Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 14


Eleonore Junipher

Die Goldlandfahrer




Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, als sich die Unruhen unter den Bauern auch in unserem Ort bemerkbar machten. Mein Vater kannte einen Mann namens Michael Hutter. Der kam eines Tages zu uns und gab sieben Fahnen in Auftrag. Meine Mutter und meine ältere Schwester waren Näherinnen. Die Fahnen sollten als Zeichen ein Kruzifix, einen Vogel, einen Hirsch, einen Fisch und drei Bäume für einen Wald tragen - das waren die Symbole, auf die sich die Bauern verständigt hatten.

Sie sollten rasch fertig sein, und meine Schwester, die noch gesunde, gute Augen hatte, hantierte sogar nachts beim schwachen Licht von Kerzen und einer Ölfunzel. Sie war sehr stolz auf ihre Arbeit. Der Hutter war auch sehr zufrieden damit. Mein Vater und er redeten lange hinter verschlossener Tür miteinander. Dann bekam ich mit, daß der Hutter meinen Vater wegen der Bezahlung vertröstet hatte, und meine Mutter war sehr wütend auf den Hutter, und meine Schwester schimpfte über ihn, als er aus dem Haus war.

Bald darauf hörte man, daß der Bauernhaufen die Frauenklöster in Allendorf und in Breitungen überfallen, ausgeraubt und niedergebrannt hatte; man erzählte sich die schrecklichsten Einzelheiten darüber, was sie mit den Nonnen angestellt hätten. Dann hieß es, sie lagerten auf der Beichlinger Wiese vor Salzungen, und die Stadtherren mussten ihnen Braten und Brot hinausbringen und Bier, soviel sie verlangen.

Sie machten dann die Gegend zu beiden Ufern der Werra unsicher, und schließlich waren sie wieder bei uns in Schmalkalden, am Unteren Tor, unter freiem Himmel, denn es war im August, es herrschte schon lange eine Trockenheit und die Nächte waren warm.

Der Hutter kam in die Stadt und verhandelte mit den Ratsherren, und der Abt vom Georgenstift, so wurde gemunkelt, gab den Bauern eine beträchtliche Menge Geld, angeblich, damit sie sich besser ausrüsten konnten, denn sie hatten vor, die Werra hinab zu ziehen und dann nach Mühlhausen hinüberzuschwenken, wo so etwas wie eine Entscheidungsschlacht stattfinden sollte.

Und als der Michael Hutter noch in der Stadt war, ging mein Vater zu ihm hin und verlangte den Lohn für die Näherei. Aber irgendwie schaffte es dieser Mistkerl, meinen Vater davon zu überzeugen, daß er noch weit mehr Geld bekommen könnte, und daß sich meine Mutter und die Schwester künftig überhaupt nicht mehr mit solcher Plackerei abmühen müssten, wo sie doch nur Gefahr liefen, sich vollends die Augen zu verderben.

Mein Vater kam nach Hause, schnürte ein Bündel mit ein paar Sachen zusammen, sprach eine Weile mit meiner Mutter, die eine Stunde danach immer noch weinte, und verließ uns, um sich den Bauern anzuschließen, obwohl er sein Lebtag keinem Bauern auch nur die Hand gereicht hatte. Danach blieb er verschwunden.

Es kam noch schlimmer: Irgendwann verbreitete sich die Nachricht, die Bauern hätten bei Mühlhausen einen grandiosen Sieg errungen, und zwei Tage später hieß es, das Blatt habe sich nochmal gewendet, aber der Sieg stünde kurz bevor, und es sei jetzt nötig, daß alle, die aus ihrer Familie jemanden haben, der dort für sie kämpft, ihm beistehen sollen, um Christi Willen und damit sie dereinst ins Himmelreich kämen.

Ich weiß noch, wie ich mich gefragt habe, wer denn nun genau ins Himmelreich kommen und auf welche Weise man seinen Angehörigen beistehen solle; aber es ging alles so schnell und war fürchterlich verworren, und niemand vermochte mir eine Antwort zu geben, so daß ich nur hilflos und ratlos dastand und alles über mich ergehen lassen musste.

Ich fing an zu beten, aber ich wusste nicht genau, für wen ich beten und an wen ich meine Fürbitte richten sollte. Freilich, ich war jeden Sonntag in die Kirche gegangen, aber jetzt blieb ich zu Hause, da die rebellischen Bauern auch vor den Kirchen nicht mehr haltmachten. Und so gab ich mir selbst den Rat, erst einmal abzuwarten, was passieren wird ohne mein Zutun.

Von außen mag dies Verhalten wenig hilfreich erscheinen, vielleicht auch herzlos oder feige. Wie auch immer. Ich konnte nicht anders; und offengestanden: mit der Zeit stellte sich heraus, daß ich dadurch eine größere Aussicht hatte, heil durch Gefahren hindurch und letztlich mit dem Leben davonzukommen. Denn ich bin ein Mädchen, und Mädchen haben, wenn es drauf ankommt, meistens nur noch sich selbst, dem sie vertrauen können.

Ich glaubte bald nicht mehr an all' die Gerüchte über die Ereignisse in unserer Gegend, viel weniger über das, was weiter weg geschah. Und auch nicht an die Prophezeiungen, welches Unheil einem unweigerlich drohen würde, wenn man sich weigerte, die gerechte Sache zu unterstützen. Denn so ziemlich jeder hatte seine eigene Auffassung, was diese gerechte Sache wäre, und die eine "Wahrheit" war das gerade Gegenteil der andern. Jeder wusste alles besser, und doch schien mir, daß sie selbst von einer großen Unsicherheit und Furcht erfasst waren, seitdem der Doktor Luther angefangen hatte, gegen den Papst in Rom zu Felde zu ziehen.

So stand ich damals beinahe teilnahmslos dabei, als meine Mutter und meine Schwester sich aufmachten, um meinem Vater beizustehen - teilnahmslos, aber entschlossen, ihnen nicht zu folgen. Immerhin zwang mich meine Mutter nicht, mit ihnen mitzukommen. Sie sagte "Eleonore, du und Johannes (das war mein kleiner Bruder), ihr bleibt bei euerm Onkel, bis wir alle wieder zusammen sind."

Mein Onkel hatte ein Fuhrunternehmen und einen Gasthof, in dem auch Reisende übernachten konnten und der einen guten Ruf hatte. Ich half ihm in der Wirtschaft, ging den Küchenmägden zur Hand, machte sauber, schaffte die Wäsche auf die Wiese vor dem Stiller Tor, wo sie gewaschen wurde, und holte sie auch wieder ab. Der Onkel gab mir für solche Arbeiten einen Esel mit Karren, und auf diesem Esel lernte ich zu reiten, und als ich mich längere Zeit um die Pferde kümmerte, konnte ich ganz nebenbei meine "Reitkünste" vervollkommnen, auch wenn diese lausigen Gäule davon nicht besonders begeistert waren. Ich wohnte mit meinem Bruder in einer Dachkammer neben dem Taubenschlag, und aus dem Fenster hatte man eine Aussicht über die Dächer und die Hinterhöfe der Häuser in der Grünen Gasse.

Einmal war ich unterwegs, da spielte der Esel plötzlich verrückt und biss den Ratsherrn Binder, der gerade vorbei ging, in den Arm. Der rief sofort einige Wachleute, und unser Esel wurde abgeführt und in Gewahrsam genommen, weil irgendjemand aus der gaffenden Menge gerufen hatte, ob er womöglich tollwütig sei. Aber er hatte bloß schlechte Laune gehabt.

Ich stand da mit dem Karren voll Wäsche, die zum Stiller Tor auf Wiese sollte, und ich band mir die Riemen um die Schultern und nahm die Deichsel in die Hand und zog den Karren mit Leibeskräften selber weg. Die meisten der Leute machten sich über mich lustig, aber dann sprang ein Junge herzu, um mir zu helfen, und gemeinsam brachten wir die Fuhre bis vor die Stadt.

Ich bedankte mich bei dem Jungen. "Keine Ursache", erwiderte er und fügte hinzu "ich kenne dich, du bist die Tochter von dem Wirt Matthes in der Grünen Gasse." "Seine Nichte." "Ich heiße Thomas, ich arbeite beim Buchdrucker Hieronymus Hartmann." Das beeindruckte mich sehr, und obwohl dieser Junge ziemlich hübsch war, und ich damals in das Alter kam, wo man Gefallen an solchen Burschen findet, fragte ich ihn nicht aus über all den Kram, den man beredet, wenn man, na ja, wenn man sich füreinander interessiert, sondern ich fragte nur, ob er auch lesen kann.

"Lesen und schreiben, und sogar leidlich rechnen", sagte er etwas vollmundig, aber keineswegs prahlerisch. "Kannst du's mir beibringen?" "Was?" "Am besten alles." Er überlegte. Dann sagte er "Wenn ich dich küssen darf." Ich wurde rot im Gesicht. "Wie, jetzt?" "Auf der Stelle." Ich schaute mich um, da waren nur ein paar Wäscherinnen mit ihrer Arbeit beschäftigt. "Also gut, aber schnell." Er drückte seinen Mund auf meinen, und ich merkte, daß er wenig Erfahrung darin hatte und wohl bloß die günstige Gelegenheit nutzen wollte, um es auszuprobieren . Er hielt ganz still und wartete darauf, daß irgendwas passiert. "Das reicht", quetschte ich zwischen unseren Lippen hervor "wann fangen wir an?" Ich befürchtete, daß er alles nur so dahergesagt hatte, aber er antwortete "Mit dem Lesen? Von mir aus heute." "Dann komm' um sechs zu mir." "Gut."

Thomas kam wirklich, er brachte ein Buch aus der Druckerei mit. Ich schlug die erste Seite auf und fand es unsäglich abstoßend. Ich legte den Finger unter das erste Wort und ging die Zeile entlang und spürte dabei, wie die Leere in meinem Kopf immer größer wurde, als würden die Wörter nur lauter Löcher, aber keinen Sinn ergeben. Ich wurde richtig wütend. Thomas lachte. Ich schlug das Buch zu und schickte ihn wieder fort. Er war aber nicht beleidigt, er sagte "Ich lasse es da, ich komme morgen wieder." "Morgen habe ich keine Zeit!" "Dann übermorgen." "Auch nicht."

In der Nacht versuchte ich beim Licht einer Ölfunzel die Schrift zu entziffern und wenigstens ein Wort zu finden, das ich kenne. Dann fand ich einen Namen, den der Onkel auf einen Zettel geschrieben hatte, als ebenjene Person in unserem Gasthof übernachtete: Doktor Martin Luther.

Ich sprach die drei Wörter unzählige Male vor mich hin und zerlegte sie, die Augen fest auf die Buchstaben gerichtet, in einzelne Laute. Ich fand das o und merkte es mir, das m, das a, das i und das u; das e hatte sich zu gut versteckt, das r war mir vollkommen schleierhaft und ich hasste es dafür, daß es sich mir nicht zeigen wollte.

Dann pickte ich mir ein anderes Wort heraus, von dem ich meinte, es wäre ein Name; er fing genauso an wie Martin, und es dauerte gar nicht lange, bis ich ihn verstand: Maria. Ich dachte, es sei die Jungfrau Maria gemeint, und das war ganz richtig, aber das Wort "Jungfrau" sah überhaupt nicht so aus, und dabei musste ich vorerst aufgeben.

Wenn meine Schwester sich womöglich beim Nähen im Licht einer Ölfunzel die Augen verdorben hatte, so drohte mir das gleiche beim Lesenlernen. Aber ich machte beharrlich weiter, und der Onkel, der meine Bemühungen zwar belächelte, gab mir eine Schiefertafel und ein Stück Kreidestein, und als ich das n und das verdammte r erbeutet hatte, vermochte ich etwas zu tun, das mich noch heute freudig stimmt, wenn ich daran denke. Ich schrieb meinen Namen auf die Tafel:

e l e o n o r e

Ich bat Thomas, wieder zu mir zu kommen. Ich zeigte ihm meine Schriftkünste, er schrieb darunter die Großbuchstaben, und es sah noch viel besser aus:

E L E O N O R E

Sogar das verdammte R gefiel mir, vielleicht hasste es sich selber bloß, solange es klein und so furchtbar mickrig aussah. "Warum druckt ihr nicht alles in Großbuchstaben?" fragte ich ihn. Er zuckte mit den Schultern. "Das hat sich so ergeben. Obwohl ja das Latein früher auch nur mit Großbuchstaben geschrieben wurde", fügte er klug hinzu. "Ach ja? Kannst du Latein auch lesen?" "Ich kenne ein paar Sprüche." "Sag' mir einen!" "De gustibus non est disputandum." "Und das heißt?" "Über den Geschmack lässt sich nicht streiten." "So ein Quatsch, gerade über den Geschmack lässt sich doch endlos streiten. Noch eins!" "Una domus non alit duos canes - Ein Haus ernährt nicht zwei Hunde." "Pah! Mein Onkel hatte lange Zeit zwei Hunde in seiner Wirtschaft, einen großen und einen kleinen, und die haben beide genug zu fressen gekriegt." "Dann waren sie vielleicht die Ausnahme."

"Was für ein Buch ist das überhaupt?" "Das sind die Schmalkaldischen Artikel, sie sind im Moment sehr gefragt, und wir verkaufen jede Menge davon. Wir drucken fast rund um die Uhr, denn der Herzog Johann drängt darauf, daß sie ausgeliefert werden. Wir haben eine große Auflage davon gemacht, und sie ging sofort weg, aber in der Eile haben sich Fehler eingeschlichen, so daß wir eine zweite, verbesserte, und dann noch eine dritte Auflage nachgereicht haben."

Thomas erzählte allerhand Dinge aus seiner Werkstatt und über seinen Meister, den Hieronymus Hartmann, der ihm alles beigebracht hatte. Als der Doktor Luther sich daran machte, die Heiligen Schriften zu übersetzen, wollten sie natürlich auch damit Geld verdienen. Leider hatten ein paar Drucker in Sachsen ein Vorrecht darauf, und der Kaiser hatte mit dem Gesetz, daß bei jedem Buch anzugeben sei, wo und bei wem es gedruckt wurde, solche Vorrechte noch gefestigt. "Denn die meisten anderen Drucker haben ein gutes Geschäft mit Raubdrucken gemacht", erklärte mir Thomas.

Über den Doktor Luther war die Reichsacht verhängt worden, weshalb er nicht mehr öffentlich auftreten durfte. Ich erinnere mich, daß sich sogar das Gerücht verbreitete, er wäre unterwegs in Tambach, mitten im Wald, gestorben; aber er hatte sich nochmal erholt und hielt sich irgendwo versteckt.

Der Philipp Melanchthon führte den öffentlichen Streit mit den Päpstlichen, und er machte seine Sache gut und war wegen seiner scharfen Reden bei seinen Gegnern ebenso gefürchtet wie er bei seinen eigenen Leuten geschätzt war. Die Fürsten, welche sich auf die Seite Luthers geschlagen hatten, wählten glücklicherweise Schmalkalden zu ihrem Versammlungsort, und alle ihre Schriften wurden in Hartmanns Offizin gedruckt.

"Am Anfang hatte ich keine Ahnung von der ganzen Sache", erzählte Thomas, "wie die Lettern, also die Buchstaben, gesetzt werden, wie die Druckerschwärze hergestellt und aufgetragen wird, wie eine Presse funktioniert und so weiter. Aber ich habe schnell gelernt, und es fehlt nicht mehr viel, daß ich als Buchdrucker selber mein Glück versuchen könnte." Ich nickte bei seinen Worten, ich war davon überzeugt, daß Thomas ein guter und erfolgreicher Buchdrucker werden könnte. Ich bewunderte ihn im stillen, und dann dachte ich daran, daß er seit jenem ersten Mal noch nicht wieder versucht hatte, mich zu küssen - es wird ihm doch wohl nicht missfallen haben?

Er hatte mich mit in die Druckerei genommen, mir alles gezeigt und mich seinem Meister vorgestellt, der zuerst nicht wenig darüber erstaunt war, daß ein junges Mädchen von solcher Wissbegierde erfüllt ist. Meister Hartmann versuchte auch unentwegt, mir den Inhalt dieser unvergleichlichen Schrift (er meinte natürlich die Schmalkaldischen Artikel) zu erklären, die in unserem Land gegenwärtig "so viel Furore" mache. Er wurde nicht müde, seine Begeisterung darüber zu bekunden und wiederholte ein ums andere Mal die "Offenbarungen" der Lutheraner:

Daß die heilige Messe in der Kirche der übelste Gräuel wäre, ein Drachenschwanz, welcher Abgötterei wie Ungeziefer und Geschmeiß erzeugt. Daß es völlig nutzlos und unnötig sei, die Heiligen und Engel im Himmel anzurufen und von ihnen Erlösung zu erbitten, denn Christus allein sollte uns dafür genügen. Daß das Fegefeuer reines Teufelsgespinnst wäre und beim alten Kirchenvater Augustinus kein Wort davon stünde. Reue, Beichte und Buße seien zur größten Heuchelei verkommen, Hunde- und Pferdeknochen würden als Reliquien gehandelt, das sogenannte Jubeljahr sei nur eine Erfindung, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, und im übrigen wäre der Papst in Rom mit seinen gottlosen Ablassgeschäften dabei, die ganze christliche Kirche ins Verderben zu stürzen.

Ich nickte bloß eifrig. Ich fragte Thomas trotzdem, ob er ein anderes Buch zum Lesen für mich hätte. Er gab mir die "Geschichten von Till Eulenspiegel" und das bereitete mir solches Vergnügen, daß ich aus dem Lachen gar nicht mehr herauskam. Übrigens geht es darin stellenweise auch mit Spott und Tadel gegen die Falschheit und Anmaßung der Pfaffen und es würde mich nicht verwundern, wenn der Doktor Luther das Buch heimlich gelesen hat. Freilich, es ist nicht ganz stubenrein, wie man so sagt, und es wird öfter mal irgendwo hin geschissen, aber es ist ja auch nicht dafür gedacht, daß man's nachmacht.

"Warum hast du mir nicht gleich den 'Till Eulenspiegel' gegeben!", sagte ich zu Thomas, und er entgegnete "Dann hättest du nicht so viel Spaß dran gehabt, wenn du bei jedem zweiten Wort ins Stocken gekommen wärst", und damit hatte er recht. Den Eulenspiegel hatte ich schnell durch, dann las ich ihn nochmal, bis ich etliche der Geschichten auswendig konnte. Manche schrieb ich auch ab, damit sich meine Handschrift verbesserte. Schließlich kam ich auf einen neuen Einfall. Ich ging zu Meister Hartmann und erkundigte mich, ob er denn auch ein Rechenbuch habe!

Und das war nun wirklich ein glücklicher Zufall (oder auch kein bloßer Zufall). Gerade zu der Zeit hatte sich ein Rechenmeister aus Franken in Erfurt niedergelassen und ein Rechenbuch für Kaufleute verfasst. Hartmann wusste davon. Wir - Hartmann, Thomas und ich - sprachen darüber, und Hartmann meinte, es wäre gewiss von Vorteil, wenn man ein Exemplar davon besorgen würde. Damit ich rechnen lernen kann! Aber er dachte bestimmt nicht zuletzt auch daran, es "nachzudrucken", wie Thomas mir leise verriet.

Und dann gab es eine Reihe merkwürdige Ereignisse, die letztlich zu all dem führten, worüber ich hier berichten werde.

Zuerst kam eine Gruppe von spanischen Edelleuten zu uns. Sie waren Gäste des Grafen von Henneberg, der in irgendeiner verwandtschaftlichen Beziehung zu dem einen oder andern stand. Einer von ihnen hieß José López Talavan, und ich verliebte mich sofort in ihn, obwohl er dem Alter nach mein Vater hätte sein können. (Vielleicht habe ich mir damals einen so schönen und stolzen Mann als Vater gewünscht, wo ich meinen eigenen doch auf so erbärmliche Weise verloren hatte, ja, ihn für tot hielt.)

Wie ich überhaupt in seine Nähe kam? Im Schloss des Grafen hatte es eine Woche zuvor gebrannt, und im Westflügel waren einige Zimmer unbewohnbar. Weil der Gasthof meines Onkels einen guten Ruf hatte, und weil früher schon Gäste des Grafen (freilich waren das nur Bedienstete oder Pferdeknechte der Herrschaften gewesen) untergekommen waren, so mietete man gleich das ganze Haus für die Spanier an, jedenfalls für die, welche nicht im Schloss beherbergt werden konnten.

Ich hatte die Aufgabe, na ja, ich sage, ich hatte die Ehre, in José López Talavans Stube (es waren zwei Zimmer und das seines Dieners) für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen und mich um das Wohlergehen der Gäste zu kümmern, das heißt, ich musste ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen und an meinen Onkel weiterleiten.

Aber dieser Spanier machte es einem nicht leicht, denn anders, als ich es erwartet hatte, trat er äußerst bescheiden, beinahe zurückhaltend auf. Und während ich ihm ständig auflauerte, um seine Weisungen entgegenzunehmen, grüßte er mich nur freundlich, lächelte mir zu oder fragte mich sogar, wie es mir geht. "Como estas, Senorita?" Ehrlich, ich wäre fast vor Scham im Boden versunken.

Und dabei machte mich sein Anblick furchtbar nervös und unsicher. Ich fühlte, wie ich rot anlief und meine Handflächen feucht wurden. Ich wollte aus Höflichkeit etwas erwidern, aber das wäre natürlich unverschämt gewesen, und so senkte ich den Kopf und brabbelte nur irgendetwas Unverständliches vor mich hin, was freilich einen noch viel schlimmeren Eindruck machen musste.

Ich lief zu meinem Onkel und sagte, es wäre mir schlechterdings unmöglich, diesen Herrn zu bedienen, und auf seine Frage "Weshalb?" antwortete ich "Ich komme mir so dumm vor." Mein Onkel entgegnete, daß ihm mein sonderbares Verhalten schon aufgefallen sei, und er sagte es mit seinem ihm eigentümlichen Lachen, tätschelte mir dann die Wange und meinte "Eleonore, du brauchst dich vor niemandem zu schämen. Und auch nicht zu verstellen. Gib dich einfach so, wie du bist, ein nettes, hübsches, kluges Mädchen."

Ich dachte, vielleicht müsste ich mir so ein Kleid kaufen, das meine Figur besser zur Geltung brächte, ich trug ja bloß immer meine Alltagssachen, die zwar sauber und in Ordnung waren, aber niemandem weiter auffielen und schon gar nicht die Blicke schöner Männer auf mich lenkten. Ich kannte etliche Frauen, ja sogar Mädchen, die noch jünger waren als ich, die tagtäglich fein herausgeputzt über den Markt spazierten und sich dann schrecklich wichtig vorkamen, wenn sie von einem Herrn angesprochen wurden. Dabei hatten manche von ihnen (das wusste ich aus eigener Erfahrung) nicht halb soviel auf dem Kasten wie ich, sie konnten sich nur besser darstellen. Na und da rede ich ja noch gar nicht von denen im Viertel hinterm Salzfleck, über die man wer weiß was erzählte.

Ich probierte es trotzdem aus. Ich borgte mir von einer Freundin ein Kleid (sie war die Tochter von einem der Ratsherren, und ich nehme sie von denen, die ich gerade aufgeführt habe, ausdrücklich aus). Ich verpasste mir sogar eine neue, sehr aufwändige Frisur und schminkte mich mit dem Zeug, das meine Schwester seinerzeit zurückgelassen hatte. Ich brauchte mehr als zwei Stunden, um mich vor dem Spiegel für meinen Auftritt vorzubereiten - und was geschah?

Obwohl das Wässerchen, das ich mir in die Haare geträufelt hatte, auf zehn Meter gegen den Wind zu riechen war, streifte mich José López Talavan nur mit einem kurzen Blick und wandte sich gleich wieder seinem Schreibkram zu, "Danke, ich brauche nichts." Dann rief er mir noch hinterher: "Ich möchte morgen früh um sieben frühstücken." Er hatte mich nicht mal erkannt! Und ich weiß nicht genau, ob ich sagen soll: zum Glück.

Ich beschloss, mich an Senor Talavans Diener zu halten und über ihn, sozusagen als Mittelsmann, näher an seinen Herrn heranzukommen. Aber dieser Sanchez, wie er hieß, war ein ungehobelter Bursche und überdies, wie mir schien, ein Faulpelz, und ich fragte mich, wie er diese Stellung erlangt haben konnte. Er lungerte den ganzen Tag herum, meistens in der Küche bei den Mägden, die ihn toll fanden und sich über seine Geschichten, die er erzählte, und mehr noch über seine Komplimente köstlich amüsierten.

José López Talavan sprach deutsch, und schließlich nahm ich mir ein Herz, und auch auf die Gefahr hin, daß ich bei meinem Onkel oder gar beim Grafen in Verruf gerate und sogar dafür bestraft werde, war ich so kühn, den Spanier anzusprechen. Es war bestimmt furchtbar töricht, aber bei der verzweifelten Suche nach einem Gesprächsthema fiel mir nichts Besseres ein, als die "Schmalkaldischen Artikel", die ich in- und auswendig kannte, und von denen ich annahm, daß sie einem "Mann von Welt" geläufig sein mussten.

Ich hatte freilich damals nicht die geringste Ahnung, was in dieser Welt wirklich gerade vor sich ging und in welchem Zusammenhang diese Sache mit den großen Ereignissen stand, und in Wahrheit (wer hätte das nicht längst bemerkt) wollte ich doch nur seine Aufmerksamkeit für mich gewinnen.

Ich passte einen günstigen Zeitpunkt ab, klopfte an des Spaniers Tür, und das "Adelante!", das er mir von drinnen zurief, klang in meinen Ohren wie eine Zauberformel. "Euer Exzellenz", stammelte ich, mich tief verbeugend, "ich wollte ... ich habe ... in der untertänigsten Absicht ... mir ... Euch ..." Ich kam nicht weiter und blieb mit gekrümmtem Rücken und das Buch im schlaffen Arm stehen. "Was gibt es? Sprich nur", sagte er, indem er sich erhob und mir entgegenkam. Ich richtete mich auf.

"Wie ist dein Name?" "Ich heiße Eleonore." "Ein schöner Name. Du arbeitest hier als Zimmermädchen?" "Ja", sagte ich und konnte mich nicht beherrschen hinzuzufügen "ich bilde mich fort", was vollkommen unsinnig war. Er verstand nicht gleich, was ich damit meine, und er sah mich fragend an.

"Mein Freund ist Buchdrucker, das heißt, er ist ein Buchdruckerlehrling, aber er ist ... na egal, sie haben hier dieses Buch gerade neu gedruckt (dabei bog ich die Eselsohren, die es schon hatte, flüchtig gerade) ich dachte, vielleicht interessiert es Euch." Und ich reichte es ihm unter einer weiteren Verbeugung.

"Das sind die ..." "Die Schmalkaldischen Artikel, sehr wohl. Ein Buch, das hierzulande viel Aufsehen erregt hat. Ich würde es Euer Exzellenz gern überlassen." (Ich hatte vorher überlegt, ob ich ihm den Eulenspiegel oder die Artikel überreichen sollte, aber der Eulenspiegel strotzte ja nur so vor Derbheiten, und ich hätte mich damit vor dem Spanier womöglich schlechtgemacht.) Ich schaute ihn an, er lächelte und zog seine linke Augenbraue in die Stirn.

"Das ist sehr freundlich von dir, Eleonore." Wie er meinen Namen aussprach, das versetzte mir tatsächlich einen wohligen Schauer. Aber das Buch lehnte er dankend ab. Er meinte nämlich, man würde ihn unzweifelhaft vor die Inquisition bringen, wenn irgendjemand herausfände und verriete, daß er diesen "Aufruf zum Sturz des Katholizismus", wie er sich ausdrückte, besitzt. Und dann fügte er zu meiner Verwirrung hinzu "Du und dein Freund, ihr solltet euch glücklich schätzen, daß ihr nicht nur den Nutzen daraus zieht, es zu drucken und zu verkaufen, sondern auch die Freiheit habt, es ungestraft lesen zu dürfen."

"Was ist die Inquisition?" "Ein öffentliches Gericht, welches darüber wacht, daß unsere Heilige Kirche nicht in Gefahr gerät und unser Glauben seine Unerschütterlichkeit bewahrt." "Dann seid Ihr ein rechter Katholik?" "Ich bin ein Diener meines Herrn", erwiderte er, und diese Antwort gab mir zu denken. Sie ließ den Spanier in meinen Augen noch bewundernswürdiger erscheinen. Der Tonfall, in dem er es äußerte, schien mir zu bekräftigen, daß er sich zugleich als sein eigener Herr verstand. Er hatte so etwas Überlegenes an sich, das aus seiner Natürlichkeit entsprang, und das war wohl auch ein Geheimnis seiner Männlichkeit.

Nach dieser kurzen Unterhaltung, und obwohl sie wiederum anders als erwartet verlaufen war, verliebte ich mich noch mehr in ihn. Aber - damit ihr mich nicht falsch versteht - es war anfangs keine Liebe aus Lust, kein sinnliches Begehren, vielmehr wünschte ich mir, er möge erkennen, daß ich nicht bloß ein gewöhnliches Mädchen war, das in diesem Gasthof die Böden scheuerte und die Einkäufe erledigte, sondern jemand, die sich auch mit Dingen beschäftigte, welche weitaus bedeutsamer waren - nur daß ich bis jetzt eben nicht viel Gelegenheit fand, solche Dinge zu erfahren, und daß ich so ein seltsames Gefühl hatte, dieser José López Talavan sei gekommen, um mir dabei weiterzuhelfen.

Natürlich sprach ich auch mit Thomas über ihn (ich verschwieg allerdings die Sache mit dem Buch), und mein Onkel war ebenfalls beeindruckt von Senor Talavan. "Was für ein Mann!", sagte er anerkennend, "Gewiss ist er ein Graf oder ein Ritter, vielleicht gar ein Grande, ein Ritter des Kaisers." "Woran wollen Sie das erkannt haben?", fragte ihn Thomas. "An seinem Augenaufschlag." "Wie bitte?"

Er hätte genausogut sagen können 'an seinen Stiefelspitzen', aber der Onkel versicherte uns "Das ist die Art, wie jemand die Augenlider über die Pupillen gleiten lässt, so ... so gelassen, so als könne ihn nichts und niemand auf der Welt unterwerfen. Ich kenne das, man findet es nur bei Menschen in außergewöhnlicher Stellung und von nobler Herkunft. Es ist ganz egal, wohin sie kommen, sie vertreten immer ihren Herrn." Da war wieder das Wort, das auch Talavan selber gebraucht, und wovon ich nicht genau wusste, wen er damit gemeint hatte. "Also Gott?", sagte ich.

"Nicht doch Gott, Eleonore! Ihren Fürsten! Das unterscheidet sie ja gerade von dem elenden Pfaffengeschmeiß. Wenn so ein Pfaffe von Gott redet, dann senkt er den Blick, faltet die Hände und säuselt wie einer, der eine Gänsekeule unter seiner Kutte versteckt hält. Nein! Männer von seinem Schlag müssen sich nicht den Anschein geben, als könnten sie irgendjemandes Gnade erlangen, wenn sie vor ihm auf die Knie fallen. Sie erhalten ihre wahre Größe ganz mühelos, sie wird ihnen schon bei ihrer Geburt verliehen. Und weißt du, wie man das nennt?" "Wie?" "Das nennt man Adel! Das ist der echte Adel, die wahre Herrschaft des Menschen auf Erden. Das ist es, was die echten Ritter seit jeher auszeichnete, selbst wenn sie von einer armen Magd geboren wurden."

Ein Ritter! Ja, das war er, wie der Onkel es gesagt hatte. Aber für mich bekam dieser Titel noch einen zusätzlichen Sinn. Seit meinen Kindheitstagen wusste ich, daß zu jedem Ritter eine Dame gehört, die sein Herz und sein Leben erfüllt, und die im Grunde doch der eigentliche Antrieb für alle seine Taten ist. Dieser Zusammenhang erschien mir höchst willkommen, denn er verband diesen herrlichen Mann in meiner Phantasie auf eine sehr reizvolle und doch angemessen keusche Weise mit den neuesten Regungen in meinem Innern, die sich mit jedem Tag deutlicher bemerkbar machten.

Ich tat einen Freudenschrei, als mir einfiel, daß es in unserer Stadt ein Gebäude gibt, in dessen Kellergewölbe an den Wänden Malereien waren, welche die Geschichte von dem berühmten Ritter Ywain erzählten, eine Geschichte, von der ich schon als Kind gehört hatte, aber nichts Näheres wusste.

Ich überredete Thomas, daß er mit mir in das Gewölbe hinabsteigt, damit ich herausfinde, wer dieser Ywain war und vor allem, wer die Dame war, die es bei ihm unbedingt gegeben haben muss. Das Haus gehörte den Stadträten, und es war den einfachen Leuten nicht zugänglich. Wir mussten uns also unbemerkt Zugang verschaffen. Thomas erkundete die Lage, und zwei Tage später hatte er einen Plan, wie man durch ein Kellerfenster, das sich nach dem ziemlich verwilderten Garten an der Südseite hin befand, einsteigen konnte.

Die Rittergeschichte interessierte ihn weniger, aber das Abenteuer reizte ihn, und ich bemerkte zum erstenmal, daß etwas Verwegenes in ihm steckte, das er freilich in seiner Druckerei nicht ausleben konnte. Er sagte zu mir "Zieh das an!", und warf mir eine von seinen Hosen hin, "In dem Rock kannst du dich nicht bewegen, da bleibst du gleich irgendwo hängen." Ich war verblüfft, aber er hatte recht. Ich fand es lustig. Sie war mir zu groß, ich krempelte sie unten um, und in den Gürtel brannte er für den Dorn mit glühendem Nagel ein Loch, das eine Handbreit hinter den anderen lag. Dann gab er mir einen Schlapphut, und ich band meine Haare zusammen und versteckte sie darunter.

In der Abenddämmerung machten wir uns ans Werk. Thomas brach das Fenster, das eher eine Luke war, mit einem Eisen auf, und wir gelangten in einen leeren Raum, von dem zwei Türen abgingen. Wir zündeten zwei Kerzen an und tasteten uns vorwärts, und nach kurzer Suche fanden wir tatsächlich jenes Gewölbe, wo im Schein unserer Lichter überraschend bunte Bilder zum Leben erwachten.

Man konnte einzelne Szenen unterscheiden: eine an einem Brunnen, den ein zotteliger Waldmensch bewacht; einen Kampf zwischen Ywain und einem anderen Ritter; zwei Riesen; Ywain, wie er einen Drachen tötet, während daneben schon ein Löwe auf ihn lauert; und dann war da die Dame, oh nein, es waren zwei, mit denen er offensichtlich ein Verhältnis gehabt hat. Wir versuchten, uns das Geschehen zu erklären.

Wir hatten sowohl die Luke als auch die Türen offen gelassen, um den Weg zurück leichter zu finden, und plötzlich ging ein heftiger Luftzug durch das Gewölbe, der unsere Kerzen ausblies. Indem rief eine Stimme hinter uns "Rührt euch nicht von der Stelle, oder wir erschlagen euch!" Wir waren zu Tode erschrocken. Dann war es einen Moment still, anscheinend wusste keiner, was er tun soll.

Ich rief "Wir sind keine Einbrecher. Wir wollen uns bloß was anschauen." Keine Antwort. Dann flammte eine Kerze auf, und in ihrem Schein erkannten wir das Gesicht eines alten Mannes, der auf uns zukam. Er war allein. Er musterte uns im Kerzenlicht. "Hör auf zu zittern, Junge", sagte er zu mir. Tatsächlich war mir ganz schön mulmig zumute, aber seine Worte wirkten wie ein Befehl.

"Wartet", brummte er, drehte sich um und schritt zur gegenüberliegenden Wand, wo er drei Fackeln entzündete, die den Raum viel mehr erhellten. Thomas schaute zur Decke, wo sich ein Abzug befand, ich aber wandte mich gleich wieder den Bildern zu, und da ich annahm, daß er Alte darüber Bescheid wissen könnte, deutete ich auf die Szene und fragte ihn geradeheraus "Welche von den Damen ist Ywains Geliebte?"

Die Frage gefiel ihm gar nicht. "Bist du noch ganz gescheit?", versetzte er streng. "Ritter Ywain war ein Ehrenmann, der die höchste Achtung vor dem weiblichen Geschlecht hatte. So einer hat keine 'Geliebte'." Er sprach es aus wie etwas Unanständiges. "Seine Minnefrau war Laudine, diese hier zu seiner Linken." "Und wer ist die andere?" "Ihre Kammerjungfer Lunete. Sie hat ihm viele Dienste erwiesen, und ohne ihre Hilfe ... na, ich weiß nicht, was ohne sie aus ihm geworden wäre."

Thomas sagte "Dann war er wohl doch nicht der alles bezwingende Held, wenn er auf den Beistand einer Zofe angewiesen war?" Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. "Wie du redest!" "Na was? Ich sage doch nicht, daß das ein Zeichen von Schwäche wäre. Ein Mann hat es gut, wenn er sich auf eine Frau verlassen hat." Der Alte fragte "Wie alt bist du denn, daß du solche Sprüche klopfst?" "Was hat das damit zu tun?", entgegnete Thomas beinahe grob.

"Waren sie sich ähnlich?" "Was?" "Ich meine Laudine und Lunete, vielleicht musste er sich zwischen ihnen entscheiden." Der Alte schüttelte den Kopf. "Beides nicht. Sie waren völlig verschieden", er stockte und fuhr dann umständlich fort, "man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß in dieser Geschichte Lunete eine weitaus wichtigere Rolle spielt als ihre Herrin." "Aber wieso?" "Um das zu ergründen, müsste man wohl am besten den Dichter fragen." Das war nun eine Antwort, die ich albern fand, "Nein, man müsste ja eher Ywain fragen." Der Alte sagte "Sie war äußerst einfallsreich, man könnte sagen: verschlagen. In den gefährlichsten Situationen fand sie immer einen Ausweg für ihn."

"Ich gehe mal davon aus", sagte Thomas, "daß Ywain und Laudine am Ende den Bund geschlossen haben." "Sicher", murmelte der Alte, aber wie mit Vorbehalt. "Und was hat Lunete für ihre treuen Dienste bekommen", erkundigte sich Thomas weiter, und ich hatte dieselbe Frage. "Darüber ist nichts bekannt."

Der Alte erklärte uns noch einige Einzelheiten, zum Beispiel, daß der Löwe von dem Drachen bedroht und von Ywain befreit ward, woraufhin er dessen Begleiter wurde. Er sagte dann, er lässt uns durch die Tür hinaus, und Thomas verschwand kurz, um die Luke von innen wieder dichtzumachen. "Warum wollt ihr das alles wissen?", fragte mich der Alte. "Nur so. Warum wissen Sie's denn so genau?" Er winkte ab. "Das ist eine ganz andere Geschichte."

So richtig zufrieden war ich nicht. Ich beobachtete Senor Talavan mit verstohlenen Blicken, ich wollte prüfen, wie er sich Frauen gegenüber verhält. Die Frauen seiner Gesellschaft waren natürlich oben im Schloss beim Grafen, und ich konnte ihm ja nicht auch noch nachlaufen.

Dann war kurz darauf Jahrmarkt in der Stadt. Es sollte auch ein neuer Bürgermeister gewählt werden, weil der vorherige gestorben war. Und so bestand die Hoffnung, daß der Graf von Henneberg sich mit seinem Gefolge auch blicken lässt. Da die Spanier sich noch hier aufhielten, würden sie ebenfalls dabeisein.

Mit aller Zurückhaltung machte ich Senor Talavan auf das bevorstehende Fest aufmerksam, er war bereits darüber informiert, und dann fragte er mich doch tatsächlich, ob man mich, die "Senorita Eleonore", auch dort antreffen würde. Ich wurde wieder puterrot (immer noch) und sagte dann schnell und ein wenig übermütig "Gewiss Euer Exzellenz, ich komme in Begleitung meines Freundes." Er musste ein Lächeln unterdrücken, und das machte mich schon wieder wütend.

Der Jahrmarkt war bei uns immer ein richtiges Volksfest, und in diesem Jahr war alles noch viel schöner und turbulenter. (Nebenbei gesagt, hatte diesmal auch die Nürnberger Handelsgesellschaft des Jakob Welser eine Abordnung von Kaufleuten hergeschickt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, daß wir später mit Jakob Welsers Leuten an einem ganz anderen Ort zusammentreffen würden.)

Beim Jahrmarkt hatte ich die Aufgabe, für meinen Onkel und seine Gastwirtschaft alles einzukaufen, was benötigt wurde, weil die alten Gerätschaften zum Teil kaputt oder unbrauchbar waren, oder weil es irgendetwas Neuartiges gab, das die Arbeit erleichterte. Freilich kümmerte ich mich nur um die kleineren Sachen, wie beispielsweise das Geschirr, Töpfe und Krüge oder die Messer, von denen diesmal sehr gute dabei waren.

Der Onkel hatte den Knecht Markert abkommandiert, damit er mir behilflich sei, das ganze Zeug fortzutragen. Denn ein bisschen hatte ich López Talavan beschwindelt, als ich sagte, Thomas werde mich begleiten. Thomas musste natürlich selber bei Meister Hartmann mithelfen, der ein Sortiment seiner neuesten Bücher feilbot.

Was mir aber noch mehr Spaß machte, waren die lustigen Vorführungen des fahrenden Volks, die Musikanten, Schauspieler, Zauberkünstler und sonstwelche komische Vögel, die manchmal wirklich erstaunliche Dinge darboten. Über den Kalten Markt hatte einer ein Seil gespannt, und in einem buntscheckigen Kostüm mit einer Schellenkappe (wie Till Eulenspiegel) und nur mit einer dünnen hölzernen Stange für die Balance stolzierte er von einem Ende zum andern und wieder zurück. Er zog eine Leine hinter sich her, an der bunte Fähnchen aufgereiht waren, die sich entlang des Seils entfalteten. Und er hängte sich einen Korb vor die Brust, aus dem er Rosenblüten hinab in die Menge warf.

Die Spanier kamen auch. Sie gingen paarweise, vornehme Frauen an der Seite galanter Männer. Der Graf von Henneberg hatte alles aufgeboten, was in seinen Kreisen an weiblicher Schönheit zu finden war. Christine von Hessen, eine Nichte des Landgrafen, übertraf sie alle, sie besaß einen bezaubernden Charme. Sie wurde begleitet von einem älteren Spanier, der ein wenig wie ihr Beichtvater wirkte; sie lächelte den Leuten zu, von denen manche sogar den Saum ihres Kleides küssten.

López Talavan führte auch ein deutsches Fräulein, die beiden achteten weniger auf die Menge, sie unterhielten sich angeregt, und bei ihrem Anblick fragte ich mich, worüber, in aller Welt er mit ihr sprach, was er nicht ebensogut mit mir bereden könnte? Aber er bemerkte mich natürlich nicht, und ich drängte mich auch nicht nach vorn, es wäre ja lächerlich gewesen, ihm zuzuwinken.

Obwohl mir der Knecht Markert viel Arbeit abnahm, war ich am Abend ganz schön erledigt. Zwischendurch waren wir beim Onkel im Gasthaus, das sonst zum Jahrmarkt immer von den Kaufleuten belegt war. Aber diesmal hatte ja der Graf und sein spanischer Besuch für ein volles Haus gesorgt; der Onkel musste nicht übermäßig schuften und machte trotzdem ein gutes Geschäft. Er war so gutgelaunt, daß er mir etwas zusteckte. Ich sagte "Markert hat mir sehr geholfen." "Ja ja, der kriegt auch was."

Von dem Geld kaufte ich eins von den guten Messern, in einer festen Lederhülle. Das schenkte ich Thomas und er freute sich wie ein Kind. "Bekomme ich jetzt ein Küsschen?" "Alles, was du willst", sagte er, aber dann gab er mir bloß eines auf die Wange. Wir gingen ins "Rote Ross", wo die Musikanten zum Tanz aufspielten, und bei der ausgelassenen Stimmung fühlte ich mich so wohl, daß ich noch die ganze Nacht hätte durchmachen können.

Dort trafen wir auch Sanchez, Talavans Diener, der in einer Ecke den Leuten Geschichten erzählte, mit Händen und Füßen und einem Kauderwelsch aus Deutsch und Spanisch. In unserer Gegend trinken die Männer Bier, aber das war nicht nach Sanchez' Geschmack, er verabscheute es geradezu und hielt sich an den Main-Fränkischen, den die Händler zum Markt mitgebracht hatten. Das war nur ein schwacher Ersatz für seinen geliebten spanischen Rotwein.

Dennoch hatte er dem Hiesigen schon reichlich zugesprochen, und man muss sagen, seine Geschichten wurden mit jedem Becher nicht nur spannender, sondern auch verständlicher. Die Leute staunten und klatschten Beifall, manchmal ging ein Raunen durch die Reihen, dann, an einer gruseligen Stelle, hörte man einen Aufschrei, oder ein andermal brach ein Gelächter aus, wenn Sanchez irgendjemanden von seinen Helden nachahmte. Er hatte sogar seinen Hut bereitgehalten, um einen Obolus zu kassieren.

Ich hatte, wie schon beiläufig erwähnt, zu diesem Sanchez kein besonders gutes Verhältnis, aber so wie jetzt hatte ich ihn auch noch nicht erlebt. Als er uns bemerkte, winkte er uns heran. "Leonora! Thomasius!", rief er. "Kommt her, ich will euch meine neuen Freunde vorstellen." Natürlich kannte ich die meisten davon, denn sie waren ja von hier. Aber es schmeichelte mir jetzt nicht wenig, daß er mich kannte und vor den anderen ansprach.

"Was wollt ihr hören? Soll ich die Geschichte erzählen, wie wir uns in Porto Cabello bei Nacht und Nebel auf eins von Pizarros Schiffen geschlichen und die Vorräte geplündert haben? Oder wie wir am Cap de la Vela gegen den Meeresdrachen kämpften?" "Die kennen wir schon", rief einer von den Zuhörern. "Die kennst du schon?", fuhr ihn Sanchez an und nahm einen Schluck vom Wein. "Die kennst du garantiert noch nicht! Oder habe ich etwa schon erwähnt, daß der riesige Schädel dieses Drachens, nachdem wir ihn abgeschlagen und an Deck gehievt hatten, wieder zum Leben erwachte und anfing, nach uns zu schnappen?" "Oh Gott, nein!", riefen da die anderen. Und daraufhin gab er diese Variante zum Besten, die schließlich darin gipfelte, daß dem Drachenkopf hintendran wieder ein ganzer Rumpf anwuchs, mit einem Schwanz, dessen Ende eine Funken sprühende glühende Schleuder war, die über das Schiffsdeck hinweg fegte wie ein Kugelblitz.

Später, nachdem wir bei den Musikanten pausenlos im Kreis herumgewirbelt waren, bis mir die Fußsohlen brannten, gesellten wir uns wieder zu Sanchez, der nach seiner Vorstellung das Kleingeld, das ihm die Leute zum Schluss in seine Kappe geworfen hatten, in Main-Fränkischen verflüssigte. Es saßen immer noch etliche um ihn herum, vielleicht auch deshalb, weil er die eine und andere Runde spendierte.

"Ist das wahr, daß Sie Francisco Pizarro begegnet sind?", fragte ihn Thomas. "So wahr, wie ich hier sitze", sagte Sanchez und legte die Hand auf sein Herz. "Was für ein Mensch ist er?" "Jemand, vor dem du dich ehrfürchtig verneigen würdest, wenn dich bloß sein Blick streifte." Das war ja so wie mit mir und José López Talavan, dachte ich und flüsterte Thomas zu: "Wer ist dieser Francisco Pizarro?", denn ich hatte den Namen zuvor nicht gehört, doch Thomas beachtete mich nicht und sagte "Aber Sie haben sich nicht vor ihm verneigt, sondern sein Schiff ausgeraubt."

"Na, zwischen mir und dir, mein Junge, ist ja auch ein kleiner Unterschied", rief er und erntete Gelächter in der Runde, das wohl auf Thomas' Kosten ging. Der ließ sich nichts anmerken und sagte "Oder war es eher so, daß Sie die Seiten wechseln und zu ihm überlaufen wollten?" "Hohoho!", ging es durch die Runde und alle verwunderten sich, mit welcher Dreistigkeit der halbwüchsige Thomas dem immerhin von unserem Grafen höchstpersönlich empfangenen Gast begegnete.

Aber Sanchez schien das zu imponieren, er sagte "Nun, wenn du an meiner Stelle gewesen wärst, ich glaube wohl, du hättest nicht lange gezögert und Pizarro die Füße geküsst." Wieder wurde Thomas mit Gelächter gestraft, er konnte Sanchez nicht beikommen. Trotzdem rief er "Ich habe noch keines Mannes Füße geküsst, dazu müsste man mich erst zwingen!" "Gut!", lobte ihn Sanchez, "Ich mag die Leute, die sich nicht vor jedermann verbeugen und verbiegen, denn ich bin auch einer von denen. Nein, mein Junge, ich wollte nicht zu Pizarro überlaufen, obwohl er, wie man weiß, stets den höheren Sold gezahlt hat." "Dann war er so reich und hat dennoch nach dem Eldorado gesucht?"

"Was ist das Eldorado?", wollte ich wissen, und Sanchez sagte "Das ist das sagenhafte Goldland, jenes Reich in der Neuen Welt, wo der größte Goldschatz verborgen ist, den die Menschheit je besessen hat - oh nein, was sag' ich - es muss heißen, den gewisse Menschen je besessen haben, denn du, Leonora, und ich und wir alle hier in der Runde, wir gehören ja auch zur Menschheit - aber eben nicht zu den Herrschern von Eldorado. Ich meine, auch wir hier hätten ein Recht darauf, ihn zu besitzen, und (er schwenkte seine Hand über die Zuhörer hinweg) ihr alle wäret doch bereit, diesen Schatz miteinander zu teilen, nicht wahr?" Sie riefen wie im Chor: "Oh ja, das würden wir tun!"

Sanchez lächelte bloß und fuhr fort "Was deine Frage betrifft, Thomasius, so kann ich dir sagen, daß Francisco Pizarro keineswegs ein reicher Mann ist, vielmehr aus sehr einfachen Verhältnissen stammt. Das Geld, womit er seine Söldner auszahlt, hat ihm der König gegeben, den er für seine Unternehmung zu gewinnen wusste. Ein Mann allein, und mag er noch so großartig und überragend sein, kann heutzutage wenig erreichen ohne die Unterstützung anderer, die vielleicht nicht sein Format haben, dafür aber die nötigen Mittel, um seine Pläne in die Tat umzusetzen."

Sanchez berichtete noch manches mehr von diesem Francisco Pizarro, unter anderem, wie er angeblich dabei war, als Pizarro "und seine gottverdammten Brüder" über einer Landkarte beraten haben, auf der das Eldorado eingezeichnet war. Und ich bemerkte, wie sich Thomas' Miene bei seinen Reden verfinsterte. Ich sagte zu Sanchez "Senor! Können Sie eigentlich für das, was Sie hier erzählen, irgendeinen Beweis liefern?"

Er lachte wieder, "Leonora, du bist ein kluges und hübsches Kind. Und wenn du Beweise sehen willst, dann komm' mit mir nach Spanien, und ich werde dir all' die wundersamen Dinge zeigen, die ich aus der Neuen Welt mit heimgebracht habe." Er schwenkte den Becher zum Wirt hin, und der holte noch mehr zu trinken. Man stieß an auf die Neue Welt, auf Spanien und den Main-Fränkischen, auf den Papst und auf seine Gegner, auf das Schmalkalder Bier und - damit ich mittrinke - auf die Frauen.

Und wie ich gerade mit dem schweren Bierhumpen kämpfte, erschien López Talavan in Begleitung einer Garde, die ihm der Graf persönlich an die Seite gegeben hatte. "Buenas tardes, Senores", sagte er freundlich. Ich verschluckte mich und spuckte das Bier auf mein Kleid, ich sprang auf, verbeugte mich tief vor ihm und sagte "Zu Euern Diensten, Exzellenz." Einige Lacher der anderen verstummten sofort.

Er reichte mir die Hand. "Senorita, bitte, heute nicht diese Förmlichkeit. Ich möchte die fröhliche Runde nicht stören." "Ihr stört uns keineswegs", sagte ich. Und dann geschah etwas sehr Bewegendes. Einer von den Männern hatte sich halblaut bei Thomas erkundigt, wie der Spanier heißt, und plötzlich erhoben sich alle und einer sagte "Senor José López Talavan, Euer Exzellenz, es ist uns eine Ehre, Euch als unseren Gast willkommen zu heißen." Ich bemerkte, wie er tatsächlich etwas verlegen wurde, und da verliebte ich mich aufs heftigste in ihn.

Er machte eine Geste, daß sie ruhig wieder Platz nehmen sollten und sagte "Ich würde gern verweilen, aber ich muss morgen früh aufstehen. Sanchez!" Er gab ihm ein Zeichen, und Sanchez trat zu ihm hin, sie wechselten ein paar Worte, und dann verabschiedete Talavan sich, indem er sagte, er werde eine Runde Bier ausgeben, das auf unser aller Wohl zu trinken wir die Gefälligkeit haben mögen. Hurra- und Hochrufe schallten ihm nach.

Wie sehr war ich beseelt von dem Gedanken, ich könnte seine Laudine sein. Hatte der Alte in dem Gewölbe nicht gesagt, zwischen ihr und Ywain habe lange Zeit ein Verhältnis schwelender Liebe bestanden, von dem gar nicht so sicher war, daß es in ein ernsthaftes, festes übergehen werde? Oder bildete ich mir jetzt bloß ein, das gehört zu haben?

Und war ich nicht überhaupt besser zu einer Lunete geeignet? Zu der, welche den Ywain aus jeder Gefahr rettet, aus der er - warum auch immer - sich nicht selber retten kann? Oh, wenn ich nur mehr über Lunete erfahren hätte, als es mir die Malereien und der karge Bericht des Alten verraten hatten. So aber war ich dabei, Lunete mir anzupassen, anstatt umgekehrt ihr, als meinem Vorbild, nachzueifern.

In einer Hinsicht jedenfalls waren wir uns gleich: der Lohn für meine Liebe wäre wohl eher Trost statt Gegenliebe gewesen, damit hätte ich mich begnügen müssen. Trost darüber, daß mein Held ohne meinen innigen Beistand womöglich manches Mal nicht so leicht zum Ziel gekommen wäre. Und doch konnte ich mir nicht recht vorstellen, wie Lunete mit ihrem selbstlosen Einsatz so ganz zufrieden war, wo sie doch mitansehen musste, daß ihre Herrin dafür die Früchte erntete, um es mal bildlich zu formulieren. Oder hatte Lunete einen Makel? War sie vielleicht so hässlich, daß der Gedanke, Ywain könnte jemals mit ihr liebäugeln, vollkommen abwegig war? Diese Überlegungen ließen mich von Lunete schnell wieder Abstand nehmen.

Dieser Sanchez blieb mir weiterhin unangenehm. Am Tag nach dem "Roten Ross" war er mir gegenüber ebenso knurrig und abweisend wie am Anfang, und ich war überzeugt, daß ihm dort bloß der Wein zu Kopf gestiegen und er deshalb so redselig geworden war. Auch Thomas war missmutig, und ich überlegte schon, ob ich vielleicht doch irgendwie Anstoß erregt habe. Aber mit mir hatte es nichts zu tun. Als ich ihn fragte, erklärte er, daß ihn das Gerede über Francisco Pizarro und über dieses gewisse Eldorado aufgeregt hätte, und um ihn zu trösten, sagte ich "Gib nichts drauf. Wahrscheinlich hat er sich doch alles nur ausgedacht, dem kann man nicht übern Weg trauen."

Aber nach einer Weile merkte ich, wie mich die Sache selber beschäftigte, und ich fragte Thomas, was es mit Pizarro und dem Eldorado auf sich habe. Daraufhin hielt er mir einen langen Vortrag darüber, wie die Spanier Westindien entdeckt und erobert haben, angefangen von jenem legendären Cristóbal Colón, genannt Kolumbus, der mit nur drei Schiffen, die überdies auch noch halbmorsch waren, den großen Ozean überquerte und die Insel Hispaniola erreichte und dann reich beladen mit Gold und Edelsteinen wieder zurückkam. Und vieles mehr, das er sich aus den Büchern angelesen hatte. Er gab mir "De Insulis Inventis" (die "Baseler Ausgabe" wie er betonte), und ich sagte "Ich kann doch kein Latein lesen." "Du brauchst dir bloß die Bilder anzugucken."

Und wirklich, darin waren Holzschnitte, auf denen ganz wundersame - und auch scheußliche - Dinge zu sehen waren. Wie Kolumbus und seine Mannen das fremde Eiland betreten, das von dichtem Urwald bedeckt ist, mit Schlangen, Affen, Löwen (da war der Löwe!) und anderen gefährlichen wilden Tieren; wie die Spanier, in Helm und Harnisch, auf die Insulaner treffen, nackte Männlein und Weiblein mit seltsamen Frisuren und bemalten Körpern; wie sie venezianische Perlen gegen Gold (Thomas erklärte mir, daß es sich dabei um Gold handelt) tauschen; und wie sie schließlich unter den Eingeborenen ein schreckliches Blutbad anrichten, ihnen Hände und Füße abhacken und sie dann noch eine Weile so herumzappeln lassen, daß ihnen das Blut aus den Stümpfen spritzt, bis sie die Verstümmelten dann auf einem Scheiterhaufen verbrennen.

Nach einer Weile konnte ich es mir nicht mehr ansehen. "Warum", fragte ich ihn, um meiner Bestürzung Herr zu werden, "haben sie denn erst mit ihnen gehandelt, wenn sie sie doch hinterher abschlachten?" Thomas sagte "Die Indianer waren nicht redlich. Mit ihren Tauschgeschäften versuchten sie von Anfang an, die Spanier in eine Falle zu locken. Sie boten ihnen sogar ihre Frauen an. Das zeigt, daß sie es nicht ehrlich meinten. Sie waren zwar in der Überzahl, aber sie hatten natürlich einen Heidenschiss vor den Donnerbüchsen und vor den Pferden der Fremden. Sie hätten sie nur im Hinterhalt töten können, aber die Spanier waren auf der Hut. Und sie nutzten die Gelegenheit, als die Indianer scheinbar auf ihren Handel eingingen, und nahmen sie gefangen."

Wir kamen diesmal nicht mehr dazu, über Pizarros Eldorado zu sprechen, weil mein Onkel erschien, er hatte ein kleines Problem. Es war seit dem Jahrmarkt ein Nürnberger Kaufmann dageblieben, der nach Erfurt wollte. Der kürzeste Weg ging über den Thüringer Wald, aber den konnte man nicht ohne einen kundigen Führer nehmen. Der Nürnberger mietete beim Onkel Pferde und war bereit, ein hübsches Sümmchen dafür zu zahlen, daß ihn jemand begleitet. Aber er hätte natürlich abgelehnt, wenn es ein Mädchen sein sollte.

Da fiel mir ein, daß Meister Hartmann ohnehin eins von den neuen Rechenbüchern haben wollte, die in Erfurt gedruckt werden. Thomas und ich könnten also zusammen den Kaufmann hinüberbringen. "Ich ziehe mir einfach wieder deine Hosen an und bin dein Bruder." "Wieso wieder?", fragte der Onkel. "Ähm, ach das war nur mal so'n Spaß gewesen."

Meister Hartmann stimmte zu, nur sollte Thomas schnellstmöglich zurückkehren. Der Nürnberger heuerte uns beide an, wobei der Onkel das meiste für die Pferde verlangte. Dann tauchte auf einmal einer auf, der so etwas wie sein Leibwächter war, ein Hühne von einem Mann, zu dem ich aufschauen musste.

Er hatte strohblonde Stoppelhaare und Hände so groß wie Brotschieber. Er hieß Faffner, und er trug am Gürtel zwei Steinschlosspistolen, die Thomas sehr beeindruckten. Er hatte Stiefel an, in die ich bis zur Hüfte hineingepasst hätte, ehrlich. Was sehr merkwürdig war: er hatte einen Schmalkalder Dialekt, er musste hier aus der Gegend stammen.

Wir machten uns frühmorgens auf den Weg. Vorneweg der Riese, dann Thomas mit dem Nürnberger, und ich hinterdrein. Der Nürnberger sprach kein Wort. Der Riese tat so, als wüsste er, wo entlang es geht, aber schon bei der nächsten Weggabelung rief Thomas: "Wir müssen nach rechts." Faffner knurrte, als hätte ihm jemand das Essen weggenommen. Der Nürnberger sagte "Na was denn nun?" Thomas bestand auf seiner Entscheidung.

Als wir eine Rast gemacht gemacht hatten und weiter wollten, nahm Faffner wieder den falschen Weg, und Thomas war dagegen. Der Riese wurde richtig rot vor Zorn, er legte die Hand an eine seiner Pistolen, und ich befürchtete schon Schlimmes, aber das war, wie ich bald feststellte so eine Angewohnheit von ihm, um sich zu beruhigen. Dennoch schien er mir unberechenbar.

Beim dritten Mal wollte er doch tatsächlich in die Richtung weiterreiten, aus der wir eben gekommen waren. Und da meinte der Nürnberger "Er kann sich nicht orientieren. Sonst hätte ich auch auf euch verzichten können." Meine Güte, war das ein ungehobeltes Paar. "Haben Sie es schon mal mit einem Kompass versucht?", fragte Thomas den Riesen. Der warf wiehernd den Kopf empor und rief "Wart's ab, Bürschchen, dir werde ich gleich was mit dem Kompass geben!" Thomas drehte sich fragend zu mir um, ich zuckte nur mit den Schultern. Beim Gehirn hatte es der liebe Gott wohl bei Faffner fehlen lassen.

Ich machte mir weiter keine Gedanken darüber, denn eigentlich musste ich ja die ganze Zeit an López Talavan und die Spanier denken, die nicht mehr da sein würden, wenn wir zurückkommen. Ich versuchte, alles, was ich in den vergangenen Tagen erlebt hatte, so ungerührt wie möglich zu betrachten. Aber ich musste ständig mit den Tränen kämpfen.

Das war der Mann, der mich in meinem bisherigen Leben am meisten beeindruckt hatte. Und wenn auch die Gefahr bestand, daß mein Verhalten ihm gegenüber an Lächerlichkeit nicht zu übertreffen war, so hatte ich doch keinen Zweifel daran, daß darin zugleich für mich die einzige Möglichkeit bestand, einen Mann wirklich, das heißt mit ganzem Herzen, zu lieben. Das würde mir gelingen, wenn ich erstens noch ein bisschen älter und erfahrener bin, und wenn zweitens jener Auserwählte sich auch zu mir hingezogen fühlt. Beides hing untrennbar zusammen.

Und López Talavan hatte mich - ob mit Absicht oder nicht - darin sogar bestärkt. Als ich zuletzt zu ihm ging, um mich von ihm zu verabschieden, sprachen wir noch über dies und jenes, und er sagte, Sanchez habe ihm erzählt, wie gut ich mich ausdrücken kann, und er fragte, wo ich dies gelernt habe. "Das habe ich mir selbst beigebracht." Er spitzte die Lippen und sagte "Chapó! Alle Achtung." Ich setzte noch eins drauf und meinte, ich würde bald auch noch rechnen können.

Dann wusste ich nicht, worauf er hinauswollte, als er sagte "Seine Majestät, der Kaiser Karl, ist ein Habsburger, wie du vielleicht weißt." "Ja. Nein. Nicht so genau." "Die Habsburger sind Österreicher, also von Haus aus Deutsche." "Ja, das weiß ich. Hier hat mal ein Österreicher logiert, aber ehrlich gesagt, konnte man ihn kaum verstehen." López Talavan lachte. "Ja, und der Kaiser stammt aus Flandern." "Wo liegt das nun wieder?" "In den Niederlanden." "Ah." "Er ist schon einige Zeit König von Spanien. Und bei der weitläufigen Verwandtschaft der Habsburger kommt es am spanischen Hof immer mal wieder vor, daß deutsch gesprochen wird. Erst kürzlich hat man ein Kindermädchen für die Prinzessin Elisabeth gesucht, oder für eine ihrer Cousinen. Was ich sagen will (mir stockte der Atem) ist: ein Mädchen wie du würde gewiss an unserem Hof eine gute Anstellung finden, wenn sich jemand dafür verwendet." "Ihr meint, Exzellenz, daß ich ...?" "Nun ja, warum nicht? Es ist nur ein Angebot, das ich dir mache, du solltest darüber nachdenken." Und dann fiel mir genau die richtige Erwiderung ein, ich sagte "Euch zuliebe werde ich darüber nachdenken."

Wir überquerten bei Tambach den Kamm des Thüringer Waldes, und bei einem Felsen machten wir Halt, weil der Nürnberger angeblich die Aussicht genießen wollte, die man von dort über das nördliche Land hatte. Ich sagte, ich kenne das schon und blieb mit Faffner bei den Pferden, und nachdem wir sie angebunden hatten, setzten wir uns nieder, und im nächsten Moment fing der Riese an zu schnarchen, daß die Erde zitterte. Aber ich war auch müde und schloss die Augen, und das sanfte Wummern ließ mich gleich einnicken.

Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, war mindestens eine Stunde vergangen, als Thomas mich wachrüttelte und rief "Eleonore, weiter geht's." "Eleonore?", fragte der Kaufmann überrascht. "León", verbesserte sich Thomas, "er sieht seiner Schwester so ähnlich." "Ich denke, ihr seid Brüder." "Ja, ich meine, unserer Schwester." "Lauschige Gegend hier", brummte da Faffner, "jede Menge Wald. Kein Aas würde einen hier finden."

"Ja, aber es gibt auch Räuber", sagte ich schnell, als würde man sich darauf verlassen können. Er lachte wie einer, der beim Kartenspiel haushoch gewonnen hat. "Was, Räuber! Siehst du das hier, Junge!", und er zog eine Pistole aus dem Gürtel, "soll nur einer kommen und was von uns wollen." Von da an hatte ich meinen falschen Namen für alle Fälle weg: León. Und mal ehrlich - das war doch eine gute Wahl.

"Was für eine Art Handel betreibt Ihr?", fragte ich den Nürnberger. "Pelze", antwortete er kurz. "Pilze?" "Pelze, Junge! Wasch dir mal die Ohren." "Also von Tieren?" "Was glaubst du? Von Großvätern?" So viel Witz hätte ich ihm gar nicht zugetraut. "Ich meine, von welchen Tieren? Mir fallen da ein paar ein." "Schön", sagte er.

In Erfurt angekommen, machten sich der Nürnberger und Faffner sogleich aus dem Staub. Da standen wir mit vier Pferden, und es war schon ziemlich spät. Thomas sagte "Wir wollen zuerst sehen, wo wir die Pferde lassen können." Jemand sagte uns, es gebe hinter dem Markt einen Stall, wo man sie für ein paar Kreuzer unterbringen könnte. Das taten wir.

Nun mussten wir für uns selbst was suchen. Für einen Gasthof reichte das Geld nicht. Wie wir da standen, lief ein kleiner Junge vorbei, er war barfuß und hatte einen großen Korb mit Äpfeln dabei. Thomas rief ihm zu, er blieb stehen. "Verkaufst du uns zwei davon?" "Warum nicht. Such' dir welche aus." "Weißt du, wo man hier übernachten kann?" "Klar, bei uns", sagte der Junge, "kommt mit."

Er wohnte in einer Seitengasse in einem schmalen Haus, das aber nach hinten einen Schuppen hatte. "Mama! Wir haben Gäste", rief der Junge in den dunklen Flur. Es war keiner zu sehen. Dann hörte man eine schrille Stimme. "Fort mit ihnen! Ich will niemand sehen!" "Hier lang", sagte der Junge. Er führte uns in den Schuppen. Da war ein Strohlager mit ein paar gefüllten Säcken und einigen Decken. "Habt ihr Hunger?" "Was gibt's denn?", fragte ich, aber Thomas unterbrach mich, "Was soll die Nacht kosten?" Der Junge überlegte, dann rief er zur Tür hinaus "Mama! Was sollen sie bezahlen?" "Für wie lange?", rief es zurück. "Nur eine Nacht." "Zwanzig Kreuzer. Und jetzt sollen sie verschwinden!" "Was ist nun?" "Ihr habt's gehört, zwanzig Kreuzer. Es gibt Bohnensuppe." "Nee danke", sagte Thomas, "da muss ich so viel furzen." Ich verzichtete ebenfalls, obwohl ich noch was vertragen hätte.

Am nächsten Morgen suchten wir die Druckerei, wo es das Rechenbuch geben sollte. Wir fanden sie auch, aber es war alles verschlossen. Wir pochten an die Tür, da öffnete sich oben ein Fenster und eine Frau schaute heraus. "Der Meister ist auf Reisen", sagte sie. "Wir wollten ein Buch kaufen." "Kommt nächste Woche wieder." "Wir sind extra aus Schmalkalden hergekommen, wir können nicht länger bleiben." "Es ist ein Rechenbuch", sagte ich, "vielleicht gibt's das sonst noch irgendwo?" "Das von dem Meister Adam?" "Ja." "Versucht es bei ihm selbst." Sie gab uns die Adresse, und wir gingen hin.

Meister Adam war dick und hatte einen weißen Kittel an. Er hatte einen langen weißen Bart, in dem Brotkrümel hingen, und eine knallrote Kappe auf. "Für heute muss ich Schluss machen", sagte er, ohne uns näher anzusehen, "was kann ich dafür, daß ihr Gören immer zu spät kommt." Wir liefen ihm nach. "Meister, wir wollen ein Rechenbuch kaufen."

Wir folgten ihm in einen Raum, in dem ein halbes Dutzend Kinder saßen, jedes mit einem Rechenbrett vor sich, auf dem kleine Spielsteine hin- und hergeschoben wurden. In der Ecke waren noch mehr, aber jüngere Kinder. Ich dachte mir, daß Meister Adam hier seine Unterweisungen abhält, und wie mein Blick auf die Rechenbretter fiel, war ich ganz fasziniert davon.

"Die Übung ist beendet", rief er den Kindern zu, und die legten erleichtert alles beiseite. "Aber erst noch aufräumen. Die Steine in die Säckchen, die Bretter dort ins Regal. Moritz, heb' das da unten auf. Und sag' deiner Mutter, sie soll dir beim nächsten Mal das Geld mitgeben, sonst schicke ich dich wieder heim." Dann rannten sie lärmend hinaus. "Welches Rechenbuch wollt ihr haben?"

"Wie geht das?", fragte ich und nahm eins von den Brettern zur Hand. Meister Adam war zu den Kindern an der Seite gewatschelt (er hatte einen Gang wie eine Ente) und hatte eines auf den Arm gehoben. "Na, mein Lieschen, mein kleines süßes Mäuschen", sagte er und gab ihm ein Küsschen. Lieschen vergrub ihre Finger in seinem Bart.

Dann wandte er sich zu uns um. "Ihr könnt meine nächste Unterweisung besuchen, zehn mal zwei Stunden drei Franken, da lernt ihr zu rechnen." "Wir haben nicht die Zeit dafür", sagte Thomas. "Tja, anders geht's nicht. Alle möchten es am liebsten mit dem Trichter direkt in den Kopf eingeflößt bekommen, ohne Umweg, ohne Anstrengung." "Wir wollen es nicht eingetrichtert bekommen, wie haben nur leider nicht die Zeit dafür, weil wir nämlich arbeiten müssen."

"Hm. Was macht ihr denn?" "Ich bin Buchdrucker ... Geselle." "Oh, das ist eine sehr ehrenwerte Arbeit", sagte Meister Adam mit echtem Wohlwollen. Und genauso unverblümt fügte er hinzu "Und da wollt ihr mein Buch nachdrucken, was?" "Das entscheide nicht ich", sagte Thomas. Meister Adam lachte, "Glaub' mir, das Buch allein nützt euch gar nichts. Man muss es auch beherrschen. Und du?"

Ich hatte nicht richtig zugehört, weil ich immer noch mit dem Rechenbrett beschäftigt war, auf dem mehrere waagerechte Linien aufgezeichnet waren. "Was ist mit mir?" "Was machst du?" "Ich ... ich arbeite bei meinem Onkel in der Gastwirtschaft." Keine Ahnung, was mich antrieb zu sagen: "Ich werde vielleicht bald an den spanischen Hof gehen."

Thomas sah mich fragend an, der Meister überlegte. "Der Spanische Hof? Kenne ich nicht, ich gehe immer in den 'Erfurter Keller', ist das ein neuer Gasthof in der Stadt?" "Ähm, nein, ich meine den spanischen Hof, das ... das Königshaus." Er schaute zu Thomas, der sagte "Sie hat manchmal so Einfälle." "Aaaahhh", meinte der andere, als würde das keineswegs etwas erklären. "Möglicherweise kann ich da den Kindern etwas beibringen", sagte ich und bemühte mich, bescheiden zu klingen.

Meister Adam sah mich prüfend an, dann meinte er "Gewiss. Kindern kann man überall auf der Welt etwas beibringen, warum nicht auch in Spanien." "Ich möchte ihnen auch rechnen lehren." "Hm. Und dazu ..." "... Brauchen wir Eure Hilfe", ergänzte Thomas, "Ihr seht, wir würden Euch keine Konkurrenz machen." Der Meister lachte aus vollem Hals, und Lieschen wich erschrocken vor seinem Gesicht zurück, "Da bin ich euch aber dankbar."

Er setzte die Kleine wieder zu den anderen Kindern und fragte mich dann "Hast du das schon mal gemacht?" "Rechnen? Bei meinem Onkel mache ich manchmal die Strichliste, wieviel Bier die Männer trinken, und dann rechne ich die Zeche aus." "Hm."

Er legte ein Rechenbrett auf den Tisch und nahm eine Handvoll Steine, sie waren aus Ton gebrannt und sahen aus wie dicke kleine Münzen. "Meine Methode nennt sich 'Rechnung auf den Linien'", sagte er und legte eine Reihe auf. "Was bedeutet 'Methode'?" wollte ich wissen. "Das kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie: der richtige Weg zur Lösung." Ich lachte, "Das gefällt mir."

"Aufgabe: Wir haben fünf. Wir geben acht dazu." Während er sprach, schob er die Steinchen von einer Linie auf eine andere, nahm welche weg, ordnete sie neu. "Ergibt dreizehn." "Aber da liegen nur vier." "Der hier zählt zehn." "Weil er auf dieser Linie liegt." "Richtig." "Aufgabe: Wir haben sieben. Wir geben neun dazu ... Aufgabe: Wir haben fünfzehn. Wir ziehen sechs ab ... Aufgabe: Wir haben neunundzwanzig. Wir geben achtzehn dazu ..."

So ging das hintereinander weg, eine Aufgabe nach der andern, bis eins von den Kindern, die offenbar seine eigenen waren, anfing zu schreien. Er watschelte zu ihnen hin. "Ach, meine Lieben! Hätte ich euch doch beinahe vergessen. Ihr habt Hunger, nicht wahr? Ich bringe euch sofort hinunter zu Tante Marthe, da gibt es feines Ham-ham."

"Können wir Euch helfen?", fragte ich. "Sicher." Wir brachten die Kinder hinunter in die Küche, wo die besagte Marthe das Essen zubereitet hatte. "Ich habe schon gerufen", sagte sie, "aber da oben hört mich ja nie einer." Dann erklärte der Meister "Meine liebe Frau liegt krank darnieder, und ich muss mich um die Kleinen kümmern, bis sie wieder gesund ist." "Möchten Sie auch etwas essen?", fragte uns Marthe. "Gern", sagte Thomas, und ich nickte.

Die Kinder bekamen Brei, für die Großen hatte Marthe Eierkuchen in der Pfanne gebacken, mit einer Füllung aus Geflügelfleisch und Pilzen. Thomas sagte "Hm, lecker, mit echten Pelzen." Wir mussten lachen. "Bitte?", fragte Marthe, und wir erzählten die Geschichte von dem Nürnberger, worauf Meister Adam mit vollem Mund so lachen musste, daß ihm was von dem Eierkuchen in seinen Bart fiel.

Wir kauften ein Buch, das hatte den Titel: Rechnung auf den Linien. Für allerlei Hantierung gemacht. Es war teurer als Thomas dachte. Er musste noch Geld aus einem Beutel drauflegen, den er in der Hose versteckt hatte. Meister Adam gab uns ein Rechenbrett und ein Säckchen mit Steinen dazu, obwohl ich mir schon überlegt hatte, daß es mit echten Münzen wahrscheinlich noch besser geht, wenn man sie nach ihrem Wert sortiert.

Es war um die Mittagszeit, und wir beschlossen, uns schleunigst wieder auf den Heimweg zu machen. Wir würden mindestens bis Tambach kommen. Wir holten die Pferde in dem Stall am Markt ab. Da war ein Mann, der laut herumkrakeelte. Er war offenbar betrunken. Seine Kleidung war gar nicht ärmlich, der Mantel war aus gutem Stoff, und die Stiefel wie neu, abgesehen davon, daß jetzt überall Pferdemist dranklebte.

Er stand mitten im Eingang, als wir kamen, und ließ uns nicht rein. "Doktor", redete der Pferdeknecht auf ihn ein, "so gehen Sie doch zur Seite und lassen die Leute durch." "Ich denke nicht dran", gab der Doktor empört zurück, "ich bleibe stehen, wo es mir gefällt." Er stand wirklich mit einem Fuß in einem Haufen dampfender Pferdeäpfel, den der Knecht gerade beseitigen wollte.

"Guten Tag, schönes Kind", rief er mir zu. Ich muss dazu sagen: ich hatte mir morgens mein Kleid wieder angezogen, bevor wir zu dem Rechenmeister gingen, und jetzt wollte ich mich hier irgendwo in einem Winkel des Pferdestalls umkleiden. "Schönen Dank, Gevatter", antwortete ich. Er lachte aus vollem Hals. "Gestatten Sie?", sagte Thomas, weil wir vorbei wollten. "Hej, du Lümmel, fass mich nicht an!", brüllte er, wich aber dennoch zur Seite, wobei er mich anstarrte wie einen Mondhasen. Er verfolgte mich mit seinem aufdringlichen Blick, bis wir bei unseren Pferden waren.

"Wer ist das denn?", fragte ich den Knecht. "Das ist der Doktor Faust", meinte er, "ein Gelehrter." Dabei verdrehte er die Augen und legte vielsagend den Finger an den Kopf. "Er hat gestern abend mit irgendwelchen Spaniern gezecht, dann hat er sich mitten in der Nacht hierher verlaufen und ist vorhin erst aufgewacht." "Mit Spaniern?", sagte ich und dachte 'Meine Güte! Wir sind nicht halb so gebildet wie der und haben mit Spaniern doch einen besseren Umgang.'

Thomas bezahlte für die Unterbringung. Der Doktor war uns nachgeschlichen, er stand ein paar Schritte abseits bei einem Stallburschen, der die Pferde mit Hafer fütterte. Ich hörte, wie er zu ihm sagte "Du musst mir die Dirne beschaffen!" "Welche?", fragte der Bursche, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. "Diese!" "Die da?" Er warf einen flüchtigen Blick zu uns hinüber. "Die kenn' ich nicht, die ist nicht von hier. Außerdem, Herr Doktor", fügte er hinzu, "ist die ein bisschen zu jung für Euch."

Der Doktor geriet außer sich vor Zorn. Er packte den Stallburschen am Kragen und schüttelte ihn durch. "Zu jung? Zu jung? Du dämlicher Trottel. Was weißt du denn, was zu jung für mich ist!" "Hoho, heda!", rief unser Knecht und sprang hinzu, "schön friedlich bleiben, Doktor, sonst rufen wir die Stadtwache. Wenn ich mich nicht irre, habt Ihr noch vom letzten Mal eine Schuld abzutragen."

Mit einem angewiderten Ächzen stieß der Doktor den Burschen von sich. Dann fiel sein Blick auf seine Stiefel. "Zum Teufel, wie sehen die nur aus!" "Kommt mit", meinte der Knecht versöhnlich, "ich werde sie putzen, und Euern Mantel auch, dann könnt Ihr wieder auf die Straße." Er machte uns mit dem Kopf ein Zeichen, daß wir schnell verschwinden sollen, und führte den Doktor weg wie einen vergesslichen alten Mann.

Als wir ans Stadttor kamen, mussten wir alles vorzeigen, was wir bei uns hatten. Neben uns stand ein Kaufmann, der fürchterlich schimpfte, weil sie seine ganze Ladung auseinander nahmen. "Was suchen Sie eigentlich?", fragte ich den Zöllner. "Das geht dich einen Dreck an." Dann ließen sie uns hinaus. "Diese Stadt ist voll von komischen Käuzen", meinte Thomas. "Na, dieser Doktor war der einzige, den wir getroffen haben." "Hm. Ich möchte jedenfalls nicht da leben, es ist alles so ... so geregelt."

Ich sah, wie Thomas innerlich vor Wut kochte, als die Zöllner in unsern Bündeln herumwühlten. So etwas konnte er nur schwer ertragen, und ich sah, wie er sich zusammenreißen musste, um nicht ausfällig zu werden, zumal er das mit dem betrunkenen Doktor schon widerwillig geschluckt hatte.

In Tambach fanden wir ein Quartier bei einem Hufschmied. Bis in die Nacht hämmerte es da beinahe ununterbrochen auf den Amboss. Ein kleiner, dicker Mann in einer Ordenstracht war ebenfalls hier abgestiegen. Als er uns sah, sagte er bloß "Der Herr sei mit euch", dann vertiefte er sich ins Gebet und murmelte leise vor sich hin. Thomas sagte, es sei einer von den Augustinern, wegen der schwarzen Kutte. "Dann ist er ein Evangelischer?" "Frag ihn doch." Später fanden wir ihn unten in der Küche, wo man etwas essen und trinken konnte. Er hatte ein wachsames Auge auf seinen Reisesack, in dem irgendein kastenähnliches Ding steckte.

Ich hatte schon bemerkt, daß Thomas etwas beschäftigte, und schließlich fing er damit an. "Was war das eigentlich, was du da über den spanischen Hof erzählt hast?" "Daß ich da hin gehen will? Das war nur ein Scherz." "Nein. Ich kenne dich, ich weiß, wann du was im Scherz sagst und wann nicht. Das war ernst gemeint. Wie kommst du darauf?"

Ich gab das wieder, was López Talavan zu mir gesagt hatte und war ein bisschen überrascht, als Thomas meinte "Das hört sich gar nicht schlecht an." "Findest du? Aber was, wenn er es nur so dahergesagt hat?" "Warum sollte er das tun?" Ich zuckte mit den Schultern. "Na ja, vielleicht wollte er ..." "Dir damit schmeicheln?"

Ich wurde rot, und man sah es trotz des schwachen Lichtscheins in der Kammer. Der Augustiner rappelte sich von seinem Lager auf, vergewisserte sich, daß mit seinem Reisesack alles in Ordnung war, schaute zu uns herüber und sagte "Der Herr sei mit euch", dann kniete er sich hin und betete.

"Das war doch nicht zu übersehen, welchen Eindruck er auf dich gemacht hat", sagte Thomas. "Ach was." "Du hast ihn geradezu angehimmelt." Der Augustiner räusperte sich. Ich flüsterte "Es ist ganz unmöglich. Wie soll ich denn nach Spanien kommen?" "Man kann alles schaffen, wenn man es nur richtig anstellt."

"Und du? Was du mir über Pizarro und dieses Eldorado erzählt hast, das kam doch auch nicht von ungefähr?" "Ich habe dir gar nichts darüber erzählst." "Aber du wolltest, das heißt, du hast wahrscheinlich schon viel drüber nachgedacht." Er schwieg. Der Augustiner hatte sein Gebet beendet und sich wieder hingelegt. "Das stimmt", gab Thomas dann zu. "Was ist denn nun eigentlich genau damit?" "Lass uns morgen weiterreden, ich bin hundemüde." "Gut." Ich sah, daß er noch eine ganze Weile dalag und mit offenen Augen an die Decke starrte.

Bei dieser, wie auch bei anderen Gelegenheiten, war aus ihm über das Eldorado nicht viel herauszubringen, es schien mir manchmal, daß er sogar mir gegenüber nicht alles sagen wollte, was er darüber wusste oder dachte. Es war ein sagenhaftes Goldland, el reino maravilloso de oro y preciosa, so hatte Sanchez es genannt. Ja, ich habe noch nicht erwähnt, daß ich auch ihn darüber befragt hatte.

Aber Sanchez war genauso verschlossen, wenn man ihn daraufhin ansprach. Trotzdem hatte ich bemerkt, daß er natürlich viel besser darüber Bescheid wusste als Thomas, der es nur aus ein paar Berichten kannte, die er bei Meister Hartmann gefunden hatte.

Und auch den hatte ich, hinter Thomas' Rücken, darum gebeten, mir die Bücher zu zeigen, die davon handeln. Es gab da eine Schilderung eines gewissen Pedro Moncayo, der mit einem von den Conquistadores (so nennen sich, wie ich erfuhr, die spanischen Militärführer, welche im Auftrag Ihrer Majestät den Neuen Kontinent erobern) von der Küste aus ins Innere des Landes vorgedrungen war, wo sie auf ein Reich stießen, das unter der Herrschaft eines Königs stand, der sich "der Inka" nennt und der von sich behauptet, göttlicher Abstammung zu sein.

Und in der Hauptstadt dieses Inka Reichs, die mitten in einem großen See liegt und als uneinnehmbar gilt, in dieser Stadt also wäre alles aus purem Gold, angefangen von den Pflastersteinen auf den Straßen, den Türklinken an den Häusern bis hin zu den Einrichtungen im Innern und allem Hab und Gut der Einwohner. Ihre Teller und Becher, Löffel und Tintenfässer - alles ist aus Gold; ihre Kleider sind mit Goldfäden durchwirkt, die Männer tragen goldene Ringe und Ketten, das Haar der Frauen ist mit Goldstaub gepudert, und sogar die Pferde saufen Wasser aus goldenen Trögen.

Sanchez hatte mir eine Geschichte erzählt, die dort sehr beliebt sein soll und die von einem Mädchen handelt, das (ganz unverschuldet) in große Armut gerät und schon nahe daran ist, vor Hunger zu sterben, als plötzlich vom Himmel herab lauter Goldstücke auf sie fallen, die sie bloß aufzuheben braucht, und ihre Not damit für immer ein Ende hat.

"Manche glauben", meinte Sanchez, "daß dieses Mädchen eine Tochter der Coya war, der Königin von Tahuantin-Suyu, die ihrerseits die Gemahlin des himmlischen Sonnengottes ist. Das arme Ding kannte seine Herkunft bloß nicht, und ein paar niederträchtige Dämonen haben sie ins Unglück gestürzt, bevor sie dann auf so wohltätige Weise errettet wurde."

"Aber das ist ja das Märchen von den Sterntalern", sagte ich und erklärte Sanchez, daß diese Geschichte auch bei uns erzählt wird. (Er war stark beeindruckt, und das war wohl auch ein Grund dafür, daß er López Talavan von meinem angeblich so erstaunlichen Wissen berichtete.) Aber Sanchez nahm an, ich hätte die Geschichte schon vorher von irgendjemandem erfahren und gut im Gedächtnis behalten.

"Dann weißt du auch", fuhr er fort, "daß damals so viel Gold auf die Erde fiel, daß sich die Kleine in eine Höhle flüchten musste, um nicht unter dem Berg von Gold lebendig begraben zu werden." Das kam mir gleich merkwürdig vor, aber ich schwieg und ließ ihn ausreden. "Und als die Coya es genug Gold hatte regnen lassen, da machte sich das Mädchen daran, alles in die Höhle zu schaffen und dort gut zu verstecken. Nur einen kleinen Teil steckte sie ein, um sich zuerst das Nötigste zu beschaffen, Essen und Sachen zum Anziehen und so weiter.

Und mit Hilfe eines Riesendrachens, der aus Neugier hinzugekommen war, schoben sie einen großen Felsbrocken vor den Höhleneingang." "Lassen Sie mich raten, Sanchez", sagte ich da, "dieser Felsbrocken kann nur mit einem Zauberspruch wieder beiseite bewegt werden, stimmt's?" "Aber ja! Leonora, das hast du dir gut gemerkt. Und weißt du nun vielleicht auch, wie dieser Spruch lautet?" Ich schüttelte den Kopf, "Nein, woher denn."

Sanchez schlug mit der Faust auf den Tisch, daß ich glaubte, er würde zusammenkrachen, und er lachte wie einer, der schon mal sein ganzes Glück in Händen gehalten hatte, dem es aber im nächsten Augenblick wieder entglitten war. "Das hätte mich auch sehr gewundert", sagte er und beugte sich nahe an mein Gesicht heran, "denn dann, meine liebe Leonora, hätte ich dich sofort zu meiner Braut gemacht und wir wären so schnell es nur ginge, dorthin gereist, damit du diesen verfluchten Felsbrocken zur Seite schiebst, ha ha ha."

"Moment mal, Sanchez! Erstens, wer sagt Ihnen, daß ich Sie zum Mann nehmen würde? Und zweitens würde es vielleicht genügen, wenn Sie den Zauberspruch von mir erfahren und es allein tun würden." (Auf meinen ersten Einwand ging er nicht weiter ein.) "Das hat seinen Grund darin, daß dies nur jemandem gelingt, der unschuldig ist und ein reines Herz hat. Und ich", beschloss er seine Rede, "bin ein Mann, der - zum Teufel nochmal - beides längst nicht mehr besitzt."

