Sie hier jemanden, der ihnen helfen würde?", fragt er in einem Ton, als wüsste er, das Johann hoffnungslos verloren ist.

"Also eine Art Lebensversicherung." "Die Sie jederzeit zurückkaufen können, wenn Sie wieder hier sind." Johann lässt sich kurz die Einzelheiten erläutern und stimmt dann zu. Von dem übrigen Geld kauft er fünf Goldmünzen, den Rest nimmt er in Scheinen mit. "Nähen Sie das Gold am besten in Ihre Kleidung ein", rät ihm der Bankbeamte, "und lassen Sie es nie aus den Augen."

Draußen auf der Straße trifft er den Chefredakteur der hiesigen Zeitung, für die Johann seinerzeit Photos gemacht hat. "Juan! Wie gut, daß wir uns begegnen. Ich vermisse Sie und Ihre Photos, machen Sie denn gar nichts mehr?" "Wie wär's mit einer Photoreportage über die Banditen am Monte Oscuro?", sagt Johann kurzerhand. "Ach, da sind Sie immer noch dran? Also etwas über die Rojas Brüder?" "Und über Omar Tapia ... und seine Räuberbraut", fügt er hinzu und ist für einen Augenblick erschrocken, daß er diesen Ausdruck für Consuela de Saltamontes gebraucht hat.

Die Augen des Chefredakteurs funkeln. "Das hört sich gut an. Wie wär's, wenn Sie morgen in mein Büro kommen und wir sprechen darüber." Johann sagt zu. Bis in die späten Abendstunden hinein ist Johann damit beschäftigt, seine Ausrüstung zusammenzupacken. Er macht sich sogar Zeichnungen, wie das Gepäck auf die Pferde verteilt werden soll. Dann schreibt er die Liste mit dem Proviant ins Reine, um damit m nächsten Tag einzukaufen. Er fällt todmüde aber zufrieden ins Bett und schläft durch bis zum Morgen.

Es stellt sich heraus, daß der Chefredakteur, infolge der Recherchen aus der Hauptstadt, selbst einige brisante Informationen über die Wolfram Mine und den Verbleib des Erzes gesammelt hat, wobei offensichtlich eine Verbindung zu den Banditen besteht. Aber es ergebe insgesamt nur ein diffuses Bild, meint er. Andererseits will er seine Leser nicht mit undurchsichtigen oder auch nur komplizierten Zusammenhängen langweilen. "Sie kennen das, Juan, es muss immer erst was Spektakuläres passieren, am besten, es fließt Blut dabei."

Johann erwähnt die "geheime" Operation von Leutnant Aldave und seiner Truppe, und der Chefredakteur sagt, er wisse, daß Leutnant Aldave "von ganz oben" freie Hand hat, um dem Unwesen in dieser Provinz ein Ende zu machen, und daß Aldave hier natürlich deswegen eine Menge Feinde hat, "nicht nur unter den Banditen."

Johann bringt abermals die Beziehung von Omar Tapia zu Consuela de Saltamontes ins Spiel und deutet einiges an, was ihm Ruffalo berichtet hat. Der Chefredakteur sagt "Das wäre natürlich eine ganz ausgezeichnete Geschichte, die mir die Leser unter den Fingern wegreißen würden, da bin ich mir sicher." Er gewährt Johann einen Vorschuss auf seine Reportage, die er in spätestens zwei Wochen(!) liefern werde.

Von dem Geld kauft sich Johann einen Revolver in dem Waffengeschäft, woher er auch seine Flinte hat. Es ist ein französischer Militärrevolver mit einer sechs Patronen Trommel. Er hat deutliche Gebrauchsspuren, und Johann hat Bedenken, ob er einwandfrei funktioniert, aber er hat keine Zeit mehr, das zu überprüfen. Schließlich kann er den Preis herunterhandeln. Ein Vorteil ist, daß er mit seiner geringen Größe in die Manteltasche passt.

Er geht zu dem Pferdehändler, es ist nur ein Stallknecht da, der aber einen ganz patenten Eindruck macht. Johann erkundigt sich nach zwei Sätteln, und der Knecht macht ihm sofort ein Angebot, das Johann günstig erscheint. Der Knecht heißt Sanchez und sagt "Die Sättel sind nicht hier, aber ich kann sie direkt zu Ihnen bringen, Senor." Johann ist einverstanden. "Dann bring' die Pferde und das Maultier gleich mit." "Geht klar."

Er kommt eine Stunde später als vereinbart und hat alles dabei. Die Sättel sind nicht neu, aber von vorzüglicher Qualität. "Woher stammen die?" "Ist doch egal", erwidert Sanchez, dann sagt er "Nehme an, das Maultier soll beladen werden." "Ja, und das zweite Pferd auch." "Da nehmen Sie am besten den Braunen, mit dem Sattel wird es ohnehin schwierig." "Ich habe eine Zeichnung gemacht, wie ich alles verteilen will." Er holt die Blätter und gibt sie Sanchez. Der schaut sich alles an, dann sagt er "Was sind Sie, Senor? Ein Lehrer?"

Er meint, so wäre das für die Pferde eine Zumutung, und außerdem käme Johann allein damit nicht zurecht. "Sie sind doch allein, oder?" "Ja." "Wenn Sie wollen, packe ich das Zeug auf, kostet Sie zwanzig Pesos." Johann sagt "Das wäre gut. Es ist alles schon fertig, ich bringe es raus." Er hat sich Riemen, Seil und Segeltuch besorgt sowie zwei wasserdichte Säcke und zwei leichte, aber feste Kisten. "Wo soll's denn hingehen?", fragt Sanchez, während er sich zu schaffen macht.

"Zum Monte Oscuro." Der andere pfeift durch die Zähne. "Doch nicht etwa zu den Guerrilleros." "Woher weißt du, daß die da oben sind?", fragt Johann überrascht. "Ein Freund von mir ist da", erklärt Sanchez freimütig. "Tatsächlich? Was macht er?" "Er hatte in San Gabriel eine Restauration, unten in Rama Caida. Er ist Italiener. Aber das Essen war ungenießbar und den Wein hat er gepanscht. Ansonsten ist er ein famoser Kerl. Dann war er pleite, hat sich eine Weile rumgetrieben und ist schließlich zu den Guerrilleros gegangen, dort kocht er für die Truppe. Sind anscheinend nicht grade verwöhnt, haben ihn jedenfalls noch nicht abgemurkst." Sanchez lacht.

Johann fragt "Wie heißt er?" "Sergio." Nach einer Weile fragt Sanchez "Und Sie Senor, was wollen Sie da oben bei den Leuten." "Photographieren." "Ah so, deshalb die Sachen hier. Was gibt es denn da so Interessantes zu photographieren?" Auf einmal wird Johann misstrauisch. Versucht Sanchez ihn auszufragen? Wieso hat er Johanns Antworten so gelassen aufgenommen? Ist die Geschichte von diesem Koch vielleicht nur erfunden? Überhaupt redet dieser Bursche gar nicht wie ein gewöhnlicher Stallknecht. Johann versucht, ihn auf die Probe zu stellen.

