Alexander Fuchs : Kleine Werkeausgabe : Band 11


Dorothea Merian's

Erinnerungen an ihre Mutter




Dorotheas Mutter Maria Sibylla versprach sich viel von der neuartigen Erfindung, die man "Vergrößerungsglas" nannte oder auch das "Auge des Polyphem". Sie wohnten damals in Utrecht, und eines Tages kam ein Wanderarzt, bessergesagt ein Quacksalber in die Stadt und gab auf dem Markt eine Vorstellung.

Er pries etliche seiner Arzneien und Wundermittel an, und er hatte dieses "Auge des Polyphem" dabei, das er, bevor er es endlich präsentierte, mit vielen überschwänglichen Worten ankündigte, um es spannender zu machen. Die Sache lief schließlich darauf hinaus, daß er sich ein riesiges Vergrößerungsglas - heute sagt man gemeinhin Lupe oder Linse dazu - vor sein Auge hielt, welches dadurch wahrhaftig vielfach größer auf die Zuschauer blickte. Nicht wenige wichen erschrocken zurück, einige Frauen kreischten, zwei, drei Männer zückten sogar ihren Degen gegen den Wunderdoktor.

Inzwischen, da diese Instrumente häufiger im Gebrauch sind, kennt man den Anblick zur Genüge und man weiß, daß es sich weder um einen Zaubertrick noch um eine optische Täuschung handelt, sondern auf gewissen physikalischen Gesetzen beruht und mit dem Polyphem sowenig zu tun hat wie das Feuer im Küchenherd mit dem Vulkanos.

Bei jener Vorstellung - dessen erinnerte sich Dorothea noch genau - hatte des Doktors monströses Auge auch einige zum Lachen gebracht; es sah gar zu drollig aus, wie die Pupille über die Gesichter der anderen huschte, als würde sie nach etwas suchen, das sie verloren hat. Dorothea schien, er wäre selber noch ein bisschen unsicher im Umgang mit seinem kuriosen Guckglas.

Jedenfalls behauptete er, damit zum Beispiel die Läuse auf dem Kopf erkennen zu können, die bekanntlich für das bloße Auge viel zu klein sind. Sogar ihre Brut - er nannte sie "Eier" wie bei den Hühnern - welche die Läuse zwischen den Haaren auf dem Grund der Kopfhaut ablegten, könnte er angeblich damit "zählen". Das schien die Leute zu belustigen. Keiner von ihnen hatte jemals so etwas wie Eier auf dem Kopf eines andern erspäht; Dorothea musste sehr kichern bei diesen Worten. Sie stellte sich vor, wie die Läuse auf dem Kopf umherlaufen und wie die Hühner darauf scharren, was es dann so unangenehm jucken lässt.

Ihre Mutter Maria Sibylla war - allerdings aus anderem Grund - so davon beeindruckt, daß sie auf der Stelle ein Vergrößerungsglas haben wollte, natürlich um damit die Dinge, die sie zeichnete, besser betrachten zu können. Dieser Quacksalber handelte freilich nur mit seinen Arzneien und nicht mit Lupen, für welche es damals noch wenig Verwendung gab und die auch nicht ganz billig waren. Zu der Zeit verfügte sie über etwas Geld, das sie gespart hatte, und das sie jetzt bereit war, dafür auszugeben. Sie erkundigte sich, wo man ein Vergrößerungsglas kaufen kann, und erfuhr, daß es in Amsterdam mittlerweile einige Linsenschleifer gibt, die sich damit befassen.

Womöglich wollte sie damit auch der Gefahr vorbeugen, daß sich ihre Augen wegen der oft stundenlangen Zeichnerei vorzeitig erschöpfen und ihre Sehkraft einbüßen, auf die sich all ihre Kunst gründete, oder zumindest der größere Teil davon. Denn auch ihr Vater, der selige Matthäus Merian, fürchtete sich am meisten davor, zu erblinden oder auf den Augen so schwach zu werden, daß er seiner Arbeit nicht mehr nachkommen könne. Von allen Organen schätzte er die Augen am meisten; er dankte jeden Morgen Gott, daß er ihn die Welt erblicken ließ wie am Vortage. Es war kein noch so geringes Anzeichen zu erkennen, das auf eine Schwächung hindeutete, aber je älter er wurde, umso mehr machte er sich darauf gefasst.

Matthäus Merian sagte, ein Komponist (oder "Tonkünstler", wie er ihn treffender nannte) könnte notfalls seine Werke auch schaffen, wenn er blind wäre. Die meisten und die besten Tonkünstler wären in der Lage, mit geschlossenen Augen das Klavier zu spielen. Es wäre ohne weiteres möglich, daß ein anderer die dazugehörigen Noten aufschreibt. Ein Dichter könnte seine Worte und Sätze diktieren, falls er sein Augenlicht einbüßte, und einer der größten Dichter der Menschheit, nämlich Homer, ist bekanntlich blind gewesen. Aber ein Maler oder Kupferstecher kann seine Kunst nicht mehr ausüben, wenn er nicht sehen kann, wie seine Hände das Bild schaffen. Deshalb seien für einen Kupferstecher seine Augen das höchste Gut.

Sie begaben sich also nach Amsterdam zu dem besagten Linsenschleifer. Er wohnte in einem Haus an der Willemsgracht, unweit des sogenannten Schwedischen Depots. An das Haus schloss sich eine ganze Werkstatt an, zu welcher er aber jedem Unbefugten den Zutritt verwehrte. (Überhaupt wurde damals das Handwerk der Herstellung optischer Linsen von einigen wenigen Spezialisten betrieben, die mit Argwohn und Verschwiegenheit bemüht waren, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten für sich zu behalten.)

Dieser Mann ließ vom ersten Moment an durchblicken, daß er nicht gewillt war, einer Frau - im wörtlichen Sinne - Einblick in das Geheimnis der optischen Phänomene zu gewähren, geschweige denn, ihr eins von seinen Instrumenten zu verkaufen. Er behauptete, Frauen sind "von Natur aus und durch Gottes Beschluss" nicht dafür geschaffen, ihren Verstand zur Erforschung und Beschreibung des Kosmos zu verwenden.

Denn dieser Kosmos ist Gottes eigenes Werk, das zu erkennen und zu begreifen er, Gott selbst, dem Manne vorbehalten hat, der dafür mit den nötigen Geisteskräften samt ihrer künstlichen Mittel (wie unter anderen die Logik und die Sprache) ausgestattet worden ist, während das Feld, das die Frau im irdischen Leben zu bestellen hat, die Familie ist, um deren Erhalt und Fortbestand sie sich treulich und gewissenhaft kümmern sollte.

"Wie ich sehe, haben Sie selbst ein Kind." Er deutete auf Dorothea, die von seiner Art, mit ihrer Mutter zu sprechen, sehr befremdet war. "Ich habe das Glück", erwiderte Maria Sibylla, "auch noch eine zweite Tochter zu haben, ebenso liebreizend wie diese." "Das freut mich für Sie. Und ich höre heraus, daß Sie ein frommer Mensch sind und gewiss dem allmächtigen Schöpfer dafür danken, daß er Sie so fruchtbar gemacht hat. Sie sollten sich damit zufrieden geben und nicht danach trachten, den Kreis Ihrer gottgewollten Bestimmung zu verlassen und die Grenzen zu übertreten, die dem Weib hienieden gesetzt sind. Es käme dabei ja doch nur hirnloser Brei heraus, wenn Sie anfingen, sich mit solchen Dingen wie den optischen Eigenschaften des Lichts zu beschäftigen."

"Danach steht mir auch gar nicht der Sinn", gab Dorotheas Mutter zurück, "ich möchte dieses Vergrößerungsglas dafür verwenden, die Objekte, die ich in meinen Zeichnungen abbilde, besser betrachten zu können und vor allem ihre, dem bloßen Auge oft verborgenen Details zu erfassen. Muss ich dafür erst Ihre Wissenschaft studieren oder - um im Bilde zu bleiben - es wagen, die Grenzen zu übertreten, die Sie, verehrter Meister, offensichtlich in Ihrem eigenen Dünkel um sich gezogen haben?"

Dem andern blieb der Mund offenstehen; Maria Sibylla hatte es nach seiner geringschätzigen Belehrung gleich aufgegeben, noch etwas Wohlgefälliges von ihm zu erwarten. Er wies die beiden mit einer nicht eben höflichen Geste aus seinem Haus, aber Maria Sibylla war eigentlich froh, daß er ihre Worte nicht als Beleidigung aufgefasst und sie deswegen bezichtigt hätte.

Als sie durch den Korridor zur Straße gingen, rief mit verhaltener Stimme eine Magd hinter ihnen her, sie sagte "Verzeihen Sie, wenn ich mich einmische, ich habe gehört, was Sie suchen. Im Judenviertel gibt es einen Gelehrten, der sich, des Broterwerbs wegen, mit der Linsenschleiferei befasst, vielleicht kann der Ihnen weiterhelfen." Sie nannte seinen Namen und die Adresse, und Maria Sibylla bedankte sich.

Etwas von dem, was der hochmütige Mann gesagt hatte, war ihr in Gedanken hängengeblieben, und zwar das Wort "Kosmos", mit dem er offenbar die ganze göttliche Schöpfung meinte, die Natur und Kreatur, mithin die ganze sichtbare und unsichtbare, aber gleichwohl vorhandene, Welt. So jedenfalls fasste Maria Sibylla für sich mit dem Begriff Kosmos alles zusammen, was irgendwie Berechtigung hatte, darin untergebracht zu werden und zu welchem solche Erfindungen wie das Vergrößerungsglas einen Zugang verschaffen könnten.

Und es gab zwei Arten dieses Kosmos, oder genauer gesagt, zwei Sphären, die gleichwertig waren und sich nur dadurch unterschieden, daß sie sich hinsichtlich seiner Ausdehnung an entgegengesetzten Enden befanden. Und das eine Ende hieß Mikrokosmos, das andere Makrokosmos. An dem einen waren die kleinsten Teilchen zu finden, die kleinsten Wesenheiten, am andern die größten. Am einen die Atome, von denen Demokrit schon vor zweitausend Jahren geschrieben, am andern die Gestirne des Universums, die der treffliche Kopernikus in "ein System der Beharrlichkeit in der Bewegung" gebracht hatte, wie es Dorotheas Onkel einmal nannte, der selbst in der Natur- und Himmelskunde bewandert war.

Und es waren nicht eigentlich zwei Enden im Sinne von Endpunkten, an welchen etwas zum Abschluss käme, sondern es waren offene, scheinbar niemals enden wollende Pfade, in deren Richtung sich die ganze unteilbare Schöpfung ausbreitete und in deren Richtung man sich bei ihrer Betrachtung mit seinen Sinnen und seinem Verstand womöglich in der Unendlichkeit verlieren konnte, wenn man nicht zugleich die richtigen Gedanken dazu formulierte, an denen man sich festhalten konnte wie an dem Geländer einer Brücke über einer schier unergründlichen Wirklichkeit.

Es schien, daß jener ansonsten wenig erfreuliche Besuch bei dem Mann in der Willemsgracht ihr wenigstens dieses eine bedeutsame Wort eingebracht hatte, das geeignet schien, eine Art Überblick zu gewinnen und zu behalten, um die Objekte ihrer Kunst, die Blumen und Früchte, die Käfer und Schmetterlinge und all' das vielartige Gewächs und Gekreuch in einen größeren, weiteren Zusammenhang einzuordnen, aus welchem sie - selbst durch den vergleichsweise harmlosen und unschuldigen Eingriff, den eine bloße Zeichnung bedeutete - nicht einfach herausgerissen werden konnten, ohne daß dabei von ihrem einzigartigen Wesen etwas verlorenginge.

Natürlich kam für ihre Mutter dabei von beiden Sphären allein der Mikrokosmos in Betracht, denn sie wollte ja nicht unter die Sterngucker gehen. Und wenn später gelegentlich Bewunderer ihrer Werke (oder auch Kritiker, die es ja durchaus gab) eine gewisse Detailversessenheit in ihren Darstellungen konstatierten und meinten, sie hätte in ihrem Bestreben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten wiederzugeben, den Blick für das Wesentliche verloren, dann dachte Dorothea jedesmal, daß es ja genau dieses Ganze war, das sich in jedem noch so winzigen und unscheinbaren Bestandteil wiederfinden lassen sollte.

Der andere Linsenschleifer im Judenviertel war nicht leicht zu finden, und Dorothea und ihre Mutter mussten sich mühsam durchfragen, bis sie zu seinem Haus kamen. Selbst dort deutete nichts darauf hin, daß er da wohnte. Ein kleiner Junge zeigte ihnen den Eingang zu einer Kellerwohnung, sie stiegen eine steinerne Treppe hinab und Dorothea umklammerte die Hand ihrer Mutter.

Als Maria Sibylla an die Tür klopfte, hörte man von drinnen eine Stimme. "Wer ist da?" Sie nannte ihren Namen und sagte, weshalb sie gekommen sei. Der Mann öffnete und man blickte in einen finsteren Raum, der nur schwach von ein paar Kerzenlichtern erhellt wurde. Dorothea scheute sich hinein zu gehen, aber der Mann sagte "Wartet, ich mache gleich etwas Licht", und das klang so, als würde er es aus einem Krug oder einem Sack hervorzaubern wollen.

Er stieg auf einen Stuhl und öffnete die Luke vor dem wohl einzigen Kellerfenster, das kaum größer war als eine Ofenklappe, und doch geschah etwas Wundersames. Der hereinfallende Lichtstrahl überflutete den ganzen dumpfen Kellerraum mit einer angenehmen Tageshelle. Der Mann löschte die Kerzen, und Dorothea sah, daß überall Spiegel aufgestellt und aufgehängt waren, welche durch ihren Widerschein das kärgliche Licht der Fensteröffnung um ein Vielfaches vermehrten.

Jetzt erst konnte man Gestalt und Antlitz des Mannes erkennen. Er war schlank und trug ein langes, dunkles Gewand, das an mehreren Stellen ausgebessert war. Er hatte schmale Hände mit langen Fingern, die dem Mädchen ein bisschen gruselig anmuteten. Er hatte tiefschwarzes Haar, das ihm fast bis auf die Schultern reichte und an manchen Stellen wie Tinte schillerte, er hatte ein ebenso schmales Gesicht mit einem dünnen Bärtchen am Kinn und über den Mundwinkeln, und die hohlen Wangen gaben ihm einen Ausdruck von Auszehrung.

"Setzen Sie sich", sagte er und wies auf eine Bank an der Längsseite des Tisches, auf dem, wie überall im Raum, Bücher gestapelt waren. Und wie er ihnen so gegenüber saß, dachte Dorothea, er sähe aus wie Jesus Christus in Emmaus, jener Geschichte, die sie aus dem Evangelium kannte. Doch sein Name war Espinoza, er nannte sich selbst einen "Ex-Juden", und das war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Seine Familie (über die er ansonsten kein weiteres Wort verlor) stammte demnach aus den Spanischen Landen, von wo sie in die niederländischen Provinzen geflüchtet war, welche sich bekanntlich von der Herrschaft und Knechtschaft der spanischen Krone befreiten. Die Amsterdamer Jüdische Gemeinde hatte ihn exkommuniziert, weil er mit seiner eigentümlichen und unerhörten Philosophie seine Glaubensbrüder gegen sich aufgebracht hatte, obwohl er, wie er selbst beteuerte, niemals die Absicht gehabt hätte, die alte jüdische Lehre zu verwerfen oder gar zu verdammen, sondern sich als ein Erneuerer derselben ansehe, denn seine Überzeugung war, daß man den Glauben, um ihn lebendig zu halten und nicht in leeren Floskeln und Ritualen erstarren zu lassen, von Zeit zu Zeit (er dachte dabei an Generationen) an den Fortschritt der menschlichen Vernunft und an die Bedürfnisse der Gemeinschaft anpassen müsse.

Aber in den Augen der anderen hatte er dabei das ganze Gebäude des Judentums in seinen Grundfesten erschüttern wollen, sie warfen ihm vor, Gott selbst zu lästern, und als sie sahen, daß er nicht bereit war, seiner Lehre abzuschwören, hatten sie ihn aus der Gemeinde ausgestoßen, was dazu führte, daß er hier in diesem Keller hausen musste, weil er sich zum einen nichts Besseres leisten konnte, und weil er hier zum anderen vor den Belästigungen seiner ehemaligen Genossen sicher war. Denn auch wenn sie ihn behandelten wie einen Verräter, so war er doch seinerseits nicht gewillt, sich vertreiben zu lassen, "nur Gott kann mich erniedrigen oder erheben", sagte er, "nur Gott führt mich in die Gefangenschaft oder in die Freiheit".

Dorothea verstand nicht viel von seiner Rede, sie fragte "Haben Sie das mit den Spiegeln selber gebaut?" "Ja, mein Kind", antwortete er und erklärte weiter "das sind keine gewöhnlichen Spiegel, sondern sie haben eine gewölbte Oberfläche, dadurch verteilen sie die Lichtstrahlen besser im Raum. Wenn du in einen hineinschaust, würdest du dich wundern, was er dir zeigt." "Darf ich mal?", fragte sie. "Selbstverständlich. Nimm' den da, steig' auf den Hocker."

Sie tat es, und was sie sah, brachte sie zum Lachen. Ihr Spiegelbild machte sie zu einem kleinen, breitgezerrten Kobold, mit Armen und Beinen dick und fett wie Sülzwurst, mit aufgeblasenen Backen und einem Grinsemaul, aus dem ihre so anmutigen Zähne wie bedrohliche Beißwerkzeuge herausragten. "Machen Sie das auch? Ich meine, in diesen Spiegel schauen."

Espinoza lachte, seine Zähne waren auch so schon unansehnlich genug, "Oh ja, meine Kleine, damit tröste ich mich über allen Ärger hinweg." "Vielleicht hat Ihnen Gott das gegeben, damit Sie über sich selbst lachen können." Maria Sibylla sagte "Dorothea! Sei nicht unhöflich." "Ich wollte Sie nicht kränken", sagte das Mädchen unbekümmert. "Nein, das hast du nicht", sagte Espinoza, und man sah, daß er seine Freude an dem Kind fand.

"Was ist das?", fragte Dorothea und deutete auf ein Gebilde, das an der Wand hing; es bestand aus einigen schnurgeraden, glatten Leisten, die mit Markierungen bezeichnet und beweglich miteinander verbunden waren. "Das ist ein Instrument zur Berechnung von mathematischen Aufgaben", sagte Espinoza, "ein deutscher Gelehrter hat es mitgebracht, als er mich besuchte." "Und dann hier vergessen?" "Nein, er hat es mir überlassen. Er hatte es selbst von einem Franzosen, der eine neue Methode der Geometrie erfunden hat."

"Und wie funktioniert es nun?", fragte Dorothea, und Espinoza erwiderte "Tja, wenn ich das wüsste." Zu Maria Sibylla gewandt meinte er "Leider bin ich, was die Mathematik betrifft, nicht sehr begabt. Für einen Juden bin ich sogar ein ausgesprochen miserabler Schachspieler." Dorothea sagte "Ich könnte es Ihnen beibringen." "Tatsächlich?" "Ja, ich kann gut Schach spielen, nicht wahr, Mama?" "Das stimmt", bestätigte sie. "Und was würdest du dafür verlangen?" "Verkaufen Sie meiner Mama so ein Vergrößerungsglas."

"Hm. Du meinst, ich soll ihr eins schenken?" "Nein", sagte Dorothea, "wir bezahlen es. Ich kann ja doch nicht jedesmal zu Ihnen herkommen." "Nun, wir könnten uns unsere Züge per Post zuschicken", schlug er vor, und das Mädchen schmunzelte. "Sie meinen, ich schreibe Ihnen einen Brief, in dem steht dann 'Springer auf g drei' und Sie schreiben zurück 'Läufer auf e sieben' oder so ähnlich." "Zum Beispiel." "Das wäre ganz schön umständlich und auch ziemlich aufwändig, finden Sie nicht?"

Maria Sibylla mischte sich ein. "Natürlich will ich es bezahlen. Ich müsste nur sicher sein, daß es mir auch von Nutzen ist." "Oh, darauf können Sie sich verlassen", beteuerte Espinoza und holte ein paar von den Vergrößerungsgläsern herbei, die in Messingringe eingefasst und mit einem handlichen Griff versehen waren. "Probieren Sie diese aus", sagte er und legte dazu einige Gegenstände auf den Tisch, darunter ein aus Seide gewebtes Taschentuch, ein getrocknetes Seepferdchen und ein Medaillon von der Größe einer Fünf Gulden Münze, auf dem angeblich en miniature eine mythologische Szene gemalt war.

Unter dem Glas konnte man auf dem Seidentuch die einzelnen Gewebefäden unterscheiden, die offenbar dünner als ein Haar waren, und Espinoza erklärte, daß sich bei diesem kostbaren Tüchlein auf einer Fläche "so groß wie ein Daumennagel" mehr als tausend solcher Fäden kreuzen. Bei dem Seepferdchen (das Dorothea besonders gefiel) konnte man alle Feinheiten der Haut erkennen, die fast wie eine wild zerfurchte felsige Landschaft anmutete, und auf dem Medaillon sah man den Jüngling Paris in Ritterrüstung, wie er die Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite betrachtet, die ganz nackt waren und mit den Reizen ihrer Weiblichkeit nicht geizten.

Maria Sibylla entschied sich für eins, das ihr für ihre Arbeit am besten geeignet schien; sie wurden sich rasch einig über den Preis, und zuletzt schenkte Espinoza der Tochter das Seepferdchen, das sie auch später noch an die Bekanntschaft mit dem merkwürdigen Amsterdamer Juden erinnern sollte.

Warum hatte er sich mit seinen Schriften bei seinen Glaubensbrüdern bloß so unbeliebt gemacht, daß sie ihn mit Verachtung straften und ihn einen Abtrünnigen nannten, der es nicht länger wert sei, den Schutz und Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen? In ihren Augen war Espinoza ein Atheist, ein Ungläubiger, und zwar einer, der von Blutes und Stammes wegen einmal zu ihnen gehört hatte, was seinen Abfall von Gesetz und Glauben zu einem Akt der Auflehnung und der Gewalt gegen sein eigenes Volk machte.

Hätte er das im Wahnsinn getan, wie von einem bösen Dämon ergriffen, der ihm den Verstand raubte und ihn zu einem willigen Werkzeug des Frevels und der Sünde verrohen ließ, dann hätte man ihn vielleicht von eigener Schuld freisprechen und ihm den Dämon austreiben können. Doch was er sagte und in seinen Schriften äußerte, das war von großer Klarheit und von Scharfsinn erfüllt, und allein der durchdachte und bis in die kleinste Anmerkung stringente Aufbau seiner Traktate ließ keinen Zweifel an der völligen geistigen Unversehrtheit und am untrüglichen Urteils Vermögen des Verfassers. Jedoch war sein ganzes Gedankengebäude durchaus so gebaut, daß die religiösen Juden, ja selbst die frommen Christen sich scheuten, es zu betreten, weil sie befürchteten, ihr Glaube nähme darin Schaden.

Zu jener Zeit war Maria Sibylla von dem Gedankengut einer Strömung erfasst worden, welche man Theosophie nannte. Diese Theosophie war, wie der Name es andeutet, aus der Theologie und der Philosophie hervorgegangen, und man konnte sie als eine Wissenschaft von Gott und Welt bezeichnen, die sich allerdings nicht auf die herkömmliche Religion gründete und daher die Religion auch nicht zur Voraussetzung hatte.

Praktisch jeder Mensch konnte sich mit der Theosophie befassen, der sich fragt: Was ist Gott? Und nach Antwort darauf sucht, und es bedurfte keines expliziten Glaubensbekenntnisses, um dazu berechtigt zu sein, sondern nur eines vernunftbegabten Individuums. Es bedurfte auch keiner besonderen Institution, die es erlaubte oder verbot, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, und das machte diese junge (und doch eigentlich schon weit zurückreichende) Wissenschaft in den Augen der Religionshüter gleich welcher Provenienz zu einem Hort des Ketzertums - so wie sie andererseits jede Menge Anhänger fand, die sich mit ihrem Laien Eifer, ja mit ihrem Dilettantismus nicht zu schämen brauchten.

Denn indem sie den Anspruch erhob, eine eigenständige Wissenschaft zu sein, die nur der Anschauung und der Vernunft verpflichtet war, sagte sie sich los von der Herrschaft und Beherrschung durch eine Obrigkeit, die ihre Legitimität bloß aus einem Kodex von Vorschriften und Dogmen ableitete, auf den sie ihre Untertanen einschwor und den in Frage zu stellen oder gar anzuzweifeln sie ihnen bei Strafe und Verdammnis untersagte.

Das waren so ungefähr die Worte von Dorotheas Onkel Frederick (Maria Sibyllas nur wenig älterem Stiefbruder, auf dessen Vermittlung hin ihre Mutter später mit ihr nach Schloss Waltha im Friesischen Land gehen wollte), mit denen er versucht hatte, dem Mädchen zu verdeutlichen, worin das Neu- und Andersartige der Theosophie lag.

Einer der Punkte, an dem sich die Geister schieden und woran ihr Streit entbrannte, war dieser: bislang hatte man sich Gott als überirdisches Wesen, sogar als Menschwesen, vorgestellt, wie er beispielsweise am Firmament der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo dargestellt wurde, der sich dabei auch nicht gescheut hatte, ihm antikisch-moderne Züge zu verleihen und ihn in der Gesellschaft jugendlich schöner, wenngleich unnahbar dreinblickender Begleiterinnen zu zeigen.

Und genaugenommen hatte doch jeder Gläubige (zumal da er noch ein Kind war, das sein Gebet an Gott richtete) ihn seit Anbeginn als den Mann mit dem langen weißen Bart betrachtet, der irgendwo im Jenseits residiert und von dort auf die Welt und die Menschen niederschaut. Dorothea konnte ihrem Onkel da nur zustimmen.

Übrigens, so sagte Frederick, unterschied sich ja darin der Gott des Christentums in nichts von den antiken Göttern oder jenen der nordischen Sagenwelt, die mit den Menschen auf Erden oft den lebhaftesten Umgang pflegten. Was hatte denn der Gott Abrahams und Moses', der Gott Salomons und Davids anderes getan, als er sich unentwegt in die Streitigkeiten zwischen den Stämmen und Völkern, ja auch in die familiären Angelegenheiten der Leute einmischte und dabei - soll man es leugnen oder verschweigen? - nicht selten scheinbar ganz willkürlich und unberechenbar handelte.

Ein Blick in die Geschichte der Philosophie und des Christentums genüge allerdings, sagte Frederick, um zu erkennen, daß es sehr früh schon Überlegungen gab, in denen Gott nicht als Person oder Personifizierung, nicht als ein "über den Wolken schwebender Lenker des Schicksals und Richter über Gut und Böse" verstanden wurde, sondern als "ein Prinzip, das der Welt und der Wirklichkeit ureigenes Wesen, sozusagen ihre Seele verkörpert".

Dorothea fragte ihn, was man sich unter diesem "Gott als Prinzip" vorstellen kann, und Frederick antwortete, es sei - im Unterschied zu einem Wesen, das dies und jenes tue und mehr oder weniger auf den Gang der Welt Einfluss nehme - vielmehr eine der Welt innewohnende Kraft, welche sie aus sich selbst heraus in Bewegung hält. Eine Kraft, die ursächlich ist für alles, was in dieser Welt entsteht, was existiert und was zerfällt, alles, was zu Geburt, Leben und Tod gehört, und die angesichts der Vielfalt und Fülle aller Einzelwesen, der Pflanzen, Tiere und anderen Kreaturen, aber, so führte Frederick weiter aus, auch angesichts der unüberschaubaren Menge der leblosen Objekte, der Steine und Säfte, der Farben und Klänge, der Phänomene des Himmels, des Lichts und der Zeit und aller dem Menschen eigenen und die menschliche Gesellschaft antreibenden Empfindungen und Gedanken, Affekte und Handlungen, alles, was in der Vergangenheit geschehen ist und was sich in Zukunft noch ereignen wird - eine Kraft die angesichts all' dessen in jedem Einzelnen davon und zugleich in Allem permanent vorhanden ist und darin und daraus hervor wirkt und deshalb als ein universelles Prinzip angesehen werden kann.

"Nun haben manche von jenen Leuten", fügte er hinzu, "dieses Prinzip mit Gott gleichgesetzt. Und Espinoza brachte es auf die einfache Formel "Deus sive natura", Gott oder Natur, was nicht bedeutet, daß entweder das eine oder das andere gilt, sondern genau im Gegenteil das eine mit dem andern identisch sei."

Ihre Mutter sagte zu Dorothea, einige dieser Gedanken sinngemäß aus den Worten des Espinoza herausgehört zu haben, als sie seinerzeit das Vergrößerungsglas bei ihm kaufte. Freilich war diese Unterhaltung viel zu kurz, um tieferen Einblick in seine Theosophie zu bekommen und sie wollte auch nicht zu neugierig erscheinen. Doch von einer Idee, in der Natur überall eine wirkende Kraft zu vermuten, die so allumfassend und allmächtig war, daß man sie nur einem göttlichen Wesen zuschreiben konnte, von dieser Idee hätte Espinoza gesprochen, als Maria Sibylla ihm darlegte, worauf ihre künstlerische Arbeit gerichtet war.

Sie hatte ihm Beispiele aus ihrem Blumenbuch genannt und dabei unversehens auf einige botanische Besonderheiten aufmerksam gemacht, woraufhin Espinoza erstaunt und zugleich anerkennend feststellte, daß sie sich weitaus gründlicher mit ihren "Naturobjekten" befasste, als es doch für die äußerliche Abbildung vonnöten sei. Sie bestätigte dies und wandte auch ein, es ließe sie manchmal regelrecht untätig verharren, wenn sie beim Anblick einer wundersam gestalteten Blüte oder einer merkwürdig geformten Frucht (zumal wenn es sich um ein exotisches Stück handelte) ins Grübeln gerät, als wenn sie darüber nachdenken müsse, aus welchem Garten die Pflanze stammt und wie die "Gesellschaft der anderen Gewächse" aussähe, damit diese hier sich darin heimisch fühle.

Das wären doch gute und nützliche Überlegungen, meinte Espinoza, und Dorothea erklärte, ihre Mutter säße manchmal wohl über eine Stunde vor ihrem "Modell", ohne auch nur einen Strich aufs Papier zu bringen. Espinoza lachte, und Maria Sibylla sagte, das wäre durchaus häufig der Fall und es hält sie von ihrer eigentlichen Arbeit ab, mit der sie ja auch vorankommen und fertig werden müsse. "Denn schließlich mache ich das nicht bloß zum Vergnügen, sondern es ist auch mein Beruf, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten und mich und meine Töchter ernähren möchte".

Und irgendwie glaubte sie, daß ihr bisher eine solche alles verbindende Idee fehlte, die ihr helfen würde, ihre Passion und Profession - also den inneren Antrieb und das Talent, die sie schon früh auf den Pfad und in die Gefilde der Kunst führten - mit den Gegenständen und Motiven, welche sie dort vorfand, für sich auswählte oder die sich ihr wie von selbst aufdrängten und auf das Papier gebannt werden wollten, in Einklang zu bringen. Denn schon seit diesen frühen Tagen habe sie, sagte Maria Sibylla - anfangs nur unbewusst, später mit immer besserem Gespür - nach einem Übereinstimmenden in ihrer Seele mit den Eindrücken gesucht, welche sie von außen durch die Sinne, vorzüglich durch ihre Augen und ihre hervorragende Beobachtungs Gabe von der "anderen Seite", wie sie es nannte, gewonnen hatte.

Deshalb war sie damals von Espinozas Vorstellung eines der Natur wie des Menschen immanenten göttlichen Prinzips so angetan, zumal es schien, als habe er bewiesen, daß dieses Prinzip tatsächlich in völliger Selbstbestimmung existiert, mithin in Wahrheit keine Idee im Sinne eines Resultats bloßer berechnender Vernunft darstellt, sondern lediglich von ihr aufgefunden worden ist, so wie man die Eigenschaften des Lichts oder die Bahnen der Planeten gefunden hatte.

Espinoza hatte sogar von einer Substanz gesprochen, als welche man diesen Gott begreifen kann (eine Substanz, die nichts außerhalb ihrer selbst benötigt, um daraus gebildet zu werden). Er war - oder genauer: Es war also etwas Stoffliches, Materielles, unabhängig vom Denken und Bewusstsein Existierendes und schien damit frei von jedem Verdacht, es könnte sich letztlich doch nur um eine bloße Sinnes Wahrnehmung oder gar um ein Hirngespinst handeln. Man musste nur den richtigen Blick dafür entwickeln, damit man es sehen konnte!

* * * * *

Die Begebenheit mit dem Kauf des Vergrößerungsglases lag sehr lange zurück, als sich Dorothea wieder daran erinnerte, und zwar - wie konnte es anders sein - als sie beim Ordnen der Hinterlassenschaft ihrer Mutter in deren Schreibtisch Schubfach das Seepferdchen wiederfand, welches ihr der Herr Espinoza geschenkt hatte. Sie befühlte es und erinnerte sich auch, wie sie es unter dem Glas betrachtet und sich sehr über seine vertrocknete und schrumplige Haut gewundert hatte. Sie sah jetzt auch, daß es einmal kaputt gegangen und zwar das Köpfchen abgebrochen war, und daß es jemand wieder drangefügt hatte, mit Leim, mit einem Fischleim, wie ihr jetzt einfiel.

Dorotheas Großmutter Johanna hatte dieses Seepferdchen nie gemocht, sie schrieb dem verdorrten Meereswurm eine negative Wirkung zu - und daß es das Geschenk eines, noch dazu subversiven Juden war, machte es erst recht verdächtig. Sie glaubte, es übe auf geheimnisvolle Weise Einfluss auf die Weiblichkeit des jungen Mädchens aus. Woher sie diese Überzeugung nahm, wollte sie nicht verraten. Sie sagte, es wäre besser, wenn man es fortschmeißt, noch besser: verbrennt, die Asche unter den Kot mischt und alles in die Gosse schüttet, um auf Nummer sicher zu gehen, daß es endgültig beseitigt sei. Sie ließ es immer besonders eklig aussehen. Sie glaubte allen Ernstes, dieses Seepferdchen würde die jungfräuliche Menstruation blockieren. Was sich aber nicht bewahrheitete, und Dorothea hatte Zeit ihres Lebens keine diesbezüglichen Probleme.

Es war ihr Onkel Caspar, der das Seepferdchen wieder zusammengeleimt hatte, in der Werkstatt des alten Matthäus Merian, Dorotheas "echtem" Großvater. Caspar stammte aus dessen erster Ehe, er war nur sieben Jahre jünger als seine Stiefmutter Johanna (die Besorgte). Für Dorothea war Caspar eher ein Großvater als ein Bruder ihrer Mutter Maria Sibylla. Und das galt noch mehr für Caspars älteren Bruder, der ebenfalls Matthäus hieß und die Kupferstecher Werkstatt und Druckerei des Vaters nach dessen Tod übernommen hatte. Auf diese Weise nannte Dorothea mehrere Männer ihre Großväter. (Über einen weiteren wird noch berichtet werden.)

Den "echten" kannte sie nur aus den Schilderungen der Erwachsenen - und gewissermaßen durch den Ruf und Ruhm, die ihn als einen Meister seines Kunsthandwerks unsterblich gemacht hatten. Er wurde in allen Landen als einer der besten Kupferstecher genannt. Er hatte selbst mehrere tausend Kupferstiche entworfen, geritzt und gedruckt. Er hatte unzählige, teils mehrbändige Werke herausgegeben, durchweg mit vielen Illustrationen.

Sein größtes Verdienst bestand darin, von nahezu allen bedeutenden Städten Europas detailreiche Ansichten dokumentiert zu haben. Mit diesen Stadtansichten hatte er gutes Geschäft gemacht. Praktisch jeder Kaufmann und Handelsreisende, der in Europa unterwegs war, orientierte sich an Matthäus Merian's Abbildungen wie ein Seefahrer an den Sternbildern. Und andererseits waren die Städte scharf darauf, in seinen Katalog aufgenommen zu werden, denn das steigerte ihre Popularität.

Matthäus Merian hatte für die Stadt Basel einen Stadtplan geschaffen, der so groß war, daß man ihn wie ein Gemälde an die Wand hängen und dann fünf Schritte zurücktreten musste, um ihn zu überblicken. Jede Straße und jede Gasse, jedes Gebäude - und sei es noch so klein und unscheinbar - waren darauf eingezeichnet. Für diesen Plan erhielt er von den Stadträten hundert Taler Honorar.

Noch imposanter war sein Stadtplan von Frankfurt am Main. Er wurde fünf Wochen lang öffentlich zur Schau gestellt, und alle Einwohner der Stadt konnten ihn besichtigen. Nach der ersten Woche musste davor eine Absperrung gezogen werden, weil die Leute mit ihren Fingern die Stellen berührt hatten, wo sie selbst wohnten und dazu all' jene Stellen, wo ihre Verwandten wohnten, und jedesmal, wenn in den Zeitungen etwas über ein besonderes Vorkommnis stand, bildete sich vor dem Merian'schen Stadtplan ein Pulk von Menschen, von denen immer einer genau bezeichnete, wo das just passiert war.

Alle kamen, um zu sehen, wo ihr Haus steht. Aus der Schnurgasse kamen sie und vom Kornmarkt, aus der Fuhrgasse und vom Frauenberg, vom Saalhof und von der Bornheimer Pforte und natürlich vom Römerberg, sie kamen sogar von Sachsenhausen, das ebenfalls mit abgebildet war, und nicht wenige kamen, um zu sehen, ob auf dem Friedhof bei der Peterskirche auch die Gräber ihrer Angehörigen zu erkennen sind. Maria Sibylla erzählte, daß der alte Merian ganze zwölf Wochen lang Tag für Tag von früh bis spät mit dem Zeichenblock durch die Stadt gezogen war, um alles genau aufzunehmen.

Matthäus Merian hatte seine Geburtsstadt Basel nicht nur durch Ansicht und Plan verewigt, er hatte auch den berühmten sogenannten Baseler Totentanz zu Papier und zu Druck gebracht, ein fast hundert Schritt langes Fresko auf der Innenseite der Friedhofsmauer bei der Predigerkirche. Dieses Buch mit dem Baseler Totentanz, von dem sich eine Ausgabe im Familienbesitz befand, beeindruckte die kleine Dorothea auf's tiefste.

Merkwürdigerweise war es ihre Großmutter Johanna, die ihr diese Lektüre nahebrachte. Das Seepferdchen, das sie hinter ihrem Rücken ausfindig zu machen suchte (Dorothea hielt es immer gut versteckt), war Hexenwerk in ihren Augen. Der Totentanz hingegen galt ihr als ein Exempel der Frömmigkeit und von etwas, das sie "Vanitas" nannte, und das Dorothea die erste Zeit immer mit "Vaginas" verwechselte und meinte, es habe ebenfalls etwas mit ihrem Geschlecht zu tun.

Insgeheim versuchte sie, den Tod, der auf jedem der Einzelbilder zu sehen war, mit etwas in ihrem Innern in Verbindung zu bringen, auf das er unwiderstehlichen Einfluss habe. Meistens war er als Knochenmann dargestellt, aber nicht durchgängig, manchmal war sein Körper nur halbverwest und an seinem Bauch und an den Lenden hing noch verfaultes Fleisch oder in den Höhlungen unter den Rippen wimmelte es von Würmern, die vom Tageslicht ganz verwirrt wurden. Auch sein Gesicht war nicht durchweg der blanke Totenschädel, und er verfügte über eine erstaunliche Mimik, welche Dorothea jedesmal von neuem überraschte und irgendwie auch interessierte.

Die ganze Bilderfolge bestand darin, daß der Tod jeweils an der Seite eines einzelnen Menschen einherschreitet, den er sich gerade als Opfer ausgewählt hat. Es war für diesen Mann oder für diese Frau demnach der Moment, da sie ihr Leben und diese Welt jäh verlassen mussten. Da waren nacheinander die höchsten Würdenträger aufgeführt, der Kaiser, der Papst, König und Bischof, Fürst und Pfaffe, hernach der Kriegsherr, der wohlhabende Kaufmann, die schöne Edelfrau, die noch schönere junge Braut, Gelehrte und Künstler, Händler und Handwerker, Soldaten und Zivilisten, Adlige und Bürger, Reiche und Arme, Rechtschaffene und Verbrecher, Philosophen und Narren, Gesunde und Kranke, Alte und Junge.

Nun hätte man sich denken mögen, der erbarmungslose Tod würde die Person gewaltsam an sich reißen, sie würde sich schreiend und klagend widersetzen und wehren, mit Händen und Füßen strampeln und sich sträuben, um seinem Zugriff zu entgehen - denn man sagte ja auch, daß der eine oder andere dem Tod schon mal von der Schippe gesprungen sei, ein Ausdruck, den sich Dorothea gemerkt hatte.

Doch davon war nichts zu erkennen oder auch nur zu spüren. Der Tod und sein Opfer, sie sahen aus, als gingen sie ein Stück des Weges einher in einer angedeuteten, offenen, flachen Landschaft, ganz so, als plauderten sie ein wenig zwanglos über dies und jenes, um die Zeit zu verkürzen, als würde keiner von beiden daran denken, was diese fatale Begegnung tatsächlich bedeutet. (Daher auch der oft lächelnde, ja liebenswürdige Ausdruck des Todes, niemals drohend, eher schon verführerisch.)

Es war diese unerklärliche Sorglosigkeit der Gestalten, welche Dorothea nicht verstand. Noch dazu der rätselhafte, geradezu irreführende Titel "Totentanz". Sollte man sich so den Tod vorstellen? Als jemand, der einen zu einem Tänzchen auffordert wie zum Vergnügen. Als jemand, der sich zu einem herüberneigt und flüstert "Darf ich bitten?" Und wäre es dann nicht - Ha! - das Allerklügste gewesen, einfach zu entgegnen "Oh, tut mir leid, ich kann nicht tanzen!"

Dorothea fragte sich, ob in diesem Anbiedern, in dieser scheinbaren Unverfänglichkeit womöglich der Bezug zu ihrem Geschlecht läge. Es gab ja wohl nicht ohne Grund keinen weiblichen, sondern nur einen männlichen Tod. Und war diese Aufforderung zum "Totentanz" in Wahrheit eine verschleierte Aufforderung, sich dem Tod in einer Art und Weise hinzugeben, sich ihm mit Haut und Haar zu überlassen, die alle Vorstellungen von den schlimmsten Dingen, die einer Frau angetan werden können, übertrafen? Wenn es so war, warum machte er sich dann aber nicht nur an die Frauen, sondern auch an die Männer ran?

Man konnte buchstäblich den schweren Stein plumpsen hören, der auf dem Mädchenherzen gelegen hatte, als ihre Großmutter Johanna das Missverständnis aufklärte, nachdem Dorothea sich nicht anders zu helfen wusste, als sie zu fragen, was dies alles mit der "Vaginas" zu tun habe. Johanna musste sehr lachen, nichtsdestotrotz nahm sie Dorotheas Frage ernst. Es heiße Vanitas, nicht Vaginas, und das sei etwas völlig anderes.

"Vanitas vanitatum!", sagte Johanna, "Ein Ausspruch, der wörtlich übersetzt: 'Eitelkeit der Eitelkeiten' bedeutet." Unter jedem Bild des Totentanzes stand ein Vers, der auf die betreffende Person gemünzt war, aber von Vanitas vanitatum war da nichts zu lesen. Dorothea fragte "Wie kommst du darauf?" Und Johanna sagte, das sei eine allgemeine Absicht solcher Darstellungen: den Menschen vor Augen zu führen, wie eitel, das heißt, wie zerbrechlich ihr Leben in Wirklichkeit sei und daß es von einem Moment auf den andern damit vorbei sein könne, wenn nämlich der Tod zu einem letzten Tänzchen aufspielt. Daher trete er auch oft mit einer Fidel auf oder mit einer Trommel, um den Takt vorzugeben und den armen Sünder, "der in uns allen steckt", mit einer süßlich schauerlichen Weise hinüber zu geleiten.

"Es ist kein Buch über das Sterben, wie es sich tatsächlich vollzieht", erklärte Johanna, "solche Bücher verfassen die Doktoren, sie beschreiben, wie unser Körper von Krankheiten befallen wird, welche ihn von innen her zerstören, oder wie wir so alt und gebrechlich werden, daß schließlich unser Herz stehenbleibt und wir aufhören zu atmen und der Geist aus unserm Leib entfleucht. Dies hier ist eine Mahnung an die Lebenden, sich immer dessen bewusst zu sein, wie leicht wir alles verlieren können, was wir so hoch schätzen und woran wir uns klammern - allem voran das eigene Leben.

"Was glaubst du", fragte Johanna sie, "warum dieser Totentanz ausgerechnet an die Friedhofsmauer gemalt wurde? Doch nicht etwa, um den Tod damit zu brüskieren oder zu beleidigen, wo man ihn schon nicht fernhalten konnte. Nein, sondern um den Menschen, die diesen Ort betreten und noch einmal lebend verlassen dürfen, diese Aufforderung mit auf den Heimweg zu geben: wir sollen unsere eigene irdische Eitelkeit erkennen und verwerfen. Wir werden dem Tod nicht entrinnen, aber wir sollten zu Lebzeiten dafür sorgen, daß wir, wenn es einmal soweit ist, ihn mit reinem Gewissen, ohne Schuld und Sünde, erwarten können.

Genau das war es wohl auch, was den seligen Matthäus Merian veranlasste, den Totentanz von der Friedhofsmauer der Baseler Predigerkirche abzuzeichnen und ihn zur frommen Erbauung in Einzelbildern in einem Buch zu drucken. Er muss gespürt haben, daß seine Tage gezählt sind. Aber Johanna berichtete, wie der Alte zwei Tage vor seinem Dahinscheiden frühmorgens aufgestanden sei und erzählt habe, was er im Schlaf geträumt hatte.

In der Gegend seiner Kindheit, in irgendeinem Dörfchen im Baseler Umland, wurde der Hof seines Vaters neu aufgebaut, mit drei großen Gebäuden aus leuchtendem Kalkstein, den er im Traum bestaunt habe, und mit Dächern aus Schindelholz. Die älteren Brüder gingen dem Vater tatkräftig zur Hand, die Frauen und Mägde sorgten fürs leibliche Wohl, und es waren auch etliche Dörfler herbei gekommen, die mitanpackten oder zumindest gute Ratschläge erteilten.

Aber all die Freude über den ansehnlichen Neubau konnte den Knaben Matthäus nicht über etwas hinwegtrösten, das ihn bedrückte: und das war das Schicksal eines Mädchens aus dem Nachbardorf, welches wunderschön, aber von Geburt an blind war. Der alte Matthäus, als er dies erzählte, konnte nicht genau sagen, ob er in dieses Mädchen verliebt gewesen sei, aber im Traum erschien es ihm so und er wollte in Gram über ihren Makel schier verzweifeln, als plötzlich jemand angerannt kam und rief: "Ein Wunder ist geschehen! Das Margaretli kann wieder sehen!" Und alle standen wie erstarrt vor Rührung, und als der Mann nahe heran war, sagte er zu dem Knaben Matthäus: "Sie will, daß du zu ihr kommst, sie möchte das Gesicht anschauen, welches sie bis jetzt nur mit ihren lieblichen Fingern betasten durfte." Die Frauen und Mädchen in der Runde brachen bei diesen Worten in Tränen aus, und der Knabe Matthäus machte sich sofort auf den Weg.

* * * * *

Später, als sie auf Schloss Waltha lebten, traf Dorothea einen Jungen namens Jeremie. Der wohnte mit seinem Vater in einem Dorf auf der Strecke nach Sneek. Der erzählte Dorothea von der Pest, die in Sneek "gewütet" hatte. Das war ein ganz anderes Bild vom Tod, als es in dem Totentanz Buch geschildert war. Mag sein, daß Jeremie, um das Mädchen zu beeindrucken oder ihr gar das Gruseln zu lehren, in seinen Beschreibungen heftig zu übertreiben suchte. Er redete so anschaulich, daß Dorothea oftmals vor Staunen der Mund offenstehen blieb und mancher eiskalte Schauer über ihren Rücken lief. Doch waren einige Stellen so gräulich, daß sie Jeremie bat, sie zu wiederholen, was ihn natürlich nur noch mehr anspornte und wie es schien, seine Phantasie beflügelte.

Wenn sie es genau bedachte, konnte der Junge es gar nicht selbst miterlebt haben, wie er behauptete. Aber das tat seiner Glaubwürdigkeit keinen Abbruch, sie hätte ihm stundenlang zuhören können. Sie fand ihn auch ziemlich hübsch, und sein Vater war ein netter Mann. Er hatte einen kleinen Hof mit einem Stück Acker und ein paar Tieren. Er belieferte Schloss Waltha im Sommer mit Gemüse und ganzjährig mit Eiern, Butter und Käse; er hatte auch noch andere Abnehmer in der Gegend, und er hatte Beziehungen nach Makkum an der Nordsee Küste, von wo er frischen oder geräucherten Seefisch bezog und dann weiterverkaufte.

Jeremie half seinem Vater bei der Arbeit, deshalb hatte er häufig nicht viel Zeit, sich mit Dorothea zu beschäftigen. Aber er merkte wohl, daß sie sich freute, wenn sie ihn sah. Er brachte ihr auch oft etwas extra mit, eine besonders schöne Muschelschale oder einen Federschmuck. Die Leute auf Schloss Waltha waren zum Teil Selbstversorger, es wurden auch Gänse und Enten gehalten. Einmal brachte Jeremie ein ganz junges Entlein mit, das er Dorothea schenkte und für das sie selbst verantwortlich war, was im wesentlichen darin bestand, darauf zu achten, daß es sich in der Entenschar wohlfühlte. Sie nannte es übrigens auch Jeremie.

Irgendwann ergab es sich, daß Dorothea und ihre Mutter zu Jeremie's Vater auf den Hof kamen, womöglich hatte er sie zu einem Besuch eingeladen. Maria Sibylla fand seinen Vater auch ganz nett. Aber Dorothea hatte (wahrscheinlich weil es sie so sehr beschäftigte) etwas von dem ausgeplaudert, was Jeremie ihr von den Pestkranken und den Leichen erzählt hatte, und das gefiel ihrer Mutter gar nicht und sie wollte bei der Gelegenheit ein Wort mit seinem Vater reden und ihm deutlich machen, daß - bei aller Sympathie - derlei Geschichten für das Gemüt ihrer Tochter nicht geeignet wären.

Dorothea ahnte etwas davon, weshalb sie munter drauflos schwatzte und ihre Mutter kaum zu Wort kommen ließ, die wiederum auch von dem Bericht des Vaters nicht unbeeindruckt blieb. Er erzählte nämlich, daß er in Frankreich aufgewachsen war, genaugesagt auf dem Landgut seiner Eltern in der Franche-Comté, der Freigrafschaft Burgund.

"Dann sind Sie vornehmer Abstammung?", sagte Maria Sibylla. "Mitnichten!", erwiderte der Vater, als würde er sich dagegen verwahren, "Auch meine Eltern und meine Vorfahren waren im Grunde immer einfache Bauern gewesen, die es von allein niemals zu dem gewissen Wohlstand gebracht hätten, den unsere Familie - natürlich auch durch Fleiß und unermüdliche Arbeit erhalten - besaß. Alle Bauern ringsherum waren Leibeigene, allenfalls Pächter, meinen Eltern dagegen gehörte der Grund und Boden, auf dem sie lebten, und das war keine Kleinigkeit.

Als Knabe machte ich mir darüber keine Gedanken, und als ich anfing mich zu fragen, weshalb es gerade uns in den Schoß gefallen war, Landbesitzer zu sein, da sagte man mir, es sei der Gnade Gottes verdankt. Tatsächlich herrschte bei uns eine - ich würde mal behaupten - bis zur Selbstverleugnung gehende Gläubigkeit. Aber Sie müssen verstehen, Madame Merian, es war ein unbarmherziger und trübseliger Katholizismus, der in der Seele eines heranwachsenden Knaben nichts als Furcht und zugleich Misstrauen erzeugt.

Irgendwann einmal hörte ich die Bemerkung eines Erwachsenen über unsere Familie und speziell über einen Vorfahren namens Balthasar Gérard, durch dessen unerhörte Tat wir angeblich zu all unserm Wohlstand - manche redeten gar von Reichtum, weil sie meinten, wir hielten noch irgendwo weitaus größere Schätze versteckt - wie wir also durch diesen Mann dazu gekommen waren. Ich nehme an, der Name Balthasar Gèrard sagt Ihnen nichts." "Nein. Was war mit ihm?"

"Nun, das ist jener Mann, der den trefflichen Wilhelm von Oranien, den ersten Gouverneur der Vereinigten Niederlande, ermordet hat." "Ach herrje!", sagte Maria Sibylla und legte die Hand ans Gesicht, "Aber wieso hat man ihn dafür belohnt? Man könnte doch eher vermuten, er wäre dafür bestraft worden?" "Oh, das ist er auch. Er wurde hingerichtet, nachdem man alle nur erdenklichen Foltern an seinem noch lebendigen Leib vollzogen hatte. Aber er war überzeugter Katholik und ein treuer Untertan des Königs Philipp, des Erzfeindes der abtrünnigen Niederländer. Und der hat, gewissermaßen um den Patrioten zu belohnen, unserer Familie ebendas Landgut bei Pontarlier übereignet, auf dem ich geboren wurde."

"Wie sind Sie dann hierher nach Friesland gekommen?" "Wie gesagt, der bedrückende Katholizismus in meinem Elternhaus und überhaupt in meiner Kindheit hat in mir nicht gerade Begeisterung dafür geweckt. Dagegen war ich schon frühzeitig empfänglich und aufgeschlossen gegenüber den Ideen der Reformierten; ich würde mich nicht als Protestanten, nicht einmal als Calvinisten bezeichnen, ich bin auch nicht besonders gebildet, geschweige denn belesen. Und ich hatte eigentlich im Unterschied zu vielen anderen Franzosen keinen echten Grund, aus dem Land zu flüchten.

Doch seitdem ich wusste, was es mit der vermeintlichen Gottesgnade, die unserer Familie zuteil geworden war, in Wahrheit auf sich hatte, und daß wir unsere vergleichweise komfortable Lage nicht etwa Gott, als vielmehr einem ruchlosen Mörder zu verdanken hatten, konnte ich dies nicht mehr mit meinem natürlichen Gewissen vereinbaren. Zwar versuchte man mir zu erklären, daß höchstwahrscheinlich Gott selbst den Balthasar Gérard auserwählt hatte, um den Anschlag auf den Antichrist, als welcher Wilhelm von Oranien betrachtet wurde, auszuführen, und daß demnach Gott selbst die Familie dafür belohnt habe. Doch ich hielt dagegen, warum Gott es dann zugelassen habe, daß Gérard nach seiner hehren Tat die schlimmsten Torturen auszustehen hatte, und darauf konnte mir keiner eine überzeugende Antwort geben.

Es gab auch noch einen anderen Grund für mich, von zuhause fortzugehen, über welchen ich hier nicht weiter sprechen möchte; jedenfalls verließ ich eines Nachts meine Heimat und bin schließlich hier in Friesland angekommen, wo ich nun bestimmt bis ans Ende meiner Tage bleiben werde." Maria Sibylla fragte "Wissen Ihre Angehörigen, daß Sie hier sind?" "Nein. Ich habe alle Verbindungen abgebrochen. Ich habe damit natürlich auch jede Unterstützung von Seiten meiner Familie ausgeschlagen.

Wir haben hier praktisch bei Null angefangen, es war nicht immer leicht und ich musste einige harte Schicksalschläge hinnehmen, aber jetzt geht es uns leidlich gut und niemand kann uns das, was wir erreicht haben, wieder wegnehmen, denn wir leben in dem vielleicht freiesten Land Europas und obwohl ich von Geburt her Franzose bin, so erfüllt es mich doch mit einigem Stolz, nicht nur hier leben zu dürfen, sondern auch meinen bescheidenen Beitrag zum Gedeihen dieser Nation zu leisten."

Dorothea fiel auf, daß die Rede nicht auf Jeremies Mutter kam. Sie fragte ihn, ob jene Frau, die bei ihrem Besuch zwischendurch anwesend war, seine Mutter sei, doch er verneinte: das wäre die Magd gewesen. Andererseits verlor auch Maria Sibylla kein Wort über ihren Mann. Dem Mädchen gefiel es, wie Jeremies Vater sie mit "Madame Merian" anredete, und sie fühlte etwas von dieser Ehrbarkeit auf sich selber abfärben; überhaupt behandelte er auch Dorothea wie es schien mit der größten Hochachtung.

Dorothea konnte nicht umhin, Jeremie zu fragen, ob er denn Genaueres über die Art der Folter wüsste, mit welcher der unselige Monsieur Gérard traktiert worden war. Jeremie sagte, ihm sei unter anderem der Bauch aufgeschlitzt und die Organe mit Eisenzangen herausgerissen worden - bis auf das Herz, das man bis zuletzt in Gang hielt, "damit er nicht vorzeitig abkratzt." Dorothea befürchtete, davon zu träumen, aber das blieb aus.

Sie fragte sich manchmal selber, weshalb sie bei der Schilderung solcher Grässlichkeiten so einen schaurigen Kitzel verspürte, aber sie fand keine vernünftige Erklärung und sie schob es auf eine vorübergehende ungewöhnliche Mischung der inneren Säfte, von deren Existenz und Wirkung ihr Großmutter Johanna etwas mitgeteilt hatte. Sie war außerdem froh, daß ihre Mutter die Sache mit den Pestleichen, die Jeremie so eindrucksvoll veranschaulichte, nicht angesprochen hatte.

Vielleicht war Jeremie ihr auch nur zuvorgekommen, denn er war so voll des Lobes und in seiner Begeisterung kaum zu bremsen, als er die Zeichnungen sah, welche Maria Sibylla mitgebracht hatte und die an diesem Nachmittag bei der gemütlichen Kaffeerunde von Hand zu Hand gingen. (Da waren auch die besagte Magd sowie zwei drei andere vom Gesinde ganz selbstverständlich dabei.) Alle waren sich einig, daß sie so etwas Schönes noch nie "so direkt" zu sehen bekommen hatten.

Es handelte sich um einige Drucke aus ihrem Blumenbuch: prächtige gelbe Narcissen und blaue Hyazinthen, weiße Lilien und Türkische Binde, auch Goldwurz genannt; zwei oder drei Blumenkränze, eine goldgelbe Kaiserkrone, eine dunkle Schwertlilie, mehrere Nelken, ein Wiesenglöcklein mit einem Distelfink sowie ein Arrangement von Rittersporn, Josephstab und Vergissmeinicht. Außerdem ein paar Aquarelle von den Blumen, die Maria Sibylla hier in Waltha entweder im sogenannten "Einsiedelgarten" oder draußen in der freien Natur gefunden hatte.

Eine der Mägde war ebenso angetan von Maria Sibylla's Kunst, daß sie hinausging und mit einem schönen Majolikakrug wiederkam, den sie ihr schenkte, damit sie die Blumen, so sie pflückt, ins Wasser stecken könnte, wo sie sich länger frisch hielten. Wenn sie sich recht erinnerte, so hatte es Dorothea kaum je erlebt, daß ihrer Mutter so viel schlichte, ehrliche, ja sogar dankbare Anerkennung zuteil wurde, wie an diesem Nachmittag im Spätherbst auf dem Hof von Jeremies Vater.

Ob sie denn selber auch so wunderbar zeichnen und malen könnte, wollte Jeremie dann von Dorothea wissen, und sie merkte sofort, daß sie in seinen Augen ungeheuer gewinnen würde, wenn sie das bejahte. Sie strich sich ihr Haar hinters Ohr, als dürfte es ihr Selbsturteil nicht verdecken und sagte "Natürlich nicht ganz so gut", und Jeremie nickte nur langsam und überwältigt.

Tatsächlich hatte Dorothea, ermutigt und angeleitet durch ihre Mutter, bereits ein beachtliches Talent zum Zeichnen entwickelt, hatte ihr oft nachgeeifert, wenn sie mit großer Konzentration und der nötigen Akribie mit Stift und Pinsel über dem Papier saß und die Blume oder den Blütenzweig, die sie kunstgerecht vor sich aufgestellt hatte, auf der weißen, leeren Fläche Strich für Strich und Punkt für Punkt wie ihr zweites Wesen entstehen ließ.

Maria Sibylla hatte der Tochter zu ihrem Geburtstag ein eigenes Kästchen aus Holz mit den wichtigsten Utensilien geschenkt, die man zum Malen benötigte: fünf verschiedene Pinsel, vom ganz dünnen mit einer Spitze so schmal wie ein Silberfischchen über mittlere und breitere (die immer noch kaum eine Spur hinterließen, wenn man damit übers Papier zog) - alle aus feinstem Marderhaar, das unglaublich geschmeidig war und das wie ein fleißiges Geistlein und mit großer Ergebenheit die Farbe in sich aufnahm, um sie gleich darauf an ihrem Bestimmungsort - einer Partie am Rand eines Blütenblatts oder der Kontur längs eines Stängels - wieder abzusetzen und loszulassen.

Dorothea liebte es über alles, mit ihrer feinfühligen Hand den Pinsel zu führen, ihn mit der Aquarellfarbe zu tränken wie einen durstigen Sproß und ihn dann an einer bestimmten Stelle von seiner tauzarten Tropfenlast zu befreien. Anfangs zögerte sie dabei, war sich unschlüssig, wo dieser Farbtupfer zu platzieren sei, überlegte zu lange, wie Maria Sibylla meinte. Ihre Mutter war der festen Überzeugung, daß man solange nicht die richtige Entscheidung träfe, solange man noch daran zweifelte.

Dabei empfand es Dorothea gar nicht als Zweifel - woran sollte man zweifeln? - vielmehr wollte sie alles auf Anhieb richtig machen, und das ging nun mal nur, wenn man es wohlbedachte. Sie war auch sehr wählerisch, was die Farben betraf. Nicht daß sie etwa eine bevorzugte, sie hatte nicht einmal eine Lieblingsfarbe, und das war vielleicht das Problem: ihr gefielen alle gleich gut und sie wollte keine davon benachteiligen.

So geschah es mitunter, daß sie eine Blüte, wenn sie zuviel Rot besaß, mit gelben oder orangen Streifen verzierte oder wenn ihr ein Blau zu dominant erschien, sie es mit einem zarten Rosa oder einem lichten Ocker abschwächte. Manchmal ging sie soweit, andersfarbige Details hinzuzufügen, die am Original gar nicht vorhanden waren oder sich sogar ein Blümlein ausdachte, das sich um das Hauptobjekt herum rankte.

Als Jeremie mit seinem Vater wieder einmal in Waltha war, zeigte ihm Dorothea einige ihrer "gelungensten" Arbeiten, und sie war dabei ein bisschen aufgeregt. Doch es übertraf offenbar alle seine Erwartungen. Sie hatten sich abseits der Behausungen bei einem Buchenhain niedergesetzt (der Vater verhandelte drinnen mit dem Schlossverwalter), und Dorothea reichte Jeremie ein Blatt nach dem andern, die er auf seinen Knien eingehend betrachtete. Sie hielt sich zurück mit Erklärungen, um alles durch sich selbst wirken zu lassen, und der Junge murmelte ein Staunen nach dem andern, pfiff auch zwischendurch anerkennend durch die Zähne oder warf Dorothea von der Seite einen Blick zu, als würde er nicht glauben wollen, daß diese Zeichnung tatsächlich von ihr stammte. Aber sie hatte alle mit ihrem Namen signiert: Dorothea G.

Jeremie fragte "Wofür steht das G? Ich denke, deine Mutter heißt Merian." "Sie nennt sich als Künstlerin nach ihrem Vater, Matthäus Merian, weil der so ein berühmter Kupferstecher war und viele Leute seinen Namen kennen. Das G steht für Graff, so heißt mein Vater." "Er ist ein Graf?" "Nein, nicht Graaaf, sondern Graff, mit Doppel-F." "Wo ist dein Vater?" "In Nürnberg." "Nicht hier?" "In Nürnberg." "Warum ist er nicht hier bei euch?" "Das ist eine andere Geschichte. Willst du nicht die anderen auch noch anschauen?" "Ja, natürlich. Schenkst du mir eine davon?" Obwohl Dorothea auf diese Frage gewartet hatte, sagte sie jetzt zögernd "Kommt drauf an, welche du meinst."

Er schaute alle bis zur letzten genau an, ging sie dann noch einmal durch, blätterte vor und zurück und entschied sich schließlich für ein Bild von einer Samtrose, einem weißen Jasmin und einer Purpur Anemone. "Ja, das gefällt mir auch am besten", meinte Dorothea und er fragte "Kannst du dich davon trennen?" Die Frage gefiel ihr, sie sagte "Damit muss man immer rechnen."

Jeremie gefiel die Antwort, und ehe sie sich's versah, küsste er sie auf den Mund, daß ihr Gesicht vor Scham rot anlief. Abends dachte sie darüber nach. Sie fand es gut, daß Jeremie offenbar so eine Art Empfindsamkeit für das Kunstvolle besaß, obwohl das eine eher untypische Eigenschaft für einen Jungen war und obwohl doch auch seine scheinbare Kaltblütigkeit bei seinen Erzählungen über Pestleichen und Folterpraktiken ihr ein wohliges Unbehagen bereitete.

Jeremie hatte sich ein Eisboot gebaut! Das hatte Kufen und ein Segel und es passten grade so zwei Personen hinein. In diesen Jahren waren im Winter die Flüsse und Kanäle über viele Wochen zugefroren, und die großen Teiche, die Seen, ja sogar das Sneekermeer bekamen eine Eisschicht, auf der man stehen und gehen und mit Eisbooten fahren konnte. Das tat man nicht nur zum Vergnügen, sondern um alle die Waren zu transportieren, die auch im Winter von Ort zu Ort geschafft werden mussten. Vieles wurde auf Schlitten geladen, die von kleinwüchsigen, aber kräftigen Pferden gezogen wurden.

Mit einem Eisboot kam man schneller voran, man sparte sich die Pferde und konnte weitere Strecken zurücklegen. Aber es war nicht ganz leicht, sich damit zu bewegen. Man musste etwas vom Segeln verstehen, insbesondere davon, wie man den Wind ausnutzt, der einem ja nicht immer in den Rücken wehte so wie man sich das gewünscht hätte. Jeremie sagte, er habe sich das selber beigebracht, er hatte sogar ein Buch über Seefahrt gelesen, das ihm sein Vater besorgte, der es für einige Zeit von einem Amsterdamer Kaufmann ausleihen durfte. Beim Bau des Bootes hatte ihm ein Zimmerer Geselle aus Leeuwarden geholfen; das Boot hieß "Anna".

Auf Schloss Waltha war es in den Wintermonaten manchmal schwierig, mit dem Brennholz über die Runden zu kommen. Man heizte auch mit einer Sorte von Torf, die besonders fest war, aber man benötigte dennoch jede Menge davon, um es drinnen einigermaßen angenehm zu haben. Maria Sibylla und ihre Tochter mussten sich auch tagsüber oft in dicke Wollgewänder hüllen, um nicht frieren zu müssen; sie hatten sogar ein Robbenfell, unter dem sie sich nachts aneinanderkuschelten.

Maria Sibylla fand im Winter nicht genug Blumen, die sie zeichnen und malen konnte, sie zehrte von den Skizzen, die sie den Sommer über angefertigt hatte, aber Dorothea sah, wie langsam das vonstatten ging, weil die Mutter kaum ihre Finger richtig bewegen konnte, und dabei musste sie ständig darauf achten, daß sich ihre liebe Tochter nicht erkältet.

Jeremies Vater hatte ihr vorgeschlagen, Dorothea eine Weile zu sich zu nehmen, zumindest solange, bis die Tage mit dem strengsten Frost wieder vorüber wären. Die Stuben auf dem Hof waren viel besser warmzuhalten als die alten Gemäuer von Waltha, wo es zudem allerorten durch die Ritzen pfiff. Jeremie war natürlich von der Idee begeistert. Dorothea auch. Aber ihre Mutter überlegte hin und her. Sie führte ein ziemlich langes Gespräch unter vier Augen mit Jeremies Vater. Dorothea fragte "Worüber reden die?", und Jeremie sagte "Ich glaube, es geht da drum, wo du am besten schlafen sollst."

Maria Sibylla stimmte schließlich zu, und Dorothea wohnte bei der Magd in der Kammer, die war groß genug, damit sie ein zweites Bett hinein stellen konnten. Der Junge hielt sich oft so lange dort auf, daß die Magd irgendwann sagte "So, Jeremie, jetzt müssen wir dich 'rausschmeißen, das ist nämlich hier das Frauengemach, da hast du so spät in der Nacht nichts mehr zu suchen!" Und einmal träumte Dorothea, wie jemand von außen durchs Schlüsselloch linst, aber sie konnte dann nicht genau sagen, wer es gewesen war.

Mit dem Eisboot fuhren die beiden auf einem Flüsschen bis zur Swarte Mole, das war eine Windmühle, wo Jeremies Vater auch im Winter sein Korn mahlen ließ und dann die Säcke mit dem Mehl wieder abholte. Auf das Boot passten normalerweise drei volle Säcke, ohne daß es zu schwer geworden wäre. Wenn Dorothea mitkam, mussten sie auf einen Sack verzichten, dafür fuhren sie einmal mehr. Es machte Dorothea viel Spaß. Jeremie gab den besten Seemann ab, den man sich vorstellen konnte. Er machte alles mit gezielten und doch großzügigen Gesten und Handgriffen, und sie sah, daß er stolz war, wenn alles klappte.

Der Müller in der Schwarzen Mühle war ein dicker Mann mit weißem Schnauzbart, der anscheinend rund um die Uhr arbeitete. Zum Glück setzte sich auf den Mühlenflügeln kein Schnee fest, die konnten sich immer drehen, ob es nun regnete oder schneite oder die Sonne schien. Er sagte, man könnte ja sogar bei Mondschein Korn mahlen und einer seiner Vorfahren (der natürlich auch schon Müller war) hätte darüber eine Abhandlung geschrieben, in welcher er zeigte, welche Auswirkung das Licht des Vollmondes auf die Beschaffenheit des Mahlguts habe. Und Dorothea schlug vor, man sollte dafür die Bezeichnung "Mondbrot" einführen, damit die Leute, wenn sie es essen, auch wissen, was sie daran Besonderes haben. Der Müller lachte nur und von seinem dicken Schnurrbart rieselte das Mehl.

Ein andermal fuhren sie auf einem der friesländischen Seen, da konnte sich "Kapitän" Jeremie so richtig austoben, weil er nicht in der Spur bleiben musste und hin und her kreuzen konnte. Es ging ein scharfer Wind, aber es war klar und trocken, und Jeremies Vater hatte Dorothea eine riesige Pelzmütze überlassen und den Sohn ermahnt, daß sie sich nicht zu weit aufs Eis hinaus begeben sollten, wenn das Wetter umschlägt "oder wenn Dorothea es für zu gefährlich hält, hast du verstanden!"

Jeremie versprach es, und dann packte ihn doch der Übermut, und bei manchen seiner Manöver wurde es Dorothea ein bisschen mulmig zumute. "Halt' dich bloß gut fest!", rief er, und mit ihren dicken Handschuhen klammerte sie sich an den Bootsrand. Sie rief "Was ist das da hinten?" "Wo?" "Das da, ich glaube, da steht ein Mensch mitten auf dem Eis." "Ach das", meinte Jeremie und tat so als wüsste er es nicht, "wollen wir doch mal sehen, ob da nicht jemand festgefroren ist."

Und als sie näher kamen, erkannte Dorothea tatsächlich einen Mann in einem Fellmantel mit einer Kapuze über dem Kopf, die nur das Oval vom Gesicht erkennen ließ. Er hatte einen schmalen Mund und zu beiden Seiten ein paar Barthärchen über der Oberlippe, die ebenso wie die Brauen und der Fellrand seiner Kapuze mit Eis überzogen waren. Er hatte Augen wie ein Chinese. Er trug Handschuhe und Stiefel aus Leder und Fell, und vor ihm war ein kreisrundes Loch so groß wie ein Teller ins Eis geschnitten und von seiner rechten Hand war eine Schnur hinein ins Wasser getaucht. Neben ihm lagen zwei drei Werkzeuge wie von einem Holzhauer.

Jeremie hielt ein Stück vor ihm, sie stiegen aus dem Boot und gingen hin und der Mann sagte "Jeremie. Wie geht's?" "Gut. Und Ihnen, Herr Sarmtak? Hat schon was angebissen?" "Noch nicht. Wer ist die Dame?" "Ich heiße Dorothea, ich komme von Waltha. Wie lange stehen Sie schon hier?" "Ich weiß nicht, vielleicht drei Stunden." "Ist Ihnen nicht kalt?" "Nicht mehr als sonst." Jeremie flüsterte ihr zu "Er ist ein Eskimo! Er kann seine Körpertemperatur anpassen." Dorothea fragte Herrn Sarmtak "Was für Fische angeln sie?" Er nannte ihr ein paar Namen: Primbasche, Norre, Zodelfisch - hatte sie alle noch nie gehört, aber wenn sie ehrlich sein sollte, kannte sie sowieso nur Karpfen und Hering.

In dem Moment ruckte es an der Schnur, so stark, daß sie ihm aus der Hand glitt und blitzschnell im Loch zu verschwinden drohte. Aber Sarmtak war noch schneller. Er trat mit dem Stiefel darauf, bückte sich im selben Augenblick und fasste die Schnur, ließ sie gleichwohl (lang genug war sie ja) ein paar Ellen davonziehen. Als er aber spürte, wie schwer das war, das da dranhing, warf er sich mit aller Kraft nach hinten, zog jetzt mit beiden Händen und rief "Fass mit an, Junge!"

Jeremie packte mit zu, Sarmtak lag auf dem Rücken und starrte zwischen seinen Stiefeln auf das Loch, zu zweit eroberten sie eine Handbreit Schnur nach der andern zurück. "Vorsichtig! Nicht zu heftig, sonst reißt sie womöglich. Ich glaube, das ist ein ganz fetter Bursche, wenn der mal durch das Loch passt." Dorothea sagte "Soll ich was machen?" "Nimm' die Axt da. Kannst du damit umgehen?" "Sie meinen Holz hacken?" Sarmtak lachte und Jeremie musste auch grinsen. "Wenn er auftaucht und nicht durchs Loch passt ... hoho ... nicht wieder ausbüchsen, mein Guter ... wenn er nicht durchs Loch passt, hackst du am Rand noch was 'raus." "Ja, mach' ich." Sie stellte sich am Loch auf und hielt mit beiden Händen die Axt erhoben, sie keuchte beinahe vor Aufregung.

Da tauchte plötzlich in dem Loch der massige Kopf eines Fisches auf, seine Augen blickten ins Leere, sein Maul war weit aufgerissen und sah sehr ordinär aus, die Schnur mit dem Haken saß tief in seinem Rachen. Die beiden zerrten an ihr, doch sein Leib war dick wie ein prall gefüllter Weinschlauch und klemmte fest. "Schlag' eine Kerbe in den Rand!", rief Sarmtak, und Dorothea holte noch weiter aus und ließ die Axt aufs Eis krachen, es machte Pling! wie wenn Metall hell aufeinander schlägt.

Aber es war danebengegangen und fast hätte sie ihren eigenen Fuß getroffen. Der Fisch zappelte verzweifelt in seiner starren Halskrause. "Nochmal!" Sie holte aus und diesmal traf sie den Rand, sie schlug schnell wieder zu und es brach ein Stück Eis heraus, dann noch eins und noch eins, und der Fisch wuchs über die Eisdecke, aber da traf sie seinen Kopf und als Blut herausspritzte, schrie sie auf. Sarmtak rief "Macht nichts, er ist sowieso des Todes!" Endlich flutschte er raus, flog im hohen Bogen durch die kalte Luft und klatschte zwischen den dreien so schwer aufs Eis, daß es unter ihren Füßen dumpf erzitterte. Jeremie rief "Meine Güte, was für ein Brocken!"

Doch der hatte den Kampf noch nicht aufgegeben, er wand sich und schnellte hoch bis über ihre Köpfe und Dorothea musste zurückweichen, damit sie nicht getroffen wird. Jeremie verkürzte die Schnur, Sarmtak schlug mit der flachen Hand auf den Fisch, daß er liegenblieb, dann holte er aus seinem Stiefel ein langes, schmales und spitzes Messer hervor und rammte es ihm hinter den Kiemen in den Leib, er zuckte noch und der Schwanz patschte eine Weile aufs Eis, dann war er erledigt.

Dorothea ließ sich neben ihm auf die Knie fallen und sagte "Puh! Das war eine Aufregung!", und Sarmtak meinte "Ja, damit hätte ich nicht gerechnet." "Wie gut, daß wir zufällig vorbeigekommen sind, nicht wahr?" "Ja, Mädchen, das hatte sich gut getroffen. Und deshalb lade ich euch zum Fischessen ein." "Wo denn?" "In meiner Hütte natürlich. Da ist es vielleicht nicht ganz so ordentlich wie auf Schloss Waltha, aber ich verspreche: es wird euch schmecken."

Und so war es auch. Herr Sarmtak hatte hervorragende Kenntnisse im Zubereiten von Fisch. Dorothea schaute interessiert zu, und er gab ihr einige gute Hinweise und Erklärungen, falls sie selber mal dazu käme. Jeremie beschäftigte sich inzwischen mit diversen Jagd- und Angelgeräten, die Sarmtak aus seiner Heimat mitgebracht hatte und die zum Teil kunstvoll verziert waren. Er stammte aus Grönland und beim Essen erzählte er davon, daß es dort Eisberge und Gletscher gibt, auch solche, in denen riesige Höhlen sind, "so groß wie das Innere einer Kathedrale", und in manchen Nächten kann man das Polarlicht beobachten, welches sich wie ein gigantischer, grünschimmernder Vorhang am Sternenhimmel entlangzieht.

Es war schön warm in seiner Hütte, aber es roch ziemlich streng. Als Jeremie draußen nach seinem Boot schaute, sagte er, da wären dunkle Wolken und es sähe nach einem herannahenden Schneesturm aus. Sarmtak schlug vor, daß sie hierbleiben sollten, aber Jeremie bemerkte Dorotheas unscheinbare Kopfbewegung und er sagte, wenn sie gleich aufbrächen, würden sie es sicher bis nach Hause schaffen. Von dem Fisch war so viel übrig, daß sie zwei große Stücke für Jeremies Vater und für Maria Sibylla mitnehmen konnten, und Dorothea bedankte sich und wünschte Herrn Sarmtak weiterhin viel Erfolg beim Angeln. Auch wenn er sehr freundlich gewesen war, blieb er ihr doch ein bisschen unangenehm.

Als der Frühling kam, begleitete Dorothea ihre Mutter hinaus in die Umgebung von Schloss Waltha und half ihr beim Entdecken und Sammeln der Pflanzen, welche Maria Sibylla abbilden wollte. Dorothea hatte ein gutes Gespür und fand oft außergewöhnlich prachtvolle Exemplare. Aber sie schien auch ein wenig unvorsichtig zu sein, wenn sie sich in das unwegsame Gelände hineinwagte, und manches Mal verlor ihre Mutter sie aus den Augen und rief dann so lange nach ihr, bis sie Antwort bekam. Da war sie mitunter schon in eine ganz andere Richtung gelaufen oder hatte sich regelrecht verirrt (was sie aber niemals zugegeben hätte).

Sie war immer ganz in Gedanken, der Mutter behilflich zu sein. Doch es war nicht ungefährlich und nach Ansicht mancher Bewohner von Waltha unverantwortlich, abseits der bekannten Stellen in wildes Terrain vorzudringen. Man hatte sie insbesondere vor den zahlreichen kleineren und größeren Sümpfen und vor den Moorflächen gewarnt, die man leichtsinnigerweise betritt ohne es zu bemerken und wo es dann für einen schnell zu spät sein konnte, wenn man unweigerlich darin versank. Allerdings hatte Dorothea festgestellt, daß an diesen bedrohlichen Orten oftmals die seltensten Gewächse mit den schönsten Blüten standen.

In dieser Zeit kam Maria Sibylla auch darauf zurück, sich wieder intensiver mit den Insekten zu beschäftigen, vor allem mit den Raupen und Schmetterlingen, mit Faltern und Motten - kurzum mit allen diesen Licht- und Luft-Wesen, die sich von Blumennektar und pflanzlicher Kost ernährten und die (im Unterschied zu den Bienen) im Verlaufe ihres Lebens jene höchst merkwürdige Verwandlung durchmachen, welche man als Metamorphose bezeichnete.

* * * * *

Sie hatte schon, als sie noch in ihrer Vaterstadt Frankfurt war, sich für diese unglaublich vielfältigen Kreaturen interessiert, für dieses "Geschmeiß" wie es ihre Mutter Johanna nannte, die allem Sonderbaren der Natur abhold schien und gerade in den Scharen von Insekten, von denen es namentlich an warmen Sommertagen in der Stadt nur so wimmelte, vor allem aber in den Schaben und Asseln, Tausendfüßlern und Ohrenkriechern - und natürlich in den Spinnen - ein Gefolge des Teufels sah.

Nun waren das auch nicht eben Maria Sibyllas Favoriten unter den Insekten, aber für Johanna war das alles ein und dieselbe Brut und sie verbot es ihr, in der Dunkelheit am offenen Dachfenster mit einer Laterne die Nachtfalter anzulocken, welche Maria Sibylla, wenn sie ihrer habhaft wurde, erst in einen Zinnkrug mit Deckel (ein Erbstück des seligen Matthäus) einsperrte, um sie dann vorsichtig in ein Glasgefäß zu überführen, das man wie beim Apotheker mit einem geschliffenen Propfen verschließen konnte.

Einmal war ihr der Zinnkrug aus der Hand gerutscht und nach unten auf die Straße gefallen, und am nächsten Tag hatte der Nachtwächter an die Haustür geklopft und ihrer Mutter mit einer Klage gedroht, weil ihn der Krug beinahe am Kopf getroffen hätte. Nur durch Johannas bußfertige Miene und ihre Erklärung, sie werde der Nachtwächter Gilde eine Geldspende zukommen lassen, konnte der verärgerte Mann umgestimmt werden.

Dorothea musste herzlich lachen, als die Mutter ihr diese Begebenheit schilderte. Der hatte es übrigens bloß leidgetan um die Falter, die sie bereits im Krug gefangen hatte, worunter sich ein großes, besonders schön gemustertes Exemplar befand, das ihr in vergleichbarer Ausprägung nie wieder begegnet war.

Es gab noch etwas aus der Hinterlassenschaft ihres Vaters, das sie sich, wie man so sagt unter den Nagel gerissen hatte, bevor es in falsche Hände geriet, das war ein Bildkasten aus Holz mit einer Glasscheibe, unter der in zwei Reihen je vier fast fingerlange Käfer auf Stopfnadeln aufgespießt waren.

Sie sahen aus wie wertvolle Schmuckstücke, wie Broschen aus einem unvergänglichen Material, überzogen mit einem metallischen Glanz, der stellenweise bunt schillerte. Ihr Leib war fest und wie es schien, wie der Harnisch eines Ritters gegen alle Angriffe gewappnet, ihre Köpfe waren durchweg verschieden geformt, mancher breit, ein anderer länglich, oben mit einem scharfen Grat versehen oder an den Seiten mit schildartigen Auswüchsen.

Einer hatte zwei riesige Halbkugeln als Augen, bei einem anderen waren sie unter der vorgewölbten Stirn verborgen, einer hatte ein Geweih, ein anderer ein hakenförmiges Horn am vorderen Ende. Sie hatten alle ihre, mit allerlei Stacheln und Zacken bewehrten Beine ausgestreckt, als wären sie mitten im Lauf angehalten worden. Sie sahen aus wie eine Schar Krieger, die nur in eine vorübergehende Starre verfallen sind und auf einen Weckruf und ein geheimes Kommando warteten, um entschlossen ihren Marsch fortzusetzen.

Aus welcher Gegend diese Käfer stammten, konnte Maria Sibylla nicht in Erfahrung bringen, sie kamen jedenfalls nicht aus der näheren Umgebung. Eines Tages fand sie in einem Buch über Insektenkunde immerhin drei von ihnen abgebildet, die laut Verfasser in Westindien beheimatet waren.

Sie selber fand in einem Wald vor den Toren Frankfurts auf dem Boden einmal einen Hirschkäfer mit einem ansehnlichen Geweih, er war tot und bereits stellenweise im Verfall begriffen, sie nahm ihn trotzdem mit und bewahrte ihn eine Weile auf. Sie hielt seine halbverwesten Überreste in einer Zeichnung fest und ergänzte dabei die fehlenden Teile nach ihrer Vorstellung.

Darin, so dachte Dorothea, wenn sie sich an die Erzählungen ihrer Mutter erinnerte, war sie selbst ihr in vielem ähnlich: in der Neugier auf eine unbekannte Sache, die es zu begreifen galt; in dem aufmerksamen und verständigen Herangehen und der feinen Beobachtungsgabe, welche sie zu immer weiteren Entdeckungen führten, und in der Freude über etwas, das ihr dabei wie ein Gewinn, ein Geschenk, eine Belohnung für ihre Bemühung erschien.

Später einmal hat Maria Sibylla gemeint, der Anblick dieser so vielgestaltigen Käfer in des seligen Matthäus Merians Bildkasten habe sie damals schon veranlasst darüber nachzusinnen, warum an den einzelnen Kreaturen etwas so und nicht anders ausgebildet ist. Warum der Schöpfer, den wir Gott nennen, sie mit diesen einzigartigen Formen ihrer Körperteile ausgestattet hat, warum er den einen lang und schmal, den anderen breit und flach, und wieder einen andern rund und dick gemacht hat? Warum gab er dem einen große Augen, dem andern ganz kleine? Warum hat der eine ein Geweih, der andere aber ein Horn, der dritte bloß eine platte Stirn und der vierte dagegen ein Paar Fühler, die wie Angelruten vorausragen?

Warum diese vielen Varianten, wenn es im Grunde bloß eines einzigen funktionierenden Mechanismus bedurfte, um sich fortbewegen, fressen und sich seiner Feinde erwehren zu können? Allein bei dem Letzteren hatte es offensichtlich dem Schöpfer an Einfällen nicht gemangelt, wenn man sah, mit welch raffinierten Waffen sich diese Wesen in der Natur behaupteten. Es schien, als habe er allen und jedem von ihnen nicht nur ein Dasein verliehen, sondern dazu auch das Recht auf ein Dasein. Und davon sollten sie wohl Gebrauch machen.

Dieser Wald bei Frankfurt lag in einer Gegend, welche "Bei den Höfen" hieß. Es gab dort nur einen Hof und der war längst unbewohnt und halbverfallen; man erzählte sich ein paar kuriose Geschichten, die sich angeblich dort zugetragen haben sollen. Der Wald erstreckte sich in eine Senke, die bis zum Ufer des Mains reichte, wo sich mehrere Sandgruben befanden, die zum Teil bewirtschaftet waren. (Mit einigen der Arbeiter dort, die hauptsächlich Sand in große Holzbottiche füllten, die von anderen dann weggetragen wurden, mit einigen dieser Arbeiter war Maria Sibylla während ihrer Exkursionen schon bekannt geworden.)

In den Sandgruben war, wie Maria Sibylla festgestellt hatte, eine ganz besondere Spezies von Schmetterlingen zu finden, genaugesagt da, wo sich auf dem Abraum bereits wieder ein Streifen von Kräutern und Sträuchern gebildet hatte. Manche von ihnen bevorzugten hohe Disteln mit büscheligen, violetten Blüten - auf ihnen wimmelte es nur so davon, und mit ihren samtigen, ockerfarbenen, mit dunkelblauen Punkten getupften Flügeln bildeten sie einen herrlichen Kontrast zu den stacheligen Pflanzen.

Sie bemerkte auch eine andere Art von Schmetterling, die sie bereits aus einem Buch kannte, das war die sogenannte Höcker Eule, sie nutzte die Brennesseln als Futterpflanze. Maria Sibylla fiel auf, daß mitunter jene Gewächse, die wir gemeinhin als lästiges Unkraut bezeichnen - niemand hatte etwas für Brennesseln übrig! - mit manchen Insekten in geradezu freundschaftlicher Beziehung standen. Und wenn man sie genau betrachtete, konnte man sogar einer Brennessel oder einer kratzbürstigen Distel wahre Schönheit abgewinnen.

Nach dem Malheur mit dem Zinnkrug und dem Nachtwächter war ihre Mutter Johanna fest entschlossen, dem Spuk auf dem Dachboden ein Ende zu machen. Sie beauftragte jemanden, der von Berufs wegen Wohnungen entrümpelt, schickte ihn nach oben, um dort Ordnung zu schaffen. (Offenbar schreckte sie davor zurück, es selbst zu tun.) Nachher waren es drei Männer, die den ganzen Kram nach unten brachten und auf einen Karren warfen.

Als Maria Sibylla nach Hause kam und die fürchterliche Bescherung sah, brach sie in Tränen aus. Gerade hatte sie damit begonnen, eine Raupenzucht anzulegen, hatte alles in Gläsern, Kistchen und Schachteln dafür vorbereitet, hatte die Raupen darin untergebracht und täglich mit frischen Blättern versorgt. Sie hatte auch (nach dem Modell der "Käferparade") bereits mehrere solcher Schaukästen für ihre Schmetterlinge und Nachtfalter gebaut, die Holzleisten und das Glas hatte sie sich selber besorgt.

Beim Anblick der leergefegten Regale und der beiden blanken Tische wollte sie vor Verzweiflung schier aufschreien. Johanna indes, die zuerst mit ihrem resoluten Vorgehen recht zufrieden war, plagten gleich darauf die ersten Zweifel. Als ihre Tochter kein Wort mehr mit ihr sprechen wollte und sich demonstrativ weigerte, zu essen und zu trinken, erkannte Johanna, daß sie voreilig gehandelt hatte. Sie glaubte, "das Beste für ihr Kind" getan zu haben, doch das erwies sich als Irrtum. Maria Sibyllas Leidenschaft war so stark, daß sie dafür sogar die häusliche Eintracht aufs Spiel gesetzt hätte, und als ihre Mutter sah, wie sie mit verbissener Miene von ihren Sachen welche in einen Beutel packte, befürchtete sie schon, sie würde auf Nimmerwiedersehen davonlaufen.

Sie war zu stolz, ihren Fehler einzugestehen, gleichwohl musste sie etwas unternehmen, um ihre Tochter zu besänftigen. Mit überzeugter aber etwas reumütiger Stimme erklärte sie "Sibylla! (Sie nannte sie stets bei ihrem zweiten Vornamen.) Ich hatte ja keine Ahnung, was dir diese Sachen bedeuten, ich hielt es für törichten Plunder, für Unrat ... und übrigens habe ich vorgestern welche von deinen widerlichen Larven in meinem Bett gefunden, kein schöner Anblick! Wahrlich, kein schöner Anblick! Sibylla! So hör' doch! Warum packst du denn deine Kleider in diesen Beutel? Im Schrank sind sie viel besser aufgehoben. Ich weiß, du verstehst nicht, was ich getan habe, aber versuche es doch wenigstens, versuche zu begreifen, daß wir diese Kammer auf dem Dachboden unbedingt für andere Zwecke benötigen!"

Maria Sibylla wandte sich jäh zu ihrer Mutter um und schaute sie überrascht an, und Johanna sagte "Ich habe die Kammer vermietet. So, jetzt weißt du's! Das war der Grund, weshalb ich die Leute beauftragt habe, sie leerzuräumen. Großer Gott, Sibylla! Ich wollte dir nie etwas Schlechtes antun, das musst du mir glauben. Bitte!" Sie holte aus ihrer Rocktasche ein Tüchlein hervor und wischte sich damit über die Augen.

"Du weißt, daß ich immer für dich gesorgt habe, du musstest nie darben, oder? Musstest du je darben?" Maria Sibylla schüttelte sachte den Kopf, hörte aber nicht auf, ihre Sachen in den Beutel zu stopfen. "Na bitte!", fuhr Johanna fort, "Und ich habe mich meinerseits auch nie beklagt, nie beklagt darüber, daß du mir ..." "Daß ich was?" "Nun, daß du ... ich meine ... du bist jetzt in einem Alter, wo du eigentlich ... längst ... für dich selber sorgen müsstest ... könntest.