Abgesehen davon, daß ich den Spruch natürlich nicht kannte, hätte ich mich niemals mit diesem Sanchez darauf eingelassen. Ich nahm das alles auch nicht für bare Münze, so wie er es anscheinend tat. Aber ich ertappte mich dabei, daß ich Thomas für denjenigen hielt, der am ehesten dafür in Frage kommt. Und höchstwahrscheinlich hatte Thomas auch schon längst vor mir all' die Bücher in Hartmann's Offizin gelesen.

Mal angenommen, in dieser phantastischen Geschichte steckte ein Fünkchen Wahrheit, wie das immer bei solchen Geschichten der Fall ist (davon war ich fest überzeugt), warum hätte ich dann nicht, wie jeder andere dieser unerschrockenen Männer auch, den Versuch unternehmen können, die Höhle mit dem Goldschatz zu finden? Nur weil ich eine Frau bin? Nur weil ich keine Rüstung trage und keine Waffen? Nur weil ich keine Männer befehlige, die mir gehorchen und folgen?

Dann hätte ich - oh, was für eine Vorstellung! - als reiches (und schönes!) Mädchen López Talavan wieder gegenübertreten und ihn überzeugen können, daß ich zu ihm gehöre und er zu mir gehört und wir auf diesem Umweg, den das Schicksal uns vorbehielt, endlich zueinander gefunden hätten. Er wäre mein Ywain gewesen, und ich seine Laudine und Lunete in einer Person! Und dem Löwen wäre es bei uns gewiss auch gut ergangen.

Ganz in der Frühe schreckte ich kurz hoch, als der Augustiner die Schlafkammer verließ, er flüsterte mir im Vorbeigehen ein "Der Herr sei mit dir" zu. Thomas war unter der Zudecke vergraben, und ich fiel auch noch mal für ein Weilchen in einen dämmrigen Halbschlaf.

Drei Stunden später kamen wir mitten im Wald an eine Wegekreuzung, und am Rand, auf einem Fleckchen mit weichem Gras saß unser Augustiner und starrte vor sich hin. "Der Herr sei mit euch", sagte er, als er uns gewahrte. Thomas fragte, ob er ihm helfen könne, wenn er nicht wüsste, wo entlang es geht. "Oh doch doch, das weiß ich", erwiderte er, "ich musste mich halt nur ein wenig ausruhen."

Er erkundigte sich, wohin wir wollen und meinte daraufhin "Würde es euch etwas ausmachen, wenn ich euch begleite?" "Nun, eigentlich ..." Thomas drehte sich um und schaute auf die Pferde. "Oh, ich habe mein eigenes Reittier", sagte der Augustiner schnell und pfiff auf zwei Fingern. Daraufhin kam - allerdings nicht sofort - ein großer dunkler Esel hinter den Büschen hervorgetrabt; es war einer von den sogenannten Waldeseln, welche manche Leute bei uns halten.

"Ihr könnt mich übrigens Bruder Bernward nennen, denn das ist mein Name. Und dies ist Apollon, mein treues Reittier." Wir stellten uns ebenfalls vor und Thomas sagte, daß wir uns schon in Tambach in der Herberge begegnet wären. "Ach, dann wart ihr das", sagte er.

Bruder Bernward war nicht gerade groß, dafür aber um so dicker, und die Kordel, die um seinen Leib gebunden war, maß bestimmt vier oder fünf Ellen. Daran hingen etliche prallgefüllte Beutelchen, was seine Korpulenz noch verstärkte. Er trug einfache Schuhe, die aber recht neu und fest aussahen, und huckepack hatte er diesen Sack, der mir schon aufgefallen war, und der jetzt wie ein großer Schild auf seinem Rücken hing.

Er hatte über dem Doppelkinn ein feistes Gesicht mit roten Flecken und einer Stupsnase und flinken Augen; sein Blick hatte, wie ich im Laufe der Zeit bemerkte, meistens einen Ausdruck von Zufriedenheit, selbst dann, wenn er über etwas Unangenehmes oder Trauriges sprach.

"Sie sind Augustiner, nicht wahr?", sagte Thomas, als wir weiterritten. "Richtig. Aber nicht immer gewesen." "Was waren Sie denn vorher?", fragte ich. "Angefangen habe ich als Benediktiner, also genau gesagt als Zisterzienser, die kommen ja von den Benediktinern her." "Tatsächlich." "Ja", sagte er. Auf seinem Esel schwankte er beim Reiten sanft hin und her, und das gab seinem Redefluss manchmal eine Art Singsang, bis er es bemerkte und sich bemühte, wieder normal zu sprechen.

"Ich bin in Weißensee geboren, meine Eltern waren arme Leute, ich hatte sechs weitere Geschwister, drei davon leben noch." "Und Ihre Eltern?" "Die schickten mich in das Kloster. In Weißensee gab es seit den Zeiten der Landgrafen ein Kloster, aber das war schon ziemlich heruntergekommen, alles arme Leute. Die Ländereien und die Teiche hatten sich größtenteils schon irgendwelche Junker unter den Nagel gerissen, und die Mönche wussten selber nicht mehr so genau, was sie da noch tun sollen. Na, und nach einer Weile waren sie alle entweder gestorben oder fortgegangen. Und ich bin dann auch nach Eisenach gegangen, zu den Franziskanern, die gab es da auch schon seit einer Ewigkeit, übrigens keine armen Leute."

"Und war es da besser?" "Teils, teils", sagte er und musste plötzlich mehrmals ganz heftig niesen, wobei die Flecken auf seinem Gesicht nochmal so groß und tiefrot wurden. "Ist alles in Ordnung?", fragte Thomas. "Ja, ja, kein Grund zur Sorge, das überfällt mich manchmal. Es ist nicht ansteckend", setzte er schnell hinzu. "Ich dachte auch bloß an Ihre Gesundheit." "Oh, der Herr sei allezeit mir dir." Als er sich erholt hatte, sprach er weiter.

"Also einerseits haben die Franziskaner ja hohe Ideale, was die Nächstenliebe und die Barmherzigkeit angeht, das ist etwas, dem ich mich durchaus anschließen kann. In Weißensee hatten sie sich darüber eigentlich keine Gedanken mehr gemacht, sie waren sozusagen auch im Geiste völlig veramt."

"Aber Sie sind nicht bei Franziskanern geblieben?" "Bin ich nicht. Gott hat mir, außer ein paar anderen Eigenschaften, die ich jetzt nicht ausbreiten möchte, eine gewisse Demut gegeben, mit der ich - ich möchte fast sagen: überall unter den Menschen gut gelitten bin. Aber er hat mir auch etwas mitgegeben, ich möchte es mal Leichtfertigkeit nennen, mit der man leicht irgendwo aneckt, an...eckt, ihr versteht?" "Ja, ja." "Bei Leuten, die übereifrig sind und alles furchtbar genau nehmen und die zornig werden, wenn man sich mit dem zufrieden gibt, was einem halbwegs gut und gelungen scheint; denn es könnte ja noch viel besser und doppelt und dreifach haltbarer sein, wenn man sich nur die Mühe machte, es dahin zu bringen!" Er hatte sich bei diesen Worten in Rage geredet und gestikulierte wild mit den Armen.

"Das ist doch eher mangelnder Ehrgeiz?" "Bitte? Ehrgeiz? Mit diesem Wort wusste ich noch nie was anzufangen. Ich nenne es Leichtfertigkeit, ich bevorzuge es, wenn man leicht mit irgendeiner Sache fertig wird und bin's zufrieden. Denn wenn man's genaunimmt, hat uns der liebe Herrgott doch gar nicht so viel Zeit zum Leben geschenkt, damit wir uns ewig lange mit irgendwelchen Nichtigkeiten herumplagen, sondern vielmehr um den rechten Weg zu ihm zu finden." Ich sagte "Ist es auch vorgekommen, daß Ihre Brüder Sie einen Drückeberger genannt haben?" Er war keineswegs erbost über meine Frage und erwiderte "Zuweilen ja. Kurz und gut, von den Franziskanern ging ich nach Erfurt zu den Predigern, weil ich dachte, eigentlich kann ich mit Worten ganz trefflich umgehen und weil ich die Predigten von Meister Eckhart gelesen hatte, der ja auch Dominikaner war. Aber da erlebte ich eine böse Überraschung, als ich feststellte, daß dieselben Predigten in Erfurt ganz anders lauteten."

"Wie denn das?" "Ja, wie denn das? Das habe ich mich auch gefragt. Die hatten sie einfach umgeschrieben oder jedenfalls so nach ihren eigenen Vorstellungen bearbeitet, daß von dem guten Meister Eckhart ungefähr soviel übriggeblieben ist wie von Salomos Sandalen. Der Meister war ja auch schon ein paar hundert Jährchen tot, und dem konnte das egal sein. Aber mir hat das überhaupt nicht behagt, und da konnte man auch mit Demut nicht mehr viel ausrichten."

Er machte eine Pause, holte tief Luft und sprach "Nun begab es sich aber, daß der Doktor Martin Luther eine ganz neue Bewegung ins Leben rief, die auch eine Erneuerung bedeutete. Was er gegen den Papst wetterte, das kümmerte mich eigentlich weniger, weil ich mit den Papisten drunten in Rom nichts zu schaffen habe. Aber ich fühlte mich noch nicht so alt, als daß ich nicht selber meinem Leben noch mal neuen Schwung geben könnte, ihr versteht?"

"Ja doch", sagte ich, und Thomas meinte "Ab einem bestimmten Alter stellt sich wahrscheinlich jeder nochmal diese Frage." Das fand Bruder Bernward wenig schmeichelhaft, deshalb fragte ich schnell "Und nun sind Sie auf einer Missionsreise?" Er bekam einen weiteren Niesanfall, diesmal nicht ganz so schlimm, dann druckste er ein bisschen herum und sagte schließlich "Bin ich nicht. Es ist eher eine Pilgerreise." "Ah so." Er hatte das wie einen Schlußsatz geäußert, und so ritten wir eine Weile schweigend dahin.

Dann durchschoss ein Gedanke meinen Kopf. "Aber Bruder Bernward, wenn Sie ein Anhänger Luthers sind, dann ist mir nicht ganz klar, weshalb Sie sich auf Pilgerreise befinden, denn Luther hat in den Schmalkaldischen Artikeln die Pilgerreisen verurteilt." "Wo?" "In den Schmalkaldischen Artikeln, der berühmten Streitschrift der Protestanten." "Vorsicht, sie kennt das in- und auswendig", erklärte ihm Thomas, "sie hat damit das Lesen gelernt."

"Ach ja. Das will ich durchaus nicht widerlegen, und wenn der Doktor Luther das sagt, dann schließe ich mich dem voll und ganz an. Nur, es ist so: um meine jetzige Handlungsweise zu verstehen, muss man wissen, daß ich dieses Versprechen zu einer Pilgerreise schon gegeben habe, bevor ich zu den Augustinern kam." "Dann ist das sozusagen eine offene Rechnung, die Sie begleichen wollen", meinte Thomas. "So könnte man es nennen."

Ich glaubte dennoch, daß er uns etwas verschwieg, aber ich wollte nicht aufdringlich sein, ich fragte ihn stattdessen "Und wo soll die Reise hingehen?" "Nach Santiago de Compostela, das liegt in Spanien", sagte er mit neuer Frische. "Spanien?", rief ich aus und wäre beinahe vom Pferd gefallen, "Das kann doch nicht wahr sein!" "Aber mein Kind, was hast du gegen Spanien, es soll ein sehr schönes Land sein."

Ich sagte "Seit Tagen und Wochen dreht sich bei mir alles um Spanien!" "Na, bei mir nicht minder. Eine solche Reise will schließlich gut vorbereitet sein. Deswegen habe ich mir auch vorher noch ein paar Pfündchen angespeist, denn man weiß ja nie, ob man nicht irgendwo mal darben muss. Und außerdem ist es nicht sicher, daß einem das Essen in der Fremde auch bekommt."

Ich war immer noch völlig davon erschüttert, daß mir selbst in der Person dieses zufällig am Wegesrand sitzenden Mannes nichts weniger als ein Zeichen gegeben wurde, wohin mein Leben sich wenden soll, und ich hörte nicht mehr richtig zu, wie Bruder Bernward und Thomas darüber sprachen, auf welchem Weg man am besten da hin käme.

Irgendwie war das alles zuviel für mich gewesen. Als wir in Schmalkalden ankamen, und nachdem Thomas meinem Onkel einen kurzen Bericht erstattete, zu dem ich nur wie abwesend nickte, verschwand ich in meiner Kammer, warf mich, wie ich war, aufs Bett und im nächsten Moment rannen heiße Tränen aus meinen Augen und mein zarter Körper wurde durchgeschüttelt wie ein Pflaumenbaum im Herbststurm.

Dazu muss ich sagen, daß mich solche Weinkrämpfe nur sehr selten packten und zwar immer dann, wenn ich wirklich nicht mehr ein noch aus wusste. Vielleicht mag sich jetzt mancher darüber wundern, denn bisher hatte ich mich doch bemüht, meine Standhaftigkeit herauszustreichen, und ich selbst habe betont, daß alle bisherigen Ereignisse nicht nur einen Sinn, sondern auch einen Zusammenhang ergeben hätten.

Aber auf einmal hatte ich Angst vor dem, was da auf mich zukommt. Auf schmerzliche Weise wurde aus den Träumen, den Träumereien, die mir bis dahin höchstens Herzklopfen und manchen wonnigen Schauer versetzt hatten, eine dumpfe, nichtsdestoweniger deutliche Ahnung, daß ich einem fatalen Irrtum verfallen war und daß mein Leben entgegen allen heißen Hoffnungen und verlockenden Zeichen geradewegs in den Abgrund führen würde. Daß ich alles nur falsch verstanden und mir etwas Unglaubliches eingebildet hatte!

Da stieg - oh ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte, die Brust zusammenpresste - da stieg unaufhaltsam jenes bedrohliche Gefühl in meiner Seele empor, das seit meinen frühesten Kindheitstagen darin eingegraben schien: eine fast animalische Angst, belogen und betrogen zu werden, von allen guten Geistern verlassen und nichts als ein gefundenes Fressen des Teufels und der bösen Mächte zu sein.

Ich gebe zu (aber das ist keine Beichte!), ich halte die Macht des Teufels bis auf den heutigen Tag für mindestens ebenso stark wie die eines Gottes, unter bestimmten Umständen sogar für größer.

Als ich klein war, gab es in unserer Nachbarschaft einen Mann, der immer hässliche Sachen zu mir sagte, wenn niemand weiter dabei war. Er fand seinen Spaß daran, mich damit in Angst und Schrecken zu versetzen. Er behauptete auch, er kenne den Teufel persönlich und wenn er es wollte, würde er ihn auf mich hetzen, damit er mich mit seiner spitzen Teufelsgabel in meinen kleinen Hintern pikt. Ich sagte es meinen Eltern, aber die konnten nicht glauben, daß dieser harmlose (und wohl ein bisschen blöde) Nachbar zu so etwas fähig sei, sie nahmen stattdessen an, daß ich mir das ausgedacht hätte, um mich wichtig zu machen. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, hauptsächlich weil es mir unerklärlich war, wie sich die Erwachenen verhielten.

Aber indem mein Verstand und mein Gemüt beweglicher und empfindsamer wurden und ich mir über alles, was ich sah und hörte, meine eigenen Gedanken machte, erkannte ich, glaubt mir, nicht ohne Verzweiflung, daß das Böse und die Schlechtigkeit oft mehr Gewalt über die Menschen haben, als die Liebe und die Barmherzigkeit, und daß jene finsteren Mächte sich ihre Opfer suchten, aussuchten - ja regelrecht auserwählen, um ihren bösen Willen unter den Menschen wirken zu lassen.

Mag sein, daß auch die schrecklichen Träume ihren Teil dazu beitrugen, die mich eine Zeit lang plagten, als ich mich gerade von einem kleinen Mädchen zu einer jungen Frau entwickelte, ausgerechnet da, als die Bauernhorden bei uns in Aufruhr gerieten und mordend und plündernd durchs Land zogen, und sich meine eigenen Nächsten sich ihnen anschlossen! (Wenn auch nicht aus freien Stücken.)

Ich hatte bereits einmal angedeutet, wie ich mich selbst mit aller Gewalt dagegen widersetzte und einfach nichts tat, mich starr und stumm machte und darauf wartete, daß es an mir vorüberginge. Und es ging vorüber. Aber jetzt war es anders. Ich spürte, wie ich von etwas erfasst wurde, das Teil meines Lebens sein sollte, vielleicht schon vorher war, aber noch zu weit weg, um mich zu berühren und mich vor eine Entscheidung zu stellen. Auch jetzt, als ich mich unter Tränen aufs Bett warf, wehrte ich mich dagegen und die alten Ängste stiegen wieder in mir hoch: daß ich dem allen nicht gewachsen bin, zu schwach wäre, mich zu behaupten, ja, daß ich so verrückt und dumm war, mich selbst ins Verderben zu stürzen.

Was wäre, wenn die große Unternehmung, die ich mir in den vergangenen Tagen in Gedanken so großartig ausmalte, schon nach dem Beginn kläglich scheiterte? Wenn meine Reise nach Spanien ein paar Meilen hinter Schmalkalden zu Ende wäre? Wenn ich vom Pferd stürze, mich lebensgefährlich verletze, für den Rest meines Lebens ein Krüppel bin? Oder wenn ich überfallen, vergewaltigt, verstümmelt und überdies zum Gespött aller werde? Dann wird es heißen "Das ist die, die nach Spanien gehen wollte und die man halbtot im Graben am Stiller Tor gefunden hat."

Und das waren ja nur die nächstliegenden Befürchtungen. Was wäre, wenn ich, gesetzt den Fall, ich erreichte Spanien, López Talavan dort niemals finden würde, wenn man mir jedesmal, wenn ich nach ihm fragte, antwortet "José López Talavan? Nie gehört. Nein einen Mann dieses Namens kennen wir nicht." Wenn alle Mühe vergebens gewesen wäre und ich in irgendeinem feuchten Kellerloch mein jämmerliches Leben aushauchen würde.

Ritter Ywain, seine schöne Dame und seine großmütige und kluge Helferin waren Gestalten aus einem Sagenreich; aber ich versuchte in meiner Naivität, sie in die Wirklichkeit herüberzuholen, in eine Welt, in der sie lange, lange schon keinen Platz mehr hatten und haben. Ich versuchte, an einem Trugbild festzuhalten, anstatt mich um das zu kümmern, was mich hier tagtäglich umgibt. Und nun, da ich befürchtete, daß es nichts als ein Trugbild war, überfielen mich die Angst und Verzweiflung und ließen mich heftige Tränen vergießen. 'Ach, arme Eleonore!', schluchzte ich, 'was soll nun aus dir werden!'

Ich rappelte mich auf, und in den nächsten Tagen stürzte ich mich in die Beschäftigung mit meinem neuen Rechenbuch, denn ich hatte die Idee, daß ich, wenn ich das Rechnen leidlich gut beherrsche, die Kinder aus der Nachbarschaft darin unterweisen könnte, für Geld natürlich; und vielleicht könnte ich so meinen Lebensunterhalt verdienen, denn auf Dauer würde ich es bei meinem Onkel in der Wirtschaft auch nicht aushalten, so gut er es auch bisher mit mir und meinem Bruder gemeint hatte.

Es fiel mir nicht schwer, herauszufinden, worin des Meisters "Methode" besteht, und die ersten Rechnungen konnte ich leicht nachvollziehen. Auch gab er viele anschauliche Beispiele an, und überhaupt war er offenbar bemüht gewesen, es dem Anfänger so einfach wie möglich zu machen. Selbst der Titel "Rechnung auf den Linien" sollte dabei helfen, dachte man doch, mit ein paar geraden Linien und ein paar Steinchen ließe sich jede Aufgabe im Handumdrehen lösen, und die Personen auf den Bildern machten durchweg vergnügliche Mienen, als wäre es der rechte Zeitvertreib.

Jedoch so einfach diese Methode zunächst schien, so sollte sie sich doch bald als unzulänglich erweisen, wenn es nämlich darum ging, zu multiplizieren oder zu dividieren, und es konnten einem dabei schnell die Mundwinkel herabfallen und die Falten auf die Stirn treten, wenn man mit der Schieberei ins Stocken geriet und nicht mehr weiter wusste.

Ich benutzte des Onkels große Schreibtafel und den Kreidestein, mit welchen er sonst die Zeche mit Strichen notierte. Ich prägte mir das kleine Einmaleins ein und entwickelte ein gutes Gefühl fürs überschlägige Rechnen und das Abschätzen dafür, ungefähr wie oft eine Zahl in einer andern enthalten ist, was hilft, wenn man die größere Zahl durch die kleinere teilen soll. Ich vertiefte mich so sehr in die Rechnerei, daß ich alles um mich her vergessen konnte, und das war in diesen Tagen für mich geradezu heilsam.

Aber im weiteren Verlauf des Buches wurden die Aufgaben - wie soll ich sagen - sie führten immer weiter hinaus aus der trauten Zahlenwelt, und man musste einsehen, daß der größte Teil dieser Übungen für Kaufleute gedacht und gemacht war, die sich in allen möglichen Gegenden Europas herumtreiben und dabei höllisch aufpassen müssen, nicht übers Ohr gehauen zu werden.

"Wenn 7 Pfund von Padua 5 Pfund in Venedig entsprechen, und 10 Pfund von Venedig 6 Pfund in Nürnberg, und wiederum 100 Pfund von Nürnberg 73 Pfund in Köln - wieviel Pfund in Köln entsprechen dann 1000 Pfund von Padua?" (Ich dachte immer, 1 Pfund ist 1 Pfund, aber offenbar war hier gar nicht das Gewicht gemeint, sondern irgendwelches Geld, von dem ich noch nie gehört hatte.) Oder: "Eine Fuhre von 3 Zentnern kostet für eine Strecke von 24 Meilen 1 ungarischen Floren. Wieviel kostet eine Fuhre von 11 Zentnern für eine Strecke von 120 Meilen?"

In dieser Art ging es über viele Seiten hinweg. Eine Lösung stand dabei, und man konnte sie auch nachrechnen, aber ich verstand nicht, warum es so ist. Es war, wie wenn man eine Farbe vorgesetzt bekommt und ihren Namen erfährt, aber nicht, aus welchen anderen Farben sie zusammengemischt sein könnte. Und weil ich immer alles ganz genau wissen wollte, regte mich das auf, anstatt mir das Gefühl zu geben, ich wüsste was.

Was mich aber ebenso beunruhigte, waren die Orte, die da genannt wurden: Nürnberg, Padua, Venedig, Köln, Ungarn, Breslau, bei den meisten wusste ich nicht mal, wo sie liegen. Und dann tauchte auch der Name Flandern auf, und plötzlich stand López Talavan gleichsam leibhaftig vor mir, wie er mir erklärte, daß der König von Spanien aus Flandern stammt, und da war es wieder vorbei mit meiner Ablenkung und Zerstreuung durch die Rechenkunst und ich musste nur noch an ihn denken, und ich verliebte mich neuerlich aufs brennendste in ihn.

Seit einer Woche hatte ich Thomas nicht gesehen. Eines Nachmittags kam er zu mir und sagte, er will mir etwas zeigen, und ich soll in einer Stunde in die Druckerei kommen. Dort führte er mich nach hinten in einen Bretterverhau, wo Meister Hartmann allerlei Gerätschaften und Material gelagert hatte, die er momentan nicht benötigte.

Ich dachte, Thomas will mich verführen, und auf die Schnelle versuchte ich, zu entscheiden, wie ich mich verhalten werde, und um noch etwas Zeit zu gewinnen, meinte ich scheinbar ahnungslos "Ich denke, du wolltest mir was zeigen?" "Ja, das hier", erwiderte er, und ich war zunächst enttäuscht, daß er wirklich nichts anderes im Sinn hat.

Ich sah eine Menge Sachen auf einem Leinentuch ausgebreitet, darunter ein dickes, neues Hanfseil, eine Eisenpfanne, zwei Löffel, einen breiten Ledergürtel, das Messer, das ich ihm geschenkt hatte, ein paar feste Schuhe zum Schnüren, auch zwei Hosen und mehrere Hemden sowie baumwollene Unterwäsche, Strümpfe, einige in Ölpapier gewickelte kleinere Gegenstände, den Geldbeutel, den er sich an einer Schnur um den Bauch binden und unauffällig in der Hose verstecken konnte, und noch ein paar Utensilien, deren Zweck mir nicht gleich klarwurde.

Alles war ordentlich hingelegt, als hätte es seine Mutter gemacht, aber Thomas' Mutter war eine kranke, halbblinde Frau, die sich an nichts mehr erinnern konnte. "Was soll das bedeuten?", fragte ich ihn und fasste das Hanfseil an, das blond und dick war wie ein Mädchenzopf, aber rauh und ungeschmeidig. "Meine Ausrüstung." "Wofür?" "Für die Fahrt in die Neue Welt." "Nach Neu-Indien?" "Ja."

Ich zwang mich, gleichgültig zu bleiben, aber ich spürte, wie mir der Puls an den Schläfen pochte. "Wozu brauchst du zwei Löffel?" Er zuckte mit den Schultern. "Es ist noch nicht endgültig." "Daß du fährst?" "Doch. Das steht fest. Ich meine die Ausrüstung, es ist auch noch zu viel, zu schwer." "Weiß Hartmann davon." "Natürlich, sonst hätte ich's ja nicht hier hingelegt."

Ich schaute in den Gang zur Druckerei und rief "Meister Hartmann?" "Was ist?" "Wissen Sie, daß Thomas nach Neu-Indien fahren will?" Hartmann kam nach hinten. "Ja. Ich konnte es ihm nicht ausreden." "Und?" "Was und?" "Wie finden Sie das?" "Na, ja, er muss sich wahrscheinlich erst in der Fremde die Hörner abstoßen, bevor er merkt, wie gut er es hier hatte."

"Was denn für Hörner?", ereiferte sich Thomas, "Ihr habt letztens selbst mit Begeisterung davon gesprochen, daß in Venezuela die erste Buchdruckerei auf dem neuen Kontinent eröffnet wurde." "Ja freilich, aber dort drucken sie die Bücher in Spanisch." "Ich kann Spanisch", entfuhr es mir vorlaut, "ein bisschen." Die beiden schauten mich mitleidig an, dann sagte Thomas "Ist doch egal, ob ich nun deutsche oder spanische Lettern setze, Hauptsache an der richtigen Stelle; wenn die Vorlage stimmt, dann stimmt auch der Druck."

Hartmann lachte und ging wieder nach vorn. "Jugendlicher Übermut! Fall' nur mal richtig aufs Maul und lass' dir die Knochen breit schlagen, dann kommst du schon wieder." Zum erstenmal hatte ich in Hartmanns Stimme so etwas wie Boshaftigkeit gehört. Thomas schwieg, und ich sah, wie er die Lippen aufeinanderpresste, wie immer, wenn er etwas nur schwer ertragen konnte.

"Soll ich dir beim Packen helfen?", fragte ich, als würde er morgen aufbrechen wollen. "Ja, das wäre gut. Eine Frau hat dafür manchmal den besseren Instinkt." Ich zog die Brauen hoch und wollte etwas sagen, da rief Hartmann "Ich mache Feierabend für heute, schließ' alles ab, wenn du gehst, verstanden?" "Ja, Meister."

Zu zweit hantierten wir mehr als eine Stunde herum. Er brachte einen riesigen Sack herbei, eher ein Schlauch, aus Leinwand, Jute und Leder mit doppelten Nähten zusammengesetzt und mit Trageriemen und mehreren Außentaschen, Schlaufen und dergleichen. Wann hatte er sich das alles nur besorgt? "Da muss alles reinpassen, und wenn's geht, soll auch noch Platz bleiben."

"Die Wäsche am besten ganz unten", sagte ich, und reichte ihm die Hosen und das andere Zeug. Er bückte sich und Arme und Kopf verschwanden in dem Sack. Ich musste lachen, aber da merkte ich, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Wie konnte er nur einfach so fortgehen und mich hier zurücklassen?

"Wann soll's denn eigentlich losgehen?" "Sobald wie möglich. Meister Hartmann soll mich auszahlen. Ich brauche noch ein paar Werkzeuge." "Willst du etwa zu Fuß gehen?" "Irgendjemand wird immer in meine Richtung unterwegs sein, da lasse ich mich mitnehmen, für ein bisschen Fahrgeld."

"Aber du weißt auch, daß man in Ungarn mit Floren bezahlt, und in Padua mit Pfund?" "Was?" "Ich hab's in dem Rechenbuch gelesen, in anderen Ländern haben sie anderes Geld." "Silbermünzen nehmen sie überall."

"Hast du keine Angst, ausgeraubt zu werden?" "Dann hol' ich mirs zurück." Ich hatte nicht den Eindruck, daß er jetzt vor mir den starken Mann spielen wollte, er hatte sicher noch nicht alles bedacht, aber es war, wie Hartmann gesagt hatte, er ließ sich nicht von seinem Entschluss abbringen.

Wir packten alles ein und wieder alles aus, weil zu viele Zwischenräume waren. Wir sortierten alles neu, nutzten jede Handbreit aus, wendeten manches dreimal um, bis es die richtige Lage hatte und drückten von außen und innen gegen den Sack, und als er voll war, schnürten wir ihn zu, kippten ihn um und setzten uns nebeneinander drauf.

"Aber wenn du noch was besorgen willst, müssen wir ihn ja wieder aufmachen." "Das ist schnell getan", meinte Thomas und klopfte mit der Hacke dagegen. "Das ist erstmal geschafft, davor hatte ich ein bisschen Bammel." Dann sah er mir ins Gesicht und sagte "Danke."

Und dann küssten wir uns, und ich fühlte seine Hand auf meiner Schulter und am Hals, und dann lag sie auf meiner Brust, und mein Herz fing wie wild an zu klopfen, und ich zerrte sein Hemd aus dem Gürtel und zog es ihm über, und wir kullerten von dem Sack herab auf den Boden, und Thomas streifte mein Kleid über die Hüften und ich öffnete seine Hose, und im nächsten Augenblick spürte ich sein Glied in meiner kleinen Höhle, und es durchzuckte ihn wild, und ich presste mich dagegen und ließ mich fallen und bäumte mich auf und sank zurück, und dann spürte ich, wie ein heißer Schwall von seinem Saft in mich schoss wie feuriger Honig, und ich schrie auf und krallte meine Finger in seine Lenden, und er hechelte wie ein Hund in der Sommerhitze. Und dann wälzten wir uns zur Seite, und er starrte nach oben ins Leere, und ich legte meinen Arm auf die Augen und schluchzte vor Wonne und Schmerz.

In der Nacht in meiner Kammer hörte ich die Tauben nebenan leise gurren, als würden sie ein Geheimnis besprechen, aber am Morgen waren sie ganz aufgeregt und ungehalten und flatterten im Schwarm eine um die andere Runde über die Dächer in der Grünen Gasse.

Da fiel mir etwas Wichtiges ein. Eilig ging ich zu Thomas und sagte "Du brauchst eine Legitimation, irgendein Dokument, das besagt, wer du bist, wie du heißt und woher du kommst. Andernfalls bist du ein Niemand, vogelfrei, jedermann könnte dir Schaden zufügen, ohne daß er gegen den Landfrieden verstößt." Er sah mich halb verunsichert halb bewundernd an, daran hatte er offenbar nicht gedacht.

"Woher soll ich so ein Dokument bekommen?" Das wusste ich auch nicht, und wir überlegten lange. "Vielleicht könnte Meister Hartmann beim Grafen vorsprechen und für dich darum bitten." "Ja, man müsste ihn fragen", meinte er, aber es klang wenig zuversichtlich, er hatte sich mit Hartmann schon wegen des Lohns gestritten. Ich sah, wie er mutlos wurde, und ich grübelte darüber nach, ob es nur wegen des Dokuments war oder wegen dem, was zwischen uns vorgefallen war. Am nächsten Tag hatte er sogar den Reisesack in die hinterste Ecke gestellt.

Und da geschah etwas Unglaubliches. Als ich am Mittag bei meinem Onkel den Boden in der Gaststube schrubbte, sagte der nebenbei "Dieser Spanier lässt dich übrigens schön grüßen, er wäre wieder wohlauf." Ich stieß vor Schreck gegen den Eimer, daß das Wasser herausschwappte. "Welcher Spanier?" "Sanchez heißt er, glaube ich. Ach, hatte ich vergessen, euch das zu berichten, als ihr aus Erfurt zurückkamt? Er war bei der Abreise vom Pferd gestürzt und hatte sich das Bein gebrochen, er lag bis jetzt im Spital und ..." "Ist er da noch?" unterbrach ich den Onkel. "Was weiß ich." "In welchem Spital?" "Am Weidebrunner Tor." Ich band meine Schürze ab und rannte fort.

"Leonora, mein Sterntaler Mädchen, wie schön, dich zu sehen?" begrüßte mich Sanchez. "Sanchez, ich wusste nicht, daß Sie hier sind. Geht es Ihnen gut?" Er saß an einem schmalen Tisch in dem halboffenen Gang, der zum Hintergebäude führte, und spielte mit einem Mann Karten, dessen Kopf fast völlig verbunden war.

"Oh ja, alles in Ordnung, ich war bloß vom Pferd gefallen. Meine Leute mussten mich hier solange zurücklassen. Aber nun bin ich wiederhergestellt, sieh nur, mein Bein, alles wie vorher." Er streckte es aus und wackelte damit herum wie mit einem Besen.

"Darf ich dir meinen neuen Freund vorstellen", sagte er und wies auf seinen Gegenüber; aus dem kleinen Loch, das man im Verband für seinen Mund gelassen hatte, kamen die abweisenden Worte "Bitte, Senor Sanchez, nicht noch mehr von diesem Völkchen." "Was meint er damit?" "Ach, er ist ein bisschen wunderlich, ich glaube, es kommt von seiner Kopfverletzung." "Wenigstens kann er noch Karten spielen", sagte ich. "Nicht so richtig. Ich versuche seit zwei Wochen, es ihm beizubringen. Aber es sind auch nicht die richtigen Karten." "Wie bedauerlich."

Dann fragte ich ihn, wie lange er noch hier bleibt. "Oh, nur noch ein paar Tage." Er beugte sich nahe zu mir heran und flüsterte "Bis Schwester Magdalena wieder da ist, damit ich mich von ihr verabschieden kann." "Schwester Magdalena?", sagte ich lachend, "Die haben Sie wohl ins Herz geschlossen?" "Herz ist Trumpf", murmelte der andere und warf eine Karte ab. "Nicht doch! Nimm die wieder zurück." "Zum Teufel, dieses ewige Hin und Her", knurrte der Mann widerwillig und steckte die Karte wieder in sein Blatt.

"Senor Sanchez, vielleicht können Sie mir einen großen Gefallen tun." "Aber immer, Sterntaler, worum geht es denn?" "Eigentlich nicht um mich, sondern um meinen Freund." "Den Thomas?" "Ja." "Famoser Bursche." "Ja. Er will ..."

Da kam eine der Pflegerinnen heran. "Sanchez! Sie spielen jetzt schon wieder seit zwei Stunden, Sie wissen, daß es Herrn Karolus zu sehr anstrengt." "Oh, ja, Schwester Magdalena, das ist die letzte Runde, ich lasse ihn gewinnen." Sie warf ihm einen strengen Blick zu und ging weiter, ich sagte verwundert "Ich denke, Schwester Magdalena ist nicht da?" Sanchez wurde sehr verlegen. "Ähm. Das hattest du vielleicht falsch verstanden." "Er will sich aus dem Staub machen", sagte der Kopfverband und schüttelte sich vor Lachen.

"Halt die Klappe, Karolus, und bring deinen Kopf nicht noch mehr durcheinander." "Ah, ich verstehe, Sie meinten genau das Gegenteil: Sie warten, bis Schwester Magdalena weg ist; Sie sind ein ganz Schlimmer, Sanchez." "Solche Abschiedsszenen fallen mir immer so schwer, ich bin vielleicht ein guter Liebhaber, aber ganz sicher ein schlechter Mensch."

Da schleuderte Herr Karolus plötzlich alle Karten in die Luft und rutschte vom Stuhl. Ich sprang erschrocken zur Seite. Sanchez rief "Das ist nur einer von seinen Anfällen, hilf mir mal." Wir zogen ihn wieder hoch, seine Beine zuckten, und sein Fuß schlug wie ein Hammer gegen mein Schienbein. "Aua", schrie ich, und Sanchez meinte "Er macht das nicht mit Absicht", aber jetzt bemerkte ich, daß er sich selbst weit vorgebeugt hatte, um nicht getroffen zu werden.

"Lass uns gehen, Leonora." "Wohin?" "Da hinüber. Schwester!" rief er, und Magdalena kam herbeigeeilt. "Ich habe alles gesehen", sagte sie und kümmerte sich um den anderen. "Ja, er hat wieder falsch gespielt, und das unter frommen Menschen", sagte Sanchez und ließ unauffällig seine Hand über Magdalenas Hüfte gleiten. "Was soll das, Sanchez, sind Sie verrückt geworden!" Er wich brav zurück. "Komm' Leonora." "Nehmen Sie mal ein bisschen Einfluss auf diesen Wilden", sagte sie zu mir. "Sehen wir uns nachher in der Wäschekammer, mein Engel?" Sie machte eine entschiedene Handbewegung. "Verschwinden Sie jetzt."

Ich schilderte Sanchez die Angelegenheit, und er stimmte mir zu, daß solch ein Dokument für Thomas unerlässlich sei. Dann kratzte er sich mal hinter dem linken, mal hinterm rechten Ohr und murmelte "Wenn ich nur wüsste ... wenn ich nur wüsste." "Was?" "Wie man das regeln könnte. Wenn nur Don José noch hier wäre." Mich durchfuhr es wie ein heißer Strahl. "Sie meinen Senor Talavan?" Er hob den Kopf und schaute mich an wie einen ungezogenen Jungen. "Wen sonst?", sagte er beinahe grob, "er könnte bei euerm Grafen ohne weiteres irgend so einen Wisch verlangen." Ich fühlte mich plötzlich ganz elend.

"Sanchez, warum haben Sie mich eben so angesehen?" "Was? Wie habe ich dich denn angesehen?" "So ... so strafend." Er verstand nicht. "Und jetzt nennen Sie dieses wichtige Dokument einen Wisch." "Was ist denn auf einmal mit dir, Leonora? Du heulst ja gleich los, dein Kinn zittert schon wie Pappellaub." "Überhaupt nicht!" "Ich sage zu allem 'Wisch', das hat nichts zu bedeuten, es ist ..." "Hat er mich noch irgendwann erwähnt?" "Wer? Don José?" Jetzt lachte er, und ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst, er war wirklich ein ungehobelter Kerl. "Oh ja! Er hat sogar mehrmals im Traum deinen Namen gerufen." Ich sprang auf. "Tut mir leid, Senor Sanchez, daß ich Sie belästigt habe, leben Sie wohl." Ich wandte mich ab und lief schnell davon.

Abends ging ich zu Thomas, er war immer noch sehr niedergeschlagen. Ich redete ihm gut zu, aber ich war wie wild darauf, mit ihm zu schlafen. Er war lustlos wie ein Kranker. Ich küsste ihn heftig, er ließ es geschehen, endlich schaffte ich es, ihn ein wenig in Fahrt zu bringen, und schließlich wälzten wir uns wieder auf dem harten Fußboden herum, und abends im Bett tat mir nicht nur mein Schienbein weh, sondern auch die Ellenbogen, mit denen ich mich abgestützt hatte, während Thomas seine Lenden gegen meinen Schoß presste. Die Wahrheit war: ich wollte ihn unbedingt von seinem Vorhaben abbringen, und das wollte ich mir nicht eingestehen. Vielleicht würde es ihn umstimmen, wenn ich mich ihm hingab.

Als ich tags darauf in der Wirtschaft saubermachte, kam Sanchez herein und setzte sich schweigend an einen Tisch. "Wir haben noch nicht geöffnet, mein Herr", sagte ich, ohne meine Arbeit zu unterbrechen. "Ich kann warten."

Es vergingen einige Minuten, da erschien mein Onkel, die beiden begrüßten sich und unterhielten sich miteinander. "Wie soll ich hier saubermachen, wenn mir ständig einer in die Quere kommt", knurrte ich. "Ho ho, Mädel, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Das ist Senor Sanchez, der Spanier, du erinnerst dich doch an ihn." "Nicht daß ich wüsste."

Sanchez wandte sich an mich, "Wie? Eine Laus ist über deine Leber gelaufen? War das der Grund, weshalb du gestern so gereizt warst." Der Onkel schaute uns fragend an. "Stellen Sie sich nicht so dumm." "Was ist denn hier eigentlich los?" "Sie hat mich um Rat gefragt, und als ich ihr helfen wollte, ist sie aufgesprungen und davongelaufen." "Soviel ist sicher", rief ich, "Sie sind nicht nur ein erbärmlicher Liebhaber, sondern auch ein miserabler Ratgeber." "Eleonore! Vielleicht sagst du mir mal, was zwischen euch vorgefallen ist!"

"Er hat mir etwas verschwiegen." "Wer? Ich?" "Was?" "Ja, was soll ich verschwiegen haben?" "Etwas, das José López Talavan über mich gesagt hat." "Seine Exzellenz, Senor Talavan?" "Ja." Sanchez zuckte mit den Schultern, "Ich wusste nicht, daß sie so empfindlich ist." "Ich bin nicht empfindlich, aber ich lasse mich von Ihnen nicht verscheißern!" Er setzte einen Blick auf, wie ein kleiner Hund und sagte "Oh, Leonora, wenn ich das getan habe, so verzeih' mir! Ich bin manchmal ein großer Trottel, der seine Zunge nicht im Zaum halten kann."

Keiner hatte bemerkt, daß Thomas hereingekommen war. Ich ahnte schon, was er wollte, ich rief: "Was machst du denn hier?" "Ich will mich von euch verabschieden." Der Onkel war sehr verwundert. "Du gehst weg?" Ich weiß nicht, was in mich fuhr, aber ich klatschte den Scheuerlappen in den Wassereimer, drehte mich um und lief davon, ich hörte Sanchez murmeln: "Und doch ist sie empfindlich." "Wo willst du hin?", rief mein Onkel, "Eleonore!", ich blieb stehen, er sagte: "Wenn mir nicht sofort jemand erklärt, was hier gespielt wird, schmeiß' ich euch alle raus."

"Ihr Freund will nach Neu-Indien gehen", erklärte Sanchez. "Ihr Freund? Wer ist das?" Er zeigte auf Thomas, "Na, dieser hier." "Ach so. Und darüber bist du traurig?", sagte der Onkel nicht ohne Mitgefühl, "Komm' her, meine Kleine." Ich kam zurück, ich musste sehr mit den Tränen kämpfen. Am liebsten hätte ich gesagt, was der wahre Grund für meine Zerknirschung ist, aber ich schämte mich so sehr. Und außerdem konnte ich es selber nicht in Worte fassen. Ich wischte mit der Hand über die Augen und blickte zu Boden. Keiner sagte etwas.

Sanchez brach endlich das Schweigen. "Also, ich habe eine Idee, wie Thomas zu seinem Dokument kommen kann." "Was für ein Dokument?" "Das brauche ich nicht." "Und doch brauchst du das!", rief ich laut, "Oder glaubst du, ich würde es hier aushalten, wenn mich ständig die Vorstellungen martern, was dir zustoßen könnte!"

"Sie hat recht", sagte der Onkel, "wir sind alle deine Freunde, in gewisser Weise. Wenn du da drüben auf dem Kontinent umherreist, wollen wir zumindest die Gewissheit haben, daß es dir gut geht. Was willst du überhaupt da machen? Etwa nach Gold suchen wie all die andern törichten Christen?" Er sah Sanchez kurz an, der zeigte keine Regung.

"Ich werde arbeiten, vielleicht etwas Handel betreiben, bis ich genug Geld habe, um mir ein Stück Land zu kaufen oder ein Grundstück in der Stadt, und dann eröffne ich eine Druckerei." "Das ist ein bisschen viel auf einmal." "Eins nach dem andern." "Alles ist machbar", sagte Sanchez, "wenn man nur lange genug lebt." Der Onkel atmete tief durch. "Na ja, wenn ich es jemandem zutraue, dann dir."

"Was für eine Idee ist das?", fragte ich Sanchez. "Also hört mal, Kinder! Ich meine, Männer! Ähm, Freunde! Eigentlich dürfte ich nicht darüber sprechen. Ein Grund für unseren Besuch war, daß wir von dem Kurfürsten Johann ein Horoskop für König Karl besorgen sollten." "Sie meinen, für den Kaiser?" "Für den Kaiser, ja, aber für uns ist er der König von Spanien."

"Ich wusste gar nicht, daß der Kurfürst auch in solchen Dingen bewandert ist." "Nein, nein, er hat das Horoskop nicht selber gemacht, das war ein gewisser Doktor Faust in Erfurt." "Wer? Etwa dieser besoffene, geile Bock?" "Eleonore! Zügel deine Zunge!", sagte der Onkel.

"Dann wart ihr in Erfurt? Und ihr wart das, mit denen er gezecht hat?" "Er hat uns nicht eher gehenlassen, als bis wir alles bezahlt hatten." "Was für ein mieser Kerl." "Das ist wahr, bei uns würde man keinen Deut auf sein Geschwätz geben. Aber der König hat nun mal ganz erstaunliche Sachen über ihn gehört, und also hat er ihn mit seinem Horoskop beauftragt."

"Glaubt denn der König an so etwas? Als strenger Katholik?" "Wenn es darum geht, Gottes Willen zu erfahren, ist dem Menschen jedes Mittel recht. Und Aberglaube kann manchmal mehr bewirken als die Offenbarung." (Ich will einfügen, daß es solche Worte waren, die zeigten, daß Sanchez seine Bildung oft unter einer bäuerischen Derbheit verbarg.)

"Um zur Sache zu kommen: das Horoskop hat Don José entgegengenommen, und ich vermute, daß es längst beim König und seinen Beratern angekommen ist. Der Kurfürst hat uns auch einen Begleitbrief ausgestellt, eine Art Schutzbrief für unsere Reise. Alles das hat sich der Kurfürst natürlich einiges kosten lassen, jedermann weiß ja, in welchem Verhältnis die beiden Fürsten in Wahrheit zueinander stehen.

Kurz und gut, diesen Schutzbrief hatte ich an mich genommen. Als ich nun diesen kleinen Unfall hatte und meine Leute sich nicht länger aufhalten konnten, hat keiner daran gedacht, und daher - er holte das Schreiben aus seiner Tasche hervor - habe ich diesen Wisch, ich meine, dieses unschätzbare Dokument noch bei mir." "Und nun?" "Und nun müssen wir bloß zu euerm Grafen gehen und noch einen weiteren Namen eintragen lassen."

Ich war begeistert von Sanchez' Vorschlag. Ich fiel Thomas um den Hals. "Am besten sofort, nicht wahr." "Wenn ihr meint, daß das klappt." "Selbstverständlich. Aber Sanchez, in diesem Aufzug können Sie nicht zum Grafen." "Was ist denn damit?" "Sehen Sie sich doch an, hier die Jacke schmutzig, da die Hose zerrissen." "Das ist in der Wäschekammer passiert, als Schwester ..." "Das will jetzt gar keiner wissen. Ziehen Sie's aus, ich mache es heil." "Wie? Jetzt? Hier?" Thomas musste grinsen, der Onkel sagte "Ich gebe der Magd Bescheid, daß Sie ein Bad nehmen, Senor Sanchez."

Als ich oben in meiner Kammer Sanchez' Sachen in Form brachte, so gut ich konnte, klopfte es an der Tür. "Herein." Es war Thomas. Er setzte sich auf die Bettkante und sagte erst nichts. Nebenan gurrten die Tauben. "Also ist es jetzt soweit", meinte ich. Er nickte und sah aus dem Fenster. "Weißt du, Leonore, worauf ich die ganze Zeit gewartet habe?" "Nee", sagte ich möglichst gleichgültig und fädelte einen neuen Faden ins Nadelöhr, aber meine Hände zitterten.

"Daß du auf den Gedanken kommen würdest, mit mir zu gehen." Ich stach mich voll mit der Nadel in den Finger, ich klemmte ihn zwischen die Zähne, damit es nur noch mehr schmerzte. "Wenigstens bis nach Spanien", sagte er ungerührt, und es klang, als wollte er mich dafür bezahlen.

"Du willst von Spanien aus lossegeln?" "Man muss zuerst nach Sevilla, wenn man nach Neu-Indien reisen will, dort befindet sich eine Art Auswanderungsbehörde, man braucht eine Erlaubnis." Ich biss verzweifelt auf meinem Finger herum. "Von Sevilla aus gelangt man auf einem Fluss, ich komm' jetzt nicht drauf wie er heißt, bis an die Küste."

"Warum denkst du denn plötzlich, daß ich mitkommen soll? Du hast doch sowieso alles für dich allein geplant." "Ich habe Löffel für zwei eingepackt", sagte er ganz im Ernst. Ich musste laut loslachen, und Thomas lachte mit. "Löffel für zwei! Du bist manchmal der größte Idiot, der mir begegnet ist." "Ja, aber nur manchmal."

Es klopfte wieder, es war Sanchez. "Darf man eintreten?" "Ich bin gleich fertig." Er hatte frische weiße Unterwäsche an, die ihm mein Onkel gegeben hatte. Mein Blick fiel unwillkürlich auf seinen Schritt, da war eine riesenhafte Wölbung unter dem Stoff. Ich wurde knallrot. Thomas fragte "Senor Sanchez, wie heißt der Fluss von Sevilla zum Ozean?" "Der Guadalquivir." "Ja, richtig."

"Wie oft waren Sie eigentlich selbst schon in Neu-Indien?" fragte ich ihn. "Dreimal." "Und wollen Sie wieder hin?" "Es gibt ein paar Dinge, die ich dort angefangen habe." "Das beantwortet nicht meine Frage." "Leonora, ich weiß, daß man dir nichts vormachen kann, aber ich spreche niemals zu niemandem über meine Pläne und, auch wenn dies wie eine Beleidigung klingt, schon gar nicht zu einer Frau." "Ich bin nicht beleidigt." "Um so besser."

Thomas sagte "Ich versuche, Eleonore zu überreden ..." "Halt die Klappe." Er schreckte zurück. "Hier, ziehen Sie's an, Sanchez. Und dann gehen Sie zum Grafen und erledigen sie das mit dem Begleitbrief." "Jawohl, Dona Leonora." "Und du verschwindest jetzt auch, ich will allein sein." Sie gehorchten beide und ich sah, wie Sanchez Thomas über irgendetwas ausfragte - wahrscheinlich über mich. Dann steckte er nochmal den Kopf zur Tür herein und sagte "Dein Onkel hat uns alle für heute Abend zu einem Abschiedsessen eingeladen."

Ihr habt sicher gemerkt, wie ich hin- und hergerissen war und wie schwer es mir fiel, mich noch normal zu verhalten. Was ich Sanchez vorgeworfen hatte, war natürlich Unsinn, aber ich war fast besessen von dem Gedanken, daß José López etwas für mich empfunden hat - und immer noch empfindet, was immer man sich darunter vorstellen möge.

Ich wurde beinahe eifersüchtig auf Thomas, sogar auf Sanchez, daß sie bald Gelegenheit hätten, ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen. Was würden sie berichten, falls er sich nach mir erkundigt? Falls er es tut! Die Gewissheit, ihm nicht selbst alles mitteilen zu können, was mir auf dem Herzen lag, war wie eine unterträgliche Folter. Wenn ich mich in meiner Kammer einschließe, würde es bloß noch schlimmer werden.

Wir warteten bis zum Abend auf Sanchez' Rückkehr vom Grafen. Der Onkel hatte tatsächlich einen Tisch für uns eindecken lassen (diesmal musste ich nicht dabei helfen), und es waren nur ein paar Gäste da, so daß wir fast unter uns waren. Aber Sanchez kam und kam nicht wieder. "Er wird doch wohl nicht einfach auf und davon sein und hat uns sitzenlassen", meinte der Onkel und ging allenthalben vor die Tür, um Ausschau zu halten.

Endlich kam er, mit Sack und Pack, und ich dachte bei mir, daß er sich wahrscheinlich so lange von Schwester Magdalena "verabschiedet" hatte. "Und?", fragten Thomas und ich wie aus einem Munde, "hat es geklappt mit dem Begleitbrief?" "Der Graf war nicht da, er ist wohl nie da, außer wenn hoher Besuch kommt?" Der Onkel murmelte etwas.

Sanchez schob uns beiseite und sagte "Lasst uns erstmal hinsetzen, Tío Matthes, kann ich einen Becher Wein bekommen." Der Onkel winkte der Magd, die schenkte ihm ein, Sanchez leerte ihn auf einen Zug. "Oh ja, noch ein wenig länger, und ich würde mich daran gewöhnen." "Senor Sanchez, was ist mit dem Schreiben?"

"Der Graf war nicht da." "Sagten Sie schon." "Bin ich zu seinem Kanzleischreiber hin." "Dem Weishaupt?", fragte der Onkel. "Kann sein, ja." "Und? Der hat gleich die Hand aufgehalten." "Ja, daß ich überhaupt mein Anliegen vortragen konnte." "Hat er's gemacht?"

Sanchez holte das Papier hervor und hielt es hoch, der Onkel schnappte es zuerst, faltete es auseinander und las. "... hm hm hm ... werden hiermit die untengenannten Personen ... hm hm hm ... unter höchst kurfürstlichen Schutz gestellt ... hm hm hm ... genießen in allen Provinzen des Heiligen Römischen Reichs ... hm hm hm ... Thomas Benedikt Kross und ... wer ist denn León Marian Junipher?" "Na, dieser hier", sagte Sanchez wie nebenbei und gab der Magd mit seinem Becher ein Zeichen zum Nachschenken.

"Wer?", rief ich. Heiße und kalte Schauer liefen über meinen Rücken. Der Onkel schaute uns fragend an. Thomas lachte. "Das ist sie! León Marian Junipher ist Eleonore Maria Junipher." "Aber ..." "Wir haben das früher schon mal ausprobiert, es ist keinem aufgefallen." Er rüttelte mich an der Schulter wie einen alten Kumpan.

Ich riss dem Onkel das Schreiben aus der Hand und starrte auf die Namen und auf das Siegel darunter. "Sanchez!", er schaute tief in seinen Becher, "Was haben Sie getan?" Der Onkel schenkte sich selbst ein, "Das ist ja ... warum sagt mir das denn keiner?" "Wir haben es nicht gewusst, Onkel, ehrlich. Das war Sanchez' Idee." "Meine Idee! Warum schiebt ihr's auf mich. Jedermann weiß, daß du mit nach Spanien willst." "Ich nicht", sagte der Onkel und schaute mich an, "ist das wahr?"

Sanchez kleiner Streich stellte mich sozusagen vor vollendete Tatsachen, und im Nachhinein war ich ihm dafür dankbar, auch wenn er vorher manchmal unausstehlich gewesen war. Dem Onkel kamen wahrhaftig die Tränen, als wir ihn über unser Vorhaben aufklärten, aber er billigte meinen Entschluss aus vollem Herzen. Er gab mir ein Paar nagelneue Schuhe (ich weiß nicht, für wen sie ursprünglich bestimmt waren) die mir einwandfrei passten. Er gab mir auch sein Versprechen, "während meiner Abwesenheit und bis zu meiner Rückkehr" sich um meinen kleinen Bruder zu kümmern, wofür ich ihm nochmals um den Hals fiel und dankte.

Den ganzen nächsten Tag verbrachte ich mit den nötigen Reisevorbereitungen, und in der darauffolgenden Nacht schlief ich nur wenige Stunden. Aber ich fühlte mich gut, als wir frühmorgens aufbrachen. Sanchez hatte bei einem Pferdehändler eine Stute und einen Wallach für uns erstanden, wir versprachen, ihm das Geld zurückzugeben, sobald wir es haben.

"Oh je", sagte er mit gespielter Enttäuschung, "da werden die Mauren wohl eher Granada zurückerobern, als bis ihr Blauschnäbel soviel Geld zusammenhabt." "Es heißt 'Grünschnäbel' und nicht 'Blauschnäbel', Senor Sanchez, und im übrigen spricht nichts dagegen, daß zwei junge Thüringer wie wir, wo auch immer in der Welt, zu Ansehen und Wohlstand kommen können." "Na, wir werden sehen", murmelte er.

Wir waren drei oder vier Stunden unterwegs und hatten gerade ein Dorf hinter uns gelassen, als wir durch ein lichtes Wäldchen kamen. Der Weg ging über eine Anhöhe hinweg, und ein Stück weiter hatte man einen schönen Ausblick auf ein weites Tal. Da saß am Wegesrand in sich zusammengesunken ein Mann, der offenbar eingeschlummert war. Wir beachteten ihn nicht weiter und wir waren schon fast vorbei, als er aufschreckte und rief "Der Herr sei mit euch!"

* * * * *

Es war natürlich kein anderer als Bruder Bernward, und ich freute mich wirklich, ihn wiederzusehen (was hoffentlich nicht schon ein Zeichen von Heimweh war). "Bruder Bernward! Wie geht es Ihnen?", fragte ich. Er schaute zu mir auf und musste einen Moment überlegen, dann rief er "Eleonore, holde Maid, ich habe dich gar nicht gleich erkannt. Wohin führt dich der Weg?" "Nach Spanien." "Ist ja nicht möglich?", staunte er. "Was ist mit Ihrem Esel?", erkundigte ich mich, da ich ihn nirgends entdecken konnte. Er schaute sich um, "Ach, der steckt da zwischen den Büschen, wir haben uns ein kleines Päuschen gegönnt, mein Apollon und ich."

Sanchez rief "Können wir den Fettwanst jetzt weiter sich selbst überlassen?" "Ist das Eure Art, mit einem Mann Gottes zu reden?", wandte sich Bernward an ihn, blieb dabei aber höflich. "Pah", machte Sanchez, "ich kenne nur einen Mann Gottes, der diesen Namen verdient, das ist Jesus Christus, und der war nicht halb so fett wie du, Bruder." "Darin will ich mich auch gar nicht mit ihm messen." "Ach nein? Und worin dann?"

Mir gefiel es nicht, daß sich die beiden stritten, ich sagte "Sanchez! Dies ist ein alter Bekannter von mir, und es tut immer wohl, einen solchen in der Fremde wiederzutreffen." Sie schauten mich beide verwundert an. Thomas war seelenruhig weitergetrabt, jetzt hielt er an und wandte sich um: "Was ist denn los?" Ich fragte "Hatten Sie nicht auch vor, nach Spanien zu reisen?" Er sagte "In der Tat, ich war unterwegs nach Santiago de Compostela." "Was hast du dort zu suchen, Fettwanst?" "Als ob Euch das etwas anginge." "Und was heißt: 'Sie waren'?" "Ja, bis eben war es so."

"Und nun?" "Nun immer noch." "Der Kerl faselt einen großen Mist zusammen, wahrscheinlich ist er betrunken!" "Das ist nicht wahr!", dann fügte er kleinlaut hinzu "Wiewohl ich zugeben muss, daß ich gestern abend in der Schenke gesessen habe, als mich der Teufel in Versuchung führte und mir - gegen meinen Willen - etliche Krüge Bier durch meinen Mund in den Leib einflößte." Sanchez lachte schallend, "Hab' ich's doch gleich geahnt!" "Und als ich vorhin hier erwachte, da wusste ich nicht, wo ich mich befand, und ich weiß es ehrlichgesagt immer noch nicht, deshalb kann ich auch nicht genau sagen, ob ich mich noch auf dem rechten Weg befinde."

Er hatte diese Worte mit einiger Betrübnis ausgesprochen, aber da hellte sich seine Miene auf, "Und nun kommst du daher, Eleonore, und sagst, daß du nach Spanien willst, und dies ist für mich nichts anderes als ein Zeichen des Herrn, daß ich vom rechten Weg nicht abgekommen bin, obwohl ich ihn zeitweilig aus den Augen verloren hatte." Ich sagte "Ja, dies ist der Weg nach Spanien - das heißt, wenn wir unserem werten Senor Sanchez glauben können." Sanchez entgegnete "Meinst du, Leon, ich will zum Nordmeer!"

"Ach, so heißt du neuerdings Leon?", fragte Bernward. "Nur solange wir unterwegs sind, damit falle ich weniger auf." "Sie meint, als Mädchen müsste sie aufpassen, daß sie nicht von einem notgeilen Wanderprediger überrumpelt wird." "Nun, ich dachte, davor beschützt Ihr sie, Sanchez!" "Geht's denn endlich weiter?", rief Thomas ungeduldig. "Ja, Bruder Bernward, dann wünsche ich Ihnen noch eine gute Reise und daß Sie wohlbehalten dort ankommen, wo Sie hin wollen." "Gleichfalls Eleo... Leon!" "Na für Sie bleibe ich natürlich Eleonore." "Ist gut." "Vamos!", sagte Sanchez und trieb sein Pferd an.

Wir waren schon ein ganzes Stück weiter, als ich mich umdrehte und Bruder Bernward immer noch so stehen sah, wie wir ihn verlassen hatten. Ich sagte "Reitet nur voraus, ich komme nach!", und kehrte nochmal um. "Wo willst du hin?" Ich gab Sanchez bloß einen Wink. Als ich bei Bernward war, fragte er "Ist noch was?" "Warum kommen Sie nicht einfach mit uns mit?" "Wollt ihr denn auch nach Santiago de Compostela?" "Das nicht. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und bis er nach Santiago abzweigt, können wir gemeinsam reiten - das heißt ..."

Da erst fiel mir ein, daß Bernward auf einem Esel unterwegs war, wie sollte er mit uns mithalten können? Wie auf ein lautloses Kommando kam Apollon aus dem Gebüsch herausgetrabt, stellte sich neben seinen Herrn und wackelte bedeutungsvoll mit den Ohren. "Das ist eine famose Idee. Aber was wird dieser Sanchez dazu sagen?" "Ach, er wird's verkraften. Viel mehr Bedenken habe ich, ob Ihr guter Esel mit uns mithalten wird." "Oh, da mach' dir mal keine Sorgen, Eleonore. Apollon muss man geradezu zügeln, wenn er in Fahrt ist." "Hm. Na dann, sind Sie soweit?"

"Oh ja, mit Vergnügen", erwiderte er und kletterte auf sein Grautier, das sogleich das Maul vorstreckte, seine breiten Zähne entblößte und einen entsetzlichen Schrei ausstieß, daß mein Pferd erschrocken zurückwich. Ich fragte "Hat er etwas dagegen?" "Aber nicht doch, das war ein Freudenschrei!", sagte Bernward und sie setzten sich hurtig in Bewegung. Ich ließ ihnen einen kleinen Vorsprung, damit es so aussähe, als kämen wir gleichauf bei den beiden anderen an.

Sanchez schlug die Hände überm Kopf zusammen, er war so missgestimmt, daß er zwei Stunden lang kein Wort mit mir redete, und mit Bruder Bernward erst recht nicht. Thomas war es egal, er sagte bloß mit allem Nachdruck "Ich warte jedenfalls nicht, wenn er zurückbleibt, nur daß das klar ist." Je länger wir unterwegs waren, um so ungeduldiger wurde Thomas, er grübelte unentwegt darüber, wie er möglichst schnell genügend Geld zusammenkratzen konnte, um nach Neu-Indien zu segeln, und wie er es anstellen sollte, das richtige Schiff dafür zu finden, auf dem er anheuern würde.

Alle Abende breitete er gewissermaßen seine Pläne vor mir aus, und ich bedauerte es, daß ich ihm nicht wirklich mit gutem Rat zu helfen wusste. Durch meine höchst wirksame Verkleidung kamen wir in den Herbergen meistens in einer gemeinsamen Kammer unter, und ich verschaffte ihm wenigstens dadurch ein wenig Abwechslung und Zerstreuung, daß ich mit ihm im selben Bett schlief und er sich mit mir vergnügen konnte. Allerdings überkam mich irgendwann die Besorgnis, ich könnte ungewollt schwanger werden, und ich wurde vorsichtiger damit.

Als sich Sanchez herabgelassen hatte, wieder mit uns zu reden, kriegte er sich mit Bruder Bernward gleich in die Wolle, aber mir schien, daß auch Bernward nur darauf gewartet hatte, denn er war kein Freund der Schweigsamkeit. Den Anfang machte ein Streit um die Frage, was den Vorzug verdiene: der Wein oder das Bier? Sanchez war selbstverständlich ein Anhänger und Liebhaber des Traubensaftes, wobei er dem spanischen Roten den ersten Platz einräumte. Rot wie das Blut und tief wie die menschliche Seele sei dieser Trank.

Bernward sagte, er habe in seinem ganzen Leben höchstens zwei- oder dreimal mit Wein Vorlieb genommen, als es wirklich nichts anderes mehr zu trinken gab, um den Durst zu löschen, und er spüre noch jetzt den Widerwillen, den er dabei empfand. 'Rot wie Blut' - ha! das solle doch nur all' den Schmutz unsichtbar machen, welcher bei der Zubereitung dieses "Gesöffs" untergemischt werde, und er habe gehört, daß selbst der Kötel der Feldmäuse, die zwischen den Weinstöcken leben, dabei "mitverwurstet" wird. Und wie dagegen das Bier in seiner strahlendhellen Klarheit über alle anderen Getränke gleichsam mit glockenhaftem Klang jubiliere und die Zahl derer, die davon mit Seligkeit erfüllt werden, mit jedem Tag zunehme. "Amen."

"Was faselst du da von Mäusekötel, du Pfaffe! Der sitzt wohl bei dir in der Arschritze", entgegnete Sanchez, und Bernward mahnte: "Besinnt Euch! Es ist ein weibliches Wesen unter uns." Ich tat, als hätte ich es nicht gehört, ich wollte auf keinen Fall mit hineingezogen werden. Bernward versicherte, daß die Güte des Bieres durch das berühmte Reinheitsgebot, welches von höchster Stelle verfügt wurde, auf alle Zeit garantiert werde, und daß er selbst mit eigenen Augen seinerzeit in Weißensee bei den Kosterbrüdern dieses Reinheitsgebot quasi auswendig gelernt und verinnerlicht habe. Mir schien, daß es Bernward begrüßen würde, wenn man es als elftes zu den zehn Geboten der Christenheit hinzufügte oder besser noch ihnen voranstellte.

"Und doch", hielt Sanchez dagegen, "ist nichts so rein wie das Blut Christi, welches wir - wie du ja selbst am besten wissen müsstest, wenn du deinen Glauben ernst nehmen würdest - beim Abendmahl als Wein aus dem Kelch empfangen. Dagegen ist dein Bier die reinste Pisse - pfui Teufel!", rief er und spuckte aus. "Also bitte! Hütet Eure Zunge! Wie könnt Ihr ein Sakrament mit einem Fluch besudeln."

Sanchez ließ sich nicht beeindrucken, "Ich habe in Neu-Indien ein Volk getroffen, das auch Bier gebraut hat, und zwar aus Mais - und soll ich dir was sagen, Bruder, die scheren sich einen Dreck um dein hochgelobtes Reinheitsgebot. Die Weiber haben diesen Maisbrei vorher stundenlang durchgekaut und dann in eine große Schüssel gespuckt, wo alles durcheinandergemengt wurde, und dieses Zeug haben sie dann einfach in der Sonne stehengelassen und gewartet, daß sich das ekelhafteste Gebräu daraus bildet, das man sich nur vorstellen kann. Und diese Weiber, das waren keineswegs nur hübsche, junge Dinger, von denen man es sich vielleicht noch gefallen ließe, etwas vorgekaut zu bekommen, nein, da waren auch alte Wachteln drunter, die wer weiß was für Schimmel und Geschwür in ihren Mundhöhlen behausten ..."

"Oh, Sanchez, jetzt ist aber genug", mischte ich mich ein, "da wird einem ja ganz übel." "Ja, siehst du, Leonora, und so was will uns unser Begleiter hier als die Krone der Reinheit und des Wohlgeschmacks verkaufen."

"Ich habe nie behauptet, daß sich alle an diese Vorschrift halten, insbesondere die Heiden unter den Völkern kennen sie noch gar nicht, wie Ihr hiermit selbst eingestanden habt. Und das ist ein weiteres hehres Motiv, bei diesen Menschen zu missionieren und ihnen die Werte unserer Zivilisation zu vermitteln. Meinst du nicht auch, Eleonore?" Bernward wollte mich wohl nur auf seine Seite ziehen, ich sagte "Eigentlich ist mir das egal, und was mich betrifft, so trinke ich mal das eine so gern wie das andere, es schmeckt mir beides. Am meisten schätze ich sowieso frisches, klares Wasser."

Sanchez lobte mich für diese Feststellung, und Bruder Bernward schwieg eine Weile, aber er war immer noch mit Sanchez' Schilderung beschäftigt. Dann meinte er "Dieses Maisbier, von dem Ihr gesprochen habt, wie schmeckt es eigentlich?" "Abscheulich." "Aber es wird dennoch von den Indianern getrunken." "Natürlich, und zwar in nicht geringen Mengen und zu jedem nur erdenklichen Anlass. Wird ein Kind geboren, feiern sie es mit Bier aus großen Schalen - ach was sag' ich, sie verabreichen es sich schon, wenn sie das Kind zeugen, und wenn es dann ein Junge ist, trinken sie nochmal soviel auf sein Wohl.

Wenn jemand von einer schweren Krankheit genesen ist, danken sie ihrem Gott mit einem Bieropfer, das sie ihm freilich erst auf dem Umweg durch ihren Leib darbieten, und wenn sie gegen einen feindlichen Stamm zu Kriege ziehen und ihn besiegen, dann schleppen sie als erstes die jungen gebärfähigen Frauen mit sich fort, fast zugleich aber machen sie sich über die Biervorräte her, wohlgemerkt, wenn welche vorhanden sind, denn diese Indianer saufen alles am liebsten gleich weg, damit es nicht in fremde Hände fällt und die ganze Arbeit und Mühe mit dem Durchgekaue und 'Rumgeschweinse in den Trögen umsonst gewesen wäre."

"Aber auf den Wein sind sie auch noch nicht gekommen", stellte Bernward fest, und Sanchez erwiderte "Nein, denn um Wein zu machen, ist viel Erfahrung nötig und ein gehöriges Maß an Verständnis für all' die Dinge, die uns Gott der Schöpfer zum Nutzen überlassen hat, und das besitzen die Indianer nicht, denen es nur darum geht, ihre wilden Triebe zu befriedigen und sich satt und träge in den Schatten zu werfen und solange dort liegen zu bleiben, bis sich wieder irgendein niederes Bedürfnis in ihnen regt." Ich staunte über seine Worte, ich hatte ihn nach unserer Bekanntschaft im heimatlichen Schmalkalden selber für einen Faulpelz gehalten, nun schien mir, daß er sich bei uns bloß gelangweilt hatte. Ich sagte "Du meine Güte, Sanchez, jetzt haben Sie ja beinahe einem höheren Lebenszweck gehuldigt."

"Das war nicht meine Absicht. Ich bin der Sohn eines Weinbauern und ich weiß, wieviel Kraft und Aufopferung darin stecken, auch nur eine einzige Flasche guten Weins zustandezubringen und daß man jeden Tropfen davon der Natur abringen muss, die oft gar nicht gern etwas hergibt. Da kann ich solche Dumpfheit nicht verstehen, mal ganz abgesehen davon, daß diese Maisbierscheiße niemals ein Ersatz sein kann für echten Wein." Bernward sagte "Vielleicht kann man den Indianern den Weinanbau beibringen." "Ja, vielleicht. Aber ich werde ganz bestimmt nicht derjenige sein, der ihnen das beibringt." "Ihr haltet wohl nicht viel von diesen Menschen?" "Grad' soviel wie von jedem andern. Wie du mir - so ich dir, sagt das Sprichwort, und das ist auch meine Regel."

Ein andermal fragte er Bruder Bernward, weshalb er ausgerechnet nach Santiago de Compostela wolle, und der erklärte es ihm. "Wie Ihr vielleicht wisst, befindet sich dort das Grab des Jakobus, welcher einer der ersten Apostel unseres Heilands war." Sanchez meinte, das sei ihm wohlbekannt, daher wandte sich Bernward an mich, "Nach Jesu' Tod ging Jakobus nach Spanien, um das Evangelium zu predigen, aber diese Spanier waren dickköpfige Ignoranten und ..." "Hohoho, immer langsam, Bruder", unterbrach ihn Sanchez, "da oben das sind Galizier und die sind ein eigensinniges Völkchen, da hätte sich der brave Jakobus vorher ein bisschen besser kundig machen sollen, an wen er sich wendet."

"Ja, mag sein", entgegnete Bernward, "aber was hätte ihm das genützt? Ich meine, welcher Apostel sucht sich nur die angenehme Gesellschaft aus? Dann wäre er kaum der rechte Mann für seine Mission." "Was ist mit ihm geschehen?", fragte ich. "Sie haben ihn verjagt." "Ach ja? Ich denke, das ist sein Grab?" "Ist es auch. Er ging zurück nach Jerusalem und erlitt dort das Martyrium. Dann haben seine Freunde den Leichnam nach Spa... nach Galizien geschafft und dort bestattet. Es ist eines der wenigen bekannten Gräber der leibhaftigen Jünger Jesu", fügte er mit Bewunderung hinzu.

Sanchez sagte "Warum, glaubst du, sollte der heilige Jakobus gerade dich erwarten?" Bernward war verblüfft, "Ich habe nicht behauptet, daß er mich erwartet." "Ich vermute aber doch, daß du darauf hoffst", beharrte Sanchez. "Warum gingst du dann überhaupt hin, wenn dir klar wäre, daß er dich gar nicht beachtet. Niemand geht nach Santiago de Compostela mit der Gewissheit, daß sein Bemühen nicht belohnt werde." "Das ist doch nun etwas ganz anderes, Senor Sanchez. Natürlich möchte ich im Angesicht seines Grabes sozusagen vor ihn hintreten, mich in Demut vor ihm verneigen und wenigstens für einen Atemzug lang im Geiste mit ihm verbunden sein. Doch ich weiß sehr wohl, daß ich damit nur einer von unzählig Vielen bin, die seine Aufmerksamkeit erheischen, von seinem Segen ganz zu schweigen. Woher sollte er denn auch von mir erfahren können, solange ich nicht bei ihm war."

"Hm", machte Sanchez, "das ist freilich eine gute Begründung. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, Bruder, sag' ihm nichts von deiner Bierfrönerei, denn die ist ein sicheres Zeichen für deine heidnische Verwurzelung, von der sich sogar die Galizier selbst längst getrennt haben." "Sanchez", sagte ich, "fangen Sie nicht wieder damit an." "Ich werde es nicht erwähnen", sagte Bernward, als wollte er ihm einen Gefallen tun. "Außerdem habe ich ein Geschenk, das ich hier in meinem Beutel bei mir trage."

"Ah", rief Sanchez, "jetzt kommen wir endlich mal zur Sache, ich dachte schon, du wolltest es uns nie zeigen. Was ist es denn überhaupt?" "Ein Marienbild." "Na, das wollen wir uns doch mal genauer anschauen." Ich war ebenfalls neugierig darauf, ich rief Thomas heran, der uns wie immer ein Stück voraus war, wir stiegen ab, und Bernward holte das Kunstwerk aus seinem Beutel, es war extra in festes Tuch eingepackt und mit Bindfaden verschnürt, es dauerte eine Weile, bis er alle Knoten aufgezupft hatte.

Es war ein Porträt der Muttergottes mit dem kleinen Christuskind in einem reich verzierten goldenen Rahmen, und über dem Bild lag eine dünne Schicht kristallklaren Glases. "Dieses Glas", erklärte Bernward, "ist von ganz besonderer Beschaffenheit, es ist eigentlich ein Mineral, das man auch 'Marienglas' nennt, weil es für solche Bildnisse wie dieses bevorzugt verwendet wird. Es stammt aus einem Bergwerk im Thüringer Wald, nahe einem Ort namens Friedrichroda. Es hat ganz vorzügliche Eigenschaften was seine Transparenz anbetrifft und die Fähigkeit, die Farben darunter im einfallenden Licht zu verstärken und gewissermaßen zu sublimieren."

Er hielt es in verschiedene Richtungen, entschied sich dann für eine und sagte "Seht ihr! Was für ein Glanz und welche Tiefe auf dem Antlitz der Figuren ruht. Seht ihr! Und dieser schier überirdische Schimmer auf dem Gewande Mariens, als wäre der Stoff aus Engelshaar gewebt. Und diese eigentümliche Miene des Christkindleins, so bewegt und doch so duldsam. Ach, ich könnte mich jedesmal darein versenken und darüber alle Zeit und alle Wirklichkeit vergessen." Es muss ein bisschen seltsam ausgesehen haben, wie wir alle vier dastanden und wie verzaubert auf das Bild starrten, aber ich verspürte dabei wirklich etwas Andächtiges und Sanftmütiges, das sich wohltuend auf mein kleines Herz legte.

Die Überquerung des Gebirges war sehr beschwerlich. Es gab kaum richtige Wege, und wenn wir einen fanden, war es ungewiss, wohin er führte. Wir kamen durch finstere Wälder, durch Schluchten und Täler, dann wieder auf felsige Hochebenen, auf denen kein Halm wuchs und wo ein eisigkalter Regensturm uns gegen die Flanke peitschte. Einmal stürzte mein Pferd und ich prellte mir den Arm, es schmerzte sehr und mir kamen die Tränen. Kaum daß einmal ein Sonnenstrahl herniederfiel, ballten sich gleich wieder schwarze Wolken über uns zusammen, die Blitz und Donner zucken und krachen ließen. Manchmal wurde es gespenstisch still um uns her und hässlicher Nebel zog in dichten Schwaden vorüber, man konnte kaum mehr die Hand vor Augen erkennen und wir mussten uns gegenseitig zurufen, um beieinander zu bleiben.

Es gab nur wenige Behausungen in dieser Wildnis, ein paar halbverfallene Hütten, mit großen Löchern im Dach; wenigstens schützten sie uns vor dem Wind und der Kälte, und meistens gelang es uns, ein Feuerchen zu machen und solange dort auszuharren, bis man sich einigermaßen ungefährdet wieder nach draußen begeben konnte. Nach den Wolkenbrüchen schwollen die Bäche zu reißenden Flüssen an, und wenn wir genötigt waren, einen zu durchqueren, mussten wir erst lange nach einer halbwegs geeigneten Stelle suchen, an der wir es wagen konnten, uns und unsere Pferde hindurch zu treiben, ohne von den Wassermassen fortgerissen zu werden.

Auf der Südseite wurde es allmählich freundlicher und bald erreichten wir auch die erste Herberge, wo wir übernachten, unsere Sachen trocknen und uns stärken konnten. Doch dann geschah etwas Schreckliches. Als ich einmal zurückblieb, weil ich mich erleichtern wollte, stürzten sich im Gebüsch drei Räuber auf mich. Sie mussten mich wohl dabei gesehen haben, wie ich auf Mädchenart das Wasser ließ, worüber sie vielleicht verwundert waren, sich dann aber sogleich besannen, was sie mit mir machen würden.

Einer packte mich am Hals und warf mich zu Boden, während mir der andere die Hose abstreifte, seinen Schwengel herausholte und sich über mich hermachte - zweifellos würden die beiden andern es ihm hernach gleichtun, schoss mir durch den Sinn. Mir war für einen Moment die Luft weggeblieben, aber jetzt schrie ich aus Leibeskräften und kurz darauf war Sanchez zur Stelle, der jenem zwischen meinen Beinen einen Hieb gegen die Schläfe versetzte, daß er zur Seite flog, sich zweimal überschlug, aufrappelte und wegrannte, der zweite folgte ihm nach. Der dritte aber lief in die falsche Richtung und Thomas genau in die Arme.

Dazu muss ich sagen, daß sich Thomas, noch bevor wir unsere Reise antraten, eine Keule gebaut hatte, bei der ein faustgroßer Feuerstein mit einem "Guckloch" mit Strick an einen Buchenknüppel, ungefähr so lang wie ein Hammerstiel, festgebunden war, grade so, daß der Stein noch hin- und herschwang und mit seinem eigenen Gewicht die Wucht des Schlages verstärkte. Er hatte mir gezeigt, wie eine Flasche aus dickem, grünen Glas in tausend Scherben zersprang.

Jetzt holte er damit aus und einmal genügte, um dem andern die Schädeldecke zu brechen und ihn zu Boden sinken zu lassen, er zuckte noch zwei- dreimal und war mausetot. Ich hatte alles im Liegen mitverfolgt, es war eine Sache von Sekunden. Sanchez reichte mir seine Hand, um mir aufzuhelfen. Ich ging hin und schaute auf den Räuber, dem das Gehirn herausgequollen war und der mich mit weit aufgerissenen Augen fragend anstarrte, er war noch ganz jung, er sah überhaupt nicht gefährlich aus, er hatte vielleicht immer bloß Schmiere gestanden. Thomas indes waren sofort die guten Lederstiefel aufgefallen, er zerrte sie mit aller Gewalt von seinen Füßen und schüttelte und rüttelte dabei den leblosen Körper, daß es schien, als würde er sich noch aus dem Jenseits dagegen wehren, seine geliebten Stiefel herzugeben.

Auch Bruder Bernward war inzwischen hinzugekommen, ich sagte "Wir sollten ihn wenigstens begraben", und er nickte. Aber wir hatten keine Schaufel. Sanchez hatte eine kleine Axt, damit machte er zwei Knüppel zu einer Art Pflug, und wir gruben so gut es ging ein Loch, glücklicherweise war der Boden locker und ohne große Steine. Wir legten den toten Jungen hinein und häuften die Erde darauf, Sanchez trat mit seinen großen Füßen alles fest. Bruder Bernward holte seine Bibel aus dem Beutel und las ein paar Verse aus einem Psalm, zuletzt bekreuzigten wir uns.

Thomas aber war die ganze Zeit nur mit seinen neuen Stiefeln beschäftigt, und als ich mir abends vorm Einschlafen alles noch einmal vergegenwärtigte, da beschlich mich ein ungutes Gefühl. Natürlich war das Recht der Notwehr auf seiner Seite gewesen, als er auf den Jungen einschlug, und es konnte ihm auch niemand zum Vorwurf machen, daß er es mit voller Kraft getan und womöglich zu spät gesehen hatte, daß der andere unbewaffnet war. Im Grunde musste ich ihm dankbar sein, wie er sich selbstlos für mich eingesetzt hatte.

Und dennoch erschrak ich vor seiner Rohheit und wie er jede Betroffenheit vermissen ließ angesichts der Tatsache, daß er gerade ein Leben ausgelöscht hatte, dessen einziger Wert für ihn offenbar darin bestand, daß ein Paar brauchbare Stiefel dranhingen. Freilich, ich wusste diesen Burschen auch nicht näher zu schätzen und wenn er mir etwas angetan hätte, dann wäre ich wahrscheinlich anderer Meinung gewesen. Trotzdem verursachte mir der Anblick dieser Stiefel fortan Unbehagen. Ich schlug Thomas sogar vor, sie auf dem Markt gegen andere einzutauschen, aber dazu war er nicht bereit, sie passten ihm auch wie angegossen.

Dann kam der Tag, an dem wir uns von Bruder Bernward verabschiedeten, da der Weg nach Santiago de Compostela in eine andere Richtung abzweigte. Wir feierten am Abend vorher noch in einer Schenke, und unser braver Bernward ließ sich sogar überreden, Wein zu trinken. Wir wünschten ihm viel Glück und daß der heilige Jakobus ihm irgendein erkennbares Zeichen gäbe, wenn er das Marienbild empfangen hat. "Endlich sind wir den Fettwanst los", sagte Sanchez, aber ich konnte deutlich sehen, daß es ihm auch ein bisschen leid tat.

"Sagen Sie mal, Sanchez, gestern in der Schenke, da hat sie jemand angesprochen, als er Ihren Namen hörte, was wollte der?" "Nichts." "Er hat Sie gefragt, ob Sie ein Jude wären." "Na dann weißt du doch, was er wollte." "Ist das denn überhaupt von Bedeutung?" "Nein", sagte Sanchez mit Nachdruck, nach einer Pause fügte er hinzu "Manche Leute wollen einen damit nur reizen." "Daß sie behaupten, man sei ein Jude?" "Ja." "Das verstehe ich nicht, erklären Sie mir's bitte."

Er atmete tief durch, "Das ist so: den Namen Sanchez tragen häufig Juden." "Ja und, was ist daran auszusetzen?" "Das ist eine lange Geschichte, Leonora. Früher haben in unserem Land die Christen und Juden und die Muselmanen - man kann sagen: ziemlich einträchtig nebeneinandergelebt." "Die Muselmanen sind die, die an den Propheten Mohammed glauben, nicht war?" "Ja, sie hießen bei uns auch Mauren, sie kamen aus Afrika herüber, Abdarrahman war ein großer Herrscher und ein stolzer Mann."

"Was ist aus ihm geworden?" "Nun, unser König Ferdinand und die Königin Isabella sind seinerzeit in die Alhambra von Granada, den alten Königspalast der Mauren, eingezogen und haben damit die letzte Hochburg der Mauren sozusagen zurückerobert." "Wann war das?" "Das war zufällig im gleichen Jahr, als Kolumbus Neu-Indien entdeckt hat, das man ja inzwischen auch Amerika nennt." "Lebt Kolumbus eigentlich noch?" "Nein. Seine Gebeine ruhen in der Kathedrale Santa Maria de la Sede in Sevilla." "Woher wissen Sie das alles, Sanchez?", fragte ich erstaunt. "Das weiß bei uns jedes Kind", erwiderte er, und ich kam mir ein bisschen dumm vor, weil ich gerade mal über Luthers Schmalkaldische Artikel Bescheid wusste, die hierzulande überdies verabscheut wurden.

Aber da fiel mir noch etwas ein, "Sie sagten, das war der König Ferdinand, ich denke, der spanische König heißt Karl?" "Ja, das ist sein Nachfolger, bei euch heißt er Karl der Fünfte und er ist unser aller Kaiser. Bei uns heißt er Carlos der Erste, und seine Frau, die Königin, heißt ebenfalls Isabella." "Haben Sie die Königin selber schon gesehen?" "Ja, als ich meinen Herrn bei einer Audienz begleiten durfte." "Ist sie hübsch?" Sanchez verwahrte sich, "Ein Ehrenmann äußert sich nicht über derlei Dinge!" "Aber wir sind hier unter uns." (Thomas war ein Stück voraus.) "Ja, sie ist schön, weiblich zart, aber sehr entschlossen. Wenn der König im Reich unterwegs ist, führt sie die Regierungsgeschäfte, manche sagen, sogar besser als er, aber das kann ich nicht beurteilen."

"Und was hat es nun mit den Juden auf sich?" Sanchez erklärte "Es gibt bei uns ein Gesetz, das heißt 'Estatutos de limpieza de sangre'." "Limpieza de sangre?", warf ich ein, "das bedeutet doch 'Reinheit des Blutes'!", und war stolz, daß ich es verstanden hatte. "So ist es. Es besagt, daß die Juden - und die Muselmanen sowieso - minderwertiges Blut in ihren Adern hätten, und daß nur die Abkömmlinge des wahren spanischen Volkes den Titel eines Spaniers tragen dürfen, also jene, deren Blut nicht vermischt ist mit dem der Einwanderer, die irgendwann zu uns kamen."

Ich fragte etwas vorsichtiger "Sind Sie denn in Wahrheit ein Jude?" "Nein. Ich bin ein Bauernsohn, meine Familie hat niemals woanders gelebt, als im Herzen dieses Landes, in einem Dorf nahe Guadalupe. Mein Vater war, wie ich schon einmal sagte, Weinbauer und er hatte großes Geschick, aber leider wenig Glück, er wurde krank und ... na ja, jedenfalls mussten mich meine Eltern als Knabe in andere Obhut geben und ich kam in die Familie eines reichen Mannes namens Sanchez, der war wirklich ein Jude und er hat sich mit aller Hingabe um mich gekümmert, bis ich alt genug war, für mich selber zu sorgen." "Daher haben Sie also seinen Namen angenommen?" "Ja." "Wie hießen Sie vorher?" "Das möchte ich nicht verraten, denn in unserer Sprache hat es große Ähnlichkeit mit einer nicht eben schmeichelhaften Bezeichnung." "Ach so." "Viele ehemalige Juden sind übrigens zum christlichen Glauben konvertiert, aber der Name Sanchez haftet ihnen immer noch wie ein Makel an."

Ich dachte über seine Worte nach. Mir schien, daß er sich mit seinem Namen nicht nur abgefunden hatte, sondern ihn auch aus Dankbarkeit gegenüber seiner Pflegefamilie beibehielt, währenddem er seinen richtigen Namen lieber verschwieg, weil man ihn womöglich deswegen verspottet hätte. Aber nach allem, was er über seinen Vater, den Weinbauern, erzählt hatte, empfand er für ihn große Achtung und vielleicht selbst auch ein bisschen Scham, daß er sich nicht traute, seinen Namen offen auszusprechen und dafür lieber in Kauf nahm, als Jude betrachtet zu werden.