"Da fällt mir ein: ich hatte eine Zeichnung mit der Wegbeschreibung zum Lago Corazon, aber ich finde das verdammte Ding nicht mehr. Ich habe eine Karte. Vielleicht kannst du mir zeigen, wie ich am besten dorthin komme." Sanchez schweigt und hantiert. Dann sagt er "Sie meinen den Lago Fontana." "Ja, richtig, wie komme ich auf Lago Corazon." "Ich bin nicht besonders gut im Kartenlesen", behauptet Sanchez. Johann entgegnet "Aber was diese Gegend betrifft, bestimmt besser als ich." "Schon möglich." Als er fertig ist, bittet ihn Johann herein.

Sanchez sieht sich drinnen um. "Wie lange wollen Sie denn fortbleiben?" "Kann ich nicht genau sagen." "Kümmert sich solange jemand um das Haus?" "Ja." Sie gehen in Johanns Arbeitszimmer, er breitet Ruffalos Karte auf dem Tisch aus. Sanchez schaut lange darauf, dann sagt er "Haben Sie einen Stift?" Johann gibt ihm einen Tintenstift. "Nein, der ist nicht gut, der Strich verläuft, wenn die Karte nass wird." "Woher weiß das ein Stallknecht?", fährt es Johann heraus. Sanchez schaut ihn verdutzt an. "Das weiß jedes Kind."

Mit einem Bleistift zeichnet er eine Linie auf die Karte, die sich den Rio Chico entlang und dann in ziemlich abwegigen Windungen bis zum Lago Fontana schlängelt. Johann findet die Route sehr beliebig. Er gibt Sanchez dennoch zehn Pesos mehr, der bedankt sich. Johann fragt "Soll ich diesen Sergio von dir grüßen, wenn ich ihn sehe." "Was? Nein, nicht nötig", antwortet Sanchez und lacht.

* * * * *

An einem Dienstagmorgen begibt sich Johann auf seine Exkursion. Am Ende eines langen Tages ist er beim Vorgebirge angekommen. Er reitet am Flussufer aufwärts, bis es immer steiler und der Canon immer enger wird. Er schaut auf seine Taschenuhr, es fängt an zu dämmern. Er findet ein lauschiges Plätzchen und bereitet sich ein Nachtlager. Das Feuer brennt lange, die Reste glimmen bis zum Morgen.

Am zweiten Tag kommt er zügig voran. Die Pferde sind gut und auch das Maultier hält kräftig mit. Das Ab- und Aufladen macht Johann jedesmal Mühe und kostet ihn viel Zeit, er kommt dabei tüchtig ins Schwitzen. Er bewundert die Natur, selbst die blanken Felsen haben erstaunliche Formen, und das Sonnenlicht zeichnet schöne Schatten darauf. Er sieht jede Menge Eidechsen vorüberhuschen, dann und wann lässt er seinen Blick durchs Fernrohr über die Landschaft gleiten, zwei dreimal entdeckt er ein größeres Tier, aber er kann nicht genau erkennen, was es ist. Er überlegt, ob er ein Photo machen soll, aber es würde ihn zu lange aufhalten. Jedesmal, wenn er auf das zweite Pferd schaut, sieht er im Geiste Consulea darauf sitzen, sie winkt ihm zu und lächelt. Er schließt sie immer fester in sein Herz.

Abends sucht er sich wieder eine geschützte Stelle, er macht eine Konservendose mit gebackenen Bohnen auf, und eine mit Corned Beef, und erwärmt alles in der Pfanne über dem Feuer. In der Dunkelheit hört er ein Geräusch, dann glaubt er, im Feuerschein die Augen einer Raubkatze aufblitzen zu sehen, er greift nach seinem Revolver und schießt in die Nacht. Die Pferde fahren hoch, das Maultier macht einen Satz zur Seite, der Schuss hallt weithin wider und Johann staunt, welche geballte Ladung in dieser scheinbar harmlosen Waffe steckt.

Am nächsten Tag schlägt das Wetter um, und gegen Abend fängt es an zu regnen. Als er an einem Felsüberhang vorbei kommt, beschließt er, hier die Nacht zu verbringen. Seine Sachen trocknen am Feuer, aber vom Felsen tropft es unablässig herab und die Feuchte kriecht überall hin. Frühmorgens wabert der Nebel an den Berghängen entlang. Die Karte hilft ihm nur wenig und irgendwann überlässt er sich einem Instinkt, den er zu spüren glaubt und der ihm anscheinend den Weg weist.

Am oberen Eingang eines Tals taucht im Nebel schemenhaft ein Gebäude auf, wie auf einer Theaterkulisse mit blassen Farben gemalt. Sollte es eine Behausung der Banditen sein? Oder zur Mine gehören? Alles scheint verschlossen. Doch da bemerkt er die dünne Rauchfahne, die vom Dach aufsteigt. Er traut seinen Augen kaum, als er auf einem Holzbrett die tief eingeritzten Worte liest: "Museo del mundo pasado".

Johann steigt ab und klopft an die Tür. Fast im selben Moment öffnet ein kleiner, älterer Herr, der in keinster Weise überrascht ist von dem Besuch. "Immer hereinspaziert", sagt er mit munterer Stimme, "einen Augenblick bitte, ich bin gleich für Sie da." Er verschwindet kurz und kommt in einen Kittel gekleidet wieder, auf dem an der linken Brust ein Anstecker haftet, auf dem steht: "Guía de museo". Er sagt "Mein Name ist Arturo", und Johann stellt sich ebenfalls vor.

Ohne weiter zu fragen, beginnt Arturo mit der Führung. Das ganze Haus scheint bis unter's Dach vollgestopft mit allen nur erdenklichen Naturalien und Artefakten, die im Laufe eines langen Forscher- und Sammlerlebens zusammengetragen sein mochten. Offenbar hat Arturo seit seiner frühesten Jugend damit begonnen, sein Museum der vergangenen Welt einzurichten, und nach einer Weile meint Johann für sich, daß es wohl ebensogut Museum der verlorenen Welt heißen könnte, denn all' das - hauptsächlich aber Arturo's einfühlsame Kommentare zu den einzelnen Objekten - ist erfüllt von der Wehmut über die Unwiederbringlichkeit großer und glanzvoller Zeiten der Naturgeschichte und der menschlichen Kultur. Umso stolzer präsentiert er seine Exponate.

Da lehnen auf einem Bord prächtige, versteinerte Ammoniten, sie sind tadellos erhalten und haben schwungvolle Muster auf ihren Spiralen. Johann hat schon als Kind im Heimatmuseum von Seligenbrunn Ammoniten bestaunt, aber gegen diese hier waren jene geradezu kümmerlich. Unten am Boden stehen welche, die fast so groß wie Wagenräder sind. Arturo erklärt, sie stammten aus einer Grube gar nicht weit von hier, das Gestein sei "allochthonen Ursprungs". Vor vielen Millionen Jahren sei die Erde von einer einzigen zusammenhängenden Landmasse bedeckt gewesen, die im Laufe der Zeit zerbrochen sei und die einzelnen Kontinente wären auseinandergedriftet und an andere Orte verlagert worden.

"Das ist auch der Grund für das Phänomen der Zugvögel", behauptet Arturo, "ganz früher lagen ihre Brut- und ihre Futterplätze nahe beieinander, sie mussten keine weiten Strecken zurücklegen, sie waren abends immer wieder zuhause. Allmählich jedoch wurde die Distanz immer größer, ihre Aufenthaltsorte bewegten sich voneinander weg, schließlich war es unmöglich, tagtäglich hin- und her zu fliegen. Erst handelte es sich um Stunden, dann um Wochen, Monate, die die Vögel für eine Strecke benötigten, und mittlerweile müssen sie viele tausend Meilen unterwegs sein, um zu ihren angestammten Plätzen zurückzukehren." "Eine interessante Theorie", bemerkt Johann, aber er denkt: 'Ein komischer Kauz'.