Stattdessen hantierst du auf dem Dachboden mit Würmern und anderem Geschmeiß herum, fängst mitten in der Nacht Motten und schleppst halbverweste Käfer ins Haus." "Meinst du den Hirschkäfer?", versetzte Maria Sibylla, "Er war ein Studienobjekt, ich musste ihn zeichnen!" "Ach, das ist doch gar nicht der Punkt", hielt Johanna dagegen, "das ist etwas, was sich für ein Mädchen deines Alters nicht ziemt. Die Leute reden schon über uns."

"Ach ja? Was reden sie denn?", fragte Maria Sibylla etwas höhnisch. Johanna zögerte "Sie nennen mich die Falterfrau." Die Tochter musste lachen, Johanna sagte halb beleidigt "Ja, sie glauben, ich wäre das mit diesen absonderlichen Beschäftigungen und ich würde dich losschicken, damit du mir dieses Dreckzeug beschaffst." "Es ist kein Dreckzeug, es sind Geschöpfe Gottes, wie du und ich!" "Na, schönen Dank auch, du stellst mich also auf eine Stufe mit deinen Käfern! Ich muss mich verantworten für das, was du treibst. Was denkst du, wie ich den Nachtwächter beschwatzen musste, damit er mir glaubt, daß ein Windstoß diesen Zinnkrug vom Fenstersims gestoßen haben muss, wo er schon seit Jahr und Tag gestanden hat ... weshalb sich auch die Motten drin gesammelt haben."

Johanna schwieg für einen Moment, als würde sie sich selbst im Nachhinein über ihre Erklärung amüsieren. Maria Sibylla sagte "Na, er hat es dir doch geglaubt." "Ja, er hat's geglaubt, aber ich habe mich schuldig gemacht, ich habe falsch' Zeugnis geredet, ich habe gesündigt!" Maria Sibylla konnte nicht feststellen, wie ernst das gemeint war.

Vielleicht hatte sie in mancher Hinsicht recht. Johanna hatte immer gut für sie gesorgt, obwohl ihre Vermögensverhältnisse alles andere als üppig waren. Als der alte Matthäus Merian gestorben war, musste das Erbe aufgeteilt werden, doch das war schwierig und hatte zwangsläufig zu Streitigkeiten geführt. Johanna war kaum vier Jahre mit ihm verheiratet gewesen, von Rechts wegen war sie seine Witwe, aber welchen Anteil hatte sie an dem Unternehmen, das ihr Mann in mehr als vierzig Jahren aufgebaut hatte? So gut wie keinen! Das musste sie selbst zugeben.

Hinzu kam die Tatsache, daß alle Kinder außer der Jüngsten, Maria Sibylla, aus Merians erster Ehe stammten. Seine zweite Frau Johanna hatte immer den Status einer Fremden in der Familie gehabt, sie war eher eine Geliebte, um dem Alten den Abschied vom irdischen Leben zu versüßen. Von ihrer Tochter ganz zu schweigen. In einem Familienbildnis (das allerdings schon ein paar Jahre vor ihrer Geburt angefertigt worden war) wurde die kleine Maria Sibylla nachträglich hinzugemalt - "wie ein Findelkind", sagte Johanna mit verbitterter Miene.

Der älteste Sohn Matthäus war mit der Erbteilung beauftragt worden. Er und sein Bruder Caspar waren bestimmt, die väterliche Werkstatt, die Druckerei und den Verlag fortzuführen, alle Werte und alles Vermögen lagen in dem opulenten Werk des seligen Vaters; es wurde nicht für einen Moment in Betracht gezogen, daß seiner Witwe Johanna irgendein Mitspracherecht in geschäftlichen Entscheidungen eingeräumt würde. Sie wurde mit einer bestimmten Geldsumme abgefunden. Sie hatte damit ihr Auskommen und konnte überdies für ihre Tochter sorgen. Sie hätte sich jederzeit an ihren Stiefsohn Matthäus (womöglich auch an einen anderen Verwandten) wenden können, wenn sich ihre Lage dermaßen verschlechtert hätte, daß sie fremde Hilfe in Anspruch hätte nehmen müssen, doch soweit kam es Gott sei Dank nicht.

Als heranwachsendes Kind war Maria Sibylla oft in der Frankfurter Werkstatt ihrer (so viel älteren) Stiefbrüder, und es war vor allen Caspar Merian, der das künstlerische Talent des Mädchens früh genug erkannte und sie bei ihren zeichnerischen Versuchen ermunterte und unterstützte. Er brachte ihr eine Unmenge nützliche Dinge bei, er leitete sie sogar an, selbst eine Vorlage in Kupfer zu stechen oder (unter seiner Aufsicht) die Druckerpresse zu bedienen, was anfangs natürlich zu recht unansehnlichen Ergebnissen führte, die Maria Sibylla gleichwohl für sich aufbewahrte.

Er zeigte ihr auch einige der berühmten "Florilegien", jene Blumenbücher, welche in Merians Verlag erschienen waren, darunter das Florilegium Novum des Johann Theodor de Bry (dessen Tochter Caspars leibliche Mutter, also Johannas "Vorgängerin" gewesen war) oder das Blumenbuch von Pierre Vallet, worin angeblich die Blumen aus dem Garten König Heinrichs des Vierten abgebildet waren. "Wo befindet sich dieser Garten?", wollte Maria Sibylla wissen, und es klang, als wollte sie selber dort ihre Studien betreiben. Aber Caspar erzählte etwas von einem Schloss bei Paris, und das war doch gar zu weit weg. Sie träumte dann von diesem Garten, und ein Grund dafür waren wohl auch die überaus kräftigen, leuchtenden Farben, mit denen Vallet's Bilder koloriert waren.

Jedoch, sie war eine Frau, sie hätte in dem Merian'schen Metier niemals berufsmäßig Fuß fassen können, und wenn die Werkstatt nicht doch mehr oder weniger zu ihrer Familie gehört hätte, wäre sie nie hineingelangt. Sie hätte vielleicht rechtzeitig mit ihrer Mutter Johanna darüber reden sollen, die ihr schon unmissverständlich klargemacht hätte, daß sie sich für ihre Zukunft ein geeigneteres Betätigungsfeld suchen solle, als das Druckerei- und Verlagsgewerbe, das zudem wie kein anderes zunftmäßig strengstens reglementiert war.

Johanna betrachtete die Neigungen des Mädchens schon damals mit gemischten Gefühlen. Einerseits wollte sie die Beziehung zu den Söhnen ihres verstorbenen Mannes nicht abreißen lassen, andererseits war sie der Überzeugung, daß ihre Tochter dort viel Zeit verschwendet, die sie besser anderweitig hätte nutzen sollen. Eine Weile schickte sie sie in eine kleine Handarbeitsschule am Gallustor, wo sie hauptsächlich nähen lernte. Das gefiel Maria Sibylla sogar. (Johanna verschwieg ihr übrigens, daß Caspar die Kosten übernommen hatte.) Dort kam sie auch zuerst mit der Stickerei in Berührung, und das gab ihr den nächsten Schub für ihre künstlerischen Ambitionen.

Sie begann Vorlagen für Blumenstickereien zu entwerfen. Zuerst kopierte sie Bilder aus den Florilegien, nach und nach entwickelte sie eigene Entwürfe, und ihre Phantasie schien unerschöpflich. Sie bestickte Tücher aus feinem Gewebe, Leinen, Seide, Wolle. Sie wagte sich an einen Blütenkranz mit Stiefmütterchen, Schlüsselblumen, einer großen blauen Schwertlilie, mit Holländischen Rosen und Anemonen, daran saß sie fast rund um die Uhr zwei Wochen lang. Das Garn dafür kaufte sie bei einem Frankfurter Händler und es war sündhaft teuer. (Auch dabei zeigte sich ihr großer Bruder Caspar wohltätig.)

Zufälligerweise bekam die Gattin des Ratsherrn Liebig den fertigen Blütenkranz zu Gesicht, sie kaufte ihn für drei Gulden! Maria Sibylla war sehr stolz, aber sie bedauerte es auch ein wenig, daß sie ihre eigene Arbeit nun nicht mehr selbst bewundern konnte. Immerhin hatte sie ja noch den farbigen Entwurf, der in ihren Augen mindestens ebenso gut war. Sie stickte noch drei weitere Blumenkränze, nicht ganz so groß wie der erste, doch jeder von besonderem Reiz, sie benannte sie nach dem Frühling, Sommer und Herbst. Sie verkaufte alle drei.

Als der Winter kam, war sie wieder oft in der Werkstatt. Sie unterhielt sich mit Caspar, sie meinte, der Aufwand für die ganze Stickerei sei zu groß, "um ein Geschäft daraus zu machen", das Garn zu teuer, die Arbeit zu langwierig, und Caspar konnte das nachvollziehen. Sie sagte, wenn man das rohe Garn einigermaßen preiswert einkaufen und selber färben würde, könnte sich die ganze Unternehmung eventuell rechnen, aber dafür müsste sie sich erst weitere Kenntnisse aneignen und wahrscheinlich auch einige Zeit "herum experimentieren", und auch darin stimmte ihr Caspar zu.

In diesem Winter wurde sie ein bisschen trübsinnig, sie vermisste die Blumen - ach, überhaupt die Farben und Gestalten der blühenden Natur. Sie saß am Fenster und betrachtete die Schneekristalle, die waren schön, sie waren "formvollendet", aber sie waren von mathematischer Strenge und Nüchternheit, sie konnten in ihr kein wonniges Gefühl auslösen wie es ein Strauß Feldblumen oder auch nur der erste Huflattich des Frühlings vermochte. Sie konnte es kaum erwarten, ihn wieder am Wegrand zu begrüßen.

Sie hatte im "Archiv" der Werkstatt ein Buch über Insekten entdeckt (das war jenes, in dem drei von den Käfern in ihrem Schaukasten aufgeführt waren). Sie fragte Caspar, ob noch andere solcher Bücher da wären, und er brachte ihr eins, in welchem die "Metamorphose" beschrieben war, und das faszinierte Maria Sibylla über alle Maßen und sollte sie fortan in Gedanken nicht mehr loslassen. Spät in der Nacht kam Caspar ins Archiv, da hockte sie immer noch wie gebannt über diesem Buch (die Kerzen im Leuchter auf dem Tisch waren schon weit heruntergebrannt) und auf mehreren Blättern hatte sie sich Skizzen und Bemerkungen gemacht, welche den merkwürdigen Vorgang der Metamorphose und die Abfolge ihrer inneren und äußerlichen Verwandlungen illustrierten und kommentierten.

Caspar war wie immer beeindruckt, mit welcher Genauigkeit und zugleich mit welchem Einfühlungsvermögen seine Schwester ihre Zeichnungen anfertigte. Er sagte, sie solle für heute Schluss machen, Johanna würde sich sicher schon sorgen, und Maria Sibylla erschrak, als sie sah, wie spät es geworden war. Caspar brachte sie nach Hause, Johanna war erleichtert, sie bereitete den beiden "Kindern" noch eine kleine Mahlzeit, Caspar ließ sich einen Schoppen Wein schmecken, einen Mainfränkischen, den er so schätzte.

Er hatte Maria Sibylla das Buch mitgegeben, und in den folgenden Wochen bis zum Beginn des Frühlings studierte sie die Metamorphose der Insekten. Und als es draußen zu grünen und zu blühen begann, hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als aus der Stadt hinaus und in die Natur zu laufen, um das, was sie gelesen und sich angeeignet hatte, am lebendigen Objekt zu überprüfen und nachzuvollziehen. Sie suchte in allen Himmelsrichtungen nach den besten Plätzen, sie fand schließlich in der Gegend "Bei den Höfen" zahllose Raupen, Larven, Schmetterlinge und andere Insekten in allen möglichen Stadien ihrer Entwicklung.

Es war allerdings alles andere als einfach, die Abbildungen aus dem Lehrbuch auf die Wirklichkeit zu übertragen. Es zeigte sich auch, daß die Darstellungen oft ziemlich undeutlich waren, um nicht zu sagen: verfälscht, und es machte Mühe, sie in der Natur richtig zuzuordnen. Maria Sibylla hatte bald den Verdacht, daß der Verfasser vieles von dem, worüber er schrieb, leider nicht persönlich in Augenschein genommen hatte. Und dabei war dieses Buch, wie Caspar sagte, ein "wissenschaftliches Standardwerk", auf das sich viele Gelehrte an den Universitäten beriefen.

Doch im Grunde war Maria Sibylla darüber nicht ungehalten, denn sie fand es spannender und auf jeden Fall aufschlussreicher, alles selbst zu untersuchen und nach eigener Anschauung ihre Erkenntnisse daraus zu ziehen. Das war allemal besser, als sich auf Irrtümer oder Verwechslungen zu verlassen, die einen am Ende nur ratlos machten. Sie kroch stundenlang auf allen vieren durch das Unterholz oder legte sich an einem Wiesenrand "auf die Lauer", bis ein munteres, ja wie es schien, "trunkenes" Schmetterlings Pärchen durch die milde Luft schwirrte und sich bestenfalls ganz in der Nähe niederließ, um sich in Liebe zu vereinigen. Manchmal schlummerte sie beim Warten auch ein und träumte von großartigen Entdeckungen.

Sie war stets ausgerüstet mit Büchsen, Schachteln und verschließbaren Gläsern, mit einem Löffel (zum Graben), einem Messerchen sowie einer Pinzette im mittleren Format, damit sie etwas aufnehmen konnte, das womöglich ein bisschen zu eklig war, um es mit Fingern anzufassen. Und natürlich mit Stift und Papier, auf dem sie kurze Notizen und prägnante Skizzen machte, die später die Auswertung erleichtern sollten.

Zu Hause brachte sie dann ihre "Beute" in anderen, vorbereiteten Spanschachteln in den beiden Regalen unter. Sie konzentrierte sich lange Zeit auf die Raupen, jenes Stadium, das - laut Theorie - auf Ei und Larve folgte und vor der Puppe und dem fertigen Falter oder der Imago lag. Die Raupen waren ganz verschieden im Aussehen, manche waren grasgrün, andere ockerfarben oder dunkelbraun, einige hatten eine Reihe Punkte wie Augen über die ganze Länge, andere waren gestreift, manche waren glatt, andere hatten feine Härchen, Stacheln oder waren so borstig, daß Maria Sibylla dafür den Vergleich mit einer Kleiderbürste treffend fand.

Sie ging also davon aus, daß die Raupen sich irgendwann in einem feinen Gespinst, dem Kokon, verpuppen, in welchem dann, durch einen eigentümlichen inneren Antrieb die Verwandlung in einen Schmetterling bewirkt wurde. Alles schien auf wunderbare Weise geregelt und nach einem vorherbestimmten Plan zu erfolgen. Sie fütterte die Raupen mit frischen Blättern, sie waren unersättlich, sie wurden dick und fett und manche häuteten sich zwischendurch, wahrscheinlich weil ihnen ihre Haut zu eng wurde.

Jedoch die Schachtel im Regal in der Dachkammer war nicht dasselbe wie der Ort draußen in der Natur, wo sie geboren worden waren, und viele von den Raupen hörten irgendwann auf zu fressen, verkümmerten und vertrockneten, als hätten sie mitbekommen, daß sie in Gefangenschaft gehalten und niemals mehr die Freiheit als Schmetterling genießen werden. Aus anderen krochen irgendwann fertige Fliegen heraus, was sich Maria Sibylla nicht erklären konnte und worüber auch nichts in den Büchern stand.

Aber ein paarmal klappte es doch. Die Raupe fing an, ein weißes Mäntelchen um ihren Leib herum zu spinnen, sie schwenkte dabei ihr Köpfchen unermüdlich hin und her und verbarg sich immer tiefer darin, bis sie nicht mehr zu sehen war. Dann erstarrte sie und der Kokon hing eine Weile reglos an dem Zweig, den Maria Sibylla dafür hineingelegt hatte. Und wiederum nach einiger Zeit rappelte es sich, die trockene Hülle brach auf und heraus kroch ein richtiger Schmetterling, der wie es schien noch recht schwach war.

Sie setzte ihn vorsichtig auf das Fensterbrett in den warmen Sonnenschein, wo er seine Flügel entfaltete und Kraft schöpfte. Bei dem Anblick kamen Maria Sibylla vor Freude die Tränen. Als er begann, mit den Flügeln zu schlagen, öffnete sie das Fenster und einen Augenblick später flatterte er munter davon. (Sie hätte denen, die vor der Zeit verendet waren, versprochen, daß sie auch freigelassen werden, aber welche Raupe hätte ihre Worte verstanden?)

In der Gegend "Bei den Höfen" gab es auch eine Wiese, die stellenweise mit Büschen und mit Wacholder bewachsen war. Dort standen Kästen aus Holz und sie traf einen Mann, der Imker war und mehrere Bienenstöcke besaß. Er hatte nichts dagegen, daß sie ihm bei seiner Arbeit zuschaute, aber er warnte sie natürlich vor den Bienen. Sie wollten nichts von ihr wissen. Er zeigte ihr, wie man den Honig aus den Waben holt.

Sie erzählte ihm, was sie mit den Raupen anstellt, und er sah sie ein bisschen komisch an. Er fragte, wozu das gut wäre, und sie sagte "Um Einsicht in die Beschaffenheit der Natur zu gewinnen", und fügte hinzu "und vielleicht um Gott auf die Schliche zu kommen." Er lachte und sagte, er würde auch dem Herrn danken, wenn er einen guten Ertrag hat, sie fragte "Und wie sieht es in diesem Jahr aus?" "Nicht übel, wir hatten eine reichliche Blüte." Dann sagte er, er würde nie auf die Idee kommen, so etwas Aufwändiges zu tun wie sie, wenn dabei nichts Brauchbares herauskommt.

Da sie nichts darauf erwiderte, glaubte er vielleicht, sie gekränkt zu haben und empfahl ihr, es doch einmal mit Seidenspinner Raupen zu versuchen, ein Bekannter von ihm habe eine Seidenraupen Zucht betrieben, aus der er echten Seidenzwirn gewonnen habe. Wo das gewesen wäre, wollte sie wissen, und er sagte, in Hanau, aber schon vor einiger Zeit, und er wüsste nur soviel, daß es sehr schwierig wäre, und das klang so, als würde er ihr doch lieber davon abraten. Zuletzt schenkte er ihr ein Glas Honig.

Unter den Arbeitern in der Sandgrube war einer, der sie angesprochen hatte. Er sagte, er wüsste eine Stelle im Wald, wo ein Tümpel sei und wo es Wasser-Schmetterlinge gebe, und wenn sie wollte, würde er sie einmal dorthin führen. Maria Sibylla war sehr neugierig, denn von Schmetterlingen, die im Wasser leben, hatte sie noch nie gehört oder gelesen, und obwohl ihr die Vorstellung, allein mit diesem Mann in den Wald zu gehen, nicht ganz geheuer war, sagte sie doch zu. (Für alle Fälle hatte sie das Messerchen griffbereit in ihre Rocktasche gesteckt.)

Dort beobachtete sie tatsächlich eine Art, die ihre Eier an die Unterseite eines schwimmenden Blatts heftete, von diesen Blättern ernährten sich offenbar auch die Larven. Sie mussten wohl auch längere Zeit in der Tiefe des Tümpels verbringen, "der übrigens nicht mehr austrocknet", wie ihr der Mann erklärte. Wenn sie wieder an die Wasseroberfläche kamen, bauten sie sich einen kleinen Köcher. Maria Sibylla versuchte, mit einem Stock ein paar dieser Köcher, welche an Pflanzenstängeln klebten, zu erreichen, sie musste sich weit vorbeugen, und ihr Begleiter erbot sich, sie dabei festzuhalten, damit sie nicht ins Wasser fiele; für einen einfachen Arbeiter war er sehr gefühlvoll, aber sie musste dabei kichern. Sie konnte einen Stängel weit genug heranziehen, um eine Handvoll der Köcher abzupflücken. Der Mann hatte in keinem Moment versucht, die Situation auszunutzen.

Dort verfolgte sie auch die Entwicklung, welche die Frösche nahmen, das war eine Metamorphose ganz anderer Art. Aus den Eiern entstand ein winziges, schwarzes Wesen mit einem Schwänzchen, das bekam alsbald ein Paar Vorderbeine, dann Hinterbeine und sah aus wie ein kleines Krokodil. Dann fiel der Schwanz irgendwann ab und die Hinterbeine verwandelten sich in die typischen Froschschenkel, schließlich hüpfte der vollendete Frosch aus dem Wasser ans Land.

Und dann geschah das Unglück mit Johannas Aufräum Aktion, die Maria Sibylla beinahe dazugebracht hätte, auszuziehen. Aber wohin denn? Und sie hätte ja nicht mal die Miete bezahlen können. Sie war aber keineswegs gewillt nachzugeben. Sie fing mit ihrer Sammlung und Zucht von vorn an. Sie fand heraus, wer die Sachen abgeholt hatte (Johanna sagte kein Wort). Glücklicherweise konnte sie wenigstens die Schaukästen retten, nur eine Glasscheibe war zerbrochen. Die Leute rückten alles freiwillig wieder heraus.

Sie wusste, wo der Schlüssel zur Dachkammer war, den behielt sie. Johanna schaute mit zerknirschter Miene zu, der Anblick, wie ihre Tochter den Beutel vollgestopft hatte, um davonzulaufen, war viel schlimmer gewesen. Dennoch beschwor sie Maria Sibylla, sie möge sich doch ernsthaft überlegen, welchen Weg für ihre Zukunft sie einschlagen wollte. Oder sich zumindest "schleunigst einen Mann" suchen. "Wie bitte?", rief Maria Sibylla fast erschrocken.

"Nun, worauf willst du denn noch warten", erwiderte Johanna, "du bist jung, du bist gesund und hübsch anzusehen, du hast eine anständige Herkunft, und um eine angemessene Mitgift sollst du dich nicht sorgen, darum werde ich mich schon irgendwie kümmern. Du hast viele Talente, aus denen du Vorteil ziehen könntest, und ich habe dir beigebracht, einen Haushalt zu führen, ich bin sicher, du würdest den Mann, der dich liebt, glücklich machen."

Maria Sibylla wusste nichts darauf zu antworten, sie stieg hinauf in die Dachkammer und schloss sich dort ein, sie dachte nach. Johanna wertete das als Erfolg. Ihre neue Strategie schien aufzugehen. Sie hatte auch ein reines Gewissen dabei. Sie wünschte sich von ganzem Herzen, daß ihre Tochter niemals Not leiden müsse, aber sie sollte endlich einsehen, daß sie sich mit ihren "verrückten Studien" nicht nur in die Armut stürzen, sondern auch jegliche Männer abschrecken würde, welche vielleicht ein Auge auf sie geworfen haben, wenn sie merken, daß sie Raupen füttert und einen Maus Kadaver heimträgt, auf dem sich schon die Würmer winden (wie das Johanna letztens genau beobachtet hatte).

Johanna kam und klopfte verhalten an die Tür, Maria Sibylla öffnete und ließ sie herein, Johanna meinte, sie solle doch wenigstens wieder mehr Blumenbilder malen, die den Leuten gefallen und die man möglicherweise in der Merian'schen Werkstatt als Kupferstiche drucken lassen kann. Vielleicht könnte sie auch versuchen, sich in der Ölmalerei ausbilden zu lassen, es gebe doch etliche "Frauenzimmer", die als Malerin Anerkennung und auch Käufer für ihre Bilder fänden, man denke nur an die Karoline Wachshausen, die hier in Frankfurt in den höchsten Tönen gelobt werde.

Ach ja, die Wachshausen, ereiferte sich Maria Sibylla, erstens wäre die besser als sie, und zweitens hat sie einen reichen Mann, "die müsste nicht einmal was verkaufen und hätte doch ihr Auskommen." "Aber geh' doch, Kindchen!", redete Johanna ihr zu, "Die ist nicht besser als du - oder jedenfalls bist du genauso gut wie sie. Sie ist bloß bekannter, weil sie genau das macht, was die Leute von ihr erwarten - sie vertrödelt ihre Zeit nicht mit nutzlosen Beschäftigungen."

Maria Sibylla verwahrte sich zum wiederholten Male, aber ihre Mutter schnitt ihr das Wort ab: "Und was den Mann angeht, so war wohl meine Rede von gestern völlig für die Katz', habe ich dir nicht genau dazu geraten? Er muss ja gar nicht reich sein, es genügt, wenn er fleißig und nicht dumm ist und von seiner Arbeit leben kann, dann wird es dir auch gut gehen!" Sie schaute ihre Tochter dabei eindringlich an, dann warf sie einen Blick in die Runde. "Apropos Katze, was hast du mit dieser halbverwesten Maus gemacht, wo schon die Würmer drauf herumgekrochen sind?" "Das waren die Maden von der Drachenfliege, sie hatte ihre Eier darauf abgelegt, und dann sind die jungen Fliegen daraus geschlüpft, genau, wie ich es vorhergesehen habe."

Johanna griff nach ihrem Taschentuch und hielt es sich vor den Mund, als wäre ihr etwas aufgestoßen. "Das ist ja so abscheulich", nuschelte sie, "muss das denn wirklich sein? Kannst du es nicht schlechten Menschen überlassen, sich mit solchem Teufelsdreck zu beschäftigen? Ach, ich möchte kein Kind, das sich an so etwas ergötzt." Sie schien wirklich darüber bestürzt zu sein. Maria Sibylla lenkte ein. "Ich hab' ja alles fortgeschmissen, Mama." "Versprich mir, daß du keine Leichenteile mehr sammelst!" "Ja, ich verspreche es." "Und daß du wieder mehr schöne Blumen malst." "Ja." "Gut", sagte Johanna, umarmte ihre Tochter und küsste sie auf die Stirn.

Kurze Zeit darauf geschah etwas Unerwartetes. Dazu muss noch folgendes nachgetragen werden: Gleich nachdem Johanna den Oberboden hatte ausräumen lassen, war sie zur Redaktion des Frankfurter Anzeigers gegangen, um eine Annonce zwecks Vermietung einer "Mansarde" aufzugeben. Der Redakteur hatte gesagt, womöglich wüssten die meisten Leute nicht, was damit gemeint wäre, daher ließ sie einfach "geräumige Dachkammer" schreiben. Nach der Auseinandersetzung und der anschließenden Versöhnung mit ihrer Tochter hatte sie die Sache ganz vergessen, schließlich war Maria Sibylla ja auch wieder eingezogen.

Eines Vormittags, als Maria Sibylla vom Einkauf auf dem Markt zurückkehrte, saß drinnen im Wohnzimmer ein Herr von sehr adrettem Äußeren. Er mochte etwas älter als Johanna sein, hatte dunkles, langes Haar und ein fein geschnittenes Gesicht, in dessen Zügen eine gewisse Lebenslust unverkennbar war, er trug sehr ordentliche und wie es schien, nicht ganz preiswerte, aber auch nicht übertrieben protzige Kleidung, und man sah, daß es ihm gefiel, sich von seiner noblen Seite zu zeigen.

Als Maria Sibylla hereinkam, und der Mann sich sofort erhob, um ihr die Höflichkeit zu erweisen, fiel ihr das Gemälde mit dem Geographen von Jan Vermeer ein, das sie bei einer Ausstellung hier in Frankfurt gesehen und das sie sehr beeindruckt hatte. Dieser Mann war sein Ebenbild. Maria Sibylla erwiderte seine Begrüßung, Johanna sagte "Werter Herr, entschuldigen Sie uns für einen Augenblick." Er nickte freundlich, holte aus seiner Jacke ein Schriftstück, wahrscheinlich einen Brief, heraus, entfaltete und las ihn, um zu zeigen, daß ihn das, was die beiden miteinander sprachen, nichts anginge.

Johanna war sichtlich in Verlegenheit. "Du weißt doch, daß ich letztens die Dachkammer zur Vermietung angeboten habe", sagte sie, und Maria Sibylla entgegnete "Was? Ich dachte, das war nur eine leere Drohung!" "Ja, war es eigentlich auch, aber ich war so verärgert und da habe ich ... na ist auch ganz egal ... ich hätte sowieso nie damit gerechnet, daß sich jemand daraufhin meldet ..." Maria Sibylla machte eine Kopfbewegung zu dem Mann hin. "Und jetzt hat sich doch einer gemeldet?" "Ja. Und ich bin in argen Schwierigkeiten." "Wieso? Schick' ihn einfach wieder weg."

"Ihn wegschicken?", flüsterte Johanna, als hätte Maria Sibylla ihr geraten, sich die Haare bis auf die Kopfhaut abschneiden zu lassen, "Hast du nicht gesehen, was für ein Schmuckstück von Mann das ist?" "Ein Schmuckstück für wen?", fragte Maria Sibylla und ahnte nichts Gutes. Johanna ließ ein wenig genant ihre Augenlider fallen und tat, als zierte sie sich, Maria Sibylla presste die Hand vor den Mund, um nicht vor Lachen losprusten zu müssen, dann sagte sie "Bist du bei Trost, Mama, willst du diesen Mann verführen?" "Was denkst du von mir!", empörte sie sich, "Ich möchte ihm bloß einen Gefallen tun." "Ich räume jedenfalls nicht die Dachkammer!"

Der Mann räusperte sich, die beiden Frauen wandten sich um, Maria Sibylla ging zu ihm hin, Johanna hielt sich hinter ihr. "Werter Herr ..." "Mein Name ist Jakob Marell", sagte er und lächelte sie unwiderstehlich an, er wirkte mit jedem Satz, den er sprach, jünger. "Herr Marell, wie ich höre, interessieren Sie sich für die Dach... für das Zimmer, welches meine Mutter zu vermieten sich entschlossen hatte ..." "So ist es, junges Fräulein", sie wurde ganz rot im Gesicht, "ich komme aus Utrecht, um hier einen Verwandten, genaugesagt meinen Bruder zu besuchen, halb geschäftlich, halb privat. In seinem Haus hat es gebrannt ..." "Oh, das ist ja schrecklich!", rief Maria Sibylla, und Johanna sagte "Ich habe es auch gerade erfahren." "Beunruhigen Sie sich nicht, meine Damen, das Feuer konnte schnell gelöscht werden, bevor es größeren Schaden anrichtete. Allerdings ist mein Bruder außerstande, mir Unterkunft zu gewähren ... deshalb habe ich mich ..."

"Nun, es ist so, Herr Marell: das betreffende Zimmer ist leider schon vermietet ... ich meine ... es ist zur Zeit nicht frei." "Aha", machte Marell und schaute an Maria Sibylla vorbei Johanna mit leicht betrübter Miene an, "dann werde ich wohl ..." Johanna rief "Aber wir haben zum Hof hinaus eine Stube, die eigentlich so gut wie nicht bewohnt ist." Ihre Tochter drehte sich jäh zu ihr um. "Du meinst die Wäsche...", Johanna sagte "Wir müssten lediglich etwas Ordnung darin schaffen, es ist sauber und trocken, es gibt ein Fenster und Sie können abschließen."

"Kann ich einen Blick hineinwerfen?" "Und wenn Sie heute Abend wiederkommen? Bis dahin haben wir das Zimmer gewiss hergerichtet, nicht wahr, Sibylla?" "Na ja ... ich ..." Marell erhob sich. "Also gut, dann bis gegen sechs Uhr, wenn es Ihnen recht ist." Er verabschiedete sich sehr galant, und bei seinem Händedruck schaute ihm Maria Sibylla in die Augen und glaubte darin einen schwachen Zug von Wehmut zu erkennen, der irgendwie anziehend wirkte, als wollte man ihm dadurch unwillkürlich etwas Gutes tun. Doch dieser Ausdruck verschwand sofort, als er merkte, wie aufmerksam man ihn ansah.

Johanna hatte übrigens schon etwas mehr von ihm erfahren, zum Beispiel, daß er verwitwet ist - wie sie! Und daß er zwei Kinder hat, einen Sohn namens Frederick und eine Tochter, die Sarah heißt, "die müsste ja ungefähr in deinem Alter sein", sagte Johanna, und Maria Sibylla schüttelte bloß mit dem Kopf und verkniff sich eine Bemerkung.

Der besagte Raum grenzte an die Waschküche, aber durch eine feste Tür getrennt, und es gab noch eine zweite, die seit Jahren verschlossen und von innen mit den Sachen verstellt war, die man beiseite geräumt hatte, um mehr Platz zu haben, zum Beispiel an Waschtagen. Im Sommer und Herbst wurde hier auch das Obst verarbeitet. Es gab sogar einen kleinen Ofen. Der einzige Nachteil war jetzt, daß man nur von der Hofseite hereinkäme, denn Johanna wollte ihrem "Untermieter" nicht zumuten, jedesmal durch die Waschküche zu laufen. Außerdem musste zunächst Ordnung geschaffen werden.

Glücklicherweise standen darinnen ein Bett (ein einfaches aber stabiles Bauernbett, welches in seinen Einzelteilen an die Wand gelehnt war), ein Schrank und ein Tisch. Von der Decke hing ein alter Leuchter. In dem Schrank und in einem kleinen Regal lagen allerhand Sachen, Kochtöfe und Pfannen und Kisten mit Johannas Krimskrams, von dem sie sich niemals trennen würde. Das war alles ein bisschen verstaubt und der Boden musste natürlich ausgefegt werden, bevor ein Gast hereingebeten würde. Es blieb ihnen nicht viel Zeit.

Der Sohn der Nachbarin war von Blödheit befallen, er hatte ein sogenanntes Mondgesicht, er hatte nie eine Schule besucht, er konnte nicht mal richtig sprechen (abgesehen davon, daß ihm sowieso nichts eingefallen wäre, das er hätte sagen können). Aber sein Zustand war harmlos und er war außerordentlich kräftig, dazu auch duldsam wie ein Schaf und sehr hilfsbereit. Er wurde jedesmal angeheuert, wenn es irgendetwas Schweres zu tragen oder zu rücken galt, er war immer da, wenn man ihn brauchte.

Johanna holte ihn herüber, sie sagte, was zu tun sei: den Schrank da hin, den Tisch hierhin, das Bett musste zusammengebaut und die Matratze mit einem Teppichklopfer ordentlich traktiert und in Form gebracht werden. Zu dritt schoben sie die Möbel an ihren Platz, die Sachen schafften sie einstweilen in den Schuppen. Hinter dem Schrank lag jede Menge Mäusekötel.

Da der Junge mit dem Bett überfordert gewesen wäre, wurde er mit der Matratze und dem Klopfer auf den Hof geschickt. Für Maria Sibylla war es eine Leichtigkeit zu erkennen, wie die Teile vom Bett zusammenpassen. Es sah recht hübsch aus, es war sogar stellenweise mit einer Bauernmalerei verziert. Der Junge drosch ohne Unterbrechung auf die Matratze ein. Im Schuppen fanden sie einen Teppich, den überließen sie ihm auch noch.

Irgendwann war Johanna verschwunden. Maria Sibylla und der Junge legten den Teppich aus, dann holten sie die Matratze herein und klemmten sie in den Bettrahmen. "Leg' dich mal hin", sagte sie zu ihm, und er gehorchte, alles war fest zusammengefügt. Zuletzt holte sie aus der Dachkammer die Vase mit dem Blumenstrauß, den sie eigentlich malen wollte, und stellte sie auf den Tisch, der Junge lachte dazu. Sie nahm ihn mit in die Küche und schmierte ihm zwei Brotschnitten mit Erdbeermarmelade, dazu gab sie ihm einen Pott mit Malzkaffee, den sie frühmorgens gekocht hatte. Er machte sich gierig und zufrieden darüber her.

Dann tauchte Johanna wieder auf, sie hatte sich umgezogen, ihre Haarfrisur war kunstvoll arrangiert, sie hatte sich gepudert und mit irgendeinem Duftwässerchen benetzt. Sie sagte "Was meinst du? Wird es ihm so gefallen?" "Das Zimmer?" "Ja natürlich das Zimmer, was denn sonst?" "Mehr können wir jetzt nicht tun", murmelte Maria Sibylla, und Johanna gab ihr einen Kuss über'm Ohr und sagte "Einfach genial, daß du an die Blumen gedacht hast, mein Liebling."

Jakob Marell war mit dem Zimmer einverstanden. Er bewohnte es fast vierzehn Tage, danach reiste er wieder nach Utrecht. Abermals zwei Wochen später kehrte er zurück, diesmal fand er Quartier bei seinem Bruder. Er kam zu Johanna ins Haus und hielt um ihre Hand an und sie willigte ein, die beiden heirateten, und Maria Sibylla bekam von einem Tag auf den andern einen weiteren Bruder und eine Schwester.

Maria Sibyllas Tochter Dorothea konnte sich recht gut an ihren "zweiten" Großvater erinnern. Vor allem hatte sie immer den Anblick im Gedächtnis behalten, wie Jakob Marell in einem niedrigen, aber weit geschwungenen Lehnstuhl saß, lässig zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen (er war sehr schlank), einen Arm auf der Lehne, in der andern Hand eine "Zigarre".

Das war ein fast einen Spann langer Stängel aus gerollten Tabaksblättern, den man an einem Ende anzündete und rauchte. Die Zigarre ersetzte die umständliche Pfeife, sie war viel moderner. Die besten Zigarren kamen aus Westindien, genaugesagt aus Kuba, einer Insel im Atlantik, die Christoph Kolumbus entdeckt hatte, wie Marell ihr erklärte. Sie waren sehr teuer. Sie verbreiteten einen unverwechselbaren, keineswegs verlockenden, aber durchaus entspannenden Duft, und wenn Marell seine Zigarre rauchte, dann tat er dies mit einer Miene und Geste, als habe er sein Lebenswerk gerade vollbracht und vollendet, als bliebe nichts mehr zu tun übrig, als dieses zusammengerollte Bündel Tabak Zug um Zug zu Asche verglühen und dabei den Qualm mit dem Wind verstreichen zu lassen.

Jakob Marell war Maler und Kunsthändler, er hatte in Utrecht eine Werkstatt und eine Bilderhandlung. Er hätte gern mehr Bilder verkauft, als es der Fall war. Damals war der Kunstmarkt in den Vereinigten Niederlanden, besonders natürlich in den Städten, überschwemmt von Bildern aller Genres und in höchster Qualität. In Amsterdam war jedes öffentliche Gebäude, jedes "Pisshäuschen", wie Marell sagte, mit den Gemälden vortrefflicher Meister ausgeschmückt.

Erst recht die reichen und kunstbeflissenen Bürger besaßen in ihren Palästen bedeutende Sammlungen. Jeder wollte das Beste, das Vollkommenste, das Seltenste und Kourioseste haben, der Preis spielte keine Rolle - es ging ums Prestige. Das führte allerdings auch dazu, daß es Legionen von Künstlern gab, die zwar immer noch gut waren, aber nur zweitklassig. Und es gab jede Menge Kunsthändler, die versuchten, jene Künstler und ihre Werke auf dem Markt nach vorn - und auf der Preisliste nach oben zu schieben. Jakob Marell war einer von ihnen.

Er war kein besonders begabter Kaufmann (wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Begabung sprechen sollte). Er hatte ein Faible für Zahlen und gewisse Berechnungen, eher für Zahlenspielereien. Aber er hatte keinen echten Sinn fürs Rechnen. Jeder dreimal pleitegegangene Jude hätte ihn übers Ohr gehauen, und deshalb machte Marell keine Geschäfte mit Juden, was in Städten wie Utrecht, erst recht in Amsterdam oder Antwerpen durchzuhalten schwierig war.

Er war ein Bewunderer der Kunst Rembrandts, es gelang ihm, zwei seiner Gemälde sowie etliche Radierungen von seiner Hand zu erwerben. Er verfolgte auch aufmerksam das persönliche Schicksal dieses Mannes, und als Rembrandt infolge von Fehl Spekulationen und gehäuften unglücklichen Umständen in seiner Existenz bedroht und tief gesunken war, ließ Marell das im Innern nicht kalt, und er kam zu dem Schluss, daß es im Leben manches Künstlers zu dem gütigen Gott, der ihm die Gnade erweist, ein zeitloses Werk zu schaffen, auch stets einen bösen Dämon gibt, der ihn darüber zu Grunde gehen lässt.

Auch Marell hatte Schulden, sie nahmen zu und nahmen ab, und solange sie immer nocheinmal weniger wurden, gab es einen Grund froh zu sein. Er war sehr umtriebig (Dorothea hatte das Bild, wie er im Lehnstuhl sitzt, auch deshalb vor Augen behalten, weil sie ihn ansonsten selten zu Gesicht bekommen hatte). Er war ständig unterwegs, er hatte an allen Ecken und Enden zwischen Amsterdam und Frankfurt, zwischen Basel und Hamburg immer etwas zu erledigen.

Und manchmal tätigte er ein einträgliches Geschäft und hatte einen Batzen Geld und fast gar keine Schulden, dann kam er nach Hause, setzte sich in den Lehnstuhl, zündete sich eine Zigarre an und rauchte in aller Seelenruhe, und zu Dorothea sagte er "Komm' her, meine kleine Seidenraupe, ich habe dir etwas mitgebracht." Und dann schenkte er ihr eine Perlenkette mit Perlen, die so weiß und rein waren, wie wenn milchiges Licht aus ihnen heraus strahlt.

Seine Redeweise hatte immer so einen Unterton von Gleichmut, er verlor niemals ein beleidigendes Wort über jemanden, und selbst wenn - was später leider öfter vorkam - Johanna ihm wegen irgendeines Verlustgeschäfts oder einer scheinbar törichten Investition Vorwürfe machte, dann widersprach er ihr nicht, sondern ging ihr lieber aus den Augen, und wenn sie sich beruhigt hatte, kam er wieder herbei und streichelte ihr die Wange und sagte "Ich werde beim nächsten Mal etwas genauer hinschauen".

In Wahrheit ließ er sich aber in seine Unternehmungen nicht reinreden oder bessergesagt hielt er sich darüber stets bedeckt. Er grübelte wohl unentwegt über all seinen Spekulationen und er hatte auch dauernd unzählige Angebote von Künstlern und von anderen Kunsthändlern, die er prüfen und abwägen musste, aber er war misstrauisch, was die Ratschläge anging, die ihm andere erteilen wollten, selbst wenn sie wirklich ehrlich und gutgemeint waren.

Er schien in seinem klaren und klugen Verstand irgendwo ein kleines Teufelchen sitzen zu haben, das ihm weismachte, er würde niemals zu Reichtum kommen, wenn er dafür nicht ein entsprechendes Risiko einginge! Dieses Teufelchen verleitete ihn zu voreiligen Entscheidungen, zu unüberlegten Schritten und zu zwanghaften Handlungen, die ihm oft genug nur Spott, manchmal aber auch drastische Maßnahmen seitens seiner Gläubiger einbrachten. Und hinterher schob er alles auf seine eigene Unachtsamkeit, eine angeborene Schussligkeit, wie er behauptete, die ihn ein ums andere Mal im entscheidenden Augenblick genau das Falsche tun ließe. Er lag dabei eigentlich beständig mit sich selbst in Fehde.

Er war der neue Hausherr, aber es schien fast so, daß er lieber weiter als Untermieter in dem Zimmer neben der Waschküche gewohnt hätte. Manchmal, wenn er sich ausruhen wollte oder auch wenn er von einer Reise zurückkam, zog er sich dahin zurück und bat Johanna (noch öfter sogar Maria Sibylla unter vier Augen), ihn ungestört zu lassen. Das betraf natürlich die Besucher - in der Hauptsache Leute, die wegen geschäftlicher Angelegenheiten mit ihm sprechen wollten.

Ein paarmal waren es auch seine Gläubiger, die Maria Sibylla erfolgreich abwimmelte, sie konnte es schon an deren Äußerem erkennen, was für welche es waren. Hinterher, wenn sie Marell davon unterrichtete, lachte er und lobte sie dafür. Er sagte auch (mit etwas gedämpfter Stimme), daß Johanna davon nicht unbedingt erfahren müsse. Wenn Johanna aber dennoch davon erfuhr, war sie ein bisschen mürrisch, denn sie wollte immer alle Probleme möglichst umgehend aus der Welt schaffen, das war ihre Art und Einstellung - und die war ja an und für sich nicht zu tadeln.

Johanna hatte Pläne, was das Haus betraf, sie wollte einige Umbauten vornehmen lassen und sie wollte auch an der Einrichtung manches ändern, sie hatte schon einen Abscheu vor einigen "morschen" Möbeln und wollte sie durch neue, schönere ersetzen. Marell hörte sich alles an und sagte mit gleichmütiger Stimme "Du hast recht, ein bisschen Veränderung kann nichts schaden".

Er ließ Maurer und Zimmermannsleute kommen, die nach Johannas Anweisungen zu Werke gingen, er selbst hielt sich zurück und nickte nur dann und wann zustimmend. Er musste auch bald wieder weg. Er nahm Maria Sibylla beiseite und sagte ihr, daß er in der Nussbaum Schatulle im Schrank eine bestimmte Summe Geldes hinterlegt habe, das für alle Umbauarbeiten und für die neuen Möbel bestimmt sei, sie möge sich dessen annehmen und darauf achten, daß die Kosten "in diesem Rahmen bleiben". Maria Sibylla übernahm die Aufgabe ohne Zögern, Marell strich ihr mit seiner sanften Hand übers Haar und sagte "Du bist ein gutes Mädchen."

Sie hatte anfangs befürchtet, ihre Mutter könnte - jetzt mit Zustimmung Marells - sie aus der Dachkammer vertreiben, nach dem Motto: Von nun an weht ein frischer Wind in diesem Haus! Aber da hatte sie sich getäuscht, wahrscheinlich in beiden. Johanna versuchte sogar, die Dachkammer Beschäftigungen ihrer Tochter vor Marell zu verheimlichen. Und dieser - als er dann (eigentlich aus Langeweile) einmal bis nach oben vorgedrungen war, zeigte sich zwar überrascht, aber dann begeistert über ihre "Forschungen" - nun ja, es war das, was man bei Jakob Marell als Begeisterung bezeichnen konnte, immerhin eine ehrliche Aufmerksamkeit.

Mehr noch als ihre naturwissenschaftlichen Studien fanden ihre Zeichnungen seine Beachtung, und in der Art und Weise, wie er die Blätter betrachtete, die sie ihm vorsichtig darbot, empfand Maria Sibylla eine echte Wertschätzung - sie konnte es an seinem Blick erkennen, der jedes Detail mit wahrer Kennerschaft und natürlich auch mit kritischem Urteilsvermögen ergründete.

Zuerst glaubte sie noch, ihm allerlei Kommentare dazu liefern zu müssen, vielleicht um die Schwachstellen (um die sie meistens selber wusste) zu kaschieren oder auch einfach nur, um Marell zu gefallen. Sie plapperte wie ein kleines Mädchen, das ein Missgeschick schönreden wollte. Doch er schien ihr gar nicht zuzuhören, dann unterbrach er sie und sagte "Ja ja, ich versteh' schon, was du damit erreichen wolltest", nur damit sie mal den Mund hält.

Sie schwieg. Er nahm ein weiteres Blatt zur Hand. Sie dachte, genau das war es, worauf sie beim Zeichnen und Malen so sehr achtete: etwas erreichen wollen, eine Wirkung, einen Effekt, etwas Erstaunliches. Und Marell konnte das auf den ersten Blick erkennen. Aber das bedeutete ja nicht, daß es ihm gefiele oder er es guthieße. Denn eigentlich kam es ihr oft selbst vor wie etwas Angestrengtes, etwas bloß Gewolltes und am Ende nur Aufgesetztes, eben wie eine Effekthascherei, unter der die wahre und tiefempfundene Darstellung zum Erliegen kam.

Und sie traute sich, ihm das zu beichten, auch auf die Gefahr hin, daß er sie womöglich auslachte. Aber das war wohl überhaupt ein großes Glück, daß ein Mann wie Jakob Marell in ihrem Leben aufgetaucht war, der ein Maler war und der um all' die Schwierigkeiten wusste, mit denen ein Künstler zu kämpfen hatte, angefangen vom richtig gewählten Motiv und Format bis hin zu den rein technischen Tücken, etwa bei der Aquarellmalerei.

Er konnte ihr auf Anhieb drei Maler nennen, die ihr als Vorbild gedient hatten und denen sie nachzueifern suchte, um dann doch bloß deren "Manier zu imitieren", wie er sich vorsichtig aber unmissverständlich ausdrückte. Er deutete auf einzelne Stellen, wo das besonders offensichtlich war, und Maria Sibylla konnte nur mit dem Kopf dazu nicken. Er sagte, als würde er ihrer Betrübnis zuvorkommen "Das ist überhaupt nichts Schlechtes, das machen alle, außer die ganz Großen, die selber kopiert werden. Ansonsten malt einer vom andern ab, glaub' mir, ich habe genug Bilder gesehen, um das beurteilen zu können."

Sie sagte, sie wollte immer etwas Eigenes schaffen, das aus ihrem Innern, aus ihrer Seele heraus zum Vorschein käme und das nur zu ihr, zu dem Menschen Maria Sibylla Merian gehöre. Aber es sollte zugleich auch die Natur widerspiegeln, sollte unmittelbar und ursprünglich sein, eben wie das Erlebnis, das sie hat, wenn sie "Bei den Höfen" durch den Wald und über die Wiesen streift. Manchmal habe sie das Gefühl, dem ziemlich nahe gekommen zu sein - zum Beispiel hier bei diesem Bild mit der Flockenblume und dem Gilbweiderich oder dem hier mit der Gänsedistel und einem Pfauenauge. "Die Raupe gehört übrigens zu einem Kranzspinner", erklärte sie und tippte mit dem Finger drauf.

"Aber wenn ich hier zu Hause bin und anfange zu malen, dann habe ich wieder alle die Bilder vor Augen, die ich mir genau angesehen und mir eingeprägt habe, Bilder von berühmten Meistern, die von aller Welt bewundert werden - von der Wachshausen zum Beispiel, von der meine Mutter so schwärmt. 'Sibylla! Mal' doch mehr solche Blumenbilder wie die Wachshausen' heißt es dann, und ich möchte meiner Mutter gern einen Gefallen tun und dann versuche ich, die Wachshausen zu kopieren und das gelingt mir natürlich nicht, weil es nicht meins ist und weil ich mich damit eigentlich selbst betrüge. Die meisten sehen es vielleicht gar nicht, aber ich weiß es - und dir fällt es sofort auf!"

Sie hatte sich so in Rage geredet, daß sie rote Flecken im Gesicht bekam. "Ich will mir aber auch nicht vorschreiben lassen, was und wie ich zu malen habe!", setzte sie von neuem an. Marell fragte "Wo hast du die Bilder eigentlich gesehen?" "Was?" "Die Gemälde, die du dir angeschaut hast." "Bei dem Kaufmann Habermalz, der hat in seiner Villa am Steglichpark eine Gemäldesammlung, die macht er drei- oder viermal im Jahr dem Publikum zugänglich." "Da hast du auch die Sachen von Soreau und von Flegel gesehen?" "Ja. Hab' auch Skizzen dort gemacht."

"Den Georg Flegel kannte ich persönlich." "Was, ehrlich?" "Von ihm habe ich auch viel gelernt." "Aber du hast ihn nicht imitiert." "Am Anfang vielleicht schon. Ich habe so ähnlich empfunden wie du, ich glaube das ist typisch für einen Künstler, wenn er noch nicht weiß, welchen Weg er einschlagen soll." "Hm", machte Maria Sibylla nach einer Pause, "ich will auf alle Fälle meine Insektenstudien nicht aufgeben. Ich glaube, ich suche nach einer idealen Verbindung zwischen Pflanzen und Insekten ... in meinen Bildern, meine ich."

Johanna war hocherfreut, als Marell sich bereiterklärte, ihre Tochter in der Aquarellmalerei zu unterweisen, sie wollten damit anfangen, sobald er hier in Frankfurt eine eigene kleine Werkstatt - er nannte es "Dependance", also eher eine Niederlassung - eingerichtet habe. (Sein Geschäft in Utrecht blieb weiterhin sein Hauptsitz.) Es war freilich nicht ganz leicht, sich hier zu etablieren, denn auch in Frankfurt war die Konkurrenz auf dem Kunstmarkt groß.

Jakob Marells Bruder war Tuchhändler am Ort (er war eigentlich ein gelernter Schneider). Er handelte unter anderem mit hochwertigen, ja kostbaren Seidenstoffen, auch mit fast antiken Stücken, die aus den Webereien in Italien, vor allem aus Florenz und Venedig, aber auch aus Sizilien stammten. Er handelte auch mit Seidenteppichen aus Persien, und er besaß einen Wandteppich des Mameluken Herrschers Baibars as Shir Ruknaddin, der ihn anlässlich seines Sieges über die Mongolen anfertigen ließ.

Darauf waren Schlachten Szenen mit Kriegern auf Pferden zu sehen, aber auch beinahe idyllische Landschaften mit Felsen, Bäumen und Gewässern und mit außerordentlich friedlich und besinnlich wirkenden Personen und sogar ein Garten mit allen möglichen Tieren, wie sie Gott geschaffen hatte. Alles war mit (ebenfalls gewebten) Inschriften umrahmt, und je nach Lichteinfall schimmerte die Seide in wechselndem farbigem Glanz.

Marells Bruder hatte Beziehungen zu einer Seidenraupen Zucht im Süden Frankreichs, und von ihm vernahm Maria Sibylla, was ihr schon der Imker "Bei den Höfen" gesagt hatte: wie außerordentlich schwierig die Herstellung der Seide ist und nur unter ganz besonderen Bedingungen zu einem brauchbaren Erzeugnis führt. Jedes einzelne Stadium sei eine "Wissenschaft für sich", allein für die Pflege der Eier würden unzählige und für einen Laien scheinbar unverständliche Maßnahmen getroffen, deren Anwendung auf Jahrhunderte alten Erfahrungen beruht und die in ihrer Festlegung strengstens beachtet und befolgt werden müssten.

So spricht man an einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung von der "Erziehung des Seidensamens", wobei die Eier in einem warmen Bad aus Essigwasser zwischen den Fingern von speziell dafür ausgebildeten "Seidenmädchen" massiert werden, um sie zu stimulieren. Die ganze Prozedur der Aufzucht vollzieht sich nach einem exakten Zeitplan und für jede Phase gibt es einen vorgesehenen Ort, an dem die Eier, die Larven, die Raupen und natürlich die Kokons der Puppen, um die sich letztlich alles im wahrsten Sinn des Wortes "dreht", aufbewahrt werden.

Es gibt spezielle Gestelle aus völlig geruchlosem Holz, es gibt genau temperierte und belüftete "Geburtskammern"; das für die Waschungen benötigte Quellwasser muss in besonderen Gefäßen - aber niemals in metallenen! - bereitgestellt werden, alles muss in absoluter Stille und ohne ein Anzeichen von Aufregung oder gar Hektik erfolgen. Die Larven werden mit einer Gänsefeder behutsam auf der Unterlage verteilt, damit sie sich nicht gegenseitig bedrängen, und was die Nahrung betrifft, so gab es - erzählte Marells Bruder - im alten China am kaiserlichen Hof echte Meisterköche, welche die Zubereitung der Maulbeerblätter (der Hauptspeise der Seidenraupen) zu einer wahren Kulthandlung machten und ihre Geheimrezepte nur einem auserwählten Kreis von Gehilfen anvertrauten, denen - so heißt es - die Zunge herausgeschnitten worden wäre, wenn sie etwas davon verrieten.

Maria Sibylla musste einsehen, daß sie mit einer eigenen Seidenraupen Zucht wohl wenig Erfolg hätte oder andernfalls darüber alt und grau werden würde. Sie dachte darüber nach, was Marells Bruder ihr mitgeteilt hatte. Sie fragte sich, warum gerade der Seidenspinner so eine bedeutende Rolle und Stellung einnahm und ob er womöglich selbst von einem höheren Wesen dafür bestimmt worden war. Auch das "Mohrenköpfchen" oder der Graue Segelfalter wurden im Verlauf ihrer Metamorphose zu einer Puppe, deren Kokon aus einer Art Seidenfaden gesponnen war und - wie sie meinte - in seiner Vollendung dem Kokon der Seidenraupe durchaus gleichwertig schien.

Und doch wurden aus ihrem Gespinst kein Zwirn gewonnen und keine Stoffe gewebt. Und alle Scharen von Raupen und Schmetterlingen, die Gott geschaffen hatte, lebten unbehelligt und ohne Aufhebens in den Tag hinein, während um die Seidenraupe und diesen an und für sich nicht besonders prächtigen Falter eine gigantische eigene Welt errichtet wurde, in der tausende und abertausende Menschen damit beschäftigt waren, diese kleinen, weißen Hüllen zu ernten, wofür all' die anderen Flügelwesen keine Verwendung mehr haben und die sie achtlos zurücklassen, wenn sie wie neugeboren daraus hervorgeschlüpft sind.

Maria Sibylla fragte sich auch, ob der Seidenspinner nur die geringste Ahnung von seiner herausragenden Bedeutung habe. Der Gedanke war nicht so kurios, wie es auf den ersten Blick schien. Was Marells Bruder über das ebenso eigenwillige wie in gewisser Weise zielstrebige Verhalten der Raupen bei der Aufzucht sagte, das deutete doch zumindest darauf hin, daß diese Raupen sehr genau auf das reagierten, was um sie her vorging und sie mithin über eine Wahrnehmung verfügten, die ihrerseits etwas in ihnen bewirkte, das Einfluss darauf hatte, was sie als Nächstes tun würden.

Warum musste das Holz für die Unterlage völlig geruchlos sein? Warum durfte während der Pflege kein lautes Wort gesprochen, schon gar nicht laut gelacht oder geflucht werden? Warum musste die Belüftung von einer gleichmäßigen Temperatur sein? All das wäre doch völlig ohne Belang gewesen, wenn diese kleinen Geschöpfe es nicht hätten riechen, hören, fühlen können! Sie sprach mit Marell darüber, und er sagte "Ja, da ist was dran. Ein lautes Lachen würde sie zweifellos erschrecken, und ich weiß auch warum: weil die Seidenraupe ein vollkommen humorloses Wesen ist!" Marell lachte aus vollem Halse, und Maria Sibylla machte auf dem Absatz kehrt und ließ ihn stehen.

An einem sonnigen Sommertag feierte man Johannas Geburtstag. Marell hatte am Main Ufer in einem Gartenlokal eine Tafel für zirka fünfundzwanzig Personen bestellt. Von der Merian'schen Sippe waren allein zehn Leute eingeladen (Johanna meinte, ihnen verpflichtet zu sein); aus Johannas Familie kamen vier oder fünf; außerdem Marell's Bruder mit vielköpfiger Familie, etliche Kinder und ein paar langjährige, treue Freunde. Marell nutzte die Gelegenheit, um seine beiden Kinder aus erster Ehe mit allen anderen bekanntzumachen: den Sohn Frederick und die Tochter Sarah. Sie strahlte über alle Maßen.

Sarah war tatsächlich nur drei Jahre älter als Maria Sibylla. Sie war blond und hatte himmelblaue Augen und einen Mund mit vollen, kirschroten Lippen. Sie trug ein Kleid, das ihre makellose Figur betonte und sie bewegte sich wie eine Zirkus Akrobatin, sie zog dauernd die Blicke auf sich, selbst die Kinder wollten sich nur mit ihr unterhalten. Sie tat schüchtern, und das steigerte noch ihre Ausstrahlung. Wenn sie etwas gefragt wurde, antwortete sie lächelnd und mit knappen, wohlklingenden Worten. Es schien, als sei der Schöpfer sehr freigebig mit allen natürlichen Reizen gewesen, als er sie geschaffen hatte.

Marell hatte ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk für seine Gemahlin. Es steckte in einem Kuvert aus festem Pergament, das mit einem karminroten Brokat Stoff überzogen war. Sarah Marell spielte die Fortuna, sie überreichte das Kuvert im Auftrag ihres Vaters an seine liebe Frau. Jeder in der Runde, vor allem die Männer, hätten sich gewünscht, von ihr damit beglückt zu werden. Und worum handelte es sich?

Darinnen steckte ein Los der "Allgemeinen Holländischen Luxus Lotterie", einer Art halbstaatlichen Glücksspiel Vereinigung, welche sich vorzugsweise in der Region Amsterdam großer Bekanntheit erfreute. Die Ziehung war bereits erfolgt, der Gewinn bestätigt, es handelte sich um einen großen Spiegel im polierten Rahmen, zu dessen beiden Seiten zwei silberne Leuchter prangten, er brauchte bloß noch abgeholt zu werden.

Zu diesem Zweck hatte Marell eine Reise nach Amsterdam organisiert, für Johanna und für sich - sowie für ihrer beider Töchter. Über die Reise freute sich Johanna bald noch mehr als über den Spiegel. Doch damit nicht genug, Marell überreichte ihr (diesmal selbst) ein Kästchen, in dem Johanna, als sie es aufklappte, eine Halskette aus Gold mit einem wunderschönen blau funkelnden Edelstein fand. Marell legte ihr die Kette um den Hals, und die beiden gaben sich unterm Beifall der Gäste einen innigen Kuss. Maria Sibylla plauderte lange mit ihren "Geschwistern" Sarah und Frederick.

Als dann die Reise bevorstand, erkrankte Maria Sibylla und musste zu Hause das Bett hüten, Caspar Merians Frau Nelly kümmerte sich um sie. An einem trüben Sonntagvormittag kamen beide. Es ginge ihr schon viel besser! Nelly hatte einen Topf Hühnersuppe zur Kräftigung mitgebracht, die sie auf dem Herd heiß machte, Maria Sibylla löffelte sie dann, halbaufrecht im Bett sitzend.

Sie schien über etwas nachgedacht zu haben, sie fragte Caspar, weshalb Matthäus "so eine saure Miene" gemacht habe, als Marell ihrer Mutter dieses Lotterielos geschenkt hat. Caspar druckste erst ein bisschen herum (er war nie jemand gewesen, der über abwesende Personen redete). Nelly sagte, ihr Schwager Matthäus habe von Anfang an "gewisse Vorbehalte" gegen Jakob Marell gehegt, er hätte auch schon mal Zweifel daran geäußert, ob Marell tatsächlich so ganz zufällig bei Johanna im Haus aufgetaucht sei. Caspar wandte ein "Das hat er nicht ernst gemeint", und Nelly sagte "Nein, wahrscheinlich nicht."

Caspar schwieg, dann sagte er "Matthäus ist kein Freund von solchen Sachen." Maria Sibylla fragte "Was für Sachen?" und Nelly sagte "Von diesen Lotteriegeschichten." Caspar sagte "Wenn im Hause Merian eines immer tabu gewesen war, dann war es Glücksspiel. Unser Vater - Gott habe ihn selig - sah darin ein Werk des Teufels. Er wusste, wovon er sprach, denn er hatte einen Bruder, der damit sein Leben und seine Familie ruiniert hat."

Maria Sibylla sagte "Davon habe ich nie gehört." "Nein, darüber hat in unserm Haus auch niemand gesprochen." "Weiß meine Mutter davon." "Ich nehme an, ja." Nelly sagte "Johanna hat die moralischen Ansichten Merians vollends geteilt und uneingeschränkt übernommen, sie hatte den allergrößten Respekt vor ihm - wie er übrigens auch vor ihr, sie haben sich laufend darüber ausgetauscht, wahrscheinlich hat er ihr auch einmal von seinem bedauernswerten Bruder erzählt." Dann fügte sie hinzu "Mag sein, daß Johanna Marells ... Neigung nicht sofort wahrgenommen hat."

"Aber er ist doch kein Spieler!", sagte Maria Sibylla mit Nachdruck. "Nein, das ist er nicht", pflichtete Caspar ihr bei und Nelly senkte die Augen. Maria Sibylla fragte "Hat denn Matthäus schon früher davon gewusst?" Caspar schwieg und wich ihrem Blick aus, Nelly sagte "Marell hat bei ihm solche Lotterielose drucken lassen." Maria Sibylla sagte "Wie? Geht denn das so einfach?" Caspar sagte "Diese Lose sind sehr aufwändig gestaltet, das hast du vielleicht gesehen." "Ja, hab' ich." "Marell hat irgendein Patent dafür", Nelly sagte "Er betreibt selbst eine Lotterie in Amsterdam" und Caspar wandte ein: "Das weißt du nicht genau."

Maria Sibylla sagte "Das hat Matthäus nicht gepasst." Caspar schüttelte den Kopf, Nelly sprach "Jetzt ist deine Suppe kalt geworden, soll ich sie nochmal aufwärmen?" "Nein, sie ist noch warm." Sie schlürfte ein paar Löffel davon, dann meinte sie "Ich mache ihm jedenfalls keinen Vorwurf draus", und Nelly beeilte sich zu sagen "Wir machen ihm auch keinen Vorwurf draus ... dazu haben wir kein Recht. Er ist Johannas Ehemann und dein Vater, er hat euch beide bestimmt lieb." "Auf jeden Fall", ergänzte Caspar, und Maria Sibylla nickte, sie sagte "Ich konnte es mir bloß nicht erklären, wieso Matthäus so seltsam geguckt hat."

Sie reichte Nelly die leere Schüssel. "Jetzt weiß ich's wenigstens. Ich danke euch, daß ihr so offen mit mir geredet habt." Nelly sagte "Hör' mal, das ist doch selbstverständlich, wir sind schließlich eine Familie." Sie umarmte Maria Sibylla, die rief "Puh! Pass auf, ich bin noch nicht ganz gesund."

Als Johanna und Marell von ihrer Reise zurück waren, machte er sich mit Eifer daran, sein Atelier in Frankfurt am Fürsteneck einzurichten, er hatte die Räumlichkeiten von einem Mann übernommen, der zuvor eine Tischlerei dort innehatte. Außer dem grandiosen Spiegel (der seinen gebührenden Platz bei Johanna in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer fand) hatte Marell eine Menge Bilder aus seiner Werkstatt in Utrecht mitgebracht, teils fertige, die zum Verkauf standen, teils eigene, an denen er noch arbeitete. Er malte mit Ölfarben auf Leinwand im mittleren Format, nie über einen Meter Seitenlänge. Maria Sibylla hätte sich gewünscht, er würde sie in der Ölmalerei unterweisen, aber er lenkte all ihren Enthusiasmus auf die Aquarelltechnik.

Er bemerkte einmal nebenbei, sie müsse sich ihre "vernunftmäßige" Sicht auf die Gegenstände ihrer Kunst unbedingt erhalten, und die würden durch die Ölmalerei wahrscheinlich nur ihren besonderen Reiz verlieren. Aber Maria Sibylla vermutete auch, daß er ihr zu viel Enttäuschung ersparen wollte, denn in Wahrheit tat sie sich bei ihren Anläufen, den Ölbildern à la Karoline Wachshausen nachzueifern und sie möglichst zu übertreffen, ziemlich schwer, während ihr die Aquarelle so leicht von der Hand gingen, daß sie immer noch genügend Zeit fand, sich ihrer geliebten Raupenzucht zu widmen.

In Marells Jahresplan drehte sich alles um die "Saison". Wenn er von seinen Aktivitäten und Geschäften redete, sprach er von "vergangener Saison", von "diesjähriger" und von der "nächsten Saison" (welche natürlich in allen Belangen die vorhergehenden übertreffen sollte). Er versuchte unentwegt, den Kunstmarkt zu "analysieren" und frühzeitig herauszufinden, wohin sich der Publikumsgeschmack - und vor allem das Interesse der potentiellen Käufer entwickelt.

In seiner ersten Frankfurter Saison war er hauptsächlich damit beschäftigt, neue Kontakte zu knüpfen, sowohl zu Künstlern als auch zu andern Kunsthändlern. Mit dem Kaufmann Habermalz, von dem Maria Sibylla gesprochen hatte, verhandelte er wegen regelmäßiger Ausstellungen. In seinem eigenen Atelier präsentierte Marell ständig einem ausgewählten Kreis von Liebhabern seine schönsten Neu Erwerbungen.

Maria Sibylla hatte bis dahin die Blumenbilder von Georg Flegel und von "Soreau" gesehen (zu welch letzterem es mehrere Maler gleichen Namens gab und die Provenienz nicht immer ganz klar war; stilistisch waren sie zum Verwechseln ähnlich). Und sie kannte die Bilder von Johannes Goedaert, der auf und neben seinen Blumensträußen immer auch Schmetterlinge, beflügelte Insekten, Käfer oder Schnecken platzierte, welche sie mit besonderer Aufmerksamkeit betrachtete und mit ihren eigenen Studien verglich.

Marell machte ihr deutlich, daß Goedaert aus einer altmeisterlichen Malschule stammte, man sah es an den Übergängen vom Vorder- zum Hintergrund, von den hellen zu den schattigen Partien, man sah es auch an der Beschaffenheit der Blüten und Blätter, die "wie aus Stoff, wie Gewänder mit Mustern und mit Falten wirken". Er zeigte ihr zwei Bilder von Hans van der Ast, auf die das genauso zutraf.

Marell hielt ein Blumenbild eines gewissen Ambrosius Bosschaert dagegen, ein großer Strauß in einer kostbaren Vase aus chinesischem Porzellan. Maria Sibylla war überwältigt von dem ungeheuren Detailreichtum und der Frische der Darstellung, es war, als würde man hautnah miterleben, wie die Blumen das Wasser aus der zarten Vase aufsaugen und bis in die letzte, höchste Spitze ihrer prachtvollen Blüten leiten. Jede einzelne davon - so sagte Marell - würde zu einem "Repräsentanten" ihrer Art werden und selbst untereinander hätten die Rosen, die Lilien oder die Tulpen jeweils eine eigene Persönlichkeit, "wie bei den Menschen verschiedener Herkunft oder Abstammung".

Maria Sibylla erkannte auch, daß bei Bosschaert das Arrangement - die Art und Weise, wie die Blumen in eine Form und Ordnung gebracht wurden - sehr viel ausgefeilter war, als bei den anderen Bildern, und Marell bestätigte ihren Eindruck. "Das ist eine Frage der Komposition", sagte er und verwies darauf, wie geschickt die natürlichen Erscheinungen der Objekte, also der Pflanzen, in Zusammenhang mit ihrer fast schon symbolischen Wirkung gebracht würden.

Er deutete auf zwei füllige Rosen, die tief unten unter ihrer eigenen Schwere die Blütenköpfe hängen ließen und dadurch zugleich den Ausdruck von Schwermut oder von Resignation vermittelten. Auf eine Anemone, die seitwärts versucht, sich aus dem verschlungenen Dickicht heraus ins rechte Licht zu rücken. Und wie diese Schwertlilie sich hoch oben triumphierend emporreckt - ganz offensichtlich "ein Zeichen der Aphrodite". Maria Sibylla errötete, denn wie er das sagte, erkannte sie in der Lilienblüte etwas, das den weiblichen Genitalien verblüffend ähnlich sah. Ob Marell das gemeint hatte?

Sie versuchten gemeinsam, die Kompositionen mit schwungvollen Gesten zu markieren und die scheinbar unverfängliche Gestalt einzelner Teile hinsichtlich ihrer Symbolik zu entschlüsseln. Sie standen oder hockten vor manchen Bildern wie zwei Kinder, die sich auf Abenteuersuche begeben haben, und dabei waren sie ja Vater und Tochter - wenn auch nicht dem Blute nach.

Einmal fand sie Marell schweigend vor einem Gemälde eines Malers namens David de Heem stehen, er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und stützte den Kopf auf die linke Hand. Es war eine "Blumen- und Früchtegirlande", ein schier verwirrendes Sammelsurium von unzähligen Einzelheiten, das Ganze war in den beiden oberen Ecken mit zwei blauen Schleifenbändern an einem leeren Holzrahmen befestigt, der zugleich im Hintergrund zu einer weichen Dunkelheit verschwamm.

Da waren gestreifte Tulpen, vielblättrige Rosen, Kornähren, blaublühende Glocken Blumen, Brombeeren, Heidelbeeren, Esskastanien, die aus der Schale platzten, grüne und rote Trauben zwischen sanft geschwungenen Weinblättern, es gab goldgelbe Pflaumen und zartrosafarbene Aprikosen, an einer Stelle lugte ein Zierkürbis hervor, an einer andern ein Maiskolben mit glänzenden Körnern. Erst nach einer Weile entdeckte Maria Sibylla eine kleine, grüne, borstige Raupe, halbversteckt auf einem Blatt, und dann ein Schnecklein mit einem Haus so winzig wie die kleine Fingerkuppe und mit gebogenen Fühlern, weiß und dünn wie eine Heringsgräte.

Ein andermal brachte er drei Bilder von Rachel Ruysch mit, und dagegen war selbst die Wachshausen nur ein matter Abglanz. Ihr Vater war ein Botanik Professor, und daher hatte sie wohl die genaue Kenntnis all der Pflanzenarten und -formen, die auf ihren Bildern zu bestaunen waren. Maria Sibylla konnte den Blick kaum mehr davon abwenden. Marell nannte sie eine "Meisterin des Lichts", sie hatte ein instinktives Gespür für das Wechselspiel von Hell und Dunkel, als wäre sie die mittlere Schwester der beiden. Überhaupt wurden die Wirkungen des Lichts jetzt viel bewusster und effektvoller eingesetzt als bei früheren Malern.

Vielleicht, so meinte Marell, hatte das auch etwas zu tun mit den Erkenntnissen, welche bedeutende Wissenschaftler in jüngster Zeit an mehreren Orten in Europa bei ihren Untersuchungen des Lichts als eines physikalischen Phänomens gewonnen hatten. Marell sprach von dem Engländer Isaac Newton, der das Licht mittels eines geschliffenen Glaskörpers, eines sogenannten Prismas, in seine Bestandteile zerlegt hatte, wobei sich zeigte, daß "unser weißes Licht exakt aus jenen Farben zusammengesetzt ist, welche bei einem Regenbogen zutage treten. Das Weiß ist sozusagen die Summe und Verbindung aller Farben."

Ein gewisser Christian Huygens hatte eine Theorie entworfen, nach der sich das Licht in Wellen ausbreitete, von seiner Quelle aus, wie die konzentrischen Wellenkreise auf der Wasseroberfläche, wenn man einen Stein hineinwirft - nur eben im ganzen Raum. Und immer wenn diese Lichtwellen auf einen Körper wie auf ein Hindernis stoßen, werden sie an ihm aufgehalten und hinter dem Körper bildet sich ein Schatten und dort, wo das Licht auf den Körper auftrifft, wird es "reflektiert", das heißt, die Lichtstrahlen werden dahin zurückgeworfen, woher sie kamen. Dies beides, der Schatten und die Reflexion konnte man mit den Mitteln der Malerei darstellen.

Doch mehr noch: andere hatten eine Eigenschaft beschrieben, die sie "Absorption" nannten, wonach die Objekte, also zum Beispiel eine Blumenblüte aufgrund ihrer eigenen Buntheit bestimmte "innere" Farben des Lichts, das auf sie leuchtet, "verschluckt" und so einen Teil des Lichts einfach auslöscht. Das klang alles sehr aufregend, aber die Erklärungen waren durchaus plausibel. Es war strenggenommen die physikalische Seite der Natur. Die künstlerische Seite war im Grunde die Suche nach der besten Illusion, um diese Erscheinungen auf der Leinwand sichtbar zu machen.

Marell erzählte ihr, wie er auf einem Trödlermarkt in Amsterdam einen Kasten fand, der die Bezeichnung "Camera obscura" hatte (das behauptete jedenfalls dieser Trödelhändler). Dieser Kasten war innen ganz Schwarz, ein Schwarz, wie man es sich schwärzer kaum vorstellen konnte. Und vorn war eine kleine Öffnung, durch welche das Licht eindringen konnte. Und auf der Rückseite war innen eine Glasscheibe und ein kurzes Rohr, in dem eine Glaslinse steckte, über der ein Tuch wie eine Kapuze als Abdeckung diente. Hielt man nun das Auge ganz dicht an diese Linse und die ganze "Camera" gegen irgendein Objekt, so konnte man ein - allerdings spiegelverkehrtes und auf dem Kopf stehendes - dafür aber unglaublich genaues Abbild dessen sehen, worauf man die Camera gerichtet hatte.

Ob er diesen merkwürdigen Apparat noch hätte, wollte Maria Sibylla wissen, und er holte ihn herbei, und diesen ganzen Nachmittag (bis zum Sonnenuntergang) verbrachten sie damit, durch das Guckloch und die Öffnung auf der andern Seite die Weltgeschichte zu betrachten, und Maria Sibylla musste ein- ums andere Mal darüber lachen, daß sich alles so klar und deutlich, aber doch wie in einer Zwergenwelt vor ihren Augen abspielte.

Einige Zeit nachdem Marell sein Atelier etabliert hatte, tauchten zwei Schüler auf, die fortan bei ihm arbeiteten. Der eine hieß Abraham Mignon und war der bessere von beiden, der andere hieß Andreas Graff und kam aus Nürnberg.

Abraham Mignons Vater war Portugiese - manchmal behauptete er halb im Scherz, sein Vater sei früher ein gefürchteter Seeräuber gewesen (er selbst hatte eine mysteriöse Tätowierung auf dem rechten Oberarm). Er trug den Nachnamen seiner Mutter, die aus Frankreich stammte, er verehrte sie sehr. Von seiner Mutter hatte er das künstlerische Talent geerbt, von seinem Vater das Feuer in seinem Temperament. Es gab kaum etwas, worin er sich zurückgehalten hätte, auch nicht beim Essen und Trinken. Dennoch war er schlank und hochgewachsen, und wenn er am Abend in fröhlicher Runde in einer Kneipe ordentlich gezecht hatte und dann sturzbetrunken in seiner Bude ins Bett gefallen war, so konnte es passieren, daß man ihn am nächsten Morgen bei Marell im Atelier mit Pinsel und Palette in der Hand vor der Staffelei vorfand.

Er hatte ausgeprägte Gesichtszüge, als hätte der Herrgott vorher bei einem Dutzend anderer Männer geübt, bis ihm dieses besonders gelungen schien. Er war sich bewusst, daß er gut aussieht, das verführte ihn oft zur Arroganz. Er war ein ausgezeichneter Maler. Er war besser als Marell, dennoch hatte er sich bei ihm in die Lehre begeben. Er konnte allen gegenüber arrogant sein, wenn er wollte, aber er war es niemals Marell gegenüber. Und der ließ ihm seine Attitüden zunächst durchgehen.

Ein Grund, daß sie sich so gut verstanden, war vielleicht ihre Übereinstimmung in künstlerischen Fragen. Marells "Saison Denken" wurde von Mignon zwar nicht selten hinter seinem Rücken bespöttelt, aber er steuerte einen Großteil der besten Einfälle dazu bei, und er freute sich ehrlich, wenn sie Marells Zustimmung fanden - und noch mehr, wenn sie erfolgreich waren.

Man konnte Mignon uneigennützig nennen. Durch das Vermögen seiner Mutter abgesichert, musste er sich in finanzieller Hinsicht keine Sorgen, nicht einmal Gedanken machen. Er hätte Marell sogar Geld borgen können, wenn es nötig oder gewünscht gewesen wäre, aber Marell war für solche Hilfe zeitlebens zu stolz.

Und Mignon hatte sich irgendwann früher geschworen, seinen Lebensunterhalt mit eigener Kraft und Anstrengung zu verdienen - er sah das als Bestandteil der hervorragenden Eigenschaften, die ihm zum Leben verliehen worden waren, und er wurde nicht müde, dies vor aller Welt herauszustellen - daher seine Arroganz, die in seinen Augen eigentlich so etwas wie Demut war, Demut vor Gott, dem er dies alles zu verdanken hatte.

Uneigennützig war er insofern, als er Marell seine Bilder zu einem weit geringeren Preis überließ, als dieser sie dann verkaufen konnte. An der Spanne verdiente Marell nicht schlecht. Dafür musste Mignon so gut wie kein Lehrgeld bezahlen. (Ihn ganz umsonst auszubilden wäre gegenüber dem andern Schüler nicht fair gewesen, und man muss der Gerechtigkeit halber sagen, daß auch Andreas Graff's Bilder - so sie denn Zuspruch fanden - ebenfalls mit Gewinn veräußert wurden.)

Es gab nur eine Sache, die Marell missfiel. Das waren Mignons sporadische "Anfälle". Dann schlug seine natürliche Maßlosigkeit um in eine fast närrische Ausgelassenheit und er war selbst kaum mehr Herr seiner Emotionen. Er warf sein Malzeug in die Ecke, zog sich ein (selbstentworfenes) Kostüm an, das eine Mischung aus den Kleidern von Michelangelo und Prinz Hamlet hätte sein können, und schob in Marells Atelier alle verfügbaren Sitzmöbel zusammen, um ein sogenanntes "Symposion" zu veranstalten, das mit anderen Worten ein Gelage war.

In der Mitte, auf einem weißen Leinentuch, ließ er allerlei Speisen und Getränke auftischen, dazu Schalen mit Obst und natürlich Wein, viel Wein, darunter immer ein paar Flaschen aus Galafura, einer kleinen Gemeinde im Douro Tal, wo von alters her der Tinta Roriz angebaut wurde. (Er hatte davon stets eine Kiste im Vorrat.) Mignon schickte die Hilfsjungen los, um alle seine Freunde herbeizuholen, und selbst wenn einige davon nicht anzutreffen oder auf die Schnelle nicht abkömmlich waren, so fanden sich doch immer noch genug ein, die sich Mignons Symposion - und natürlich seinen guten Tropfen - nicht entgehen lassen wollten.

Das Ganze war ein heiteres, zwangloses Gespräch über Gott und die Welt, über die Kunst, die Liebe und das Leben. Jeder kam zu Wort und wurde angehört, der etwas zu sagen hatte - einzige Regel: am Ende musste jeder Redner einen Trinkspruch zum Besten geben, damit die Gläser darauf erhoben und geleert werden konnten.

Diese Gelage fanden immer dann statt, wenn Jakob Marell nicht da war. Der wusste natürlich davon, er duldete es mit Knurren. Marell war selbst durchaus ein Freund des Vergnügens und der geselligen Feste. Aber für ihn spielte sich das im Rahmen der Familie ab, es diente dazu, die gemeinschaftlichen Bande zu festigen.

Mignon dagegen liebte es, die Leute, die er zwei Tage zuvor zufällig auf dem Markt kennengelernt hatte und von denen er in irgendeiner Weise beeindruckt zu sein glaubte, in das Atelier einzuladen, und es war auch eigentlich nicht ganz so wichtig, welche Ansichten sie vertraten und ob das, was sie redeten, wirklich einen höheren oder tieferen Sinn hatte - Hauptsache, sie waren von sich überzeugt und hatten genug Ausstrahlung, um in der Runde Aufmerksamkeit zu erregen.

Übrigens ließ sich auch Sarah Marell immer öfter bei den feuchtfröhlichen Unterhaltungen blicken. (Allerdings muss dazu gesagt werden, daß Mignon sie beide, Sarah wie auch Maria Sibylla und natürlich seinen Mitstreiter Andreas Graff ausdrücklich darum gebeten hatte dabeizusein.) Maria Sibylla hielt sich bei den Debatten eher zurück, sie war nie jemand gewesen, die sich gern in den Mittelpunkt rückte und eine große Rednerin schon gar nicht. Auch Andreas Graff äußerte sich am liebsten nur, wenn er dazu aufgefordert wurde.

Sarah Marell dagegen fand hier ihr ideales Publikum. Sie brauchte sich nur zu erheben und sich mit einer scheinbar scheuen, aber doch irgendwie koketten Geste ihre prächtigen blonden Haare zur Seite zu streichen, da gab es schon Beifall, noch bevor sie überhaupt ein Wort gesagt hatte.

Sie sprach ganz zaghaft, sie betonte immer wieder, wie schwer es ihr fiele, etwas "Substantielles" zum Thema beizusteuern, weil sie doch so wenig davon verstünde. (Daß sie das Wort "substantiell" gebrauchte, machte ihre eigene Aussage umso gewichtiger.) Darauf käme es doch auch nicht so sehr an, meinte einer aus der Runde, viel bedeutsamer wäre die Tatsache, daß sie als Frau sich überhaupt getraute, hier aufzutreten und frei ihre Meinung kundzutun.

Ja nun, gab Sarah das Kompliment gewissermaßen zurück, das sei auch nur möglich, weil man sie hier zuallererst nicht als Frau, sondern als Mensch, als "gleichberechtigtes Individuum" ansehe - und dieser "Gedanke der Aufgeschlossenheit und der Toleranz" sei es im Grunde, der sie "angelockt" habe; sie äußerte dies mit einem kurzen Blick auf Abraham Mignon, wie um ihm dafür zu danken. Bei so viel Bescheidenheit gepaart mit gesundem Selbstbewusstsein war ihr die allgemeine Sympathie sicher.

Sie hatte auch einige erbauliche Trinksprüche auf Lager: "Läuft der Wein durch die Kehle / zeigt uns die Seele / von Sorgen befreit / gegen Kummer gefeit / wie eine Blume im Sonnenlicht / ihr schönstes Gesicht." Oder diesen: "Willst du das Leben recht genießen / darfst du nicht die Augen schließen / und im Traum auf die Erfüllung hoffen / denn die Welt steht jenem offen / der mit wachen Blicken / und mit frischem Geist / auf alle Schlechtigkeiten sch---- hinweist!" (Beifall unter Jubel und Gelächter.)

Abraham Mignon jubelte dabei oft am lautesten. Und doch geschah es, daß er an einem der folgenden Tage, als er - wie zufällig - mit Maria Sibylla allein im Atelier war, sich in betont unaufgeregter Weise mit ihr unterhielt. Man konnte spüren, daß er sie, vielleicht nur aus den Augenwinkeln, aber doch aufmerksam beobachtet hatte und ihm dieses Stille und ein wenig In-sich-Gekehrte, aber auch Kluge und Unbeirrbare an ihr aufgefallen war. Das war genau die Art, welche ihm in seiner Überschwänglichkeit und manchmal auch Derbheit wie ein gegensätzlicher Pol dazu erschien, wie etwas, das zu einem selbst so anders war, daß man sich kurioserweise dazu hingezogen fühlt.

Er schaute sich auch gern ihre Zeichnungen an und äußerte sich lobend darüber, aber er sprach ganz anders als Marell mit ihr. Statt hilfreiche Kritik zu üben und nützliche Hinweise zu geben, fragte er sie aus über ihre Pläne für die Zukunft. Sie aber - da sie schon mit Johanna dergleichen, aus ihrer Sicht fruchtlose, Diskussionen geführt hatte - betonte, ihre Intention bestünde darin, zu einem tieferen Verständnis aller Dinge zu gelangen. Das war eine Einstellung zur Kunst, die ihm einigermaßen rätselhaft war.

Sie sprachen über die Rachel Ruysch, und Mignon sagte, der Grund, warum diese Frau malt, ist wahrscheinlich: um ihre Bilder zu verkaufen und davon leben zu können. Er bezweifle, ob sie sich bei ihrer Arbeit solche Gedanken mache, wie sie, Maria Sibylla, oder Marell aus ihren Bilder herauszulesen glauben (sie hatte Mignon von ihren Deutungen erzählt). Maria Sibylla widersprach vehement. Wenn dem so wäre, warum würde sie sich dann um eine so vollendete Darstellung bemühen, die offenbar weit über das hinausgeht, was das Publikum von ihr erwartet!

Sie sagte zu ihm "Herr Mignon, Ihrem Urteil zufolge glauben Sie, diese Frau würde ihre Bilder aus Berechnung - ja aus einem Merkantilismus heraus fabrizieren, der sie bis an die Spitze der Maler von Rang und Namen befördert hat. Ich aber bin der festen Überzeugung, daß Rachel Ruysch mit ihren Motiven - und selbst mit solchen, die wir vielleicht als Wiederholungen ansehen - beständig auf der Suche ist nach einem wahrhaftigen Ausdruck, nach einem Punkt, an dem nicht nur die Objekte ihrer Bilder, sondern auch sie selbst als diejenige, die sie gemalt hat, sich jene Größe und Würde erringen, die so dauerhaft und unanfechtbar sind wie die Natur, welche Gott geschaffen hat."

Mignon konnte darauf nichts erwidern und sie sah, daß er in diesem Moment ein wenig überfordert war, ihre Worte zu begreifen. Abends, als sie allein war, dachte sie darüber nach. Womöglich hatte sie Mignon damit verschreckt (was keineswegs ihre Absicht war). Aber die Bemerkung über "Größe und Würde" waren wie von selbst aus ihr herausgeschossen.

Freilich, auch Sarah hatte von Individualismus und von Selbstbestimmung gesprochen, aber das war etwas anderes, meinte Maria Sibylla. Sarah's Ansichten und ihr ganzes Auftreten waren zwar bewundernswert und jedenfalls außergewöhnlich, aber wenn man es genau betrachtete, erfüllte sie doch die Erwartungen, welche sie in jedermann, der sie sah, auf Anhieb erregte. Und dazu gehörte auch Abraham Mignon zweifellos. Sarah brauchte Männer wie ihn, um sich selbst - wenn nicht frei, so doch sicher zu fühlen, dachte Maria Sibylla.

Und sie selbst? Hatte das Gerede von Größe und Würde nicht vielleicht doch den Zweck gehabt, Mignon zu zeigen, daß sie anders ist als Sarah Marell und das er - wobei auch immer - nicht versuchen sollte, sich ihr auf die gleiche Weise zu nähern? Aber gerade das hatte er ja nicht getan, als er mit ihr in einem Ton redete, den sie ihrerseits nicht von ihm gewohnt war. Er hatte sie - und sie hatte sich selbst! - dermaßen verwirrt, daß es ihr noch lange keine Ruhe lassen sollte.

Ein anderes Mal, als Maria Sibylla ganz für sich im Atelier zugange war, kam Sarah herein, sie schien sich zu langweilen, sie schaute ihr über die Schulter und sagte "Ach, so schön würde ich auch gern zeichnen können." Maria Sibylla hatte sie letztens dabei gesehen, wie sie sich mit Zeichenstift und Papier an einem Blumenstrauß probierte, daher erwiderte sie "Aber deine Künste sind doch auch ganz beachtlich." "Oh, danke, liebe Schwester", sagte sie und strich ihr zärtlich übers Haar, zog dann ihre Hand zurück und sagte, "aber das war eigentlich gar nicht ernst gemeint, es war bloß, um ... na ja, Mignon hatte mir den Auftrag gegeben, es abzuzeichnen, und da habe ich ihm den Gefallen getan. - Ich glaube, er war auch ganz zufrieden mit mir."

Maria Sibylla schwieg, während sie weiterarbeitete. Sarah hielt ein paarmal den Kopf schief, als würde sie auf dem Blatt etwas nicht richtig erkennen können, dann entdeckte sie auf einer Staffelei ein angefangenes Stilleben von Mignon, sie rief "Oh, schau' nur! Ist das nicht sensationell!" Sie hatte immer so ein paar Schlagwörter parat: "substantiell" und "sensationell" und "initiativ", von dem nicht einmal sie selbst wusste, was es bedeutet. Aber sie sprach sie mit solcher Inbrunst aus, daß man sich ihrem Urteil unwillkürlich anschließen musste.

Maria Sibylla sagte mit einem Blick auf Mignons Bild "Ja, das wird gut." "Oh, das wird richtig gut! Wo ist er überhaupt?" "Ich weiß nicht, er hatte irgendwas zu erledigen." Sarah fragte "Kanntest du Mignon eigentlich schon vorher?" "Was? Nein. Wie kommst du darauf?" "Nur so." Dann fügte sie hinzu "Weil ihr so vertraut miteinander seid." Maria Sibylla sah zu ihr auf. "Was meinst du damit?" "Na ja, mit dir redet er wie mit sonst niemandem." "Ach, das täuscht", winkte Maria Sibylla ab, und Sarah entgegnete ziemlich schroff "Na, mich nicht."