Zumal, wie er mir auch erklärte, man infolge der "limpieza de sangre" zu einer Art Wertschätzung des einfachen Bauernstandes zurückfand, weil man, so Sanchez' Überzeugung, im Blute des Bauern die besten Eigenschaften seiner ganzen bisherigen "Menschwerdung" bewahrt fand, "wie alle Köstlichkeiten einer Aprikose in deren Kern". Da bekam ich freilich Zweifel, ob solche Formulierungen wirklich von ihm selber stammten, und später begegnete mir dieses Wort Encarnación - Menschwerdung - wieder, und mir wurde klar, daß es Sanchez übernommen hatte. Aber warum denn auch nicht, sagte ich mir, schließlich hatte ich mir das meiste, was ich für meine eigene Auffassung von der Welt und vom Leben hielt, auch erst irgendwo zusammengeklaubt. Und dabei die richtige Auswahl zu treffen, das war doch auch schon eine Leistung!

Ein andermal sprach ich zu Sanchez von dem Buch "De Insulis Inventis", das mir Thomas in Hartmann's Druckerei zum Lesen gegeben hatte, bessergesagt zum Bilder anschauen, denn es war ja komplett in Latein verfasst. Ich sagte "Auf diesen Bildern sind ganz gräuliche Dinge zu sehen, wie die Spanier mit den Indianern umgegangen sind und wie sie sie schließlich auf die barbarischste Weise ermordet haben." Sanchez hörte ich alles an und erst nach einer Pause fragte er "Und warum erzählst du mir das?"

"Sie waren doch auch dort, Sanchez." Da schaute er mich von der Seite komisch an und dann lachte er aus vollem Halse, "Du meinst wohl, du hättest mich auf einem von diesen Bildern wiedererkannt?" "Nein! Ich frage mich nur, ob Sie ... na ja, haben Sie schon selbst einen Indianer getötet?" "Jawohl, das habe ich, und mehr als einen, Leonora. Ich bin als Soldat in Amerika gewesen und nicht als Kaufmann oder Prediger. Was denkst du denn, was die Indianer tun, wenn man an ihrer Küste landet?" Ich sagte "Da waren auch Bilder dabei, auf denen die Spanier herzlich empfangen wurden, man brachte ihnen Speisen und Getränke, man bot ihnen sogar die jungen Frauen an, damit sie mit ihnen ... na, Sie wissen schon ... hat sich das etwa nicht so zugetragen?" "Möglicherweise hat es das, meine Liebe. Ich habe das allerdings niemals so erlebt."

Thomas beteiligte sich selten an unseren Gesprächen, es hatte sich irgendwie so ergeben, daß er stets als erster voran ritt, als würde er den Weg erkunden. Dabei war es allein Sanchez, der uns mit einiger Gewissheit hätte sagen können, wo entlang es geht. Aber Thomas schien so etwas wie einen natürlichen Sinn dafür zu haben, welche Richtung man einschlagen müsse, etwas, das mir völlig abging, wie ich dann später noch bitter feststellen sollte.

Dann bemerkte ich, wie er sich öfter und länger mit Sanchez unterhielt, wenn ich nicht dabei war. Abends saßen sie in der Schankstube der Herberge zusammen und redeten, während ich schon in der Kammer schlief. Wenn sich Thomas zu mir legte, wachte ich auf und knurrte, und er flüsterte bloß "Schlaf' weiter, Bruderherz."

"Was bekakelt ihr eigentlich immer miteinander?", fragte ich Sanchez, weil ich vor Neugier fast platzte. "Wo?", stellte er sich dumm. "Gestern zum Beispiel. Ihr habt bis spät in die Nacht unten zusammengesessen." "Ich habe Thomas gesagt, er solle sich, wenn wir in Sevilla sind, beim Consejo de Indias vorstellen." "Was ist das?" "Der Indienrat. Die Behörde, die für alle Unternehmungen in Amerika zuständig ist." "Findet er dort einen Platz auf einem der Schiffe?" "Man kann ihm dabei helfen." "Hat er Ihnen gesagt, was er genau vorhat?" "Nur das, was alle vorhaben, sich durchschlagen und zu Reichtum kommen. Er ist ein pfiffiges Bürschchen, ich glaube, er kann es zu etwas bringen. Wenn ihm sein Jähzorn dabei nicht schadet."

"Wie meinen Sie das?" "Manch einen hat sein ungestümes Wesen dahin gebracht, daß er die Wirklichkeit aus den Augen verlor und dann die falschen Entscheidungen traf. Die Welt da drüben, Leonora, ist oftmals trügerisch, und vor allem die Menschen, mit denen man es zu tun hat, sind es. Man kann keinem trauen. Wenn er dir auch zehnmal beigestanden, dir gar das Leben gerettet hat, kann es doch sein, daß er dir beim elften Mal ohne zu zögern den Dolch in den Rücken stößt." "Wie kommt das?", fragte ich, und er sagte "Das weiß ich nicht. Manche meinen, es liege an den Göttern, die dort seit jeher walten und die den Menschen den Kopf verdrehen und den klaren Verstand rauben, wenn es ihnen gefällt. Manche nennen diesen ganzen Landstrich 'El reino de las bestias' - ein Reich der Dämonen, die einen in den Wahnsinn treiben können."

Ich glaubte, Sanchez würde mich bloß ein bisschen erschrecken wollen. Aber ich wünschte mir auch, daß Thomas mir seine Pläne offenlegt, was er keineswegs mehr mit jener Vertraulichkeit tat wie am Anfang, und dieses scheinbar kameradschaftliche, aber im Grunde nur spöttische "Bruderherz", mit dem er mich titulierte, klang mir bald nur noch unangenehm in Ohren. Ich wollte immer auch eine gute, zuverlässige Gefährtin für ihn sein, jemand, die ihn beschützt, ungeachtet dessen, daß ich ein Mädchen war und zugegebenermaßen keine so schlagkräftige Waffe besaß wie er.

Deshalb versuchte ich, ihn mit anderen Mitteln an mich zu binden und dafür zu sorgen, daß er mich bei sich behält. Ich zwang mich, solange wach zu bleiben, bis er sich zu mir legte, damit ich mich ihm hingeben konnte. Er nahm mich und befriedigte seine Lust, aber ich spürte, daß er es eher gleichgültig, ja mit einer gewissen Pflichterfüllung tat, die mich maßlos ärgerte.

Er behauptete auch, ich wäre nur mitgekommen, weil ich in kindischer Liebe zu José López Talavan entbrannt sei und ihm deswegen folgte. Das traf mich tief, vor allem, weil es natürlich nicht ganz unbegründet war. Thomas schaffte es, mich damit zugleich vor ihm zu erniedrigen, denn es hatte ja den Anschein, als hätte ich ihn benutzt, um mit seiner (und Sanchez') Hilfe Senor Talavan auf den Fersen zu bleiben. Ich fühlte mich von Sanchez bestärkt, der zu mir sagte, ich sollte Thomas davon abhalten, etwas Unüberlegtes zu tun, wenn er merkt, daß er mit seinen Plänen nicht schnell genug vorankommt. (Deshalb war er uns wohl auch immer ein Stück voraus und in Gedanken bereits ganz woanders.)

* * * * *

Ich war ziemlich erschöpft, als wir endlich in dem Ort ankamen, wo Sanchez' wohnte. Es war ein Städtchen zwischen zwei Hügeln, auf deren größerem sich ein Felsen mit einem weithin sichtbaren Kreuz befand, während am Fuße des anderen ein Flüsschen dahinströmte, über das sich im Bogen eine steinerne Brücke spannte. Die Häuser fügten sich eins ans andere, bescheiden aber hübsch anzusehen, sie hatten fast alle rote Ziegeldächer, Fenster mit Holzläden und feste Türen, damit an den heißen Tagen die erhitzte Luft nicht ins Innere dringen konnte.

Auf dem kleinen beschaulichen Marktplatz war ein Brunnen, aus dem ein Wasserstrahl ganz von selbst in das Becken plätscherte, und rundherum standen große Platanen, die Schatten spendeten. Einmal in der Woche kamen die Marktweiber aus der Umgegend hierher und boten Obst und Gemüse an, und es machten auch andere fahrende Händler Halt. Dann war viel Volk zu sehen.

An der einen Marktseite stand die Kirche, mit einer Glocke oben am Turm, die an einem Balken hin- und her schwang und mit einem hellen Ton bimmelte. Wenn sie ausgebimmelt hatte, ließen sich die weißen und hellblauen Tauben wieder auf dem Gemäuer nieder. Es gab zahlreiche Gässchen rund um den Markt, und an den Hügeln zogen sich schmale Wege im Zickzack hinauf; wo es zu steil wurde, waren Treppenstufen verlegt. An den Hängen prangten üppige Obstgärten, und ganz oben standen uralte, knorrige Olivenbäume mit grün und silbern glänzenden Blättern.

Ein auffälliges Bauwerk war das Hospital, welches hauptsächlich wohlhabende Leute beherbergte, die aus Sevilla kamen, um sich hier Linderung ihrer Leiden zu verschaffen, denn es gab eine heilkräftige Quelle am Ort, die weithin gepriesen wurde. Etwas abseits stand ein wuchtiger Turm mit vier vergitterten Öffnungen nach jeder Seite, da war der Kerker drin, und nachts konnte man dort das Käuzchen klagen hören. Noch weiter abwärts wurde der Fluss breiter und da lagen Kähne am Ufer. Auf der anderen Flußseite unter den Weiden saßen meistens Angler oder manchmal schlief da auch jemand seinen Rausch aus. All' das erfuhr und erkundete ich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft.

Sanchez' Haus befand sich auf der Felsenhügel Seite, aber fast schon ein wenig außerhalb des Dorfes an der Straße, die von Mérida kam und nach Sevilla ging, welches eine Tagesreise entfernt lag. Es waren eigentlich drei Gebäude um einen Hof herum, geräumig und gemütlich, mit einer Badestube, von der ich sogleich ausgiebig Gebrauch machte (die Männer ließen mir den Vortritt). Es gab eine große Küche, die das Reich von Aurelia war, der Magd, Köchin und guten Seele des Hauses. Es war mir bald eine der größten Vergnügungen, mit Aurelia auf den Markt zu gehen und ihr dann beim Kochen und Backen behilflich zu sein.

Hinter dem Haus waren zwei Ställe mit zwei Schweinen und mit Hühnern, aber denen hatte gerade der Fuchs übel mitgespielt. Es gab auch einen kleinen Taubenschlag, und weiter hinten erstreckte sich ein Garten mit ein paar Weinreben, die eigentlich, wie Aurelia mir erzählte, schon vor Jahren gerodet worden waren, "aber ein Weinstock kommt immer wieder hervor, wenn er einmal in der Erde steckt", versicherte sie.

Von dem Garten ging ein Pfad hinauf zum Felsen, er war ziemlich steil und steinig, und unterhalb des Kreuzes war eine kleine Höhle und von da aus hatte man einen herrlichen Blick über den ganzen Ort und hinüber zum Kloster, von dem ich noch berichten werde. Manchmal ging ich da hinauf zur Höhle und wartete die Abenddämmerung ab, bis alle Laute von unten verstummt waren, die Hunde aufhörten zu kläffen, die Vögel und Zikaden schwiegen und nach einer besinnlichen Pause der Stille das Käuzchen im Kerkerturm anfing, kläglich zu fiepen.

Aurelia kochte und backte für die "Patienten" im Hospital, deshalb holte sie auch so viel vom Markt und war praktisch den ganzen Tag auf den Beinen. Aber auch im Haus selbst hielten sich öfter Gäste auf, Reisende, die eine Rast einlegten, das war schon immer so, sagte Aurelia, irgendwie hatte es sich mit der Zeit herumgesprochen, daß man in Sanchez' Haus gut unterkommen könne. Es war wie ein lautloser Wechsel - die einen gingen, die andern kamen, manchmal war auch ein Pärchen von Edelleuten dabei, stolze Herren und bezaubernde Damen, die sich bei Tisch mit einem Fächer aus zarter Seide und hauchdünnem Elfenbein Kühlung verschafften, während die Herren mit selbstzufriedener Miene vor sich hindösten. Aurelia wusste übrigens, daß diesen Herrschaften die Einfachheit des Hauses behagte, nur sauber müsse es sein, darauf legte sie allergrößten Wert.

Deshalb kam ein Mädchen namens Baukis her, die überall ausfegte und Staub wischte, den Abfall fortschaffte, die Badewanne scheuerte und den Abtritt reinigte, manchmal kümmerte sie sich auch um die Wäsche oder fütterte die Schweine, zwischendurch schrubbte sie sich die Hände mit Bimsstein. Sie hatte sehr helle Haut und rötliches, struppiges Haar, unzählige Sommersprossen und dermaßen abgeknabberte Fingernägel, daß es einem bei dem Anblick schon wehtat. Sie kam jedesmal mit einem robusten Besen aus Ginster Reisern, den sie behandelte wie ein Erbstück.

Ich hatte sie erst für einen Knaben gehalten, zumal sie weite Hosen trug, ich war mir nicht ganz sicher und musterte Baukis hinter ihrem Rücken. Auch der Name war mir nicht geläufig. Dann glaubte ich, so etwas wie einen Brustansatz zu erkennen. Ich fragte sie nach ihrem Alter und dachte daraufhin, daß sie eigentlich schon mehr Busen haben müsste, aber das ging mich ja gar nichts an. Jedenfalls fand ich sie nett, sie hatte auch ein unwiderstehliches, freches Lachen, wenngleich sie mir ein bisschen einfältig vorkam. Sie war froh, daß ich Aurelia zum Markt begleitete und ihr beim Tragen half; ich weiß nicht genau, ich glaube, sie faulenzte derweil hinten im Garten herum.

Nun muss ich einfügen, daß sich Sanchez drei Tage nach unserer Ankunft nach Sevilla begab, um dort mit José López Talavan zusammenzutreffen, den er ja seit dessen Abreise aus Schmalkalden nicht mehr gesehen hatte. Ihr könnt euch sicher denken, daß ich seinen Weggang mit gemischten Gefühlen verfolgte. Einerseits wäre ich am liebsten mitgegangen, denn auch ich wünschte mir sehnlichst, José Talavan wiederzusehen - oh, wie oft hatte ich in den vergangenen Wochen von ihm geträumt! (Worüber ich mich hier, aus Anstand, nicht weiter äußern möchte.)

Sanchez hatte uns sein ganzes Haus zur Verfügung gestellt, wir konnten uns frei und ungezwungen darin aufhalten und bewegen, und ich sollte mich zuerst einmal von den Anstrengungen der Reise erholen, was mir sehr leichtfiel, und am Ende der Woche war ich schon wieder bei Kräften. Andererseits also fand ich es hier sehr angenehm, das Haus, Aurelia, der Ort, die Umgebung, das Wetter, überhaupt alles gefiel mir und ich fand auch gleich genügend Beschäftigungen, die mir den Tag ausfüllten.

Thomas hingegen fühlte sich überhaupt nicht wohl, er meinte, Sanchez habe ihn schmählich im Stich gelassen, als er nach Sevilla ging. Er wurde regelrecht zornig und beim geringsten Anlass brauste er gleich auf. Dann verkündete er eines Tages, Sanchez habe ihm geschrieben, daß er nach Sevilla kommen und sich bei der Consejo de Indias vorstellen solle. Ich hatte nicht bemerkt, daß ein Brief angekommen war, aber ich wollte auch nicht nachfragen und ihn erneut aufbrausen lassen. Er packte seinen Seesack und machte sich auf den Weg; Aurelia wollte ihm ein großes Proviantpaket mitgeben, aber er lehnte ab, wenigstens bedankte er sich bei ihr. Ich hatte ihn nur mit Mühe dazu bringen können, mich beim Abschied zu küssen.

Als er weg war, fühlte ich mich für ein paar Stunden ziemlich alleingelassen. Er hatte einen Löffel vergessen, den hielt ich die ganze Zeit in Händen, während ich ihm hinterhersann. Aurelia sah wohl, wie gedrückt ich herumhing, und sie versuchte, mich abzulenken und aufzumuntern, was ihr dann auch gelang. Als Baukis das nächste Mal bei uns erschien, fragte sie mich, dabei den Ginsterbesen schwingend, "Wer war das eigentlich?", und Bums! musste ich wieder nur an Thomas denken und daran, was Sanchez mir gesagt hatte, nämlich, daß ich auf ihn aufpassen solle. Jetzt war ich es, die ihn schmählich hatte von dannen ziehen lassen.

Aber irgendwie tat es mir gut, Baukis die ganze Geschichte zu erzählen und dabei mein Herz zu erleichtern. Baukis, den Ginsterbesen zwischen die Beine geklemmt, hörte zu wie eine vertraute Freundin, und als Aurelia kam und sah, daß es noch nicht sauber war im Haus, machte sie eine mürrische Miene, und ich sagte schnell, ich hätte Baukis von der Arbeit abgehalten und wir würden jetzt beide rasch alles erledigen. Ich glaube, ich wollte sowieso schon längst mal diesen Besen ausprobieren, mit dem Baukis sogar manchmal redete, als würde er ihr gehorchen.

Ein bisschen hatte es mich verwundert, daß in Sanchez' Haus offenbar keine Frau war, die zu ihm gehörte. Ich fragte (mit aller Zurückhaltung) Aurelia danach, und sie sagte, das sei nicht immer so gewesen, er habe sogar eine sehr schöne Frau aus Córdoba gehabt. Jedoch war sie so schön, daß auch andere Männer "ihrer begehrten", und einer von denen habe sie dann entführt. "Aber sie hat sich nicht dagegen gewehrt", fügte Aurelia verächtlich hinzu, als wäre damit ihre ganze bewundernswerte Schönheit wie mit einem Blitzschlag ausgebrannt worden.

Ich fragte "Was hat Sanchez danach getan?" "Er war drauf und dran, den Liebhaber zu erdolchen. Nur seine Freunde konnten ihn daran hindern. Er hat sich wochenlang in seiner Stube eingeschlossen, ist nur herausgekommen, um Wein zu holen. Senor José López Talavan hat ihn dann seinem Kummer entrissen und ihm wieder neuen Lebensmut gegeben."

Ich sagte "Steht Ehebruch hierzulande nicht unter Strafe?" Aurelia sah mich komisch an, "Selbstverständlich ist das so. Bei euch etwa nicht?" "Ja, doch." "Und wie viele rechtmäßig Verurteilte wegen Ehebruch kennst du?" "Ähm ... keinen." "Und heißt das vielleicht, es gebe keinen oder keine, die ihn begangen haben?" "Ich glaube schon, daß es welche gibt."

Aurelia lachte, "Siehst du, Schätzchen, so ist das mit vielem, das unter Strafe steht, es geschieht dennoch, und die Schuldigen kommen ungeschoren davon, insbesondere wenn kein Blut fließt und niemand bestohlen wurde. Und beim Ehebruch ist weder das eine noch das andere nachzuweisen, obwohl er einem Menschen das Herz brechen und ihm den Verstand rauben kann, und obwohl diese Freveltat in den christlichen Geboten auf einer Stufe steht mit Mord!"

Das waren eindringliche Worte aus dem Munde einer spanischen Hausfrau, und ich hatte beinahe das Gefühl, als wollte mir Aurelia eine Lektion erteilen, ich sagte "Ich würde niemals auf den Gedanken kommen, den Liebsten, den ich habe, zu betrügen." "Das will ich für dich hoffen", erwiderte sie, "und denk' immer daran, daß der Teufel (sie bekreuzigte sich) den ganzen lieben langen Tag auf nichts anderes sinnt, als wie er dich von deinem guten Vorsatz abbringen kann." Eigentlich hatte ich Aurelia fragen wollen, wie es bei ihr selbst stünde, aber ich verkniff es mir, wer weiß, was für Ermahnungen ich noch hätte einstecken müssen.

Doch zwei Tage später fiel mir etwas ein, das Aurelias Äußerungen noch einen anderen Sinn gab. Scheinbar beiläufig fragte ich sie "Nur rein Interesse halber: Ist Senor José López Talavan eigentlich verheiratet?" (Sie wusste, daß ich ihn kenne, Sanchez hatte ihr alles berichtet.) "Ja, ist er", erwiderte sie einsilbig. Ich kann nicht genau sagen, was mich dazu trieb zu gestehen "Als ich mit Senor Talavan das erste Mal gesprochen habe, bin ich knallrot geworden."

Aurelia hantierte so weiter mit ihren Sachen, sie murmelte bloß "Ach ja? Warum?" "Warum? Finden Sie denn nicht, daß ein Mann wie er ... ein Mädchenherz höherschlagen lässt?" "Für solche Marotten bin ich zu alt." "Na, so alt ja nun auch noch nicht!" Da richtete sie sich auf und schaute mich an. "Worauf willst du eigentlich hinaus, Schätzchen?" Ich zuckte mit den Schultern, aber ich wollte es loswerden. "Weiß nicht. Ich frage mich, ob das normal und richtig ist, wenn man sich so Knall auf Fall in einen Mann verliebt, den man noch nie zuvor gesehen hat."

"Ach da läuft der Hase lang!", sagte Aurelia, und ich beeilte mich zu erklären "Das heißt natürlich nicht, daß ich ihm deswegen bis hierher gefolgt wäre. Ich meine, es ist mir ja völlig klar, daß es zwischen uns, also zwischen ihm und mir, niemals auch nur ... die Spur einer ... eines ... Verhältnisses geben kann." "Dann musst du dir doch keine Sorgen deswegen machen", bügelte sie mich ab. "Ich mach' mir auch keine Sorgen deswegen! Höchstens Gedanken, das ist ja wohl noch erlaubt."

Sie schaute mich an. Ich strich mein Haar hinters Ohr, ich wurde sogar jetzt rot. Sie sagte durchaus im warmherzigen Ton "Sei trotzdem vorsichtig. Erinnerst du dich, was ich dir letztens gesagt habe?" "Ja." "Solange eine Frau frei und ungebunden ist, kann sie - und glaub' mir, das passiert oft schneller als man denkt - zur Verführerin werden." "Aber was ist, wenn wahre Liebe mit im Spiel ist?", rief ich, "So wie bei Ywain und Laudine!" "Wer ist das nun wieder?" "Aus der Geschichte von Ritter Ywain und seiner Geliebten namens Laudine, sie ist bei uns zu Hause in einem Kellergewölbe an die Wände gemalt." "Die Laudine?" "Die ganze Geschichte. Er hat auch immer einen Löwen bei sich, der ihm bei seinen Abenteuern hilft."

Aurelia lachte, aber sie lachte mich nicht aus, es war eher nachsichtig gemeint. "Wir haben hier auch unsere Geschichten, die von Liebe und dergleichen handeln, allerdings, soviel ich weiß, ohne einen Löwen. Ich muss dir leider sagen, Schätzchen, viele dieser Geschichten haben ein schlimmes Ende." "Aber warum?" Jetzt war es Aurelia, die mit den Schultern zuckte. "Vielleicht sollte man besser fragen, warum man sie sich trotzdem erzählt?" Sie schwieg, ich überlegte, dann sagte ich "Ich könnte mir gut vorstellen, daß die Leute hier dennoch ihre Freude daran haben, weil sie mit diesen bedauernswerten Menschen mitfühlen können."

"Ja, das mag sein", erwiderte Aurelia, "aber Mitleid ist nicht gleich Liebe und es macht kein Unglück ungeschehen." "Und Verführung ist nicht unbedingt ein Verbrechen!", beharrte ich. "Wenn du meinst", sagte sie bloß, dann fragte sie "Was ist denn aus diesem Löwenritter und seiner Laudine geworden?" "Ein glückliches Paar." "Na wenn das so ist ..." "Was?" "Dann frage ich mich, wieso man die Geschichte in den Keller verlegt hat!", lachte Aurelia und diesmal klang es geradezu wie von einem Bauern. Ich war letzten Endes trotzdem froh, daß sie mir nicht nochmal eine Moralpredigt gehalten hatte.

Ich freute mich jedesmal, wenn Baukis auftauchte. Ich half ihr bei der Arbeit und so waren wir schneller fertig. Irgendwann verbrachten wir die freie Zeit damit, umherzustreifen. Sie zeigte mir alles Mögliche und führte mich in die letzten Winkel des Ortes; hier und da wurde mir angesichts der Gestalten, die sich dort herumtrieben, ein bisschen mulmig, aber Baukis war immer ganz arglos und sprach über alles, als fände sie es ungeheuer aufregend; ich glaube, sie wollte mich auch ein wenig beeindrucken, denn in ihren Augen war ich wohl was Besonderes, weil ich von so weit hergekommen war.

Einmal, als wir in der Küche saubermachten (Aurelia war unterwegs), ging die Tür auf und ein Mann trat ein und rief "Sorpresa!". Ich erschrak, aber Baukis kehrte seelenruhig weiter, und der Mann, als er mich sah, riss seine Mütze vom Kopf und sagte "Oh, ich wusste ja nicht, daß jemand von den Herrschaften hier ist." "Hola, Tío Glaukos", sagte Baukis, "das ist meine Freundin Leonora. Leonora, das ist mein Onkel Glaukos." (Sie hatten wirklich seltene Namen in der Familie.)

Er kam auf mich zu und gab mir einen Handkuss. "Nein, so was! Eine neue Freundin! Und so ein reizendes Geschöpf, ich kann mich nicht entsinnen, Sie hier schon einmal gesehen zu haben, Senorita." "Sie kommt aus Frankreich", erklärte Baukis wissend. "???" "Aus Frankreich!", rief der Onkel und sagte etwas, das wie Französisch klang, "Woher denn aus Frankreich?" Weil mir nichts Besseres einfiel, sagte ich "Aus Paris" und sah, wie sich Baukis vor Lachen zusammenreißen musste. "Le coeur de frances! Oh, wie sehr wünschte ich mir, einmal dort zu weilen."

"Warum sollte Ihnen das nicht möglich sein", sagte ich freundlich und erkundigte mich "was machen Sie denn beruflich, Senor Glaukos?" Baukis kam ihm zuvor, "Er ist unser Messerschleifer, er zieht durch die Gegend und klappert alle Märkte ab, um die Messer und Scheren der Leute zu schärfen." "Klappert die Märkte ab", äffte er sie nach, "sprich nicht so abfällig über das Gewerbe deines Onkel." "Tu' ich nicht, ich sag' bloß, wie's ist", und zu mir: "Onkel Glaukos ist der beste Messer- und Scherenschleifer im ganzen Land." Jetzt winkte er geschmeichelt ab, "Ach na ja, man versteht sich halt auf sein Handwerk. Und es ernährt seinen Mann!", fügte er ausdrücklich hinzu, als wäre er auf Brautwerbung.

Er hatte seinen Schleifstein im Hof abgestellt. Genauergesagt war es wie ein kleines Mühlrad aus sehr festem und feinkörnigem Sandstein, das er mittels einer Vorrichtung wie bei einem Spinnrad zum Drehen brachte und dann die Klingen dran hielt, daß die Funken sprühten. Das Ganze war auf einer Achse mit zwei Rädern befestigt, damit er es wie einen Handwagen hinter sich herziehen konnte. Er sagte, er habe damit buchstäblich das ganze Königreich Kastilien mehrmals von einem Ende zum andern durchwandert.

Wir sammelten alle Messer und vier oder fünf Scheren ein, und Glaukos schärfte eine Klinge nach der andern. Er sagte zu mir "Komm' nicht zu nahe, Mädchen, sonst springt dir ein Funken ins Auge." Aber Baukis verriet mir, daß er das bloß sagte, weil er beim Schleifen ins Schwitzen komme und dann schlecht rieche und ihm das peinlich wäre, insbesondere in Gegenwart von jungen Frauen. Er stelle sich deshalb auf dem Markt manchmal neben den Essighändler oder bei dem Mann mit den lebenden Kaninchen auf, damit es nicht so auffiele. Ich konnte allerdings nichts riechen. Wir besuchten Glaukos dann auch unten auf dem Markt, wo er immer reichlich Kundschaft hatte und daher nur einen Gruß und ein paar Worte mit uns wechseln konnte. Aurelia lud ihn zum Essen ein.

Er weilte auch manchmal in Sevilla, aber nur, um seine Schwester, also Baukis' Tante, zu besuchen, die dort wohnte oder bessergesagt in einer Krankenanstalt untergebracht war, aus der sie in regelmäßigen Abständen entfloh. Glaukos musste dann die Kosten dafür übernehmen, daß man sie suchte und wieder zurück brachte.

Sie hieß Praxilla, angeblich nach einer antiken griechischen Dichterin benannt. Baukis sagte, Praxilla schreibe tatsächlich manchmal Gedichte, die sie dann an alle möglichen Leute per Brief verschickte, auch an wildfremde Personen, von denen sie angeblich durch eine "Vision" erfahren habe. Aurelia ließ durchblicken, daß Praxilla einfach ein bisschen durcheinander im Kopf sei, sie hatte sie einmal kennengelernt, als sie aus der Krankenanstalt ausgebrochen und bis hierher gewandert war, weil sie ihrer lieben Nichte damit eine Freude machen wollte.

Sie hatte den ganzen Weg zu Fuß - das heißt barfuß - zurückgelegt und auf der letzten Etappe Blutspuren hinterlassen, die bis zu Sanchez' Haus führten. (Der Bruder hatte ihr erzählt, daß Baukis oft hier anzutreffen sei.) Diese Blutspuren waren dann der Grund dafür, daß der Bürgermeister, dem dies angezeigt worden war, einen Trupp der Guardia municipal losschickte, um die Sache zu untersuchen und aufzuklären, wobei man einige Zeit brauchte, um festzustellen, ob die Spur nach Sanchez' Haus hin oder von ihm weg führte, weil die Abdrücke ihrer Form nach beide Möglichkeiten zuließen.

Schließlich erkannte man, daß keine Gewalttat vorlag, und Praxillas Wunden wurden im Hospital behandelt. Die Kosten übernahm übrigens der Bürgermeister, der in diesem Vorfall so etwas wie eine tief religiöse Handlung und Begebenheit sah, die für den Ruf seines Ortes durchaus nützlich sein könnte.

Bei dem besagten Abendessen waren auch noch ein paar andere Gäste anwesend, ein Kaufmann, ein Pferdehändler aus Toledo, eine ältere Dame mit ihrem Diener, ein Soldat, der kürzlich auf einem Schiff in Sevilla angelangt war und jetzt seine Eltern besuchen wollte, sowie ein Puppenspieler, der seine ganze Ausstattung auf einer Art Theaterwagen mit sich führte, der von einem Maulesel gezogen wurde.

Der Soldat war aus Amerika wiedergekehrt, wo er in der Leibgarte eines dortigen Statthalters der Spanischen Krone gedient hatte. Das ließ mich natürlich sofort aufhorchen, ich fragte ihn, ob er Francisco Pizarro begegnet sei, und er erklärte, sein Aufenthalt habe sich auf das Gebiet um den berühmten Perlengolf beschränkt und er sei ehrlichgesagt froh, daß er nicht an irgendwelchen "Expeditionen" hatte teilnehmen müssen, denn er sei nicht von dem Schlag, die Torturen auszuhalten, die einem ein Marsch durch den Urwald zufügt.

Aber was meine Frage beträfe, so habe Pizarro ja vor etlichen Jahren vom Perlengolf aus seine Eroberungszüge nach dem Süden unternommen und er selbst habe in San Miguel mit Juan de la Torre in einer Schänke gezecht, welcher bekanntlich einer der Glorreichen Dreizehn von der Hahneninsel war, auf der Pizarro und ebenjene Gefährten unter furchtbarsten Umständen ausharrten, bis Gott sie schließlich vorm Hungertod rettete.

Ich bedauerte es sehr, daß Thomas nicht hier war, er hätte aus dem Bericht des Soldaten bestimmt etwas Aufschlussreiches für sich entnehmen können. Der Diener der älteren Dame hatte ebenfalls von diesen sogenannten Glorreichen Dreizehn gehört, er fragte den Soldaten, ob es stimme, daß Pizarro sie für ihre Treue reich belohnt habe? Oh ja, bestätigte er, Juan de la Torre wäre aufgetreten wie ein Edelmann, er habe an jenem Abend in der Schänke von San Miguel alle Leute freigehalten und mit Goldpesos nur so um sich geworfen - allein seine ungehobelten Manieren ließen seine Herkunft durchschimmern.

Da meinte der Kaufmann, leider sei es häufig der Fall, daß diese zu Reichtum gelangten Männer danach nicht mehr viel mit sich und ihrem Leben anzufangen wüssten und sich schließlich nur dem Suff und - "entschuldigen Sie, meine Damen, den Ausdruck" - der Hurerei hingäben. Ich schaute zu dem Soldaten, wie er diese Feststellung aufnahm, er sagte "Es ist keine Sünde, freigebig zu sein." "Das nicht", gab der Kaufmann zu, "aber es ist eine große Schwäche eines Mannes, der Verschwendungssucht zu frönen." "Es gibt leider auch Frauen, die ihr erliegen", meinte der Pferdehändler. "Oh ja", sagte Glaukos, "sogar Könige und Königinnen." Die Dame lächelte.

Der Soldat sagte, als habe er die letzten Sätze überhört, "Ich bin mir nicht sicher, ob man bei solchen Männern wie Juan de la Torre so voreilig ein Urteil fällen kann, ich traue es mir wenigstens nicht zu. Man sollte bedenken, was sie durchgemacht haben, und selbst wenn ihre Beweggründe vielleicht nicht so erhaben waren wie bei den Kreuzrittern, so muss man jedenfalls ihren Mut und ihre Unerschrockenheit bewundern. Sie haben Furchtbares erlebt - mir ist dies Gott sei Dank erspart geblieben - sollte man es ihnen verdenken, daß sie durch ein bisschen Vergnügen ihre bösen Erinnerungen zu vergessen suchen?"

Der Kaufmann lenkte ein, "Ich wollte die Söldner der Spanischen Krone keineswegs beleidigen, ich weiß aus eigener Erfahrung, was sie auf sich nehmen und über sich ergehen lassen, es ist nur so, daß leider viele von ihnen sich überhaupt nicht im klaren sind, was ihnen bevorsteht, wenn sie sich für die Fahrt in die fremde Welt entscheiden. Ich kenne unzählige, die daran gescheitert sind, noch jung an Jahren und voller Tatendrang - nach ein paar Monaten im amerikanischen Urwald waren sie ein körperliches und seelisches Wrack, zahnlos, mit Geschwüren übersät, im Fieberwahn von Gespenstern verfolgt."

Der Puppenspieler kam mir mit seiner Frage zuvor, "Waren Sie selbst einmal dort gewesen?" "Mehrmals. Zuletzt in Venezuela im Auftrag einer deutschen Handelscompagnie aus Franken." "War das etwa die Compagnie von Jakob Welser?", fragte ich ihn. "Sehr wohl, Senorita. Sie kennen die Welser'sche Gesellschaft?" "Die Welsers waren in meiner Heimatstadt regelmäßig auf dem Markt." "Darf ich fragen, wo das ist?" "In Schmalkalden, im Thüringischen." "Das Schmalkalden des gleichnamigen Bündnisses der protestantischen Fürsten?" "Ja." Glaukos stutzte, "Hast du nicht gesagt ...", doch Baukis knuffte ihn in die Seite.

Ich sagte "Aber eines ist mir nicht ganz klar: wenn dieses Land dem spanischen König gehört, wie kann der Jakob Welser dort seine Geschäfte betreiben?" "Nun ja", erwiderte der Kaufmann, "erstens ist der spanische König auch der Kaiser des 'Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation' und Nürnberg ist eine Reichsstadt, und zweitens - es 'Geschäfte' zu nennen wäre ein bisschen übertrieben, es ist eher eine Erkundung des Landes." Die ältere Dame sagte in sehr gewähltem Ton: "Mein verstorbener Gemahl war seinerzeit in einer Dépendance der Welsers in Lissabon tätig gewesen, es sind sehr geschickte Handelsleute - allerdings auch sehr skrupellos."

Der Pferdehändler meinte "Gewöhnlich erwerben die Handelsgesellschaften Konzessionen für ihre Aktivitäten in diesen Gebieten." "So ist es", bestätigte der Kaufmann, und der Pferdehändler ergänzte "Dann müssen sie den Fünften an den König abgeben." "Was ist der Fünfte?" "Der fünfte Teil." "Wovon?" "Von allen Einnahmen." "Und von der Ausbeute." "Sie meinen Gold und dergleichen?" "Ja", sagte der Pferdehändler, "ich weiß natürlich nicht, was die Welsers dort in Venezuela zu schaffen haben, aber ich nehme an, daß es nicht der Handel mit Knöpfen und Schnürsenkeln ist."

"Nein", gab der Kaufmann unumwunden zu, "zur Zeit ist es der Abbau von Edelhölzern. Daraus werden dann in Europa kostbare Möbel gebaut, ich habe gehört, in den Gemächern des Königspalastes stehen auch einige davon. Übrigens", wandte er sich an den Pferdehändler, "die spanischen Zuchtpferde sind dort drüben sehr gefragt." "Ich weiß. Mein Vater hat etliche da hin verkauft, und ich bin mir sicher, daß bei den Streifzügen Pizarros auch welche von unseren dabeiwaren." Der Soldat sagte "Den Indianern waren diese Tiere bis dahin gänzlich unbekannt, sie haben Reiter und Pferd für ein Wesen gehalten und sind angeblich in panischer Angst davon gerannt, als es sich vor ihren Augen plötzlich 'geteilt' hat." Der Pferdehändler lachte, "Na ja, das gehört vielleicht ins Reich der Fabeln, aber vor den Pferden hatten sie anfangs gehörigen Respekt."

Der Soldat hat Baukis und mir hernach seine Waffen vorgeführt, das waren ein langes und breites Messer, ein Schwert, eine Steinschloss Pistole, eine Pike, die er in der Hand trug und eine Muskete, die ihm quer überm Rücken hing, außerdem hatte er einen Helm und einen Brustharnisch dabei - so ist er durch die Gegend gestiefelt, freilich in friedlicher Absicht, denn er wollte ja seine Eltern besuchen.

Den Puppenspieler haben wir auf dem Marktplatz bei einer Aufführung erlebt, das war ein Stück für Marionetten und von der Handlung her ganz das, was Aurelia über die unglücklichen Liebesgeschichten gesagt hatte, todtraurig und zum Heulen ergreifend. Er hatte zwei Gehilfen bei sich, ein Junge und ein Mädchen, er sagte, es wären seine Kinder, aber Baukis kamen sie seltsam vor, sie meinte, die beiden sähen aus, als wären sie von zu Hause ausgerissen und hätten sich ihm angeschlossen.

Ich hatte Baukis gefragt, was für ein Gebäude das sei, welches man drüben am Hügel erblicken konnte, und sie sagte, das sei das Kloster Nuestra Senora de la Encarnación (Unserer Lieben Frau von der Menschwerdung), ein Nonnenkloster der unbeschuhten Karmelitinnen. "Der was?" "So nennen sie sich selbst: die unbeschuhten Karmelitinnen." "Also wie barfuß?" "Na ja, eben ohne Schuhe. Es gibt auch Barfüßer Mönche, aber das sind die hier nicht, die hier sind unbeschuhte Karmelitinnen." Ich sagte "Ich glaube, ich hab's verstanden."

Baukis sagte "Das hat die Teresa von Avila gegründet, das ist eine ziemlich berühmte Nonne, eine geborene Adlige aus Avila." "Wohnt sie auch da?" "Wo?" "In dem Kloster." "In dem hier?" "Hat sie denn noch mehr gegründet?" "Oh ja, mindestens sechs oder sieben. Sie wohnt nicht hier in dem, aber sie hat hier ein Zimmer, wo sie wohnt, wenn sie herkommt. Ich kenne auch eine Schwester, sie heißt Schwester Beatriz, und sie kennt Dona Teresa."

"Woher kennst du Schwester Beatriz?" "Ich helfe manchmal da aus. Letzten Monat hab' ich im Klostergarten was gemacht, und wenn die Semana Santa ist, helfe ich bei den Vorbereitungen." "Was ist das?" "Semana Santa? Die Karwoche. Sag' mal, bist du denn eigentlich getauft?" "Ja. In der Schlosskirche zu Schmalkalden." "Na, dann feiert ihr auch Ostern, also die Passion Christi." "Ja." "Und hier heißt das Semana Santa, das ist eines unserer höchsten Feste." "Gehst du sonst auch manchmal zu Schwester Beatriz?" "Warum? Willst du sie kennenlernen?" Ich zuckte mit den Schultern, "Interessieren würde es mich schon." "Willst du allein hingehen? Ich meine ohne mich." "Ach, das wäre mir eigentlich egal, kann man denn einfach so anklopfen." "Klar. Klopf' einfach an und sag', du kämst von mir und willst zu Schwester Beatriz."

Ich hatte nicht vermutet, daß es so einfach wäre, aber ich dachte, ich probiere es einfach mal. Ich ging hin und klopfte an, und eine Schwester machte mir auf. Ich sagte, ich möchte Schwester Beatriz sprechen, wenn das möglich wäre. Sie sagte, ich solle warten. Nach einer Weile kam Schwester Beatriz, sie lächelte mich an, ich stellte mich vor und sagte, ich käme von Baukis. Sie musste einen Moment überlegen, dann sagte sie "Ach ja, Baukis, natürlich. Was sollst du mir ausrichten?" "Nee, ich soll nicht direkt was ausrichten", sagte ich, "ich wollte eigentlich nur mal so herkommen, Baukis hat mir von Ihnen erzählt ... und ... ich habe noch nie eine unbeschuhte Karmelitin getroffen ..."

"So so", machte Beatriz, "tja, ich kann dich zwar nicht so einfach herumführen ..." "Ja, das verstehe ich." "Aber wir können uns einen Augenblick in den Garten setzen, wenn du willst." "Sehr gern." Da fiel mir ein, daß ich wenigstens eine kleine Gabe hätte mitbringen sollen, ich sagte "Ach herrje, jetzt habe ich doch das Geschenk für Sie vergessen!", sie sollte wenigstens meinen guten Willen sehen. "Macht nichts. Hier entlang." Ich folgte ihr durch einen kurzen Säulengang und dann durch zwei leere Räume in den Garten. Ich schaute auf ihre Füße unterm Rocksaum, sie trug Sandalen, die aber nur aus einer dünnen Sohle und ein paar Lederlaschen bestanden, welche mit einfachem Bindfaden gehalten wurden.

Wir saßen im Garten auf einer Steinbank und unterhielten uns. Ich erfuhr, daß das erste Kloster der Karmeliter von einem gewissen Albert von Avogrado auf dem Berg Karmel in Judäa gegründet wurde, und daß Dona Teresa unendlich viel für die Karmelitinnen in ganz Kastilien geleistet habe. Ob sie denn öfter herkommt, fragte ich. Sie sei jetzt längere Zeit nicht hier gewesen, daher rechne man eigentlich mit ihrem baldigen Besuch. "Aber auch wenn sie nicht hier ist, ist sie doch stets gegenwärtig", fügte sie hinzu und ich nickte verständig.

Sie möge mir meine Aufdringlichkeit nicht übelnehmen, aber es interessiere mich doch, ob es einen Unterschied zwischen Barfüßigkeit und Unbeschuhtheit gebe. Beatriz lachte und sagte, das werde sie von den Leuten immer wieder gefragt, und dann streckte sie ihren linken Fuß unterm Rock hervor und sagte "Es ist uns erlaubt, solche einfachen Sandalen zu tragen. Der Boden hier ist stellenweise sehr steinig und es gibt ganz schreckliche Dornen, die von den Sträuchern abfallen und auf den Wegen herumliegen. Dona Teresa ist der Auffassung, daß es unnötig und vermeidbar ist, sich dadurch Verletzungen und Schmerzen zuzuziehen. Sie lehnt auch jede Form der übertriebenen Selbstgeißelung ab."

Ich sagte ihr, daß Baukis' Tante Praxilla einmal barfuß von Sevilla bis hierher gelaufen sei und sich dabei blutige Füße geholt hatte. Beatriz sagte, sie habe davon gehört, aber so viel sie wüsste, war das kein Akt der Buße gewesen, auch wenn der Bürgermeister das zeitweilig anders gesehen habe. Ich sagte "Vielleicht hat sie bloß die Entfernung unterschätzt", und Beatriz lächelte wieder und sagte "Ja, das kann leicht geschehen, erst recht wenn es sich um den Weg zu Gott handelt."

Ich erzählte alles Baukis und Aurelia, und einen Tag später, als Baukis im Haus den Ginsterbesen schwang, sagte sie "Jemand, den ich mag und dem ich vertraue, hat mir mal nahegelegt, daß ich ins Kloster der Nuestra Senora eintrete." "Ach ja?", rief ich erstaunt. "Ja. Deshalb trage ich auch das hier." "Was meinst du?" "Dieses Skapulier." Ich schaute genauer hin, sie strich mit der Hand an sich herab. Ich hatte es bis jetzt für ihre Schürze gehalten, ich wusste ja nicht, daß es in Wahrheit ein Skapulier war.

"Was hat das zu bedeuten?" Sie sagte "Es ist eine Möglichkeit, mit seinem Äußeren zu zeigen, daß man sich zu den Karmelitinnen hingezogen fühlt, ohne gleich in ihren Orden einzutreten, denn das wäre eine Entscheidung, die wohl überlegt sein will und die nicht so einfach rückgängig zu machen wäre, wenn es einem dann doch nicht gefällt." Spätestens da hielt ich Baukis keineswegs mehr für einfältig.

Wir trafen Schwester Beatriz auch auf dem Markt und sprachen mit ihr. Und ich unterhielt mich mit Baukis über das Leben der Karmelitinnen, wie sie es für sich gewählt haben. Wir stiegen hinauf zu der Höhle am Hang und setzten uns dort hin. Wir schwiegen eine Weile und ließen unsere Blicke über den Ort und die Landschaft schweifen. Dann sagte Baukis "Eigentlich hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, ins Kloster zu gehen, weil ich so ... na ja, ich hab' mich manchmal im Spiegel angeschaut und gedacht, wem ich gefallen könnte, und da ist mir ... allein diese Unmengen von Sommersprossen auf meinem Gesicht!"

Ich sagte "Vielleicht hast du dem lieben Herrgott gefallen, daß er dich so reichlich damit beschenkte." "Ach ja? Hast du auch eine Idee, wo er meine Brüste versteckt hat?" Ich musste unwillkürlich lachen, und Baukis lachte auch. Ich sagte "Bei mir zu Hause war ein Mädchen, das hatte zuerst auch nur so ... ich meine ..." "Ja ja, sag's nur, zwei halbe Zitronen!" "Und dann plötzlich, wie über Nacht, hatte sie solche Dinger." "Und hat sie einen Mann gefunden?" "Na klar doch, sie konnte sogar auswählen."

Baukis sagte "Ich hab' mir das auch oft so ausgemalt: ich treffe einen Mann und wir gründen eine Familie, und wir kriegen jede Menge Kinder. Ich hätte keinen echten Grund, ins Kloster zu gehen. Die dorthin gehen, haben sich entschieden, ihr Leben Gott und Jesus Christus zu weihen - und natürlich der Jungfrau Maria. Es sind auch einige zu den Karmelitinnen gegangen, die eigentlich für ein ganz anderes Leben vorgesehen waren, ich kenne welche, die waren schon jemandem fest versprochen und dann sind sie in letzter Minute ins Kloster gegangen und alle ihre Verwandten haben gesagt 'Was ist denn in sie gefahren?' und keiner hat es fassen können.

Und derjenige, von dem ich gesagt habe, daß ich ihm vertraue, das war mein erster richtiger Freund und wir waren ziemlich lange zusammen, bis er mir eines Tages gesagt hat "Weißt du Baukis, was ich denke, wo jemand wie du wahrscheinlich am glücklichsten werden könnte? - Na rate mal, Leonora. Er hat es bestimmt ganz ehrlich gemeint, aber es wäre mir trotzdem lieber gewesen, er hätte mich gefragt, ob ich seine Frau werden will."

Ich sagte "Und seitdem trägst du dieses Skapulier?" "Ich hab' Schwester Beatriz um Rat gefragt, ich war ganz schön fertig, glaub' mir. Sie hat gesagt, es gibt viele, die so wie ich vergeblich auf den Richtigen warten und die auch zu unserm Heiland oder der Muttergottes beten, daß ihr Warten belohnt werde und die die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, daß sie einen Mann finden und Kinder kriegen.

Und manche empfinden dieses Warten weniger belastend, wenn sie sich derweil einer Gemeinschaft anschließen, wie zum Beispiel den Karmelitinnen, die ja in der Muttergottes gewissermaßen auch die Frau als Gottes schönstes Geschöpf verehren - so ungefähr hat Schwester Beatriz das ausgedrückt. Und dann hat sie mir das Skapulier gegeben und gesagt, wenn ich Lust habe, könnte ich bei ihnen immer mal aushelfen. Und ich muss sagen, es tut richtig wohl."

"Siehst du", sagte ich und legte den Arm um ihre Schulter, "und ich würde jede Wette eingehen, daß du den richtigen Mann findest." Baukis nickte wie zur Selbstbestätigung. Dann sagte sie "Ja, aber lass' das nicht Schwester Beatriz hören, so eine Wette ist bei ihr nämlich eine Form des Glücksspiels und es heißt, sie hätte dadurch ihren eigenen Bruder verloren, der daran zugrunde gegangen ist."

Zwei Tage später kam Baukis mit der Nachricht, Dona Teresa sei zu Besuch im Kloster, Schwester Beatriz habe es ihr gesagt. Ich deutete das als eine Gelegenheit, einen Besuch bei Dona Teresa zu wagen. Und wirklich, ich wurde vorgelassen. (Ich bildete mir sogar ein, Schwester Beatriz hätte ihr von mir erzählt.)

Erst als ich ihr Zimmer im Kloster betrat, wurde mir mit Erschrecken bewusst, daß ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie ich mich angemessen verhalten sollte. Dona Teresa saß auf einem einfachen Stuhl am Tisch, auf welchem Schreibzeug und ein Stapel Papier lagen. Außer diesen beiden Möbeln und einem Bett, das sehr unbequem aussah, befanden sich im Zimmer lediglich noch eine Truhe und ein halbhohes Podest, auf dem eine Holzfigur des Heilands stand, die ich gleich noch etwas genauer beschreiben werde.

Dona Teresa war von hagerer Gestalt (ihr Gewand täuschte ein bisschen Fülle vor), sie hatte sehr schlanke, helle Hände und ein knöchernes Gesicht, mit einer Nase und zwei Äuglein, bei denen man unwillkürlich an einen Vogelkopf denken musste. Sie lächelte gütig, und zwischen den schmalen Lippen zeigten sich kleine, nicht besonders weiße Zähne. Sie streckte mir im Sitzen die rechte Hand hin, und ich wusste, daß ich sie küssen sollte. Ich kniete dabei nieder, erhob mich gleich darauf, trat wieder zwei Schritte zurück und blieb in leicht gebeugter Haltung, den Blick auf den Boden gerichtet, stehen.

Woher ich käme, wollte Dona Teresa wissen, und ich gab ihr darüber Auskunft. Sie fragte nach meiner Familie, und ich sagte, daß ich meine Eltern während der Bauernunruhen in meiner Heimat verloren habe. (Ich dachte schon, sie würde mit mir über die unseligen Glaubenskämpfe reden wollen, die allerorten ausgebrochen waren, aber sie nickte bloß bei meinen Antworten.) Dann fragte sie "Was hat dich hierher geführt?", und ich wusste nicht genau, ob sie es nur auf meinen Besuch bei ihr bezog oder auf meinen Aufenthalt hier in Spanien.

Ich nahm ersteres an und sagte, ich würde gern erfahren wollen, was es mit dem Namen des Klosters auf sich habe, insbesondere mit dem Wort Encarnación, von dem ich zwar die wörtliche Bedeutung kannte, jedoch nicht den tieferen Sinn. Ich gab ihr auch wieder, was mir Sanchez über die "Menschwerdung" gesagt hatte, und daß man darin sozusagen die eigene familiäre Herkunft aufgrund der Blutsverwandtschaft und der Abstammung erkennen könne.

Dona Teresa lächelte wieder milde und erklärte mir, daß dies eine der drei Deutungen des Wortes Encarnación sei, "Eine andere", sagte sie, "liegt in der Auffassung begründet, daß der einzelne Mensch, also das Individuum, in seinem Leben eine persönliche Menschwerdung durchläuft, die untrennbar mit dem Glauben an Gott verbunden ist." "Hat das etwas mit dem Sündenfall und der Erbsünde zu tun?", fragte ich und dachte an das, was der Doktor Martin Luther in seinen - ich traute es mich jetzt fast nicht auszudenken - "Schmalkaldischen Artikeln" geschrieben hatte. "Was weißt du davon?", fragte sie mich, und ich entgegnete "Wollen Sie eine offene Antwort, Dona Teresa?" "Wir sind hier ganz unter uns."

"Nun", sagte ich, "bei uns zu Hause lehnen gewisse Theologen die Auffassung ab, daß der Mensch trotz der Erbsünde in seinem Wesen unverdorben geblieben sei, auch daß er einen freien Willen besitze, Gutes zu tun und Böses zu unterlassen." "Hm", machte Dona Teresa, und ich fügte hinzu "Wenn das so wäre - wie gesagt, das ist die Meinung der Theologen - dann wäre Christus völlig umsonst gestorben, denn man hätte ja seines Todes nicht bedurft."

"Und wie denkst du selbst darüber?" "Ähm ... kann ich die Frage zurückgeben?" Dona Teresa lachte so laut, daß die Tür aufging und Schwester Beatriz kam herein. "Schwester Beatriz! Meinen Sie, daß Christus für umsonst gestorben ist?" "Auf keinen Fall!" "Ich habe das auch nicht behauptet", sagte ich schnell. "Schon gut", beruhigte Dona Teresa mich, "wir wollen hier ja nur festhalten, daß diese Herren Theologen keineswegs recht haben, wenn sie uns unterstellen, wir würden den Kreuztod Christi als vergeblich ansehen." "Wie kommen die darauf?", ereiferte sich Schwester Beatriz.

"Es dreht sich offenbar um die Frage, ob der Mensch trotz der Erbsünde, die auf ihm lastet, tief in sich drin eine reine Seele bewahrt hat." "Sie werden verstehen, Dona Teresa", entschuldigte ich mich, "daß ich eine so tiefgründige Frage mit meinem kleinen Verstand nicht zu beantworten vermag." "Aber was sagt dir dein Herz?" "Mein Herz sagt mir, daß es auf jeden Fall Menschen gibt, die an eine solche reine Seele glauben und darauf vertrauen, daß ihnen Gott die Kraft gibt, jede noch so schwere und schlimme Sünde, die auf ihnen lastet, abzuschütteln ... ich meine, sie wiedergutzumachen."

"Und genau das ist der Punkt", betonte Dona Teresa, "dieser Glaube versetzt uns in die Lage, nicht nur unsere eigenen Sünden wiedergutzumachen, sondern auch die unseres Nächsten, selbst die Sünden derer, die bereits gestorben sind, denn wir beten für ihr Wohl im Jenseits, was ja ansonsten auch ganz vergebens wäre, wenn man sie sich selbst überlassen könnte. Da ist es doch völlig unerheblich, ob der Mensch wirklich einen freien Willen hat oder diese schöne, reine Seele bereits besitzt oder nicht, denn vor Gott sind alle gleich, und es ist auch nicht entscheidend, welcher Herkunft oder Abstammung wir sind, sondern nur, daß wir uns dafür entschieden haben, unsere Menschwerdung in diesem Leben selbst zu vollziehen." "Das gelingt nur mit dem Beistand Jesu Christi", ergänzte Schwester Beatriz, und Dona Teresa nickte.

Ich fragte "Was ist mit der dritten Bedeutung von Encarnación?" Sie stand auf, Schwester Beatriz sprang ihr zur Seite, um sie zu stützen, offenbar weil Dona Teresa nicht ganz sicher auf den Beinen war, doch die winkte dankend ab. "Komm' mal her und schau' dir diesen Schmerzensmann an!", sagte sie und führte mich zu der Figur aus Holz, die auf dem Podest stand.

Es war eine Darstellung Jesu Christi, sie war körperabwärts nur bis zum Lendenansatz ausgeführt, deshalb wirkte es, als würde er aus dem Podest erwachsen. Er hatte eine Dornenkrone auf dem leicht geneigten Kopf, und seine Hände waren vor dem Bauch gefesselt, es war ein Moment seiner Passion, deshalb auch der Name Schmerzensmann. Die Figur war mit blassen Farben bemalt, von seiner Stirn herab liefen Blutstropfen und seine Augen schauten zum Himmel empor.

"Ecce homo!", sagte Dona Teresa, "Siehe, das ist der Mensch. Er ist der Sohn Marias, die ihn auf unbefleckte, auf göttliche Weise empfangen hat. Und er ist zugleich Sohn Gottes, der ihn durch die Menschwerdung mit dem heiligen Geist verschmelzen, durch seinen Tod auferstehen, diesen heiligen Geist über uns ausgießen ließ und uns damit zu einem neuen Leben verhalf, ganz so, wie der Regen der Natur zu neuem Leben und Blühen verhilft. Dies, meine Gute, ist die Encarnación, die zu Jesus Christus gehört - ein Wunder, welches einzigartig ist in dieser Welt." Ich hatte hinterher noch lange das Gefühl, daß mich der Besuch bei Dona Teresa mit frischer Kraft erfüllt hatte.

Eines Tages gab mir Aurelia einen Brief. Mir lief ein Schauer über den Rücken, als ich sah, daß er von keinem Geringeren als José López Talavan kam. Ich glaube, mir wurde für einen Moment ganz schwummrig. Erst wollte ich in meine Kammer gehen, aber dann dachte ich, es würde Aurelia nachdenklich machen, also blieb ich in der Küche, setzte mich an den Tisch und las ihn dort. Es war eine Einladung, bessergesagt eine Aufforderung, nach Sevilla zu kommen. Man biete mir dort eine Anstellung als "Kindermädchen" bei einem Senor namens Don Diego de Alderete an, der Hofsekretär bei König Karl und als solcher in dessen Stellvertreter Residenz in Sevilla tätig sei.

Ich war aufgeregt und ein bisschen verwirrt, ich las den Brief Aurelia vor, sie umarmte und beglückwünschte mich, verwunderte sich aber zugleich, daß José Talavan sich offenbar persönlich um meine Vermittlung gekümmert hatte. Ich erzählte ihr von meinem Gespräch mit ihm in Schmalkalden, als er die Möglichkeit einer solchen Anstellung erwähnte. Im Brief hatte er, wie damals auch, das deutsche Wort Kindermädchen gebraucht, und vielleicht hatte er jetzt die Erwartung, die er in mir geweckt hatte, mit diesem Angebot erfüllen wollen.

Ich erklärte Aurelia, was in meiner Heimat ein Kindermädchen zu tun habe, und sie sagte, das sei hier ganz ähnlich, nur würde man angesichts der gehobenen Stellung des Hausherrn eher von einer doncella, einer Zofe, sprechen. Auch würde sie damit rechnen, daß es sich bei den Kindern um Töchter handele, während die Knaben für gewöhnlich von einem Hofmeister erzogen würden. Ich sagte "Ob ich aber wirklich mit der Erziehung betraut sein werde? Ich glaube eher, das ist so etwas wie eine Aufsicht, vielleicht soll ich ihnen beim Ankleiden behilflich sein oder mit ihnen spielen." "Ja, du hast recht. Das würde dir sicher auch mehr liegen, als ihnen irgendwelches trockenes Zeug einzuhämmern."

Wir mussten lachen, ich sagte "Auf jeden Fall werde ich das Angebot annehmen, so kann ich Senor Talavan wiedersehen, und schauen, wo Thomas abgeblieben ist - dieser Lausbube, daß er sich nicht mal gemeldet hat!", sagte ich schon im strengen Ton einer Erzieherin. Dann fragte ich Aurelia "Was meinst du, ob Sanchez über den Brief Bescheid weiß?" "Ich gehe davon aus, daß sich Senor Talavan mit ihm darüber abgesprochen hat, wie sollte er sonst wissen, daß du hier bist." "Ja, stimmt. Ach, Aurelia, es fällt mir aber auch schwer, von hier fortzugehen, ich habe dich und Baukis so liebgewonnen!" "Ja, wir haben dich auch gern hier gehabt. Aber Sevilla ist nicht Indien, du kannst jederzeit herkommen und mit uns beisammen sein." Jetzt umarmte ich Aurelia und drückte sie herzlich.

Ich erzählte Baukis alles, ich glaube, sie war von uns dreien am traurigsten über meinen Abschied. Dem Brief lag ein Wechsel über 100 Maravedis bei, Aurelia sagte, ich solle ihn beim Geldverleiher im Ort einlösen, der ihn auch ohne weiteres entgegennahm. Davon konnte ich die Reise bezahlen, mich neu einkleiden und noch ein kleines Geschenk für Schwester Beatriz kaufen, das ich ja angeblich bei meinem ersten Besuch vergessen hatte. So kam ich nach Sevilla und war voller überschäumender Phantasien.

Ich war überwältigt von der Stadt, bekam aber gleich das Zittern in die Beine, als ich da allein auf dem riesigen Platz stand. Natürlich stand ich nicht allein da, unzählige Menschen liefen an mir vorüber, hierhin, dorthin, es war ein Gewimmel und eine Geschäftigkeit, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Aber ich kannte keinen einzigen davon, und ich schaute in ihre Gesichter, wie sie an mir vorbei huschten, doch sie beachteten mich nicht. Ich dachte, es wäre besser, wenn ich mich schnurstracks zu Don Diego de Alderetes Haus begebe, bevor ich mich hier erst noch verlaufe und die Nacht über mich hereinbricht.

Da stand eine kleine Kutsche am Straßenrand, ich gab Don Diegos Adresse an, und der Fahrer brachte mich dorthin. Es war ein prächtiges Haus mit mehreren Etagen inmitten eines parkähnlichen Gartens, der von einem hohen Gitterzaun umgeben war. Das große Tor stand offen (es wurde, wie ich dann bemerkte, nur nachts geschlossen). Als ich mich dem Eingang näherte, sprangen zwei ausgewachsene Hunde auf mich zu, ich erschrak und wich zurück, aber sie blieben auf Abstand und kläfften mich bloß an. Gott sei Dank kam gleich ein Mann, der sie zurückpfiff. Ich sagte ihm, wer ich sei und warum ich hier bin, aber er schien mich nicht zu verstehen und deutete nur auf die breite Eingangstür.

Da war eine kleine Glocke. Ich bimmelte, und nach einer Weile öffnete sich die Tür und ein Hausmädchen in sehr sauberem Aufzug fragte, was ich wünsche. Ich sagte es ihr und sie bat mich herein und verfrachtete mich in einen Raum mit vierzehn Stühlen, die an den zwei Wänden gegenüber aufgestellt waren. Ich hatte genug Zeit, sie zu zählen und sie mir alle einzeln ausgiebig zu betrachten - denn ich saß da ungefähr zwei Stunden! Zwischendurch kam mal einer von den Hunden herein, die mich draußen "begrüßt" hatten und schnupperte an meiner Reisetasche herum, glotzte mich auch aus seinen rotunterlaufenen Augen an und trottete wieder davon.

Ich muss mich dann auf die Stühle gelegt haben und eingeschlafen sein, denn so fand ich mich vor, als mich jemand anstupste und aus meinem Schlummer weckte. Es war ein Neger in der Kleidung eines Dieners, sein Kopf war so furchterregend groß und schwarz und ich war noch so benommen, daß ich beinahe aufgeschrien hätte. Er sagte "Folgen Sie mir, Senorita." Da merkte ich, daß ich dringend einem Bedürfnis nachkommen musste, aber ich traute mich nicht, ihn deswegen zu fragen und unterdrückte es, so gut ich konnte.

Er nahm mich mit in einen kunstvoll eingerichteten Raum mit Teppichen auf dem Boden, Gemälden an den Wänden und farbigen Glasfenstern, in einer Ecke stand ein riesiger Globus. Der Schreibtisch war doppelt so lang wie breit, und man hätte daraus bestimmt ein ganzes Boot zimmern können, aber das Holz war offensichtlich von dieser edlen Sorte, die der Kaufmann erwähnt hatte.

Er holte ein beschriebenes Blatt Papier aus der Schublade, bedeutete mir mit einem Fingerzeig, daß ich mich vor dem Schreibtisch postieren solle, und stellte mir ein paar Fragen, die er vom Blatt ablas. Ich antwortete kurz und bündig, und er schien froh zu sein, daß ich nicht unnötig seine Zeit in Anspruch nahm. Aber ich drückte immer heftiger die Schenkel zusammen und verzog dabei das Gesicht, und ich hoffte, er würde nicht denken, ich schneide ihm eine Grimasse, weil ich Neger verachtete.

Er sagte, man würde mich morgen früh Don Diegos Sohn Alonso und seiner Tochter Francisca vorstellen, die ich täglich zwei Stunden lang im Gebrauch der deutschen Sprache unterrichten werde! Es überraschte mich und ich nickte bloß. Dann wollte er wissen, was ich für meine Dienste verlange, und da war ich völlig überfragt. Ich sagte, ich wüsste noch nicht, wo ich wohnen und wieviel die Unterkunft kosten werde, doch da sah er mich komisch an und entgegnete, es sei unabdingbar, daß ich hier im Haus wohne, schließlich könne es geschehen, daß sich Don Diegos Kinder auch außerhalb der Unterweisungen an mich wenden würden.

"Selbstverständlich", sagte ich schnell und bevor er auf den vereinbarten Lohn zurückkommen konnte, erschien ein Mann, den ich unzweifelhaft für Don Diego de Alderete persönlich hielt. Er war von stattlicher Gestalt und leiblicher Fülle, mit welligem und ölig glänzendem schwarzen Haar und einem Backenbart, der in zwei breiten, eckigen Streifen bis zum Kinn reichte, das frei und glattrasiert war und das durch eine tiefe Falte in zwei wulstige Hälften geteilt wurde. Er trug eine rote Weste mit goldenen Knöpfen und darüber eine olivgrüne Jacke; an seiner rechten Hand prangte ein Ring mit einem großen blauen Edelstein und an der linken Seite hing ein Dolch an einer silbernen Kette.

Sein Blick streifte mich aus den Augenwinkeln, er murmelte dem Neger zu "Wer ist das?" (Er hätte mich wohl kaum beachtet, wenn wir nicht in seinem Arbeitszimmer gewesen wären.) Der Neger beantwortete seine Frage und trat indem zur Seite, als sich Don Diego auf seinem Lehnstuhl niederließ und in einem der Schreibtischfächer herumwühlte. Dann beförderte er eine kleine Schatulle zutage und während er darin nach etwas suchte, fragte er mich "Wo warst du vorher angestellt?" Ich sagte "Beim Grafen von Henneberg, Euer Exzellenz." Er zog nur die Brauen hoch. "Sonst noch?" "Ich habe für eine spanische Delegation vermittelt, die bei dem berühmten Doktor Faustus ein Horoskop für Seine Majestät König Carlos abgeholt hat." Er hob den Blick und schaute mich an und ich sah ihm so selbstsicher in die Augen, daß er mir unbedingt glauben musste.

"Was heißt, du hast vermittelt?" "Ich habe die hohen Herrschaften betreut und bei den Unterredungen gedolmetscht, jedermann weiß, daß der Doktor Faustus kein leichter Verhandlungspartner ist." "Aber auf dich hat er gehört?" "Es war nicht das erste Mal", schwindelte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Der Neger sagte "Sie hat eine Empfehlung von Senor Vincente." "Was soll sie machen?" "Alonso und Francisca im Deutschen unterweisen." Don Diego schien nicht gefunden zu haben, was er suchte, er klappte die Schatulle zu und ließ sie im Schubfach verschwinden.

"Was verlangt sie?" "Wir hatten gerade ..." Ich sagte "Fünfundzwanzig Maravedis pro Woche - plus Kost und Logis." Don Diego sah mich eindringlich an, und da konnte ich fast nicht mehr an mich halten, ich dachte 'Wenn's jetzt 'rausläuft, ist alles zu spät'. "Wir geben dir dreißig pro Woche." Ich verbeugte mich (aber es war eher eine schmerzhafte Verkrümmung) und sagte "Vielen Dank für Ihre Großzügigkeit, Don Diego de Alderete, Sie werden mit mir zufrieden sein." Er winkte mir nur kurz zu, und ich verließ den Raum so schnell ich konnte.

Draußen stieß ich mit einem Jungen zusammen, der eine Laute in der Hand hielt. Ich fasste aus Versehen in die Saiten und holte ein paar schiefe Töne heraus, der Junge sagte "Hoppla, warum so stürmisch, Senorita!" Auch wenn es mir unendlich peinlich war, musste ich ihn fragen, wo ich mich erleichtern könne, und er nahm es ganz ungerührt auf, führte mich zu einer Tür, wies mit der Hand darauf und sagte "Hier bitte."

Drinnen war alles mit Marmor verkleidet, über dem Waschbecken hing ein großer Spiegel im goldverzierten Rahmen. Der Abort war ebenfalls eine Schüssel aus Marmor, mit einem Loch auf dem Grund und mit einem breiten Ring aus dunklem, polierten Holz auf dem Rand. Es duftete nach Rosenöl (das hatte ich schon bei Aurelia entdeckt) und aus einem steinernen Löwenkopf an der Wand gluckerte ein feiner Wasserstrahl in eine Rinne, so sanft und gefällig, daß meiner dagegen wie ein Sturzbach klang, aber das war mir jetzt egal und endlich konnte ich entspannt aufatmen. Als ich herauskam, war der Junge verschwunden - irgendwie hatte ich eine Ahnung, daß es Don Diegos Sohn Alonso gewesen war.

Ich konnte mich nicht zurechtfinden und verlief mich in dem großen Haus. Endlich war ich wieder bei dem Raum mit den vierzehn Stühlen und da stand auch noch meine Reisetasche. Aber wohin sollte ich jetzt gehen? Nochmal in Don Diegos Arbeitszimmer? Dazu konnte ich mich nicht überwinden.

Da kam plötzlich auf dem Gang ein Zwerg um die Ecke, ich dachte unwillkürlich 'Eine hübsche Truppe ist hier beschäftigt: erst ein Neger, jetzt ein Zwerg, fehlt nur noch die gute Fee, die mich zu meiner Kammer bringt!' Er trug einen grünen Jägerrock, mit einem breiten Ledergürtel und einer Schnalle so groß wie ein Hufeisen, seine kaum eine Elle langen Hosen steckten in zwei Stiefelchen mit weiten Stulpen und hochgebogenen Spitzen, und auf dem Kopf trug er einen Filzhut mit breiter schwungvoller Krempe und einer Straußenfeder, die sich im kleinsten Luftzug aalte. So hatte ich mir immer das Rumpelstilzchen vorgestellt, einschließlich Rettichnase, Flatterohren und einem Bart wie aus Holzwolle.

Ich sagte "Verzeihen Sie, Senor, ich bin das neue Kindermädchen für Don Diegos Kinder, können Sie mir vielleicht ..." "Bleib' mir vom Leib, ich habe es eilig", quäkte er, mich mit einer Hand abwehrend, und wackelte an mir vorbei. Ich dachte, wenn ich ihn entkommen lasse, stehe ich womöglich eine weitere Stunde hier herum. Ich rief ihm nach: "Sind Sie wirklich das Rumpelstilzchen?"

"Bin ich wer?", fragte er und drehte sich zu mir um. "Keine Sorge, ich verrate Ihren Namen keinem weiter." "Wovon redest du, du dumme Gans!" Es war mir bekannt, daß Zwerge ruppig sind, aber der hier war überdies auch noch schlechtgelaunt. "Don Diego hat mich schon vorgewarnt, aber ich dachte bei mir, ich versuch's einfach und spreche ihn an, vielleicht gelingt es mir ja, ihn aufzumuntern."

Er kam wirklich drei Schritte auf mich zu und machte eine drohende Miene, "Hör' mal, du naseweise Kröte, ich habe keine Ahnung, für wen du dich hälst, aber soviel steht fest: ich brauche dein blödes Geschwätz sowenig wie Schneckenfraß, und wenn du mich noch länger aufhältst, beiß' ich dich in den Hintern!" Dabei bleckte er seine Zähnchen, die aussahen wie aufgefädelte Marmorsplitter. Ich sagte mit gespielter Furcht "Aua, das tut bestimmt weh!" "Das soll es auch, du ungezogenes Biest. Und wer ist überhaupt dieses ... na sag' schon ..." "Rumpelstilzchen?" "Nie von ihm gehört." "Sie kennen nicht das Märchen vom Rumpelstilzchen?" "Jetzt führ' dich nicht so groß auf, du neunmalkluge Pute, sag' mir gefälligst, was es damit auf sich hat."

Ich sagte "Das tu' ich sofort, wenn Sie mir sagen, wo die Angestellten des Hauses untergebracht sind." "Drüben in dem Haus mit der Außentreppe." Ich erzählte ihm mit wenigen Sätzen des Märchen vom Rumpelstilzchen, er war sehr enttäuscht. "So ein Pfuschwerk! Wie kann man das Wichtigste der ganzen Geschichte schon in der Überschrift verraten!" "Ja, das hat mich auch schon immer aufgeregt", stimmte ich ihm zu, "man sollte es lieber 'Die erpresste Prinzessin' nennen." Er sagte "Noch besser: 'Das Märchen von dem Männlein, dessen Namen niemand kannte'" "Oh, das ist gut! Das sollte man verbreiten", sagte ich und sah, wie es ihm schmeichelte.

In dem besagten Haus fand ich eine Senora, die mir meine Kammer zuwies. Es standen zwei Betten drin, mit richtiger Matratze und weißen, weichen Federkissen, außerdem ein Schrank mit zwei Hälften, ein kleiner Tisch und zwei Hocker. Als ich abends auf dem Bettrand saß und über alles nachdachte, klopfte es und eine Zofe (oder war es eine Küchenmagd?) lugte herein, sie fragte "Kommt deine Zimmergenossin auch bald?" Ich erwiderte, die Senora habe gesagt, ich sei allein in diesem Zimmer untergebracht. "Aha", machte sie und verschwand.

Nach einer Weile kam sie wieder, sie fragte "Kann ich das Federkissen von dem Bett haben?" Ich sagte "Das kann ich nicht entscheiden, aber ich brauche es jedenfalls nicht." "Ich könnt's gebrauchen." "Warum fragst du nicht die Senora." "Die ist nicht da." "Arbeitest du hier als Zofe?" "Nein, in der Küche." Ich fragte "Wie ist das mit welchen, die neu angestellt sind, ich meine, wo können die essen und so." "Redest du von dir?" "Ja." "Wenn du willst, kann ich morgen in der Küche Bescheid sagen, dann bekommst du normal Essen." "Ja, das wäre nett von dir. Von mir aus kannst du das Kissen nehmen." "Oh, danke."

Ich fragte "Sag' mal, der Neger, der für Don Diego arbeitet, wie heißt der eigentlich?" "Massa Sojonka, er kommt aus Afrika, ich geb' dir'n guten Rat, sag' nie irgendwas Schlechtes über Afrika, das er hören könnte." "Ich kenne Afrika überhaupt nicht." "Trotzdem, sag' nie was Schlechtes drüber." "Ist gut. Ach - und dieser Zwerg?" "Was für'n Zwerg?" "Na, der mit dem Hut mit der Straußenfeder." "Der Kleine?" "Ja." "Den kenn' ich auch nur vom Sehen, weiß nicht, wie der heißt." "Hm. Na dann, bis morgen." "Ja, bis morgen, ich sag' in der Küche Bescheid, dann kriegst du normal Essen."

Alles war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Ich dachte an zwei kleine Mädchen, denen ich beim Ankleiden oder beim Zöpfeflechten helfe und aufpasse, daß sie sich nicht an irgendeinem scharfen Gegenstand verletzen. Ich hatte zwar nichts dagegen, Don Diegos Kindern Unterricht zu geben, und José Talavan hatte ja eigentlich auch so etwas angedeutet, aber mir war schon unterwegs zu meinem Schrecken eingefallen, daß ich nicht mal ein brauchbares Buch bei mir hatte, aus dem ich hätte vorlesen können (die Schmalkaldischen Artikel hatte ich wohlweislich zuhause gelassen und das war auch gut so, denn hätte man sie, auch nur zufällig, bei mir gefunden, wäre ich wohl vor die gefürchtete Inquisition gekommen, und danach hatte ich fürwahr kein Verlangen.) Das einzige Buch, das ich für mich selbst mitgenommen hatte, waren die "Geschichten von Till Eulenspiegel", aber die waren so derb, daß man sie kaum den Kindern eines königlichen Hofsekretärs zugemutet hätte.

Ob Alonso und Francisca wirklich auf mich warteten, als ich das Zimmer betrat, kann ich nicht genau sagen, sie waren wohl zumindest nur ungefähr auf mich vorbereitet worden (und das beruhte ja auf Gegenseitigkeit). Durch die offene Tür zu einer Veranda, die meiner Ansicht nach auf der Rückseite des Hauses liegen musste, kam ein angenehmes Licht in den ansonsten mit dunklem Holz getäfelten Raum.

Da stand ein schmaler Tisch mit seiner Stirnseite auf mich gerichtet, und an der linken Seite saß Alonso lässig mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl mit hoher Lehne und zupfte auf seiner Laute. Tatsächlich war es der Junge von gestern, und er kam mir heute noch hübscher vor.

Er hatte dichtes braunes Haar und eine kecke Locke über der Stirn. Er hatte lange, schmale Brauen, eine gerade, leicht gebogene Nase und einen Mund mit streng umrissenen und doch vollen Lippen, auf denen, wie überhaupt auf seinem ganzen Gesicht ein eigentümlich gedämpfter, dunkler Schimmer lag, der ihm eine große Ruhe und Gelassenheit verlieh.

Vielleicht lag es aber auch an seinem Lautenspiel, auf das er sich selbst eingestimmt hatte; die Finger seiner sehr gepflegten, schlanken Hände fanden jeden Ton auf seinem Instrument mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit, wie man so sagt, und daher hatte sein Blick, als er mich jetzt anschaute, etwas Verträumtes und zugleich Leidenschaftliches, wie ich es noch nie zuvor bei einem Jungen gesehen hatte.

Er trug ein weißes, langärmeliges Hemd ohne Kragen, und Hosen, die bis über die Knie reichten und dort mit einem Bund zusammengezogen waren, Seidenstrümpfe spannten sich über seinen kräftigen, glatten Waden, und an den Füßen glänzten pechschwarze Lackschuhe mit silbernen Schnallen.

Francisca, auf der anderen Längsseite des Tisches, im aprikosenfarbenen Kleid mit halblangem, bauschigen Rock und weißen Strümpfen mit leichten Leinenschuhchen, von denen sie einen auf die Zehenspitze gestellt hatte und damit wackelte, als wollte sie aus Jux ein Loch in den Boden bohren, stützte sich mit dem Unterarm auf zwei Stapel Bücher, die sie offenbar eigens für unsere Unterweisung auf dem Tisch aufgebaut hatte, ihr Kinn ruhte auf dem andern Arm in der Hand; sie wandte mir, ein bisschen schelmisch lächelnd wie ich fand, ihr Gesicht zu und ihr goldlockiges, unglaublich fülliges Haar bedeckte Schultern und Rücken, als wollte es ihren Körper überfluten.

Alonso mochte etwas älter, Francisca etwas jünger als ich sein, und es kam mir seltsamerweise so vor, als hätten sie beide nie etwas anderes gemacht, als sich hier in diesem Zimmer mit der offenen Verandatür zu verstecken, um fernab vom Trubel auf der Straße und der Geschäftigkeit im Hause nur unter sich zu sein - Alsonso, der auf seiner Laute endlose Weisen spielt, und Francisca, die alle Viertelstunde einen Stapel Bücher durch einen andern ersetzt.

Es hatte mir bei dem Anblick glatt die Sprache verschlagen und ehrlichgesagt zweifelte ich jetzt innerlich sehr an meiner "Berufung". Sie haben es mir hoffentlich nicht angesehen. Alonso beendete mit einer eleganten Wendung sein Spiel und Francisca, ohne mich aus den Augen zu lassen, stellte beide Füße fest auf den Boden, lehnte sich mit vorgestrecktem Bäuchlein gegen den Bücherstapel, als wollte sie sich mit ihm messen, ließ beide Hände darauf fallen, daß eine feine Wolke aus Staubkörnchen entwich, und fragte "Womit fangen wir an?"

Abends auf dem Bett in meiner Kammer ließ ich mir alles noch einmal durch den Kopf gehen, ich versuchte, in einer gedachten Liste festzuhalten, was ich an guten Eindrücken bei den zweien hinterlassen hatte: Erstens, ich bin nicht gleich wieder davongelaufen! Sondern habe mich der Herausforderung gestellt. Obwohl ich mich so unsicher fühlte, wie wenn ich über ein hoch über dem Boden gespanntes Seil liefe. Zweitens, ich hatte es geschafft, daß sie sich mir zuwenden. Auch wenn sie es vielleicht nur aus Höflichkeit getan hatten. Vielleicht aber auch, weil ich, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden hatte, so etwas wie Aufmerksamkeit für mich gewann.

Ich hatte auf Franciscas Frage hin gleich damit begonnen, die Bücher aus dem Stapel zu "inspizieren" - natürlich waren sie mir so unbekannt wie nur irgendwas, aber die Art und Weise, wie ich sie vor den unverwandten Blicken der beiden prüfte, schien ihnen Respekt einzuflößen. (Das Wort Respekt habe ich dann aus meiner Liste wieder gestrichen, es war wohl eher Neugier gewesen.) Wie auch immer - ich hatte, drittens, einen Auftrag erteilt, wie ihn jeder richtige Lehrmeister zu Beginn der Arbeit voranstellt. Mein Auftrag an die beiden lautete: sie sollen mir einen Plan aufzeichnen, damit ich mich in diesem Haus nicht ständig verlaufe!

Ich hatte gefragt, ob wir uns immer hier in diesem Zimmer träfen, und Francisca erwiderte "Solange nichts anderes vereinbart ist." Mir schien, daß Francisca für beide sprach, Alonso hielt sich zurück und antwortete mir nur, wenn ich ihn etwas fragte, redete dann aber freundlich und ohne auszuweichen, einmal sagte er sogar "Wenn du noch mehr wissen willst, dann tu' dir keinen Zwang an und frag' mich." "Ja", betonte Francisca, "tu' dir nur keinen Zwang an und löchere ihn ordentlich, er muss manchmal erst ein bisschen aus seinem Häuschen gelockt werden!"

Als ich mir die Bücher angeschaut hatte, fragte ich Francisca, ob sie die selber schon gelesen habe. Sie strich mit dem Finger über die Buchrücken hinweg, um die Titel zu erfassen, dann sagte sie "Außer dem und dem habe ich alle gelesen." Ich wusste, daß es nicht stimmte, da war eine Ausgabe der "Briefe des heiligen Hieronymus" dabei und irgendwie hatte ich das Gefühl, als wäre das nicht nicht gerade das, womit sie sich die Zeit vertreibt. Aber sie war natürlich schlau, sie fragte mich "Hast du etwas mitgebracht, das wir studieren können?" Ich musste es verneinen. Sie sagte "Macht' nichts, wir haben eine große Bibliothek. Nicht wahr, Brüderchen, wir werden ihr mal Papa's Bibliothek zeigen!" Alonso, der leise auf der Laute zupfte, nickte, "Ja. Am besten gleich morgen."

Wie es mit Massa Sojonka abgesprochen war, dauerte der Unterricht jeweils zwei Stunden, die Geschwister waren immer schon da und sie waren die ganze Zeit bei der Sache, dann ließen sie mich gehen und blieben zurück als wäre nichts Besonderes geschehen. Aber beim vierten oder fünften Mal sagte Francisca zum Schluss "Gefällt es dir hier?" "Du meinst hier in Sevilla?" "Und bei uns." "Ja, es ist angenehm." Alsonso fragte "Stört dich mein Lautenspiel?" "Nein, überhaupt nicht - solange du trotzdem mitmachst." "Er macht ja trotzdem mit, er kann beides gleichzeitig machen. Du würdest staunen, was mein Brüderchen alles kann." "Das macht mich ja richtig neugierig", sagte ich, und plötzlich kam Francisca auf mich zu, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte "Hasta manana! Und hab' noch einen schönen Tag."

"Bist du eigentlich allein hier?", fragte sie mich ein andermal. Ich sagte "Ich bin mit meinem Freund hier." "Wie heißt er?" "Thomas Kross, er ist Buchdrucker." "Willst du ihn uns nicht mal vorstellen?" "Ähm, das ist schwierig." "Wieso?" "Ich weiß im Moment nicht, wo er ist." Francisca musste lachen, zwang sich aber, gleich wieder ernst zu sein. "Hat er dich etwa sitzenlassen?" "Nein! Er hat vor, nach Amerika zu segeln. Er wollte versuchen, bei der hiesigen Consejo de Indias einen Platz auf einem Schiff zu bekommen. Er hat mir noch nicht Bescheid gesagt."

Alonso sagte "Dann kann es sein, daß er schon drüben ist." "Das glaube ich nicht. Er würde niemals abfahren ohne mir Bescheid zu sagen. Eigentlich ... also ursprünglich wollte ich sogar mit." "Nach Amerika?" "Ja." "Finde ich stark!", sagte Francisca voll Bewunderung, "Ich würde mir das nicht zutrauen." "Na ja, ich weiß selber nicht so genau, was mich antreibt, aber es zieht mich irgendwie da hin." Francisca sagte "Ich kannte mal ein Mädchen, das ist auch 'rübergefahren, war 'ne gute Freundin von mir." "Ach ja? Und was ist aus ihr geworden?" "Man hat sie versklavt, als sie drüben ankam."

Sie schaute mich an, und ich wusste nicht recht, ob sie mich auf den Arm nehmen wollte. Ich sagte "Das tut mir leid für sie." "Ja, mir tat es auch leid, sie war so ein liebes Mädchen, nicht wahr, Alonso, die Ines war ein liebes Mädchen", er nickte, "und hübsch war sie auch, Dios mio, war sie hübsch", schwärmte Francisca, als ob sie nicht selber perfekt wäre.

Dann machte Alonso den Vorschlag "Wir könnten einmal in die Stadt gehen und uns nach deinem Freund erkundigen", und Francisca ergänzte "Ja, und wir könnten dir dabei auch Sevilla zeigen." Beinahe hätte ich entgegnet, ob sie denn so ohne weiteres dieses stille und beschauliche Zimmer verlassen wollten, aber es wäre töricht gewesen, die Gelegenheit nicht zu nutzen, und so sagte ich freudig zu und wir vereinbarten einen bestimmten Tag.

Sie hatten mich in Don Diegos Bibliothek geführt (die übrigens auf ihrem Hausplan nicht miteingezeichnet war), es war ein großer Raum mit bis an die Decke hohen Regalen voller Bücher, ganz oben kam man nur mit einer Leiter heran. Francisca forderte Alonso auf, mir alles zu zeigen, er tat es bereitwillig und er wusste gut Bescheid. Francisca setzte sich auf das Fensterbrett und schaute uns zu.

Ich konnte nicht widerstehen und kletterte auf die Leiter, ich sagte "Früher hatte ich Angst, auf so hohe Leitern zu steigen." Alonso blieb unter mir und sagte "Keine Sorge, wenn du fällst, fang' ich dich auf." Ich wagte eine Sprosse nach der andern, ich musste dabei kichern, ich hatte es schon wieder verlernt." Francisca rief "Schau' ihr nicht untern Rock!", und da hätte ich beinahe den Halt verloren. Alonso sagte "Ich schau' ihr nirgendwohin." "Schaust du mir bestimmt nicht untern Rock?" "Natürlich tut er's." "Warum sollte ich." "Weil's da was zu sehen gibt", sagte Francisca und lachte. Ich sagte "Na, da gibt's nicht viel zu sehen", und spürte, wie ich rot wurde. "Willst du bis ganz hoch?", fragte Alonso. "Nee, ich glaub' ich schaff's nicht bis ganz hoch, ich komm' wieder 'runter, ja?" "Ist gut." Als ich fast unten war, sprang ich von der dritten Sprosse in Alonsos Arme, er fing mich auf, Francisca klatschte in die Hände.

Dann hüpfte sie vom Fensterbrett und sagte zu mir "Und? Kann ich's mal machen?" "Was denn?" "Dir untern Rock gucken." Ich erschrak, ich stammelte "Wieso?" "Wieso nicht." "Aber ich sag' doch, da gibt's nicht viel zu sehen." "Was meinst du, Brüderchen, hat sie recht?" "Ich weiß nicht."

Francisca gab mir einen Klaps und sagte "Hinauf und keine Widerrede!", und mir war, als hätte sie mir einen Befehl gegeben, dem ich unwillkürlich gehorchen musste. Ich stieg vier oder fünf Sprossen hinauf und klammerte mich mit unsicherem Griff an die Holme. Ich spürte, wie Franciscas Finger über meine Waden streiften und meinen Rock weiteten. "Und jetzt langsam wieder herab!", und meine Füße suchten die Sprosse, während Franciscas Hände an meinen Schenkeln hinauf bis zu meinen Pobacken wanderten. Dann drückte sie ihren Bauch gegen mein Hinterteil und flüsterte "Na, ich vermute, da gäb's eine Menge zu sehen."