Da ist eine Serie von vorzeitlichen Knochenfischen, teils von groteskem Aussehen. Sie sind äußerst fachmännisch präpariert und auf Holztafeln befestigt. Wenn er sich nicht überzeugt hätte, daß sie "echt" sind, würde er annehmen, ein geschickter Phantast hätte sie modelliert; vor allem ihre Augen - oder bessergesagt: ihr eines Auge starrt ihn mit einem Ausdruck an, der zu sagen scheint: 'Wage es bloß, mich zu berühren, und ich springe dir ins Gesicht!'. "Ganz das Gegenteil von dem, was ich gerade schilderte", sagt Arturo, "diese Exemplare stammen aus dem Lago Fontana, die Arten sind niemals da herausgekommen, sie haben sich in totaler Isolation entwickelt, daher ihre urtümlich anmutende Gestalt."

Aber Arturo hat nicht nur haufenweise Fossilien und Kuriositäten der Natur, sondern auch Zeugnisse menschlicher Kunst und Kultur. Wundervolle gewebte Decken, Tongefäße und verzierte Keramik, Halsketten mit Edelsteinen und Goldschmuck, der magisch glänzt. Johann ist gleichfalls fasziniert von einer Kollektion indianischer Pfeilspitzen aus Feuerstein, die mit unglaublicher Präzision und Feinheit gearbeitet sind, eigentlich viel zu schade, um sie in die Luft zu verschießen, "aber man konnte sie ja wiederverwenden", sagt Arturo.

"Warum betreiben Sie ihr Museum nicht in der Stadt, sondern fernab von jeder Öffentlichkeit?", fragt Johann. "Was heißt denn betreiben? Ich betreibe hier nichts, ich bewahre es auf. Und wenn die große Flut kommt, dann sitze ich hier oben buchstäblich auf dem Trockenen, das wäre mein Vorteil." "Was für eine Flut?" "Die nächste Sintflut natürlich." "Ach, das war noch nicht die letzte?", meint Johann und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, aber Arturo schüttelt sachte den Kopf.

Da fällt Johann ein: "Man sagt, oben am Lago Fontana haben die Banditen ihr Lager." "Ja, und", entgegnet Arturo und bestätigt es damit indirekt. "Haben Sie nicht Angst, daß man Sie überfallen und ausrauben könnte, immerhin besitzen Sie einige Sachen von Wert." "Ich besitze noch etwas: die Wirkung eines alten indianischen Zaubers, der mich vor dergleichen Angriffen schützt." "Ach so", staunt Johann, "ich nehme an, mehr wollen Sie darüber nicht verraten." "Da haben Sie recht."

'Warum will er eigentlich gar nicht wissen, weshalb ich hier bin?', denkt Johann und stößt aus Versehen an einen ausgestopften Cóndor, der seine Schwingen ausbreitet und ihm mit einem feurigen Blick droht. "Ich habe auf dem Weg hierher solche Cóndore über mir am Himmel kreisen sehen, es ist ein erhabener Anblick." Arturo sagt "Ja, sie heißen nicht umsonst die Könige der Lüfte. Aber Sie sollten sich vorsehen: es heißt, wenn der Schatten eines Cóndors über einen hinweg streicht, dann ist man des Todes." Johann sieht ihn groß an.

"Ist das auch so ein Zauber?" "Senor! Hier oben ist alles von Zauber und geheimnisvollen Mächten erfüllt, das meiste davon können wir nicht einmal wahrnehmen, und doch trifft es unausweichlich jeden, den es treffen soll." "Das klingt, als wäre es stets ein Unheil. Gibt es denn nicht auch ein günstiges Geschick?" "Ja, vielleicht. Aber wer würde sich mit dieser Hoffnung ausgerechnet hierher begeben, um es darauf anzulegen?"

Johann will entgegnen, daß er selbst mit seinem Museum sich bis hierher vorgewagt hat und doch sicherlich glaubt, seine Unternehmung stünde unter einem guten Zeichen. Aber da sagt Arturo "Und Sie wollen wirklich da hinauf, zu den Banditen?" "Ja, ich muss", gibt Johann entschlossen zurück. "Warum? Etwa wegen ihr?" "Wegen ihr? Wen meinen Sie?" "Wen soll ich anders meinen, als Consuela!" "Woher können Sie das wissen?", ruft Johann fast erschrocken. "Ha!", macht Arturo, "glauben Sie vielleicht, Sie wären der Erste, der sich um sie verzehrt?" Johann kann sich das nicht erklären. Hat womöglich Arturo selbst schon versucht, sie von dort wegzuholen? Oder ist er jetzt dabei, ihn daran zu hindern? Steckt er in Wahrheit mit den Banditen unter einer Decke? Aber er unternimmt ja nichts, um ihn aufzuhalten, und als Johann ihn nach dem weiteren Weg fragt, gibt er bereitwillig Auskunft.

Johann breitet auf dem Tisch seine Karte aus, er fragt Arturo "Diese Mine hier, ist die korrekt eingezeichnet?" "Das ist ... ja, das muss die alte Mine am Takoweha Felsen sein." "Wird da Erz abgebaut?" "Nein, da ist alles verfallen, der Eingang ist verschüttet." "Ich denke, die Mine wurde wieder in Betrieb genommen?" "Nein. Ganz sicher nicht. Ich war erst kürzlich dort." "Meine Informationen lauten aber anders." "Ja, schon möglich", sagt Arturo und fügt hinzu "vielleicht meinen Sie die Mine am Rio Chico." "Aber das ist doch der Rio Chico!" "Nein, Senor, der Rio Chico fließt weiter westlich ... schauen Sie ... das hier ist der Rio Chico." "Und hier liegt Guandacol", ergänzt Johann nachdenklich, das ergibt keinen Sinn. Da meint Arturo "Es gibt weiter oben einen alten Pass, da kommt man relativ schnell hinüber in das Tal des Rio Chico, die Banditen nehmen oft diesen Weg, sonst kennt den keiner, außer natürlich die Indianer."

Arturo bietet ihm an, über Nacht zu bleiben, aber Johann lehnt dankend ab. Das Wetter hat sich gebessert, die Pferde und das Maultier haben sich erholt, und Arturo schenkt ihm eine Büchse gebackene Bohnen und etwas Trockenfleisch. Er wünscht ihm "Viel Glück!" und winkt ihm nach, Johann erwidert die Geste nur halb, in Gedanken ist er längst wieder bei Consuela.

Als er auf einem schmalen Pfad entlang reitet, hält er an und betrachtet die Landschaft. Er hebt seinen Blick zum Himmel und sieht dort zwei Cóndore ihre Kreise ziehen. Er denkt an die Worte Arturo's und überlegt, ob man es überhaupt bemerken würde, wenn der Schatten eines solchen Vogels über einen hinweg streicht, und er bezweifelt es sehr.