Maria Sibylla war ein bisschen verunsichert, sie fragte geradeheraus, aber doch wie im Spaß "Woher willst du das wissen? Du hast uns nicht etwa belauscht?" "Ich? So etwas würde ich nie tun. Das habe ich gar nicht nötig." "Nein, das hast du wahrlich nicht nötig", versicherte Maria Sibylla ihr und hatte sie wieder auf ihrer Seite. Sarah kam näher heran und flüsterte "Hat er dir eigentlich schon mal seine Tätowierung gezeigt?" "Wer?" "Wer! Mignon natürlich." "Er hat eine Tätowierung?", Sarah schaute sie an, als wollte sie prüfen, ob die Frage ehrlich war, "Wo?" "Auf seinem Körper", erklärte Sarah wie einer begriffsstutzigen Schülerin, "hier, auf dem rechten Oberarm." "Aha. Was stellt sie dar?" "Einen ... Was weiß ich, ich hab' sie ja auch noch nicht gesehen." Maria Sibylla sagte "Vielleicht einen Drachen." Sarah war scheinbar erstaunt. "Ja, das wäre gut möglich. Einen feuerspeienden Drachen, das würde doch zu ihm passen, meinst du nicht auch?"

Da kam Andreas Graff herein, eine große verschnürte Mappe unterm Arm. Er grüßte sehr freundlich. Sarah fragte ihn "Haben Sie zufällig Herrn Mignon gesehen?" "Nein, ich komme geradewegs vom Postamt, ich habe dieses Paket abgeholt." "Was ist das?" "Es sind die Kartons mit den neuen Farbproben aus Würzburg." Maria Sibylla sprang auf und sagte "Oh, darf ich mal sehen?" "Aber bitte", antwortete Graff, und Sarah sagte "Ich bin gleich wieder da", und verschwand.

Sie trug jedesmal ein neues Kleid, 'sie konnte es doch kaum aus ihrer eigenen Tasche bezahlt haben', dachte Maria Sibylla. Sarah schwieg dazu, aber irgendwann erfuhr Maria Sibylla, daß Marell ihr das Geld dafür "geborgt" hatte. Einmal bekundete Mignon sein Gefallen, er meinte ihr Kleid, aber es war klar, daß er es auf Sarah's ganze Erscheinung bezogen hatte - jedenfalls nahm sie's so auf, sie dankte es ihm mit einem schmachtvollen Blick. Nicht daß Maria Sibylla neidisch geworden wäre. Doch sie ertappte sich dabei, wie sie immer mehr Wert auf ihr Äußeres legte.

Als sie mit Mignon allein war, entschuldigte sich Maria Sibylla für ihre harsche Entgegnung, als es um die Rachel Ruysch ging - womöglich habe er mit seiner Vermutung nicht ganz unrecht, schließlich könne man es der Ruysch nicht verübeln, "wenn ihr der Erfolg ein bisschen zu Kopfe steigt". Mignon tat so, als habe er ihre Unterhaltung schon vergessen, aber jetzt hütete er sich davor, ihr zu widersprechen.

Er hatte (auch mit Marells Geld) ein Bild mit dem Titel "Blumenbukett in einer Steinvase" erworben, es stammte von der Hand eines Malers namens Jan van Huysum. Es stand auf der Staffelei mitten im Atelier, und sie waren alle sprachlos bei seinem Anblick. So etwas hatte bislang keiner gesehen, weder was die Intensität, die Leuchtkraft der Farben betraf, noch die beinahe erdrückende Plastizität der Blüten und Blätter, es war, als wäre alles aus hauchdünnem Metall zurechtgebogen und wie emailliert, es verlockte gleichsam dazu, es zu berühren und mit den Fingern darüber hinwegzustreichen.

Sarah kam hinzu, sie rief "Oh, Herr Mignon, ist das von Ihnen?" "Leider nicht, Sarah. Hier muss ich auch einmal klein beigeben", gestand er lächelnd. Aber Sarah war fast enttäuscht darüber. "Ach, wie schade! Ich hätte Ihnen das glatt zugetraut. Nun bin ich richtig traurig darüber, daß es ein anderer gemalt hat." Und tatsächlich rollten zwei Tränen über ihre Wangen. Er tröstete sie. "So ist das nun mal, liebe Sarah, wir werden immer - früher oder später - von anderen übertroffen." "Na ja", seufzte sie, "damit will ich mich aber nicht abfinden."

Dann - als sie nur zu zweit bei diesem Bild waren - überraschte Andreas Graff Maria Sibylla mit der Feststellung, mit größerem Abstand betrachtet "und wenn man mit den Augen ein wenig blinzelt" könnte man annehmen, dieser Blumenstrauß wäre eine von unzähligen Farbklecksen überhäufte Malpalette! Maria Sibylla war verblüfft über diesen verrückten Vergleich, doch dann probierte sie es aus, und die Blüten und Blätter verloren ihre festen Konturen und die Farben und Formen gingen tatsächlich weich und fließend ineinander über. Maria Sibylla meinte sogar, daß - losgelöst von dem eigentlichen, scharfgestochenen Abbild - alles einen viel sanfteren, gefühlvolleren Eindruck auf sie machte. "Wie sind Sie darauf gekommen?", fragte sie Graff, und er antwortete "Oh, ich hatte heute morgen, als ich hereinkam, meine Brille nicht auf."

Zwei oder drei Tage später kam Sarah und verlangte, Maria Sibylla unter vier Augen zu sprechen. "Was ist denn?", fragte sie. Sarah's Nasenflügel hatten sich aufgebläht und ihre Augenbrauen waren zusammengestaucht, sie fasste Maria Sibylla an den Schultern und sagte "Ist das wahr? Du hast Abraham Mignons Tätowierung doch schon gesehen! Sag' mir, ob das wahr ist!" "Aber nein! Warum denkst du so etwas?" "Weil es tatsächlich ein feuerspeiender Drachen ist!"

Maria Sibylla konnte sich nicht halten und musste vor Lachen losprusten, Sarah sagte (aber schon wie eingeschüchtert) "Was ist daran so lustig, wenn du mich belügst?" "Ich habe dich nicht belogen, ich schwör's dir, ich habe seine Tätowierung niemals gesehen." Sarah wurde immer zittriger, sie sagte mit beinahe gebrochener Stimme "Er hat gestern fast die ganze Zeit nur von dir geredet." "Wer?" "Mignon!" "Wo?" "Ich komme mir so unnütz und dumm vor", sagte sie unter Tränen und senkte den Kopf.

Maria Sibylla versuchte, sie aufzumuntern. "Aber wieso denn! Du hast so viele wertvolle Eigenschaften und ..." "Ach ja? Was denn zum Beispiel?" "Du hast Phantasie und ein weites Herz - und du bist schön und du hast ... Moment mal! Heißt das etwa, er hat sie dir gezeigt?" Sarah achtete nicht darauf, sie schluchzte "Aber ihr ... ihr macht alle was aus euren Eigenschaften! Ich stehe immer bloß daneben und staune und ..." "Er hat sie dir gezeigt?" "Was denn nur?", schnaubte Sarah. "Seine Tätowierung."

Sarah suchte in ihrem Rock vergeblich nach einem Taschentuch, Maria Sibylla drückte ihr eins in die Hand, und Sarah schneuzte sich so heftig wie ein Bierkutscher, dann sagte sie "Ja, na ja, sie befindet sich ja gleich hier, am Oberarm, hier so - da ist doch nichts dabei", und dann fügte sie hinzu "oder findest du das anstößig?" "Nein, gar nicht, da ist doch nichts dabei, und wenn er sie dir zeigen wollte ..." "Ich hab' ihn gefragt." "Ach, du hast ihn zuerst gefragt?" "Ja. Versteh' doch, ich hab' ständig dran denken müssen und da wollte ich Klarheit bekommen." "Und hat er's dir gleich gezeigt?" "Ja, ohne Umschweife. Sie ist wirklich sensationell, er sagt, ein chinesischer Seeräuber hätte sie ihm gemacht, als er im Gefängnis war." "Wer?" "Mignon ... oder vielmehr in einem Lazarett ... auf Malta ... im Mondschein." "Das hat er dir alles erzählt?" "Ja, und noch viel mehr. Ich sage dir, Sibylla, Mignon ist wie ein sehr tiefer Brunnen, aus dem man schöpfen und schöpfen kann, und er wird doch niemals leer." 'Ach so', dachte Maria Sibylla, 'aber behaupten, er hätte nur von ihr geredet!' Sie sagte "Na jedenfalls, das war wirklich nur ein Zufall, daß ich das mit dem Drachen geraten habe." "Ich glaub' dir's", erwiderte Sarah. Sie umarmten und drückten sich innig. Dann meinte Sarah noch "Ich wollte dich auf jeden Fall darüber aufklären." Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen.

Bei dem Paket, welches Andreas Graff vom Postamt geholt hatte, handelte es sich um eine Sendung von einem Würzburger Farbenhändler. Es war eine Mappe mit mehreren starken Kartons etwa im Format 50 mal 60, auf denen einzelne Handflächen große Rechtecke mit der jeweiligen Farbe bestrichen waren. Einer davon zeigte ausschließlich verschiedene weiße Grundierungen. Bei den Ölfarben hatte man ebenfalls die Kästchen grundiert, und die Ölfarbe war selbstverständlich schon getrocknet. Etwa ebensoviele waren leuchtend reine Temperafarben.

Jede Probe war mit der entsprechenden Farbbezeichnung versehen. Da gab es Krapplack und Karminrot, Blauholz und Curcuma Gelb, mehrere Sorten Grün, Umbra, Roten Ocker, Goldocker, natürlich Terra di Siena, einen hellen Zinnober und einen Karton mit Schwarztönen. Andreas Graff kannte sich damit erstaunlich gut aus, er meinte zum Beispiel, bei dem Indisch Gelb dürfte es sich "der blaugrünen Nuance wegen" kaum um ein Original Produkt handeln. Er sagte auch, daß sich die Farbenhersteller und -händler nicht in die Karten schauen ließen und die Zusammensetzung und Zubereitung streng geheimhielten und daß manche Farben selbst in geringen Mengen unerschwinglich wären.

Zwischen Andreas Graff und Abraham Mignon gab es vom Temperament her große Unterschiede. Er war eher ein ruhiger Typ und auch ausgeglichener als Mignon, er wäre niemals darauf bedacht gewesen, wahllos Freunde um sich zu scharen oder sich gar ein Kostüm zu schneidern, um in ihrer Mitte aufzutreten - er hätte wahrscheinlich auch damit rechnen müssen, ausgelacht zu werden. Er war nie neidisch auf Mignon und sein Charisma, nicht einmal darauf, daß er zweifellos der bessere Maler war. Er gönnte allen Leuten ihren Erfolg, aber er äußerte auch kein Bedauern, wenn irgendeiner von den Künstlern, von denen man hörte, gescheitert war.

Er stammte, wie schon erwähnt, aus Nürnberg. Sein Vater war Apotheker, und Andreas Graff hatte irgendwie etwas vom "Apothekertum" an sich, wie Maria Sibylla meinte - und wenn es nur der Umgang mit den Farben, den "Rohstoffen" in Marell's Atelier war, welchen er sehr genau nahm. Deshalb hatte ihn Marell auch damit betraut, und er machte seine Sache ohne Fehl und Tadel. Aber er war auch jemand, der, wenn er sein Arbeitspensum geschafft hatte, alles aus der Hand legte, seine Schürze an den Nagel hängte und Feierabend machte. Wenn Mignon eines seiner "Symposien" veranstaltete, war Andreas dabei, aber mehr aus Höflichkeit, er trank ein Glas Wein oder zwei und probierte vielleicht von dem kalten Braten oder von der Leberpastete, die Mignon aufgetischt hatte. Er hielt auch eine kurze Rede, wenn die Reihe an ihm war und schloss mit einem Trinkspruch, der höchstens aus einem Satz bestand.

Er malte natürlich auch selbst, meist kleinformatige Landschaften oder noch lieber Stadtansichten. Er malte, wenn mit Marells Farbsortiment alles soweit in seiner Ordnung war. Er war jederzeit gern bereit, seinen Rat betreffs der Farben zu geben, und nicht nur Mignon legte großen Wert auf sein Urteil, sondern es kamen auch häufig andere Maler in Marell's Atelier, um mit Graff solche Fragen und Probleme zu erörtern, und er fühlte sich dadurch gar nicht gestört, sondern erfuhr dabei auch jedesmal etwas, das er als Bereicherung seiner Kenntnisse wertete.

Er war ungefähr ein halbes Jahr früher als Mignon in das Atelier ihres Stiefvaters gekommen. Maria Sibylla erinnerte sich noch gut an seine Ankunft. Sie fand ihn ganz allein im Atelier, wo er auf Marell wartete (seltsamerweise war gerade wirklich keiner da). Er saß auf einem Hocker, die Beine übereinandergeschlagen, eine lederne Tasche neben sich auf dem Boden. Er verzehrte eine überreife, saftige, goldgelbe Birne. Er wartete wohl schon eine ganze Weile. Mit der Tasche und seiner Brille sah er aus wie ein junger Medicus.

Er hatte gerade abgebissen und der Birnensaft tropfte herab, als er Maria Sibylla gewahrte, er fuhr hoch und wischte sich mit einem Tuch, das er flink aus der Hosentasche zog, über sein glattrasiertes Kinn. "Mademoiselle ...?", sagte er überrascht, und sie entgegnete ebenso: "Ist etwas passiert?" "Wie bitte?", fragte er, und von der Birne lief es über seine Hand. "Sind Sie der Doktor?" "Ich? Mitnichten. Ich heiße Andreas Graff, ich bin der neue Schüler von Herrn Jakob Marell, ich sollte mich um dreizehn Uhr hier einfinden."

Maria Sibylla schlug sich erleichtert - und auch wie um das kleine Missverständnis aufzulösen - mit der Hand gegen ihr Décolleté. "Ach, verzeihen Sie, ich dachte, Sie wären zu Hilfe gerufen worden." Graff lächelte höflich und sagte "Das schmeichelt mir, wenn Sie mich für einen Doktor hielten, allein, ich befürchte, ich könnte nicht einmal hinschauen, wenn irgendwo Blut fließt." Sie lachte und meinte "Es gibt ja auch eine Menge Krankheiten und Gebrechen, wo das nicht der Fall ist." "Zweifellos. Mit wem habe ich die Ehre?"

"Oh, mein Versäumnis! Ich bin Maria Sibylla Merian." Er war sehr überrascht. "Des seligen Matthäus Merians Tochter?" "Ja, warum schauen Sie so?" "Ich wusste gar nicht ... dann sind Sie Herrn Marells Stieftochter?" "Ja." "Oh, ich wusste gar nicht ..." "Soll ich Ihnen eine Serviette geben?" Er schaute sie nur an. "Bitte?" "Ihre Birne verliert den ganzen Saft." "Ach so, ja, nein, nicht nötig." Er holte abermals sein Taschentuch hervor und legte die halbe Birne hinein.

Dann besann er sich, er fragte "Mögen Sie Birnen?" Sie musste wieder unwillkürlich lachen. "Eigentlich schon, ja, wenn Sie mich so direkt fragen, sogar lieber als Äpfel." "Kann ich verstehen", sagte er und kramte aus seiner Tasche drei Birnen hervor, die alle verschieden aussahen. "Das hier ist eine Bürgermeisterbirne, so nennen sie sie jedenfalls in Hamburg. Sie hat einen ganz eigentümlichen Geschmack - beinahe unbeschreiblich. Dies ist eine Nordhäuser Winterforelle." Maria Sibylla sagte "Was? Ich dachte, eine Forelle ist ein Fisch und keine Frucht." "Tja, keine Ahnung, wie die zu ihrem Namen gekommen ist, vielleicht wegen der Punkte auf ihrer Schale. Das hier ist eine Olivier de Serres." "Sieht fast aus wie ein Apfel." "Ja. War vielleicht auch mal einer", murmelte er und sagte dann "davon gibt es mit die edelsten Wintertafelbirnen." "Aha. Was hatten Sie gerade gegessen?" "Eine Williams Christ, die kommt aus England." "Die kenn' ich, ich meine, die gibt es hier auch." "Ja." Da kam Jakob Marell ins Atelier, und Graff ließ sein Obst in der Tasche verschwinden. Die beiden begrüßten sich, und Maria Sibylla bedauerte es ein wenig, daß ihre Unterhaltung so jäh abgebrochen wurde.

Allmählich bemerkte sie, daß Andreas Graff mit seinen Farben genauso ein Experte war wie damals bei ihrer ersten Begegnung mit den Birnensorten. Er war der Natur sehr verbunden, jedenfalls einigen bestimmten Bereichen davon. Auch darin unterschied er sich deutlich von Abraham Mignon, der die Natur als etwas dem Menschen oder zumindest der Zivilisation feindlich Gegenüberstehendes betrachtete.

Mignon war ein ausgeprägter (und überzeugter) Stadtmensch, deshalb hatte er sich auch Frankfurt, das immer schon eine Metropole war, ausgesucht, und das vergleichsweise provinzielle Utrecht verlassen. Er wäre auch nie auf die Idee gekommen, selbst hinauszugehen und die Blumen für seine Stilleben zu pflücken, er hätte sich womöglich seine Schuhe beschmutzt oder schlimmer noch seine Hände.

Die Graff's hatten in Nürnberg einen Garten mit einer stattlichen Anzahl von Birnbäumen, er gehörte Andreas' Onkel Melchior Graff, der ursprünglich Landwirt gewesen war. Bei einem Hochwasser waren große Flächen seines Ackers überschwemmt worden, da tummelten sich auch etliche Fische, die hineingetrieben worden waren. Das brachte ihn auf die Idee, einen Teich zur Fischaufzucht anzulegen. Daraus wurden dann drei Teiche mit künstlichem Zufluss, in denen er hauptsächlich Karpfen züchtete, seine Silvester Karpfen waren in der Region eine gefragte Spezialität.

Bei allem, was Maria Sibylla von Andreas selbst über seine Herkunft erfuhr, konnte sie "zwischen den Zeilen" heraushören, daß er zu seinem Apotheker Vater kein besonders gutes Verhältnis hatte und er sich daher schon als Kind und Knabe mehr zu seinem Onkel hingezogen fühlte und bei ihm und in dem Garten die meiste Zeit verbrachte. Auch seine Entscheidung, sich nach Frankfurt in eine Maler Lehre zu begeben, resultierte wohl zum Teil aus einer Trotzhaltung gegenüber dem Vater. Aber da wollte Maria Sibylla aus Respekt nicht weiter nachhaken.

Ihr gefiel Graff's Interesse und seine Verbundenheit mit diesen natürlichen Dingen, sie hätte gern mehr darüber von ihm erfahren, aber er war - jedenfalls in der ersten Zeit - nicht besonders gesprächig, und Sarah Marell meinte einmal sogar (natürlich bei Abwesenheit) er sei so charmant wie ein Holzklotz. Und dann kam Abraham Mignon und nahm alle für sich ein. Auch Maria Sibylla ertappte sich immer wieder dabei, wie sie die beiden miteinander verglich und sie musste sich eingestehen, daß es Mignon war, mit dem sie in manchen unauffälligen Momenten seltsame Blicke wechselte.

Die Maler hatten gemeinsam entschieden, welche Farben bei dem Würzburger Händler bestellt werden sollten, und Andreas Graff wurde beauftragt, die Order, welche postalisch übermittelt worden war, dort abzuholen (damit ersparte sich Marell immerhin die Transportkosten). Maria Sibylla wusste selbst nicht genau, was sie auf den letzten Drücker dazu trieb, Jakob Marell um Erlaubnis zu bitten, Graff nach Würzburg begleiten zu dürfen.

Er hatte nichts dagegen einzuwenden, er sprach mit Graff unter vier Augen, und der schien zwar wenig davon begeistert, ging aber schließlich doch darauf ein. Maria Sibylla vergewisserte sich dann aber dennoch - ob es ihm denn überhaupt recht wäre, wenn sie mitkommt. Tja, ja, das sei ja nun so entschieden. Er habe, so räumte er halb entschuldigend ein, bisher keine "Damengesellschaft" gehabt und er sei ohnehin kein besonders guter Unterhalter.

"Ach, nun stellen Sie mal Ihr Licht nicht untern Scheffel, Andreas!", erwiderte Maria Sibylla gutgelaunt, "Ich bin nicht so anspruchsvoll, wie Sie vielleicht befürchten. Und notfalls halten Sie mir einen Vortrag über Birnenkunde!" Graff lachte und schob seine Brille zurecht, dann sagte er "Sie könnten mir ja auch etwas über Ihren seligen Herrn Vater Matthäus Merian erzählen", und sie kam seiner Bitte gern nach.

So vertrieben sie sich die Zeit der Fahrt in der Kutsche damit, daß Maria Sibylla Andreas von den berühmten Stadtplänen ihres Vaters berichtete (den von Frankfurt hatte er übrigens selber schon betrachtet) und von dem Baseler Totentanz, der gewissermaßen als sein Vermächtnis an die Nachwelt angesehen werden könnte. Sie sprach auch von dem seltsamen Traum, den Merian ein paar Tage vor seinem Ableben gehabt hatte, von dem "blinden Margaretli", und Graff war darüber sichtlich gerührt. "Nein, so was!", sagte er und merkte an, daß man gemeinhin der Annahme sei, im Zeitpunkt des nahenden Todes würden einem die "ältesten" Erinnerungen ins Gedächtnis gerufen werden.

Daraufhin kam Maria Sibylla auf die Idee, sie sollten mal jeder überlegen, welche Erinnerung das in ihren Fällen wären und sie gab eine Bedenkzeit von zwei Minuten. "Haben Sie eine Uhr?" "Selbstverständlich", sagte er. "Dann schauen Sie mal mit einem Auge drauf und geben mir ein Zeichen, wenn die Zeit um ist. Einverstanden?" Er sagte "Von mir aus kann's losgehen." Während sie überlegten, blickten beide in die andere Richtung aus dem Wagen.

Als die Zeit um war, sagte Maria Sibylla "Ich habe ... ach, bin ich als erste dran?", er ließ ihr den Vortritt und sie fuhr fort "Ich habe Niklas Schütte mal einen von meinen Milchzähnen für zehn Heller vermacht." Graff sagte verwundert "Wie bitte?" "Niklas Schütte war mein erster Freund, er wollte unbedingt was von mir haben, also von mir selbst, was ganz Persönliches. Ich hatte aber keine Lust, mir eine Locke von meinem Haar abzuschneiden und da habe ich ihm einen Milchzahn von mir gegeben, den hatte ich aufgehoben - ich hab' schon immer alles gesammelt." Andreas lachte und sagte "Aber nicht verschenkt." Sie stellte zufrieden fest "Das war er ihm wert. Von dem Geld habe ich mir dann auf dem Markt Süßigkeiten gekauft."

Andreas sagte "Ich bin ..." "Oh, warten Sie, ich hab' noch eine! Darf ich?" "Selbstverständlich." "Als Kind ist mir mal eine Maus über's Gesicht gelaufen. Ich lag in meinem Bettchen und dachte an nichts Besonderes, da trippelt sie über mein Gesicht. Ich glaube, ich war nicht mal erschrocken, aber das Gefühl von den kleinen Mäusepfötchen, mit den winzigen Krallen, auf meinem Gesicht, das hat sich mir eingeprägt - ich glaube, das könnte dann ... ich meine, in dem Augenblick, wo man an nichts anderes mehr denkt, wie so ein (sie machte eine rasche Handbewegung) wie so ein Husch! nochmal über einen hinwegstreichen."

Graff sagte "Ja, solche Empfindungen sind manchmal sehr nachhaltig. Ich bin ..." "Oh, warten Sie, ich hab' noch eine!" "Nur zu! Ihre Erinnerungen sind offenbar unerschöpflich." "Seitdem weiß ich, wo Schnee herkommt: Als Kind war ich mal krank, da ist meine Mama mit mir zu einer heilkundigen Frau gegangen, die hieß Kumikara oder Kulukanda oder so, das war glaub' ich eine Zigeunerin. Jedenfalls hatte ich Fieber und war ganz schön schwach und schläfrig und nur halb bei Sinnen, aber ich sehe das noch vor mir, wie wir da hin gehen, den Weg, die Häuser, die Bäume, alles in so einem fleckigen Dunkelbraun, meine Mama trägt mich fest eingemummelt auf dem Arm und wir betreten endlich die kleine Hütte dieser Frau.

Sie macht irgendwelche Beschwörungen mit mir, und dann muss ich wohl eine Weile geschlummert haben. Und wie wir die Hütte wieder verlassen, da hatte es in der Zwischenzeit reichlich geschneit und alles war mit einer dicken, weichen Schicht Neuschnee bedeckt - aber für mich war es das erste Mal, daß ich überhaupt Schnee sah und es schien mir, als hätte man von allen Dingen die äußere Haut abgelöst und darunter wäre das reine, weiße Innere zum Vorschein gekommen - verstehen Sie, Andreas, ich dachte seitdem, alle Dinge wären innendrin schneeweiß."

Graff sagte "Wirklich eine hübsche Vorstellung." Maria Sibylla sagte wie erleichtert "So, jetzt sind Sie aber dran! Woran erinnern Sie sich?" "Ich bin als kleiner Junge beim Spielen mal in die Pegnitz gefallen." "In die was?" "In die Pegnitz, das ist ein Flüsschen, das auch durch Nürnberg hindurch fließt. Oberhalb der Stadt gab es ein herrliches Areal, wo man sich wunderbar die Zeit vertreiben konnte, mit alten, knorrigen Weiden am Ufer und ..." "Jungs spielen immer gern am Wasser? Stimmt's?" "Ja, bei uns war das jedenfalls so. Und wir sind auf die Weiden geklettert, das war unser Schiff oder unsere Burg - je höher man hinaufkletterte, umso besser konnte man alles im Auge behalten, was drumherum geschieht.

Ich bin an und für sich ein guter Kletterer, aber einmal bin ich abgerutscht und runtergefallen, und diese Weide war weit über's Wasser geneigt, da bin dann reingeplumpst, und unglücklicherweise habe ich einen Krampf im Bein gekriegt und ehe ich mich's versah, trieb ich schon in der Pegnitz - die übrigens dort eine ziemlich kräftige Strömung hat.

Meine Kameraden waren so entsetzt, daß sie gleich davonliefen, aber einer war beherzt genug, um am Ufer Richtung Stadt zu rennen und dort um Hilfe zu rufen." Maria Sibylla sagte "Der hat Ihnen das Leben gerettet!" "Unten gab es ein Wehr, und davor kam das Wasser etwas zur Ruhe, aber auch nur, wenn das Wehr herabgelassen war." "War es herabgelassen?" "Gott sei Dank ja. Man fuhr mit einem Kahn in die Flussmitte, und dadurch, daß ich verzweifelt versucht hatte, mich an allen möglichen Ästen festzuhalten, die übers Ufer ragten, kam ich erst einen Augenblick später unten am Wehr an und sie fischten mich da heraus.

Ich war völlig erschöpft, so erschöpft war ich nie wieder in meinem Leben. Und zwischendurch gab es einen schrecklichen Moment, als ich untertauchte und glaubte zu ertrinken, und diesen Moment werde ich nie vergessen." Maria Sibylla legte ihre Hand auf seine und sagte mitfühlend "Ja, das glaub' ich", und Andreas fügte hinzu "Es war nicht einmal die Todesangst, die mich erfasste, sondern das untröstliche Gefühl, etwas zu verlieren, das man nur hier in diesem Leben besitzen kann." "Das haben Sie sehr schön gesagt. Und wie froh bin ich, daß es gut ausgegangen ist."

Der Aufenthalt bei dem Würzburger Farbenhändler war für Maria Sibylla äußerst ergiebig. Andreas Graff hatte zwar gemeint, daß diese Leute alles andere als redselig sind, wenn es um die Herstellung ihrer Erzeugnisse geht und er mochte damit wohl auch recht haben, aber dieser hier, ein Herr Possmeyer, von der Statur her ein kleines, knöchernes Männchen mit grauem Haar und blauen Äuglein, der in einem hellen Leinenkittel herumlief und beim Sprechen ständig leicht mit dem Kopf wackelte, als würde er schon nicht mehr so ganz fest sitzen - dieser Herr Possmeyer war von seinem Handwerk, von seiner "Materie", selber - und wie es schien, schon seit Lebzeiten - so fasziniert, daß er nichts Besseres kannte, als andere Menschen darüber zu unterrichten und zu belehren. Und gegen ihn war Andreas Graff tatsächlich ein Schüler.

Er teilte übrigens Graff's Ansicht über die Geheimniskrämerei seiner Zunft, hielt sie jedoch für übertrieben. "Die Herstellung echter Malfarben", sagte er, "ist in den meisten Fällen so kompliziert und ungeheuer schwierig, daß die wenigsten damit ihre krummen Geschäfte machen könnten. Und darum ginge es doch, wenn jemand versuchte, irgendwelche Rezepturen oder Verfahren nachzuahmen. Man braucht schon ein gerüttelt Maß an Erfahrung, um überhaupt erkennen zu können, woraus manche Farben zusammengesetzt sind und woher ihre Zutaten stammen. Nein nein, das ist nichts für Krämer und Marktschreier. Zudem würde sich jede Fälschung oder minderwertige Ware schnell herumsprechen und dann kaum einen Abnehmer mehr finden."

Früher, so fuhr er fort, hätten die großen Meister ihre Farben selber hergestellt und gemischt, sie wären die reinsten Alchemisten gewesen, Jan van Eyck beispielsweise, dessen Malmittel noch heute in seiner Mixtur ein Rätsel sei. Possmeyer sagte "Ich habe einmal darüber nachgeforscht, ich hörte von einem Mann in Brügge, der angeblich ein Fläschchen mit van Eyck's Malmittel besaß - aus dessen eigenem Besitz.

Nun, beachten Sie", wandte er sich an Maria Sibylla, "eine solche Probe wäre ein Vermögen wert. Aber mir ging es nicht ums Geld, sondern um das Wissen. Das ist, als würde man die Salben anreiben können, mit denen sich die Königin von Saba geschminkt hat." (Wie er das sagte, musste Maria Sibylla angesichts der nicht eben imponierenden Figur Possmeyers ein Lachen unterdrücken.)

Sie fragte "Haben Sie es bekommen?", und er erwiderte "Das Fläschchen? Nein. Ich hatte kein Vertrauen zu diesem Mann. Wie konnte ich ohne jeden Zweifel glauben, ob es sich tatsächlich um das originale Malmittel van Eyck's handelt?" "Ja", sagte Graff, "aber Sie konnten auch nicht vom Gegenteil restlos überzeugt sein."

Und Possmeyer schüttelte den Kopf (deutlicher als ohnehin). "Das ist das Dilemma, in dem man steckt, wenn man solchen Dingen auf der Spur ist. Es gibt nur wenige Menschen, die nach der Wahrheit suchen; aber es gibt unzählige, die vom Schwindel leben." "Ha!", machte Maria Sibylla, "ich denke, wir gehören zumindest nicht zu den letzteren", und Andreas Graff stimmte ihr zu.

Sie verbrachten mehr als zwei Stunden in Possmeyers Gesellschaft, ihm fiel immer noch etwas ein, das er ihnen zeigen und erklären wollte. Maria Sibylla erfuhr beinahe die ganze Geschichte der "Farbe" Weiß, angefangen von der Gewinnung aus Kreide oder gemahlenem Mamor; von dem Eierschalen Weiß, welches bereits Valentin Boltz von Ruffach in seinem "Illuminier Buch" beschrieben hatte, über das sogenannte Blanc fixe, das aus Schwerspat, also aus "Bariumsulfat" besteht; das Kremerweiß; das Lenzin (eine Sorte Naturgips) - "Hatte ich die Bologneser Kreide schon erwähnt?" "Ja, hatten Sie." - bis hin zum Bleiweiß, "dem Vater aller Weiß Pigmente", das durchweg von allen großen Meistern in den Grundierungen verwendet wurde, "weil es sich durch die Fähigkeit auszeichnet, aus dem Untergrund heraus zu leuchten".

Possmeyer beschrieb ihnen (bessergesagt Maria Sibylla, denn Andreas Graff wusste darüber Bescheid), wie man das Bleiweiß gewinnt, nämlich mittels "Blei-Blech-Platten", die zu diesem Zweck in Kästen gehängt werden, welche mit Pferdemist angefüllt sind, wodurch - in Verbindung mit Luft und beigefügtem Essig - eine chemische Reaktion abläuft, in deren Ergebnis sich auf den Blechen ein schimmelartiger Belag von "höchster Weißheit - wohlgemerkt mit ß geschrieben!" bildet.

Andreas sagte "Dieses Bleiweiß ist übrigens giftig." "Giftig? Wie manche Pilze?", fragte Maria Sibylla erstaunt, und Possmeyer bestätigte "Das ist korrekt. Weshalb man annimmt, daß manche frühere Maler davon krank geworden sind." "Sie meinen, sie haben sich an ihren eigenen Gemälden vergiftet?" Possmeyer sagte "Das ist der Preis, den sie für ihre Kunst bezahlt haben", aber Graff murmelte beinahe lakonisch "Sie hätten sich besser vorsehen sollen, dann wäre ihnen auch nichts passiert."

Als Andreas Graff dann die beiden großen Kisten mit den Farben zum Transport fertigmachte, sagte Maria Sibylla "Wie weit ist es eigentlich bis nach Nürnberg?" "Ungefähr genauso weit wie von Frankfurt hierher, warum fragen Sie?" "Ach, nur so." Eine Stunde später waren sie abfahrbereit, Graff hatte eine extra große Kutsche bestellt. Da sagte Maria Sibylla "Was halten Sie davon, wenn wir für ein oder zwei Tage nach Nürnberg fahren - Sie könnten mir Ihren Garten zeigen und vielleicht auch die Stelle, wo Sie in die Pegnitz gefallen sind?"

Graff war vollkommen perplex, er brachte kein Wort mehr hervor, dann sagte er "Aber das ist völlig unmöglich, Maria Sibylla!" - es war das erste Mal, daß er sie mit Vornamen anredete - "Ich habe mit Ihrem Vater eine Abmachung getroffen, daß ich ... daß wir unverzüglich zurückkehren. Es wäre nicht rechtens von mir, wenn ich jetzt solche Extratouren veranstalte. Außerdem wartet Herr Mignon auf sein Venezianisches Rot."

Aber Maria Sibylla war plötzlich von der Idee so eingenommen, daß sie nicht locker ließ. "Ach, kommen Sie, Andreas! Herr Mignon wird auch noch zwei Tage ohne sein Venezianisches Rot überleben. Ich nehme alles auf meine Kappe! Sie haben nichts zu befürchten. Ha! Ich habe noch eine bessere Idee! Wir schicken die beiden Kisten nach Frankfurt - ich bezahle das auch aus meiner Tasche - und ich schreibe meinem Vater einen kurzen Brief dazu, damit er Bescheid weiß, damit wäre doch alles in Ordnung, oder?"

Graff wand sich, dann sagte er merkwürdigerweise "Aber Sie müssen ihm schreiben, daß dies auf Ihren eigenen Wunsch geschehen ist." "Ja, mach' ich." "Und ich bestehe darauf, die Reisekosten zu übernehmen." "Gut. Wie Sie wollen." Er gab nach. Trotzdem schüttelte er den Kopf und murmelte "Ich weiß nicht, was das soll. Ich bin überhaupt nicht darauf vorbereitet."

Gesagt - getan! Auf dem Weg nach Nürnberg gelang es Maria Sibylla nur ganz allmählich, Graff aus seiner Verstimmung zu lösen. Er sorgte sich ein ums andere Mal, wie "diese Sache" wohl in Marell's Atelier aufgenommen und wahrscheinlich missverstanden werden würde. "Was gibt es da nicht zu verstehen", meinte Maria Sibylla, "wir machen eine kleine Reise - einmal hin und dann wieder heim - ich wollte mir schon immer mal Nürnberg anschauen, erzählen Sie, Andreas, wie ist es dort? Was sollte man unbedingt besichtigen?"

Er fing an, mühsam ein paar Stellen aufzuzählen, die sehenswert wären, sie unterbrach ihn "Und diese Gegend an der Pegnitz, kommt man da leicht hin?" "Na ja, ich kenne einen guten Weg aus der Stadt hinaus, da ist man relativ schnell in der Flussaue." "Wo die alten Weiden stehen?" "Ja." "Können wir da einen Ausflug hin machen? Bitte. Erfüllen Sie mir diesen kleinen Wunsch." "Was werden Sie Ihrem Vater davon berichten?" "Was soll ich ihm denn berichten? Wie es mir gefallen hat." "Hm", machte Andreas, "wenn es denn so war." "Natürlich wird es mir gefallen", versicherte sie und schaute aus dem Wagen über die sommerliche Landschaft, "das hab' ich im Gefühl."

Sie suchten zuerst Andreas' Onkel Melchior auf, er war ein netter Mann mit einem offenen Blick und einem kräftigen Händedruck. Er nahm alles ganz selbstverständlich hin, er schlug vor, daß Maria Sibylla in der Pension übernachtet, die seinem Schwager gehört und wo dessen Frau, seine Schwester, die Wirtin ist. Die beiden Besucher waren damit zufrieden. Maria Sibylla verschwand für eine Stunde in ihrem Quartier und kam dann frohgelaut zurück, sie habe mit Melchior's Schwester alles abgesprochen, sie war wie eine Tante zu ihr.

Andreas zeigte ihr den Obstgarten, er war noch schöner, als sie ihn sich ausgemalt hatte. Zwischen den Bäumen war an einigen Stellen das Gras gemäht worden, an anderen stand es hoch und dicht und man konnte bis zur Hüfte darin eintauchen. Sie streiften ein bisschen umher, Maria Sibylla entdeckte etliche Arten von Schmetterlingen, die sie kannte, sowie zwei neue. Graff sagte, wenn er sich recht entsinne, wäre da im Schuppen immer ein Schmetterlingsnetz gewesen. "Ist das wahr!", rief Sibylla, "Ach, schauen Sie doch mal nach, ich würde so gern ein paar von diesen hier einfangen und mit nach Hause nehmen."

Er fand es tatsächlich, er half ihr dabei, es machte ihnen großen Spaß und sie mussten sehr lachen. Sie fingen ein halbes Dutzend davon und steckten sie in ein Glas, Andreas hielt die Hand auf die Öffnung, er fragte "Betäuben Sie die Schmetterlinge mit Äther?" "Ja", da fiel ihr ein "Ihr Vater hat vielleicht welchen in seiner Apotheke?" "Selbstverständlich", sagte Graff und es klang, als hätten sie beide einen guten Grund gefunden, seinen Vater mit Maria Sibylla bekanntzumachen.

Sie bemerkte dann, wie groß seine Verlegenheit war, als sie sich der Apotheke näherten, sogar seine Stimme wurde ganz brüchig und er musste sich andauernd räuspern. Sein Vater war natürlich sehr überrascht, aber er wahrte die Fassung, er war allerdings ein bisschen verärgert oder bessergesagt beleidigt, daß Andreas sich nicht vorher angekündigt hatte, dann hätte er sich doch darauf einstellen können. Maria Sibylla sagte, das wäre allein ihre Schuld, denn sie habe Andreas kurzerhand dazu überredet. "Tja, wenn das so ist", sagte sein Vater, "dann kann ich euch wohl beiden nicht grollen. Und ehrlich gesagt freue ich mich von ganzem Herzen über diesen unverhofften Besuch."

Das konnte man ihm wirklich ansehen, wahrscheinlich hatte ihm die Trennung von seinem Sohn spürbar zugesetzt, was natürlich noch mehr für seine liebe Mutter galt, der sogar die Tränen über die Wangen liefen. Sie war auch gleich ganz stolz darauf, daß Andreas mit einem so "bezaubernden Fräulein" an seiner Seite gekommen war, und als die beiden Leutchen erfuhren, Maria Sibylla sei die Tochter seines "Lehrmeisters", waren sie in ihrer Zuvorkommenheit nicht mehr zu bremsen. Maria Sibylla beschwor sie, sich bloß keine Umstände zu machen, aber es gefiel ihr doch, so ohne alle Vorbehalte in dieser bis eben fremden Familie aufgenommen zu werden.

Andreas zeigte sich furchtbar störrisch, als Maria Sibylla sein Zimmer sehen wollte, in dem er bis zu seiner Abreise nach Frankfurt gewohnt hatte (seine Mutter flüsterte ihr zu, sie hätten alles so gelassen, obwohl sie keineswegs sicher wären, daß er jemals zurückkehrt). Schließlich ließ er sie doch hinein, und sie war überrascht, wie ordentlich und wie spartanisch eingerichtet alles war, es sah fast aus wie die Stube eines Eremiten - und wie ganz das Gegenteil von ihrer eigenen Dachkammer! 'Wenn Johanna das hier sähe', dachte sie, 'würde sie wahrscheinlich nicht mehr aufhören, es ihr als tugendhaftes Beispiel vorzuhalten.'

Anderntags führte Andreas sie in die Pegnitz Aue. (Er hatte vorgeschlagen, ein Stück mit einem der Fuhrwerke mitzufahren, die zwischen Nürnberg und Pegnitz unterwegs waren, doch sie wollte zu Fuß gehen.) "Aber machen Sie mich nicht dafür verantwortlich, wenn Sie Blasen an den Füßen bekommen", sagte er, und sie entgegnete "Warum haben Sie nur dauernd Angst, ich würde Ihnen die Schuld geben!" Er wurde tatsächlich ganz rot im Gesicht, schluckte aber nur.

Sie kamen an die Stelle, wo er damals ins Wasser gefallen war, aber von welchem Baum genau, das vermochte er nicht mehr zu sagen. Es war herrlich an diesem Ort, es duftete nach Blumen und nach Erde, sogar vom Fluss ging ein belebender Hauch aus. Etwas weiter war eine Schafherde, und selbst da fand Maria Sibylla den strengen Geruch "irgendwie wild und ursprünglich". Andreas hielt sich die Nase zu, und sie musste lachen, der Hund des Schäfers strich neugierig um ihre Beine herum.

"Kommt man auch irgendwo hinüber?", erkundigte sie sich, und Andreas sagte, weiter oben gab es früher eine kleine Fähre, und sie hatten Glück, es gab sie immer noch. Es war nur ein etwas breiterer Kahn, und der Fährmann war blind, aber er hatte ein ausgezeichnetes Gehör und er pendelte seit Jahr und Tag zwischen den Ufern hin- und her. Bei ihm war ein kleines, aufgewecktes Mädchen, das sein Enkelkind war. Sie fragte die beiden, ob sie auf "Hochzeitsreise" wären, und sie deutete dabei auf den Blütenkranz, den sich Maria Sibylla geflochten und aufs Haar gesteckt hatte. Und noch bevor Andreas etwas sagen konnte, erwiderte sie "Nein, aber wenn es mal soweit ist, könntest du ja mein Blumenmädchen sein." "Oh ja!", rief sie, "Opa, darf ich?", und der Fährmann brummte irgendwas. Als sie auf der andern Seite waren, fanden sie ein schattiges Plätzchen, und Andreas hatte in seinem Tornister reichlich Proviant, den sie jetzt in aller Ruhe verzehrten.

Er sagte "Die Pegnitz fließt aus einem kleinen See mit Namen 'Kraimoosweiher'." "Wie?" "Krai-Moos-Weiher. Das Besondere daran ist, daß an seiner Nordseite der Main abgeht." "Tatsächlich?" "Ja, das ist erstaunlich, nicht wahr. Wenn man's recht bedenkt, müsste der Kraimoosweiher ein Wasserhügel sein, damit die beiden Flüsse zu verschiedenen Seiten abfließen."

Maria Sibylla sagte "Das würde ich mir zu gern mal anschauen, kann man da hin wandern?" "Das wäre denn doch etwas weit, glauben Sie mir." Dann fügte er hinzu "Aber was vielleicht noch merkwürdiger ist: daß die Pegnitz einen Bogen untenherum macht, und der Main obenherum, und in der Nähe von Bamberg vereinigen sie sich beide."

Das rührte Maria Sibylla beinahe zu Tränen der Begeisterung. "Wie ein Pärchen! Wie zwei Liebende, die ganz nahe beieinander geboren wurden und dann getrennt werden und erst einen weiten Bogen durchs Leben machen müssen, bevor sie sich wiederfinden! Oh, Andreas, da müssen wir unbedingt mal hin!" Er sagte "Na ja, das könnte man bestimmt organisieren, wenn Sie das wirklich wollen", und sie suchte in seinen Augen nach einer Spur von Emotion. Dann sagte sie "Das war ein sehr schöner Ausflug." "Das freut mich."

Sie schwiegen, dann fragte sie vorsichtig, aber doch mit Erwartung "Meinen Sie immer noch, daß es bloß eine 'Extratour' gewesen ist?" (Dieses Wort lag ihr schwer auf dem Gemüt, seitdem er es ausgesprochen hatte.) Andreas schien betroffen von ihrer Frage, man konnte sehen, wie er sich innerlich aufrichtete und seinen ganzen Mut zusammenraffte, um zu gestehen: "Ich hatte eigentlich gleich gehofft, Sie hätten meine dumme Bemerkung überhört."

Als sie in der Apotheke ankamen, schmerzten Maria Sibylla die Füße. Andreas' Mutter brachte ihr eine Schüssel mit warmem Wasser, und als sie die zwei großen Blasen an ihren Zehen sah, schlug sie die Hände überm Kopf zusammen und rief "Um Himmels willen, Andreas! Wie kannst du dem armen Fräulein nur so etwas antun!"

Maria Sibylla freute sich über die Maßen, als sie in Frankfurt in einer Buchhandlung einen Gedichtband von dem Pegnitzer Blumenorden fand, in welchem verschiedene Autoren, die sich die "Pegnitz Schäfer" (und "Schäferinnen") nannten, gar anmutige Verse über die idyllische Natur und auch über die Liebe versprühten - und zwar in einer Weise, daß man sich unweigerlich an die Orte versetzt fühlte, die da mit viel Enthusiasmus beschrieben wurden.

Und ihr fiel das umso leichter, als ihr - wie auf ein Stichwort - die ganze Szenerie in der Pegnitz Aue wieder unmittelbar vor Augen war, mit den Wiesen und den Weiden am Ufer, über die hinweg ein sanfter Wind streicht, mit den Feldblumen und dem munteren Gezwitscher der Vögel, mit den kleinen Käfern und Ameisen, die emsig über die Erde laufen, und mit dem Hirten, der seine Schafe in traulicher Obhut beisammenhält. Sie fühlte sich dabei wie einer von den Schmetterlingen, die zwischen Licht und Schatten hin und herschwirren, sich hier und da auf einer Blüte niederlassen, um sich auszuruhen und um süßen Nektar zu saugen. Sie schrieb folgende Widmung in das Buch: "Für Andreas Graff in Erinnerung an die schönen Stunden am Ufer der Pegnitz, von Maria Sibylla Merian!"

Jakob Marell berief einen "Familienrat" ein, er sagte, es gebe etwas Wichtiges mitzuteilen. Außer Johanna und Maria Sibylla wurden auch Matthäus Merian (für den dann stellvertretend sein Bruder Caspar und seine Frau Nelly erschienen) sowie natürlich seine Kinder Sarah und Frederick geladen, außerdem - und ausdrücklich - Abraham Mignon und Andreas Graff. Marell verkündete die Verlobung von Sarah Marell und Abraham Mignon. Sarah konnte ihre Erregung nicht verbergen, Maria Sibylla sprang ihr zur Seite. Mignon schüttelte seinem zukünftigen Schwiegervater die Hand, auch er war überglücklich.

Drei Monate später war die Hochzeit. Mignon wandelte sich vom Lebenskünstler zu einem ehrbaren Gatten, die "Symposien" waren Geschichte, sein albernes Kostüm verschwand in der Versenkung; Sarah lobte jeden Tag den Herrn, daß er ihr einen solchen Mann geschenkt hatte. Zwischen Marell und Mignon war ein Vertrag geschlossen worden, der Mignon in die Pflicht nahm, sowohl für seine Ehefrau zu sorgen als auch weiterhin für Marell zu arbeiten. Im Gegenzug brachte Sarah eine nicht unbeträchtliche Mitgift in die Verbindung ein.

Obwohl Andreas Graff früher als Mignon in Marells Atelier und in die Malerlehre eingetreten war, blieb er noch fast ein halbes Jahr länger hier - nachdem Mignon und Sarah bereits nach Utrecht gegangen waren. Das lag auch daran, daß er krank wurde und mehrere Wochen im Hospital des heiligen Franziskus - noch dazu unter Quarantäne - zubringen musste. Jakob Marell versuchte vergebens, ihn besuchen zu dürfen.

Maria Sibylla hielt es nicht länger aus. Sie knüpfte Beziehungen zu einer der Krankenschwestern an, und eines Abends, als die Lage günstig war, verschaffte sie sich mit Hilfe ihrer neuen Freundin Zutritt zu dem Raum, in dem Andreas lag. Der staunte nicht schlecht, als er sie im Gewand der Schwestern erblickte. "Maria Sibylla!", rief er, und sie machte "Pssst! Sprechen Sie leise, Andreas!" Er flüsterte "Tun Sie jetzt hier Dienst?" "Nur in diesem Augenblick und nur für Sie." Er lächelte sie an, dann ließ er sich kraftlos wieder zurückfallen.

Sie fragte "Haben Sie große Schmerzen?" "Es geht." Sie sagte "Ich wünschte, Sie würden morgen gesund entlassen." "Ja, ich auch. Aber da müsste schon ein Wunder geschehen." Sie sagte "Leider kann ich keine Wunder bewirken." "Ich weiß." Dann fiel ihm ein "Sie könnten dennoch etwas für mich tun." "Was immer Sie wollen." "Sie könnten meinem Vater Bescheid geben und ihn bitten, mir ein paar Arzneien zu schicken." Maria Sibylla sagte beinahe bestürzt "Aber natürlich! Warum ist uns das nicht früher eingefallen! Oh, es ist meine Schuld, ich hätte Marell informieren müssen, ich habe nicht dran gedacht!" Sie fasste seine Hand, er sagte "Vorsicht, vielleicht bin ich ansteckend." Sie nahm sie trotzdem nicht weg.

"Was für Arzneien sind das?" Er sagte "Ich habe da auf dem Tischchen einen Zettel liegen, da steht drauf, was ich bräuchte, es sind Medikamente, die sie hier nicht haben, auch nicht ganz billige, aber ich denke, mein Vater wird sie mir spendieren." Er rang sich ein Schmunzeln ab. Sie sagte "Natürlich werden Sie alles bekommen, Andreas! Ich nehme den Zettel mit und kümmere mich sofort darum." "Danke. Das wäre sehr freundlich von Ihnen." Sie schwiegen, er schaute zur Decke, sie sah ihn an, dann fielen ihm die Augenlider zu, und sie dachte daran zu gehen.

Sie zog sachte ihre Hand zurück, da hielt er sie fest, hob den Kopf, blickte in ihre Augen und sagte "Daß Sie gekommen sind, Maria Sibylla, das war das Schönste, was mir widerfahren konnte." Ihr Herz begann schneller zu schlagen, sie musste eine Regung unterdrücken, sie sagte "Ich komme wieder, Andreas, ich verspreche es. Und vorher beschaffe ich Ihnen die Medizin, Sie können sich darauf verlassen. Nun schlafen Sie!" "Ja", hauchte er und ließ den Kopf zurücksinken. Sie schlich sich so leise und unauffällig hinaus wie sie hereingekommen war.

Sie sprach mit Marell, der bestellte sofort einen Kurier, um ihn mit einer Nachricht an Graff's Vater nach Nürnberg zu schicken, er versprach ihm ein Extrageld, wenn er überpünktlich zurück wäre. Graff's Vater händigte ihm anstandslos die besagten Arzneien aus, Marell schaffte sie zum Franziskus Hospital und gab sie dort mit der Bestimmung für Herrn Andreas Graff ab. Er ließ sich das quittieren. In der Aufregung hatte Marell gar nicht gefragt, woher seine Tochter eigentlich den Zettel hatte, aber dann war das ja unwichtig.

Maria Sibylla besuchte ihn noch dreimal, und jedesmal fand sie ihn in besserer Verfassung. Bei einer dieser "Visiten eines verkleideten Engels", wie Andreas es scherzhaft nannte, erklärten sie einander ihre Liebe, und als Andreas Graff aus dem Hospital entlassen wurde, berief Jakob Marell einige Tage später den "Familienrat" ein, um das Ereignis bekanntzugeben. Diesmal war es Johanna, die in einem Meer von Freudentränen sich schier aufzulösen drohte.

Die beiden jungen Eheleute nahmen ihren Wohnsitz in Nürnberg, Andreas mietete (mit Unterstützung des Vaters und Onkels) ein hübsches Häuschen in einer der Seitenstraßen des Marktes. Johanna hatte (mit Unterstützung ihrer Stiefsöhne) den größten Teil von Maria Sibyllas Mitgift gestellt, für das übrige sorgte Marell, der überaus zufrieden damit war, daß seine beiden Töchter so vorteilhaft untergekommen waren. Übers Jahr wurde Maria Sibylla schwanger und gebar ein Mädchen, das den Namen Helena Graff trug. Sie war Dorotheas ältere Schwester.

* * * * *

Nach der Trennung von Andreas Graff war das Büchlein mit den Gedichten des Pegnitzer Blumenordens bei Maria Sibylla verblieben, und als sie mit Dorothea nach Schloss Waltha kam, befand es sich bei ihrer Habe. Dorothea nahm es für sich, ohne daß Maria Sibylla es aufgefallen wäre. Ihr gefielen die Verse genauso wie weiland ihrer Mutter, und mehr noch berührten sie die Beschreibungen der Landschaften, wo sich - nach deren eigenem Bekunden - die Pegnitz Schäfer und Schäferinnen ihren Unterhaltsamkeiten widmeten.

Bei passender Gelegenheit las Dorothea ihrem Freund Jeremie voller Inbrunst eine Passage daraus vor. Jeremie lag ausgestreckt im Gras, hatte die Arme unterm Kopf verschränkt und kaute auf einem Halm, er blinzelte gegen die Sonne; Dorothea saß mit seitwärts gebeugten Knien aufrecht und hielt mit beiden Händen das aufgeschlagene Buch; die Stelle lautete folgendermaßen:

"Es gibt einen Ort am Ufer der Pegnitz, der gütigen Chloris königlichem Wohnsitz. Dorthin sollen sich sogar die Götter zurückziehen, auch Venus und ihr Sohn und der Vater Priapus sowie Pan mit den Satyrn, sogar die Musen, die den Helikon dafür verschmähen. Hierher kommen auch - es gibt Weide, Wasser und Schatten - mit ihrer Herde die Hirten, hier beschreiben sie liebliche Zeitalter, hier pflegen sie singend die langen Tage zuzubringen, ausgestreckt im Gras, auf Ruhebetten aus Kräutern und Blumen. Hier nahm mich die einst aus der Liebe des anschwemmenden Flusses geborene Insel, welche die Linden mit ihren laubreichen Wipfeln beschatten, in ihren grasreichen Schoß und unter ihre gastlichen Dächer auf, während das kunstfertige Gezwitscher der Vögel die Stille mit Gesängen liebkoste und die Nachtigall ihre melodische Stimme erklingen ließ."

"Wie findest du das?", fragte sie ihn, und Jeremie sagte "Wer zum Henker sind nur all' diese Leute, von denen da die Rede ist, ich kenne keinen einzigen davon." "So? Wen kennst du nicht?" "Na gleich am Anfang diese ..." "Die gütige Chloris?" "Ja, genau. Wer ist das eigentlich?" Dorothea sagte schulmeisterlich "Chloris ist die Göttin der Blüte, sie wird auch Flora genannt." "Aha", brummte Jeremie, "und die andern?" "Priapus ist der Gott der Fruchtbarkeit, er ist der Sohn von Dionysos und Aphrodite - na, aber die kennst du doch wohl - die Liebesgöttin!" "Na ja, schon mal was davon gehört." Sie fuhr fort "Pan ist der Gott des Waldes - er ist von äußerst seltsamer Gestalt: der Oberkörper ist wie beim Menschen mit muskulöser Brust und mit ganz normalen Armen und Händen wie bei einem Mann! Doch sein Unterleib ist wie der eines Ziegenbocks mit Ziegenklauen statt Füßen, und auf dem Kopf hat er Hörner. Und die Satyrn sind so eine Art männliche Nymphen."

"So so. Da sind sie ja so ziemlich alle versammelt. Hast du sie denn dort auch gesehen?" "Ich war da nicht. Meine Mama war da." "Hat sie denn die Leutchen dort gesehen?" "Schon möglich. Aber darum geht es doch gar nicht!" "Ach nein?" "Das muss man sich vorstellen können, das ist wie ... Imagination! Hast du denn noch nie irgendein Phantasiewesen darin entdeckt, wenn du einen alten, knorrigen Baum oder einen Felsenstein gesehen hast." Jeremie sagte "Ja. Das geht auch mit Wolken, guck' mal, die da, die sieht aus wie ein Nachttopf."

Dorothea klappte das Buch zu und sagte missmutig "Ach Mensch! Hast du gar keine Gefühle für so etwas!" "Na ja, hätte ich vielleicht schon, wenn mir mal so ein Kerl mit Ziegenfüßen übern Weg gelaufen wäre." "Und was ist mit Aphrodite? Warst du noch nie verliebt?" "Klar, in Sonja Snyders!" "Habt ihr euch geküsst?" "Klar, oft." "Siehst du, da war garantiert Aphrodite mit im Spiel." "Nee, das hätt' ich ganz sicher gemerkt, wenn uns da jemand dabei beobachtet hätte." "Du bist so ein Dummkopf!", sagte sie entrüstet, und er verteidigte sich "Ich bin eben ein Junge, und Jungs lesen keine Gedichte, und wenn sie welche vorgelesen kriegen, dann können sie sich bloß drüber bekringeln, so ist das nun mal."

Dann wollte er ihr wieder ein Stück entgegenkommen und fragte "Woher weißt du eigentlich so gut Bescheid über all die Leutchen?" "Von meinem Onkel Frederick." "Der muss ja ungeheuer belesen sein." "Ja, das ist er in der Tat."

In der Tat, das war er. Frederick, der ältere Bruder von Sarah - von welchem Johanna einmal sagte, er wäre aus der Art geschlagen. Das war nicht abfällig gemeint, mit solchen Sprüchen bezeichnete Johanna immer alles, was sich - in diesem Fall bei einem Menschen - nicht mit ein bisschen Schulweisheit oder mit dem sogenannten gesunden Menschenverstand erfassen ließ.

Wenn es sich um eine Sache handelte, sagte sie "Das ist weder Fisch noch Fleisch", und wäre er nicht ihr Stiefsohn gewesen, den sie natürlich liebhatte wie ihr eigenes Kind, dann wäre ihr das vielleicht auch einmal über die Lippen gekommen, denn manches von dem, was Frederick in seinem Leben getan hatte, war wirklich - zumindest für einen Außenstehenden - weder Fisch noch Fleisch gewesen.

Er hatte in Leyden an der Universität studiert, das war für alle eine große Sache. Schon während des Studiums zeigte er eine ausgeprägte Wechselhaftigkeit bei seinen Interessen. Er stürzte sich mit Feuereifer auf alle Gebiete gleichzeitig (ausgenommen die Medizin, weil die ihn sonst völlig in Anspruch genommen hätte). Er wurde ein Magister der Theologie. Er hatte nicht nur die heiligen Bücher und die Schriften der bedeutendsten Kirchenväter bis hin zu den modernen Männern, einem Luther, einem Calvin, oder auch den Erasmus gelesen, sondern sich ebenfalls die großen Philosophen von Aristoteles bis Descartes und jüngst den Espinoza einverleibt. (An den Erklärungen, die er seiner Nichte Dorothea im Fall der "Pegnitz Gestalten" lieferte, konnte man sehen, daß er auch in der antiken Mythologie bewandert war.)

Dann trat er eine Hofmeisterstelle bei einem Prinzen in Hanau an, aber es kam zu einem Zerwürfnis mit seinem Brotherrn (über den genauen Sachverhalt wurde nicht geredet). Danach geschah mit Frederick zum ersten Mal etwas, das sich in der Folge - bittergesagt: mit schöner Regelmäßigkeit - wiederholen sollte, er fiel in eine tiefe Depression, und genau betrachtet - es war übrigens Sarah, die sich am ehesten in ihn hineinversetzen konnte - muss er schon beim Studium mehrmals kurz vor dem Zusammenbruch gestanden haben, wie das die Briefe zeigten, die er seiner Schwester geschrieben hatte. Jakob Marell war damals der Überzeugung gewesen, daß sich Frederick aus eigener Kraft wieder erholen würde, und dafür sprach einiges - auch die Briefstellen waren im Grunde keine Hilferufe, sondern eher von einer fiebrigen Euphorie genährt, der man jedoch nicht trauen konnte.

Er war einfach mit sich selbst und im eigenen Geiste völlig zerstritten. (Marell, sein Vater, war, wie wir weiter oben einmal beiläufig bemerkt haben, ebenfalls oft mit sich selbst uneins. Doch bei ihm lag der Zwist auf der Seite des Handelns und der Tat. Bei Frederick lag er weit davor im Innern, noch bevor er überhaupt einen nächsten Schritt hätte tun können.) Er fühlte sich wie gelähmt, verharrte auf dem Fleck, sah keine Richtung, nur ein undurchdringliches Wirrwar von einander widerstreitenden Berufungen, sein Leben zu gestalten. Vielleicht rächte sich auch tatsächlich der Dämon der Allwissenheit, den er in seiner Studienzeit zu bezwingen trachtete.

Marell behielt Recht, Frederick rappelte sich wieder auf, erschien sogar frischer, kraftvoller, unternehmungslustiger als vorher. Er schloss sich noch in Hanau einer Glaubensgemeinschaft an, die den Mennoniten nahestand, oder den Böhmischen Brüdern, oder den Wiedertäufern, keiner wusste das genau zu sagen. Er schrieb an Sarah, er habe endlich wieder ein festes Ziel vor Augen und er würde sich im Kreis der Bruderschaft unendlich wohl fühlen.

Bereits ein halbes Jahr später war er bei den Waldensern, die aus einem Tal im Piemont geflohen waren, bloß ein Häuflein von zwei Dutzend Leuten. Aber dann vereinigten sie sich mit einer Gruppe, bei der Frederick früher schon gewesen war, und er wandte sich von ihnen ab. Eine Zeitlang lebte er in Lüttich und verfasste sogenannte "Sonntagsschulbücher" für den Religionsunterricht, er war firm in allen gängigen Glaubensrichtungen, welche damals im Schwange waren.

Und dann tauchte er abermals in Utrecht auf, wo Jakob Marell nach wie vor seine Kunsthandlung innehatte und wo Sarah und Mignon wohnten. Da gab es eine Zeit, als Marells Geschäfte nicht besonders gut liefen. Seltsamerweise hatte er oftmals nicht die nötige Kraft, sich ausreichend darum zu kümmern, und dazu kam, daß er Johanna in Frankfurt nicht allein lassen wollte, überhaupt war ihm Frankfurt ans Herz gewachsen.

Es mochte ein wenig umständlich ausgesehen haben, als sich irgendwann folgende Konstellation ergeben hatte: Mignon war nach Frankfurt gekommen, um seinen Schwiegervater zu unterstützen. Der hatte - es war Johanna, welche die neuerliche Verbindung herstellte - Maria Sibylla gefragt, ob sie für eine bestimmte Zeit nach Utrecht gehen würde und gemeinsam mit Sarah (und einem treuen Gehilfen) die dortige Kunsthandlung übernähme. (Es gab natürlich gewisse Gründe, weshalb Marell nicht Andreas Graff darum bat.) Maria Sibylla war einverstanden, und Dorothea begleitete sie nach Utrecht. Helena wollte bei Vater Graff in Nürnberg bleiben.

Sarah und Maria Sibylla verstanden sich prächtig, und der Gehilfe gehorchte ihnen aufs Wort. Sarah hatte einen Sinn fürs Geschäftliche, und allein durch ihre äußere Erscheinung (sie war immer junggeblieben) war sie bei den Verhandlungen im Vorteil. Maria Sibylla dagegen sorgte für den nötigen Sachverstand, sie hatte den kritischen Blick was die Kunstwerke betraf, sie ließ sich nichts aufschwatzen und nicht behumpsen, und sie hatte eine "gute Nase" für neue Bilder und für den Geschmack des Publikums.

Die beiden teilten sich sogar ein Zimmer in Mignons Haus (Sarah brauchte immer jemanden zum Schwatzen, selbst abends, wenn sie im Bett lag.) Es gab nie Streit zwischen ihnen, und ihre Gespräche drehten sich mitunter um die intimsten Dinge. Sie lachten viel, und sie wechselten sich mit dem Kochen ab. Sie tauschten manchmal ihre Kleider und neue wählten sie ohnehin gemeinsam aus; Einkaufen war sowieso eines der größten Vergnügen.

Für Dorothea war diese "Saison" in Utrecht eine wunderbare Zeit, sie sprang umher wie ein junges Reh, sie war ständig mit etwas Neuem beschäftigt und die Stunden vergingen wie im Fluge, sie vermisste nicht einmal ihren Vater oder ihre Schwester, aber auf Anordnung ihrer Mama schrieb sie ihnen brav ab und zu einen lieben Gruß.

Dann flatterte eines Tages ein Briefchen ins Haus, in dem sich Frederick für einen Besuch anmeldete, er hatte sogar die genaue Uhrzeit angegeben! Die beiden freuten sich sehr (Dorothea kannte ihren Onkel noch nicht.) Als er kam, fiel ihm Sarah unter Tränen um den Hals. Er sah sehr ordentlich aus, mit einem dezenten Herrenanzug und einem roten Seidentuch um den blütenweißen Hemdkragen, seine Schuhe glänzten so wie sein glattes Gesicht. Aber Maria Sibylla hätte ihn fast nicht wiedererkannt.

Sarah schalt ihn, warum er denn erst so ein förmliches Billett schickt, anstatt schnurstracks herzukommen, und Frederick schien dem noch eins draufzusetzen, indem er sagte, er hätte lange mit sich selbst gerungen, ob er überhaupt bei ihnen anklopfen sollte! Damit meinte er wohl Mignon und Sarah, denn von Maria Sibyllas Anwesenheit wusste er offenbar nichts. Sarah nannte ihn daraufhin einen "Indianer" und gab ihm einen Kuss, und weil Maria Sibylla nicht dahinter zurückstehen wollte, gab sie ihm auch einen Kuss, nur Dorothea war etwas schüchtern und reichte ihm zunächst höflich die Hand.

Frederick kam zwei- dreimal in der Woche für ein Stündchen zu den Schwestern. Es gab immer eine Menge zu erzählen, und er freundete sich mit Dorothea an. Sie fragten sich gegenseitig aus, und Dorothea war beeindruckt, was Onkel Frederick alles wusste! Er konnte ihr sogar Genaueres über den Kometen erklären, welcher zur Zeit am Himmel zu sehen war und die Gemüter der Menschen in halb Europa erregte.

Finanziell schien Frederick sein Auskommen zu haben, obwohl man ihn nicht eigentlich etwas arbeiten sah. Maria Sibylla wollte ihn nicht direkt darauf ansprechen, und Sarah meinte, er habe vielleicht in der "Lotterie" gewonnen, welche Bemerkung dazu führte, daß die beiden ein längeres Gespräch über Marell's frühere Neigung zum Glücksspiel hatten. Für Sarah war manches davon ganz neu, und Maria Sibylla hielt sich mit diesbezüglichen kritischen Äußerungen (wie sie von Matthäus Merian dem Sohn stammen konnten) zurück - sie beide hatten ja Marell sehr gern.

Sarah war auch ganz arglos, als sie Frederick (in der gemeinsamen Runde) danach fragte. Er bestätigte tatsächlich ihre Vermutung, er betonte, es sei das erste und einzige Mal gewesen, daß er sich auf so was eingelassen habe, aber er hätte sich in einer äußerst prekären Lage befunden und das Glück sei ihm auf Anhieb hold gewesen, was er nicht anders als dem guten Willen Gottes zuschreiben könne, der ihn wahrscheinlich für seine bisherige Frömmigkeit und seinen tadellosen Lebenswandel habe belohnen wollen.

Übrigens, so fügte er hinzu, sei es gerade so viel gewesen, um sich eine Weile frei von allem äußeren Druck sammeln und zur Besinnung zurückfinden - und sich danach wieder dem tätigen Leben widmen zu können. Er beabsichtige keineswegs, den einmal eingeschlagenen Pfad der Nachfolge Christi aufzugeben, das verspreche er ihnen, und Sarah drückte seine Hand und sagte "Was du auch tust, lieber Bruder, wir werden im Herzen immer bei dir sein, nicht wahr, Sibylla?", und Maria Sibylla nickte.

In diese Zeit fiel auch jener Auftritt eines Quacksalbers auf dem Markt von Utrecht, der mit einem Vergrößerungsglas, das er großspurig das "Auge des Polyphem" nannte, die Leute zum Staunen brachte, um ihnen unter diesem Eindruck seine Wundermedizin zu verkaufen. Maria Sibylla fuhr mit Dorothea nach Amsterdam, wo angeblich solche Vergrößerungsgläser erhältlich waren, und dort trafen sie den Philosophen und "Ex-Juden" Espinoza, der sich seinen Lebensunterhalt mit der Linsenschleiferei verdiente.

Frederick kannte die Schriften des Espinoza und er klärte Maria Sibylla - und auch Dorothea, welche das Gespräch in Espinoza's Kellerwohnung im Nachhinein besser zu verstehen suchte, darüber auf. Seitdem war ihre Mutter von der Idee einer allumfassenden, der Natur und dem Leben immanenten, göttlichen Substanz fasziniert - obwohl weder Espinoza selbst noch irgendein anderer gelehrter Kopf (und auch Frederick nicht) einen wirklichen Beweis dafür erbringen konnten, wie Maria Sibylla später einmal gegenüber ihrer Tochter bemerkte.

Frederick konnte sich sogar denken, was für ein mathematisches Instrument das war, welches bei Espinoza an der Wand hing und das Dorothea aufgefallen war. Er nannte einen deutschen Gelehrten, der Espinoza vermutlich besucht und ihm (wie er ja selbst gesagt hatte) dieses Instrument überlassen hatte. Dieser Deutsche sei - so meinte Frederick - wahrscheinlich einer von den schätzungsweise sieben Männern in ganz Europa, die sich auf eine völlig neue mathematische Methode zur Berechnung sehr komplizierter Aufgaben verstünden. Frederick war, als er Dorothea davon berichtete, gerade vom Zahnarzt gekommen, deshalb war seine Aussprache etwas undeutlich, und sie verstand den Namen dieses berühmten Mannes als "Herr von Leipzig", und er habe sich auch mit der Frage beschäftigt, wie man angesichts so vieler schlimmer Dinge, die in der Welt geschehen, an einen Gott voller Güte und Gnade glauben könnte.

Als Maria Sibylla längst wieder nach Nürnberg zurückgekehrt war, bekam sie von Sarah einen Brief, in welchem sie davon sprach, daß Frederick "verschwunden" sei und nur eine flüchtige Nachricht hinterlassen habe, "aus der man nicht schlau" werde, sie hoffe jedenfalls das Beste für ihn und sei sich sicher, daß er sich irgendwann wieder melden würde, sie glaube, der "Herr" habe ihn lieb wie einen verlorenen Sohn.

Sarah gedachte auch der schönen gemeinsamen Zeit, als Maria Sibylla und Dorothea in Utrecht waren, und es klang ein bisschen wehmütig und wie der Wunsch, es möge sich alles noch einmal wiederholen. (Dorothea erinnerte sich, daß ihre Mutter, als sie ihr diesen Brief vorlas, über eine gewisse Stelle hinwegging oder besser gesagt, den betreffenden Abschnitt schnell übersprang, als sie offenbar merkte, er sei nur für sie allein bestimmt.)

Was Frederick betraf, so war Maria Sibylla besser unterrichtet, denn er hatte ihr auch einen langen Brief geschrieben, in welchem er von einem "Erweckungserlebnis" berichtete, das ihm widerfahren sei, "nicht zufällig" in Amersfoort, einem alten Wallfahrtsort, an dem bereits früher schon Marienerscheinungen "nachweisbar" waren. Er hatte sich dann - den logischen Zusammenhang mit diesem Erlebnis blieb er allerdings schuldig - einer Sekte um einen gewissen Jean de Labadie angeschlossen, welcher ein Befürworter und eifriger Förderer eines "ursprünglichen Christentums" war, selbst begnadeter Führer und leuchtendes Vorbild einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, welche jegliche Bindung an persönlichen Besitz aufgegeben und sich dem Leben im Geiste Jesu Christi verschrieben hatten.

Dieser Jean de Labadie muss eine außergewöhnlich charismatische Gestalt gewesen sein, dennoch hatte er keinen leichten Stand. Die Sekte hatte keine Bleibe, die sie ihr Zuhause hätte nennen können. Das war für eine Glaubensgemeinschaft, die außerhalb bestimmter Konventionen des Zusammenlebens stand, nichts ungewöhnliches, es gab dutzende davon, mit denen es sich ähnlich verhielt. Aber Labadie, als er mit seinen Brüdern und Schwestern umherzog, stieß fast überall auf Widerstand - niemand wollte die Labadisten so recht bei sich dulden. Und das umso weniger, als man sah, daß dieser Mann eine - man konnte es nicht anders nennen - geradezu fanatische Anhänglichkeit bei jungen und häufig außerordentlich hübschen Frauen bewirkte, die seiner Ausstrahlung völlig ergeben und erlegen waren. (Maria Sibylla erfuhr von diesem zweifelhaften Ruf erst viel später.)

Es geschah sogar häufig, daß die Labadisten von den Einheimischen verprügelt und zum Teufel gejagt wurden, was Labadie's Ruf bei seinem Gefolge keineswegs schadete, schließlich hatte auch Christus Schläge erdulden müssen. Unter der Protektion der Elisabeth von der Pfalz fanden sie schließlich im westfälischen Herford ein festes Obdach. Als jedoch der Krieg gegen Frankreich ausbrach, wurden sie auch dort ausgewiesen. Altona, das unter der Herrschaft des dänischen Königs stand, war ihre nächste Station, und einige Zeit später siedelten sie endgültig nach Schloss Waltha in der niederländischen Provinz Friesland über. Dort lebten sie getreu ihrer Überzeugung in völliger Gütergemeinschaft und ohne Streben nach persönlichem Vorteil oder Überlegenheit.

Nach allem zu urteilen, was Frederick über die Labadisten schrieb, hatte er dort die Erfüllung seiner religiösen Wunschträume gefunden - er wollte diese Sekte nie mehr verlassen, er lobte ihre Festigkeit und ihren Seelenfrieden in höchsten Tönen und schönsten Farben, und er sah in dem Leben auf Schloss Waltha ein Modell und eine Art "Urzelle" für die beste Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens für die Zukunft. Aus all' dem sprach die unterschwellige Aufforderung an Maria Sibylla, sich (am besten zusammen mit ihren Töchtern) den Labadisten anzuschließen, denn, so meinte er wörtlich "früher oder später werden wir alle diesen Weg gehen müssen", und da wäre es ratsam, sich beizeiten dafür zu entscheiden.

Maria Sibylla war eher davon abgestoßen, als begierig darauf, die Bekanntschaft der Labadisten zu machen. Aber sie spürte den warmherzigen und aufrichtigen Ton, der ihr aus Fredericks Zeilen entgegenklang, und sie konnte nicht glauben, daß dieser kluge und gute Mensch einem Irrtum aufgesessen wäre oder wider besseres Wissen handelte. Nicht Frederick! Nicht er, der mit allen Varietäten der menschlichen Vernunft so vertraut war.

Und dann stand er eines Tages selbst in Nürnberg vor ihrer Tür, und ausgerechnet Andreas Graff öffnete ihm und ließ ihn ein - und hatte schon vom ersten Augenblick an ein ungutes Gefühl dabei. Sie sprachen miteinander, alle drei, am Tisch in der Stube (die Mädchen waren auf ihrem Zimmer). Maria Sibylla empfing mit ihrem inneren Ohr abermals diesen anrührenden Ton in seiner Stimme, sie hörte gar nicht mehr so sehr auf das, was er sagte, sondern glaubte, er wäre gekommen, um sie (und ihre Töchter) fortzuführen, weg von diesem Ort, der ihr inzwischen unerträglich geworden war.

Da unterbrach Andreas Graff ihn jäh, sprang auf und brüllte seinen Schwager an, was er sich unterstehe, hier einzudringen und Zwietracht zu säen. Er packte Frederick am Kragen, schleifte ihn zur Tür und warf ihn hochkant hinaus, während Maria Sibylla in Tränen ausbrach und die Treppe hinauf lief, um sich in ihrem Zimmer einzuschließen.

Als ihre Ehe mit Andreas Graff endgültig zerrüttet schien, trennte sich Maria Sibylla von ihm und zog mit der nötigsten Habe (und natürlich mit ihrer ganzen Sammlung und ihren Werken) zu ihrer Mutter Johanna nach Frankfurt. Dorothea folgte ihr, während sich Helena dafür entschied, beim Vater zu bleiben. Helena näherte sich damals bereits dem heiratsfähigen Alter und es war abzusehen, daß sie auch bald das Nürnberger Elternhaus verlassen würde.

Jakob Marell war ganz glücklich über die Gesellschaft seiner Enkelin, er hatte wie man so sagt, einen Narren an ihr gefressen, er unterhielt sich lang und breit mit ihr über die angenehmen Dinge des Lebens und auch über jene, welche man meiden sollte, und dabei paffte er im Lehnstuhl sitzend seine Zigarre, und er erzählte ihr auch von jenen fernen Gefilden, die man "West Indien" oder die "Neue Welt" nannte, und von den ausgefallenen "Geniestreichen", welche die Natur dort hervorgebracht habe, wovon der Tabak seiner Zigarre nur einer von vielen sei.

Maria Sibylla war verständlicherweise weniger zufrieden mit ihrer gegenwärtigen Situation. Es grämte sie zutiefst, daß sie zurück zu ihrer Mutter ziehen musste und sich überdies in Frankfurt wenig Aussicht auf eine einigermaßen einträgliche, geschweige denn ihren Vorstellungen und Ansprüchen adäquate Tätigkeit darbot. Caspar Merian und seine Frau Nelly halfen ihr in jeder Hinsicht, ohne davon groß Aufhebens zu machen (recht betrachtet waren die beiden - nach ihren Töchtern - diejenigen, welche ihr zeitlebens am nächsten gestanden haben).

Für Maria Sibylla begann jeder Tag mit der Überlegung, wie sie und Dorothea aus ihrem "Exil" herauskämen - und jeder Tag endete mit einer weiteren Entmutigung. Dorothea erinnerte sich, wie ihre Mama abends im Bett leise weinte, und wie sie selbst im Nachthemd und auf zarten Sohlen zu ihr ging, um sich neben sie zu legen und sie zu trösten. "Es wird alles gut", sagte Dorothea, "du wirst sehen, bald fängt etwas Neues an, ich spüre das!"

Dorotheas Mutter wartete auf ein Zeichen, und das kam auch: ein Brief von Frederick, verbunden mit der Erneuerung des Angebots, nach Schloss Waltha zu kommen. Kein Wort über das, was vorgefallen war, und gerade diese Ungetrübtheit - wie klarer Himmel nach einem Unwetter - zerstreute merkwürdigerweise ihre letzten Zweifel. Er hatte bereits alle Einzelheiten mitgeteilt, die für eine Übersiedlung zu beachten wären. Er hatte ihr auch (als wäre er der Vorsteher der Gemeinde) zugesagt, daß sie auf Schloss Waltha völlig frei und ungebunden leben und arbeiten könnte, wenn sie sich im Gegenzug lediglich an die Grundregeln des gegenseitigen Umgangs hielte.

Zwei Wochen später kamen sie auf Schloss Waltha an, und beim Anblick der Gebäude, die am Rande des Dorfes inmitten eines hübschen und sehr gepflegten Gartens mit Bäumen, Sträuchern und allerlei Gemüsebeeten lagen, fielen sich Mutter und Tochter in die Arme und lachten vor Erleichterung. Für Maria Sibylla bedeutete dieser Moment eine Befreiung, und Dorothea konnte es kaum erwarten, alles zu erkunden.

Jedoch - die Vorfreude hielt nicht lange an. Ob Frederick nun nichts davon wusste oder es verschwiegen hatte, jedenfalls war Jean de Labadie, das Oberhaupt der Waltha Sekte, vor einem halben Jahr verstorben, und eine seiner berühmtesten Gefährtinnen, die geniale Anna Maria van Schurman, über die auch Maria Sibylla nur Lob und Bewunderung seitens ihrer Zeitgenossen vernommen hatte, war ebenfalls nicht mehr am Leben. Frederick selbst war gerade, gemeinsam mit einer Handvoll Glaubensbrüdern, zu einer Art "Missionsreise" in Richtung Osten aufgebrochen.

Maria Sibylla wurde von einer Dame empfangen, die sich als Agnes van Sommelsdyk vorstellte. Sie war im mittleren Alter, von hölzernem Habitus, mit einem deutlichen Zug von Strenge, die sich in manchen Augenblicken zur Nachsicht und Milde wandeln konnte, wenn ihr das angebracht schien. Ob sie denn durch ihren Bruder von ihrer bevorstehenden Ankunft unterrichtet worden sei, fragte Maria Sibylla die Dame. Ja, das sei geschehen, antwortete sie, aber es schien nicht ganz klar, ob sie persönlich mit Frederick gesprochen hatte.

Frau van Sommelsdyk übergab die beiden Ankömmlinge kurzerhand einem Knecht namens Orudin, der krumm wie ein Wurzelstock war und einen Buckel hatte; sie brauchten eine Weile, um ihn zu verstehen. Wo ihr Gepäck wäre, wollte er wissen. "Draußen vor dem Eingang steht unsere Fuhre", sagte Maria Sibylla. Sie müssten damit nach hinten, "rechts bei das gelbe Haus", nuschelte er und humpelte davon, er bewegte sich wie eine Boje auf hoher See.

Orudin empfing sie vor dem gelben Haus, das ein Seitengebäude mit einem lichten ockerfarbenen Verputz war und über dem Erdgeschoss ein weiteres Stockwerk und ein Dach mit roten Ziegeln hatte. Die Fenster waren klein, aber das Glas war spiegelblank, und an der breiten Eingangstür hing ein prächtiger Blumenkranz. Da kam noch ein halbstarker Junge dazu, und zu zweit schafften sie der Beiden Habe nach drinnen, Orudin sah dabei aus wie ein überladener Packesel.

Sie bezogen zwei geräumige Zimmer im oberen Stockwerk, aus dem Fenster hatte man Sicht auf einen Teich mit Schilf und zwei mächtigen Weiden, die sich wie zwei Rivalen gegenüber standen. Auf dem Teich schwamm seelenruhig ein Schwanen Paar, und als Dorothea es erblickte, erholte sie sich rasch von dem ersten Schreck, den ihr dieser hässliche Orudin eingejagt hatte.

Es sah so aus, als sei das zweite Bett zusätzlich in die Stube gestellt worden, was Maria Sibylla vermuten ließ, man habe tatsächlich mit ihnen gerechnet. Es befanden sich die wichtigsten Möbel im Raum, alles war sauber und wirkte wie seit langem unbewohnt. Orudin blaffte den Jungen an, als er eine Kiste fallen ließ - "Ach nicht so schlimm", sagte Maria Sibylla, "da ist nichts Zerbrechliches drin." Sie brauchten ungefähr drei Stunden, um alle Sachen an ihrem Platz zu verstauen. Dann saßen sie jede auf ihrem Bett und Dorothea fragte "Was machen wir jetzt?" Maria Sibylla zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht, mein Schatz. Wir warten erstmal ab." Und plötzlich mussten sie beide unwillkürlich laut loslachen.

Sie saßen noch eine Weile da, Dorothea beobachtete zwischendurch die Schwäne, die immer noch gemächlich ihre Kreise zogen. Man konnte auch Stimmen im Haus hören und von drüben aus dem Hauptgebäude kam einmal Gesang herüber, der aber gleich verstummte. Dann klopfte es an die Tür, es war Orudin, er machte ihnen begreiflich, daß es Zeit für die Vespermahlzeit sei, was hier soviel wie Abendbrot bedeutete. "Herr Orudin!", sprach Maria Sibylla ihn an, "Ist die Frau van Sommelsdyk die Vorsteherin von Schloss Waltha?" Er schaute sie einen Moment lang an, dann machte er kehrt und schwankte davon, sie warf Dorothea einen fragenden Blick zu, die sagte "Lass' nur Mama, ich werde ihn schon noch darüber ausquetschen."

Der Speisesaal war im Haupthaus, es standen zwei lange Holztische mit Bänken darin, die jeweils Platz für etwa zwei Dutzend Personen boten. An der vorderen schmalen Wand prangte ein Kruzifix mit einem kunstvoll geschnitzten, fast lebensgroßen Heiland, sein Blick fiel genau auf die Suppenschüsseln.

Es war eingedeckt, aber die beiden hatten keine Löffel dabei. Alle Augen waren auf sie gerichtet, und es war sehr still. Sie setzten sich auf die Bank genau da, wo noch zwei Plätze frei waren, Dorothea saß neben einer dicken Magd, die nach Schweiß roch, Maria Sibylla's Nachbar war ein alter Mann mit zittrigen Händen. Da kam ein junges Mädchen mit Schürze und weißem Häubchen auf dem Kopf und reichte den beiden zwei versilberte Löffel (die meisten hatten welche aus Holz). Irgendjemand gab ein Kommando, es wurde gebetet, kaum drei Atemzüge lang, dann widmete sich jeder seiner Speise.

Es gab Bohnensuppe und sie war recht schmackhaft. Während des Essens erhob sich ein lautes Stimmengewirr. Maria Sibylla sah, wie der Greis neben ihr unentwegt kleckerte. Dorothea fragte die Frau zu ihrer Rechten, ob die Bohnen aus dem "heimischen Garten" stammen, aber sie bekam keine Antwort. Sie waren beide froh, als sie wieder auf ihrem Zimmer ankamen. In der Nacht musste Dorothea dauernd pupsen, und morgens sah sie, daß ihre Mutter das Fenster aufgemacht hatte.

Dorothea sagte "Ich werde mich mal ein bisschen umsehen", und Maria Sibylla, die noch halb schlaftrunken auf ihrem Bett saß und sich die Augen rieb, entgegnete "Zuerst solltest du dich waschen." "Wo denn?" "Hm, das müssen wir herausfinden." "Ich werde es herausfinden", sprach Dorothea und ging hinaus. Vor den Zimmern befand sich ein Gang, Dorothea klopfte an die nächstbeste Tür, und jemand rief "Herein." Da saß ein Mann am Tisch, der aus einem sehr voluminösen Buch etwas abschrieb, die Kerzen in dem Leuchter waren bloß noch Stummel, aber sie brannten, obwohl es bereits taghell war, er musste wohl die ganze Nacht durchgearbeitet haben.

"Verzeihung, ich heiße Dorothea Graff, ich möchte wissen, wo hier der Waschraum und der Abort ist." Er schaute von seinem Buch auf, er hatte lange Haare und einen vollen Bart, aber er schien noch nicht alt zu sein, er fragte "Hier bei mir?" "Nein, ich meine für die Schlossbewohner." "Ach so", brummte er und überlegte einen Moment, "ich glaube, der Frauenwaschraum ist gerade nicht begehbar, da ist ein Wasserrohr gebrochen oder so etwas ... was weiß ich." Er wandte sich wieder seiner Schreiberei zu.

Da erschien hinter ihr eine junge Magd, sie hatte eine Schüssel mit frischgeschälten Kartoffeln unterm Arm, sie sagte "Was gibt es denn?" Dorothea wiederholte ihre Frage, und die Magd erklärte ihr, wo sie sich waschen und ihre Notdurft verrichten kann, es befand sich hinter einem anderen Nebengebäude. Sie fragte "Bist du die Tochter von der Blumenmalerin?" Dorothea bejahte es und nannte ihrer beider Namen, die Magd hieß Thekla, sie fragte Dorothea, ob sie Handtücher und Waschlappen bräuchten. "Ja, das wäre gut." "Dann komm' mal mit." "Haben Sie die Kartoffeln gerade geschält?" "Ja, warum?" "Da sind Sie aber früh aufgestanden?" "Ich bin seit vier Uhr auf den Beinen, Kleine!"

Sie gingen in ein weiteres Haus, wo unten eine Wäschekammer war, in den Regalen lagen frischgewaschene Tücher sorgfältig zusammengefaltet. Thekla stellte die Schüssel ab, und mit vier, fünf Handgriffen hatte sie alles Nötige herausgesucht und es auf Dorotheas Arme gestapelt. "So das reicht erst mal für zwei Wochen, wenn irgendwas ist, meldest du dich bei mir." "Ja, ist gut. Danke." "Bitte, gern geschehen. Und sag' deiner Mama einen schönen Gruß." "Ja, mach ich." Thekla verschwand mit der Schüssel in eine andere Richtung.

Dorothea ging über den Hof, an der offenen Seite waren Gemüsebeete, wo sich ein paar Männer zu schaffen machten, sie schauten zu ihr herüber. Da entdeckte sie Orudin, sie dachte daran, was ihre Mutter ihn wegen dieser Frau van Sommelsdyk hatte fragen wollen, und sie rief "Herr Orudin!" Doch wie er sie hörte und sich erschrocken nach ihr umdrehte, rannte er auch schon Hals über Kopf davon. Sie blieb fassungslos stehen, und die Männer drüben an den Beeten lachten und einer rief ihr zu "Vorsicht, junges Fräulein, der Kerl pflückt sich gern mal ein reifes Pfläumchen vom Baum!" Sie schüttelte den Kopf und ging zurück zu ihrer Mutter.

Sie berichtete ihr, wie sie zuerst den Mann nebenan beim Abschreiben angetroffen hatte, wie dann die Magd Thekla dazukam, "von der ich dich übrigens schön grüßen soll", wie Thekla ihr nicht nur gesagt hatte, wo der Waschraum und der Abort sind, sondern ihr auch diesen Stapel frische Handtücher und Waschlappen gegeben hat, und wie sie dann diesen Orudin gesehen hatte, der aber schnell weggerannt sei, und wie die Männer darüber gelacht und das mit dem Pfläumchen gesagt haben. "Was meinen die damit?", fragte sie, und Maria Sibylla sagte "Ach, das ist sicher nur so ein Sprichwort." Dann staunte sie über die Tücher, die aus bester Baumwolle und sehr akkurat gesäumt waren.

Später sagte Dorothea "Ich werde mal die Löffel wieder zurückbringen, wir haben doch selbst welche, oder?" "Ja, natürlich, ja, mach' das. Ich werde mich drüben im Zimmer ein bisschen einrichten." "Aber lass' mir auch noch Platz!" "Ja, mein Schatz", sagte Maria Sibylla und küsste sie auf die Stirn "ich hab' dich lieb!" "Ich hab' dich auch lieb, Mama."

Am Abend berichtete Dorothea ihr wieder alles, was sie erlebt hatte. Die Löffel hatte man in der Küche entgegengenommen, dort waren alle sehr freundlich, und sie hatte auch Thekla wiedergetroffen. Dann war sie lange auf dem Gelände umhergestreift und hatte allerlei "geheimnisvolle" Ecken entdeckt, auch einen kleinen Friedhof, der aber mit einer Mauer aus Feldsteinen umgeben und mit einem Gittertürchen verschlossen war. Sie gelangte auch zu dem Teich mit den Weiden und den Schwänen, und hatte sie eine Weile beobachtet, bis zwei kleine Jungen hinzugekommen waren, die sie alles mögliche gefragt haben. Dorothea hatte ihnen auf alles höflich geantwortet, aber kurz nachdem sie abgezogen sind, hat sie von irgendwoher eine Handvoll Knallerbsen an den Kopf gekriegt, und sie konnte sich fast denken, wer das gewesen war. "Das war sicher nur Spaß", meinte Maria Sibylla, und Dorothea sagte "Na, den einen erkenn' ich bestimmt gleich wieder."

Das geschah dann auch, als Dorothea den Unterricht in der Schule besuchte. Orudin war bei ihnen erschienen und hatte (von wem auch immer) ausgerichtet, das junge Fräulein werde gebeten, an den Schulstunden teilzunehmen, wie das für alle Kinder auf Schloss Waltha Pflicht sei. Sie fragte ihre Mutter "Was muss ich da machen?" "Ach, sicher nur das Wichtigste, ein bisschen lesen, schreiben, vielleicht etwas rechnen - das kannst du doch alles!"