Ich kann nicht sagen, daß es mir unangenehm gewesen wäre, wozu Francisca mich da verführte, aber ich hielt es für meine Pflicht, zu unserer Tagesarbeit zurückzukehren. Ich fand eine Ausgabe von "Vom Krieg gegen die Türken" von Martin Luther. Ich fragte, ob sie den kennen, und Francisca sagte "Ich weiß, wer die Türken sind." Von Luther hatten sie beide noch nichts gehört. Ich blätterte es durch und sah, daß es nicht besonders unterhaltsam war, außerdem dachte ich an die Inquisition und daß es womöglich hier als abschreckendes Beispiel im Regal stand.

Ich suchte weiter und fand den Bericht von Sankt Brendan: Ein hübsch lieblich Lesen, welche Wunder derselbe auf dem Meer erfahren hat. Es war die Beschreibung der Reise eines irischen Mönchs namens Brendan, es war mir selbst neu. Ich sagte "Das ist gut. Können wir's einfach mitnehmen?" und Francisca rief "Auf keinen Fall! Darin liest unser Papa jeden Tag während der Siesta." "Oh, schade", und Alonso meinte "Mensch, Eleonore, lass dich doch nicht veralbern." "Du kleine Schlange!", entfuhr es mir und ich zwickte sie in die Seite. "Aua! Ich hab's bloß verwechselt, ehrlich!"

Es war wirklich gut zu lesen und hatte allerlei phantastische Begebenheiten, die richtig aufregend waren. In unserem Verandazimmer standen ein Sofa und zwei Sessel (wie für drei Leute geschaffen), da fläzten wir uns hin und ich las vor, und wenn eine Erzählung zu Ende war, spielte Alonso eine Melodie auf der Laute, die er sich gerade eben dazu ausgedacht hatte, und ich lauschte seinem Spiel und musste dann regelrecht aus meinen Träumereien geweckt werden.

Francisca hatte das Sofa für sich besetzt, sie räkelte sich darauf herum und fand angeblich nie die richtige Lage. "Oh, das ist so warm hier!", stöhnte sie, dabei war noch April und von draußen strömte ein lindes Lüftchen herein. "Ich muss das mal ausziehen", sagte sie und entledigte sich ihres Kleides. Alonso ließ sich überhaupt nicht stören, auch nicht, als sie noch mehr fallen ließ. Sie lief halbnackt durchs Zimmer, und bei ihrem Anblick spürte ich, wie es bei mir an einer gewissen Stelle kribbelte, ich starrte auf Alonsos Hände, die schlafwandlerisch in die Saiten griffen, während sich Francisca irgendwo ein großes Leinentuch geschnappt hatte, das sie sich unter den Achseln um ihren Körper schlang wie das Gewand einer Göttin, ein paarmal ihr Haar schüttelte, und sich auf das Sofa zurückwarf. "Jaaa", triumphierte sie, "das ist viel besser. Also, die Meerjungfrau hat ihnen zugerufen 'Kommt her zu mir, es soll euch wohlergehen!' - und wie ging's weiter?"

Abends im Bett dachte ich wieder darüber nach und da merkte ich plötzlich, daß ich es bedauerte, nur diese zwei Stunden am Tag mit den beiden zu verbringen, obwohl wir meistens schon die Zeit überschritten hatten (in der Bibliothek waren wir den ganzen Nachmittag). Alles ging so schnell vorbei, und war doch andererseits so wunderbar beruhigend und anregend zugleich. Ich finde noch jetzt kaum die richtigen Worte dafür.

Ich hätte mich nie dazu durchringen können, Francisca gegenüber anzudeuten, daß mir dieses Zusammensein - ich meine das Zusammensein auf diese außergewöhnliche Art - gefiele, dafür war ich viel zu schüchtern, wie ich glaubte. Doch das war in Wahrheit nur eine faule Ausrede, mit der ich mich vor mir selbst schützte. Im Grunde wollte ich mich diesem süßen Verlangen hingeben, das Franciscas Zurschaustellung ihres bezaubernden Körpers und Alonsos scheinbar so kühles Unbeteiligtsein in mir erweckt hatten.

Wir fuhren zu dritt in einer Kutsche in die Stadt. Es war ein herrlicher, sonniger Tag. Wir spazierten durch die breiten, belebten Straßen, wir speisten in einem feinen Gasthaus zu Mittag und wir mischten uns auf drei oder vier Märkten ins Gedränge, überall gab es etwas Anderes und Neues zu sehen. Francisca hakte sich bei mir unter und quasselte in einem fort, Alonso erklärte mir einige Sehenswürdigkeiten. Wir gingen auch zur Consejo de Indias, aber sie war leider geschlossen. "Tut mir leid", sagte Alonso. Ich meinte "Nicht so schlimm, jetzt kann ich ja ein andermal allein herkommen und nach meinem Freund fragen", und Francisca sagte "Hoffentlich geht es ihm gut." "Natürlich. Der ist nicht so leicht unterzukriegen."

Alonso schlug vor, zum Hafen zu fahren, und wir fanden das großartig. Beim Anblick der Schiffe erfasste mich so etwas wie Fernweh. Ich dachte, wenn Thomas nun wirklich schon auf dem Ozean unterwegs ist? Wie würde ich ihn jemals wiederfinden können? Ich hatte in letzter Zeit auch wieder häufig an José López Talavan gedacht, ich malte mir aus, daß ich ihn zufällig hier in der Stadt treffen würde, aber das geschah nicht.

Abends im Bett überlegte ich lange, was ich als nächstes tun werde. Auf jeden Fall würde ich nochmal zur Consejo de Indias gehen. Und auf diesen oder jenen Markt, ich hatte inzwischen etwas Geld zusammengespart und ein paar Sachen entdeckt, die mir gefielen und die ich mir leisten konnte. Ich hatte mir auch (ich muss es gestehen) als die beiden nicht dabei waren, einen wunderschönen Schlüpfer aus feiner Baumwolle gekauft, und dann fand ich noch einen aus Seide, den ich unmöglich liegenlassen konnte. Abends in meiner Kammer zog ich ihn an, er war sagenhaft zart und weich und er duftete sogar nach irgendeiner Blüte. Bei der Vorstellung, daß mir Francisca darauf über meine Pobacken fährt, wurde mir ganz närrisch im Kopf.

Übrigens, da ich gerade von Narrheit rede, ich hatte das Bibliothekszimmer in meinem Hausplan ergänzt, und da mir Alonso versichert hatte, daß so gut wie nie jemand hierher kommt, fasste ich den Entschluss, selbst in die Bibliothek zu gehen, um eventuell noch das eine oder andere Buch zu finden. Und als ich so an den Regalen entlangstöberte (und mich auch auf die Leiter traute), quäkte plötzlich aus der dunkelsten Ecke eine Stimme "Bist du bald fertig mit dem Herumschnüffeln, du impertinente Schnake!"

Ich fuhr jäh herum, und der Zwerg wackelte aus dem Schatten heraus, ich rief "Was machen Sie denn hier?" "Bin ich dir etwa Rechenschaft schuldig?" Ich fragte erschrocken "Waren Sie letztens auch da?" (Der Gedanke, der Zwerg habe uns beobachtet, ließ mir die Nackenhaare zu Berge stehen.) Da sagte er, schon weniger unwirsch, "Wer weiß noch, daß du hier bist?" "Niemand." "Und was hast du hier zu suchen?" "Und Sie?" Er sagte "Das ist mein Refugium." "Verstecken Sie sich vor irgendwem?" "Nein. Doch." "Etwa vor Massa Sojonka?", fragte ich, weil mir in den Sinn kam, daß Neger naturgemäß Jagd auf Zwerge machen. "Unsinn. Was kann der mir schon anhaben." "Vor Don Diego?" "Du fragst mir zuviel!" "Verzeihung. Ich dachte nur, Sie wollten sich mir mitteilen. Und Sie waren wirklich letztens nicht hier?"

Er wackelte zum Fenster und schaute hinaus, sein Kopf reichte gerade über den Rahmen. "Bring' mir den Hocker!" Ich tat es, er stieg hinauf, setzte sich aufs Fensterbrett (wie Francisca!), stellte einen Fuß drauf, legte den Arm übers Knie und schaute hinaus. "Warst du schon mal im richtigen Königspalast?" "Nein." "Ich schon." "Was haben Sie dort gemacht?" "Ich war der Hofnarr." "Bei König Carlos?" "Haben wir noch einen andern König?" Ich sagte ganz behutsam "Das klingt, als wären Sie's nicht mehr."

Dann erzählte er mir, daß er beim König in Ungnade gefallen sei, "wegen einer Lappalie", welche der Königin zu Ohren gekommen war, die daraufhin beim König seine sofortige Entlassung gefordert hatte. "Und nicht nur das", ereiferte er sich, "man hat mir auch meinen Narrensold gestrichen und mich vom Königshof verbannt." "Dann haben Sie sich hierher geflüchtet?" "Gewissermaßen. Hör' mal, du geschwätzige Elster, wenn du irgendwem auch nur ein Wort davon sagst, beiß' ich dich in den Hintern, daß du nicht mehr sitzen kannst, hast du verstanden!"

"Was für eine Lappalie war das?" "Das geht dich nichts an." Ich schwieg in Erwartung einer Antwort. Er sagte "Eine der Kammerzofen der Königin hat behauptet, ich hätte sie genötigt." "Und stimmt das?" "Nein. Denn ich war nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, ich war betrunken, sternhagelvoll, wenn du's genau wissen willst. Und das auch nur, weil es dem König gefiel, mich vor seinen Gästen zu einem rollenden Weinfass zu machen. Ich musste mich in diesem Zustand vor aller Augen herum kullern und dabei rufen 'Ich bin ein volles Weinfass! Zapft mich an, wenn ihr's schafft!' - Na ja, alles weitere kannst du dir denken."

Ehrlichgesagt konnte ich mir's nicht denken, aber ich wollte es auch nicht so genau wissen, ich fragte "Und was war mit der Zofe?" "Bei der im Bett bin ich aufgewacht, aber erst am übernächsten Tag, und das Bett war völlig besudelt - nur, es ist so ...", sagte er und hob bedeutsam seinen kleinen Zeigefinger, "es gibt keine Beweise, daß ich es war, der es so hergerichtet hat!" "Hm", machte ich, "aber Sie konnten auch nicht Ihre Unschuld beweisen." "Von der Kammerzofe?" "Nein, ich meine Ihre, Herr Hofnarr."

"In der Tat", sagte er ausweichend, "ich bin immer noch berechtigt, diesen Titel zu tragen. Man hat mir so gut wie alles genommen, nicht aber meinen Titel, ich kann mich immer noch mit Fug und Recht königlicher Hofnarr nennen." "Dann gehen Sie doch an einen anderen Hof und treiben dort Ihre Scherze", sagte ich. Da wurde er sehr zornig und ich befürchtete schon, daß er seine Androhung wahrmachen und mich in den Allerwertesten beißen wollte, ich fügte schnell hinzu "das ist mir jetzt so 'rausgerutscht, ich meinte, unterhalten Sie die Herrschaften mit Ihren Künsten an einem andern Ort, wo man sie besser zu schätzen weiß."

"Das werde ich vielleicht auch tun, aber Don Diego lässt mich vorläufig noch nicht gehen und er hat auch schon so viel für mich getan, daß ich ihn nicht einfach verlassen kann, mal ganz zu schweigen davon, daß ich ... nun, dir kann ich's ja gestehen, denn du wirst schön deine Klappe halten, verstanden! ... also es ist momentan so, daß bei mir, wie man sich in unseren Kreisen auszudrücken pflegt, der Witz am hohlen Knochen klingt." Ich sagte "Das heißt soviel wie abgebrannt sein?" Er nickte, und die Pfauenfeder an seinem Hut hing plötzlich kummervoll durch.

Als ich wieder bei Francisca und Alonso war, dachte ich bei mir, ich könnte sie wenigstens ganz unverfänglich nach dem Zwerg fragen, ohne dabei etwas von ihm zu verraten, wie er es gefordert hatte. "Er ist bloß ein Zwerg", sagte Francisca, als wäre damit alles geklärt. Alonso fügte hinzu "Er ist ein armer Teufel, der Bastard einer Küchenmagd, die hier gearbeitet hat und vor ein paar Jahren gestorben ist. Seitdem ist er wunderlich geworden. Er bildet sich ein, des Königs Hofnarr zu sein. Ich habe einmal ein Lied über ihn geschrieben, soll ich es vortragen?" "Ja, gern."

Es war ein sehr schönes und ein bisschen trauriges Lied, ich fand, es passte gut zu dem Zwerg, aber ich bezweifelte, daß Alonso es ihm je vorgespielt hatte. Ich sagte "Wusstet ihr, daß er sich manchmal in der Bibliothek versteckt?" "Ja", sagte Alonso. "Kann es sein, daß er uns letztens beobachtet hat?" "Nein", sagte Francisca, "ich hab' vorher alles abgesucht." Das hatte ich nicht mitgekriegt, aber jetzt dachte ich 'Dann hat sie von vornherein geahnt, was passieren würde'.

Vielleicht bildete ich es mir nur ein, doch ich rechnete geradezu damit, daß Francisca bald einen nächsten Versuch unternahm, die bestgehüteten Geheimnisse meines Körpers zu lüften. Und immer stärker spürte ich den Drang, meinerseits Alonso näherzukommen und seine scheinbare Gefühlskälte zu brechen. Ich weiß nicht, ob ich dabei an Thomas dachte und daran, wie er mir fehlte. Ich hätte womöglich Alonso als Ersatz akzeptiert, aber ich war mir sicher, daß es zwischen ihm und mir niemals zu so einer Beziehung wie zu Thomas gekommen wäre.

Einmal sagte ich "Bei euerm Vater im Arbeitszimmer steht ein großer Globus." "Ja, was ist damit?" "Kann man den mal anschauen?" "Frag' ihn, ob er es dir erlaubt." "Können wir nicht mal hingehen, wenn er nicht da ist?" Sie taten ganz so, als wäre es nicht das erste Mal, daß sie Don Diegos Arbeitszimmer in seiner Abwesenheit betraten, aber Francisca verlangte eine Gegenleistung dafür. Ich fragte "Was soll das sein?" Sie überlegte angestrengt, dann sagte sie "Ich hab' da ein Buch, da kannst du uns was draus vorlesen." "Na, wenn's weiter nichts ist", sagte ich und war sogar ein bisschen enttäuscht.

Wir schlichen uns in des Vaters Zimmer, nachdem Alonso sich vergewissert hatte, daß niemand uns dort überraschen könnte. Es war wirklich ein imposanter Globus, der mir beim ersten Mal gleich ins Auge gefallen war. Er war drehbar in einem Gestell aus Edelholz mit drei wuchtigen Beinen befestigt. Seine Oberfläche war aus einer Art geleimtem und lackiertem Papier (wie Alonso mir erklärte), auf der die Erdteile und Meere, Flüsse und Inseln, Städte und Berge aufgezeichnet waren.

Ich drehte ihn hin und her, umrundete die Erde zig mal in ein paar Minuten, und Alsonso bremste ihn ab und tippte mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt und nannte mir den Namen dieses Ortes oder Landstrichs, und bei einigen hatte er auch eine dazugehörige Geschichte auf Lager, wie zum Beispiel bei dem Chinesischen Reich, das angeblich Marco Polo als erster Europäer bereist und beschrieben hat. "Warum sagst du 'angeblich'?", fragte ich ihn. "Ich weiß nicht, ob er wirklich alles so erlebt hat. Ich habe es gelesen. Ich hätte es mir genauso ausdenken können." Ich staunte, Francisca sagte "Da siehst du, was mein Brüderchen alles kann."

Als ich den Globus so drehte, stand sie mir gegenüber - auf der anderen Seite der Welt sozusagen - und gab mit dem Finger immer einen kleinen Schwung. Ich sagte "Ich wäre jedenfalls gern mal selbst dort, um alles mit eigenen Augen zu sehen", und ich beugte mich darüber, als würde ich im nächsten Moment genau dort vom Himmel herab auf der Erde landen, und da muss wohl was von mir mit seinem ganzen Gewicht über dem Äquator gehangen haben, denn Francisca sagte "Und ich würde gern mal wissen, wer von uns den größeren Busen hat."

Ich fuhr hoch und sah sie verblüfft an, sie hielt meinem Blick mit unbeschreiblicher Offenheit stand. Dann musste ich lachen, es war verrückt. Wie konnte sie so etwas sagen, wo es eben noch um die Entdeckung der Welt ging! Ich sagte "Deiner ist bestimmt größer." "Nein", entgegnete sie, "ich glaube, deiner ist größer." Ich schwieg und ließ den Globus rollen, sie gab auf ihrer Seite Schwung und mir war, als würde sie mit ihrer Fingerspitze eine bestimmte Stelle an mir berühren, an der ich sehr empfindlich war. Alonso hielt sich zurück, er murmelte "Die Venezianer waren schon immer arrogante Arschlöcher, die der Welt etwas vorgegaukelt haben." Ich sagte "Dann sehen wir eben nach", und Francisca erwiderte "Gute Idee."

Wir gingen in das Verandazimmer. Francisca sagte "Mein Brüderchen wird uns messen." Ich fragte Alonso "Machst du überhaupt mit?" "Wenn ihr wollt. Aber gebt nicht mir die Schuld, wenn jemand zu kurz kommt." Ich sagte "Was kriegt die Siegerin?" Francisca sagte "Sie darf Alonso küssen." Ich sagte "Ist gut", und schaute ihn an, aber er wich meinem Blick aus. Ich glaubte sowieso, daß ich gegen sie verlor, aber ich meinte, Francisca wäre mit einem Kuss auf ihres Bruders Mund nur unzureichend belohnt.

"Nebeneinander aufstellen", befahl sie, "Alonso befühlt unsere Brüste und entscheidet, welche größer sind." "Ist gut. Los, meine zuerst." Ich schloss die Augen. Francisca rief "So doch nicht! Du musst sie freilegen." "Was?" "Du musst sie entblößen, nur so ist ein exaktes Ergebnis möglich, dein Kleid könnte etwas vortäuschen." "Aber ..." "Hast du jetzt Angst?" "Ähm ..." Sie sagte "Los, Brüderchen, streif' mir das Kleid über den Busen!" Er gehorchte ihr aufs Wort und legte ihre milchhellen, prallen Brüste frei, auf denen die zwei Warzen wie Rosinen prangten. Ich hatte beinahe selbst das Bedürfnis, sie anzufassen.

"Na gut", sagte ich, und im selben Moment fuhren Alonsos Hände unter dem Stoff über meine Schultern und ich sah, wie seine Blicke auf meine beiden Zwillinge fielen und wie er schluckte, als würde er einer Verlockung widerstehen müssen. "Fass' sie an", sagte Francisca, "und dann meine." "Deine kenn' ich", erwiderte er ruhig. "Ja, aber das hier ist eine offizielle Bewertung, also tu', was ich sage." Er befühlte meine Brüste und ich musste bei der Berührung seufzen, so wundervoll war es.

Er machte das gleiche bei seiner Schwester, sie sagte "Und jetzt ein ehrliches Urteil, sonst kriegst du Schlafentzug!" Ich musste lachen, Francisca rief "Na was denn? Es ist wichtig für unsere Beziehung!" Ich sagte "Ja klar, es ist wichtig, Los, bei mir nochmal!" "Ich weiß nicht", sagte Alonso, "sie sind beide üppig." "Oh, Brüderchen", rief Francisca und warf den Kopf zurück, "entscheide dich." "Nimm' mich", sagte ich ohne zu überlegen, und Francisca warnte mich "Ja, dann ist's aber damit nicht getan." Alonso sagte "Ich glaube, Eleonore's sind ein wenig größer." "Dann küss' mich endlich!", rief ich, weil ich es kaum noch aushielt. Er tat es und ich wünschte, es hätte noch länger gedauert.

Ein andermal war Francisca allein, ich fragte "Wo ist Alonso?" "Er kommt später." Sie druckste ein bisschen herum, dann sagte sie "Komm' mal her, setz' dich hier auf's Sofa, ich muss dir etwas verraten." "Was ist denn?" Sie sagte "Alonso würde dich gern nackt betrachten?" "Was?", rief ich scheinbar überrascht. "Ja. Er hat es mir gebeichtet. Der Anblick deiner Brüste hat ihn fasziniert. Er sagte auch, dein Kuss wäre so innig gewesen, daß er glaube, du würdest dich ihm hingeben wollen." "Das hat er nicht gesagt!" "Aber so ähnlich, na, ich konnte mir nicht alles merken."

"Ich weiß nicht recht", gab ich zu bedenken. "Was denn? Du brauchst dich bloß mal vor ihm auszuziehen, was ist dabei!" "Du meinst, Alonso mit mir allein?" "Ich leiste dir Gesellschaft. Ich würde mir's auch gern zu Gemüte führen, ich seh' ja immer nur mich selbst." Ich sagte "Ich werde mir's überlegen." Abends im Bett geschah es nach langer Zeit zum erstenmal wieder, daß meine Finger den Weg zu meinem Schatzkästlein suchten und fanden, und ich war froh, allein in meiner Kammer zu sein, damit niemand mein Ächzen und Stöhnen hören konnte, während ich meine wollüstigen Gedanken zu vertreiben suchte.

"Wir haben eine Idee", rief Francisca am nächsten Tag, "wir machen einen Ausflug zu unserem Landhaus, das muss für den Sommer hergerichtet werden." Ich fragte "Wo ist das?" "Vor der Stadt. Es wird dir gefallen. Wir können auch dort studieren. Es gibt da ein Dorf gleich nebenan, da haben sie einen Markt. Wir könnten uns selbst versorgen und kochen. Kannst du kochen?" "Ja, das habe ich bei meinem Onkel in der Wirtschaft gelernt." "Großartig. Kannst du auch Paella zubereiten?" "Du könntest es mir zeigen." "Gern." "Wer kommt noch mit?" "Wie, wer kommt noch mit?" "Du sagtest, das Landhaus soll hergerichtet werden." "Na, nur erst ganz spartanisch. Zuerst die Küche, das Bad und das Wohnzimmer, das schaffen wir drei bequem." "Gleich morgen?" "Ja, morgen früh geht's los, Alonso lädt heute noch alles was wir brauchen auf eine Kutsche." "Dann muss ich auch selber noch was vorbereiten." "Ja gut, dann lassen wir heute das Studium mal ausfallen ... und holen morgen natürlich alles nach."

Es war fast Mittag, als wir losfuhren, Francisca hatte noch alles Mögliche mitnehmen wollen, Alonso knurrte schon, der Wagen würde zu schwer werden. "Dann steigst du eben ab und läufst nebenher", sagte sie schnippisch. Schließlich hatten wir ihrer Meinung nach alles, wir setzten uns beide hintenauf und Alonso gab dem Maulesel das Kommando. Wir fuhren ungefähr zwei Stunden durch eine liebliche Landschaft mit Feldern, schattigen Wäldchen und mit Büschen und Sträuchern bewachsenen Wiesen. Die Vögel zwitscherten, Schmetterlinge flatterten um uns herum, und einmal sprangen ein paar Rehe über den Weg, es waren sehr schöne und elegante Tiere.

Das Haus war von einer Mauer umgeben; Alonso hatte die Schlüssel zu allen Toren und Türen. Der Garten war etwas verwildert, aber es duftete allerorts ganz aromatisch, und Francisca rief gleich "Da drüben wachsen Kräuter, die können wir für unser Essen nehmen." Wir öffneten als erstes die Fensterläden und ließen Licht und Luft herein. Alles war ein bisschen verstaubt, aber sehr gemütlich. Wir rückten die Möbel zurecht, Francisca und ich brachten die Küche in Ordnung, Alonso schaute nach dem Wasser und dem Badezimmer und beseitigte drei vertrocknete Mäuse, er sagte "Das sind wir, in einem anderen Leben", und das fand ich so rührend, daß ich ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab. Es waren zwei Schlafstuben da, eine mit einem, die andere mit zwei Betten, wir bezogen alle mit frischen Laken, an die Francisca gedacht hatte, es gab auch ein paar herrlich weiche Kissen.

Alonso hatte einen Weinvorrat gefunden, er brachte eine Flasche Rotwein und meinte, wir sollten auf die Neueröffnung des Hauses anstoßen. "Da kommen wir nicht so schnell davon los", sagte Francisca und meinte den Wein, "lasst uns erst was vom Markt holen, dann bereiten wir unser Essen und dabei können wir trinken, so viel wir wollen." Es gefiel ihr ganz offensichtlich, so selbstständig und unabhängig schalten und walten zu dürfen.

Sie wurde richtig geschäftig. Sie band sich die Haare nach hinten zusammen, entledigte sich ihrer Strümpfe und schlüpfte in die ganz leichten Leinenschuhchen, die sie sowieso am liebsten trug. Sie gab Alonso und mir Befehle, was noch zu tun sei, damit wir uns dann "sauwohl fühlen", und wir gehorchten ihr, und Alonso flüsterte mir zu "Jetzt ist sie in ihrem Element."

Wir hatten Glück, daß gerade Markttag war und es strotzte nur so von Gemüse und Früchten aller Sorten. Francisca hatte sich eine Liste gemacht und danach füllten wir beide unsere Körbe, bis sie so schwer waren, daß wir sie kaum noch tragen konnten. Francisca pfiff einen kleinen Jungen heran (sie konnte wirklich auf zwei Fingern pfeifen!), sie gab ihm ein Geldstück und hängte zwei Körbe an seine Arme. Dann marschierten wir zurück zum Haus. Da gab sie ihm noch eine Münze und sagte "Und jetzt verschwinde."

In der Küche waren beste Eisenpfannen (meinem Onkel wären die Augen übergegangen). Francisca erklärte mir, wie wir bei der Paella Zubereitung vorzugehen hätten und ich folgte ihren Anweisungen. Da kam Alonso wieder mit dem Wein, er sagte, er langweile sich, wenn er nichts zu tun hätte. "Dann schenk' uns ein und spiel' uns etwas auf der Laute", sagte ich, und das tat er. Der Wein schmeckte vorzüglich und ich begriff, was Francisca vorhin gemeint hatte.

Als alles in den Pfannen vor sich hinschmorte und köchelte, rief sie "Oh puh! Ist euch auch so warm?", und ich dachte schon, sie suchte nach einem Grund, sich wieder mal freizumachen, aber sie verzichtete und sagte bloß "Na ja, nachher werde ich für die harte Arbeit hoffentlich entschädigt", und gab mir mit dem Kochlöffel einen Klaps auf den Hintern.

Dann deckte ich mit Alonso den Tisch, wir legten ein sauberes weißes Tuch auf, und stellten das Geschirr hin, das wir aus dem Schrank genommen und abgespült hatten. Wir benutzten das Silberbesteck und nahmen gleich unsere Gläser aus der Küche mit hinüber. Es war eigentlich ein einfaches Essen aus dem Volke, wie Francisca gesagt hatte, aber es war ein fürstliches Mahl! Ich schaffte drei Teller und hielt mir dann den Bauch. Wir sprachen auch dem Wein reichlich zu und Alonso musste noch eine zweite Flasche holen. Francisca hatte einen Nachtisch zubereitet, eine Art Zitronencreme mit Sahne und Zucker.

Ich sagte "Hoffentlich müssen wir hier nie wieder weg." Francisca lachte und erwiderte "Wir schließen uns ein und werfen den Schlüssel aus dem Fenster." Alonso bemerkte "Wie wollt ihr dann auf den Markt gehen." "Du kletterst 'raus und bringst uns alles her." "Das könnte euch so passen." "Wir vergelten dir's auch", sagte Francisca, "nicht wahr, Leonorchen, Alonso bekommt auch seinen Spaß", und sie sah mich halb unschuldig, halb lüstern an.

Ich wusste, was das zu bedeuten hatte und was mir jetzt bevorstand. Ich muss gestehen, daß ich schon, seitdem wir vom Markt zurückgekommen waren, in Gedanken damit beschäftigt war und mir dabei ein paar Sachen durch den Kopf gingen, wie es sich abspielen könnte. In einer Ecke des Raums stand ein prächtiger Polsterstuhl mit verzierter Rückenlehne aber ohne Armstützen, mein Blick war vorhin schon drauf gefallen, den könnte man vielleicht gebrauchen, dachte ich. Francisca beugte sich zu mir herüber und flüsterte mir etwas ins Ohr, dann sagte sie zu Alonso "Leonore hat eine hübsche Überraschung für dich!" "Ach ja?", sagte er und schaute mich an, da wurde ich wieder unsicher.

Ich strich mit den Händen über meinen Bauch "Ich bin so dick von Essen." Francisca lachte, "Sind wir jetzt alle." "Nein wirklich, ich glaub' ich kann das nicht." "Was denn?", fragte Alonso. "Francisca sagt, du willst mich nackt sehen." "Na ja." "Willst du denn?" "Natürlich will er, guck' doch mal, wie sein Schwengel schon anschwillt." (Das konnte man gar nicht sehen, weil er unterm Tisch war.)

"Also willst du?", wiederholte ich meine Frage und hoffte insgeheim, daß es mir doch noch erspart bliebe. "Wenn's dir nichts ausmacht." "Ach komm, Brüderchen, tu' nicht so schüchtern, ich weiß genau, daß du mal ihre Blüte beschnuppern willst." "Was?", sagte ich erschrocken, "Eben war nur von Ausziehen die Rede." "Und wir haben ja noch nicht mal damit angefangen", gab Francisca beinahe enttäuscht zurück. "Ich muss mal in die Küche", sagte ich und ging hinüber.

Ich stützte die Arme auf den Küchentisch und überlegte, das Herz schlug mir bis zum Hals und mir liefen heiße und kalte Schauer über den Rücken. Ich hatte so etwas noch nie gemacht, jedenfalls nicht vor leibhaftigen Zuschauern! Einerseits war ich gespannt darauf, was mit mir selbst vorginge, wenn ich mich Alonso nackt präsentiere, andererseits hatte ich ein bisschen Angst davor, daß ich ihm vielleicht nicht gefiele und auch davor, daß es nicht beim Ausziehen bliebe, wer weiß, was Francisca noch von mir forderte zu tun - und ich befürchtete, mich ihr nicht widersetzen zu können.

Da kamen die beiden mit dem Geschirr herein. "Wo bleibst du denn so lange", sagte Francisca, und als Alonso wieder draußen war, sagte ich "Ich glaube, ich bin noch nicht soweit." "Ach komm', es ist doch nichts Besonderes dabei, du zeigst dich ihm und lässt dich ein bisschen anschauen, du hast doch nichts zu verbergen, und deine Brüste kennt er eh' schon." Dann kam sie nochmal wieder und nahm etwas aus dem Schrank. "Jetzt lass' uns anfangen, Alonso wartet schon." "Ja, ich komme."

Ich spülte mit kaltem Wasser mein Gesicht ab, damit es nicht so glühendrot wirkte, ich raffte meinen Rock hoch und wischte mit einem sauberen Läppchen nochmal über meine Pforte, obwohl ich fest entschlossen war, meinen Schlüpfer anzubehalten und ihm nur alles übrige zu zeigen. Ich atmete tief durch und ging hinüber.

Alonso saß lässig auf dem Polsterstuhl, ich hatte mir schon so gedacht, daß er von dort aus die Vorführung genießen würde. Ihm gegenüber, auf Abstand, war noch ein zweiter Stuhl, der mir einstweilen Rätsel aufgab. Francisca stand beim Tisch, und ich entdeckte darauf ein Tuch, ein paar Stricke! aus Hanf und eine lasierte Tonschale, die sie wohl vorhin aus der Küche geholt hatte. 'Was hat sie damit vor?', schoss es mir durch den Sinn, da nahm sie mich schon beim Arm, stellte mich direkt vor Alonso hin und trat zur Seite. Er lächelte mich an, Francisca klatschte in die Hände und das war so etwas wie ein Signal, daß ich beginnen sollte.

Jetzt konnte ich nicht mehr zurück, dachte ich, also will ich's ihm zeigen. Ich hatte, als ich jünger war und meinen eigenen Körper entdeckte, mich manchmal in meiner Kammer eingeschlossen und mich vor dem großen Spiegel aufgestellt, den ich bei uns auf dem Dachboden gefunden hatte (deshalb konnte ich auch das, was mir Baukis erzählt hatte, so gut nachvollziehen; aber bei mir war es ein bisschen anders).

Dazu muss ich sagen, daß ich beim Grafen von Henneberg einmal ein Gemälde gesehen hatte, welches, wie man mir sagte, von dem berühmten Maler Lucas Cranach stammte und das den Titel "Das Urteil des Paris" trug. Es waren darauf drei vollkommen nackte junge Frauen zu sehen, die vor einem Ritter, der in seiner Rüstung dasaß, posierten. Obwohl ich nicht genau wusste, welche Geschichte dahintersteckte, gefiel es mir sehr - und irgendwie erregte es mich auch.

Es verlangte mich das nachzumachen, und obwohl ich allein und kein Ritter weit und breit da war, hatte ich ein heimliches Vergnügen daran, mich vor dem Spiegel auszuziehen und mich selbst darin zu betrachten. Ich dachte auch manchmal, daß mich jemand - vielleicht durch den Spiegel hindurch - dabei beobachten würde und ich schreckte nicht davor zurück, diesen Beobachter mit allerlei seltsamen Bewegungen, die ich in meiner mädchenhaften Phantasie für verführerisch hielt, zu beeindrucken.

Alles lief darauf hinaus, daß ich endlich, nach langem Hin- und Herwinden und -wenden, meine Scham entblößte. Ich hatte schon ziemlich früh ein hübsches Weideplätzchen an der Stelle, eigentlich noch bevor sich die untrüglichen Zeichen meiner Fruchtbarkeit einstellten. Ich hatte die Empfindung, daß mit der plötzlichen Offenbarung meines verborgenen Fleckens (ich hatte es vorm Spiegel bis zuletzt mit einem äußerst knappen Tüchlein um meine Lenden bedeckt, das ich endlich fallen ließ) in mir etwas in Gang gesetzt wurde, das sich nur hier, unter diesen seltsamen Umständen bemerkbar machte und das so angenehm war, daß ich mir viel darauf einbildete, es, sooft ich wollte, hervorzaubern zu können.

Dann ließ ich meine Finger darüber gleiten, und einer, zwei, drei fanden wie von selbst in meine Spalte. Ich fing mit der andern Hand die Tropfen auf, die herausqollen, manchmal war es so viel, daß ich alles mit einem Schwämmchen auffing, das ich dann genüsslich zwischen den Zähnen aussaugte, ich liebte den Geschmack, er steigerte meine Lust. Ich rieb immer zügelloser an meiner Pforte herum, verlor den Spiegel aus dem Blick, als sich meine Augen gen Himmel verdrehten und mir die Sinne zu schwinden drohten, ließ mich endlich auf die Knie sinken und warf meinen Schoß mehrmals nach vorn und zurück und wieder vor, bis ich hintenüber sank und vor Wohlergehen ein paar Tränen vergoss.

Jetzt, als ich vor Alonso stand und ihm das wonnige Schauspiel bieten sollte, zu welchem Francisca mich verdonnert hatte, erinnerte ich mich an meine Auftritte vor dem heimischen Spiegel. Ich versetzte mich zurück in jene Tage, da ich selbst so viel Gefallen daran fand und versuchte mir in Erinnerung zu rufen, wie ich damals Schritt für Schritt meine Gefühle in Schwung gebracht, die zarte Schnecke zwischen meinen Beinen aus ihrem Haus gekitzelt und dann, als sie sich, mit süßem Schleim überzogen, aufgebläht hatte, an ihren Fühlern zum Zucken brachte.

Ich fuhr mir mit beiden Händen durchs Haar, streckte und reckte mich und fing an, mich in den Hüften sachte hin- und herzuwiegen wie zu einer angenehmen Melodie, wie zu einem von seinen Liedern auf der Laute, die mir ständig im Ohr klangen. Dann öffnete ich die Schleife von der Schnüre über meinem Busen und zog behutsam das Kleid auseinander. Ich streifte das Oberteil über die Schultern und wieder sah ich, wie Alonso sich mit seinen Augen an meinen Brüsten labte, die voll und weich waren und die ich jetzt mit beiden Händen ein bisschen schwabbeln ließ (ich hatte mal gehört, daß Männer das mögen). Dann streichelte ich meine Brustwarzen, bis sie hart waren und hervorstanden, und ich ließ mein Kleid fallen, stieg mit einem neckischen Schritt heraus und schob es mit dem Fuß zur Seite.

Ich hatte nur noch meinen Schlüpfer an, und Alonsos Blick musterte mich von oben bis unten und wieder hinauf und blieb dann an meinem Venushügel hängen und ich genoss seine Neugier. "Dreh' dich", sagte er, und ich tat es, zeigte ihm meinen Hintern und strich mit den Fingern über den seidigen Schlüpfer. "Gefalle ich dir?" "Ja sehr." Ich gab ihm ausgiebig Gelegenheit mich zu betrachten und ich fühlte mich unendlich wohl dabei. "Willst du den Schlüpfer anbehalten?", fragte er, und ich erwiderte "Ja, das wäre mir lieber." "Warum?" "Ja, warum?", sagte Francisca, kam zu mir, drehte mich zur Seite und küsste meine Brustwarzen, nuckelte daran wie ein Baby und brachte mich damit erst richtig in Fahrt.

Alonso weidete sich daran und ich sah, wie er mit der Hand über die Stelle zwischen seinen Beinen ging. Francisca ließ von mir ab, sie sagte "Zieh' dich ganz aus!" Ich sagte "Ich kann nicht." "Doch du kannst!" "Tu' was sie sagt, ich will deine ganze Weiblichkeit sehen." Ich zögerte noch einen Moment, dann streifte ich den Schlüpfer ab und stand da wie Gott mich geschaffen hatte. Alonso schaute lange hin, dann sagte er "Du bist sehr schön", und das war mir wie ein süßer Lohn dafür, daß ich mich überwunden hatte.

"Setz' dich", sagte Francisca und wies auf den andern Stuhl. "Wozu?" "Lass' dich doch einfach gehen, es passiert dir nichts, wir haben alle unsern Spaß daran." Ich ließ mich darauf nieder. "Genieße es", fügte sie hinzu. Sie ging zu ihm, raffte ihren Rock und setzte sich breitbeinig auf seinen Schoß. Sie strich ihm durchs Haar, streichelte sein Gesicht und küsste ihn auf Augen, Stirn und Mund. Alonso lüftete derweil mit beiden Händen ihr Hinterteil, und ihre wohlgeformten Pobacken strahlten mich an und ich bemerkte, daß sie keine Unterwäsche trug.

Und während die beiden sich befummelten, streckte sie ihre Beine und reckte den Hintern in die Höhe, und ihr Bruder zog ihre Backen auseinander, daß ich ihr Hinterloch und die ganze Scham bewundern konnte, die in zartem Rosa schimmerte und von noch zarterem Flor behaart war, ich konnte meine Blicke nicht mehr davon abwenden und ich wäre am liebsten aufgestanden und hätte sie berührt, aber ich zwang mich sitzen zu bleiben und meine Hände fassten zu beiden Seiten an meine Spalte und zogen sie weit auseinander.

Francisca stieg von ihrem Bruder herunter, betrachtete eingehend mein Loch und sagte "Bist du bereit für die nächste Runde?" Ich spürte schon, wie sich ein feines Rinnsal aus meiner Öffnung auf den Stuhl ergoss und vorn herab tropfte, ich sagte "Was soll das werden?" Sie nahm die Stricke vom Tisch, zog meine Hände hinter die Stuhllehne und band sie an den Gelenken zusammen. Dann legte sie mir desgleichen eine Fessel ans Fußgelenk, spannte den Strick hinter den Stuhlbeinen entlang zum andern Fuß und verknotete ihn dort. Meine Schenkel standen weit auseinander, Alonso schaute genau auf meine Rose, die sich zu ganzer Größe entfaltet hatte und es schien mir, als könnte er sich nicht daran sattsehen. Immer mehr Lustwasser gluckerte aus meiner Quelle, zwischendurch hörte ich es sogar plätschern.

"Was habt ihr vor?", fragte ich, aber meine Stimme zitterte und ich wusste, daß ich ihnen - und mir selbst - ausgeliefert war. Ich hatte schon meinen Schlüpfer verloren, ich konnte gleich nichts mehr für mich behalten. "Alonso wird jetzt was mit dir machen", sagte Francisca, "das dir viel Freude bereiten wird.", und sie band mir das Tuch vor die Augen. "Was wird das?", stöhnte ich schon und ich vernahm, wie sie mit irgendwas hantierten, ich meinte auch, daß Alonso seine Hose herunter ließ. Dann spürte ich seine Hände an meinen Schenkeln und ich seufzte laut auf.

Er drückte meine Knie noch weiter auseinander und plötzlich fühlte ich seine Zunge an meiner Pforte und sie vollführte einen wahren Kriegstanz genau an der Stelle, wo ich am empfindlichsten war, daß ich anfing laut zu stöhnen und zu jammern und schließlich vor Wollust zu schreien, wie ich es mir nie hätte vorstellen können. Und Alonso stöhnte ebenfalls, und wir kamen beide zugleich auf dem Gipfel der Erregung an. Ich ließ meinen Kopf zurücksinken und fiel wie in eine glückselige Ohnmacht.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dahingedämmert hatte, als ich zu mir kam, waren meine "Fesseln" gelöst, Alonso saß am Tisch (er hatte seine Hose immer noch oder wieder? an), Francisca küsste mich zärtlich auf Stirn und Mund. Ich sagte zum Spaß "Wo bin ich?" Sie lachten. "Bessergesagt, wo war ich?" "Trink' was", sagte Alonso. "Oh ja, das hab' ich dringend nötig", erwiderte ich und ging zum Tisch; die Schale war am Boden bestimmt fingergliedtief mit reiner Sahne bedeckt.

Alonso bereitete uns heißes Wasser, damit wir ein Bad nehmen konnten. Es gab einen großen ovalen Zuber aus Holz, mit drei Stufen außen zum Hineinsteigen, und zwei Sitzbrettern im Innern. Ich ließ mich ins Wasser, als alles fertig war, und nach einer Weile kam Francisca. "Ist noch Platz?" "Natürlich." Sie warf das Tuch ab, mit dem sie sich umwickelt hatte und stieg herein. Ich dachte 'Ihre Brüste sind kaum kleiner als meine', aber ihre Scham schien mir irgendwie größer. "Hat es dir gefallen?" "Es war wunderbar." "Wollen wir's wiederholen?" "Gern."

Dann fragte ich "Warum hast du mir die Augen verbunden?" "Ach nur so. Ich finde, Alonso sieht so komisch aus, wenn er vor deinen Schenkeln kniet." "Hat er sich auch ausgezogen?" "Er hat die Hosen 'runtergelassen, das ist Pflicht." "Hat er ... ich meine, ist sein Schwengel dabei angeschwollen." "Oh ja, das kann man wohl sagen." Ich schwieg, ich stellte es mir vor, dann fragte ich "Hatte er einen Samenerguss?" "Samenerguss - was für ein unschönes Wort. Er hat abgespritzt."

Ich musste lachen und gleich bekam ich wieder Gefühle. Dann fiel mir ein "War das in der Schale etwa von ihm?" "Ja. Ich halte ihm immer was unter und fang' alles auf." "Was machst du damit?" "Es heißt, es enthält viel körpereigenes Salz, das ist gut für den Knochenbau." "Wie, gut für den Knochenbau?" "Wenn man es schluckt." Ich war verblüfft, sie fügte hinzu "Es soll auch gut sein für starke Nerven."

Ich sagte "Na, die braucht man wohl auch bei ihm." "Ja, er kann einem manchmal ganz schön zusetzen." "Das traut man ihm gar nicht zu. Er spielt immer so zart auf der Laute." "Auf der Laute spielen ist das Eine, da ist Alonso sanft wie ein Schaf. Aber wenn du einmal seinen Prügel erleben würdest, dann denkst du, er könnte dir damit die Augäpfel aus den Höhlen treiben." Ich lachte wieder, das war ja unvorstellbar, ich fragte "Woher weißt du das?", dann schreckte ich zurück, "Hast du es auch schon mal mit ihm gemacht?"

Sie tat beleidigt, "Willst du mich veralbern?" "Ihr macht es miteinander?" Sie schwieg und tauchte die Hände ins Wasser, ich sagte "Na ja, warum nicht, immerhin kennt ihr euch bestens, da weiß der eine, was der andere mag." "Und es ist allemal besser, als es mit irgendeinem Kerl zu machen, den man hinterher 'rauswerfen muss, weil er anfängt zu schnarchen oder deinen Namen vergessen hat", erklärte sie. "Meine Güte", sagte ich, "wie recht du doch hast", dann fragte ich (aus reiner Neugier) "hast du's schon geschluckt?" "Ein bisschen ist noch da, man sollte es nicht zu lange stehenlassen." "Gibt er's dir oft?" "Ich hol's mir, wenn ich merke, daß ich es brauche." Ich schwieg. Sie krabbelte mit ihrem großen Zeh an meinem Loch. "Tut das gut?" "Ja." "Mach's mal bei mir." Ich tat es, sie lachte, dann sagte sie "Gehen wir morgen wieder zusammen auf den Markt?" "Ja, gern."

Wir kauften wieder alles ein, diesmal für ein Gericht, das ich von zu Hause kannte, es war mit richtigen Kartoffelklößen, ich sagte "Das dauert aber etwas länger." "Wir haben doch alle Zeit der Welt", erwiderte Francisca, sie pfiff wieder den Jungen herbei und belud ihn mit unseren Körben. Bei einem Gemüsestand hatte sie mich am Ärmel gezupft und gemeint "Schau' dir das mal an, musst du da auch an was anderes denken?" Ich lachte, später fragte ich sie "Alonso's Schwengel, sieht der auch so aus?" "Kennst du diese Morcheln, die im Wald stehen?" "Die stinkigen Pilze?" "Ja. So in etwa sieht sein Schwanz aus, wenn er sich aufrichtet - nur daß er natürlich nicht so stinkt."

Wir bereiteten das Essen zu. Irgendwann sagte ich "Es wäre eigentlich nur gerecht, wenn mir Alonso auch seinen Schwengel vorführt, wo ich ihm doch schon alles gezeigt habe." Francisca sagte "Ja, warum nicht. Hatte mir auch schon so was ausgedacht." "Fragst du ihn?" "Das regel' ich schon, du kannst dich drauf verlassen", und ich musste aufpassen, daß ich mir vor Aufregung nicht in die Finger schnippelte.

Das Essen gelang mir hervorragend, wir deckten wieder den Tisch, Alonso besorgte den Wein, und ich konnte mich nicht beherrschen, ihm zuzuflüstern "Hat dich Francisca schon gefragt?" "Weswegen?" "Ach nichts." Beim Essen starrte ich ihn unentwegt an und musste dabei an die Morchel denken, er sagte "Was ist?" "Ach nichts." Francisca bemerkte es, sie sagte "Brüderchen, ich hoffe, du hast wieder ordentlich was im Depot." Ich musste lachen und Alonso verzog das Gesicht zu einer Grimasse, "Wieviel soll's denn sein?" "Reicht's diesmal für zwei?", fragte ich geradeheraus. "Wenn du mir dein Heiligtum nochmal zeigst, wird vielleicht noch was angeliefert." "Sooft du willst."

Wir fingen wieder genauso an, ich zog mich langsam aus bis auf die nackte Haut, dann setzte ich mich Alonso gegenüber auf den Stuhl, spreizte die Beine und spielte an meiner Grotte herum, die schon wieder ganz nass war. Francisca schaute mir zu, dann ging sie zu Alonso und gab ihm ein unmerkliches Zeichen. Er erhob sich, sie stellte sich seitlich neben ihn und knöpfte seine Hose auf, die sogleich herab rutschte. Er stemmte die Hände in die Hüften und hielt damit sein Hemd oben, und sie legte ihre rechte Hand auf seine Schulter und schaute ihn unverwandt von der Seite an, als ob sie sich sein göttliches Profil auf ewig würde einprägen wollen, während sich ihre Linke an seinem Glied zu schaffen machte, das tatsächlich wie eine lange Morchel aufrecht stand, mit einer Morchelkappe wie ein rotglänzender Helm, dessen Kragen von einem Wulst eingefasst war, und mit einem kleinen schmalen Löchlein auf der Spitze.

Und am Schaft seiner Morchel hing ein prallgefülltes, strammes Ränzlein, und ich starrte wie gebannt auf das Ganze und verfolgte, wie Francisca, ohne hinzusehen, mit ihrer Hand sein Glied umfasste und erst ganz langsam, dann immer schneller daran rauf und runter fuhr, während Alonso die Augen geschlossen hielt und sich mit lächelnder Miene ihrem Spiel auslieferte.

Sie kannte scheinbar kein Erbarmen, sie rieb immer heftiger an seinem langen Schwanz und die Kappe wurde immer roter und größer und die beiden Eier in seinem Sack wandten sich unruhig hin und her, wie zwei Diebe, die unterm peinlichen Verhör ihre Beute rausrücken sollen. Ich schaute jetzt nur auf das Löchlein, aus dem ich jeden Moment eine Ladung heraus spritzen sah und Francisca flüsterte ihrem Bruder zu "Sieh' nur, sie ist bereit für deinen Samen!"

Und das war ich in der Tat. Sie vollendete ihr Werk und erhitzte sein Glied, als wollte sie Feuer daran entfachen, und endlich schoss mir ein straffer Strahl seines weißen Hodensafts entgegen und es folgte ein zweiter, dritter, es war unglaublich, was da in seinem Sack zusammengebraut worden war!

Beim zweiten Mal verlangte Francisca von mir, daß ich seinen ganzen Vorrat aus dem Löchlein auf der Spitze seines Schwanzes heraus sauge, sie behauptete, das wäre wie Ostereier ausblasen, nur umgekehrt, und ich musste nicht erst bedrängt werden, um es zu vollführen. Ich umschloss seine rotglühende Kappe mit meinen Lippen und ließ ihn bis weit in meinen Rachen hinein gleiten. Nach dem vierten oder fünften Mal fand ich auch eine Stelle an seinem Schwanz, an der ich ihn mit meinem Daumen reizen konnte, und mir schien, daß ich Alonso damit nach Belieben länger hinhielt, bis ich ihn in mich spritzen ließ. Ob es nun wirklich gut für den Knochenbau war, kann ich nicht beurteilen, ich hätte auch so nicht genug davon kriegen können.

Frühmorgens war es noch kühl und zwei dreimal machte Alonso ein Feuerchen im Kamin, Francisca schlief noch, ich bereitete uns in der Küche zwei Tassen "Kaffee", der aus Brasilien kam (Francisca hatte ihn aus der väterlichen Residenz in Sevilla mitgehen lassen). Alonso und ich setzten uns auf den Boden und schlürften das heiße, schwarze Getränk, das mir bis dahin völlig unbekannt war. "Schmeckt ziemlich bitter", sagte ich, "vielleicht habe ich was falsch gemacht." "Nein. Der schmeckt immer so. Wir könnten Zucker hineintun." "Ja, gute Idee, ich hol' welchen." Und das war wirklich eine segensreiche Zutat. Ich spürte auch, wie er das Blut in meinen Adern schneller strömen ließ.

Wir unterhielten uns über alles Mögliche. Da sagte ich "Francisca behauptet, dein Samen würde ihr guttun, wegen dem Knochenbau und so." "Ja, sie hat da so ihre Theorien", ich fragte "Und sie fängt es in einer Schale auf." "Ja. Aber manchmal geht was daneben", wir mussten beide lachen. "Schade drum", sagte ich. Wir schlürften den Kaffee. Meine Gedanken kreisten unablässig um das eine, ich sagte "Aber du gibst es ihr auch ... in ihre Spalte." "Ja." "Das glaub' ich nicht." "Doch." Ich schwieg und sah ihn an. "Kann ich mal dabei zusehen?" Er sagte "Ich denke, das lässt sich machen."

Da kam Francisca aus dem Schlafzimmer, sie gähnte, räkelte sich und furchte mit den Fingern durch ihre blonde Mähne. "Das duftet aber gut." Ich sprang auf und sagte "Warte, ich hol' dir auch eine Tasse." Später, als wir das Mittagessen zubereiteten, nahm ich mir ein Herz und sagte "Alonso will mir zeigen, wie er seinen Samen in dich 'reinspritzt." "Uiiihhh", machte sie, als wollte jemand das Geheimnis ihrer pfirsichzarten Haut erfahren, "da ist wohl jemand ganz heiß drauf geworden!" "Ich kann's mir nicht so recht vorstellen." "Oh, das kannst du sehr gut, Leonorchen. Und jetzt willst du's in natura sehen. Es lässt dir keine Ruhe, stimmt's?" "Ach was!" "Stimmt's?" "Na ja, wenn ich's mal gesehen hätte, würde ich's auch glauben." Da sagte sie "Und hast du einen besonderen Wunsch, wie wir's machen sollen?" "Bitte?" "Na ja, es gibt so viele Möglichkeiten, von vorn, von hinten, ich oben, er oben, auf dem Stuhl, im Bett, auf dem Tisch ..." "Auf dem Tisch?" "Klar, am besten hier in der Küche - und am besten, ihr bindet mich fest, damit du vorher mein Kätzchen noch so richtig in Stimmung bringen kannst." Da lief ich tatsächlich wieder knallrot an.

Aber dann konnte ich es kaum erwarten. Nach dem Essen kippte ich den letzten Schluck Wein hinunter und sagte "Ich räum' schon mal den Küchentisch leer." Alonso fragte "Wozu?", und Francisca erklärte ihm, was wir mit ihr vorhaben. In der Küche hatten sich die Gerüche noch nicht ganz verzogen, ich stellte alles beiseite, dann wischte ich mit der Hand über die Tischplatte und dachte 'Ganz schön hart, aber sie will es ja so'.

Dann kam Alonso, er hatte sich schon ausgezogen, sein Schwanz hing noch schlaff herab, aber das sollte sich gleich ändern. Francisca erschien und lehnte sich aufreizend an den Tisch, "Und jetzt?" Alonso wusste, daß ich Hemmungen hatte, er sagte zu ihr "Zieh' dich aus." Sie tat es, ziemlich umständlich, und mit jedem Kleidungsstück, das sie fallen ließ (sie hatte diesmal sogar Unterwäsche an), fühlte ich wieder mein Herz höher schlagen. Dann hatte sie's geschafft und wie ich sie anschaute, dachte ich 'Ihre Scham ist eindeutig größer als meine.'

Sie fasste mich am Arm und zog mich heran, presste ihre Lippen auf meine und drang mit ihrer Zunge in meinen Mund, dann stieß sie mich zurück und sagte "Nur noch was zur Stärkung, falls ihr mich gleich fertigmachen wollt." "Setz' dich hier auf die Kante", sagte Alonso im Kommandoton und zeigte auf die Stirnseite. "Gern", sagte sie, sprang hoch und ließ die Beine baumeln, als würde sie auf Besuch warten. "Hol' dort aus dem Schubfach die Stricke", sagte Alonso zu mir. "Die sind da drüben drin", zeigte Francisca in die andere Ecke.

Ich fand sie, mir zitterten die Hände vor Erregung. "Leg' dich hin", sagte er zu ihr, und sie stützte sich erst auf den Ellenbogen ab und legte sich dann flach auf Rücken. "Streck' die Arme nach oben", und zu mir: "Binde ihre Hände an den Tischbeinen fest." Ich fummelte ewig an den Knoten herum, ich stellte mich ganz schön dämlich an. Francisca lachte nur. "Das Lachen wird dir gleich vergehen", sagte Alonso plötzlich. "Uiiihhh, Brüderchen, bist du böse auf mich?" "Nein. Aber du bist selbst schuld, daß du mich mit Leonora so geil gemacht hast. Nun muss ich alles an dir auslassen." "Ach, das klingt wie damals in Toledo." "Es könnte schlimmer werden." "Was könnte schlimmer sein als das in Toledo!" "Wart's ab. Jetzt die Fußgelenke auch an die Beine", sagte er zu mir.

Ich machte es, ich kroch um den Tisch herum wie der Gehilfe eines Folterknechts. "Ist es so gut?" Er befühlte den Strick, ob er straff genug war, "Ja, geht so", und ich dachte 'Grundgütiger, wenn es schlimmer wird als in Toledo, dann bin am Ende ich schuld daran.' Aber ich brannte darauf mitanzusehen, wie Alonsos Nudelholz sie durchwalkte und sie dabei in höchste Not geriet, ich wollte sie auf einmal leiden sehen und mich daran ergötzen.

Als ich mich aufrichtete, fiel mein Blick auf Franciscas Scham, sie war zum Verschlingen schön. Unter dem Dreieck aus dunkelbraunen gekräuselten Härchen zog sich eine lange Spalte hinab, die beiderseits von weichen Wülsten eingefasst war. Ich öffnete sie behutsam mit beiden Händen, legte über dem Hauptloch das entzückende Brünnlein für ihr Goldwasser frei, an dem gerade ein Tropfen herab kullerte, den ich geschickt mit meiner Zunge auffing, und ich entdeckte darüber den Knubbel, der sie vor Lust würde aufjauchzen lassen, wenn ich das jetzt wollte.

Ich berührte ihn mit den Fingerspitzen, und das genügte, daß sie anfing schneller zu atmen und sich ihr Becken hob und wieder senkte. Meine Finger wagten sich weiter vor und brachten Licht ins Dunkel der feuchten Röhre und ich konnte mich nicht beherrschen, zugleich meinen kleinen Finger in das andere Loch zu stecken, das man, meiner Meinung nach ganz zu Unrecht, das schlimme nennt, und das löste bei ihr etwas aus, das seinen unerbittlichen Lauf nahm und mich anspornte, sie immer weiter anzutreiben, gerade so, wie man einer ungehörigen Stute die Peitsche gibt, und ich machte es so lange, bis Franciscas Unterleib sich aufbäumte und sich mit aller Kraft aus ihren Fesseln zu lösen versuchte. Aber ich hatte mit den Stricken doch ganz gute Arbeit geleistet. Sie stammelte "Oh nein! Nicht!" und "Hör' auf! Ich bitte dich! Ich geb' dir zehn Goldpesos, wenn du mich losbindest!" Aber diesmal war ich es, die das Schauspiel auskostete, und ich gab nicht nach.

"Hört auf!", jammerte sie, "Gib' es mir, Bruderherz, aber erlöst mich von meiner Qual!" Ich schaute auf Alonso, er sagte "Mach' weiter, das soll ihr eine Lehre sein", und ich ließ meine Finger ordentlich in ihrem Loch herumfuhrwerken. Alonsos Schwengel war jetzt hart und heiß und bereit für seinen Auftritt, er kam geradewegs auf Franciscas Loch zu, "Mach' Platz!", sagte er und ich konnte im letzten Moment meine Finger herausziehen, er stützte die Arme auf den Tisch und rammte seinen Knüppel mit wuchtigen Stößen in Franciscas Spalte, daß sie aufschrie und ich glaubte, es würde sie zerreißen, und nach einer Serie erbarmungsloser Stöße zog er ihn heraus und gönnte ihr eine klitzekleine Pause, in der er keuchend über ihr hing und sein Schweiß auf ihren Bauch tropfte, bevor er von neuem in sie eindrang und sie dabei auf dem Tisch nach oben schob, daß die Stricke an ihren Beinen anfingen zu knarren. Er wiederholte es drei- vier- fünfmal und der schwere Tisch rückte dabei jedesmal auf dem Steinfußboden schrill kratzend ein Stück weiter. Ich stemmte mich mit aller Kraft an der andern Seite dagegen und verfolgte mit großen Augen von oben, was sich auf Franciscas Antlitz abspielte und ich konnte sehen, wie sie mehrmals den Punkt erreichte, an dem diese innere turmhohe Woge einen mit schier überirdischen Glücksgefühlen überschwemmt.

Später lagen Francisca und ich im Bett, einander zugewandt, das Laken bis über den Kopf gezogen. Sie war ziemlich erschöpft, ich streichelte ihr Gesicht. Ich fragte "War das schön?" "Oh ja. Obwohl ich manchmal denke, ich würde es nicht aushalten." "Dann war es richtig, daß ich nicht aufgehört habe, dich zu reizen." "Ja, das war in Ordnung, wahrscheinlich hätte ich es dir andernfalls hinterher übelgenommen." Ich fragte "Soll ich dich waschen?" "Ja, später, ich muss mich erst noch ein bisschen erholen. Mir läuft's immer noch 'raus", lachte sie, und ich schob den Finger zwischen ihre Beine und holte mir eine Portion feinste Sahne, "Ist angeblich gut für den Knochenbau", sagte ich und leckte genüsslich den Finger ab, Francisca betonte: "Ja, ernsthaft. Wenn du's öfters nimmst, kannst du bald Weinfässer stemmen."

Wir trieben es nach dem Mittag und am Abend nochmal, dazwischen hielten wir Siesta. Einmal kam ich noch ganz benommen aus dem Schlafzimmer, da lief ein Junge an mir vorbei, ihm folgte Francisca, die an ihrem Kleid herumfummelte. Ich sagte "War das nicht der Junge vom Markt?" "Ja. Er hat nur was vorbeigebracht." "Hast du etwa mit ihm was angestellt?" "Was? Nicht doch. Er ist ja viel zu jung dafür."

Wir verloren alle Hemmungen und tummelten uns splitterfasernackt abwechselnd im Esszimmer, auf den Betten oder hinterm Haus in einem kleinen Garten. Niemand störte uns hier und wenn die Dämmerung hereinbrach, entzündeten wir Lampions und Räucherstäbchen, und Alonso wurde losgeschickt, noch eine Flasche Wein zu holen. Francisca sagte "Er braucht Bewegung, das fördert die Samenbildung."

Und während ich auf dem großen Bett ausgebreitet und wie wehrlos auf dem Rücken lag, verwöhnten mich die Geschwister mit neckischen Spielchen, schoben allerlei reizvolle Gegenstände in meinen Tunnel, von diversen Weinflaschen, die wir vorher gelehrt hatten, über Maiskolben und anderes langstieliges Gemüse bis hin zu ziemlich ungewöhnlichen Sachen, die wir im Haus fanden. Sie sprengten beinahe mein Fassungsvermögen und ich unterlasse es lieber, sie hier genauer zu beschreiben, weil jemand, der dies liest, womöglich auf die Idee käme, es selber auszuprobieren - und glaubt mir, dazu bedarf es einiger Vorsichtsmaßnahmen.

Auch wollte ich hinter Francisca nicht zurückstehen, der, wenn sie an die Reihe kam, anscheinend jedes Kaliber recht war, und mitunter war es ein regelrechter Wettbewerb zwischen uns, wer es mit den rabiaten Eindringlingen am längsten aushielte, bis man durch ein sichtbares Zeichen der Ermattung nachgegeben hatte und dann "zur Strafe" vor den Augen der andern etwas sehr Unanständiges tun musste und das, wenn man es recht betrachtete, ziemlich lustig war.

Am schönsten war es freilich mit Alonsos Morchel, denn sie war wie ein lebendiges Tier, dessen Pulsschlag und jede seiner Regungen man bemerkte, ja, ich verharrte oft zwischendurch in banger und zitterender Erwartung, was er als nächstes tun werde und wie es mich unter seiner Männlichkeit und Schönheit niederwarf, daß ich mich nur noch winden konnte wie die Schlange im Staub.

Als es damit begann, daß er Unmengen von seinem Samen in uns einschießen und einfließen ließ, da kamen mir erneut Bedenken, daß ich womöglich schwanger werden könnte. Aber Francisca beruhigte mich, sie gab mir ein in Wein aufgelöstes Pulver zu trinken, das solche eventuellen Folgen verhindern sollte. (Ich glaube, sie hatte es von einer Zigeunerin.) Ich war inzwischen so von diesen Orgien in Bann geschlagen, daß ich keine Minute davon missen wollte, und so verließ ich mich auf ihr geheimnisvolles Gegenmittel.

Man hätte vielleicht annehmen mögen, daß Alonsos Vorrat in seinem Säckchen einmal versiegen könnte, oder er, nachdem er uns beide sozusagen abgefüllt hatte, wie ein erschossener Fuchs zur Seite fiel, allein, er brauchte jedesmal nur eine kurze Erholungspause, einen Schluck Wein, einen Zug aus der Wasserpfeife, deren Qualm so vielsagend in dem Gefäß waberte, bis er wieder bereit war.

Und so ging es in einem fort, daß Francisca sein Säckchen in ihrer Hand wiegte und seine beiden Pflaumen darin rollen ließ wie zwei große Murmeln, während ich seinen Schwengel streichelte, der sich auch nicht lange bitten ließ, bis er abermals hart wurde und stramm stand und danach lechzte, uns zu beglücken.

Manchmal allerdings konnte er keine Sekunde länger an sich halten und schickte seine dicke Milch in üppigen Spritzern in unsere Münder; aber natürlich war es uns lieber, wenn sich sein ungebärdiger Freund erst in den hungrigen Löchern austoben konnte und wir dabei richtig auf unsere Kosten kamen.

Es war einfach übernatürlich, was für eine Ausdauer Alonso dabei hatte und welches Vergnügen, uns wie zwei aufmüpfige Zicklein im Zaum zu halten - und welch schier unstillbares Verlangen Francisca und mich ein ums andere Mal bis zum Äußersten trieb, und wir beide vor keiner noch so sündhaften Tat zurückschreckten.

Ich kniete vor ihren gespreizten Beinen und rubbelte an ihrer Pforte, während Alonso mit seinen Lenden in wuchtigen Stößen gegen mein Hinterteil klatschte und sein Glied in meinem Stollen Schwerstarbeit leistete. Ich schob einen Finger neben dem andern in Franciscas Loch, sie schrie auf vor Wonne und Schmerz, und Alonsos Meißel hämmerte gegen die hinterste Sperre in meiner Höhle und versuchte verzweifelt, sie zu durchstoßen.

Ich konnte jedesmal spüren, wie sein Samen mein Inneres überflutete und sich sein Glied zu meinem Bedauern zum Rückzug entschloss, um aber bald darauf einen erneuten Anlauf zu unternehmen. Und ehe ich mich versah, saß ich schon wieder rittlings auf ihm und rutschte auf seinem heißen Pflock auf und ab und küsste Franciscas Mund, die ihre Scham über Alonsos Gesicht gesenkt hatte und sich von seinem flinken Zungenspiel zum nächsten Gipfel emportragen ließ. Sie dankte es ihm von oben mit einem würzigen Schuss aus ihrem verborgenen Flakon mitten in sein Gesicht.

Später lutschte Francisca alle Sahne, die Alonso mir verabreicht hatte, aus meinem übervollen Schlauch, während er sie von hinten rücksichtslos vollpumpte, daß es schon wieder herausquoll und die ganze Soße an den Innenseiten ihrer Schenkel herab lief. Ich drückte den Kopf rückwärts ins Kissen und stöhnte und seufzte, und dabei entlud sich aus meinem Schoß ein Schwall nach dem anderen und vermengte sich mit dem Schleim und dem Samen von vorhin zu einer Götterspeise, die Francisca in gierigen Zügen hinunterschluckte.

Einmal weckte sie mich aus dem Schlaf und zerrte mich aus dem Bett, ich dachte, das Haus würde brennen. Ich rief noch ganz schlaftrunken "Was ist los?" Sie riss mir das Nachthemd über den Kopf und sagte "Jetzt bist du fällig!" Sie schleppte mich in die Stube, sie hatten überall Kerzen aufgestellt, es war fast taghell. Alonso stand da und ich sah, daß sein Schwengel schon halb aufgerichtet war und nach mir verlangte, es war bloß die Frage, wie es ablaufen sollte.

Francisca tauchte mein Gesicht in eine Schüssel kaltes Wasser, daß ich aufkreischte, dann war ich hellwach. "Hast du gedacht, du könntest drumherum kommen?", sagte Francisca, und ich erwiderte "Um was?" "Das wirst du gleich sehen. Komm' schön her!" Sie zog mich am Handgelenk an die Stirnseite des Tisches, meine Scham ragte genau über die Kante, ich legte die Hände auf die Tischplatte. Alonso fasste meinen Nacken und drückte mich sachte aber unnachgiebig nach vorn, ich musste mich vorbeugen und meine Hände rutschten auf dem Tisch entlang, bis mein Bauch und meine Brüste das Holz berührten.

Ich verfolgte, wie Alonso meine Füße auseinander schob und sie an den Tischbeinen festband, während Francisca mit meinen Händen das gleiche tat. So ließen sie mich eine Weile ausharren. Da kitzelte mich Francisca an meinem Kinn mit der Spitze einer Weidenrute. "Warst du artig, kleines Mädchen?" "Ja", stammelte ich, "immer." Und schon sauste die Rute auf meine Hinterbacken nieder. "Aua!", schrie ich. "Warst du artig?" "Ja! Aua!" "Warst du's?" "Nein!" "Oh, gut."

Ich spürte, wie sie ausholte. "Ich war böse!" "Aha. Da kommen wir der Wahrheit schon näher. Verdienst du eine Strafe?" Ich presste die Zähne zusammen, sie gab mir einen weiteren Streich. "Au! Ja, ich verdiene eine Strafe." "Zwanzig Rutenhiebe? Wäre das angemessen?" Ich sagte "Nein! Ich meine, ja. Aber kann ich beantragen, daß die Strafe umgewandelt wird?" "In was?" Ich schwieg, dann sagte ich "In eine sehr harte Züchtigung durch Alonso's Prügel." Keine Antwort. "Was ist? Wird das genehmigt oder muss ich mich erst an den spanischen Gerichtshof wenden?"

"Wir müssen uns beraten." "Oh Gott, ich muss mal." "Was?" "Ich muss mal dringend." "Ja, was?" "Klein." Francisca sagte "Ähm ... die Sitzung wird unterbrochen." Was dann folgte, reizte mich wirklich zum Lachen, und Francisca konnte auch nicht ernst bleiben, obwohl sie ja zum hohen Tribunal gehörte, das über meine Strafe entscheiden sollte. Sie schickte Alonso hinaus, holte einen leeren Topf vom Herd, und ... na das weitere könnt ihr euch denken, es war ein hellklingender straffer Strahl, der auf den Kupferboden traf. "Wie eine Hündin", sagte sie in einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung, "war's das?" "Wenn ich mir's recht überlege ..." "Schluss jetzt! Du kannst dich deiner Betrafung nicht entziehen." "Nein. Ist mir klar."

Ich rechnete damit, daß mich Alonso von hinten nehmen würde, aber Francisca goss vor meinen Augen aus einer Flasche Olivenöl in eine Schale, ging damit an mein Hinterteil und fing an, mein Poloch mit kreisenden Bewegungen einzureiben, wobei erst ihr kleiner Finger und dann die anderen sich den Weg in meinen dunklen Kanal bahnten.

Ich zitterte dabei am ganzen Leib und fing an zu stöhnen, ich wusste, was geschehen sollte, ich rief: "Das ist viel zu eng für seinen Schwanz!" "Das werden wir ja gleich sehen", gab sie zurück, und mir schien, daß sich mein Hinterausgang unter der Wirkung des Öls schon beträchtlich geweitet hatte. Dennoch bettelte ich Alonso an "Schieb' ihn mir in meine Spalte! Mach' es so lange du willst, von mir aus bis zum Morgengrauen, aber verschone meinen After!"

Er antwortete nicht. Francisca drückte alle Finger ihrer Hand hinein und spannte den Ring weit auseinander, bis er jeden Widerstand aufgab. Dann zog sie ihre Hand langsam wieder heraus und da war mir, als stünde das Loch wie von selbst offen und hauchte allen Odem meines Innern aus. Und bevor es sich wieder schließen konnte, spürte ich Alonsos Morchel an der Mündung und ich hätte die Zentimeter mitzählen können, die er langsam in das Rohr eindrang. Dann stieß er zehn oder zwölf Mal so heftig zu, daß ich jedesmal mit den Schenkeln an die Tischkante prallte, zog ihn 'raus und steckte ihn wieder rein und wiederholte das Ganze.

Dann gönnte er mir eine Pause und ich ahnte, daß sie noch irgendwas auf Lager hatten, ich rief "Was kommt jetzt?", da schob mir Francisca etwas hinein, das wir schon mal im Bett ausprobiert hatten, allerdings im andern Loch. Und als es drin war, setzte Alonso noch eins drauf und gab mir seinen Schwengel in meine Spalte, so war ich in beiden Röhren besetzt. Franscica hielt mir eine Schale vors Gesicht, sie hob mein Kinn an, setzte sie an meine Lippen und sagte "Trink das!" Ich nahm einen Schluck und merkte, daß es Alonso's Sahne war, die sie ihm offenbar eine Weile zuvor abgenommen hatte. "Nochmal!" Sie schüttete den Rest auf ihre linke Handfläche und hielt sie mir vor den Mund, damit ich sie ausleckte, während Alonso mich rammelte und gleichzeitig das andere Ding so weit hinein trieb, daß ich glaubte, mein Arsch würde in zwei Hälften zerplatzen.

Ich bekam nur noch mit, wie Alonso mich sanft ins Bett legte und das Laken über mich zog. "Bin ich schon tot?", fragte ich. "Nein", sagte er und küsste mich auf die Stirn. "Schickst du Francisca her?" "Ja, mach' ich." Für den Rest der Nacht hatte ich den besten Schlaf, den man sich wünschen konnte. Am Morgen schlurfte ich in die Küche, die beiden frühstückten schon, ich bekam eine Tasse dampfenden, süßen Kaffee, Weißbrot mit Butter und Scheiben von dem berühmten spanischen Schinken, der sieben Jahre an der Decke hängt, bevor er angeschnitten wird, dazu ein gekochtes Ei, Schafskäse und eingelegte Oliven. Ich fühlte mich wie die Geliebte des Königs.

Ich fragte "Wo ist das Ding, das ihr mir 'reingeschoben habt?" Francisca sah mich komisch an, "Na, das steckt noch drin." "Quatsch!" "Na wirklich, du merkst es bloß nicht, weil du noch ganz taub bist im Hintern." "Hör' auf mit dem Quatsch!" Sie wollten sich kaputtlachen, dann holte Alonso es von der Anrichte und zeigte es mir. "Heiliger Strohsack, das war in mir drin?" Ich konnte es kaum glauben.

Später, als wir das Mittagsmahl zubereiteten, rief von draußen der Junge vom Markt. Francisca ging hinaus und kam mit einem Korb frischem Gemüse wieder. Da war auch eine von den langen Grünen dabei, mit denen meine Hinterpforte letzte Nacht Bekanntschaft gemacht hatte. Sie nahm sie und wiegte sie in ihrer schmalen Hand, "Was meinst du, ob ich die schaffe?" Ich sagte "Wir werden's sehen." Sie lachte, "Das war die Antwort, die ich hören wollte." Wahrscheinlich wollte sie mich bloß übertreffen, aber den Versuch war's wert.

Alles endete genau einen Tag, nachdem wir zurück in Sevilla waren. Und zwar schlagartig. Als ich das Verandazimmer betrat, war keiner da. Ich lief in Don Diegos Haus umher, konnte sie aber nicht finden. Aus seinem Arbeitszimmer hörte ich Stimmen herausdringen, die Tür war nur angelehnt. Ich lauschte eine Weile, ich konnte Don Diego und Massa Sojonka vernehmen sowie zwei andere Männer. Da quäkte es hinter mir "Was horchst du an fremden Türen, du hinterhältige Spinne!"

Ich fuhr zusammen und rief "Zum Donnerwetter! Müssen Sie einen immer so erschrecken!" Man hatte uns drinnen gehört, Massa Sojonka erschien in der Tür und fragte mich mit strenger Miene (und als würde er den Zwerg gar nicht sehen) "Du hast hier nichts zu suchen! Scher' dich fort!" Ich sagte, ich wollte zu Don Diegos Kindern, könnte sie aber nirgends finden. "Die sind in der Stadt", sagte er, "und jetzt verschwinde." Damit schloss er die Tür.

"Pustekuchen", sagte der Zwerg schadenfroh. Da verlor ich die Beherrschung, ich riss' ihm den Schlapphut mit der Pfauenfeder vom Kopf und ließ ihn über den Gang segeln, "Selber Pustekuchen, du aufdringlicher Kerl!" Er rannte auf seinen Stummelbeinchen hinterher, stolperte und purzelte, und als er seinen Hut aufgehoben hatte, drehte er sich zu mir um und machte eine unflätige Geste, dann verschwand er hinter der Ecke. Ich war selber ein bisschen erschrocken über mich gewesen, aber es war wohl, weil ich mir nicht erklären konnte, wieso Alonso und Francisca plötzlich fort waren, ohne mir Bescheid zu sagen. Was hatten sie in der Stadt zu schaffen?

Ich wartete bis zum Mittag, es war unerträglich, so herumzusitzen. Zugleich hatte ich das Gefühl, als würde alles nicht mehr so weitergehen wie bisher, aber ich wollte wissen, warum. Ich schlich mich ins Bibliothekszimmer, ich rief leise "Senor? Herr Hofnarr? Sind Sie hier?" Ich ging bis zum Fenster und wieder zurück; als ich den Raum verlassen wollte, kam es aus einer Ecke "Was willst du?" Das war das erste Mal, daß ich froh war, seine Quäkstimme zu hören.

"Ich wollte mich entschuldigen für vorhin." "Es rührt mich zu Tränen!" "Ich habe die Beherrschung verloren." "Du hast mich vor aller Welt lächerlich gemacht!" "Na, das ist ja nun ein seltsamer Vorwurf von einem Hofnarren", entgegnete ich, "außerdem hat es keiner mitgekriegt. "Papperlapapp!" "Kommen Sie doch mal bitte aus der Ecke heraus, ich muss Sie etwas fragen." Er kam angewackelt, ich sah, daß die Pfauenfeder einen Knick bekommen hatte, er sagte sehr bedrückt: "Schöne Bescherung." "Ich besorge Ihnen eine neue, noch schönere, ich versprech's, wenn Sie mir sagen, wo sich Don Diegos Kinder aufhalten könnten." "Was weiß ich! Bin ich das Kindermädchen oder du?" "Massa Sojonka sagt, sie wären in der Stadt." "Na dann, was frägst du mich!" "Aber wo dort?"

Er sagte "Nächste Woche wird hier die Semana Santa begangen, weißt du dumme Trine, was das ist?" Ich antwortete ihm, was ich von Baukis darüber erfahren hatte. Er meinte "Die Kinder aus den reichen Häusern bereiten sich immer sehr gewissenhaft darauf vor, kann sein, daß die schöne Francisca und ihr galanter Bruder in irgendeinem Kloster stecken." "Sie wären ins Kloster gegangen?", fragte ich und bezweifelte das sehr. "Doch nicht für immer, du einfältige Göre. Sie begeben sich dorthin, um Buße zu tun, sich von allen Sünden, die sie begangen haben, zu reinigen, für ihr Seelenheil zu beten und für das aller anderen Menschen - Zwerge vielleicht ausgenommen, ich habe nämlich noch nie ihr Wohlwollen gespürt", fügte er höhnisch hinzu.

"Wissen Sie auch, wo die beiden das für gewöhnlich tun?" "Jedenfalls nicht am selben Ort, denn sie sollen gewissermaßen ihre irdischen Bindungen lösen und sich ganz der Verehrung und Nachfolge des Herrn widmen. Dazu ist es nötig, sich von der Außenwelt für einige Tage abzusondern und sich darauf vorzubereiten, ihm in größtmöglicher Reinheit gegenüberzutreten. Denn während der Semana Santa wird Jesus Christus an uns vorbeiziehen - zwar sehen wir ihn bloß in Form einer Skulptur, aber nichtsdestotrotz können wir seines heiligen Geistes gewahr werden, der uns ja aus allen Dingen begegnet, wenn wir sie mit den richtigen Augen anschauen, wenn wir unsere Sinne darauf lenken und unser Herz für ihn öffnen. Seine Auferstehung ist zweifellos das größte Ereignis von Gottes Gnaden, welches die Christenheit dieser Welt feiern darf. Aber dieser Auferstehung Christi, das musst du verstehen, ging sein Tod voraus, er musste ihn erleiden, denn ohne Sterben gibt es keine Auferstehung, so wie es ohne Sünde keine Buße gibt und ohne Glauben keine Erlösung. Deshalb feiert man ebenso seinen Tod als ein Freudenfest - na ja, sagen wir als ein Begräbnis voller Hoffnung. Und daher auch die Bezeichnung Los dias de la buena muerte, Die Tage des schönen Todes, für diese Zeit. Anscheinend eine seltsame Bezeichnung, aber so treffend, wenn man bedenkt, daß der Tod für Christus das Ende seines irdischen Leidensweges war, also im Grunde etwas Willkommenes, etwas Gutes. Und daß Maria, seine Mutter, obwohl sie, von Trauer und Tränen überwältigt, gehalten und gestützt werden muss, für immer der Inbegriff göttlicher Schönheit ist, denn auch Gottes Schönheit ist weiblicher Natur."

Ich war völlig platt von seinen Worten. Er hatte das mit einigen bedeutsamen Gesten und mit einer Mimik begleitet, wie sie ergreifender nicht hätten sein können, sogar seine Stimme klang plötzlich viel angenehmer. Ich sagte "Warum sind Sie Hofnarr geworden? Sie könnten ebensogut Prediger oder sogar Theologe sein, so wie sie reden!" Er keckerte verächtlich, "Ja klar, ein Theologe von drei Fuß Länge, der die Größe und Weisheit Gottes verkündet." "Sie könnten sich auf ein Podest stellen, das machen andere auch, sogar welche, die weitaus größer sind als Sie." "Daran sieht man, daß du keinen Schimmer Ahnung hast", entgegnete er und fiel wieder in seine alte Knurrigkeit zurück, "für solche wie mich gibt es nur zwei Wege im Leben: entweder in den Zirkus oder an den Hof, und am Hof lebt es sich besser - jedenfalls solange man sich nichts zuschulden kommen lässt."

"Und Sie können sich nicht denken, wo die beiden jetzt sind?" "Was kümmert's mich. Na ja, das Mädchen ist vermutlich in der Iglesia de San Sebastián, dort tummeln sich viele Töchter aus angesehener Familie." "Wo befindet sich diese Kirche?" "Das ist schwer zu beschreiben für jemand, der sich in Sevilla wenig auskennt." Ich schwieg, dann meinte ich "Wie gesagt, Herr Hofnarr, ich besorge Ihnen eine neue Feder für Ihren Hut - aber das beste wäre, wenn Sie mitkommen und sich selbst eine aussuchen würden, finden Sie nicht auch?" "Ja ja, und ich dir dann ganz nebenbei zeige, wo der heilige Sebastian haust ..." "Oh, tausend Dank!", nahm ich ihn schnell beim Wort, "Lassen Sie uns am besten gleich in die Stadt fahren. Natürlich bezahle ich den Kutscher." "Ah, wie großzügig. Du kannst ja richtig nett sein, wenn du was haben willst."

Bei der Iglesia de San Sebastián kamen wir an einer unfreundlichen Ordensschwester nicht vorbei, die uns darauf hinwies, daß die Kirche zur Zeit nicht zugänglich sei; auf die Frage nach einer Senorita Francisca de Alderete schüttelte sie bloß den Kopf. Ich war regelrecht niedergeschlagen. Der Zwerg verlangte seinen Lohn. Er wusste einen Laden, wo es prächtige Pfauenfedern gab, wir fuhren hin und er suchte sich eine aus, er fragte, ob er die alte in Zahlung geben könne, das war mir so peinlich, daß ich dem Händler sagte "Er macht einen Scherz, das ist sein Beruf."

Als wir einen Platz voller Menschen überquerten, verloren wir uns aus den Augen. Dann dachte ich 'Damit dieser Tag nicht vollends vergeudet ist, werde ich dem Grab des berühmten Kolumbus einen Besuch abstatten'. Ich fand fast allein den Weg zur Kathedrale (sie war ja auch groß genug), doch im Innern musste ich lange nach Kolumbus' letzter Ruhestätte suchen, der Steinsarg befand sich in einer der Seitenkapellen, er war ganz schlicht, nur an der Längsseite war eine Darstellung mit dem Schiff, auf dem er auf seinen Entdeckungsreisen unterwegs war. Drei, vier weitere Personen standen da und betrachteten die steinerne Truhe mit Kolumbus' Überreste.

Da flüsterte mir ein älterer Mann mit langem weißen Bart zu "Eigentlich ist das hier nicht die richtige Stelle für ihn." Ich sagte "Sie meinen, er gehört auf einen Friedhof?" "Am ehesten in eine Synagoge, aber in der Synagoge werden Tote nicht geduldet, also, na ja, dann eben auf einen Friedhof." Ich sagte "Auf einen jüdischen?" "Ja. Aber wir haben hier in der ganzen Stadt, wenn's hochkommt, vielleicht noch drei davon, und deren Orte werden so geheimgehalten, daß kaum jemand davon weiß. Stellen Sie sich vor, Senorita, man würde den berühmten Cristóbal Colón dort bestatten - aus wär's mit der Heimlichtuerei."

"Woher wissen Sie denn so genau, daß er ein Jude war?" "Je nun, wenn sich einer mit drei wurmstichigen Schiffen und zwei Dutzend Leuten aufmacht, um eine neue Welt zu entdecken, wird der etwa einer von den Wiedertäufern sein?" "Es gibt auch andere, die sich da hin aufgemacht haben, Francisco Pizarro zum Beispiel." "Ja, aber der kommt aus der Estremadura." "Und Kolumbus?" "Der nicht. Er ist nicht mal Spanier. Er ist mit Pizarro auch nicht zu vergleichen. Wissen Sie, Senorita, Kolumbus war nicht nur der erste, der das neue Land entdeckt hat, sondern wahrscheinlich auch der einzige, dem es nicht darum ging, dieses Land und seine Bewohner auszuplündern und mit fetter Beute heimzukehren. Kolumbus ist vielmehr mit Moses zu vergleichen, der sein Volk aus Ägypten geführt hat - Sie kennen die Geschichte? ..." "Ja, natürlich(!)"

"Und was für Moses die Wasser des Roten Meeres waren, das war für Kolumbus der Ozean, der war sogar mehrere Nummern größer. Er wollte sein Volk, wie seinerzeit Moses, ins Gelobte Land führen - Gelobtes Land, Sie wissen, was das ist, nicht wahr?" "Freilich." "Sein Pech war, daß sein Volk nichts von ihm wusste. Denn wenn er als der neue Moses aufgetreten wäre, dann hätte der König Ferdinand ihm wohl kaum seine Unternehmung finanziert, wo man doch die Juden gerade unter die Fuchtel der ... na ja, ich will mich nicht weiter dazu äußern."

Ich fragte ihn "Sind Sie Francisco Pizarro schon mal begegnet?" "Ja, zuletzt erst vorige Woche." "Wie bitte? Wo?" "Hier in Sevilla." "Er ist hier?", fragte ich erstaunt. "Haben Sie das nicht mitgekriegt? Woher kommen Sie?" Ich sagte "Aus Deutschland." "Ach so, na dann ist es kein Wunder ..." "Was macht er hier?" "Er ist schon länger zurück aus Amerika, er hat eine Indianer Prinzessin mitgebracht, sie heißt Anatixama, dann haben Sie die wahrscheinlich auch noch nicht gesehen." "Nein." "Na ja, da sind Sie nicht die einzige. Sie hat eine Zofe bei sich ..." "Die Indianerfrauen haben auch Zofen?" "Ihrer Stellung nach sind sie unsern Zofen vergleichbar, aber sie heißen natürlich anders. Jedenfalls hat hier alle Welt diese Zofe bestaunt und die meisten haben sie für Anatixama gehalten, aber die Prinzessin hält sich in Wahrheit an einem unbekannten Ort auf, manche sagen, sie wäre hier in einem Kloster oder in einer unserer Kirchen untergebracht."

Ich fragte "Dann ist ihr Titel Prinzessin auch nicht ganz wörtlich zu nehmen?" "Sie ist die Tochter eines Inka Königs ... Sie wissen doch, wer die Inka sind?" "Ja, klar", sagte ich und diesmal nicht ganz zu Unrecht, denn ich konnte mich an das erinnern, was Sanchez mir seinerzeit über das Inka Reich und seinen sagenhaften Reichtum erzählt hatte.

"Ist sie wegen Pizarro mit hergekommen?" "Das weiß man nicht genau. Auf jeden Fall war sie schwanger, als sie hier ankam." "Von ihm?" Der bärtige Alte sagte "Es ist kaum anzunehmen, daß Pizarro eine Frau mitgebracht hat, die von einem andern Mann geschwängert wurde." "Ja, stimmt, das sähe ihm nicht ähnlich", sagte ich, als würde ich Pizarro kennen. Dann fragte ich "Hat sie denn inzwischen entbunden?" "Du liebe Güte, Senorita, bin ich ihre Hebamme? So genau weiß ich natürlich auch nicht, wie die Dinge im Moment stehen."