Da liegt plötzlich vor ihm auf der Erde eine Klapperschlange, sie streckt ihr Haupt in die Höhe und im aufgesperrten Rachen kann man die tödlichen Zähne wie Dornen sehen, sie rasselt angriffslustig mit dem Schwanz. Johanns Pferd scheut und bäumt sich auf, offenbar ist es nie zuvor einer Schlange begegnet. Johann kann sich nicht schnell genug festhalten und wird aus dem Sattel geworfen. Er stürzt seitwärts hinab und kullert den steilen Abhang hinunter, über eine Felsennase hinweg, und schlägt etliche Meter tiefer auf dem harten Boden auf. Er spürt einen heftigen Schmerz im linken Bein und einen noch schlimmeren an den Rippen, er ist sicher, daß etwas gebrochen ist.

Er liegt eine Weile reglos da, um Kraft zu schöpfen, und bei jedem Atemzug muss er wegen der heftigen Stiche in der Seite beinahe aufschreien. Er versucht, sich aufzurichten, es ist unmöglich. Er schiebt sich mühsam an eine Stelle, wo er nicht weiter abzurutschen droht. Er wendet den Kopf nach oben, wo die Pferde stehen, aber er kann sie nicht entdecken. Ihn packt das Entsetzen bei der Vorstellung, hier elendig zu krepieren, er will um Hilfe rufen, aber es kommt nur ein klägliches Krächzen aus seiner Kehle. Wer sollte ihn auch hören! Er denkt, er könnte einen Schuss abfeuern, aber er muss feststellen, daß sein Lederholster leer ist.

Als er umherschaut, sieht er den Revolver ein Stück weg zwischen den Steinen liegen. Er kriecht dorthin und angelt sich ihn, er ist offenbar unversehrt und voll geladen. Er will in die Luft schießen, aber dann ist er geistesgegenwärtig genug, um daran zu denken, daß die Waffe das einzige ist, womit er sich gegen wilde Tiere verteidigen kann. Dennoch: wenn er ein Zeichen gibt, hören ihn möglicherweise die Banditen und schauen nach, woher der Schuss kam, sie wären seine einzige Rettung. Er streckt den Arm aus und schießt einmal in die Luft, und wieder bricht sich der Schall vielfach an den Bergen.

Er liegt da und rührt sich nicht mehr. In seiner linken Seite hämmert es, und mit jedem Pulsschlag durchzuckt ihn der Schmerz, dann lässt er nach. Später fallen ihm die Augen zu, er wehrt sich ein paarmal dagegen, doch dann schließt sich der Vorhang. Er wacht auf, als ihn jemand unsanft gegen das Bein tritt. Er sieht drei Männer da stehen, der eine beugt sich über ihn, er stützt seinen Arm auf sein Knie, anscheinend haben sie schon mehrmals versucht, ihn zum Leben zu erwecken. Johann hebt automatisch die Hand mit dem Revolver, aber der ist weg.

"Hey, hombre!", sagt der, der ihm am nächsten ist. Er hat ein breites Gesicht mit einem Schnauzbart und rauen Stoppeln, er hat dunkle Augen, und an seiner Nase hängt ein dicker Tropfen, der sich partout nicht davon lösen will. "Was hast du hier zu suchen?" Nicht nur daran, daß sie alle drei vor Waffen und Patronengurten strotzen, erkennt sie Johann sofort als Banditen. Er sagt seinen Namen, er sei ein Photograph aus der Stadt, der auf einer Exkursion unterwegs wäre. Der andere drückt ihm einen Revolver mit langem Lauf an die Wange. "Hombre! Lüg' mich nicht an!" "Ich lüge nicht! Es ist, wie ich sage. Da oben stehen meine Pferde, da ist meine Ausrüstung. Ich bin herab gestürzt. Wenn ihr nur einen Funken Menschlichkeit besitzt, dann helft mir, im Angesicht Gottes und der Jungfrau Maria!"

Der Mann fährt sich mit dem Ärmel unter der Nase entlang und schnieft dabei, der Tropfen ist weg, aber es dauert nur einen Moment, bis der nächste kommt. "Wenn wir wollen, könnten wir dich hier liegen lassen, kein Hahn kräht nach dir!" "Ich weiß. Aber ich bin überzeugt, das werdet ihr nicht tun. Ich habe Geld bei mir, das könnt ihr haben, Omar Tapia muss davon nichts erfahren." Sie werfen sich kurze Blicke zu. Er fragt "Du kennst Omar Tapia?" "Ich habe mit ihm gesprochen. Ich habe ihm gesagt, daß ich zu ihm kommen werde, um einige Photos zu machen."

Gleich spürt er den Lauf an der Backe. "Und schon wieder lügst du!" "Nein! Er hat den Jungen zu mir geschickt, damit ich ihm Bescheid gebe, wann ich komme." "Welchen Jungen?" "Er heißt Manuel, ihr kennt ihn, und er kennt mich." Der andere ist unschlüssig, seine Miene verrät Johann, daß Manuel tatsächlich bei den Banditen ist.

Zu dritt schleppen sie ihn den Abhang hoch, Johann stöhnt dabei vor Schmerzen, aber es scheint, daß doch nichts gebrochen ist. Er kann sogar auf dem Pferd sitzen. Er gibt ihnen das Geld, sie teilen es auf und stecken es ein. Johann sagt "Wenn ihr euch an die Abmachung haltet, werde ich Omar Tapia nichts davon sagen", und er sieht, daß der andere jetzt erst kapiert. Sie haben ihre Pferde weiter oben stehen, dort geht ein anderer Pfad über den Berg.

Es ist schon halbdunkel, als Johann vor sich Lichter sieht. Da sind Hütten, und zwei, drei Feuerstellen dazwischen. Jemand ruft ihnen zu, offenbar ein Wachtposten. Der eine antwortet, dann sagt er zu Johann "Steig' ab." "Warum?" "Halt' die Fresse und steig' ab." Johann gehorcht. Kaum steht er auf dem Boden, kriegt er eins über den Schädel und sackt zusammen.

Als er wieder zu sich kommt, liegt er in einem Bretterverhau auf einer Decke über einem Strohlager. Seine Schuhe sind weg. Da betritt Omar Tapia mit zwei seiner bis an die Zähne bewaffneten Männer die Hütte, Johann erkennt ihn sofort von dem Photo bei Senor Ruffalo. "Wo sind meine Schuhe?", fragt Johann, um möglichst furchtlos zu erscheinen. Tapia sagt "Für wen ist das zweite Pferd?" Johann überlegt blitzschnell, dann sagt er "Für meinen Assistenten." "Wo ist er?" "Wenn ich das wüsste." Er kann sehen, wie es in Omar Tapias Schädel rattert, aber schließlich hat er wohl kein Verlangen, sich auch noch mit einem zweifelhaften Assistenten zu beschäftigen; ein leeres Pferd ist harmloser als ein Pferd mit einem fremden Mann drauf. Und was kann ein Mann ohne Pferd hier oben schon anstellen?

"Hast du Schmerzen?" "Ja, hier in der Seite, ich glaube, meine Rippen sind gequetscht. Ich heiße übrigens Juan, Juan Melzer, ich bin Photograph aus San Gabriel, ich möchte hier ein paar Photos machen." Tapia lacht kurz und dreckig. "Ich weiß, wer du bist. Du hast Guillermo Rojas in Las Plumas photographiert, als er erschossen wurde." "Es war ein Auftrag, ich habe das nicht zum Vergnügen oder aus Überzeugung gemacht. Kann ich etwas zu trinken bekommen? Meine Kehle ist ganz ausgetrocknet."