Sie war fast die Älteste, nur ein anderes Mädchen war ein halbes Jahr älter, dafür aber fast einen Kopf kleiner. Sie musste sich kurz vorstellen und bekam dann einen Platz auf der zweiten Bank zugewiesen, neben einem Jungen, der dauernd einschlief und die übrige Zeit in der Nase popelte. Ihre Mutter hatte recht, sie konnte alle Übungen und Aufgaben mühelos erledigen, sie war immer als erste fertig, sogar vor dem älteren Mädchen. Sie langweilte sich, sie schaute sich um, ein Junge ganz hinten streckte ihr die Zunge raus. Sie fing an, mit dem Mädchen hinter ihr zu schwatzen, bis sie der Lehrer ermahnte. Am nächsten Tag war es genau das gleiche.

Dann war Anna, das Mädchen hinter ihr, krank und fehlte. Dorothea ging nach der Schule zu ihr, und da sah sie, daß Anna eigentlich putzmunter war, aber ihre Mama hatte dem Lehrer gesagt, sie hätte den Mumps bekommen. Dann war Anna für zwei oder drei Tage ganz weg von Schloss Waltha. Dorothea versuchte, den Jungen neben ihr wachzuhalten, nur damit sie mit ihm schwatzen konnte, nachdem sie alle Aufgaben in null Komma nichts gelöst hatte, aber aus ihm war nicht viel herauszuholen. Sie schaute sich gelangweilt um, der Junge ganz hinten streckte ihr die Zunge raus, sie streckte ihre raus, und da wurde sie vom Lehrer ermahnt.

Sie bat ihre Mutter, daß sie dem Lehrer sagen soll, sie hätte den Mumps bekommen, und Maria Sibylla weigerte sich. Dorothea warf sich wütend ins Bett, zog die Decke über den Kopf und rief mit erstickter Stimme "Dann steh' ich gar nicht mehr auf!" Als Maria Sibylla am nächsten Morgen versuchte, sie aus dem Bett zu zerren, krallte sie sich erst an der Matratze fest und dann am Bettrahmen, sie strampelte dabei mit den Beinen und versetzte ihrer Mutter versehentlich einen Tritt, daß sie sich die Seite hielt und nach Luft rang. "Oh, tut mir leid!", rief Dorothea erschrocken und fiel ihr um den Hals.

Als sich Maria Sibylla erholt hatte, fragte sie "Warum willst du denn nicht in die Schule gehen?" "Weil es so entsetzlich langweilig ist! Außerdem kann ich das alles schon." Aber Maria Sibylla schüttelte den Kopf und sagte "Das kannst du nicht von mir verlangen, daß ich den Lehrer belüge, was sollen die hier von uns denken, wenn es rauskommt." "Wieso sollte es denn rauskommen? Bei Anna ist es auch nicht rausgekommen, die hat gesagt, sie hätte den Mumps und dann ist sie in der Gegend rumspaziert." "Ja, aber es hat sie niemand gesehen." "Mich sieht auch keiner." "Ach so? Willst du dich verstecken?" "Da fällt mir schon was ein." Maria Sibylla sagte kategorisch "Nein! Ich mache da nicht mit. Wir sind Gäste hier, wir müssen uns an die Regeln halten. Fertig aus! Keine Widerrede!"

Dorothea warf sich wütend ins Bett zurück, zog die Decke über den Kopf und fing jämmerlich an, künstlich zu heulen. Da klopfte es an der Tür, es war der Junge, der neben ihr saß, er sagte zu ihrer Mutter "Ich wollte mal fragen, wo Dorothea bleibt, heute ist doch Vorsingen und da ..." Dorothea schlug die Bettdecke zurück, schoss in die Höhe und rief "Auweia! Das hätte ich ja glatt vergessen. Danke, daß du mich dran erinnert hast", sagte sie zu dem Jungen, der stehenblieb. Sie sagte "Kannst du bitte draußen warten, während ich mich anziehe!" "Ist gut", knurrte er und trollte sich hinaus.

Das Vorsingen war angekündigt worden, und Dorothea freute sich darauf. Sie fand, daß sie gut singen konnte und es war vielleicht eine Möglichkeit, der Langeweile des Unterrichts zu entkommen. Jetzt war sogar der Kantor (und Organist) aus der örtlichen Marienkirche eingetroffen, um zuzuhören und sein Urteil zu fällen, der Lehrer ließ ihm freie Hand. Die Schüler mussten einzeln nach vorn kommen und eine Probe ihres Könnens abgegeben, es waren aber viele darunter, die sich weigerten, weil sie fürchteten sich zu blamieren, und der Kantor, der übrigens auch in der Stadt Sneek tätig war, hatte mit ihnen Nachsehen und ließ sie in Ruhe.

Dorothea war aber sehr von sich überzeugt, sie meldete sich freiwillig, und als sie vorne stand, streckte ihr der Junge ganz hinten die Zunge raus so weit er konnte, wahrscheinlich um sie aus dem Takt zu bringen. Sie sang das Lied "Ade, mein Lieb', ich muss nun geh'n", welches sie (neben einigen anderen) in Nürnberg gelernt hatte, und der Kantor war sehr beeindruckt und bat sie, noch eins zu singen, während der doofe Junge fast einen Krampf in seine Zunge bekam. Sie sang "Steh'n zwei Stern' am hohen Himmel", und der Kantor fragte sie dann, ob sie auch schon Kirchenlieder gesungen hätte, und sie erwiderte, noch nicht, aber das wäre ihr sehnlichster Wunsch!

So kam es, daß Dorothea regelmäßig zum Singen in die Marienkirche ging, wo es einen kleinen gemischten Chor gab, der sowohl zu den kirchlichen Feiertagen in Schloss Waltha als auch dann und wann in der Stadtkirche in Sneek auftrat. Sie lernte Lieder wie: "Siehe, ich gefall'ner Knecht", "Ermuntert euch, ihr Frommen" oder "Ach komm', du süßer Herzensgast, du Labsal meiner Seele", womit natürlich kein Geringerer als der Heiland selbst gemeint war.

Der Kantor hatte selbstverständlich den Lehrer gefragt, ob er Dorothea für diese Zeit vom Unterricht "freistellen" könnte, und der hatte erwidert, er würde zwar ungern auf sie verzichten, könne aber angesichts ihres Talents sich nicht "dagegenstemmen". Die Wahrheit war wohl, daß er auch ein bisschen froh darüber war, weil sie sich bei ihm bloß gelangweilt und den Unterricht gestört hatte. Außerdem kam sie ja ab und zu doch noch. Sie hatte den Bogen schnell raus, um den einen gegen den andern auszuspielen, dem Lehrer sagte sie, sie wäre in der Kirche, und dem Kantor sagte sie beispielsweise, morgen und übermorgen müsse sie in die Schule gehen, weil sie dort "ein wichtiges Thema behandeln", und der Kantor nickte verständnisvoll.

Sie war auch immer öfter in der Küche und half Thekla bei der Arbeit, sie schälte sogar Kartoffeln und das machte ihr Spaß (solange es nicht zu viele waren). Thekla brachte ihr das Kochen bei, und später, als Dorothea bei dem Herrn Sarmtak gesehen hatte, wie der Fisch zubereitet wurde, erzählte sie es ihr und Thekla war dankbar für das neue Rezept. Sie machte sich auch bei der Gartenarbeit nützlich, aber da musste sie aufpassen, daß sie von den andern Schülern nicht gesehen wurde und sie setzte sich meistens ein Kopftuch auf, daß man sie von weitem nicht gleich erkannte.

Einmal kam Anna nahe vorbei und warf ihr einen vielsagenden Blick zu, aber sie schien dichtzuhalten. Mit dieser Anna hätte sie sich vielleicht sogar angefreundet, doch die hatte anscheinend kein Interesse und gab sich stattdessen mit den größeren Jungs ab, auch mit denen, die nicht mehr die Schule besuchten.

Manchmal blieb Dorothea auch in ihrem Zimmer, wenn ihre Mutter "außer Haus" war. Und plötzlich klopfte es, und sie hörte schon am Klopfen, daß es Orudin war. Ihr pochte das Herz bis zum Hals und sie bekam ein bisschen Angst, aber sie wollte sich auch nicht so töricht verhalten wie die Geißlein im Märchen. Sie ließ ihn herein, und er hatte Kehrzeug bei sich und wollte in ihren Zimmern saubermachen. Er fegte alles ordentlich aus, ohne einen Mucks zu sagen, und Dorothea stand in der Ecke und behielt ihn scharf im Auge. Und als er fertig war, warf er ihr im Hinausgehen ein stilles Lächeln zu, und sie war wieder genauso überrascht wie damals, als er vor ihr weggelaufen war.

Apropos wichtiges Thema: Dorothea hatte das Seepferdchen, welches ihr der kluge Herr Espinoza geschenkt hatte, immer unterm Kopfkissen liegen, seitdem sie glaubte festgestellt zu haben, es würde ihren Schlaf (durch irgendeine geheimnisvolle Wirkung) angenehmer machen. Eines Morgens war es zerbrochen, und von diesem Tag an war mit ihr selbst auch etwas geschehen, das sie sozusagen rein körperlich veränderte. Maria Sibylla hatte es gleich bemerkt und sie sprach lange und ausführlich mit ihr darüber und machte sie auf alles aufmerksam, was sie beachten sollte, und das war eine ganze Menge, so viel, daß sich Dorothea gar nicht mit einem Mal darauf gefasst machen konnte.

Sie musste sich hinlegen und ausruhen (obwohl sie nicht erschöpft war) und darüber nachdenken. Aber nach einer Weile fand sie das auch nicht sehr hilfreich, sie stand auf und lief zu dem Teich und schaute den Schwänen zu, und da kamen die beiden Jungs wieder vorbei, und noch ehe die was sagen konnten, meinte Dorothea zu dem einen "Wenn du jetzt auf die Idee kommst, mit Knallerbsen nach mir zu werfen, schmeiß' ich dich ins Wasser und drück' deinen Kopf solange unter, bis keine Blasen mehr kommen - hast du das verstanden!" Und der andere hatte das wohl weitererzählt, denn der Spruch machte dann auf Schloss Waltha die Runde.

Ihre Mutter Maria Sibylla brauchte lange, um sich hier einzuleben, es dauerte ewig, bis sie mit ihrer Arbeit dort weitermachte, wo sie in den ersten Tagen angefangen hatte. Sie fand zwar (auch mit Dorotheas Unterstützung) bald wunderschöne Blumen und Gewächse im Garten - und mehr noch auf den Wiesen und in den Wäldern der näheren Umgebung - doch die standen dann auf dem Tisch und auf der Fensterbank und verschönerten das Ambiente, wurden jedoch nicht dazu erkoren, als Objekte ihrer Kunst aufs Papier gebannt zu werden. Sie verwelkten. Nichtsdestotrotz wurden sie laufend durch neue ersetzt, denn Dorothea spornte ihre Mutter förmlich dazu an, sich wieder der Malerei und Zeichenkunst zu widmen, bevor sie "ganz aus der Übung" käme.

Das war wirklich lieb gemeint. Aber Maria Sibylla beschäftigten lange Zeit andere Gedanken. Zuerst machte sie sich Sorgen um Frederick. Was sie von Frau van Sommelsdyk über ihn erfahren hatte, war nicht viel gewesen und Maria Sibylla konnte partout niemanden ausfindig machen, der es bestätigen oder ihr Näheres darüber sagen konnte. Unglücklicherweise war auch Frau van Sommelsdyk nicht mehr im Hause, sondern wieder abgereist; sie kam nur ab und zu hierher.

Eines Tages fragte Maria Sibylla ganz erschrocken ihre Tochter, wo sich dieser Friedhof befände, von dem sie ihr berichtet hatte. Dorothea führte sie hin, und sie kletterten abseits über die Steinmauer, und ihre Mutter suchte alle Grabsteine und Kreuze ab, ob darauf womöglich Fredericks Name stand. Sie seufzte tief auf, als sie ihn nicht gefunden hatte - das bedeutete eine kleine Erleichterung, aber es gab auch einige namenlose Gräber, und Dorothea stellte scharfsinnig fest, daß keines davon "frisch" war.

Am Anfang gab es ein paar unangenehme nächtliche Ruhestörungen. Die beiden schreckten im Schlaf hoch, als aus dem Haupthaus Schreie von einem Mädchen herüberdrangen. In der darauffolgenden Nacht geschah das gleiche, aber es klang anders, und die beiden waren sich nicht sicher, ob es ein zweites Mädchen gewesen war, das da solche Herz erweichenden Laute von sich gegeben hatte. Es war so schlimm, daß Dorothea sich in das Bett ihrer Mutter flüchtete.

Am nächsten Tag wollte Maria Sibylla der Sache auf den Grund gehen, aber sie fand wiederum keinen, der ihr Auskunft erteilte, und Dorothea, die extra zum Unterricht gegangen war, um ihre Mitschüler auszufragen, bekam ganz sonderbare Antworten, manche machten sich auch darüber lustig, und Dorothea wusste nicht recht, ob nun dieses bedauernswerte Mädchen oder sie selbst gemeint war.

Da kam Dorothea auf eine Idee. Sie passten den Knecht Orudin ab, als er wieder einmal in ihren Zimmern ausfegen wollte. Dorothea stellte sich von innen vor die Tür, damit er nicht entweichen konnte, und Maria Sibylla drohte ihm, sie werde ihn so lange festhalten, bis er ihr gesagt habe, was hier vor sich gehe. Orudin gab klein bei, und was er erzählte, war für ihn offenbar nichts ungewöhnliches.

Das wäre die "Rote Sophie", die gerade wieder eine ihrer "Inspatzionen" hätte, worauf "die Herren Pitissen" schon so lange gewartet haben. Orudin erklärte sich auch bereit, Maria Sibylla mit diesen Herren bekanntzumachen, und Dorothea bestand darauf, mitzukommen, weil sie ihre Mutter nicht allein lassen und selber nicht allein zurückbleiben wollte.

Das ganze spielte sich in einem der Kellerräume des Haupthauses ab, und diese Tatsache machte deutlich, wie laut das arme Ding geschrien haben muss, daß man es noch drüben hören konnte. Die Rote Sophie war schon Ende zwanzig (sagte man), sah aber aus wie ein Mädchen von zwölf Jahren. Sie saß - oder genauergesagt: hing ziemlich verquer - in einem großen Lehnstuhl, ihr Unterkörper war mit einem gewebten Tuch bedeckt (und die beiden sahen später, daß sie über den Lenden mit einem Lederriemen am Stuhl festgeschnallt war).

Ihr Kopf hing ganz schief und war ebenfalls in ein schlichtes weißes Seidentuch gehüllt, unter dessen Saum man ihre leuchtend roten Haare erkennen konnte, von denen wohl ihr Name herrührte. Maria Sibylla musste unwillkürlich an das blinde Margaretli denken, von dem ihr Vater kurz vor seinem Tod geträumt hatte. Ihr Gesicht war kreidebleich und seltsam wächsern, mit einer Nase wie ein Entenschnabel und einem schmalen, blassen Mund, und ihre Augen waren erschröcklich nach oben gedreht, als wollte sie unter Anspannung aller Kräfte in ihren eigenen Schädel hineinblicken.

Sie hielt ihre Arme gekreuzt vor der knöchernen Brust (sie trug ein blütenweißes Nachthemd) und ihre Hände waren zu zwei schaurig verbogenen Gabeln mit fünf Zinken verkrampft, wie sie ein Schmied nicht schlimmer hingekriegt hätte, wenn ihm der Leibhaftige im Nacken säße. Dabei waren sie weiß wie Pergament - mit blutunterlaufenen Nägeln.

Wovon Orudin gesprochen hatte, das hieß "Inspiration" und bedeutete eine direkte Offenbarung des göttlichen Geistes durch den Mund des "Werkzeugs" namens Sophie Appeldorn, wie ihr bürgerlicher Name lautete. Sie hatte die Gabe, in einem Zustand der Trance himmlische Botschaften zu empfangen und verlauten zu lassen. Dabei wurde ihr Körper von heftigen Konvulsionen erfasst und gleichsam wie in einem stählernen Käfig von einer Seite auf die andere geschleudert, womit die Schmerzensschreie zu erklären waren, die sie von sich gab. Dazwischen kamen ihr Worte, Satzfetzen, manchmal (aber leider nur selten) ein Vers oder Bruchstücke eines Liedes über die Lippen - und genau das war es, was "die Herren Pietisten" so erpicht waren zu hören und möglichst exakt zu notieren.

Es waren auch Frauen dabei, keine Mägde, aber doch hauptsächlich Helferinnen, die sich um das körperliche "Wohl" des Mädchens sorgten, die sie wuschen, fütterten und pflegten, und eine heilkundige Schwester aus dem Sneeker Katharinenkloster verabreichte ihr Medizin und allerlei Salben und Tinkturen, denn der Mangel jeglicher Bewegung und das ewige Liegen in dem Stuhl oder in ihrem Bett hatten ihre Muskeln und Knochen verkümmern und sie für die geringsten Krankheiten anfällig werden lassen. Man sagte, daß die Rote Sophie seit sieben Jahren auf Schloss Waltha lebt, und die letzte Inspiration lag mehr als sechs Monate zurück, in welcher Zwischenzeit sie in einen Dämmerzustand verfallen war, der ihre Aktivität auf die rein physiologischen Prozesse reduziert hatte.

Es waren bisher insgesamt fünf solcher Offenbarungen aufgezeichnet worden. Keiner der Herren Pietisten nannte seinen Namen, und der, welcher als ihr Sprecher auftrat, meinte, ihr Name sei "angesichts einer so überirdischen Erscheinung" vollkommen nichtig. Gleichwohl waren sie durchaus bereit, Maria Sibylla über die Sache aufzuklären. Sie hatten auch nichts dagegen, daß Dorothea, obwohl sie noch jung war und die Vorgänge womöglich missverstehen könnte, alles mitansehen durfte. Sie hätten sie sogar ohne weiteres in ihrer Nähe geduldet, als es soweit war, daß "der Heilige Geist durch sein Werkzeug zu uns herniederfährt", leider könnte man diesen Moment nie voraussehen und auf die Schnelle die Leute nicht informieren.

Die meisten der bei einer solchen Inspiration Anwesenden hatten erhebliche Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, was die Rote Sophie von sich gab. Mittlerweile war immer ein "Schnellschreiber" in der Nähe, der es gelernt hatte, ihre Äußerungen (die im übrigen mit einer Unmenge von Speichel begleitet waren, der ihr im Verlaufe der Offenbarung wie eine Traube aus Schaum vom Mund herabhing) in Worte oder bessergesagt: in schriftliche Zeichen zu fassen. Ohne diesen Schnellschreiber wäre vieles von dem, was Sophie aus den himmlischen Sphären empfing, gleich wieder verlorengegangen. Aber selbst das, was man notiert hatte, war oft so zusammenhanglos, daß es für einen unvoreingenommenen Leser keinen Sinn ergab.

Auf Schloss Waltha hatte sich - gewissermaßen um das "Mirakel" herum - ein ganzer Stab von Mitarbeitern gebildet, dessen Aufgabe darin bestand, Sophie's ekstatische Visionen soweit aufzubereiten und in eine lesbare Form zu bringen, daß man sie als Buch publizieren konnte. Diese Bücher der sogenannten "Inspirations Gemeinden" (von denen es außer in Waltha etliche andere gab) wurden teuer verkauft und fanden ihre Abnehmer.

Viele Menschen, so erklärte einer der Herren Maria Sibylla, hätten sich von den "traditionellen Religionen" abgekehrt, sei es aus persönlicher Enttäuschung oder aus dem unguten Gefühl heraus, daß jede Religion, und möge sie sich noch so neu- und andersartig gebärden, doch nur wieder zu einer weiteren Form von Ablasshandel führt. Selbst die Reformierten, erst recht jedoch die Anhänger eines Luther oder Calvin, wären in Gemütlichkeit, ja in "Schläfrigkeit" verfallen, seitdem sie das Joch des Papstes abgeschüttelt haben.

"Auch wir lehnen jeden Papst und jede andere Autoritätsperson ab, die sich zwischen den Menschen und Gott stellt, um sich angeblich zum Fürsprecher unseres Willens und unserer Würde zu machen. Auch wir halten Andacht und Gebet für die besten Mittel, um Kontakt mit Gott aufzunehmen. Aber wir machen uns ebenso Gedanken darüber, wie Gott zu uns spricht und wie wir ihn überhaupt begreifen können. Diese Inspirationen mögen manchen Außenstehenden, der vorher noch nie etwas davon gehört hat, wie etwas Unfassbares, ja etwas Groteskes anmuten, aber für uns - und für viele andere Menschen, die nach Wegen suchen, um Gott zu begegnen, um ihm direkt und unmittelbar gegenüberzutreten - für diese Menschen ist jemand wie unsere liebe Sophie ein Geschenk Gottes selbst, denn nicht durch ihren Willen, sondern durch seinen ist sie auserwählt worden, um eine Verbindung herzustellen, durch sie teilt er sich uns mit, und unsere höchste wie vornehmste Aufgabe ist es, seine Worte in unsere Sprache zu übersetzen."

Als sie wieder unter sich waren, sagte Dorothea, es sei ihr immer noch rätselhaft, weshalb Gott, wenn er sich der Roten Sophie als Vermittlerin bedient, sich trotzdem so unverständlich äußert, wo er doch am besten wissen müsste, daß man eine solche Gelegenheit, zu den Menschen zu sprechen, nicht "verscherzen" sollte. Maria Sibylla stimmte ihr zu und meinte, sie habe ganz ähnliche Zweifel gehabt, "Aber", so fügte sie hinzu, "man sagt ja auch, Gottes Wege - oder seine Entscheidungen - sind unergründlich, und wenn alles ganz einfach wäre und leicht verständlich, dann wäre es vielleicht gar nicht wert, weiter darüber nachzudenken. Und wozu sollte dann all' unsere Vernunft und unser Glaube an etwas Höheres dienen?"

Dorothea erwiderte "Ich denke, ich weiß, was du meinst. Wenn zum Beispiel alle mathematischen Aufgaben so in einem Nu zu lösen wären und man sich überhaupt nicht dabei anstrengen müsste, dann könnten wir auf einen großen Teil von unserm Grips verzichten." Maria Sibylla nickte und sagte "Genau! Wir müssten uns nicht hinsetzen und ellenlange Berechnungen anstellen, um das richtige Ergebnis zu finden, sondern würden es auf den ersten Blick erkennen - und dann könnten wir uns für die restliche Zeit des Tages auf die faule Haut legen."

Dorothea sagte "Na, ich kenn' welche, die sich das wünschen würden." "Aber du meinst jetzt nicht uns beide, oder?" "Um Himmels willen, nein!", beteuerte Dorothea. "Es ist doch auf jeden Fall eine gute Erklärung dafür, daß viele Dinge so kompliziert sind", stellte Maria Sibylla fest, und Dorothea sagte "Ja. Und vielleicht ist die Rote Sophie auch ein Beispiel dafür, daß wir manchen von diesen Dingen trotz aller Anstrengungen nicht auf den tiefsten Grund gehen können."

Maria Sibylla nahm ihre Tochter in die Arme und sagte "Ich glaube, der liebe Gott hat dich mir geschenkt, um zu zeigen, wie klug und einsichtig ein Mensch allein aus sich selbst heraus sein kann." "Danke, Mama, das hast du schön gesagt. Und ich bin heilfroh, daß ich nicht als Rote Sophie auf die Welt gekommen bin!"

Allmählich fing Maria Sibylla wieder an, die Blumensträuße auf der Fensterbank zu zeichnen. Sie hatte sich das eine Zimmer als Atelier eingerichtet (und das andere Dorothea überlassen). Aus Würzburg kam eine Lieferung mit ganz neuen Farben und einigen Malutensilien sowie einem herzlichen Gruß von Herrn Possmeyer. Er hatte auch ein paar Rezepte zur Herstellung diverser Farbpigmente beigefügt, zum Beispiel für einen roten Krapplack aus der Wurzel einer Pflanze, welche Rubia tinctorium genannt wurde und nach deren Trocknung eine Substanz namens Alizarin extrahiert werden kann.

Die beiden Bewohnerinnen hatten ihr Verhältnis zu Orudin erheblich verbessert, sie konnten sich ganz normal miteinander unterhalten, und Dorothea hatte ihn soweit gebracht, daß er nicht mehr vor ihr davonlief und sie auch nicht so komisch anlächelte. Was man über ihn redete, schien ohnehin üble Häme und Spott zu sein; Dorothea hatte inzwischen auch rausgekriegt, was es mit dem Pfläumchen auf sich hat - es war Anna, die ihr auf die Sprünge half, und Anna schien auch genau zu wissen, daß in dieser Hinsicht von Orudin keinerlei ernsthafte Gefahr ausginge, und daß er sich bloß manchmal im Stall versteckt, um da für sich zu sein und um sich "abzureagieren". Warum er das im Stall mache, fragte Dorothea, und Anna meinte, weil er dabei "grunzt wie ein Schwein" und das dort nicht weiter auffällt.

Orudin hatte für Maria Sibylla eine Staffelei und zwei Regale gebaut, und wenn er die Zimmer ausfegte, schaute er manchmal aus den Augenwinkeln zu ihr hinüber, als würde ihm gefallen, was sie da malte. Er war übrigens als Säugling ausgesetzt worden, man hatte ihn, in eine Decke eingewickelt, vor dem Tor gefunden; auf seinem Leib war mit Hühnerblut in untereinander gesetzten Großbuchstaben sein Name geschrieben, aber vielleicht waren es auch Zigeuner gewesen, die ihn dort abgelegt und ihn mit einer Schutzformel versehen hatten. Er sagte von sich, daß er früher viel schwächlicher gewesen sei und im Laufe der Jahre und vor allem durch unermüdliche, harte Arbeit an Kraft und Geschicklichkeit beständig hinzugewonnen - er sagte "sich gemausert" - habe.

Den Ausdruck gebrauchte er nicht von ungefähr, denn er war ein Vogel Liebhaber, er kannte die meisten Vögel, die in den Bäumen und Sträuchern um Schloss Waltha herum lebten, er kannte ihren typischen Singsang und ihre Lebensgewohnheiten. Er hatte sich für sie eigene Namen ausgedacht, wie: Gelb-Löckchen, Scheren-Schnabel, Vier-Töner oder: Tapferer Hans und Falsche Domme (zur Unterscheidung von der Echten Domme). In seiner freien Zeit begab er sich oft in das Wäldchen, das hinter dem Friedhof lag und das sich bis an einen kleinen Kanal erstreckte, dort zwischen den Bäumen verharrte er dann mucksmäuschenstill und beobachtete die gefiederten Gesellen, und dann kehrte er frohgemut zurück. Es schien, als ob das für ihn das Gegenstück zu seinem Refugium im Schweinestall war.

Maria Sibylla passte auch den Zeitpunkt ab, als Frau van Sommelsdyk wieder einmal auf Waltha zu Besuch war, sie kam, wie es aussah, nur dann, wenn mit der Verwaltung des Anwesens irgendetwas zu regeln war und nicht etwa, um sich zu erholen oder sonstwelchen Zerstreuungen nachzugehen. Dafür war sie auch viel zu "korrekt". Die beiden Frauen fanden sogar Zeit für ein längeres Gespräch. Es gab ein paar weibliche Hausangestellte, die es sich zur Pflicht gemacht hatten, Frau van Sommelsdyk über alles, was hier vorging, auf dem Laufenden zu halten, daher hatte sie von Maria Sibylla's künstlerischer Arbeit erfahren und zeigte sich ihr gegenüber durchaus aufgeschlossen und interessiert, worüber Dorotheas Mutter sehr glücklich war, denn ihre erste Begegnung lag schon so lange zurück und war so flüchtig gewesen, daß Maria Sibylla annehmen musste, die Sommelsdyk habe sie längst vergessen.

Dorothea und Orudin hatten alles blitzblank saubergemacht, bevor Frau van Sommelsdyk in Maria Sibylla's Atelier kam, wo die beiden sich zu einer Tasse Tee verabredet hatten. Ringsherum standen einige ihrer besten Arbeiten, und Frau van Sommelsdyk war davon sehr angetan, sie sagte am Ende "Ach, Madame Merian, dieses Blumen Stilleben dort, das lacht mich die ganze Zeit an, ich glaube, es flüstert mir zu: 'Nimm' mich mit!'" Maria Sibylla erwiderte, sie habe vorhin auch so etwas vernommen und sie würde sich natürlich dem geheimen Wunsch ihrer "Schöpfungen" fügen und ihr dieses Bild gern schenken. Aber Agnes van Sommelsdyk bestand darauf, es zu kaufen, und sie machte ihr - noch bevor Maria Sibylla einen Preis nannte - ein Angebot, über das nicht weiter verhandelt werden musste.

Hinterher, als das Geld auf dem Tisch lag, freuten sich Mutter und Tochter wie die Schneeköniginnen, und Dorothea sagte ihr leise etwas ins Ohr, woraufhin Maria Sibylla nickte und einen blanken Gulden davon Orudin in die Hand drückte, der die ganze Zeit wie ein Diener in der Ecke gestanden und auf Weisungen gewartet hatte.

Maria Sibylla konnte von der Sommelsdyk auch etwas Genaueres über ihren Bruder Frederick erfahren, und sie kam mehr und mehr zu der Überzeugung, daß die beiden tatsächlich miteinander geredet hatten, wie Agnes dies von Anfang an behauptete. (Maria Sibylla erwähnte natürlich nicht ihre Suche auf dem Friedhof.) Trotz ihrer wiederholten, längeren Abwesenheit war die Sommelsdyk über die Vorgänge auf Schloss Waltha gut informiert, sie kannte auch den seligen Jean de Labadie persönlich, sie betonte jetzt ausdrücklich, daß sie nie ein Mitglied seiner Sekte gewesen war. Im übrigen maße sich nicht an, über ihn und seine Gefolgschaft zu urteilen, für sie war immer nur entscheidend, daß diese Leute sich "nach Recht und Ordnung" benehmen.

Sie wusste, daß Frederick ein besonderes Verhältnis zu jener Anna Maria van Schurman gepflegt und sie - "wie viele andere hierzulande und über unsere Grenzen hinaus" - sehr verehrt habe. Sie sei ja so etwas wie ein weiblicher Universalgelehrter gewesen, die sich in allen möglichen Wissenschaften Verdienste - "zumindest einen noblen Ruf" erworben habe, und Maria Sibylla dachte bei sich, daß es wohl diese Vielseitigkeit gewesen sei, die Frederick faszinierte. Sie fragte Agnes "Sind die beiden denn miteinander bekanntgewesen?" "Ich glaube ja, und zwar zu der Zeit, als die Schurman in Altona wohnte." (Maria Sibylla fiel ein, daß einer seiner Briefe dort abgeschickt worden war.)

Nach einer Pause, in der sie einen feinbemessenen Schluck aus ihrer Teetasse nahm, sagte Agnes "Ich kenne Ihren Herrn Bruder nicht so gut, daß ich wüsste, was in seinem Innern vorginge, aber ich glaube, mehr noch als ihr Tod hat ihn die Tatsache erschüttert, daß die Schurman zuletzt sich von allen ihren wissenschaftlichen Arbeiten losgesagt, ja sie geradezu widerrufen hatte." "Tatsächlich?", sagte Maria Sibylla, "Ich habe leider nie etwas von ihr gelesen", und Agnes weiter: "Sie hat eine Art Resümee ihres Lebens verfasst, in dem sie gerade jene Leistungen, welche ihr ein Ansehen eingebracht hatten, als Machwerke voller Eitelkeit und Hoffart bezeichnet - summa summarum als Affront gegen Gott und seine Offenbarung." Sie nahm wieder einen Schluck Tee, während Maria Sibylla sie mit großen Augen nachdenklich ansah.

"Wie gesagt", fügte die Sommelsdyk hinzu, "ich weiß über diese Zusammenhänge im einzelnen nicht Bescheid und ich möchte mich auch nicht in vagen Vermutungen ergehen, ich hatte lediglich den Eindruck, daß Ihnen, Madame Merian, naturgemäß einiges am Schicksal Ihres Bruders gelegen ist, ich konnte das in Ihren Augen sehen, als Sie hier ankamen und seinen Namen aussprachen." "Das stimmt, Frau van Sommelsdyk", erwiderte Maria Sibylla, "und ich bin Ihnen - bei allen offenen Fragen - sehr dankbar für Ihre Worte, ich glaube meinerseits, daß Sie meinen Bruder ganz richtig einzuschätzen vermögen."

Sie bedauerte hinterher für einen Moment, daß sie Agnes nicht gefragt hatte, ob sie vielleicht eine Ahnung hätte, wo sich Frederick jetzt aufhalte, doch es war besser gewesen, sie nicht weiter in ihre Angelegenheiten hineinzuziehen, zumal Maria Sibylla letztlich nicht mit Sicherheit sagen konnte, wie Frau van Sommelsdyk wirklich über all' das dachte. Denn es gab - so meinte sie - in den Äußerungen über die Schurman so einen Unterton, der eine gewisse begründete Distanziertheit zu dieser Frau verriet, einen Vorbehalt, den sie andererseits aus Respekt vor einer Verblichenen hier nicht geltend machen wollte.

Dann kam der Winter, und in den Zimmern wurde es nie richtig warm. Orudin brachte den beiden ein wunderbar weichgegerbtes großes Schaf Fell mit dichter Wolle auf der Oberseite, und er schaffte auch immer Brennholz heran, aber das war allgemein knapp und musste auch anderswo ausreichen. Einer der verwelkten Blumensträuße hatte ganz seine Form behalten, nur die Farben waren verblasst, genauergesagt sie hatten sich zu zig verschiedenen Ocker Tönen gewandelt. Dorothea zeichnete den Strauß in allen seinen Umrissen und malte sie dann mit den Wasserfarben aus, welche ihr die Mutter geschenkt hatte, aber ihre Finger wurden dabei kalt und steif wie Spargelspitzen.

Als es Frühling wurde, spürten die beiden, wie ihre Lebenskraft und -freude zurückkehrten. Es gab auf Waltha eine Schneiderstube, und Maria Sibylla hatte sich schon im Vorjahr mit der Frau unterhalten, die dort zuständig war. Sie handelte auch mit Stoffen, freilich nur im kleinen, aber sie konnte welche besorgen, und Maria Sibylla kaufte bei ihr zwei Bahnen von zwei bunten, leichten Baumwollstoffen, aus denen sie für Dorothea und für sich zwei hübsche Kleider nähte.

Und dann lernte Dorothea den Jungen Jeremie kennen. Sie hatte ihn schon vorher ein paarmal gesehen, als er mit seinem Vater hier gewesen war, sich aber bisher noch nicht richtig mit ihm bekanntgemacht, obwohl er ihr jedesmal einen kurzen Gruß zugeworfen hatte, den sie erwiderte. Sie hatte auch anfangs gedacht, er würde sie mit einer anderen verwechseln, die er kannte, aber das war dann zum Glück nicht der Fall. Und irgendwann, als Jeremie einmal mehr Zeit hatte, verabredeten sie sich zu einem Spaziergang, und das fand sie so schön, daß sie hinterher noch eine Stunde am offenen Fenster saß und ganz versonnen auf die Schwäne blickte.

Jeremies Vater lud die beiden auf seinen Hof ein, wovon wir schon berichtet haben. Er klärte Maria Sibylla auch darüber auf, wie es sich mit den van Sommelsdyk's verhielt. Frau Agnes war die Schwester von Cornelis van Sommelsdyk, sie waren beide gebürtig aus Amsterdam und ihrer Familie gehörte das Anwesen Schloss Waltha. Cornelis war der Chef der Surinamischen Gesellschaft, die aus der Westindischen Handels Compagnie hervorgegangen war, dann war er zum Gouverneur von Surinam ernannt worden.

Jeremies Vater konnte ihr sogar sagen, wo dieses Land liegt, nämlich an der Nordostküste von Südamerika, das früher lange Zeit als Region West Indien bezeichnet wurde. "Woher wissen Sie das alles?", fragte Maria Sibylla, und er sagte "Von ihr selbst. Sie hat mich einmal gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, nach diesem Surinam auszuwandern und dort als Pflanzer zu arbeiten und zu leben, sie hat mir sogar eine eigene Plantage in Aussicht gestellt." "Aber sie haben abgelehnt?"

"Ja", sagte er, "ich habe es mir gründlich überlegt und die Vor- und Nachteile abgewägt, ich fand dann, daß es etwas zu spät für mich wäre, dort noch einmal von vorn anzufangen. Außerdem wollte meine Frau nicht mitmachen." "Ihre Frau? Ich dachte, Sie ..." "Die Frau, mit der ich zusammenlebe." "Ach so", sagte Maria Sibylla schnell, und er korrigierte sich "Mit der ich damals zusammenlebte." Dann fügte er hinzu "Aber es ist mir nicht leichtgefallen, es hätte mich schon gereizt, es ist eine ganz andere Welt", und Maria Sibylla konnte in seinen Augen ein Leuchten sehen.

Dorothea war auch dabei, als er davon sprach, und irgendwie kam es ihr so vor, als ob Jeremie immer alles, was der Vater erzählte, mit seinen eigenen Geschichten ausschmücken musste (was durchaus amüsant war und dem Ganzen noch einen zusätzlichen Reiz gab). Als sie Jeremie mit den Gedichten des Pegnitzer Blumenordens zu bezirzen versuchte, was leider fehlschlug, schwärmte er ihr seinerseits etwas von einem Mann namens Sir Walter Raleigh vor, dem "wahrscheinlich größten Freibeuter aller Zeiten und Meere".

Was ein Freibeuter wäre, wollte Dorothea wissen, und er erklärte es ihr, es bestand kein Zweifel, das Raleigh sein heldenhaftes Idol war. Er hatte praktisch dieses Surinam, von dem sein Vater gesprochen hatte, mit nur einem Schiff und seiner Besatzung erobert. Es hieß damals auch Guayana und war in der Hand der Spanier. Raleigh gelang es, die Spanier zu überwältigen, und er machte sich auf die Suche nach der sagenhaften "Goldstadt", von der ihm die Eingeborenen berichtet hatten.

"Wann war das?", fragte Dorothea. "Zirka hundert Jahre nach Kolumbus, sagt mein Vater." "Hat er die Goldstadt gefunden?" "Ja. Aber er hat ihren genauen Ort geheimgehalten und ist ohne das ganze Gold nach England zurückgekehrt." Dorothea sah ihn fragend an, und Jeremie ergänzte "Er wusste, wenn er sein Geheimnis preisgeben würde, wäre er ein toter Mann, denn wenn der König von England erst einmal diesen Ort kannte, würde er sich Raleigh's entledigen."

"Was war mit seinen Leuten, der Besatzung?" "Alle, auf die er verzichten konnte, blieben in der Goldstadt zurück, er hat sie reich belohnt und gesagt, sie könnten dort nach Herzenslust leben. Mit ein paar Getreuen ist er dann davongesegelt." Dorothea sagte "Ah, ich verstehe! Die da zurückgeblieben sind, konnten nicht mehr weg." "Genau. Und wahrscheinlich haben sie auch nicht lange überlebt." "Wieso nicht?" "Weil sie sich dort nicht eingewöhnen konnten. Zuerst haben sie nur das Gold gesehen und waren geblendet von seinem Glanz, aber dann mussten sie feststellen, daß es ihnen hier im tiefsten Urwald nicht das geringste nützt."

"Ist Raleigh nochmal da hingekommen?" "Ja", sagte Jeremie, "und er hat alles mitgenommen und auf eine einsame Insel in der Südsee geschafft, fernab von jeder Zivilisation." Dorothea fragte "Und weiß heute noch irgendjemand, wo diese Insel liegt?" Jeremie sagte "Es gibt angeblich eine Karte mit der Insel und ihrem Namen: 'Treasure Island', welche Walter Raleigh selbst angefertigt hat, aber niemand weiß, wo sich diese Karte befindet." "Treasure Island", wiederholte Dorothea gedankenversunken, "das klingt phantastisch!" "Ja, finde ich auch."

Sie war überhaupt ganz hingerissen von seiner Schilderung, wie er solche Worte wie "preisgeben, entledigen, geblendet" gebrauchte, das machte ihn fast wie nebenbei zu einem richtigen Poeten, und sie musste zugeben, daß die Ergüsse des Pegnitzer Blumenordens da nicht mithalten konnten. Sie sagte "Jeremie!" "Ja, was ist?" "Schau' mich mal an." Und sie neigte sich zu ihm hinüber und gab ihm einen langen Kuss mitten auf den Mund und sie stellte sich dabei vor, daß Jeremie einer von denen war, die mit Sir Walter Raleigh auf Treasure Island das ganze Gold vergraben hatten.

Sie erzählte es ihrer Mutter, und eine Weile später rief Maria Sibylla, als habe sie die ganze Zeit angestrengt nachgedacht "Ha! Jetzt fällt es mir ein, wo ich schon mal darüber gelesen habe! Nämlich in einem Buch über Amerika und die Neue Welt, es war bei meinem Bruder Caspar im Archiv, mein Großvater, also der Vater von meines Vaters erster Frau, hat es selbst herausgegeben." "Ist das wahr? Was für ein Zufall!", sagte Dorothea begeistert, "Und jetzt sprechen Jeremie und sein Vater davon, und sein Vater wollte selbst da hin gehen - und ich bin mir sicher, daß Jeremie sich auch lieber heute als morgen nach diesem Treasure Island aufmachen würde, wenn er nur diese verdammte Karte besäße." "Fluche nicht!"

"Entschuldige, Mama. Aber es ist doch wirklich manchmal wie verhext. Jeremie weiß über all' das bestens Bescheid und er kann segeln, er hat sich sein Eisboot fast ganz allein gebaut! Wenn er ein Schiff hätte, könnte er auf den Spuren Sir Walter Raleigh's über's Meer fahren ... und (sie bekam einen verträumten Blick) womöglich würde er mich mitnehmen." "Dorothea!", rief ihre Mutter, "Du wirst doch nicht etwa heimlich von hier verschwinden und mich im Stich lassen wollen? Sag' mir, daß ihr nichts dergleichen geplant habt, du und Jeremie!" "Nein, Mama."

Dann bat sie ihre Mutter, ihr noch mehr aus diesem Buch zu erzählen, und Maria Sibylla versuchte sich zu erinnern, ihr waren vor allem die seltsamen Illustrationen im Gedächtnis geblieben, die den Beschreibungen der fernen Länder beigefügt waren: bedrohliche Ungeheuer und gefährliche Raubtiere, Riesen Frauen mit mehr als zwei Brüsten und Menschen ohne Köpfe, die ihr Gesicht auf der Brust hatten; Tiger und Löwen, überdimensionale Vögel; Behausungen der Eingeborenen, die auf Pfählen im Wasser oder auf einer Lichtung im dichtesten Urwald gebaut waren; Männlein und Weiblein, nackt wie Gott sie geschaffen hat, bei wilden Orgien oder bei der Jagd mit Pfeil und Bogen; geflügelte Schlangen an Land und Meeresdrachen vor der Küste, die den Schiffen auflauern, um sie zu zerschmettern; Häuptlinge im prächtigen Kostüm und eine Armee von schwer bewaffneten Weibern, welche Amazonen genannt werden und vornehmlich Männer bei lebendigem Leib verspeisen.

Hier unterbrach sich Maria Sibylla und setzte schnell hinzu: "Aber das ist nur so ein Ritual, ein Spiel, bei dem niemand ernstlich verletzt wird." Sie wunderte sich allerdings selbst darüber, wieviel sie von all' diesen Darstellungen behalten hatte. Dorothea erzählte es Jeremie, der machte den Vorschlag, ihre Mutter sollte doch all' diese sonderbaren Wesen aus dem Kopf aufzeichnen, und sie gab es weiter, aber Maria Sibylla ging nicht darauf ein. Dorothea sagte Jeremie auch, daß ihr Urgroßvater den Walter Raleigh wahrscheinlich persönlich gekannt habe, und Jeremie staunte nicht schlecht darüber.

Sie erzählte es ihrer Mutter, die sagte, das sei ganz unmöglich. Sie hatte sich schon vor Jahren einen Stammbaum entworfen, um selbst einigermaßen den Überblick über ihre Verwandtschaften zu behalten. Da konnte man sehen, daß der besagte Urgroßvater Johann Theodor einen Vater gleichen Namens hatte, welcher selbst Herausgeber solcher "Weltbeschreibungen" war und der - "na ja, aber nur ganz theoretisch", wie Maria Sibylla betonte - dem Sir Walter Raleigh noch zu Lebzeiten begegnet sein könnte.

Dorothea erzählte es Jeremie und meinte, ihre Mama hielte es sogar für möglich, daß eine Karte von Treasure Island bei ihrem, Dorotheas, Onkel in dem Archiv liegen könnte, jedenfalls eine Kopie davon, denn dieser Ururgroßvater habe "so ziemlich alles" gesammelt, was damals an Karten vorhanden war. Abgesehen davon, daß ihre Mutter nichts dergleichen geäußert hatte, blieb Jeremie skeptisch, er glaube nicht, das Raleigh es zugelassen hätte, die Karte zu kopieren, und das musste auch Dorothea einsehen.

Alle diese Abbildungen waren Kupferstiche gewesen, und jetzt, da Maria Sibylla wie zufällig wieder darauf gestoßen wurde, kreisten ihre Gedanken um ihre eigenen Blumenbilder, die sie - Gott, wie lange war das jetzt schon wieder her! - in Nürnberg als Kupferstiche gedruckt und herausgegeben hatte. Da waren die drei Teile ihres "Blumenbuchs", welche sie in verschiedenen Ausgaben offeriert hatte. Die teuersten waren jene von ihr selbst (und von ihrer Tochter Helena) handkolorierten Exemplare. Da war das "Raupenbuch", das ihr besonders am Herzen gelegen hatte, weil so viel Fleiß und Gründlichkeit darinsteckte, und da waren - immer noch - die inzwischen auf mehrere hundert Seiten angewachsenen Studienbücher, in denen sie ihre Beobachtungen und Erkenntnisse über all' das, was ihr unter die Augen und Finger gekommen war, festhielt.

Hier auf Schloss Waltha hatten ihr die "Herren Pietisten" die kleine Druckerei gezeigt, in der die Inspirationen der Roten Sophie in Buchform gebracht wurden. Sie verfügten über eine durchaus komfortable Druckerpresse, und Maria Sibylla unterhielt sich lange mit dem Drucker und Kupferstecher, der sein Handwerk verstand und schnell begriff, daß sie offenbar damals in Nürnberg erstaunliche Techniken angewandt hatte.

Darunter war etwas, das sie als "Umdruck Verfahren" bezeichnete (sie sagte gleich dazu, daß dieser Begriff von ihrem Mann Andreas Graff stammte, der sie in ihrer Arbeit stets nach Kräften unterstützt habe). Es funktionierte folgendermaßen: der ganz frische, erste Abzug von der Druckplatte wurde selbst als Druckstock verwendet - auf das noch feuchte bedruckte Papier wurde also ein weiterer leerer Bogen gelegt und beides in die Presse geschoben.

Auf dem zweiten Bogen war dann der Abdruck der ersten Druckerschwärze zu sehen, eine schwächere, doch gleichwohl in ihren Umrissen viel sanftere Zeichnung des Originals, außerdem war dieses Bild durch die doppelte Umkehrung wieder seitenrichtig. Der eigentliche Vorzug dieses Zweitdrucks bestand darin, daß sich bei der anschließenden Kolorierung die Vorzeichnung in ihrer Intensität an die Farbigkeit anpasste, ganz so, als würden sich die strengen Konturen in ihrer Wirkung mäßigen und allem anderen den Vorrang lassen.

Andreas und Maria Sibylla hatten lange herumgetüftelt, bis die Drucke so waren, wie sie sich das wünschten, meistens drehte es sich um die Feinheiten bei der Einstellung der Presse. Dann waren sie überglücklich, wenn es geklappt hatte - Andreas sprach manchmal von einem "Blatt für die Ewigkeit". Er war unermüdlich, sie in ihren Bestrebungen zu fördern. Er war oft derjenige, der noch ein, zwei Stunden länger im Atelier blieb, um eine Sache auszuprobieren oder zu einem guten Resultat zu bringen. Das war nicht der Andreas Graff, der seinen Malerkittel an den Haken hängte, wenn Feierabend war, wie sie das manchmal bei Marell im Atelier erlebt hatte. Das war derjenige, der sich geradezu für sie aufopferte und es ihr in allen Belangen recht machen wollte.

Sie hatte in Nürnberg auch damit angefangen, selber Farben herzustellen, es reizte sie einfach so sehr, daß sie nicht widerstehen konnte. Freilich, mit dem, was Possmeyer in Würzburg zustande brachte, würde sie nie konkurrieren können, das musste sie sich eingestehen, auch wenn es schwerfiel. Andreas kannte in Nürnberg einen Mann, der Bleiweiß in dem aufwändigen Verfahren mit Pferdemist "ausschwitzen ließ", wie er es nannte - seine Werkstatt befand sich in einer großen Scheune auf einem abgelegenen Hof, etwas Vergleichbares hätten die beiden Graff's gar nicht bewerkstelligen können.

Genauso war es bei der Prozedur, bei der aus dem Blauholz Baum erst feine Holzschnitzel geraspelt, dann ausgekocht und eingedampft werden mussten, um sie im Anschluss mit verschiedenen Metallsalzen zu behandeln. Sie waren beide mal bis in den Böhmerwald gereist, um sich das anzusehen, und Maria Sibylla war beeindruckt von den verschiedenen Blautönen, vom Blauviolett bis zum Blauschwarz, welche dabei herauskamen; sie waren, wie der Färbermeister versicherte, äußerst lichtecht.

Andreas machte sie auf der Rückreise darauf aufmerksam, daß diese Farben eigentlich nicht für die Malerei gedacht waren, sondern zum Färben von Garn und Gewebe, und daß es vielleicht etwas einfacher wäre, sich damit zu beschäftigen, als zu versuchen, eigene Farben für ihre Malerei herzustellen. Er sprach sehr vorsichtig, denn er wusste, wie ehrgeizig, ja wie verbissen Maria Sibylla bei ihrem Unterfangen sein konnte. Aber schließlich musste sie einsehen, daß es wirklich besser war, sich auf etwas zu beschränken, das im Rahmen des Machbaren lag.

Über Vermittlung seines Onkels Melchior hatte Andreas eine kleine Werkstatt mit einem Schmiedefeuer angemietet, gerade so groß, daß darin etliche Bottiche zum Färben von Garn Platz fanden, das dann in dem alten Graff'schen Garten zum Trocknen aufgehängt werden konnte. Das Schmiedefeuer baute Andreas zu einem Heißwasser Herd um. Bei dem Garn handelte es sich hauptsächlich um Wollfaden, den sie von einer Schäferei und Spinnstube bezogen, welche in der Pegnitz Aue lag, gar nicht weit von der Stelle, wo Andreas als Junge in den Fluss gefallen war.

Der Schäfer brachte Maria Sibylla auch auf ihren ersten Farbstoff, das war der sogenannte Saflor, der von den Blütenblättern der Färberdistel stammte, der Schäfer kannte eine Stelle, wo jede Menge davon wuchs. Maria Sibylla freute sich wie ein Kind, als ihr das erste gelbe Garn gelungen war. Sie schaffte auch ein Rosa und sogar ein Rot, allerdings musste sie später feststellen, daß dieser Saflor Farbstoff nicht besonders lichtbeständig war. Das gleiche galt übrigens auch für jenen aus der Gelbwurz und aus dem Gelbholz, das aus Ungarn kam.

Ebenfalls aus Ungarn stammte eine Sorte Rote Paprika, die auch Peperoni genannt und auf dem Markt in Nürnberg feilgeboten wurde. Maria Sibylla war von dem kräftigen Rot angetan, sie experimentierte einfach so lange damit herum, bis sie es aus den Schoten herausgeholt hatte, und dieses Rot behielt auch auf Dauer seine Intensität. Sie kauften etliche Kilo von diesen kleinen Schoten, von denen man für Speisen nur winzige Mengen verwendete, aber sie waren auch sehr ergiebig und so standen die Ausgaben in einem günstigen Verhältnis zu den Einnahmen, welche den beiden durch den Verkauf der farbigen Wolle zuflossen.

Was das Grün betraf, so verwendeten sie Kreuzdornbeeren, die je nach Reifegrad (man konnte praktisch unzählige Nuancen erreichen) von leuchtend Gelbgrün bis Dunkelpurpurrot ergaben, der Vorgang war aber auch fast so umständlich wie jene, von denen sie wohlweislich die Finger gelassen hatten. Ein schönes helles Grün gewann Maria Sibylla auf einfache Weise aus der guten, alten Brennessel, die ja auch ihren Schmetterlingen schon immer reichlich Nahrung gespendet hatte.

Aus Holunderbeeren machte sie Violett, dann hatte sie tagelang blaue Finger. Für ein ganz besonderes Blauviolett bestellte sie jenen Farbstoff, den man vornehmlich im Thüringer Land aus der Waidpflanze extrahierte, den man aber eher zum Färben und Bedrucken von Stoffen verwendete - ihr Wollgarn sah indes auch nicht schlecht damit aus. Mit der Zeit färbte sie auch feineres Stickgarn ein und sie überarbeitete ihre alten Stickvorlagen für Blumenkränze und stimmte die Farben auf ihr Sortiment ab.

Sie gab auch wieder Unterricht für Mädchen und Damen, die sich der Stickerei widmeten, aber sie achtete darauf, daß dies nicht zu viel von ihrer Zeit in Anspruch nahm. Denn neben all' dieser oft anstrengenden Arbeit wollte sie ihre Beschäftigung mit der Raupen- und Schmetterlingszucht niemals aufgeben.

Onkel Melchior hatte ihr im Garten einen gemütlichen Schuppen überlassen, Andreas hatte ihn ausgeräumt und für seine Zwecke eingerichtet, Maria Sibylla brauchte bloß zu sagen, wie sie es haben wollte, und manchmal, wenn Andreas sah, daß sie sich bei der Färberei überanstrengt hatte, schickte er sie einfach fort, er "beurlaubte" sie, wie er sagte, und sie durfte sich in ihr Schmetterlings Häuschen zurückziehen, wo sie dann oft mehrere Stunden zubrachte. Auch als sie mit ihren Töchtern schwanger war, genoss sie jedesmal die Ruhe, die frische Luft und überhaupt die erbauliche Atmosphäre im Graff'schen Garten, während Onkel Melchior sie immer mit köstlichen Äpfeln und Birnen versorgte.

Das war hier in Waltha alles nicht möglich. Dorothea hatte zwar eine Melissen Pflanze entdeckt, deren Blätter auch lange nach dem Welken ihre grüne Farbe behielten, sie hatte mit Jeremies Hilfe die getrockneten Blätter zu einem ganz feinen Pulver zerrieben und dann mit Leinöl zu einer Paste angerührt, die man wie Ölfarbe verarbeiten konnte, und ihre Mutter hatte sich sehr gefreut über das Geschenk, aber sie hätte niemals die Muße wiedergefunden, mit der sie in der Nürnberger Zeit so viel ausprobiert und erstaunliche Resulate erzielt hatte - hatten! Denn an allem war Andreas maßgeblich beteiligt gewesen, und die naiven Versuche Dorothea's, seine Rolle zu übernehmen, fand Maria Sibylla rührend, doch sie bereiteten ihr eher Schuldgefühle, was die Tochter ihrerseits natürlich nur verunsicherte.

Als es richtig sommerlich warm war, machten sie einen Ausflug ans Meer, Dorothea mit ihrer Mutter, und Jeremie mit seinem Vater, der den Pferdewagen besorgte. Er kannte an der Küste einige Leute und jemand hatte ihnen eine einfache Fischerkate zur Verfügung gestellt, wo sie übernachten und sich auch ihre Mahlzeiten zubereiten konnten.

Jeremies Vater musste ein paar Besorgungen machen, und Maria Sibylla begleitete ihn, es war für sie eine willkommene Abwechslung zu dem manchmal eintönigen Trott auf Waltha. Sie half ihm beim Aufladen aller möglichen Waren, mit denen er sich auf verschiedenen Märkten eindeckte. Sie fragte ihn "Machen Sie das sonst alles allein?" "Nein, ich habe einen Knecht dabei." "Der ist wohl krank?" "Nein, ich habe ihm freigegeben, weil ich wusste, daß Sie mitkommen", erwiderte er mit einem Augenzwinkern.

"Ach ja? Waren Sie sich denn so sicher, daß ich Ihnen helfen würde?" "Davon ging ich aus. Oder tut es Ihnen etwa leid, daß Sie mitgekommen sind?" "Nein, überhaupt nicht." Er sagte "Na gut, ich hätte Sie vielleicht höflich darum bitten sollen." Sie winkte ein bisschen verschämt ab. "Ach was! Ansonsten würde ich sowieso mit den Kindern spazierengehen und da käme ich mir nur affig vor." Er lachte. "Sie meinen, die beiden kommen ganz gut selbst zurecht." "So ist es", sagte sie, und er fügte hinzu "Genau wie wir."

Abends machten sie vor der Hütte ein Feuerchen und Jeremies Vater bereitete leckeren Bratfisch zu, den ließen sie sich dann schmecken. Dazu gab es Weißbrot und leichten "Friesenwein", der fürchtlich sauer war. Anschließend musste Dorothea etwas vorsingen, und es war schön anzuhören, wie ihre Stimme in der milden Nachtluft verhallte.

Anderntags stromerten die beiden "Kinder" am Strand entlang und kamen in ein Fischerdorf, wo etliche Kähne lagen und riesige Netze aufgespannt waren. Jeremie erklärte ihr alles, und sie unterhielten sich auch mit einem alten Fischer, der ihnen ein paar unglaubliche Geschichten erzählte, die er draußen auf dem Meer erlebt hatte.

Später waren sie ganz allein am Strand, und Jeremie wollte baden. Plötzlich machte er den Vorschlag, daß sie nackt ins Wasser gehen könnten. Dorothea war so irritiert, daß sie unwillkürlich und vehement den Kopf schüttelte, und Jeremie sagte nichts weiter. Sie bereute es hinterher, sie wartete auf die nächste Gelegenheit.

Dann waren sie zu viert unterwegs, und Maria Sibylla wanderte ganz in Gedanken barfuß über das Watt, während die andern angeregt miteinander plauderten. Da rief Jeremie "Papa! Schau' nur, die Flut kommt! Dorothea's Mutter ist schon abgeschnitten!" Tatsächlich war das Wasser bereits durch die Priele in die hinteren Senken eingeflossen, Maria Sibylla befand sich auf dem erhöhten trockenen Flecken wie auf einer Insel. Sie riefen ihr zu, aber sie verstand nicht gleich, und das Wasser rückte immer weiter vor. Da lief Jeremies Vater zu ihr hin, er watete durch die Senken, er stand bis über die Knie im Wasser, und Maria Sibylla, die mitgekriegt hatte, was um sie herum geschah, bekam panische Angst. Endlich war er bei ihr angekommen, er fasste sie und trug sie auf den Armen zurück, die Kinder kamen ihnen entgegen, und sie schafften es alle gerade noch rechtzeitig aufs Trockene, seine Hosen und ihr Rock waren völlig durchnässt. Maria Sibylla wusste nicht, wie sie Jeremies Vater danken sollte, sie drückte seine Hand und stammelte "Sie haben mir gerade das Leben gerettet, ich kann nämlich nicht schwimmen", und er darauf: "Ich auch nicht." Dorothea sagte "Wir hätten euch schon rausgeholt", und Jeremie meinte "Ja, aber es hätte euch was gekostet."

Sie fuhren mit einem Schiff hinüber zu der Insel Texel, die der Küste vorgelagert und wirklich das letzte Stück Land vor der offenen See war. Das war am dritten oder vierten Tag, und da überfiel Maria Sibylla auf einmal eine Schwermut, daß ihr die Tränen kamen. "Das ist nichts", beteuerte sie, "das ist nur der Wind, der meine Augen reizt." Aber es ging überhaupt kein Wind, und dann hörte man sie ab und zu richtig seufzen und irgendetwas legte sich auf ihr Herz.

Es ging rasch vorüber, aber keiner keiner wusste so recht, was es gewesen war. Abends sprach sie Jeremies Vater wegen der Surinam Geschichte an und wegen der Reise, die er dann nicht angetreten hatte. Er erzählte ihr noch ein paar Dinge, die er über dieses exotische Land erfahren hatte und er sagte auch, daß es dort praktisch das ganze Jahr über so warm und sonnig ist, daß alles grünt und blüht und man kann die reifen Früchte jederzeit ernten. Allerdings gebe es eine Regenzeit, in der es mehrere Wochen lang unaufhörlich vom Himmel herabschüttet.

Dorothea bemerkte, daß Jeremie diesmal keinen Kommentar dazu abgab, er hatte schweigend aber sehr aufmerksam zugehört, und er hatte - ebenso wie sie - ihre Mutter dabei regelrecht beobachtet, als wollte er aus ihrer Miene herauslesen, was sie über seines Vaters Beschreibung denkt. Als sie dann wieder auf Schloss Waltha waren, fragte Dorothea ihre Mutter "Warum hast du Jeremie's Vater eigentlich nochmal wegen diesem Surinam angesprochen?" "Hab' ich das?", erwiderte sie und setzte fast beiläufig hinzu "aus keinem bestimmten Grund, mein Schatz, ich wollte ihn wahrscheinlich bloß reden hören, er erzählt immer so anschaulich, findest du nicht?" "Ja", sagte Dorothea, "und Jeremie ist manchmal sogar noch besser."

Dann kam der Herbst mit seinen trüben und nasskalten Tagen. Und mitten hinein kam ein Brief mit der Nachricht, daß Jakob Marell gestorben war. Gewohnheitsmäßig hatte Maria Sibylla angefangen, den Brief vorzulesen, dann stockte ihr der Atem an der betreffenden Stelle, ihre Hände zitterten, und Dorothea fragte "Was ist passiert?" Mit tränenerstickter Stimme las sie weiter, und Dorothea stellte sich neben sie und strich ihr sanft übers Haar. "Das tut mir so leid, Mama", sagte sie und Maria Sibylla wischte sich über Augen und Wangen und sagte "Ja, ich weiß, mir auch. Aber so ist das nun mal mit Gottes Willen, wir müssen uns ihm fügen."

Den Brief hatte Johanna selbst geschrieben, und Maria Sibylla dachte bei sich, daß ihre Handschrift eigentlich erstaunlich sicher und ihre Sätze klar gefasst waren. Womöglich hatte sich sein Ende schon abgezeichnet und Johanna sich darauf einstellen können. Andererseits konnte sie sich nur schwer vorstellen, daß Marell krank gewesen wäre, er hatte niemals über irgendwelche Beschwerden geklagt. Dorothea sagte "Aber manchmal war es, als würde ihm alles so schwerfallen, ich meine, da hat ihn vielleicht innerlich etwas bedrückt." "Ja, da könntest du recht haben. Er war ein guter Mensch und fröhlich war er auch ... meistens. Aber er hatte so seine 'Phasen', da durfte man ihn besser nicht ansprechen, weil es ihn beinahe geschmerzt hätte zu antworten."

Und dann erzählte Dorotheas Mutter ihr die Geschichte, wie Jakob Marell zum erstenmal bei ihnen in Frankfurt aufgetaucht war, und wie sie im Handumdrehen und mit Hilfe des debilen Nachbarsjungen das Wäschezimmer hergerichtet hatten. Und wie Marell dann am Abend, nachdem er es bezogen hatte, nochmal bei ihnen im Wohnzimmer erschien, um zu fragen, ob es denn gestattet sei, in seinem Zimmer zu rauchen, und Johanna freimütig erklärte, er könne dort tun und lassen, was er will, und auch noch hinzusetzte, sie liebe den Tabaksqualm "wie er in solchen Schleierwolken durch den Raum schwebt", wiewohl sie das ihren Lebtag nicht erwähnt hatte.

Maria Sibylla machte ihr dann einen Vorwurf, wie sie diesem Mann, den sie gerade mal drei Stunden kennt, erlauben würde, zu tun und zu lassen, was er wolle - wenn er das nun wörtlich nehme! Johanna entgegnete "Sieht er aus, als führte er Böses im Schilde?" So schlecht hatte Maria Sibylla wiederum nicht über ihn gedacht, sie meinte eigentlich etwas anderes, das sie sich aber scheute auszusprechen.

Er hielt sich dann zum Rauchen vorzugsweise auf dem Hof auf, wo Maria Sibylla ihm am nächsten Tag überraschend begegnete. Er grüßte sie sehr freundlich, und sie sagte "Aber Herr Marell, Sie müssen doch nicht im Stehen rauchen!" "Muss ich nicht?" Sie sagte, dort im Schuppen wäre ihres Wissens noch ein Sessel, den könnte man ein bisschen aufpolieren und problemlos hier hinstellen. "Soll ich Ihnen dabei behilflich sein, ihn herauszuholen?" "Ja, das wäre sehr nett, ich glaube nämlich, er ist ganz schön schwer."

Sie gingen in den Schuppen und fanden den Sessel, der eigentlich ein pompöser Lehnstuhl war, schleppten ihn ins Freie, und Marell setzte sich probeweise darauf. Er verzog dabei keine Miene, aber man konnte sehen, daß er ihm nicht behagte. Maria Sibylla fragte "Stimmt irgendwas nicht damit?" "Doch, doch", beeilte er sich zu sagen, "er ist ganz hübsch ... allein, man kommt sich darin vor wie Herzog Alba auf dem Donnerbalken." Sie lachte. "Tatsächlich? Ehrlich gesagt, hab' ich noch nie drin gesessen." "Bitte sehr!", sagte er, und dann nahm er einen tiefen Zug aus seiner Zigarre und wartete auf ihr Urteil. "Sie haben recht, er ist ziemlich unbequem." "Ja, ich wollte es erst nicht sagen." "Es tut mir leid, etwas anderes haben wir nicht."

Marell sagte "Man könnte ihn ein bisschen umändern." "Was meinen Sie?" "Nun, wenn man die vorderen Beine etwas kürzt, die hinteren noch ein Stück mehr und dann diese beiden Lehnen so weit verlängert, daß sie von hinten abstützen, dann bekäme er vielleicht eine angenehme Passform." Maria Sibylla zögerte. "Ich weiß nicht, ob das meiner Mutter recht wäre." "Oh, natürlich ist es nicht meine Absicht, an Ihren kostbaren Möbeln herumzuzimmern." Sie musste lachen, sie sagte "Ich werde sie fragen, ob sie damit einverstanden ist." "Ja, gut."

Und Johanna, als sie von dem Vorschlag hörte, tat ganz so, als hätte sie schon längst auf jemanden gewartet, der ihn in die Tat umsetzt, sie brachte selber Werkzeug herbei und fand auch noch zwei stabile Leisten, und zu dritt rückten sie dem Lehnstuhl zu Leibe, und danach sah er sehr modern und sehr bequem aus und er wurde Marells Lieblingsstuhl, in welchem ein etwas müde aber zufrieden wirkender Großvater zuletzt auch in Dorothea's Erinnerung verblieben war.

Als die beiden in diesen Novembertagen in Frankfurt ankamen, hatte Johanna mit Hilfe ihres Stiefsohns Caspar und dessen Frau Nelly bereits alles Nötige wegen der Beisetzung in die Wege geleitet; auch Matthäus hatte sich bereiterklärt, weitere Formalitäten zu erledigen. Johanna und ihre Tochter umarmten sich lange und herzlich. Johanna war altgeworden, hatte aber in ihrem Aussehen einen vornehmen Zug bekommen, der ihr gut zu Gesicht stand. Sie nahm sich alle Zeit der Welt, um sich mit ihrer geliebten Enkeltochter zu unterhalten, sie staunte ein ums andere Mal, wie erwachsen Dorothea geworden war.

Am Vorabend der Beerdigung führten Johanna und Maria Sibylla ein langes Gespräch, Dorothea durfte dabeisein. Johanna plante, das Haus zu verkaufen und sich eine Wohnung zu suchen, die ihren Ansprüchen vollkommen genügte. Irgendwann kam die Rede auf Marells Hinterlassenschaft, worüber mit ihrer Tochter zu sprechen Johanna natürlich ein wichtiges Anliegen war. Das Atelier in Utrecht hatte Abraham Mignon bereits vorher übernommen, es fiel daher nicht mehr in Marells Erbmasse. Es gab ein Testament und es gab ein Problem.

Marell hatte eine "beträchtliche Summe" an Schulden hinterlassen, welche zu begleichen Johanna in eine erhebliche Zwangslage gebracht hätte. Selbst für die Merian Brüder sei das kein "Pappenstiel", und sie könne nicht von ihnen verlangen, es vom eigenen Vermögen zu bezahlen, sagte Johanna. Maria Sibylla fiel ihr ins Wort. "Mama! Ich werde dir aushelfen, so gut ich kann, ich werde, wenn nötig, ein Darlehen aufnehmen, um ..." "Lass' mich ausreden, Sibylla", entgegnete Johanna, "Marell hat sich in den letzten Jahren in dubiose und hochriskante Glücksspiele - gestürzt - muss man sagen, ich konnte ihn leider nicht davon abhalten. Du weißt, er war ein gutmütiger und liebenswerter Mensch, es war unmöglich, mit ihm zu streiten, ich konnte ihm nicht mal böse sein. Irgendetwas war in ihm, das ihn zeitlebens dazu getrieben hat, aber das gehörte nicht zu seinem eigenen Wesen."

Maria Sibylla und Dorothea hörten ihr ruhig und aufmerksam zu, Johanna sagte, während sie mit der Hand durch die Luft fuchtelte, "Er hatte sich zwischendurch sogar mit irgendwelchen neuartigen mathematischen Theorien beschäftigt, mit denen man angeblich die Gewinn Chancen bei Glücksspielen berechnen kann, es gibt da einen Professor in Basel, der diesbezügliche Formeln aufgestellt haben soll. Ich sehe meinen lieben Mann noch hier sitzen, wie er versuchte, sich diese Formeln anzueignen, na ja, er hatte ja einen Sinn für Zahlenspielereien, aber wohl nicht für höhere Mathematik. Jedenfalls, ich glaube, diese vermaledeiten Berechnungen haben ihm mehr geschadet als genützt."

Maria Sibylla nickte bedächtig und meinte "Da hat seinerzeit schon Matthäus Anstoß daran genommen." "Woran?" "An Marells Neigung zu solchen Geschäften." "Ja, das ist ihm wohl auch nicht zu verdenken. Ich weiß, daß Matthäus nie besonders gut auf Marell zu sprechen war, aber er hat sich immer anständig ihm gegenüber verhalten - wie sich das für eine Familie gehört." Maria Sibylla pflichtete ihr bei und sagte "Ich meine, wir alle, die wir auf die eine oder andere Weise zu dieser Familie gehören, sind uns stets mit gegenseitigem Respekt und mit Vertrauen begegnet. Das gilt auch für jene, die nicht mehr in nächster Nähe stehen." (Damit, so dachte Dorothea, meinte sie wohl vor allem ihren Vater Andreas und sicher auch ihren Onkel Frederick.)

Johanna sagte mit einem leichten Seufzer, der den Eindruck verwischte, daß die Beziehungen manchmal nicht so einvernehmlich waren, wie sie sich jetzt darstellten, "Du hattest schon immer so einen Sinn für Gerechtigkeit, mein liebes Kind", und Maria Sibylla fügte hinzu "Und jetzt werden wir dieses Problem auch gemeinsam lösen und niemand wird den andern im Stich lassen. Wieviel Geld ist das denn genau?" "Ganz schön viel", sagte Johanna und auf einmal bekam ihr Ausdruck etwas Inbrünstiges, "aber ich war noch nicht fertig mit dieser Glücksspiel Geschichte."

Maria Sibylla zog die Brauen zusammen und machte sich auf noch Schlimmeres gefasst, da sagte Johanna "Höchstwahrscheinlich hat ihn der Teufel dazu verleitet - nein, ich bin mir ganz sicher, daß er es war. Aber (damit wandte sie sich mit erhobenem Zeigefinger zu ihrer Enkelin) siehst du, Dorothea, so ist es, wenn man sich, was auch geschieht, einen festen Glauben an Gott bewahrt: der Herrgott hat unseren Jakob Marell am Ende doch nicht fallengelassen, sondern sich seiner erbarmt."

Dorothea wusste nicht recht, ob sie damit seinen Tod als Erlösung meinte, und auch Maria Sibylla schaute ihre Mutter fragend an. Johanna sagte "Das alles hat ihn sehr mitgenommen, und in den letzten Monaten war er eigentlich nur noch ein Schatten seiner selbst. Ich habe versucht, ihn zu trösten, obgleich ich Grund gehabt hätte, ihn zu tadeln, aber ich habe jeden Tag für ihn gebetet, und nun wage ich zu behaupten, ich bin erhört worden. Buchstäblich bei seinem letzten Spiel - bei dem er sich für seinen Einsatz freilich noch mehr borgen musste - war ihm das Glück hold, er gewann so viel Geld, daß davon nicht nur seine Schulden getilgt werden können, sondern auch noch etwas übrigbleibt, das ich dem Frankfurter Waisenhaus zu spenden gedenke, ich hoffe, du bist damit einverstanden."

Maria Sibylla beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie zärtlich auf die Stirn. "Natürlich, Mama. Ich bin froh, daß Marell es mit deiner Hilfe geschafft hat, als ein anständiger Mann aus der Welt zu gehen." "Ja", stellte Johanna fest, "das kann man wohl so sagen. Und ich bin froh, daß ihn keinerlei üble Nachrede verfolgt. Aber ich muss auch mit Schmerz erkennen, daß er letztlich über diesen unheilvollen Umständen zerbrochen ist - das gehörte wohl zu seinem Schicksal." Es war, als hätte Johanna nachträglich Marells Beichte abgelegt und Vergebung für ihn erwirkt, wozu er selbst nicht mehr gekommen war.

Übrigens war Maria Sibylla aufgefallen, daß Johanna den Glücksfall Marells in ganz ähnlicher Weise interpretiert hatte wie Frederick den seinen, nämlich als ein Geschenk Gottes, das ihnen zuteil geworden war und sie aus einer prekären Lage gerettet hatte. Wie merkwürdig, daß sich zweimal das Gleiche bei Vater und Sohn ereignet haben sollte!

Am Tag der Beerdigung meinte es Petrus gut mit ihnen, es war mildes Wetter und zeitweise ließ sich sogar die Sonne blicken. Marells Bruder, der Frankfurter Tuchhändler, hatte ein wunderschönes Kranzgebinde mit Schleifen aus Seide an den Sarg gelegt. Von der Merian Sippe waren die Brüder und Nelly anwesend, desweiteren Abraham Mignon und Sarah, die mit ihrem vierten Kind schwanger war, sie sah immer noch umwerfend aus. Von Frederick fehlten jede Spur und Lebenszeichen. Außerdem war mehr als ein Dutzend Künstler und Geschäftsfreunde Marells erschienen, die Johanna ihre Anteilnahme ausdrückten. Der Pfarrer hielt eine bewegende Predigt, nicht zu lang und doch reich an treffenden Reminiszenzen an den Verstorbenen; die Fakten dafür hatten ihm übrigens Caspar und Nelly geliefert.

Am schönsten für Dorothea war die Tatsache, daß ihr Vater Andreas Graff und ihre Schwester Helena gekommen waren. Am Nachmittag, nach der Trauerfeier im "Gasthof zum Eichwald", unternahmen Dorothea und Helena einen ausgedehnten Spaziergang bis zum Main Ufer und dort entlang bis vor die Tore der Stadt.

Ihr Altersunterschied war beträchtlich, was der Grund dafür war, daß sie in ihrer Kindheit kaum miteinander gespielt oder sich zusammen die Zeit vertrieben hatten. Erst mit zehn, zwölf Jahren stellte Dorothea fest, wie groß der Beitrag Helenas an der Arbeit ihrer Mutter war. Helena war mindestens so talentiert wie Maria Sibylla und zweifellos eine noch bessere Künstlerin als Dorothea, die auch später nicht an die Qualitäten ihrer Schwester herangereicht hätte.

Trotz dieser außerordentlichen Begabung stand Helena nicht der Sinn danach, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen, sie maß dem allen keinen besonderen Wert bei und sie konnte niemals den Enthusiasmus teilen, mit welchem sich angeblich manche Frauen ausschließlich der Malerei widmeten. Für sie war die Kunst immer etwas gewesen, was man genießen konnte, etwas Heiteres, Unbeschwertes, aber nichts, womit man sein ganzes Leben ausfüllte.

Als sie in das Alter kam, in dem man sich Gedanken um die eigene Zukunft macht, verlor sie mehr und mehr das Interesse am Zeichnen und schließlich wurden ihr die Arbeiten, welche ihr Maria Sibylla übertrug, zur unliebsamen Beschäftigung, die sie mehr aus Respekt denn aus Freude erledigte. Hinzu kam seit Anbeginn ein engeres Verhältnis zum Vater, von dessen Mentalität sie wohl einen gehörigen Teil geerbt hatte. Maria Sibyllas Besessenheit bei ihren "Forschungen" und ihre Eigenbrödelei, die manchmal an etwas grenzte, das die Leute Wunderlichkeit nannten, waren ihr ganz fremd, aber sie wagte nicht, darüber zu spotten.

Ähnlich wie ihr Vater hantierte sie gern mit Farben, um deren Eigenschaften und Wirkungen auszunutzen, es war ihr dabei nicht so wichtig, ob da womöglich bestimmte physikalische Phänomene des Lichts oder der Optik eine Rolle spielten. Sie liebte die Anmut und auch die Vielfalt der Blumen, die sie malte, aber sie fragte nicht danach, warum diese Blütenblätter gerade so geformt waren oder ebendiese Farbe hatten und damit genau jene Schmetterlinge anlockten, während andere sie aus einem bestimmten Grund verschmähten!

Sie lernte sehr spät lesen, und genau wie Vater Graff hatte sie nie viel Muße verspürt, ein Lehrbuch oder gar die ganze Theorie, die darin eingeflossen war, zu studieren. Sie wäre ebensowenig auf die Idee gekommen, die Metamorphose der Schmetterlinge zu ergründen (auch Andreas hatte sich immer nur aus Liebe zu seiner Frau damit beschäftigt - was freilich an sich schon ein ausreichender Grund war). Andererseits konnte sie sich wie ihr Vater an den so variantenreichen Birnensorten erfreuen, ohne sich jedoch für deren Züchtung zu interessieren.

Maria Sibylla staunte jedesmal über die Leichtigkeit, ja Arglosigkeit, mit der Helena beim Zeichnen und Malen zu Werke ging. Als Dorotheas Mutter ihr später einmal sagte, sie dürfe nicht zu lange überlegen, um eine Entscheidung zu treffen, so hatte sie diese Maxime in Wahrheit von Helena übernommen, die nämlich ganz unbewusst immer so arbeitete. Das war etwas, über das Maria Sibylla selber gern verfügt hätte, weil sie wusste, daß es einem viel Zeit und Kopfzerbrechen ersparen konnte. Aber darin war ihr Helena voraus, und Jakob Marell hatte von Maria Sibyllas "vernunftmäßiger" Sicht auf die Gegenstände ihrer Kunst gesprochen, weil er genau bemerkt hatte, wie viel sie über all' das nachgrübelte, was unter der Oberfläche vor sich geht - warum denn beispielsweise aus dem Leib einer Raupe plötzlich Fliegen herausschlüpfen, die mit ihr nicht im entferntesten verwandt sind!

Vielleicht war dieses unentwegte Nach-den-Prinzipien-Suchen, dieses Alles-ganz-genau-verstehen-Wollen auch selbst der Grund dafür, daß man immer irgendwie unzufrieden war mit dem, was man erreicht und geschaffen hatte. Was Maria Sibylla auf Dauer an ihrem Ehemann aufregte, nämlich seine Selbstbeschränkung, auch mit geringen Erfolgen zufrieden zu sein, die sie - wahrscheinlich fälschlicherweise - als Kleinmut und (noch schlimmer) als Spießigkeit bezeichnete, das fand Helena eine durchaus befriedigende Einstellung. Nicht von ungefähr war sie der Lebensweise des Vaters stets näher gewesen als der ihrer Mutter, die sie manchmal sogar traurig machte.

Sie war die Frau, die sich jeder Mann wünschte, der eine eigene Familie gründen will. Sie konnte ausgezeichnet kochen, und in der Nürnberger Zeit sorgte Helena fast ganz allein dafür, daß immer eine leckere Mahlzeit auf dem Tisch stand, sie besaß regelrecht eine besondere Phantasie dafür. Sie kochte sogar für Bekannte und Verwandte bei deren Familienfesten, sie kochte bei Großvater Marells Geburtstag und bei der Taufe des zweiten Kindes ihrer Tante Sarah, da war sie selbst gerade zehn, sie kriegte das einfach besser hin als andere, aber wenn sie gefragt wurde, worin die Geheimnisse ihrer Kochkunst bestehen, zuckte sie nur mit den Schultern, sie wollte sich nicht mal selbst unbedingt darüber klarwerden.

Sie war vielleicht keine überragende Schönheit (und Dorothea hielt sich selber für hübscher), aber sie besaß alle Vorzüge einer natürlichen Weiblichkeit, ohne sich darum bemühen zu müssen. Sie heiratete einen Kaufmann aus Hamburg, der auch im Übersee Handel tätig war; sie musste sich fortan keine Sorgen mehr um ihren Alltag machen; sie schenkte ihm (bis jetzt) zwei gesunde Kinder, ein Mädchen und einen Buben, und sie befehligte zwei tüchtige Hausangestellte, während ihr Gemahl anfing, sich erfolgreich in der Hamburger Politik zu engagieren.

Helena hatte ihrer Schwester als Präsent zum Wiedersehen ein echt hanseatisches "Matrosenkleid" aus blau-weißem Stoff mitgebracht. Es passte wie angegossen, und Dorothea wunderte sich, woher sie ihre Größe wusste, aber Helena sagte, das habe sie so "intuitiv" geschätzt und außerdem hatte sie für alle Fälle noch ein anderes Geschenk parat, ein Toilettenköfferchen, wie es die feinen Hamburger Damen besitzen. Das durfte Dorothea dann selbstverständlich auch behalten.

Dorothea fragte "Wie geht es Papa?" (Sie hatte freilich selbst mit ihm gesprochen, aber sie wollte es auch von ihrer Schwester erfahren.) "Es geht ihm gut", antwortete sie, "aber du weißt ja, er hat die Trennung nie wirklich überwunden. Er glaubt immer noch daran, daß sie beide wieder zusammenkommen." "Hm", machte Dorothea und stellte sich das für einen Moment tatsächlich vor. Helena forderte sie auf, von dem Leben auf Schloss Waltha zu erzählen, sie sagte auch, sie habe oft an sie gedacht und einmal wäre sie beinahe soweit gewesen, sie dort zu besuchen, aber dann sei etwas dazwischengekommen.

Dorothea beschrieb ihr bis ins kleinste ihre Wohnung und all' die Gebäude und den Garten, den Schwanenteich und den beschaulichen Friedhof. Sie erzählte von dem Knecht Orudin, der anfangs ziemlich seltsam war, von der Magd Thekla, von der Roten Sophie und von Frau van Sommelsdyk, die ein Bild von Mama gekauft hatte. Voller Stolz erwähnte sie ihre Sangeskunst und verschwieg auch nicht, daß es ihr damit gelungen war, der Schule zu entfliehen, wo sie sich bloß gelangweilt hatte.

Dann zierte sie sich ein wenig, als sie bei "diesem Jungen" angekommen war, den sie kennengelernt hatte. Helena legte den Arm um ihre Schulter und sagte lachend "Hey! Das musst du mir jetzt alles haarklein verraten, was da zwischen euch beiden läuft! Wie heißt er überhaupt?" "Jeremie." "Oh, was für ein hübscher Name - passt er zu ihm?" "Ja, sehr!"

Und dann erzählte sie Helena alles über Jeremie und wie er ihr immer kleine Geschenke gemacht und einmal sogar ein Entlein mitgebracht hatte, das sie dann auf seinen Namen taufte. Wie sie im Winter mit seinem Eisboot zur Schwarzen Mühle gesegelt sind und wie sie den Herrn Sarmtak besucht haben, der ein echter Eskimo und ein sogenannter Kaltblüter ist, wie Jeremie es ihr erklärt hatte. Wie er ihr von Sir Walter Raleigh und von Treasure Island berichtet hat, wo ein unvorstellbar wertvoller Schatz vergraben liegt. Und wie sie im Sommer an der Küste waren und - "Sag' mal, hast du schon mal ganz nackig gebadet?" "In der Badewanne?", fragte Helena. "Nee, ich meine draußen im Wasser, im Meer zum Beispiel." Helena sagte vergnügt "Oh, es gibt bei uns außerhalb der Stadt einen Waldsee mit ein paar ganz versteckten Stellen am Ufer, da sind wir öfter mal nackt reingegangen, das machen dort so einige." "Aber nicht vor Fremden?" "Na, ich kannte die nicht alle persönlich, aber da ist ja eigentlich auch nichts dabei, wenn's alle machen." Sie mussten beide lachen. "Warum fragst du überhaupt?" "Ach, nur so, wir waren da am Strand und ... Jeremie meinte ... na ja, ich war ganz schön überrascht, weißt du, und ich hab' mich geweigert." Helena sagte "Ja, das kann ich verstehen. Aber du bist doch nicht böse geworden, oder?" "Nein, gar nicht! Ich wollte dann ja eigentlich auch, aber da war's irgendwie zu spät." Helena lachte wieder. "Na ja, ist nicht schlimm, lass' ihn ruhig ein bisschen zappeln, deinen Jeremie, und beim nächsten Mal machst du ihm die Freude." "Ja, hab' ich mir auch so vorgenommen", sagte Dorothea und war überglücklich, daß sie das endlich mal loswerden konnte.

Freilich, es war ein trauriger Anlass, der sie alle zusammengeführt hatte, aber wenn sie es recht betrachtete, dann fühlte sich Dorothea auch irgendwie gestärkt und zuversichtlich, als sie alle die lieben Menschen wiedersah, die so lange aus ihrem Leben verschwunden waren, als hätte sie der Wind in alle Richtungen zerstreut. Nur daß ihr Onkel Frederick fehlte, das bereitete ihr ein wenig Kummer.

Bei diesem Aufenthalt in Frankfurt zeigte sie Caspar auch das zerbrochene Seepferdchen und fragte ihn, ob er es irgendwie wieder zusammenfügen könnte, was er auch sogleich tat. Allerdings hatte sie es dann vergessen (wahrscheinlich weil sie ganz andere Gedanken beschäftigten und dieses Seepferdchen eigentlich schon längst nicht mehr die Bedeutung wie früher hatte) und Caspar muss es wohl ihrer Mutter mitgegeben haben, denn viele Jahre später fand sie es in deren Schreibtisch Schubfach wieder.

Mit Caspar hatte sie im Merian'schen Archiv auch nach der Schatzkarte von Sir Walter Raleigh gesucht, aber da hätten sie mindestens noch drei Tage gebraucht, um sich durch all' die Schwarten durchzukämpfen, denn Caspar meinte, wahrscheinlich wäre sie irgendwo zwischen zwei Seiten verborgen. Er machte dabei eine sehr verschwörerische Miene, und Dorothea wusste hinterher nicht recht, ob er sie bloß auf den Arm nehmen wollte, weil er anscheinend selbst nicht daran glaubte. Sie beschloss jedenfalls, Jeremie nichts davon zu sagen - und wer weiß, vielleicht war sie ja doch da!

Maria Sibylla sprach lange mit Andreas, sie wollten unter sich sein, und es war ihr danach nicht anzumerken, wie die Unterredung verlaufen war. Dorothea und Helena machten einen Stadtbummel (das Wetter spielte immer noch mit). Helena erzählte von sich und ihrer Familie und wie es sich in Hamburg leben lässt, und Dorothea wurde insgeheim ein bisschen neidisch auf das bunte Treiben in der großen Stadt, dagegen war Schloss Waltha ja nun doch letzlich so was wie eine Herberge auf freier Strecke. Na ja, vorige Woche hatte nachts hinterm Friedhof der Blitz in einen Baum eingeschlagen, Orudin hatte hernach zwölf Klafter Brennholz draus gemacht!

Helena wollte ihr auch alle möglichen Sachen kaufen und schenken (sie musste wirklich ziemlich vermögend sein), aber Dorothea lehnte dankend ab, das Matrosenkleid und das Toilettenköfferchen habe sie vollauf begeistert und eigentlich brauche sie auch gar nichts weiter. Helena gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte "Du hast recht, meine kleine Schwester! Du warst immer die Bescheidenere von uns beiden, und das hat mir imponiert." Später saßen sie in einem noblen Café am Römer und vereinbarten, daß sie sich unbedingt gegenseitig besuchen werden - so bald wie möglich!

Sie waren schon wieder gut zwei Wochen auf Schloss Waltha, als Dorothea auf dem Tisch in der Stube einen Brief liegen sah, und an der Schrift erkannte sie, daß er von ihrem Vater kam. Maria Sibylla saß davor, sie hatte ihn bereits geöffnet, sie fragte mit etwas gezwungener Herzlichkeit "Soll ich ihn nochmal vorlesen?", und Dorothea antwortete nicht gleich, dann meinte sie "Sag' mir, was drinsteht!" "Dein Vater lässt fragen, ob ich ... ob wir wieder zurück nach Nürnberg kommen wollen."

Dorothea schaute ihrer Mutter ins Gesicht, um zu erkennen, was in ihr vorgeht, aber ihre Gefühle hinter einer glatten Miene zu verbergen, auch wenn sie innerlich noch so aufgewühlt war, das beherrschte sie manchmal fabelhaft. "Wie, er lässt fragen?" Maria Sibylla sagte "Nun, wie es scheint, ist er sehr entschlossen, aber er will uns natürlich nicht unter Druck setzen." "Uns oder dich?", fragte Dorothea und wunderte sich selbst ein bisschen über ihren strengen Ton. "Liebes! Es ist doch klar, daß sich hier keiner der Beteiligten über die Einwände des andern hinwegsetzen würde." "Und hast du Einwände?" "Bitte?" "Was willst du ihm antworten? Willst du ihm überhaupt antworten?" Maria Sibylla wurde unsicher, die stolze Maske verblasste in einem Nu. "Freilich werde ich ihm antworten ... ich habe ... oder willst du es etwa tun!"

Dorothea hatte bis dahin gestanden, jetzt rückte sie sich einen Stuhl heran und setzte sich, sie fragte "Habt ihr in Frankfurt schon darüber gesprochen?" "Er hat es angedeutet." "Und was hast du gesagt?" "Daß mir dieser Gedanke momentan nicht in den Kram passt." Dorothea musste unwillkürlich losprusten. "Das hast du gesagt?" "Es kam so unvorbereitet", verteidigte sie sich. "Du hast doch immer damit gerechnet, Mama! Du hast gewusst, daß er dich fragen würde." "Ja, aber doch nicht bei Marells Beerdigung! Entschuldige mal, das war ja nun nicht der richtige Anlass." "Und wann sonst? Ihr habt euch ja nicht mehr gesehen seit ... ich weiß nicht seit wann."

Maria Sibylla sagte ohne zu überlegen "Seit du mal eine Woche bei ihm warst." Dorothea rief "Oh Gott, wann war das denn!", aber im selben Augenblick kamen ihr beinahe die Tränen, sie erinnerte sich schlagartig an diesen Aufenthalt, es waren traumhafte Stunden gewesen, Andreas hatte alles getan, um sie glücklich zu sehen, und als Maria Sibylla sie abholte, glaubte Dorothea, ihr Herz würde zerreißen. Dieses Zwischenspiel hatte in Wahrheit schlimmer nachgewirkt als die Trennung der beiden.

Sie schwiegen, dann sagte Maria Sibylla leise "Ich habe damals eine Entscheidung getroffen, ohne dich zu fragen. Das tut mir leid. Bitte verzeih' mir." "Ja, das hast du getan, und ich war zu klein, um es zu begreifen. Ebensowenig hättest du mit meiner Antwort etwas anfangen können. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen." Maria Sibylla sagte "Aber jetzt ist es anders. Du bist ... dein Wort hat genauso Gewicht! Ich habe nicht das Recht, dich zu zwingen, mir zu folgen. Ich weiß, ich hatte niemals ein solches Recht. Aber ich hatte immer das untrügliche Gefühl, die Gewissheit, daß du gern bei mir bist - so wie Helena gern bei ihrem Vater war." "So war es auch. Wahrscheinlich haben wir doch auch unseren eigenen Willen durchgesetzt."