Das war ein sehr aufschlussreiches Gespräch, wie ich fand. Auf dem Weg zu Don Diegos Haus hatte ich einen seltsamen Einfall, ich fragte mich, ob die Ordensschwester in der Iglesia de San Sebastián uns vielleicht deshalb nicht hereingelassen hatte, weil diese Inka Prinzessin dort untergebracht ist! Aber dann dachte ich, daß sie kaum in einer Kirche habe entbinden können. Es sei denn, es gab ein Hospital, das dazugehörte. Vielleicht war die Kirche nicht zugänglich, weil man dort gewisse rituelle Gegenstände aufgestellt hatte, welche Anatixama zu diesem Zweck mitgebracht hatte, vielleicht sogar Götterstatuen, die sonst niemals hier einen Platz gefunden hätten.

In Don Diegos Haus traf ich auf eine junge Dame im schwarzen Kleid mit einem breiten dunkelroten Streifen am Rocksaum, unter dem die blütenweiße Spitzen des Unterrocks hervorragte, sie trug ebensolche rote Schuhe und einen schwarzen Schleier über dem blonden Haar. Ihre Augenbrauen und Wimpern waren tiefschwarz und ihre Lippen blutrot geschminkt. Ich erkannte sie erst auf den zweiten Blick, ich rief "Francisca!" Sie hob nur sachte die Hand zum Gruß und wollte weitergehen. "Francisca, warte, ich muss mit dir reden." Sie blieb stehen, ich schaute sie an, sie war schöner als jemals zuvor, sie wirkte wie die Göttin der Jungfräulichkeit. "Was ist?"

"Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, was los ist?" "Ich konnte nicht." "Aber warum? Ich bin heute den ganzen Tag völlig aufgelöst herumgelaufen." "Das tut mir leid." "Das ist alles, was du zu sagen hast?" "Schrei' mich nicht so an." "Verzeihung." Sie sagte "Du würdest es ohnehin nicht verstehen, also nimm' es hin und frage nicht weiter." Das konnte ich aber nicht, "Wo ist Alonso?" "In der Stadt, er darf uns nicht sehen." "Ist alles in Ordnung?" "Was meinst du?" "Geht es ihm gut?" "Ja, es geht ihm hervorragend, er bereitet sich auf das große Fest vor."

Ich sagte "Ich war heute bei der Iglesia de San Sebastián", und ich bemerkte, wie sich Franciscas Nasenflügel bewegten. "Weshalb?" "Ich hoffte, dich dort zu finden." "Warum schleichst du mir nach. Das hat keinen Sinn, Eleonore, und es ist nicht rechtens." "Es ist nicht rechtens, bloß weil ich dich sehen und sprechen will?" "Du gehörst da nicht hin", sagte sie mit strenger Sanftmut. "Ach ja? Wo gehöre ich denn deiner Meinung nach hin?" "Meine Meinung spielt keine Rolle, ich spreche im Namen derer, die mich zu sich geholt haben, damit ich für meine Sünden zu büßen vermag. Ich kann es dir jetzt nicht erklären, bitte, bedränge mich nicht." Und sie schaute mich aus ihren wunderschönen Augen an, daß ich für einen Moment glaubte, in ihrem Blick zu schweben. Dann ging wie weg, sie drehte sich nochmal halb um und sagte "Lauf' mir nicht nach."

Ich wollte mich damit nicht abfinden. Ich fuhr am nächsten Tag in die Stadt, ich lauerte ihr bei der Kirche auf, bis sie heraus kam, zusammen mit ein paar anderen Mädchen - alle in dieser Abgrund tief traurigen und doch so unglaublich belebend wirkenden Kleidung, um die ich sie, ich gestehe es, jetzt beneidete. Als sie allein die Straße überquerte, ging ich zu ihr. Ich fasste ihre Hand, sie entzog sie mir, sie sagte "Ich habe dich gleich gesehen." "Francisca! Sag' mir was ich tun soll?"

Sie blieb stehen und sah mich verwundert an, "Wie kommst du darauf, daß ich über deine eigenen Entscheidungen bestimmen könnte?" "Ich will nur deinen Rat hören! Ich spüre, daß sich etwas von mir abgewendet hat, es geschah über Nacht, ich habe den Halt verloren, jetzt weiß ich nicht, wohin ich mich wenden soll."

Ich hatte das mit einem beinahe bestürzten Ausdruck gesagt, vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich wollte wirklich, daß sie mir sagt, wie es für mich weitergehen sollte. Ich war wieder in meine Starre aus früheren Tagen zurückgefallen, als ich unfähig war, mit eigener Kraft in den Lauf der Dinge einzugreifen. Sie sagte "Eleonore, ich kann dir nicht helfen! Nicht jetzt. Ich muss mich auf das große Ereignis einstimmen, das ist alles, was jetzt zählt. Wenn ich dabei einen Fehler mache, kann es mich teuer zu stehen kommen. Du musst mich loslassen!" Ich sagte so gefühllos wie ich konnte "Dann geh!", und sie tat es, sie entschwand meinen Blicken ohne sich noch einmal umzuwenden, und so konnte sie auch nicht die Tränen in meinen Augen sehen.

Ich schlich mich in die Bibliothek. Der Zwerg stand vor einem der wandhohen Bücherregale, die Tatsache, daß er sich nicht in der Ecke versteckt hielt, deutete ich als ein Zeichen dafür, daß er mit mir gerechnet hatte. "Lauter Bücher!", sagte er und ließ seinen Blick darüber schweifen, "Nichts als Bücher, tausende und abertausende Seiten mit Wörtern und Sätzen. Und täglich werden es mehr. Wohin soll das bloß führen? Kein Mensch kommt da hinterher." Ich sagte "Man muss ja nicht alle lesen." "Nein, man muss nicht alle lesen, aber wer sagt dir, daß du die richtigen liest?"

"Kannst du denn lesen?" "Was soll die Frage!", empörte er sich. "Na, ich dachte nur, daß es womöglich nicht zu den Hauptaufgaben eines Hofnarren gehört." "Und du?", fragte er zurück. "Ja, ich kann's, ich hab's mir selber beigebracht." Er keckerte, "Da wird ja jedesmal ein schöner Unsinn dabei herauskommen." "Häh?" Er sagte "Ich kannte mal einen Mauren, der hieß Ibn Hazim al Andalusi, den Namen hatte er von einem früheren Dichter übernommen, den er sehr verehrte. Dieser Ibn Hazim, von dem ich spreche, konnte weder lesen noch schreiben ..." "Auch nicht rechnen?", fragte ich. "Was?" "Ich kann auch rechnen, ich kenne das Rechenbuch von Adam Riese fast auswendig." "Soll das vielleicht eine Anspielung sein?" "Nein, ich mein' ja nur."

"Aber was der konnte wie kein zweiter, das war: Geschichten zu erzählen, Geschichten über Könige und Krieger, über Prinzen und Prinzessinen, über Bettler und Räuber, über Seefahrer und Abenteurer, über ..." "Ich kenne auch ein paar Geschichten", unterbrach ich seine Aufzählung. "Ach ja? Die handeln wohl alle von Fleiß und Hörigkeit, dafür seid ihr Deutschen ja bekannt." "Nein, eher im Gegenteil. Sie handeln von einem Burschen namens Till Eulenspiegel, wenn du willst, gebe ich dir das Buch mal zum Lesen, ich hab's nämlich dabei." "Ja, von mir aus", sagte er nicht besonders angetan.

Nach einer Weile fragte er "Kannst du mir auch welche davon erzählen? Ich frage nur, weil meine Augen nämlich so schlecht geworden sind ... das Lesen schmerzt sie, deshalb darf ich's nicht mehr oft machen." "Ja, klar doch", sagte ich und war irgendwie froh, daß mir jemand zuhören würde, nachdem sich Francisca ja geradezu geweigert hatte und Alonso ganz und gar untergetaucht war.

Ich erzählte ihm die Geschichte, wie Eulenspiegel ein kleiner Junge war und alle Leute ärgerte und sie sich bei seinem Vater über sein schändliches Betragen beschwerten. Und wie er zu seinem Vater sagte "Lass' uns zusammen auf dem Pferd durch die Straßen reiten und du wirst sehen, daß sich die Leute ganz ohne Grund über mich aufregen." Und der Vater ging darauf ein, weil er ja auch nicht glauben mochte, daß sein Sohn so ein kleines Miststück war, wie die Leute behaupteten.

Erst saß er vorn vor seinem Vater auf dem Pferd, und die Leute riefen "Da schaut nur, dieser ungezogene Bengel, wie er uns beleidigt!" Dem Vater waren diese Rufe unerklärlich. Dann sagte Eulenspiegel zu ihm "Lass' mich hinten sitzen und du wirst sehen, daß die Leute ganz genauso über mich schimpfen." Und als er hinten saß, war's wirklich das Gleiche, und die Leute riefen ihm hinterher und drohten mit den Fäusten. "Nun siehst du", sagte er zum Vater, "daß ich ihnen überhaupt keinen Grund gebe, sich über mich zu beklagen und sie tun's aus reiner Willkür", und der Vater konnte ihm nicht widersprechen.

Was er aber nicht wusste, war der Umstand, daß Eulenspiegel, als er vorn saß, allen die Zunge 'rausgestreckt hatte und ganz widerliche Fratzen machte. Und als er hinten saß, hatte er die Hosen heruntergezogen und ihnen seinen blanken Arsch gezeigt, und beide Male hatte es der Vater nicht bemerkt.

Der Zwerg wollte sich ausschütten vor Lachen. Vor allem die Stelle mit dem nackten Arsch fand er ungeheuer reizvoll. Er wollte noch mehr hören. Ich erzählte ihm die Geschichte, wie Eulenspiegel sich als Messdiener bei einem Pfarrer in der Kirche verdingte. Als sie dabei waren, die Messe vorzubereiten, ließ der Pfarrer am Altar einen Furz fahren und Eulenspiegel meinte "Herr Pfarrer, so opfert Ihr wohl am Altar vor dem Herrn, um Weihrauch zu sparen?" Der Pfarrer sagte "Was geht es dich an! Dies ist meine Kirche und wenn ich will, kann ich hier mitten hinein scheißen."

Und Eulenspiegel drauf "Da wette ich dagegen, daß ihr's nicht tut!" Der Pfarrer ließ sich nicht lumpen und sie wetteten um ein Fass Bier. Er hob sein Gewand, hockte sich hin und setzte einen großen Haufen in die Kirche. "Nun her mit dem Fass Bier", sagte er, aber Eulenspiegel erwiderte "Lasst uns erst sehen, ob der Haufen auch in der Mitte liegt, wie Ihr's versprochen habt." Und er maß es genau nach und siehe, da lag er eine Handbreit daneben, und so gewann Eulenspiegel doch das Fass.

"Ein wahrer Hundsfott, dieser Eulenspiegel", lachte der Zwerg vor Begeisterung, "ich hätte nie geglaubt, daß ihr in Deutschland solche Spötter vor dem Herrn habt." Er wollte noch mehr hören, doch ich vertröstete ihn auf ein andermal. Abends im Bett in meiner Kammer musste ich heulen. Ich hatte dem Zwerg eine Freude gemacht, aber eigentlich hatte ich mich bei ihm blicken lassen, damit er mein neues Kleid bestaunt.

Als mich Francisca vor der Iglesia de San Sebastián stehengelassen hatte, war ich zu dem zugegeben mutwilligen Entschluss gekommen, mir ein ebensolches schwarzes Kleid (und auch einen passenden Schleier) zu kaufen, wie sie es anhatte. Ich lief über zwei Stunden von einem Laden zum andern, bis ich neben einem Sargtischler einen Händler für Trauerkleidung fand, wo so ein wunderschönes Gewand ausgestellt war. Dieser Händler war übrigens eine Senora, die es verstand, mich zu beschwatzen, aber am Ende nahm ich nicht das teuerste, sondern das, welches mir am besten gefiel.

Was wollte ich eigentlich damit bezwecken? Ich wusste es nicht genau. Und wenn jemand da gewesen wäre, der es mir erklären wollte, hätte ich ihm nicht geglaubt. Ich wollte auch von dem Zwerg nichts anderes hören als nur ein Wort der Anerkennung, ach was, ein Erstaunen hätte mir genügt! Ich fühlte mich darin irgendwie in der vollkommen gegenteiligen Situation wie draußen im Landhaus, als ich mich das erste Mal vor Alonso auszog. Aber jetzt hätte ich mich niemals getraut, in diesem Aufzug zu ihm zu gehen. Auch nicht zu Francisca, die mich sofort der schnöden Nachahmung bezichtigt hätte. Vielleicht auch nicht, denn ihre Gesinnung war in der Tat immer edel. Ich hätte mich selbst viel zu sehr geschämt - und fand dennoch letzten Endes keinen echten Grund, mich zu schämen.

Der Zwerg hatte mein anderes Äußeres offenbar nicht einmal wahrgenommen, und das ließ mich hernach heulen. Natürlich traf ihn keine Schuld, er hatte ja mit all' dem überhaupt nichts zu tun. Und doch! Da es ihm nicht aufgefallen war oder er es womöglich so ganz selbstverständlich aufnahm, als wäre da keine Veränderung zu bemerken, gab mir seine ungewollte Gleichgültigkeit einen tiefen, gefühlten Stich ins Herz. War ich wirklich nicht in der Lage, es Francisca gleichzutun?

Nur im Laden hatte ich mich im Spiegel beschaut. Als ich aus der Bibliothek in meine Kammer kam, zog ich es aus und legte es fein säuberlich auf das unbenutzte Bett. Im Schlaf träumte ich von Francisca, wie sie, Arm in Arm mit einer ihrer Gefährtinnen, an mir vorbei geht, als ich vor der Iglesia de San Sebastián stehe und sie mich mit verächtlicher Miene anzischt: "Bist du etwa eifersüchtig auf mich?"

Ach, das war ich ja nur selbst, die das zu mir sagte! Ich forderte den Zwerg auf, mir alles mitzuteilen, was er von der Semana Santa wusste; es kostete mich drei weitere Eulenspiegel Geschichten. Insbesondere über die Prozession der Bruderschaften, von der die Kleiderhändlerin gesprochen hatte, wollte ich mehr erfahren; sie hatte sogar eine der Uniformen da, welche die Männer dieser Vereinigungen trugen: ein bis zu den Füßen reichendes langes, weißes Gewand mit Ärmeln und einem Überwurf aus kräftigem Violett, der Schultern, Vorder- und Rückseite bedeckte und weit hinabreichte.

Außerdem hatten sie - und das war gewissermaßen ihr unverkennbares Wahrzeichen - eine fast meterlange kegelförmige und daher spitz zulaufende Kopfbedeckung, die mit einem Riemen unterm Kinn befestigt wurde und vorm Gesicht eine Stoffmaske hatte, in welcher drei kleine Löcher für Augen und Mund ausgeschnitten waren. Ob ich sie mal aufsetzen könnte, hatte ich gefragt, und die Senora zögerte, sie vergewisserte sich erst, daß uns von draußen keiner sehen konnte, dann erlaubte sie es, und als ich mich darin im Spiegel ansah, wurde mir himmelangst, so gruselig sah es aus.

Das erzählte ich dem Zwerg, der daraufhin meinte "Dann weißt du doch schon alles, was soll ich dir noch sagen!" Aber ich quetschte ihn aus, und er schilderte mir den Ablauf der Prozession mit den riesigen Sänften, auf denen die Skulpturen der Muttergottes und Jesus Christus' des Erlösers durch die Straßen getragen werden, und wie sich die Menge zu beiden Seiten in Demut und Verehrung davor verneigt.

"Was für Leute sind das, die diesen Bruderschaften angehören?", fragte ich ihn, "Sind es Mönche?" "Nein, es sind ganz gewöhnliche Männer, Bürger der Stadt Sevilla." "Warum verkleiden sie sich so? Wollen sie nicht erkannt werden?" "Ja, das ist wohl ein Grund. Vielleicht wollen sie vermeiden, daß sie von ihren Angehörigen erkannt werden, dann winken die ihnen womöglich zu und lenken ihre Aufmerksamkeit von den eigentlichen Hauptpersonen ab." "Du meinst von Maria und Jesus?" "Ja. Das würde der Ernsthaftigkeit der Sache nur abträglich sein." "Aber die Frauen dieser Männer wissen doch, daß sie zur Bruderschaft gehören." "Aber nicht, wer wer ist, in ihren Kostümen sehen sie alles gleich aus." "Hm, stimmt", gab ich ihm recht.

Er sagte "Es ist auch eine Art Geheimbund. Das sieht man daran, daß sie trotz des langen Gewandes mit dem Überwurf und der spitzen Mütze so unterschiedliche Farben tragen. Dadurch gehören sie einer ganz bestimmten Gemeinschaft an, grenzen sich aber zugleich von den andern ab. Ich habe keine Ahnung, wie das entstanden ist. Sie haben alle denselben Glauben ..." "Also den katholischen", fügte ich an.

"In seiner inbrünstigsten und schmerzvollsten Art, könnte man sagen, heiß wie die Glut unter Asche und Staub, wer die Hand darauf legt, spürt ihre Wärme, aber wer tiefer einzudringen wagt, den verbrennt sie. Im übrigen sind sie so humorlos wie ein Wächter der Unterwelt, denn hier hört aller Spaß auf und es herrscht die Unausweichlichkeit des Leidens. Sie huldigen Christus und seiner Mutter und sie verneinen sich dabei bis zur Unkenntlichkeit." "Verneigen?" "Verneinen! Unter dem Gewand und der Maske lösen sie ihr Selbst auf, sie werden alle gleich, alles Brüder vor dem Herrn, alles Diener der Jungfrau Maria und ihres eingeborenen Sohnes", sagte der Zwerg, und die Pfauenfeder über seinem Kopf bog sich vor Ergebenheit.

"Kann es sein, daß Don Diegos Sohn auch einer solchen Bruderschaft angehört?" "Du meinst Alonso?" "Na, hat er noch einen?", entgegnete ich grob, allein sein Name machte mich jetzt fast rasend. "Das ist gut möglich. Warum willst du das wissen?" Ich antwortete nicht darauf, stattdessen sagte ich "Ach, da ist noch was. Gibt es bei der Iglesia de San Sebastián so eine Art Hospital?" "Da fragst du mich zuviel. Warum?" "Damit Frauen dort entbinden können." Da schaute er mich halb erschrocken, halb belustigt an, "Bist du schwanger?" "Unsinn! Und hör' auf zu grinsen!" "Ich kenne eine gute Hebamme, die ..." "Halt' die Klappe!"

Tags darauf bat ich ihn um einen Gefallen: ob er bereit wäre, mich zu begleiten, wenn ich mir die feierliche Prozession anschauen wollte? Er druckste herum, murmelte etwas von Menschenmenge, in der ein Zwerg schnell unter die Räder kommen könnte, und ich sagte allen Ernstes, ich würde ihn auf die Schultern nehmen, wenn das Gedränge zu groß sei. Da wurde er zornig, nannte mich eine "ungezogene Schickse", und ich musste einsehen, daß mein Vorschlag ganz unpraktikabel war.

Abends, als ich auf meinem Bett lag, klopfte es und das Küchenmädchen, das sich seinerzeit das Federkissen "ausgeborgt" hatte, schaute herein, "Darf ich eintreten?", fragte sie in ehrerbietigem Ton. "Freilich. Was gibt's denn?" "Ich wollte dir nur was zu essen bringen, weil du heute zum Mittag nicht da warst." (Ich war auch vorher schon einige Male weggeblieben.) "Das ist nett von dir." "Es ist mit Hühnchenfleisch und Reis und Paprika, ich hoffe, es ist dein Geschmack." "Oh ja, das sieht lecker aus."

Dann stellte ich fest "Jetzt kennen wir uns schon so lange und ich weiß noch nicht mal deinen Namen!" "Pepita." "Das ist ein hübscher Name." "Ja, danke - Eleonore!" Sie hatte den Teller auf den Tisch gestellt und das Besteck daneben gelegt, dann rief sie mit einem Seitenblick auf das andere Bett "Oh, was für ein entzückendes Kleid!", und da wusste ich, daß sie vorher hier gestöbert hatte. Ich machte mich über das Essen her, ich merkte erst jetzt, wie hungrig ich war. Pepita fragte "Kann ich mir's mal anhalten?" "Bitte", sagte ich mit vollem Mund. Sie war groß und schlank, fast mager, aber sie hatte ein Paar niedliche Brüste und war auch sonst nicht hässlich anzuschauen. Doch das Kleid war ihr erstens zu weit und zweitens zu kurz.

"Hast du dir das für die Semana Santa gekauft?" "Ja." Sie legte es wieder ordentlich hin, zupfte hier und da daran herum und seufzte schließlich "Du hast's gut! Wie gern würde ich auch hingehen." "Warum kannst du nicht?" Sie streifte mit beiden Handrücken an sich herab, "Mit dem Aufzug! Ich würde unsern Herrn Jesus damit beschämen." Ich war fertig mit essen, Pepita sagte "Willst du Nachschlag? Ich hol' dir noch was." "Nein danke, ich bin satt."

Da sagte sie plötzlich "Ach, ich fühl' mich so allein!" "Was meinst du?" "Drüben in meiner Kammer." Ich verstand wohl, was sie damit sagen wollte, aber ich hatte ehrlichgesagt wenig Verlangen, sie einzuladen hier zu schlafen, ich schwieg, und sie war schlau genug, hinzuzufügen "Deshalb hab' ich mit jemandem getauscht, die ist auch lieber für sich allein, und ich schlaf' jetzt bei Gabriela, weißt du, die Kleine mit den grünen Augen ..." "Ja, ich glaub' ich weiß, wen du meinst."

Ihre Blicke gingen ständig zum Kleid auf dem Bett, es war schon richtig peinlich, da fragte ich "Du würdest auch gern so ein Kleid haben?" "Oh ja!", rief sie sehnsüchtig und erklärte "Ich habe auch schon was dafür gespart, aber es reicht nicht." Ich überlegte einen Moment, dann sagte ich "Wenn du willst, würde ich dir was borgen, aber ich hätte eine Bedingung." "Ja, sag' schon! Was soll ich tun?" "Mit mir gemeinsam zur Prozession gehen."

Sie stutzte, dann rief sie "Aber das ist es ja, was ich dich gerade fragen wollte!" Ich sagte "Ich kenne mich in Sevilla nicht so gut aus und ich weiß auch nicht genau, wo die entlangziehen, und bevor ich ..." "Oh, da mach' dir mal keine Sorgen, ich kenne Sevilla so gut wie meine Beichtgeheimnisse, mit mir verläufst du dich garantiert nicht." Ich fragte "Wieviel brauchst du?", und sie sagte es mir. Ich gab ihr das Geld, und am nächsten Abend kam sie zu mir und zeigte mir stolz ihr neues Kleid, es stand ihr wirklich hervorragend.

Man konnte überall die Vorbereitungen auf die große Prozession spüren, die ganze Stadt war wie von einem Fieber erfasst, das ihre Sinne und ihre Leidenschaften überempfindlich machte auf dieses eine Ereignis, jenen Schönen Tod des Heilands und Erlösers, den man durch die Prozession "nacherleben und miterleben" wollte, wie der Zwerg es ausgedrückt hatte, und bei der man Christus zugleich aus dem irdischen und menschlichen Verderben rettete, indem man ihm den Weg in den Himmel frei machte und ihn da hin geleitete.

Ich hatte auch mit Pepita (während der "Kleiderprobe") darüber gesprochen, aber sie wollte, wie sie selbst sagte, "gar nicht so hoch hinaus". "Ich will nur dabeisein, das ist mir Erfüllung genug. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich mitansehen müsste, wie alle andern hingehen und ich nicht, bloß weil ich nichts anzuziehen habe. Mir steht doch schließlich das gleiche Recht zu wie jeder andern auch. Gibst du mir bitte mal die Strümpfe! Außerdem ist es eine Genugtuung zu sehen, wie die Männer dabei so merkwürdig dreinblicken." "Wie denn merkwürdig?", wollte ich wissen.

"Na ja, so ganz anders als sonst, als wären sie alle Knechte von Jesus und Beschützer der heiligen Jungfrau. Ich sag' mal so, Eleonore, im richtigen Leben sind die Männer doch oft ganz schöne Schweinskerle, meinst du nicht?" "???" "Die meisten, die ich kenne, sind's jedenfalls. Egal, was sie dir sagen oder wie sie tun, sie wollen letztlich doch nur, daß du die Beine vor ihnen breit machst und sie ihren ... oh, ich will dir nicht zu nahetreten, ich rede bloß von mir!" "Ach, pfff ...", winkte ich scheinbar gleichgültig ab.

"Und jetzt, wenn du sie anschaust, dann sind ihre Blicke völlig verwandelt, alle Lüsternheit ist verschwunden und da ist nur noch dieser ... dieser unglaublich heldenhafte Ausdruck in ihren Augen, sie sehen alle aus wie der Erzengel mit dem Flammenschwert - und Gott sei Dank müssen sie endlich mal die Klappe halten, was das Ganze noch genussvoller macht." Ich musste lachen, ich dachte, nun war sie doch unwillkürlich "hoch hinaus" gegangen, aber später sollte ich sehen, wie genau es Pepita getroffen hatte.

Am Morgen der Prozession erklangen andauernd die Glocken, es schien, daß sich jede Kirche ihre bestimmte Zeit dafür vorbestellt hatte. Bei den Küchenmädchen in Don Diegos Haus gab es kein Frühstück, alles war leer und still, auch Don Diegos Haus selbst war wie ausgestorben. Ich hatte seit drei Tagen vergeblich Ausschau nach Francisca gehalten, ich hatte sogar Massa Sojanka angebettelt, er möge mir sagen, wo Don Diegos Kinder sind, aber er wusste es nicht, und ich sah, daß er die Wahrheit sprach. Dann waren die Türen alle abgeschlossen, auch die zur Bibliothek, keine Ahnung, wo der Zwerg war.

Pepita hatte aber doch zwei Butterbrote für uns geschmiert und dazu Malzkaffee gekocht, wir verzehrten beides, nachdem wir uns angekleidet hatten (der Kaffee war darüber kalt geworden), waren dann aber so aufgekratzt, daß wir nur einmal abbissen und einen Schluck tranken. Sie hatte (mit meinem Geld) einen von Don Diegos Kutschern überredet, uns in die Stadt zu fahren, er machte das an diesem Tag mehrmals für alle möglichen Leute und unsere Fuhre war vollbesetzt. Er sagte, er könne uns nur bis zur Plaza Santa Ana bringen, ab da wäre der Verkehr für Fahrzeuge gesperrt. "Das reicht uns", sagte Pepita, und mit einem Blick zu mir, fügte sie hinzu "Von dort aus kenne ich den Weg!"

Als wir aufsteigen wollten, zerrte mich jemand am Rock, ich schaute herab und fragte erstaunt "Was ist denn? Willst du doch mitkommen?" "Würdest du mich an die Hand nehmen, wenn das Gedränge zu groß wird?" "Ja, klar." Ich nahm den Zwerg auf den Schoß. Der Kutscher drehte sich um, an seiner Miene konnte ich sehen, daß er Fahrgeld verlangte, Pepita rief "Der zählt nicht! Fahr' endlich los", und er fügte sich; die Straußenfeder kitzelte mich die ganze Zeit im Gesicht.

Auf der Plaza Santa Ana fing der Zwerg auf einmal an, mit Pepita zu streiten, er wüsste einen besseren Weg durch die Gassen. "Wir wollen aber nicht zum Bordell!", schnitt sie ihm das Wort ab und zog mich mit fort. Er wackelte uns hinterher und grummelte dabei, nach drei Häuserecken hatten wir ihn verloren. Ich hielt an, "Wir wollen auf ihn warten." "Warum? Na, von mir aus." Als er bei uns war, fauchte er sie an "Treib's nicht zu weit!" "Was denn! Willst du mir vielleicht auf den Kopf spucken?"

Ein paar Straßen weiter sagte Pepita "Hier müssen wir mal kurz 'rein" und verschwand im Hauseingang, wir folgten ihr in einen Hinterhof. Dort waren allerhand Leute versammelt, alles Frauen und Kinder, einzig ein alter Mann saß auf einem Stuhl. Sie waren damit beschäftigt, sich herauszuputzen, es musste noch hier und da etwas zurechtgestutzt werden. Den jüngeren Mädchen wurden die Haare gekämmt und zu Zöpfen geflochten, die älteren puderten sich das Gesicht, die Knaben kämpften mit dem Kragenknopf. An der Seite war ein einfacher Holztisch, auf dem ein Laib Weißbrot, Käse und Oliven lagen, dazu eine Flasche Wein, aber niemand nahm etwas davon.

Pepita wurde freudig begrüßt, ich glaube, sie hatte Verwandte unter denen. Man empfing auch mich und den Zwerg in fröhlicher Stimmung. Dieser Frohsinn erschien umso merkwürdiger, als sie alle wie in Trauerkleidung waren, ausgenommen die kleinen Jungen und Mädchen, die aussahen, als würden sie zur Hochzeit gehen, um dort Blumen zu streuen. Pepita sprach mit zwei, drei Erwachsenen und verabredete sich mit ihnen. Ich deutete zu dem Tisch hin und fragte den Zwerg "Wofür ist das?" "Für Jesus Christus, zur Stärkung auf seinem schweren Gang." Da ließ sich plötzlich ein Vogelpärchen im braun-weißen Federkleid darauf nieder und pickte an dem Brotlaib herum.

"Sie sagen, wir sollen zur Calle San Esteban gehen", erklärte uns Pepita, "von dort geht die Bruderschaft aus El Horno zur Prozession." "Was ist El Horno?", fragte ich, und der Zwerg meinte "Ein Stadtviertel, dort gibt es die älteste Bäckerei der Stadt"; Pepita ergänzte "Manche sagen, die Bruderschaft aus El Horno wäre mit die schönste - meine Kusine sagt, die darfst du dir nicht entgehen lassen." "Welche ist deine Kusine?" "Die da", zeigte sie mit dem Finger, und die andere winkte mir zu. "Jetzt lasst uns gehen", drängte der Zwerg, dem das Frauengewimmel unbehaglich war.

Als wir aus einer Gasse auf die Straße einbogen, kam uns ein Zug von Menschen entgegen, vorneweg eine Formation von Trommlern und Fanfarenbläsern in schwarz-roten Uniformen, gefolgt von einem Reiter auf einem schneeweißen Pferd, und dahinter konnte man eine riesige goldene Sänfte mit einem Baldachin auf vier schlanken, gedrehten Säulen erkennen, auf der, von zahllosen langen Kerzen umgeben, eine Statue der Muttergottes thronte.

Pepita sagte etwas, aber gerade in diesem Moment setzten die Trommler und Bläser ein, und es wurde so laut, daß man nichts mehr verstehen konnte. Sie gab uns ein Zeichen, daß wir mit dem Zug mitlaufen sollen, obwohl das, wie mir schien, nicht unsere eingeschlagene Richtung war, aber man hätte sich unmöglich diesen Leute entgegenstellen können; das waren schon viele, doch es sollten noch viel mehr werden.

Wir liefen ein Stück mit, und ich ließ mich so weit zurückfallen, bis ich bei der Sänfte war, die von je einem Dutzend Männer auf beiden Seiten getragen wurde. Sie hatten lange graublaue Kutten an und die Kapuzen über den Kopf und tief ins Gesicht gezogen. Die Trageschiene lag schwer auf ihrer Schulter, mit der andern Hand stützten sie die Last zusätzlich ab. Ich staunte, daß sie überhaupt Sicht nach vorn hatten, sie gingen so exakt im Gleichschritt, daß die Sänfte kein bisschen schwankte.

Sie war am Sockel rundherum mit Ornamenten verziert, und an den Ecken waren nackte Engelchen mit goldenen Flügeln. Die weißen Kerzen ragten lang wie Zaunspfähle empor, und deshalb sah es so aus, als würden sie die Muttergottes nach außen schützen, nur vorn und hinten war alles offen, denn vorn lag zu ihren Füßen ein großes Blumenkissen mit Blüten in allen Farben, und später sah ich, daß diese Blumen aus einer Art Wachspapier gemacht waren und daher so schön bunt glänzten.

Die ganze Figur reichte fast bis an den Baldachin, der aus Samt war und ringsum rote Fransen hatte. Die Muttergottes trug einen goldenen Umhang, der nur Gesicht und Hände frei ließ und auf der Rückseite in eine lange Schleppe auslief, die mit Perlen kunstvoll bestickt war. All' dieser Prunk war aber nur die Umrahmung für das wundervolle Antlitz der Frau, das ihrer schmerzvollen Trauer um den Tod ihres Sohnes Ausdruck verlieh und sich zugleich dem Betrachter in Dankbarkeit und Vergebung zeigte. Man konnte bei diesem Anblick gar nicht anders, als sie zu bemitleiden und sie trösten zu wollen, und ich fasste tatsächlich unwillkürlich an meine Wangen, als ich glaubte, die Tränen, die aus ihren Augen rannen, wären meine eigenen.

Da war Pepita neben mir und gab mir zu verstehen, daß wir bei der nächsten Gasse, die zur Seite abging, einen Umweg machen werden, um an der Calle Florencia auf die Hauptprozession zu stoßen. Die Calle Florencia war also unser nächstes Ziel. "Wo ist der Zwerg?", fragte ich. "Er ist schon vorgelaufen."

Als wir durch die Gasse eilten, konnte man von der andern Seite eine Blaskapelle spielen hören, sie hatte einen eigentümlichen, blechernen Klang und die Musik geriet irgendwie ständig ins Stocken, als fiele es den Musikern unendlich schwer, dabei vorwärts zu schreiten, und ich dachte 'Vielleicht ist das auch so, weil sie sich hin zur Kreuzigung bewegen'. Aber als wir nahe dran waren, hatten sich meine Sinne damit angefreundet und es war, als würden sich die langezogenen, wie von den Schwingen eines majestätischen Vogels getragenen Melodien auf meinen Atem legen und die Zeit zum Stillstand bringen wollen; alles sollte ein versöhnliches Ende nehmen!

"Da sind die Männer aus El Horno!", rief Pepita, und es kam eine Gruppe in Sicht, die jene langen Gewänder der Bruderschaft trugen und die spitzen Hüte aufhatten, von denen ich bei der Kleiderhändlerin einen mal kurz hatte aufsetzen dürfen. Diese hier waren in kräftigem Orange, ihre Gewänder hatten grasgrüne Streifen an den Seiten, und der Überwurf war von Türkis mit einem breiten, schwarzen Saum.

Ich konnte leicht nachvollziehen, warum die Brüder aus El Horno Pepitas Kusine so sehr gefielen, selbst unter ihren Hüllen konnte man die stattlichen Mannsgestalten erahnen, sie waren groß, mit breiten Schultern, mit festem Schritt, sie schwenkten lange, weiße Kerzen wie Lichtschwerter durch die Luft, und wenn einen am Rand der Blick aus den Augenlöchern ihrer Masken streifte, glaubte man, von ihrem Bannstrahl versengt zu werden.

Wir versuchten, sie ein Stück zu begleiten, aber die Menge an den Seiten war schon so dicht, daß man sich durchdrängeln musste. Und dann hatte Pepita noch eine Idee, und wir liefen durch ein paar Gassen (die auch schon voller Menschen waren) und kamen in der Nähe der Plaza de Puerta Cerrada wieder auf die Hauptprozession. Pepita glaubte, die Männer aus El Horno noch einmal bestaunen zu können, aber die waren schon vorbei, und jetzt kamen andere, die auf mich keinen geringeren Eindruck machten.

Zufälligerweise stand ein älterer Mann neben mir, der kannte sich mit den Bruderschaften bestens aus, er sagte "Das sind die aus San Pablo, man erkennt sie an den schwarzen Spitzhüten. Da hinten kommt die Bruderschaft aus La Campana, sie haben ein goldenes Glöckchen am Gewand." Plötzlich öffnete sich eine Lücke im Zug und aus der Gasse auf der gegenüberliegenden Seite kam eine weitere Gruppe derartig Vermummter und fügte sich in die Prozession ein. Der Mann neben mir sagte "Ah, das ist die Bruderschaft der Virgen del Rocio, eine der angesehensten von ganz Sevilla."

Mir war früher schon aufgefallen, wie viele Darstellungen der heiligen Jungfrau es gab, die jede für sich einen eigenen Beinamen trug, der irgendwie etwas mit der Natur zu tun hatte, da war die Jungfrau vom reinen Wasser, vom ersten Schnee, vom Morgentau (wie diese hier), vom "sich lichtenden Nebel", es gab eine Jungfrau vom Berge, vom Wald, von der späten Blüte, ja sogar eine Jungfrau als Beschützerin des Einhorns, von dem es hieß, es habe Zuflucht bei ihr gesucht, als es von wilden Jägern gehetzt wurde.

Manche von ihnen waren hier auf den Sänften zu sehen, die Hauptrolle spielte aber die Muttergottes in ihrer ursprünglichen Gestalt - und natürlich Jesus Christus, der in all' den Stationen seines Leidensweges, die uns überliefert sind, auftrat: als Gegeißelter, der (wie Dona Teresas "Schmerzensmann") die Schläge seiner Peiniger ertragen musste; als Verspotteter unter der Last des Kreuzes, als man ihn zwang, es selbst zum Hinrichtungsort zu schleppen; als Toter, wie er, von seinen Qualen erlöst, auf ein Lager aus Blumenblüten hingebettet war, umgeben von einer Handvoll Frauen im Nonnenkleid, die ihm bis zuletzt gefolgt waren; endlich als der Auferstandene, der den heiligen Geist, welchen er von seinem Vater, also von Gott höchstpersönlich, empfangen hatte, über die Menschen ausgießt.

Ich hatte die ganze Zeit immer mal umhergeschaut, ob ich womöglich Francisca irgendwo in der Menge erspähen würde - doch leider vergeblich. Ich hätte so gern wenigstens nur einen kurzen Blick mit ihr ausgetauscht, das hätte mich für ihre schroffe Art in den Tagen vor dem Fest entschädigt. (Ich suchte immer noch die "Schuldige" von uns beiden.) Pepita war auf einmal verschwunden. Da hörte ich den Zwerg quäken: "Hau' ab, du räudige Töle!"

Er trat mit dem Fuß nach einem kleinen Hund mit geschecktem Fell und krummen Ohren, der sich an uns herangemacht hatte. Ich musste lachen und dachte schon, er wollte den Zwerg anpinkeln, aber dann bemerkte ich, daß er mich ansah, als würde er mich kennen. Und als ich mich hinabbeugte und sagte "Was willst du?", da machte er kehrt und humpelte zwischen den Beinen der Leute davon - ihm fehlte der linke Hinterlauf. Er blieb stehen, als er sah, daß ich ihm nicht folgte.

Der Zwerg drohte "Wenn er uns nochmal belästigt, geb' ich ihm einen Tritt in seinen Hintern!", und ich erwiderte "Hör' mal, hier ist eben der Messias vorbeigezogen, wie kannst du so unbarmherzig sein!" "Mit solchen Kötern habe ich nur schlechte Erfahrungen gemacht." Ich hatte das Gefühl, als wollte er mich weglocken, aber er war natürlich schneller durch die Beine der andern geschlüpft, als ich hinterherkam. "Wo willst du hin, du treulose Metze?", beunruhigte sich der Zwerg. "Ich glaube, er will mich irgendwohin führen." "So ein Unsinn! Willst du mich hier alleinlassen!" "Dann komm' mit!"

Er hoppelte zwei, drei Gassen vor uns her, wo es jetzt menschenleer war, weil alle längst bei der Prozession waren. Obwohl er nur drei Beine hatte, war er ziemlich flink, und der Zwerg rief mir keuchend nach "So warte gefälligst, du Natter!" Plötzlich hielt das Hündchen vor einem Hauseingang, von der Plaza de Puerta Cerrada tönte die Musik herüber. "Was ist hier?", fragte ich und es kläffte dreimal gegen die Tür. Ich ging hinein, der Zwerg rief "Nicht! Das ist zu gefährlich!"

Aber die Neugier trieb mich, und schon stieg ich die knarrende Treppe hinauf und dann stand ich in einer Kammer, und da war eine alte Frau, die zog mich herein und sagte "Wie gut, daß du kommst, meine Liebe! Ach, meine Augen sind krank, ich kann nicht mehr sehen! Sei doch so gut und führe unser holdes Töchterchen zur Prozession, nur für ein Stündchen, sie hat sich so drauf gefreut!" "Wen?", fragte ich, und der Zwerg hinter mir warnte mich "Tu' das nicht! Lass' uns sofort von hier weggehen!"

"Diese hier", sagte das Weib und deutete auf die Seite hinter der Tür, wo ein kleines Mädchen auf einer Holzbank saß. Sie war vielleicht acht oder neun, sie hatte seidenweiches, blondes Haar und ein engelsgleiches Gesicht, sie saß da im langen Unterhemd und hielt ein weißes Kleid auf den Knien. Sie sagte "Wären Sie so freundlich, mir in mein Kleid zu helfen?" Ich ging zu ihr, ich bemerkte ihren scheuen Blick auf den Zwerg, ich sagte zu ihm "Warte draußen", und er trollte sich. In dem Kleid sah sie unbeschreiblich schön aus. "Oh, wir danken dir tausendmal!", stammelte die Alte, und ich wusste nicht genau, wen sie meinte.

Die Kleine fragte mich, wie ich heiße und ich sagte es ihr. "Und du?" "Serafina." "Meine Güte! Du siehst nicht nur aus wie ein Engel, du heißt auch so." "Ja, danke", lächelte sie. Dann nahm sie meine Hand und führte mich ins Nebenzimmer, und ich sah in einem Bett eine Frau liegen, bei deren Anblick mich ein eiskalter Schauer überlief, sie war ganz sicher nur wenige Augenblicke vom Tode entfernt. Serafina trat an an sie heran und sagte "Mama! Schau' nur, ich habe mich zurechtgemacht! Ich werde unsern Herrn Jesus Christus begrüßen und ihn darum bitten. Das hier ist Eleonore, sie wird mich begleiten." Ich werde niemals in meinem Leben den Blick und die fast unmerkliche Handbewegung vergessen, mit dem mir die Mutter ihren Dank bezeigte.

"Was soll das werden?", fragte der Zwerg, der draußen gewartet hatte. "Wir nehmen sie mit zur Prozession, sie will Jesus sehen, wir bringen sie nachher zurück." "Hast du völlig den Verstand verloren", rief er, "du weißt wohl nicht, was in diesem Haus los ist!" "Jetzt geh' voran!" Als wir bei der Prozession waren, wurde gerade die Gestalt Jesu vorbeigetragen, es war, wie ich später erfuhr, die Szene mit dem ungläubigen Thomas.

Serafina reckte sich, sie konnte schwerlich über die andern hinwegschauen. Der Zwerg drückte mir seinen Hut in die Hand und sagte "Setz' mir die Kleine auf die Schultern." Ich zögerte. "Nun mach' schon, ehe er vorbei ist." Ich tat es, er hielt sie an den Beinen fest und sie sich an seinen Flatterohren, aber ihr Rocksaum hing ihm vor den Augen, "Na, ich will auch noch was sehen!", presste er hervor, und ich stopfte das Kleid hinter seinen Kopf.

Da blieben die Träger mit dem Jesus stehen, und von einem Balkon auf der anderen Seite ertönte der Gesang eines jungen Mannes im weißen Hemd, mit lockenlangen, tiefschwarzen Haaren und einer Stimme voller Jammer und Herzeleid und doch auch voller Unbeugsamkeit und Willenskraft, er dehnte die A's und E's über die Maßen aus und es klang so entschlossen, als wollte er sich selbst anstelle des Heilands opfern.

Ich schaute auf Serafina, die wie in großer Glückseligkeit versunken nur Jesus' Antlitz anstarrte, ich sah, wie sich ihre Lippen bewegten, und dann sah ich etwas, von dem ich nicht sagen konnte, ob es wirklich geschah oder nur eine Täuschung in diesem aufs Äußerste angespannten Moment war: Christus wandte ihr sein Gesicht zu und mit einem unendlich sanften Augenaufschlag gab er Serafina ein Zeichen, das sie mit einem Lächeln empfing. Der Sänger brach seinen Vortrag vor Anstrengung ab und streckte die Hände zum Himmel, die Menge applaudierte ihm und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Wir kehrten spät in der Nacht heim. Als ich am nächsten Morgen aufstand, schlief Serafina noch in dem andern Bett, ich hatte ihr mein Federkissen gegeben. Ich betrachtete sie eine Weile und dachte über alles nach, kam aber zu keinem vernünftigen Ergebnis. Als wir sie gestern in das Haus zurückbringen wollten, war dort die Tür verrammelt und verriegelt. Ich pochte dagegen, aber der Zwerg sagte "Hör' auf, das hat keinen Sinn, begreifst du denn immer noch nicht, daß in diesem Haus der Tod gewütet hat. Hier dieses Zeichen an der Tür warnt jeden bei Strafe, es zu betreten."

Ich sah wirklich erst jetzt das Zeichen, ich schaute Serafina an, die keine Miene verzog, der Zwerg flüsterte mir hinter vorgehaltener Hand zu: "Darauf habe ich dich vorhin schon hingewiesen. Es ist gut möglich, daß dieses Kind auch von der Krankheit befallen ist." Ich fragte Serafina "Wer war die alte Frau?" "Eine Nachbarin." Der Zwerg sagte "Sie sollte wahrscheinlich alle Bewohner außer ... alle noch nicht darnieder liegenden Bewohner 'rausschaffen." "War das so?" "Ja. Meine Mama und ich waren die letzten. Wegen der Prozession durften wir aber nicht auf die Straße."

Ich stellte ihr die absolut blöde Frage: "Wie fühlst du dich?" Der Zwerg musste unwillkürlich losprusten, "Spielst du jetzt den Doktor Heilmichschnell!" "Ich wollte nur ..." "Es geht mir gut." "Das kann sich ganz plötzlich ändern." Ich sagte (was auch nicht viel besser war) "Wenn sie ansteckend ist, warum hast du sie dann vorhin angefasst und auf die Schultern genommen?" "Du bist wirklich manchmal gemeiner als Disteln", entgegnete er grob. Serafina sagte "Er hat es doch mir zuliebe getan. Haben Sie nicht gesehen, wie ich meine Mama unserm lieben Herrn Jesus Christus überreicht habe?" Da blieben mir die Worte weg; der Zwerg nahm den Hut vom Kopf und wischte sich zwei Tränen aus den Augen. Dann setzte er ihn wieder auf und sagte "Und wie nun weiter?"

Und so haben wir Serafina mitgenommen in Don Diegos Haus und in meine Kammer gebracht, und der Zwerg hat mich beschworen, zu niemandem etwas über die näheren Umstände verlauten zu lassen. Aber Pepita hatte es mitgekriegt. Als wir beide aufgestanden waren, klopfte sie an, steckte neugierig den Kopf herein und fragte, ob wir Frühstück haben möchten. Ehrlichgesagt war ich wie ausgehungert und erwiderte "Ja, gern. Und würdest du für Serafina auch etwas machen?" "Na freilich." Sie kam wieder mit einem ganzen Tablett voll. Und hinter ihr erschien der Zwerg, der mir seltsame Zeichen machte. Dann saßen wir, Serafina und ich auf dem einen, Pepita und der Zwerg auf dem andern Bett und mummelten unser Frühstück.

Pepitas Blicke konnten sich kaum von dem Mädchen losreißen, aber sie traute sich nicht zu fragen, was ihr auf der Zunge brannte. Serafina wollte wissen, wer der Mann war, der Jesus den Finger in die Wunde gelegt hat, und Pepita rief "Wo?" Ich sagte "Gestern bei der Prozession war so eine Figurengruppe mit dieser Szene." Der Zwerg sagte "Das war der ungläubige Thomas." "Was war mit ihm?" "Er war eigentlich ein Jünger Jesu, aber er war, aus unerfindlichem Grund, bei seiner Auferstehung nicht anwesend. Und als ihm die andern Jüngern davon berichteten, wollte er ihnen nicht glauben. Da trat Jesus erneut unter sie und gab sich zu erkennen, und Thomas befühlte seine Wunde, die ihm der römische Söldner zugefügt hatte, als er am Kreuz hing, und da sah er, daß es tatsächlich Jesus Christus war, der aus dem Grab auferstanden war."

"Aber er wollte ihm doch nicht wehtun, oder?", fragte Serafina. "Nein." Pepita sagte "Hat er denn da noch geblutet? Ich meine, war seine Verletzung noch richtig im lebenden Fleisch drin?" Ich sagte "Oh Pepita, musst du das jetzt so ausweiden?" "Ich weide es doch nicht aus. Ich will bloß wissen, wie er sich dabei gefühlt hat." "Ich finde, man sollte es eher symbolisch verstehen." "Wie denn symbolisch?"

Ich verhedderte mich in meinen Worten und plötzlich sagte Pepita "Irgendwie ist mir, als hätte ich dich schon mal gesehen, kommst du aus Torre de Oro?" "Nein", sagte Serafina. "Los Arcos!" Sie schüttelte den Kopf. "Jetzt hab' ich's: in Casa Lucia haben wir uns mal auf dem Straßenfest gesehen!" "Ich war nicht in Casa Lucia." Ich sagte "Sie ist zu Besuch hier." "Ach so? Und woher kennt ihr euch?" "Sei nicht so neugierig", sagte der Zwerg und sie warf ihm einen beleidigten Blick zu. "So, na ja, ich muss gehen!" Sie nahm das Tablett, ich sagte "Danke Pepita." "Keine Ursache." In der Tür drehte sie sich nochmal um, "Bevor ich's vergesse: braucht ihr jetzt das Federkissen wieder?" "Nein." "Gut. Hasta luego."

Der Zwerg und ich fragten Serafina darüber aus, ob es denn irgendjemand in der Stadt oder der Umgebung gäbe, den sie näher kennt oder der vielleicht sogar mit ihr verwandt wäre. Sie schüttelte immer bloß den Kopf. Ich wollte aber auch nicht weiter über ihre tote Mutter sprechen, es schien mir, daß sie unsagbar glücklich darüber war, sie Jesus übergeben zu haben und sie gewissermaßen in guten Händen zu wissen.

Das sagte ich dem Zwerg und der meinte "Womöglich denkt ihre Mutter jetzt das gleiche." "Was soll das heißen?" "Wo soll sie denn hin? Sie muss ja bei dir bleiben." "Aber ich habe ... bin ich etwa Jesus? Nein. Dann muss sie eben ins Waisenhaus." "Hm hm", machte der Zwerg, "ich kenne eins in der Nähe vom Hafen, das hat einen guten Ruf. Du kannst gleich morgen hingehen und sie dort abgeben." Ich war mir nicht ganz sicher, wie ernst er das meinte.

"Ich will in kein Waisenhaus", sagte Serafina, als ich es ihr vorschlug. "Da siehst du's", rief der Zwerg spöttisch, "ich würde da auch nicht hin wollen." "Ach ja! Gestern war's noch 'von gutem Ruf'!" "Ja, aber sie nehmen keine Zwerge auf. Außerdem möchte ich dich daran erinnern, daß du es warst, die dieser Töle hinterher gelaufen ist." Damit hatte er recht. "Ich kann doch hierbleiben", sagte Serafina, "das Bett ist sowieso frei." "Das stellst du dir so einfach vor! Wer soll für dich sorgen?" "Das könnt ihr tun - wenn ihr das für nötig haltet." Der Zwerg lachte, "Jedenfalls ist sie nicht von dummen Eltern - oh, ich wollte dich nicht verletzen." "Ist schon gut", winkte sie ab, "du hattest es bestimmt auch nicht immer leicht."

Ich überlegte hin und her. Nachts lag ich lange wach. Ich stand auf, zündete ein Licht an und betrachtete die schlafende Serafina, sie atmete ganz ruhig. Morgens erzählte sie mir, sie habe im Traum mit ihrer Mutter gesprochen, es gehe ihr gut und "Sie dankt dir nochmal für alles." "Hast du sie auch gefragt, wo ich mit dir hin soll?" "Nein. Soll ich denn?" Ich schwieg, dann sagte ich "Mir wird schon was einfallen." Sie fragte "Wenn wir weggehen, kommt der Zwerg dann mit?" "Willst du das?" "Ja. Ich finde ihn nett." Ich wollte entgegnen, daß er ganz schön grantig sein kann, aber ich verkniff es mir.

Unter vier Augen sagte ich zu ihm "Ich habe beschlossen, mit Serafina in den Ort zu gehen, wo mein Bekannter Sanchez ein Haus hat. Dort wohnt eine gute Senora und eine Freundin von mir, die Serafina bei sich aufnehmen können." "Und was ist mit dir?" Ich zuckte mit den Schultern, "Vielleicht bleibe ich auch dort." "In Ordnung. Dann wünsche ich euch viel Glück." Er nahm den Hut ab und sagte "Beug' dich mal zu mir herab!", und er gab mir ein Küsschen auf die Stirn, das sich ziemlich glitschig anfühlte.

Ich sagte "Ich war noch nicht fertig. Serafina hat gefragt, ob du vielleicht mitkommst?" "Oh!", sagte er und setzte sehr umständlich den Hut wieder auf, "Tja, im Grunde müsste ich mich schleunigst zum König begeben und meine Wiedereinstellung fordern, das Vergehen, welches mir zur Last gelegt wurde, ist gerade gestern verjährt, so daß ich gute Aussichten habe, wieder als Hofnarr Seiner Majestät meinen Dienst versehen zu können." "Ja dann", sagte ich, "das wollen wir natürlich nicht verhindern." "Andererseits, es könnte nicht schaden, dem König eine Abfuhr zu erteilen und ihn eine Weile in seinem eigenen Trübsinn hängenzulassen, nach allem, was er mir angetan hat." "Stimmt auch wieder." "Also, ich denke, ich begleite euch zunächst mal an diesen Ort, ich meine, ein bisschen Luftveränderung würde mir sowieso guttun."

So kam es, daß ich bei Don Diego (genauergesagt bei Massa Sojonka) meine Anstellung als Kindermädchen aufkündigte. Ich schrieb einen Brief für Francisca und als ich fertig war, zerriss ich ihn in tausend Fetzen und warf sie in den Abort. Dann schrieb ich einen neuen, den steckte ich in der Bibliothek zwischen die beiden Bände eines Werkes über Fortifikation (man musste dazu auf die Leiter steigen) und schrieb eine kurze Nachricht, wo der Brief zu finden sei, die ich ebenfalls versiegelte und Massa Sojonka bat, sie Don Diegos Tochter persönlich zu übergeben, er versprach es. Ich hätte es einfacher machen können, aber ich wollte, daß sich Francisca damit auseinandersetzt!

* * * * *

Keine zwei Wochen später befand ich mich auf einem Schiff mit Namen "Krone von Kastilien" auf der Überfahrt nach der Neuen Welt. Unser Ziel war die spanische Niederlassung Santo Domingo auf der Insel Hispaniola, jener Landstrich in Amerika, den Kolumbus zuerst betreten hatte. Endlich fand ich Zeit, über die zurückliegenden Geschehnisse nachzudenken und meine Gedanken zu ordnen. Daher will ich das Wichtigste hier nachtragen.

Als wir (Serafina, der Zwerg und ich) in Sanchez' Haus ankamen, fand ich zu meiner großen Überraschung Sanchez selbst anwesend. Er, Aurelia und meine Freundin Baukis saßen in der Wohnstube am Tisch und staunten nicht wenig, mich wiederzusehen. Baukis fiel mir gleich um den Hals, sie sagte, Schwester Beatriz habe so oft nach mir gefragt, und warum ich nicht wenigstens mal geschrieben hätte! Ich erfand eine Ausrede, aber es war mir sehr peinlich. Ich stellte den andern Serafina und den Zwerg vor, und die beiden gaben ihnen reihum die Hand.

Sanchez hatte sich nur wenig verändert. Ich fragte ihn sogleich nach Thomas, und da vernahm ich die nächste Überraschung. Thomas hatte in Sevilla versucht, auf ein Schiff nach Amerika zu kommen, er war wohl auch beim Indienrat gewesen, hatte dort aber kein Glück gehabt. Er trieb sich, so sagte Sanchez, am Hafen in üblen Spelunken herum und wurde in eine Schlägerei verwickelt, bei der er von einem Messerstreich im Gesicht verletzt und überdies danach verhaftet und ins Gefängnis geworfen wurde.

"Um Himmels willen", rief ich vor Entsetzen, "warum haben Sie mir nicht Bescheid gegeben?" "Ich wollte dich nicht beunruhigen", sagte Sanchez, "du hättest ihm auch nicht helfen können, glaub' mir." "Haben Sie mit ihm gesprochen?" "Ja, einmal, im Gefängnis." "Hat er nach mir gefragt?" "Ja." "Ach, Sanchez! Sie hätten mich ..." "Du hast dich selber nicht gemeldet, als du bei Don Diego warst." Ich schwieg und konnte nicht widersprechen. Er sagte "Ich habe die festgesetzte Kaution für seine Freilassung hinterlegt." "Dann ist er frei?" "Ja." "Wo ist er jetzt?" "Tut mir leid, Sterntaler, er ist nicht mehr hier." "Wie bitte?" "Er ist sofort geflohen und hat sich versteckt und dann hat er offenbar ein Schiff gefunden, auf dem er anheuern konnte. Er hat mir eine Nachricht zukommen lassen, in der er verspricht, mir das Geld wiederzugeben, sobald er dazu in der Lage ist."

Ich musste das erstmal verkraften. Baukis schenkte mir einen Becher Wein ein, den ich fast in einem Zug austrank. Dann war ich auf einmal so geschafft und hundemüde, daß ich beinahe vom Stuhl kippte. Aurelia sagte "Schätzchen! Leg' dich hin und ruh' dich aus, wir reden morgen weiter", und Sanchez nickte und meinte "Wir können jetzt sowieso nichts dran ändern." Oh, diese Nacht war wirklich eine Wohltat für mich, sogar die schlimmen Träume, die ich beim Einschlafen befürchtet hatte, blieben aus.

Als ich erwachte, war es schon später Vormittag. Ich hörte Baukis und Serafina draußen im Garten, zwischendurch grummelte der Zwerg missmutiges Zeug, aber es schien ihm in ihrer Gesellschaft zu gefallen. Aurelia empfing mich in der Küche, ich fragte, ob ich ihr helfen solle, "Setz' dich erstmal hin." Dann kam Sanchez, "Wie geht es dir heute, Sterntaler?" "Besser." "Das ist gut. Ich muss dir nämlich noch was berichten." Aurelia gab mir roten Tee aus Hagebuttenschalen, gesüßt mit dem Zucker, den ich in Sevilla auf dem Markt besorgt und mitgebracht hatte. "Na dann schießen Sie mal los", sagte ich und machte mich schon auf die nächste berauschende Botschaft gefasst, aber es war viel komplizierter.

Zuerst redete Sanchez wie um den heißen Brei herum. "Du weißt doch noch, daß José López Talavan dir die Stelle bei Don Diego de Alderete verschafft hat." Bei der Erwähnung von Jóse Talavan kamen augenblicklich alle alten, heimlichen Gefühle wieder in mir hoch, die mich seit unserer ersten Begegnung in ihren Bann gezogen hatten. "Oh ja! Wie geht es ihm? Ist er in Sevilla?" "Sag' ich dir gleich." Das fand ich ein bisschen unhöflich, "Sie machen es aber spannend, Sanchez, worum geht es eigentlich?"

"Hast du mit Don Diego gesprochen?" "Worüber?" "Ich meine überhaupt." "Nur ganz kurz ... ach da fällt mir ein, Massa Sojonka, also dieser Neger, der ..." "Ich weiß, wen du meinst." "Der hatte gesagt, ich wäre von einem gewissen Senor Vincente empfohlen worden, wer mag das sein und woher kennt der mich denn?" Sanchez sagte "Das ist ein Mann, der uns manchmal einen Gefallen tut." "Wem uns?" "Und du hast sonst nichts in Don Diegos Haus mitgekriegt?" "Was soll ich denn da mitgekriegt haben?", fragte ich und dachte schon, er wollte auf Francisca und Alonso anspielen.

Und um davon abzulenken, sagte ich "Oh, da waren mal zwei so Männer bei Don Diego, die haben sich mit ihm unterhalten." "Was für Männer?" "Du liebe Zeit, Sanchez, woher soll ich das wissen! Ich bin nur ganz zufällig bei Don Diegos Arbeitszimmer vorbeigekommen, als sie ... ah, jetzt bin ich im Bilde! Soll ich Ihnen vielleicht sagen, worüber die geredet haben?" "Ja, das wäre sehr hilfreich." "Wofür?" Er kratzte sich am Hinterkopf. "Tja, Leonora ..." "Los 'raus mit der Sprache, worum geht es?" "Sag' mir erst, was du gehört hast."

Das tat ich, für mich hatte es keinen Zusammenhang ergeben, trotzdem hatte ich es mir gemerkt, und jetzt, als Sanchez mich danach fragte, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen! Da war der Name Anatixama gefallen, das war ja die Inka Prinzessin, welche Pizarro mit hierher gebracht hatte und die (wie jener Mann in der Kathedrale wusste) ein Kind erwartete.

Ich fragte "Was hat denn Don Diego damit zu tun?" Sanchez sagte "Diese Anatixama wurde entführt, sie und ihr Kind." "Was? Aus Pizarros Haus?" "Nein, sie war in einem Hospital." "Etwa bei der Iglesia de San Sebastián?" "Woher weißt du das?" "Ha! Nur so, zufällig. Aber Sie glauben doch nicht, daß man sie in Don Diegos Haus geschafft hat?" "Nein. Man hat sie zurück nach Amerika geschickt." "Und Pizarro?" "Der hat vor Wut einem königlichen Sekretär ein Auge ausgestochen - obwohl der keine Schuld daran hatte; Pizarro glaubte, er würde ihn auch noch hinters Licht führen wollen."

Ich fragte "Und was hat man damit bezweckt?" "Es gibt dort drüben einen Inka König mit Namen Tehoguapa, er ist Herrscher über ein Volk von an die zwanzigtausend Seelen, schätzt man. Man sagt, er soll unvorstellbare Reichtümer besitzen und vielleicht sogar den Zugang zum Eldorado haben." "Zu dem Goldland, nach dem alle suchen?" "Ja. Pizarro ist mit seiner Mannschaft bis zu ihm vorgedrungen, er hat sich entschieden, mit Tehoguapa zu verhandeln, als er sah, daß dessen Krieger in der Übermacht sind. Pizarro ist als Abgesandter Seiner Kaiserlichen Majestät, König Karls, aufgetreten, der er ja in gewisser Hinsicht auch ist, aber Pizarro gab sich gleich als Vizekönig aus. Er hat Tehoguapa einen Vertrag unterbreitet: der Inka König solle ihm eine seiner Töchter zur Frau geben. Das Kind, das sie von ihm empfängt, soll von unserm Kaiser als sein eigener Sprössling anerkannt und als Pfand für die unverbrüchliche Freundschaft zwischen den beiden Herrschern verehrt werden."

"Schön und gut", sagte ich, "aber warum sollte König Karl die Prinzessin dann nicht selber ..." "Schwängern? Weißt du, was der Papst mit ihm machen würde, wenn er einen solchen Akt vollzieht? König Karl - Gott möge ihn beschützen - ist ein wackerer Mann, aber es gibt bei uns genug Leute, die den Habsburger zum Teufel wünschen." "Lassen Sie mich raten: diese Leute wollen verhindern, daß die Abmachung zwischen Pizarro und Tehoguapa gilt?" "So ist es." "Und Sie glauben, daß es dieselben Männer sind, die bei Don Diego waren?" "Don Diego ist bekanntlich königlicher Sekretär, über ihn erhält man Zugang zu Seiner Majestät selbst ..." "Und so könnte man Pizarro zuvorkommen." "Ja. Aber ob sie auch in den Besitz des Vertrages gelangt sind, wissen wir nicht."

"Sie reden dauernd von wir und uns, gehört José Talavan auch dazu?" "Ja. Ich soll dich übrigens von ihm grüßen." "Ist das wahr?" "Ja, natürlich. Er hat dich in guter Erinnerung behalten." (Das klang, als wären wir uns seinerzeit viel nähergekommen, als es der Fall gewesen war.)

"Wo ist er jetzt?" "In Santo Domingo, der Hauptstadt von Neu Spanien. Er ist Francisco Pizarro auf der Spur, und der wiederum versucht die Spanier abzufangen, welche mit seiner Frau und seinem Kind auf dem Weg zu Tehoguapa sind." "Wie haben die Entführer überhaupt von Pizarros Plan erfahren?" "Es gibt immer einen Spitzel, der für den arbeitet, welcher ihm am meisten bezahlt, selbst in Pizarros Mannschaft, der meint, er habe die treuesten Leute."

"Und warum haben die Entführer die Prinzessin und ihr Kind nicht einfach hier festgesetzt? Pizarro wäre doch nicht mit leeren Händen zu Tehoguapa zurückgekehrt." "Nein, das wäre er nicht. Aber es geht doch gar nicht um diese Frau mit ihrem Kind, es geht darum, den Inka König auf seine Seite zu ziehen, um ihn dadurch, zumindest indirekt, abhängig zu machen. Womöglich hat Pizarro ihm, natürlich immer im Namen des Königs selbst, Besitzanteile an dessen Reich versprochen, und nun glaubt er, durch die Verbindung über seine Tochter wäre er an der Spanischen Krone beteiligt."

"So etwas würde dieser Inka Herrscher für bare Münze nehmen?" "Warum nicht. Überleg' doch mal, was wir von ihm wissen. Im Grunde nichts weiter, als daß er irgendwo da im Urwald einen riesigen Goldschatz versteckt hält, und darum geht es! Das ist der wahre Grund, weshalb Pizarro diese Vereinbarung getroffen hat, und es ist der einzige Grund, weshalb die Entführer nun das gleiche vorhaben wie er. Sie wollen alle nur das Gold."

"Und José Talavan? Will er auch nur das Gold?", fragte ich, und Sanchez sagte "Ich verrate dir etwas, das du sicher noch nicht weißt. José Talavan ist ein Ritter des Santiago Ordens, das ist ein Geheimer Orden Ihrer Majestät, Königin Isabella, und in ihrem Auftrag ist er unterwegs." "Wahnsinn!", entfuhr es mir, und José Talavan wuchs in meiner Bewunderung nochmal um einige Ellen über sich selbst hinaus. Oh wie gern hätte ich jetzt seine Hand geküsst und seinen Blick eingefangen, mit dem er mich damals bei uns zu Hause bedacht hatte, als ich ihm zum erstenmal gegenübertrat.

Nach Sanchez' Ausführungen - und vor allem nach den besten Grüßen, die er mir von José Talavan übermittelte, überkam mich eine große Sehnsucht, ihn wiederzusehen. Ich war auf einmal so gefesselt von dem Gedanken, ihm meine Liebe auf jenen ersten Blick zu gestehen, und sei es auch nur um zu erfahren, ob er überhaupt etwas davon bemerkt oder ob ich mich einfach bloß töricht und kindisch benommen hatte und er mich das aus Anstand und Höflichkeit nicht merken ließ.

Auch beunruhigte mich sehr, was mir Sanchez über Thomas berichtete und ich bekam wirklich ein schlechtes Gewissen, als mir bewusst wurde, was Thomas hatte durchmachen müssen, während ich nicht einmal, oder wenigstens nur ganz flüchtig, an ihn gedacht hatte. Ich zweifelte sogar für einen Moment an Sanchez' Aussage, daß sich Thomas nach mir erkundigt habe, als Sanchez ihn im Gefängnis besuchte; denn wenn er das nicht getan hatte, dann war ich schlimmstenfalls für ihn verloren, er hätte mich abgeschrieben und er hätte alle meine Beteuerungen, daß ich fest an seiner Seite bliebe, was auch geschehen werde, Lügen gestraft.

Und verstärkt wurden diese Selbstvorwürfe erst recht noch, als Sanchez sagte, er werde in drei Tagen nach Santo Domingo aufbrechen, um sich mit José Talavan zu treffen und sich ihm bei der Verfolgung Pizarros anzuschließen. Ich presste die Lippen zusammen und machte eine zerknirschte Miene. Serafina, als sie mich so sah, fragte, was mit mir los sei, ich erwiderte "Ich stecke in großen Schwierigkeiten."

Und dann schüttete ich ihr, Baukis und dem Zwerg mein Herz aus und das erleichterte mich zwar, brachte mir aber nicht die erhoffte Lösung. Von José Talavan hatte ich dabei nur in Andeutungen gesprochen, war sogar auf die Geschichte von dem Löwenritter und von Laudine gekommen, um dem Ganzen eine heitere Note zu geben. Aber mir rollten dabei die Tränen über die Wangen, und Baukis erkannte scharfsinnig, daß ich mit José Talavan "noch lange nicht fertig" war, wie sie sich ausdrückte.

Der Zwerg war der gleichen Meinung, er sagte "Also für mich sieht das so aus: du musst die Sache mit diesem Senor Talavan ins Reine bringen, sonst hängst du dem ewig nach. Wahrscheinlich wird er dich auslachen, vielleicht auch nicht, er ist immerhin, soweit ich das herausgehört habe, ein Ehrenmann, aber dann weißt du wenigstens Bescheid und musst dich nicht länger damit herumquälen." Ich nickte. Serafina sagte "Und dann findest du Thomas und sagst ihm, warum du ihn in Sevilla nicht besucht hast und ..." "Das kann ich unmöglich tun", wandte ich ein. "Warum nicht?" "Weil ich ... mich in dieser Zeit gehenließ. Mir hat es in Don Diegos Haus so sehr gefallen, daß ich alles um mich her vergessen habe, selbst dich Baukis habe ich vergessen." "Ach, hast du nicht! Sonst wärst du jetzt nicht hier."

Ich fragte Sanchez, ob es denn so einfach möglich wäre, noch einen Platz auf dem Schiff zu bekommen, und er sagte, das Schiff unterliege nicht der Aufsicht des Indienrates, es wäre direkt der Kanzlei Ihrer Majestät, Königin Isabella, unterstellt, und er könne das eigenmächtig entscheiden. Ja, und ob ich denn Serafina und den Zwerg so einfach hierlassen dürfe, "Ich meine, nehmt ihr mir das auch nicht übel?" "Aaach!", winkte der Zwerg gönnerhaft ab und Serafina sagte "Wenn du versprichst, daß du wiederkommst!" "Ja, ich verspreche es. Und Aurelia, hast du was dagegen, wenn die beiden hier wohnen?" "Deine Freunde sind meine Freunde, Schätzchen! Und wie ich sehe, würde sich Baukis auch über ihre Gesellschaft freuen."

So kam es, daß ich auf der "Krone von Kastilien" mit nach Santo Domingo fuhr und mein Herz von großen Erwartungen erfüllt war. Ich begann während der Überfahrt ein Tagebuch zu führen über alles, was mir widerfahren und dabei in den Sinn gekommen war. Sanchez langweilte sich tödlich, er sagte, nichts sei so öde wie übers Meer zu segeln. Einmal begegneten wir einem andern Schiff, das vom Perlengolf kam, jener Bucht, von welcher der schwerbewaffnete Soldat seinerzeit erzählt hatte.

Wir drehten Bord an Bord bei und "vertäuten" uns mittels zweier sogenannter "Storchenbeine", das waren lange Stangen aus Eisen, die auf der Hälfte in zwei Ringen miteinander verbunden waren und dadurch noch eine gewisse Bewegungsfreiheit ermöglichten. Dann wurde eine Art Hängebrücke gespannt und man konnte von einem aufs andere Deck wechseln. Aber ich traute mich nicht - wenn ich ins Wasser fiele, würde ich ganz sicher ein gefundenes Fressen für irgendwelche Meeresungeheuer werden, vor denen ich schon bei Meister Hartmann in den Büchern gezittert hatte.

Sanchez traf einen alten Bekannten und sie unterhielten sich lange. Ich wollte wissen, ob es im Perlengolf tatsächlich richtige Perlen gebe. Er fragte Sanchez "Wer ist das?", und Sanchez sagte "Meine Kusine", worauf der andere dreckig lachte. Er beugte sich zu mir herüber (sein Atem war nicht eben das, was man als Wohlgeruch bezeichnen würde), dann holte er ein Lederbeutelchen aus seiner Tasche und ließ daraus ein Dutzend oder mehr Perlen auf seine hohle Hand kullern, so groß wie die Knallerbsen, die bei uns zu Hause am Strauch wachsen, eine prächtiger als die andere.

Er schaute mich eindringlich an und murmelte "Na, meine Süße? Was würdest du dafür aufs Spiel setzen?" Ich muss gestehen, der Anblick war überwältigend, aber der Mann dafür umso widerlicher. Sanchez sagte "Sie ist dafür nicht anfällig." Der andere lachte wieder aus vollem Hals, steckte den Beutel ein und holte aus der andern Tasche einen Edelstein von der Größe einer Walnuss hervor, der von leuchtendem Grün war und meine Augen aus seinem tiefsten Innern heraus mit einem geheimnisvollen Glanz betörte.

Hinterher fragte ich Sanchez, was das war. "Ein Smaragd." "Wo findet man die?" "In einem Gebiet, das man 'Amazonien' nennt, ein Urwald so groß, daß man ein halbes Leben brauchte, ihn zu durchqueren." "Sind Smaragde viel wert?" Er sagte "Was schätzt du, Sterntaler?", und noch ehe ich antworten konnte, fügte er hinzu "Ich habe von einem Smaragd gehört, den der Doge von Venedig für zwölftausend Dukaten gekauft hat." "Wie groß war der?" "So groß wie ein Hühnerei. Es heißt, der Doge habe sich eine besondere Vorrichtung bauen lassen, um diesen Stein des Nachts vom Licht anstrahlen zu lassen, und er habe darin ein zweites Universum erblickt."

An Bord machte ich Bekanntschaft mit einer jungen Frau, die aus Augsburg stammte. Sie hieß Gerda und war eine ziemlich "stramme" Person, pausbäckig, vollbusig, breithüftig und wahrlich kein Kind von Traurigkeit. Sie wollte nach dem Ort San Carlos an der venezolanischen Küste, um dort im Haushalt eines reichen Juden zu arbeiten. Sie hatte alles schwarz auf weiß, was ihr dort zugesichert wurde, sie hatte lediglich die Überfahrt aus eigener Tasche bezahlen müssen, wofür sie die Ersparnisse eines ganzen Jahres aufgewendet hatte.

Ich wurde ganz klein, als sie ihre Fähigkeiten aufzählte, sie konnte natürlich kochen und saubermachen, sie konnte Holz hacken und Kerzen drehen, sie wusste Bescheid im Umgang mit Vieh aller Art, sie konnte eine Gans rupfen und ein Ferkel schlachten, sie konnte nähen, stricken, häkeln, auch weben und die Flachsfasern gewinnen, desgleichen Gemüse und Obst anbauen, Fruchtweine herstellen und Ungeziefer ausmerzen. Sie kannte sich auch mit den gängigsten Krankheiten aus und wusste allerlei Mittel dagegen anzuwenden. Sie hatte sogar schon einmal ein Kind zur Welt gebracht - also wohlgemerkt ein fremdes.

Als sich auf dem Schiff die Flöhe und Läuse breitmachten, wuschen wir uns täglich im "Badehaus". Das war ein Bretterverschlag unter Deck direkt an Backbord, dort war ein Flaschenzug mit einem Kübel, um Meerwasser zu schöpfen, und an der Seite war ein verschließbares Loch, wo es wieder abfließen konnte. Wir sperrten uns da ein, legten unsere Kleidung oben auf ein Brett, und dann schrubbten wir uns gegenseitig ab und rieben uns ein Zeug in die Haare, von dem Gerda sagte, darin würde keine Laus auch nur eine Minute überleben können. Ich hatte ein bisschen Sorge, daß mir die Haare ausfallen, aber das geschah nicht, es roch bloß etwas streng.

Gerda war auch sehr fromm, und zwar streng katholisch, von dem Doktor Luther und seinem "Geschmiere" wollte sie nichts wissen, sie bekreuzigte sich vorsichtshalber, wenn sein Name fiel. Ich versuchte nicht weiter, mit ihr darüber zu debattieren, zumal ich selber ja auch nicht so recht von seinen Lehren überzeugt war. Gerda betete jeden Tag am Morgen und am Abend. Ich fragte, an wen sie ihr Gebet richtet, und sie erwiderte "zu gleichen Teilen" an die Jungfrau Maria und an Jesus Christus.

"Also nicht an Gott direkt?" "Nein. Das überlasse ich den Pastoren. Meiner Meinung nach hat uns Gott seinen Sohn und dessen Mutter auf die Erde geschickt, damit wir sie in unsere Gemeinschaft und in unsere Herzen aufnehmen und damit sie uns trotz unserer Unwissenheit und Sündhaftigkeit zu Gott hinführen." Ich sagte "Aber du weißt doch eine ganze Menge." "Ja, und ich kann dir auch versichern, daß ich keine Sünden begangen habe, mal abgesehen von ein paar kindlichen Streichen. Aber das kommt auch nur daher, daß ich jeden Tag die Muttergottes und Jesus darum bitte, sie mögen mir geben, was mir zusteht, im Geiste und am Leib, nicht mehr und nicht weniger." "Und was für ein Gebet verwendest du? Etwas aus der Bibel?" "Nein, ich bete mit meinen eigenen Worten, das fällt mir so ein, mal ist es länger, mal kürzer, wichtig ist nur, daß es aus mir selber kommt."

Ich dachte darüber nach. Manchmal stand ich auf Deck und schaute auf die See, besonders wenn die Sonne unterging, beschlich mich das Gefühl, als hätte ich es auch an diesem Tag versäumt, mich zu läutern. Ich wusste zwar nicht genau, was das tatsächlich bedeutet, aber es war mir seit meinem Gespräch mit Dona Teresa im Kloster in Gedanken haften geblieben.

Ich hatte als kleines Mädchen vor dem Einschlafen gebetet, ich fand es schön, die Hände zu falten, das war so etwas Reines, ohne jeden Hintergedanken. Aber deshalb war es auch eher wie ein Fingerspiel, ich setzte die Zeigefinger abwechselnd zuoberst, ich verdrehte manchmal komisch die Hände und verknotete die Finger, um neue "Gebetsformen" zu erfinden, und darüber vergaß ich ganz und gar, wozu es eigentlich gut sein sollte. Und als ich reifer wurde, hatten meine Hände viel öfter unter der Bettdecke zu schaffen. Ich sage das ausdrücklich, um einzugestehen, daß ich mir eine Frömmigkeit, wie sie sich gehört, nie ernsthaft angeeignet - sie allerdings auch nicht vermisst hatte.

Dona Teresa sprach von vier Arten des Betens, die genaugesagt vier Stufen waren. Sie verglich das Beten mit dem "Bewässern des Lustgartens", was mir zuerst ein bisschen schlüpfrig erschien, weil ich unwillkürlich an etwas anderes denken musste. Sie sagte, die erste Stufe wäre wie das Bewässern aus einem Brunnen mit Schöpfrad und so weiter, bei der zweiten würde man sich einer Rohrleitung bedienen, die extra dafür angelegt worden war, die dritte Stufe würde sich einen Bach zunutze machen, dessen Wasser einfach umgeleitet wird, und bei der vierten Stufe wartet man auf den Regen, der vom Himmel fällt und alles erquickt, das seiner bedarf.

Das war sozusagen eine Stufenfolge vom Künstlichen zum Natürlichen - so wollte es Dona Teresa verstanden wissen. Und im gleichen Sinne eine Unterscheidung von einem "willentlichen" bis hin zu einem "gleichgültigen Akt", wobei Gleichgültigkeit bei ihr soviel bedeutete wie "von allen inneren und äußeren Bedrängnissen losgelöst". "Wir können Gottes Gnade nicht erzwingen", sagte sie, "wir können sie uns nicht erkaufen und ihn auch nicht überlisten. Wir können ihn bloß darum bitten, und dazu bedarf es nichts weiter als Ergebenheit und Stillstand und die Bereitschaft zu warten."

Ich hatte sie gefragt, ob uns auch die Reue und Buße dazu verhelfe, die richtige Haltung gegenüber Gott einzunehmen, und sie sagte, dies sei von großem Nutzen, aber noch mehr würde es uns helfen, wenn wir uns selbst läutern, und ich stellte mir darunter etwas vor, bei dem man wirklich alle schlechten Dinge von sich selbst abstreift und ein neuer Mensch wird.

Aber wie sollte das eine bewerkstelligen, die keine Übung darin hatte und die, wie ich, in solchen Dingen auch nie unterwiesen wurde (als die Bauern bei uns mordend und brandschatzend durchs Land zogen, hatte ich gerade mal den Kleinen Katechismus gelernt). Die Semana Santa von Sevilla hatte mir dies alles wieder vor Augen geführt, und als Pepita beiläufig von ihren "Beichtgeheimnissen" sprach, da wurde mir bewusst, daß ich über dergleichen nicht verfügte. Das war ganz so, als fehlte mir irgendein inneres Organ, ohne das man nicht wirklich ganz normal wäre. Und daß zur gleichen Zeit Francisca in der Iglesia de San Sebastián im Beichtstuhl alle ihre Sünden loswurde, das ließ mich beinahe verzweifeln. Ich grübelte darüber nach, wie sie es schaffte - falls sie es schaffte!

Ich war sogar in eine Kirche gegangen (aber in eine andere), um zu beichten, obwohl mir nicht klar war, wo ich anfangen und wo ich aufhören sollte. Ich dachte, ich könnte mich über mich selbst erheben, wenn ich dem Beichtvater berichte, was zwischen Alonso, Francisca und mir geschehen war. Ich war kurz davor, alles zu offenbaren. Aber dann drehte ich auf der Ferse um und lief hinaus. Ich wollte es gar nicht preisgeben! Ich wollte mich deswegen nicht zum Gespött machen oder mit Verachtung gestraft werden, ganz egal, ob es nun hundert Leute gewesen wären oder nur ein einziger Beichtvater, die sich über mich empört hätten, und selbst wenn der darüber schweigen musste.

Du liebe Güte! Mir fiel ein, was wir mit dem Hund angestellt hatten, den Francisca eines Tages anschleppte und der ein schönes, kräftiges Tier namens Pollux war, und welche lieblichen Kunststücke wir ihm beibrachten. Er war wirklich schnell von Begriff und genauso unermüdlich wie Alonso, wenn es darum ging, seine Manneskraft unter Beweis zu stellen. Ich glaube, der gute Padre wäre glatt durch die Decke seiner Beichtzelle geschossen oder hätte mich auf der Stelle als eine Hexe der Verbrennung überantwortet, wenn mir die Details über die Lippen gekommen wären.

Dabei haben wir nie und nimmer jemandem etwas zuleide getan oder irgendeinen bösen Gedanken gehegt, wir waren nur miteinander vereint auf die angenehmste Weise, die wir uns vorstellen und einander gewähren konnten, und selbst Pollux hatte ganz offensichtlich seinen Spaß daran. Sicher, wir haben in unserer Sinneslust oft ein wenig über die Stränge geschlagen, soviel steht fest. Aber vielleicht war das gerade unserer jugendlichen Unverdorbenheit zu verdanken, redete ich mir jetzt zumindest ein.

Ach, ich kam in dieser Sache mit der Läuterung nicht weiter! Vielleicht verlangte ich auch zuviel von mir selbst, vielleicht erwartete das Gott gar nicht von mir. Im übrigen hielt ich mir zugute, daß ich Serafina geholfen hatte, ihre Mutter an Jesus Christus zu übergeben, ob ich das nun für eine wahrhaftige Geschichte hielt oder nicht. Für Serafina war es jedenfalls ein großer Trost gewesen, und ich fand, wenn wir schon nicht ihre Mutter vor dem Tod bewahrt hatten, so immerhin Serafina davor, ihr Leben lang Kummer und Schmerz über ihr Verschwinden verspüren zu müssen.

Ich hatte mir Santo Domingo als eine Ansammlung von Lehm- und Holzhütten vorgestellt, von einem Palisadenzaun zum Schutz gegen die Indianer umgeben. Ich hatte mich sehr geirrt! Das hier war eine richtige Stadt, wie man sie auch in Spanien betreten hätte, nur daß die meisten Straßen und Gassen hier streng kreuzweise verliefen, was, wie mir Sanchez erklärte, etwas mit der ursprünglichen Aufteilung des Landes zu tun hatte, Rechteckflächen waren einfach leichter zu berechnen.

Es gab natürlich einen Hafen, in dem es von größeren und kleineren Schiffen nur so wimmelte, es war hier auch der Umschlagplatz für die exotischen Waren, die nach Spanien verschifft wurden, aber auch nach allen möglichen andern Orten, und ich sah ein Schiff mit einer Mannschaft von Männern, die alle so schwarz waren wie Massa Sojonka, und Sanchez erklärte mir, daß diese Leute zu einem Negervolk gehörten, das im westlichen Afrika lebt und ihr Hafen am Kap Verde sei genaugenommen näher gelegen als der von Sevilla.

Überall ragten schlanke Palmen in die Höhe und überhaupt grünte und blühte es in Hülle und Fülle. Auf den Straßen herrschte eine rege Betriebsamkeit, man konnte Menschen aller Hautfarben sehen, sogar Chinesen, die aber gar nicht so gelb waren, wie man mir das als Kind erzählt hatte. Es gab Indianer mit sehr merkwürdigen Frisuren und bemalten Gesichtern, es gab Negerfrauen in wunderschönen bunten Tüchern, die sie sich um den Leib gewickelt hatten, manche gingen zum Markt oder kamen von dort und trugen große Gefäße auf dem Kopf, die sie geschickt mit den Fingern einer Hand aufrecht hielten. Sie hatten einen auffälligen Gang und wiegten sich dabei ganz eigentümlich in den Hüften.

Man konnte natürlich auch weißhäutige Europäer sehen, Spanier und deren Frauen, die in hellen Kleidern und mit Sonnenschirmen daherliefen. Man traf auch Männer, die Englisch sprachen und offensichtlich Geschäftsleute waren, sowie Juden in langen, schwarzen Gewändern mit komischen spitzen Hüten auf dem Kopf, sie standen meist in Grüppchen am Straßenrand und tuschelten miteinander. Man hörte Franzosen und Italiener, Deutsche und welche, die sich in sehr merkwürdigen Sprachen unterhielten. Es gab jede Menge Straßenhändler und auch solche, die irgendetwas Essbares anboten, das sie in einer großen Pfanne über dem Feuer zubereiteten und das ich auf Anhieb schwerlich bestimmen konnte, aber es duftete ganz verlockend.

José López Talavan wohnte in einer Villa in einem Viertel, wo die Häuser in schönen Gärten standen, aber hier waren sie wirklich von hohen Mauern mit Gittertoren umzäunt. Als wir eintraten, zitterten mir die Knie bei der Vorstellung, José Talavan gleich wiederzusehen und mit ihm zu sprechen. Sanchez hatte die Schlüssel für das Tor und für die Eingangstür, doch als wir drin waren, rief eine Stimme "Halt stehngeblieben! Wer seid ihr?" Sanchez sagte "Bist du das Rodrigo?" "Capitán Sanchez?" "Ja, ich bin's." "Wer ist da bei Ihnen?" "Sag' ich dir, wenn du aus deinem Winkel herauskommst." Da zeigte sich ein junger Bursche, mit einer vorgestreckten Pistole in der Hand, genauergesagt war es eine "kurze" Arkebuse, wie ich dann erfuhr, und diese hier stammte aus einer Waffenwerkstatt in Brescia.

"Wo ist José López?" "Ist vorgestern weg", sagte Rodrigo näherkommend, er ließ die Pistole sinken und musterte mich eindringlich. "Verdammt!", fluchte Sanchez, "Mit welchem Schiff?" "Mit einem von Julián Riberas Schiffen", antwortete Rodrigo, ohne mich aus den Augen zu lassen. "Wer ist das?" "Hat er eine Nachricht für mich hinterlassen?" "Ich heiße Eleonore." "Ja, sie liegt in Senor Talavans Zimmer auf dem Schreibtisch." Sanchez ging nach drinnen.

"Hast du auch einen Nachnamen?", fragte Rodrigo. "Junipher." "Warum trägst du Hosen?" "Weil's bequemer ist." "In Ordnung", sagte er und entspannte die Pistole. "Ich bin Caporal Rodrigo Mendez, der persönliche Adjutant von Senor José López Talavan." "Er musste also ohne dich los?" "Erstens", sagte Rodrigo, als habe er meine Frage als Vorwurf verstanden, "muss jemand dieses Haus bewachen, und das tue ich, wie du eben gesehen hast. Und zweitens bin ich von meiner Verletzung noch nicht ganz kuriert." "Was war passiert?" "Eine Infektion am Fuß. Fast hätte man ihn mir amputieren müssen." "Ein Glück, daß es nicht soweit kam." "Hast du Hunger?" "Ich würde gern was trinken."

Er steckte die Pistole in den Gürtel, und wir gingen in die Küche. Er schenkte mir einen großen Becher Zitronenlimonade ein, sie war sehr erfrischend. Rodrigo schaute mich die ganze Zeit an. "Was ist?" "Nichts." Nach einer Weile kam Sanchez. "Haben Sie den Brief gefunden, Capitán?" "Ja. Ist hier irgendwo Wein?" "Jawohl, im Keller. Soll ich welchen holen?" "Ja, bitte." Wir tranken alle drei davon. Ich fragte "Was steht in dem Brief?" "Ich muss morgen früh gleich weiter." Ich sagte "Ich komme mit." Sanchez zögerte, "Du kannst dich hier ein paar Tage ausruhen, dann kommst du nach." "Wohin?" "Nach San Carlos, ich schreib' dir alles auf." Ich dachte daran, daß Gerda, die junge Frau vom Schiff, nach San Carlos gehen wollte. Sie hatte mir auch die Adresse aufgeschrieben, wo ich sie besuchen könnte, wenn ich mal dort wäre.