Tapia spricht zu einem der Männer, der kommt gleich darauf mit einem Krug wieder, Johann nimmt einen kräftigen Schluck, es ist wie Bier, aber mit einem seltsamen Beigeschmack. Tapia sagt "Wir reden später weiter. Ich schicke dir jemand, der sich deine Rippen anschaut. Mach' keine Dummheiten, wenn du noch länger leben willst." Johann leert den Krug, er bleibt liegen und wartet. Die Schmerzen sind kaum noch spürbar, dann schläft er ein.

Als er aufwacht, dringt Sonnenlicht durch die Ritzen der Bretterwand. Er will sich erheben, um die Luke vor dem kleinen quadratischen Fenster zu öffnen, da kommt jemand herein - Johann kann förmlich ihren Duft einfangen: es ist Consuela. Sie lässt die Tür sperrangelweit offen, helles Licht umgibt sie wie die Aura einer Heiligen. Sie bemerkt, was er vorhatte, sie stellt die Schüssel mit Wasser ab und schwenkt die Luke nach außen. Johann sieht ihr Antlitz, es ist so schön, daß er bei dem Anblick beinahe in Tränen ausbricht.

Aber er muss sich zusammenreißen und aufhören sie anzustarren, niemand darf einen Verdacht schöpfen, bevor er wieder auf den Beinen steht. Nur sie allein soll wissen, daß er gekommen ist, sie zu befreien. "Consuela!", flüstert er, und sie schaut ihn erstaunt an, weil er ihren Namen kennt, "Ich bin's, Juan! Ich werde dich hier herausholen. Wenn es soweit ist, wirst du mit mir auf dem Pferd davon reiten." Hat sie ihn verstanden? Sie weicht seinem Blick aus. Er fasst ihre Hand, sie zieht sie weg. Sie nimmt den Schwamm aus der Schüssel und macht eine Geste, die bedeutet, er soll seine Jacke ausziehen und das Hemd öffnen.

Er richtet sich auf, er bleibt in den Ärmeln stecken, und Consuela muss schmunzeln, wie er sich abstrampelt. Er lacht sie an. Sie ist ihm behilflich, er spürt ihre Hand auf seinem Leib, nie im Leben war er glücklicher als jetzt. Als er sich auch des Hemdes entledigt hat, betastet sie seine Verletzung. Das Wasser in der Schüssel ist angenehm warm, und Consuela löst mit dem Schwamm das geronnene Blut ab. Sie schaut durch die offene Tür nach draußen, dann erhebt sie sich und ruft nach jemandem.

Einen Augenblick später kommt ein Junge mit einem trockenen Tuch und einer Tasche aus gewebtem Stoff. Es ist tatsächlich Manuel. Johann kann nicht genau erkennen, wie er die überraschende Wiederbegegnung aufnimmt. Während Consuela sich mit der Tasche zu schaffen macht, schaut Johann zu ihm hin und legt dabei den Finger über die Lippen, aber Manuel zeigt keine Reaktion.

Um Himmels willen! Was für eine Schönheit sie ist! In Wirklichkeit noch weitaus anmutiger als auf dem Photo, gleichsam ein überirdisches Geschöpf. Ihr schwarzes Haar ist zusammengebunden, es legt sich glatt um ihr Haupt, ihre Stirn ist frei und gleicht der Schale, aus der die Götter Ambrosia trinken, ihre Augen sind voller Keuschheit und doch mit natürlicher Neugier im Blick. Ihre Wangen und ihre Nase dagegen sind erhaben und tragen Stolz und Selbstbeherrschung zur Schau, und ihr Mund kann tiefsten Ernst oder höchste Heiterkeit ausstrahlen, wenn sie das will.

Johann kann ihren sanften Atem spüren, als sie sich über ihn beugt. Seine Hände zittern, er möchte ihren Hals mit dem kraftvollen Muskel streicheln, er erahnt ihre jugendlich festen Brüste unter dem Kleid, ihre schwungvollen Hüften unterm Rock, er erhascht einen Blick auf ihre wie ein Fischbauch glänzenden Waden und er bewundert ihre Füße mit dem strammen Spann und den rundlichen Fersen, die in den flachen Schuhen aus Wildleder stecken. Sie trägt ein blaues Kleid aus fester Baumwolle, und am Saum lugt ein weißer Unterrock hervor. Sie hat silbernen Schmuck an Ohren, Hals und Handgelenken, der ein bisschen wie Mondschein am Tage schimmert und ihr einen heiligen Schauer des Mysteriösen verleiht, als würde er sie vor allem Unheil bewahren.

Johann ist fürs Erste zufrieden mit dem Verlauf. Consuela hat ihn mit einer Kräutersalbe verarztet, die eine wohltuende Kühle bewirkt. Er hat noch ein paar Sätze zu ihr gesprochen, und ein- zweimal glaubte er, daß sie eine Kopfbewegung dazu machte, er sagte auch, daß er nachher aufstehen werde. Manuel hat die ganze Zeit daneben gestanden, dann waren sie beide gegangen. Die Tür steht offen. Aber Johann fühlt nicht Kraft genug, um sich von seinem Lager zu erheben. Er denkt nach. So also! Natürlich darf er Manuel nicht allein hier zurücklassen. Er muss noch ein weiteres Pferd besorgen, damit sie alle drei fliehen können.

Am Nachmittag gelingt es ihm aufzustehen. Er schaut unauffällig aus dem Fenster, um die Lage zu sondieren. Er muss vor allem herausfinden, wo die Pferde stehen. Später kommt Manuel und bringt ihm einen Teller mit Maisfladen, Bohnen und ein paar Fleischbrocken sowie eine geöffnete Flasche Wein. Ob er den Jungen gleich in die Fluchtpläne einweihen soll? Einstweilen beauftragt er ihn damit, ihm seine Schuhe zu besorgen und Consuela zu bitten, noch einmal nach seiner Verletzung zu schauen; Manuel nimmt alles schweigend entgegen.

Er bringt Johann ein Paar Stiefel, die ihm viel zu groß sind, und verschwindet gleich wieder. Gegen Abend erscheint Consuela, sie kommt ihm vor, als habe sie sich heimlich zu ihm davongestohlen. Sie bleibt im Schatten der Ecke stehen. Er sagt "Consuela! Komm' her, ich will dir etwas sagen." Sie gehorcht nur zögernd. Als sie bei ihm ist, fasst er ihre Hand, sie lässt es geschehen, aber er spürt ihre Zurückhaltung.

"Es geht mir schon viel besser. Ich brauche wohl noch einen Tag, dann bin ich wieder obenauf. Vertrau' mir! Bis übermorgen ist mein Plan ausgereift, dann werden wir von hier weggehen, selbstverständlich nehmen wir Manuel mit, das bin ich ihm schuldig, ich werde dir später erklären, wieso." Consuela hört sich alles an, sie will etwas erwidern, da ruft draußen jemand ihren Namen und sie läuft schnell weg.

Am nächsten Tag lässt Omar Tapia Johann aus seinem Bretterverschlag holen. Zwischen den Hütten auf einem freien Platz stehen Tapia und seine Banditen, Tapia weist Johann eine Lücke im Halbkreis der Männer zu. In der Mitte, ihm gegenüber, sitzt auf einem Stuhl jener Horacio Alejandro, der Johann den Hinweis gab, wo der Junge Manuel höchstwahrscheinlich zu finden sei (und der offensichtlich genau darüber Bescheid wusste). Als sich die beiden erblicken, lässt sich keiner etwas anmerken. Aber Horacio sieht völlig verängstigt aus.