Maria Sibylla sagte "Glaub' nicht, ich hätte jetzt Andreas eine Antwort geschrieben, ohne mit dir darüber zu reden, du siehst ja, ich bin noch ganz durcheinander ... ich kann ... ach, es ist töricht von mir, überhaupt das Wort Einwand zu gebrauchen, es unterstellt ja nur, daß ich von vornherein dagegen wäre und dich davon überzeugen wollte!" Dorothea sagte "Ja, es war auch ziemlich töricht, daß du Papa gesagt hast, es würde dir nicht in den Kram passen." "Aber ich kann mich immer so schlecht ... ich wollte nie jemandem wehtun. Ich wollte euch nicht wehtun und Andreas auch nicht." "Ich weiß, Mama." Ihre Mutter hob beide Hände und ließ sie kraftlos in den Schoß fallen, dann meinte sie "Wenn uns nur Orudin einen guten Rat geben könnte!", dabei musste sie lachen und weinen zugleich.

"Ich habe mit Helena über Papa gesprochen", sagte Dorothea und war richtig froh, daß ihre Mutter nicht neugierig nachhakte, sondern sie beinahe dankbar ansah, "es stimmt, er ist nie über eure Trennung hinweggekommen - und da sieht man's ja auch. Helena sagt, sie hätte ihn anfangs sehr bemitleidet, sein Anblick wäre manchmal kaum zu ertragen gewesen, so voll von stillem Kummer war er. Sie hat viel für ihn getan. (An dieser Stelle musste Maria Sibylla heftig schluchzen.) Sie sagt auch, daß weder sie noch Papa jemals böse auf dich waren - niemals, Mama!"

Dorothea machte eine Pause, während sich ihre Mutter mit dem Taschentuch behalf. "Helena ist der Meinung, daß es zu spät für eine Wiedervereinigung wäre, sie sagt, es sei zu vieles geschehen, das in verschiedene Richtungen weist." "Das hat sie gesagt?" "Ja", bestätigte Dorothea, "ich habe nicht gleich verstanden, wie sie das meint, aber ich glaube, es trifft auf uns alle genau zu." Maria Sibylla nickte.

"Wir haben uns irgendwann voneinander wegbewegt, Andreas und ich. Er hat es vielleicht nicht wahrhaben wollen. Er hat versucht, mich festzuhalten. Nein! Nicht festzuhalten, er hat mir nur nachgeschaut, stumm, enttäuscht, er stand bloß da wie ein ... so verloren, er sah manchmal so verloren aus. (Sie schüttelte den Kopf.) Aber ich hatte nicht die Kraft, umzukehren. Ich weiß, es klingt egoistisch, aber ich konnte irgendwann nicht mehr mein Leben mit ihm teilen, so wie es Mann und Frau miteinander teilen, wenn sie zusammen sind."

Dorothea sagte "Ich habe eine Idee. Ich werde Helena schreiben und sie von Papa's Brief unterrichten - wenn sie's nicht schon weiß." "Und dann?" "Ich werde sie bitten, ihm mitzuteilen, daß wir beide, Helena und ich, gegen seinen Vorschlag sind - vorausgesetzt natürlich, Helena stimmt mit mir überein, ich werde sie nicht überreden und schon gar nicht zwingen wollen." "Nein", sagte Maria Sibylla, "du darfst sie auf keinen Fall gegen ihn einnehmen wollen!" "Na, das sagte ich doch gerade! Hörst du mir nicht richtig zu?"

"Ja. Aber was soll ich tun? Er hat doch mich gefragt." Dorothea sprach jetzt mit einer Bestimmtheit und Klarheit, als hätte sie alle ihre widerstreitenden Gefühle in Zaum und Zügel gezwungen. "Er hat uns alle gefragt, alle, die es angeht. Und wir sind vier. Wir stimmen einfach darüber ab, jede Stimme zählt und keiner muss seine Entscheidung begründen." Ihre Mutter sagte zaghaft "Und wenn ich mich meiner Stimme enthalte?" "Keiner muss seine Entscheidung begründen!"

"Und du würdest Helena schreiben?" "Großer Gott, Mama! Jetzt hör' auf, so zu wispern." "Ja. Und kann ich auch was dazuschreiben?" "Nein", lehnte Dorothea kategorisch ab, "diesmal ist das unsere Sache, Helenas und meine. Das seid ihr beide uns schuldig und ihr müsst damit zurechtkommen." Maria Sibylla nickte und sagte an diesem Abend kein weiteres Wort. Dorothea wusste selbst nicht genau, wie ihr geschehen war, aber sie hatte das Gefühl, daß niemand es hätte besser machen können.

Die Tage vergingen, es wurde Weihnachten. Am Heiligen Abend feierte ganz Waltha in dem Speisesaal unter den Blicken des Heilands am Kreuz. Man hatte auch einen Tannenbaum aufgestellt und alles rundherum festlich geschmückt, die Kinder in der Schule hatten allerlei niedliche Sachen gebastelt, überall brannten Kerzen, und obwohl es draußen bitterkalt und stockfinster war, erfasste hier drinnen alle eine anheimelnde und vor allem unendlich friedliche und versöhnliche Stimmung. Es gab Kaffee und Kuchen, der Pfarrer hielt eine kurze Lobrede zu Ehren der Geburt Jesu und seiner Mutter Maria, dann wurde ein Choral angestimmt, und Dorothea war die Vorsängerin. Der Höhepunkt war natürlich die Bescherung für die Kinder. Orudin hatte sich als Knecht Ruprecht verkleidet und über seinem Buckel hing der schwere Sack mit den Geschenken. Er brabbelte in seinen weißen Bart aus Daunenfedern, und keiner konnte ihn verstehen, aber die Kinder hatten alle Respekt vor seiner Besenrute.

An den Feiertagen waren Maria Sibylla und Dorothea bei Jeremie und seinem Vater zu Besuch, Jeremie hatte sie mit einem Schlitten abgeholt, der von einem Pony gezogen wurde. Auf dem Hof gab es ein Festessen mit Gänsefleisch, Rotkohl und Hefeknödeln. Dorothea hatte für Jeremie in Frankfurt ein Fernrohr gekauft (Helena hatte etwas beigesteuert) und darüber freute er sich unglaublich; sie probierten es gleich aus und abends guckten sie in den Sternenhimmel, so lange, bis sie in der Kälte anfingen zu bibbern und es nicht mehr ruhighalten konnten.

Sie blieben bis zum Jahreswechsel, und am Silvesterabend gab es Fisch und Wintergemüse und dazu den beliebten Friesenwein, der immer noch krachsauer war, aber dafür alle in der Runde schön lustig machte. Es waren auch Leute aus dem Dorf gekommen, und einer spielte auf der Ziehharmonika, ein zweiter auf der Fidel. Maria Sibylla tanzte mit ein paar wackeren Burschen und auch mit Jeremies Vater, und es schien ihr sehr zu gefallen. Und am Neujahrsmorgen erwachte Dorothea in Jeremies Stube, es war schon hell am Tage, und als sie aus dem Fenster schaute, sah sie den sanften, unberührten Schnee weithin blauweiß und golden im Sonnenschein glitzern.

Das Osterfest lag sehr zeitig in diesem Jahr. Zwei Wochen vorher kam Agnes van Sommelsdyk auf Schloss Waltha, sie wünschte, eine Teestunde mit Maria Sibylla abzuhalten. Sie erkundigte sich nach dem Wohlbefinden der beiden und war erfreut zu hören, daß es ihnen gutginge. Sie war keine Freundin weitschweifiger Worte, deshalb kam sie rasch zur Sache: sie schlug vor, daß Maria Sibylla und ihre Tochter mit Beginn des Frühlings nach Amsterdam kommen, der Direktor des Botanischen Gartens sei auf sie und ihre Arbeit aufmerksam geworden und würde sich glücklich schätzen, wenn sie ihn bei der Dokumentation seiner diversen Gewächse unterstützen könnte. Es gebe dort sogar ein "Schmetterlingshaus", betonte Agnes. Außerdem wären da noch "zwei, drei andere Herren" der Amsterdamer Aristokratie, die bereit wären, sie ihrer künstlerischen Fertigkeiten wegen zu engagieren. "Für wie lange wäre das denn geplant?", fragte Maria Sibylla, und Agnes stutzte kurz, dann erwiderte sie "Nun, ich dachte, daß Sie ganz nach Amsterdam wechseln - natürlich nur, wenn Sie sich von Schloss Waltha leichten Herzens trennen können. Sie sollten sich das überlegen und mit Ihrer Tochter besprechen, ich würde gern bis nach Ostern eine Antwort erwarten."

In der Woche nach Ostern kam endlich ein Brief von Helena. Ihre Mutter war so erregt, daß sie ihn nicht öffnen und vorlesen konnte, deshalb übernahm es Dorothea. Maria Sibylla hatte beide Hände an die Wangen gelegt und schritt gesenkten Hauptes leise auf und ab, während sie zuhörte. Helenas Antwort war ausdrücklich an ihre Schwester gerichtet, sie schrieb, daß sie mit Dorothea "in allen Punkten" übereinstimme, sie lobte sie auch für ihren guten Einfall, auf den sie selbst nicht gekommen wäre. Sie habe, so teilte sie weiter mit, sowohl ihren, Dorotheas, Brief als auch ihre eigene Entscheidung an den Vater geschickt und der habe den Empfang bestätigt und den Beschluss akzeptiert.

Maria Sibylla vernahm alles ohne Regung, sie hörte gar nicht mehr auf, hin- und her zu gehen, Dorothea sagte "Mama! Hast du alles mitbekommen?" "Ja", hauchte sie. "Dann bist du mit allem einverstanden?" "Ja." Sie kam herüber, setzte sich an den Tisch und dann las sie den Brief selbst, sie beruhigte sich, schließlich sagte sie "Aber ich muss den beiden schreiben, das muss ich tun, sie sollen wissen, wie ich mich dabei fühle." Dorothea sagte "Ja, das solltest du tun, jetzt, wo keiner von uns mehr im Zugzwang ist." Maria Sibylla brauchte fast eine ganze Woche, um die zwei Briefe zu schreiben, sie schwieg dabei, und Dorothea sagte nichts. Dann schickte sie sie ab.

An diesem Abend wurde ihre Mutter wieder gesprächig, es war als wäre sie auf der Reise in ein heftiges Regengewitter geraten und klitschnass bis auf die Haut angekommen und als wäre alles wieder trocken. Ihr fiel - sie wusste selbst nicht, warum gerade jetzt - die kleine Begleiterin bei dem Pegnitzer Fährmann ein, die sie damals zu ihrem Blumenmädchen erkoren hatte. Als es dann mit ihrer Hochzeit soweit war, wollte sie ihr Versprechen einlösen, doch da musste sie erfahren, daß das Mädchen inzwischen an einer Blutvergiftung gestorben war. Das berührte sie sehr, obwohl sie bis dahin nicht einmal ihren Namen kannte. Bei der Feier gedachte dann das Hochzeitspaar mit einem Augenblick der Besinnung an die Kleine, vielleicht hatte sie sich schon so sehr auf ihren Auftritt gefreut.

* * * * *

Nach dem Tod ihrer Mutter ordnete Dorothea ihren ganzen persönlichen Nachlass, allein die Auflösung des Amsterdamer Haushalts erstreckte sich über fast anderthalb Jahre. Zirka drei Monate nachdem sie gestorben war, kam ein Engländer hierher, er hieß Henry Sinclair und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Königlichen Britischen Museum, das damals schon einen Weltruf hatte. Es besaß einige umfangreiche Sammlungen von den bedeutendsten Stätten der menschlichen Kultur, die bis dahin erschlossen waren. Und es hatte eine naturwissenschaftliche Abteilung, die beständig erweitert wurde und sich dann später - wie auch bei anderen Museen von Rang und Namen - als ein selbständiger Zweig der Naturhistorischen Forschung etablierte.

Er hatte von Maria Sibylla Merian's Tod gehört (niemand, so dachte Dorothea, hatte sie jemals anders, als mit ihrem Mädchennamen genannt, und sie fragte sich manchmal, ob ihr Vater Andreas Graff darüber immer so glücklich war). Sinclair kannte einige ihrer Arbeiten, darunter ihre eigenen Aquarelle und vieles von dem, was sie zum Werk von Georg Eberhard Rumpf beigesteuert hatte. Dennoch war er geradezu sprachlos angesichts der Fülle von Objekten, zu welcher ihre Privatsammlung offenbar im Laufe der Zeit angewachsen war, damit hatte er nicht gerechnet.

Er sagte, er wäre mit der Absicht hergekommen, "einen informativen Blick" auf das Angebot zu werfen, das sie, Merian's Tochter inseriert hatte. (Es handelte sich dabei um eine Annonce, die Dorothea in die Zeitung setzen ließ, um Interessenten für die "Raritäten" aus Maria Sibylla's Sammlung anzusprechen; der Wahrheit halber muss man sagen, daß sie hoffte, so viel wie möglich davon verkaufen zu können.) Nun jedoch wüsste er gar nicht, wo er auf die Schnelle anfangen sollte. Außerdem neigte es sich schon zum Abend.

Dorothea sagte, er möge morgen wiederkommen, sie würde ihn gern in aller Ruhe herumführen und er hätte dann wohl auch Muße, sich die "besten Stücke" auszusuchen. Sinclair überlegte einen Moment und ging auf ihren Vorschlag ein. Er war ein freundlicher und wie es schien gebildeter Herr mit angenehmen Umgangsformen, er wirkte gar nicht wie einer jener englischen Geschäftsleute, über die man im andern Teil Europas meistens die Nase rümpfte, wenn die Rede auf sie kam, und doch hatte er durchaus einen merkantilen Zug an sich. Er gab unumwunden zu, daß er als "Kustos" des Britischen Museums ein bestimmtes Budget zur Verfügung habe, aus dem er alle Ankäufe tätigen könne, und wenn das aufgebraucht sei, müsse er sich schleunigst zurückziehen, denn es gebe für ihn nichts Schrecklicheres, als vor einem "Objekt" zu stehen, das er um jeden Preis haben will, ihn aber nicht bezahlen kann. Dorothea lächelte und meinte es ihm nachfühlen zu können.

Sie zeigte ihm alles, und er machte sich dabei kurze Notizen, um bis zuletzt den Überblick zu behalten. Sie führte ihn durch die drei großen Räume in der zweiten Etage, die bis an die Decke vollgestopft waren mit Gläsern, Schachteln, Kisten, mit ausgestopften Vögeln und präparierten Krokodilen, mit Schlangen, Spinnen und Heuschrecken, mit Schaukästen voller schillernder Schmetterlinge und glänzender Käfer, mit Schildkrötenpanzern und einem Affenschädel, mit Körben voll Schneckenhäusern und mit getrockneten Krötenleibern, mit Skorpionen und Eidechsen und mit Dutzenden weiterer Kreaturen; in einem Regal über die ganze Wand standen dicht an dicht die Behälter mit Branntwein, in welchem sich die Reptilien so unversehrt gehalten hatten, daß sie fast aussahen, als würden sie schlafen, nur ihre Haut war verblichen.

"Das war sozusagen die zoologische Abteilung", sagte Dorothea, und sie gingen ins Hinterhaus, wo in zwei weiteren Zimmern alles an Pflanzen und "nicht ortsveränderlichen Gewächsen" gelagert war, dazu stapelweise ihre Herbarien, aus denen sie bis zuletzt die Vorlagen für ihre Aquarelle genommen hatte, obwohl auch hier den Blüten längst ihre Farbigkeit verlorengegangen war. Hier standen auch die Kisten mit den Kupferplatten, es waren einmal an die fünfhundert gewesen, von denen Dorothea bereits einen ganzen Schwung verkauft hatte. (Das verschwieg sie Herrn Sinclair, denn ein bisschen Ahnung vom Geschäft hatte sie auch.)

"Gibt es noch Exemplare ihrer Bücher?", erkundigte er sich, und sie sagte, es gebe noch drei halbkolorierte Ausgaben des Blumenbuchs, "halbkoloriert, nicht handkoloriert", betonte sie, und Sinclair nickte "Ja, ja, ich weiß, ich kenne diese Varianten, ich habe sie in einer Londoner Buchhandlung gesehen. Sonst nichts?" "Ein Exemplar des Raupenbuchs mit eigenen Randbemerkungen, das war ihr 'Handbuch' für die Verbesserungen. Außerdem ein Band der Metamorphosis insectorum, aber er hat ein paar Fehldrucke." "Kann ich das Raupenbuch mal sehen?" "Ja, es ist drüben im Schrank."

Er folgte ihr, er fragte "Wie lange haben Sie ihre Mutter eigentlich begleitet?" "Oh, ziemlich lange, ich dachte irgendwann, ich würde nie von ihr loskommen", sagte sie und lachte, Sinclair lachte auch. "Haben Sie sich immer vertragen?" "Du liebe Güte, das ist aber eine persönliche Frage. Na ja, eigentlich ... doch, ja ... ich habe da noch nie drüber nachgedacht, aber wahrscheinlich war es so, ich kann mich jetzt auf Anhieb jedenfalls auf nichts Gegenteiliges entsinnen." "Sie haben früher schon mal eine Zeit lang in Amsterdam gewohnt, stimmt's?" "Ja, warum?" "Ich weiß das bloß, weil ich mich schon vor Jahren für die Arbeiten Ihrer Mutter interessiert habe, aber dann waren Sie hier nicht erreichbar." "Nein, wir waren erst nach unserer Rückkehr wieder hier und - auf einmal schaute sie ihn verblüfft an - oh Gott! Sie sind das! Ich wusste doch, daß ich den Namen von irgendwoher kenne! Sie haben damals Ihre Karte dagelassen, nicht wahr!" "Ja, bei der Frau Osterwiek." "Nein, so was." Sie freute sich über die alte Bekanntschaft, die nie eine geworden war.

"Da wollten Sie also damals schon etwas für Ihr Museum ankaufen?" "Nein, da war ich noch nicht beim Museum." "Und was hatte Sie dann hergeführt?" Sinclair druckste ein bisschen herum, dann sagte er "Mich hat die Denkweise Ihrer Mutter interessiert." "Wie kommen Sie denn darauf? Woher wollen Sie etwas darüber gewusst haben, Mister Sinclair, haben Sie so etwas wie telepathische Kräfte?" Er sagte "Nein, keinesfalls! Es mag Ihnen vielleicht seltsam erscheinen, aber ich bin der Ansicht, daß man aus dem, was ein Mensch ... na, ich schränke es etwas ein ... was ein schöpferischer Mensch an Werken hervorbringt, erkennen kann, wie seine Geisteshaltung beschaffen ist, jedenfalls in wesentlichen Punkten."

"Hm", machte Dorothea, er fragte "Kennen Sie den Begriff 'Präformation'?" "Nein, was bedeutet das?" "Kurzgesagt, daß zum Beispiel in einem Samenkorn einer Pflanze deren ganze Entwicklung und Entfaltung ursächlich begründet liegt, und wenn man bedenkt, daß jede Pflanze ihrerseits weitere Samen hervorbringt, dann könnte man mit Fug und Recht annehmen, das Dasein dieser Pflanze - als Art, verstehen Sie - ist von Anfang an vorherbestimmt, und zwar bis in alle fernere Zeit und - wenn sie so wollen - bis in die Ewigkeit. Eine faszinierende Vorstellung, finden Sie nicht?" "Hm", machte Dorothea wieder, "hier ist das Raupenbuch, das ich meine, wir können es da auf den Tisch legen." "Ja, danke." Sinclair holte eine Brille aus dem Etui, setzte sie auf und beugte sich über das Buch, während Dorothea ihn anschaute.

"Und Sie glauben, daß meine Mutter das ähnlich gesehen hat?" Er richtete sich auf. "Sie hat ein paar Dinge über die Metamorphose geschrieben, aus denen ich entnehmen konnte, daß sie sich Gedanken über die Frage gemacht hat, wo diese Zwangsläufigkeit der Veränderung eigentlich herrührt. Es gibt dabei ja eigentlich keine ersichtlichen Gründe, weshalb sich zu einem bestimmten Zeitpunkt das Ei in eine Larve, die Larve in eine Raupe und so weiter verwandelt - oder können Sie mir so etwas wie einen Befehl nennen, der diese Kreatur veranlasst, dies zu tun?"

Dorothea sagte "Sie haben recht, darüber hat sich meine Mutter oft den Kopf zerbrochen. So war sie nun mal. Sie hat sich nie mit den offensichtlichen Tatsachen begnügt, sie war nie mit den Phänomenen zufrieden, die freilich immer voller Geheimnisse stecken, sie hat nie wirklich zu innerer Ruhe finden können, solange sie keine Erklärungen für alles gefunden hatte." "Hat sie an einen Gott geglaubt?", fragte Sinclair und setzte hinzu "Ich habe nirgends eine eindeutige Aussage gefunden." "Was vermuten Sie selbst?", fragte Dorothea. "Ich denke, ja. Aber an einen Gott, der in Allem wirkt und der nicht in einer einzigen Gestalt und auch nicht in einer Autorität fassbar ist."

Dorothea sagte "Das sind immer alles so Begriffe, es ist mir schon von jeher schwergefallen zu sagen: 'Ja, das stimmt' oder 'Nein, es ist anders', ich habe meine Schwierigkeiten, solche Sachen voneinander abzugrenzen, deshalb kann ich Ihnen jetzt auch nicht genau sagen, ob das tatsächlich ihre Vorstellung von einem Gott war. Ich erinnere mich, daß wir einmal bei einem Linsenschleifer hier in Amsterdam waren, wir wohnten damals in Utrecht, das war ein Jude, der von seinen Glaubensbrüdern verstoßen worden war wegen seiner unerhörten Ansichten."

Sinclair sagte "Das war Baruch Espinoza?" "Ja, genau, so hieß er. Und der hatte, wenn ich mich recht entsinne, von einem Gott gesprochen, der keine Person wäre, sondern eine 'Substanz' - Substanz, kann das sein?" "Ja", bestätigte Sinclair, "'eine Substanz, die sich in sich und durch sich begreift und nicht den Begriff eines anderen Dinges nötig hat, um daraus gebildet zu werden', entschuldigen Sie, das ist einer der wenigen Sätze, die mir von ihm in Erinnerung geblieben sind." "Dann kannten Sie ihn auch?" "Nein, nein, aber ich habe ihn in meiner Jugend mal gelesen." "Ja, sehen Sie, das sind so Formulierungen, mit denen ich eigentlich nicht viel anfangen kann, wobei ich mich hüte zu sagen, sie wären falsch, denn das kann ich gar nicht beurteilen. Ich würde sogar behaupten, daß ich mir oft Mühe gegeben habe, sie so weit wie möglich zu verstehen - mein Onkel Frederick hatte mir dabei sehr geholfen, der konnte einem alles so schön erklären."

Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie "Das ist verrückt! Sie schaffen es, Mister Sinclair, daß mir all' die alten Sachen wieder einfallen, ja, ich habe das mit der ... wie heißt das? ... Präformation? ... auch schon mal gehört, und zwar von unserm trefflichen Doktor Sigurdson, der hatte nämlich als Lehrer den Jan Swamerdam, der war auch hier in Amsterdam, der ist aber kurz bevor ich mit meiner Mutter hierher kam, gestorben. Sagt Ihnen der Name auch was?" "Jan Swamerdam, ja. Er hat einige sehr bedeutende Entdeckungen gemacht, zum Beispiel was die menschliche Fortpflanzung betrifft."

"Genau", sagte Dorothea, "die Geschichte mit den Eiern, die sich im Unterleib der Frau befinden, und mit den Samenfäden aus dem Hoden des Mannes - oh! - glauben Sie nicht, bloß weil ich jetzt so locker darüber rede, daß mich das damals nicht zutiefst beschämt hat, überhaupt auch nur dabei zuzuhören!", sie lachte, "Na ja, das war schon ganz schön neuartig, was der so von sich gab. Aber trotzdem, ich meine, es hat sich ja erwiesen, daß er recht hatte, oder?" "Hundertprozentig. Der Swamerdam war, glaube ich, ein sehr eigenartiger Mensch, aber er hat der Wissenschaft zu großen Fortschritten verholfen."

"Jedenfalls, was ich sagen wollte: der Swamerdam hat doch auch gesagt, daß in den männlichen Samenfäden und im weiblichen Ei das Kind, das durch ihre Vereinigung entsteht, sozusagen im Klitzekleinen schon vorgebildet ist ... also das hat mich schon sehr beeindruckt ... doch, ja, muss ich schon sagen ... und das hat mich ja auch direkt betroffen, als Frau, meine ich." Sie nickte wie zur eigenen Bestätigung, Sinclair meinte "Das ist beim Menschen genauso wie bei den Pflanzen, und viele Wissenschaftler sind der Ansicht ..." "Und der Swamerdam", unterbrach ihn Dorothea, als hätte sie gerade noch etwas hervorgekramt, "ist doch dann zu dieser ... zu dieser - sie schnippte mit den Fingern - na, wie hieß sie noch gleich ... Bourignon! Antoinette Bourignon de la Porte! Kennen Sie die auch?" "Sorry, nein, obwohl das ein Name ist, den man schwerlich übergehen kann."

"Die Bourignon, das war so eine 'Schwärmerin', zu der hat er sich unwiderstehlich hingezogen gefühlt, wie zu ... wie zur Jungfrau Maria. Das ist überhaupt merkwürdig, finden Sie nicht auch, manche dieser Männer, so viel sie auch wissen, fühlen sich zur Jungfrau Maria hingezogen, und die Frauen fühlen sich zu Jesus Christus hingezogen. Mein Onkel Frederick fühlte sich zu einer Frau namens Anna Maria Schurman hingezogen, die war ungeheuer schlau, sie hat auch Wissenschaft betrieben, und sie fühlte sich natürlich zu Christus hingezogen."

Sinclair hörte ihr mit gefälliger Miene zu, sie sagte "Ach, ich erzähle Ihnen hier so komisches Zeug." "Nein, gar nicht komisch." "Na ja, es ist alles lange her, vielleicht fällt es mir bloß ein, weil es mich damals so beschäftigt hat, unbewusst, verstehen Sie. Mein Onkel Frederick war uns sowieso allen ein rätselhafter Mensch." Sinclair nickte verständnisvoll, und sie war froh, daß er nicht fragte, was aus ihm geworden war.

"Aber eins wundert mich, Mister Sinclair." "Ja, was?" "Wenn Sie selbst sich für solche Gedanken begeistern und gern nachvollziehen, wie andere darüber gedacht haben, wie können Sie dann den ganzen Tag mit all' diesen toten, oder jedenfalls leblosen Gegenständen in Ihrem Museum zubringen?" Er entgegnete "Da muss ich Sie eines besseren belehren. Es sind für mich keine leblosen Dinge. Ich hatte schon als Kind eine Fähigkeit, aus der äußerlichen Beschaffenheit von Objekten auf eine innere - man muss eher sagen: eine immanente Struktur zu schließen. Es klingt wie ein Widerspruch, aber deshalb bin ich auch kein Wissenschaftler geworden, weil ein Wissenschaftler die Gegenstände, die er untersucht und erforscht, bloß nach ihrem im Grunde zufälligen oder willkürlichen Vorkommen betrachtet, gewissermaßen wie ein Arzt, der tagtäglich ein Dutzend oder mehr Patienten behandelt und sie am Abend alle vergessen hat, er sieht in jedem Patienten nur die Krankheit, die es zu behandeln gilt, aber nicht das einzelne Individuum, das darunter leidet."

Dorothea wandte ein "Unser Doktor Sigurdson war aber nicht so." "Ja, es gibt immer Ausnahmen, ich will auch niemanden schlechtreden, und es war vielleicht nur ein unglücklicher Vergleich. Wissen Sie, ein Museum ist für mich der beste Ort, um Dinge für die Nachwelt aufzubewahren, welche die Natur oder der Mensch zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt unter ganz bestimmten Umständen geschaffen haben, und wenn man diesen besonderen Blick dafür hat, dann fangen diese Dinge an, einem alles zu offenbaren, was an Ideen, Taten, Ereignissen, an Glück und Leid in sie eingeflossen ist. Ich spreche daher auch gern von 'Fundstücken', denn man findet darin sozusagen einen Zugang zu dieser Welt. Ich glaube, Ihre Mutter hatte einen solchen besonderen, eigenen Zugang gefunden - und das ist es, was ich in ihren Darstellungen erkennen kann."

An diesem Abend musste Dorothea noch lange über die Worte von Mister Sinclair nachdenken. Sie stöberte auch eine Weile in Maria Sibyllas Sachen herum und fand ein paar davon, die eindeutig in die Amsterdamer Zeit gehörten, zum Beispiel das Mikroskop, welches sie bei der Versteigerung von Jan Swamerdams Nachlass erstanden hatte, gleich nachdem sie hier angekommen waren. Es übte die gleiche Faszination auf sie aus wie seinerzeit das Vergrößerungsglas (und übrigens auch wie Marell's Schwarze Camera).

Dorothea drehte und wendete es in ihren Händen, und sie stellte sich vor, wie Swamerdam mit diesem Instrument seinen Entdeckungen auf die Spur gekommen war, die das Wissen über die menschliche Fortpflanzung so nachhaltig geprägt hatten; sie fuhr mit den Fingern über die Teile aus Messing, und sie spürte, wovon Sinclair gesprochen hatte.

* * * * *

In Amsterdam angekommen, nahmen sie Quartier in der Englischen Gasse, dort blieben sie aber nur eine Woche, denn als Maria Sibylla am dritten Tag Agnes van Sommelsdyk aufsuchte, vermittelte diese sie an eine andere Adresse am Zuckerbäcker Steg in der Nähe der Schreyhoekstoren, welcher Ort so hieß, weil da zwei Kanäle im spitzen Winkel aufeinandertrafen. Später erzählte jemand, daß einmal Henry Hudson hier gewohnt habe. Der Zuckerbäcker Steg ging ursprünglich auch an einem Kanal entlang, welcher aber zum größten Teil zugeschüttet und bebaut worden war. Es gab hier mehrstöckige Häuser mit relativ breiten Fassaden, und auf der Rückseite waren etliche üppige Gärten.

Sie bezogen zwei Zimmer in ersten Stock, das eine hatte eine Tür, die auf einen kurzen Gang führte, der wiederum ins Treppenhaus mündete, aus Dorotheas Zimmer ging eine andere Tür auf eine überdachte Holzgalerie, über die man rechts und links zu zwei Nebengebäuden gelangte, in dem rechten war ständig Betrieb, während das andere anscheinend ein paar stille Winkel hatte. Von der Galerie konnte man auf den Hof hinunter schauen. Gegenüber standen zwei schmale Häuschen mit einem noch schmaleren Durchgang dazwischen, durch den man vom Hof auf die Jakobs Gasse und ein paar Schritte weiter auf die Pfaffenbrücke oder auf den Feigendam kam, je nachdem, welche Richtung man einschlug. Es dauerte ungefähr acht Tage, bis Dorothea sich da auskannte, und sie hatte sich zweimal ganz schrecklich verlaufen, so daß sie Passanten ansprechen musste, die ihr Auskunft gaben, welche leider auch nicht jedesmal zuverlässig war.

Die Besitzerin des Hauses, in dem sie wohnten, war eine Frau namens Louisa Osterwiek und sie war eine Seemanswitwe. Sie verriet niemandem ihr wahres Alter. Sie war eine korpulente Person mit blondem Haar und etwas krummen Beinen, die man aber nur sehen konnte, wenn sie beim Treppensteigen ihren Rock raffte. Sie hatte große blaue Augen und einen breiten Mund mit vollen Lippen. Sie war freundlich, aber sie konnte sich schnell aufregen und dann auch richtig grantig werden, vor allem, wenn sie sich gestört fühlte. Sie ließ sich, wie man so sagt, nicht die Butter vom Brot nehmen, und sie hatte einen merkwürdigen Wahlspruch, der lautete: Jeder Heller in deiner Tasche hat vorher jemand anderem gehört. Als Dorothea sie einmal fragte, was das bedeutet, antwortete sie "Denk' mal drüber nach, meine Süße."

Ihr verblichener Gemahl war Steuermann auf einem Segler gewesen, mit dem er regelmäßig bis nach Batavia unterwegs war; bei einem schweren Sturm hatten sie Schiffbruch erlitten und er war ertrunken. Sein Vater, ihr Schwiegervater, war ebenfalls Seemann gewesen, er war dabei, als die Festung Zeelandia auf Formosa von den Chinesen eingenommen wurde, ihr Kommandant war Frederick Coyett, und ihr Schwiegervater hatte ihm bei dem Überfall das Leben gerettet. Coyett wurde dann allerdings wegen seines militärischen Fehlverhaltens verurteilt, und der tapfere Aryen Osterwiek war sich nicht mehr so sicher, wie heldenhaft seine Tat gewesen war. Er kam später ebenfalls im schweren Sturm ums Leben.

Louisa hatte zwei Söhne, der ältere trat sozusagen in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters - er ertrank bei einem Unwetter vor Kap Hoorn. Der jüngere aber war ganz anders geraten. Er kam manchmal zu Besuch, und Dorothea musste feststellen, daß er mit den Porträts seiner Vorfahren, die bei der Witwe im Treppenhaus hingen, nicht die geringste Ähnlichkeit hatte. Er war Rechtsanwalt in Antwerpen und mit einer Französin verheiratet, die aus einer Winzerfamilie stammte. Daher war hier im Haus immer ein edler Tropfen im Angebot.

Weil ihr Gemahl auch früher schon meistens abwesend war, hatte sich Frau Louisa auf vielerlei Beschäftigungen verlegt. Das Haus, in dem sie wohnte, war viel zu groß für sie allein, deshalb vermietete sie den überwiegenden Teil der Zimmer an Reisende, die nach Amsterdam kamen. Ihr Mann hatte in Diensten der Ostindischen Compagnie sehr gut verdient und nach seinem Tod erhielt sie sogar eine Rente aus dem Geld, das noch zu seinen Lebzeiten bei der Amsterdamer Bank angelegt worden war.

Irgendwann kaufte sie nacheinander die beiden Häuser rechts und links dazu, in dem einen vermietete sie ebenfalls Zimmer, während das andere eine Zeit lang leerstand, was in der Straße dazu führte, daß man es bald ein Geisterhaus nannte (über die Osterwiek kursierten sowieso die seltsamsten Gerüchte, die alle mehr oder weniger mit dem Meer zu tun hatten).

Sie war Wirtin in der Alten Herberge auf der Prinzen Insel gewesen, das war mal eine der Ersten Adressen am Ort, sie hatte dort - freilich mit einem ganzen Stab von Gehilfen - alles organisiert, von der Aufbereitung der Zimmer bis zur Verpflegung der Gäste, sie hatte zahlreiche nützliche Kontakte geknüpft und viele wertvolle Informationen über alle möglichen Vorgänge in der Geschäfts- und Handelswelt Amsterdams gewonnen. Sie hatte sich dann mit dem Eigentümer der Alten Herberge in die Haare gekriegt und im Zorn alles hingeschmissen, um bald darauf die Neue Herberge an der Sparrendamer Brücke zu übernehmen.

Da hin kamen zwar weniger ausländische Kaufleute, aber es herrschte ein reger Schiffsverkehr. Es gab eine Fährlinie nach Vogelwig, die ging jede Stunde, woran man sehen kann, wie viele Leute sie benutzten. Es gab ein Schiff in Richtung Haarlemer Tor und ein anderes nach Edam, von wo man auf kürzestem Weg nach Purmerend gelangte; und man konnte in vier Stunden in Hoorn sein, von dort ging es weiter über Enkhuizen und Harlingen nach Grohningen, Emden und so fort - praktisch auf der günstigsten Route nach Norddeutschland. In der Neuen Herberge versorgten sich die Reisenden mit Proviant, das war Louisa's Hauptgeschäft.

Auf dem Zuckerbäcker Steg gab es selbstverständlich einen Zuckerbäcker, und Louisa war an dem Laden beteiligt. Sie backte auch selber Kuchen, am meisten Zitronenkuchen und welchen mit Kakao und Rum, sie waren immer rasch ausverkauft. Am Anfang, als Maria Sibylla sich in Amsterdam zunächst eingewöhnen musste und die ersten Aufträge bekam, arbeitete Dorothea manchmal stundenweise in der Bäckerei, sie knetete Teig, sie hatte am dritten Tag einen höllischen Muskelkater in den Armen, der sie aber nicht niederzwingen konnte, und nach einer Weile hatte sie wieder alles buchstäblich im Griff. Sie half auch vorn im Laden beim Verkauf, der Meister hatte ihr extra ein weißes Kleid mit himmelblauer Schürze und einem Häubchen gegeben, sie sah aus wie ein echt höllandisches Stubenmädchen, die Leute mochten sie, und sie war umgänglich mit ihnen.

Die Gäste in Louisas Haus trafen sich oft im sogenannten Blauen Salon (natürlich wegen der Farbe des Meeres, obwohl das, wie jeder gestandene Seemann erklärte, niemals wirklich blau war). Der Blaue Salon hatte denn auch eine eher blaugrüne Tapete, die mit einem angenehmen Braun von der Holztäfelung harmonierte. Von der Decke hingen zwei Kronleuchter, und es gab zwei Tische, einen größeren und einen kleineren, mit Polsterstühlen sowie mehrere wuchtige, weiche Sessel am Rand, wo man in aller Gemütlichkeit ein Glas Wein genießen und dabei Löcher in die Luft gucken konnte. Die drei Fenster an der Straßenfront hatten rundherum Ornamente aus farbigem Glas, und an den Wänden hingen herrliche Gemälde mit maritimen Motiven. Auf dem Boden lagen feine Seidenteppiche. Irgendjemand saß immer im Blauen Salon. Louisa sorgte für die neuesten Zeitungen, und sie hatte sogar einen "Kurier" bei der Hand, der auf Wunsch eilige Mitteilungen austrug, der machte sich dann schnell wie ein Hase auf den Weg.

Dorothea liebte es, sich mit den Gästen im Salon zu unterhalten. Da war ein Russe, der hieß Alexej Lugowoi. Er war ein schmächtiger Mann, noch jung und fast immer in einen schwarzen Mantel gehüllt, der aussah, als wäre er schon lange vor ihm dagewesen. Er hatte ein schmales, blasses Gesicht mit der Andeutung eines Bartes, sein Haar war schwarz wie sein Mantel, und seine kastanienbraunen Augen lagen tief in ihren Höhlen, aber er hatte einen scharfen Blick, und es entging ihm nichts von dem, was um ihn herum geschah. Dennoch saß er stets, mit übereinander geschlagenen Beinen und verschränkten Armen zur Seite gekehrt, so da, als wäre ihm alles ganz fremd und unverträglich und als hielte er die Umgebung nur mit Hilfe einer Medizin aus. Er hustete dauernd, es war ein hartnäckiger aber schwächlicher Husten, wie von einem schmalbrüstigen Mädchen. Deshalb nahm er tatsächlich eine Medizin, auf einem silbernen Teelöffel (den ihm Louisa überlassen hatte) aus einem dunklen Fläschchen mit einem kleinen Korken, das er in seiner Manteltasche bei sich trug. Im Blauen Salon saß er immer am schmalen Ende des Tisches auf demselben Stuhl, als hätte er ihn selber mitgebracht.

Dorothea fragte ihn "Woher kommen Sie, Herr Lugowoi?" "Aus Russland." "Das weiß ich. Ich meine, woher dort?" "Aus Woronesch." "Wo liegt das? Ach, sagen Sie bitte nicht: in Russland", meinte sie und lächelte verschmitzt. "Am Don." "Das ist ein Fluss?" Er nickte. "Ein großer Fluss?" Er nickte. "Können Sie mir ungefähr beschreiben, wo entlang er fließt? Es interessiert mich wirklich." Er musste husten, er hielt sich dabei den Ärmel seines Mantels, der weit über seine Hand reichte, vor den Mund, er sagte "Verzeihung." "Keine Ursache", erwiderte Dorothea und schaute ihn unverwandt an. "Man könnte sagen, der Don fließt von Norden nach Süden, allerdings keineswegs geradlinig, sondern in einem weiten Bogen. Er entspringt südlich von Moskau und mündet bei Asow in das Asow'sche Meer, das praktisch durch eine handbreite natürliche Schleuse mit dem Schwarzen Meer verbunden ist, welches bekanntlich durch den Bosporus in das Mittelmeer fließt, das dann bei Gibraltar einen offenen Zugang zum Atlantischen Ozean hat, genügt Ihnen das." Dorothea hat ihn nie wieder so viel am Stück reden hören und er hatte sich so verausgabt, daß ihn ein heftiger Hustenanfall schüttelte.

Sie wusste nicht recht, ob er sie nur ein für alle Mal loswerden oder mit seinen geographischen Kenntnissen vor ihr angeben wollte, denn offenbar niemand sonst interessierte sich dafür. Beim nächsten Gespräch sagte sie "Die Wolga fließt auch durch Russland." "Ja, und?" "Ich meine ja bloß. Kann man die Wolga mit dem Don vergleichen?" "Wozu?" "Nur so, um ... ich finde, jeder Fluss hat seinen eigenen Charakter, oder nicht?" Alexej sagte "Sie sind nicht die Erste, die das feststellt." "Das habe ich auch gar nicht für mich beansprucht." Er sagte "Viele Leute meinen, die Wolga sei die Mutter aller russischen Flüsse." "Teilen Sie diese Ansicht?" Er zuckte mit den Schultern, dann fügte er hinzu "Der Don könnte der Vater sein. Wenn man so will." "Und gibt es auch ein Kind?" Er musste unwillkürlich lachen, es war eher ein Hüsteln mit offenem Ausgang. "Wie soll das denn zustandekommen?"

Ein andermal fragte sie ihn "Was ist eigentlich der Grund Ihres Aufenthalts, Alexej?" Er sagte "Ich bin Angehöriger der Großen Gesandtschaft." Dorothea platzte ein Lacher heraus. "Was gibt's da zu lachen." "Nichts. Gar nichts. Wer schickt Sie denn?" "Bitte?" "Wer hat Sie denn hierher gesandt?" "Ich bin nicht allein hier." "Aha. Und wo sind Ihre Begleiter?" Er drehte sich auf seinem Stuhl ausnahmsweise ein Stück zu ihr hin und schaute sie an: "Mademoiselle, hat Sie vielleicht irgendjemand beauftragt, mich auszuhorchen?"

Sie erzählte es Maria Sibylla, die meinte, dieser Lugowoi sei wahrscheinlich ein russischer Emigrant, ein politisch Verfolgter, der hier Unterschlupf gesucht habe und deshalb auch so misstrauisch wäre. Außerdem hätte er bestimmt die Schwindsucht und sie solle ihm lieber nicht zu nahe kommen.

Obwohl er immer knurrig und abweisend war, fand Dorothea ihn nicht unsympathisch, und sie hatte auch bald das Gefühl, sie würden einander ein wenig nähergekommen sein. Sie fragte Louisa über ihn aus und erfuhr, daß die Große Gesandtschaft, von der er gesprochen hatte, nicht etwa ein Hirngespinst war, sondern tatsächlich eine Gesandtschaft unter der Führung des Russischen Zaren höchstpersönlich, der sich aber dabei nicht zu erkennen gebe und sogar unter falschem Namen auftritt. Das klang jedoch am Ende noch unglaubhafter als die Äußerungen von Alexej.

Sie fragte ihn "Alexej, wenn Sie wirklich ein Mitglied der Großen Gesandtschaft des Russischen Zaren sind, wie kommt es dann, daß Sie aus Woronesch stammen und nicht aus Moskau, wo bekanntlich der Zar beheimatet ist?" Er sah sie komisch an, dann sagte er "Woronesch gehört genauso zu Russland wie Moskau." "Ja, aber wie ist er auf Sie gekommen?" "Er hat meinem Vater befohlen, daß ich ihn begleite." "Wen jetzt?" "Den Zaren, wen sonst." "Ach, dann ist Ihr Vater in der Russischen Armee?" "Nein, wieso." "Du liebe Zeit, Alexej, ich lass' mir doch auch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen, wenn ich mit Ihnen rede!"

Er wurde wieder von einem Hustenanfall unterbrochen, dann sagte er "Unser Zar hat die Angehörigen der Gesandtschaft eigenhändig ausgewählt, und da war ich dabei." "Da ist er extra dafür nach Woronesch gekommen." Alexej sagte "In Woronesch gibt es eine bedeutende Schiffswerft. Der Zar lässt schon seit Jahren dort Schiffe bauen, überwiegend Kriegsschiffe." "Für wen? Ich meine, gegen wen?" "Gegen die Türken natürlich, gegen wen sonst." "Woher soll ich denn das wissen. Sind die Türken Russlands Feinde?" "Schon immer." "Warum?" "Sie sind Muselmanen." "Und Sie?" "Ich bin ein orthodoxer Russe, griechisch orthodox, um genau zu sein." "Das ist ... können Sie mir was Vergleichbares bei uns nennen?" "Was haben Sie nur immer mit Ihren Vergleichen?" "Na, da kann ich das besser einordnen!" Er sagte "Es gibt eine römisch orthodoxe Kirche, das ist die herkömmliche Papstkirche." "Aber zu der gehören Sie nicht direkt." "Wir haben keinen Papst, sondern einen Patriarchen." "Interessant."

Alexej erklärte "Da, wo der Don in das Asow'sche Meer mündet, liegt die Stadt Asow." "Ich weiß, das hab' ich von Ihnen gelernt." "Asow ist eine Niederlassung der Alten Griechen, und deshalb existiert dort heute die griechisch orthodoxe Religion. Irgendwann haben die Türken Asow überfallen und versucht, einen Brückenkopf in das Russische Reich zu schlagen." "Was ist ein Brückenkopf?" "Ein militärischer Posten, von dem aus man ein Land zu erobern versucht." "Ah, ich verstehe", sagte Dorothea, "und nun gebt ihr euch alle Mühe, die Türken von da wieder zu vertreiben."

Er nickte, dann sagte er ganz von selbst "Mein Vater ist Holzhändler und Sägewerksbesitzer, ihm gehören schier grenzenlose Wälder in der Gegend." Sie ergänzte "Und das Holz benötigt man, um Schiffe zu bauen." "Genau." "Aber mir ist noch nicht ganz klar, weshalb der Zar Sie ausgewählt hat." "Sollte vielleicht mein Vater selbst gehen, wer sollte dann sein Unternehmen leiten?" "Haben Sie Brüder?" "Drei." "Und von denen konnte ..." "Er hat mich geschickt! Ist das so schwer zu begreifen?" "Nein. Entschuldigung, wenn ich Ihnen zu nahegetreten bin." "Ist schon in Ordnung."

Wenn bei Louisa Osterwiek im Hause jemand krank wurde, kam Doktor Sigurdson vorbei, ein kleiner, gemütlicher Herr mit Brille, ohne Haupthaar und mit einem silberweißen, wuscheligen Backenbart, die Doktortasche aus Krokodil Leder hatte er immer bei sich. Mit ihm hatte sich Dorothea gleich angefreundet, und er war auch immer sehr galant zu ihrer Mutter. Er behandelte Maria Sibylla einmal, als sie diffuse Beschwerden im Unterleib hatte; was die Probleme seiner Patienten anging, war er verschwiegen wie eine Eule.

Er war ein sehr fachkundiger Medicus. Einmal sagte er zu Dorothea "Deine Aussprache ist so anders, hast du irgendwas in der Nase?" "Es krabbelt seit ein paar Tagen so seltsam." "Rechts oder links?" "Rechts." Er gab ihr ein Fläschchen mit einer öligen Tinktur. "Mach' davon etwas auf deinen Popelfinger und streich' es ins Nasenloch, du musst es mehrmals anwenden." "Ja, danke." Es wirkte, er sagte hinterher, es wären sogenannte Polypen, die sich manchmal in der Nase bilden. Daran sah sie, daß ihm die kleinste Veränderung am Zustand der Leute auffiel.

Von ihm bekam auch Alexej seine Medizin. Darüber äußerte sich Doktor Sigurdson nicht, aber auf Dorotheas Anfrage hin berichtete er ihr einiges über den Russischen Zaren und seinen etwas täppisch verbrämtem Aufenthalt in der Stadt. Zar Peter der Erste (seine Untertanen nannten ihn den Großen, welchem Namen er, wie Dorothea dann feststellen konnte, schon allein durch seine enorme Körpergröße gerecht wurde) hatte beschlossen, sich auf eine Reise durch Westeuropa zu begeben, um die Gepflogenheit fremder Länder und vor allem deren großartige, moderne Errungenschaften zu studieren und nebenher - das meinte jedenfalls Doktor Sigurdson - möglichst unauffällig auch auszuspionieren. Der Doktor sagte "Er weiß nur zu gut, daß Russland für die nächsten hundert Jahre vom europäischen Fortschritt abgehängt wird, wenn er seinem Land keine tiefgreifenden Reformen verpasst."

Laut Doktor Sigurdson arbeitete Zar Peter als einfacher Zimmermann auf einer Amsterdamer Werft, um sich im Schiffbau Handwerk ausbilden zu lassen. Dorothea fragte "Erkennt ihn denn niemand?" Der Doktor erwiderte "Und selbst wenn, will man es ihm verwehren? Wenn er sich mit der Axt ins Bein hackt, ist das seine Schuld, niemand wird dafür jemanden bestrafen, weil er den Zaren verletzt hat. Freilich, ein bisschen ungewöhnlich ist das schon und ich könnte mir schwerlich einen andern europäischen Monarchen dabei vorstellen, ohne daß ich über solches Komödiantentum lachen müsste. Aber vielleicht tue ich dem Zaren auch unrecht. Möglicherweise hat er sich ja wirklich was dabei gedacht." "Und was machen seine Gesandten? Arbeiten sie auch alle auf der Werft? Dann drückt sich Alexej wohl davor? Meine Mutter sagt, er wäre ein Emigrant." "Nun, Mademoiselle Graff, da müssen Sie ihn am besten selbst fragen. Aber soviel ich weiß, sind die andern Leute aus seinem Gefolge damit beauftragt, das Land zu erkunden, es sollen ja an die dreihundert sein, er hat sie angeblich regelrecht dazu verdonnert."

"Sind Sie dem Zaren hier schon selbst begegnet, Herr Doktor?" "Ja, auf dem Damrak, er ist nicht zu übersehen, er überragt die Leute wie König Saul um Haupteslänge. Er soll sich auch gern die Attraktionen am Spielbrunnen ansehen, überhaupt scheint er mitunter im Gemüt wie ein kleiner Junge zu sein und zu den tollsten Streichen gegen seine Mitmenschen aufgelegt, manche sind allerdings der Meinung, er wäre zeitweise nicht ganz richtig im Kopf - ich darf das sagen, denn er gehört nicht zu meinen Patienten."

Dorothea schlich so lange durchs Haus, bis sie Alexej wieder im Salon sitzen sah. Sie sagte "Ich habe gehört, daß zu Ihrer Gesandtschaft an die dreihundert Leute gehören, stimmt das?" "Ja, das könnte hinkommen." "Kennen Sie die alle?" "Nein, warum sollte ich?" "Der Zar arbeitet momentan auf einer Werft", stellte sie fest, Alexej fragte "Wie spät ist es?" "Gleich halb vier." "Da ist er nicht mehr auf der Werft." "Sondern?" "Er ist längst wieder in Zaandam, bei seiner Holländerin, da treibt er sich 'rum bis morgen früh." Dorothea sah ihn groß an.

Sie ging zu Frau Louisa und erkundigte sich, wo Zaandam liegt. "Das ist ein Stadtviertel im Norden, warum fragst du, Süße." "Ach nur so, vielleicht mache ich mal einen Ausflug da hin." "Ja, tu' das. Nimm' doch Alexej mit, der kennt sich dort aus." Was sollte das heißen? Wusste Louisa, was der Zar dort mit seiner holländischen Bekannten "treibt", wie sich Alexej ausdrückte? Und war Alexej womöglich selbst daran beteiligt? Aber er war ja die meiste Zeit hier - obwohl: die letzten zwei Tage nicht!

Sie fragte ihn "Alexej! Würden Sie mir einen Gefallen erweisen und mich einmal in die Stadt begleiten?" "Ich?" "Ist noch jemand hier im Raum, der Alexej heißt." "Wohin denn?" "Nach Zaandam." "Tut mir leid, Mademoiselle, da möchte ich nicht hingehen." "Warum nicht, Ihr Gesandtschaftsführer ist doch auch dort." "Ebendeshalb. Es heißt: Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst." Sie sagte "Das klingt ja fast so, als wären Sie nicht besonders gut auf den Zaren zu sprechen." Alexej hielt es nicht für nötig darauf einzugehen, er rettete sich in einen Hustenanfall.

Dorothea sagte "Gut. Dann eben zum Spielbrunnen, das ist ein Vergnügungs Park ..." "Ich weiß, wo der Spielbrunnen ist, meinetwegen. Und wann?" "Von mir aus jetzt gleich." Er sagte "Müssen Sie sich nicht erst dafür aufputzen?" "Wofür soll ich mich denn aufputzen?", versetzte sie entrüstet, "bin ich Ihnen etwa nicht fein genug?" "Oh, wegen mir müssen Sie sich keine Gedanken machen, Mademoiselle." "Sie sind ein komischer Kauz, Alexej!" "Ja, ich weiß, das höre ich nicht zum erstenmal", dann setzte er hinzu "soll ich mich vielleicht umziehen?" "Haben Sie denn was anderes?" "Nein, nicht direkt." "Na, kommen Sie schon! Versuchen Sie mal, ein bisschen charmant zu sein." "Wenn Sie das wünschen."

Bei dem Spielbrunnen war immer viel Betrieb. Es gab dort einen Irrgarten, der den Leuten ungeheuer Spaß machte, man konnte sie schon von weitem jauchzen hören. Es gab riesige Bilder und lebensechte Figuren, die Episoden aus allen möglichen Epochen der Geschichte und Szenen aus der Bibel darstellten; da war zum Beispiel Daniels Traum von den vier Weltreichen, dem syrischen, persischen, griechischen und römischen, die als sagenhafte Wesen, als Löwe, Elefant, Bär oder Greif mit majestätischen Mienen auf die Besucher herabblickten. Da war das Schloss des Königs Ahasverus mit der Ankunft der schönen Esther; oder König David, der auf der Harfe spielte - seine Finger bewegten sich wirklich und er erhob seine Augen zum Blick gen Himmel. Der gigantische Atlas trug die Weltkugel auf seinen Schultern, und die Philosophen Demokrit und Heraklit schritten gemächlich im Gespräch vertieft vorüber. Engel schwebten auf Wolken über dem Heiland in der Krippe, und die vier Kontinente Europa, Asien, Afrika und Amerika stellten als stolze Personifizierungen ihre wundersamen Attribute zur Schau. Es gab auch einen Turm mit einem raffinierten Uhrwerk aus Nürnberg, das auf seinem Zifferblatt, groß wie ein Rad von Phöbus' Himmelswagen, nicht nur die Stunden, Monate, die Jahreszeiten und Sonnenwenden, sondern auch die Mondphasen, ja sogar die Positionen der bekannten Planeten in den Tierkreiszeichen mit äußerster Genauigkeit anzeigte.

Dorothea hatte anfangs noch Ausschau nach dem Zaren gehalten, doch dann war sie so in den Bann der Attraktionen gezogen, daß sie nur noch staunen und vor Begeisterung in die Hände klatschen konnte. Sie fragte Alexej "Gibt es so etwas bei Ihnen auch?" "Sie meinen, in Woronesch?" "Ja, oder überhaupt." "Nein, nicht daß ich wüsste", sagte er in einem Ton, als hätte man dergleichen in Russland sofort als Teufelswerk in die Erde versenkt. "Gefällt es Ihnen wenigstens?" "Ja, dieses Kamel da gefiel mir ganz gut." "Welches Kamel?" "Das aus Asien." "Ach so, ja. Wollen wir irgendwo etwas essen?" "Ich habe keinen Hunger." Sie sagte "Alexej! Bitte! Tun Sie mir zuliebe einmal so, als wären sie von meinen Vorschlägen entzückt, geht das?" Er sagte "Hören Sie denn nicht schon die ganze Zeit meinen Magen knurren?"

Sie brachte Alexej dazu, ihre Ausflüge in die Stadt zu wiederholen. Sie flanierten über den Damrak, den zentralen Platz der Stadt, wo sich das Rathaus befand und das Gebäude der "Alten Waage", wo seinerzeit der berühmte Doktor Tulp sein "Anatomisches Theater" veranstaltete. Sie streiften die Admiralität der Holländischen Marine, die Kornbörse, die richtige Börse und die Kreditbank. Sie besichtigten die Wechselbank und das Hauptquartier der Ostindischen Compagnie. Sie schlenderten über den Middeldam und über die Keysersgracht. Sie stürzten sich in das Gewühl der Wochenmärkte, sie studierten die Fahrpläne der Schiffe an der Neuen Brücke. Dorothea schleppte ihn zu den Fleischhallen und auf den Fünf-Fliegen-Steg (wo sie hoffte, Näheres über dessen Namen zu erfahren). Sie besuchten (mit Erlaubnis ihrer Mutter) eine Vorstellung der Schauburg in der Beerengasse, es gab Shakespeares "Was ihr wollt", und hinterher bequasselte sie Alexej noch eine Stunde lang mit ihren Emotionen. Einmal sagte er zwischendurch "Bei der einen Kerze ist ständig das Wachs runtergetropft."

Bei einem ihrer Spaziergänge begegneten sie auf dem Antons Markt zwei Männern, die Alexej beiseite nahmen und leise mit ihm sprachen, er hörte zu wie ein braver Schuljunge. Obwohl mildes Wetter war, trugen sie kissengroße dunkle Pelzmützen auf dem Kopf. Die Schleppkutscher an den Anlegestellen der Schiffe trugen auch die sonderbarsten bunten Mützen, dachte Dorothea, aber dort sahen sie hübsch und keck aus; bei denen hier wirkten sie im wahrsten Sinn des Wortes aufgesetzt, offenbar sollte jeder sehen, wie selten und teuer ihre Mützen wären. Überhaupt: jeder andere höfliche Mann hätte sich ihr vorgestellt, die hier nahmen von ihr keine Notiz, und wie sie so auf Alexej einredeten, wehte ihre widerliche Schnapsfahne herüber. Aber Dorothea traute sich nicht, Alexej von ihnen loszureißen, deshalb wartete sie, bis sie ihn gehenließen.

Sie fragte ihn "Waren das auch welche von der Gesandtschaft?" "Ja. Zwei davon." "Was wollten die von Ihnen?" "Ich soll etwas erledigen." "Was?" "Kommen Sie mit zur Börse." "Und dann?" "Helfen Sie mir, die Juwelenhändler zu finden." Dorothea sagte "Frau Louisa meint, hier wären alle Juwelenhändler Juden." "Ja, das stimmt." "Sind Ihre beiden Freunde auch Juden?" "Nein, und es sind auch nicht meine Freunde." "Da bin ich aber froh, die waren mir nämlich sehr unsympathisch." Alexej sagte nichts weiter.

Die Börse war auf drei Seiten eines Vierecks um einen weiträumigen, offenen Platz herum gebaut und auf ganzer Länge mit Säulen bestückt, hinter denen, im Schutz der Überdachung, die verschiedenen Kaufleute und Händler ihre Stände hatten. Da hier nicht die Waren selbst gehandelt, sondern nur die betreffenden Transaktionen getätigt wurden, beanspruchte ein jeder lediglich ein schmales Fleckchen des Säulengangs für sich, der Platz reichte gerade für die Proben der Waren, anhand derer sich die Interessenten von deren Qualität überzeugen konnten. Bei den Juwelenhändlern hatten natürlich schon geringe Mengen von Diamanten einen beträchtlichen Wert. Um Diebe oder Räuber abzuhalten, wurde eine bewaffnete Wache aufgestellt, die sofort eingreifen konnte, wenn irgendwo Zeter und Mordio geschrien wurde.

Allerdings durften sich die Börsenhändler ihre Stelle in dem Säulengang nicht einfach nach Belieben wählen, sondern mussten sich an die Festlegungen halten, wonach jede Säule mit einer laufenden Nummer laut einem Verzeichnis markiert war, und je nach dem, zu welcher Warengruppe einer gehörte, hatte er sich an der entsprechenden Säule zu platzieren.

In der Mitte herrschte ebenfalls ein munteres Treiben und es war gar nicht so leicht, sich seinen Weg hindurch zu bahnen. Alexej sagte "Schauen Sie hier auf der Seite, ich gehe da hinüber, wenn Sie den Juwelenhändler finden, geben Sie mir ein Zeichen." "Ist gut." Hier wurde wirklich alles gehandelt: Tabak, Kaffee, Baumwolle, Leder, Salz, Zucker, Öl, Wein, Seifen, exotische Gewürze, Papier, Zitronen, Pelze, Häuser, Grund und Boden, Schiffe, Schiffsladungen, Versicherungen auf Schiffsladungen und natürlich alle Arten von Wertpapieren, Anteile an Unternehmungen, Gold und Silber. Bei Säule 25 entdeckte Dorothea einen Juwelier und da waren noch weitere.

Sie reckte sich, um Alexej zu erspähen, und im selben Moment sah sie einen Mann, der die Menge um einen Kopf überragte, er war barhäuptig und hatte schwarzes, leicht lockiges Haar, ein nahezu rundes, bubenhaftes Gesicht mit großen, vorstehenden Augen und ein dünnes Bärtchen über dem schmalen Mund. Da stand Alexej neben ihr, sie rief "Da ist der Zar!", und er sagte "Ich weiß." "Er kommt direkt auf uns zu!" "Ja, scheint so." "Alexej! Können wir mit ihm sprechen?" Er schüttelte den Kopf, aber er war unsicher, da schritt der Zar auch schon dicht an ihr vorüber, und man gewahrte drei, vier Männer, die ihn unauffällig, aber mit scharfen Blicken auf die Menge, begleiteten, an ihren Gewändern prangten reichverzierte, lange Dolche.

Der Zar lächelte milde und wandte den Kopf nach allen Seiten, als würde er die Leute abzählen. Dorothea hatte unwillkürlich einen Knicks vor ihm gemacht, aber Alexej fasste sie am Arm, und ihr fiel ein, daß ja niemand wissen durfte, wer das ist! Er war schon vorbei, da drehte er sich nochmal um und schaute sie an, bessergesagt: auf sie herab. Er kam zurück, und Dorotheas Herz schlug ihr bis zum Hals. Der Zar lächelte sie an und sagte etwas zu ihr, aber leider war es auf französisch und sie konnte es nicht verstehen. Sie schaute hilfesuchend zu Alexej, der sagte "Dieser Herr ist von Ihrer Anmut überwältigt."

Höchstwahrscheinlich war sie angelaufen wie eine Tomate, doch sie gab sich ganz lässig (es war ja nur irgendwer!) und meinte zu Alexej "Sagen Sie ihm, ich fühle mich geehrt, von einem Edelmann ein Kompliment zu bekommen." Alexej übersetzte es auf russisch, der Zar beugte sich zu ihr hinab, und sie erriet sofort seine Absicht, sie reichte ihm ihre Hand, und er gab ihr einen Kuss darauf. Mit einem leichten Zucken im Mundwinkel richtete er sich auf, wandte sich ab und schritt weiter. Sie brauchte eine Weile, um sich zu besinnen. Alle drumherum hatten es gesehen, dann herrschte sofort wieder das übliche Gewimmel. Als wäre für einen Moment ein stolzes Schiff mit vollen Segeln vorbeigezogen.

Als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, fragte sie Alexej "Haben Sie das genauso übersetzt, wie ich es gesagt habe?" "Ja." "Auch das mit dem Edelmann?" "Ja." "Wie heißt Edelmann auf russisch?" "Ich habe gesagt: blagorodno." "Tatsächlich? Ich habe das gar nicht gehört." "Ich habe es aber gesagt. Es gibt noch ein anderes Wort, das lautet: dworjanin, aber das bezeichnet den Edelmann aus Abstammung und weniger aus Charakter."

Sie schwieg, sie musste das noch verarbeiten. Dann sagte sie "Das war schlau von Ihnen, daß sie dieses andere Wort nicht gebraucht haben, denn damit hätten wir uns vielleicht verraten, weil wir seine Abstammung kannten." "Ja, da haben Sie recht." Dorothea fügte hinzu "Und vielleicht hat er Sie ja auch nicht erkannt." Alexej sagte trocken "Das würde mich nicht umbringen."

Abends erzählte sie es ihrer Mutter. Maria Sibylla kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, sie wollte alles ganz genau erfahren und auch, ob er ihre Hand wirklich mit den Lippen berührt hatte, und Dorothea sagte, man hätte gerade noch ein Blatt Papier dazwischen schieben können, aber sie hätte ganz deutlich "den Hauch seines Atems" gespürt und das wäre ihr durch alle Glieder gefahren.

Man sprach davon, daß Zar Peter der Große die kühne Vision habe, oben im Norden an der Newa eine ganz neue Stadt, genannt Petersburg, zu errichten und zu seiner Residenz zu machen. Doktor Sigurdson sagte "Ja, von solchen Plänen habe ich auch schon gehört." "Warum will er Moskau aufgeben? Sind dort nicht alle seine Paläste und seine Besitztümer?" "Es gibt den Kreml, die alte Festung der Moskowiter Fürsten. Aber eine russische Redewendung lautet: Moskau ist weit weg." "Und was heißt das?" "Die alten russischen Herrscher haben sich in Moskau immer hinter ihren Mauern verschanzt, sie saßen inmitten eines riesigen, unwegsamen Reichs und kaum jemand konnte ihnen zu nahe kommen. Der Zar sucht den Anschluss an den Westen, und von Petersburg aus gelangt man über die Ostsee relativ leicht nach Mitteleuropa, man braucht nicht einmal Straßen zu bauen. Deshalb forciert er auch seine Flotte."

Dorothea konnte die Begegnung mit dem Zaren nicht einfach zu dem gewöhnlichen Kram legen, der sich in ihrem Alltag anhäufte, sie musste ständig an diese eine Szene denken, die sie auf dem Börsenplatz erlebt hatte und die sich nun sogar in ihren Träumen abspielte! Sie bildete sich (zu Recht) etwas darauf ein, daß er gerade sie angesprochen hatte, und förmlich mit jeder Minute wuchs in ihr der Wunsch, es möge sich genauso wiederholen. Es war ihr freilich bewusst, daß dies eine völlig abwegige Vorstellung war, und sie unterließ es tunlichst, mit ihrer Mutter darüber zu sprechen, aber das Gefühl war so übermächtig, daß sie es sogar in Kauf genommen hätte, sich maßlos zu blamieren, nur um noch einmal diesen Blick einzufangen, mit welchem er sich verabschiedet hatte.

Die einzige Möglichkeit, etwas zu erreichen, sah sie darin, Alexej zu überreden, mit ihr nach Zaandam zu fahren, um in die Nähe des Zaren zu gelangen. Aber zugleich war sie ganz verwirrt darüber, was für absurde Pläne ihr da in den Sinn kamen. Sie sah Alexej im Blauen Salon sitzen und vor sich hinträumen, in seiner Reglosigkeit nur ab und zu unterbrochen durch sein Husten. Sie wollte hinein gehen und machte einen Schritt zurück, sie wollte ihn ansprechen und biss sich doch auf die Lippen, sie ging weg und kam wieder. Ging weg und warf sich auf ihr Bett und starrte an die Decke, dann nahm sie all' ihren Mut zusammen und ging zu ihm hin.

Es war das erste Mal, daß er etwas sagte, ohne daß eine Frage vorausgegangen war. "Wissen Sie, Mademoiselle, Sie sollten sich diese Sache mit dem Zaren nicht zu sehr zu Herzen nehmen." Sie war fassungslos. "Was meinen Sie, Alexej?" Er sagte "Ich habe bemerkt, wie sehr es Sie beeindruckt hat." "Ach! Pfff!", winkte sie ab, aber sie zitterte dabei. "Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, ohne Sie zu beleidigen, aber die Wahrheit ist, daß unser Zar jeden Tag Dutzenden von schönen Frauen Komplimente macht." Sie zuckte zusammen.

Wollte er damit feststellen, daß sie unter diesen Frauen ganz hinten rangiert? "Na und? Daran muss ich mich doch nicht stören", entgegnete sie wie mit verstellter Stimme. "Nein", sagte er, "ich fände es bloß bedauerlich, wenn Sie das für bare Münze nehmen würden, der Zar ist nämlich jemand, der selten wirklich weiß, mit wem er spricht." "Das ist doch die Höhe, Alexej!", rief sie, "welchen Grund habe ich Ihnen dafür gegeben, daß Sie mich so demütigen!" Er fuhr hoch, als müsste er sich gegen einen Angriff wehren. "Mademoiselle! Ich wollte Sie nur ..." "Sparen Sie sich Ihre Worte, ich will nichts mehr von Ihnen hören!", fauchte sie ihn an, drehte sich auf dem Absatz um und rannte davon.

Dann logierte bei Frau Louisa ein Gast, der aus Amerika kam und Ben Harper hieß. Er hatte die Statur wie ein Holzfäller und sein Schädel war kantig wie ein Mauerstein. Er hatte dichtes, blondes Haar, wasserhelle Augen und Zähne wie aus Marmor geschliffen. Er trug eine Wildleder Kluft, bestehend aus Hose und Jacke, mit jeder Menge Fransen und ein paar indianischen Stickereien auf den Ärmeln, und dazu Stiefel mit hohen Schäften und vorn mit langer Spitze. An seinem Gürtel hing in einer Lederscheide ein langes, breites Messer mit Horngriff. Er hatte auch immer eine Mütze auf, und die war so etwas wie ein Erkennungszeichen, sie war aus Biberpelz und hinten hing der Schwanz von einem jungen Fuchs dran - so etwas trugen die "Trapper" dort, wo er herkam.

"Trapper sind Fallensteller, Lady", erklärte er Dorothea auf ihre Frage hin. Die Frauen redete er mit Miss oder Ma'am an, manchmal mit Lady, die Männer waren für ihn nur "mein Freund"; zu Alexej sagte er "Freundchen" und das war ein bisschen herablassend, weil er den Russen vom ersten Tag an nicht besonders riechen konnte, und Dorothea konnte ihn neuerdings auch nicht mehr riechen und deshalb fand sie Ben Harper's Anrede völlig in Ordnung. Es befriedigte sie sogar, Alexej's betretene Miene zu sehen, bildete sie sich jedenfalls ein.

Harper lebte dreihundertzwanzig Tage im Jahr in der Wildnis, die restliche Zeit brauchte er, um einmal aus der Wildnis heraus- und wieder hineinzukommen. Er hatte sich so an das Leben in den Wäldern gewöhnt, daß er einige mächtige Bäume zu seinen Verwandten zählte, darunter eine fast hundertzwanzig Fuß hohe Mammut Zypresse am McKinley Creek, die er angeblich schon bis auf halbe Höhe erklettert hatte. Man musste sich eigentlich wundern, daß er in der Einsamkeit nicht die Sprache verlernt hatte, doch hier in der Runde redete er manchmal ohne Pause in einem fort. "Wenn ich da draußen bin", sagte er, "unterhalte ich mich mit den Tieren oder mit den Bäumen oder den Waldgeistern, ihr habt doch hier auch eure Waldgeister, diese Trolle und Kobolde oder wie ihr sie nennt!" Alexej sagte "Das gibt es auf Island." Harper fühlte sich von ihm immer gleich verbessert. "Na, Freundchen, habe ich behauptet, daß es das auf Island nicht gibt?"

Seine Vorfahren waren aber doch richtige Menschen gewesen, er sagte, sie hätten zu den Siedlern gehört, die bei Cap Cod mit der Mayflower angelangt waren. Louisa jauchzte auf, weil ihr Schwiegervater einige dieser Mayflower Auswanderer gekannt hatte, als sie eine Zeit lang in Amsterdam wohnten, bevor sie sich auf den Weg über den Ozean machten. Er sei "weiter die Küste 'runter" in Haarfield geboren und dann als junger Spund nach New York gegangen, das ein paar Jahre zuvor im Tausch von den Holländern an die Briten übergeben worden war, und gleich mit einem Boot den Hudson River hinauf gefahren. "Das ist der Fluss, auf dem schon Henry Hudson unterwegs war, stimmt's", sagte einer der Zuhörer. "Ebenderselbe, mein Freund." "Kannten Sie Henry Hudson persönlich?" "Nein, da war ich zu jung dafür, und später ist er ja verschollen, irgendwo da draußen im Eismeer, der arme Hund."

"Wie weit sind Sie den Hudson hinaufgefahren?" "Erstmal bis Albany, dort habe ich mir meine erste Trapper Ausrüstung angeschafft, das Geld dafür hatte ich mir hart erarbeitet und zusammengespart. Ich bin den Mohawk 'raufgezogen, und im ersten Sommer hab' ich zwölf Biberfelle gemacht, aber ich musste feststellen, daß meine Ausrüstung nicht optimal war. Ich bin dann wieder zurück nach Albany, hab' die Felle verkauft und eine Weile gearbeitet, bis ich wieder genug Geld für eine neue Ausrüstung zusammen hatte." Jemand sagte "Und diesmal haben Sie besser ausgewählt." "Da kannst du sicher sein, mein Freund, jetzt hatte ich schon einige Erfahrung gesammelt." "Und wie ging's weiter?"

"Ich dachte bei mir, oben am Mohawk hast du eigentlich gesehen, wie es da ist, und fünfzehn Felle für einen ganzen Sommer sind nicht gerade das, was man fette Beute nennen kann, selbst wenn man's auf die schlechte Ausrüstung schieben könnte. Ich bin also den Hudson weiter 'rauf bis Fort Independence, da hatte ich einen kleinen Streit mit einem englischen Offizier, na ja, es ging um eine Lady - kurzum, ich musste dort Hals über Kopf weg und in der Eile einen Teil von meiner Ausrüstung zurücklassen, das war ein herber Rückschlag.

Ich habe mich praktisch völlig besitzlos über den Lake Champlain bis nach Montreal am Sankt Lorenz Strom durchgekämpft. Dort ist alles in französischer Hand. Ich kann die Franzosen nicht besonders leiden, sie haben komische Nasen und sie essen seltsame Sachen, und man kann selbst wenn man eine ganze Flasche Whiskey getrunken hat, unmöglich nach ihrer Musik tanzen. Ich hab' mir ein Quartier gesucht und mich so unauffällig wie möglich verhalten.

Aber zum Teufel, ich bin ein Mann, der sein Vergnügen braucht, wenn er die ganze Zeit draußen in der Wildnis war. Wenn du fast das ganze Jahr über draußen in der Wildnis herumkreuchst, dann willst du dich ordentlich vergnügen, wenn du unter Leuten bist; und den Hudson 'raufzukommen von Albany bis Montreal ohne einen Cent in der Tasche, das ist schlimmer als die Wildnis, da bleibt einem keine Wahl, da muss man sich am Ende vergnügen, so ist das! Entschuldigung, Lady's, wenn ich das mal so deutlich sage: da muss man als Mann mal die Sau 'rauslassen - selbst wenn man von lauter Franzosen umringt ist.

Na ja, vielleicht hab' ich's ein bisschen übertrieben, jedenfalls hab' ich eine Woche im Gefängnis von Montreal zugebracht, wobei ich sagen muss, mir ist davon eigentlich nur der Tag in Erinnerung geblieben, als ich entlassen wurde, weil ich die übrige Zeit im Koma lag. Ich hab' mich dann umgesehen, und bei Montreal mündet der Ottawa in den Sankt Lorenz Strom, und wenn ich den Sankt Lorenz Strom weiter 'rauf gefahren wäre, dann wäre ich in Quebec angekommen, das zu hundert Prozent französisch ist, und ich sagte zu mir: 'Ben Harper! Was willst du eigentlich in Quebec machen, wenn du dort angekommen bist?' Und ich konnte mir weiß Gott keine Antwort darauf geben!

Also suchte ich mir in Montreal eine Arbeit, bei einem Sargtischler und Bestatter, dort wurde nicht viel geredet, weil ja klar war, was getan werden musste und auch nichts Unvorhergesehenes geschah, und ich konnte in Ruhe meine Arbeit machen und meine Kollegen waren sehr verträglich, da hat auch niemand gefragt, ob ich ein gottverdammter Franzose bin, wenn er in die Erde hinabgelassen wurde, und wenn ich dann das Loch zugeschaufelt habe, waren alle zufrieden und jeder ging seines Weges - Amen! Ich glaub', wenn ich nicht so ein Bursche voller Unrast wäre, dann hätte ich's dort noch länger ausgehalten, all' diese toten Franzosen gaben mir irgendwie den inneren Frieden.

Aber so bin ich nun mal, und dann hab' ich im Le Figaro de Montreal gelesen, daß der englische König die 'Hudson Bay Company' gegründet hat, die hieß ganz genau: The Company of Adventures operating out of Hudson Bay, und das hat mich stark beeindruckt, weil es endlich mal wieder echtes Englisch war. Um mich herum war alles französisch, die Kinder hießen Schongtall oder Übeerh, und die französischen Frauen hätten ihren eigenen Ehemann verpfändet für ein Fläschchen vom neuesten Parfüm aus Paris. Aber die Hudson Bay war noch nicht unter ihre Fittiche geraten. Die Bestimmungen lauteten, daß alle Gebiete derjenigen Flüsse, welche in die Hudson Bay münden, der Company gehören, und das war besser formuliert als alle zehn Gebote zusammen."

"Dann sind Sie also in den Dienst der Hudson Bay Company getreten?" Harper sagte "Ich war drauf und dran, mein Freund. Aber plötzlich waren die Franzosen richtig nett zu mir, irgendeiner hatte gesehen, wie ich eine neue Ausrüstung zusammenstellte, besser als alles, was ich vorher besaß. Dann sprach mich jemand an und fragte mich, ob ich Lust hätte, als 'coureur de bois' zu arbeiten. Ich erwiderte, wenn er eine Antwort haben will, müsste er mir vorher in meiner Sprache sagen, was das wäre, und er meinte, das wäre ein Waldläufer ohne Lizenz. 'Ohne Lizenz wofür?' 'Ohne eine Handelslizenz.' Er sagte, ich würde die Felle abliefern und bekäme dafür mein Geld, dann würde ich wieder losziehen, um neue Felle herbeizuschaffen.

Ich dachte bei mir, genau das habe ich bis jetzt auch getan, warum sollte ich das Angebot also ablehnen? Ich handelte einen Preis mit ihm aus, wie ich ihn nie vorher bekommen hatte, und wir unterschrieben meinen Vertrag. Dann zog ich los, den Ottawa hinauf, das war im Frühling kurz nach der Schneeschmelze und an den Flüssen wimmelte es nur so von Bibern. Ende August hatte ich um die sechzig Felle, und ich machte weiter bis in den Oktober hinein und kam auf fünfundsiebzig, und dann schaffte ich alles 'runter zu einer Station, die hieß Montpellier, aber in der Sprache der Seneca Indianer hieß der Ort 'Anatowago', was übersetzt 'seichte Stelle' also eine Furt durch den Fluss bedeutet.

Ich kassierte mein Geld und - zum Teufel - das war mehr als ich jemals besessen hatte. Ich überlegte, ob ich nochmal 'rauf gehen sollte oder lieber 'runter wenigstens bis nach Ottawa, um mich mal wieder ordentlich zu vergnügen, und ich entschied mich für letzteres und das war gut so, denn der Winter wurde richtig hart und als ich im nächsten Frühjahr wieder hinauf zu meiner Hütte kam, die ich mir im Vorjahr gebaut hatte, da war ein Stück vom Dach unter der Schneelast eingebrochen."

Als Ben Harper eine Pause machte, wollten alle mal seine Biberfellmütze aufsetzen, und er ließ sie reihum gehen, nur Alexej winkte ab, er fragte Harper "Warum sind Sie eigentlich hierher gekommen?" "Warum ich hier bin? Das werde ich dir sagen, Freundchen! Weil ich den hiesigen Pelzhändlern mal ordentlich auf die Finger klopfen will." Dorothea fragte "Was haben Sie denn mit denen zu tun, Mister Harper? Ich denke, Sie besitzen keine Handelslizenz?"

"Das war so, Miss Dorothy, bis ich Karriere gemacht habe und ein Voyageur wurde - also ich nenne es nur Voyager, das ist ein Trapper mit Lizenz, und eine Zeit lang war ich sogar Vorsteher eines Handelspostens am Lake Ruby, weil der Mann dort krank geworden war. Das Geschäft lief hervorragend, aber irgendwann fingen unsere Abnehmer an, die Preise zu drücken und sie behaupteten, sie wären gezwungen das zu tun, weil die Händler in Europa so hohe Einfuhrzölle auf Biberpelze berappen müssten und sie selbst deshalb weniger an uns weitergeben könnten. Das wurde immer schlimmer, und meine Leute setzten mir schon zu und forderten, daß ich etwas dagegen unternehmen sollte.

Unsere Handelsroute geht auf dem Lorenz Strom lang bis 'raus nach Neufundland und von da quer 'rüber auf dem fünfzigsten Breitengrad bis nach England, das ist, soviel ich weiß, die kürzeste Verbindung zwischen Amerika und Europa. Und in England sagten sie 'Wir können nichts dafür, denn die Holländer, an die wir die Pelze weiterverkaufen, erheben jedes Jahr höhere Zölle und wir müssen daher unsere Preise anpassen'. Also bin ich 'rübergekommen nach Amsterdam, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Außerdem wollte ich schon immer mal sehen, wo meine Vorfahren herstammen."

Alexej fragte "Handeln Sie nur mit Biberpelzen?" "Hauptsächlich. Aber meine Leute bringen auch Otter, Nerze, Wolf und Bärenfelle, es geht alles, aber am meisten Biber." "Warum? Weil er so schön weich ist?", fragte Dorothea, und Alexej sagte "Wegen dem Unterfell." "Ich habe Mister Harper gefragt!" Der sagte "Wegen dem Unterfell, es ist von höchster Qualität und hervorragend geeignet, um Filz daraus zu machen. Die Holländer sind - wie Sie selbst sehen können - leidenschaftliche Filzhut Träger, wer hier keinen Filzhut besitzt, der kann sich nicht als Holländer bezeichnen, deshalb sind die Händler hier so scharf auf das Biberfell."

Ein andermal fragte er Alexej "Und du, Freundchen, was machst du eigentlich hier in Amsterdam?" Alexej sagte "Ich gehöre zur Großen Gesandtschaft." Harper musste laut lachen (und Dorothea lachte mit, aber es klang sehr gekünstelt). "Große Gesandtschaft, so so! Ich kannte mal einen Kerl, der nannte sich auch 'der wahre Gesandte', er behauptete, Jesus Christus hätte ihn geschickt, um den Menschen den Heiligen Geist zu bringen." Dorothea lachte in Richtung Alexej, der sagte "Nein, das tue ich nicht. Die Große Gesandtschaft ist eine Art Delegation des Russischen Zaren."

Harper priff durch die Zähne, dann meinte er "Habe gehört, aus Russland kommen neuerdings auch jede Menge Pelze hier an." "Ja", bestätigte Alexej nüchtern, "und sie sind von guter Qualität." "Was willst du damit sagen, Freundchen? Etwa daß unsere Pelze schlechter wären?" "Nein, sie sind bestimmt gut." "Das sind sie, so wahr ich Ben Harper heiße."

Die Unterhaltung drehte sich noch um andere Themen, später fragte Harper Alexej wie nebenbei "Kennst du welche von den russischen Händlern?" "Bei uns sind zwei oder drei dabei, sie verkaufen die Pelze, um die Reise zu finanzieren, aber ob das richtige Pelzhändler sind, weiß ich nicht." Dorothea sagte zu dem Amerikaner "Ach lassen Sie ihn doch! Er weiß ja gar nicht Bescheid." Aber dann beobachtete sie die beiden, wie sie miteinander sprachen, Alexej änderte dabei keineswegs seine abgewandte Haltung. Als sie hinzutrat, unterbrach Harper sein Reden.

Allmählich schwanden die Gedanken an den Zaren aus ihrem Sinn und zurück blieb das peinliche Gefühl, sich wie eine dumme Gans aufgeführt zu haben. Dennoch war es unmöglich, sich vor den Augen Ben Harpers und der anderen Gäste im Blauen Salon wieder mit Alexej zu vertragen, und ihn allein deswegen anzusprechen, dafür fehlte ihr der Mut. Außerdem hätten die anderen gefragt, was denn da vorausgegangen sei, und die ganze Sache wäre zu ihrer grenzenlosen Beschämung nochmal aufgerollt worden.

Eines Tages war Alexej Lugowoi ausgezogen, Frau Louisa sagte, er hätte von seinem Zaren einen Befehl erhalten, sich in seiner Nähe zur weiteren Verfügung zu halten, worüber Dorothea im Zweifel war - hatte Alexej nicht selbst gesagt, der Zar würde ihn einfach ignorieren? Oder hatte sich das Verhältnis nun doch für ihn zum Besseren gewendet? Sie drückte ihm aus der Ferne die Daumen, daß es so wäre! Sie ging nur noch selten in den Blauen Salon, denn der Anblick des leeren Stuhls (auf den sich merkwürdigerweise kein anderer niederließ) stimmte sie nur verdrießlich.

Maria Sibylla hatte sich inzwischen beim Botanischen Garten eingearbeitet. Der Direktor war ein Mann in den sechzigern, mit weißem Bart und einem väterlichen Gesichtsausdruck. Wenn er redete, drückte er sich sehr gewählt aus und ließ gewissermaßen jede seiner Äußerungen etwas nachklingen. Er hatte, als er von ihrer Zusage hörte, in einem Nebengebäude einen Raum als Atelier einrichten lassen und dafür sogar auf die Schnelle zwei Dachfenster eingefügt, damit mehr Licht hereinkam (er wusste ganz gut Bescheid über die Arbeitsbedingungen von Zeichenkünstlern, denn er hatte durch die Veröffentlichung von Werken seines Fachs schon mit einigen zu tun gehabt).

Der Botanische Garten befand sich auf der Pfaueninsel, die vielleicht so hieß, weil tatsächlich welche von den schönen, würdevollen Vögeln umher stolzierten. Man konnte auch ab und zu ihre Rufe hören, und einer der Gärtner hatte es sich zur "Forschungsaufgabe" gemacht, herauszufinden, ob sich die Anzahl, der Zeitpunkt sowie die Artikulation der Pfauenschreie möglicherweise in ein System einordnen ließen; dieser Gärtner hatte deshalb von den anderen den anspruchsvollen Namen Pavonius (nach der lateinischen Bezeichnung für den Pfau) bekommen, worauf er sehr stolz war, indes sein "System" noch keine konkreten Formen angenommen hatte.

Pavonius war ihr dabei behilflich, ihre Sachen in dem Atelier an Ort und Stelle zu bringen. Der Direktor hatte ihn formlos zu ihrem persönlichen Assistenten ernannt, worauf er ebenfalls vor Stolz errötete. Maria Sibylla sagte "Ich hoffe, daß ich Sie dadurch nicht von Ihren Forschungen abhalte." "Oh, keine Sorge, Madame Merian, ich habe zu diesem Zweck ständig dieses kleine Notizbuch bei mir, in welchem ich über die Pfauenrufe eine Art Strichliste führe, die ich dann nachts auswerte", er schaute sie an und fügte hinzu "ich gehöre zu jener Spezies von Mensch, die mit ganz wenig Schlaf auskommt."

Die Pfaueninsel war ein idyllischer Ort inmitten der Stadt. Es gab zwei Brücken, über die man hinüber gelangte, die breitere davon war auch für Fuhrwerke befahrbar. Es gab außerdem einen Bootsanleger, und Maria Sibylla bevorzugte (zumindest in der warmen Jahreszeit) diese Verbindung. Sie fühlte sich wohl an ihrer neuen Arbeitsstätte und manches Mal kehrte sie erst spätabends in den Zuckerbäcker Steg zurück, gutgelaunt und zufrieden mit ihrem Tagwerk.

Der Direktor hatte ihr die ganze Anlage gezeigt und sie überall herumgeführt (das dauerte eine volle Woche), an manchen Stellen war es wie im Wald. Dann kamen die Gewächshäuser dran, in denen die exotischen Pflanzen, hauptsächlich aus den beiden Indien, gehalten wurden, es war eine Pracht und Fülle von Blüten und Blättern, daß Maria Sibylla meinte, hier stundenlang ihre Studien betreiben zu können. Der Direktor sagte "Tun Sie sich keinen Zwang an, sie können hier schalten und walten nach Herzenslust."

Die Fassaden der Gewächshäuser bestanden aus einem Gerüst von sehr robusten und wetterbeständigen Holzbalken und -leisten, zwischen welche Glasscheiben eingesetzt waren. Im Innern wurde mittels eines beheizten Wasserkessels und über eine Anlage zur anschließenden Abkühlung auf eine vorbestimmte Temperatur ein künstliches Klima erzeugt, das den natürlichen Bedingungen der Herkunftsorte ähnelte. Das Ganze hatte ein Ingenieur der Universität Leyden konstruiert.

Der Direktor stand mit allen namhaften Einrichtungen dieser Art in Europa in Kontakt, es gab auch einen regen Austausch von Pflanzenkeimlingen und Samenkörnern. Doch die meisten Exemplare waren durch die Fahrten der Schiffe der Ost- und Westindischen Handelscompagnien hier angekommen, deren Bevollmächtigte diesen Dienst als Beitrag zur Förderung des Ansehens der Stadt Amsterdam leisteten. Der Direktor war auch häufig selbst auf Reisen, dann brachte er jede Menge neues "Material" mit, das angepflanzt und dokumentiert werden musste, und bei letzterem versprach er sich natürlich von Maria Sibylla tatkräftige Unterstützung.

Doktor Sigurdson hatte, als er von ihrer Profession erfuhr, sie darauf aufmerksam gemacht, daß kürzlich der berühmte Jan Swamerdam (einer seiner verehrten Lehrer) das Zeitliche gesegnet hatte, und nun war die Versteigerung seines persönlichen Besitzes anberaumt, der Doktor nannte ihr Zeit und Ort, und Maria Sibylla erstand dort ein Mikroskop (mit dem offenbar sonst keiner etwas anfangen konnte), mit welchem sie in der Folge einige ihrer "schönsten Entdeckungen" machte, die sie in ihrem Studienjournal festhielt. Pavonius, der ihr dabei zuschaute, schenkte ihr sogar ein leeres, großes Skizzenbuch mit feinem Papier; auf die erste Seite hatte er geschrieben: Der vortrefflichen Blumenmalerin Maria Sibylla Merian, von dem Gärtner Pavonius. (Und sie hatte den Eintrag um Ort und Datum ergänzt.)

Der Direktor war von ihren "mikrokosmischen" Präparaten, wie er sie bezeichnete, sehr angetan, er schickte, mit ihrem Einverständnis, welche davon nach Bologna, wo sein befreundeter Kollege den dortigen Botanischen Garten nebst angegliedertem wissenschaftlichen Institut leitete. Darüber entstand eine regelmäßige Korrespondenz, und Maria Sibylla lieferte den beiden gelehrten Männern stets neuen Stoff für ihre Debatten.

Sie hatte ja schon damals, als sie bei dem Herrn Espinoza das Vergrößerungsglas erwarb, die Gelegenheit ergriffen, um ihre Arbeit zu erleichtern, und mit dem Mikroskop machte sie quasi nochmal einen weiteren, größeren Schritt hin zur Aufdeckung der kleinsten und geheimsten Bestandteile, aus denen die Objekte ihrer Kunst aufgebaut waren. Allerdings soll hier auch bemerkt werden, daß sie nach und nach wieder zur ganzen Form und Gestalt zurückkehrte, zu dem, was das bloße Auge - jenes Organ, das schon für den seligen Matthäus Merian den vollkommensten der menschlichen Sinne bildete, die Gott ihm verliehen hatte - was man also mit bloßem Auge erblicken, unterscheiden und wiedererkennen konnte. (Sie delegierte die mikroskopischen Untersuchungen an den fleißigen Pavonius, der mit der Übertragung dieser Aufgabe vor Stolz beinahe die Zählung der Pfauenschreie versäumt hätte.)