Ich schlief sehr gut während meiner ersten Nacht in Santo Domingo. Ich hatte ein Zimmer für mich allein, mit einem Federbett und allem, was man braucht. Ich konnte von innen abschließen. Beim Einschlafen dachte ich daran, daß ich mich an demselben Ort befinde, wo der große Christoph Kolumbus seinen Fuß auf den Boden der Neuen Welt gesetzt hatte. Ich träumte sogar von ihm, er sagte zu mir: 'Eleonore, pass' gut auf, mit wem du dich hier einlässt!' und ich erwiderte 'Jawohl Capitán!' und er darauf: 'Ich überlasse dir für alle Fälle meine Pistole!', und ich nahm sie dankend entgegen, wusste aber nicht, wo ich sie hinstecken sollte.

Als ich aufwachte, war es still im Haus, aber von draußen zwitscherten die Vögel durchs Fenster herein. Ich hatte einen Blick auf den Garten. Ich kleidete mich an und ging hinunter, ich fand Rodrigo, ich fragte "Wo ist Sanchez?" "Buenos dias, Eleonore!", sagte er. "Ja, de igualmente. Wo ist Sanchez?" "Weg." Ich schwieg und überlegte. "Wo kann ich mich waschen?" "Ich zeig's dir." Er führte mich in das Badezimmer und ließ mich allein. Ich verriegelte die Tür und blieb lange drin. Irgendwann klopfte er an die Tür, "Ist alles in Ordnung?" "Ja. Verschwinde."

Als ich in die Küche kam, hatte er ein Frühstück für mich hingestellt. Daneben lag ein Brief von Sanchez für mich. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, als wäre ich Sanchez eine Last und er wollte mich loswerden. Vielleicht wäre es ihm am liebsten gewesen, wenn ich hierbliebe. Aber das wollte ich nicht. Er hatte irgendwas von einem Schiff aufgeschrieben, das nach San Carlos verkehrte, doch so richtig wurde ich nicht schlau daraus.

Rodrigo kam herzu, er setzte sich mir gegenüber und beobachtete mich, ich ließ mir nichts anmerken, dann sagte er "Tja, also sind wir jetzt ganz allein in diesem Haus." Ich nahm Sanchez' Brief in die Hand und fragte "Was bedeutet 'Sontrera ab viago grinde?'" "Bitte?" "Das hat Sanchez hier für mich aufgeschrieben." "Zeig' mal her", ich gab es ihm. Er überflog das Blatt, "Keine Ahnung. Oh, warte, doch, ich weiß, das ist ... na, da kann sich Capitán Sanchez aber nur vertan haben." "Was bedeutet das?" "Ähm, das ist eine Verbindung nach San Carlos, die normalerweise nur von ... von Piraten befahren wird."

"Willst du mich verarschen?" Er schreckte zurück, "Ob ich was will?" "Hast du gestern noch mit Sanchez geredet?" "Ja." "Was hat er gesagt? Und hör' mal, wenn du mich belügst, kann ich sehr böse werden!" "Er hat nichts weiter gesagt." Ich donnerte mit der Faust auf den Tisch, aber es war nicht sehr bedrohlich und ich biss die Zähne zusammen vor Schmerzen. Rodrigo sagte "Beruhige dich!" "Will ich aber nicht! Ich will weg hier." "Warum?" "Das will ich dir sagen: weil du mir nicht geheuer bist!" Er schwieg. Er stand auf und ging hinaus. Er ließ sich den halben Tag nicht blicken.

Ich suchte ihn, er war in einem der hintersten Zimmer, er saß da in einem Sessel, die Beine ausgestreckt, die Füße auf der Tischkante und warf mit Glasmurmeln auf ein Gemälde an der Wand. Als er mich bemerkte, wie ich ihm dabei zusah, sagte er, als würde er schon seit Wochen darauf hinarbeiten, "Ich versuche, dieses verfluchte Pferd zu treffen, das da vor dem Tor steht." Ich fragte ihn "Wirst du eigentlich dafür bezahlt, daß du das Haus bewachst?" "Ja. Und zwar von der Kanzlei Ihrer Majestät, der Königin Isabella."

"Bist du ihr schon mal begegnet?" "Ich hab' sie bei einem Empfang des Königs von Frankreich gesehen, ich war einer von der Garde, die Spalier gestanden hat." "Wie ist sie so?" "Sehr schön, aber unnahbar, ich möchte sie nicht zur Frau haben." "Wieso nicht?" "Sie ist irgendwie unnahbar. Was sollte ich denn tun, wenn sie mich nicht heranlässt." "Moment mal", sagte ich, "du sprichst von der Königin! Sei also nicht so respektlos." "Ich bin nicht respektlos, ich sage nur, daß ich nicht wüsste, wie ich ihr beikommen sollte, wenn ich der König wäre."

Ich sagte "Ich kannte einen Soldaten, der am Perlengolf war." "Ach ja? Wie hieß er?" Ich erwiderte, ich hätte mir nicht gemerkt, wie er hieß, aber dafür konnte ich seine ganze Bewaffnung aufzählen. Rodrigo fragte "War das ein Schwert oder ein Rapier?" "Ein Schwert. Was ist ein Rapier?" "Ein Schwert mit einer speziellen Klinge, nicht so breit wie bei einem Schwert und nach vorn sehr spitz, manchmal ist die Klinge fast vierkantig." "Nee, die war nicht vierkantig, sondern flach." "Dann war's vielleicht wirklich ein Schwert." "Sag' ich doch."

Dann meinte er "Mir ist immer noch nicht ganz klar, was du hier zu suchen hast." "Das geht dich auch nichts an." "Hm. Aber du weißt schon, daß wir hier allein im Haus sind." "Du wiederholst dich." Er kratzte sich am Kopf, nahm die Füße vom Tisch und stand auf, "Ja wahrscheinlich", sagte er und es klang ein bisschen betrübt. Ich fragte "Diese Straßenköche, die ihre Sachen überm Feuer garen ... ist das genießbar?" "Das meiste schon." "Kennst du dich damit aus?" "Was meinst du?" "So geschmacksmäßig." "Ob ich dir was empfehlen kann?" "Ja." Er sagte "Ich hab' inzwischen so ziemlich alles durch und - ja, ich könnte dir was empfehlen." "Was?" "Lass' dich überraschen." "Einverstanden. Aber wenn ich's wieder 'rauskotzen muss, soll's dir leidtun."

Wir holten uns etwas mit Maisfladen und Fleisch, mit rosafarbenen Gemüsesprossen und einer hellen Soße, der Straßenkoch wickelte es in zwei große, grüne Blätter von einem Busch ein, damit wir es mitnehmen konnten, es schmeckte wirklich gut, es war ganz schön scharf, ich fragte "Was für Fleisch ist das?" Rodrigo sagte "Von einem Tier, das sie hier Akapecho nennen." "Wo lebt das Akapetscho? Ich meine, muss man es jagen oder wird es gehalten?" "Gehalten?" "Na ja, wie ein Hausschwein." "Ach so. Es gibt zwei Arten davon." Ich sagte "Lass' mich raten: männliche und weibliche" und musste lachen. "Es gibt Akapechos, die im Urwald leben, die sind scheu und lassen sich schwer jagen. Und dann gibt es eine zweite Art am Fluss, die ist kleiner, lässt sich aber leicht fangen."

"Es schmeckt ein bisschen süßlich", stellte ich fest und Rodrigo sagte mit der größten Selbstverständlichkeit: "Ja, aber nicht so unangenehm süßlich wie Menschenfleisch." Mir fiel beinahe die Gabel aus der Hand, "Willst du damit sagen, daß du schon mal Menschenfleisch gegessen hast?" "Das bleibt nicht aus, wenn man irgendwo im Urwald auf Expedition ist. Würdest du lieber verhungern?" "Ich hab' dich gefragt, ob du schon mal selber welches gegessen hast!" Er schien zu überlegen, ob er die Sache weiterspinnen könnte, dann sagte er "War bloß'n Scherz." "Mit so was bringst du mich nicht zum Lachen." "Aber es gibt Indianerstämme, die Menschenfleisch essen", fügte er hinzu.

Er fragte "Willst du Wein trinken?" "Das fragst du jetzt, wo ich fast fertig bin." "Fiel mir grade ein." "Ja gern, das Zeug ist ziemlich scharf." Er holte eine Flasche und schenkte uns zwei Becher voll. "Tut es dir leid, daß du hier herumsitzen musst?" "Ja, mit der Zeit wird es langweilig. Außerdem ist bald Flaute in der Kasse." "Ich denke, du kriegst das bezahlt?" "Was?" "Daß du das Haus bewachst, hast du selber gesagt." "Ach so, das. Ja, natürlich, aber es ist nicht viel, da komm' ich grade so damit hin."

Er war eher fertig als ich. Er verschränkte die Arme hinterm Kopf, streckte seine Lenden vor und kippelte auf den Hinterbeinen seines Stuhls. Er schaute mich dabei ungeniert an, dann sagte er "Weißt du, Eleonore, was ein Soldat am liebsten macht, wenn er nicht kämpft?" Ich dachte: 'Aha, jetzt kommt's!' Ich tat ahnungslos und erwiderte "Er schreibt einen Brief an seine Verlobte?"

Er ließ sich unsanft nach vorn fallen. "Unsinn!" "Was dann?" "Er spielt Karten! Kannst du Karten spielen?" "Oh! Da muss ich leider passen." "Ach komm' schon, veralber' mich nicht. Jemand, der sagt 'da muss ich passen', der hat garantiert Ahnung vom Kartenspielen, das ist doch ein Ausdruck beim Reizen. Von mir aus spielen wir, was du willst, auch wenn's irgend so ein Kinderspiel ist, nachher kann ich dir ja noch was anderes beibringen." Ich wusste ehrlich nicht, ob er wirklich meinte, was er sagte, oder ob ich das im übertragenen Sinn verstehen sollte.

Ich fragte "Hast du so ein Rapier da?" "Waaas?" "So ein anderes Schwert, hast du eins hier, daß ich mir's mal angucken kann?" "Selbstverständlich." "Wo? Zeig's mir." "Da müssten wir in die Rüstkammer." "Na dann." Er zögerte, "Warum willst du dir's auf einmal angucken?" "Nur, damit ich mir ganz sicher bin, daß das 'n Schwert war, was der Soldat hatte." Er schaute mich immer noch unschlüssig an, ich fragte "Glaubst du jetzt, daß ich dir hinterrücks irgendwas antun will!" Er zuckte mit den Schultern, "Das ist alles schon vorgekommen." "Du liebe Güte, Rodrigo! Bis vorgestern kannte ich dich überhaupt nicht!"

"Ja, aber dieses Haus ist nicht irgendein Haus! Es ist der Stützpunkt des Santiago Ordens auf Hispaniola ... und das heißt: in ganz Neuspanien. So, jetzt ist es 'raus." Wir sahen uns eine Weile schweigend an, dann sagte ich "Ich spiel' mit dir Karten, wenn du mir den Rapier zeigst." Er antwortete nicht sofort, dann sagte er "Es heißt das Rapier. Also gut, komm' mit." Er drohte mit dem Zeigefinger, "Nur daß das klar ist: du sagst kein Wort darüber zu Capitán Sanchez und schon gar nicht zu Senor Talavan!" "Soldaten Ehrenwort!", gelobte ich und wir stiegen hinab in den Keller.

Mir schien, sie waren ganz gut ausgerüstet, aber dann entdeckte ich hier und da Lücken, und Rodrigo erklärte "Einiges ist gerade im Einsatz. Schau' her, das ist ein Rapier." Er hielt es mir hin, ich nahm es am Griff in die Hand, ich fand, daß es leichter war als das Schwert von dem Soldaten, ich sagte es Rodrigo, der meinte "Dann war's wirklich ein Schwert, obwohl die Soldaten hier immer seltener solche klobigen Schwerter mit sich 'rumtragen. Der Stahl ist manchmal auch schlecht, und ich hab' schon welche gesehen, die abgebrochen waren."

"Was für eins hast du?" "Ich hatte auch ein Rapier." "Du hattest?" "Ähm ... na ja, ich musste es vorübergehend verleihen." "An einen Kameraden?" Rodrigo prustete verächtlich durch die Zähne, "Nein, so kann man den nicht nennen", er beugte sich näher zu mir herüber, als könnte uns jemand belauschen, und sagte "Es war der Pfandleiher. So, nun ist es heraus!" "Ach, du musstest deine Ausrüstung verpfänden?" "Nicht alles." "Warum?"

"Darüber will ich nicht reden. Hier sind zwei Arkebusen", sagte er und zeigte auf zwei lange Schießgewehre, die in einem Holzgestell standen, ich fragte "Die vier anderen sind wohl im Einsatz?", und deutete auf die leeren Halterungen. "Das hier sind Armbrüste, die haben ordentlich Wumms! ... na, da sind grade ein paar in der Reparatur." Er zeigte mir eine Muskete und drei Pistolen, da fehlten auch welche. Ich fragte "Was war das, das du hattest, als Sanchez und ich ins Haus kamen?" "Eine kurzläufige Arkebuse." "Die konntest du wohl grade so behalten."

"Das sind Piken, sind gut, um die Indianer auf Distanz zu halten, aber beim Marsch durch den Urwald sind sie hinderlich, weil man dauernd damit hängenbleibt, außerdem haben die Indianer auch Lanzen, wir haben die Piken öfter bei der Jagd gebraucht. Das hier sind Schilde, da oben hängt ein Brustharnisch mit Helm, der andere ist ... das hier sind Steinschleudern (die waren merkwürdigerweise vollzählig), kann man nur im offenen Gelände einsetzen, aber auch auf See oder bei der Belagerung, eben überall dort, wo man freie Schussbahn hat und wo es auf's genaue Zielen nicht ankommt."

Plötzlich dämmerte es mir, ich fragte ihn "Das mit dem Einsatz und der Reparatur ist bloß vorgetäuscht, die hast du auch zum Pfandleiher gebracht, nicht wahr?" Er wandte sich zu mir um und sagte mit aller Entschlossenheit, die er aufbringen konnte "Wenn du ein Sterbenswörtchen da drüber an Capitán Sanchez oder jemand anderen verlierst, dreh' ich dir den Hals um!" "Bestimmt nicht!", versuchte ich ihn zu beruhigen, er sagte "Ist mir unklar, wie du so lebensmüde sein kannst, mir diese Frage zu stellen. Besser wär's gewesen, ich hätte dich gleich kaltgemacht, hatte schon so'n ungutes Gefühl. Von Weibsstücken wie dir ist nichts Gutes zu erwarten", fügte er hinzu.

Um ihn davon abzubringen, zeigte ich auf ein Gehänge aus Stricken und Gurten, das irgendwie seltsam aussah, "Was ist das?" "Was?" "Das Dings da, das aussieht wie 'ne Folterfessel (man konnte zumindest die Schlaufen für die Hand- und Fußgelenke erkennen)." "Das ist ein Tragegurt." "Für einen Menschen?" "Nein, für einen Eisberg. Natürlich für einen Menschen, zum Beispiel für einen verletzten oder kranken Kameraden." "Kannst du damit umgehen?" "Was ist denn dabei, die Gurte muss man ..." "Können wir's mal ausprobieren?" "Du willst mich da drin tragen?" "Nee, du mich." "Ach so. Na klar, wenn's dir Spaß macht", murmelte Rodrigo, der mich eben noch um die Ecke bringen wollte.

Er steckte die Arme durch die Gurte wie bei einem Rucksack, da lagen die oberen Schlaufen vor seinen Schultern, die beiden unteren hingen eine Handbreit über den Kniekehlen lose herab. Rodrigo ging in die Hocke, "Leg' deine Hände in die oberen Schlingen, so daß sie nicht 'rausrutschen." Ich tat es. "Jetzt stell' beide Fußsohlen in die Trittschlingen, wie bei einem Steigbügel." Ich sagte "Da muss ich erst meinen Rock hochraffen." "Mensch, das musst du vorher machen!"

Ich zog die Hände nochmal 'raus (ich meinte sowieso, daß sie nicht richtig festsaßen), hob den Rock vorn hoch und nahm den Saum zwischen die Zähne, fasste erneut die oberen Schlaufen, stellte die Füße in die unteren und im selben Moment erhob sich Rodrigo mit einem Ruck, ich hing hinten auf ihm drauf wie der Frosch auf der Kröte (nur daß wir die Rollen getauscht hatten). Ich musste lachen, er sagte "Stütz dich mit den Füßen richtig auf, dann zieht's nicht so in den Handgelenken." "Oh ja, stimmt, das entlastet."

"Na dann", sagte er und lief mit mir durch's ganze Haus, die Treppe hoch, durch ein paar Zimmer, auf den Balkon, wo er meinen Hintern übers Geländer hielt und drohte mich abzuwerfen, wenn ich irgendjemandem seine Pfandleiher Sache verriete, dann die Treppe wieder 'runter und unten noch eine Runde durch die Räume. In dem Zimmer, wo José Talavan den Brief für Sanchez hinterlegt hatte, machte er Halt, ging wieder in die Knie und hieß mich absteigen.

Er war ganz schön außer Puste. Ich sagte "Das war lustig! Vor allem wenn man bedenkt, daß ich weder verletzt noch krank bin. So macht es richtig Spaß." "Ja, hier im Haus und mit dir ist es ein Vergnügen", und ehe ich noch was darauf sagen konnte, meinte er "ich schaff's dann mal wieder weg." (Ich hätte sogar noch eine Runde vertragen.)

Ich blieb in José Talavans Zimmer und schaute mir alles an, ich lunste auch in die Schränke, da lagen allerlei Sachen ordentlich in den Fächern, unter anderem ein paar große Schneckengehäuse mit farbigem Muster und welche mit fingerartigen Auswüchsen, bei einem war die Spitze abgesägt, das war wohl so ein Signalhorn, wie ich es in Don Diegos Bibliothek in einem Buch über die Indianer des Südmeeres abgebildet gesehen hatte. Dann betrachtete ich die Gemälde an den Wänden, eines zeigte eine sehr schöne Frau und ich dachte, vielleicht ist es José Talavans Braut, die zu Hause auf ihn wartet.

Später suchte ich Rodrigo, ich rief "Rodrigo! Caporal Mendez!" Dann holte ich sogar das Signalhorn aus dem Schrank und pustete mit voller Kraft hinein, aber mir wären bloß beinahe die Backen geplatzt. Ich versuchte es irgendwie anders und plötzlich machte es "Pröööhhht!" und gleich nochmal "Pröööhhht!", und das konnte Rodrigo unmöglich überhört haben, selbst wenn er irgendwo ein Nickerchen machte. Ich legte das Horn in den Schrank zurück und ging in die Küche.

Da saß ich vielleicht eine Stunde lang und überlegte, wie ich baldmöglichst nach San Carlos käme und was Sanchez mit dieser seltsamen Formulierung gemeint haben könnte. Da tauchte Rodrigo auf, er fragte "Hast du vorhin so durch's Haus getrötet?" "Nein, das war einer von deinen Gläubigern, der sein Geld haben wollte." "Im Ernst?", rief er erschrocken. Ich fragte "Was machen wir nachher noch?" Er sagte "Ich hab' dir Wasser warm gemacht, da kannst du dich baden, wenn du willst." "Wann hast du das gemacht?" "Vorhin." (Im Badezimmer hatte ich natürlich nicht nach ihm gesucht.) "Das ist ja nett von dir." "Hatte sowieso nichts weiter zu tun."

Ich badete ausgiebig. Da war eine Tonflasche mit einem weißen Pflanzensaft, der schäumte im Wasser und es duftete angenehm. Ich hatte Rodrigo gesagt, daß er nicht gleich wieder verschwinden soll, und als ich in die Küche kam, saß er da, als hätte er auf mich gewartet. Ich fragte "Willst du nicht auch baden? Ich könnte dir den Rücken schrubben." Er lachte. "Warum lachst du?" Er sagte "Dafür gibt's Bürsten mit langem Stiel!" "Ja klar", entgegnete ich, "man kann sich auch selber zum Geburtstag gratulieren." Er lachte wieder, ich sagte "Komm' schon, die Gelegenheit kriegst du so schnell nicht wieder." "Meinetwegen", sagte er.

Als er im Waschzuber saß, sagte ich "Mach' einen Katzenbuckel!", und mit einem Schwamm fuhr ich ihm über den Rücken. "Nimm' die Bürste. Striegel nur ordentlich, ich halt's aus." Ich traktierte ihn nach Kräften und er knurrte wohlig dabei, ich musste lachen, "Hat das schon mal jemand bei dir gemacht?" "Früher." Dann sagte er "Das war 'ne gute Idee von dir." Sein Rücken bekam lauter rote Striemen. Als ich fertig war, sagte er "Ich hab' mir überlegt, ob wir uns morgen wieder was von dem Straßenkoch holen, da gibt's noch einen andern, von dem würde's dir bestimmt auch schmecken." "Ja, gern", sagte ich und ging nochmal ganz sanft mit dem Schwamm darüber hinweg.

Das andere Essen bestand aus geröstetem Fisch, Reis und einer sämigen Soße mit Ananas Stücken, irgendein Gewürz machte wieder das letzte Geheimnis aus. Ich hatte es bezahlt und dann dachte ich, daß Rodrigo ganz froh war, weil er sich zur Zeit so etwas nicht leisten konnte. Er machte sich auch darüber her, als hätte er's seit Jahr und Tag nicht genießen können.

Er holte (diesmal rechtzeitig) eine Flasche Wein aus dem Keller, ich fragte "Muss ich für den Wein eigentlich Geld dalassen?" Er winkte großzügig ab, "Woher denn! Den geb' ich aus." Nachher redeten wir über alles Mögliche, aber dann interessierte es mich doch und ich fragte Rodrigo abermals "Wie kam es denn nun, daß du die Sachen zum Pfandleiher bringen musstest?" Er wand sich, "Ich hab' dir doch gesagt, daß ich nicht drüber reden will."

Ich sagte "Aber vielleicht kann ich dir einen guten Rat geben, wie du da wieder 'rauskommst." "Ich will dein Geld nicht", verwahrte er sich. "Das meine ich doch gar nicht. Weißt du Rodrigo, was ich glaube ... aber nimm' mir's jetzt nicht übel, wenn ich das sage, ich glaube, du kannst mit Geld nicht gut umgehen." "Wie kommst du da drauf?" "Na, ich hab' gesehen, wie du dich bei den Straßenköchen anstellst, da konntest du ja nicht mal bis zehn zählen."

"Das ist nur eine Folge von meiner Infektion, da bringe ich manchmal noch was durcheinander, aber das ist schon wieder am Abklingen." "Ich denke, die war am Fuß?" "War sie ja auch", erwiderte er etwas hilflos, dann fiel ihm ein "dieses verdammte Gift hatte sich bis in den Kopf ausgebreitet, jedenfalls genug davon, daß ich alle Zahlen durcheinander gebracht habe, 'ne Zeitlang konnte ich auch keine Farben unterscheiden und ..."

"Rodrigo", sagte ich gutmütig, "du musst mir jetzt nicht irgendwas vorflunkern. Außerdem habe ich gestern im Bad gesehen, daß du überhaupt nichts an den Füßen hast." "Ach so! Wo hast du denn noch so hingeguckt?" Ich schwieg und stocherte in dem Rest vom Essen herum, da sagte er "Also schön, ich habe mich beim Spielen verschuldet. So, jetzt ist es 'raus! Und ja, rechnen ist nicht meine Stärke. Aber das heißt noch lange nicht, daß ich ein Waschlappen bin." "Wieviel Schulden hast du?" "Ziemlich viel." "Und das Geld vom Pfandleiher, was machst du damit?" "Davon leb' ich. Na ja, ein bisschen hab' ich beim Kartenspielen gesetzt und leider verloren, das sind hier alles Falschspieler, so wahr ich Rodrigo Mendez heiße!"

"Du hast doch bestimmt Schuldscheine darüber." "Ich musste was unterschreiben." "Bei wem?" "Bei Senor Felipe, er hat meine Schulden übernommen, jetzt steh' ich bei ihm in der Kreide." "Wer ist das?" "Ein Kaufmann, oder zumindest gehört er zu einer Handelscompagnie." "Hier in Santo Domingo?" "Ja." "Wie gut kennst du ihn?" "Was heißt, wie gut kenn' ich ihn! Er hat mich an den Eiern!" Ich musste lachen und Rodrigo grinste auch, "Na ja, sagt man doch so. Und ich spür's auch, verdammt nochmal! Manchmal spür' ich seine hässlichen Krallen direkt an meinen Eiern."

Ich fragte "Du weißt nicht so genau, was auf den Schuldscheinen draufsteht?" "Ich hab' sie doch selber unterschrieben!" "Ja, aber mit den Beträgen bist du nicht klargekommen, stimmt's?" "Was soll ich denn machen, wenn ..." "Du könntest dich jederzeit bei ihm erkundigen, wie hoch deine Schulden wirklich sind." "Da geh' ich doch nicht auch noch hin und werf' mich ihm zu Füßen! Denkst du denn, ein Mann wie ich hätte gar keinen Stolz im Blut!" "Doch, Rodrigo, ich glaub' dir's, ich will dich auch nicht damit aufziehen, das mein' ich ganz ernst." Er war zufrieden, vielleicht sogar ein bisschen geschmeichelt. Mir gefiel es, wie er mich aus den Augenwinkeln heraus ansah, es war ein ehrlicher Blick und auch mit einer gewissen Achtung gegenüber mir als Frau, selbst wenn er's nicht zugegeben hätte.

"Worauf willst du denn überhaupt hinaus mit deiner ganzen Fragerei?" "Lass' uns zu Don Felipe gehen und die Angelegenheit besprechen, dann weißt du wenigstens über deine Schulden Bescheid. Oder willst du weiter klammheimlich die Waffen der Königin verhökern?" "Wollte ich von Anfang nicht." "Glaub' ich dir auch." Er sagte "Warum sollte denn Don Felipe mit dir reden?" "Ach, da wird mir schon was einfallen." Er nickte, dann sagte er "Ehrlich, ich hab' dich für was ganz anderes gehalten, als du hier 'reinspaziert bist." "Wegen den Hosen?" Er lachte, "Ja, wahrscheinlich deswegen." Dann fragte er "Soll ich uns noch eine Flasche holen? Aber ich tu's nur unter der Bedingung, daß wir für den Rest des Abends über was anderes quatschen." Ich sagte "Abgemacht."

"Woher stammst du, ich meine, aus welcher Gegend von Spanien?" "Aus der Estremadura." "Wo auch Francisco Pizarro herkommt?" "Ja, woher weißt du das?" "Das hat mir mal ein Mann gesagt, als wir vor dem Steinsarg von Kolumbus standen. Warum reden die Leute immer so besonders über die Estremadura?" "Es ist ein besonderes Fleckchen Erde und ich weiß nicht genau, wie viele Conquistadores von dort stammen, aber es sind eine ganze Menge, allein Pizarro und seine Brüder, das sind schon fünf." Dabei streckte Rodrigo alle vier Finger in die Höhe, ich sagte so behutsam wie möglich "Fünf sind eine ganze Hand", er nahm den Daumen dazu, "Ich war ja auch noch nicht fertig mit Zählen."

Ich fragte "Sind die Pizarros eine angesehene Familie?" Er lachte beinahe boshaft, "Kann man nicht gerade sagen! Soviel ich weiß, hat jeder der Brüder einen andern Vater. Gonzalo gilt als der Klügste, er war Offizier in Italien, er soll ein tapferer Mann sein, aber auch so brutal wie sie alle. Francisco war in seiner Kindheit ein Schweinehirte, aber er hat das Talent, Leute um sich zu scharen, die ihm auf Gedeih und Verderb folgen." Ich sagte "Er hat ihnen auch ihren Anteil an dem Gold versprochen, das er zu erbeuten sucht." "Eleonore! Wie du das sagst, könnte man meinen, es steht in einem verdammten Heldengedicht!" "Fluch' nicht so viel! Das ist die Wahrheit, wie ich sie schon von mehreren Seiten gehört habe." "Na ja, es ist was dran."

Wir tranken vom Wein, Rodrigo sagte "Glaubst du's, mein Rücken brennt immer noch von dem Geschrubbe." "Du wolltest es ja." "Ich kann mich ja auch schlecht so haben vor einer Frau." Ich sagte "Wenn ich gewollt hätte, wäre Blut geflossen." "Ach", sagte er sanft wie ein verschrecktes Lamm, "warum solltest du das wollen?" Ich wusste nichts darauf zu erwidern, er sagte "Es war ja auch bloß ein Gefallen, den du mir getan hast." "Genau. Nicht mehr und nicht weniger." Er sagte "Jedenfalls war's ganz schön", und ich erwiderte "Als Packesel warst du auch nicht schlecht." Das war mir so 'rausgerutscht und ich war froh, daß er drüber lachen konnte.

Ich fragte "Kennst du dich mit den Waffen der Indianer auch aus? Du hast gesagt, sie hätten Lanzen." "Genaugenommen sind es keine Lanzen, sondern Speere." "Wo ist der Unterschied?" "Einen Speer kann man schleudern, er ist so gebaut, daß er geradewegs ein Stück durch die Luft fliegt, eine Lanze würde gleich 'runterfallen." "Und die bleiben nicht damit hängen?" "Im Urwald? Merkwürdigerweise nicht, die finden immer genau das Loch, wo der Speer freie Bahn hat, das ist so, das haben sie wahrscheinlich gelernt." "Das Loch zu finden?" "Ja, und den Speer da durch zu schicken. Sie haben auch ellenlange Blasrohre mit so kurzen Pfeilen, und die schicken sie auch genau durch die Löcher, die im Urwald eine freie Bahn bilden. Damit holen sie einen Affen herunter, der hoch oben in den Baumkronen sitzt, und der Pfeil streift dabei nicht ein einziges Blatt. Es gibt anscheinend immer einen blöden Affen, der genau am andern Ende vom Loch sitzt."

"Was für Waffen haben sie noch?", fragte ich, weil ich merkte, daß sich Rodrigo gern darüber ausließ. "Pfeil und Bogen und jede Menge Keulen", ich sagte "Mein Freund hat sich selber eine Keule gebaut ...", und ich beschrieb sie ihm, er sagte "Da hatte er einen guten Einfall. Ach so, das gefährlichste sind natürlich die Giftpfeile." "Wie sind die?" "Meistens tödlich, wenn man nicht sofort was dagegen unternimmt." "Was für Gift ist das?" "Sie machen es aus dem Schleim von einem ganz bestimmten Frosch und noch zwei, drei andern Zutaten, es ist ein Geheimnis und keiner von uns ist bis jetzt dahintergekommen, ein Indianer würde sich eher in Stücke reißen lassen, als es zu verraten."

"Und wie wirkt es?" "Sie bestreichen damit die Pfeilspitze, da siehst du schon, daß die kleinste Menge genügt. Wenn damit auch nur deine Haut angeritzt wird, dringt es ins Blut und es dauert kaum so lange wie du zum Pinkeln brauchst, daß es sich im ganzen Körper verteilt hat, dann lähmt es dich und zuletzt verbrennt es von innen dein Herz." "Und man kann nichts dagegen tun?" "Man kann versuchen, die Stelle, wo sie dich getroffen haben, 'raus zu schneiden oder auszubrennen, aber wer hat schon so schnell ein glühendes Messer zur Hand."

Ich sagte "Ich hab' mal gehört, daß es zu jedem Gift ein Gegengift gibt, das es sozusagen unschädlich macht." Rodrigo meinte "Ja, das behauptet immer mal wer und es wäre sicher schön, wenn's das gäbe, aber für dieses Pfeilgift hat noch keiner ein Gegenmittel gefunden", dann fügte er hinzu "könnte man bestimmt 'n Haufen Geld damit machen, wenn man's finden würde."

Ich dachte noch darüber nach, dann fiel mir ein "Und die Affen holen sie auch mit solchen Pfeilen herunter?" "Ja, mit speziellen Blasrohrpfeilen. Die Affen können natürlich erst recht nichts dagegen tun." "Aber wenn die Indianer sie dann essen, was geschieht mit dem Gift? Können sie's einfach so verdauen?" Rodrigo schaute mich an, die Frage schien ihn zu überraschen, ich sagte "Hat eigentlich irgendjemand jemals gesehen, daß ein Indianer selber an diesem Gift gestorben ist?"

Wir sprachen eine Weile über dieses Problem, dann entstand eine Pause und jeder hing seinen Gedanken nach. Schließlich fragte Rodrigo "Und was hast du dabei, um dich zu verteidigen?" "Mein Onkel hat mir ein Messer mitgegeben." "Hast du gar keine Angst, daß dir was passieren könnte?" Ich erzählte ihm, wie ich auf dem Weg nach Spanien von den Räubern überfallen wurde und wie meine Begleiter sie vertrieben haben (ich verschwieg, daß Thomas den einen erschlug). Rodrigo sagte "Da drüben (damit meinte er das neuspanische Festland) sind aber ganz andere Schurken unterwegs und die machen mit einer Frau, die ihnen in die Hände fällt, scheußliche Dinge."

"Jetzt beschwör's doch nicht." "Ich will dich bloß warnen, du solltest auf alles gefasst sein", dann sagte er "Wenn du willst, geb' ich dir eine Pistole mit." "Ach Rodrigo, damit kann ich doch gar nicht umgehen." "Ich könnte's dir schnell noch beibringen, es ist nicht schwer. Ich habe eine, die steckt in einem Lederholster, das kannst du dir umgürten und unter der Jacke verstecken." Ich überlegte, vielleicht war die Idee doch ganz gut, ich sagte "In Ordnung. Ist womöglich besser, als wenn du sie auch noch zum Pfandleiher schleppst."

Anderntags gingen wir zu der Niederlassung der Handelscompagnie, wo wir diesen Don Felipe zu sprechen hofften. Es war eine ansehnliche Villa in einer der Seitenstraßen, die vom Marktplatz abgingen. Ein Mann mit zwei großen Hunden bewachte das Tor. Ich sagte, was wir wollten, er war weniger unfreundlich als es auf den ersten Blick aussah, erwiderte jedoch, daß Don Felipe nicht da wäre und erst heute Abend zurückkäme. Er fragte sogar, ob er etwas ausrichten solle, und ich sagte, wir würden morgen Vormittag noch mal wiederkommen.

Merkwürdigerweise war Rodrigo eher erleichtert. Er machte sogleich einen Plan, wie er mir das Schießen beibringen würde, während ich noch in Gedanken bei Don Felipe war. Ich fragte "Was für eine Handelscompagnie ist das eigentlich?" "Keine Ahnung, ich glaube eine portugiesische." Mir fiel ein, was seinerzeit die vornehme Dame bei Aurelia im Haus geäußert hatte, ich sagte "Dann betreiben sie ihren Handel in Brasilien?" "Nein, soviel ich weiß, in Venezuela." "Aber dort dürfen laut Vertrag keine portugiesischen Handelsleute tätig sein!" (Zwischen Spanien und Portugal war nämlich in dem westindischen Territorium von Nord nach Süd so etwas wie eine unsichtbare Grenze festgelegt worden.) "Ach so?", meinte Rodrigo, "Na ja, wenn es dich interessiert, wirst du vielleicht morgen Genaueres darüber erfahren. Jetzt zieh' dir was anderes an, wir sehen uns dann in der Rüstkammer."

Dort fand ich ihn. "Ist das so in Ordnung?", fragte ich und wies auf meine Kleidung. Er gürtete mir das Holster um und gab mir die Pistole in die Hand, sie war ungefähr so lang wie mein Unterarm, ziemlich schlank und beträchtlich leichter als seine kurzläufige Arkebuse, er sagte, dafür habe sie aber auch weniger Durchschlagskraft. Er gab mir außerdem eine kleine Ledertasche mit einem Pulverhorn, Lunte, zwei Feuersteinen als Ersatz und einem halben Dutzend Bleikugeln. "Die hab' ich selber gegossen", versicherte er, "hier das eingeprägte 'M' steht für meinen Namen." "Modrigo?", sagte ich scherzhaft. "Mendez!", versetzte er nachdrücklich.

Wir durchquerten den Garten hinterm Haus, der am Ende stark verwildert war und dann in den Busch überging. Aber dazwischen war ein Zaun aus spitzen Eisenstangen, der zudem von einem dornigen Gestrüpp durchwuchert war. Diesseits war ein kleiner kahler Fleck, und als wir da anlangten, blieben wir stehen und Rodrigo suchte auf dem Boden nach einem Eisenring und als er ihn fand, sagte er "Stell' dich hier neben mich und fass' mit an, wir müssen ihn hochheben."

Und wie wir kräftig daran zogen, ging eine Luke auf, die Rodrigo behutsam auf die andere Seite legte, man konnte Steinstufen sehen, die nach unten führten. Ich fragte "Was ist das?" "Ein unterirdischer Gang." "Hast du den angelegt?" "Nein, den gibt es schon seit einer Ewigkeit." "Ist der etwa noch von Kolumbus?" "Weiß nicht, schon möglich. Warte hier, ich bin gleich wieder da." "Was hast du vor?" "Ich öffne den Ausgang, sonst kriegst du keine Luft da unten." Nach wenigen Minuten kam er wieder. "Du musst dich bücken." Ich stieg hinab, es roch ein bisschen modrig und war ziemlich dunkel. "Geh' nur immer vorwärts", sagte Rodrigo, und dann wurde es etwas heller und wir erreichten den Ausgang, zu dem ebenfalls ein paar Stufen hinauf führten. Da waren wir dann schon mitten im Urwald.

Es ging ein schmaler Pfad hindurch, bis zu einer Lichtung, wo der Boden aus glattem, ebenen Felsgestein bestand und die von hohen Bäumen umgeben war, in der Mitte waren Steine wie zu einem Tisch aufgeschichtet, obenauf lag ein Brett, und davor lehnte ein Gestell aus kurzen, dicken Holzpfählen. Rodrigo erklärte "Dieser Platz hat den Vorzug, daß er nicht zuwächst." "Was ist das da in der Mitte?" "Da stellen wir jetzt die Sachen drauf, auf die wir schießen." Dahinter lag ein Haufen Scherben, aber auch noch ein paar ganze leere Flaschen, Rodrigo stellte sie nebeneinander auf.

Wir gingen ungefähr zehn Schritte zurück, ich sagte "Das Holz fängt wohl die Kugeln auf, damit sie nicht auf dem Stein abprallen?" "Genau", erwiderte Rodrigo, "du denkst schon wie ein richtiger Schütze." Ich wurde beinahe rot, das war mal ein richtiges Lob. Aber dann sah es mies aus mit meinen Schießkünsten. Rodrigo zeigte und erklärte mir, wie man die Pistole lädt, auch wie zuletzt ein Stückchen Filz in den Lauf geschoben wird, der die Kugel drin hält. Ich verstand schnell, wie der Funken vom Feuerstein die Lunte entzündet und so weiter, aber beim ersten Mal hielt ich die Waffe wie einen Schürhaken ins Ofenloch und der Schuss ging irgendwohin ins Leere.

Rodrigo zeigte mir, wie man zielt, ich kniff ein Auge zu und strengte mich so sehr an, daß ich anfing zu wackeln, und dann bekam ich einen Krampf im Handballen und das tat so weh, daß ich nichts mehr anfassen konnte. "Leg' sie weg, schüttel die Hand aus. Sieh genau hin, wie ich es mache." Das tat ich, er drückte ab und ich sah, wie die Flasche in tausend Stücke zersprang. Er lud nach und knallte die nächste herunter, dann die dritte, ich rief "Lass' mich wieder!"

Es ging mehrmals daneben. Rodrigo stellte sich dicht hinter mich und fasste meinen rechten Arm am Handgelenk. "Halt sie genau so, daß der Lauf in der Linie zwischen deinem rechten Auge und der linken Flasche liegt, hast du?" "Glaub' ja." "Jetzt lass sie ganz wenig sinken, bis die Flasche auf dem Lauf steht, hast du?" Da hatte ich vor Anspannung schon abgedrückt. Ich hörte das Glas zerspringen. "Volltreffer!", rief Rodrigo und nahm meinen Kopf untern Arm, "Das war ein Meisterschuss!" "Hör' auf, du drückst mir die Luft ab!" "Meine Eleonore! Ich hab' gewusst, daß du's kannst."

Wir verbrachten den halben Tag dort. Zwischendurch sah ich wieder ganz schön mies aus, aber dann lief es plötzlich wie am Schnürchen. Schließlich hatten wir nichts mehr, auf das wir schießen konnten, nachdem alle Flaschen kaputt waren und wir auch bei den Bäumen nichts Brauchbares mehr finden konnten. Wir gingen zurück.

Als wir im Haus waren, sagte ich "Puh! Ich bin ganz schön ins Schwitzen gekommen. Ich kann auch noch den Pulverrauch an den Fingern riechen. Ich glaube, es ist gut, wenn wir ein Bad nehmen." "Ja, ich mach' dir Wasser warm." Rodrigo hantierte eine Zeitlang im Badezimmer herum. Als er kam, sagte ich "Wollen wir eine Runde Karten spielen?" "Ja, gern." Er holte die Karten aus der Schublade, "Soll ich dir eins zeigen?" "Ja." Es war ein Spiel, bei dem man so schnell wie möglich seine Karten nach Wert und Farben ablegen musste. Ich verstand nicht, wie Rodrigo mit den Zahlenwerten so gut zurechtkam, er erklärte mir, wie er es machte, aber das konnte ich noch weniger nachvollziehen.

"Schau' mal nach dem Wasser", sagte ich dann, und als er wiederkam, meinte er "Bitte schön, du kannst dich baden." "Willst du nicht mitkommen?" Er lachte, "In den Zuber? Da passen keine zwei Leute rein." "Hast du's ausprobiert?" "Ähm ... nein." "Na also. Und wenn's überläuft, wird Santo Domingo auch nicht in den Fluten versinken, oder?" "Ach nein", winkte er ein bisschen verlegen ab. "Was, nein?", fragte ich, und er sagte "Lassen wir's drauf ankommen."

Zugegeben, es war ein bisschen eng, wir mussten erst mit den Beinen irgendwie zurechtkommen, und das Wasser schwappte ein paar Mal über, aber es war lustig und auch wohltuend. Ich fragte "Kennst du noch einen Straßenkoch, den wir probieren können?", und Rodrigo sagte "Wenn's danach ginge, könntest du drei Wochen länger hierbleiben." Ich lachte, "Das geht leider nicht." Wir holten uns etwas mit Hühnerfleisch und einer fruchtigen Soße, dazu Bällchen aus Maniokmehl, die in Öl gebacken waren, ich fand, das Essen wurde immer besser.

Als wir in die Küche kamen, saß da ein Mann am Tisch. Ich griff schon unwillkürlich nach meiner Pistole, aber ich hatte sie ja gar nicht um. Rodrigo rief: "Ortiz! Wie bist du hier 'reingekommen?" Der Mann hatte langes, ungepflegtes, schwarzes Haar, einen kurzen Bart, in dem schon graue Stellen schimmerten, seine Lippen waren wie zu einem verächtlichen Ausdruck verzogen und seine kräftige Nase war rot und porös, lediglich seine Augen hatten etwas Einnehmendes.

"Aaach daaa!", sagte Ortiz mit einem fast sarkastischen Lächeln, "Alle Welt denkt, der arme Rodrigo hätte sich eingeschlossen und heult sich zu Tode wegen seiner kleinen Mathilde! Dabei vergnügt er sich heimlich längst mit einer anderen." "Halt's Maul, du Süffel!" "Darf man erfahren, wer die junge Senorita ist?" Ich schaute zu Rodrigo, ich wusste nicht, ob es angebracht wäre, wenn ich mich in ein Gespräch mit diesem Ortiz verwickeln ließe, aber Rodrigo sagte "Sie hat hier für drei Tage Quartier genommen, bevor sie morgen weiterreist, sie gehört zu Capitán Sanchez." "Und zu José López Talavan!", fügte ich bedeutsam hinzu. Ortiz schien beide zu kennen, ich meinte sogar, er sah mich daraufhin etwas höflicher an.

Rodrigo sagte "Also, was willst du?" "Na ja", meinte Ortiz und kratzte sich heftig am Hinterkopf, daß ich schon dachte, die Flöhe würden in Scharen aus seinem Haar hüpfen, "ich hätte da einen ... Interessenten für eine von den kurzläufigen Arkebusen." "Ich hab' nur noch eine." "Der will auch nur eine." "Die behalte ich selber." "Du liebe Güte, was willst du denn hier damit, da liegt doch jede Menge andres Zeug 'rum, womit du dich beschützen kannst." "Trotzdem. Ich behalt' sie."

Ortiz' Blick wechselte zwischen uns hin und her, als wollte er feststellen, ob wir uns ähnlich sehen. Dann sagte er "Na gut, wenn du das Geld nicht brauchst, bitte sehr. Lässt dich wohl von der Senorita aushalten?" "Mach' daß du 'rauskommst, Ortiz", sagte Rodrigo eher gequält als zornig. "Geh' ja schon." Wir ließen ihn vorbei, er hatte einen strengen Geruch, an der Tür drehte er sich nochmal um, "Sag' mal, Rodrigo, könntest du mir eine Flasche Wein spendieren? Aus alter Freundschaft." "Warte hier, ich hol' eine." Ich sagte "Ich mach' das", ich wollte mit diesem Kerl nicht allein bleiben. Nachher beim Essen merkte ich, daß ich auf seinem Platz saß und wechselte schnell den Stuhl.

Ich fragte Rodrigo, wer das gewesen sei. "Ein alter Seefahrer." "Aus Spanien?" "Aus Gran Canaria." "Auf was für Schiffen ist er gefahren?" "Hauptsächlich auf Piratenschiffen." "Und jetzt verschafft er dir Abnehmer für eure Waffen." "Da war schon lange nichts mehr. Er kommt her, wenn er Wein will." "Ach, dann war das vorhin nicht das erste Mal?" Rodrigo lachte, "Oh nein! Er sagt immer 'aus alter Freundschaft', verstehst du, das ist eine Freundschaft, die schon lange währt. Aber ich kann's ihm nicht abschlagen." Ich schwieg eine Weile, dann sagte ich "Wen meinte er mit Mathilde?"

Rodrigo fuhr hoch, "Ich hab's gewusst, daß du damit anfängst!" "Wieso denn? Ist es so ein Geheimnis?" "Es ist überhaupt nichts", entgegnete er schroff und schob sich besonders große Happen zwischen die Zähne. Ich schwieg, dann fragte ich "Wohnt sie hier in Santo Domingo?" Er schüttelte bloß den Kopf und machte ein Zeichen, daß er nicht mit vollem Mund sprechen kann. Ich sah ihn unverwandt an, dann knurrte er "Sie stammt aus einem Ort zehn Meilen westwärts, ihr Vater hat dort eine Plantage mit Zuckerrohr und Tabak, er ist sehr reich. So, jetzt ist es 'raus!" Ich ahnte, daß Rodrigo sich vergeblich um sie bemüht hatte.

"Ist sie hübsch?" "Ja, sehr. Können wir von was anderm reden?" Ich trank einen Schluck Wein, dann sagte ich "Weißt du, Rodrigo, wenn man immer alles in sich hineinfrisst, wird es auch nicht besser." Er starrte mich an und dann auf sein Essen, ich musste lachen "Nein, ich meine nicht das. Sondern all' die Dinge, die einem Schwierigkeiten bereiten. Du hängst hier ganz allein in diesem Riesenhaus herum und frisst das alles so in dich 'rein, bildlich gesprochen." "Was denn nur?" "Na, erst verpfändest du das Zeug, das dir nicht gehört ... denkst du, das kriegen die nicht irgendwann mit? Dann hast du einen Haufen Schulden und keinen Überblick drüber, und nun erfahre ich so nebenbei, daß dich der Liebeskummer plagt, worüber du ..." Er schnitt mir das Wort ab: "Ja, und glaubst du, ich hätte grade auf dich gewartet, damit du mir das alles noch mal so richtig aufs Brot schmierst!", dann senkte er den Kopf und saß reglos da.

Das traf mich wirklich hart, aber vielleicht brachte es mich zur Besinnung. Erstens ging es mich gar nichts an und zweitens ... da fiel mir wieder ein, was die gute Baukis einmal zu mir gesagt hatte: 'Manchmal finde ich, daß du es mit deiner Einfühlsamkeit ein bisschen übertreibst. Damit könntest du dir selber mehr schaden, als den andern zu nützen. Du kannst es nie jedem rechtmachen und die meisten danken dir deine Aufopferung sowieso nicht.'

Ich sagte zu Rodrigo "Tut mir leid, bin schon still." Damit war unsere Unterhaltung beendet. Als es dunkel wurde, legte ich mich schlafen. Aber in der Nacht wachte ich auf, weil ich Durst hatte, und als ich in die Küche ging, hörte ich aus einem der Zimmer seltsame Geräusche und wie ich näherkam, war's ein Mark erschütterndes Schnarchen. Ich öffnete die Tür und hielt den Kerzenleuchter hinein, den mir Rodrigo für die Nacht gegeben hatte, und da sah ich Ortiz mit offenem Mund auf dem Sofa liegen und die leere Weinflasche lag davor auf dem Boden.

Ich flüchtete mich in Rodrigos Zimmer, ich rief leise: "Rodrigo! Caporal Mendez!" Er richtete sich mühsam im Bett auf, "Was ist denn?" Ich sagte "Ortiz liegt unten auf dem Sofa." "Ja und?" "Du hast ihn doch fortgeschickt." "Ach lass' mal, er tut uns nichts." "Mir ist trotzdem mulmig zumute, kann ich bei dir schlafen?" Er überlegte, dann sagte er "Ja, warte, ich hole mir eine Matratze ..." "Ich meine, bei dir im Bett?" "Ach so ... na ja, wenn du unbedingt willst."

Ich löschte die Kerzen, das Mondlicht fiel durchs Fenster, ich legte mich neben ihn, ich sagte "Du schnarchst doch nicht etwa auch?" "Nein." "Das ist gut. Dieser Ortiz ... ich frage mich, wie er's geschafft hat, daß ihn seine Kameraden im Dunkeln nicht über Bord geworfen haben." Rodrigo lachte. Wir lagen eine Weile so da. Er sagte "Jetzt bin ich wach." "Ich auch. Soll ich wieder geh'n?" "Da läufst du womöglich Ortiz in die Arme, wenn er auf den Abort geht." "Keine schöne Vorstellung." Dann sagte ich "Soll ich was erzählen?" "Ja, da schlaf' ich vielleicht wieder ein." Ich boxte ihn in die Seite.

Er fragte "Wie war das dort in Capitán Sanchez' Haus?" (Ich hatte schon bemerkt, daß er große Stücke auf Sanchez hielt, er bewunderte ihn noch mehr als José Talavan.) Ich beschrieb ihm alles, auch Aurelia und Baukis, ihren Onkel Glaukos, den Scherenschleifer, und meinen Besuch bei Dona Teresa und Schwester Beatriz; Rodrigo hatte noch nie etwas von den unbeschuhten Karmelitinnen gehört und war sehr erstaunt darüber.

Dann erzählte ich ihm, wie ich durch José Talavans Vermittlung nach Sevilla in das Haus von Don Diego de Alderete kam und dort den Zwerg traf, der Hofnarr bei König Carlos gewesen war, wie er zumindest selbst behauptete. (Ich erwähnte auch Francisca und Alonso und sagte, daß sie beide sehr hübsch waren, und als ich von ihnen sprach, musste ich mich unwillkürlich dichter an Rodrigo drankuscheln.)

Dann erzählte ich die ganze Geschichte mit der Semana Santa und dem dreibeinigen Hündchen, das uns zu Serafinas Haus lockte und wie die kleine Serafina bei der Prozession ihre Mutter an Jesus Christus übergeben hatte. Ich fragte Rodrigo "Glaubst du, das ist wirklich geschehen?", und er sagte "Ja, warum nicht. Wenn es irgendjemand auf dieser Welt gibt, der so etwas organisieren kann, dann ist es unser Heiland." Ich schaute ihn im Mondlicht von der Seite an und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Auf einmal kam Rodrigo ganz von selbst mit der Sprache heraus, "Nur damit du's weißt, ich hatte nichts mit Mathilde." "Aber ich denke, du bist in sie verliebt!" "Ja, vielleicht. Sicher. Es ist nur so: sie ist unerreichbar für mich." "Wie Isabella." "Welche Isabella?" "Die Königin. Du hast gesagt, sie wäre unnahbar." Er empörte sich, "Ich bitte dich, Eleonore, wie kannst du denken, mich würde es nach der Königin verlangen!" Ich musste lachen, "Hab' ich ja nicht gesagt. Hat sie's denn bemerkt, die Mathilde? Ich meine, hast du's ihr zu verstehen gegeben?" "Ja. Mehrfach." "Und bist du sicher, daß es auch bei ihr angekommen ist?" Er zögerte, "Ja. Sie hat mir einen Brief geschrieben." "Oh, das ist doch schon mal ein Anfang. Was stand drin?" "Daß ich mich unterstehen sollte, sie länger zu belästigen."

"Ach herrje. Hast du dich dran gehalten?" "Ich konnte nicht." "Verstehe. Was hat sie getan?" "Nichts. Ihre beiden Brüder haben mir aufgelauert und gedroht, mir die ... mich zu verstümmeln, wenn ich nicht von ihr ablasse." "Du Ärmster", sagte ich und hätte ihn beinahe gestreichelt. "Nicht so schlimm, ich übersteh' auch das." Wir schwiegen eine Weile und starrten an die Decke, dann fragte ich "Willst du's nochmal versuchen?" "Was?" "Um sie zu werben?" "Hab' schon dran gedacht. Aber im Grunde ist es aussichtslos. Am besten wäre es, wenn ich von hier fortginge, dann käme ich nicht mehr in Versuchung."

"Aber das würden deine Gläubiger bestimmt nicht gutfinden." "Das ist es ja. Don Felipe hat mich schon gewarnt. Aber das ist nur, weil er mich unter Druck setzen will." "Inwiefern?" "Daß ich bei dieser Expedition mitmache." "Bei welcher Expedition?" "Na, sie haben da eine Truppe zusammengestellt, die von San Carlos aus in den Urwald von Amazonien vorstoßen soll, aber die meisten davon sind wohl ziemlich unerfahren, und ich war schon dreimal bei solchen Unternehmungen dabei, deshalb will mich Don Felipe dafür gewinnen."

Ich fragte "Was haben die denn vor?" "Das hat er mir nicht verraten, aber ich glaube, sie wollen den Sassembro hinauf." "Was ist der Sassembro?" "Ein Fluss, der von Süden aus dem Hochland kommt, wo die Inka angeblich eine ihrer größten Städte haben sollen." Ich sagte "Mal eins nach dem andern. Man kann auf diesem Fluss stromaufwärts fahren?" "Ja, warum nicht." "Ist das nicht sehr anstrengend?" "Alles auf diesem Kontinent ist anstrengend, hast du das noch nicht gemerkt?" "Hier 'rumsitzen ist nicht anstrengend." "Und ob! Ich muss ununterbrochen an Mathilde denken und an das, was ihre Brüder angedroht haben mit mir zu machen." "Jetzt hör' auf zu jammern. Bist du selbst schon mal den Sassembro hochgefahren?"

"Ja. Er hat den Vorteil, daß er keine starke Strömung hat, manche sagen, das liegt an seinem Flussbett, das natürlich noch niemand gesehen hat, aber es gibt so eine Theorie, daß jeder Fluss seine Eigenart durch sein Flussbett bekommt. Der Name Sassembro bedeutet soviel wie der Gemächliche, er hat auch fast keine Stromschnellen, er hat nur einen Nachteil." "Welchen?" "Mosquitos. Ich glaube, wenn man alle Mosquitos, die am Sassembro leben, zu einem Klumpen zusammenballen würde, gäbe es eine Kugel so groß wie der Mond", dann fiel ihm ein, "ich habe übrigens unten noch ein paar hervorragende Mosquitonetze." "Was für eine Expedition war das, wo du dabei warst?" "Ach, irgendsoeine schwachsinnige Unternehmung von einem Spanier, der für seinen Herrn, einen jüdischen Juwelier, auf der Suche nach Edelsteinen war."

"Nach Smaragden?" "Ja. Woher weißt du das?" "Ich habe auf der Überfahrt hierher einen Mann getroffen, der Smaragde bei sich hatte." "Hm", machte Rodrigo, "ich habe auch schon welche gesehen, mich reizen die Dinger nicht! Selbst wenn du welche hättest, ist es gar nicht so leicht, sie an den Mann zu bringen." "Zu verkaufen?" "Ja. Komm' erstmal an die Leute 'ran, die dir so was abnehmen würden, wenn du selbst nicht zu denen gehörst. Und dann müsstest du ständig Angst haben, daß du überfallen wirst und sie dir die Kehle durchschneiden."

"Ist das bei Gold etwa anders?" "Oh ja! Gold wirst du sofort los. Silber auch, und dann kannst du getrost für 'ne Weile verschwinden und dich ausruh'n. Auf Edelsteine würde ich mich nie einlassen, das können die Juden am besten. Juden und Zwerge, die raffen das Zeug nur so an sich und haben dabei keine ruhige Minute mehr." Ich musste lachen und an den Zwerg denken, den ich in Don Diegos Haus kennengelernt hatte.

"Wie weit kann man den Sassembro hinauf fahren? Du sagst, er reicht bis an diese Inka Stadt?" "Ach, wahrscheinlich nicht. Das sind nur Gerüchte. Sie haben es immer wieder versucht, eben weil man trotz aller Widrigkeiten besser vorankommt als auf dem Landweg, jedenfalls wenn man sich speziell dafür ausrüstet. Na ja, und dann war es auch so, daß man im Fluss Gold gefunden hat, nicht viel, aber immerhin so viel, um irgendwo am Oberlauf noch mehr davon zu vermuten. Manche meinten auch, es wäre das Gold, das die Inka in ihrer Stadt in die Gosse gekippt haben, die glaubten, man würde es dort von den Straßen kehren."

"Wie weit bist du damals gekommen?" "Auf dem Fluss? Schwer zu sagen, wenn man nicht weiß, wie lang er in Wirklichkeit ist. Aber wenn er aus dem Hochland kommt, dann dürfte er weiter oben nicht mehr ganz so gemächlich dahin fließen, und die Berge lagen noch in weiter Ferne." "Und jetzt glaubst du, Don Felipe will eine Expedition den Sassembro hinauf schicken?" "Könnte schon möglich sein." "Aber du willst nicht mit?" "Nee, da wär' ich ja verrückt. Da bleib' ich lieber hier, wo's mir gut geht."

Ich sagte "Du widersprichst dir auch in einem fort! Eben hast du noch Angst vor Mathildes Brüdern gehabt, jetzt fühlst du dich auf einmal wohl hier." "Ja, ich weiß. So ist das eben. Ich meine, jetzt, wo ich hier neben dir im Bett liege, da sollte ich mich doch nicht beklagen." Ich sagte "Glaub' nicht, daß noch irgendwas passiert!" "Eben! Ich hab' das Gefühl, als könnte mir nichts passieren." Ich drehte den Kopf und schaute ihn an, er starrte seelenruhig an die Decke, ich wurde nicht schlau aus ihm.

Eigentlich war ich schon viel zu lange in Santo Domingo; ich musste befürchten, daß Sanchez in San Carlos nicht mehr auf mich wartete. In dem Brief hatte er mir eine Adresse genannt, wo ich mich melden sollte, und ich war mir ziemlich sicher, daß ich dort nur eine weitere Nachricht von ihm vorfinden würde, aber es war bis jetzt nicht müßig gewesen, ihm auf diese Weise zu folgen, und außerdem glaubte ich nach wie vor, er sei selbst an José López Talavan dran. Rodrigo half mir, ein Schiff zu finden, und als ich mich von ihm verabschiedete, umarmte er mich, und ich konnte nicht anders als ihm ein Küsschen auf die Wange zu geben. Wir hatten gutes Wetter und günstigen Wind und der Kapitän sagte, wir würden in drei Tagen in San Carlos sein.

Es war mir schon eine liebe Gewohnheit geworden, während der Überfahrt über alles nachzudenken, was mir bisher widerfahren war und zu mutmaßen, was als nächstes geschehen werde. Ich sollte nachtragen, daß wir beim zweiten Versuch Don Felipe antrafen, er war nicht gerade zugänglich. "Was wollt ihr?", fragte er mürrisch; er saß hinter seinem Schreibtisch und würdigte uns kaum eines Blickes; er schien sich an Rodrigo nicht zu erinnern. Ich sagte "Mein Name ist Eleonore Junipher, ich komme wegen der Angelegenheit von Rodrigo Mendez." "Was ist mit ihm?", murmelte Don Felipe. "Er sitzt hier neben mir."

Er hob den Kopf und musterte erst mich, dann Rodrigo, dann fragte er "Wollt ihr heiraten?" "Was?" "Gewöhnlich kommen solche Leute wie ihr hierher, weil sie heiraten wollen, weil ihre Familien dagegen sind und weil sie sich von mir Geld borgen wollen, damit sie 'rüber nach San Carlos oder nach Cartagena schippern können, um sich dort von irgendeinem selbsternannten Priester trauen zu lassen." "Das ist hier nicht der Fall", versicherte ich. Da sagte er "Kenn' ich dich nicht von irgendwoher?" "Nein. Aber Senor Mendez kennen Sie." "Wen?" "Dios mio, Don Felipe! Können Sie vielleicht mal für drei Minuten aufhören, auf ihrem Blatt herumzukritzeln und uns Ihre Aufmerksamkeit schenken!"

Er schreckte hoch, und ich sah, wie das Blut in sein Gesicht schoss, und bevor er womöglich einen Zornausbruch bekam, sagte ich "Die Angelegenheit ist mir sehr wichtig. Ich bin seine Cousine. Ich bin extra aus Europa hergekommen, um mit Ihnen zu sprechen, Don Felipe, und ich werde nicht eher wieder gehen, als bis alles geklärt ist." Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, daß Rodrigos Knie anfingen zu zittern. Ich wusste selbst nicht, wie mir das 'rausgerutscht war, aber Don Felipe schien nicht unbeeindruckt von meiner Courage.

Er schaute Rodrigo an, dann sagte er "Bist du nicht der Bursche, der bei uns mit neunhundertzweiundsechzig Pesos in der Kreide steht?" Ich sagte "Mein Cousin leidet an einer angeborenen Rechenschwäche, er ist bei uns zu Hause sogar deswegen in ärztlicher Behandlung." Don Felipe sah mich groß an, ich fügte hinzu "Er ist absolut unfähig, mit größeren Summen umzugehen - und natürlich auch mit entsprechenden Geldbeträgen." "Ja und?" "Ja und deswegen bin ich hier." "Was willst du jetzt von mir?"

"Zunächst möchte ich mir einen Überblick über seine Schulden verschaffen. Sie sprachen eben von neunhundertzweiundsechzig Pesos, handelt es sich dabei um spanische oder um karibische Pesos? Soviel ich weiß, existieren Schuldscheine, könnte ich die bitte einsehen? Mein Cousin sagte mir, daß ein Teil der Schulden ..." Da fragte Rodrigo: "Ist das eine Karte vom Oloscojata Gebiet?", und er deutete auf eine Landkarte, die halbentfaltet auf Don Felipes Schreibtisch lag. Don Felipe, der sich während meiner Rede in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte, beugte sich plötzlich vor, während ich Rodrigo entgeistert und ein bisschen verärgert ansah, weil er mir dazwischengefahren war.

"Warum fragst du?" "Ich bin letztes Jahr den Sassembro mit hinaufgefahren." "Ah, ich wusste doch, daß ich dich von irgendwoher kenne! Du warst einer von denen, die sich abgesetzt haben, stimmts?" "So war es nicht", entgegnete Rodrigo ruhig und starrte weiter interessiert auf die Karte. Don Felipe fragte "Wenn du dich da so gut auskennst, kannst du mir vielleicht sagen, ob man hier - er breitete die ganze Karte aus und tippte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle - auf diesem Stück zwischen dem Nepper und dem Sassembro durchkommt?" "Der Nepper ist gar kein richtiger Fluss", sagte Rodrigo. "Ja, das wissen wir." "Aber Sie haben ihn hier als Fluss eingezeichnet." "Nur der besseren Übersicht halber. Also, kommt man da durch?" "Ich weiß nicht, ich hab's noch nicht versucht. Was hat dieses Zeichen zu bedeuten?" "Bitte? Ach, nichts weiter." "Soll da etwa das Schwarze Haus sein?"

Um mich wieder bemerkbar zu machen, fragte ich "Was ist das Schwarze Haus?" "Ach, nichts von ..." "Ein Heiligtum der Inka und zugleich ein Schatzhaus", erklärte Rodrigo, "es soll angeblich bis unters Dach voll von Gold und Edelsteinen sein." "Wie weit seid ihr letztens gekommen?", wollte Don Felipe wissen, und Rodrigo studierte die Karte genau, dann zeigte er auf einen Punkt, "Bis hierhin." "Bist du auf dem Fluss zurückgekehrt?" "Ja." "Womit?" "Mit einem Indianerboot." "Allein?" "Nein." "Würdest du die Gegend wiedererkennen können? Ich meine, würdest du dich beim nächsten Mal besser dort zurechtfinden?" "Ich habe nicht vor, nochmal da hin zu gehen." "Könnten wir jetzt vielleicht weiter über Rodrigos ... über Senor Mendez' finanzielle Situation sprechen?" "Und wenn ich dich zum Kommandeur der Expedition mache?" "Don Felipe, ich glaube, das steht jetzt nicht zur Debatte!" "Lassen Sie ihn doch entscheiden, Senorita."

"Nein. Wir haben das alles schon besprochen. Sobald diese Angelegenheit geregelt ist, kehrt Rodrigo mit mir gemeinsam nach Europa zurück. Er hat hier schon genug durchgemacht. Sie wissen wohl nicht, daß er sich bei der letzten Unternehmung eine lebensgefährliche Infektion zugezogen hat, die beinahe sein Ende bedeutet hätte." "Das tut mir leid", sagte Don Felipe ohne Rührung, "warum hast du eigentlich die Truppe verlassen?" "Weiß ich nicht mehr." "Die meisten von den andern hat es böse erwischt." "Hab' ich gehört." Da wurde ich wieder neugierig, "Was ist mit ihnen geschehen?" Rodrigo sagte "Sie sind den Inka in die Hände gefallen, man hat sie gefoltert und dann geopfert."

Plötzlich ging die Tür auf und eine schlanke und sehr energisch wirkende Dame kam hereingerauscht. "Wo ist das Schreiben aus Deutschland, Don Felipe! Geben Sie es mir." Don Felipe zog aus einem Stapel Papiere einen versiegelten Umschlag, "Hier, Senora Welser, es ist heute früh angekommen." Während sie das Siegel brach, den Brief auseinanderfaltete und las, betrachtete ich sie. Sie war vielleicht Mitte dreißig, wie gesagt von hagerer Statur, aber mit sehnigen Armen und Händen, ihre langen Finger mit den spitzen Nägeln wirkten wie Habichtfänge. Ihr Gesicht war schmal, mit einer ausgeprägten Nase und dünnen Lippen, die Wangenknochen traten deutlich hervor; am schönsten waren ihre blauen Augen und die geschwungenen Brauen darüber; ihre blonden Haare hatte sie zu einer nicht besonders akkuraten Frisur hochgesteckt, einzelne Locken hingen heraus.

Natürlich hatte ich gehört, wie Don Felipe ihren Namen nannte. Ich nahm allen meinen Mut zusammen und sagte "Verzeihung, Senora, sind Sie etwa mit Jakob Welser verwandt?" Sie warf mir über den Rand des Briefes einen Blick zu, "Wer will das wissen?" Ich stand auf und machte eine Verbeugung, "Mein Name ist Eleonore Junipher, ich komme aus Deutschland, genauergesagt aus Schmalkalden in Thüringen. Bei uns auf dem Markt waren auch immer Kaufleute der Welsers aus Nürnberg. Ich habe da manchmal für meinen Onkel etwas gekauft, sehr solide Ware, das muss man sagen, allerdings nicht ganz wohlfeil."

"Warum sind Sie jetzt hier?", fragte sie, und es schmeichelte mir, daß sie mich siezte. Don Felipe sagte "Sie will für ihren Cousin bürgen." "Moment mal, Don Felipe, davon war ..." Die Senora sagte "Ist das nicht der junge Caporal Mendez, der die Rüstkammer der Königin verschachert?"

Wie konnte ich ihn da noch verteidigen? Ich sagte "Soviel ich weiß, sind die Waffen im Umlauf und kommen demnächst zurück, ist es nicht so, Caporal?" Rodrigo war immer noch damit beschäftigt, die Karte zu studieren. "Und wegen einer solchen Bagatelle sind Sie extra hergekommen?" "Nicht nur deswegen", sagte ich und hatte auf einmal ein unbestimmtes Gefühl, als würde mir Senora Welser weiterhelfen können, "ich bin auf der Suche nach meinem Freund. Wir waren gemeinsam unterwegs, wurden dann aber getrennt, und wie ich erfahren habe, ist er bereits vor mir hier angekommen."

Don Felipe sagte "Ich denke, du willst mit deinem Cousin umgehend nach Europa zurück?" "Die Dinge haben sich inzwischen gewendet", entgegnete ich forsch. "Was können Sie?", fragte die Welser. "Bitte?" "Haben Sie irgendwelche Fertigkeiten?" "Nicht irgendwelche, Senora, ich habe bei dem berühmten Meister Riese das Rechnen gelernt." "Können Sie Bücher führen?" "Sie meinen Geschäftsbücher?" "Ja." "Mit etwas Übung vielleicht." "Würden Sie morgen vormittag um zehn noch einmal herkommen?" "Ja, warum nicht."

Rodrigos Angelegenheit blieb weiter ungeklärt, Don Felipe ließ sich nicht erweichen, uns irgendwie entgegenzukommen, er wollte auch die Schuldscheine nicht herausrücken, angeblich wusste er nicht, wo sie sind. Andererseits hatte er vergeblich versucht, Rodrigo für die Expedition zu gewinnen, in Wahrheit war ihm wohl bewusst, daß Rodrigo auch andere Fähigkeiten besitzt, als nur die äußerst nachteilige, sich beim Glücksspiel haushoch zu verschulden.

Ich ging andern Tags zu Senora Welser, die übrigens Adelheid mit Vornamen hieß und Jakob Welsers Tochter war. Sie bewirtete mich mit Limonade, Kaffee und Gebäck, eine Negerin brachte alles herbei, wir saßen auf Korbstühlen zwischen Palmen in Kübeln, in einem Käfig turnten zwei frabenprächtige Papageien herum und horchten auf unsere Worte, um dann und wann etwas nachzuplappern.

Die Senora kam unverzüglich zur Sache, sie bot mir eine Anstellung in ihrer Faktorei an. "Was ist da zu tun?", fragte ich. "Hauptsächlich die Korrespondenz zu führen - Sie können doch lesen und schreiben?" Ich bejahte es. "Sie könnten sich auch nach und nach in die Buchführung einarbeiten, selbstverständlich würde Sie jemand dabei anleiten." Ich sagte "Warum fragen Sie mich, Senora Welser, wo Sie mich nicht mal eine Stunde kennen? Ich bin sicher, sie fänden leicht jemand, der besser geeignet wäre?"

Sie winkte ab, "Ach, glauben Sie mir, so einfach ist das nicht. Die Leute lügen Ihnen was vor, daß sich die Balken biegen, wenn sie sich auf einen gutbezahlten Posten bewerben, aber es ist selten weit her mit ihren Fähigkeiten. Darf ich Ihnen nachschenken? Inzwischen bin ich zu der Einsicht gelangt, daß eine Frau wie Sie unter diesen Umständen mehr erreichen kann als irgendsoein Macho, der glaubt, er wäre der Größte." "Was ist ein Macho?" "Fast jeder Mann hier ist ein Macho, jedenfalls fühlt er sich so - wie der Gockel auf dem Hühnerhof." "Maaatschooo!", krächzte einer der Papageien.

"Ich will ganz offen zu Ihnen sein. Als mich mein Vater hierher schicken wollte, habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, ich habe gesagt, er soll einen meiner Brüder dafür einsetzen. Aber er bestand darauf, er stellte mich vor die Wahl, hierher zu gehen oder fortan selbst für mich zu sorgen. Im Grunde war es dann sowohl das eine wie das andere. Ich habe es niemals bereut. Ich habe hier die Zügel in der Hand und ich sorge dafür, daß unsere Familie und unser Unternehmen gute Geschäfte machen, wir sind momentan die bedeutendste Handelsgesellschaft in der Neuen Welt und ich will mein Scherflein dazu beitragen, daß es so bleibt."

"Mit Verlaub, Senora", wandte ich ebenso freimütig ein, "irgendetwas sagt mir, daß Sie dennoch ein Problem haben." Adelheid lachte aus vollem Halse, "Sehen Sie, meine Liebe, das ist es, weshalb ich es auf Sie abgesehen habe. Keiner von diesen Speichelleckern würde es wagen, mir so etwas ins Gesicht zu sagen." Sie trank einen Schluck aus ihrer Tasse und fuhr fort "In der Tat habe ich ein Problem, und zwar - wie könnte es anders sein - mit einem Mann." "Inwiefern?"

"Was ich vorhin über die Männer gesagt habe, muss man natürlich relativieren", schränkte sie ein, als habe sie sich zu einem voreiligen Urteil hinreißen lassen, "ich habe Gott sei Dank ein paar Mitarbeiter, auf die ich mich verlassen kann." Sie atmete tief durch, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander, was zu dem, was sie jetzt sagte, merkwürdig gegensätzlich wirkte.

"Ich nehme an, der Name Niklas Federmann ist Ihnen nicht geläufig." "Nein. Wer ist das?" "Darf ich Ihnen erst eine Gegenfrage stellen?" "Bitte." "Ihr Freund, von dem Sie gestern gesprochen haben, wie heißt er?" "Thomas Kross." Adelheid nickte wie zur eigenen Bestätigung, "Ich kann Ihnen sagen, wo sie ihn suchen sollten." "Ist das wahr?", rief ich und fühlte mein Herz höher schlagen. "Er ist mit ebenjenem Niklas Federmann unterwegs in den Urwald von Amazonien." Aus ihrer Stimme hörte ich einen Unterton heraus, der besagte, daß es sehr schwierig wäre, ihnen auf die Spur zu kommen. "In gewisser Hinsicht sind wir in einer ähnlichen Lage, Eleonore! Mein lieber Niklas, der übrigens mein Ehemann ist, hat sich bedauerlicherweise entschlossen, unsere Unternehmung, zu deren Anführer und Generalkapitän ihn mein Vater bestimmt hatte, auf eigene Faust fortzuführen. Er hat sich ein paar Männer angeheuert, die mutig genug waren, sich den Gefahren auszusetzen, die damit unweigerlich verbunden sind. Ich nehme an, er hat ihnen große Versprechungen gemacht - könnte das Ihren Freund bewogen haben, sich darauf einzulassen?"

Auch wenn ich Thomas in Senora Welsers Augen damit vielleicht gewöhnlich machte, musste ich das unwillkürlich bestätigen, ich wusste ja inzwischen, daß er es hier um jeden Preis zu etwas bringen wollte, worin ich andererseits nichts Verwerfliches erkennen konnte, ich war uneingeschränkt auf seiner Seite, seine Zielstrebigkeit und seine Entschlossenheit waren ja der Grund dafür, daß ich ihm solange folgen würde, bis ich ihn wiedergefunden habe.

Ich überlegte und wiederholte mir im stillen noch einmal Adelheids Worte, dann sagte ich "Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie die Tatsache, daß ich meinen Freund suche, dafür ausnutzen, den Niklas Federmann zu finden." Sie lächelte fast gehässig, "Es soll Ihnen reichlich vergolten werden, wenn es Ihnen gelingt", sagte sie, höchstwahrscheinlich mit derselben Berechnung, mit der ihr abtrünniger Mann seine Mannschaft geködert hatte.

"Sie werden doch nicht annehmen, daß ich mich mutterseelenallein da hin auf den Weg mache?" "Nein, das wäre ja der helle Wahnsinn", stellte sie nüchtern fest, und einer der Papageien krächzte: "Waaahnsinnn!" "Ist das etwa dieselbe Expedition, für die Don Felipe Caporal Mendez gewinnen wollte?" "Nein." "Sollte ich Rodrigo ... ich meine Caporal Mendez überreden, mich zu begleiten?" Adelheid zuckte mit den Schultern, "Ich weiß nicht, sagen Sie's mir." "Er will nirgendwohin, er hat die Nase voll von diesen Expeditionen." Da sagte sie "Das Haus, das er da angeblich bewacht, gehört doch dem Santiago Orden, nicht wahr?" "Ja, soviel ich weiß."

"Ach kommen Sie, Eleonore, Sie brauchen jetzt nicht so unwissend zu tun. Ich habe sofort gesehen, daß dieser Rodrigo nicht Ihr Cousin ist - sogar Don Felipe hat es gesehen. Würden Sie mir freundlicherweise erklären, weshalb Sie ausgerechnet dort Aufnahme gefunden haben?" Ich konnte nicht anders als ihr den wahren Grund zu sagen, daß ich nämlich zuhause in Schmalkalden José López Talavan und seine Delegation getroffen hatte, und er mich gewissermaßen dazu "verführte", nach Spanien zu reisen, daß ich dies aber in erster Linie getan hätte, um meinen Freund Thomas zu beschützen, auch wenn sich dann alles etwas anders als vorgesehen entwickelt hatte.

"Wo ist eigentlich José Talavan zur Zeit?", wollte Adelheid wissen, und ich erwiderte "Das kann ich nicht sagen." "Hm", machte sie, und ich sah, daß sie scharf nachdachte, dann fragte sie "Und was haben Sie jetzt vor?" "Ich will nach San Carlos", und bevor sie nachhaken konnte, fügte ich hinzu "ich habe auf der Überfahrt hierher eine Frau kennengelernt, die als Dienstmagd dort arbeitet, die möchte ich besuchen." Adelheid beugte sich vor und rief "Aber haben Sie denn schon wieder vergessen, was ich eben über Ihren Freund gesagt habe! Wollen Sie denn nicht seine Spur verfolgen?"

"Doch", versicherte ich ihr, "aber ehrlichgesagt will ich mich dabei nicht in eine weitere Abhängigkeit begeben. Verstehen Sie mich nicht falsch, Senora Welser, ich weiß Ihr großzügiges Angebot sicher zu schätzen, aber es ist doch so: wenn ich es annehme, komme ich so schnell nicht wieder von hier fort. Und wenn Sie andernfalls, wie ich Ihren Worten entnommen habe, meine Suche unterstützen wollten, dann würde ich mich Ihnen gegenüber in der Schuld fühlen, erst recht, wenn es mir nicht gelänge, Herrn Federmann ausfindig zu machen."

Ich erfreute mich schon fast selber an meiner Redeweise! Ich hatte doch tüchtig dazugelernt, seitdem ich von zu Hause fort war. Sie verfehlte auch nicht ihre Wirkung. Adelheid nickte bedächtig, dann sagte sie "Vielleicht können wir uns trotzdem einig werden, wenn ich Sie bitte, dem Niklas Federmann, falls Sie ihm begegnen, einen Brief zu übergeben. Ich würde mich hier auf der Stelle dafür erkenntlich zeigen, Sie können das Geld behalten, egal, ob Sie Erfolg haben oder nicht. Wäre das ein faires Angebot?"

Dann sagte sie, wieviel sie mir dafür geben würde, und bei dieser Summe konnte ich unmöglich ablehnen. Sie bat sich bloß aus, daß wir meinen Auftrag schriftlich festhalten und daß ich Ihr sobald wie möglich über den Ausgang Bescheid geben würde. Dafür und für den Empfang des Geldes sowie des Briefes (der sich in einer fest verschlossenen Ledermappe befand) unterschrieb ich.

Auf dem Rückweg überlegte ich, ob ich etwas von dem Geld Rodrigo geben sollte, damit er zumindest einen Teil seiner Schulden begleichen könnte. Ich fand ihn in der Küche am Tisch, wo er auf einem großen Bogen Papier etwas aufzeichnete. Es war exakt die gleiche Landkarte, die bei Don Felipe auf dem Schreibtisch gelegen und die Rodrigo sich offenbar genau eingeprägt hatte. Da erkannte ich erst, was für ein phänomenales Gedächtnis Rodrigo für solche Dinge besaß, worüber er bis jetzt kein Wort verloren hatte. (Nun wurde mir auch klar, wie er sich die Spielkarten merken konnte, nämlich allein anhand der Bilder.)

"Wofür machst du das?" "Nur so, aus Langeweile. Was hat die Senora gesagt?" Ich erzählte ihm alles, auch von dem Brief in der Ledermappe, die ich ihm zeigte, und daß ich mich bereiterklärt habe, den Auftrag zu erledigen, mir aber kein Nachteil entstünde, wenn ich diesen Niklas Federmann nirgends finden würde. Rodrigo sagte "Da steht wahrscheinlich drin, daß er alle seine Ämter und Privilegien verliert, wenn er sich nicht schleunigst bei der Gesellschaft zurückmeldet." "Meinst du?", fragte ich und staunte über seinen Scharfsinn. "Na klar. Und daß du dafür unterschrieben hast, ist der Beweis, daß man einen Boten losgeschickt hat, der ihm diese Aufforderung aushändigt, das kann dann vor Gericht gegen ihn verwendet werden." "Ja aber, wenn mir das nun nicht gelingt?" "Dann wird man dich fragen, ob du es wenigstens versucht hast und warum es nicht geklappt hat. Besser ist, du findest den Kerl und übergibst ihm die Mappe, dann bist du aus der Klemme 'raus."

Das gab mir zu denken und ich musste erkennen, daß mich Adelheid Welser doch irgendwie schamlos ausgenutzt hatte. Ich wollte natürlich nicht in die Streitigkeiten der Welsers hineingezogen und deswegen womöglich vor Gericht geladen werden. Andererseits hatte ich das Geld angenommen und war jetzt wenig geneigt, es zurückzugeben. Ich bot Rodrigo die Hälfte davon an, aber er lehnte ab, "Nein, lass' mal, ich komme auch so zurecht." Das ärgerte mich. Erstens weil ich damit die Sache allein ausbaden musste und zweitens klang es so, als sei Rodrigo ohnehin von mir enttäuscht, weil ich bei Don Felipe nichts für ihn erreicht hatte.

Ich war heilfroh, als Rodrigo am Abend zu mir kam und murmelte "Na gut, wenn du nicht alles brauchst, kannst du mir was davon geben." Das tat ich und es erleichterte zumindest mein Gewissen, wenn es mich denn auch nicht wirklich von meinem Auftrag und der vermaledeiten Ledermappe erlöste. Den verbliebenen (größeren) Teil des Geldes verstaute ich in einem Säckchen, nachdem ich den genialen Einfall hatte, es Thomas zu überlassen, damit er die Kaution, die Sanchez für ihn ausgelegt hatte, würde zurückzahlen können.

Als ich auf dem Schiff in den Hafen von San Carlos einfuhr, bot mir die Stadt einen prächtigen Anblick. Wunderschöne Häuser mit roten Ziegeldächern, mehrstöckige Villen mit schmucken Vorgärten entlang der breiten, sauberen Avenidas, die von Palmen gesäumt waren. Auf dem zentralen Platz mit der zweitürmigen Kathedrale herrschte ein geschäftiges Treiben, es war gerade Markt, und ich war von der Fülle des Angebots überwältigt, ach wie armselig waren dagegen unsere Markttage gewesen, die ich damals doch schon für außergewöhnlich hielt!

Ich hatte mir einen Burschen geangelt, der meine zwei großen Koffer und die Reisetasche auf einen zweirädrigen Handkarren lud und mir damit folgte. Beim Markt weigerte er sich, das Menschengewimmel zu durchqueren und schlug einen andern Weg vor. Ich hatte ihm Gerdas Adresse genannt, die sie mir bei unserer Trennung mitgeteilt hatte.

Dazu muss ich sagen, daß mich in jenem Moment, als ich meinen Fuß an Land setzte, ein sehr seltsames Gefühl überkam. Ich rechnete zwar, wie schon gesagt, damit, daß mir Sanchez hier lediglich eine weitere Nachricht hinterlassen habe, aber als ich jetzt ankam, merkte ich mit einem Schlag, daß ich mir dies nur wünschte und die bevorstehende Wiederbegegnung mit José López Talavan am liebsten noch weiter hinausgezögert hätte. Wie konnte das bloß sein? Ich kann es nicht erklären. Es war einfach ein banges Gefühl, wenn man so will: eine Angst, daß er mich längst vergessen haben könnte und höchst verwundert, ja vielleicht sogar abweisend wäre, wenn er mich erblickte, wo ich ihn doch gerade jetzt nur unnötig belästigte.

Ich hatte in den vergangenen Nächten ein paarmal von ihm geträumt, und jedesmal war er mir schöner und edler erschienen. Ich hatte, als ich erwachte, alles noch ziemlich klar vor Augen gehabt (was mir ansonsten selten widerfuhr) und so konnte ich nachträglich versuchen, mir in Erinnerung zu rufen, was geschehen war. Aber je näher ich ihm im Traum kam, desto unsicherer wurde ich selbst und desto mehr kam es mir so vor, als wollte ich nicht selber die Person sein, die dabei mitspielte, sondern nur jemand, die das Geschehen von einer gefahrlosen Warte aus beobachtet.

Schließlich träumte ich, wie mir die Bilder der Ywain Sage, die bei uns daheim im Kellergewölbe des Stadthauses an den Wänden prangten, lebendig wurden, und statt des Ywain war natürlich José López Talavan zugange, mit einem Löwen, der sich gleich geblieben war, aber mit einer völlig ausgewechselten Laudine!

Ich kann sie nicht genau beschreiben, ich weiß bloß, daß sie eine andere war, als jene, welche ich damals zum erstenmal gesehen hatte. Und da versuchte ich zu ergründen, ob diese andere Laudine etwas mit mir zu tun hätte, ob ich es am Ende selbst wäre, und ob sie mir nur deshalb so fremd erschien, weil mich der Zweifel plagte, ich könnte dieser Rolle nicht nur nicht gewachsen sein, sondern ich hätte mich unbemerkt in die Geschichte hineingemogelt, um den Helden über mein wahres Ich zu täuschen. Oh, ich hatte sogar das treffende Wort dafür gefunden: ich lag im beständigen Hader mit mir selbst!

Als wir am Platz mit der Kathedrale vorbei waren, blieb ich plötzlich stehen, drehte mich um und sagte zu dem Burschen "Halt! Ich habe es mir anders überlegt." Ich holte aus meiner Rocktasche den Zettel mit der Adresse, die mir Sanchez gegeben hatte und sagte, ich will dorthin. Er kannte sich aus und war keineswegs überrascht von meinem Sinneswandel; ich habe ihn dann auch reichlich entlohnt und kam mir dabei sehr vornehm vor.

Aber alle Selbstüberschätzung war im Nu verflogen, als ich das Haus betrat. Es lag in einem Garten mit wundervollen Blumen in allen Farben, die jede die andere mit einem besonderen Duft übertreffen wollte. Ich verweilte einen Moment inmitten dieses Blütenmeeres, ich hoffte, etwas von der verschwenderischen Herrlichkeit würde an mir hängenbleiben und mir einen unwiderstehlichen Zauber verleihen. Aber der Diener, der mir öffnete, sah mich an, als wäre er ganz sicher, daß ich mich in der Tür geirrt habe. Ich sagte, ich möchte zu Senor Sanchez. "Der ist nicht hier." "Und seine Exzellenz Don José López Talavan?" Er musterte mich aus seinen großen hellen Augen, "Haben Sie einen Termin bei ihm, Senorita?" "Ja. Sagen Sie ihm, Eleonore Junipher sei hier!" "Kommen Sie herein und warten Sie hier", sagte der Diener (ich hatte meinen braven Lastenträger zunächst am Tor stehenlassen).

Er war also doch da! Ich bekam vor Aufregung weiche Knie, ich schnupperte unwillkürlich an meinen Achseln, ob ich womöglich unangenehm nach Schweiß roch, ich hatte da seit zwei Tagen eine unreine, gerötete Stelle am Kinn, die jedem sofort ins Auge fallen musste, und mein Kleid hatte bei der Überfahrt am linken Ärmel einen Riss bekommen, den ich ich nur ganz notdürftig hatte ausbessern können. Und überhaupt, ich sah aus wie eine Vogelscheuche!

Die Miene des Dieners hatte sich merklich aufgehellt, als er sagte "Bitte folgen Sie mir, Senorita." Er führte mich in ein großes, elegant eingerichtetes Zimmer mit einer breiten Fensterfront, wo in der Mitte am Schreibtisch gerade drei Männer standen und in eine Unterredung vertieft waren. Sie sahen alle drei sehr ritterlich aus, sie trugen schwarze Kleidung mit karminroten Aufsätzen und goldenen Knöpfen, und darunter Hemden, deren blütenweißer Stoff am Kragen und an den Manschetten hervor ragte; sie hatten Lederstiefel mit Schäften, deren Stulpen bis über die Knie reichten, und an ihren Gürteln hingen lange schmale Schwerter mit kunstvoll gearbeitetem Handschutz über dem Griff.