Er sitzt auf dem Stuhl wie ein Gefangener, und dann bemerkt Johann, daß er im Rücken gefesselt ist. Omar Tapia steht hinter ihm wie der Leibhaftige, seine linke Hand liegt schwer auf Horacios Schulter, dem Ärmsten steht der Schweiß auf der Stirn, er ahnt nichts Gutes. Tapia fragt ihn "Kennst du diesen Senor?" und meint damit Johann. Horacio schüttelt den Kopf und beteuert "Nein! Den habe ich nie vorher gesehen! Wirklich! Wer ist das?" Seine Stimme klingt brüchig.

Tapia schleudert einen sengenden Blick auf Johann: "Und dir, Herr Photograph, kommt dir der hier bekannt vor?" Johann denkt bei sich, wenn er nein sagt und Horacio ändert plötzlich seine Meinung, dann macht er sich verdächtig. "Ja", erwidert er, ein Raunen geht durch die Menge und Horacio zuckt zusammen, "er hat mich einmal von einer Estancia auf seinem Karren nach San Gabriel gefahren."

Horacio will aufspringen, aber Omar Tapia drückt ihn unsanft zurück. "Ist das wahr?" Horacio stammelt "Ach ja ... jetzt fällt's mir ein ... ich hatte das ganz vergessen ... Senor Tapia! ... Wenn ich mir Jeden merken sollte, den ich irgendwann einmal ..." Tapia schneidet ihm das Wort ab und fragt Johann "Und danach habt ihr euch nicht mehr gesehen?" "Ich kann mich nicht entsinnen." "Oh! Er kann sich nicht entsinnen", höhnt Tapia, und seine Männer stimmen mit ein, "ihr habt wohl alle beide ein ziemlich schlechtes Gedächtnis."

Johann nimmt allen Mut zusammen und entgegnet "Was wollen Sie mir damit unterstellen, Senor Tapia?" Der antwortet nicht darauf, sondern sagt stattdessen (und es ist offenbar an beide gerichtet) "Weißt du, was wir mit einem Verräter machen?" Johann will sich ahnungslos stellen, aber Horacio bangt schon um sein Leben, "Bitte, Senor Tapia! Ich habe gestanden, daß ich ihm dies eine Mal begegnet bin! Aber deshalb bin ich doch kein Verräter! Sie waren immer gut zu mir, Senor Tapia, und ich habe mich redlich bemüht, es Ihnen gleichzutun, so wahr mir Gott helfe!" "Halt's Maul, du jämmerliches Stück Scheiße!", brüllt Tapia ihn an.

Dann sagt er plötzlich in die Runde: "Wo ist der Junge?" Johann spürt, wie sein Herz höher schlägt. Hinter einem der Männer schiebt sich Manuel hervor, er schaut Omar Tapia ohne jede Verlegenheit an. Der wiederholt seine Frage. "Kennst du den Photographen?" Johann kommt ihm zuvor. "Ja, dieser Junge kennt mich, er hat manchmal Botengänge für mich erledigt", Manuel bleibt ungerührt. Tapia fragt "Warum hat er damit aufgehört?" Johann sagt "Er war eines Tages verschwunden."

"Ach was? War er verschwunden oder hast du ihn an Don Alfredo Gonzales verkauft?" "Ich habe ihn nicht verkauft." Tapia bleibt dabei. "Schämst du dich überhaupt nicht, einen kleinen Jungen zur Fronarbeit zu verbannen!" Oh ja! Johann spürt die Scham und seine Schuld, und am liebsten würde er Omar Tapia ins Gesicht sagen: 'Deshalb bin ich hier, um wiedergutzumachen, was ich an diesem Jungen begangen habe!' Doch er schweigt und wartet ab, worauf es der andere anlegt, er darf sich sein Vorhaben durch keine voreiligen Handlungen gefährden lassen.

Da sagt Tapia, ganz so, als hätte er sich das von Anfang an ausgedacht, "Komm' einen Schritt her, Juan!", und Johann tut es, "Ich frage dich: wenn du dich entscheiden müsstest, wessen Leben du retten kannst, wen würdest du wählen? Diesen lächerlichen Mann namens Horacio Alejandro? Oder diesen braven, unschuldigen Jungen?" Horacio fleht "Senor Tapia! Geben Sie diesem Fremden nicht solche Macht über andere!" "Halt's Maul!" Johann sagt "Wie hoch ist der Preis?" Omar Tapia zieht überrascht die Brauen hoch. "Wie bitte?" "Wieviel verlangen Sie für Horacio?" "Das war doch gar nicht die Frage." "Nein, aber mein Angebot."

Tapia grinst hinterhältig und wechselt ein paar überlegene Blicke mit seinen Kumpanen, dann meint er fast großmütig "Wie wär's mit tausend Pesos für diese Ratte!" Alle lachen, sogar Horacio selbst verzerrt den Mund. "Gut", sagt Johann, und Omar Tapia fügt hinzu "Ach nein, besser zweitausend!" "In Ordnung." Tapia wird beinahe unsicher. "Und wenn ich sage: dreitausend Pesos für diesen Mann!" "Ich gebe Ihnen dreitausend für ihn - unter einer Bedingung." "Welche?"

Johann sagt "Ich habe das Geld nicht bei mir. Sie schicken den Jungen hinunter nach San Gabriel, ich sage ihm, wen er dort aufsuchen soll. Wenn er mit dem Geld zurückkommt, lassen Sie Horacio gehen." "Und was, wenn er nicht zurückkommt?" "Dann tun Sie, was Sie wollen." Omar Tapia fühlt sich anscheinend geschmeichelt. "Hah!", macht er, "Es gefällt mir, mit dir zu verhandeln, Juan! Aber was ist, wenn du mich übers Ohr hauen willst?" "Senor Tapia, ich bin Ihnen so oder so ausgeliefert, was helfen mir irgendwelche Tricks?" "Nein, die helfen dir keinesfalls." "Überlassen Sie dem Jungen mein zweites Pferd und lassen Sie ihn sofort gehen!"

Omar Tapia, langsam müde geworden von dem Spektakel, gibt einem seiner Leute einen Wink, der bringt das Pferd. Johann flüstert Manuel etwas ins Ohr, der nickt, offenbar hält er zu ihm. Er schwingt sich gekonnt in den Sattel, da taucht plötzlich Consuela aus dem Hintergrund auf und reicht Manuel einen Beutel, den er sich über die Schulter hängt. Im Nu ist Manuel den Blicken entschwunden, Consuela kümmert sich nicht weiter um die Männer und geht zu den Hütten zurück. Johann atmet erleichtert auf.

Horacio, der die ganze Szene mit großen Augen verfolgt hat, traut der Sache nicht, und leider soll sich seine schlimmste Befürchtung bewahrheiten. Omar Tapia packt seinen Haarschopf und reißt seinen Kopf nach hinten, daß Horacios Blick gen Himmel geht. Wie aus dem Nichts zückt der Banditenführer ein Messer und zieht die Schneide von einer Seite zur andern über Horacios gestrafften Hals. Das Blut spritzt im weiten Bogen bis vor Johanns Füße, er ist selbst zu Tode erstarrt, dann dreht er sich unwillkürlich um und muss sich erbrechen. Horacios Körper fällt vornüber vom Stuhl.