Agnes van Sommelsdyk hatte ihr noch in Waltha gesagt, es befände sich im Botanischen Garten auch ein Schmetterlingshaus (das sollte wohl eine besondere Verlockung für sie sein). Es gab tatsächlich eins, und der Direktor berichtete, daß darin einst eine "bunte Vielfalt" von Schmetterlingen aus aller Herren Länder der Erde umher schwirrten. In der Mitte befand sich ein inselartiger Flecken Vegetation, um den herum ein schmaler Pfad führte, den seinerseits ein weiterer Streifen mit Grünzeug umgab. Viele der Pflanzen waren mehr als mannshoch, und oben vom Dach herab rankten sich dicht beblätterte Zweige. Natürlich war alles von vielgestaltigen Blüten aller Couleur übersät und es verbreitete sich darin ein schier die Sinne betörender Duft aus tausend verschiedenen Nuancen.

So jedenfalls schilderte es ihr der Direktor, der dabei immer noch glänzende Augen bekam. Denn jetzt war von diesem Zauber kaum mehr etwas übrig und das Schmetterlingshaus zu einem "Sorgenkind" der Einrichtung geworden. Über die Ursachen dieser Misere wollte er sich nicht weiter äußern, und Maria Sibylla vermutete, daß der dafür Verantwortliche wohl Knall auf Fall seinen Dienst aufgekündigt hatte und kein geeigneter Nachfolger gefunden worden war.

Die Gewächse hatten sich leidlich gehalten, aber die Blüten waren - als ob sie die Vernachlässigung übelgenommen hätten - ganz mickrig und farblos geworden. Mit Pavonius' Hilfe versuchte Maria Sibylla herauszufinden, ob sich in der halbverwilderten Anlage etwa noch der ein oder andere Schmetterling verborgen hielte, gleichsam wie auf eine Erneuerung der Natur hoffend.

"Hier ist seit Jahr und Tag kein Schmetterling mehr gesichtet worden", wandte Pavonius ein, und Maria Sibylla entgegnete "Wir müssen nach den Puppen suchen!" "Wonach?" "Die Raupen der Schmetterlinge verpuppen sich und so können sie, wenn nötig, lange Zeit überdauern." "Wie sehen diese Puppen aus?" "Ungefähr wie Dattelkerne, kennen Sie die?" "Ja, wir essen jedes Jahr zu Weihnachten Datteln, man kann sie auf dem Markt am Doolhof kaufen, sie kommen aus Syrien, sie schmecken wie ..." "Hier! Schauen Sie, da ist eine!" Pavonius staunte Bauklötze. "Großer Gott! Sie sehen wirklich einem Dattelkern zum Verwechseln ähnlich!", dann fragte er "Aber in den richtigen Datteln sind keine Schmetterlinge drin, oder?" Maria Sibylla musste lachen. "Nein, Herr Pavonius, dieser Kern gehört ganz allein der Dattelpalme, es ist ja nur ein äußerlicher Vergleich."

Er machte sich sofort mit Eifer daran, auch welche zu finden, und er hatte Glück, er wäre vor Stolz beinahe geplatzt. Am Ende hatten sie eine Handvoll davon, und Maria Sibylla meinte, bis auf drei gleiche gehörten sie wahrscheinlich alle verschiedenen Arten an. Pavonius sagte "Wer hätte gedacht, daß sich doch noch so viele von ihnen entschieden haben hierzubleiben."

"Wir müssen sie warm und trocken halten und ihnen Licht und Luft geben, vielleicht sind sie dann noch zu retten." Pavonius fertigte nach ihren Vorgaben einen Kasten, in den legten sie die Puppen, und Maria Sibylla gab ihnen Blattzweige mit hinein, und dann stellten sie ihn an eine geschützte Stelle, die zugleich warm und trocken, hell und luftig war. Pavonius übernahm die Kontrolle über das kleine "Gehege", und als der Sommer kam, schlüpften tatsächlich aus sieben Puppen Schmetterlinge heraus, von denen einer gleich entwischte. Da waren ein Kronenfalter, ein Blauer Einsiedler, ein Admiral, eine Segelspinner Motte und zwei Regenschwärmer (allem Anschein nach ein Pärchen). Etwas später folgten noch eine Zwerg Nymphe und zwei andere, die Maria Sibylla nicht bestimmen konnte.

Trotz dieses Erfolges war an eine Instandsetzung des Schmetterlingshauses vorerst nicht zu denken, immerhin zeigte sich der Direktor einem solchen Plan gegenüber durchaus aufgeschlossen, räumte aber mit bedrückter Stimme ein, daß momentan die finanziellen Mittel dafür nicht zur Verfügung stünden.

Wahrscheinlich auf Frau van Sommelsdyk's Vermittlung hin (die sich dabei aber bedeckt hielt) besuchte Jonas Wittensen den Botanischen Garten. Er war der Sekretär des Bürgermeisters und außerdem mit ihm verwandt. Er war auch Kaufmann und an allen möglichen Unternehmungen beteiligt, er war einer der Gesellschafter der Amsterdamer Wechselbank, über welche ein Großteil der weltweiten Geldgeschäfte niederländischer Firmen abgewickelt wurden. Die Wechselbank hatte ihre "Schatzkammer" im Keller des Rathauses, Jonas Wittensen war einer von denen, die einen Schlüssel dafür besaßen, natürlich wusste niemand, wo er ihn aufbewahrt.

Er begrüßte den Direktor sehr freundlich, aber er war eigentlich wegen Maria Sibylla gekommen. Er hatte das Blumenbild gesehen, welches sie seinerzeit der Sommelsdyk verkauft hatte. Sie sprachen darüber und über ihre Arbeit, Wittensen erkundigte sich nach ihrem Wohlbefinden (genau wie die Sommelsdyk), und Maria Sibylla sagte, sie sei ganz zufrieden mit ihren gegenwärtigen Verhältnissen. Er fragte sie, ob er bei ihr ein "gleichwertiges" Bild in Auftrag geben könnte, und er scheute sich nicht, im Beisein des Direktors den Preis zu nennen, der er zu zahlen bereit wäre. Das war für Maria Sibylla eine stolze Summe.

Sie warf einen Blick hin zum Direktor und erwiderte "Es wäre mir eine Ehre, für Sie ein solches Bild zu malen, allein, ich bin hier im Botanischen Garten mit Arbeit so reichlich versorgt, daß es mir an Zeit mangelte, den Auftrag auszuführen. Bitte verstehen Sie mich richtig, ich beklage mich nicht! Es bereitet mir geradezu Vergnügen, den Herrn Direktor in seinen Bemühungen um diese herrliche Einrichtung zu unterstützen."

Wittensen nickte verständnisvoll, Maria Sibylla fuhr fort "Sehen Sie, gerade letzte Woche haben wir in dem Schmetterlingshaus, das sich leider Gottes in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet und dringend einer Renovierung bedarf, einige sehr seltene und kostbare Tagfalter gefunden - ja, man kann sagen: vor dem Verderben gerettet, nicht wahr Herr Direktor, und nun, tja, leider können wir mit der Neuzüchtung unter diesen Umständen nicht fortfahren, was natürlich auch dem Renommee des Amsterdamer Botanischen Gartens abträglich ist", sie machte eine Handbewegung zum Direktor hin und sagte "wir trauen uns kaum, diese Situation im Stadtrat zur Sprache zu bringen und es würde vielleicht aussehen, als bettelten wir um das nötige Geld, aber wir wissen uns nicht anders zu helfen."

Wittensen hatte gut zugehört (und dabei gleich das Monatspensum an Kopfnicken erfüllt). Er sagte "Zeigen Sie mir mal das Gebäude, um das es sich handelt." Sie gingen hin und inspizierten es von allen Seiten, der Direktor machte ihn auf die schlimmsten Stellen aufmerksam, Wittensen fragte "Mit wieviel müssten Sie für eine Renovierung rechnen?", der Direktor nannte einen Betrag, Wittensen sagte "Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Herr Direktor! Sie schenken der werten Madame Merian die erforderliche Muße, die sie braucht, um mein Bild zu malen, und ich schenke Ihnen ein neues Schmetterlingshaus!"

Der Direktor wäre beinahe vor ihm auf die Knie gefallen, er drückte seine Rechte mit beiden Händen und hub an, eine Rede auf die Edelmütigkeit der Amsterdamer Ratsherrnschaft zu halten, er übersprang im Eifer sogar den sonst üblichen Nachhall seiner Worte. Jonas Wittensen winkte mit gönnerhafter Geste ab und fragte "Und Sie, Madame Merian? Sind Sie mit dem Angebot einverstanden?" Sie lüpfte ihren Rock, beugte die Knie und verneigte sich vor ihm. Er nahm ihre Hand und sie gingen plaudernd wieder nach vorne, während der Direktor auf der Stelle einige Abschätzungen vornahm, als wollte er noch heute mit den Bauarbeiten loslegen.

Sie konnte es so arrangieren, daß sie ihr Bild im "Gartenatelier" malte und zugleich die Zeichnerei für den Direktor erledigte, sie hatte sich einen festen Zeitplan erstellt, wonach der Vormittag für die Malerei, der Nachmittag für die botanische Dokumentation bestimmt waren. Um alles andere kümmerte sich Pavonius, der auch dafür sorgte, daß sie beim Malen die nötige Ruhe hatte. Der Direktor war indes damit beschäftigt, die Bauarbeiter zu instruieren und die Renovierung zu überwachen.

Dorothea besuchte ihre Mutter mehrmals (sie wurde selbstverständlich von Pavonius vorgelassen). Sie ließ sich in den Sessel plumpsen, der extra zur Entspannung hineingestellt worden war, und sie schaute ihr zu, das war ein angenehmer Zeitvertreib, und Maria Sibylla störte es überhaupt nicht. Sie arbeitete sehr konzentriert und dabei doch zügig. Dorothea dachte daran, wie ihre Mutter ihr von den mühevollen Versuchen, diese Frankfurter Blumenmalerin namens Karoline Wachshausen zu kopieren, erzählt hatte und wie unzufrieden sie mit ihren Resultaten gewesen war. Wenn man ihr jetzt zusah, war da von Verzagtheit und Enttäuschung keine Spur. Im Gegenteil, Maria Sibylla strotzte geradezu vor Selbstsicherheit, ganz so, als habe sie die ehemaligen Vorbilder (die ja im Grunde auch immer ihre Konkurrentinnen waren) hinter sich auf der Strecke gelassen.

Dorothea fragte "Wann wirst du mit diesem Bild fertig sein?" "Ich schätze, in zehn Tagen." (Es hatte ein relativ großes Format, größer als das "Sommelsdyk Stilleben"; Maria Sibylla wollte es noch besser machen.) Sie sagte "Weißt du was, Thea, ich habe schon zwei weitere Aufträge bekommen!" "Das ist toll! Was wirst du mit dem ganzen Geld machen?" "Ach, es geht doch nicht um's Geld! Wieso fragst du so was?" "Das war nur ein Scherz, Mama." Maria Sibylla sagte "Wie müssen uns auch neue Sachen kaufen." "Oh, das ist eine prima Idee!" Sie legte den Kopf auf die weiche Nackenlehne des Sessels und schloss für eine Weile die Augen. Dann meinte sie, für heute lange genug hier herumgelungert zu haben und verabschiedete sich von ihrer Mutter. "Bis heute abend, Mama." "Ja. Gibst du mir einen Kuss?" "Unbedingt." Draußen sagte sie im Vorbeigehen zu Pavonius "Sie können mich dann wieder austragen."

Als sie auf der Molenstraat war, sah sie bei der Auslage vor einem Buchladen Alexej stehen, wie er in einem Band blätterte - in seinem schwarzen Mantel sah er aus wie ein einsamer Rabe. Zum erstenmal dachte sie daran, ob Alexej zu Hause eigentlich ein Mädchen hatte, das auf ihn wartete. Sie ging auf ihn zu und sagte "Guten Tag, Alexej!"

Er hätte vor Schreck beinahe das Buch fallen gelassen. "Guten Tag, Mademoiselle Graff!" "Was lesen Sie da?" "Oh, nur etwas über Schiffbau." Er sah sie an, sie zögerte: "Ich wollte ...", sie konnte sich nicht durchringen, sich dafür zu entschuldigen, wie sie ihn seinerzeit angefaucht hatte, "... und wie geht es Ihnen?" "Danke, gut." Sie sagte "Seit Sie weg sind, ist es bei uns richtig eintönig geworden", und setzte schnell hinzu: "Mister Harper ist leider nicht mehr da!" Alexej erwiderte "Ja, Sie fehlen mir auch." "Ehrlich?" Er nickte. "Es war immer angenehm, mit Ihnen zu reden - und spazierenzugehen."

Sie sagte "Wie lange sind Sie noch in Amsterdam?" "Nur noch bis nächste Woche, der Zar reist dann nach London und wir müssen mit." "Freuen Sie sich darauf?" "Nach allem, was ich darüber gehört habe, soll in London ein scheußliches Wetter herrschen; man läuft Gefahr, in all' dem Nebel buchstäblich unterzugehen." (Er machte eine Miene, als würde er London nicht mehr lebend verlassen.) "Außerdem werde ich ganz bestimmt seekrank bei der Überfahrt." "Ach wo! Sie haben doch schon ganz andere Strapazen überstanden!", ermutigte sie ihn. "Wenn Sie das sagen." Da wusste sie auf einmal, was ihn die ganze Zeit quälte. "Sie haben Heimweh, stimmt's Alexej!" Er nickte heftig.

Sie konnte ihre Neugier nicht bezwingen. "Gibt es eigentlich jemand, die zu Hause auf Sie wartet? Ich meine, in Woronesch." "Ja." "Wie heißt sie, wenn man fragen darf?" "Natalie. Sie ist die Tochter eines Stiefel Fabrikanten." "Ist sie Ihnen versprochen?" "Ja. Aber ihr Vater will den Ausgang dieser Expedition abwarten." Dorothea fragte "Stellt Ihnen der Zar am Ende so etwas wie ein Zeugnis aus?" "Der Zar interessiert sich einen Dreck für meine Person. Aber ich könnte in seiner Kanzlei darum ersuchen." "Und das würde Ihren Schwiegervater 'in spe' sicherlich davon überzeugen, daß er gut daran tut, Ihnen seine Tochter anzuvertrauen." Alexej lächelte verständnisvoll und sagte "Seien Sie bloß froh, Dorothea, daß Sie sich nicht so anstrengen müssen."

"Wie lange wird der Zar in London bleiben?" "Keine Ahnung." "Vielleicht werden Sie bald wieder nach Hause fahren." Er entgegnete "Ich habe gehört, der Zar will erst noch nach Böhmen und Österreich." Sie sagte "Du liebe Güte, kriegt er denn gar nicht genug!", und Alexej lachte plötzlich wie ein kleiner Junge, der seinen Schulmeister dabei beobachtet hat, wie er heimlich in die Büsche pinkelt. Dann straffte er seine Haltung und sagte sehr förmlich "Ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter jedenfalls alles Gute!" "Ja, Alexej, das wünsche ich Ihnen auch, und ...", da konnte sie nicht anders, als ihn zu umarmen und ihm einen Kuss auf die Wange zu geben, "leben Sie wohl! Es war schön, Sie kennengelernt zu haben."

Als Dorothea in dem Zuckerbäcker Laden arbeitete, kam öfter ein blondes Mädchen herein. Sie war etwa in ihrem Alter, sie kaufte meistens von dem Gewürzkuchen, der preiswert und lecker war (Dorothea hatte mittlerweile so ziemlich alles probiert). Manchmal verlangte sie auch ein Stück Torte mit farbigem Zuckerguss. Beim dritten Mal fragte sie Dorothea, wo sie wohnt, und sie sagte es ihr, worauf sie Frau Louisa einen schönen Gruss ausrichten ließ. Dorothea fragte Louisa, wer das sei, sie beschrieb sie ihr und Louisa sagte daraufhin, das wäre die Mareike Jenner und ein "ganz liebes Mädel", wenngleich sie manchmal "ihre gute Kinderstube vergisst".

Dorothea war gleich bei ihrer ersten Begegnung aufgefallen, wie hübsch sie war. Und nicht nur das. Unter ihren Sachen zeichnete sich eine Figur ab, bei der selbst Dorothea, die sich normalerweise nicht von den Vertreterinnen ihres eigenen Geschlechts angezogen fühlte, den Blick kaum abwenden konnte. Sie versuchte es zu überspielen, aber wenn Mareike aus dem Laden ging, schaute sie ihr unwillkürlich hinterher, und einmal drehte sie sich an der Tür plötzlich um und lachte ihr voll ins Gesicht, daß Dorothea schamrot anlief und sich schnell verdrückte. Dieses Mädchen besaß etwas, das Dorothea nie zuvor bei einem anderen gesehen, oder bessergesagt: verspürt hatte. Und irgendwie konnte sie sich vorstellen, was Louisa damit meinte: sie würde manchmal ihre gute Kinderstube vergessen!

Dabei hatte sie so etwas in Wahrheit nie gehabt. Louisa erzählte ihr (auf Nachfrage), daß Mareike Jenner im Waisenhaus auf der Alten Seite aufgewachsen war. Sie hatte ihr, als sie im angemessenen Alter war, Arbeit besorgt, bei der sie sich eigenes Geld verdiente, das sie auch behalten durfte. (Im Waisenhaus sah man es immer gern, wenn sich die Kinder frühzeitig an Arbeit gewöhnten. Natürlich achtete am darauf, daß dabei alles seine Ordnung und Rechtmäßigkeit hatte und es wurde keiner dazu gezwungen.)

"Mit der Mareike gab es nie Probleme", lobte Louisa sie, "die hat immer von selbst angefragt, ob sie irgendwo aushelfen kann. Ich habe sie eine Zeit lang in der Alten Herberge in der Küche beschäftigt oder auch als Zimmermädchen, sie hat da sauber gemacht oder die Betten bezogen - ich hab' aber auch aufgepasst, daß sie nie mit den Gästen zu tun hat, denn weißt du, Süße, es gibt nichts Gefährlicheres für ein hübsches Mädchen als ein Seemann, der von großer Fahrt kommt, da ist kein Rock und keine Schürze sicher. Leider lassen's manche von den jungen Dingern gern mal drauf ankommen - wenn du verstehst, was ich meine." "Nicht so richtig", entgegnete Dorothea, und Louisa lachte aus vollem Halse, "Na, das nehm' ich dir jetzt nicht ab, oder willst du mir weismachen, du wüsstest nicht, was der Matrose im Mastkorb treibt, wenn's ihm zu langweilig wird!" Dorothea nickte und schüttelte den Kopf in einem. Louisa setzte schnell hinzu "Aber hör' mal, das bleibt unter uns, nicht wahr, Süße! Deine Mutter muss gar nicht wissen, worüber wir hier quatschen."

Am Abend sagte Dorothea zu Maria Sibylla "Mama! Ich habe ein Rätsel, mal seh'n ob du's errätst: Was macht der Matrose im Mastkorb, wenn's ihm zu langweilig wird?" Sie fragte zurück "Wenn ihm was zu langweilig wird?" "Häh? Na, wenn's ihm da oben zu langweilig wird, immer bloß auf's Meer zu glotzen." "Ich weiß nicht, er spuckt hinunter?" Dorothea zog die Brauen hoch. "Er kann doch nicht einfach 'runterspucken, dann kriegt das jemand ab!" "Ach was, das trägt der Wind auf's Meer hinaus." "Na ja, das macht er einmal, und dann?" "Dann wartet er, bis er wieder genug Spucke beisammen hat." "Oh, Mama, das ist ja eklig!" "Na, dann sag' du mir, was er macht." "Ich weiß es ja auch nicht." "Heißt das, du hast keine Lösung?" "Nee, nicht so richtig." "Von wem hast du das Rätsel?" "In der Zeitung gelesen." Maria Sibylla sagte "Dann ist vielleicht die Lösung morgen drin." "Ja, kann sein."

Sie lagen schon in ihren Betten, da rief Maria Sibylla aus ihrem Zimmer: "Thea!" "Ja, was ist, Mama?" "Das ist überhaupt kein richtiges Rätsel, stimmt's" "Was meinst du?" "Das mit dem Matrosen im Mastkorb." Schweigen. "Wer hat dir das erzählt?" Schweigen. Dann sagte Dorothea "Ich glaub' jedenfalls nicht, daß es morgen in der Zeitung steht." Maria Sibylla musste lachen. "Warum lachst du?" "Ach, nur so. So viel daneben war meine Lösung gar nicht."

Auch als Mareike Jenner selbst aus der Obhut des Waisenhauses entlassen war, kümmerte sie sich um die jüngeren Kinder und half bei der Hauswirtschaft, und Frau Louisa vermittelte ihr immer mal einige Aufträge für auswärtige Arbeiten. Sie war umsichtig und gründlich, sie sorgte selbst dafür, daß man gut von ihr sprach und sie weiterempfahl, aber sie ließ auch nicht mit sich verhandeln, wenn es um einen anderen als den vereinbarten Lohn ging, dafür war sie viel zu selbstbewusst, und Louisa hatte ihr eingeschärft, sich immer zu behaupten und nicht kleinbeizugeben.

Kaum daß Dorothea sich ihr etwas näher vorgestellt hatte, sagte sie "Da können wir uns ja mal verabreden!", und dann gingen sie an einem schönen Sonnentag in die Stadt und bummelten durch die Einkaufsstraßen und über die Märkte, und Mareike kannte sich überall bestens aus. Dorothea erzählte ihr von der Begegnung mit dem Russischen Zaren und wie sie mit Alexej den Juwelenhändler gesucht hatte. Und Mareike sagte, sie hätte eine Zeit lang bei einem Juden die "Rechnung" geführt, der auch mit Diamanten handelte. Dorothea sagte "Ich denke, die Juden können selbst ganz ausgezeichnet rechnen."

"Der nicht. Der kam aus irgendeinem polnischen Kaff und konnte nicht mal seinen Namen schreiben. Er hat in Jordaan gehaust ..." "Wo?" "In Jordaan, das ist das Arbeiterviertel von Amsterdam, da wohnen auch alle die Juden, die bloß Schnorrer und arme Schlucker sind, manche haben nicht mehr als eine Matratze, auf der sie schlafen." "Und wovon leben die?" "Von Almosen." "Aber wenn er mit Diamanten gehandelt hat, dann hätte er sich doch mehr leisten können?" "Wahrscheinlich, aber viele von den Juden sind so geizig, daß sie sich selbst nichts gönnen - na ja, vielleicht hatte er auch irgendwo was anderes, die erzählen dir ja sonstwas, nur nicht die Wahrheit."

"Hat er dich wenigstens bezahlt für deine Dienste." "Das hat er, auch wenn er jedesmal gejammert hat, ich würde ihn noch vollends ins Unglück stürzen." Sie lachte. "Und dann bist du da nicht geblieben?" "Er musste irgendwann verschwinden, ich glaube, er hat krumme Geschäfte gemacht." "Schade, oder?" "Ja." Dann flüsterte sie "Er hat mir zum Abschied sogar ein Halskettchen mit einem Diamanten geschenkt." "Hast du's um?" "Nee, das trag' ich ganz selten, da würden manche Leute nur neidisch drauf werden oder sich fragen, woher ich's habe." Dorothea wusste nicht recht, ob das wirklich stimmte, was sie ihr erzählte, aber sie war ihr so nahe gekommen, daß ihre Lippen ihre Ohrmuschel berührten, und das machte sie sogar noch ein bisschen kribbeliger als der Handkuss des Zaren.

Dorothea gefiel es sehr, mit ihr in der Stadt umher zu flanieren, und man konnte sehen, daß die jungen Herren ihnen aus den Augenwinkeln verstohlene Blicke zuwarfen. Einmal wurden sie von einem angesprochen, der sich angeblich nicht zurechtfinden konnte und nach dem Weg fragte. Er war ausgesprochen nett und er sah gut aus, schließlich lud er die beiden Damen zum Kaffee ein und es wurde ein kurzweiliger Nachmittag.

Dann kam Mareike auf die Idee, den Spieß umzudrehen und die Herren unter einem Vorwand anzusprechen, sie sagte, sie wären Schwestern und kämen aus Antwerpen oder aus Groningen (das war noch besser, weil es sie zu richtigen Landeiern machte) und sie wollten ihren Onkel besuchen, hätten sich aber verlaufen. Das klappte ein paarmal ganz gut und sie amüsierten sich hervorragend. Sie waren dabei so übermütig, daß sie nicht mehr richtig aufpassten und zweimal an denselben gerieten, der sie dafür ausschimpfte, sich aber nicht traute, auf offener Straße laut zu werden.

Mareike kam auch ein oder zweimal in Frau Louisa's Haus, aber Dorothea bemerkte, daß ihr nicht viel daran lag, und obwohl Louisa "ihr Mädchen" über den grünen Klee lobte, schien es Dorothea, daß Mareike ein paar unangenehme Szenen in Erinnerung geblieben waren, als Louisa nämlich "so richtig ausgerastet war und sie 'runtergemacht" hatte. Dorothea dachte: entweder sie hatte Louisa bei ihrer wohlverdienten Ruhe gestört (was sie gar nicht leiden konnte) oder Louisa hatte ihr eine "Moralpredigt" gehalten, weil sie ungezogen oder aufmüpfig gewesen war. Jedenfalls hatte Mareika ihr das wohl nie ganz verziehen.

Sie warnte Dorothea auch davor, Louisa irgendwas von ihren "Herren Fischzügen" zu erzählen, "für so was hat sie nämlich überhaupt kein Verständnis, na ja, sie ist eben schon alt!" Andererseits beteuerte sie, allein würde sie so etwas nie tun, was Dorothea beinahe ein schlechtes Gewissen verursachte, aber man konnte nie recht sagen, inwieweit bei Mareike etwas echtes Eingeständnis oder doch nur kühle Berechnung war.

Dorothea stellte sie ihrer Mutter vor, und Maria Sibylla fand sie auf Anhieb sympathisch, ja, sie sagte dann zu Dorothea, wie froh sie sei, daß die beiden sich gefunden haben und Mareike bestimmt geeignet sei, einen guten Einfluss auf sie auszuüben (Maria Sibylla nahm dafür als Hauptargument ihre Herkunft aus dem Waisenhaus). Mareike hatte sich auch alle Mühe gegeben, wie ein braves Mädchen zu wirken; Dorothea hatte ihre Strategie zwar gleich durchschaut, aber sie konnte sich innerlich nicht dagegen wehren, das kleine Schauspiel drollig zu finden, sie musste sich bei Mareikes komischer Miene das Lachen verkneifen. Und was war schon dabei, den Erwachsenen mal etwas vorzuflunkern!

Sie nahm sie auch einmal mit zu Maria Sibylla's Arbeitsstätte im Botanischen Garten, und sie durften sich das renovierte Schmetterlingshaus ansehen. Aber sie waren kaum zehn Minuten drin, da bekam Mareike Atemnot und die Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, die feuchte, warme Atmosphäre machte ihr derart zu schaffen, daß sie schnell das Weite suchte. Sie setzte sich draußen in den Schatten und Dorothea fächelte ihr frische Luft zu. Sie sah, wie auf Mareikes Gesicht die Schminke zerlaufen war, sie fand, daß sie es gar nicht nötig hatte, sich damit aufzuhübschen.

Dorothea fragte sich, ob sie (auf wen auch immer) womöglich den Eindruck erweckt, sie würde sich zu sehr an Mareike "dranhängen", sie wollte sich auf keinen Fall mit der Nebenrolle als naive und unerfahrene Spielkameradin abgeben. Manchmal kam Mareike auf dem Zuckerbäcker Steg in den Laden und wollte sie abholen zu irgendeiner "Besorgung", aber einmal war Dorothea nicht abkömmlich, sie musste vorn im Laden bedienen und es war jede Menge Kundschaft da. Mareike wurde darüber so wütend, daß ihr die Zornesröte ins Gesicht stieg, sie mit dem Fuß aufstampfte, auf dem Absatz kehrtmachte und wieder hinaus stürmte. Und obwohl es Dorothea im ersten Moment leid tat, so dachte sie doch hinterher, wie deutlich dieser kleine Vorfall gezeigt hatte, daß Mareike inzwischen ebenso anhänglich war, wie sie das bei sich selbst vermutete.

Aber Mareikes Ausstrahlung und zugleich ihre Anziehungskraft waren so enorm, daß man dagegen immer ein wenig blass und hilflos aussah, und Dorothea ertappte sich ständig dabei, wie sie sich mit ihr messen wollte. Einmal fragte sie Mareike "Hast du eigentlich einen Freund?" "Was? Na klar doch!" "Wie lange seid ihr schon zusammen?" "Ach, eine Ewigkeit! Zwischendurch hatte ich's mal mit einem andern versucht, aber dann haben wir beide festgestellt, daß wir noch nicht alles miteinander erlebt haben, was wir für möglich halten." Dorothea dachte 'Mein Gott, wie sie das wieder formuliert hat! Es klingt so gereift und doch auch ein bisschen abenteuerlich.'

"Und du?", fragte sie zurück, und Dorothea sagte ohne mit der Wimper zu zucken "Ja! Er ist zur Zeit in Frankfurt." "Was macht er da?" "Er ist ... er macht ... er kontrolliert die öffentlichen Uhren!" (In Amsterdam gab es unzählige Uhren, nicht nur an den Kirchtürmen, sondern auch am Rathaus und an anderen Gebäuden - sogar an etlichen Privathäusern protzten deren Besitzer mit einer schmuckvollen Uhr, die natürlich ständig in Gang gehalten werden musste; warum sollte es das in Frankfurt nicht auch geben!)

Mareike sagte "Da verdient er bestimmt nicht schlecht." "Oh, ich kann mich nicht beklagen." Dann fragte sie schnell "Was sagt dein Freund dazu, daß wir immer so viel zusammen sind?" "Hat nichts dagegen einzuwenden; wenn ich das so will, dann mache ich's eben." "Und wenn er denkt, daß du vielleicht ..." "Hab ihm von dir erzählt." "Ehrlich? Was hast du über mich gesagt?" Mareike lachte. "Das werde ich dir doch nicht auf die Nase binden, meine Kleine!" Dorothea hätte sich empören sollen, aber sie fand es geradezu spannend, sich auszudenken, wie Mareikes Freund sie sich vorstellte. "Machst du mich mal mit ihm bekannt?" "Ja, klar, warum nicht!"

Dann tauchte sie wieder im Laden auf, sie hatte sich offenbar vorher erkundigt, daß Dorothea am Nachmittag frei hatte, sie sagte "Ich hol' dich in einer Stunde ab", musterte sie kurz und fügte hinzu "du brauchst dich gar nicht erst umzuziehen." "???" Dann kam sie wieder, sie hatte ein einfaches Kleid einer Dienstmagd an, auf dem Haar genauso ein weißes Häubchen, wie es Dorothea trug. Sie sagte beinahe im Befehlston "Du musst mir helfen, einen Haufen Wäsche abzuholen." Draußen stand ein großer Korb mit zwei Griffen. "Ist das deiner?" "Ja klar, hab' ich ganz allein hergebuckelt." Es klang, als wäre Dorothea nicht rechtzeitig erschienen.

Sie gingen mit dem Korb bis zu einem prächtigen Haus auf der Rosengracht, über dem Eingang hing ein breites Relief mit einer Hafenansicht, darüber stand auf einem Banner: Bahia Todos los Santos. "Wo liegt das?", fragte Dorothea und Mareike erwiderte "Keine Ahnung", sie drehte sich um und streckte den Finger aus, "aber da drüben, das Haus mit den drei Giebeln, das ist das Bordell."

Sie betätigte den Türklopfer, der aus Messing war und die Form eines gewundenen Fisches mit kugeligem Kopf hatte. "Verhalte dich wie ein Dienstmädchen!" Es wurde geöffnet, Mareike sagte "Wir holen die Wäsche von Frau van Terbooken ab." Die Magd schaute Dorothea von oben bis unten an, Mareike sagte schnell "Das ist die Neue." Die Magd ließ sie herein, sie sagte "Das war schon für heute vormittag terminiert." "Ich weiß. Es ging nicht früher." "Es liegt alles oben im Zimmer, du kennst dich ja aus." "Ja, wir packen alles in den Korb, wir bringen's am Freitag frischgewaschen wieder." "Hm", machte die Magd und verschwand in der Küche.

Sie gingen die breite, geschwungene Treppe hinauf und oben erst an drei Türen vorbei, bis Mareike sagte "Hier 'rein!" Das war das Schlafzimmer, es war fast so groß wie Frau Louisa's Blauer Salon. Die Fenster wiesen zum Garten hinterm Haus, sie waren mit Gardinen aus feinstem Gewebe drapiert, durch welche das Licht wie in einer goldschimmernden Woge hereinströmte. An einer Seite war eine breite Kommode aus dunklem Holz und mit einem Zwischenraum in der Mitte, damit man sich davor auf den weißen Stuhl mit grünem Polster setzen und die Beine ausstrecken konnte. Obendrüber hing ein Spiegel im glänzenden Silberrahmen. Auf der Marmorplatte standen unzählige Flakons, Gläser mit Wolle Bäuschchen, kleine Dosen aus japanischem Lackholz, Schächtelchen, ein Behälter mit Taschentüchern, ein Necessaire mit Nagelscheren, Pinzetten, Feilen und ähnliche Dinge. Auf dem Boden lag ein großes weißes Fell - "von einem Eisbären", murmelte Mareike beiläufig. An der Wand stand ein gewaltiges Bett, mit vier "verdrehten" Säulen an den Ecken und einem Dach, das fast genauso massiv war wie das Untergestell und außen herum mit Schnitzereien verziert. Die Matratze war mit weißem Laken überzogen und mit prallen und weichen Kissen überhäuft. Dorothea hatte so ein Prunkbett einmal auf einem der Lotteriescheine ihres Großvaters Marell gesehen, wo es einer der Hauptgewinne war.

Gegenüber dem Bett stand ein Schrank mit drei Türen, auf deren mittlerer ein mannshoher Spiegel angebracht war, und in der Mitte des Zimmers war eine lange, breite Chaiselongue mit gestreiftem Bezug. Darauf lagen allerlei Kleidungsstücke ziemlich nachlässig hingeworfen. Dorothea sagte "Ist das die Wäsche?" und wollte anfangen, sie in den Korb zu legen, aber Mareike sagte "Immer langsam, Kleine Doro!" "Was ist denn?"

Mareike lief zum Schrank und öffnete die rechte Seitentür, da hingen bestimmt an die zwanzig Kleider auf der Stange, sie schob ihre Hand dazwischen, um einen Blick darauf zu werfen, sie wandte kurz den Kopf um und sagte "Komm' mal her!", und als Dorothea bei ihr war, deutete sie auf ihren Rücken mit der Knopfleiste ihres Kleides, "Mach' mir das auf." "Wie bitte?" "Na los', genier' dich nicht, ich will das hier mal anprobieren." Damit meinte sie eins von den Kleidern aus dem Schrank, ein reizendes blaues mit einem gelben Kragen und einem gleichfarbigen Taillenband. Dorothea zögerte. "Ich denke, wir ..." "Ja, machen wir auch gleich. Jetzt stell' dich nicht so an! Dort in dem hängen die von der anderen Terbooken Tochter, die hat ungefähr deine Statur - und jetzt zieh' mich endlich aus!"

Dorotheas Finger zitterten, als sie Mareikes Kleid aufknöpfte, aber dann dachte sie daran, daß sie nicht viel Zeit hatten und da ging es plötzlich ganz flink. Mareike streifte es ab und stand in Unterwäsche da, nicht mehr als eine kurze Hose und ein Leibchen aus feiner und reinlicher Baumwolle, darunter glänzte ihre Haut. Sie schlüpfte behände in das fremde Kleid, es sah aus, als wäre es nach ihren Maßen geschneidert, sie sagte "Die Terbooken passt schon gar nicht mehr da 'rein, sie hat sich nämlich überfressen." (Das stimmte übrigens nicht, wie Dorothea später feststellen konnte, die Terbooken Töchter waren beide sehr schlank, aber Mareike wollte es wohl nicht wahrhaben.) Sie drehte sich zwei-, dreimal vorm Spiegel, um gleich darauf ein anderes überzuwerfen, dann ein drittes, ein viertes, sie ließ sie nacheinander alle auf den Boden fallen, wo sie dalagen wie leere, bunte Hüllen.

Dorothea hatte die andere Schranktür geöffnet, und was dort hing, gefiel ihr sogar noch besser. Sie legte ihr schlichtes Holländerkleid ab und probierte ein paar davon an. Sie posierten beide vor dem Spiegel, Mareike machte sie zu ihrem Verehrer oder spielte den ihren, sie tat so, als wären sie ein Paar, sie rief "Kennst du den 'Fassheber'?" "Den was?" "Und den 'Rutenbieger'?" Sie fasste Dorothea an den Hüften und wirbelte sie herum, daß sie laut kreischte. "Was machst du da!" "Das sind Tanzschritte. Kannst du denn nicht tanzen?" "Doch", schwindelte sie, "aber es ist schon so lange her, daß ich's gelernt habe." Mareike zeigte ihr noch ein paar andere Figuren, und Dorothea gefiel es, wie sie von ihr hin- und hergeschoben wurde, und wenn sie am Spiegel vorbeikamen, setzte Mareike eine unglaublich arrogante Miene auf, als würde sie allen andern Freiern zurufen: "Was glotzt ihr Kerle so lüstern!"

Da ging die Tür auf und die Magd trat ins Zimmer. Dorothea blieb beinahe das Herz stehen. Mareike entließ sie aus ihren Armen und fummelte sich schnell aus dem Terbooken'schen Gewand heraus. Dorothea starrte die Magd an und irgendetwas erinnerte sie an die Thekla von Schloss Waltha. Sie erwartete gleich ein Donnerwetter, aber die Magd sagte bloß "Jetzt sputet euch!" "Ja", versicherte Mareike, "das war nur so'n kleiner Scherz." Und während Dorothea ihr eigenes Zuckerbäcker Kleid wieder anlegte, fragte sie mit reumütiger Stimme "Sie werden den Herrschaften doch nichts davon sagen?" Die Magd schüttelte verständnislos den Kopf. "Macht' ja wieder Ordnung - sonst Gnade euch Gott!" In Windeseile waren die teuren Kleider im Schrank und die schmutzige Wäsche im Korb, und die beiden eilten damit fort. Hinter der nächsten Straßenecke machten sie Halt und mussten sich erstmal ausschütten vor Lachen.

Der Junge, mit dem Mareike zusammen war, hieß David Strohm, und was seine Unwiderstehlichkeit betraf, stand er ihr in nichts nach, nur daß er überdies auch noch vom starken Geschlecht war. Er war mehr als einen Kopf größer als sie beide, er hatte blonde Haare (noch heller als Mareike) und eine stürmische Locke über der Stirn, die so schön erzitterte, wenn er lachte. Dann fiel ihm eine Strähne ins Gesicht, die aussah, als wollte sie sich selbst zum Andenken an seine Verwegenheit hergeben. Er hatte leuchtende Augen, und als er Dorothea das erste Mal begrüßte, wäre sie unter seinen Blicken beinahe zerschmolzen.

Er musste sich gar nicht vorstellen, das übernahm Mareike, die von all' seinen Erfahrungen schwärmte, die er in seinem bisherigen Leben gesammelt hatte. Er war als kleiner Junge schon als Marktschreier am Stand seines Vaters aufgetreten, der Fischhändler war, aber eines Tages seine Stimme verloren hatte. Mareike sagte "Er ist auf eine Kiste geklettert, hat die Hände an den Mund gelegt und aus Leibeskräften gerufen: 'Scholle, Hering, Kabeljau, Peterman und Karpfen blau - Strohm's frischer und gesunder Fisch gehört auf jeden Küchentisch'. So war's doch, oder?" David grinste nur und fühlte sich geschmeichelt.

Er hatte Schiffe entladen und Häuser angestrichen, er hatte Holz zu Brettern zersägt und in einer Ankerschmiede das Feuer geschürt. Im Sommer hatte er als Torfstecher draußen in Amstelveen gearbeitet und im Winter mit einem Boot (mit verstärktem Bug) das Eis an der Haarlemer Schleuse gebrochen. Er war Schiffswächter gewesen und Laufbursche an der Kornbörse, Briefausträger für ein Handelskontor und Kulissenschieber in der Schauburg. Er hatte am Dachstuhl für die Süder Kirche mitgezimmert und den Keller für das jüdische Bad in der Breiten Gasse ausgehoben. Er konnte in sieben Minuten einem toten Hasen das Fell über die Ohren ziehen und vierundzwanzig verschiedene Seemannsknoten knüpfen. "Er hat mal einem Kind das Leben gerettet", sagte Mareike, "als er es aus einem brennenden Haus holte!" "Na ja, das war nicht weiter schlimm." "Oh doch! Zeig' ihr mal deine Verbrennung!" Er schob seinen rechten Ärmel hoch. "Hier, der Fleck, das ist 'ne bleibende Erinnerung da dran." Dorothea fuhr mit den Fingern über die unschöne, vernarbte Stelle und dachte 'Das hat ihn sicher noch unverwundbarer gemacht'.

"Stell' dir vor", sagte Mareike zu ihm, "Dorothea kann nicht richtig tanzen!" "Doch, ich kann's, aber ich bin ein bisschen aus der Übung gekommen." David sagte "Na, da können wir doch Abhilfe schaffen." "Wie denn?" Und dann verabredeten sie sich für Samstagabend, und Mareike versprach, sie abzuholen. Dorothea bat sie auch, mit ihrer Mutter zu sprechen und ihr zu versichern, daß sie bei ihr "in guten Händen" wäre. Und Mareike musste es gleich wieder übertreiben, als sie Maria Sibylla sagte, sie würden beide zu einem Vortrag über Hauswirtschaft im Vereinssaal der Waisenhaus Stiftung gehen. "Ich werde Dorothea wieder wohlbehalten bei Ihnen abliefern, Frau Merian, aber es kann etwas später werden, weil sich höchstwahrscheinlich noch eine längere Diskussion daran anschließen wird."

In Wahrheit gingen sie zu Kaspar Heizig's Brauerei zum gekrönten Ochsen am Ende der Mont Albans Gracht. Hier hatte David einmal gearbeitet und er war dem Besitzer freundschaftlich verbunden. Es gab zwar keinen Vereinssaal, dafür aber eine Tanzhalle, und Samstags war immer volles Haus. Es ging hoch her. David's Freunde begrüßten ihn mit kräftigem Handschlag, bei den Frauen war man etwas sanfter. Die Musik hatte längst angefangen und auf den Dielen drehten sich die Paare, es war laut und wild und alle paar Minuten gab es einen kleinen Zwischenfall.

Am nächsten Tag sagte Maria Sibylla "Puh, du riechst aber schlimm nach 'Papse'!" (Damit meinte sie kalten Tabaksqualm, wie er sich auf die Kleider legt.) "Ja", beeilte sich Dorothea zu sagen, "ich hab' da neben einem Mann gesessen, der in den Pausen kräftig geraucht hat." "Ach, da waren auch Männer bei dem Vortrag?" "Ja, der war dabei ... weil ... er auf seine beiden Töchter aufpassen musste, die waren noch sehr jung." "So so. Und in den Pausen hat er wohl auch Bier getrunken?" "Ähm ... ja, woher weißt du das?" Maria Sibylla zuckte nur mit den Schultern.

Sie machten jede etwas für sich und schwiegen dabei, und nach einer Weile ging Dorothea zu ihr hin und sagte "Mama, wir waren nach dem Vortrag noch in einem Gasthaus, das gehört dem Onkel von Mareikes Freund, kann sein, daß davon der Biergeruch kommt - aber ich habe keins getrunken, sondern bloß Limonade!" "Hm hm", machte Maria Sibylla, "war's nett?" "Ja, sehr." "Hast du jemanden kennengelernt?" "Dort?" "Na, wo wart ihr denn sonst noch?" "Nirgends. Nee, weiter wüßte ich jetzt niemand, den ich noch kennengelernt hätte", dann fügte sie vorsichtig hinzu "vielleicht beim nächsten Mal", und achtete dabei auf Maria Sibylla's Miene, die sagte "Na ja, Hauptsache, du weißt immer, was du tust und lässt dich nicht in die Irre führen." "Nein, Mama, ich pass' auf. Und Mareike würde mich auch warnen, wenn da jemand wäre, dem man nicht übern Weg trauen kann, denn sie kennt dort alle Welt ... ich meine, die anständigen Leute, an die man sich halten sollte."

Dorothea war erleichtert, daß sie ihrer Mutter von dem Gasthausbesuch berichtet hatte, auch wenn sie kein Wort über das Tanzvergnügen verlor. Das war übrigens nicht das erste Mal, daß Maria Sibylla solche Andeutungen machte und ihr "ernsthafte und gutgemeinte" Ratschläge erteilte. Sie war dabei sehr behutsam, wie man gerade sehen konnte, sie hatte sie niemals gegängelt oder ihr etwas verboten. Und da war ja auch die brave Mareike immer dabei. Aber Dorothea bezweifelte, daß Maria Sibylla wirklich so leichtgläubig war, wie sie tat; sie konnte Mareike wahrscheinlich deshalb gut leiden, weil sie sah, daß sie ein aufrichtiges Wesen hatte und zudem selber schlau genug war, um sich nicht selbst in Schwierigkeiten zu manövrieren, und das genügte ihr wohl, um ihr zu vertrauen.

Doch einmal hatte Maria Sibylla auch von "Dummheiten" gesprochen, welche die Mädchen in ihrem Alter in einem "Moment der Verstandeslosigkeit" begingen und die sie hinterher "womöglich ihr Leben lang" bereuen müssten. Dorothea sagte "Du redest ja beinahe wie Onkel Frederick." "Ach ja? Aber sicher von etwas ganz Anderem. Ich hoffe nur, daß du den Unterschied zwischen wahrer Liebe und ... der rein körperlichen Zuneigung ... wenigstens gefühlsmäßig ausmachen kannst." "Und worin besteht der deiner Meinung nach?" "Wenn ich das so genau sagen könnte, würde ich's tun, deshalb appelliere ich auch an dein Gefühl, denn diese Dinge sind (sie tippte sich an den Kopf) von hier oben aus schwer zu beeinflussen.

Wenn man sich in jemanden verliebt, dann kennt man keine Grenzen und man vergisst alles um sich her, es ist wie ein Rausch, aus dem man nie mehr erwachen will. Aber in Wahrheit hält das oft nur für ganz kurze Zeit an, im schlimmsten Fall für ein paar Augenblicke. Die meisten Männer - und da kannst du mir jetzt gern widersprechen - sind nur auf diesen einen Augenblick aus, in dem sie selbst ein Glücksgefühl genießen. Du kannst es ganz genauso genießen, dann habt ihr beide was davon, aber eines rate ich dir: lauf' ihm nie hinterher! Wenn er weggeht, dann geh' du in die andere Richtung weg, und wenn er sagt 'komm' dann und dann zu mir', dann sagst du: 'wenn du was von mir willst, weißt du, wo du mich findest'." "Ja, ist gut", erwiderte Dorothea und bekam doch für einen Moment ein mulmiges Gefühl.

Dieses Gespräch lag übrigens nach der "Matrose im Mastkorb" Geschichte, und wenn Dorothea jetzt darüber nachdachte, musste sie feststellen, daß Maria Sibylla nie über die - na, wie sollte sie es nennen? - über die schamlosen, ja, unanständigen Sachen gesprochen hatte, obwohl klar war, daß sie darüber Bescheid wusste. Vielleicht war es ihr dann doch ein bisschen bange geworden, als sie sah, daß sie immer öfter mit Mareike loszog, und wahrscheinlich hat sie von Anfang an nicht an die Märchen von den Vorträgen im Vereinssaal des Waisenhauses geglaubt, aber dagegen stets an die Besonnenheit und Weitsicht ihrer Tochter. Wer wollte es ihr verbieten, ihren Spaß zu haben! Aber wer würde Maria Sibylla trösten, wenn Dorothea doch unversehens irgendeinem Kerl auf den Leim geht, der nur auf sie scharf ist, um sich zu befriedigen und sie danach achtlos fallenlässt.

Das mit der "Befriedigung" hatte sie mit Mareike erörtert, von ihr kam auch die Lösung des Matrosen Rätsels (jedenfalls eine mögliche Lösung). Sie konnte das sehr anschaulich beschreiben und Dorothea liefen dabei ein paar Schauer über den Rücken, die gar nicht so unangenehm waren. Im Nachhinein klang ihr auch das Lachen von Frau Louisa in den Ohren, und das fand sie dann irgendwie ordinär gegenüber Maria Sibylla's Lachen, als ihr bei dem kleinen Wortwechsel von Bett zu Bett ein Licht aufgegangen war.

Mareike plante indes das nächste, noch vielversprechendere Amüsement. Dem war folgendes Geschehen vorausgegangen: Als Maria Sibylla das Blumenstilleben für den Ratsherrn Wittensen fertig hatte und es soweit nachbehandelt war, daß man es aus der Hand geben konnte, hatte sie Dorothea gebeten, eine diesbezügliche Nachricht dem Sekretär zu überbringen, genauergesagt Dorothea hatte sich dafür angeboten, denn sie wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, einmal das Rathaus von innen zu sehen.

Nun war der Sekretär selbst nicht da, lediglich sein Untersekretär, der das kurze Schreiben gern entgegennahm und es weiterzureichen versprach. Dorothea fragte ihn, ob sie sich ein bisschen umschauen dürfe, und da der Untersekretär gerade vorhatte, eine Pause zu machen, erklärte er sich bereit, die junge Dame herumzuführen, was sehr informativ war, denn er kannte die historischen Bezüge zu fast jedem Bild und jeder Skulptur, mit denen die Gänge und das Treppenhaus geschmückt waren, er konnte sogar etwas zu den Kronleuchtern sagen.

Sie berichtete alles ihrer Mutter, und drei Tage später erschien in Frau Louisa's Haus ein junger (und ziemlich gutaussehender) Mann, der sich als Pieter Wittensen, der Sohn des Sekretärs, vorstellte. Er gab Dorothea einen Handkuss, gegen den weiland der des Zaren beinahe grobschlächtig gewesen war. Er sei gekommen, um das Gemälde der Madame Merian abzuholen. Ihre Mutter wäre gerade nicht da, werde aber in Kürze zurückerwartet, wenn er doch solange hier Platz nehmen und warten wollte. Er zögerte keinen Augenblick, ließ sich aber erst nieder, als sie selber saß.

Schoss dann jedoch gleich wieder in die Höhe, weil sie aufgesprungen war, um ihm etwas zu trinken anzubieten - sie konnte ihre Aufregung nur schlecht verbergen. "Vielen Dank, das ist nicht nötig", sagte er, sie standen beide da, und Dorothea wusste vor Verlegenheit nichts anderes zu sagen als "Ich werde mal aus dem Fenster schauen, ob meine Mama schon kommt." "Ja, gut. Ich könnte Ihnen dabei behilflich sein, vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei." Sie lachte und er lachte zurück.

Sie fragte "Sind Sie Herrn Wittensen's einziger Sohn? Oh, Verzeihung, es geht mich nichts an." "Nein, ich habe noch einen Bruder und zwei Schwestern." "Ich habe noch eine Schwester, sie heißt Helena, sie ist mit einem Hamburger Kaufmann verehelicht." "Aha." "Und Sie?" "Was ist mit mir?" "Sie sind doch bestimmt auch schon glücklich verheiratet." "Nein." "Na, ich auch nicht." Er sagte "Ich nehme mir in dieser Hinsicht Zeit, so etwas sollte man nicht überstürzen." "Meine Rede!", sagte sie, "Obwohl meine Mama da manchmal anderer Ansicht ist. Ich finde ..."

Da ging die Tür auf und Maria Sibylla kam herein, Pieter Wittensen begrüßte sie noch formvollendeter als ihre Tochter. Sie sprachen miteinander, und Dorothea musste sich sehr beherrschen, um sich nicht einzumischen. Maria Sibylla überreichte ihm das Bild, es war sorgfältig verpackt. Er gab ihr einen kleinen schwarzen Samtbeutel, in dem schwere Münzen klingelten, Dorothea nahm ihn ihr ab. Er verabschiedete sich auf die gleiche vorzügliche Weise, und als er hinauswollte, stieß er beinahe mit Mareike Jenner zusammen, die im selben Moment zur Tür hereinstürzte. Sie schaute ihn verblüfft an, er gab auch ihr (obwohl ihn das Bild dabei etwas behinderte) einen Handkuss und empfahl sich.

Mareike wartete den Zeitpunkt ab, als Dorotheas Mutter sich entfernt hatte, dann fasste sie sie am Arm und sagte "Das war Pieter Wittensen!" "Ja, ich weiß", gab Dorothea nonchalant zurück. "Was wollte er?" "Das Gemälde von meiner Mutter abholen, das sein Vater bei ihr bestellt hat." "Habt ihr miteinander geredet?" "Selbstverständlich." "Was hat er gesagt? Was hast du gesagt?" "Ach! Wir unterhielten uns über dies und jenes - ich hatte den Eindruck, daß wir in vielen Dingen eine übereinstimmende Ansicht vertreten." Mareike sah sie groß an. "Bist du jetzt übergeschnappt?" "Nein! Wieso?" "Dann rede nicht so geschwollen mit mir." "Na, du willst es doch wissen! Woher kennst du ihn überhaupt?" "Pieter Wittensen! Den kennt hier jedes Mädchen." "Ach ja? Aber nicht jede verkehrt mit ihm." Mareike prustete vor Lachen und Dorothea bekam eine knallrote Birne.

Ihre Mutter kam dazu. "Na, was bequackelt ihr zwei Hübschen?" "Ach nichts, ich habe Dorothea gerade gefragt, ob sie nächsten Samstag wieder mit zu einem Vortrag über gesunde Ernährung kommt." "Lass' mich raten, Mareike, das findet bestimmt im Vereinssaal des Waisenhauses statt." "Ja, genau." "Darf ich, Mama?" "Da musst du mich doch nicht um Erlaubnis fragen, du bist alt genug, um deine Entscheidungen zu treffen." "Sie sind wirklich eine liebe Mutter." "Ja, das hoffe ich. Und sag' mal, Mareike, gibt es da auch irgendwann einen Vortrag über die Gebote des christlichen Glaubens? Ich meine, speziell über das neunte Gebot." Dorothea musste erst überlegen, aber Mareike erwiderte wie aus der Pistole geschossen: "Du sollst nicht lügen?" Maria Sibylla sah sie eindringlich an, dann lächelte sie vielsagend und Mareike murmelte "Ich werde mich erkundigen, Madame Merian, und Ihnen Bescheid geben."

Mareike war über Pieter Wittensen genau im Bilde, obwohl sie noch nicht mit ihm verkehrt hatte. "Die sind ungeheuer reich", sagte sie über seine Familie, "sein Vater besitzt den Schlüssel für die Geldkammer der Wechselbank, da liegen Millionen und Abermillionen von Gulden drin und haufenweise Gold in großen Stücken, er trägt den Schlüssel immer bei sich, er ist sogar schon mal überfallen worden, auf offener Straße, als er von einem angeblichen Bettler um ein Almosen angefleht wurde." "Und was geschah?" "Pieter war dabei, er hat gleich mitgekriegt, was der Bettler in Wirklichkeit vorhatte, nämlich ihm den Schlüssel klauen, da hat er ihn mit seinem Degen niedergestochen."

"Er hat ihn getötet?" "Er hat ihn in den Hals gestochen, hier so, an der Stelle. Dann ist er verblutet." "Er hat ihn einfach verbluten lassen? Das würde ich ihm gar nicht zutrauen!" "Hast du nicht seinen Degen gesehen!" "Nein. Meiner Meinung nach hatte er keinen bei sich." "Er trägt ihn versteckt unter dem Wams." "Ach." "Klar, wenn er zu einer Dame geht, dann lässt er ihn nicht offen 'raushängen, aber man darf sich da nicht täuschen lassen, er hat ..." "Er ist jedenfalls nicht verheiratet", fiel ihr Dorothea ins Wort. "Hast du ihn etwa gefragt?" "Ja, und er hat mir's gesagt."

Mareike war verblüfft. "Du hast Pieter Wittensen gefragt, ob er eine Frau hat?" "Ja, was ist denn dabei? Wir waren ganz offen zueinander." "Na wenn schon. Er hat auf alle Fälle jede Menge Freundinnen, das kannst du mir glauben, ich kenne nämlich einige davon ... zumindest vom Sehen. Klar weiß ich, daß er nicht verheiratet ist, da hättest du auch mich fragen können, ich meine, was soll er denn jetzt von dir denken, wenn du ihm so 'ne Frage stellst, da quillt es ja förmlich über vor Anspielungen." "Na, jetzt redest du aber Mist zusammen", verwahrte sich Dorothea, "du tust ja so, als hätte ich ihn gefragt, ob er mich nehmen will."

Mareike lachte und klopfte ihr auf die Schulter. "Ich wollte dich bloß ein bisschen necken, Kleine Doro!" "Nee, das war schon eher ..." "Ich war mal bei denen draußen in ihrem Lustschlösschen", sagte Mareike. "In ihrem was?" "Die Wittensens haben draußen in Ellingbrook ein Sommerhaus, so was haben die Reichen hier alle, aber den Wittensens ihr's ist am schönsten, ein richtiges Schlösschen eben, mit Park und See und allem drum und dran." "Und da warst du schon?" "Hab' mal was hingebracht." "Und warum heißt das Lustschlösschen?" Mareike grinste. "Na, weil's manchmal recht lustig zugeht." "Du meinst, die führen da Komödien auf und so was?" Jetzt musste Mareike lachen. "Du lieber Himmel, Doro! Hast du denn gar keine Ahnung? Oder willst du mich auf'n Arm nehmen." Dorothea stampfte mit dem Fuß auf. "Dann sag' mir's gefälligst so, daß ich's auch kapiere!"

Mareike tat so, als überlegte sie etwas, aber Dorothea dachte später, daß sie sich wahrscheinlich alles schon hübsch zurechtgelegt hatte, und zwar von dem Moment an, als sie bei Maria Sibylla mit Pieter Wittensen beinahe zusammengekracht wäre. "Da fällt mir was ein! Es klingt jetzt vielleicht 'n bisschen verrückt, aber du willst es ja genau wissen!" "Was meinst du?" "Pass' auf! Wenn ihr ... also deine Mutter und du so eine gute Beziehung zu den Wittensens habt und du mit dem Pieter schon fast auf du und du bist - na komm!, wehr' nicht ab! - dann könntest du auch dafür sorgen, daß du auf eins von den fröhlichen Sommerfesten eingeladen wirst, ich wette, er würde sich wahnsinnig freuen."

Dorothea schüttelte vehement den Kopf. "Kommt nicht in Frage, ich schmeichel' mich doch nicht bei denen ein." "Das hat doch nichts mit Einschmeicheln zu tun! Da sind jede Menge andere junge Männer dabei, mein Ehrenwort, das kannst du mir glauben, und die sind froh, wenn ein paar hübsche Mädchen anwesend sind, mit denen sie sich angenehm unterhalten und auch mal mit ihnen tanzen möchten ... du kannst doch jetzt tanzen!" "Ha!", lachte Dorothea, "Du willst mir doch nicht erzählen, daß die sich auf solche Bauernhopser einlassen wie in Kaspar Heizig's Brauerei!"

"Wenn wir das wollen, machen sie's garantiert", erwiderte Mareike beinahe unerbittlich. Dorothea wurde schwankend. "Soll das heißen, du würdest mitkommen?" "Davon red' ich doch dauernd. Ich kann dich ja nicht allein da hinlassen, schon wegen deiner Mama nicht." "Du hast gehört, daß ich das selber entscheiden kann." "Na gut. Wenn du mich nicht brauchst. Bitteschön. War ja nur ein Vorschlag." Sie verschränkte die Arme und wandte sich ab.

"Sei nicht albern! Natürlich würde ich nur mit dir zusammen da hingehen. Aber nicht wegen Pieter Wittensen! Und du musst mir versprechen, daß du dich ihm gegenüber auch angemessen verhältst und mich nicht kompromittierst." "Was bedeutet das?" "Er soll nicht denken, daß wir nur gekommen wären, um ihm zu gefallen." "Das hab' ich noch nie bei 'nem Mann gemacht", sagte Mareike, und das war wohl die reine Wahrheit.

Und vierzehn Tage später flatterte ein Brief in Frau Louisa's Haus, in welchem "Mademoiselle Dorothea Maria Sibylla Merian-Graff" zur alljährlichen Sommer Belustigung auf dem Landhaus des Jonas Wittensen in Ellingbrook" eingeladen ward, hochachtungsvoll unterzeichnet von "Ihrem untertänigsten Freunde Pieter Wittensen". Darunter stand die Uhrzeit, wann ein Fahrzeug vor Ihrer Wohnung bereitstünde, um sie abzuholen. Außerdem sei der Gastgeber darauf vorbereitet, daß sie in Begleitung einer weiteren Person nach ihrer Wahl erscheine. (Wie Mareike Jenner das geschafft hatte, blieb für immer ihr Geheimnis.)

Dorothea zeigte die Einladung ihrer Mutter, die freute sich riesig für sie, dann druckste Dorothea ein bisschen herum, "Hast du das mit der Begleitperson gelesen?" "Ja", sagte Maria Sibylla, "das ist doch gut, oder?" "Ja. Aber hättest du denn eigentlich wirklich Lust mitzukommen?" "Ich?" "Na ja, wer sollte denn sonst damit gemeint sein." "Ach Thea, ich glaube, wenn ich gemeint wäre, hätte Pieter's Vater die Einladung an mich ausgesprochen und an dich als Begleitung gedacht. Aber so ist doch umgekehrt, ich glaube, da käme ich mir fehl am Platze vor." "Aber du könntest dort jemanden kennenlernen, ich meine, jemanden in deinem Alter." "Lass' mal gutsein. Frag' Mareike, die freut sich bestimmt." "Oh ja, die freut sich bestimmt! Das ist wirklich lieb von dir, Mama." "Immer gern. Vergnügt euch. Genießt das Leben."

"Ich kann unmöglich da hingehen!", sagte Dorothea zu Mareike, als sie vor dem großen Spiegel in Maria Sibylla's Zimmer standen, "Nicht in diesem Aufzug! Und dein Kleid ist ehrlichgesagt auch nicht viel besser." Mareike konnte nichts darauf entgegnen, sie hatte recht, in diesen Kostümen konnten sie sich vielleicht auf dem Damrak oder auf der Keysersgracht sehen lassen, aber nicht auf einem Sommerball, wo wahrscheinlich jede Menge aufgetakelte weibliche Schönheiten zugegen waren. Mareike sagte "Die würden womöglich denken, ich gehöre zur Bedienung."

Mareike sagte, sie könnten sich ja was bei den Terbooken Töchtern ausborgen. Wie das gehen sollte? Ach, da würde ihr schon was einfallen, um da 'reinzukommen. "Du meinst heimlich?" "Na, willst du sie fragen?" "Bist du meschugge! Das ist viel zu riskant. Nachher sind die Terbooken Mädchen selber da auf dem Sommerfest, was glaubst du, was passiert, wenn die uns in ihren eigenen Kleidern sehen!" Mareike musste lachen. "Ja, da würden wir echt auffallen." "Das meinst du hoffentlich nicht ernst." "Dann sag' was besseres."

Dorothea ging zu ihrer Mutter und erklärte ihr das Dilemma. Maria Sibylla gab ihr ohne zu zögern Geld (aus dem Verkauf ihrer Bilder; sie sagte, irgendwie sei Dorothea daran beteiligt gewesen, weil sie immer so artig war und sie, ihre Mutter, bei ihrer Arbeit nie von ernsthaften Sorgen um sie abgelenkt war). Dorothea erdrückte sie fast unter ihren Küssen. Sie ging mit Mareike Kleider kaufen, die wusste, wo es die schönsten gab, aber sie bestand darauf, es zurückzuzahlen, ihr oder ihrer Mutter, ganz gleich, sie wollte jedenfalls nicht in ihrer Schuld stehen.

Dann war alles soweit vorbereitet. Sie tauschten gegenseitig noch ein paar prüfende Blicke aus, und Mareike sagte, sie solle nicht so heftig atmen. "Aber ich bin aufgeregt." "Denk' an was anderes, an was ganz Abwegiges." "An was Abwegiges? Wieso denn?" "Dann bist du ruhig und keiner merkt dir was an." "Und was schlägst du vor?" Mareike zuckte mit den Schultern, dann sagte sie "Denk' an ..." "Ach, ich weiß schon was!" "Gut. Und jetzt lass' uns den Bock beim Schwanz packen!" "Bei den Hörnern." "Was?" "Es heißt: bei den Hörnern packen." "Was soll's, wir sind doch zu zweit!"

Der Mann mit der Kutsche kam, er trug eine schmucke Livree, und er hielt die Zügel des eleganten Einspänners mit weißen Handschuhen. Mareike sagte "Können Sie bitte einen Umweg über den Rathausplatz machen!", und er gehorchte anstandslos. In Ellingbrook war es wie auf dem Lande. Das Sommerschlösschen hieß frei nach den antiken griechischen Gefilden "De Hollantsche Arcadia" und als sie durch das große schmiedeeiserne Tor fuhren, überkam die beiden ein Gefühl, als würden sich an diesem Abend all' ihre Sehnsüchte erfüllen.

Pieter Wittensen empfing seine Gäste persönlich, an seiner Seite war ein bildhübsches Fräulein im rosafarbenen Kleid und mit einer Kamelienblüte im schwarzen Haar. Maria Sibylla hatte übrigens ganz richtig vermutet, daß dies ein Fest der jungen Leute war, Pieters Eltern ließen sich nur ganz kurz blicken und zogen sich dann zurück. Seine Geschwister waren da, und zwischendurch machte er Dorothea mit seiner Schwester Diana bekannt, die ein Faible für Malerei hatte und sie über ihre Mutter ausfragte. "Wir sehen uns dann später bestimmt noch", sagte sie und ließ sich von einem Herrn entführen.

Auf dem weiträumigen Platz vor dem Haus war alles bunt geschmückt, es hingen da Girlanden und japanische Lampions, sowie vergoldete Lorbeerzweige herab, und später tauchten Fackeln hinter getönten Blenden auf schlanken, steinernen Säulen alles in einen sanften, erquickenden Lichtschein. Aber soweit war es noch nicht. Eine gute Stunde nach der "Eröffnung" trat Pieter Wittensen vor die Gäste und hielt eine kurze, humorvolle Rede und wünschte ihnen zuletzt, daß hier und heute jedermann einen unvergesslichen Tag erleben möge, und alle bekundeten ihm mit Beifall ihre Zustimmung.

Dann gab er den Auftakt zum Buffet, das auf zwei langen Tafeln im Freien aufgebaut war, man konnte sich selbst bedienen, aber für die Getränke sorgte eine Armada von Serviererinnen in schwarzen Röckchen mit knapper, weißer Schürze, sie hielten auf ihren Tabletts Gläser mit Wein und Limonade, mit Saft aus frischen Orangen und auch mit echtem Champagner bereit.

Etwas abseits auf dem Rasen spielte eine Kapelle lebhafte Weisen, und daneben war eine kleine Bühne aufgebaut, auf welcher dann ein kurzweiliges Stück mit dem Titel "Die schöne Marianne oder Der Liebhaber aus Batavia" gegeben wurde; vor Beginn fragte ein Conférencier in die Zuschauermenge, ob sich etwa Damen darunter befänden, die Marianne hießen, und es meldeten sich tatsächlich sieben oder acht, die daraufhin ein Blumensträußchen überreicht bekamen.

Nach der Aufführung, die mit glücklichem Ausgang und viel Applaus für die Schauspieler endete, verteilte sich das Publikum auf dem parkähnlichen Gelände. An einer Stelle versammelte man sich um einen Springbrunnen, an einer andern bestaunte man einen Zauberkünstler, der extra engagiert worden war. Dazwischen fand man sich in Grüppchen zusammen und plauderte miteinander, immer gut mit Getränken versorgt von den Mädchen, unter denen auch welche waren, die aus ihren Körben kleine Naschereien anboten.

Auf der Bühne gab eine opulente Sängerin im langen, roten Kleid Arien aus italienischen und französischen Opern zum Besten, und etwas weiter wurde eine Schar zierlicher Tauben aus ihren Käfigen in den heiteren Sommerhimmel entlassen, sie flogen dann, wie zum Dank, mehrmals im Schwarm über die Menge hinweg.

Irgendwo waren Spiele angesagt, und Dorothea kam gerade hinzu, als "Blinde Kuh" dran war; ehe sie sich's versah, hatte man ihr ein Tuch um die Augen gebunden und in die Mitte des Kreises gestellt. Früher in Nürnberg hatte sie leidenschaftlich gern Blinde Kuh gespielt und jetzt kam in ihr das kleine Mädchen durch, das sich außerordentlich geschickt dabei anstellte, aber sie kostete es aus, im Ring umherzujagen und nach den andern zu haschen und ließ sich absichtlich ein paarmal länger ins Leere locken, bis sie dann ganz leicht jemanden erwischte, der für sie einspringen musste.

Unten am See konnte man Kahn fahren, und es hatten sich auch welche auf dem hellen, feinen Sand niedergelassen, manche schon mehr oder weniger angetütelt, die singend und in komischen Posen die andern zum Lachen brachten. Da waren Pärchen, die sich ungeniert küssten und andere, die sich Händchen hielten und auf den See blickten, um dann gemächlich zurück zur Gesellschaft zu schlendern und sich wieder in die fröhliche Runde einzureihen.

Mareike hatte sich an der Buffettafel so "vollgefressen", wie sie selber feststellte, daß sie befürchtete, ihre Nähte am Kleid würden gleich platzen. Sie hatten auch beide schon reichlich von dem Champagner probiert. Dann war sie auf einmal verschwunden, und Dorothea konnte sie nirgends entdecken. Sie traf Pieter Wittensen mit seiner schönen Dame im Kreis einiger seiner Bekannten, und er stellte sie Dorothea vor, sie schüttelte artig die Hände, aber sie konnte sich die Namen nicht so schnell merken. Sie unterhielt sich mit dem ein und andern, und Pieter's Freundin sagte dann zu ihr, daß ihr dieses Kleid ganz ausgezeichnet stünde, wofür sie sich mit einem lieblichen Blick bedankte. Pieter fragte "Wo ist Ihre Begleiterin?" "Tja, wenn ich das wüsste, ich werde mal da drüben nachschauen." "Ja, gut. Wenn Sie sie nicht finden, kommen Sie zurück zu uns, ich bin sicher, hier finden Sie immer wohlwollende Aufnahme." Er erhob sein Glas und ein paar von den jungen Männern ermunterten sie dazu.

Und plötzlich tauchte Mareike auf, an ihrer Seite zwei Männer, und Dorothea konnte gleich erkennen, welchen davon sie sich auserwählt hatte. "Hier bist du! Ich suche dich überall. (sie war auch schon leicht beschwipst und offenbar überglücklich) Darf ich dich bekanntmachen mit Herrn Nicolas van Mander (das war ihr Favorit, ein großer, schlanker Jüngling mit einem freundlichen Gesicht) und (sie deutete auf den andern) ... wie war gleich Ihr Name?" "Simon." "Und noch?" "Simon Bondels, es freut mich sehr, Mademoiselle." "Ganz meinerseits."

"Hast du mitgekriegt, wann es mit dem Tanzen losgeht?" "Nein. Aber da drüben bei den Bäumchen haben sie eine Tanzfläche ausgelegt." "Bei den Bäumchen!", kicherte Mareike, "ist sie nicht süß, meine Kleine Doro!" "Na ja, die Bäumchen in den Kübeln!", und der andere sagte "Ich kann sehen, was Sie meinen." "Oho! Er kann sehen!", rief Mareike und stupste ihn gegen die Schulter, "Du bist ein ganz Aufmerksamer, stimmt's! Du behältst den Überblick! Ich ernenne dich hiermit zu unserem Obs... Obs..." "Was wollen Sie sagen, Mademoiselle Jenner?", fragte Nicolas und musste sie am Arm stützen. "Na ... was Sie vorhin auch gesagt haben! Obs..." "Observator?" "Ja genau! Obs-er-va-tor!"

"Du grüne neune, worüber habt ihr euch denn unterhalten?" Simon sagte "Es ging um das Observatorium auf der Katzenburg." "Ja genau, da steht nämlich ein richtiges Observatorium, das wusste ich nicht mal ... Herr van Mander!" "Ja, was ist?" "Begleiten Sie mich zum Buffet? Ich möchte etwas trinken." "Zu Ihren Diensten, Mademoiselle!", sagte er, und sie hakte sich bei ihm ein.

"Wollen wir ihnen folgen?", fragte sie den andern, und er sagte "Ich möchte mich nicht aufdrängen." "Tun Sie nicht." Dann meinte sie "Aber wir könnten hinunter zum See gehen und dann was trinken." "Das wäre auch nicht übel." Sie nahmen die Richtung, Mareike rief ihnen von weiter oben zu: "Lauft nicht weg!" Dorothea winkte zurück.

Simon fragte "Sind Sie miteinander verwandt?" "Nein. Sind wir uns ähnlich?" "Ja. Vielleicht." Sie sagte "Ja, vielleicht, ein wenig." "Woher kommen Sie?", wollte er wissen. "Eigentlich bin ich erst dran mit fragen." Er schaute sie an und musste lächeln. "Ach, Gegenfragen zählen also nicht?" "Nur halb. Oder, nein, gar nicht. Sonst müsste ich mir ja jetzt eine halbe Frage überlegen, und das ist ganz schön schwierig." Er sagte "Das stimmt. Ich bin in meinem Leben überhaupt nur ein einziges Mal einer halben Frage begegnet." "Ach ja? Wo war das?" "Bei einer Bergbesteigung." Sie sagte "Na ja, Sie sind doch noch jung, Simon, da passiert es vielleicht, daß Sie irgendwann der andern Hälfte begegnen."

Sie waren am See angekommen, da hatten welche ein Lagerfeuer entzündet und sich drumherum niedergelassen. Einer spielte auf einer Laute, es war urgemütlich. Sie fragte "Wollen wir uns dazusetzen?" "Ja, gern." Sie unterhielten sich jeder mit ihrem Nachbarn, und nach einer Weile wieder miteinander, sie flüsterte ihm zu "Ich glaube, wir haben uns mitten in ein Pärchen gesetzt." "Ja, das Gefühl hab' ich auch." "Das sollte uns peinlich sein." "Ist es aber nicht", sagte er, und sie mussten beide lachen, sein Lachen klang ein bisschen scheu, aber vertraulich.

Sie lauschten noch einigen Liedern des Lautenspielers, und als sich Dorothea etwas anders zurechtrückte, berührte sie aus Versehen mit ihrer Hand die seine, er zog sie schnell zurück. Sie sagte "Ich wollte Sie nicht erschrecken." "Nein, ich bin nur von Natur aus schreckhaft." Sie schaute ihn von der Seite an, er hatte ein schönes Profil, dann wandte er sich auch zu ihr, sie sagte "Man müsste Sie also am besten vorwarnen." "Ja. Aber das würde bedeuten, daß Sie's absichtlich tun wollen." "Ja, und?" Er schwieg, vielleicht suchte er nach Worten? Sie sagte "Lassen Sie uns hinauf gehen und etwas trinken."

Sie hatte ihm am Lagerfeuer erzählt, daß sie mit ihrer Mutter in der Stadt lebt und von ihm erfahren, daß er aus Breda kommt und den Herrn van Mander hierher begleitet hat. "Ach, dann sind Sie auch so eine zweite Person, auf die man laut Einladung vorbereitet ist." "Ja. Ich hoffe, man war hier nicht allzusehr überrascht, als man mich sah." Das war mit feiner Ironie gesprochen, wie sie von Alexej hätte kommen können.

"Und in welchem Verhältnis stehen Sie zu Herrn van Mander?" "Unsere Väter sind miteinander befreundet, aber wir haben nicht einmal als Kinder zusammen gespielt, ich weiß eigentlich gar nicht, wie er auf mich gekommen ist." "Vielleicht weil man mit Ihnen keine bösen Überraschungen erlebt." "Ja, das ist möglich. Haben Sie die Mademoiselle Jenner auch deswegen ausgewählt?" "Ganz und gar nicht. Erstens sind wir gute Freundinnen, und zweitens mag ich sie eigentlich gerade wegen ihrer spontanen Einfälle. Oh, schauen Sie, da steigt ein Ballon auf!"

Sie hoben ihre Blicke gen Himmel, da schwebte ein Licht im Körbchen an einem bunten Ballon aus Seide aufwärts. Allmählich kam die Dämmerung, es versprach, eine milde Nacht zu werden, eine Nacht voller Wohlgerüche und Gewisper in der Dunkelheit, und sicher wären jetzt schon die Heuschrecken zu hören gewesen, wenn nicht der Trubel immer noch unvermindert angehalten hätte.

Oben waren Mareike und Nicolas und mehr als ein Dutzend weitere Gäste beiderlei Geschlechts, und Mareike unterhielt sie alle damit, daß sie auf Anhieb voraussagen konnte, ob er oder sie in jemanden verliebt wäre, sie musste ihm oder ihr bloß einmal mit ihren Fingern übers Gesicht (bei geschlossenen Augen) fahren, und man durfte nicht dabei lachen, denn dann war alles ungültig! Angesichts der fortgeschrittenen Stunde und Ausgelassenheit konnte sich kaum jemand beherrschen. Und Mareike hatte auch schnell bemerkt, wer hier mit wem zusammengehörte. Dessenungeachtet sorgte sie für großes Hallo und Gaudi.

"Komm' her, Kleine Doro! Jetzt bist du dran!" Dorothea sträubte sich, aber die andern klatschten in die Hände. "Mach' die Augen zu. Oh ja ... ich spüre da eine innige Zuneigung ..." "Wer ist es?", rief jemand. "Du nicht!" Alles johlte. "Oh, ich glaube, es wird heute noch ..." "Hier, nimm' mich!", rief ein anderer, und eine Frau darauf: "Hannes, ich warn' dich!" Wieder Gelächter ohne Ende. "Was wird heute noch?", fragte Dorothea, da setzte bei der Tanzfläche die Musik ein, und Mareike gab das Signal zum Sturm. Sie rannten alle hin und im Nu drehten und wirbelten sich die Paare herum, und Simon, der neben ihr stand, sagte "Wie zuverlässig sind die Voraussagen Ihrer Freundin?" "Sie hat sich noch nie geirrt."

Dorothea tanzte mit drei, vier jungen Männern, sie hatte Angst, daß sie nicht mithalten könnte, aber die waren alle nicht besonders gut und außerdem sehr rücksichtsvoll. Doch den Fassheber oder den Rutenbieger machte hier keiner, selbst Mareike, die keine Minute lang zur Ruhe kam, hielt sich an die Regeln, sie hatte aber auch alles drauf. Simon stand an der Seite und schaute zu.

Dorothea machte dann eine Pause und kam zu ihm, sie sagte "Ich habe gesehen, wie sie Ihre Augen auf Mareike geheftet haben." "Wirklich? Man kann es einem aber kaum verübeln, sie ist sehr hübsch." "Bedauern Sie es etwa, daß nicht Sie an Nicolas' Stelle sind und stattdessen mit mir vorlieb nehmen müssen?" "Nein, überhaupt nicht, ich bin sogar froh, daß ich bei Ihnen sein kann, ich kenne ja sonst niemand hier." "Das sollte aber jetzt kein Kompliment sein, oder? Denn dann müsste ich Sie auf der Stelle stehen lassen." "Verzeihung! Ich bin ... Sie machen mich irgendwie ... ich weiß nicht mehr so recht, was ich tun soll." "Sie hätten vorhin schon weggehen können." "Wohin?" "Sich jemand andern suchen." "Aber ich bin gar nicht auf der Suche ... ich meine ... ich will niemand andern suchen." Sie schauten sich in die Augen, sie war nahe dran, es lange genug auszuhalten, doch dann meldete sich dummerweise etwas anderes in ihr zu Wort. "Würden Sie mich für einen Moment entschuldigen." "Ja, natürlich, ich halte hier die Stellung." "Lassen Sie keine andere Frau herankommen!" "Zu Befehl."

Sie ging zum Haupthaus, am Eingang waren zu beiden Seiten zwei Diener postiert, sie fragte den einen, wo die Toilette wäre, und er wies ihr den Weg. Sie ging die Treppe hinauf und fand das Örtchen. Sie erleichterte sich und fühlte sich danach unbeschreiblich wohl, und das nicht nur, weil sie dem Bedürfnis nachgekommen war. Auf dem Rückweg sah sie, daß bei einem Zimmer die Tür halb offenstand, sie war neugierig und ging hinein, das Licht vom Gang erhellte einigermaßen den Raum, es war eine Art Jagdzimmer, mit Trophäen an den Wänden.

Sie schaute sich um, da rief jemand zur Tür herein "Dorothea?" "Simon! Verfolgen Sie mich etwa?" "Die anderen haben mich nach Ihnen geschickt, Sie waren schon so lange weg." "Na, wissen Sie, wie umständlich das mit so einem Kleid ist!" "Ähm, nein." "Schauen Sie mal, das sind alles solche ..." "Warten Sie, im Dunkeln kann ich schlecht sehen." "Du liebe Zeit, was passiert, wenn Sie sich im Dunkeln erschrecken." "Bitte?" Er zündete die Kerzen in einem Leuchter an.

"Hier, das ist ein Hirschgeweih, nicht wahr?" "Ja. Und das da ist von einem Damwild." "Das ist etwas anders geformt." "Ja." "Und das?" "Von einem Elch." "Sieht komisch aus." "Finden Sie?" "Ach, was ist das denn? Das trägt doch kein Tier auf dem Kopf, oder vielleicht der Teufel?" "Das sind Keilerhauer." "Keilerhauer. Sie können mir jetzt viel erzählen." "Es sind die Zähne von einem Wildschwein, die nennt man Hauer." "Und das Wildschwein nennt man Keiler." "Das männliche, ja." Sie lachte. "Was ist?" Er tippte mit dem Finger drauf. "Das hier sind die unteren ...", sie standen eng beieinander, sie sagte "Ist das wahr, daß die andern Sie geschickt haben?" Er sah sie an. "Nein." "Dann haben Sie mich doch verfolgt." "Ja. Aber nicht in böser Absicht." "Möchten Sie mir was Schönes sagen?" "Ich finde Sie sehr anmutig." "Danke. Wollten Sie mich noch was fragen?" "Ja. Ich wollte Sie fragen, ob ich ..." "Ob Sie mich küssen dürfen?" "Wenn Sie nichts dagegen haben."

"Legen Sie ihre Hände auf meine Hüften." "So?" "Ja, gut. Und jetzt schließe ich meine Augen und Sie können tun, was Sie für richtig halten." Ihre Lippen berührten sich, und Dorothea spürte, wie sie drohte, im freien Fall nach unten zu stürzen, und das war sehr aufregend. Da wich Simon zurück und schaute zur Tür, dort stand Pieter's Schwester Diana, die auch schon leicht einen in der Krone hatte, und hinter ihr ein eleganter Mann, sie kicherte und rief "Oh, falsches Zimmer, hihihi, lasst euch nur nicht stören!", und weg waren sie. Dorothea sagte "Das war die Schwester von Pieter Wittensen." "Das sind sehr zuvorkommende Gastgeber, wenn Sie mich fragen."

Als sie wieder draußen waren, atmete Dorothea tief ein. "Aaahhh! Was für eine herrliche Nacht, ich wünschte, ich könnte unter freiem Himmel schlafen." "Wie die Indianer?" "Ja, oder wie die Vögel." "Aber Vögel haben ein Nest." "Und Indianer ein Zelt." "Wir haben beides nicht." "Und fühlen uns trotzdem wohl, oder?" "Ja, sehr." Sie sagte "Am See brennt noch ein Feuer, wollen wir da hin?"

Im Dunkeln erklang Musik, die Pärchen hatten sich eng aneinandergekuschelt, jemand erzählte von seinen Abenteuern auf hoher See. Dorothea sagte "Wir wurden vorhin ziemlich plötzlich unterbrochen." "Fand ich auch." "Wollen wir's nochmal versuchen?" "Liebend gern." "Ha! Ertappt!", rief da Mareike hinter ihnen, es war das erste Mal, daß Dorothea sie wirklich verfluchte. Nicolas klopfte Simon auf die Schulter. "Na, Kumpel, wie gestaltet sich der Abend?" Simon erwiderte nichts. Mareike sagte zu Dorothea "Ich hab' hier was für euch." Sie reichte ihr eine Flasche Wein und eine Decke. "Was soll ich damit?" "Im See versenken!", dann wandte sie sich ab, "Komm' Nicolas, die versteh'n uns nicht mehr." "Mademoiselle! Ich tue nur meine Pflicht!", rief er, und sie entfernten sich lachend.

Sie fragte Simon "Wie ist das? Wollen Sie heute wieder abreisen?" "Von hier?" "Ja." "Ich weiß nicht, im Dunkeln finde ich wahrscheinlich den Weg nicht mehr. Außerdem kann ich Nicolas nicht einfach hier lassen. Können Sie denn Mareike hier lassen?" "Ich hab' nicht gesagt, daß ich nach Hause will." "Ja, gut, dann ... sollten wir beide doch hierbleiben." "Können Sie denn auf die Schnelle ein Nest für uns bauen?" "Schwierig." "Da brauch' ich nach einem Zelt wohl gar nicht erst zu fragen." "Enttäuscht Sie das sehr?" "Sie können's vielleicht wettmachen." "Womit?" Sie sagte "Jetzt weiß ich, wofür uns Mareike das gegeben hat." Er sagte "Den Wein zum Trinken." "Und die Decke, damit wir uns ein Lager machen. Sind Sie dabei?" Im Schein des Feuers sahen sie sich in die Augen. Er fasste ihre Hand, sie beugte sich zu ihm herüber und sie küssten sich lange.

Sie suchten sich ein Fleckchen bei den Sträuchern. Er sagte "Im Morgengrauen wird es trotzdem kühl werden." "Dann geben Sie mir Ihre Jacke." "In Ordnung, wenn Ihnen das genügt." "Wollen Sie einen Schluck Wein?" "Ist er offen?" "Der Korken steckt." "Ja, dann. Sie zuerst." Sie tranken abwechselnd, er sagte "Der ist gut", und sie erwiderte "Steigt schnell zu Kopf." Dann fragte sie "Wollen wir uns hinlegen?" "Dachte ich auch grade." Sie rutschten einmal hin und einmal her. "Geht's so?" "Perfekt." "Unsinn!" "Was denn?" "Da drückt was." "Wo?" "Hier." "Hier?" "Nein, weiter unten." "Jetzt hab' ich's, das ist ein Stein oder eine Wurzel." "Das ist keine Wurzel. Egal!" Sie schwiegen und lagen einfach so da, dann sagte sie "Wir sollten etwas tun, bevor der neue Tag anbricht."

Am nächsten Morgen wärmte die Sonne schnell alles auf. Dorothea konnte sich im Haus etwas frischmachen. Draußen war ein kleines Frühstücksbuffet aufgebaut, für alle, die - wo auch immer - über Nacht geblieben waren. Pieter Wittensen war da, er wirkte so munter, als wollte er in einer Stunde in See stechen. Seine bezaubernde Freundin und einige Bekannte waren bei ihm, sie lachten und scherzten, seine Schwester Diana wechselte mit Dorothea ein paar Worte.

Mareike und Herr van Mander waren nicht mehr da. Simon fragte sie, ob er sie nach Hause begleiten soll, sie sagte "Vielen Dank, das ist nicht nötig." Sie verabschiedeten sich. Der Kutscher in Livree und weißen Handschuhen stand für sie bereit, zuletzt rief Diana "Warten Sie, Dorothea!", sie kam und drückte ihr ein blaues Billett in die Hand, "Hier ist meine Adresse, besuchen Sie mich doch mal, wir könnten ein bisschen plaudern." "Ja, gern, sobald wie möglich." Sie umarmten sich und Diana küsste sie auf die Wange.

Als sie auf der Rosengracht waren, sagte sie zu dem Kutscher "Sie können mich hier absetzen, ich muss in der Stadt etwas erledigen, vielen Dank für Ihre Freundlichkeit." "Wie Sie wünschen", sagte er, "ich stehe immer zu Ihren Diensten, Mademoiselle." Sie wollte bei einem Bäcker frische Brötchen, etwas Butter und Marmelade einkaufen und dann ihre Mutter im Botanischen Garten überraschen und ihr alles erzählen (außer das, womit sie und Simon sich die Zeit vertrieben hatten).

Sie war in Eile, da rief von hinten eine Stimme "Dorothea?", und sie wusste sofort, wer es war, sie blieb wie vom Schlag getroffen stehen und wandte sich um. "Jeremie!" Er kam auf sie zu, sie rief "Was machst du denn hier?", und im selben Moment fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn, daß ihm fast die Luft wegblieb. "Oh, Jeremie! Ich freu' mich so sehr, dich zu sehen!" Die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Er war groß geworden, nochmal um einen Kopf gewachsen, er hatte eine Seemannsuniform an. "Was zum Teufel ist mit dir passiert!" "Ich bin zweiter Offizier auf einem Schiff der Ostindischen Handelscompagnie." "Oh, ich gratuliere dir! Ich freu' mich so sehr für dich." Dann wurde sie plötzlich traurig. "Heißt das, du wirst bald abfahren?" "Ja, heute noch." Sie fiel ihm wieder um den Hals. "Nein, das geht nicht! Du kannst nicht gleich wieder weg! Wir müssen erst alles besprechen!"

Er löste behutsam ihre beiden Hände, er sagte "Ich wusste ja nicht, daß wir uns hier sehen würden." Sie schluchzte und wischte sich die Tränen ab. Dann fragte sie "Und wo soll's hingehen?" "Nach Kayakulum." "Wo liegt das? Hoffentlich nicht zu weit weg." "Ziemlich weit, an der indischen Küste." "Ach Mensch! Das ist ungerecht! Ich meine, warum kann ich nicht mit!" Er lachte und streichelte ihre Wange, sie fragte "Du würdest mich doch mitnehmen?" "Ja, natürlich. Aber du kennst doch noch den Spruch: 'Seemansbraut ist die See'." "Ja, den ich früher nie verstanden habe. Aber jetzt. Oh, es ist so bitter."

Sie fragte ihn nach seinem Vater und den anderen vom Hof, nach dem Müller der Schwarzen Mühle und Herrn Sarmtak, dem Eskimo. Sie waren zuletzt alle noch gesund und munter gewesen, nur die Magd, bei der Dorothea in der Kammer geschlafen hatte, war am Schlagfluss gestorben. Dorothea tat es leid. "Aber du kommst doch bestimmt bald wieder?" "Wenn alles gutgeht, vielleicht in einem Jahr." "Ein Jahr", seufzte sie, und Jeremie befürchtete, sie würde gleich wieder weinen, er sagte "Das geht schnell vorüber!"

"Ja", erwiderte sie und umarmte ihn abermals, "das geht so schnell vorüber", dann sagte sie "Hier, nimm' das!" "Was ist das?" "Frische Brötchen, Butter und Marmelade." Er lachte. "Aber Thea, auf dem Schiff gibt es Essen." "Nein, gibt es nicht! Jedenfalls nicht so was. Nimm' es, und wenn du's isst, dann denk' an mich." "Ich denke sowieso an dich." "Ist das wahr?" "Ja. Ich habe auch bis jetzt immer an dich gedacht." Da konnte sie doch nicht an sich halten, und die Tränen kullerten herab.

Sie hatten sich so lange zugewinkt, bis sie sich aus den Augen verloren, dann rannte Dorothea schnell davon. Was hatte ihre Mutter gesagt? Wenn er in eine Richtung weggeht, dann geh' du in die andere weg. Ach! Aber hier war es doch ganz anders! Später fiel ihr ein, wie sie sich in der Silvesternacht auf leisen, nackten Sohlen aus der Kammer geschlichen hatte, als die Magd schlief, und zu Jeremie gehuscht war. Sie hatte ihn geweckt und er hatte sie angeschaut, wie sie da bibbernd in ihrem Nachthemd stand und hatte doch tatsächlich gefragt "Was ist?" "Was soll denn sein! Ich will mich zu dir legen, mir ist hundekalt."