Ich erkannte José Talavan sofort, er war noch genauso schön und von ungeheurer Männlichkeit wie an dem Tag, als ich ihn zum erstenmal gesehen hatte. Er kam auf mich zu und umarmte mich! Er war mindestens zwei Köpfe größer, und als ich an seiner Brust lag, hatte ich ein Gefühl, als würde ich zu etwas zurückkehren, das mir so lange schon eine tiefe Befriedigung versprochen hatte. "Sei gegrüßt, Eleonore! So hast du es also geschafft", sprach er, und ich quetschte eine Erwiderung hervor, die er hoffentlich nur halb verstanden hatte, denn es waren wirre Worte. Dann fiel mir nichts Besseres ein, als zu sagen "Euer Exzellenz, ich hätte Euch beinahe nicht hier vermutet."

Er lachte und erwiderte "Aber bitte, für dich bin ich ein einfacher hombre! Nenn' mich getrost beim Vornamen." "Sehr wohl ... Senor Talavan. Ich hoffe, ich habe Sie durch mein plötzliches Erscheinen nicht allzusehr gestört." "Nicht doch. Ich freue mich über die Maßen, dich wiederzusehen", er deutete auf die beiden Männer, "ich bin nur gerade etwas beschäftigt. Was hast du denn da am Kinn?" "Ach, das ist nichts!" Er sagte "Geh' zu Martika, sie hat bestimmt irgendetwas dafür, sag' ihr, sie soll dir dein Zimmer zeigen, und stärk' dich erstmal, wir sehen uns dann später, einverstanden?"

Ich machte einen Knicks und sagte "Vielen Dank, Senor José, ich bin überaus glücklich, daß Sie mich so großherzig aufgenommen haben." Damit machte ich kehrt, verließ das Zimmer und schloss leise die Tür hinter mir. Ich lehnte mich mit den Rücken daran und ließ meine Augenlider sinken, ich hörte die drei drinnen reden, José Talavans Stimme klang wie Musik in meinen Ohren, ich konnte mich nicht davon losreißen. "Ist alles in Ordnung, Senorita?" weckte mich der Diener aus meinem Taumel. "Ja ja, es geht mir gut. Senor Talavan sagte, ich soll mich an Martika wenden, können Sie mir zeigen, wo ich sie finde?" "Por supuesto, kommen Sie, hier entlang."

Martika war eine kleine, rundliche Frau im mittleren Alter, mit einem hübschen, freundlichen Gesicht und kurzen, kräuseligen Haaren auf dem Kopf, sie trug große goldene Ohrringe und hatte eine schöne hellbraune Haut. Sie war eine Mulattin. Etwas später habe ich sie gefragt, woher sie kommt (ich hatte sie eine Sprache sprechen hören, die mir völlig fremd war).

Da erklärte sie mir, daß ihre Mutter aus Westafrika stammt und als junge Frau mit dem Schiff hierher gekommen sei, ich glaube, sie verheimlichte, daß ihre Mutter eine Sklavin war. Jedenfalls heiratete sie einen hier ansässigen Portugiesen (der sie vermutlich freigekauft hatte), und weil der ein Weißer, ihre Mutter dagegen eine Negerin war, bezeichnete man sie selbst wie ihresgleichen als Mulattin. Sie erläuterte in diesem Zusammenhang auch, daß man die Kinder aus der Vereinigung von Weißen und Indios Mestizen und die Nachkommen von Europäern hierzulande Kreolen nennt. "Aber wir sind alles nur Menschen, Männlein und Weiblein", sagte sie lachend, und man konnte den breiten Spalt zwischen ihren beiden Schneidezähnen sehen.

An diesem ersten Tag führte sie mich auf mein Zimmer. Das lag im zweiten Stock des Hauses, unterm Dach. Es waren ein Bett, Tisch und zwei Stühle sowie ein Schrank darin, und aus dem Fenster hatte man eine herrliche Aussicht über die Dächer und auf gleich drei Kirchen, darunter die Kathedrale. Zwischen den Häusern standen überall Palmen, deren mächtige Wedel sich sanft im Winde wiegten, und hinterm Haus saßen jede Menge Vögel im Buschwerk und überschütteten einen mit ihrem Singsang. Am meisten aber fesselten meinen Blick die unglaublich hohen Berge, die im Hintergrund mächtig emporragten, ihre Gipfel schimmerten bläulich und weiß und sie schienen unnahbar. "Wo haben Sie Ihr Gepäck?", fragte Martika, und da erst fiel mir wieder mein Lastenbursche ein. Ich fand ihn an seinem Karren, wie er ein Nickerchen hielt. Er trug meine Sachen hinauf und zuletzt sagte er "Wenn Sie mich brauchen, Senorita, rufen Sie mich, ich bin meistens am Hafen." "Wie soll ich dich dort erreichen?", zweifelte ich. "Schicken Sie einfach einen von den Straßenstrolchen hin, die hier herumlungern."

Ich war wohl nach der Überfahrt und der Anspannung, in die ich durch das Wiedersehen mit José Talavan versetzt worden war, so erschöpft, daß ich, nachdem ich mich im Badezimmer gewaschen und dann bloß für einen Moment aufs Bett gesetzt hatte, einfach umgefallen und eingeschlafen war. Als ich erwachte, fielen die Strahlen der Morgensonne durchs Fenster herein. Ich zog mein Kleid an, warf einen Blick auf die fernen Berge, die aber im gleißenden Licht fast unsichtbar waren, und ging hinunter in die Küche, wo Martika herumhantierte.

Ich sagte "Buenos días, Martika! Haben Sie etwa den Riss an meinem Kleid ausgebessert?" "Ja, Senorita." "Aber das hätte ich doch auch selber gemacht." "Dafür bin ich da", sagte Martika, und ich bedankte mich. "Dann haben Sie mir auch die Salbe auf meinen Fleck hier verabreicht?" "Ja, ich wollte Sie nicht unnötig deswegen stören, Sie haben so schön geschlafen, Sie sind mir doch nicht böse, daß ich Sie berührt habe?" "Nein, gar nicht. Habe ich im Schlaf geredet?" "Bitte?" "Manchmal rede ich im Schlaf dummes Zeug." "Nein, ich habe nichts gehört." "Ist Senor Talavan da?" "Nein, er ist außer Haus." "Aber er kommt doch wieder?", rief ich beinahe erschrocken. "Natürlich. Er hat gestern noch nach Ihnen gefragt, doch als ich ihm sagte, Sie schliefen, meinte er, ich solle Sie nicht wecken. Möchten Sie frühstücken?" "Ja, gern, ehrlichgesagt bin ich hungrig." "Dann sind Sie hier am richtigen Platz", sagte Martika, und während sie mir alle möglichen leckeren Sachen vorsetzte, konnte ich sie ein bisschen ausfragen.

Ja, Senor Sanchez sei auch hier gewesen, aber schon seit einer Woche wieder weg. Ich erzählte ihr, daß ich in Santo Domingo aufgehalten worden wäre, weil ich mich um die Angelegenheit eines Freundes habe kümmern müssen, und Martika nickte und sagte, sie habe in Santo Domingo Verwandte. "Besuchen Sie sie manchmal?" "Ganz selten." "Sind Sie verheiratet?" "Ich war es, mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben." "Oh, tut mir leid. Haben Sie Kinder?" "Ja, einen Sohn und eine Tochter. Sie leben beide hier in San Carlos. Alejandro arbeitet in einem Kontor am Hafen, und Ariana ist Näherin."

"Näherin?", sagte ich, "meine Mutter und meine Schwester waren auch Näherinnen." "Ach ja? Aber wieso sagen Sie: sie waren es?" "Wir haben uns durch die unseligen Bauernaufstände und die Vergeltungsaktionen der kaiserlichen Armee verloren." "Oh je! Dann sind Sie auch deswegen aus Ihrer Heimat geflohen?" "Nein, das hatte andere Gründe." "Haben Sie Heimweh nach Hause?" "Nein. Aber ich muss manchmal an meinen kleinen Bruder und an meinen Onkel denken." "Dann schreiben Sie ihnen wohl oft." "???" "Verzeihung, ich habe oben in Ihrem Zimmer auf dem Tisch das Buch gesehen", sie meinte das Tagebuch, das ich dort offen liegen hatte, dann sagte sie schnell "Aber bei Gott, ich habe kein Wort davon gelesen!" "Können Sie ruhig, es stehen keine Geheimnisse drin ... na ja, ein paar vielleicht, die nicht für jedermanns Ohren bestimmt sind."

Dann fiel mir erst auf, was sie eben gesagt hatte. "Wie ist das denn mit einem Brief von hier nach Deutschland? Kommt der wirklich an?" "Ja, warum nicht. Sie müssen nur etwas Geduld einrechnen und den richtigen Auftragnehmer benutzen. Will sagen, es gibt natürlich ein paar Schlitzohren, die Ihnen eine Menge Geld abknöpfen und versprechen, ihn nach Europa zu befördern, und dann treibt er aufgeweicht im Kelemos." "Was ist das?" "Das ist ein Abwasserkanal, wo all' das Zeug hinein geschmissen wird, das keiner mehr haben will." "Können Sie mir so eine Gesellschaft nennen, die zuverlässig ist?" "Ja. Wenn Sie wollen, bringe ich Ihren Brief persönlich dorthin." "Das ist sehr nett von Ihnen, Martika, ich trage selbstverständlich die Kosten. Und übrigens, Ihr Frühstück ist Weltklasse!"

Am Nachmittag sagte mir Martika, Senor Talavan habe sich nach mir erkundigt, und ich ging sofort zu ihm, "Senora Martika hatte mir gesagt, Sie wären außer Haus, deshalb habe ich gewartet, andernfalls hätte ich mich gleich bei Ihnen gemeldet, Senor José." Er lächelte, ich glaube, er kam frisch vom Barbier, ein reizvoller Duft ging von ihm aus, und ich kam mir schon gleich wieder so mittelmäßig vor.

"Steht alles zum Besten?", fragte er. "Bitte?" "Bist du zufrieden mit unserm bescheidenen Quartier?" "Oh ja! Es ist alles ganz hervorragend, und Martika ist wirklich sehr freundlich zu mir." "Gut. Und nun erzähl' mir erstmal, was dir alles widerfahren ist. Hattest du denn meinen Brief mit der Einladung nach Sevilla erhalten?" (Ich dachte, darüber muss ihm doch Sanchez berichtet haben?) "Ja, das hat alles prima geklappt." "Und du hast bei Don Diego de Alderete eine Anstellung gefunden?" "Ja, er war äußerst großzügig." "Was hast du dort gemacht?" "Bitte?", fragte ich naiv und bekam einen Kloß im Hals. "Ich hörte, er suchte jemanden für die Unterrichtung seiner Kinder." "Genau. Das war meine Aufgabe." "Man sagte mir, Don Diegos Kinder seien sehr wissbegierig." "Oh ja! Schlau und äußerst wissbegierig."

Er schaute mich an, und ich wurde puterrot im Gesicht, ich hatte gewusst, daß das passieren würde. "Also war er zufrieden mit deiner Arbeit." "Ja, ich denke schon. Ich wäre bestimmt noch länger geblieben, aber die Ungewissheit über das Schicksal meines Freundes Thomas veranlasste mich, Sevilla zu verlassen und hierher zu kommen." José López sagte "Ja, das hat Sanchez erwähnt." Ich sagte "Ich habe vielleicht eine Ahnung, wo er sein könnte." "Wirklich!"

Dann erzählte ich ihm die Sache mit Adelheid Welser (außer das mit der Ledermappe). "Das könnte in der Tat eine Spur sein", stellte er fest, schränkte aber zugleich ein, "allerdings ist das ein Gebiet so groß wie ganz Spanien und ohne Hilfe wirst du da keinen Schritt vorankommen." "Ich weiß", erwiderte ich und schwieg. Er sagte "Du willst dennoch dranbleiben?" "Nur deshalb bin ich hier, Senor José ... ich meine, natürlich wollte ich auch Sie wiedersehen." Er lächelte abermals, und am liebsten hätte ich mich ihm auf der Stelle hingegeben.

Am frühen Abend hörte ich, daß José Talavan Besuch hatte. Sie saßen unten an der Tafel, und ich vernahm ihre Stimmen, es waren auch zwei Damen darunter. Ich war oben in meinem Zimmer. Eine Zeitlang hatte ich die Berge betrachtet, die sich immer deutlicher gegen den Abendhimmel abzeichneten, trotz ihrer Schroffheit übten sie einen ungeheuren Reiz auf mich aus. Dann machte ich ein paar Lichter an und begann, einen Brief an meinen Onkel zu schreiben, den ich dann unterbrach und einen zweiten an Baukis anfing, der zugleich an Serafina, den Zwerg und Aurelia gerichtet war.

Ich war so vertieft, daß ich nicht merkte, wie jemand in mein Zimmer kam. Es war José López, er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte "Eleonore, möchtest du nicht nach unten kommen, es sind ein paar Freunde da, das würde dich vielleicht ein wenig zerstreuen." Ich war gar nicht erschrocken gewesen und ich wünschte mir, daß seine Hand ewig auf meiner Schulter bliebe.

"Ähm ...", stammelte ich, "gerade habe ich mit diesem Brief ..." Verdammt! Er zog seine Hand weg und sagte "Oh, natürlich. Das ist wichtig. Dann bleibt mir nur zu fragen, ob du alles hast, was du brauchst." 'Ja. Nur nach Ihrer Gegenwart sehne ich mich rund um die Uhr!', hätte ich beinahe gesagt, aber stattdessen nickte ich bloß, "Mir fehlt nichts. Lassen Sie Ihre Freunde nicht wegen mir warten." "Gut, dann sehen wir uns morgen." "Ja, und buenas noches, Senor José!" Im Bett horchte ich noch eine Weile auf die Stimmen von unten, dann schlief ich ein und hatte einen süßen Traum.

Irgendwann merkte ich, daß mich der Geruch seines Stiefelleders schier närrisch machte, er zog mich an wie Baldrian die Katzen, ich hatte ihn ständig in der Nase. Ich ging zwischendurch zu Martika in die Küche, um an irgendetwas Scharfem oder Würzigem zu riechen, selbst der Knoblauch verschaffte mir Linderung. Ich dachte auch immer mehr darüber nach, wie ich herausfinden könnte, ob José Talavan etwas für mich empfindet, das über seine pure Freundlichkeit hinausginge oder unter ihr verborgen sei. Ich konnte kaum glauben, daß ihm meine Zuneigung entgangen war, zumal ich mich in einigen Situationen geradezu verraten hatte. Die alte Spannung erfasste mich wieder, wie ich sie vom ersten Augenblick an gespürt hatte. Ich wälzte mich vor Erregung nachts im Bett hin und her, tagsüber lauerte ich ihm im Haus auf wie ein Taschendieb, bis er um die Ecke kam und ich ihm scheinbar zufällig über den Weg lief. Aber da machte mich sein Stiefelleder so schwummrig, daß ich nur ein paar zusammenhanglose Sätze hervorbrachte, als wären meine Sinne vernebelt. Wie sollte ich da ein längeres Gespräch mit ihm überstehen?

Ich holte mir aus der Küche etwas Olivenöl und popelte es mit dem kleinen Finger in meine Nasenlöcher, um meinen Geruchssinn zu dämpfen. Dann klopfte ich bei ihm an, er rief "Komm' nur herein!" (Hatte er geahnt, daß ich es bin?) "Senor José, was mich schon die ganze Zeit beschäftigt: wo ist eigentlich Capitán Sanchez?" "Er trommelt eine Truppe zusammen." "Aha. Hat das etwas mit dieser Sache um Pizarro und die Prinzessin Anatixama zu tun?" "Du weißt darüber Bescheid?" "Nur was mir Sanchez in Sevilla gesagt hat. Demnach hat man sie und ihr Baby entführt, um es diesem Inka König zu übergeben." "Tehoguapa. So ist es."

Ich sagte "Was ich mich gefragt habe: gesetzt den Fall, er bekommt das Kind ... überreicht, wie kann er sicher sein, daß es wirklich das seiner Tochter ist? Ich meine, wenn sie ihm nun irgendein anderes unterjubeln? Oder wenn das Kind unterwegs verlorengeht und einfach ersetzt wird." José Talavan sagte "Man hat ihm eine Tätowierung gegeben." "Dem Säugling?" "Ja. Und das Symbol dieser Tätowierung befindet sich zusätzlich in einem Umschlag, welcher mit dem königlichen Siegel verschlossen ist. Er wird bei der feierlichen Übergabe geöffnet und dann wird festgestellt ..." "... daß beide Symbole übereinstimmen." "Richtig."

"Woher wissen Sie das eigentlich?" "Wir haben unsere Kundschafter, die das ermitteln konnten." "Hm-hm. Aber ich denke, die Entführer handeln gar nicht im Auftrag des Königs. Woher haben sie dann das Siegel?" Er sagte ohne zu zögern "Von Don Diego de Alderete." "Wie bitte? Sie haben doch so wohlwollend von ihm gesprochen!" "Nein. Ich habe mich lediglich nach deiner Anstellung bei ihm erkundigt, es ging mir um dich, nicht um ihn. Er ist nicht unser Freund."

Da fiel mir wieder etwas ein, "Capitán Sanchez hatte angedeutet, daß man mir die Anstellung in Don Diegos Haus nicht wahllos, sondern mit Absicht vermittelt hatte." "Ja, das stimmt." "Das heißt, ich sollte in Wahrheit dort spionieren?" "Hat das jemand von dir verlangt?", fragte José López mit fast besorgter Stimme, und es war diese Vergewisserung, die zu den Tatsachen im Gegensatz stand und die mich völlig verwirrte. "Nein, niemand. Trotzdem fühle ich mich ... ich weiß nicht, fast wäre es mir jetzt lieber, man hätte es ausdrücklich von mir gefordert." Da sagte er "Ich war dagegen", und für einen Moment schauten wir uns so tief in die Augen, daß ich unter seinem Blick beinahe ohnmächtig geworden wäre. Als ich mich wieder gefangen hatte, fragte ich so kühl wie ich konnte "Wann erwarten Sie Capitán Sanchez zurück?" José López zog die Stirn in Falten, "Er müsste eigentlich längst wieder hier sein."

An diesem Abend lag ich lange wach auf meinem Bett. Josés Worte hatten mir innerlich einen Stoß versetzt. Was war da nur los zwischen uns? War ich zu dumm zu erkennen, daß er mich die ganze Zeit in Gedanken behalten hatte? Daß er genau wie ich auf ein Wiedersehen hoffte? 'So hast du es also geschafft!', hatte er als Allererstes bei unserer Begrüßung gesagt. Mir war gleich diese seltsame Formulierung aufgefallen. Spricht man so zu jemandem, der mehr oder weniger unerwartet eintrifft? Oder nicht vielmehr zu jemandem, mit dessen Ankunft man schon lange insgeheim rechnet?

Ich kam nicht voran. Und das lag auch daran, daß ich nicht wusste, wie ich weiter vorgehen sollte. Ich tränkte des Nachts mein Bettlaken mit Schweiß und ich war mir ziemlich sicher, daß ich im Schlaf lauter verfängliche Sachen ausplauderte, die ich nicht mal in mein Tagebuch geschrieben hätte. Trotzdem scheute und schämte ich mich, bei der Vorstellung und bei dem Gedanken an ihn, auch nur einen Finger an mein Lustgärtlein zu legen, und mich von der qualvollen Begierde wenigstens für den Augenblick zu befreien.

Ich versuchte es jeden Tag neu auf die unschuldige, auf die keusche Art. Ich erzählte ihm von Caporal Mendez (es stimmte übrigens, wie Rodrigo behauptet hatte, daß er Hüter des Hauses in Santo Domingo war). "Ein lustiger Bursche, nicht wahr", sagte José Talavan, "vielleicht ein bisschen leichtsinnig. Aber er ist ja noch jung." Ich sagte "Ja. Und wenn man's recht betrachtet, ist er auch ganz hübsch." "Nun, das kann ich schlecht beurteilen", erwiderte er, und ich musste nochmal nachlegen. "Er ist unglücklich verliebt in ein Mädchen namens Mathilde, meine Güte, was hat er mir davon vorgeheult. Ihre Brüder haben ihm mit Gewalt gedroht, falls er sich ihr noch einmal nähern sollte."

Talavan lachte, "Ich bin sicher, er wird sich was einfallen lassen." "Wie meinen Sie das, José?" "Ich bitte dich, Eleonore, wenn ein junger Bursche verliebt ist und sich stark genug fühlt, dann gibt es doch kein Hindernis der Welt, das er nicht überwinden könnte, um zu seiner Geliebten zu gelangen." "Ja, da haben Sie wohl recht. Vielleicht ist dann sogar die Gefahr ein Ansporn. Und wie Sie schon sagten: er ist manchmal leichtsinnig und verwegen und stürzt sich Hals über Kopf in das Abenteuer." Er fragte "Ihr seid da wohl gut miteinander ausgekommen?" "Na ja, es ging so", sagte ich von obenherab, "er hat seine kleinen Macken, aber er kann auch ganz lieb sein ... ich meine ... er versucht manchmal den Kavalier zu spielen und das ist durchaus amüsant."

Talavan sagte "Er ist ein guter Kerl, aber leider vom Pech verfolgt." "Sie meinen seine Spielschulden?" "Ja, unter anderem. Hat er dir erzählt, daß er schon dreimal mit auf einer Expedition war?" "Ja. Auf einer ist er irgendwie abgehauen." "Die beiden andern waren noch weniger erfreulich. Er hat da nämlich so eine vage Vorstellung, er könnte als Goldsucher sein Glück machen." "Ach ja? Davon hat er mir gar nichts verraten." "Das ist auch nicht verwunderlich, er behält immer alles für sich." "Ja, das stimmt, ich musste ihn manchmal erst richtig nerven, bis er mit der Sprache herausrückte. Sie kennen ihn wohl schon lange?" "Seit seiner Kindheit. Sein Vater war mit mir befreundet. Er stammt aus einem Dorf in Estremadura." "Ich weiß. Alle machen ein großes Gewese um diese Gegend." "Ja! Sie hat auch was Besonderes und niemand kann seine Herkunft verleugnen." "Kommen Sie auch von da her, José?" "Nein, ich komme aus León. Warum schmunzelst du?" "Ach nur so, ich habe mich unterwegs vorsichtshalber öfter als Junge verkleidet, mit Hosen und Mütze und so, und da hatte ich den Namen León angenommen, von Leonore, verstehen Sie." Er lachte, "Das kann ich mir gut vorstellen. Obwohl du als Mädchen ja auch keine schlechte Figur machst ... oh, ich wollte dich jetzt nicht ..." "Keine Ursache", sagte ich und mein Herz hüpfte vor Vergnügen, daß er sich endlich mal eine Blöße gegeben hatte!

Irgendwann im Verlaufe unseres Gesprächs ließ die Wirkung des Olivenöls in meiner Nase nach und ich konnte wieder José's Stiefelleder wittern, das mich ganz huschig machte, ich schützte irgendeinen Grund vor und zog mich eilig zurück, aber ich ließ noch lange in mir nachklingen, was er über meine Figur gesagt hatte.

Ich kam auf die Idee, ganz am Anfang anzuknüpfen, in jenen Tagen in Schmalkalden, als wir zum erstenmal miteinander gesprochen hatten. "Senor Talavan" (ich konnte mich immer noch nicht entscheiden, wie ich ihn ansprechen sollte) "erinnern Sie sich, wie ich Ihnen damals in meiner Heimat ein Exemplar der Schmalkaldischen Artikel unseres berühmten Doktor Luther geben wollte?" "Ja, warum?" "Sie lehnten es ab mit dem Verweis auf die Inquisition, die derlei Schriften verdammt." "So ist es." "Aber eins wundert mich im Nachhinein: Sie nahmen es nicht an, und meinten doch, ich könnte mich glücklich schätzen, in einem Land zu leben, wo man solche Bücher ungestraft lesen dürfe." "Ja, das meine ich auch so."

"Verzeihung, José, ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber ist das nicht ein Widerspruch?" "Allerdings", sagte er freimütig, "ist unsere Welt nicht voll von solchen Widersprüchen, mit denen wir uns herumschlagen müssen?" "Ja, aber letztlich sollte man sich doch für eine Wahrheit entscheiden." "Ich denke, das tut man auch, das Leben selbst zwingt einen dazu. Siehst du, Eleonore, ich bin als freier Mann geboren worden und bin es bis heute geblieben. Das ist ein großes Glück oder vielmehr eine Gnade Gottes, davon bin ich überzeugt, denn die Menschen trachten nur danach, sich gegenseitig zu unterdrücken und einander die natürliche Freiheit zu rauben.

Dennoch gibt es immer ein paar kluge Köpfe, die das ändern wollen und die einen Zustand der Gleichheit unter den Menschen predigen, und es gelingt ihnen manchmal, die Leute dafür zu begeistern. Ich gestehe, auch ich war für solche Versuche immer empfänglich im Geiste. Aber ich musste zu oft erkennen, daß sie jeder realen Grundlage entbehrten und alles lief jedesmal darauf hinaus, daß bloß neuer Streit unter den Menschen entbrannte.

Und dann ist da noch etwas. Wie du vielleicht weißt, gehöre ich dem Santiago Orden an, ich habe einen Eid auf seine Satzung geschworen und ich werde bis an mein Lebensende treu meiner Königin dienen. Und zu diesem Dienst gehört nun mal das Bekenntnis zur Heiligen Katholischen Kirche. Ich versuche, die Toleranz als Tugend zu praktizieren, und ich bin wahrlich kein Anhänger der Inquisition, aber solange sie der Papst oder unser König nicht abschafft, muss ich sie akzeptieren."

Ich sog jedes seiner Worte förmlich von seinen Lippen und ich schaute ihm unverwandt in die Augen, ich war so fasziniert davon, daß er meinem Blick nicht auswich, sondern seine Rede vor mir wie vor einer edlen Dame bis zu Ende führte und zum Schluss wie mit Ergebenheit den Kopf senkte. In diesem Moment fühlte ich mich tatsächlich wie seine Laudine. Ich schwieg, dann sagte ich "Ist Ihnen eigentlich klar, José, daß Sie mein Leben verändert haben." "Wie konnte ich?" "Oh, nur keine falsche Bescheidenheit, Senor! Und glauben Sie nicht, ich würde mir nicht jeden Tag den Kopf darüber zermartern, wie ich Ihnen das vergelten könnte." Jetzt war er es, der nicht gleich etwas erwiderte, und als ich sah, daß er um eine Antwort verlegen schien, fügte ich hinzu "José! Ich würde Ihnen so gern etwas von mir schenken! Von meinem Herzen, von meiner Seele, von meinem Leib, von meiner ... Liebe. Wenn ich nur wüsste, daß Sie es annehmen."

Abends lag ich auf meinem Bett. José López hatte wieder Besuch, ich hörte ihre Stimmen. Ich wusste, daß er diesmal nicht heraufkommen und mich einladen würde, ich musste von selbst hinuntergehen. Aber ich wollte ihn mit niemandem teilen, und ich dachte, wenn ich nicht käme, würde er das hoffentlich als ein Zeichen oder eine Botschaft deuten können, eine Botschaft, die lautete: 'Ich sehne mich so sehr nach deiner Nähe!'

Allmählich konnte man an José López Talavan eine Unruhe wahrnehmen, weil Capitán Sanchez immer noch nicht da war. Ich bereute meine Offenbarung ihm gegenüber keinesfalls, und das beredte Schweigen, mit dem er sie aufgenommen hatte, gab mir die Gewissheit, daß meine Mühe wenigstens nicht umsonst gewesen war. Andererseits befürchtete ich, ihn in Bedrängnis zu bringen und vielleicht das Gegenteil dessen zu bewirken, was ich eigentlich erreichen wollte, wenn er betont auf Distanz zu mir ginge. Oh ja, wenn ich es recht bedachte, musste ich zugeben, daß durchaus ein egoistischer Zug in meinem Verhalten lag, aber ich kam immer mehr zu dem Schluss, daß selbst die Laudine des Helden Ywain etwas von weiblicher Tücke an sich gehabt haben musste, mit der sie ihn herausforderte.

Ich zwang mich, dem Geruch seines Stiefelleders und des sonstigen Duftes, der von ihm ausging, standzuhalten und ihn über die weiteren Pläne auszufragen, nach denen er und Sanchez in ihrer Mission vorgehen wollten. Talavan breitete eine Landkarte auf dem Tisch aus, die irgendwie jener ähnelte, welche bei Don Felipe gelegen hatte (aber vielleicht kam es mir auch nur so vor). Er tippte auf einen Punkt und sagte "Hier liegt Quevedo, eine der ältesten spanischen Siedlungen im Inka Reich." "Ist es eine große Stadt?" "Nein, nicht einmal ein Fünftel so groß wie San Carlos, aber es gibt eine Festung, in der man sich sehr sicher verschanzen kann." "Und da wollen Sie und Sanchez hin?" "Ja, das ist sozusagen unser Ausgangspunkt für alle folgenden Operationen."

"Wissen Sie denn, wo Pizarro gerade ist?" Talavan deutete einen Kreis an und sagte "Nach unseren Kenntnissen müsste er sich hier in diesem Gebiet aufhalten." "Wie haben Sie das erfahren?" "Es gibt zwischen den Dörfern dort und auch nach San Carlos einen regelmäßigen Handelsverkehr, nichts Nennenswertes, oft sind es nur eine Handvoll Maultiere, die alle zwei Wochen unterwegs sind, aber mit den Händlern kommen auch immer die neuesten Nachrichten hier an, und wir wissen definitiv, daß Pizarro hier in Urcuntirut war, das ist eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg zur Residenz des Tehoguapa."

"Zur sagenhaften Goldenen Stadt?" "Ja, so nennt man sie auch, aber bei den Völkerstämmen, die in diesem Territorium leben, hat sie noch hundert andere Namen." "Und wo befindet sich derzeit die Prinzessin Anatixama mit ihrem Kind?" "Das wissen wir leider nicht. Man hat sie angeblich zuletzt in Sisi-Cusi gesehen, das liegt hier." "Das ist doch ganz woanders." "Eben. Und deshalb ist diese Angabe nicht sehr glaubhaft."

"Wo fließt eigentlich der Sassembro?" "Der Sassembro? Der ist ... ähm ... hier, das müsste er sein", Talavan beugte sich tief über die Karte und ich rückte an ihn heran, strich meine Haare hinter die Ohren, und unsere Köpfe waren dicht beieinander, er sagte "steht da nicht was, das Sassembro heißen könnte?" Ich kam noch näher an seine Wange, "Wo?" "Na hier." "Ja, das könnte Sassembro heißen", bestätigte ich und stieß mit meiner Hüfte ganz sachte gegen seinen Körper. Er starrte auf die Stelle als überlege er etwas, "Hm!" Dann meinte er "Warum fragst du nach dem Sassembro?" "Caporal Mendez hat ihn erwähnt. Er sagte, manche behaupten, der Sassembro entspringt in der Nähe der Inka Hochburg." "Ja, aber er kommt aus einer anderen Richtung und hier gibt es ein sehr seltsames Gebilde, das man den Nepper nennt, das bis jetzt noch niemand heil durchquert hat."

José Talavan hatte sich aufgerichtet, und ich tat es ihm gleich, wir standen so nahe beieinander wie nie zuvor. Ich hob langsam meine rechte Hand und ich wusste nicht genau, was ich damit machen wollte, aber dann näherte sie sich wie von selbst seinem Gesicht und meine Fingerspitzen waren gerade dabei, seinen Mund zu berühren, da sagte er "Warst du denn eigentlich schon mal in der Stadt?" Ich zuckte zusammen und unter meinem Bauch geschah etwas, das sich so anfühlte, als würde sich ein aufgeblasener Frosch auspupsen. "Brauchst du vielleicht Geld, damit du einkaufen kannst?" Das konnte doch nicht wahr sein! Wie kam er auf so belanglose Dinge zu sprechen, wo wir kurz davor waren uns zu küssen! Ich war so aufgebracht, daß ich irgendetwas erwiderte und dann schnell davonlief.

Kaum eine Viertelstunde später kam ich zurück, ich sagte "In der Tat, Senor Talavan, ich hatte mir vorgenommen, heute in die Stadt zu gehen, um einige Besorgungen zu machen, unter anderem ein paar Dinge für das Essen, zu dem ich Sie morgen Abend einladen möchte." Er sah mich groß an, "Du gibst ein Essen? Für wen?" "Für uns beide. Jetzt schauen Sie mich doch nicht so komisch an!" "Ich bin ... das ist ..." "Was denn?" "Das wäre mir eine große Freude", sagte er, und ich lachte vor Erleichterung.

Und so sah mein Plan aus! Ich wollte ihm beim Essen meine Liebe gestehen, aber ich wollte ihm zugleich die Wahl lassen, sie entweder zu erwidern, wenn er etwas Gleiches für mich empfindet, oder andernfalls alles sinnliche Begehren nach ihm aufzugeben. Wie ich das schaffen sollte, war mir völlig unklar, aber ich rechnete ja immer noch mit einem Erfolg. Was sein Angebot, mir Geld zu geben, betraf, so lehnte ich es natürlich entschieden ab. Ich hätte mich beinahe sogar ein bisschen empört, aber er hatte es ja nur gut gemeint, auch wenn es total unpassend gewesen war.

Leider war Martika an diesem Tag nicht im Hause. Ich hatte vor, eins der Gerichte, die mir in Santo Domingo bei den Straßenköchen so gut geschmeckt hatten, zuzubereiten und Martika zu bitten, mir dabei zu helfen. Sie sollte zwar morgen wieder da sein, aber ich wollte noch heute die erforderlichen Zutaten einkaufen. Da kam mir der Einfall, Gerda, meine Bekanntschaft von der Überfahrt, zu besuchen, die mich ja ausdrücklich dazu ermuntert hatte.

Ich hielt Ausschau nach einem von den Straßenjungen vor unserm Haus und fand einen, der mir recht zuverlässig aussah. Ich schickte ihn zum Hafen, damit er Pedro (so hieß mein Lastenträger) Bescheid sagte herzukommen. "Senorita, am Hafen gibt es bestimmt ein Dutzend Pedros, welchen wollen Sie haben?" "Den mit der roten Mütze. Sag' ihm, wer dich schickt, er wird sich auf mich besinnen. Und sag' ihm, ich will mich selbst auf seinen Karren setzen." Ich gab dem Jungen ein Geldstück, und er rannte los.

Eine Stunde später kam Pedro, er hatte auf dem Karren eine Art Polster mit Lehne befestigt, wo man sitzen konnte ohne herunterzufallen. Ich nannte ihm Gerdas Adresse und er brachte mich hin. Sie freute sich riesig mich wiederzusehen, allerdings war der Zeitpunkt ungünstig. Wir verabredeten uns für den nächsten Vormittag. Ich erwähnte auch kurz das Essen, und sie versicherte mir, sie wüsste genau, wo ich das bekäme, was ich haben wollte. Dann musste sie mich wieder verabschieden, weil ihre Arbeit rief.

Auf dem Rückweg kaufte ich eine Flasche teuren Wein. Ich wusste, daß manche Sorten Rotwein eine steigernde Wirkung auf mein Lustempfinden ausübten ... Dios mio, was für ein Gesülze! Rotwein machte mich einfach juckig! Und so wollte ich José López verführen: angeschwipst und aufgeladen. Aus reinem Übermut kaufte ich in einem andern Geschäft noch eine zweite Flasche. Am Abend war Martika wieder zurück, ich eröffnete ihr die Sache mit dem Essen, und sie erklärte sich sofort bereit, mir dabei behilflich zu sein. Später lud ich sie zu einem Gläschen von dem Roten ein. Sie erzählte von dem Ausflug zu ihrer Schwester, und ich wurde auch ganz redselig, wir saßen da bis fast vor Mitternacht.

Anderntags stand ich zur besagten Zeit vor Gerdas Haus. Es gehörte, wie sie mir dann erklärte, einem spanischen, genaugesagt: einem sephardischen Juden, der es hier in der Neuen Welt zu ungeheurem Reichtum gebracht hatte. Leider war er fast ganz allein. Bis auf einen Sohn, der im vergleichsweise nahen Cartagena lebte, waren seine Nachkommen in die Ferne verzogen. Er hatte eine Geliebte, die vierzig Jahre jünger war als er und selbst drei Kinder von einem andern Mann hatte. Sie las ihm abwechselnd aus Dante's "Göttlicher Komödie" und aus Joshua Ben Pilaster's "Geschichte der spanischen Juden" vor.

Gerda hatte sich für heute freigenommen, und der Hausherr hatte darauf bestanden, daß sie mich mit ihm bekanntmacht. Er saß in einem prunkvollen Sessel (er konnte kaum noch gehen) mit einer indianischen Decke über den Beinen, und er gab mir einen formvollendeten Handkuss, wobei er mich aus seinen gütigen Augen anschaute. Er hielt meine Hand einen Moment länger fest und sagte "Senorita, Sie erinnern mich an eine Jugendliebe, mit der ich vor nunmehr fast siebzig Jahren eine heftige Affäre hatte." Ich erwiderte "Es fällt mir nicht schwer, Senor Maimonides, Sie mir dabei vorzustellen." Er lachte aus vollem Hals und wünschte uns beiden einen schönen Tag.

Ich hatte alles aufgeschrieben, was ich für das Essen brauchte, und Gerda ging mit mir zu einem Gemüsemarkt, wo man sie kannte und ihr die feinsten Waren anbot. Ich bezahlte natürlich. Später setzten wir uns bei einem Stand mit herrlichen Früchten in den Schatten und erzählten, wie es uns ergangen war. Gerda hatte sich in ganz kurzer Zeit hier eingelebt und sagte, es sei die klügste Entscheidung ihres Lebens gewesen, hierher zu kommen. Wir kauften noch allerlei andere Sachen ein, und irgendwann waren unsere Körbe proppenvoll. Gerda sagte, wir sollten alles in ihr Haus schaffen, wo ich es dann abholen könnte. Denn an diesem Tag war Jahrmarkt auf dem Platz mit der Kathedrale, und da wollte sie unbedingt mit mir hingehen.

Das lohnte sich wirklich. Es waren alle möglichen Händler aus der Umgegend hier, die ihre Waren ausgebreitet hatten. Bei einer Frau kaufte ich mir einen Hut aus Schafwolle (der mir später noch gute Dienste leisten sollte) und dann fand ich eine hübsche Halskette mit bunten Perlen, die ich natürlich am Abend anlegen würde. An einem Stand probierten wir ein Getränk, das schäumte und das wunderbar erfrischend war, aber auch sofort zu Kopf stieg, und wir mussten eine Weile über alles kichern.

Da entdeckte ich zwischen den Ständen eine alte Frau, die auf einer Holzkiste saß. Sie trug ein langes, dickes Kleid und eine mit orientalischen Mustern bestickte Weste. Ihre schwarzen Haare, die von grauen Strähnen durchzogen waren, hatte sie wie zu einem Turban gewunden und auf ihren Wangen waren lauter dunkle Pünktchen. An ihren Ohren hing mächtiger Schmuck aus Gold und Edelsteinen und wenn sie ab und zu den Leuten etwas zurief, konnte man einen breiten silbernen Zahn glänzen sehen. Sie hatte eine kräftige Nase und große Augen, die aus ihren Höhlen hervortraten, als wollten sie gleich herauskullern. Ihre Hände lagen auf dem Schoß, wie wenn sie ein aufgeschlagenes Buch hielte, und neben ihr stand aufrecht ein Junge in einem hellen Gewand, der wie unbeteiligt seinen Blick über die Menge auf dem Markt schweifen ließ.

"Was ist das für eine Frau?", fragte ich Gerda. "Eine Wahrsagerin. Für einen Peso liest sie dir aus deiner Hand." "Hast du das schon mal gemacht?" "Nein, ich glaube nicht an so was", und weil ich immer noch hinschaute, fügte sie hinzu "aber du kannst sie gern befragen, ich warte solange hier." Ich zögerte, doch irgendetwas lockte mich und ich hatte plötzlich den Wunsch, mein Schicksal zu erfahren. Na ja, im Grunde wollte ich auch wissen, wie es heute Abend laufen würde. "Ich bin gleich wieder da", sagte ich zu Gerda und ging zu der Frau. Ich hielt ihr ein Pesostück hin und fragte "Können Sie mir meine Zukunft vorhersagen?" Der Junge nahm das Geld und verharrte weiter in seiner Haltung.

Ich musste mich vor sie hinhocken. "Schließ' die Augen!", sagte sie, fasste meine rechte Hand mit ihrer linken, und dann fühlte ich ihren spitzen Fingernagel wie ein Federkiel über meine Handfläche fahren und die Linien auf der Haut nachzeichnen. Zwei- dreimal hielt sie inne und ging nochmal darüber hinweg, als würde sie sich Gewissheit verschaffen. Dann malte sie mit dem Finger einen kleinen Kreis, tippte ganz kurz in dessen Mitte und sagte "Drei kannst du nicht halten, einer kehrt zu dir zurück."

Sie ließ meine Hand los, und ich dachte: 'Das soll alles sein?' Ich wollte etwas sagen, aber es drängte schon eine andere Frau nach, ich erhob mich und ging zu Gerda zurück. "Und? Werden dir ab morgen goldene Haare zwischen den Schenkeln sprießen?" "Ach, pfff!", machte ich, "Ich glaub', das war 'rausgeschmiss'nes Geld." "Oh, tut mir leid, na wenigstens bist du jetzt von so was geheilt."

Nach zwei Stunden hatten wir so gut wie alles gesehen und machten uns auf den Weg zu Gerdas Haus. Ich hatte Pedro eine Zeit genannt, wann er sich dort einfinden sollte, und er war pünktlich zur Stelle. Er lud alles auf seinen Karren, ich verabschiedete mich von Gerda, sie wünschte mir viel Spaß für mein Abendessen, und ich trottete gedankenversunken hinter Pedro her; es war klar, daß mich der dumme Spruch der Wahrsagerin verfolgte.

"Pass doch auf, wo du hinläufst!", hörte ich Pedro rufen, als ein junger Bursche aus einer Seitenstraße gestürmt kam und beinahe mit ihm zusammengestoßen wäre. Er überquerte rasch die Straße, drehte sich halb um und entgegnete "Pass du selber auf, Muchacho!" Als er mich sah, rief er "Eleonore!" "Rodrigo! Was machst du denn hier?" "Ich bin gerade angekommen." "Wie? Und wer bewacht das Haus?" "Ortiz." "Na da wirst du eine schöne Bescherung erleben, wenn du heimkommst", sagte ich, als würde er in einer Stunde wieder abfahren. "Ach was! Das hat er schon mal gemacht, und außerdem gibt es da nicht mehr viel zu holen."

Da wurde mir schlagartig bewusst, was sein Auftauchen bedeutete, ich fragte ihn "Wo willst du hin?" "Zu Capitán Sanchez." "Der ist nicht da!" "Dann warte ich auf ihn." "Wo?" "In José Talavans Haus, Martika wird mir sicher ein Quartier geben." "Du kennst Martika?", rief ich und das Herz schlug mir bis zum Halse. "Ja, ich war schon mal hier, sie mag mich, sie wird mich nicht abweisen, und wenn José Talavan ..." "Ach Mensch, Rodrigo! Das ist wirklich ganz schlecht, daß du ausgerechnet jetzt hier aufkreuzt. Konntest du nicht noch eine Weile warten." Er sagte "Glaub' nicht, ich wäre dir hinterher gereist. Ich hatte längst meinen eigenen Plan gemacht."

"Das ist mir doch egal. Du kannst jetzt nicht zu José Talavan gehen!" "Natürlich kann ich. Wo soll ich denn sonst unterkommen." "Hör' mal, Rodrigo, ich gebe dir Geld, daß du heute Nacht in einer Herberge schlafen kannst." "Was soll der Unsinn?", dann fiel ihm ein: "Wo wohnst du denn?" "Auch bei José Talavan", gab ich kleinlaut zu. "Na bitte. Was ist nur auf einmal los, daß du mich nicht mehr leiden kannst?" "Das hat damit überhaupt nichts zu tun." "Ja, es scheint mir aber so. Wie auch immer, ich gehe jetzt zu Martika, die mich bestimmt freundlicher begrüßen wird als du. Auf Wiedersehen, Eleonore!" Er machte sich schnurstracks davon. Ich rief "Rodrigo! Caporal Mendez! Du kannst mit uns mitgehen, wir wollen auch da hin." Er blieb stehen und schien zu überlegen, dann murmelte er "Na gut, überredet." Ich holte meinen neuen Hut aus Schafwolle hervor und zog ihn über beide Ohren, um zu zeigen, daß ich kein weiteres Wort mit ihm wechseln wollte.

Das Unheil kam in geballter Ladung über mich. Martika schlug die Hände zusammen, als sie Rodrigo sah, sie rief "Noch eine Überraschung! Der Herr meint es heute gut mit uns." Ich fragte "Wieso? Was ist passiert?" "Senor Sanchez ist zurück!" Mir sank das Herz in den Schlüpfer. Ich hätte mich mit ihr freuen sollen, aber stattdessen kamen mir die Tränen und ich musste schnell auf mein Zimmer eilen.

Ich warf mich bäuchlings aufs Bett und schluchzte ins Kissen. Aber lange konnte ich mich nicht verstecken, und da klopfte es auch schon an die Tür, "Eleonore? Bist du da?" "Ja, was ist?" "Capitán Sanchez will dich begrüßen." "Bist du jetzt gleich wieder sein Laufbursche!", fauchte ich und wischte mir die Tränen ab. "Sei doch nicht so grob." "Bin ich aber! Und geh' weg von meiner Tür. Ich komme, wann ich will."

Dann sprang ich auf, "Warte! Rodrigo, bist du noch da?" "Ja." "Komm' mal herein." Er öffnete die Tür bloß einen Spalt breit, als befürchte er, ich würde mit dem Schuh nach ihm werfen. "Jetzt komm' 'rein, ich tu' dir nichts." "Weiß man's." "Setz' dich. Ich wollte dich fragen, ob du mir einen Gefallen tun kannst." Er blähte die Backen und presste die Luft durch die Lippen, "Wenn ich's recht bedenke ..." Ich sagte schnell: "Das war vorhin nicht so gemeint. Wir sind doch immer noch gute Freunde!" "Sind wir das?" "Natürlich! Und Freunde tun sich gegenseitig einen Gefallen." "Was willst du?"

"Hör' mal, wenn die Rede darauf kommt, daß wir beide gemeinsam das Haus in Santo Domingo bewacht haben, oder wenn José Talavan danach fragt, dann deutest du an, daß es uns keineswegs langweilig war, sondern daß wir uns die Zeit auf's angenehmste vertrieben haben." Er schaute mich ungläubig an. "Hast du das verstanden?" "Du meinst, wir haben 'rumgemacht?" "Na ja ... ja." "Aber das stimmt doch gar nicht." "Wieso denn nicht? Darf ich dich dran erinnern, daß wir zusammen gebadet haben!" "Das war doch bloß ..." "Und zusammen in einem Bett geschlafen haben." "Ja, aber nicht miteinander." "Gggrrrr! Rodrigo! Jetzt sei mal nicht so kleinlich." "Warum soll das überhaupt so aussehen?" "Das erklär' ich dir später. Also abgemacht!" "Hm, na gut. Aber du musst mir dafür auch einen Gefallen tun." "Ja, klar, was du willst."

Wir gingen nach unten und ich begrüßte Sanchez, der ein bisschen so aussah, als hätte er zwei Wochen auf einem Floß verbracht. Aber ich freute mich auf einmal doch sehr, ihn wiederzusehen. "Sterntaler! Mein tapferes Mädchen. Entschuldige, daß ich dich in Santo Domingo zurückgelassen habe ..." Rodrigo glaubte, sein erstes Stichwort sei gefallen und rief: "Oh, sie ist sehr gern bei mir geblieben!" "Was? Na dann muss ich ja kein schlechtes Gewissen haben", lachte Sanchez. Da kam Martika hinzu, "Senorita? Wie ist das denn jetzt mit dem Essen. Immer noch nur für zwei?" José Talavan sagte "Martika, wir haben doch bestimmt ein paar Vorräte für alle Fälle ..." "Haben wir. Soll ich dann für vier eindecken?" "Ja, bitte", sagte er, und ich sah alle meine Hoffnung auf einen Abend und eine Nacht mit ihm allein endgültig schwinden.

"Nun muss ich aber erstmal ein Bad nehmen", rief Sanchez, "wir sehen uns dann später, ach was bin ich froh, wieder bei euch zu sein!" Damit verschwand er. José Talavan sah uns beide an, da legte Rodrigo den Arm um mich, Talavan lächelte und sagte "Eine Trennung ist immer schwer zu ertragen." "Nein, das ist nur ...", wollte ich einwenden, doch Rodrigo rief mit übertriebenem Ausdruck: "Endlich kann auch ich meine Geliebte wieder in Armen halten."

Das ging den ganzen Abend so weiter. Eigentlich wollte ich José Talavan eifersüchtig machen, aber ich glaube, er durchschaute unser Spiel, er amüsierte sich sogar, wie mir schien, an Rodrigos Darstellungskünsten, die einfach nur lächerlich waren. Das hatte ich mir selbst eingebrockt und nun konnte ich schlechterdings nicht heraus aus meiner Komödie. Ich suchte Halt und Heil beim Wein, ich hörte nur noch mit halbem Ohr auf das Gespräch, ja zuletzt stieß ich sogar Rodrigo unsanft zurück, wenn er mich betatschen wollte. "Jetzt sei nicht so aufdringlich! Du kannst es wieder mal kaum abwarten, was?", lallte ich, und das waren so ungefähr die letzten meiner Worte, die ich noch selber vernahm.

Als ich am nächsten Tag in meinem Bett erwachte, fielen die Sonnenstrahlen durchs offene Fenster und die Vögel unten im Buschwerk machten ein Heidenspektakel. Rodrigo kippelte, die Beine ausgestreckt bis aufs Fensterbrett, auf einem Stuhl und pfiff leise vor sich hin. Als ich gewahrte, daß ich nur in Unterwäsche war, rief ich "Hast du mich ausgezogen?" "Buenos diás por la manana, liebe Eleonore! Freilich. Du hast es mir ja befohlen." "Ich sollte dir befohlen haben, mich auszuziehen? Was für eine Frechheit!" "Immer sachte, Sterntaler, ich habe nur getan, was du von mir verlangt hast. Ja, eigentlich noch viel weniger."

"Was soll das heißen? Und nenn' mich gefälligst nicht Sterntaler, das steht dir nicht zu." "Ach herrje, ist unsere Beziehung schon so schnell am Ende." "Sie hat gar nicht angefangen", knurrte ich und wollte aufstehen, aber in meinem Kopf drehte sich alles, "so albern, wie du dich gestern aufgeführt hast, konnte das ja nichts werden." Rodrigo tat beleidigt, er nahm die Füße vom Fensterbrett und sagte ganz ernsthaft "Ich wollte dir nur nützlich sein." "Ja", erwiderte ich, "das Gegenteil von gut ist gutgemeint."

Er sagte "Du hast dich auch nicht gerade mit Wohlgefallen bekleckert." "Wieso? Was habe ich denn gemacht?" "Glaub' mir, Eleonore, das willst du gar nicht wissen." "Sag's mir!" "Frag' Sanchez oder besser noch José Talavan, dem bist du ja mächtig auf die Pelle gerückt." "Scheiße! Ist das wahr?" "Von mir erfährst du kein Sterbenswörtchen." "Idiot." "Danke." "Geh! Ich will mich anziehen. Warum bist du überhaupt hier?" Ich warf einen Blick aufs Bett, "Hast du etwa hier geschlafen?" "Nein. Aber daß du das fragst, zeigt nur, daß du keinen blassen Schimmer mehr hast, was passiert ist, und deshalb solltest du vielleicht nicht so vorlaut sein. Hasta luego! Sterntaler!" Damit ging er hinaus.

Ich machte mich frisch und schlich mich zu José Talavans Arbeitszimmer. Er stand da mit Sanchez am Tisch und die beiden besprachen offenbar ihr weiteres Vorgehen. Als Sanchez mich sah, rief er lachend "Leonora! Hast du deinen Rausch ausgeschlafen?" (Oh Gott, war mir das peinlich!) Ich ging gar nicht darauf ein und sagte "Ich wollte Ihnen das Geld geben, das sie für Thomas ausgelegt haben, um ihn aus dem Gefängnis zu holen." Er winkte ab, "Behalt' das mal. Ich hol's mir schon irgendwie von dem Bengel wieder." Talavan wollte wissen, was es damit auf sich habe, und Sanchez erzählte es ihm.

Dann wandte sich José López an mich und fragte "Willst du jetzt trotzdem weiter nach ihm suchen?" "Nach Thomas? Wieso fragen Sie das?" "Nun ja, gestern schien mir, daß du und Caporal Mendez ..." Sanchez bemerkte wohl, wie ich bebte, er rief "Das war doch nur Spaß, nicht wahr?", ich nickte heftig, aber die Tränen traten mir in die Augen, "Rodrigo ist ein pfiffiger Kerl, aber er ist viel zu schüchtern für einen Liebhaber, hab' ich Recht?" "Ja, stimmt. Außerdem hat er seine Mathilde." Sanchez lachte, "Und mit der hat es auch schon nicht geklappt." Da sagte ich leise "Ich würde mich aber deswegen nicht über ihn lustig machen." Sanchez verstummte und legte seine Hand auf die Brust, "Dios mio! Ich wäre der letzte, der dies tun würde." Talavan fragte ihn "Hat er eigentlich schon gesagt, was er vorhat?" "Mir nicht." "Mir auch nicht."

Ich hatte überlegt, ob ich mich bei José López für mein Benehmen gestern Abend entschuldigen sollte, womöglich auch nur indirekt, denn ich wusste ja nicht, was vorgefallen war. Ich konnte mich partout nicht erinnern, ihm auf die Pelle gerückt zu sein, wie Rodrigo behauptete. Vielleicht wollte der mich auch nur unter Druck setzen, damit ich ihm den "Gefallen" tue, den ich ihm versprochen hatte.

Ich suchte ihn und fragte "Was soll ich für dich tun?" "Bitte?" "Als Gegenleistung für die Sache von gestern Abend." "Ach, ich dachte, ich hätte's vermasselt." "Hast du auch. Trotzdem stehe ich zu meinem Wort. Also was willst du?" Er druckste herum, "Na ja, ich habe da ein kleines Problem ..." "Du brauchst Geld." "Hm-hm." "Ich hab' dir doch in Santo Domingo was gegeben?" "Davon habe ich die Überfahrt bezahlt." "Ich hatte dir extra mehr angeboten." "Ich weiß, ich wollte dich nicht schröpfen. Du warst immer so nett zu mir ... jedenfalls bis wir uns hier wiedergetroffen haben." "Wofür brauchst du's?", fragte ich und dachte: 'jetzt erfahre ich als erste, was er vorhat'. "Komm' morgen früh mit mir in die Stadt." "In Ordnung."

Wir gingen zu einem Haus in der Nähe des Hafens. Im Hinterhof hatte ein Händler seinen Lagerraum, über dem Eingang hing ein Schild, auf dem stand: Equipo para Buscadores de Tesoros - Ausrüstung für Schatzgräber! Ein Hund kläffte uns böse an, blieb aber auf Abstand. Rodrigo öffnete die Tür, eine Schelle bimmelte, ich folgte ihm. Drinnen war alles über und über mit allem möglichen Zeug vollgestopft, es roch wie in einem alten Geräteschuppen, nach Gewürzen und nach irgendetwas Fremdartigem.

"Hasan Farudin!", rief Rodrigo in den Raum, er drehte sich zu mir um und sagte "Er ist ein Maure, seine Vorfahren dienten den Kalifen von Cordoba", dann wiederholte er seinen Ruf. Aus dem Hinterzimmer kam ein kleiner dicker Mann mit einem vollen Gesicht und einem langen, glatt herabgekämmten Bart, der wie angehängt von einem Ohr zum andern reichte. Er trug ein schlichtes Leinengewand mit weiten Ärmeln, das über seinem Bauch bis zu den Füßen reichte, und auf dem kahlen Kopf eine bestickte Kappe. Er lächelte, aber aus seinen Äuglein funkelte es listig.

Als er uns sah, rief er "Caporal Mendez! Gepriesen sei der Prophet Mohammed, der dich hergeführt hat." Sie umarmten sich, dann wandte er sich mir zu, "Oh, welch doppelte Labsal für meine Augen, diese schöne Senorita an deiner Seite zu sehen." Ich nannte meinen Namen und begrüßte ihn, er roch ein bisschen nach Knoblauch und nach diesem andern mir unbekannten Zeug.

"Kommt nur herein", winkte Farudin, "hier in mein Gästezimmer. Seltsam, seltsam! Heute morgen ganz in der Frühe hatte ich so einen Geistesblitz, ein Gedanke ... schnell wie ein Fisch im Wasser, flink wie ein Wiesel, geschwind wie eine Schwalbe im Fluge ... da war mir, als würde ich heute unverhofft Besuch bekommen ... aber nun seid ihr da und ich werde nicht mehr länger warten." "???"

Sein Gästezimmer war ungefähr genauso voll wie der Vorraum, nur daß in der Mitte ein halbwegs freies Plätzchen mit einem prächtigen Teppich war, wo sich ein durchgelegener Diwan und zwei riesige lederne Sitzkissen um ein halbhohes, rundes Tischchen aus Edelholz befanden. Der Diwan sah aus, als würde Hasan Farudin die meiste Zeit des Tages und die ganze Nacht darauf verbringen, er war mit allerhand Kissen ausgepolstert und mit zwei oder drei völlig verrutschten Decken belegt.

Auf dem Tischchen lagen irgendwelche Utensilien und eine Tabakspfeife mit einem Röhrchen so lang wie eine Storchenfeder. (Ich hatte so eine Tabakspfeife in Don Diegos Arbeitszimmer gesehen, wo auch sein großer Globus stand, aber ich wusste nicht, wie man sie gebraucht.) Aus dem Näpfchen entstieg ein geheimnisvoller weißer Rauch und breitete sich sanft wie ein Brautschleier aus.

Farudin plumpste auf den Diwan, und wir nahmen auf den Sitzkissen Platz, die sehr bequem waren. Er breitete die Arme aus und sagte zu mir "Dies ist mein kleines Königreich, gefällt es Ihnen?" "Man sieht, daß Sie sich wohlfühlen." Er lachte und man sah seine schlechten Zähne. "Was ist das, was Sie da rauchen, es duftet wunderbar." "Das ist ein Geschenk Gottes, das er uns gegeben hat, nachdem er mit seiner Schöpfung fertig war und einen abschließenden Blick darauf geworfen hat, man nennt es Haschisch. Möchten Sie probieren?" "Ach nein, ich schnuppere bloß so."

"Soviel Sie wollen. Beim Propheten, Rodrigo!", wechselte er urplötzlich seinen Ton und war auf einmal gar nicht mehr so herzlich, "Ich habe durch dich einen gehörigen Verlust erlitten. Das hat mir schlaflose Nächte bereitet." Rodrigo sagte "Ich weiß, Don Farudin. Aber wäre ich jetzt hergekommen, wenn ich es nicht wiedergutmachen könnte!" "Wer weiß", entgegnete Farudin, "vielleicht denkst du, die Anwesenheit der Senorita würde verhindern, daß ich dir die Kehle durchschneide und deine Leiche in den Kelemos werfe."

Mir wurde ein bisschen mulmig, dennoch sagte ich "Senor Farudin, das würde ich nicht zulassen." Er lachte wieder und klatschte sich auf die Schenkel, dann nahm er einen Zug aus seiner Pfeife, bließ den Qualm durch die Nasenlöcher aus, was urkomisch aussah, und sagte "Das war doch bloß ein Scherz, meine Verehrteste", und bevor ich erleichtert aufatmen konnte, fügte er hinzu "Was sollte ich denn dann mit Ihnen machen?" Ich zwang mir ein Lächeln ab. Rodrigo sagte "Don Farudin! Bevor ich Ihnen alles auf Heller und Pfennig zurückgebe, möchte ich Sie bitten, mir noch ein letztes Mal eine Ausrüstung zur Verfügung zu stellen."

"Hm!", machte Farudin und ruckte dabei mit dem ganzen Oberkörper nach hinten, als wäre er sehr vergnügt über Rodrigos flehentliche Bitte, "Und wie denkst du, mein Junge, wirst du dir das leisten können?" "Ich gebe Ihnen ein Zehntel von meiner Ausbeute, darauf geben Sie mir einen Vorschuss in Form der Sachen, die ich mitnehme." (Ich dachte: 'Woher hat er auf einmal seine Rechenkünste?') "Hm!", machte Farudin wie zuvor, "Von mir bekommst du nicht mal ein Stückchen Bindfaden ohne Sicherheiten."

Da wurde mir klar, weshalb Rodrigo mich mitgenommen hatte. Ich sagte "Ich gebe Ihnen die Sicherheiten, soweit sie nicht übertrieben sind, ich werde keinen Wucher fördern. Wenn Sie nicht einverstanden sind, kommen wir nicht ins Geschäft." "Ha! Schau' an, die Senorita hat Format. Weißt du, meine Kleine, ich bin in einem Dorf aufgewachsen, da sind die Frauen alle mit einem Schleier verhüllt herumgelaufen, nur die Augen waren frei, nur die Augen!", er machte mit dem Finger einen Strich quer übers Gesicht, "Sie haben nur geredet, wenn ein Mann sie etwas gefragt hat, und ansonsten haben sie seinen Befehlen gehorcht, ohne aufzumucken, jeder gottverdammte Köter hat mehr Laute von sich gegeben."

"Ja, und?" "Ich wollte damit nur sagen, daß ich durchaus auch die Frauen schätze, die ganz das Gegenteil davon sind, sie sind oft viel entschlossener und stärker als die Männer, die nur vor ihnen kuschen." Ich sagte "Es ist nicht meine Absicht, die Männer vor mir kuschen zu machen." Farudin lachte, "Das wollte ich Ihnen auch gar nicht unterstellen. Ich verlange zwanzig Prozent." "Zwölf." "Achtzehn." "Fünfzehn, und keinen Peso mehr." "Abgemacht. Wo willst du denn eigentlich hin?", fragte er Rodrigo.

"Nach Urcuntirut." "Ach, etwa zu Pizarro?" "Nein." Ich fragte "Kennen Sie Pizarro?" Er erwiderte "Haben Sie das Schild über meinem Laden gelesen?" "Ja." "Pizarro gebärdet sich wie ein großes Tier, er will sich mit den Königen der Welt messen, aber er ist nur ein entlaufener Schweinehirte, der davon träumt, solch ein Buscador de Tesoros zu sein, wie es allen vorschwebt, nicht wahr, Caporal Mendez!" Rodrigo zuckte mit den Schultern.

Ich sagte "Was halten Sie von den Verhandlungen zwischen Pizarro und Tehoguapa?" Farudin pfiff durch die Zähne, "Hola, Sie sind ja gut informiert, Senorita. Ja, was soll man davon halten. Vielleicht geht ihm der Inka auf den Leim, vielleicht macht Pizarro aber auch einen Fehler und wird von ihm überwältigt. In jedem Fall wird die Sache blutig enden. Ich würde mal so sagen: wenn ich darauf wetten müsste - was mir als frommem Muselmane freilich strengstens verboten ist - würde ich siebzig zu dreißig auf Pizarro setzen. Die Inka sind ein sehr altes und großes Volk gewesen, ihr Reich erstreckt sich immer noch über ein riesiges Gebiet. Aber ihre Blütezeit ist vorbei, sie sind dem Niedergang geweiht. Von dem Moment an, als der erste Spanier seinen Fuß auf diesen Kontinent setzte, war das Ende der Inka besiegelt. Alles, was jetzt noch zählt, ist ihre Hinterlassenschaft."

"Sie meinen ihr Gold?" "Ja. Denn Gold stirbt nicht, es kann nicht einmal vernichtet werden. Es kann nur von einer Hand in die andere wechseln, ewiglich, solange die Menschheit existiert. Das Gold verbindet die Menschen, es schweißt sie zusammen, weil sie ihm auf Gedeih und Verderb anhaften."

"Sagt Ihnen der Name Niklas Federmann etwas?" Rodrigo fuhr dazwischen "Wen interessiert denn das?" Farudin sagte "Der Generalkapitän der Welsers?" "Ja. Können Sie sich denken, wo er sich aufhält?" Rodrigo sagte "Jetzt lasst uns die Ausrüstung zusammenstellen, ich habe schon zu viel Zeit verloren." "Da war mal jemand hier, der ein paar Sachen für ihn gekauft hat." "Wo wollte er hin?" "Das hat er mir nicht verraten." Rodrigo lachte spöttisch.

"Nicht irgendein Hinweis?" "Na ja, er hat ein- oder zweimal den Casa Cobo erwähnt, das ist eine alte verfallene Silbermine hoch in den Bergen." "Das war garantiert die falsche Fährte", sagte Rodrigo. "Glauben Sie das auch?" Farudin zuckte mit den Schultern, "Einem wie Federmann ist alles zuzutrauen." "Können Sie ihn mir mal beschreiben." "Bitte?" "Wie er aussieht." Farudin tat es, und als er fertig war, sprang Rodrigo auf und sagte "Ich such' mir jetzt meine Ausrüstung zusammen!" "Ja, Junge, mach' das, nimm' dir, was du brauchst."

Rodrigo war danach merkwürdig still. Als wir in José Talavans Haus waren, sagte er nur kurz danke und blickte mich dabei nicht mal an. Zwei Stunden später lief er wie zufällig an mir vorbei und murmelte "Wahrscheinlich wär's besser gewesen, wenn ich mir das Geld von Capitán Sanchez geborgt hätte, tut mir leid, hab' ich zu spät dran gedacht." Damit ließ er mich stehen, ich hätte ihm am liebsten eine geknallt.

Ich überlegte, dann ging ich zu seinem Zimmer, es war abgeschlossen, aber ich konnte hören, daß er drinnen war, ich hämmerte gegen die Tür, "Mach' auf!" Er öffnete einen Spalt breit, "Was ist?" "Lass' mich 'rein." "Das geht jetzt ..." Ich drückte die Tür mit voller Wucht gegen ihn, daß er zurückwich, aber er sagte nichts. Er hatte überall seine Ausrüstung ausgebreitet, fein säuberlich ein Teil neben dem andern. Wir standen da und betrachteten alles, ich fragte "Bist du wenigstens zufrieden damit?" "Ja. Ich hab' fast alles, wie ich's wollte." "Kannst du das allein tragen?" "Ja, ich hab's ausgerechnet." Ich musste lachen, "Du hast gerechnet?" "Warum nicht. Ich bin vielleicht nicht so schlau wie du, aber ich weiß trotzdem, was ich tun muss."

Ach! Das war's also. Der arme Caporál Mendez fühlte sich minderwertig neben mir. Womöglich hatte ihn Farudin mit seiner dämlichen Bemerkung so richtig blamiert. Ich sagte "Ich habe Hasan Farudin deutlich gemacht, daß ich mich keinem Mann überlegen fühle." "Das hat er vielleicht anders gesehen." "Na, und wenn schon! Was kümmert dich Farudins Geschwätz. Du hast gekriegt, was du wolltest. Ich habe dir bloß dabei geholfen. Und weißt du was: ich sollte es eigentlich für mich behalten, weil du mich vorhin so gedemütigt hast, aber ich habe es gern für dich getan."

Ich ließ ihn allein. Ich suchte Sanchez, dann José López, sie waren beide unauffindbar. Nicht mal Martika war irgendwo zu sehen. Nur Talavans Diener saß in der Waschküche und putzte Stiefel. "Sind das Senor Talavans Stiefel?", fragte ich, obwohl ich sie sofort erkannt hatte. "Ja, Senorita." Ich schaute ihm eine Weile schweigend zu, er nahm keinen Anstoß daran. Da merkte ich, daß mich der Stiefelgeruch nicht mehr erregte, und ich wusste nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.

Am späten Nachmittag waren Sanchez und José López wieder da. Auch sie bereiteten ihren Abmarsch nach Quevedo vor; die Soldaten, die Sanchez verpflichtet hatte, waren bereits auf dem Weg da hin. Ich sagte ihnen, daß Rodrigo sich eine Ausrüstung besorgt habe, aber ich wüsste nicht, wohin er will. "Er kommt mit uns mit", sagte Sanchez, der offenbar mit ihm geredet hatte, "jedenfalls bis Quevedo." "Ach so?"

Ich hatte bis dahin nicht gefragt, ob sie mich mitnehmen, und keiner von beiden hatte es angesprochen. Wahrscheinlich wären sie froh gewesen, wenn ich einfach hier im Haus bei Martika bliebe. Aber ich hatte ja bekräftigt, daß ich nach Thomas suchen will, und der Hinweis Farudins, wo sich Niklas Federmann aufhalten könnte, hatte mich noch entschlossener gemacht. Ich klammerte mich an den Gedanken, Thomas habe sich in Federmanns Dienst gestellt, wie das Adelheid Welser vermutet hatte, auch wenn sie's mir vielleicht nur weismachen wollte.

Ich ging wieder zu Rodrigo, ich glaube, er ahnte, was ich von ihm wollte. Ich tat gleichgültig, fragte ihn, warum er mir nicht schon in Santo Domingo von seinem Vorhaben erzählt, ja wenn man's recht bedenkt, mich sogar angeschwindelt habe. "Ich habe dich nicht angeschwindelt. Erst die Karte bei Don Felipe hat mich dazu gebracht." "Was war denn daran so besonders?" Rodrigo sagte "Ich kannte eine ältere Karte von dem Gebiet, und auf der von Don Felipe waren viele neue Orte eingezeichnet, stellenweise waren auch die alten Angaben berichtigt, manches ergab jetzt erst einen Zusammenhang. Wenn ich diese Karte auf meiner früheren Expedition gehabt hätte, wäre alles ganz anders gelaufen." "Und jetzt willst du zu diesem Schwarzen Haus. Ist es so?"

Er antwortete nicht darauf und hantierte in seinen Sachen herum, da fiel mir etwas auf: "Wieso hast du eigentlich zwei Mosquitonetze?" "Nur so. Eins als Ersatz." Ich sagte "Bitte, Rodrigo! Nimm' mich mit." Er wandte sich jäh ab, "Oh, ich wusste, daß das kommt!" Hätte er sofort nein gesagt, wäre ich womöglich in Tränen ausgebrochen und gegangen. Aber er schlug mit der Faust auf den Tisch, senkte den Kopf und rief: "Warum musstest du mir bloß über den Weg laufen!" Ich legte die Hand auf seine Schulter, "Aber dafür kann ich doch nichts, es ist eben geschehen." "Ja, und seitdem werde ich dich nicht mehr los. Verdammt." Er ließ seine Faust abermals auf den Tisch fallen, aber mit deutlich weniger Verärgerung.

"Wie stellst du dir das bitteschön vor?" Ich sagte "Bring' mich zu diesem Casa Cobo. Wenn ich Niklas Federmann dort antreffe, finde ich vielleicht auch meinen Freund Thomas, dann kannst du deiner Wege ziehen." (Ich hatte gar nicht bedacht, daß ich Rodrigo überhaupt nichts von Thomas erzählt hatte. Daß er's jetzt so selbstverständlich aufnahm, konnte ich mir nicht anders erklären, als daß Sanchez ihm davon berichtet hatte.) Er sagte "Das ist doch nur ein Gerücht, das Farudin da weiterverbreitet hat." Ich fragte "Ist dieses Casa Cobo auf deiner Karte drauf?" "Weiß nicht." "Also ist es drauf. Zeig's mir."

Scheinbar widerwillig breitete er die Karte aus. "Wo liegt das?" "Hier." "Da steht was anderes." "Der indianische Name." "Dann ist es ein Indianerdorf?" "Nein, diesen Namen haben ihm die Indianer bloß gegeben, er bedeutet soviel wie Weißer Teufel, womit natürlich der weiße Mann gemeint ist, der die gefangenen Indianer dorthin schafft, damit sie als Sklaven für ihn das Silber aus der Erde graben." "Ich denke, die Mine ist verfallen?" "Das sagt man gern, um unliebsame Gäste fernzuhalten." "Warst du schon mal dort?" "Nein. Aber ich habe Dinge gehört, die dort jeden Tag passieren, und ich war nicht scharf drauf, sie mir mit eigenen Augen anzusehen." Ich sagte "Ich habe in Don Diegos Bibliothek in einem Buch gelesen, daß die Indianer schlecht zum Arbeitssklaven taugen." "Das ist auch so. Und da kannst du dir vorstellen, wie sie behandelt werden. Sie sterben wie die Fliegen, manche machen ihrem Leiden auch selbst ein Ende - man braucht jedenfalls ständig Nachschub. Ich müsste verrückt sein, wenn ich dich da hin bringe."

Schließlich konnte ich ihn doch überreden, aber ich musste schwören, daß ich alle seine Anweisungen befolge. Als erstes wollte er wissen, ob ich die Pistole noch hätte, die er mir gegeben hatte. Ich bejahte es, er wollte sie sehen, und als ich sie ihm zeigte, schimpfte er mich aus, daß ich sie nicht "pfleglich behandelt" hätte. Ich entgegnete, ich hätte sie - Gott sei Dank - nicht gebraucht. Das sei ganz egal, mit einer Waffe müsse man immer vorsorglich umgehen. Ich sagte, ich hätte noch meine "Männergarderobe" bei mir. "Was?" "Na, die Hosen und das Zeug." "Ja, in Ordnung, deine Kleider lässt du sowieso hier." "Aber ..." "Dann müssen wir noch ein paar Sachen besorgen." Ich fragte "Soll ich Capitán Sanchez sagen, daß ich mitkomme, oder machst du das?" "Ich mach' das." "Danke."

Ich hatte noch einen Tag Zeit, bis es losgehen sollte. Ich schrieb den angefangenen Brief an meine Lieben zu Hause und den an Baukis und die anderen fertig. Ich fragte Martika nach der zuverlässigen Handelsgesellschaft, der man die Post anvertrauen konnte und schaffte sie selbst dorthin. Das war am Hafen, und danach blickte ich auf die Schiffe und fragte mich, ob ich wohl irgendwann wieder von hier wegfahren und in meine Heimat zurückkehren würde, oder ob ich für immer, tot oder lebendig, hierbleiben werde.

* * * * *

In Richtung Quevedo ging der Weg zunächst durch ein Tal, neben einem Fluss entlang, der Rio Corrientes hieß und der bei San Carlos ins Meer mündete. Dieser Fluss war sehr flach und steinig und daher nicht befahrbar, weiter oben gab es zudem starke Stromschnellen, aber der Weg, der neben ihm herführte, war von seiner Beschaffenheit ziemlich sicher und wurde von den allermeisten Leuten benutzt, die nach Quevedo wollten oder von dort herkamen.

Sanchez hatte mir ein Maultier besorgt, und ich kam gut mit ihm zurecht, es hieß Dama und war eine Stute und manchmal kam es mir so vor, als schüttele sie neckisch das Haupt. Aber wenn sie Wasser ließ, war das weniger elegant und man musste zur Seite gehen, damit man nichts abbekam. Rodrigo hatte ihr mein Gepäck aufgebunden, es war eigentlich nur ein mittelgroßes Bündel, doch ich hatte nicht das Gefühl, als fehlte mir was - mal abgesehen von meinen Kleidern und Unterröcken, die ich alle zurückgelassen hatte; Martika versprach mir, sie sauber zu verwahren. Außerdem hatte ich noch allerlei Gerätschaften, darunter einen Topf, einen Spaten, mehrere schmale Streifen Leinen (die waren zum Verbinden von Wunden gedacht, aber ich habe sie auch anderweitig verwendet) und ein in Ölpapier gewickeltes Päckchen mit Zunder und Pulver (die extra noch mal verpackt waren) sowie einige andere Dinge.

Übrigens hatte ich den Eindruck, als habe José Talavan vorher noch mit Rodrigo gesprochen und ihm ein paar "ernste" Hinweise gegeben, worauf er bezüglich meiner Ausstattung achten soll, denn einerseits verlor Talavan zu mir kein Wort darüber, andererseits hatte er, bevor wir aufbrachen, alles mit scharfem Auge inspiziert, und Rodrigo kam mehrmals auf mich zu und sagte, ihm sei noch was eingefallen, was wir verändern müssten.

Ich hatte von der ersten Minute an meinen Hut aus Schafwolle auf, an den ich eine feste Schnüre angenäht hatte, die ich unterm Kinn zusammenziehen konnte. Dieser Hut sollte nach außen meine Eigenart betonen, und ich fand, daß er meine jeweilige Stimmung zum Ausdruck brachte. Manchmal schlug ich die breite Krempe nach oben und schaute sozusagen mit offenem Visier voraus, dann wieder, wenn mir übel zumute war, zog ich ihn tief in die Stirn und verfiel in Schweigen.

Denn es gab Momente, da überkam mich eine furchtbare Schwäche, und ich hätte am liebsten Rodrigo gebeten, daß wir beide umkehren. Er ritt für gewöhnlich vor mir, und ich heftete meinen Blick hilfesuchend auf seinen Rücken, aber ich traute mich nicht, auch nur einen Mucks von mir zu geben, weil ich niemanden beunruhigen und schon gar keinem zur Last fallen wollte. Ich glaube sogar, er spürte das, und wenn wir dann unser Lager aufschlugen, half er mir dabei, eine gute Stelle zu finden, wo ich einigermaßen bequem schlafen konnte.

Dann wieder fühlte ich mich munter und voller Zuversicht, und ich unterhielt die anderen mit Till Eulenspiegel Geschichten, von denen ich glücklicherweise einen ordentlichen Vorrat hatte. Irgendwann mussten wir vom Flusslauf abweichen und es ging stundenlang bergauf, mein Maultier begann zu keuchen und ich konnte mich selbst kaum noch auf seinem Rücken halten. Aber Sanchez sagte, es wäre besser, wenn wir keine Rast machten, damit wir noch rechtzeitig vor der Dunkelheit jene Hochebene erreichten, wo eine Hütte stünde und wo es eine Quelle mit frischem Wasser gäbe.

Es war wirklich angenehm, zur Abwechslung mal wieder ein Dach überm Kopf zu haben, auch wenn es nur mit halbmorschen Schindeln bedeckt war und man zuerst ein paar Fledermäuse verjagen musste. Von diesem Platz aus hatte man eine atemberaubende Aussicht auf die andern Berge, und hoch oben über uns kreisten scheinbar seelenruhig drei Adler durch die Lüfte. In der Nacht wurde es so kalt, daß es mich fröstelte, und Rodrigo legte mir eine zweite Decke über. Am Morgen war der Himmel wolkenverhangen und dann begann es zu regnen, und wiederum war mir mein Hut nützlich, der so dicht gewebt war, daß kein Tropfen hindurch drang.

Wir schleppten uns diesen Tag mühsam dahin, und zwei-, dreimal mussten wir breite Bäche durchqueren, die vom Regenwasser heftig angeschwollen waren, und mussten ganz vorsichtig sein, damit die Pferde nicht stürzten. Rodrigo stieg ab und führte sein und mein Reittier am Zügel hindurch, glücklicherweise waren seine Stiefel hoch genug, daß das Wasser nicht hineinlief. Dann hatte der Regen aufgehört, wir suchten uns eine geschützte Stelle an einem Felsvorsprung und machten ein Feuer an. Martika hatte uns natürlich reichlich Proviant mitgegeben, unter anderem vorgekochte Bohnen und Pökelfleisch, das wir jetzt beides, kräftig gewürzt, im Topf erhitzten. In dieser Einsamkeit schmeckte es nochmal so gut.

Am übernächsten Tag erreichten wir endlich Quevedo. Es lag auf einer Rodung im Urwald, und nach drei Seiten hin waren Felder angelegt, auf denen die Bauern Mais und allerlei Feldfrüchte sowie Gemüse anbauten. Die Felder waren durch Beobachtungstürme gesichert, und als wir uns näherten, rief uns der Wachtposten zu und wollte wissen, wer wir sind. Einer allein hätte natürlich gegen einen Angriff nichts ausrichten können, aber er hatte genauso eine Trompetenmuschel, wie ich sie im Haus in Santo Domingo gefunden und ausprobiert hatte, und damit gab er dem benachbarten Posten ein Signal, je nachdem ob Freund oder Feind auftauchte.

José López Talavan sprach mit dem Posten und verschaffte uns Durchlass. Quevedo hatte einfache Häuser, zum Teil nur Hütten aus Stein. Das größte Gebäude war die "Festung", die auf einer Anhöhe errichtet und von einem Palisadenzaun umgeben war, in dessen Inneres sich bei einem Angriff auch die Einwohner flüchten konnten.

Die letzte dieser Attacken lag gar nicht lange zurück: der Bruder des Inka Königs Tehoguapa, der mit ihm verfeindet war, hatte dem Stadtkommandanten damit gedroht, alles niederzubrennen, wenn er nicht die Abgesandten Tehoguapas, die sich angeblich in der Festung befanden, ausliefern würde. In Wahrheit hatten die königstreuen Inka den Ort schon verlassen (der Stadtkommandant mochte solchen hohen Besuch in seinen Mauern gar nicht, hatte ihnen aber aus Rücksicht auf die Launenhaftigkeit Tehoguapas Gastrecht gewährt).

Der ebenso jähzornige Bruder des Königs hatte dem Kommandanten nicht geglaubt und seinen Mannen den Befehl erteilt, die Stadt anzugreifen. Oben auf dem Hügel befand sich eine Batterie Kanonen, die wurden auf die Inka abgefeuert. Dank vielmaliger Schießübungen hatten sich die Kanoniere eine erstaunliche Treffsicherheit angeeignet, und die Inka mitsamt ihrem Häuptling konnten in die Flucht geschlagen werden. Zur Abschreckung hatte man einem Dutzend der Getöteten die Köpfe abgeschnitten und auf hohe Pfähle gesteckt; der Anblick der halbverwesten Schädel ließ mich beinahe erbrechen.

Rodrigo und ich fanden Unterkunft in einem der Häuser am Fuße des Hügels. José Talavan und Sanchez begaben sich sogleich in die Festung. Um nicht aufzufallen, konnte ich mich nur gemeinsam mit Rodrigo in dem "Badezimmer" auf dem Hof waschen, aber das war für keinen von uns beiden ein Problem, zumal wir ja schon zusammen in einer Wanne gesessen hatten. Abends kamen Talavan und Sanchez zurück, sie hatten sich mit dem Kommandanten unterredet und die Truppe gemustert, mit der sie weiterziehen wollten. Man hatte uns ein Essen mit Maisfladen, Bohnen und Hühnerfleisch bereitet, dazu gab es Wein oder Maisbier, und da musste ich zum erstenmal seit langem wieder an Bruder Bernward denken, wie er damals mit Sanchez in Streit geraten war.

Ich schlief gut, und am nächsten Tag ging ich zu einem Schuster, denn an meinem rechten Stiefel hatte sich die Sohle gelöst. Der Schuster war so schmal wie sein Leisten, mit knöchernen Händen, die er keine Minute stillhalten konnte. Er sah sofort, was zu tun sei. Ich konnte solange warten und wir unterhielten uns nebenbei. Da bemerkte ich abseits ein Indianermädchen, ich schätzte sie auf vierzehn oder fünfzehn Jahre, sie war sehr hübsch, sagte aber kein Wort und schaute ein wenig traurig drein. Ich fragte den Schuster "Was ist mit ihr?"

"Ach, eine schlimme Angelegenheit", entgegnete er, "ihr Bruder kam immer her und hat mir Leder gebracht, das beste Leder, das man sich denken kann, er hat es vom Fell einer Hirschart gewonnen, die hier in den Gebirgswäldern lebt, er hat es selbst gegerbt. Obwohl er noch ganz jung ist, vielleicht Mitte zwanzig, hatte er schon ungeheuer viel handwerkliche Erfahrung. Ich hab' gesagt: 'Antames! Du wirst einmal meine Werkstatt übernehmen! Ich kenne keinen, der besser geeignet wäre als du.' Aber er blieb nie lange genug hier, damit ich ihm etwas über die Schuhmacherei beibringen konnte. Es gefiel ihm hier nicht." "Wieso?"

Er zuckte mit den Schultern, "Er kommt aus einer kleinen Siedlung, weitab gelegen. Diese Leute fühlen sich in den Städten nicht wohl. Na ja, Quevedo ist ja eigentlich nur ein Krümelchen von einer richtigen Stadt und mit denen an der Küste nicht zu vergleichen. Aber für diese Indianer ist das schon zuviel Trubel und Unruhe, sie können nicht verstehen, wie man so leben kann ... so beengt. Und viele unserer Gewohnheiten erscheinen ihnen vollkommen sinnlos.

Na, ich hatte früher eine Zeitlang eine Indianerfrau in meinem Haus, da war ich in eine dumme Sache hineingeraten, ich hatte sie sozusagen gerettet, und weil sie allein war und glaubte, mir bis ans Lebensende dankbar sein zu müssen, habe ich sie aufgenommen. Sie war mir sehr dienlich und ich konnte mich nicht ein einziges Mal über sie beschweren. Aber mit der Zeit wurde sie von einer unerklärlichen Melancholie befallen, und schließlich kam es soweit, daß ich befürchten musste, sie würde sich etwas Schlimmes antun."

"Was haben Sie gemacht?" "Ich habe sie nach San Carlos geschickt." "Wie bitte? Aber Sie sagten doch gerade, das Leben in der Stadt wäre unerträglich für diese Menschen." Er sagte "Es gibt in San Carlos ein Kloster, wo sie Indianerfrauen und Mädchen aufnehmen, wussten Sie das?" "Nein." "Ja, und dort ist sie untergekommen. Und ich zahle dafür jährlich einen Betrag, den ich von meinen Einnahmen abzweigen kann. Sie fühlt sich dort wohl, und jedes Jahr an ihrem Geburtstag besuche ich sie ... das heißt, wir vermuten beide, daß es ihr Geburtstag ist."

Ich fragte "Was für ein Kloster ist das? Ich meine, welchem Orden gehört es an?" "Ach", sagte der Schuster, "das werden Sie kaum kennen: es sind die unbeschuhten Karmelitinnen." Ich brauchte einen Moment, um das zu begreifen. Dann sagte ich "Ist das nicht irgendwie bedeutsam, daß Sie als Schuster Ihre Frau in einem solchen Orden untergebracht haben?" Er lachte kurz auf, "Ja, das habe ich mir auch schon gedacht - Gottes Wege sind eben unergründlich, und manchmal hat er vielleicht sogar eine Prise Humor."

Über seiner Geschichte hatte ich ganz vergessen, zu fragen, was denn nun eigentlich mit diesem Indianer, dem Bruder des Mädchens geschehen war. Am Abend klopfte es an unsere Tür und es war der Schuster mit dem Indianermädchen, er sagte mit einem Blick auf sie: "Entschuldigen Sie die Störung, Kelima möchte Ihnen etwas geben." Ich bat sie herein. "Kelima hat gesagt, sie hätte gleich gesehen, daß Sie ... eine Senorita sind ... und na ja, mir ist es ehrlichgesagt auch aufgefallen, ich kann ja den Unterschied sozusagen an den Füßen erkennen, da brauche ich gar nicht woanders hinzugucken. Aber ich kann schon verstehen, weshalb Sie sich verkleiden, wenn Sie hier unterwegs sind, und außerdem geht es mich nichts an."

Er redete mit ihr in einer Sprache, die ich nicht verstand, daraufhin holte sie ein Tuch hervor, in das etwas eingewickelt war, das sie mir gab. Es war ein Schmuckstück, eher ein Amulett, aus Knochen oder Horn geschnitzt, und ich konnte einen Sonnenkranz mit einem Jaguarkopf und Schlangen, die sich außen darum winden, erkennen. Es war kaum größer als ein Orangenblatt, aber sehr fein gearbeitet.

"Das ist für mich?" "Kelima sagt, bei Ihnen ist es am besten aufgehoben." "Aber wieso?" "Ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, daß ihr Bruder Antames in die Fänge von Sklavenjägern geraten ist, die ihn verschleppt haben. Und natürlich trauert seine Schwester jetzt sehr um ihn - und ich auch, denn ich mochte ihn." "Das tut mir leid. Aber ich weiß immer noch nicht, was das mit mir und diesem Amulett zu tun hat."

"Ähm ... wissen Sie, Kelima hat die Gabe, manchmal Dinge vorauszusehen, sie hat schon mal eine Mondfinsternis vorhergesagt, die dann tatsächlich eingetreten ist. Ja und nun meint sie, daß Sie, Senorita, ihrem Bruder begegnen werden, und damit Sie ihn erkennen, hat sie Ihnen dieses Amulett mitgegeben." Ich wehrte ab, "Ich glaube, das ist zuviel verlangt. Ich habe ohnehin schon genug Veranlassung, um deretwegen ich hier bin, und ..." Kelima sagte etwas. "Sie meint, das hängt alles zusammen." "Wie bitte? Versteht sie denn, was ich gesagt habe?" "Tja", machte der Schuster, "bei diesem Völkchen steht man manchmal ganz schön ratlos da. Ich würde jedenfalls nicht vorschnell behaupten, daß sie sich das bloß ausgedacht hat."