Abends liegt Johann auf seinem Strohlager. Er muss immer noch innerlich mit dem grausigen Anblick kämpfen. Obwohl er verständlicherweise keinen Appetit hat, hofft er doch, Consuela möge zu ihm kommen, er hat jetzt fast schmerzhafte Sehnsucht nach ihr, er würde sie am liebsten noch heute von dieser Bestie erlösen. Für einen Moment hat er sich an Horacios Tod mitschuldig gefühlt, aber schließlich war Horacio selbst für sich verantwortlich, er tat ja auch immer so oberschlau! Er kannte Omar Tapia immerhin länger als Johann, er hätte sich niemals in diese Lage bringen und auch noch andere mithineinziehen dürfen.

Johann denkt 'Es war vollkommen richtig, wie ich mich verhalten habe'. Nicht nur, daß er jeden Verdacht von sich abgewendet und Omar Tapia in Wahrheit überlistet hat, er hat sogar dafür gesorgt, daß Manuel sich in Sicherheit bringt! Jetzt dreht sich nur noch alles um Consuela, und bei der nächstbesten Gelegenheit werden sie beide von hier verschwinden.

In den folgenden Tagen schnappt Johann das Gerücht auf, die Banditen wollen einen Eisenbahnzug überfallen. Er versucht, Consuela zu erwischen und von ihr zu erfahren, was sie Genaueres darüber weiß. Omar Tapia hat ihm erlaubt, tagsüber umher zu gehen, aber nur in Begleitung eines seiner Männer namens Benito, der die ganze Zeit seine Hand am Pistolengriff hat. Consuela ist gewissenhaft doch schweigsam wie immer.

Benito findet es irgendwann langweilig, bloß sein stummer Schatten zu sein. Er wird gesprächig, und am Abend kommt er in Johanns Hütte mit einer Flasche Schnaps, einem fürchterlichen Fusel, den hinunter zu schlucken sich Johann nur deshalb zwingt, um gefällig zu sein und aus dem andern etwas über den geplanten Überfall herauszulocken.

In der Nacht träumt Johann seltsame Dinge. Er sieht sich in seinem Haus in San Gabriel umherlaufen, er ist anscheinend selbst durch die Tür zum Garten eingebrochen, um nicht aufzufallen. Mit zittrigen Fingern durchwühlt er alle Schubfächer, er sucht nach etwas. Da erkennt Johann, daß die Person nicht er selbst ist, sondern Pepe Molina, der murmelt "Und Senor Juan hat gesagt, daß das Geld hier versteckt ist?" Es ist eine Frage, und Johann sieht auch, an wen sie gerichtet ist: da steht Manuel, der es bestätigt.

'Verdammter Mist!', denkt Johann, 'Manuel! Habe ich dir nicht gesagt, du sollst zu Leutnant Aldave gehen!' Damit wollte er dem Leutnant Bescheid geben, wo sich die Banditen aufhalten. Stattdessen ist Manuel zu diesem Nichtsnutz Pepe gelaufen! Nie und nimmer hat Johann daran gedacht, dreitausend Pesos an Omar Tapia zu zahlen, noch dazu für einen Mann, der sich selbst um sein Leben gebracht hat. Abgesehen davon hat er gar nicht so viel Geld im Hause. 'Tja, Pepe Molina! Da kannst du lange suchen!'

Aber Pepe lässt sich nicht beirren, er will Johann unbedingt helfen, und dann denkt Johann, daß Manuel ihm womöglich die Sache etwas anders geschildert und behauptet hat, Omar Tapia verlange diese Summe für seine, Johanns Freilassung! Vielleicht will sich der Junge damit bei ihm bedanken. 'Ach, ihr törichten Gesellen! Ihr vermasselt mir noch alles.' "Pepe! Pepe!", ruft Johann, "Hör' auf zu suchen, du wirst die dreitausend Pesos nicht finden! Und komm' bloß nicht auf die Idee, den Jungen hierher zurück zu schicken, denn dann sind wir alle verloren!"

Da wechselt die Szene. 'Was ist das denn?', fragt sich Johann. Er sitzt im Casino am Roulette Tisch, eine erstklassige Gesellschaft tummelt sich drumherum, vornehme Herren, bildschöne Damen, es duftet nach Parfüm, die Kristall Leuchter strahlen, die Spiegel blinken, es knistert nach Geld, es kribbelt in den Fingern, die große Versuchung lockt, das Spiel beginnt. Er trägt seinen besten Anzug, aber er hat jenen Hut auf, den der Mann zurückließ, der ihm damals in Seligenbrunn die Photographien angeboten hatte, er hat ihn tief ins Gesicht gezogen, als sollte man ihn nicht erkennen.

'Teufel nochmal!' Das ist ja wieder nicht er selbst, sondern dieser Pepe Molina! Er hat sich Johanns Anzug und den Hut aus dem Schrank genommen und sich erdreistet, damit ins Casino zu gehen. Wahrscheinlich hat er die Blechdose im Schrank gefunden, wo fünfhundert Pesos drin waren. "Pepe, du Trottel! Du hast keine Ahnung vom Roulette! Verschwinde sofort!" Aber Pepe hört nicht. Er sitzt da wie auf der Polizeiwache, wie das eingeschüchterte Kaninchen, nur besser gekleidet.

Er macht alles nach, was die andern tun. Der Mann am Drehrad sagt dauernd Sachen, die Pepe nicht versteht, und schiebt mit seinem langen Rechen die Jetons kreuz und quer hin und her, daß Pepe Hören und Sehen vergeht. Der Schweiß läuft ihm unter der Hutkrempe hervor, seine Handflächen sind ganz feucht. Er nimmt in letzter Sekunde seine Jetons wieder weg und platziert sie woanders, sie fallen ihm aus der Hand und rollen übern Tisch, seinetwegen muss die Spielrunde abgebrochen und neu gestartet werden. Der Mann am Drehrad macht ihm klar, daß er nach dem Satz "Rien ne va plus" nicht mehr umsetzen darf, und Pepe hält sich dran.

Er gewinnt! Er verliert. Er gewinnt zweimal, dreimal nacheinander. Er verliert nur noch. Er gewinnt ein paar Jetons zurück. Er versucht zusammenzuzählen, aber es geht alles viel zu schnell. Neben ihm sitzt ein reizendes blondes Mädchen, das sich köstlich über Pepe's Ungeschicklichkeit amüsiert, sie stachelt ihn sogar noch an und will sich dann glatt ausschütten vor Lachen. Da erkennt Johann, daß es die kleine Französin ist, die Geliebte (und angebliche Verwandte) des Admirals aus Clearwater House, und an ihrer Seite ist der Amerikaner, der den Gästen so anschaulich seine Abenteuer mit Jack London präsentiert hatte.

Sie gibt Pepe unsinnige Tipps, und wenn er sie befolgt, lacht sie sich kaputt drüber. Sie sagt, er soll alles auf die Null setzen, da gewinnt er am meisten. Er setzt alles auf die Null und gewinnt. Die Blondine freut sich mit ihm, sie gibt ihm ein Küsschen auf die Wange und sagt, er soll nochmal alles auf die Null setzen. "Meinen Sie wirklich?", sagt Pepe unschlüssig, "Die Null war doch eben schon dran." "Na und, sie hat Ihnen doch Glück gebracht!" "Ja, das stimmt", erwidert Pepe und setzt alles was er hat auf die Null.