Da hat er sich schnell gerappelt und ist zur Seite gerückt, er hat die Bettdecke aufgeschlagen und gesagt "Freilich! Komm' zu mir", und sie hatte gedacht 'Na endlich'. Aber sie konnte nicht aufhören zu zittern, und er hat gesagt "Du frierst. Soll ich noch eine Decke holen?" "Nein. Das kommt von was anderm! Nimm' mich in deine Arme, dann wird's besser." Und das hatte er getan, und es wurde noch besser!

Als sie mit Maria Sibylla von Schloss Waltha abreisten, flossen auch Tränen, Jeremie wollte sich beherrschen, aber zum Schluss musste er sich schnell wegdrehen. Das Entlein, das er ihr geschenkt hatte, konnte sie nicht mitnehmen. Sie hatten Orudin beauftragt, gut darauf aufzupassen, und Dorothea hatte "Jeremie" ein rotes Band mit Schleife um den Hals gelegt, damit Orudin es in der Entenschar jederzeit auf den ersten Blick finden konnte.

* * * * *

Als Dorothea nach dem Tod ihrer Mutter deren Nachlass ordnete und Mister Sinclair vom Britischen Museum ihr um dieselbe Zeit einen Besuch abstattete, da fiel ihnen unter anderem ein Aquarell einer Pflanze in die Hände, und Dorothea sagte zu ihm, dies sei die Darstellung des sogenannten Wunderbaums und zwar jenes Exemplars, welches seinerzeit im Botanischen Garten ankam und aus Surinam stammte. Es hatte während der Überfahrt etwas gelitten, doch der Gärtner Pavonius pflegte den Wunderbaum in einem der Gewächshäuser wie einen Patienten im Hospital und konnte ihn wieder aufpäppeln.

"Es gab dazu auch ein Begleitschreiben", sagte Dorothea, "in dem die Rede von sechs oder sieben weiteren Pflanzen war, die angeblich mitgeschickt worden waren, aber davon war keine angekommen." Sinclair sagte "Vielleicht sind sie unterwegs eingegangen und man hat sie über Bord geworfen." "Ja, möglich. Dafür war so ein Schaukasten mit Schmetterlingen aus dem Surinamischen Urwald dabei, und die waren ... also Mister Sinclair, ich weiß nicht, was Sie in Ihrem Museum an Schmetterlingen besitzen ... aber ich möchte behaupten, so schöne waren damals in Europa nicht leicht zu finden."

"Gibt es diesen Kasten noch?" "Das will ich hoffen, aber nicht hier, wenn Sie das meinen. Wir mussten ihn verkaufen, als es uns ... finanziell nicht so rosig ging. Er gehörte ja eigentlich dem Botanischen Garten, aber der Direktor hatte ihn damals meiner Mutter geschenkt, weil er gesehen hatte, wie sehr sie davon fasziniert war." Sinclair fragte "Waren diese Schmetterlinge sozusagen der Auslöser dafür, daß Ihre Mutter die Reise nach Surinam unternommen hat?"

"Na, ja. Es hat schon ganz schön Einfluss auf sie gehabt. Auch dieser Wunderbaum ... ich habe sie einmal dabei überrascht, wie sie mit ihm geredet hat!" Sinclair lachte. "Ja, das kann ich mir gut vorstellen." Dorothea lachte auch. "Ich frage sie: 'Mama, was machst du da?' 'Ach, nichts, Liebes.' "Du hast mit dieser Pflanze geredet! Warum?' 'Nur so.' Dann meinte sie 'Weißt du, Thea, manchmal frage ich mich, ob diese Pflanzen, die von so weit her kommen und dann hier weiterleben sollen, auch so etwas wie Heimweh haben?' 'Hast du das den Wunderbaum gefragt?' Sie schüttelte den Kopf, aber so war es wohl. Wenn sie eine solche Pflanze oder eine Blume gesehen hat ... ich meine, so isoliert, an einem ganz fremden Ort ... dann hat sie sich vorgestellt, welche Umgebung, ja, welche Gesellschaft sie dort hatte, wo sie einmal verwurzelt, wo sie sozusagen zu Hause gewesen war.

Das klingt jetzt wirklich ein bisschen verschroben, aber meine Mutter hat diese Pflanzen wie Individuen betrachtet, die ein eigenes Dasein haben, fast wie jedes andere Lebewesen, nur daß sie sich nicht fortbewegen können. Sie brauchen Wasser, Licht und Luft, um zu existieren, genau wie die Tiere, im Grunde genau wie wir Menschen. Es gibt sie mit zwei verschiedenen Geschlechtern, damit sie sich gegenseitig befruchten und vermehren können, genau wie bei allen anderen. Und wenn man einmal beobachtet hat, wie zum Beispiel Sonnenblumen ihre Köpfe tagsüber nach dem Lauf ebendieses Gestirns ausrichten, dann müsste man zu der Schlussfolgerung kommen, daß sie auch so etwas wie Sinne besitzen, mit denen sie vielleicht nicht sehen oder hören können wie wir, aber mit denen sie zumindest unterscheiden können, und wenn es nur zwischen hell und dunkel, zwischen heiß und kalt ist." Sinclair sagte "Ich halte solche Ansichten durchaus nicht für verschroben, sie verraten ein Gespür für vieles von dem, was die Natur noch für uns zu entdecken bereithält."

Dorothea sagte "Meiner Mutter's Onkel war Tuchhändler und der hatte auch Ahnung von der Seidenraupenzucht, er hat ihr das alles ausführlich beschrieben und erklärt, und da hat sie einmal mit ihrem Stiefvater Jakob Marell darüber gesprochen und gemeint, daß diese Seidenraupen sich ganz so verhielten, als wüssten sie genau, was um sie herum geschieht, und wenn man dies und jenes tut oder es unterlässt, dann fällt ihre Reaktion dementsprechend aus, ganz so, als wären sie damit einverstanden oder würden sich dagegen sträuben. Es ist wie eine Verhandlung zwischen Wesen, die keine gemeinsame Sprache haben und doch in dieser Welt miteinander auskommen müssen."

Sie machte eine Pause und ließ Sinclair Gelegenheit, die Aquarelle zu Ende durchzusehen, dann sagte sie "Ich hatte früher einen Freund, das war, als wir auf Schloss Waltha wohnten. Dessen Vater wusste gut Bescheid über dieses Surinam. Und dann stellte sich heraus, daß die Besitzerin von Schloss Waltha, Agnes van Sommelsdyk, die Schwester des dortigen General Gouverneurs war, Cornelis van Sommelsdyk."

Es gab eine 'Sozietät von Surinam', in der sozusagen die Eigentümer dieser Kolonie in Südamerika eine Stimme hatten, einer davon war van Sommelsdyk, die anderen die Stadt Amsterdam und die Westindische Compagnie. Da steckte viel Geld drin, sehr viel Geld. Sie hatten nicht nur Beteiligungen praktisch an allem, was zwischen Surinam und den Vereinigten Niederlanden gehandelt wurde, sondern sie besaßen auch das Privileg auf den Handel mit den Negern aus Afrika, und von denen kamen jeden Monat tausende auf den Neuen Kontinent.

"Als wir dort anlangten, Mister Sinclair, musste unser Schiff auf die Einfahrt in den Hafen warten. Ich weiß noch, wie ich auf die Küste geschaut habe, es war strahlend blauer Himmel und das Meer war türkisfarben und klar und man konnte die Fische darin schwimmen sehen. Und da war ein Streifen Strand, da standen in Scharen Flamingos, zart rosa schimmernd, die sich im flachen Wasser spiegelten, und dahinter war ein Wald von Palmen, die sich leicht im Wind wiegten - alles war ganz neuartig und aufregend für mich. Aber der Grund, weshalb wir nicht gleich anlegen konnten, war der, daß vor uns ein Sklavenschiff aus Afrika angekommen war und erst die Neger entladen werden mussten und das dauerte seine Zeit, denn es waren viele.

Man schickte uns dann ein Boot, und etliche Passagiere, darunter auch meine Mutter, stiegen um und wurden an Land gebracht, ich kam später nach. Sie sagte 'Oh, sei froh, Thea, daß du nicht diese armen Geschöpfe gesehen hast, die hier gerade abgeführt wurden, die meisten sahen aus wie der leibhaftige Tod!' Und ich konnte in ihrem Gesicht lesen, daß ihr das wirklich schauerlich vorkam.

Sie hat mir früher von dem 'Baseler Totentanz' erzählt, den ihr Vater Matthäus Merian von der Baseler Friedhofsmauer abgezeichnet und als Buch herausgegeben hat, ich habe ihn mir bei meinem Onkel Caspar auch selber mal angeschaut. Als wir das dort erlebten, hat sie eines Abends zu mir gesagt 'Ich frage mich, warum bei diesem Totentanz kein Neger dargestellt ist?' Und ich habe erwidert 'Vielleicht wussten sie damals in Basel nichts davon.' Sie hat immer gedacht, dieser Totentanz sei so etwas wie das Vermächtnis ihres Vaters gewesen. Und nun hatte sie Zweifel, ob er sozusagen unvollständig war, weil diese erbarmungswürdigen Menschen nicht mitaufgenommen worden waren und ihrem Vater deshalb die ganze, die restlose Erlösung als guter Christenmensch vor dem Herrn versagt geblieben wäre. Wir haben bloß hoffen können, daß wir diesen unglücklichen Mohren im Totentanz möglicherweise übersehen hatten."

Sinclair fragte "Hat Ihre Mutter die Reise nach Surinam jemals bereut?", und Dorothea rief "Niemals!", und das konnte sie mit Fug und Recht behaupten. Schon bevor der Sekretär Jonas Wittensen sie wegen des Blumenstillebens angesprochen hatte, war Maria Sibylla zwei oder dreimal bei Agnes van Sommelsdyk gewesen, sie hatten sich lange und angeregt unterhalten; ihr schien, als habe Agnes ein persönliches Augenmerk auf sie und ihre Tochter gelegt, ihr Ton, so bemerkte Maria Sibylla einmal, sei stellenweise richtig familiär geworden. Es hat jedoch, wie Dorothea später erfahren sollte, einen guten Grund gegeben, warum Agnes auf die Beziehung zu ihrer Mutter so großen Wert legte.

Nachdem Jonas Wittensens Auftrag erfolgreich über die Bühne gegangen war (und sie, Dorothea, ebenfalls zu dem Wittensen Clan Kontakt geknüpft hatte) erhielt Maria Sibylla eines Tages eine Einladung von Agnes van Sommelsdyk in ihr Haus auf der Keysersgracht. Da waren außer Agnes auch Jonas Wittensen und ein Herr von der Westindischen Compagnie anwesend. Sie solle sich nicht erschrecken, beruhigte Agnes sie halb im Scherz, da sie kein Wort von den "Männern" gesagt habe, aber es müsse auch nicht unbedingt jeder gleich von ihrem kleinen Stelldichein wissen, und Maria Sibylla verstand dies ganz richtig als eine versteckte Aufforderung, darüber Stillschweigen zu wahren.

Agnes unterbreitete ihr kurzerhand das Angebot, eine Reise nach Surinam zu unternehmen, um die dortige Natur zu studieren und so viele Zeichnungen als möglich von der Tier- und Pflanzenwelt dieses einzigartigen Fleckchens Erde anzufertigen, welches man völlig zu Recht als ein Paradies Gärtlein unter Gottes Segen bezeichnet. Maria Sibylla's Überraschtheit dauerte nur einen Augenblick. Natürlich hatte sie (spätestens seit der Geschichte mit dem Wunderbaum) selbst schon davon geträumt, nach Surinam zu reisen und an Ort und Stelle zu zeichnen, zu malen und ihrer alten, ewigen Sammelleidenschaft zu fröhnen, inmitten einer Vegetation, welche die hiesige an Fülle und Schönheit zweifellos bei weitem übertraf; selbst die vergleichsweise bescheidenen Bestände des Botanischen Gartens hatten ausgereicht, um diese Sehnsucht in ihr zu erwecken.

Sie wandte ein, daß ihre finanziellen Mittel es nicht erlaubten, eine solche Reise zu finanzieren, auch eingedenk der Tatsache, daß sie ihre Tochter derweil hier nicht unversorgt zurücklassen könnte. "Wir haben diese Einwände selbstverständlich geprüft", sagte Agnes, "deshalb sind heute auch die beiden Herren anwesend." Damit übernahm Jonas Wittensen das Wort und erklärte, man würde ihr ein zinsloses Darlehen geben, welches sie nach ihrer Wiederkehr in Raten zurückzahlen könnte. Was allerdings ihre Tochter anginge, so hätten sie (damit meinte er sich und die beiden andern) es für das Beste befunden, wenn sie mitkäme, es spräche doch nichts dagegen, oder? Alles klang so, als wäre man sich Maria Sibylla's Zustimmung sicher, und sie musste zugeben, es war wirklich verlockend.

Da sei noch etwas, sagte die Sommelsdyk, sie würden beide nicht ganz allein reisen müssen, sondern der Maler Dirk Vanderbelt würde sie begleiten und "in erster Linie natürlich während der Überfahrt" darauf achten, daß sie in keinerlei Unannehmlichkeiten geraten. Vanderbelt sei ein durch und durch integrer Mann, der weiß, was sich gegenüber einer Dame geziemt und außerdem könne er ausgezeichnet mit einer Waffe umgehen, falls das erforderlich wäre!

Ach, sie wüsste sich schon selbst zu helfen, wenn es drauf ankäme, versicherte Maria Sibylla, aber Jonas Wittensen entgegnete, eine Fahrt über den Ozean sei "selbst unter günstigen Bedingungen" kein Sonntagsausflug, es lauerten auf offener See überall Gefahren und es wäre schlechthin unverantwortlich von ihnen (damit meinte er wiederum sie drei), sie und ihre Tochter ohne Schutz reisen zu lassen.

Nun, wenn sie darauf bestünden, so wollte sie nichts dagegen einwenden; ob sie diesen Herrn Vanderbelt zuvor kennenlernen dürfte? Und wie auf Kommando öffnete sich die Tür zum Nebenzimmer und Vanderbelt höchstpersönlich trat ein. Er war in der Tat ein athletisch gebauter Mann mittleren Alters mit durchaus gefälligen Gesichtszügen und einem Blick, der auf die kleinste Regung in seiner Umgebung zu achten schien. Es konnte einem offensichtlich nicht allzu schwerfallen, sich in seiner Nähe sicher zu fühlen. Er begrüßte Maria Sibylla in einer Weise, die beste Manieren verriet, er wechselte ein paar Worte mit ihr, ganz so, als wären sie unter vier Augen, ganz so, als würde er sagen "Und nun Madame können Sie sich mit Ihrer werten Tochter unbesorgt in Ihrer Kajüte schlafen legen, ich halte hier draußen Wacht!"

Man gab ihr eine Bedenkzeit von drei Tagen; irgendetwas war da, das die Sommelsdyk und ihre Vertrauten zur Eile antrieb. Maria Sibylla sprach selbstverständlich zuerst mit Dorothea über das Angebot, sie sagte "Falls dir auch nur die geringste Kleinigkeit an dem, was ich dir jetzt sage, widerstrebt, dann werde ich ablehnen und wir bleiben hier."

Dorothea hörte sich alles an, sie sagte "Wenn bloß jemand da wäre, den wir deswegen konsultieren könnten, ich meine jemand, der besser einschätzen kann, ob wir diese Unternehmung wagen sollten." Maria Sibylla wandte ein, daß die andern darum gebeten hätten, niemandem etwas davon zu sagen, gleichwohl wäre auch sie selbst für einen guten Rat eines Unbeteiligten überaus dankbar. "Wenn nur Doktor Sigurdson noch hier wäre!"

Doktor Sigurdson hatte sich nach Übersee begeben, und zwar zu dem holländischen Fort Zeelandia (von dem Maria Sibylla annahm, es wäre das selbe, wovon Frau Louisa einmal im Zusammenhang mit ihrem seligen Schwiegervater erzählt hatte). Doktor Sigurdson hätte sie jetzt gewiss gut beraten, seufzten sie beide. Was für ein Typ dieser "Maler" denn wäre, fragte Dorothea nach, und Maria Sibylla sagte, er habe eigentlich einen anständigen und zuverlässigen Eindruck auf sie gemacht. "Und der von der Westindischen Compagnie?" Der habe überhaupt nur zwei Sätze gesprochen, aber er schien mit allem zufrieden zu sein.

Dorothea hatte eine Idee, sie sagte "Wenn die miteinander bekannt sind, dann wird Pieter Wittensen doch auch über sie Bescheid wissen, ich meine, du hast selber gesagt, daß sie vielleicht irgendwas im Schilde führen, was sie dir nicht unbedingt auf die Nase binden wollen." "Willst du ihn wirklich deswegen ansprechen?" "Ihn nicht, aber seine Schwester Diana, sie hat so getan, als würde sie sich gern mal mit mir unterhalten, das wäre doch ein guter Grund." Maria Sibylla zögerte. "Ich weiß nicht. Wenn Agnes van Sommelsdyk erfährt, daß ich hinter ihrem Rücken Erkundigungen einhole, wäre sie bestimmt verärgert, und wer sagt dir, ob die Diana nicht geschwätzig ist." "Hm", machte Dorothea, "da magst du recht haben. Aber mit Mareike kann ich drüber reden." "Von mir aus. Sie ist ja deine beste Freundin." "Ja, das ist sie, und sie wäre bestimmt stinksauer auf mich, wenn sie erst zu spät davon erfährt."

Mareike wollte alles ganz genau wissen. Irgendwann sackte sie plötzlich zusammen, als ihr anscheinend bewusst wurde, daß Dorothea für eine ganze Weile weg sein würde. "Aber ich komm' doch wieder!" "Ja, vielleicht. Und was, wenn nicht? Was soll ich denn hier ohne dich anfangen?" "Jetzt übertreib' nicht, David ist da und du hast jede Menge Freundinnen." "Na, so viele sind's auch wieder nicht", dann sagte sie "jedenfalls, wenn du wiederkommst, bringst du mir so ein Bast Röckchen und so'n Oberteil mit, wie es die Negermädchen da tragen? Auf so was ist David nämlich ganz scharf, ich könnte ihn damit noch ein bisschen gefügiger machen, du verstehst, was ich meine." Dorothea lachte.

Mareike hatte es David erzählt, der gab Dorothea ein paar nützliche Hinweise, was die Überfahrt betraf und was sie unbedingt mitnehmen müsse, zum Beispiel jede Menge feste Wollsocken, und Mareike sagte, sie hätte noch drei Paar selbstgestrickte. Er gab ihr auch ein Stück weiße Masse, die nannte sich "Hirschtalg", damit müsse man "im Schritt" die Innenseiten der Oberschenkel einreiben, um zu verhindern, daß man sich bei langen Fußmärschen den Wolf holt. Dorothea sagte "Auf dem Schiff kann ich doch gar nicht so viel laufen?" "Aber dort, im Dschungel! Hast du eine Ahnung, wie weit es da von einem Ort zum nächsten ist!"

Schließlich besorgte er ihr ein Messer mit einer Klinge fast so groß wie ein Eselohr, das konnte man in einer Lederscheide am Schienbein festbinden und sozusagen unterm Rock tragen oder auch in den Stiefelschaft stecken. "Das ist so scharf", versicherte er, "damit könntest du jemandem die Kehle durchschneiden, ohne daß er es merkt." Mareike sagte "Jetzt ist aber genug! Sie will ja kein Seeräuber werden." "Ich mein' ja bloß." Dorothea bedankte sich für alles, sie schworen sich ewige Freundschaft, und schon wieder musste sie ein paar Tränen vergießen.

Sie berichtete alles ihrer Mutter, die nickte und fragte "Dann ist es also beschlossene Sache?", und Dorothea meinte "Du musst dir alle Abmachungen schriftlich geben lassen, vor allem das mit dem Darlehen." "Ja, mach' ich", erwiderte sie und wurde dann doch ein bisschen nachdenklich. "Was ist, Mama?" "Ach, Thea! Ohne dich würde ich das alles nicht schaffen." "Ist schon gut", sagte Dorothea, "ohne dich hätte ich auch niemanden, dem ich beistehen könnte."

Natürlich konnten sie die Reise nicht völlig geheimhalten, zumindest Louisa Osterwiek musste davon erfahren. Sie fiel aus allen Wolken, meinte dann jedoch, nun bräuchte sie sich nicht länger zu wundern, weshalb Maria Sibylla so gebannt zugehört habe, als Ben Harper von der Neuen Welt erzählte (worauf sich Maria Sibylla partout nicht entsinnen konnte, aber vielleicht war es ihr selber nicht aufgefallen). Sie gab ihnen etwas von dem "Zeug", wie sie es aus alten Tagen aufgehoben hatte: hervorragend gewebte Leinentücher, Handschuhe und eine Mütze aus Schafwolle für die "kalten Nächte", außerdem eine Ledertasche, die man so dicht verschließen konnte, daß kein Tropfen Wasser eindringen kann "selbst wenn Sie damit untergehen".

Maria Sibylla besorgte drei große Schiffskoffer, dann legten sie alles zurecht, was darin verstaut werden sollte, Mareike half mit, sie war sehr geschickt in solchen Verrichtungen, sie sagte, am liebsten würde sie einen davon für sich selbst reservieren. Dorothea verzichtete auf einige Sachen zugunsten von Maria Sibyllas Maluntensilien, sie meinte, nichts wäre ärgerlicher, als wenn ihr dann etwas Wichtiges fehlte. Als alles verpackt war, brachte David die Bagage auf einer Schleppkutsche zum Hafen.

Das Schiff hieß "Egmont" und war ein Dreimaster, David sagte, es mache einen soliden Eindruck. Sie sprachen mit dem Kapitän, und einer seiner Untergebenen füllte dann die erforderlichen Papiere aus. Auch Herr Vanderbelt war pünktlich zur Stelle, er regelte alles wegen der Kosten für die Passage. Sie bezogen eine enge, aber saubere Kajüte mit zwei schmalen Kojen. Dorothea konnte zusehen, wie das Schiff beladen wurde, man hatte ihr gesagt, es handele sich um alle möglichen Waren und Güter für die Bewohner der Kolonie. Es waren ungefähr zwei Dutzend weitere Passagiere an Bord, darunter auch ein Deutscher aus Brandenburg, der in Diensten des dortigen Kurfürsten stand. Der Schiffarzt ließ sich kurz blicken, er hatte stark gerötete Augen und eine Schnapsfahne, aber er grüßte sehr freundlich und wünschte allen eine möglichst kurze und gesunde Reise.

Sie fuhren an der französischen und portugiesischen Küste entlang nach Süden bis Madeira, wo eine große Ladung Wein hinzukam, weiter an der afrikanischen Küste bis zu den Kapverdischen Inseln, wo die Trinkwasser Vorräte aufgefüllt wurden. Dann ging es auf Westkurs, und der Kapitän sagte, wenn sie sich stramm daran hielten, kämen sie auf Dominica an, einer Insel der Kleinen Antillen, wo sich ein Freihafen befindet, den so gut wie alle europäischen Schiffe anlaufen können. Damit wäre das Gröbste geschafft.

"Überqueren wir auch den Äquator?", wollte Dorothea wissen. "Nein, mein Fräulein, wir bleiben nördlich davon." 'Schade!', dachte sie, Jeremie hatte ihr seinerzeit von der sogenannten "Äquatortaufe" erzählt, die jeder Seemann - und überhaupt jeder Passagier über sich ergehen lassen musste, wenn das Schiff diese Linie überquert. Ach ja! Jeremie. Wer weiß, vielleicht befand auch er sich gerade auf hoher See und schickte ihr, so wie sie es jetzt für ihn tat, in Gedanken einen Gruß.

Während Dorothea den Beschwerden der Seefahrt tapfer trotzte, hatte es Maria Sibylla schlimm erwischt, sie wurde wirklich ganz grün im Gesicht und musste sich auch dann noch dauernd übergeben, als schon nichts mehr herauskam. Es hielt fünf Tage an, dann wurde es allmählich besser. Aber es geschah etwas Schreckliches. Dirk Vanderbelt erkrankte sehr schwer, er bekam hohes Fieber und wurde von schmerzhaften Krämpfen gepeinigt; keine achtundvierzig Stunden später war er tot.

Der Schiffsarzt bat Dorothea, ihm bei der Abfassung des Berichts über sein Ableben behilflich zu sein (in Wahrheit konnte er keine gerade Zeile mehr schreiben). Er diktierte ihr. Sie schrieb, daß der unterzeichnende Arzt bei einer dreistündigen Obduktion der Leiche mehrere lebenswichtige innere Organe von Parasiten befallen vorgefunden habe, die dafür gesorgt hätten, daß besagte Organe sämtlich den Geist aufgegeben hatten.

Dorothea meldete sich vorsichtig zu Wort und meinte, ob man nicht besser formulieren sollte: unter der anhaltenden Beeinträchtigung ihren Dienst versagt haben. Er schaute sie aus seinen glasigen Augen groß an, dann sagte er "Das ist sehr gut!" Während er den Bericht erstellte, lag Herr Vanderbelt bereits in Segeltuch eingewickelt in einem schlichten Holzsarg, bereit, in die Tiefen des Meeres versenkt zu werden; der Arzt hatte tatsächlich einen Raum unter Deck, in dem er operieren (und auch obduzieren) konnte, aber er gestand Dorothea im Vertrauen, daß dies bisher noch nicht nötig gewesen sei.

Womöglich war es der plötzliche Abgang Vanderbelts gewesen, der ja immerhin ihr vertrauter Begleiter war, was Maria Sibylla so niederdrückte. Hinzu kamen die allgemeine Erschöpfung nach der Überfahrt und jene deprimierende Szene mit den nackten, ausgemergelten Negersklaven, die sie vollends zusammenklappen ließen. Als Dorothea sie dann am Hafen wiederfand, saß sie da und sah aus wie ein Häufchen Elend.

Es war furchtbar heiß, und Dorothea reichte ihrer Mutter den Sonnenschirm, den Frau Louisa ihnen (als Gegenstück zu der Wollmütze) mitgegeben hatte. Da kam forschen Schritts ein junger Offizier auf sie zu, in einer khakifarbenen Uniform mit knielangen Hosen und halbhohen Schnürstiefeln über den ausgerollten Strümpfen, auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut. Obwohl sie gerade keinen erbaulichen Anblick bot, erkannte er sie doch als die Hauptperson und sagte zu Maria Sibylla: "Madame Vanderbelt? Darf ich mich vorstellen: ich bin Leutnant Schenk vom Zweiten Middelburger Grenadierregiment. Ich möchte Ihnen das Beileid zum schmerzlichen Verlust Ihres Gatten übermitteln!", er fuhr ohne Pause fort, "Zugleich habe ich die erfreuliche Aufgabe, Sie zu Ihrem Quartier zu begleiten."

Da Maria Sibylla kaum eine Reaktion zeigte und ihn beinahe wie einen Straßenhändler ansah, machte er eine unschlüssige Miene, und Dorothea ergriff statt ihrer das Wort und sagte "Meine Mutter ist ziemlich erschöpft!" "Oh! Ja, natürlich. Das ist unter den gegebenen Umständen nicht verwunderlich. Ich schlage vor, daß Sie sich erst einmal stärken. Ist das Ihr Gepäck?" "Ja." Er drehte sich um und pfiff auf zwei Fingern nach seinen Gehilfen, es kamen vier Männer von sehr dunkler Hautfarbe angerannt, sie waren barfuß, hatten leichte, helle Hosen an und jeder eine rote Kappe auf dem Kopf (wie Dorothea dann erfuhr, war das ein Erkennungszeichen für diejenigen Neger, die in einem Dienstverhältnis standen), ihre nackten Oberkörper waren außerordentlich muskulös und ihre weißen Zähne und die Augäpfel glänzten auffällig. Der Leutnant befahl ihnen, sich des Gepäcks anzunehmen und sie schleppten alles nacheinander in ein flaches Gebäude am Rand des Hafengeländes. Dorthin geleitete er auch die beiden Frauen. "Ich bin übrigens ihre Tochter", sagte Dorothea. "Habe die Ehre, Mademoiselle, ich wünsche Ihnen beiden einen angenehmen Aufenthalt in Surinam!"

Es gab gekühlte Zitronenlimonade, etwas Hühnerfleisch und frisches Obst. Maria Sibylla hatte sich erholt und die Sprache wiedergefunden. Als sie unter sich waren, sagte sie "Man hält mich für Vanderbelts Frau!" "Ja, hab' ich bemerkt." "Was soll ich sagen?" "Nichts. Das können wir später auch noch aufklären. Lass' uns erstmal zu unserem Quartier kommen." "Du hast recht. Gott, was bin ich froh, daß wir endlich hier sind", fügte sie dann hinzu und es schien, daß sie jetzt erst anfing, ihre Umgebung richtig wahrzunehmen.

Eine gute Stunde später erschien der Leutnant wieder, er sagte, wenn sie soweit wären, könnten sie mit dem Boot flussaufwärts nach Paramaribo fahren. "Kommen Sie mit?" "Jawohl." Es war ein breites, flaches Boot mit vier Ruderern, Dorothea musste sich daran gewöhnen, daß hier alle Arbeiter und Dienstleute Schwarze waren, sie wollte den Leutnant fragen, ob man mit ihnen sprechen kann, aber sie wartete lieber ab. Ein zweites Boot hatte alles Gepäck geladen.

Dorothea hatte sich neben den Leutnant gesetzt, in der Hoffnung, er würde ihr unterwegs schon mal ein paar Hinweise und Erläuterungen zu allem geben, was sie zu beiden Seiten am Ufer erblickte, aber sie musste es mühsam aus ihm herauslocken, er achtete auch auf den Abstand zwischen ihnen, ab und zu grüßte er jemanden auf einem der entgegen kommenden Boote. Sie fuhren nahe an der linken Seite entlang (also 'in Flussrichtung am rechten Ufer', dachte Dorothea).

Alles war dicht mit Wald von sattem Grün bewachsen, aber zwischendurch kamen freie Stellen, auf denen Hütten mit Dächern aus Stroh oder Palmenblättern standen und jede Menge nackte Kinder umhersprangen und durcheinander krakeelten. Da waren Frauen in langen, bunten Röcken, mit bloßen Brüsten und gewaltigem Kopfputz. Alle Nase lang gab es Anlegestellen, wo kleine, einfache, aber lustig angemalte Boote lagen, in denen hier und da ein Angler saß. Ein Stück weiter plantschten die gleichen Kinder ausgelassen im Wasser, während daneben die Frauen im Fluss ihre Wäsche wuschen. Scharenweise kreischten Vögel in halber Höhe über einer Stelle, wo es offenbar etwas zu futtern für sie gab, und als wieder ein Abschnitt mit hohen Bäumen kam, entdeckte Dorothea in den Zweigen eine Horde wildgewordene Affen. Sie erschrak, als sie ihre Gesichter sah, die rot wie Blut waren. "Haben die sich verletzt?", fragte sie den Leutnant. "Nein, die sehen immer so aus."

Das Quartier, das ihnen zugewiesen ward, befand sich am Rand von Paramaribo, die Behausungen standen auf einzelnen, voneinander abgegrenzten Grundstücken, die zum Teil mit Sträuchern überwuchert und von Bäumen beschattet waren. Man konnte von hier die Spitze des Kirchturms auf dem Marktplatz sehen, man hätte ihn zu Fuß erreichen oder aber eine "Sänfte" nehmen können, die von zwei Trägern (natürlich Schwarze) wie an einem Joch auf ihren Schultern und dabei erstaunlich ruhig gehalten wurde. Das kostete einen halben Flandon, egal wie weit der Weg war. Die Träger verdienten das Geld nicht für sich selbst, sondern für ihren Herrn und Besitzer, aber das war zugleich ihre Arbeit, von der sie lebten.

Es gab in der Stadt und drumherum jede Menge Seitenarme des großen Flusses, der Suriname hieß. Es gab auch separate Gewässer, die vorher einen Bogen machten und wieder im Urwald verschwanden oder irgendwo an einer fernen Stelle sich mit einem der anderen unzähligen Flüsse vereinigten, die das Land durchzogen; ohne Ausnahme strebten sie alle dem Meer zu. Die Stadt durchzogen auch etliche Kanäle, die sich freilich mit denen in Amsterdam nicht messen konnten. Dafür gab es hier viel mehr Grünzeug an den Straßen und Wegen und das meiste davon stand in voller Blüte oder prangte mit prallen Früchten in allen möglichen Formen und Farben.

Obwohl Paramaribo mehr als fünf Meilen von der Küste landeinwärts lag, gab es hier ausgeprägte Gezeiten von mehreren Fuß Unterschied, was zum Beispiel dazu führte, daß die Leute bei Ebbe in den Wurzeln der Mangroven Bäume nach Austern suchten, die dort angewachsen waren und die etwas anders aussahen und schmeckten als die holländischen. Bis Dorothea dies und vieles andere in Augenschein nahm, vergingen allerdings ein paar Wochen, in denen sie sich auf das Naheliegende konzentrieren musste, um sich zurechtzufinden und einzurichten, und Maria Sibylla ging es da nicht anders.

Das Häuschen hatte drei Zimmer zu ebener Erde, einige Wände waren aus Lehmziegeln gemauert, andere waren aus Holz, das Dach war teils mit Schilf teils mit Holzschindeln bedeckt, es schien, als habe man, bevor das Ganze errichtet wurde, auf jedweden Plan verzichtet. Nach drei Seiten, vor allem nach hinten, waren kleinere Kammern angebaut, und der Abort befand sich ein paar Schritte entfernt am Zaun, der, wie fast alle Begrenzungen zwischen den Grundstücken, aus uralten, morschen Staketen bestand, die nur durch ein Gerank von dornigen Zweigen zusammengehalten wurden, das allerdings so undurchdringlich war, wie es ein Lattenzaun kaum hätte sein können.

Man musste aufpassen, daß man nicht in eins der Sumpflöcher trat, die wie zufällig und dennoch ganz unscheinbar auf dem Boden verteilt waren und aus denen, wie Maria Sibylla eines Nachts beobachtete, im Dunkeln gelbgrün schimmernde Gase aufstiegen.

Das Innere war einfach aber zweckmäßig eingerichtet, Betten, Tisch, Stühle, Schränke, Truhen mit Klappdeckel, ein paar Regale mit Vorhang. Zum "Garten" hin war eine Überdachung, unter der zwei Hängematten aufgepannt waren, die ein aufwändig gewebtes Muster hatten. In der Küche gab es einen Feuerherd und allerhand Gerätschaften und Geschirr, auch einen Kupferkessel, der bestimmt zehn Liter fasste, und über dem Eingang hing ein Kruzifix. Als es dämmerte und Dorothea draußen unter dem Vordach stand, kamen Schwärme von Fledermäusen, so groß wie Krähen, aus dem Wald jenseits des Flusses herüber.

Gleich am ersten Abend wurden sie überfallen. Da stand urplötzlich ein Mann mitten in der Stube und hielt eine lange, schwere Pistole auf die beiden gerichtet, Dorothea konnte sehen, daß der Hahn gespannt war. Er hatte sich lautlos eingeschlichen und dann "Hände hoch!" gerufen. Er war groß und hatte breite Schultern. Er war unrasiert und hatte einen finstern Blick. Sein weißes Haar hing dünn und strähnig zu beiden Seiten bis weit über die Ohren herab, es sah aus wie ein zweiteiliger Vorhang, der oben entlang des Scheitels mitten auf seinem Kopf befestigt war. Seine Kleidung war derb und an einigen Stellen abgenutzt und seine Stiefel rochen nach Lederfett.

Er drohte mit der Pistole. "Wo ist Ihr Mann?" Immerhin siezte er sie, und das ermutigte Dorothea zu entgegnen "Sie werden uns nichts tun! Wir sind unbewaffnet!" Er machte einen Schritt auf sie zu und hob mit dem Lauf ihr Kinn an, sie zitterte dabei. Das war's auch schon mit der Höflichkeit. "Ach was! Du Hühnchen! Dich werd' ich gleich als erstes rupfen!" "Rühren Sie sie nicht an!", rief Maria Sibylla. "Und du! Hände oben lassen! Ich hab' dich was gefragt." "Hier ist kein Mann."

Er schwenkte die Pistole, er schien leicht verblüfft. "Wo ist er dann, wenn er nicht hier ist?" "Er ist tot", sagte Maria Sibylla und Dorothea setzte hinzu "Und jetzt nehmen Sie gefälligst die Pistole 'runter." "Halt' den Schnabel, Hühnchen!" Er musterte sie von oben bis unten. "Wenn du nicht so knochenklapprig wärst, würde ich gleich mit dir anfangen." "Und wenn Sie Augen im Kopf hätten, würden Sie sehen, daß wir beide hier allein sind!"

Er schnüffelte herum, warf einen Blick hierhin und dorthin, lugte ins Nebenzimmer und hielt sie dabei mit der Waffe in Schach, dann sagte er "Für diesmal lasse ich euch davonkommen. Aber wehe, wenn ihr mich belogen habt! Dann finde ich euch und dreh' euch die Hälse um!" Weg war er. Maria Sibylla standen die Tränen in den Augen. "Keine Sorge, Mama, der meint es nicht ernst." "Da wäre ich mir nicht so sicher."

Am andern Tag entdeckte ihn Dorothea auf dem Nachbargrundstück, das total verwildert war. Er warf ihr einen abfälligen Blick zu und rief "Was ist, Hühnchen? Willst du, daß ich dich rupfen komme?" Sie ging ins Haus, band sich einen Gürtel um und steckte das große Messer dahinter. Als Maria Sibylla es sah, fragte sie "Willst du damit 'rumlaufen?" "Ja. Zur Abschreckung. Niemand soll glauben, wir wüssten uns nicht zu verteidigen", und Maria Sibylla musste daran denken, daß sie selber so was ähnliches Jonas Wittensen gegenüber geäußert hatte.

Sie waren einige Tage mit dem Einräumen ihrer Sachen beschäftigt. Man hatte Maria Sibylla Vanderbelt's Gepäck wie selbstverständlich überlassen, denn es war ja niemand anderer da, zu dem es vorrangig gehört hätte. Ob der Kapitän das nun irrtümlich oder der Einfachheit halber so angewiesen hatte, war letztlich auch egal. Auf Vanderbelt wartete hier offenbar keiner, der nun nicht ebensogut mit ihr Vorlieb nehmen würde. Er selbst hatte ihr auf der Überfahrt gesagt, daß er zum ersten Mal in die Kolonie reist und die Personen, mit denen er zusammentreffen sollte, bisher nur vom Namen kennt.

Allerdings war Maria Sibylla die Formulierung "zusammentreffen" aufgefallen - klang darin nicht unterschwellig etwas von einem Auftrag mit, den man ihm in Amsterdam erteilt hatte? Eine dieser Personen war Lucia van Sommelsdyk, die Gattin des General Gouverneurs und Agnes' Schwägerin. Auf ihren Wunsch hin sollte Vanderbelt einige Gemälde mit Ansichten der Plantage "Hortensiana" anfertigen, und die Amsterdamer hatten dies mit dem Aufenthalt Maria Sibyllas und der Verbildlichung der exotischen Pflanzen durch ihre künstlerische Hand verknüpfen wollen. Soviel hatte Vanderbelt selbst dazu verlauten lassen, aber es blieben ihr gewisse Zweifel, ob er ihr nicht noch etwas verschwieg. Nun hatte sich die Situation völlig geändert und Maria Sibylla musste zunächst herausfinden, ob sie für Vanderbelt "einspringen" sollte und ob sie überhaupt das gleiche leisten könnte, was man von ihm verlangt hatte.

Da sie nicht genau wusste, wie sie am besten bei Frau van Sommelsdyk vorstellig werden sollte, suchte sie zuerst den Leutnant Schenk auf, den sie in dem Hafengebäude antraf und der sich auch gleich bereiterklärte, sie dorthin zu geleiten. Sie wunderte sich ein wenig, daß er mit ihr nicht direkt auf die Anhöhe zur "Zitadelle" fuhr (soweit war sie nämlich darüber informiert, daß sich dort sowohl die Amtsräume als auch die Wohnung des Gouverneurs befinden), sondern das eindrucksvolle Bau- und Bollwerk links liegen ließ und vor einer, immerhin auch prachtvollen, Villa hielt, um sie mit den Worten zu entlassen: "Leider kann ich mich nicht länger aufhalten, Madame, ich schicke Ihnen deshalb unverzüglich eine Sänfte hierher, mit der Sie dann nach Hause zurückkommen." Sie bedankte sich, er machte eine Ehrenbezeigung und versicherte ihr, daß er jederzeit wieder zu ihrer Verfügung stünde.

Sie klopfte an die Eingangstür und es öffnete ein Neger in einer schmucken Livree mit goldenen Knöpfen und sogar mit Epauletten auf den Schultern. Sie nannte den Grund ihres Besuchs, und der Diener erklärte ihr mit geschliffenem Ausdruck, daß Frau van Sommelsdyk gerade nicht zuhause sei und ob er seiner Herrin eine Mitteilung zukommen lassen soll. Sie sagte, er möge ihr ausrichten, daß die Mitarbeiterin des Malers Vanderbelt aus Amsterdam sie zu sprechen wünsche und zu diesem Zweck noch einmal herkommen werde. Der Diener quittierte die Nachricht mit einem leichten Kopfnicken, dann wartete er, bis sie kehrtgemacht und die Straße vorm Gartenzaun erreicht hatte, und schloss leise die Tür.

Sie ließ sich bis auf den Marktplatz bringen, und als sie aus der Sänfte stieg, ging gerade ein Herr vorüber, den sie am allerwenigsten hier vermutet hätte. "Doktor Sigurdson!" Er war genauso überrascht. "Madame Merian! Träum' ich? Oder sehe ich Sie wirklich vor mir?" "Ich bin's. Ich denke, Sie sind im Fort Zeelandia auf Formosa?" "Wie bitte? Nein! Ich bin hier. Wissen Sie denn nicht, daß alle Festungen in den niederländischen Kolonien entweder Zeelandia oder Amsterdam heißen." "Du liebe Güte!"

Er sagte "Ich hoffe doch, daß Sie auch am richtigen Ort sind!" "Ach, Doktor Sigurdson! Es gibt einige Komplikationen!", sagte sie und war heilfroh, daß sie ihm ihr Herz ausschütten konnte, "Ich muss unbedingt mit Ihnen reden! Aber nicht hier. Wären Sie vielleicht so nett, mich und meine Dorothea bei uns zu besuchen?" "Ihre Tochter ist auch hier? Nun, ich brenne darauf zu erfahren, was Sie beide herführt, sagen Sie mir, wo Sie wohnen und ich komme noch heute zu Ihnen."

Dorothea hätte beinahe laut aufgeschrien, als Maria Sibylla ihr die Neuigkeit mitbrachte. Am späten Nachmittag saß der Doktor bei den beiden in der Stube. Maria Sibylla hatte ihn zwar auch nach dem Grund seines Hierseins gefragt, dann aber gleich über ihre Reise und über den tragischen Zwischenfall mit dem Maler berichtet, ja, sie schilderte sogar in allen Einzelheiten den furchtbaren Anblick der Negersklaven am Hafen, so daß Dorothea die Hand auf ihren Arm legte und sagte "Mama! Das ist doch jetzt nicht gar so wichtig." Doktor Sigurdson lächelte milde, vielleicht war er dergleichen ungestüme Rede von seinen Patienten gewohnt, wenn sie ihm ihr Leid klagten. Aber was er dann sagte, das machte die beiden sprachlos.

"Der Gouverneur Cornelis van Sommelsdyk ist nicht mehr am Leben." "Was?", riefen sie wie aus einem Munde. "Er wurde ermordet, wie es heißt, von Soldaten seiner eigenen Schutztruppe." "Wann war das?" "Vor zirka einem halben Jahr. Vielleicht tröstet es Sie, wenn ich Ihnen sage, daß ich es auch erst hier erfahren habe, in Amsterdam hält man sich mit solchen Nachrichten zurück." "Aber warum? Zumindest seine Schwester muss es doch gewusst haben." "Zweifellos. Wenn sie sich Ihnen gegenüber nichts anmerken ließ, tja, was soll man dazu sagen? Sie wird wohl ihre Gründe dafür haben."

"Und wer ist jetzt Gouverneur? Oder gibt es keinen neuen?" "Madame Merian, ein solcher Posten bleibt niemals unbesetzt. Es ist ein Major aus Den Haag ... ich kann mir seinen Namen nicht merken, es heißt, er stand mit seinem Vorgänger nicht eben auf freundschaftlichem Fuß, aber auch das wundert eigentlich niemand." "Und was ist mit Frau van Sommelsdyk?" Der Doktor sagte "Nun, hier beginnt meine Schweigepflicht, Verehrteste, denn Frau van Sommelsdyk gehört während meiner Anwesenheit zu meinen geschätzten Patientinnen, Sie verstehen. Aber Sie haben ja, wie Sie sagten, selbst bereits festgestellt, daß Frau van Sommelsdyk nicht mehr in der Zitadelle wohnt."

Maria Sibylla fragte "Und wie ist ihr Befinden? ... Ich meine, würde Sie mich überhaupt empfangen?" "Warum denn nicht? Sie hat - ich denke, das darf ich anmerken, denn es ist kein Geheimnis - öfter mal ein volles Haus." "Ach so?" Sigurdson sagte "Sie ist eine sehr geschätzte Gesellschafterin." Dorothea wandte ein "Aber trauert sie denn nicht noch um ihren Gatten?" "Liebe Dorothea, das sollten Sie am besten selbst herausfinden." (Der Doktor siezte sie übrigens, seitdem sie sich in Amsterdam zuletzt gesehen hatten, und das ließ Dorothea spüren, daß er sie als eine erwachsene Frau betrachtete.)

Maria Sibylla bot ihm von dem Wein an, den sie von Madeira mitgebracht hatten, und der Doktor nahm gern an. Dorothea fragte ihn "Dann haben Sie schon mehrmals hier geweilt?" "Ja, regelmäßig." "Gibt es dafür einen Grund ... außer, daß Sie sich um Ihre Patienten kümmern?" "Ja, den gibt es in der Tat. Ich führe hier einige medizinische Untersuchungen durch, speziell zu der leider weit verbreiteten Krankheit, die sich Gelbfieber nennt und in diesen Breiten schon unzählige Opfer gefordert hat."

Da fiel ihm ein: "Sagen Sie, Madame Merian, haben Sie zufällig auch das Mikroskop dabei, welches Sie aus dem Swamerdam'schen Nachlass erstanden hatten?" "Ja, hab' ich, warum?", und Dorothea wunderte sich: "Haben Sie denn kein eigenes, wenn Sie solche Forschungen betreiben?" Er schaute sie an und lächelte in seiner typischen Art. "Ich sehe, Dorothea, Sie sind immer noch so hellwach wie ehedem. Ich hatte ein eigenes Mikroskop, aber als ich jüngst hier ankam, musste ich feststellen, daß in mein Labor eingebrochen worden war und einige wichtige Instrumente gestohlen wurden." "Oh das tut mir leid", sagte Maria Sibylla, "selbstverständlich helfe ich Ihnen gern aus."

Dorothea sagte "Vielleicht können Sie auch etwas für uns tun." "Aber sicher. Worum geht es?" "Wir sind letztens überfallen worden." "Ach ja? Können Sie näheres zu der Person sagen?" "Ja, wir wissen, wer es ist." "Nun, dann erstatten Sie Anzeige. Wenn Sie wollen, können wir gemeinsam zur hiesigen Ordnungsbehörde gehen, ich kenne da jemanden, man wird ein Protokoll aufnehmen und den Täter dingfest machen, bei solchen Delikten versteht man hier keinen Spaß. Sie müssen lediglich eine Aussage machen. Waren Sie denn allein, als es geschah?" "Wir waren beide hier." "Dann ist die Sache eindeutig und es wäre wohl ein Leichtes, den Täter zu überführen. Hat er Sie ... verletzt?" "Er hat uns mit einer geladenen Pistole bedroht." "Das reicht. Damit ist er geliefert."

Sie vereinbarten Tag und Zeit, wann sie zur Behörde gehen wollten. Am nächsten Tag sah Dorothea den Eindringling wieder auf dem Gelände nebenan, er beobachtete sie mit scharfem Blick, als hätte er mitgekriegt, daß ein Mann in ihrem Haus gewesen war. Sie ließ sich aber nicht einschüchtern und rief "Was glotzen Sie so!" Er schwieg und schaute weiter zu ihr hin, dann meinte er "Sag' mal, Hühnchen, das Messer, das du da mit dir 'rumschleppst, willst du damit bloß angeben? Oder kannst du's auch benutzen?" Sie setzte zum Gegenschlag an. "Damit kann ich Ihnen die Kehle durchschneiden, ohne daß Sie's merken!" Er grinste. "Ist bestimmt nicht der schlechteste Tod für einen Mann."

Sie wusste darauf nichts zu erwidern. Er sagte "Weißt du, Hühnchen, ich könnte mal wieder 'ne gründliche Rasur vertragen." Damit streckte er das Kinn vor und fuhr sich mit der Hand über die Stoppeln. Sie wurde ganz unruhig. "Wieso sagen Sie mir das?" "Na ja", erklärte er, "wenn ich schon sterben soll, dann will ich wenigstens ordentlich aussehen." Sie musste unwillkürlich lachen, aber sie gab ihm noch einen Stoß. "Wer würde da denn Wert drauf legen!" Das schien ihn getroffen zu haben. "Oh, mein Kind, sei vorsichtig mit solchen Schmähungen, wenn du nicht weißt, wen du vor dir hast."

"Ach ja? Und Sie? Haben Sie letztens gefragt, wen Sie vor sich haben?" "Das war ganz was anderes." "Wieso?" "Weil es 'ne Menge gute Gründe gibt, weshalb ich mir Sorgen machen sollte, wenn da drüben bei euch im Haus plötzlich jemand auftaucht, den ich nicht kenne." "Sie hätten ja einfach Guten Tag sagen können, anstatt mit der Pistole 'rumzufuchteln und uns Angst einzujagen." "Jetzt halt' aber mal die Luft an, Hühnchen! Kommt hier her und spielt sich groß auf, gackert 'rum und tut so, als wüsste sie über alles Bescheid! Man sollte dich mal ordentlich durchrupfen, damit du zur Besinnung kommst!" "Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe!", rief Dorothea, drehte sich um und ließ ihn stehen.

Sie überlegte, ob sie es Maria Sibylla erzählen sollte, behielt es dann jedoch für sich. Sie traf sich mit Doktor Sigurdson zum vereinbarten Zeitpunkt, er sagte "Dann lassen Sie uns die Angelegenheit schleunigst ins Reine bringen, damit Sie wieder ruhig schlafen können." Dorothea hielt ihn zurück. "Warten Sie, Herr Doktor. Es ist ... ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob es wirklich dieser Kerl war, der uns überfallen hat, da laufen mehrere herum, die irgendwie alle gleich aussehen ... ist das denn normal hier, daß diese Halunken alle gleich aussehen?" "Sie haben recht, Dorothea, das ist alles ein Geschmeiß. Aber wenn Sie jetzt keine Anzeige erstatten, kommt er womöglich morgen wieder und tut Ihnen etwas an. So würde man ihn wenigstens davon abhalten." "Ja. Aber vielleicht warten wir mal noch zwei oder drei Tage, dann hat sich die Lage eventuell gebessert."

Der Doktor zuckte mit den Schultern. "Wie Sie wollen. Ich richte mich ganz nach Ihnen." "Das ist wirklich nett, und das mit dem Mikroskop hab' ich auch gar nicht so gemeint, das klang bestimmt misstrauisch, dabei weiß ich doch, daß Sie ein ganz hervorragender Doktor sind, Sie haben damals sofort gemerkt, als ich diese Polypen in der Nase hatte, Sie sind wirklich unverzichtbar, Doktor Sigurdson!"

Er winkte bescheiden ab, so recht konnte er sich ihren Sinneswandel aber nicht erklären. Da sie beide an diesem Nachmittag nichts anderes geplant hatten und nun doch nicht zur Behörde gegangen waren, hatten sie sich in ein Café am Marktplatz gesetzt und miteinander geplaudert, wobei Dorothea unter anderem erfuhr, daß Doktor Sigurdson hier eine Art Privatarzt war, der seinen Aufenthalt in der Kolonie völlig aus eigenen Mitteln bestreiten musste.

Er sagte "Ich war mal eine Zeit lang Wundarzt in der Garnison." "Bei den Soldaten?" "Ja. Aber das hat mir gar nicht behagt." "Das glaub' ich." "Ach ja? Wieso?" "Weil Sie so ein friedliebendes Wesen haben." Er lachte. "Na, wenn Sie sich da mal nicht täuschen." Sie schüttelte den Kopf, er sagte "Das war eine gutbezahlte Arbeit, aber es gab da ein paar Dinge zu tun, die ich nur äußerst ungern erledigt habe." "Was denn zum Beispiel?", fragte sie und glaubte, sie könnte ihn einmal wegen seiner Schweigepflicht überlisten. "Das wäre nichts für Ihre Ohren, Dorothea, Sie würden denken: 'Was für ein Unmensch ist er doch, wenn er sich nicht mehr zu helfen weiß!'"

"Na, dann lassen Sie uns lieber von etwas anderem reden." "Gern. Tut mir leid, aber ich habe das nicht richtig verstanden, Ihre Mutter war so aufgebracht, stand sie dem Herrn Vanderbelt besonders nahe?" Es klang, als habe er selbst Ambitionen auf ihre Mutter. Aber er war doch viel zu alt für sie! Oder etwa nicht? Sie sagte "Nein, das war rein geschäftlicher Natur." "Hm hm", machte er, und sie nutzte den Seitenblick in die Privatsphäre und fragte ihn "Sind Sie auch manchmal bei den Gesellschaften der Frau van Sommelsdyk dabei?" "Bei ihren Soireen? Dann und wann, meine Forschungsarbeit lässt mir wenig Zeit für Zerstreuungen."

"Wie ist das so?" "Was?" "Bei ihr." "Nun ja, man kann sich angeregt unterhalten. In einer Stadt wie dieser herrscht ein Kommen und Gehen, und wenn man Glück hat, trifft man auf außergewöhnliche Menschen. Lucia hat die besondere Gabe, solche Menschen anzuziehen, sie ist sehr gebildet und hat einen guten Ruf ... auch wenn manche Leute etwas anderes behaupten." "Ist Sie Holländerin?" "Französin. Sie stammt aus einer Hugenotten Familie, die aus Frankreich geflüchtet war."

"Wie lautet ihr Mädchenname?" "Bitte?" "Wie hieß sie vor ihrer Heirat? Das ist doch kein Patientengeheimnis? Oder wissen Sie's nicht?" "Sie heißt von Geburt an Lucia Maria Pierette Lavoisier. Da staunen Sie, was?" "Ist sie hübsch?" "Anerkanntermaßen." "Und wieso bekritteln manche Leute ihren guten Ruf?" Er schaute sie an und atmete tief ein. "Ach, Dorothea! Sie sind jung und Sie sind neugierig, Sie wollen alles über das Leben und über die Liebe wissen, am besten, bevor Sie es selbst am eigenen Leibe erfahren - ist es nicht so?"

Sie war sich nicht ganz sicher, was er damit sagen wollte, aber jetzt bedrängte sie ihn erst recht. "Doktor! Ich lasse Sie nicht eher fort, als bis Sie mir erklären, was das mit Lucia van Sommelsdyk zu tun hat!" Er lachte wieder. "Ich wette, Sie haben schon als Kind immer Ihren Willen durchgesetzt!" "Also? Ich höre."

"Lucia hat einen Geliebten, einen Engländer namens Ezekiel Thomas. Bevor sich die Holländer hier niedergelassen haben, hat Surinam der Britischen Krone gehört, dann ist es per Vertrag übergeben worden. Aber das ging nicht so reibungslos vonstatten, eine Menge Engländer haben sich dagegen gewehrt, man hat ihnen dann, gewissermaßen als Entschädigung, Land in Jamaika zugewiesen. Mister Thomas hat die Verbindung nach Surinam nie abreißen lassen, man hat ihn ständig hier in der Stadt gesehen. Und irgendwann wusste man auch, was ihn hierherzieht."

Dorothea sagte "Die beiden haben es wohl nicht verbergen können?" Der Doktor erwiderte "Nun ja, so groß ist Paramaribo auch wieder nicht, daß so was allzu lange bräuchte, um die Runde zu machen." "Und ihr Gemahl, der Gouverneur? Was hat er dazu gesagt?" Der Doktor zuckte mit den Schultern, dann beugte er sich vor und sagte zu ihr "Als eine Frau müsste ich Sie fragen: Wenn Sie einen andern Mann statt Ihres Gatten liebten, wären Sie sich aller Konsequenzen, die sich daraus ergeben, bewusst?" Dorothea zögerte. "Ich weiß nicht." "Sehen Sie, und da sind wir an dem Punkt, wo Ihnen fremdes Schicksal auch nichts nützt, Sie müssen es eben doch selber erfahren, um es beurteilen zu können."

Sie schaute ihn an. Er nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Sie sagte "Aber er ist doch nicht etwa deswegen ermordet worden?" Sigurdson verneinte. "Im Unterschied zu seiner Gemahlin war er nicht besonders beliebt. Nicht einmal bei seinen Untergebenen, und das ist für einen Vorgesetzten immer ein Handicap, wie die Engländer sagen, das ihm auf Dauer schwer zu schaffen macht. Ein Offizier, der insgeheim gehasst wird, hat eine Truppe, die ihn irgendwann opfert." "Wie meinen Sie das, ihn opfert?" "Sie befreit sich von ihm wie von einem bösen Geist, so wie jemand von der Mannschaft ins Meer geworfen wird, wenn sie glaubt, er wäre für alles Unheil an Bord verantwortlich. Dazu kommt, daß er außerordentlich brutal war, und zwar gegen die eigenen Leute." Dorothea sagte "Er war nicht Ihr Patient, oder?" "Nein!", lachte er, "Aber ich vermute, er ist auch niemals krank gewesen."

Doktor Sigurdson fragte, ob er sie nach Hause bringen solle, aber es war ja noch hell und Dorothea wollte ein bisschen durch die Stadt streifen, sie gedachte, auf einem andern Weg zurückzukommen. Es gab haufenweise kleine Läden, in denen alles angeboten wurde, was man sich nur denken konnte. Sie hatte Geld dabei, aber sie musste beim Bezahlen immer noch aufpassen. Viele Preise waren in holländischen Münzen angegeben, in Groschen, Heller, Kreuzer, auch den Stuiver gab es, aber er war anscheinend weniger Schillinge wert als in Amsterdam. Und dann gab es jede Menge andere Münzen, ein Flandon, ein Sekel (damit bezahlten vorrangig die Juden), ein Mampiti (das war eine Münze mit Loch, die aus der Karibik stammte und zwölf Kreuzer entsprach) und ein Dutzend weitere Geldstücke. Es gab auch Silber- und Goldmünzen, und Dorothea beobachtete, wie jemand einen Esel mit einem Klümpchen Gold bezahlte, das der Händler auf eine kleine Waage legte und dem Käufer dann das entsprechende Wechselgeld herausgab.

Esel waren hier übrigens allenthalben zu sehen, sie zogen die zweirädrigen Karren, die häufig auch als kleine, einspännige Kutschen gebaut waren; mit einem von ihnen sollte sie dann noch Bekanntschaft machen. Sie kaufte etwas frisches Obst: Orangen, Mangos, Tamarinden (die sie ihr Lebtag noch nicht verzehrt hatte), sie packte alles in den Leinenbeutel, den sie quer über der Schulter trug und in dem sie auch das Messer hatte, denn in der Stadt wollte sie's doch nicht im Gürtel tragen.

Auf dem Rückweg orientierte sie sich an dem Kirchturm, den sie von ihrem Häuschen aus linker Hand anvisieren konnte, und voraus blickend nach einem großen Baum, der am hinteren Ende ihres Grundstücks stand und den sie "Höhlenbaum" getauft hatte, weil seine Wurzeln derart über dem Boden gewölbt waren, daß man sich darunter verkriechen konnte wie in einer Höhle. Zugegeben, es gab eine kleine Abweichung und sie musste über ein Flüsschen hinüber, wobei ihr jemand mit einem Floß(!) behilflich war, aber schließlich kam sie doch heil und noch vor Einbruch der Dunkelheit an.

Als sie den Höhlenbaum erreicht hatte, bemerkte sie drüben bei dem "Eindringling" eine Frau, es war eine junge Negerin von außerordentlich anmutiger Gestalt, das konnte Dorothea auf den ersten Blick erkennen, denn die Frau war nackt! Sie war dabei, Wäsche auf eine Leine zu hängen, die zwischen zwei Pfählen gezogen war. Dorothea konnte nicht anders, als sich ihr zu nähern, es war, als würde sie von einer Zauberkraft angezogen. Sie sah ihren Po, ihre entzückenden Waden, ihre herrlich geschwungenen Hüften, ihren ebenmäßigen Rücken mit den grazilen Schulterblättern, die sich unter der Haut in sanften Wellen hervorwölbten und gleich wieder eintauchten.

Dorothea trat auf einen trockenen Zweig, der brach entzwei, und die Negerin drehte sich nach ihr um und lächelte sie an, sie war kein bisschen erstaunt oder gar erschrocken. Dorothea sah ihre festen Brüste, den Bauch, die Scham und auf einen zarten, rosafarbenen Fleck zwischen ihren Beinen, und sie spürte, wie es in ihrem Unterleib in feinen Kanälchen zu fließen begann, als würde der süße Saft aus einer überreifen Frucht hineingepresst werden. Die Negerin wandte den Kopf zur Seite und sagte etwas, und als Dorothea ein paar Schritte näherkam, entdeckte sie dort einen Mann, der in einer Hängematte lag, ein Bein über den Rand gehängt und einen Strohhut aufs Gesicht geschoben.

Er rappelte sich auf, der Hut rutschte herab, und er hielt die Hand über die Stirn, er sagte "Weiß Gott! Hühnchen! Schleichst dich neuerdings heran wie ein Sakamwani Indianer!" Die Negerin musste lachen, daß ihre Brüste vergnügt hüpften. Dorothea suchte nach einer Ausrede, aber es fiel ihr nichts ein, deshalb sagte sie "Ich bin auf dem Weg nach Hause, ich muss eben mal rasch durch Ihren Garten durch!" "Nur daß das klar ist: dafür verlang' ich Wegezoll!" "Unsinn! Dazu haben Sie kein Recht!" "Ja, aber irgendwas muss ich verlangen, dafür, daß du mich gestört hast, ich hatte gerade den süßesten Traum."

Die Negerin sagte wieder etwas zu ihm und er antwortete ihr, dann meinte er "Taisanha möchte, daß ich dich ihr vorstelle, aber ich kenne ja nur deinen Rufnamen, also wär's besser, wenn du's selber machst!" Sie sagte zu ihm "Sie sind die Ausgeburt von einem Grobian!", dann wandte sie sich ihr zu und sagte mit geradezu lieblicher Stimme: "Ich heiße Dorothea, es freut mich sehr, Sie kennenzulernen." Sie erwiderte "Ich bin Taisanha", und ihre weißen Zähne glänzten wie Perlen. Sie gaben sich die Hand, und am liebsten wäre ihr Dorothea mit den Fingern über ihre ebenholzartigen Schultern gefahren. Er kippte sich aus seiner Hängematte, strich sich die strähnigen Haare aus dem Gesicht und sagte, nicht ohne Anstand, "Ich bin Matteo, der Dritte."

Dorothea erzählte alles, was sie von Doktor Sigurdson erfahren hatte, ihrer Mutter. Die wunderte sich gleich über mehrere Dinge. Erstens natürlich wiederum darüber, wie Agnes van Sommelsdyk - "falls das wirklich stimmt" - es so perfekt verbergen konnte, was ihrem Bruder widerfahren war - und dabei hatte sie doch angeblich nachvollziehen können, wie sehr sich Maria Sibylla um Frederick sorgte. Das war auf Schloss Waltha gewesen und womöglich lebte der Gouverneur da noch, aber die Liaison ihrer Schwägerin mit dem Engländer musste ja wohl schon im vollen Gange gewesen sein! Wie konnte die Sommelsdyk dabei nur so gefasst, ja beinahe kaltblütig bleiben?

Zum zweiten wunderte sich Maria Sibylla über die Tatsache, daß man ungeachtet der Umstände den Maler Vanderbelt hierher geschickt hatte, damit er einige Ansichten der Plantage "Hortensiana" anfertigt - eine Sache, die angesichts der Vorfälle vollkommen nebensächlich erscheinen musste. Und drittens war es sehr merkwürdig, daß sich bis jetzt noch niemand nach ihr erkundigt hatte, obwohl dieser Leutnant Schenk ihren Namen (wenn auch fälschlicherweise) wusste und sie beide hierher gebracht hatte. Man musste also mit ihrer Ankunft gerechnet und irgendjemand außer dem Leutnant (der ja nur einen Befehl ausgeführt hatte) musste auch vom Tod Vanderbelts während der Reise erfahren haben.

Dorothea brachte noch eine weitere Frage ins Spiel: "Hat eigentlich bis jetzt jemand gesagt, wem diese Plantage gehört? Ich meine, gehört sie den Sommelsdyk's selber oder wem sonst?" "Nein. Du hast recht, bis jetzt war immer nur von der Plantage die Rede." Maria Sibylla überlegte. Obwohl das jetzt nicht dazugehörte, konnte es Dorothea doch nicht länger für sich behalten, sie sagte "Ich habe unsern Einbrecher in seinem Garten mit einer nackten Negerfrau gesehen." Maria Sibylla rief erschrocken "Was? Hat er ihr was angetan?" "Nein, sie hat gerade Wäsche aufgehängt." "Wie bitte?" "Sie hat Wäsche auf die Leine gehängt, und er hat in der Hängematte gelegen." "Und sie war wirklich nackt?" "Ohne alles. Sie ist sehr schön. Sie heißt Taisanha." "Woher weißt du das?" "Sie hat es mir gesagt." "Und du?" "Was, und ich?" "Hast du ihr auch gesagt, wie du heißt?" "Ja." "Und er?" "Heißt Matteo." "Thea!", rief sie eindringlich, "Du wirst dich doch nicht mit so einem Widerling einlassen! Er hat dich mit der Pistole bedroht! Er hat dir nach dem Leben getrachtet!" Dorothea antwortete nicht gleich, dann sagte sie "Das muss ich eben noch herausfinden, ob es wirklich so war."

Am Abend war Maria Sibylla ganz schweigsam. Dorothea hatte auf einem Teller etwas von dem frischen Obst aufgeschnitten, aber sie rührte nichts davon an, sondern blickte nur vor hin. "Was ist los, Mama?" "Ach Thea! Ich habe mich so gefreut auf diese Reise und darauf, daß ich all' die wundervollen Sachen malen kann, welche die Natur hier hervorgebracht hat. Und nun ist alles ganz anders gekommen." "Aber wieso denn? Erstens hast du schon damit angefangen - diese Vanilleblume mit der Blüte und den Schoten ist dir ganz ausgezeichnet gelungen - und das andere wird sich schon einrichten. Wenn du willst, gehe ich zu Lucia van Sommelsdyk und ... sie streckte blitzartig den Arm über den Tisch aus ... Da! Da ist wieder so ein Käfer wie gestern! Schnell! Das Glas!"

Maria Sibylla sprang auf und reichte ihr das bereitgestellte Glas, aber der Käfer war schon wieder weg. "Verflixt! Wo ist er hin? Ich hab' noch nie einen Käfer so flink laufen sehen." "Da ist er!" "Wo?" "Gib' mir das Glas!" Sie stülpte es über das schwarze Insekt, es gelang ihr, die Hand auf die Öffnung zu pressen, dann stellte sie das Glas umgedreht auf den Tisch und sie betrachteten ihn bei Licht. Er lief im Kreis herum. Maria Sibylla tränkte ein Stückchen Stoff mit Äther und schob es vorsichtig unter dem Glasrand hinein, sie warteten, bis sich der Käfer nicht mehr rührte.

Sie holte ihr Vergrößerungsglas und schaute ihn an. "Er hat Flügel." "Warum rennt er dann wie ein Besessener auf dem Boden 'rum?" "Hm. Vielleicht kann er nicht fliegen, ich entsinne mich, mal etwas über sogenannte Scheinflügel gelesen zu haben." "Wozu sollen die gut sein, wenn nicht zum Fliegen?" "Darüber gibt es mehrere Meinungen, die einen sagen, der Schöpfer sei, als er sie konstruiert hat, in seiner Arbeit unterbrochen worden und die Flügel wären zwar bereits ausgebildet, aber nicht funktionstüchtig gewesen. Später sei er nicht nochmal darauf zurückgekommen, weil er zu beschäftigt war."

"Und wie erklären es die andern?" "Unterschiedlich. Manche sind der Ansicht, die Natur bereite diese Insekten auf die Möglichkeit vor, eines Tages fliegen zu können, wenn die äußeren Umstände es angemessen erscheinen lassen, während andere behaupten, daß es gewissermaßen umgekehrt sei und sie in der Vergangenheit einmal fliegen konnten, dann aber durch Anpassung an die Gegebenheiten dieser Fähigkeit verlustig gingen."

Dorothea sagte "Das heißt, sie haben das Fliegen verlernt? Das kann ich mir gar nicht vorstellen, was für einen größeren Vorteil kann es geben, als sich fliegend fortzubewegen?" Maria Sibylla entgegnete "Vielleicht geht es nicht nur um die Fortbewegung. Sieh' mal, diese Käfer leben auf dem Boden, sie verkriechen sich in Ritzen und Löchern und gehen nur nachts auf Nahrungssuche, sie fressen wahrscheinlich alles, was bei uns abfällt, es sind keine Schmetterlinge, die von Blüte zu Blüte haschen, warum sollten sie sich also in die Luft erheben?"

Ihre Mutter hatte, während sie redete, nebenbei von dem Obst genascht, und Dorothea bemerkte, wie sie über diesen Mutmaßungen ihre gewohnte Geschäftigkeit zurückgewann. Vielleicht wollte sie aber auch nur nicht an die Diskussion über den Spanier anknüpfen. Dann rief sie "Ich muss mir das grade mal notieren!" und holte ihr Studienbuch herbei, um den Käfer zu skizzieren und mit Stichworten zu kommentieren. Dorothea sagte "Also, um das nochmal anzusprechen: ich würde zu Lucia van Sommelsdyk gehen und in deinem Namen um eine Audienz ersuchen. Hörst du, Mama!" "Was? Ja, ist gut, mach' das. Ich werde dann selber alles weitere klären" erwiderte sie und setzte hinzu: "aber mit diesem Matteo will ich nichts zu tun haben."

Dorothea machte sich hübsch zurecht und ging gleich am nächsten Tag zu Frau van Sommelsdyk. Sie hatte daran gedacht, Doktor Sigurdson zu fragen, ob er sie begleitet, war sich dann aber sicher, daß sie's allein hinkriegen würde. Sie hatte Glück, Lucia war zuhause und sie ließ Dorothea ohne Umschweife hereinbitten. Sie war eine zierliche Frau mit schöner Lockenfrisur und einem reizenden, sehr jugendlichen Gesicht. Sie trug ein gelbes Kleid mit längsgezogenen orangefarbenen Streifen und sie war barfuß.

Dorothea hatte lange hin und her überlegt, bevor sie jetzt wagte, sie wie folgt anzusprechen: "Madame Lavoisier! Ich möchte Ihnen die besten Grüße von meiner Mama, Maria Sibylla Merian, übermitteln." Lucia stutzte nur kurz und erkundigte sich dann: "Woher kommen Sie und ihre Frau Mutter?" "Aus Amsterdam, und meine Mama stammt ursprünglich aus Frankfurt, sie ist die Tochter des berühmten Kupferstechers und Verlegers Matthäus Merian." "Aha", machte Lucia, "was hat Sie hierher verschlagen?" "Sie über die näheren Zusammenhänge in Kenntnis zu setzen, ist der Hauptgrund meines Besuchs - allein, ich möchte dies nicht selbst tun, sondern meiner Mama überlassen, für die ich hiermit wegen eines Gesprächs zwischen ihr und Ihnen vorstellig ward."

Lucia lächelte und sagte "Ja, warum denn nicht. Und welchen andern Grund gibt es außerdem?" "Bitte?" "Sie sagten, das wäre der Hauptgrund gewesen." "Ach so ... na ja, ehrlich gesagt wollte ich Sie auch selber kennenlernen. Unser gemeinsamer Bekannter, der werte Doktor Sigurdson hat mir viel von Ihnen erzählt." Lucia zog die Brauen zusammen. "Der sonst so diskrete Sigurdson hat über mich geredet?" Dorothea beeilte sich zu sagen "Nein, ich meine, gerade weil er nichts weiter hat verlauten lassen, bin ich darauf gekommen, Sie persönlich aufzusuchen", nun hatte sie sich womöglich doch verhaspelt, deshalb fügte sie hinzu "mein Auftritt ist Ihnen doch nicht unangenehm, oder?" Lucia gab leicht erhaben zurück: "Wenn er es Ihnen nicht ist." "Vielleicht sollte ich besser wieder gehen." "Ohne eine Nachricht an Ihre Frau Mutter?" Dorothea sagte "Stimmt. Das würde mich in Erklärungsnot bringen", und Lucia lachte.

"Nun kommen Sie einen Moment herein. Ich bin zwar gerade damit beschäftigt, neue Schuhe anzuprobieren, aber vielleicht können Sie mich dabei beraten", sie warf einen Blick auf ihre Füße, "was für welche sind das?" "Das sind italienische Schnürstiefel, die hatte ich mir vor Antritt unserer Reise in Amsterdam gekauft, sie drücken noch ein bisschen, hier an der Stelle, und der linke reibt an der Ferse ..." "Klingt nicht sonderlich bequem." "Oh, doch, sie sind bequem, wenn sich das erstmal gegeben hat. Ich finde, mit neuen Schuhen ist das wie mit einem neuen Freund, den muss man sich oft auch erst anpassen." "Du meine Güte! Das hört sich ja an, als hätten Sie schon ein Dutzend davon eingelaufen."

Dorothea berichtete alles ihrer Mutter und überbrachte ihr eine (schriftliche) Einladung zu ihrer nächsten Soiree, bei der auch ein französischer Forschungs Reisender anwesend sein würde, der kürzlich um das Kap Hoorn gesegelt sei. Maria Sibylla fragte "Was hast du über mich gesagt?" "Daß du eine geachtete Blumenmalerin bist und die Pflanzenwelt von Surinam studieren willst." "Du hast gesagt: geachtet?" "Ja. Ich wollte nicht zu sehr auftrumpfen, aber auch nicht wie ein Bittsteller wirken." "Das war schlau von dir."

Dann wollte sie wissen, was für eine Person Lucia van Sommelsdyk wäre, und schließlich fragte sie noch "Hast du Dirk Vanderbelt erwähnt?" "Nein. Überhaupt hatte ich den Eindruck, daß sie von unserer Ankunft keine Ahnung hatte. Sie hat ja auch nicht dergleichen getan, als ich dich bei deinem Namen nannte." "Und dieser Engländer?" "Ezekiel Thomas? Den hab' ich nicht gesehen. Ich schätze, den lernst du bei ihr kennen." "Willst du nicht mitkommen?" "Ach nein. Ich denke, es geht zuerst mal um dich und deine Arbeit, man sollte die Herrschaften nicht überfordern." "Ja, du hast recht. Aber ich werde dir dann alles erzählen." "Das ist meine Bedingung dafür, daß ich dich gehen lasse." Sie gaben sich einen Kuss, und Maria Sibylla sagte "Willst du mal sehen, was für einen merkwürdigen Grashüpfer ich heute gefangen habe ..."

Maria Sibylla war schon am Nachmittag in die Stadt gegangen, um für den Besuch bei Lucia van Sommelsdyk ein kleines "Mitbringsel" zu besorgen. Dorothea fand es ganz erholsam, mal für sich zu sein und hatte es sich in einer der beiden Hängematten hinterm Haus bequem gemacht. Sie las eine Weile in dem Buch "Pensées" eines gewissen Blaise Pascal, das ihr auf Schloss Waltha in die Hände gefallen war und das irgendwann vorher Onkel Frederick ihrer Mutter geschenkt hatte, es gab darin auch ein paar Stellen, die von ihm selbst angestrichen waren, unter anderen diese: "Nichts ist der Gottesliebe so ähnlich wie die Begierde, und nichts ist ihr entgegengesetzter."

Dorothea dachte über diesen Satz nach und dabei fielen ihr die Augen zu und sie schlummerte im Schatten ein. Das dauerte nicht lange, aber sie hatte einen kurzen und äußerst diffusen Traum. Als sie erwachte, stand die Sonne immer noch über dem Horizont, doch es war nicht mehr so heiß. Sie ging nach drinnen, und sie wusste selbst nicht, was sie dazu antrieb, das große Messer zu nehmen, es hinter den Gürtel zu klemmen und hinüber zu Matteo's Grundstück zu gehen.

Er werkelte mit dem Hobel an einem Brett herum, das auf zwei Holzböcken lag, er war so vertieft, daß er sie nicht bemerkte, erst im letzten Moment drehte er sich erschrocken um und sein Blick fiel sofort auf das Messer. Er sagte "Was willst du?" Sie schaute ihn an, dann fragte sie "Ist Taisanha da?" "Nein." "Wo ist sie?" "Auf dem Markt. Du störst mich bei der Arbeit." "Was soll das werden?" "Hast du mich schlecht verstanden?" Sie sagte "Ich geb' nichts drauf, was Sie sagen, solange es nur grobe Worte sind." "Oh, hört, hört! Das hast du dir ja fein zurechtgelegt, Hühnchen", und Dorothea dachte, daß es tatsächlich eine Nachwirkung ihrer Lektüre von vorhin gewesen sein könnte.

"Sie haben mich auch gestört mit Ihrer Hobelei." (Vielleicht war wirklich was davon in ihren Schlaf gedrungen.) "Dann sind wir ja quitt und du kannst Leine ziehen." Sie blieb stehen. "War das eigentlich ernst gemeint mit dem Rasieren?" Er hielt inne. "Womit?" "Daß Sie eine Rasur vertragen könnten." Er musste lachen. "Haha! Hühnchen! Das hast du dir wohl gemerkt?" Sie zog das Messer aus dem Gürtel. "Wenn man's nicht benutzt, wird's auch nur stumpf." "Ach ja? Das muss ja ein ganz seltsamer Stahl sein. Dann willst du mich also damit rasieren?" Sie nickte. Er sagte "Aber nur, wenn ich dir dabei die Pistole zwischen die Beine halte." "Sie sind dermaßen ordinär!", empörte sie sich.

"Es ist nämlich so, Hühnchen, ich habe mich entschlossen, doch noch nicht zu sterben, und ich traue keiner Frau, und schon gar keiner Holländerin." "Das ist doch absurd!" "Mir egal, wie du das nennst." "Ich verspreche, daß ich Ihnen nichts tun werde." Er schwieg, dann sagte er "Hast du so was überhaupt schon mal gemacht?" "Ja klar, öfters." "Bei wem?" "Bei meinem Freund." "Wo ist der jetzt?" "Auf See. In Kayakulum, wenn Sie's genau wissen wollen." Matteo lachte aus vollem Halse. "In Kayakulum! Hat er dir das gesagt?" "Ja." "Ach, mein liebes Hühnchen, ich muss nun von dir scheiden! Ich muss weit weg nach Kayakulum gehen! Warte nicht auf mich, denn ich weiß nicht, ob ich zurückkehre! Schon mancher ist für immer in Kayakulum geblieben ..."

"Halten Sie die Klappe!", rief sie und drohte ihm mit dem Messer. Er sah, wie ihr Tränen in den Augen standen. Er sagte "Glaubst du das wirklich, mit diesem Kayakulum? Weißt du nicht, was sich Matrosen alles für Orte ausdenken, wohin ihnen ihre Geliebten niemals folgen können? Die meisten wären gleich um die nächste Straßenecke zu finden." "Es gibt diesen Ort! An der indischen Küste. Ohne Zweifel hätte mein Freund mich mitgenommen, wenn das möglich gewesen wäre. Und hören Sie auf, mich Hühnchen zu nennen, Sie wissen, daß ich Dorothea heiße. Matteo!" Er stellte den Hobel aufs Brett und überlegte einen Augenblick, dann sagte er "Na los, komm', probieren wir mal aus, ob dein Messer was taugt, Do-ro-the-a!"

Sie folgte ihm in die Hütte, er deutete auf eine Schüssel, "Wasser ist draußen im Fass". "Haben Sie Pinsel und Seife?" "Ja, hier in dem Schränkchen, das ist sogar kastilische Seife, riech' mal", er hielt sie ihr unter die Nase, "hast du die bei deinem Freund auch verwendet?" "So eine ähnliche." Er setzte sich draußen auf einen Stuhl, er hatte sich seine Haare hinten zusammen gebunden und das Hemd ausgezogen, seine muskulöse Brust war mit weißer Wolle bedeckt. "Wollen Sie sich ein Tuch umlegen?" "Ach, nicht nötig, ich spül' hinterher alles ab."

Sie rührte die Seife auf einem Suppenteller an, sie machte es sehr umständlich. "Geht's heute noch los?", fragte Matteo. "Halten Sie still!" Sie strich seinen Bart mit dem Schaum ein. Dann suchte sie eine Stelle, wo sie beginnen könnte, endlich setzte sie das Messer an seiner linken Schläfe an und ließ es über die langen Stoppeln kratzen, es war wirklich höllisch scharf, es hinterließ gleich beim ersten Streich eine ganz glatte Haut. Sie fragte "Woher wissen Sie überhaupt, daß wir aus Holland kommen?" Er sagte "Viel mehr war über euch zwei nicht 'rauszukriegen." "Sie haben uns nachspioniert?" "Na, ich bin dir nicht auf den Abort gefolgt, wenn du das meinst." Sie musste lachen, vielleicht war er wirklich nicht ordinär, aber er tat ständig so.

Sie fragte "Was bedeutet das: Matteo der Dritte?" "Hab' ich das gesagt?" "Sie hatten sich letztens so vorgestellt." "Mein Vater und dessen Vater hießen ebenfalls Matteo", erklärte er. "Und woher stammen Sie?" "Ich bin in Fortaleza geboren, das liegt an der brasilianischen Küste, weiter östlich von hier. Mein Vater stammt aus Palermo auf Sizilien, meine Vorfahren waren Normannen, sagt dir das was?" "Nein." "Das waren die legendären Nordmänner von König Roger, die Sizilien erobert haben. Sehr blutrünstige Männer." "Haben Sie das von denen geerbt?" "Ja, vielleicht", antwortete er, und Dorothea, die sich auf sein Gesicht konzentrierte, glaubte ein Funkeln in seinen Augen zu sehen.

"Wie alt sind Sie eigentlich?" "Ich?", fragte er überrascht und wandte den Kopf zu ihr, "Stillhalten!" "Warum willst du das wissen, Hühn... - willst du dich an mich 'ranmachen?" "Auf keinen Fall!", sagte sie entschieden. "Dein Glück. Ich würde dich nämlich gar nicht nehmen." "Wieso nicht? Gefalle ich Ihnen etwa nicht?" "Du bist mir zu jung." "Taisanha ist bestimmt noch jünger als ich." "Wie alt bist du denn?" Sie sagte es ihm. "Na ja, Taisanha ist zwei Jahre jünger." "Aha." "Was heißt 'aha'?" "Nichts, ich ... oh, jetzt hab' ich Sie geschnitten?" "Nicht so schlimm." "Oh ja, das Blut läuft!"

Er fasste mit zwei Fingern an die Wange, sie waren gleich verschmiert. "Zum Teufel, ich hab' gar nichts gemerkt." "Sag' ich ja, daß es scharf ist." Sie holte ihr Taschentuch heraus und er drückte es auf den Schnitt. "Das kannst du dann Taisanha geben, die wäscht es." "Ist schon gut. Aber da ist noch eine Stelle vom Bart." Sie warteten ein paar Minuten, bis die Blutung aufgehört hatte. Er fragte sie über ihre Mutter aus, es schien ihm ganz selbstverständlich, was sie vorhat. Sie fragte ihn, was er mit den Brettern macht (an der Seite lagen noch mehr davon auf einem Stapel). Er sagte, er verarbeitet sie zu allen möglichen Dingen, auch zu Tischen und Schränken.

Als sie mit dem Rasieren fertig waren, zeigte er ihr einige von den Brettern und erklärte etwas über die Hölzer. Da war der Carapa Baum, der leicht rötlich ist, der Sapota, der eines der besten Baumaterialien liefert, der Copaiva, aus dem Fässer gemacht werden, "hier das Wasserfass ist da draus", sagte Matteo. Dann gab es den Pisi, den die Franzosen Sassafras nennen und der sich zum Möbelbau eignet, "das Harz wird für Fackeln verwendet, es duftet stark nach Weihrauch". Dann den Wahne Baum, aus dem die besten Bretter sind und den die Engländer auch für den Schiffbau genommen haben; große Schiffe würden hier nicht gebaut, sagte er, wohl aber Boote, und die Indianer würden auch welche aus dem Kambu Baum machen, "obwohl der ziemlich schnell zu faulen anfängt".

Matteo legte die Hand auf ein weiteres Brett und sagte "Der hier wird zu Holzschindeln verarbeitet, das Dach auf euerm Haus hat solche." "Was für eins ist das?" "Das ist Zedernholz, da macht man Kisten draus, die besonders leicht sind, zum Beispiel für Zigarren." Sie sagte "Das kam mir doch gleich bekannt vor." Matteo erklärte ihr noch ein paar andere Sorten und auch welche, die er gerade nicht da hatte.

Er beschrieb ihr auch, wo im Urwald er das Holz "einschlägt" und wie er's her schafft. "Machen Sie das allein?" "Nein, das wäre unmöglich. Ich habe meine Leute." "Sind das alles Schwarze?" "Überwiegend Indianer. Aber keine Sklaven." "Ist Taisanha hier geboren?" "Ja. Sie war auch eine Sklavin, bevor sie zu mir kam." Dorothea wollte noch etwas über sie wissen, aber da erschien Taisanha selbst, sie hatte einen vollen Beutel über der Schulter und einen Korb am andern Arm, und auf dem Kopf trug sie auch noch was, das sie mit einer Hand festhielt, trotzdem schien sie leicht wie eine Katze zu laufen.

Sie brachte alles in die Küche, da waren Sachen zum essen dabei, die Dorothea nicht kannte und sie ließ es sich von Taisanha erklären, die dabei einige ulkige Umschreibungen abgab. Sie mussten beide lachen, und Matteo sagte "Dann werd' ich mal ein bisschen Fleisch zum Abendbrot besorgen", und ließ sie allein. Nach einer halben Stunde kam er mit drei erlegten Eichhörnchen wieder, die er in null Komma nichts häutete, ausnahm und auf Spieße steckte, nachdem er das Fleisch gesäubert hatte.

Sie brutzelten es dann draußen über dem offenen Feuer, und Taisanha hatte (mit Dorotheas Unterstützung) drei Schüsseln mit wohlschmeckendem Mischmasch bereitet, von dem Dorothea gar nicht genug kriegen konnte. Dazu tranken sie Fruchtsaft, aber da war irgendwas drin, das ihr angenehm zu Kopf stieg, und später lachten die beiden, weil sie taumelte, als sie mal verschwinden musste. "Nimm' meine Pistole mit", rief ihr Matteo nach, "hier treibt sich ein Tiger 'rum!" "Ach was", winkte sie ab, "ich bin für Tiger ungenießbar", aber auf dem Örtchen wurde es ihr dann doch ganz mulmig.

Plötzlich tauchten am Feuer zwei dunkle Gestalten auf, als erstes waren ihre weißen Augen zu sehen. Matteo und Taisanha begrüßten sie und forderten sie auf, sich dazu zu setzen, dann redeten sie miteinander, wobei die beiden Männer immer mal argwöhnische Blicke auf Dorothea warfen, obwohl Matteo sie ihnen kurz vorgestellt hatte. Sie konnte fast nichts verstehen, aber sie bemerkte, wie Taisanha die beiden über etwas ausfragte.

Am nächsten Morgen erwachte Dorothea in ihrem Bett. Maria Sibylla saß schon wieder über ihrer Arbeit, sie waren wohl beide in der Nacht heimgekommen, ohne einander zu beachten. Maria Sibylla erzählte ihr alles, sie habe sich mit Lucia van Sommelsdyk gut verstanden, wenngleich sie ein deutlich anderes Temperament besitze (das hatte Dorothea auch schon festgestellt und sogar befürchtet, ihre Mutter käme damit nicht klar). Sie hatte auch Ezekiel Thomas kennengelernt, der sich als ein "Freund der Familie" vorstellte, und sie hätte den ganzen Abend über kein Mal bemerkt, daß die beiden sich über diese "Freundschaft" hinaus nähergekommen wären.

Dorothea sagte "Hast du erwartet, daß sie sich vor allen Leuten küssen?" "Natürlich nicht." "Du hast sie doch nicht ununterbrochen beobachtet, oder?" "Nein." "Na also, vielleicht haben sich ja geküsst, als du grade nicht hingeschaut hast." Maria Sibylla lachte. "Ja, das kann sein, ich habe mich mit einer Menge Leute unterhalten." "Hast du ihnen gesagt, was du machst?" "Ja, ich dachte, ich müsste die Gelegenheit nutzen, ich konnte auch ein paar Kontakte knüpfen." "Das ist gut, das freut mich, Mama!"

Dann erfuhr Dorothea von ihr, daß die Plantage "Hortensiana" tatsächlich dem Cornelis van Sommelsdyk gehörte, allerdings hatte ihr das nicht Lucia selbst, sondern einer der Gäste verraten und hinzugefügt, daß sie nun in Lucia's Besitz ist, worüber sich die "Amsterdamer Verwandten" wahrscheinlich Gedanken machten. Maria Sibylla sagte "Die Plantage muss sehr groß und außerordentlich ertragreich sein, dort wird, wie ich hörte, vor allem Zucker angebaut, aber auch Kakao und Kaffee."

"Ich denke, an den hiesigen Besitzungen ist auch die Westindische Compagnie beteiligt?", wandte Dorothea ein. "Eben! Und deshalb ergibt das alles auch einen gewissen Sinn: Agnes van Sommelsdyk, Jonas Wittensen und dieser Mann von der Compagnie, sie haben alle drei Grund genug, aufzupassen, was mit der Plantage nach Cornelis' Tod geschieht. Und dann ist da noch etwas. Van Sommelsdyk hatte eine zweite Ehefrau." "Wie bitte?" "Da gab es mal irgendwelche kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Indianern und den Engländern und den Negerrebellen - was weiß ich, wer da alles drin verwickelt war, jedenfalls hat der Stammeshäuptling der Indianer dem Cornelis van Sommelsdyk nach dem Sieg eine seiner Töchter zum Geschenk gemacht, und das konnte der schlechterdings nicht ablehnen."

Dorothea sagte "Da hat die Lucia also eine Nebenfrau ertragen müssen?" "Ja. Kannst du dir vorstellen, daß ihr das gefallen hat?" "Nee." "Ich auch nicht." "Und was ist jetzt mit ihr?" Maria Sibylla zuckte mit den Schultern. "Das habe ich nicht erfahren können, ich wollte ja auch nicht zu neugierig sein. Jedenfalls ist sie nicht mehr bei ihr im Haus." "Wenn das seine Ehefrau war, dann hat sie doch genauso Anspruch auf sein Erbe?" "Ja, hab' ich mir auch gedacht. Vielleicht aber nur auf einen kleinen Teil. Die Lucia wird wohl dafür sorgen, daß ihr nicht die Plantage in die Hände fällt." Dorothea sagte "Womöglich meldet sich jetzt auch noch der Häuptling zurück, im Interesse seiner Tochter." "Hm", machte Maria Sibylla.

"Hast du Lucia was von Dirk Vanderbelt erzählt?" "Nein. Es hat mich auch keiner danach gefragt. Bis auf einen, ein Spanier namens Don Fernandez, der hat mich erst ganz zum Schluss angesprochen, da war ich schon zur Tür hinaus. Ich habe auf meine Sänfte gewartet, aber die kam nicht, und da stand er auf einmal neben mir und redete mich mit Madame Vanderbelt an und sagte, er wollte mich schon den ganzen Abend ansprechen, wäre aber nicht dazu gekommen. Ich sagte ihm, wie ich wirklich heiße und daß der Maler Vanderbelt unterwegs verstorben ist und so weiter. Und er hat sich natürlich auch vorgestellt, er besitzt südöstlich von Paramaribo ebenfalls eine große Plantage hauptsächlich mit Tabak. Er hat mir dann ganz schnell eine Sänfte besorgt."