Ich sagte "Gut. Ich kenne den Namen ihres Bruders. Wenn sie so schlau ist, dann kann sie mir womöglich auch den Namen meines Bruders nennen!" "Aber Senorita", mahnte der Schuster, "warum wollen Sie das arme Mädchen auf die Probe stellen?" "Na los, fragen Sie sie." Er schüttelte sachte den Kopf, dann sagte er etwas zu ihr, sie musste nicht überlegen, "Juan", antwortete sie. "Und?" "Na ja, er heißt Johannes." "Johann, Johannes, Juan, das ist hierzulande dasselbe." "Dios mio!", seufzte ich und musste mich setzen. "Also nehmen Sie das Geschenk an?" "Ja. Aber bitte, ich kann nichts versprechen." Er sagte es Kelima. Sie kam zu mir und umarmte mich und ich spürte den zarten Duft ihrer Haut und ihres Atems.

Das Amulett hing an einem Lederband, und ich legte es mir um den Hals und ließ es hinterm Kragen verschwinden. Als sich die beiden verabschiedeten, kam Rodrigo zurück und fragte, was sie wollten. Ich sagte, das war der Schuster, er habe mir ein zweites Paar Stiefel angeboten, aber ich hätte abgelehnt. "Wer war das Mädchen?" "Seine Tochter." "Sie ist eine Indianerin", widersprach er mir. "Ja ... sie ist ... er hat sie angenommen. Wie viele Indianerstämme gibt es hier eigentlich?"

Rodrigo setzte sich, und ich schenkte ihm einen Becher Wein ein. "Eine ganze Menge, manche sind nur klein, ein paar Sippen in einem Dorf." "Vertragen sie sich untereinander?" "Die meisten wissen nichts voneinander. Aber drüben am Sassembro gibt es Stämme, die sich bekämpfen, manchmal geht es nur darum, wer wem die größten Fische wegfängt."

"Und die Inka sind sozusagen der größte Stamm?" "Die Inka sind keine Indianer, sie kommen aus dem Norden, sie haben vor zwei- oder dreihundert Jahren diese Gegend erobert, so wie es jetzt die Conquistadores tun. Die Inka haben einen richtigen Staat, mit König und Beamten und so, und natürlich mit einem Heer. Die Indianer haben mit sowas nichts am Hut, aber sie waren viel früher hier. Da hat Hasan Farudin schon recht, wenn er meint, die Inka würden immer mehr ihre Macht verlieren, ihr Reich ist einfach viel zu groß, als daß sie es zusammenhalten können."

Auf dem Weg hierher hatte Rodrigo alles über die Entführung der Prinzessin Anatixama und über den Pakt, den Pizarro mit dem Inka König Tehoguapa schließen wollte, erfahren. Ich sagte "Aber Pizarro glaubt wohl, durch diesen Pakt die Herrschaft des Inka erhalten zu können." "Ach was", winkte Rodrigo verächtlich ab, "er wartet nur auf die erstbeste Gelegenheit, um den König zu ermorden und seine Krieger abzuschlachten." "Und was ist mit Anatixama?" "Was soll mit ihr sein? Vielleicht ist er stinksauer, daß man sie ihm entführt hat. Vielleicht versucht er, sie zu befreien. Aber wenn die Verhandlung mit Tehoguapa sowieso scheitert, dann wird er sich wahrscheinlich einen Dreck um sie und ihr Kind kümmern. Außerdem fängt die Sache mit Tehoguapas Bruder an brenzlig zu werden, die sind drauf und dran, sich gegenseitig abzumurksen, und das wäre Pizarro nur recht. Dann könnte er sich umso leichter zum Statthalter und Generalgouverneur der Neuspanischen Territorien ernennen, und das ist es ja, worauf er von Anfang an hinauswollte."

Wie Rodrigo das alles sagte, merkte ich, daß er mit José Talavan und mit Sanchez darüber gesprochen hatte. Womöglich hatten sie ihn überreden wollen, sich als Unteroffizier ihrer Unternehmung anzuschließen. An einem Abend saßen wir alle beisammen und es war auch der Kommandeur dabei, der mit seiner Truppe Capitán Sanchez unterstellt war. Er hatte den Rang eines Leutnants (wozu er eigens zu diesem Einsatz befördert worden war) und war ein junger, lebenslustiger, aber auch leicht aufbrausender Mann.

Die Männer tranken reichlich Wein, und der Leutnant umarmte Rodrigo immer wieder kameradschaftlich und redetete auf ihn ein, daß er doch mitkommen solle; er tat so, als wäre ich gar nicht anwesend. Ich konnte nicht erkennen, was Rodrigo davon hielt, aber ich wollte hier in der Runde, und vor allem unter José Talavans Augen nicht nochmals zur Bittstellerin werden und Rodrigo flehentlich davon zurückhalten.

Trotzdem schlief ich schlecht, und am nächsten Morgen, als wir allein waren, sagte ich zu ihm "Was ich von diesem Schuster und dem Indianermädchen erzählt habe, stimmte nicht." Dann gab ich ihm wieder, was geschehen war, und über das, was ich jetzt berichte, kann ich nur sagen, es ist die reine Wahrheit, auch wenn ich nicht weiß, wie es zustandegekommen ist.

Als ich Rodrigo wie zum Beweis das Amulett zeigen wollte und es aus meinem Kragen hervorholte, da war es aus purem Gold! Ich war beinahe wie vom Schlag getroffen, ich fand keine Worte, er nahm es in die Hand und bestaunte es, ich zerrte an dem Lederband, wollte es über meinen Kopf ziehen, wollte das Ding loswerden, hielt es jetzt für Teufelswerk. Doch Rodrigo besänftigte mich und sagte "Lass' es um, wahrscheinlich hat es nur so seine Wirkung." "Was für eine Wirkung?" "Seine Zauberkraft. Es ist ein Amulett. So etwas hat seine Bestimmung und seine Umstände, unter denen es seine Kraft entfaltet. Es gehört offensichtlich zu dir." "Woher weißt du das?" "Als ich damals am Sassembro auf Indianer traf, haben sie mir von solchen Amuletten erzählt."

Seltsamerweise hatte ich mich rasch beruhigt, und ich muss gestehen, der Anblick des glänzenden Goldes ließ auch mich nicht kalt. Als ich Rodrigos leuchtende Augen sah, hatte ich eine Idee, für die ich mich bis in alles Ewigkeit schämen sollte. Es war das Niederträchtigste, das ich je getan habe, aber die einzige Möglichkeit, Rodrigo an meiner Seite zu halten. Ich sagte "Dieser Indianer ... also der Bruder des Mädchens ... na ja, sie hat behauptet, er wäre einer der Hüter des Schwarzen Hauses gewesen!"

Er ließ das Amulett los und schaute mich fast entgeistert an, dann sagte er "Bring' mich zu ihr!" Oh Gott! Was hatte ich getan! Es war klar, daß ich Rodrigo auf der Stelle verlieren würde, wenn ich mit ihm zu dem Schuster ginge, daß ich als eine Lügnerin dastehen und von den Freunden, die mir vertraut hatten, auf einen Schlag verlassen sein würde. Ich stammelte irgendwas, aber Rodrigo packte mich am Arm (was ich ihm übrigens sehr übelgenommen habe, weil es wirklich wehtat) und wiederholte seine Aufforderung.

Meine Füße stemmten sich bei jedem Schritt entgegen, aber Rodrigo zog mich fast unbarmherzig fort, ich hätte mich am liebsten losgerissen und wäre weggerannt, doch wo sollte ich hin! Als wir uns dem Haus des Schusters näherten, rief ich in meiner Not: "Caporal Mendez! Ich muss Ihnen noch was gestehen!" "Jetzt nicht! Jetzt klären wir erstmal diese Sache."

Es war abgeschlossen. Er klopfte gegen die Tür. "Wie heißt er?", fragte er mich. "Ich weiß nicht." Er klopfte abermals, "Senor! Sind Sie da?" Ich schöpfte Hoffnung. Wir standen da bestimmt zehn Minuten und machten Radau. Irgendwann schaute die Nachbarsfrau heraus, Rodrigo sagte "Wir wollen zum Schuster." "Der ist nicht zu Hause." "Wo ist er?" "Nach San Carlos, soviel ich weiß." "Und seine Tochter?" "Er hat keine Tochter." "Das Indianermädchen!" "Keine Ahnung, sie taucht auf und verschwindet wieder ..."

Wir liefen zurück. Ich habe Rodrigo nie so zerknirscht gesehen. Er redete kein Wort. Dann ließ er mich allein, ich ahnte, daß er zu Sanchez ging. Nach einer Stunde kam er wieder, "Capitán Sanchez will mit dir sprechen." Ich ging zu ihm. Er sagte, sie würden noch heute aufbrechen, er fragte mich, was ich zu tun gedenke. Ich sagte, ich würde an meinem Vorhaben festhalten, aber ich würde nicht ohne Rodrigo gehen. Sanchez sagte "Ich habe ihn gebeten, daß er sich um dich kümmert." Ich sagte "Danke."

"Falls irgendwas schiefläuft oder für alle Fälle werde ich drei von unseren Männern zu einem vereinbarten Ort schicken, Rodrigo weiß Bescheid, wo und wann ihr sie trefft. Versucht unter allen Umständen da hin zu kommen und lasst sie nicht vergeblich warten. Ich wünsch' dir viel Glück, Sterntaler!" Ich umarmte ihn, ich hatte das Gefühl, ich würde ihn nie wiedersehen.

Rodrigo war immer noch schweigsam, er sagte nur "In zwei Stunden reiten wir los." "Ist gut. Danke Rodrigo." Wir waren schon ein Stück weg von Quevedo und mich quälte die Frage, warum José Talavan mir nichts hatte ausrichten lassen. Ich fragte Rodrigo nach ihm, der sagte, er wäre heute früh schon fort, nachdem ein Kurier ihm eine wichtige Nachricht gebracht habe. 'Dann hatte er also bloß keine Zeit mehr gehabt', dachte ich und zwei dicke Tränen rollten über meine Wangen.

Es dauerte nicht lange, da bereute ich fürchterlich, Rodrigo hintergangen und ausgenutzt zu haben. Andererseits befand er sich wahrscheinlich auf dem Weg, den er sowieso einschlagen wollte, na ja, zumindest in der Richtung. Wir richteten jeden Abend unser kleines Lager ein, Rodrigo suchte eine Stelle, wo es ihm am sichersten schien. Obwohl mir manches Mal angst und bange wurde, wenn ich seltsame Geräusche oder Laute vernahm, beruhigte ich mich in seiner Nähe schnell wieder. Um uns aufzuheitern, sagte ich "Bei welchem Straßenkoch holen wir uns heute unser Essen?" Aber er knurrte nur, und ich hätte ihn wohl an den Füßen kitzeln müssen, um ihn zum Lachen zu bringen.

Er grübelte unaufhörlich über etwas nach. Ich fing vorsichtig an und meinte "Vielleicht hat das Indianermädchen das mit dem Schwarzen Haus nur so dahergesagt." "Warum sollte sie das tun?" "Ja, stimmt, warum sollte sie." Ich vergewisserte mich zwischendurch auch ständig, ob das Amulett noch golden glänzte, und das war unverändert so. Trotzdem! Ich wollte dem Spuk ein Ende machen. "Du kannst es haben, wenn du willst", sagte ich zu Rodrigo. "Bei mir nützt es nichts." "Ach, du mit deinen Zaubergeschichten! Da haben dir die Indianer einen schönen Floh ins Ohr gesetzt."

"Rede nicht so darüber", fuhr er mich an, "wenn du nichts davon verstehst." "Ja, ich versteh' vielleicht nichts davon, aber ich will auch nicht, daß du auf irgendwelche ... leere Versprechungen hereinfällst." "Ja, du willst immer nur mein Bestes, ich weiß." "Na, das klingt ja ziemlich gehässig." "Wenn es so wäre", entgegnete er, "warum hast du mich dann in Santo Domingo sitzenlassen!" "Was? Ich hör' wohl nicht recht. Du warst derjenige, der da bloß nicht wegwollte, weil es dir so behaglich war in Senor Talavans Haus ... und weil du ja unbedingt deiner Mathilde nachlaufen wolltest."

Er schwieg, mir kam es so vor, als hielte er die Tränen zurück. Ich wartete einen Augenblick, dann sagte ich fast versöhnlich: "Wenn du dir den Schatz aus dem Schwarzen Haus holst, dann kannst du es ja nochmal bei ihr versuchen, ich bin sicher, sie wird nicht widerstehen können, und ihre Brüder werden dich dann auch ganz in Ordnung finden." Er erwiderte nichts darauf, und das machte mich erst recht wütend - aber auf mich selbst! Ich sagte "Vielleicht habe ich mir ja auch alles bloß ausgedacht." "Ja, das würde mich nicht wundern", erwiderte er, und ich fühlte einen Stich im Herzen, daß er so schlecht über mich dachte.

In der Nacht lag ich lange wach, wir hatten auf einem Hochplateau haltgemacht, es war kalt und ich schaute in den Sternenhimmel, ich habe nie so viele Sterne gesehen wie dort hoch oben in den Bergen. Aber ich begann unter meiner Decke zu frieren, und Rodrigo schlief auch nicht, denn er bemerkte, wie ich zitterte und er reichte mir noch eine weitere Decke. Lieber wäre mir gewesen, ich hätte mich an ihn dranschmiegen können. Ich war fest entschlossen, ihm morgen, noch bevor wir weiterziehen, die Wahrheit zu sagen.

Dann verschob ich es, bis wir Rast machen würden, und da war es zu spät. Wir waren schon wieder in den Urwald abgetaucht, da hob Rodrigo vor mir plötzlich die Hand zum Zeichen, daß ich anhalten sollte. "Still!", zischte er bloß, und ich strich meinem Maultier über den Hals, damit es ruhig verharrte. Er horchte in das dichte Buschwerk, dann drehte er sich zu mir um und flüsterte: "Nach links! Schnell!"

Doch da waren wir schon von einigen finster dreinblickenden Indianern umringt, die ihre Pfeile im gespannten Bogen auf uns richteten. Sie waren nur mit Lendenschurz bekleidet, trugen Stiefel und hatten glattgeschorene Köpfe, Gesicht und Brust waren mit roten, schwarzen und weißen Streifen bemalt. Sie machten gleich einen Riesenlärm und schrien uns an, daß Rodrigos Pferd davor zurückschreckte. Aber sie waren offenbar nur die Vorhut, und tatsächlich kam kurz darauf ein ganzer Tross von weiteren Indianern zum Vorschein, die aber ein ganz anderes Bild boten, es war eine Reihe mit festen Hanfseilen an Hals und Handgelenken aneinander gebundener Männer, die von drei schwerbewaffneten Reitern mit Helm und Harnisch angeführt wurden.

Einer von ihnen hatte offenbar das Kommando, und als er uns erblickte und sah, daß wir uns den Bogenschützen ergaben, rief er ihnen etwas zu, woraufhin sie ihre Waffen senkten und einen Schritt zurücktraten. Der Anführer kam auf seinem Pferd fast gemächlich heran, unterm Helm ragten seine Haare zu beiden Seiten lang und strähnig hervor, sein Gesicht war rechts von einer grässlichen Narbe überzogen und seine Äuglein funkelten teuflisch. Als ich ihn erkannte, war ich so erschrocken, daß ich mich unwillkürlich bekreuzigte.

"Thomas!", rief ich, "Um Himmels willen, bist du das?" Er schaute mich an, und es schien, als müsste er sich erst mühsam besinnen; glaubt mir, das war der schlimmste Blick, den ich je aushalten musste. "Eleonore", sagte er gedehnt und ohne jeden Ausdruck. Und dann tat er etwas, das mir einen Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ, er trabte einmal ganz langsam und wortlos um Rodrigo und mich herum und musterte uns von allen Seiten, sein Pferd hielt das Haupt gesenkt, und auch er selbst machte keineswegs die Figur des stolzen Anführers, sondern hatte beide Hände übereinander auf dem Sattelknauf gelegt und nickte unbestimmt mit leicht geneigtem Kopf bei jedem Schritt seines Pferdes.

"Wer ist das?", fragte er nach Rodrigo, als wäre ihm etwas vorenthalten worden. Ich rief "Thomas! Ich bin's! Freust du dich denn nicht, mich wiederzusehen!" Die anderen schauten zu uns herüber. Er wollte gar noch eine Runde drehen, ich sagte "Hör' auf, um uns herumzuschleichen." Es durchfuhr ihn, er hielt immer noch den Kopf geneigt ... so abschätzig. "Freust du dich denn?" "Aber natürlich! Was glaubst du, weshalb ich dir bis hierher gefolgt bin?" Es war unmöglich zu erkennen, was hinter seiner Miene vorging. "Lass' uns miteinander reden", sagte ich, "aber nicht hier." Er schob abwechselnd eine Lippe über die andere, etwas, das ich bei ihm nie beobachtet hatte, dann sagte er mit einer Kopfbewegung zu den Bogenschützen hin: "Folgt den Indianern! Wir kommen nach."

Die Indianer führten uns zu einer Siedlung, wo etliche Hütten standen. Ein paar Männer in lumpigen Sachen waren zu sehen, sie schauten Rodrigo und mich feindselig an. Am Rand scharrten Hühner, ein verdrecktes Schwein lief vorüber, irgendwo bellte ein Hund. Man brachte uns in eine Hütte, sie war spärlich eingerichtet, offenbar wohnte niemand drin. Man ließ uns allein. Rodrigo hatte die ganze Zeit geschwiegen, jetzt sagte er "Das ist der, wegen dem du das alles auf dich genommen hast?" "Du kennst ihn nicht richtig." "Hm", machte er und holte seine Karte hervor, ich fragte "Ist dieser Ort Casa Cobo?" "Scheint so" murmelte er und seine Augen streiften über das Pergament.

Plötzlich hatte ich ein ungutes Gefühl, ich fragte ihn "Du bleibst doch bei mir, oder?" "Was soll ich noch hier? Du hast gefunden, wen du suchst." "Aber der Indianer! Der Hüter des Schwarzen Hauses, vielleicht ist er hier!" "Wenn schon. Ich glaube kaum, daß dein Freund uns mit ihm bekanntmacht. Im übrigen ist es mir hier nicht geheuer." "Warte, bis ich mit Thomas geredet habe." "Und was dann?" Ich biss mir auf die Lippen, ich konnte ihm wirklich keine Antwort geben.

Wir saßen da und nichts passierte, und das machte mich langsam verrückt. Dann kamen eine ältere Frau und ein kleiner Junge und brachten uns etwas zu essen, ich fragte die Frau "Hält sich Senor Federmann hier auf?" Sie schaute mich nur komisch an, Rodrigo sagte "Sie versteht kein Spanisch, sie ist eine Mahatauka." "Eine was?" "Das ist ein ziemlich bedeutender Stamm." "Woran hast du das erkannt?" "An ihrem Ohrschmuck. Solchen tragen nur die Mahatauka Frauen." Da sprang er plötzlich auf, "Moment mal, zeig' ihr das Amulett!" "Was?" "Das Amulett, zeig's ihr." Noch bevor ich es tun konnte, hatte Rodrigo es aus meinem Kragen gezerrt, er sagte etwas zu der Frau und hielt es ihr dabei direkt vor die Augen. Sie fasste den Jungen an der Hand und lief schnell mit ihm davon.

"Was hat das zu bedeuten?" "Ich weiß nicht", erwiderte Rodrigo und schaute ihr nach. Ich sagte "Wenn sie hier zu tun hat, wieso kann sie dann kein Spanisch sprechen?" "Das frage ich mich auch gerade." Er drehte sich zu mir um, "Lass' uns was essen." Ich hielt ihn am Arm zurück, "Und wenn es vergiftet ist?" "Was ist denn jetzt in dich gefahren!" "Ach, ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll." "Setz' dich. Ich werde mal vorkosten, wenn ich nicht tot umfalle, kannst du auch davon essen." Es war ein Bohnenbrei mit hellen Fleischstücken, es duftete eigentlich ganz lecker. Rodrigo sagte "Das ist gut. Das ist garantiert nicht vergiftet." Und da machte ich mich auch drüber her.

Ich fragte mich, wieso Thomas so lange auf sich warten ließ. Rodrigo hatte sich auf das Bett gelegt, das nur aus einem rohen Holzgestell mit einer ausgestopften Matratze aus Sackleinen bestand, dennoch war er offenbar gleich in Schlummer gefallen. Dann kam Thomas endlich, mit ihm einer von seinen Waffenknechten. Als er Rodrigo auf dem Bett in der Ecke sah, schickte er den anderen weg.

Wir standen da und keiner wollte zuerst sprechen. Ich überwand mich und sagte "Ich habe davon gehört, was dir in Sevilla widerfahren ist, Sanchez hat es mir erzählt." "Wo ist Sanchez jetzt?" "Mit José López Talavan irgendwo auf der andern Seite der Berge. Was machst du hier eigentlich?" "Ich verdiene hier mein Geld." "Womit?" "Warum bist du hergekommen?" "Thomas! Ich wollte zu dir! Ich hatte nie ein anderes Ziel." "Du hast dir mächtig Zeit gelassen." "Ich habe ... und du bist einfach losgezogen."

"Dann ist es also mit dir und José Talavan nichts geworden?" "Sei nicht so gemein zu mir!", rief ich beinahe wütend. Er lachte hässlich, die Narbe spannte sich tiefrot über seine Wange, "Hast du wirklich geglaubt, Talavan würde sich in dich verlieben? Wie naiv du doch bist." "Ja, und du bist es anscheinend nicht mehr! Weißt du noch, wie du bei Meister Hartmann im Hinterzimmer deinen Seesack gepackt hast. Ohne meine Ratschläge hätte niemals alles reingepasst. Und das Dokument vom Grafen habe ich dir auch besorgt." "Das kam von Sanchez." "Ja, auf meine Veranlassung hin." "Es war auch für dich." "Natürlich war's auch für mich, weil ich bei dir bleiben wollte, wohin du auch gehst."

Es gab eine Pause, dann sagte er "Bist du nie auf die Idee gekommen, daß sich unsere Wege auch trennen könnten." "Was für eine Idee sollte das sein! Ich dachte, wir unternehmen diese Fahrt gemeinsam und versuchen, hier ein neues Leben anzufangen. Du hättest mir verdammt nochmal sagen müssen, daß du mich nicht mehr haben willst. Ja gut, ich geb's zu, ich habe mich in Sevilla zu lange aufgehalten, vielleicht auch in Santo Domingo, aber ich hatte auch nicht die kleinste Nachricht von dir, außer was ich von Sanchez erfuhr. Und das klang verworren genug. Warum hast du dich in Sevilla überhaupt so aufgeführt?"

"Man hat mich beleidigt und gedemütigt, du weißt, daß ich das nicht ertragen kann, ohne mich dagegen zu behaupten." Ich sagte "Ja, das gehört wohl zu deinem Wesen. Das habe ich früher nicht gemerkt." Er sagte "Andere Frauen wären stolz auf einen Mann, der sich nichts gefallen lässt." "Andere Frauen werden auch nicht so lange alleingelassen." "Du wolltest doch immer allein für dich verantwortlich sein." "Ich wollte mein Leben auch mit jemandem teilen." "Das kannst du beides noch haben." "Bitte?" "Weißt du, Leonore, was dein Problem ist? Daß du nie zugeben kannst, was du wirklich fühlst. Das muss man bei dir immer erraten." "Dann sage ich es dir jetzt ... und die Tatsache, daß ich hier an diesem Ort vor dir stehe, sollte der größte Beweis dafür sein: ich liebe dich!"

Thomas blieb ungerührt, dann entgegnete er "Dafür ist es zu spät." "Aber wieso?", rief ich und wollte ihn mit den Armen umklammern, doch er hielt mich davon ab. Ich sagte "Es ist nicht zu spät! Nicht für uns beide. Wir gehören doch zusammen. Wir könnten nach San Carlos gehen oder an irgendeinen andern Ort, wo es uns gefällt, ich habe gehört, weiter unten im Süden an der Küste hat man jetzt eine neue Stadt gegründet, sie heißt Valparaiso, das paradiesische Tal, klingt das nicht unglaublich verlockend, dort können sich unsere Träume erfüllen."

"Ich kann hier nicht weg", sagte er nüchtern. "Natürlich kannst du hier weg. Du kannst tun und lassen, was du willst, du bist Thomas Kross, den niemand zu etwas zwingen kann, das hast du vorhin selber gesagt. Und ja, ich bewundere dich wegen deiner Unbeugsamkeit, wegen deines Stolzes und wegen deiner Stärke! Mögen alle deine Feinde vor dir erzittern."

Ich warf mich vor ihm auf die Knie und umfasste seine Beine. Da packte er mich an der Kehle und hob mich langsam in die Höhe, das mir die Luft wegblieb. "Du tust mir weh", presste ich hervor. "Ach ja?", sagte er beinahe höhnisch, "du bewunderst mich wegen meines Stolzes? Und bewunderst du mich auch dafür, daß ich achtundreißig Indianer getötet habe, den letzten erst gestern, er hatte sich geweigert, mir zu gehorchen, ich habe ihn vor mir niederknien lassen und ihm mit einem Stein den Schädel eingeschlagen. Gefällt dir das, Eleonore?" "Lass' mich los!" "Bitte sehr."

Er stieß mich von sich, ich rappelte mich schnell auf, ich rief "Thomas! Ich weiß, daß in dir ein anderer Mensch steckt, als der du jetzt bist. Ich weiß, daß du das alles gegen deinen innersten Willen getan hast, und vielleicht trifft mich eine viel größere Schuld, weil ich die ganze Zeit nicht bei dir war, vielleicht wäre vieles nicht passiert." "Hör' auf, mich bekehren zu wollen und dich zu erniedrigen", sagte er. "Aber ich muss dich doch gar nicht bekehren! Ich muss dich nur von hier wegbringen, du stehst unter einem schlechten Einfluss, du hast das Ziel aus den Augen verloren, das wir uns beide gesteckt haben. Du weißt, wir wollten alle Hindernisse überwinden, die sich uns in den Weg stellen. Ja, ich habe dich im Stich gelassen, es tut mir leid, oh, ich habe schwer gesündigt, aber ich werde es wiedergutmachen, indem ich dich von hier weghole, ich schwöre dir, ich werde dich niemals mehr verlassen! Thomas!"

Er ließ mich stehen und ging weg. Ich lief ihm hinterher. Er drehte sich um und streckte den Zeigefinger aus, "Geh' sofort zurück, sonst kann ich für deine Sicherheit nicht garantieren!" Als ich die Hütte wieder betrat, saß Rodrigo auf der Bettkante, ich sagte "Du hast alles mitangehört." "Ja", erwiderte er, "es geht mich nichts an." Ich wischte mir ein paar Tränen aus den Augen, "Er ist gerade nicht mehr er selbst", sagte ich unbeirrt, "ich denke, das ist das üble Werk Federmanns, er hält ihn unter seiner Geißel. Davon muss ich ihn befreien." Rodrigo sagte "Na, in einem Punkt hat er nicht ganz unrecht: bei dir muss man wirklich manchmal raten, was du wirklich fühlst." Ich schaute ihn groß an, er fügte hinzu "Ich glaube jedenfalls nicht, daß ich dir hier noch länger nützlich sein kann."

In diesem Moment war es mir unendlich peinlich, daß Rodrigo diese Auseinandersetzung zwischen Thomas und mir mitansehen musste. Hatte ich ihn nicht mit neunmalklugen Ratschlägen überhäuft und mich als die allwissende große Schwester aufgeführt! Ich wollte nicht, daß er mich jetzt so verzweifelt sah. Denn tatsächlich war ich genau in jenem Zustand, den ich ganz am Anfang meines Berichts einmal beschrieben hatte, eine Art Erstarrung und Unfähigkeit zu handeln angesichts der Vorgänge, für die ich keine Erklärung finden konnte. Warum schien meine ganze Mühe vergebens gewesen zu sein? Warum wollte es sich nicht so fügen, wie ich es mir ausgemalt hatte? Warum sollte ich für meinen guten Willen bestraft werden? Ich wollte nicht hinnehmen, daß ich kläglich versagt hätte und jetzt an dieser entscheidenden Wendung meiner weiten Reise aufgeben und zusammenbrechen sollte, anstatt, wie ich es mir so schön vorgestellt hatte, mit Thomas den Pfad zu einer glücklichen Zukunft zu beschreiten.

"Du solltest dich den Tatsachen stellen", meinte Rodrigo, "und die Umstände akzeptieren. Ich sage es nur ungern, aber vielleicht bist du doch zu schwach, um mit all dem fertigzuwerden, was sich dir hier entgegenstellt. Du bist eine großartige Frau, Eleonore, und du bist klug ... und hübsch, aber du stehst kurz davor alleingelassen zu werden ... und du hast ein zu weiches Herz, und beides sind keine guten Voraussetzungen, um hierzulande überleben zu können."

"Das weiß ich doch selbst!", entgegnete ich mit fast schriller Stimme, "Bitte schön, wenn du geh'n willst, dann geh, ich brauche dich nicht! Danke für deine Hilfe, jetzt kannst du endlich verschwinden, hast dich ja sowieso viel zu lange mit mir aufgehalten. Geh' und such' dein verfluchtes Schwarzes Haus, raff' alles Gold zusammen und bring' es deiner Mathilde, aber eins sollst du ..." "Es ist tatsächlich verflucht", unterbrach mich Rodrigo. "Bitte?" "Die Mahatauka Frau hat mich draufgebracht, wir beide haben es nicht rechtzeitig bemerkt: auf dem Schwarzen Haus liegt ein Fluch, und das ganze Gewese mit dem Amulett und dem Bruder des Indianermädchens ist nur eine Falle."

Ich hatte mich etwas beruhigt, wollte mich aber von seinen Worten nicht erneut beirren lassen. "Was für ein Fluch soll das sein?" "Ein Fluch der Götter auf einen Schatz der Menschen." "Ha! Und was sollte er bewirken?", fragte ich herausfordernd. "Alle, die nach ihm suchen, werden darüber verderben. Die sogenannten Hüter des Schwarzen Hauses sind in Wahrheit Jäger, die all' jene abwehren, die sich ihm nähern. Deshalb schwärmen sie aus und versuchen, sie schon möglichst weitab davon zu erledigen. Erinnerst du dich, wie die Nachbarin des Schusters gesagt hat, das Indianermädchen würde kommen und gehen wie es ihr gefällt." "Aber sie hielt sich öfter bei ihm auf." "Weißt du das genau? Ihr Bruder ..." "Er heißt Antames." "Er war bestimmt öfter dort, wahrscheinlich ist er ein Späher, der in Quevedo solchen Leuten wie uns auflauert, um sie dann in die Irre zu führen." "Aber durch ihn sind wir erst hierher gelangt." "Das Schwarze Haus ist nicht in Casa Cobo."

"Und was schlägst du nun vor zu tun?" "Komm' mit mir, Eleonore! Wir verlassen auf der Stelle diesen Ort." "Bist du noch bei Trost!", versetzte ich, "Hast du dir dieses Schauermärchen ausgedacht, um mich von hier fortzulocken. Ich glaube, du bist bloß eifersüchtig, weil ich das gleiche mit Thomas vorhabe." "Nein. Ich bin nur auf dein Seelenheil bedacht." "Mein Seelenheil!", platzte ich heraus, "Daß ich nicht lache. Warum warst du selbst so scharf auf das Gold, und bist es jetzt angeblich nicht mehr? Soll ich dir deine Wandlung so einfach abnehmen?" "Das Gold aus dem Schwarzen Haus wäre viel zu schwer, um es fortzutragen." "Ach ja? Und warum bist du dann noch hier und nicht längst nach Hause zurückgekehrt?" "Ich habe eine Vermutung, wo es Smaragde gibt. Wenn wir welche finden, könnten wir ... zusammen ein gutes Leben führen."

"Smaragde!", rief ich, als hätte ich überhört, was er zuletzt gesagt hatte, "Mir klingt noch in den Ohren, wie abfällig du dich darüber geäußert hast." "Kann sein. Aber wäre es so dumm, wenn ich meine Meinung geändert hätte." "Rodrigo", sagte ich, "es tut mir leid, wenn ich vorhin zu grob war, ich entschuldige mich dafür. Du hast so viel für mich getan. Aber du musst verstehen, daß es hier nicht um mein Seelenheil geht, sondern um das meines Freundes Thomas. Ich muss ihn für mich zurückerobern, und ich bin überzeugt, daß mir das gelingen wird." "Nun dann", erwiderte er, "ich werde dich ..."

In diesem Augenblick betrat Thomas die Hütte, er packte mich am Kragen und rief ziemlich ungehalten: "Was habt ihr mit Niklas Federmann zu schaffen? Raus mit der Sprache!" "Ich habe ihm einen Brief zu überbringen", sagte ich und zerrte an seiner Hand, "Dios mio, warum willst du mich dauernd erdrosseln." Er schüttelte mich durch, "Von wem?" "Das kann ich ihm nur selbst sagen." Rodrigo forderte ihn auf: "Bring' sie zu ihm." "Hat dich jemand um deine Meinung gefragt!", ranzte Thomas ihn an, "Also bist du gar nicht wegen mir hergekommen?" "Doch", röchelte ich, "nimm' deine verdammte Hand weg!" Er ließ los. "Ich hatte erfahren, daß du möglicherweise in Federmanns Diensten stehst ... und das ist offensichtlich auch so, oder willst du das abstreiten?", er schwieg und knirschte mit den Zähnen, "Das hat mich auf deine Spur gebracht." Er starrte mich unverwandt an, ich brachte meinen Kragen in Ordnung. "Und jetzt tu gefälligst, was mein Kamerad von dir verlangt hat."

Er tat es ohne Widerrede, und das ließ mich Hoffnung schöpfen, daß ich noch Einfluss auf sein Handeln hätte. Federmanns Hütte war beträchtlich größer und beinahe komfortabel gegenüber den anderen Behausungen. Zwei riesige, blutrünstige Hunde kläfften uns entgegen, der Geifer tropfte ihnen vom Maul, aber Gott sei Dank waren sie angekettet.

Niklas Federmann war klein und schmächtig, doch durchaus ansehnlich und man konnte sofort erkennen, daß er bemüht war, sich durch sein Äußeres aufzuwerten. Er trug den Anzug eines spanischen Ritters, aus kostbarem Stoff, und das war für diese Umgebung sicher sehr unpraktisch, gab ihm andererseits aber wohl die nötige Autorität, und aus seinen Gesichtszügen konnte man auf den ersten Blick herauslesen, daß er nicht lange herumfackelte, wenn es darum ging, seinen Feinden und Widersachern den Garaus zu machen; ich konnte mir denken, warum Thomas ihm ergeben war.

Ich stellte mich vor, machte eine leichte (aber keine untertänige) Verbeugung und sagte "Senor Federmann, ich übergebe Ihnen diese Mappe mit einem Schreiben an Sie. Ich habe mich für diesen Auftrag in Santo Domingo mit meiner Unterschrift verpflichtet." Er nahm wortlos die Mappe entgegen, öffnete sie, holte den Brief daraus hervor, brach das Siegel und las ihn langsam von Anfang bis Ende. Ich versuchte, irgendeine Empfindung aus seiner Miene aufzufangen, aber sie blieb kalt und bedrohlich. Als er fertig war, fragte er "Sie haben mit Senora Welser persönlich gesprochen?" "Mit Adelheid Welser, sehr wohl." "Stehen Sie in unseren Diensten?" "Bitte?" "Sind Sie bei unserer Gesellschaft angestellt?" "Nein." "Dann hat außer Senora Welser niemand Kenntnis von diesem Schreiben?" "Soviel ich weiß, nein." (Das war die dümmste Antwort, die ich geben konnte.)

Er legte alles beiseite auf seinen Schreibtisch und überlegte einen Moment, in dem er mich aufmerksam betrachtete, dann sagte er "Mir ist nicht ganz klar, Senorita, wieso Sie die Strapazen auf sich nehmen und sich bis hierher durchkämpfen, bloß um den Postboten zu spielen." "Ich bin dafür nicht schlecht bezahlt worden." Er verzog den Mund zu einem herrischen Grinsen, das gleich wieder verflog. "Sagen Sie mir die Wahrheit, für wen arbeiten Sie wirklich?" "Für niemanden außer für mich selbst, und wenn Sie's genau wissen wollen: ich bin wegen ihm hier!" Dabei zeigte ich auf Thomas.

Federmann zog die Brauen hoch, "Capitán Keiler! Sie kennen dieses Mannsweib?" "Nein, Euer Exzellenz." "Oh, Euer Exzellenz", rief ich höhnisch, "dieser Mann kennt mich sehr gut, wir sind nämlich beide zusammen auf große Fahrt nach der Neuen Welt gegangen, und da nannte er sich auch nicht Capitán Keiler oder sonstwie, sondern hieß Thomas Kross und war ein einfacher Buchdruckerlehrling." "Halt die Klappe!", schrie Thomas und versetzte mir eine Ohrfeige, daß ich vor Schmerzen aufschrie.

"Na, immer mit der Ruhe", gemahnte Federmann, ohne sonderlich beeindruckt zu sein. "Was den Namen angeht, Senorita, so hat er ihn, soviel ich weiß, nach einem heftigen Zusammenstoß mit einem Wildschwein verpasst bekommen, nicht wahr, Capitán?", und wieder ließ er sein breites Grinsen übers Gesicht gleiten. "Ja, so war es, Euer Exzellenz", erwiderte Thomas, ohne einen von uns anzublicken, "und ich möchte hinzufügen, daß ich als Sieger aus dieser ungewöhnlichen Begegnung hervorgegangen bin."

"Daß ihr beide, wie Sie sagen, gemeinsam eure Reise begonnen habt, will ich gerne glauben. Unter anderen Umständen würde ich vielleicht sogar selbst einmal einen vergnüglichen Ausflug mit Ihnen unternehmen, Senorita, ich bin sicher, unter ihrem albernen Männerkostüm verbirgt sich ein makelloser Körper, der mit allen weiblichen Reizen ausgestattet ist und der einem einsamen, liebeshungrigen Soldaten die höchste Befriedigung zu verschaffen vermag. Denn immer nur gewöhnliche Indianerweiber zu ficken ... Entschuldigung ... das lässt einen auf Dauer erschlaffen. Oh, ich würde natürlich den Capitán um Erlaubnis fragen, ganz so, wie man es von einem Ehrenmann erwarten darf, nicht wahr, Capitán?"

"Sie können sie haben, Euer Exzellenz", sagte Thomas ohne jede Regung. "Ja, danke. Nur ist hier ganz und gar nicht der richtige Ort dafür. Denn glauben Sie mir, Verehrteste, was ich hier in diesem Haufen heruntergekommener Marodeure am wenigsten gebrauchen kann, das ist so eine entzückende Fotze wie Sie! Ich habe alle Hände voll zu tun, meine Männer mit allen Mitteln der militärischen Führung zusammenzuhalten, und wenn es Sie erfreut, der Capitán ist einer der wenigen, auf die ich mich absolut verlassen kann." "Danke, Euer Exzellenz", rief Thomas und starrte weiter geradeaus.

Ich war so nahe dran, Federmann ins Gesicht zu spucken, ich konnte mich zusammenreißen und sagte "Es ist mir vollkommen klar, daß Sie ohne meinen Freund Thomas in ihrer eigenen Unfähigkeit ersticken werden, aber es tut mir überhaupt nicht leid, wenn das eintritt, denn ich werde ihn jetzt mit mir nehmen - und übrigens können Sie Ihren mickrigen Schwanz hinstecken wo Sie wollen, ich bin nicht daran interessiert." "Eleonore!", mahnte mich Thomas eindringlich und fasste unsanft meinen Oberarm, Federmanns Miene verfinsterte sich.

Ich sagte "Und du kommst jetzt mit! Schluss mit der Kriecherei und Knechtschaft bei diesem Scheusal." Er ließ mit seinem Griff nicht locker, er schüttelte mich wieder durch wie vorhin und sagte, als sollte es der andere nicht hören: "Du bringst dich noch um Kopf und Kragen!", und das klang ganz so, als wäre es ihm bange um mich. Ich schaute ihm tief in die Augen und flüsterte "Thomas! Ich flehe dich an, komm' mit mir mit!"

Kaltblütig sagte Federmann: "Capitán Keiler, Sie wissen, was zu tun ist." "Jawohl, Euer Exzellenz." "Hör' doch endlich auf mit der Speichelleckerei! Du bist viel mehr wert als dieser nichtswürdige Schurke!" Keiner von beiden gab darauf Acht, Federmann fragte "Was ist mit dem Burschen, der bei ihr ist?" "Kein Problem, Euer Exzellenz, den fressen gleich die Hunde." "Brav, mein Capitán." Ich fing vor Verzweiflung an zu weinen, ich wollte mich losreißen, aber Thomas war natürlich stärker. Federmann setzte ein mitleidiges Gesicht auf, "Ach, und Capitán! Bereiten Sie ihr ein erträgliches Ende." "Jawohl, Euer Exzellenz."

Thomas schob mich aus der Hütte, Federmann rief mir hinterher: "Danke nochmal für Ihre Mühe mit dem Brief." "Ich scheiß' auf den Leichnam deiner Mutter!", schrie ich (das war die schlimmste spanische Beschimpfung, die ich kannte, und ich hätte nie gedacht, daß sie mir einmal über die Lippen kommen würde.) Thomas schleppte mich zu unserer Hütte, ich sagte "Was soll das werden?" "Du hast es gehört. Das hast du dir selber zuzuschreiben. Wie konntest du nur so schamlos mit ihm reden ... und mich vor ihm demütigen!" "Aber er ist ein Schwein!" "Du hast doch keine Ahnung, was er für mich getan hat. Wenn er mich nicht aufgenommen hätte, wäre ich ..."

Die Hütte war leer, Rodrigo verschwunden. Thomas stutzte, er warf mich zur Seite, "Setz' dich da auf den Stuhl und rühr' dich nicht vom Fleck!" Dann stürmte er hinaus. Ich traute mich nicht, auf der Rückseite nachzusehen, ob Rodrigos Pferd noch da war. Hatten sie ihn wirklich schon umgebracht? Oder war er in letzter Minute entkommen? Da hörte ich die Bluthunde bellen und mir stockte der Atem. Es war eine ganze Meute, und ich presste meine Hände gegen die Schläfen, um mir nicht vorstellen zu müssen, was gerade geschieht.

Nach einer Weile kam Thomas zurück, er schien beunruhigt. Ich weiß nicht, woher ich noch die Kraft nahm, mich zu beherrschen und zu sagen "Er hat dir nichts getan und du hast ihn trotzdem ermordet." "Alles eure Schuld!", fuhr er mich an, und da merkte ich, daß etwas nicht stimmte, ich sagte mit der größten Nüchternheit, die ich aufbringen konnte: "Ich habe ihn gar nicht schreien hören." "Ja, sei froh, dir zuliebe habe ich ihm vorher den Gnadenstoß gegeben." Ich schwieg, ich sah, wie heftig er atmete und angestrengt überlegte.

Da kam es wie von selbst aus mir heraus, "Dann hast du sicher auch seine Karte gefunden." Er sah mich an und prüfte genau meinen Blick, ich musste mich dermaßen zwingen nicht zu zittern. "Ich meine die Karte, wo das Schwarze Haus eingezeichnet ist." Er brauchte einen Moment, um alles auf die Reihe zu kriegen, dann fragte er "Woher soll er das gewusst haben?" 'Aha', dachte ich, 'Thomas kennt also auch das geheimnisvolle Schwarze Haus.' Ich sagte "Frag' doch Federmann. Eine gleiche Karte lag in Santo Domingo auf dem Schreibtisch der Welsers. Mein Kamerad hatte die besondere Fähigkeit, sich Karten einzuprägen, und als wir dort waren, hat er sie gesehen, sich alles genau gemerkt und sie dann aus dem Kopf nachgezeichnet."

Er wollte mir neuerlich an den Kragen, aber ich hatte mir in der Zwischenzeit aus meinem Bündel mein Messer geschnappt und unter meiner Jacke versteckt. Das zückte ich jetzt gegen ihn und rief: "Bleib' mir vom Leib! Sag', daß du Rodrigo nicht getötet hast und daß du dich unverzüglich von diesem Teufel Federmann losreißt! Dann verzeihe ich dir deine Verirrungen und Grobheiten und werde bei dir bleiben."

Tja, das war mein letzter Versuch, ihn für mich zu retten. Er fasste mein Handgelenk mit dem Messer und drückte so stark zu, daß meine Finger versagten, er nahm das Messer, hielt mir die Klinge dicht unters Kinn und fauchte: "Du..., du... Hexe! Du bringst mir Unglück! Man sagt, auf dem Schwarzen Haus lastet ein Fluch." "Aber das ist doch Unsinn", entgegnete ich, "man sagt auch, das Schwarze Haus würde es gar nicht geben. Ich werde dir beweisen, daß es wirklich existiert ... wenn du das Messer wegnimmst." Er zögerte, dann drückte er es noch fester gegen meine Kehle, ich bekam Todesangst, ich rief: "Ich besitze ein goldenes Amulett, das aus dem Schwarzen Haus stammt." "Zeig's mir!" "Nimm' das Messer weg." "Nicht eher, als bis du's mir zeigst." "Gottverdammt, du Arschloch! Ich trag' es um meinen Hals."

Er ließ das Messer sinken, ich holte das Amulett hervor und dachte 'Lieber Herrgott, verzeih' mir, daß ich dich eben beleidigt habe.' Es glänzte heller von Gold als je zuvor. Thomas' Augen waren von dem Anblick wie geblendet. Er wollte es berühren, ich sagte "Nein, warte! Nur ich kenne sein Geheimnis." "Woher hast du's?" "Frag' besser, wohin es mich führt." "... zum Schwarzen Haus ...", sagte er, als wäre es eine Zauberformel, und ich sah, daß auf einmal eine ungeheure Begierde in ihm aufloderte, die alles andere um ihn her vergessen machte, einschließlich seiner Verhimmelung des Niklas Federmann.

Ich sagte "Gibt es unter euern Sklaven einen Indianer mit Namen Antames?" "Was?", riss es ihn aus seinem Bann. "Ein Sklave namens Antames, ist der hier?" "Ich kenne doch nicht ... Antames? Ja, da war letztens einer ..." "Siehst du, daß alles stimmt, was ich sage. Er ist ein Hüter des Schwarzen Hauses. Du musst mich zu den Sklaven bringen, das Amulett wird uns zeigen, welcher unter ihnen Antames ist."

Was weiter geschah, kann ich nur unter Vorbehalt wiedergeben, denn indem wir aus der Hütte traten, überfiel mich eine seltsame geistige Benommenheit, die bewirkte, daß ich alles nur noch wie durch einen Schleier wahrnahm. Ich hatte das Gefühl, als würde ich von außen, von einer höheren Macht gelenkt und gesteuert werden. Wir betraten einen halbverfallenen Schuppen, in dem sich eine unüberschaubare Anzahl von Indianern befand, die offenbar gerade von der Sklavenarbeit in der Silbermine zurückgekehrt waren, sie sahen ganz erbärmlich aus, die meisten hockten oder lagen völlig entkräftet am Boden. Aber da war einer, der sich von den andern unterschied und zu dem es mich unwillkürlich hinzog; ich spürte, wie das Amulett auf meiner Brust zu pulsieren begann.

Als wir näherkamen, erhob er sich, er war barfuß und nur mit einer einfachen Hose und einem Leinenhemd bekleidet, seine dunklen Haare hatte er nach hinten zusammengebunden. Ich vermag nicht, sein Antlitz zu beschreiben, denn es hatte einen übernatürlichen, fast geisterhaften Ausdruck, und als er mich ansah, ergoss sich aus seinen Augen ein sanfter, wohliger Schauer über mich, der mich noch inniger mit ihm verband. Es war, wie wenn er mich in die Hülle seines unsichtbar strahlenden Wesens aufnahm und mich zugleich meines eigenen Willens berauben wollte. Ich bemerkte meine Hand, wie sie das Amulett herausholte und ihm hin hielt, ich hörte meine Stimme seinen Namen säuseln und ihn den meinigen nennen wie zum Zeichen uralter Verbundenheit. Ich sah seine Fingerspitzen, die bis auf einen winzigen Abstand heranreichten, und da sprang ein Funke über, und das Amulett wurde für einen Moment so heiß, daß ich es fallen ließ, um mich nicht zu verbrennen. Antames fing es auf, und es zischte in seiner Hand, als würde glühendes Metall mit einem Schwall kalten Wassers überschüttet.

"Schluss jetzt mit den Zauberkunststücken", ging Thomas dazwischen. Er zog eine Pistole aus seinem Gürtel und hielt sie mir an die Schläfe, er sagte zu Antames "Ich habe keine Ahnung, was du mit ihr vorhast, aber ich werde sie abknallen, wenn du mir nicht gehorchst, hast du verstanden, du Indianerbrut! Und jetzt 'raus hier, beide!"

Er trieb uns mit gestreckter Waffe vor sich her, und als wir über den Platz zwischen den Hütten marschierten, schallte von Federmanns Domizil her seine Stimme zu uns herüber: "Was ist denn da los, Capitán Keiler?" "Nichts, Euer Exzellenz." "Warum ist die Schlampe noch am Leben? Und wer zum Henker ist der Indianer?" "Sie wollten sich grade aus dem Staub machen ..." Antames ergriff meine Hand, ich rief "Der Capitán will sich den Schatz aus dem Schwarzen Haus unter den Nagel reißen." "Was soll das bedeuten? Hiergeblieben!"

Thomas holte aus, um mir einen Schlag auf den Schädel zu versetzen, Antames zog mich mit fort, meine Füße glitten wie schwerelos über den Boden. Ich hörte einen Schuss und die Rufe der Bogenschützen, die gleich angelaufen kamen, ich sah Pfeile an uns vorbeisausen. Doch im Nu hatten wir den Wald am Dorfrand erreicht und waren darin verschwunden. Antames legte den Arm um meine Hüfte und trug mich - so leicht, als wäre ich aus Daunenfedern - bis hinauf in die Baumkronen und noch darüber hinaus in die Lüfte. Und ehe ich aus schwindelerregender Höhe einen Blick hinab wagen konnte, huschten wir wie ein Windhauch über einen tiefblauen See hinweg, in ein Tal hinab und auf der anderen Seite bergauf, um ein paar Felsen auf einer Anhöhe herum, und landeten wieder mitten im Wald.

Antames setzte mich sanft auf dem Boden ab, ich fragte "Wo sind wir?" "In einem Zwischenreich." "Verstehst du meine Sprache, Antames?" "Du sprichst zu dir selbst." "Aber du bist doch hier?" "Ich bin überall." "Dann bist du ein Geist?" "Ich bin der Sohn eines Gottes und einer Sterblichen. Ich existiere zwischen Himmel und Erde." "Ist es wahr, daß du ein Hüter des Schwarzen Hauses bist?" "Und was willst du behüten?", fragte er zurück. Ich versuchte zu überlegen, konnte aber keinen wirklich klaren Gedanken fassen. Da fiel mir ein: "Ist Rodrigo am Leben?" Antames sagte "Hier können wir nicht bleiben." "Sind wir nicht gerade meilenweit durch die Luft geflogen?" Er lachte, als wäre ihm ein hübscher Streich gelungen, "Ist dir das so vorgekommen?" "Sag' mir, ist Rodrigo am Leben?" "Sie werden uns verfolgen." "Ist ..."

Er berührte mit seiner schlanken Hand meine Wange und brachte mich dadurch zum Schweigen, jetzt konnte ich sein Gesicht deutlich erkennen, es war tatsächlich von göttlicher Anmut. Und da stand er plötzlich ganz nackt vor mir und ich bestaunte seinen vollkommenen Körper. Ich konnte nicht widerstehen, mit den Fingern über seine goldglänzende Haut zu fahren, und mein Blick wanderte an ihm hinab bis zu seiner männlichen Pracht und ich fasste sein Glied und fühlte, wie es sich regte und zu ganzer Größe anschwoll. Und ich war auch nackt und wir schwebten beide, zum Paar vereinigt, auf einer Wolke aus Blütenduft über der Erde. Ich spürte, wie sein Glied in mich eindrang, ich krallte mich mit allen Fingern in seinen Nacken, und als sein Samen in mich einschoss, seufzte ich laut auf und sank in Ohnmacht.

War das alles nur Lug und Trug? Bildete ich mir alles nur ein? Waren der Wald, der See, die Felsen und das Tal mir bloß im Gedächtnis geblieben, weil ich sie auf Rodrigos Karte gesehen hatte? War mir Antames' Liebe und sein Samen nur als sehnlicher Wunsch zuteil geworden, weil ich von seiner Erscheinung so überwältigt, von seiner vermeintlichen Wildheit erregt, von ihm selbst wie mit Vogelschwingen ausgestattet und in den Himmel emporgehoben worden war, was bis dahin noch keiner mit mir vollführt hatte! Oder wollte ich mich an Thomas rächen für all' die erlittene Schmach, dafür daß er mich, obwohl ich ihm bis in dieses verfluchte Nest am Ende der Welt nachgelaufen war, erschießen wollte. Ich konnte es immer noch nicht fassen!

Um mich herum war plötzlich großes Geschrei und Tumult. Ich sah Thomas mit Helm und Harnisch, das Schwert mit blutbeschmierter Klinge hoch erhoben, das Gesicht mit der rotglühenden Narbe zu einer grässlichen Fratze verzerrt. Da waren seine Indianer mit Pfeil und Bogen, und ich sah, wie sie sich auf Antames stürzten. Ich rief "Lasst ihn in Ruhe!", aber da spürte ich einen Stich und Schmerz an meinem rechten Bein, nur knapp oberhalb des Knöchels, ich fiel zu Boden und versuchte verzweifelt aber vergeblich, wieder aufzustehen.

Ich hörte von fern den Lärm der kämpfenden Männer und mir war auch, als wären Antames die Krieger seines Stammes zu Hilfe gekommen, da brannte es höllisch an der Stelle an meinem Bein, ich bäumte mich auf und fiel abermals zurück. Doch merkte ich, wie jemand mich hochzog, wie meine Handgelenke in zwei Schlingen aus Leder festgebunden und meine Füße in zwei anderen Schlaufen wie in Steigbügel gesteckt wurden, und wie mich jemand in diesen seltsamen Fesseln huckepack davontrug.

Ich weiß nicht, wie lange ich da auf dem Rücken meines Retters durch den Urwald geschleppt wurde, und ich bekam auch nicht mit, was dann weiter mit mir geschah. Erst im Nachhinein habe ich erfahren, daß die Soldaten, die an dem Ort warteten, den Sanchez für alle Fälle vereinbart hatte, mich bis nach San Carlos zurückbrachten, auf einer Art Schlitten aus hölzernen Stangen, der von einem Maultier gezogen wurde.

* * * * *

Martika hatte sich selbstlos um mich gekümmert. Mehrmals war ein Doktor gekommen, der meinen Zustand überwachte und mir Arzneien gab, die ich im Halbschlaf schluckte; ich ließ Kopf und Glieder hängen und alles mit mir geschehen. Dann wieder wälzte ich mich im Fieberwahn in meinem Bett hin und her und manchmal schreckte ich auf und fuhr hoch und faselte irgendwelches zusammenhangloses Zeug, um im nächsten Augenblick auf mein Kissen zurück zu sinken.

Ich hatte Gerdas Adresse (ohne bestimmten Grund) Martika gegeben, und jetzt hatte sie Gerda benachrichtigt und gebeten herzukommen, was sie auch sogleich tat. Martika hatte denselben Straßenjungen zu ihr geschickt, den ich seinerzeit beauftragt hatte, Pedro, den Burschen mit dem Karren, herzuholen, und nun kam auch Pedro, um zu fragen, ob er etwas für mich tun könne. Alle waren so gut zu mir, und ich lag da und konnte mich nicht mal bedanken.

Irgendwann öffnete ich die Augen und sah die Sonne durchs Fenster scheinen, neben meinem Bett saß eine Frau, und ich erkannte sie erst auf den zweiten Blick, aber ich erkannte sie! Und das gab mir einen ungeheuren Schub an Kraft und Lebenswillen, ich schaute sie an und bewegte meine Lippen, "Gerda!", hauchte ich. "Leonore", rief sie und strich mir über Stirn und Schläfe, "du bist wieder bei uns!"

In den ersten Tagen konnte ich nur Martikas deftige Fleisch- und Gemüsebrühe zu mir nehmen, aber die half mir auf die Beine, und bald war ich stark genug, mich zu bewegen und umher zu gehen, und als der Doktor kam, scherzte ich mit ihm, und er war so froh, mich wiederauferstanden zu sehen, daß ich ihn dreimal überreden musste, das Geld für seine Behandlung anzunehmen, er sagte "Das war nicht ich, Senorita, das war eine höhere Macht, die schützend ihre Hand über Sie gehalten hat."

Ich betrachtete lange die Wunde an meinem Bein, kam dabei aber zu keinem Ergebnis. Der Doktor meinte, es muss ein Schlangenbiss oder eher noch ein vergifteter Pfeil gewesen sein, der mich verletzt habe. Für letzteres spreche auch die kurzzeitige Dysfunktion bestimmter Organe und einige andere Ausfälle, die mich bis an die Schwelle des Todes gebracht hätten. Nur der Tatsache, daß die Stelle so weit weg vom Herzen gelegen und das tödliche Gift daher einen längeren Weg habe nehmen müssen, vor allem aber, daß irgendjemand sie mit einem glühenden Messer oder Eisen oder vielleicht auch mit Schwarzpulver, das er direkt im Fleisch zur Zündung brachte, unverzüglich ausgebrannt und damit einen Großteil des Giftes unschädlich gemacht habe, verdankte ich mein Leben.

Ich gab für alle eine Essen, auch der Doktor, Pedro und der Straßenjunge waren eingeladen. Es gefiel allen sehr gut, aber ich entschuldigte mich, daß ich so schweigsam war, so richtig hatte ich noch nicht wieder zu mir selbst gefunden. Ich versuchte mich zu erinnern, ich sah etliche Bilder vor meinem geistigen Auge, aber ich war mir nicht sicher, ob es wirklich das war, was ich erlebt hatte. Das Amulett lag in einem Schubfach der Kommode, Martika hatte es mir abgenommen und dort verwahrt, es war wieder zu dem gewöhnlichen Holz- oder Knochenschmuck geworden, wie er mir beim ersten Mal seinen Anblick geboten hatte.

Ich saß den ganzen Vormittag auf dem Bett und starrte hinaus auf die Berge. Wenn Martika mich zum Essen rief, ging ich hinunter. Danach schlief ich bis zum Abend. Ich hatte keine Schmerzen, aber ich fühlte mich, als wäre ich durch ein schreckliches Feuer gegangen. Martika gab mir ein verschlossenes Päckchen, auf dem mein Name stand, es war ziemlich schwer und darin waren zehn oder zwölf Gold Dukaten sowie ein Kärtchen, auf dem nichts weiter zu lesen war, als: "Liebe Grüße, José López Talavan." Ob er denn in der Zwischenzeit hiergewesen sei, fragte ich sie, und sie verneinte; dieses Päckchen habe er ihr gegeben, als wir nach Quevedo aufbrachen. Hatte er geahnt, daß ich allein hierher zurückkehre?

Ich hielt es nicht länger aus, herumzusitzen und darauf zu warten, daß mir alles wieder einfiele. Ich ging in die Stadt und zu Hasan Farudin, um den (größeren) Rest der Schulden für Rodrigos Ausrüstung zu begleichen, ich rechnete nicht damit, daß er irgendetwas von seiner "Ausbeute" dafür verwenden könnte - wenn er überhaupt heil wiederkehrte. Ich war überrascht zu hören, daß Rodrigo noch vor unserer Abreise alles bezahlt hatte. Farudin lud mich in sein Gästezimmer ein, er war wirklich interessiert zu erfahren, was geschehen war. Ich sagte, ich hätte nur Bruchstücke davon im Kopf. Er nickte und nahm einen Zug aus seiner Pfeife, wahrscheinlich glaubte er mir nicht. Er fragte "Was haben Sie jetzt vor, Senorita?" "Ich fahre nach Hause." "Nach Spanien?" "Nach Deutschland." Er nickte wieder, dann sagte er "Das wird wohl das Beste sein."

In Santo Domingo klopfte ich an die Tür des Hauses vom Santiago Orden. Nichts regte sich und ich überlegte schon, wo ich unterkommen könnte. Da drehte sich der Schlüssel im Schloss, und irgendwie freute ich mich, Ortiz zu sehen, auch wenn er betrunken war und sich erst allmählich auf mich besinnen konnte. Dann ließ er mich herein und war sehr ergeben, aber er stank fürchterlich nach altem Schweiß und schlechter Verdauung. "Ist Caporal Mendez da?" "Nein, Senorita." "War er hier?" "Nein. Ich dachte, Sie kämen gemeinsam zurück?" Ich schlief in Rodrigos Bett; ich hatte nicht direkt Angst vor Ortiz, dennoch schloss ich mich ein. In der Nacht hörte ich ihn unten singen, es klang sehr wie Katzenplärren, aber voller Inbrunst. Ich musste über ihn lächeln.

Eigentlich hätte ich Adelheid Welser aufsuchen und ihr den Hergang schildern müssen (wie ich die Ledermappe an Niklas Federmann übergeben hatte, war mir ja noch in klarer Erinnerung). Aber irgendetwas in mir, das ich nicht zu überwinden vermochte, hielt mich davon ab, und dann dachte ich: 'Soll sie doch allein damit fertigwerden.'

Ich hatte befürchtet, daß die Überfahrt nach Spanien die tödlichste Schwermut in mir auslösen würde, aber ganz das Gegenteil war der Fall und ich vermute, daß die Gewissheit, mit jeder Seemeile all' die unangenehmen Dinge hinter mir zu lassen, zu meiner Erholung beitrug. Außerdem schrieb ich mir in meinem Tagebuch alle Bedrückung von der Seele; ich konnte sowieso an der Vergangenheit nichts mehr ändern und ich fühlte mich frei von jeder Schuld. Das lag aber vielleicht auch daran, daß ich hier auf dem Schiff gewissermaßen unerreichbar war. Denn, glaubt mir, das war meine Erfahrung: nirgends kann man sich als ein besserer Mensch fühlen, als auf hoher See.

Oh, wie hüpfte mein Herz vor Freude, als ich Serafina, den Zwerg und Aurelia wiedersah. Nur Baukis musste ich schmerzlich vermissen. Sie war zu ihrem Onkel gereist, der sich auf seiner Messerschleifer Kauffahrt unterwegs den Fuß gebrochen hatte. Aber Serafina erzählte mir, da wäre ein junger Mann als Gast in Aurelias Haus gewesen, und dem sei Baukis wahrscheinlich nachgereist und hatte wohl die Sache mit ihrem Onkel bloß erfunden. Immerhin hatte sie versprochen, so bald wie möglich wiederzukommen.

Ich schrieb Baukis einen langen, lieben Brief, in dem ich mir wünschte, sie möge uns einmal besuchen, sie sei herzlich willkommen und könne bleiben solange sie wolle. Ich legte ein paar von Talavans Golddukaten bei und übergab den Brief Aurelia. Ich dachte auch daran, an Sanchez zu schreiben, aber ehrlichgesagt fiel es mir zu schwer, die richtigen Worte zu finden, zumal ich keine Ahnung hatte, wo er sich gerade aufhält.

"Nun", sprach der Zwerg, als wir beim Essen saßen, "da unsere werte Eleonore, wie ich annehme, alsbald ihre Heimreise antreten wird, so ist auch für mich an der Zeit, Lebewohl zu sagen." Er könne doch gerne noch eine Weile hierbleiben, sagte Aurelia, und Serafina fragte, wohin er denn gehen wolle. "Zurück an den Königshof, wo ich in alle meine früheren Partizipationen am Hofstaat wiedereingesetzt und für all' das Unrecht, welches mir zugefügt wurde, entschädigt zu werden gedenke." Dabei zitterte die Pfauenfeder an seinem Hut voller großer Erwartung.

"Meinst du nicht, daß man dich da längst vergessen hat?", sagte Serafina in ihrer jungendlichen Offenheit. Obwohl sie das keineswegs verletzend gemeint hatte, wäre ihr der Zwerg beinahe an die Gurgel gesprungen. Ich legte schnell meine Hand auf sein dickes Unterärmchen und meinte "Was Serafina sagen wollte, ist: wer immer deine Stelle dort eingenommen hat, er wird mit aller Kraft verhindern, daß du sie ihm streitig machst." "Na und", trotzte er, "wenn's sein muss, werde ich mir meinen Platz mit Gewalt zurückerobern."

Dann war er einen ganzen Tag damit beschäftigt, sein Bündel zu schnüren. Zwischendurch kam er immer mal kurz aus seinem Zimmer, um zu sehen, was wir andern machten. Hatte ich schon gesagt, daß Serafina sich entschlossen hatte, mit mir in meine Heimat zu ziehen? So war es jedenfalls, und wir bereiteten uns auf die Reise vor, als der Zwerg angewackelt kam. "Wer gibt euch beiden Gackerhühnern eigentlich Geleitschutz?", fragte er und schaute mich dabei an, als hätte ich diese wichtige Vorkehrung sträflich außer Acht gelassen.

"Wir besorgen uns einen", sagte ich, und dann fiel mir ein: "warte mal, wenn du dir am Königshof Respekt verschaffen willst, ist es am besten, du bist bewaffnet!" Damit holte ich meine Pistole hervor und drückte sie ihm in die Hand (er konnte sie grade so umfassen), "Kannst du mit so was umgehen?" "Na klar", versicherte er und fuchtelte ungelenk damit herum. Er verschwand, Serafina sagte "Er wird sich in den eigenen Fuß schießen." "Ach was, sie ist nicht mal geladen."

Da kam er wieder, "Braucht ihr die Pistole nicht selber?" Ich tat, als überlegte ich, er beeilte sich zu sagen "Und überhaupt, wo wollt ihr auf die Schnelle einen Geleitschutz herbekommen!" "Was meinst du damit?" "Nun", sagte er und streckte seine kleine Kugelbrust vor, "ich würde mich bereiterklären, euch bis nach Hause zu geleiten, und nach ein paar Tagen Aufenthalt, in denen ich mich vergewissert habe, daß Serafina in guten Händen verbleibt, wieder hierher zurückkehren, um mich dann endlich schleunigst an den Königshof zu begeben." "Ja, wenn dir das keine Umstände bereitet, dann würden wir dein Angebot gerne annehmen, nicht wahr, Serafina?", erwiderte ich und zwinkerte ihr zu. "Ja klar, aber wenn du die Pistole behälst, reite ich hinter dir."

Er lief zu Aurelia und verkündete "Wir haben umdisponiert. Ich werde zuerst meiner Pflicht genüge tun, die Senoritas gegen die Widrigkeiten der Reise zu beschützen, und mir dann erst meine Partizipationen zurückholen." "Eine kluge Entscheidung", bestärkte ihn Aurelia, "vielleicht sind dann deine Partizipationen sogar noch weiter angewachsen."

Ich will nicht soweit gehen zu behaupten, der Zwerg sei so etwas wie ein Glückspfand für unsere Reise ohne Zwischenfälle gewesen. Er drohte auch ein paarmal von seinem Maultier zu fallen, als er eingeschlafen war. Deshalb mussten wir ihn festbinden, was er nach einigem Sträuben und Schimpfen schließlich mit sich geschehen ließ. Ich muss gestehen, er sah ein bisschen aus, als hätten wir ihn unterwegs gefangengenommen. Wir betonten aber des öfteren, daß wir uns durch seine Begleitung sehr viel sicherer fühlten, und Serafina bemerkte sogar, ohne ihn hätten wir uns wahrscheinlich heillos verirrt. Ich weiß nicht, ob er uns wirklich alles abnahm, auf jeden Fall war es durch ihn weniger langweilig und mit seinen albernen (und auch ziemlich zotigen) Späßen verging die Zeit schneller.

* * * * *

Sicher könnt ihr euch vorstellen, wie überschwänglich mein Onkel Matthes und mein kleiner Bruder Johannes mich zu Hause empfingen. (Mein Brief war übrigens tatsächlich hier angekommen.) Mein Onkel war zwar sichtlich gealtert, aber immer noch rüstig, und meine Ankunft gab ihm augenscheinlich neue Kraft. Und - großer Gott! Wie prächtig hatte sich mein Bruder entwickelt, er hatte, wenn ich mich nicht täusche, ganz die Züge unseres Vaters geerbt, und er hatte sich sein eigenes sanftes und kluges Wesen bewahrt, das ich schon immer an ihm bewundert habe.

Serafina wurde sofort wie selbstverständlich in unsere kleine Familie aufgenommen. In der Stadt staunten alle über ihre Schönheit und sie hatte bald überall beste Freundinnen. Na ja, es dauerte eine Weile, bis Johannes den richtigen Dreh heraushatte, mit Serafina umzugehen, sie war manchmal ein bisschen zu stolz für ihn und er fühlte sich dann etwas verunsichert.

Aber irgendwann kamen sie beide zu mir und Serafina sagte, ich möge ihrer beider Patentante sein. Wofür, fragte ich, und sie erwiderte "Dafür, daß Johannes und ich einander an Geschwister statt annehmen wollen." (Hinterher habe ich herausgefunden, daß das seine Formulierung gewesen war.) Natürlich sagte ich ohne Zögern zu, und wir feierten ein kleines Fest. Wir ließen alles offiziell beglaubigen, sie hieß jetzt Serafina Maria Junipher Gonzales. Es hat in ganz Schmalkalden nie einen klangvolleren Namen gegeben.

Der Zwerg tat sich schwer, die Bekanntschaft mit den andern zu machen, und ich erinnerte mich, wie er auch mir anfangs gegenüber sehr abweisend gewesen war. Er wollte gleich am übernächsten Tag, nachdem wir angekommen waren, wieder abreisen. Aber dann war er in der Nacht die Treppe herunter gepurzelt und hatte sich den Fuß verstaucht. Außerdem war er auf seinem Hut gelandet, und die Pfauenfeder hatte dabei arg gelitten.

Ich bat Serafina, daß sie ihn pflegt und auch ein bisschen hätschelt, damit er sich wohl fühlt; und jeder von uns ging mindestens einmal am Tag zu ihm und erkundigte sich nach seinem Befinden, sogar der Knecht Markert, obwohl er sich das Lachen verkneifen musste. Unsere Köchin bereitete ihm immer eine Extraportion zu und zerkleinerte alles mundgerecht, denn auf einmal hatte er auch noch "Kaubeschwerden" bekommen, die wir natürlich so gut wie möglich zu lindern suchten.

Als er wieder laufen konnte, kam er zu meinem Onkel und fragte, ob er nicht irgendwas für ihn zu tun hätte, den ganzen Tag so herumzusitzen sei nichts für ihn, und außerdem müsse er sich so langsam mal das Geld für seine Rückreise zusammenkratzen. Onkel Matthes übertrug ihm ein paar Arbeiten und bezahlte ihn dafür, und abends saß er dann in der Gaststube in einer Ecke und trank sein Bier und beobachtete die Gäste, und wenn er angesprochen wurde, erzählte er auch was.

Thomas' Mutter war, wie ich erfuhr, vor ein paar Wochen verstorben, er hatte weiter keine Angehörigen hier. Ich ging zu Meister Hartmann und sagte, Thomas habe in einer Druckerei in Santa Cruz de la Laguna an der Westküste des Königreichs Peru eine Anstellung gefunden, dort würden hauptsächlich Formulare für die Handelsschiffahrt gedruckt und sie könnten sich vor Aufträgen kaum retten. Aber er träume davon, weiter in den Süden zu ziehen, wo immer neue Städte gegründet werden.

Onkel Matthes hatte am Katzenrasen eine stillgelegte Brauerei gekauft, das heißt, er hatte sie vorerst gepachtet und sich dabei, wie er mir gestand, ein wenig verschuldet. Aber er habe sich schon lange mit dem Gedanken getragen, darin zu investieren und sie flottzumachen, sagte er, und jetzt, "wo ich wieder da" wäre, könnte er sich vielleicht ausgiebiger damit beschäftigen. Ich verstand das sehr wohl als eine Frage, ob ich bereit wäre, die Gastwirtschaft und Herberge zu führen, und natürlich gab ich ihm mein Einverständnis.

Dennoch hatte ich manchmal schwere Stunden und schlaflose Nächte. Dann musste ich an all' das denken, was ich erlebt habe, und es gab dabei ein paar Dinge, die mich vor allem deshalb quälten, weil sie für mich keinen Abschluss, ja nicht einmal einen Punkt gefunden hatten, an dem ich davon loslassen konnte. Manches beschäftigte mich bis in die tiefsten Winkel meiner Seele, und manches bereitete mir Sorgen und bekümmerte mein Herz.

Einmal träumte mir, ich hätte einen Sohn geboren, wir ließen ihn auf den Namen Leon taufen, er schlief während des Sakraments ganz ruhig, und nur als das gesegnete Wasser über seine kleine Stirn träufelte, zuckte er einmal zusammen und lächelte dann selig. Er war ein zauberhaftes Kind und wurde von allen bestaunt, er hatte ganz außergewöhnliche Haut, die manchmal warm und wundersam wie Gold im Sonnenschatten schimmerte. Serafina kümmerte sich mit großer Liebe und Fürsorge um ihn, und merkwürdigerweise bedrängte mich niemand, das Geheimnis seiner Herkunft zu lüften, bis ich es selbst offenbaren wollte. Ich wusste freilich nicht, ob ich ihn von Antames, dem Indianer, empfangen hatte, so wie es mir damals im Urwald widerfuhr, und ich würde wohl nie erfahren, wie es sich tatsächlich zutrug. Obwohl alles nur ein Traum war, lag es mir tagelang wie Blei auf dem Gemüt.

Eines Tages, als ich auf dem Markt war, saß am Gänsebrunnen gesenkten Hauptes ein Bettler, er hatte den Hut tief über die Augen herabgezogen und eine Schale für Almosen vor sich stehen, es lagen grade mal drei kleine Münzen darin. Ich gab ihm im Vorbeigehen etwas, und da hörte ich seine Stimme, er sagte "Der Herr sei mit dir", und ich wäre beinahe vor Schreck erstarrt. Ich rief "Bruder Bernward!" Er hob den Kopf und schob den Hut nach hinten, "Nur noch Bernward, Eleonore."

Ich konnte kaum Worte finden, "Sie sind ... Sie haben ... warum sitzen Sie hier und betteln, anstatt zu mir zu kommen!" "Mit Verlaub, ich habe hier gewartet und gehofft, daß ich dich treffe. Obwohl ich nicht mehr sicher bin, ob mich der liebe Gott leitet, so hat er wenigstens diese Hoffnung erfüllt." "Ja aber ... ich kann es immer noch nicht glauben! Sie kommen jetzt unverzüglich mit mir mit! Das ist ja nicht zu fassen! Wie ein gewöhnlicher Bettler hier herumzulungern und sich nicht zu melden!" "Aber ich bin nur noch ein gewöhnlicher Bettler." "Na, das werden wir ja gleich sehen", sagte ich fast streng und half ihm auf die Beine.

Ich brachte ihn in unsere Wirtschaft, er nahm ein Bad und wir gaben ihm frische Sachen. Obwohl an ihm nichts mehr an sein früheres Mönchsein erinnerte, war er für mich nach wie vor der Bruder Bernward. Ich stellte ihn den anderen vor, und Onkel Matthes lud ihn ein, sich zu stärken, und danach forderte ich ihn auf, seine Geschichte zu erzählen.

"Haben Sie denn das Marienbildnis zum heiligen Jakobus gebracht?" "Oh ja", sagte er, "und damit fing der ganze Schlamassel an!" "Wie bitte?" "Gerade hatte ich das Marienbild einem Kirchendiener übergeben, der es mit finsterer Miene entgegennahm und irgendwo hinter seinem Rücken verschwinden ließ, und stand vor dem Grab des heiligen Jakobus, um ihm in einem kurzen, stillen Gebet die Ehre zu erweisen, da rief einer hinter mir "Mach' dich vom Acker! Andere wollen auch noch" und gab mir einen Stoß, daß ich höchst unsanft zu Boden fiel."

"Ach herrje, so ein Rüpel." "Ja, ich konnte mich gar nicht so schnell wieder aufrappeln und musste auf allen vieren aus der Kirche hinauskriechen. Ich fragte mich auch, ob das allgemeine Gelächter, das ich dabei erntete, der Lohn für meine Mühe war." "Aber nicht doch, Bruder Bernward, das war sicher nur ein kleines Missgeschick, wie es jedem von uns mal passiert." "Das ist nett dir, Leonore, daß du mich damit trösten willst." "Was geschah weiter?"

"Kaum war ich draußen, als mich zwei Wachsoldaten ergriffen. Man brachte mich vor den Statthalter des Bischofs und ich wurde wegen gottlosen Verhaltens im Kirchenraum zu fünfzig Stockschlägen verurteilt." "Du liebe Zeit! Sie Ärmster! Wie haben Sie das überstanden?" "Gar nicht. Ich bin meinen Häschern entwischt, habe mich versteckt, und dann ist es mir gelungen, meinen guten Apollon zu befreien, den man in einem alten Stall eingesperrt hatte. Denk dir nur, Leonore, da war ein ungarischer Stallknecht, der wollte meinen braven Esel schlachten und Wurst aus ihm machen! Das ist bei diesen Barbaren eine Spezialität."

"Pfui Teufel!", rief ich, "Schande über diesen Mistkerl." "Ja, ich wünschte, der Herr erhört Sie. Jedenfalls wusste ich nicht recht, wohin ich mich wenden sollte, und da bin ich bis Sevilla gelangt. Und wie ich da so am Hafen stehe, spricht mich einer an und fragt, was ich hier zu tun hätte, und als ich antworte, nichts weiter, da sagt er, dann gehöre ich ab sofort zur Mannschaft des Fernando Zarate, der in einer Stunde mit seinem Schiff nach Neu-Indien in See sticht."

"Wer war dieser Fernando Zarate?", wollte ich wissen. "Ein Konquistador aus irgendeinem Dorf in der Estremadura, der es drüben auf dem Kontinent zu Reichtum und Wohlstand bringen wollte. Sie brauchten dringend einen Geistlichen, weil der Dominikaner Padre Knall auf Fall verschwunden war. Ich wandte ein, daß ich Augustiner und nicht Dominikaner wäre und daß ich von den heutigen Dominikanern nicht eben eine hohe Meinung hätte. Aber da setzte der Mann ein langes Messer an die Kehle meines geliebten Apollon und sagte, wenn ich nicht mitkäme, würde er mich mit meinem toten Esel zurücklassen."

"Also haben sie eingewilligt." "Musste ich ja." "Und sind mit diesem Fernando Zarate auf Expedition gegangen?" "Na ja, es war eher ein Raubzug. Meine Aufgabe war es, den Indianern, auf die sie gestoßen sind, das Requerimiento zu verlesen, das ist eine Aufforderung zur freiwilligen Unterwerfung unter die Krone Kastiliens und den Papst." "Davon habe ich gehört." "Ja. Ich nicht. Und so gut konnte ich nicht Spanisch. Aber ich war in großer Bedrängnis, was mit mir und Apollon geschehen würde, wenn ich mich weigerte. Daher bat ich mir aus, diesen Wisch auf Latein vorzulesen, welches ja sozusagen Amtssprache im Heiligen Römischen Reich sei."

"Können Sie denn Latein?" "I wo, außer das Credo kein Wort. Aber glücklicherweise konnte es auch keiner der anderen. Also habe ich mir mein eigenes Latein zusammengereimt, und Zarate war's zufrieden. Es war ja sowieso nur, um den Anschein der Rechtmäßigkeit zu wahren, die der König von den Konquistadoren fordert - genauso wie er den Fünften Teil von allem fordert, was so ein Mann erbeutet und erobert. Aber Fernando Zarate war nicht gewillt, ihm auch nur einen Pfifferling zu überlassen, und das führte dazu, daß er angeklagt und verfolgt wurde. Doch seine Verfolger verfolgten nur die gleichen Ziele wie er, allerdings für sich selbst; und dabei hatte ich gehofft, durch sie würde ich sobald wie möglich aus meiner Zwangslage befreit werden."

Er machte eine Pause und es schien, als zögerte er, weiterzuerzählen, er überwand sich, aber seine Stimme war wie belegt. "Ach Leonore, wenn du wüsstest, was ich mitansehen musste. Irgendwann verzichtete Zarate darauf, den Indianern die Verordnung vorzulesen und ging gleich dazu über, sie wie Feinde zu behandeln. Er ließ seine Männer mit ihren Musketen auf sie schießen und nachdem das erste Dutzend tot darnieder lag, befahl er den anderen, sofort alles Gold, das sie besitzen, heranzuschaffen und vor ihm aufzuhäufen. Anschließend schickte er seine Blutknechte in die Hütten, zu sehen, ob da noch irgendwas versteckt wäre, und die machten sich über die Frauen und Mädchen her und ..."

Er schluckte, dann fuhr er fort: "Na ja, als ich sozusagen nichts mehr zu tun hatte, drückte mir Zarate einen Dolch in die Hand und sagte, jetzt könne ich beweisen, daß ich ein rechter Krieger des Herrn wäre, der den Heiden das Fürchten lehrt. Ich wusste nicht aus noch ein. Für einen Moment dachte ich daran, ihm selbst den Dolch in den Rücken zu stoßen, aber ehrlichgesagt hielt mich die Vorstellung davon ab, daß mich seine Spießgesellen dann zu Tode foltern würden.

In der größten Verzweiflung flüchtete ich mich des Nachts in den Urwald. Ich irrte darin umher, ohne zu wissen, welcher Richtung ich folgte. Hunger und Durst plagten mich, und ... der Herr möge mir vergeben ... ich träumte schon davon, meinen guten Apollon als Wurst zu verspeisen, da geschah ein Wunder.

Auf einer kleinen Lichtung sah ich ein Feuer, dort saß ein Mann. Ich hielt es zuerst für Wahn, aber als ich um Hilfe krächzte, sprang er blitzschnell zur Seite ins Dunkel und rief: 'Wer ist da?' Ich nannte meinen Namen und sagte, ich wäre mit meinem Esel auf der Flucht vor den Conquistadores, die mich zwingen wollten, Indianer zu töten. 'Aber bei Gott', fügte ich schnell hinzu, 'ich habe keinem etwas zuleide getan!' 'Komm' näher', forderte er mich auf, 'und wenn du eine falsche Bewegung machst, knall' ich dich ab.' Ich streckte vorsichtshalber beide Arme in die Höhe, und als er mich sah, rief er verwundert: 'Ein Padre?' 'Mit Verlaub', erwiderte ich, 'von mir haben Sie nichts zu befürchten.'

Dieser Mann", sagte Bruder Bernward, "hat mir das Leben gerettet. Er brachte mich auf einen Pfad, der durch den Urwald an einen Fluss führte. Er sagte, ich solle seinem Lauf folgen, bis ich auf ein Indianerlager stoße, er sagte, es wären friedliebende Menschen, die mich in einem Boot flussabwärts bringen, so daß ich schließlich an die Küste gelangen würde. Er gab mir einige Goldmünzen und für die Indianer eine Handvoll bunte Glasperlen, und zuletzt erbat er sich von mir den Segen des Herrn. Auch wenn es für mich unfassbar war, es ist alles so geschehen, wie er gesagt hatte - bis auf eine furchtbare Sache, die ich niemals werde verschmerzen können."

"Was?", fragte Serafina, die, wie wir anderen, Bruder Bernwards Bericht gelauscht hatte. "Auf dem Fluss ist mein guter Apollon aus dem Boot und die Fluten gestürzt und sofort darin versunken." Bei diesen Worten schossen Bruder Bernward die Tränen in die Augen und er musste jämmerlich heulen, "Es ist völlig ausgeschlossen, dies auch nur in Erwägung zu ziehen", schluchzte er, "aber bei dem Anblick kam es mir so vor, als wäre er ganz aus freiem Willen ins Wasser gesprungen. Und darüber komme ich nicht hinweg."

"Ach was", versuchte Serafina ihn zu trösten, "bestimmt ist ihm schwindlig geworden", und der Zwerg sagte "War er denn nicht wasserscheu? Esel sind doch für gewöhnlich äußerst wasserscheu." Onkel Matthes meinte "Beim Hirmscher auf der Weide, da stehen neuerdings zwei Esel, ganz passable Viecher, vielleicht können Sie ihm einen davon abkaufen." Bruder Bernward nickte dem Onkel zu und lächelte und sagte mit tränenerstickter Stimme: "Ich kann sie mir ja mal anschauen."

Bruder Bernward blieb bei uns. Er und Johannes und der Zwerg wurden von Onkel Matthes zu Handwerkern ernannt, die sich in unermüdlicher Arbeit dem Wiederaufbau der alten Brauerei widmeten. Serafina brachte ihnen zum Mittag Essen und Trinken und berichtete uns dann von den Fortschritten, die sie feststellen konnte.

Einmal nahm ich Bruder Bernward beiseite und fragte ihn "Dieser Mann dort auf der Lichtung im Urwald, wie hieß der?" "Das kann ich leider nicht sagen, wir haben uns gar nicht vorgestellt." "Und wie sah er aus?" "Ähm ... na ja, er war noch ziemlich jung und ... tut mir leid, Eleonore, ich bin ganz schlecht darin, Menschen nach ihrem Äußeren zu beschreiben." "Was hatte er denn dort eigentlich zu suchen?" "Darüber hat er sich ausgeschwiegen." "Denken Sie doch bitte nochmal drüber nach, und wenn Ihnen etwas einfällt, sagen Sie es mir!" "Ja, mache ich. Wieso willst du das so genau wissen?" "Ach, nur so, damit ich mir diesen guten Mann besser vorstellen kann."

So fand unser Leben seine geordnete Bahn und Gott sei Dank waren wir alle immer bei bester Gesundheit. Die Gastwirtschaft florierte (was ich, bei aller Bescheidenheit, auch auf meine fleißige Arbeit und meine Rechenkünste zurückführte). Der Onkel konnte manchen Taler in die Brauerei stecken und Stück für Stück seine Schulden begleichen.

Ich habe mich in Gedanken so oft zu jenen Tage zurückversetzt, als die Spanier hier ankamen und als ich mit José López Talavan das erste Wort gewechselt und mich unsterblich in ihn verliebt habe. Ich dachte an Sanchez, der mir anfangs so unsympathisch war und sich dann als wahrer Freund erwies. Damit begann mein großes Abenteuer, auf dem ich so vielen anderen merkwürdigen Menschen begegnete, die ich alle in meiner Erinnerung bewahre.

Einmal war ich auf dem Markt, da zwangen mich meine Füße wie auf Befehl, zum Breitunger Tor zu laufen, wo die Reisenden aus dem Süden die Stadt betreten. Ich schaute den Wachtposten eine Weile zu, wie sie die Ankömmlinge nach dem Ziel und Zweck ihres Besuchs befragen und ihnen den weiteren Weg weisen.

Es ist mir zur Angewohnheit geworden, alle paar Tage dorthin zu gehen, als würde ich die Ankunft eines - ja, wessen Ankunft eigentlich? - erwarten. Einer der Wachtposten, ein netter Bursche, kennt und grüßt mich schon. Heute Morgen bin ich in aller Frühe aufgestanden und ans Stadttor geeilt. "Ist Ihnen nicht zu kühl, Fräulein Junipher?", fragt mich der Posten und ich schüttele den Kopf. Er sagt "Gestern kam ein Kaufmann aus Mailand hier an, den habe ich zum Gasthof Ihres Onkels geschickt, ich hoffe, das ist Ihnen recht." "Ja, ich danke Ihnen sehr, daß Sie uns immer mit honorigen Gästen versorgen", erwidere ich und schenke ihm ein Lächeln.

"Spielen Sie Karten?", frage ich ihn. "Wie bitte?" "Wenn Sie gerade nicht auf Wache stehen, spielen Sie dann Karten?" "Nein, ich kann nicht Karten spielen. Es gibt hier immer etwas zu tun und ich bin ein bisschen bekannt dafür, daß bei mir alles schön ordentlich sein muss." "Das ist sehr lobenswert", sage ich und lasse meinen Blick über die Wiesen schweifen, wo sich gerade der Nebel lichtet. Ich muss an die Weissagung jenes Weibes auf dem Jahrmarkt von San Carlos denken und dabei drehe ich zwischen meinen Fingern wie zur Beschwörung die kleine Bleikugel mit dem winzigen, eingeprägten "M".


ENDE



Namen, Orte und die Bezeichnung von natürlichen, historischen oder künstlerischen Objekten und Ereignissen, der Inhalt von Theorien oder religiösen Anschauungen, die Wiedergabe von Meinungen, die Benennung und Beschreibung von Personen, Bauwerken, Landschaften etc. sind, soweit nicht historisch verbürgt oder allgemein gebräuchlich, ebenso wie die Handlung entweder frei erfunden oder literarisch abgewandelt und erheben keinen Anspruch auf formale oder inhaltliche Richtigkeit. Frühere Versionen dieses Textes sind obsolet. Jede Veränderung am Inhalt oder an der Form sowie jede kommerzielle Verwendung oder Verbreitung sind verboten.

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