"Trink' noch einen Schluck!", sagt Benito, Johanns Bewacher, und reicht ihm die Flasche mit dem Fusel. "Wo ist Omar Tapia?", fragt ihn Johann. "An seinem Platz", brummt der andere. Er ist schmutzig und stinkt nach getrocknetem Schweiß. "Vergiss' nachher nicht, dir das Tuch übers Gesicht zu ziehen", sagt er, als befürchte er, daß Johann bei dem Überfall Mist baut. "Wenn's nach mir gegangen wär', hätte ich dich nicht mitgenommen, aber 's war Omar's Entscheidung."

Benito nimmt noch einen Schluck aus der Pulle, und Johann merkt, daß er vor Anspannung zittert. Sie haben sich in dem halbverfallenen Häuschen an der alten Station postiert, man kann die Eisenbahnschienen sehen, die schnurgerade in entgegengesetzte Richtungen verlaufen und irgendwohin in die Steppe führen.

"Von welcher Seite wird der Zug kommen?", fragt Johann, und Benito deutet nach links. "Also aus Guandacol." "Weiß' nich', kann sein. Ich hab' mir'n Zeichen auf die linke Hand gemacht, daran erkenn' ich's, von wo der Zug herkommt." "Aber er wird hier nicht halten", sagt Johann, und Benito entgegnet "Natürlich wird er hier halten. Wir haben doch die Fahrkarten." Er holt aus seiner Tasche zwei rosafarbene Pappkärtchen hervor, darauf steht Punta del Agua, und Johann liest das Datum und er fragt Benito "Ist das auch heute?", aber Benito lacht bloß und zeigt dabei seine morschen Zähne.

"John!", hört er eine Frauenstimme sagen. Er dreht sich um, und da steht Lilian in einem fliederblauen Kleid. "Wer ist das Weibsbild?", fragt Benito, der Frauenbesuch jetzt am wenigsten gebrauchen kann. "Lilian! Was machen Sie hier?" "Ich will nur wissen, warum Sie nicht mit mir geschlafen haben?" Benito glotzt wie ein Rindvieh. Johann sagt "Ich liebe Consuela de Saltamontes." Lilian lacht wie über eine Albernheit in einer Operette. Da hört man den Zug nahen.

"Bleib' immer schön hinter mir", befiehlt ihm Benito, "und tu' was ich sage!" Und plötzlich sind sie im Zug, Benito schreitet mit erhobenem Revolver durch den Mittelgang des vollbesetzten Waggons, er brüllt durch das Tuch vor seinem Mund: "Wer auch nur den kleinen Finger bewegt, wird erschossen!", und die Fahrgäste ducken sich, irgendwo quängelt ein Baby. Zwei von den anderen Banditen kommen ihnen entgegen, auch sie halten ihre Waffen gestreckt, der eine sagt zu Benito "Wir gehen nach hinten zum Gepäckwagen, haltet ihr hier die Leute in Schach", und Benito sagt "In Ordnung". Johann wirft einen Blick aus den Fenstern und sieht draußen jede Menge von Omar Tapias Leuten auf Pferden an den Waggons vorüberreiten.

Da seufzt eine Frau auf und fällt in Ohnmacht, zwei, drei der Fahrgäste kümmern sich um sie, Benito fuchtelt mit dem Revolver herum. Johann bemerkt aus den Augenwinkeln eine Bewegung: jemand schiebt vorsichtig seine Hand in das Jackett! Als er genauer hinschaut, erkennt er Harry Gordon und neben ihm Norma Eastham im weißen Kleid mit Hut, und ihm wird klar, daß hinten im Gepäckwagen Harry's Schätze liegen, die er versucht, aus dem Land zu schmuggeln.

Johann ruft: "Benito! Pass' auf, er hat eine Waffe!" Harry Gordon springt hoch und wirft sich gegen ihn, es gibt ein Handgemenge, ein Schuss löst sich und auf Normas weißem Kleid sickert das Blut durch. Als hätte er seine Stimme erkannt, zerrt Harry das Tuch von Johanns Gesicht. "Dacht' ich mir's!", faucht er ihn an, "Dafür wirst du hängen, du niederträchtiges Schwein!" Da durchzuckt Johann ein Gedanke: er muss diesen Augenblick nutzen, um zu fliehen! Er entreißt Benito den Revolver und rennt den Gang entlang, stürzt aus dem Zug, schießt einen von den Banditen über den Haufen und schwingt sich auf dessen Pferd. 'Nichts wie weg! Und hin zu Consuela!'

Als er bei den Hütten ankommt, steht dort Omar Tapia, der ihn schon erwartet. An der Seite erblickt Johann Consuela. Er sitzt ab und gibt dem Pferd einen Klaps. Er geht auf Tapia zu und bleibt zehn, zwölf Schritt von ihm entfernt stehen. Er sagt "Lass' es uns wie zwischen Männern regeln", und Tapia erwidert "Dagegen ist nichts einzuwenden." Johann sagt "Wer übrigbleibt, soll Consuela haben." Und Tapia: "Wer überlebt, soll sie für sich nehmen." Und Johann: "Du hast es gehört, Consuela! Mit einem von uns beiden wirst du von hier weggehen." Consuela steht fest und unerschrocken, sie hebt das Kinn, ihr Blick ist stolz geradeaus gerichtet. Omar Tapia sagt: "Dann soll niemand länger warten müssen." Die Finger seiner rechten Hand sind leicht gespreizt, bereit, den Revolver aus dem Leder zu ziehen. Johanns Hand verharrt über dem seinen, der locker im Gürtel steckt. Alles ist verstummt, selbst die Grillen haben aufgehört zu zirpen. Nur ein paar Sekunden später fällt die Entscheidung.

* * * * *

"Hier bist du!", hört er Christiane sagen, als er die Augen aufschlägt. "Ähm, ja, ich muss wohl eingeschlafen sein. Wie spät ist es?" Christiane sagt es ihm und fügt hinzu "Nun beeil' dich aber mal ein bisschen, Johann! Du wirst doch zur großen Feier deiner Mutter nicht als Letzter erscheinen wollen." Johann erkundigt sich nach Annemarie. Der Apotheker Meyer und Clarissa haben sie bereits abgeholt. Und seine Mutter? "Aber Johann!", ruft Christiane ermahnend, "Persicke hat sich doch erboten, sie ins Hotel am Neuen Teich zu fahren, du warst selbst dabei, als wir alles abgesprochen haben!" "Ja, natürlich." Kaum traut er sich noch, nach dem Geschenk zu fragen. Christiane sagt "Das Geschenk ist fertig. Ich habe das Band mit der Schleife nochmal neu gemacht, ich finde, es sieht jetzt besser aus." Er gibt ihr einen Kuss. "Das war lieb von dir." Sie sagt "Mach' dich frisch, ich habe dir deinen Anzug aufs Bett gelegt, ruf' mich, wenn du soweit bist." "Ja. Es dauert nicht lange." Christiane sagt "Gut", dann fällt ihr ein "hast du deine Rede parat?" "Ja, hab' ich. Alles gestern abend aufgeschrieben, ich habe ein paar Stellen gekürzt, es soll ja nicht langweilig werden." Er lacht, Christiane nickt zustimmend wie eine Lehrerin. Im Hinausgehen sagt sie: "Übrigens, es war ein Mann da." "Was wollte er?" "Ich bin nicht ganz schlau draus geworden, ich glaube, du kennst ihn von irgendwoher. Er hat ein paar Photographien dagelassen, die möchtest du dir bitte mal anschauen, ich hab' sie im Atelier auf den Tisch gelegt!"


ENDE



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