"Wie sah er aus?", wollte Dorothea wissen. "Was meinst du?" "Du weißt, was ich meine." Maria Sibylla tat so, als habe sie ihn nur flüchtig und undeutlich gesehen. "Das war doch schon dunkel. Er ist groß und schlank, er trug lange Reitstiefel und er war mit seiner eigenen Kutsche da." "Und hatte er auch ein Gesicht?" "Was? Na ja, er ist durchaus attraktiv, so wie ich das auf die Schnelle erkennen konnte, eben ein echter Spanier. So, jetzt muss ich aber weitermachen."

Später fragte sie Dorothea, was sie gestern noch "getrieben" hätte, aber Dorothea hielt es für besser, vorerst nichts weiter von Matteo und Taisanha zu erzählen und sagte stattdessen, sie habe bis spät in den Abend hinein gelesen. Maria Sibylla war noch zwei weitere Male bei Lucia van Sommelsdyk eingeladen, und sie besuchte sie auch zwischendurch, sie nutzte ihre Villa als Anlaufstelle, um mit den andern Leuten, die sie dort getroffen hatte, in Verbindung zu bleiben, und Dorothea hatte den Verdacht, sie wollte den Spanier gern wiedersehen.

Mit ihrer Arbeit ging es zügig voran, sie bekam beinahe täglich irgendein Objekt ins Haus geliefert, Blumen, Früchte, Schmetterlinge, Schneckenhäuser, auch lebendige Eidechsen und Schlangen, sogar Spinnen, die sie betäubte, abmalte und dann in Branntwein einlegte, sie war dabei nicht zimperlich, sie sagte, das wäre im Dienste für die Kunst und für die Wissenschaft. Das kam alles von diversen Plantagen Besitzern, sie musste wohl einen guten Eindruck gemacht haben, denn sie waren ihr wohlgesonnen. Von einem ließ sie sich hinten auf dem Grundstück einen Schuppen errichten, in dem sie sich besser ausbreiten konnte. Dafür bekam Dorothea vorn mehr Platz.

Vom Markt brachte sie Obst mit, das sie so lange liegen ließ, bis sich alle möglichen Insekten drüber hermachten, die sie dann einfing und eingehend studierte. Einen Vogel, ungefähr so groß wie ein Eichelhäher und noch viel bunter, den sie leblos im Garten fand, schob sie in die pralle Sonne und wartete darauf, daß die Fliegen ihre Eier darauf ablegten. Einmal lag ein Klumpen Erde da, und als sie ihn genauer untersuchte, schlüpften große Wespen daraus hervor, die sich innendrin ihre Wohnung gebaut hatten; schließlich hielt sie's nicht länger aus, tauchte ihn in einen Eimer mit Wasser und zertrümmerte ihn mit einer Bratpfanne, um dann bewundernd festzustellen, wie kunstvoll die Behausung war. Natürlich zeichnete sie alles en détail ab.

Eines Abends kam sie sehr spät nach Hause, weil sie auf dem Markt mit einer Einheimischen mitgegangen war, die ihr zeigte, wie man den giftigen Saft aus dem Maniok herauspresst, nämlich mittels eines Schlauchs, der so raffiniert gewebt ist, daß er enger wird, wenn man ihn in die Länge zieht. Sie beschrieb es Dorothea ganz genau. Sie erklärte ihr auch, daß man die Eichhörnchen hier Kisih-Kisih nennt und als Haustier hält, und daß dieses komische Krächzen, das sie nachts gehört hatten, von der Pipa Kröte herrührt, die damit ein Weibchen anlockt. Sie überraschte Dorothea mit einem Insekt, das "Wandelndes Blatt" genannt wurde und genau so aussah, und sie besorgte sich ein großes Wasserglas voll mit den "Frosch Fischen", über die seit jeher gerätselt wurde, zu welchem Teil ihres Namens sie gerechnet werden sollten.

Sie fragte Dorothea "Weißt du, warum das Faultier immer zuerst bis in die Spitze eines Baumes klettert, bevor es anfängt, die Blätter zu fressen?" "Nein, warum?" "Weil es sonst beim Abstieg verhungern würde."

Ihre Kunst und mehr noch ihre Sammelleidenschaft sprachen sich schnell herum, und einmal machten sich die Straßenkinder einen Spaß daraus, ihr ein ganz besonders wundersames Insekt zu bringen, das - wie sich dann herausstellte - aus zwei verschiedenen Körpern zusammengeleimt war, sie entdeckte den Fehler erst, nachdem sie es gezeichnet hatte und sie musste zugegeben, daß es mit viel Fingerspitzengefühl präpariert war.

Sie unternahmen auch Exkursionen an die Küste, wo Dorothea im Meer badete, während Maria Sibylla die Flamingos und die feuerroten Ibise malte. Es dauerte nicht lange und sie hatte ihr Papier aufgebraucht. Gott sei Dank fand sie in der Stadt einen Händler, der hochwertiges Papier aus Europa bezog, bei ihm bestellte sie auch alles, was sie für ihre Malerei benötigte. Er bot ihr an, welche von ihren Bildern in seinem Laden zu offerieren, und sie konnte tatsächlich gleich darauf das erste verkaufen.

Eines Nachmittags kam sie nach Hause und war ganz euphorisch, fast wie berauscht, und Dorothea erriet sogleich, daß Maria Sibylla den Spanier wiedergesehen hatte. Sie sagte "Ja, wir sind uns ganz zufällig beim Markt begegnet, ich stehe da so vor einem Laden und plötzlich spricht er mich an, ich sage 'Don Fernandez! Was machen Sie denn hier?' Und er darauf: 'Madame Merian, ob Sie's glauben oder nicht: ich halte schon seit Tagen nach Ihnen Ausschau!'"

Dorothea schüttelte die Hand, als hätte sie in heißes Wasser gefasst. "Autsch! Das war ja eindeutig ein Wink mit dem Zaunspfahl! Was hast du erwidert?" "Ich sagte 'Ja, ich musste letztens auch kurz an sie denken, als ich bei meinem Farbenhändler etwas über ein spanisches Blauviolett hörte, welches in der Wirkung sehr intensiv sein soll.' Damit konnte er zwar nicht viel anfangen, aber er nickte geflissentlich und er lud mich zu einer Tasse Kaffee ein."

"Das ist ja großartig", sagte Dorothea. "Na warte, es kommt noch besser! Er hat mich gefragt, ob ich ihn auf seiner Plantage besuchen möchte, selbstverständlich würde er mich abholen und hinbringen lassen. Was meinst du, soll ich das Angebot annehmen, natürlich ganz unverbindlich." "Auf jeden Fall, Mama! Es eröffnet dir vielleicht neue Möglichkeiten, und es verpflichtet dich doch erstmal zu nichts weiter." "Ja, so schätze ich das auch ein, es verpflichtet mich ja zu nichts weiter."

Dorothea ging hinüber zu Matteo, sie musste es jemandem weitererzählen. In seinem Garten stand ein Esel, und als er sie sah, fuhr er augenblicklich sein Glied aus und es ragte wie eine ausgewachsene Gurke zwischen den Hinterbeinen hervor, nur daß es nicht grün war. Sie rief nach Matteo, der aus seiner Hütte kam und sofort sah, was Sache war. Er musste grinsen, und das gefiel ihr gar nicht! Er hob einen von den langen Dornen auf, die überall auf dem Boden lagen und von einem Strauch mit lederartigen Blättern stammten, und er pikste damit den Esel in seinen Allerwertesten. Der schrie auf und sein Glied erschlaffte wie ein Windsack bei Flaute.

Sie stahl sich an ihm vorbei und meinte, daß er sie mit seinem Blick verfolgt. "Seit wann haben Sie den denn?" "Seitdem der vorige gestorben ist." Als sie drin waren, sagte sie "Ich wollte nur mal 'reinschauen und Ihnen sagen, daß sich meine Mama wahrscheinlich verliebt hat." "Ach ja? In wen?" "In einen Spanier, er hat eine große Plantage vor der Stadt." "Ein Spanier? Wie heißt er?" "Don Fernandez." Matteo schwieg, dann sagte er bloß "Lass' das nur nicht Taisanha wissen." "Wieso nicht?" "Hör' auf mich." Er hatte richtig mürrisch reagiert, und Dorothea hatte keine Lust, länger dazubleiben.

Sie lief schnell am Esel vorbei, der nochmal das gleiche Schauspiel darbot, und ging ins Haus. Als Maria Sibylla heimkam, sagte Dorothea abfällig "Matteo hat einen Esel." "Na, da haben sich ja zwei Dummköpfe getroffen." "Er hat mir seinen Schwanz 'rausgestreckt." "Der Esel?" "Ja. Seinen anderen Schwanz." "Pfui Teufel!" Dorothea fragte "Sag' mal, ist das bei Eseln normal? Was wollte der von mir?", und Maria Sibylla erwiderte "Ich hab' dir gleich gesagt, halte dich von diesem Wüstling fern." Trotzdem wurmte es Dorothea, daß sie auf ein solches Niveau herabgesunken war, während ihre Mutter geradezu vor Wonne strahlte.

Sie strahlte noch mehr, als sie von dem Besuch auf Don Fernandez' Plantage zurückkehrte, sie hörte gar nicht wieder auf, alles wiederzugeben, was sie gesehen und erlebt hatte, sie brachte fünf Körbe voll mit Naturalien mit, sie sagte, sie hätten sich keine Minute gelangweilt. "Ich fahre übermorgen wieder hin, es gibt da noch so viel zu entdecken!" "Wie schön."

Zwei Tage später lugte Dorothea bei Matteo in den Garten, ob der blöde Esel da wäre, sie konnte ihn nirgends sehen. Da ging sie hinüber. Matteo war gerade auf dem Sprung. "Ich hab' jetzt keine Zeit." "Wohin wollen Sie?" "Ich muss in den Wald, ein Stück flussaufwärts, es gibt da Streit mit ein paar Indianern." "Kann ich mitkommen?" "Nein." "Bitte!" Er ließ einen kurzen Blick über sie schweifen. "Aber nicht in den Schuhen. Geh' mal 'rein, da stehen welche, die hab' ich für Taisanha gekauft, die könnten dir passen." Sie tat es, und es war so. "Warum zieht Taisanha die nicht an?" "Weil sie doch am liebsten barfuß geht." "Warten Sie", rief sie, "ich hole nur schnell meine Umhängetasche."

Sie liefen an den Fluss, dort lag Matteo's Boot und es wartete ein Neger auf ihn, der es ruderte. Er war jung und kräftig, er hatte dicke Muskelpakete am Oberkörper und dauernd ein strahlendes Lächeln, aber Dorothea hatte vorher schon mitgekriegt, daß viele Neger so eine Miene aufsetzen, ohne daß wirklich ein Lächeln damit gemeint war. Er trug lediglich eine leichte Hose und er hatte nur einen Fuß.

Als sie dann eine Pause einlegten, sagte Matteo etwas zu ihm, und er schob sein rechtes Hosenbein hoch, und Dorothea sah, daß ihm der Unterschenkel fehlte und durch eine Holzprothese ersetzt war, die unten in einem abgerundeten Stumpf mit einer Metallblende endete. Matteo sagte "Die habe ich ihm geschnitzt", der Neger klopfte mit seinen Fingerknöcheln darauf und war anscheinend sehr stolz auf sein falsches Bein.

Dorothea fragte Matteo "Wie ist das passiert? Hat es ihm etwa ein Krokodil abgebissen?" "Nein. Das war kein Krokodil, es war ein Mensch. Und er hat es nicht abgebissen, sondern fein säuberlich mit einer Knochensäge amputiert." "Warum?" "Tja, so was geschieht hier in aller Öffentlichkeit, wenn ein Sklave dafür bestraft wird, daß er von seiner Plantage geflohen ist." "Aber was für ein Ungeheuer von Mensch ist das, der so was anderen antut!" Matteo wollte noch etwas hinzufügen, dann besann er sich jedoch und gab dem Ruderer ein Zeichen zur Weiterfahrt.

Die Stelle, wo Matteo hin wollte, lag mitten im Urwald an einem dritten oder vierten Seitenarm (Dorothea hatte nicht mitgezählt; und ihr war bewusstgeworden, daß sie Matteo beinahe blind vertraute, dabei war er doch immer noch ein Unbekannter, der wer weiß was für Absichten haben könnte). Auf einer Lichtung am Ufer standen ein paar Hütten und Feuerrauch stieg auf. Es gab eine Anlegestelle, die geeignet war, um Baumstämme auf ein Boot zu laden. Es waren einige Leute zu sehen, offenbar Indianer, die für Matteo arbeiteten. Der sagte zu ihr "Jerry (das war der Ruderer) wird auf dich aufpassen, solange ich mit denen da beschäftigt bin." "Kann ich an Land gehen?" "Meinetwegen, ich glaub' kaum, daß du's hier in der Sonne lange aushältst. Aber bleib' bei Jerry, er weiß, wie weit man in den Wald 'rein gehen darf." "Ist gut." "Hast du dein Messer dabei?" "Ja, hier in der Tasche, glauben Sie, daß ich's brauche?" "Kann man nie wissen." Matteo verschwand zwischen den Hütten.

Jerry hatte ihr aus dem Boot geholfen, er war sehr beweglich und stand genauso gut fest wie ein Baum mit seinem Holzbein auf dem Boden. Sie hätte gern gefragt, wie lange er's schon hatte, aber sie wusste nicht einmal, ob sie ihn siezen oder duzen sollte. Sie dachte, daß Jerry vielleicht eine Kurzform von Jeremie sei und sie sagte ihm, ihr Freund heiße so. Er lächelte sie an und nickte. Sie fragte "Können Sie mich eigentlich verstehen, Jerry?", sie deutete auf ihre beiden Ohren, "Mich ver-ste-hen, was ich sa-gen?" "Ja, Miss, ich bin ja nicht taub." "Oh, gut ..."

Sie standen da, er stützte sich auf eins der Ruder und schaute vor sich hin, sie fragte "Warum haben Sie das Ruder bei sich?" "Damit wir wieder von hier wegkommen." "Sie meinen, damit sich niemand unseres Bootes bemächtigt?" Er antwortete nicht. "Was halten Sie davon, Jerry, wenn wir ein Stück da hinüber gehen, bis Matteo zurück ist." "Dorthin?" "Ja. Oder ... ich weiß nicht, kennen Sie diese Stelle hier?" "Ja, bin schon oft mit Massa Matteo hier gewesen." "Die Indianer arbeiten für ihn?" "Ja, sie fällen Bäume. Sie sind nicht gut, machen immer Ärger, Massa Matteo muss herkommen und mit ihnen schimpfen."

Sie schaute zum Wald hin, man konnte kaum drei Schritte ins Innere blicken, dann war alles verwoben und wie zugestopft von einer schier sich selbst erdrückenden Pflanzenmasse. Oben von den Bäumen konnte man Vögel rufen hören, und plötzlich hangelte sich eine Horde Affen durch die Kronen. Unten war es seltsam still, aber wenn man lange genug das unentwirrbare Chaos von Blättern, Zweigen, Schlinggeflecht und Blüten, die opulenten Entfaltungen aller nur erdenklichen Gewächse betrachtete, dann war es, als ob einen dazwischen aus dem Schattendunkel ein Paar grimmig-gierige Augen mit einem erbarmungslosen Blick anvisieren und ein gefräßiges Ungeheuer nur darauf wartet, daß man einen falschen Schritt macht oder ihm in einem unachtsamen Moment den Rücken zukehrt.

Vielleicht hatte Jerry das Ruder auch nur als Waffe mitgenommen, denn jetzt hielt er es wie ein Wachtposten die Muskete auf der Schulter. "Kann man überhaupt irgendwo in diesen Dschungel hineingelangen?" "Weiter vorn ist ein Pfad, alter Indianerpfad, aber ist nicht gut für Miss, da 'rein zu gehen." "Sie sind doch bei mir, Jerry. Zeigen Sie mir wenigstens, wo's 'rein geht, damit ich's für später weiß." Er verstand nicht, was sie meinte, aber er ging wie auf ihren Befehl dort hin und sie folgte ihm.

Da war dann tatsächlich eine Öffnung, der Eingang in ein mysteriöses Reich, in dem alles, was drinnen zur Welt kam, niemals das Verlangen verspürte, es zu verlassen, und in dem jeder, der sich hinein wagt, Gefahr läuft, auf eine mehr oder weniger langwierige Weise umzukommen. Jerry blieb davor stehen, Dorothea ging noch zwei Schritte weiter, er sagte "Miss bleiben hier, sonst ich muss Sie festhalten." Ihr Blick fiel auf einen Strauch mit unbeschreiblich schönen Blüten, sie meinte, es wären Orchideen, sie waren zehnmal prächtiger als jene im Amsterdamer Botanischen Garten.

"Jerry, ich würde gern meiner Mama zwei oder drei von diesen Blüten mitbringen, können Sie mir behilflich sein?" Er zögerte, wahrscheinlich waren sie schon zu weit entfernt, er sagte "Kann sein, daß sich Schlange oder Spinne in Zweigen versteckt." Sie war ratlos, er wollte ihr gern helfen, sie sagte "Ich habe ein scharfes Messer, vielleicht, wenn wir schnell machen ..." Sie holte es heraus, und als Jerry es sah, fasste er Mut. "Ich werde mit Ruder Zweig herunter drücken." "Ja, gut. Sagen Sie Bescheid, wenn ich's abschneiden kann."

Sie gingen hin, und Jerry machte es so, wie er gesagt hatte und schaute genau hin, ob irgendwas da war, das nicht dazugehörte, dann sagte er "Schneiden Sie's hinter zweiten Blatt ab!", und das Messer gehorchte ihr auf Anhieb. "Noch zwei! Die und die." Sie holten sie sich. "Oh, Jerry, ich danke Ihnen vielmals." "Nicht danken mir, Miss. Danken Großen Geist, der Ihnen Verletzung verzeiht."

Als sie zurückgingen, fragte sie ihn "Wer war das, der Ihnen das Bein weggenommen hat?" "Der Doktor. Hat abgetrennt auf Richtplatz am Hafen." "Der Doktor?" "Ja, Miss, der Doktor von Garnison." "Der Wundarzt der Soldaten?" "Ja, Miss, hat erst mit Messer rund'rum aufgeschnitten und dann mit Säge - er machte eine Handbewegung - ritsch-ratsch! abgetrennt. Aber ich kein Mucks gemacht." "Wie hieß der Doktor?" "Keine Ahnung, Miss, hat sich nicht vorgestellt."

Maria Sibylla war von den Orchideen überwältigt, aber wiederum schwindelte Dorothea und behauptete, sie hätte sie in der Stadt bei einem Blumenhändler gekauft (sie hatte hier noch nie einen gesehen). Das war eine kluge Entscheidung, obwohl sie nun schon mehrmals wegen Matteo ihrer Mutter etwas vorenthalten hatte. Denn Maria Sibylla sagte "Ich habe übrigens über diesen Matteo etwas herausgekriegt, Don Fernandez hat es mir erzählt." "Was denn?", fragte Dorothea und ahnte nichts Gutes.

"Er war früher Aufseher bei Ezekiel Thomas auf der Plantage und da war er berüchtigt wegen seiner brutalen Methoden gegen die Sklaven, er hat sich die grausamsten Bestrafungen ausgedacht und sich daran ergötzt, er hat vornehmlich junge Negerfrauen und Mädchen auspeitschen lassen, bis ihnen ..." "Hör' auf! Ich will das gar nicht so genau wissen." "Aber es ist die Wahrheit und ich gebe das auch nur so drastisch wieder, damit du dich nicht etwa von ihm täuschen lässt." "Ich lasse mich nicht täuschen, von ihm nicht und von keinem andern."

"Was soll das heißen, von einem andern? Denkst du, ich würde dir jetzt irgendwas vorflunkern?" "Nein, Mama." "Don Fernandez hat mir alles berichtet. Mister Thomas hat ihn 'rausgeworfen, weil er so ein Scheusal war und sich die Neger wegen ihm sogar umgebracht haben, bloß um seine Quälereien nicht länger ertragen zu müssen." "Was ist mit Taisanha?" "Mit wem?" "Mit der Frau, die bei ihm ist, ich glaube nicht, daß er sie quält." "Ich weiß nicht ... Don Fernandez hat nichts über eine Frau bei ihm gesagt." Maria Sibylla war ein bisschen unsicher.

"Aber das kann viele Gründe haben, weshalb sie bei ihm ist und nicht wegläuft. Vielleicht sperrt er sie auch ein. Und hast du nicht gesagt, sie wäre nackt gewesen? Na also! Dann hat er ihr womöglich die Kleider weggenommen." "Er hat ihr aber auch Schuhe gekauft." "Schuhe? Woher willst du das denn wissen?" "Weil ich sie selber anhatte, hier, das sind sie, sie gehören Taisanha, sie trägt sie bloß nicht, weil sie lieber barfuß geht." Ihre Mutter starrte die Schuhe groß an, dann fragte sie ihre Tochter beinahe bestürzt "Thea! Wie weit hast du dich mit denen schon verbündet?"

"Was meinst du mit verbündet?" Maria Sibylla fuhr mit verhaltener Stimme fort: "Don Fernandez glaubt, daß sich Matteo an Mister Thomas rächen und ihn bei der nächstbesten Gelegenheit ermorden will. Noch kann man ihm nichts nachweisen, aber laut Don Fernandez steht er bereits unter Beobachtung der Behörden, Leutnant Schenk persönlich ist damit beauftragt, ihn zu überwachen." "Ich habe Leutnant Schenk aber noch nie hier gesehen", wandte Dorothea ein und ihre Mutter entgegnete "Ja glaubst du denn, er würde dafür am hellichten Tage einfach so herumspazieren und dann und wann einen Blick in Matteos Garten werfen?"

Jetzt musste Dorothea sogar schmunzeln, als sie hörte, wie polizeilich ihre Mutter daherredete. "Was lachst du da noch? Du solltest dich lieber vorsehen, daß du nicht mit hineingezogen wirst." Dorotheas Miene erstarrte und sie sagte sehr ernst "Das klingt beinahe so, als wolltest du mich bei Leutnant Schenk denunzieren." Das versetzte Maria Sibylla ihrerseits ein tüchtigen Schreck, es war, als würde sie plötzlich aus der Rolle fallen, die sie bis eben fast mit Verbissenheit gespielt hatte. "Oh Gott, Thea! Was redest du denn da! Ich würde niemals ein böses Wort über dich verlieren! Komm' her!" Sie nahm sie in die Arme. "Mein Liebstes, sag' mir, daß du mir niemals so etwas zutraust!"

Und plötzlich fing sie an zu weinen und die Tränen kullerten nur so über ihre Wangen. "Was ist denn los, Mama?" "Ach, ich weiß auch nicht", schluchzte sie, "Don Fernandez ist so ... zuvorkommend und so liebenswürdig, er erfüllt mir jeden Wunsch und verspricht mir ständig noch mehr schöne Dinge ... und ... und ..." "Ja, was denn? Was ist daran auszusetzen?" Sie schaute sie mit ihren tränenerfüllten Augen an und sagte "Thea! Ich ertrage das nicht!"

"Was erträgst du nicht?" "Diese übertriebene Hinwendung. Ich habe das Gefühl, daß ich es nicht wert bin." "Aber natürlich bist du es wert und du kannst ..." "Und ich will es nicht." "Du willst nicht, daß man dir Zuwendung schenkt?" "Doch. Ich will deine Zuwendung! Mehr als alles andere auf der Welt." "Die hast du, Mama, immer schon und bis zu diesem Moment." "Ja, ich weiß, ich spüre das, ich habe es immer gespürt. Aber bei ihm ist es ... ich befürchte, er sieht in mir etwas, das ich nicht habe und das ich nicht bin, ich habe ständig das Gefühl, daß er etwas von mir verlangt, das ich ihm nicht geben kann, und das erfüllt mich selber mit Scham. Es ist ..."

Sie wurden jäh unterbrochen von Taisanha, die in der Tür erschien, sie trug einen langen Rock aus Seide und quer über ihre Brüste ein zusammengerafftes buntes Tuch, ihre Haare waren zu tausend Zöpfchen geflochten, und sie hielt eine Schüssel in Händen. Sie lächelte und sagte mit sehr weicher und fast melodischer Stimme "Ich habe eine Kost bereiten, genannt 'Kermal Affsan' - ist mit feinen Sachen, was gerade aus Natur kommt."

Obwohl Maria Sibylla Taisanha noch nicht kennengelernt, geschweige denn ein Wort mit ihr gewechselt hatte, sagte sie jetzt "Ist das für uns?" Taisanha nickte. "Oh, das duftet ja lecker." "Und es sieht so hübsch aus." Sie stellte es auf den Tisch, trat eine Schritt zurück, legte die Hände vor der Brust aneinander und verbeugte sich - und schon war sie wieder entschwunden.

Sie hatten sich eine Flasche Wein aufgemacht und fast geleert, Taisanhas Speise schmeckte vorzüglich, und es blieb nichts davon übrig. Als Dorothea am nächsten Morgen aufstand, saß ihre Mutter bereits über ihrer Arbeit. Dorothea schaute zu ihr hinüber. Wie sehr liebte sie diesen Anblick, der sie nun schon ihr Leben lang begleitet und der ihr so viel Freude und Geborgenheit vermittelt hatte. Und wie schrecklich war die Vorstellung, irgendwann einmal für immer darauf verzichten zu müssen. Dennoch fiel ihr jetzt etwas ein, worüber sie wahrscheinlich schon gestern abend in Gedanken gestolpert war.

"Mama?" "Guten Morgen, Thea. Ich habe Kaffee gekocht, er steht auf dem Herd." "Ja, danke. Mama? Weißt du, was mir aufgefallen ist? Wieso hat Don Fernandez davon gesprochen, daß Matteo bei Mister Thomas auf der Plantage gearbeitet hat? Welche Plantage meinte er damit?" Maria Sibylla drehte sich zu ihr um. "Ezekiel Thomas' Plantage. Wieso?" "Also 'Hortensiana'?" "Ähm ... ja?" "Aber wer hat dir denn außer Don Fernandez gesagt, daß sie Mister Thomas gehört. Es war bisher lediglich die Rede davon, daß wahrscheinlich Lucia van Sommelsdyk sie geerbt hat." Maria Sibylla war sich unschlüssig. "Na ja, aber warum sollte er so etwas behaupten, wenn er's nicht genau wüsste?"

Dorothea zuckte mit den Schultern, dann meinte sie "Vielleicht ist es keine Behauptung, und er weiß etwas mehr als andere." Da überlegten beide. Schließlich sagte Dorothea "Versetz' dich doch mal in Lucia's Lage: sie erbt die Plantage, aber ihre Verwandten in Amsterdam trauen ihr nicht übern Weg und schauen mit argwöhnischen Blicken auf sie, die ja sowieso nicht mehr richtig zur Familie gehört und die sich auch nicht besonders rühmlich betragen hat. Und sie muss befürchten, daß sie verstoßen wird, 'Hortensiana' ist ... keine Ahnung ... möglicherweise ihre einzige feste Einnahmequelle - was würdest du an ihrer Stelle tun?"

"Die Plantage meinem Geliebten, Ezekiel Thomas, vermachen?" Dorothea fragte "Wie lange sind die eigentlich schon zusammen?" "Da fragst du mich zuviel. Was für eine Rolle spielt das?" "Das will ich dir sagen. Wenn der grade erst aufgetaucht war, dann ... oder mal anders'rum formuliert: würde sie ihm mir nichts dir nichts diese Plantage übertragen, ich meine, mit Siegel und Unterschrift, wenn sie ihn eben erst kennengelernt hat?" Ihre Mutter atmete tief durch und seufzte. "Man sagt ja auch: Liebe macht blind."

"Das stimmt, aber Lucia van Sommelsdyk ist keine Frau, die auf solche Art ihr Augenlicht verlieren würde." Maria Sibylla lachte, Dorothea sagte "Das muss also eine wirklich feste Beziehung sein, in der sie sich nicht nur lieben, sondern auch gegenseitig vertrauen." Sie machte eine Pause, dann meinte sie "Ach, ich muss darüber nachdenken ... und außerdem will ich dich nicht länger von der Arbeit abhalten, wir sehen uns heute Abend, Mama." "Ja, gut. Gibst du mir einen Kuss?" "Unbedingt."

Sie wollte mit Matteo sprechen und ihn direkt wegen seiner angeblichen Tätigkeit als Aufseher zur Rede stellen, dann wüsste sie zumindest bei diesem Teil der Angelegenheit besser Bescheid, aber weder Matteo noch Taisanha waren da. Sie ging in die Stadt, zu Doktor Sigurdson, in sein Labor, das sich in einem Haus befand, welches im Laufe der Zeit mehrmals den Besitzer (und die Bewohner) gewechselt hatte; gegenwärtig gehörte es der Anatomischen Fakultät der Universität Leyden, die hier eine Außenstelle zur Untersuchung tropischer Krankheiten eingerichtet hatte, denn man versuchte, den diesbezüglichen Problemen in den "westindischen" Kolonien Herr zu werden, die schon für so viele Verluste an Menschen und natürlich auch an Kapital verantwortlich waren.

Doktor Sigurdson war erfreut, sie zu sehen. Auch er arbeitete schon seit dem frühen Morgen und war gerade mit der Analyse einiger Präparate beschäftigt, er gönnte sich eine Pause, sie setzten sich in den Garten und ein Bediensteter brachte ihnen frische, kühle Limonade. Selbst wenn es sie in seinen Augen impertinent erscheinen ließ, musste Dorothea doch gleich etwas loswerden, das ihr schwer auf dem Herzen lag. "Doktor, ich möchte Sie etwas fragen: haben Sie selbst schon bei den Negersklaven solche Bein Amputationen durchgeführt?"

Es zuckte um seinen Mund, die Frage traf ihn wie der Blitz. Aber er versuchte gar nicht erst, sich herauszureden. "Ja, das habe ich." Sie wollte fragen, wie oft, aber das war eigentlich nicht entscheidend, ihr fiel ein, was er selbst gesagt hatte. "War das der Grund, weshalb Sie nicht weiter als Wundarzt arbeiten wollten?" "In der Tat, das war der Grund." Sie glaubte ihm. Sie sagte "Ich habe einen solchen Negersklaven kennengelernt, dem der rechte Unterschenkel fehlt." Der Doktor entgegnete "Sie wollen aber jetzt nicht wissen, ob das mein Werk war? Ich versuche das zu vergessen." "Nein, das ist mir nicht wichtig, und ich bin gewiss die Letzte, die Ihnen da irgendwelche ... Vorwürfe machen dürfte." "Danke", sagte Sigurdson, aber es klang ein bisschen so, als hätte er ihre Nachsicht nicht nötig, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

"Wie wird das eigentlich gemacht?" "Nun, für gewöhnlich wird der Delinquent auf ein Gestell gelegt und festgebunden, und das Bein, meist das rechte, nach oben auf ein kurzes Brett gewinkelt, so daß das Kniegelenk gerade auf der Kante liegt, dann trennt man es an dieser Stelle durch." "Fließt da nicht ungeheuer viel Blut?" "Der Oberschenkel wird natürlich mit einem starken Hanfseil abgebunden, und zwar mittels eines Knebels, da kommt so gut wie nichts mehr durch die Blutgefäße durch. Hinterher wird die Wunde mit Zitronensaft und Schießpulver desinfiziert."

"Und das geschieht alles ohne Betäubung?" "Ja. Das gehört zur Strafe, daß man es bei vollem Bewusstsein erleiden muss." Dorothea spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug. Der Doktor bemerkte es wohl und sagte "Diese Neger verfügen über Eigenschaften, über die wir nur staunen können. Ich habe kein einziges Mal, als ich bei der Prozedur dabei war, einen dieser Menschen auch nur ansatzweise jammern, geschweige denn vor Schmerzen schreien hören. Ich muss jedoch hinzufügen, daß es gerade das war, was mich am meisten betroffen machte."

Dorothea sagte "Das wird öffentlich aufgeführt, nicht wahr?" "Ja, es soll auch der Abschreckung dienen. Es gibt übrigens noch andere Arten der physischen Bestrafung, die zu beschreiben Sie mir bitte ersparen, und niemand weiß, was auf den Plantagen mit den Sklaven geschieht, außer den Opfern selbst und ihren Peinigern, die sich oft noch damit rühmen, wenn sie beispielsweise einer Frau die Haut in Fetzen gepeitscht haben."

Diese letzten Worte sprach Sigurdson mit solcher Verachtung und zugleich mit Ohnmacht aus, als habe er eine ihm nahestehende Person diese Qual erdulden sehen, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Dorothea überlegte, ob sie den Doktor lieber wieder seiner Arbeit überlassen sollte, vielleicht war sie doch zu weit gegangen, aber dafür konnte sie sich jetzt schlechterdings nicht entschuldigen.

Sie fragte ihn "Kommt es denn oft vor, daß Sklaven von den Plantagen fliehen?" "Wenn sie verzweifelt genug sind, tun sie das. Sie haben praktisch nur die Wahl, sich umzubringen oder fortzulaufen. Man muss aber bedenken, daß viele von ihnen Angehörige haben, die sie nicht leicht im Stich lassen können, zumal die dann womöglich die Strafe abkriegen." "Und wo gehen sie hin?" "Sie versuchen sich zu verstecken, wie jeder Ausreißer." "Im Dschungel?" "Niemand kann im Dschungel allein überleben, erst recht nicht, wenn er nur das Hemd auf dem Leib bei sich hat, sie hätten dort nicht die geringste Chance. Manche schließen sich den Negerrebellen an, das ist immerhin eine Gemeinschaft, die in gewisser Weise für ihre Mitglieder sorgt, und die meisten von denen zögern auch keinen Augenblick, sich an ihren Masters und Aufsehern zu rächen, und glauben Sie mir, Dorothea, sie lassen dabei kaum jene chirurgische Sorgfalt eines Wundarztes walten, wenn sie ihnen die Köpfe abschneiden und auf Pfähle spießen. Es soll hier in Surinam auch Leute geben, die Sklaven von ihren Herren abkaufen, um sie dann freizulassen, aber wenn einer der Besitzer solche menschenfreundlichen Motive spitzkriegt, treibt er den Preis natürlich willkürlich in die Höhe."

Der Doktor nahm einen Schluck von der Limonade und sagte "Das war es, weshalb Sie hergekommen sind?" "Da ist noch etwas, und ich wüsste nicht, an wen ich mich damit wenden sollte, außer an Sie, Doktor!" "Ich fühle mich jetzt schon geschmeichelt", sagte er leicht ironisch, und das verstand sie durchaus als eine unsanfte Erwiderung, weil sie mit der Bein Geschichte bei ihm alte Schuldgefühle wachgerufen hatte. Aber er war ja nicht nachtragend, der gute Doktor Sigurdson.

"Lucia van Sommelsdyk hat doch von ihrem Gatten, dem ehemaligen Gouverneur, die Plantage 'Hortensiana' geerbt, richtig?", fragte Dorothea. "Schon möglich, und was soll damit sein?" "Wir ... also meine Mutter und ich glauben, daß sie diese Plantage an Mister Thomas übertragen hat." "Übertragen soll heißen: geschenkt?" "Doktor, Sie kennen Madame Lavoisier besser als ich, würde sie so etwas ohne weiteres tun?" Statt zu antworten, fragte er "Warum interessiert Sie das überhaupt?" "Meine Mutter sollte ursprünglich gemeinsam mit dem Maler Dirk Vanderbelt Ansichten von 'Hortensiana' anfertigen." "Ja, das hatte sie erwähnt. Aber dieser Vanderbelt ist niemals in Surinam angekommen." "Nein, ist er nicht." "Ich sehe immer noch keinen Zusammenhang?"

"Wir vermuten, daß es irgendeine, wahrscheinlich finanzielle, Angelegenheit gibt, wegen der Vanderbelt von den Amsterdamer Sommelsdyk's hierher geschickt wurde. Und wir fragen uns, wer ihn hier eigentlich erwartet hat." Sigurdson sagte "Ist das denn, im Nachhinein zu erfahren, für sie beide so wichtig?" "Ja, ist es. Denn wir ... na ja ich zumindest glaube, daß der- oder diejenige annimmt, meine Mutter wäre in die Sache involviert." "Ah, ich verstehe! Es könnte also durchaus zu Unannehmlichkeiten kommen." "Auf die wir gern verzichten würden", ergänzte Dorothea, "zumal meine Mutter absolut nichts damit zu tun hat."

"Ja, und wie kann ich da helfen? Oh, ich weiß, Sie wollen mich als Spion vorausschicken, damit ich Ezekiel Thomas auf den Zahn fühle!" "Er ist doch nicht etwa Ihre Patient, oder?" Der Doktor lachte. "Ach, Dorothea, wenn ich noch mal jung wäre, würde ich mich wahrscheinlich in Sie verlieben." "Wie kommen Sie denn darauf?" "Sie sind so mitreißend und so abenteuerlustig, man hat in Ihrer Gegenwart nie Bedenken, daß man sich was einfallen lassen müsste, um Sie zu unterhalten." Sie lächelte ihn mit Verbundenheit an. "Also würden Sie das tun?"

Er überlegte, dann sagte er "In Ordnung. Aber ich werde nicht hinter seinem Rücken ermitteln! Und ich werde zuvor mit Lucia sprechen, ob sie damit einverstanden ist." "Ja, das sollten Sie, vielleicht ist sie ja auch so bereitwillig, Sie darüber in Kenntnis zu setzen. Oder soll ich mitkommen?" "Nicht nötig. Ich sage Ihnen Bescheid, sobald ich etwas herausgefunden habe." "Gut. Wann könnte das frühestens sein?" Er stand auf und sagte "Ich fühle mich nicht länger gewappnet, Ihre Drangsal zu ertragen, Dorothea." Sie stutzte kurz, dann stieß sie einen Lacher aus. "Ja, natürlich, Doktor, ich habe Sie schon über Gebühr strapaziert."

Über das, was dann geschah, muss vorher etwas nachgetragen werden: Dirk Vanderbelts Gepäck war bei den Sachen der beiden Frauen geblieben und Maria Dorothea hatte es, als sie sich einrichteten, in eine Kammer verfrachtet, nachdem sie es kurz inspiziert hatte. Sie wusste nichts Rechtes damit anzufangen, es gehörte ihr ja nicht und sie konnte es auch nicht einfach irgendwo loswerden. Lediglich den großen Kasten mit den Farben und die Pinsel nahm sie kurzerhand für sich selbst und fand daran nichts Anstößiges - wenn jemand da gewesen wäre, dem es gehörte, hätte sie es ihm abgekauft. So aber war es schade drum, wenn es keine Verwendung fände.

Es waren übrigens hervorragende Farben, und es sah aus, als habe Vanderbelt sich den Kasten vor der Abreise nagelneu beschafft, auch die Pinsel waren unbenutzt. Man hätte glauben können, es handelte sich um ein Präsent für jemanden, der hier darauf spekuliert, und nicht um seine eigene Ausrüstung. Insofern hatte sie ein doppelt gutes Gewissen dabei, alles zu behalten und davon Gebrauch zu machen. Die übrige Bagage hatten sie beide bald vergessen.

Bis eines Nachmittags Leutnant Schenk mit vier Soldaten vor der Tür stand und um Einlass bat (den er sich, falls er abgewiesen würde, selbstverständlich verschafft hätte). Er war höflich, aber ziemlich kurz angebunden, er sprach Maria Sibylla mit Madame Merian an, und es schien fast so, als sei er immer noch verärgert darüber, daß sie ihn damals nicht gleich über ihre wahre Identität aufgeklärt hatte.

Er habe den Befehl, die Sachen des Dirk Vanderbelt zu beschlagnahmen und mitzunehmen, sie befänden sich doch noch hier, oder? Ja, erwiderte Maria Sibylla und fragte ihn, wohin sie gebracht beziehungsweise wem sie übergeben würden. Sie wollte eigentlich bloß wissen, ob nun doch jemand aufgetaucht sei, der mit Vanderbelt in Beziehung gestanden hatte.

Aber Leutnant Schenk wurde, zumindest für den Moment, regelrecht grantig und erklärte, daß sie das gar nichts anginge und sie die Sachen "widerrechtlich" behalten habe. Was Maria Sibylla aber nicht auf sich sitzen ließ und entgegnete "Herr Leutnant, wenn ich die Sachen nicht solange hier verwahrt hätte, dann könnten Sie sich jetzt mit Ihren Burschen auf die Socken machen und danach fahnden, ich weiß nicht, ob Ihnen das lieber wäre."

Er machte eine verkniffene Miene und befahl seinen Männern, das Gepäck aufzunehmen (sie waren anscheinend zu Fuß da), dann verabschiedete er sich mit militärischem Gruß, wandte sich in der Tür aber nochmal um und sagte "Und entschuldigen Sie die Störung, Madame". Übrigens hatte Matteo die Aktion beobachtet, er fragte Dorothea, wer diese Leute gewesen seien, und sie gab ihm Auskunft. Er sagte "Den Kommandeur kenne ich glaub' ich, wie heißt er?" "Das ist Leutnant Schenk, er war der Erste, mit dem wir es zu tun hatten, als wir hier ankamen.

Nachdem Dorothea den Doktor beauftragt hatte, etwas über die Besitzverhältnisse der Plantage "Hortensiana" in Erfahrung zu bringen, fand sie, als sie heimkam, auf dem Tisch einen Zettel von ihrer Mutter: "Liebe Thea! Ich bin bei Don Fernandez. Komme wahrscheinlich spät zurück. Mache dir keine Gedanken! Maria Sibylla."

Dorothea saß eine Weile am Tisch und dachte darüber nach. Offenbar hatten die widerstreitenden Gefühle im Herzen ihrer Mutter nun doch zu Gunsten des Spaniers die Oberhand gewonnen, obwohl es so ausgesehen hatte, als wollte sie seinen Werbungen (die er offenbar mit allen Mitteln forcierte) nicht erliegen. Auch wenn Dorothea inzwischen - sie konnte nicht begründen wieso - Zweifel an der Integrität dieses Mannes hegte, so hatte sie doch zunächst Verständnis für das Handeln ihrer Mutter, schließlich musste sie ihre eigenen Entscheidungen treffen, auch wenn sie von außen betrachtet nicht ganz schlüssig erschienen. Aber welche Entscheidung in Sachen Liebe wäre überhaupt mit dem Verstand zu erklären?

Auf einmal fühlte sich Dorothea allein, und das lag vor allem daran, daß sie nicht imstande war, die Menschen ihrer Umgebung richtig einschätzen zu können, zumindest nicht in dem Maße, wie sie es sich gewünscht hätte, um ihnen mit der gleichen Aufrichtigkeit zu begegnen, wie sie es selber von ihnen erwartete. Natürlich war das Verhältnis zu ihrer Mama ungetrübt, aber dieser Zettel mit der kargen Nachricht hatte auch etwas Entschiedenes, etwas Demonstratives, ganz so, als wollte sie ihrer Tochter (und sich selbst) beweisen, daß sie alles im Griff hat. Das konnte man ihr in ihrer Mutterrolle nicht verdenken, aber es rückte sie auch ein Stück weg von Dorothea, die sich dadurch übergangen fühlte.

Auf Don Fernandez war sie, wie schon gesagt, nicht besonders gut zu sprechen, und sie führte das nicht nur darauf zurück, daß sie eventuell eine Eifersucht (auf wen denn?) verspürte, was eigentlich auch ein vollkommen abwegiger Gedanke war! Aber da war eben diese Ungewissheit über den Spanier, der sich ja ihr, der Tochter seiner Geliebten, nicht einmal persönlich vorgestellt hatte! Dabei musste er doch damit rechnen, daß sie in Liebesangelegenheiten ihre Ratgeberin sei. Was sich jetzt allerdings nicht bekräftigen ließ. Überhaupt! Da waren zu viele Ungereimtheiten im Spiel, und Dorothea fasste den Entschluss, sich endlich Klarheit über die ganzen Vorgänge zu verschaffen.

Sie ging hinüber zu Matteo, der war dabei, ein Brett glatt zu hobeln. Sie sagte "Ich bring' die Schüssel von Taisanha zurück." "Stell' sie hin, Taisanha ist nicht da." "Ich hab' ein kleines Geschenk hineingelegt, nur ein Dankeschön für das leckere Essen." "Sie wird's wohl finden, wenn's da drin liegt", brummte Matteo, er war nicht zum Plaudern aufgelegt. Sie stand eine Weile daneben und schaute zu. Dann sagte sie "Stimmt es, daß Sie früher mal Aufseher auf einer Plantage waren?"

Er hobelte mit aller Anstrengung, er machte lange, kräftige und doch gefühlvolle Schübe über das Holz. Die strähnigen Haare hingen herab, der Schweiß tropfte vom Gesicht. Irgendwann reagierte er. "Das ist lange her." "Haben Sie da auch Sklaven bestraft, die fortgelaufen waren und wieder eingefangen wurden?" "Redest du von solchen wie Jerry?" "Ja." "Nein, hab' ich nicht." "Vielleicht aber doch. Ich kenne jemanden, der das bestätigen kann."

Er rief "Nein, hab' ich nicht, du naseweise Kröte!" "Erlauben Sie mal!", empörte sie sich, er setzte nach, "Das bist du! Steckst' deine Nase dauernd in fremde Angelegenheiten, die dich nichts angehen." "Sie gehen mich sehr wohl was an. Der das gesagt hat, ist nämlich zufälligerweise der Liebhaber meiner Mutter." "Da siehst du's! Was geht der dich denn an?" Sie plusterte sich auf, weil ihr die passenden Worte fehlten, dann sagte sie "Sie hatten wohl nie eine Familie, Matteo!"

Da schaute er sie mit zornerfüllten Augen an, daß ihr himmelangst wurde und sie unwillkürlich einen Schritt zurück trat. Und auf einmal kam Taisanha dazwischen, mit zwei vollen Körben und ihrem Lächeln auf den Lippen (sie kam offenbar immer im rechten falschen Moment). Matteo wandte sich jäh wieder seiner Hobelei zu, Dorothea sagte zu ihr, sie habe da die Schüssel zurückgebracht, und als Taisanha das kleine Geschenk sah, freute sie sich sehr und zwei Minuten später erschien sie wieder mit der Halskette mit brasilianischen Flussperlen (wie der Händler ihr erklärt hatte).

Dorothea brach das Schweigen und sagte "Matteo, schauen Sie mal, ich habe geahnt, wie gut Taisanha dieser Schmuck steht." Er murrte "Was soll das. Taisanha kriegt von mir alles, was sie braucht." "Da bin ich mir sicher", sagte Dorothea, die ihre beleidigende Bemerkung von eben schnell vergessen machen wollte, "werfen Sie trotzdem mal einen Blick auf sie und sagen mir, ob es Ihnen auch gefällt."

Er tat es widerwillig und knurrte "Was für Perlen sind das?" "Brasilianische Flussperlen." Er schaute genauer hin. "Nie und nimmer sind das welche, ich kenne brasil..." "Matteo! Ich hatte Sie nicht um ein Gutachten gebeten, sondern nur, daß Sie sich mit uns freuen - war das zu viel verlangt?" Er schaute sie beide abwechselnd an, dann sagte er etwas zu Taisanha, die ihm daraufhin einen Küsschen auf seine schweißnasse Stirn gab, und Dorothea fand das gar nicht eklig.

Als Taisanha nach drinnen verschwunden war, sagte sie "Was ich Sie schon die ganze Zeit mal fragen wollte, Matteo: warum wohnt Taisanha bei Ihnen?" "Du gibst nie auf, was?" "Ach, Sie müssen mir nicht antworten, wenn Sie nicht wollen, dann mache ich mir selber meinen Reim drauf." Er sagte "Der Liebhaber von deiner Mutter, ist das Don Fernandez?" "Ja." Matteo hobelte unbeirrt weiter und begleitete jeden seiner Sätze mit einer langgestreckten Bewegung der Arme, aber nicht mehr so gefühlvoll wie vorhin.

"Taisanha war eine Sklavin auf Don Fernandez' Plantage. Ich habe sie dort gesehen, als ich mit ihm über etwas verhandelt habe. Er hatte sie in der prallen Sonne nackt an einen Schandpfahl gehängt. Angeblich hatte sie etwas verbrochen. Aber in Wahrheit hatte sie sich ihm nur verweigert. Ich habe so getan, als wäre ich scharf auf sie und wollte sie ihm abkaufen. Er nannte einen Preis, den ich unmöglich bezahlen konnte, das wusste er. Dann besorgte ich mir trotzdem das Geld und ging zu ihm. Er musste nun zähneknirschend einwilligen, und ich nahm sie mit zu mir. Sie hat einen Freund, er heißt Gabo. Er ist immer noch auf Don Fernandez' Plantage, wir versuchten bisher vergeblich, ihn auf legalem Weg 'rauszuholen."

Das klang alles ziemlich glaubwürdig, aber es war das Gegenstück zu dem, was Don Fernandez (laut ihrer Mutter) über Matteo geäußert hatte, wer von beiden hatte also recht? Sie hätte Taisanha selber fragen können, vielleicht stammte sie ja von ganz woanders her und Matteo war in Wirklichkeit ihr Mann und Gebieter. Aber wenn sie sie danach gefragt hätte, wäre Taisanha womöglich böse auf sie geworden, weil sie versuchte, ihr Matteo abspenstig zu machen, was natürlich ein vollkommen abwegiger Gedanke war!

Also ließ sie Matteo's scheinbar so uneigennützigen Motive ganz außer acht und fragte ihn "Und haben Sie jetzt selbst ein Verhältnis mit Taisanha?" Er schaute sie beinahe geringschätzig an. "Wenn ich was mit einer Frau zu schaffen haben will, dann gehe ich in die Stadt, da gibt es Häuser, wo die Frauen alles tun, um einen Mann zufriedenzustellen - was denkst du, Dorothea, schickt man mich dort wieder weg und sagt mir: geh nach Hause und vergnüg' dich mit deinem Negermädchen!" Dorothea erwiderte "Nein, ich glaube nicht, daß man Sie dort wieder wegschickt, Matteo. Ich frage ja auch nur, weil ... weil sie so unwiderstehlich schön ist."

"Ja, das ist sie. Und ich bin Matteo der Dritte und ich kann alle meine Leidenschaften zügeln, wenn ich das will, denn ich bin ein Abkömmling der Normannen. Unsere Geschichte ist voller Gewalt und Blut und meine Vorfahren haben mehr Menschen auf dem Gewissen als es Haare auf deinem Kopf gibt. Aber es war auch stets viel Ehre und Gerechtigkeit in unserer Seele, und die haben uns ebenso geholfen zu überleben, wie die Erbarmungslosigkeit unseren Feinden gegenüber."

Wie sie das hörte, musste Dorothea ihn unwillkürlich fragen "Kennen Sie Sir Walter Raleigh?" "Nein, wer ist das?" "Er hat Surinam entdeckt, hundert Jahre, nachdem Kolumbus als Erster nach Westindien kam." "Ach der Walter Raleigh! Ja, habe von ihm gehört, aber er war weiter drüben, am Orinoko." "Nein, da irren Sie sich, mein Freund Jeremie hat mir das alles erzählt, und auch, wie Walter Raleigh hier nach dem sagenhaften Goldschatz gesucht hat und ihn dann tatsächlich fand." "So so. Schön für ihn, und wie kommst du jetzt drauf?" "Ich weiß nicht genau, ich habe das Gefühl, als hätten Sie eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm." "Mit deinem Jeremie?" "Unsinn! Mit Walter Raleigh natürlich. Er hat manchmal bestimmt genauso gedacht und gehandelt wie Sie - und was die Frauen angeht, na ja, darüber ist mir nichts weiter bekannt, aber man weiß ja, womit sich die alten Seefahrer zerstreut haben, wenn sie in eine Hafenstadt kamen."

Matteo lachte und nickte. Da erschien Taisanha in der Tür und rief ihm etwas zu, er sagte "Wenn du willst, kannst du zum Essen bleiben, und Maria Sibylla kann auch gern herüberkommen." "Oh, das ist nett von euch!", erwiderte Dorothea und fügte wohlweislich hinzu "Meine Mutter ist in der Stadt."

Am Abend war Maria Sibylla nicht zurück und am nächsten Morgen immer noch nicht. Am Nachmittag ging Dorothea zu Doktor Sigurdson, in der Hoffnung, daß er womöglich sich gestern noch auf die Socken gemacht hatte, um wegen der Hortensiana Sache fündig zu werden, aber sie traf ihn nicht an. Aus irgendeiner Eingebung heraus lenkte sie ihre Schritte zur Villa von Lucia van Sommelsdyk, und als sie dort ankam, war sie überrascht und erfreut zugleich, als dort alle drei: Lucia, Mister Thomas und der Doktor anwesend waren. Sie wurde freundlich empfangen, aber sie wusste natürlich nicht, inwieweit Sigurdson sich schon vorgetastet hatte.

Und dann beging sie, freilich ohne es zu wollen, einen fatalen Fehler, als sie zu Lucia sagte "Entschuldigen Sie bitte, meine Mutter wollte eigentlich auch mitkommen, aber sie hält sich zur Zeit auf der Plantage von Don Fernandez auf", was Lucia (und wie es schien auch Mister Thomas) mit einer merkwürdigen Miene aufnahm. Wahrscheinlich war es Dorotheas eigenes ungutes Gefühl gewesen, welches sie aufgrund der verzögerten Rückkehr der Mutter dazu drängte, sich jemandem, dem sie noch halbwegs vertrauen konnte, mitzuteilen.

Lucia fragte denn auch gleich "Ist Ihre werte Frau Mutter häufig bei Don Fernandez zu Besuch?", und Dorothea fiel ein, daß Maria Sibylla ihr seinerzeit erzählt hatte, sie habe Don Fernandez zum erstenmal bei Lucia's Soiree getroffen, als sie vergeblich nach einer Sänfte Ausschau hielt, die sie nach Hause bringen sollte. Sie erwiderte daher ziemlich unbefangen "Die beiden kennen sich, seitdem sie ihn in Ihrem Hause, Madame, kennengelernt hat."

Lucia äußerte ihr größtes Erstaunen. "Ha!", machte sie, "Don Fernandez, meine liebe Dorothea, hat sein Lebtag noch keinen Fuß über meine Schwelle gesetzt, und das würde ich auch jederzeit zu verhindern wissen!" "Aber ich versichere Ihnen, daß er - nach ihrem eigenen Bericht - sie hier vor Ihrer Tür angesprochen hat." "Dieser Mistkerl!", rief Ezekiel Thomas und sein Kopf wurde ganz rot vor Zorn.

"Ekky!", winkte sie ihn sanft ab, und dann zu beiden, aber etwas mehr zu Dorothea gewandt: "Madame Merian wird ihre berechtigten Gründe haben, die Beziehung zu Don Fernandez aufrechtzuerhalten", was wiederum Dorothea veranlasste zu fragen "Wie meinen Sie das, Madame van Sommelsdyk?" und sie fügte hinzu "Meine Mutter hatte immer schon die redlichsten Ambitionen bei allem, was sie getan hat." Lucia erwiderte "Daran hat hier - und ich wage für uns alle sprechen zu dürfen - niemand den geringsten Zweifel. Allein, aus Gründen, die uns selbst etwas angehen und welche ich hier nicht ausbreiten kann, muss ich Sie darauf hinweisen, daß für uns der Umgang mit Don Fernandez schon seit langem tabu ist, was diesen Mann freilich nicht daran hindert, ohne Unterlass gegen uns zu intrigieren."

"Das müssen Sie mir schon genauer erklären", forderte Dorothea. "Nein, das muss ich nicht", entgegnete Lucia. Da mischte sich der Doktor ein. "Schluss jetzt mit diesem Affentheater!", sagte er schroff, und Lucia als auch Mister Thomas riefen wie aus einem Mund: "Doktor!", als würden sie einen durchgebrannten Hetzhund bei der wilden Jagd zurückpfeifen wollen.

"Ich kenne die Madame und die Mademoiselle seit unserer ersten Begegnung in Amsterdam und ich verbürge mich uneingeschränkt für ihrer beider untadeligen Charakter, ich weiß, daß sie niemals etwas Arges im Schilde führen würden, und wenn Maria Sibylla nun mit Don Fernandez - bei dem ich mit Ihrem Urteil, verehrteste Lucia, ebenfalls völlig übereinstimme - wenn sie mit ihm nun ein Verhältnis hat, wie das unzweifelhaft zu erkennen ist, dann ist das - Sie verzeihen Dorothea, wenn ich auch Ihnen gegenüber offen und ehrlich bin - entweder ihrer Verblendung infolge der Verliebtheit oder seinem teuflischen Charme oder womöglich beidem zu schulden.

Wie auch immer, ich spreche jetzt nicht weiter über Ihre Mutter, sondern ich vertraue, kraft meiner Überzeugung, daß man ein Problem lösen und nicht verschleppen sollte, Ihnen jetzt ein Geheimnis an, das ..." "Doktor! Seien Sie still!" "... das ohnehin keins mehr ist. Der verblichene Cornelis van Sommelsdyk hat auf den Wert der Plantage 'Hortensiana' eine Hypothek in beträchtlicher Höhe aufgenommen ..." "Doktor, ich bitte Sie inständig!" "... um dieses Geld in diverse Geschäfte zu stecken, unter anderen in den Sklavenhandel, aber auch in solch riskante Unternehmungen wie die Goldsuche am Marawaka, von wo bis jetzt noch niemand zurückgekehrt ist - vielleicht war ja auch nie jemand da hin aufgebrochen, aber sei's drum. Nach seinem Tod ist 'Hortensiana' in Lucia's Besitz übergegangen, mitsamt der Verluste oder besser gesagt der nicht realisierten Gewinne, mit denen er die Hypothek zurückzuzahlen hoffte."

Nun lenkte auch Lucia ein. "Wir haben Grund zu der Annahme, daß dieser angebliche Maler, dieser Dirk Vanderbelt, hierher geschickt wurde, damit er die Hypothek aufkauft und uns damit unseres Vermögens beraubt." Der Doktor sagte "Die Plantage würde dann vollständig an die Westindische Compagnie oder an wen auch immer, der dahintersteckt, fallen. Es gibt hier eine Niederlassung der Amsterdamer Wechselbank, bei der unser ehemaliger Gouverneur sein Konto hatte. Gut möglich, daß Vanderbelt dort das erforderliche Geld bekommen hätte - wenn er es denn nicht bei sich hatte."

Dorothea verstand sofort, was er damit andeuten wollte, aber sie wusste nicht genau, wen sie anschauen sollte, als sie fragte "Dann haben Sie uns also den Leutnant Schenk mit seinen Schergen ins Haus geschickt, damit sie Vanderbelts Gepäck beschlagnahmen!" Lucia rief überrascht "Nein! Keiner von uns hat das veranlasst", und der Doktor murmelte "Das ist ja interessant!" Ezekiel fragte "Die haben alles mitgenommen?" "Ja." "Und ... erlauben Sie mir die Frage, Dorothy, haben Sie vorher mal einen Blick hineingeworfen?" "Nein, nicht so richtig." Alle drei schauten sie an. "Nein!", wiederholte sie. "Tja", machte der Doktor, "dann ist das Geld womöglich für uns verloren."

Dorothea sah in ihre ratlosen Gesichter. "Aber Sie haben doch eben gesagt, Vanderbelt hätte sich das Geld erst hier von der Bank geholt?" Mister Thomas erklärte "Das wäre die Alternative dafür, daß er das Schiff, mit dem Sie herkamen, nicht unnötig mit Ballast beschweren wollte." "Sie meinen, wenn er es nicht als Bargeld bei sich hatte?" "Korrekt. Zu diesem Zweck gibt es Wechsel, die er bei der hiesigen Bank einlösen würde." Lucia fragte "Und so was haben Sie auch nicht bei ihm gesehen?" "Nein. Tut mir wirklich leid."

Der Doktor sagte "Leider ist die Sache noch verwickelter, als ich sie Ihnen bis jetzt dargestellt habe. Es gibt jemanden, der schneller war als wir und die Hypothek bei der Bank bereits ausgekauft hat, und wenn man es recht bedenkt - und glauben Sie uns, Dorothea, das haben wir getan - dann müsste Vanderbelt in die Geschichte eingeweiht gewesen sein." Dorothea schaute ihn fragend an, Lucia sagte "Dieser jemand war kein anderer als Don Fernandez."

Mister Thomas sagte "Vanderbelt hat wahrscheinlich ein doppeltes Spiel gespielt, er hat sich in Amsterdam mit der Abwicklung des Geschäfts beauftragen lassen, den Lohn für seine Dienste kassiert, hier mit Don Fernandez gemeinsame Sache gemacht und seinen Anteil dabei eingestrichen." Dorothea sagte "Er hat behauptet, hier niemanden zu kennen." "Ja, er hat sich auch als Maler ausgegeben, aber haben Sie sich je davon überzeugt, daß er einer war?"

"Aber wofür brauchte ihn Don Fernandez denn überhaupt noch, wenn er die Hypothek selber aufgekauft hat?", fragte Dorothea, und Ezekiel antwortete "Damit Don Fernandez seinerseits das Geld zurückzahlen kann, das er sich dafür geliehen hatte." Der Doktor fügte hinzu "Und um von den Amsterdamern eventuell noch mehr zu erpressen, denn er könnte ja, wenn sie nicht willig sind zu zahlen, die Hypothek rein theoretisch auch an Lucia oder Mister Thomas zurückgeben." "Was er natürlich de facto niemals tun würde", stellte Lucia fest und fügte etwas leiser hinzu "mal abgesehen davon, daß wir nicht über die nötigen Mittel verfügen".

Dorotheas Stimme zitterte, als sie sagte "So wahr ich die Tochter meiner Mutter bin, erkläre ich, daß sie in dieser Angelegenheit niemals weder mit Dirk Vanderbelt noch mit Don Fernandez irgendwelche geheime Absprachen getroffen hat oder über die Pläne dieser beiden Männer Bescheid wusste!" Ezekiel sagte "Das unterstellt ihr auch niemand", und Dorothea rief nun aufgebracht "Oh doch! Alles, was eben an Verdächtigungen zur Sprache kam, das betraf auch meine Mutter ... und ... selbst wenn Sie jetzt alle ihre Unschuld bestätigen ... dann ist da immer noch die Tatsache, daß sie mit Don Fernandez in diesem Augenblick ..." Lucia sagte, zugegeben wenig taktvoll, "Es wäre nicht das erste Mal, daß er eine Frau für seine schäbigen Absichten ausnutzt, ohne daß sie es merkt." Da brach Dorothea plötzlich in Tränen aus. Mister Thomas sprang hinzu, um sie vor dem Umfallen zu bewahren, der Doktor rief "Legen wir sie auf die Chaiselongue!", Lucia sagte "Ich hole ihr etwas zu trinken", und der Doktor sagte "Ruhig was Starkes!"

Später saßen sie auf die Sessel verteilt, Dorothea noch halb auf dem Sofa hingestreckt, ein feuchtes Tuch auf der Stirn und das dritte Glas schottischen Whisky in Händen, es war ihr wunderlich leicht zumute. Dann fragte sie Lucia, ob sie heute hier schlafen dürfe, und Lucia sagte "Selbstverständlich, meine Liebe, wir werden Sie doch nicht in die Nacht hinausschicken." "Danke", sagte Dorothea, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und fragte Mister Thomas "Kann man denn hier so eine Hypothek einfach hin- und her verkaufen?"

"Das ist in erster Linie eine Frage des Angebots, sprich des Kaufpreises. Wenn Sie eine Hypothek über hunderttausend Pfund auf Ihre Plantage aufnehmen und es findet sich jemand, der Ihrem Gläubiger dafür hundertzehntausend Pfund bietet, warum sollte sich der Gläubiger dann dagegen sträuben, sie zu veräußern?" "Ja aber sie ist doch nicht plötzlich zehntausend Pfund mehr wert?" "Das ist durchaus möglich, wenn sich Spekulanten einmischen, die die potentiellen Käufer gegeneinander aufwiegeln. Die versuchen dann, sich zu überbieten und treiben dadurch den Preis in die Höhe."

"Weiß man denn, bei wem sich Don Fernandez das Geld geliehen hat?" "Ja, bei einem Juden in Joden Savanna." "Wo ist das?" Ezekiel sagte "Das ist eine Kolonie von sephardischen Juden weiter oben am Suriname Fluss." Sie fragte "Gesetzt den Fall, Sie und Lucia hätten das Geld, dann könnten Sie Don Fernandez' Schulden bei dem Juden abkaufen, aber was ist mit der eigentlichen Hypothek?" "Die geht auf den jeweiligen Gläubiger über, und wenn der Schuldner nicht fristgemäß bezahlen kann, dann verliert er alle Besitztümer." "Und Sie denken, es gibt eine solche Frist?" "Davon gehe ich aus, kein Geschäftsmann existiert durch Forderungen, die auf die lange Bank geschoben werden, und ein Jude schon gar nicht."

"Mister Thomas, ich muss Sie noch was fragen. Sind Sie selber auch Plantagenbesitzer?" "Ich war es." "Hatten Sie bei sich einen Mann namens Matteo beschäftigt?" "Ich kann mich nicht mehr an alle Namen erinnern." "An den müssten Sie sich aber erinnern. Denn er kennt Sie noch gut. So gut nämlich, daß er Sie umbringen wollte!" "Wie bitte? Großer Gott, weshalb denn?" "Weil Sie ihn 'rausgeworfen haben." "Das ist nie vorgekommen", sagte Ezekiel, dann besann er sich, "oder doch, einmal habe ich jemanden entlassen, weil er mich bestohlen und betrogen hat, ich konnte es nicht beweisen, aber ich habe ihn dennoch 'rausgeschmissen." "War das ein Aufseher?" "Ja."

"Hat er die Negersklaven misshandelt?" "Miss Dorothy, auf meiner Plantage sind die Leute immer anständig behandelt worden, das kann ich mit Fug und Recht behaupten." "Was nicht ausschließt, daß dieser Matteo sich nicht daran gehalten hat." Ezekiel verwahrte sich abermals. "Wie ich schon sagte, bei mir ... warten Sie, Matteo hieß der Mann?" "Ja." "Hatte er was mit Holz zu tun?" "Ja, das ist möglich." "Jetzt erinnere ich mich, er hat bei uns ein paar Hütten gebaut, für die Lagerung, ausgezeichneter Handwerker, der Mann." "Er war also nicht bei Ihnen Aufseher?" "Nein. Sind Sie mit ihm bekannt?" "Ja, er wohnt bei uns nebenan." "Dann können Sie ihn doch selber danach fragen." Dorothea zögerte mit der Antwort, dann sagte sie "Ja, das werde ich tun."

Als Dorothea am nächsten Tag nach Hause kam, erlebte sie die nächste Überraschung. Indem sie die Tür öffnete, erblickte sie drinnen einen Neger, der von dem Stuhl, auf dem er sich niedergelassen hatte, aufsprang und vor ihr zurückwich. Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus, sie glaubte auf den ersten Blick, es wäre ein Einbrecher. Sie fummelte in ihrer Tasche herum, wo das Messer war, sie fand es und streckte es ihm entgegen, er war rückwärts in Maria Sibyllas Atelierzimmer gestolpert und hatte dabei allerhand Sachen umgeworfen und heruntergerissen, sie rief "Bleiben Sie stehen!" und dann "Rühren Sie sich nicht vom Fleck!" und fuchtelte dabei bedrohlich mit dem Messer.

Aber er hörte nicht, er fiel über einen Hocker und schlug mit dem Kopf auf eine Kante vom Arbeitstisch, dann sank er zu Boden und blieb reglos liegen, über seine rechte Schläfe lief sofort Blut herab. "Um Himmels willen!", rief sie und beugte sich über ihn, dann holte sie ein großes Tuch und hielt es an seine Wunde, es war sofort ganz rot. Sie warf einen Blick auf seine Sachen, Hemd und Hose waren schmutzig und völlig verschwitzt, er roch nach Urin, er war barfuß und an den Handgelenken hatte er blutunterlaufene Stellen, als hätten sich da straffe Fesseln eingeschnitten.

In ihrer Aufregung rannte sie hinüber zu Matteo, glücklicherweise war er da und kam gleich mit. Der Neger hatte sich schon wieder halb aufgerappelt, das Blut war ihm bis aufs Hemd gelaufen. Als Matteo ihn erblickte, rief er "Verdammte Scheiße! Gabo, was hast du angestellt?" "Das ist Gabo?" "Hab's nicht mehr ausgehalten, Massa Matteo." "Taisanha's Freund?" "Bist du noch bei Trost!" "Don Fernandez hat mich an'n Baum drangehängt. Hab' mich eingepinkelt." "Du bringst uns in Teufelsküche, ich hab' dir gesagt, du sollst dort bleiben und dir nichts zuschulden kommen lassen." "Hab' mir nichts z'schuldenkomm' lassen, Massa Matteo, bin lieber nicht zu euch gegangen, sondern bei der Miss (er deutete auf Dorothea) geblieben."

Sie sagte "Wenn du von Don Fernandez kommst, hast du meine Mutter gesehen?" Er schaute sie verständnislos an, dann schüttelte er zaghaft den Kopf, Matteo fragte "Ist Maria Sibylla etwa bei Don Fernandez?" "Ja, seit vorgestern schon." Matteo zog die Stirn in Falten. "Das ist nicht gut. Gar nicht gut." "Was soll das heißen?" Da kam Taisanha angerannt, sie fiel Gabo um den Hals, beiden liefen die Tränen. Sie untersuchte seine Wunde, Dorothea sagte "Wir müssen das verbinden, er soll sich auf den Stuhl setzen!" Sie hoben ihn hoch und verfrachteten ihn da hin, Taisanha zog ihm das Hemd aus, da sahen sie seinen Rücken, der voller Peitschenstriemen war.

Dorothea holte eine Schüssel mit Wasser und einen Lappen, Taisanha übernahm es. Matteo eilte hinaus, Dorothea rief "Wohin gehen Sie, Matteo?" Taisanha war nur noch für ihren Freund da. Dann kam Matteo wieder, er war gestiefelt und gespornt, er sagte "Ich gehe zu Don Fernandez, ihr bleibt hier, die beiden sollen hinüber zu mir gehen, wenn du sie nicht hier haben willst." "Sie können hier bleiben. Was denken Sie, was passiert ist?" "Das werde ich sehen." "Bitte, Matteo, bringen Sie meine Mutter zurück!"

Er gab ihr eine Pistole. "Kannst du damit umgehen?" "Ja. Nein. Nicht so richtig." Sie ist geladen. Du brauchst nur den Hahn zu spannen und abzudrücken, ich leg' sie hier in." "Ja, ist gut. Haben Sie gehört?" "Ich werde sehen, was ich tun kann." Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihn. "Bitte, bringen Sie mir meine Mutter zurück!" Er sagte etwas zu Taisanha, die nickte, er sagte "Taisanha gibt dir was zu trinken, es wird dich beruhigen. Ich bin bald wieder da."

Sie hatten Gabo ins Bett gelegt, er war total erledigt. Sie hatten seinen Kopf verbunden und Taisanha hatte eins von Matteo's Hemden geholt und eine Flasche mit Zuckerrohrschnaps, aus der sie für Gabo und Dorothea zwei Gläser füllte. Dann saß sie bei ihm am Bett und wich nicht mehr von der Stelle. Dorothea hörte die beiden leise reden, und Taisanha weinte zwischendurch, fing sich aber immer wieder, später war Gabo eingeschlafen.

Bei Dorothea dauerte es länger, ihre Nerven waren dermaßen angespannt, daß sie plötzlich anfing zu zittern, sie lief unruhig hin und her, auch vor die Tür, um Ausschau zu halten. Draußen wurde es dunkel, Taisanha hatte sich neben Gabo hingelegt. Dorothea dachte daran, das Zimmer aufräumen, in dem Gabo ungewollt randaliert hatte, aber sie fand nicht die Kraft und ihre Gedanken kreisten unentwegt um ihre Mutter. Dann fiel sie erschöpft in den Sessel, schreckte aber gleich wieder hoch, sie musste auf den Abort, sie nahm die Pistole mit, es war schon mitten in der Nacht, vom Wald her drangen Rufe von Tieren, sie hörte die Pipa Kröte und über ihrem Kopf flatterten die großen Fledermäuse. Auf dem Abort sitzend wachte sie plötzlich auf, die Pistole lag zwischen ihren Füßen. Sie ging wieder hinein und sank abermals in den Sessel.

Als sie die Augen öffnete, war es schon heller Tag. Das Bett, wo Gabo und Taisanha gelegen hatten, war leer, es war niemand da. Sie lief hinüber zu Matteo, dort fand sie alle drei, Matteo sah abgekämpft und müde aus, sie fragte ihn "Was ist?" Er sagte "Deiner Mutter ist nichts passiert." "Wo ist sie?" "Bei Don Fernandez." "Aber warum ist sie nicht mitgekommen?" "Er hält sie fest." "Er hält sie fest?", rief sie mit bebender Stimme, und es klang wie die Frage, ob er ihr wehgetan hat. Matteo sagte "Er hat sie im Zimmer eingeschlossen." "Haben Sie mit ihr gesprochen?" Er schüttelte den Kopf. "Dann hat Ihnen Don Fernandez das nur so gesagt?" "Ich habe ihm gedroht, wenn er ihr auch nur ein Härchen krümmt, schneide ich ihm die Kehle durch, er weiß, daß ich's tue." Dorothea schwieg einen Augenblick, Taisanha und Gabo saßen am Tisch und blickten wie gebannt auf die beiden.

"Was sollen wir jetzt tun?", fragte Dorothea. Matteo sagte "Don Fernandez lässt deine Mutter sofort gehen ... wenn er Gabo zurückbekommt." Dorothea schlug die Hände an ihre Wangen und presste die Augenlider zusammen. "Gütiger Gott! Sag' mir, daß das nicht wahr ist!" Dann sah sie Gabo und Taisanha an, die völlig verschüchert wirkten, und das war zu viel für sie, sie rannte hinaus und zurück, und in Maria Sibyllas immer noch unaufgeräumtem Zimmer fiel sie auf die Knie und weinte und schluchzte, bis ihre Augen und ihre Nase ganz verquollen waren.

Es verging eine Stunde, in der sie bloß da saß und vor sich hinstarrte. Sie traute sich nicht, zu Matteo zu gehen, sie wusste, daß er genauso verzweifelt war. Wie hätten sie es über's Herz bringen können, Gabo an Don Fernandez auszuliefern? Und wie hätten sie Maria Sibylla diesem Teufel überlassen können! Dorothea war wie erschlagen, sie konnte nichts mehr tun, sie wünschte sich, auf der Stelle zu sterben.

Sie sah die Pistole auf dem Tisch liegen. Sie brauchte nur den Hahn zu spannen, sich den Lauf an die Schläfe zu halten und abzudrücken - und alles wäre vorbei. Sie kniete vor dem Tisch nieder, faltete die Hände und betete zu Gott, so inbrünstig, wie sie noch nie in ihrem Leben zu ihm gebetet hatte. Dann wartete sie und horchte in ihr Inneres, ob sie seine Antwort vernähme, aber es blieb still.

Sie langte nach der Waffe. Sie wandte den Kopf hinüber zu einem letzten Blick auf die Stelle, wo Maria Sibylla über ihrer Arbeit gesessen hatte, sie sah das Bild mit dem prächtigen roten Ibis auf dem Boden liegen, sie dachte daran, wie schwierig es gewesen war, an diesen Ibis nahe genug heranzukommen, und wie Maria Sibylla sich sogar mit roten Federn geschmückt hatte, um ihn zu überlisten, sie hatte dann tatsächlich geglaubt, er habe sie für seinesgleichen gehalten, deshalb war er stehen geblieben!

Dorothea zog ihre Hand zurück und rutschte auf Knien hinüber, um das Bild vom Boden aufzuheben. Und danach hob sie ein zweites, drittes und schließlich alle nacheinander auf, die Gabo in seinem Schrecken vom Tisch gefegt hatte. Und sie sammelte auch alle anderen Sachen ein, die heruntergefallen waren, zuletzt den großen Farbenkasten des Malers Vanderbelt, den Maria Sibylla behalten hatte.

Die Farben waren herausgesprungen, als der Kasten auf den Boden gekracht war, und an der Unterseite hatte sich das Holz gelöst, und als Dorothea ihn aufhob, entdeckte sie darunter ein dünnes Bündel mit Papieren, und als sie den roten Faden, der darum gebunden war, abstreifte und genauer hinsah, da durchfuhr es sie vom Scheitel bis zur Sohle wie mit einem zum Leben erweckenden Strahl.

In diesem Moment betrat Matteo das Zimmer, wiederum gestiefelt und gespornt, aber diesmal mit einem Ausdruck in den Augen, den er sich offenbar direkt von seinem Vorfahren Roger dem Normannen ausgeborgt hatte, er sagte "Gib' mir dein Messer." "Was haben Sie vor?" "Ich hole deine Mutter da 'raus und dann bringe ich die Sache zu Ende." "Matteo! Wenn Sie ihn töten, werden Sie dafür gehenkt!" "Es bleibt mir keine Wahl." "Matteo!" "Gib' mir das Messer." "Nein." Er stutzte. "Ich dachte, es wäre dir eine Genugtuung, wenn ich ihn mit deinem Messer zur Strecke bringe." "Ja, das wäre es." Er sah sie fragend an, sie sagte "Matteo, ich habe hier etwas gefunden, das uns allen vielleicht die Rettung bringen könnte!"

Nachdem sie es Matteo gezeigt, ihn über die Zusammenhänge aufgeklärt und fürs erste davon abgehalten hatte, sich ins Unglück zu stürzen, rannte sie damit so schnell sie konnte zu Doktor Sigurdson. Er schaute sich die Papiere an und dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, er sagte "Wir müssen sofort Lucia und Ezekiel davon unterrichten!" Das taten sie, und schon am Nachmittag fuhren Dorothea, der Doktor und Mister Thomas mit dem Boot flussaufwärts nach Joden Savanna zu dem Juden Issak al Abitur.

Seine Villa stand in einem herrlichen großen Garten, der von einer Mauer mit einem schmiedeeisernen Eingangstor umgeben war; auf dem Grundstück liefen Neger in einer blauen, uniformähnlichen Kluft herum, sie waren mit Pistolen bewaffnet und hielten zähnefletschende, grimmig knurrende Hunde an der Leine. Einer dieser "Wachtposten" ließ die Drei herein, nachdem ihm Mister Thomas gesagt hatte, weshalb sie hier sind, und der Neger sich von drinnen die Erlaubnis eingeholt hatte.

Die Villa hatte an der Vorderfront Säulen wie ein antiker griechischer Tempel, und oben darüber glänzte ein goldener, aus zwei gleichseitigen Dreiecken gebildeter Stern. Das Innere war prunkvoll eingerichtet mit kostbaren Teppichen, gediegenen Möbeln, Gemälden, Skulpturen, großen Porzellanvasen; an der Seite stand ein turmartiger Käfig mit zwei Papageien, und von der Decke hingen kristallene Leuchter. Ein dunkelhäutiger Diener im Frack und mit weißen Handschuhen geleitete sie zu dem Raum, wo Isaak al Abitur an einem geschwungenen Schreibtisch aus dunkelrotem und poliertem Holz in einem reich verzierten Lehnstuhl saß, neben ihm stand ein etwas jüngerer Mann, anscheinend einer seiner Söhne.

Isaak al Abitur hatte die sechzig wohl schon längst überschritten, er hatte ein ausgeprägtes Gesicht mit einem schmalen, schwarzen Bärtchen, ebensolches schwarzes, glatt nach hinten gekämmtes Haar und dunkle, offene Augen mit einem Blick von Erhabenheit, gepaart mit gebieterischem Instinkt. Er duftete nach Parfüm, und an seinen Händen prangten silberne, mit Edelsteinen besetzte Ringe. Der Jüngling neben ihm trug einen Anzug aus feinstem Gewebe, und er hatte ganz die Würde und Ausstrahlung des Alten, er betrachtete die Besucher mit einer Miene, als habe gerade eben der König Salomon höchstpersönlich dieses Zimmer verlassen.

Auf seinen Wink hin, brachten zwei Diener Stühle für die Fremden, Dorothea nahm in der Mitte Platz, und Mister Thomas erhob sich, als er anhub zu sprechen, doch Isaak bedeutete ihm mit dem Finger, daß er sitzenbleiben möge. Mister Thomas wählte seine Worte sehr treffend und erklärte in wenigen Sätzen, worum es sich handelte. Issak schaute ihm unverwandt ins Gesicht und ließ nicht die geringste Regung erkennen. Dann stand der Doktor auf und reichte ihm die Papiere, die natürlich nichts anderes waren, als insgesamt fünf Wechsel über die jeweiligen Geldsummen, einzulösen bei der Niederlassung der Amsterdamer Wechselbank in der Hauptstadt Paramaribo und auszuzahlen an den namentlich genannten Unterzeichner (dieses Feld war noch leer, und hätte sich Vanderbelt selbst dort eingetragen, wäre alles umsonst gewesen).

Isaak holte aus seinem Schreibtischfach eine Lupe hervor, er hielt sie über die Schriftstücke und beugte sich selbst tief herab, und es verging eine gefühlte Ewigkeit, ehe er beim letzten angelangt war. Dorothea, die nur mit größter Mühe an sich halten konnte, platzte schließlich in die Stille hinein mit der Bemerkung: "Meine Mutter hat einmal ein ganz ähnliches Vergrößerungsglas bei einem Amsterdamer Juden gekauft." Isaak al Abitur schaute sie an, ohne den Kopf zu heben, sie fügte hinzu "Ich war selbst dabei. Dieser Mann hieß Baruch Espinoza, er war ein berühmter, wenngleich von seinen Brüdern verstoßener Philosoph."

Der Alte richtete sich auf, er drehte die Lupe am Griff zwischen seinen beringten Fingern, es schien, als glaubte er ihr nicht. "Sie behaupten, Sie hätten mit Espinoza geredet?" "Das behaupte ich nicht nur, Herr al Abitur, das hat sich genauso zugetragen." "Worüber haben Sie mit ihm gesprochen?" "Ach, über alles mögliche, er hatte sich so Spiegel in seinem Keller aufgehängt, damit mehr Licht hineinkommt, er hatte auch ein Rechengerät an der Wand, das ihm ein deutscher Gelehrter geschenkt hatte, aber er wusste nicht, wie man es bedient. Ich hätte ihm beinahe das Schachspielen beigebracht, aber meine Mutter und ich wohnten damals noch außerhalb. Ach ja, und der hat mir ein getrocknetes Seepferdchen geschenkt."

"Und weiter?" "Was weiter? Na ja, er hat uns etwas über Gott gesagt und wie er seiner Philosophie nach wäre, nämlich eine Substanz, die überall in der Welt, in den kleinsten wie in den größten Dingen vorhanden ist. Mein Onkel Frederick hat mir das später noch etwas genauer erklärt und gesagt, das Neuartige an Espinoza's Gott wäre die Tatsache, daß man sich ihn nicht länger als einen alten Mann mit weißen Haaren denken muss, so wie er beispielsweise von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle dargestellt ist, mit den schönen jungen Frauen um ihn herum."

Isaak sagte "Dein Onkel Frederick?" "Ja, genaugesagt ist er der Stiefbruder meiner Mutter." "Woher wusste der, was Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle gemalt hat?" Dorothea hob den Zeigefinger und rief "Genau das habe ich mich später auch gefragt, Herr Isaak! Und meine Mutter hat gesagt, Frederick sei eine Zeit lang unter den Einfluss einer Schwärmerin namens Anna Maria van Schurman geraten, die zu den Labadisten gehörte, die zwar keine strenggläubigen Protestanten waren, aber auf jeden Fall keine Katholiken. Und meine Mutter hat gemeint, daß diese Schurman heimlich zum Katholizismus übergetreten wäre und zu diesem Zweck eine Reise zum Papst nach Rom gemacht habe, wo sich die Sixtinische Kapelle bekanntlich befindet, und daß mein Onkel Frederick sie da hin begleitete, weshalb er auch darüber Bescheid wusste."

"Hm hm", machte Isaak al Abitur, dann sagte er "diese schönen jungen Frauen könnte man nach unserer Auffassung auch als Engel bezeichnen." "Ach ja? Das ist eine hübsche Vorstellung." Er fragte sie "Und an was für einen Gott glauben Sie persönlich?" Dorothea überlegte einen Moment, dann sagte sie "Ich glaube an einen Gott, der das Gute ermöglicht." Da huschte ein sanftes Lächeln über seinen Mund. Er schaute zu dem anderen, der trat einen Schritt heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Dann sagte al Abitur zu Mister Thomas "Es sind fünf Wechsel. Vier davon würden den Beträgen nach nicht ausreichen, um die fragliche Schuldsumme abzulösen; alle fünf dagegen würden sie erheblich übersteigen." Mister Thomas erwiderte "Wir würden Ihnen alle fünf ungeteilt anbieten." Der Alte nickte und sagte "Gut. Damit ist unser Geschäft besiegelt. Mein Sohn wird die Formalitäten erledigen." Er stand auf, und die drei erhoben sich ebenfalls. Er verabschiedete sich von ihnen mit Handschlag, zu Dorothea sagte er "Richten Sie Ihrer Mutter einen Gruß von mir aus." "Vielen Dank, das mache ich sehr gern."

Später als sie auf dem Rückweg waren, sagte Dorothea zu Mister Thomas "Er hätte doch den fünften Wechsel nicht in voller Höhe annehmen müssen, sondern Ihnen den Rest in Bargeld herausgeben können." "Sicher", erwiderte Thomas, "aber wenn er dazu gewillt gewesen wäre, hätte er vorher nicht diese Feststellung geäußert."

Sie kamen spätnachts an. Matteo, Taisanha und Gabo waren natürlich noch wach und hatten sehnsüchtig ihre Rückkehr erwartet. Als sie von dem Erfolg der Mission erfuhren, fielen sich alle in die Arme, und Taisanha und Gabo wollten Dorotheas Hände küssen, aber die wehrte ab und wies auf Mister Thomas und den Doktor, ohne die sie bei einem so "knallharten" Geschäftsmann wie Isaak al Abitur allein gar nichts hätte ausrichten können.

Taisanah hatte etwas zu essen vorbereitet, und alle stärkten sich und tauschten sich wieder und wieder über die Ereignisse aus und vor allem berieten sie, wie sie am besten weiter vorgehen würden. Ganz in der Frühe machten sich Matteo und Mister Thomas auf zu Don Fernandez, sie hatten sich entschlossen, den Leutnant Schenk aufzufordern mitzukommen, er sollte gewissermaßen Recht und Ordnung vertreten und zugleich als Zeuge fungieren.

Am späten Nachmittag kamen sie zurück: Matteo, Mister Thomas und zwischen den beiden Maria Sibylla, auf beider Arme gestützt, aber wohlauf. Mutter und Tochter umarmten sich lange schweigend, der Doktor bot sich an, sie drüben in ihrem Zimmer auf ihren gesundheitlichen Zustand hin zu untersuchen (seine berühmte Tasche aus Krokodil Leder hatte er sogar bei Herrn al Abitur bei sich gehabt), und als er dann wiederkam, machte er eine zuversichtliche Miene und informierte Dorothea, die gleich darauf hinüber ging; man ließ die beiden unter sich.

Mister Thomas erzählte den anderen den Hergang der Verhandlungen mit Don Fernandez und gab ihnen die Einzelheiten der Vereinbarung bekannt. Demnach hatte Don Fernandez ihnen die Hypothek auf die Plantage 'Hortensiana' abgetreten, angesichts der Tatsache, daß die Frist für die Rückzahlung seines Darlehens bei dem Juden zum Ende des Monats abgelaufen wäre, er jedoch außerstande war, das Geld aufzubringen und ihm deshalb (wegen der Höhe der Forderung) eine mehrjährige Gefängnisstrafe drohte, was Leutnant Schenk - eher aus Erfahrung, denn aus Kompetenz heraus - bestätigte.

Desweiteren würde man beim Gericht Klage gegen ihn erheben, wegen Verführung und Freiheitsberaubung von Madame Maria Sibylla Merian, was ihm unzweifelhaft eine weitere Strafe eingebracht hätte. Schließlich einigte man sich dahingehend, daß man von einer Anklage absehen wollte, wenn Don Fernandez schriftlich die Freilassung des Negersklaven Gabo verfügt, wozu er sich denn auch bereiterklärte. Matteo überreichte Taisanah's Freund das Dokument, und obwohl er nicht lesen konnte, schaute er darauf, als wär's die Ernennungsurkunde zum Admiral der Surinamischen Flotte.

Lucia van Sommelsdyk veranstaltete ein Festessen für alle, auch Jerry, der einbeinige Ruderer, war eingeladen, er bestand jedoch darauf, die Gäste an der Tafel bedienen zu dürfen. Lucia hatte die Plantage 'Hortensiana' zur Hälfte ihrem Freund Ezekiel Thomas überschrieben, die neuen Eigentumsverhältnisse wurden beim Notar festgeschrieben, man informierte auch die Amsterdamer darüber, mit anderen Worten, man stellte sie vor vollendete Tatsachen. Mister Thomas verkündete, daß Gabo und Taisanha auf der Plantage eine Anstellung bekämen, wenn sie das wollten, und beide nahmen das Angebot dankend an.

Übrigens war auch Leutnant Schenk eingeladen worden, und er kam (in Ausgeh Uniform). Man wusste nicht genau, wer sein Befehlsgeber gewesen war, als es um die Vanderbelt'sche Angelegenheit ging, aber jetzt fragte auch keiner mehr danach und er war sichtlich froh, daß die ganze Sache vorbei war. Viel gesprächiger war er dadurch allerdings nicht geworden, wie Dorothea feststellte.

Zwei Wochen später entdeckte Dorothea, daß Matteo eine neue Negerfrau bei sich aufgenommen hatte, diesmal eine kleine, mollige mit einem keckernden Lachen, sie konnte noch besser kochen als Taisanha, und das sollte was heißen. Dorothea fragte ihn "Gehen Sie eigentlich immer noch in die Stadt in dieses bestimmte Haus, wenn Ihnen danach zumute ist?" "Nicht mehr so oft", erwiderte er und sie mussten beide lachen.

Maria Sibylla brauchte eine Weile, um sich zu erholen, sie sprachen beide nicht mehr über die zurückliegenden, unangenehmen Dinge. Nach und nach kehrte ihre alte Schaffenskraft zurück, und in dem Häuschen und im Schuppen (und dann sogar drüben bei Matteo) sammelten sich immer mehr Objekte und Präparate an, die sie mit nach Europa nehmen wollte; es waren wirklich einzigartige Stücke dabei, aber sie bekam allmählich Bedenken, wie teuer die Passage werden würde.

Die größte Freude für beide war, als kurz nacheinander zwei Briefe ankamen. Der eine war von Sarah, es ging ihr blendend, sie hatten inzwischen sieben Kinder (eins war leider verstorben). Mignon war immer noch ein produktiver Maler, allerdings plagte ihn zunehmend das Rheuma - "er hat schon ganz krumme Finger" - und es war gut, daß sie beide vorgesorgt hatten für den Fall, daß er "mal nicht mehr so kann, wie er will".

Der andere Brief kam von Helena, und eine Woche lang lasen sie ihn sich täglich gegenseitig vor. Auch sie hatte nur Gutes zu berichten und äußerte sich überaus lobend über ihren Gemahl, der mittlerweise Senator in Hamburg (und wie Helena durchblicken ließ, einer der wohlhabendsten Männer der Stadt) war. Sie schrieb, daß sie manchmal heftige Sehnsucht verspüre, ihre Mutter und ihre "kleine" Schwester wiederzusehen und daß sie insgeheim hoffe, sie würden sich möglichst bald zur Heimreise entschließen. Sie fügte hinzu, daß ihr Mann "ohne jede Einschränkung" zugesagt habe, die erforderlichen Kosten zu übernehmen.

Nur von Onkel Frederick fehlte offenbar weiterhin jede Spur.

ENDE



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